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Von G. Pfarrius. Ciavierstücke von J. O.\nGrimm, H. von Sahr, Ad. Schlösser, H. Strauss, W. Heller. 11. Von L. Kind scher. Aus Barmen. 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Instinct-\nmässige Aeusserung einer inneren Bewegung, hat dieser\nSchrei zugleich auch die auf Naturgesetzen beruhende Kraft,\nin der Seele eines Anderen, der ihn vernimmt, dieselbe Be-\nwegung, aus welcher er hervorging, instinctmässig zu er-\nzeugen; er ist somit nicht bloss die Aeusserung, son-\ndern auch der Ausdruck eines Gefühls oder einer Em-\npfindung, der sinnliche Kundgeber des aussersinniichen Zu-\nstandes einer Seele gegenüber einer anderen; er ist eine\nSprache im weitesten Sinne des Wortes, aber zugleich auch\nder erste Keim, der erste Ansatz zur Sprache in ihrer en-\ngeren Bedeutung, und nicht bloss dem Menschen, sondern\nauch den entwickelteren Thier-Geschlechtern eigen. Der\nSchrei der Furcht, des Entsetzens, der Freude u. s. w. mit\nseinen unmittelbaren, gleichmäßigen, naturnothwendigen\nWirkungen ist diesen mit jenem gemeinschaftlich.\nWie durch die Empfindung von Lust und Leid ein Be-\ngehren und Verabscheuen erzeugt wird, so erzeugt sich\nauch mit ihr und durch sie eine Vorstellung von dem\nGegenstande, der begehrt oder verabscheut wird, und zwar\nebenfalls nicht willkürlich, sondern naturgesetzlich und\nnothwendig. Die Empfindung des Hungers erweckt das\nVerlangen nach einem Gegenstande, der es befriedigt, nach\nSpeise; die Empfindung einer gewissen Lust ist begleitet\nvon der Vorstellung eines gewissen Gegenstandes, der sie\nerzeugt, die Empfindung einer Furcht von der Vorstellung\neines Feindes. So stehen mit gewissen Empfindungen ge-\nwisse Vorstellungen in der Seele in ursprünglichem, un-\nwillkürlichem Zusammenhange. Aber auch dieser Vorstel-\nlungen sucht sie sich zu entäussern, und findet die Hülfe\nhierzu in demselben Mittel, durch welches sie sich auch der\nEmpfindungen entäussert, nämlich im Schrei. Der Schrei,\nAusdruck einer Empfindung, wird auf diese Weise auch\nAusdruck einer Vorstellung; denn in der Seele dessen,\nder ihn vernimmt, erweckt er durch die von ihm getragene\nEmpfindung zugleich auch die sie begleitende Vorstellung\nnaturgemäss, aber nicht unmittelbar und nothwendig, son-\ndern vermittelst eines Schlusses durch Induction, etwa in\nfolgender Form: Die Empfindung der Furcht pflegt beglei-\ntet zu sein von der Vorstellung eines nahenden Feindes;\nein gewisser Schrei ist Träger der Empfindung der Furcht,\nalso auch Träger der Vorstellung eines nahenden Feindes.\nDer blosse Schrei wirkt sonach in der Seele dessen, der\nihn vernimmt, Beides, Empfindung und Vorstellung, aber\ndie letztere, wie gesagt, nicht absolut und nothwendig, son-\ndern mit der Möglichkeit eines Irrthums; denn es könnte\ndie Empfindung der Furcht ausnahmsweise auch nicht von\nder Vorstellung eines nahenden Feindes begleitet sein. In\ndieser Doppelkraft des Schreies, dass er Empfindung und\nVorstellung zugleich zu erwecken vermag, liegt der zweite\nAnsatz, die weitere Entwicklung des Reimes zur Sprach-\nbildung; in ihr fand und findet der Mensch zu allen Zeiten\nund unter allen Zonen die Möglichkeit, einen Theil seiner\ninneren Welt dem anderen Menschen kund zu geben, sich\nihm mitzutheilen, auf welcher Stufe der Entwicklung Beide\nauch stehen. Ist auch die Mittheilung in Bezug auf die\nVorstellung, in Bezug auf Bild oder Gedanken, eine\nunvollkommene, nicht scharf bestimmende, sondern oft nur\nandeutende, so ist und bleibt sie doch von einer unläugba-\nren mächtigen Wirksamkeit. Erweckt ja schon das blosse\nLachen und Weinen in der Seele des Hörers die, wenn\nauch noch so unbestimmte, Vorstellung von einem ergötz-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "98", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560329-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5265, "texte": "liehen oder betrübenden Gegenstande. Und auch bis auf\ndiese Stufe folgt das entwickeltere Thier dem Menschen.\nDurch die Art und Weise seines Schreiens gibt es nicht\nnur zu verstehen, dass es etwas verlangt, sondern auch,\nwas es verlangt. Und auch hier schon kommt bei dem\nThier, wie bei dem Menschen, die Bildungsfähigkeit der\nStimme der Mannigfaltigkeit der Empfindungen und Vor-\nstellungen zu Hülfe, da eben der Schrei seiner materiellen\nNatur nach ein mit gewissem Nachdruck oder Schwung\nhervorgestossener Ton der Stimme ist.\nJedoch die Menschenseele hat eine grössere Entwick-\nlungsfähigkeit als die Thierseele. Der mit der Empfindung\nund dem Willenstriebe erwachte Erkenntnisstrieb hebt sich\nin ihr zur Selbstständigkeit hervor und fordert eine geson-\nderte Sphäre seiner Wirksamkeit; die Menschenseele ge-\nwinnt die Kraft, die Vorstellung ohne ihre Begleiterin, die\nEmpfindung, fest zu halten, ja, sie mit einer gewissen Will-\nkür zu erzeugen, —eine Kraft, die der Thierseele abgeht.\nIndem sie nun auch die reine, d. h. von keiner Empfindung\nbegleitete, Vorstellung kund zu geben das Bedürfniss hat,\nhierzu aber nicht instinetmässig das Mittel besitzt, wie zur\nKundgebung der Empfindung, so hält sie sich zunächst an\nden Schrei, benimmt ihm allmählich die Wärme der Em-\npfindung, lässt ihn erkalten zum blossen Tone, der geschwun-\ngene wird ein schwungloser Ton; Zufall, Willkür, Ueber-\neinkunlt wirken mit, und es entsteht das Wo r t, die R e d e,\ndie dem Thier vorenthalten ist. Das Wort nun unterschei-\ndet sich im Wesentlichen vom Schrei 1) dadurch, dass es\nin den meisten Fällen durch seine materielle Natur als Ton\nnichts ausdrückt; denn z. B. Stein könnte so gut Brod,\nwie Brod Stein lauten, während der Schrei durch seine\nmaterielle Natur, die Art seines Tones, ausdrückt, was er\nsoll, und z. B. nicht mit dem Schrei des Weinenden auch\ndie Empfindung des Lachenden und umgekehrt kund gege-\nben werden kann; das Wort hat eine Bedeutung, der\nSchrei ist ein Ausdruck; das Wort wirkt als Zeichen,\nSymbol, der Schrei als Sache; 2) dadurch, dass das Wort\nan sich nur eine Vorstellung, aber mittelbar durch die Vor-\nstellung auch eine Empfindung erwecken kann, während\nder Schrei an sich nur eine Empfindung, aber mittelbar,\nvermittelst eines Schlusses durch Induction, auch eine Vor-\nstellung zu erwecken vermag.\nDie Verschiedenheit und Zahl der Vorstellungen des\nMenschen, wie gross sie auch sei, wird noch bei Weitem\nübertroffen von der Verschiedenheit und Zahl der Zeichen,\nwelche die Natur durch Hinzufügung der Consonanten zu\nden Vocalen in seine Stimme gelegt hat.\nAber nicht bloss durch die Vorstellungen, son-\ndern auch durch den Reichthum und die Mannigfaltigkeit\nder Empfindungen wird die Thierseele von der Men-\nschenseele überragt. Von einer grossen Anzahl der letzte-\nren entdeckt der Mensch nicht einmal ihren Grund oder\nihr Ziel, Object; solche sind daher auch nicht mit einer be-\nstimmten Vorstellung verbunden; der Erkenntniss sind von\ndiesem Gesichtspunkte aus engere Gränzen gezogen, als\ndem Gefühle, und die Welt der Vorstellungen erscheint\nkleiner, als die der Empfindungen. Für alle seine Empfin-\ndungen aber sucht er nach einem Ausdruck, und da der\nSchrei in seiner ursprünglichen, einfachen Gestalt ihm die-\nsen nicht gewährt, so versucht er, ihn weiter zu gestalten;\ner entdeckt in seiner Stimme die Fähigkeit, aus dem Schrei\neine Mannigfaltigkeit von Tönen zu entwickeln, die nicht\nbloss der Mannigfaltigkeit gewisser Empfindungen entspricht,\nsondern an und für sich ein inniges Wohlgefallen erweckt.\nDurch Ausdehnung oder Abkürzung des Schreies, durch\nVerstärkung und Schwächung desselben, durch Wiederho-\nlung, durch Höhe und Tiefe des Tones, durch eine Verbin-\ndung mehrerer Töne zu einer Reihe unter dem Einflüsse\ndes der Thierseele gänzlich abgehenden Rhythmus*), durch\ndiese Stimm-Entwicklungen wird im Wesentlichen die Man-\nnigfaltigkeit der Töne hervorgebracht, in welcher die Man-\nnigfaltigkeit der Empfindungen ihren Ausdruck findet; d. h.\ndie also gestalteten Töne wirken in der Seele dessen, der\nsie vernimmt, im Wesentlichen dieselben Empfindungen,\naus denen sie hervorgegangen, und zwar wie ursprünglich\nbeim Schrei unmittelbar, durch sich selbst, ohne Vorstel-\nlung, gleichsam auf materiellem Wege, indem die durch\ndie Tonformen erzeugten Luftschwingungen sich durch das\nOhr der Seele des Horchenden mittheilen und gleiche\nSchwingungen in ihr hervorbringen. Wir befinden uns in\ndieser Richtung auf einem Gebiete von Empfindungen, wel-\nches das Gebiet der mit Vorstellungen verbundenen an Um-\nfang weit übertrifft und sich, man möchte sagen: in das\nGränzenlose verliert ; des Menschen Seele begehrt ja viel-\nfach nach etwas, das sie nicht kennt, also nach etwas Un-\nnennbarem, d. h. mit Worten nicht Ausdrückbarem; das\nBegehren selbst aber, der Drang, die Sehnsucht, kurz: die\nEmpfindung ist in ihr rege und vermag auf die genannte\nWeise der Seele des Anderen sich mitzutheilen.\nDiesen Anfangs mehr oder weniger unwillkürlichen\nFluss der Töne lernt der Mensch allmählich mit einer ge-\n\n*) Rhythmus beruht auf dem angeborenen Triebe des Menschen,\nalles Massenhafte, Chaotische, Verworrene zu begränzen, ab-\nzutheilen, zu gestalten, in Verbindung mit dem Gefühle des\nWohlgefallens an gewissen Grössen und Verhältnissen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560329-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5018, "texte": "wissen Willkür, mit Freiheit, behandeln. Seine Erfin-\ndungsgabe führt ihn auf neue Wechsel, neue Zusammen-\nstellungen, neue Figuren der Töne; er hält sie fest durch\nWiederholung; er gewahrt in ihnen die Kraft der Rück-\nwirkung auf die Empfindung, indem die Tongestalten neue\nEmpfindungen, die Empfindungen neue Tongestalten er-\nwecken in geheimnissvoller Wechselwirkung; es tritt eine\nvon den genannten Empfindungen sich unterscheidende\nEmpfindung des Wohlgefallens hinzu, unter deren Mitwir-\nkung jene alle sich gleichsam verklären und in die Sphäre\ndes Schönen emporgehoben werden. Aus der Fähigkeit,\ndie Töne mit Freiheit zu behandeln innerhalb der aus ihrer\nNatur entspringenden Gesetze des Schönen, entsteht\neine Kunst, die Tonkunst, Musik; der Mensch wird\nTondichter, seine Schöpfungen sind Tonweisen, die\neinem anderen Bedürfnisse als dem der blossen Mittheilung\nbestimmter Empfindungen genügen, einem anderen Bedürf-\nnisse als einem blossen Drange, wie etwa die Tonweisen\neines Singvogels; sie sind erzeugt aus Freiheit und ge-\nnährt von der Mutter aller Künste, der Schönheit. Sie\nhaben, wie ihr Material, so die Gesetze, es zu formen, aus-\nschliesslich für sich, fallen aber in ihren Endwirkungen mit\nden Wirkungen aller schönen Künste zusammen, d. h. sie\nvollziehen das Schöne durch sich selbst auf ihrem völlig ge-\nsonderten Wege; aber die durch ihr Schönes bewirkte Ge-\nmüths-Erregung ist eine poetische im weiteren Sinne\ndes Wortes, eine den Wirkungen anderer Kunstschöpfun-\ngen völlig gleiche.\nZunächst nun beschränken sich diese Tonweisen auf\nden Gehalt der menschlichen Stimme; ohne anderweitige\nZuthat wirken sie durch sich selbst, sind ebenfalls eine all-\ngemein menschliche Sprache, aber eine schöne, poetische,\nAeusserungen einer inneren Stimmung, aber durch Kunst\ngeläuterte. Summen, Trällern, Jodeln, Brummen sind Ar-\nten dieser eines gemeinschaftlichen Namens entbehrenden\nGattung von Vocal-Musik. Die leblose wie die lebendige\nNatur indessen lässt den Menschen ausser sich noch eine\nMannigfaltigkeit von Tönen wahrnehmen, die er in seiner\nStimme nicht besitzt, die gleichwohl sein Wohlgefallen er-\nregen, gleichwohl der Mannigfaltigkeit seiner Empfindungen\nund seinem Triebe zu künstlerischen Darstellungen entspre-\nchen. Er verschafft sich Mittel, Instrumente, dieselben nach-\nzubilden, und erweitert so durch den Gewinn neuer Töne\ndas Material zu seinen Tonweisen, die damit eine unend-\nlich grössere Mannigfaltigkeit erhalten. Es tritt zu der be-\nzeichneten Gattung von Vocal-Musik die Instrumental-\nMusik, die wie diese ohne anderweitige Zuthat unmittel-\nbar durch sich selbst wirkt.\nBeide nun bilden zusammen ein durch sich selbst be-\nstehendes, in sich selbst berechtigtes Kunstgebief, durch\ndessen Gebilde das Gefühl des Schönen auf die einfachste,\nunmittelbarste Weise sich bethätigt und, da sie weit über\ndie Sphäre begränzter Vorstellungen hinausgreifen, die\nfeinsten, geheimnissvollsten Bewegungen der Seele ange-\nregt und ausgedrückt zu werden vermögen, also, dass des\nMenschen flüchtigste Empfindungen und Stimmungen bis\nzum Unmessbaren und Namenlosen leibhaftig werden und\naus der inneren Welt hinaus in die äussere sich schwingen.\nUnd zwar dies in noch vollkommnerem Maasse, nachdem\ndem melodischen auch noch das harmonische Ele-\nment der Tonkunst hinzugefügt worden, d.h. nachdem man\nangefangen, auf der Grundlage der Ton-Verwandtschaft, statt\nnur einzelne Töne hinter einander, mehrere Töne auf ein-\nmal zu Gehör zu bringen.\nDas auf diese Weise nach aussen erweiterte und nach\ninnen vertiefte Gebiet der Töne, das dem menschlichen\nKunsttriebe ein unbegränztes Feld eröffnete und eine durch\nlebenslängliche Studien und nur für die Begabteren erreich-\nbare Technik erzeugte, hat eben durch die Erweiterung\nauch zu Verirrungen Gelegenheit gegeben, wie sie kaum\nin einem anderen Kunstgebiete grösser vorkommen. Die\ndurch die Vervollkommnung der Instrumente entstandene\nLeichtigkeit der Tongestaltung, die Möglichkeit, das Entle-\ngenste zu verknüpfen, das Seltsamste in einer Weise zu-\nsammen zu stellen, wie es das natürliche Organ des Men-\nschen, die Stimme, nimmer gestattete, die, wenn auch von\nden Instrumenten an Vielseitigkeit und Wandelbarkeit über-\ntreffen, an wahrer Ausdruckslähigkeit aber nie erreicht\nwird; ferner die angestaunte Herrschaft über die Technik,\nder Reiz des Schweren, Seltenen, Ausserordentlichen treibt\nden Tonkünstler auf seinem unermesslichen Gebiete in Rich-\ntungen hinein, wo er noch belustigt und zur Bewunderung\nhinreisst, Lebenswärme der Empfindung aber nicht mehr\nzu verbreiten vermag; kurz: wo das Seelenvolle\nder Kunst in das Geistreiche der Künstelei\nüberschlägt. Kommt nun vollends hinzu, dass er einer\nzum Theil übersättigten Zeit angehört, selbst übersättigt\nund überreizt, einen überreizten Zuhörerkreis im Auge hat,\nmit welchem er gleichsam eine esoterische Kunstschule\neiner Laienwelt gegenüber auszumachen glaubt, und ver-\ngisst, dass, wie der Koch nicht für Köche kocht, so der\nComponist nicht für Componisten componirt, so schafft er"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560329-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5147, "texte": "Gebilde, die nicht mehr dem Zwecke der Darstellung des\nSchönen dienen, sondern als Selbstzwecke, als Selbstver-\ngötlerungen der Technik, als tönend bewegte Figuren, als\nerfindungsreiche Klang-Arabesken den Tonsinn ihrer Be-\nwunderer kitzeln. Die wahre Kunst aber wird dadurch an\nihnen gerächt, dass sie auf ihren Höhen vereinsamen. Weit\nentfernt davon, dass sie Steine, Bäume und Thiere in Be-\nwegung setzen, sind sie nicht einmal im Stande, das Volk\num sich zu versammeln. Das Volk, in dessen Mitte das\nEinfache, Ursprüngliche, Naturgemässe immerdar zu seinem\nRechte gelangt, gehl ungerührt vorüber; ihre Erzeugnisse\nsind ihm Spitzen und Schärfen, die, weil sie zu spitz und\nzu scharf sind, nicht stechen und schneiden; sind ihm Ge-\ntränke, die, weil sie überwürzt sind, ihm nicht munden; es\nsucht und findet immer wieder den reinen Quell, aus wel-\nchem es schöpft, unbekümmert darum, ob eine blasirte Zunft\nseinen Geschmack als Rohheit oder Rückschritt verspottet.\nDoch wir kehren von der Abschweifung über Ab-\nschweifungen zu unserem Gegenstande zurück.\nWährend einerseits feststeht, dass die Gebilde der rei-\nnen Tonkunst, d. h. der Instrumental-Musik, in Verbindung\nmit der oben bezeichneten Art der Vocal-Musik an und\nlür sich nur Empfindungen und Stimmungen innerhalb der\nSphäre des Schönen erzeugen, so darf doch andererseits\ndie lür ihre Entwicklung höchst wichtige Thalsache nicht\nverkannt werden, dass ein grosser Theil unserer Empfin-\ndungen und Stimmungen, wie oben gezeigt wurde, von\nbestimmten Anschauungen und Vorstellungen begleitet ist,\ndass durch gewisse Empfindungen gewisse Vorstellungen\nund umgekehrt durch gewisse Vorstellungen gewisse Em-\npfindungen erweckt werden, wie, um noch einige Beispiele\nanzuführen, durch die Sehnsucht nach Liebe die Vorstel-\nlung der Geliebten und umgekehrt, durch den Drang nach\nMuth- und Kraft-Entwicklung der Gedanke des Kampfes,\ndurch den Gedanken des Kampfes der Drang nach Muth-\nund Kraft-Entwicklung u. s. w„ und dass dem zufolge e i n\ngewisses Tongebilde als Träger einer gewis-\nsen Empfindung mit der Empfindung auch die\nihr entsprechende Vorstellung in die Seele\ndes Hörers hinüber zu tragen, d. h. sie „auszu-\ndrücken\", im Stande ist. Beschränkt und gefährdet\nbleibt diese Ausdrucksweise freilich in vielfacher Hinsicht;\ndenn erstlich kommt sie nur zur Geltung bei einem Theile\nunserer Empfindnngen, nämlich nur bei denjenigen, die\nüberhaupt von Vorstellungen begleitet sind; ferner wenn\nschon die Wirkung der Tongebilde, als Träger gewisser\nEmpfindungen, abhängt von der Verschiedenheit der\nOrganisation menschlicher Individualitäten, und dadurch\neine unsichere ist, so muss aus demselben Grunde in noch\nviel höherem Grade die Wirkung auf das Vorstellungs-\nVermögen eine unsichere sein, da sie sich ja nur ver-\nmöge eines Schlusses durch Induction \\ollzieht; es wird oft\neine der beabsichtigtet» Vorstellung nur mehr oder weniger\nanaloge, oft eine falsche, oft auch gar keine Vorstellung er-\nweckt werden. Gleichwohl ist und bleibt der Einfluss von\nTongebilden auf die Erzeugung von Vorstellungen, wie um-\ngekehrt der Einfluss von Vorstellungen auf die Erzeugung\nvon Tongebilden unläugbar, und es hat die Welt dieser\nWechselwirkung die ergreifendsten, grossartigsten Kunst-\nschöpfungen zu danken.\nOben hatten wir im Allgemeinen angedeutet, wie dem\nSchrei das Wort entwuchs und sich von ihm absonderte\nals Ausdruck oder vielmehr Zeichen lür die Vorstellung.\no\nJetzt ist hervorzuheben, dass das Wort neben dieser Haupt-\nEigenschaft seinerseits auch die Kraft besitzt, Empfindun-\ngen zu erwecken. Dies geschieht in doppelter Weise: erst-\nlich mittelbar in Folge der zwischen der Vorstellung und der\nEmpfindung bestehenden, so eben erörterten Wechselwir-\nkung; zweitens unmittelbar: da nämlich das Wort seiner\nmateriellen Natur nach Ton bleibt, so bleibt ihm auch die\nBildungslähigkeit, die wir überhaupt am Tone als solchem\nkennen gelernt haben, und der Mensch verleiht, wenn die\ndurch das Wort erweckte Vorstellung mit einer Empfin-\ndung begleitet ist, dem Tone des Wortes eine die Empfin-\ndung unmittelbar ausdrückende Veränderung; er erhebt es\naus der Sphäre der schwunglosen in die Sphäre geschwun-\ngener Töne. Auf doppeltem Wege also lässt sich durch\ndas Wort die Empfindung in der Seele erzeugen: erstlich\ndurch die vom Worte gegebene Vorstellung mittelbar,\nzweitens durch den Ton an sich, womit das Wort in die\nSeele dringt. Z, B. das Wort „Hülfe\" im schwunglosen\nTone gibt bloss eine Vorstellung, einen Begriff; das Wort\n„Hülfe\" im geschwungenen Tone, d. h. in dem veränder-\nten, von der Empfindung geschwängerten, ihr entsprechen-\nden Tone, drückt eine Empfindung aus, nämlich das Ver-\nlangen des Hülfsbedürftigen; oder das zum Satze erwei-\nterte Wort: „Wir fluchen euch\", im schwunglosen Tone\nenthält nichts weiter als eine Vorstellung, ein Urtheil; da-\ngegen im geschwungenen Tone der Empfindung, der Lei-\ndenschaft des Fluchenden ausgesprochen, wirkt es neben\nder Vorstellung auch als Ton und verkündet dem Hörer\nunmittelbar die Empfindung, die Leidenschaft. Man ver-\nsuche es einmal, wie viel verschiedene Stimmungen man\ndurch den Ton des Wörtchens „nein\" anzudeuten vermag,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560329-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4226, "texte": "während der Begriff immer derselbe bleibt. Die Verände-\nrungen, die in solchen Fällen der Wort-Ton erhält, be-\nschränken sich aber nicht bloss auf Verstärkung und Schwä-\nchung, Hebung und Senkung, Dehnung und Abkürzung\ndes Tones, Wiederholung derselben Laute, Gleichklang u.\ns. w., sondern aus gleichem Bedürfnisse wie bei der Ton-\nkunst findet auch der Rhythmus seine Anwendung, und\nsomit tritt das Wort, oder die daraus entwickelte Rede\nbis zu einer gewissen Gränze in die Sphäre der Ton-\nkunst; jenes Wohlgefallen, das wir mit dem Gefühle des\nSchönen bezeichnen, übt auch hier seine Macht, und mit\nfreiem Schaffen bringt der Mensch Wort-Kunstgebilde her-\nvor, die zugleich durch Vorstellung und Ton Empfindungen\nwirken, d. h. er dichtet, und seine Kunst ist die Dicht-\nkunst im engeren Sinne des Wortes, die mit der Ton-\nkunst Einem und demselben Ziele nur auf anderem Wege\nzustrebt, nämlich dem Ziele des Schönen.\nWenn nun gleich die Dichtkunst auch einen Theil der\nTonkunst in sich aufnimmt, d. h. den Wort- oder Rede-\nTon bis zu einer gewissen Gränze in die Sphäre der Ton-\nkunst hinaufschwingt, um ihre Wirkungen auf das Gefühl\nzu verstärken, so bleibt doch die Vorstellung bei Weitem\ndas Hauptmittel ihrer Wirksamkeit. Sie bedient sich der\nHülfsmittel aus der Tonkunst meist nur zur Anregung einer\nallgemeinen erhöhteren Stimmung und verfolgt auf ihrem\neigenen Wege ihre Aufgabe. Im Reiche der Anschauungen\nund Vorstellungen sucht und findet der Dichter das Mate-\nrial zu seinen Gebilden, die um so lebhafter die Empfin-\ndung erregen, je mehr sie in Bildern, statt in Begriffen, sich\nbewegen, d. h. je mehr sie das Wirkliche in seiner Beson-\nderheit zur Anschauung bringen. Die innere Welt der Em-\npfindungen, verklärt durch den Zauber des Schönen, ist\nder Ausgang und das Ziel seiner Thätigkeit.\nDem Gesagten zufolge stehen Tonkunst und Dicktkunst\nin Verwandtschaft mit einander, sie gehen eine Strecke weit\nHand in Hand ihrem Ziele entgegen; die Tonkunst streift\nbis zu einer gewissen Gränze in die Sphäre der Dichtkunst,\nindem sie durch die Mitwirkung der Vorstellung die Wirk-\nsamkeit des Tones mehrt, und die Dichtkunst streift bis zu\neiner gewissen Gränze in die Sphäre der Tonkunst, indem\nsie durch die Mitwirkung des Tones die Wirksamkeit der\nVorstellung mehrt; die Tonkunst will nicht der Vorstel-\nlungs-Elemente, und die Dichtkunst nicht der Ton-Elemente\nentbehren. Indessen ist oben bemerkt, sowohl in Hinsicht\nder Tonkunst, dass die ihr zu Theil werdende Beihülfe der\nVorstellungs-Elemente beschränkt und unsicher ist, indem\nsie, die Tonkunst, mit der Verarbeitung reiner Ton-Ele-\nmente eine Vorstellung oft gar nicht, oft nur annäherungs-\nweise erreicht, als auch in Bezug auf die Dichtkunst, dass\nsie bei ihrem Drange, durch Vorstellungen zu wirken, nur\neinen engbegränzten Theil von Ton-Elementen zu ihren\nSchöpfungen verwendet.\nWie nun, wenn es beide Künste versuchten, sich zu\neinem gemeinschaftlichen Angriffe auf das menschliche Herz\nzu vereinigen? Wenn es der Tonkunst einfiele, sich zu ih-\nren Erzeugnissen statt des ungeprägten Tones des gepräg-\nten, des Wortes, zu bedienen, das ja ebenfalls Ton, aber\nzugleich auch Zeichen einer bestimmten Vorstellung ist?\nWürde dann nicht an der Stelle der dunkeln, schwanken-\nden, unbestimmten Vorstellung die deutliche und bestimmte\nwirken? Und wenn die Tonkunst vollends ein solches Wort\nwählte, welches die durch den geschwungenen Ton —in\nFolge der oben bezeichneten Wechselwirkung an sich\nschon halb erweckte Vorstellung nun in ihrer ganzen Ener-\ngie hervorriefe? Würde dann nicht eine doppelte Kraft, die\nim Tone und die in der Vorstellung, zugleich und einheit-\nlich auf die Seele des Hörers wirken? Müsste dann nicht\ndie Empfindung weit stärker erregt werden? Und wenn es\nihrerseits der Dichtkunst einfiele, ein gleiches Verfahren,\nnur in umgekehrter Richtung, einzuschlagen?\nEine solche Frage könnte albern erscheinen, wenn\nnicht in der That mitunter sich Ansichten geltend zu ma-\nchen suchten, durch welche in die Begriffe über das Ver-\nhältniss der Tonkunst zur Dichtkunst eine gänzliche Ver-\nwirrung gebracht würde, eine Verwirrung, die immer wie-\nder nöthigt, die Frage aufzuwerfen: Was ist Gesang?\nwas kann, was soll der Gesang?\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-03-29-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-03-29_01#c003", "volume": "bmtnabi_1856-03-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "101", "page_fin": "104", "image_debut": 5, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560329-01.2.3", "titre_corps": "Clavierstücke von J. O. Grimm, H. von Sahr, Ad. Schlösser, H. Strauss, W. Heller.", "titre_sommaire": "Clavierstücke von J. O. Grimm, H. von Sahr, Ad. Schlösser, H. Strauss, W. Heller.", "signature_source": "L. Kindscher", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560329-01.1.5", "debut_caractere": 4228, "fin_caractere_exclue": 4920, "texte": "Clavierstücke von J. O. Grimm, H. von Sahr, Ad.\nSchlösser, H. Strauss, W. Heller.\n\nII.\nHeinrich Strauss, Idylle für das Pianoforle. Op.\n6. Leipzig, Breitkopf & Härtel. Preis 10 Ngr.\nWenn der Charakter der Idylle vorzugsweise das Ein-\nfache, Sanfte und Naive umfasst, so treten diese Charaktere\nschon im ersten Andante hervor. Auch das hierauf folgende\nbewegtere Allegretto mit seinen naiven, kurzen Vor-\nschlägen (von welchen, beiläufig und sub rosa gesagt, der\nzweite Tact etwas sehr naiv nach Octaven klingt, veran-\nlasst durch das einzig überzählige a der Mittelstimme) sucht\nnoch diesen Charakter festzuhalten. Dagegen will das\nPresto, namentlich mit seinen drei ersten Zeilen in der Ton-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560329-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4140, "texte": "art E-moll,nicht in diesen ruhigen Idyllen-Charakter hin-\nein passen; denn es ist etwas Unruhiges und Schmerzvol-\nles darin. Das ist nun auch zwar allerdings immer ein\nsidvXXiov, ein Bild; aber so eine Zerrissenheit des Ge-\nmüthes kennt das glückliche Hirtenvolk Arkadiens nun\neinmal nicht.\nHeinrich Strauss, Erinnerung an Böhmen. Sechs\nPhantasiebilder für das Pianoforte. Op. 7. Leip-\nzig, Breitkopf & Härtel. Preis 1 Thlr. 5 Ngr.\nDer Verfasser gibt hier ein Bild von einer Reise nach\nBöhmen; seine Phantasie ist darauf gerichtet, dasjenige in\nTönen zu schildern, was er an verschiedenen Punkten sei-\nner Reise empfand, und somit entstanden diese sechs Bil-\nder mit der Ueberschrift: 1) Wanderlust, 2) Lustige Fahrt,\n3) In Dobrzisch, 4) Am Althütten-Teich, 5) Im Walde\nund 6) Abend-Hymne. Ohne zu suchen und zu coquetti-\nren, ohne in affectirter Empfindelei zu schwärmen, gibt sich\nder Componist, wie er ist, natürlich. Dabei sind manche\nZüge von Originalität sichtbar und zugleich meist interes-\nsante Melodieen. T** Das sind.aber alles Punkte, die\nvom Verfasser festzuhalten sind, die zugleich bezeugen,\ndass er auf dem geraden, richtigen Kunstwege sich befin-\ndet. Mögen auch einzelne FäSle vorkommen, wo der Becher\nüberschäumt:\nso ist doch immer eine gewisse gesunde Natur kraft dahinter.\nNr. 1 fängt frisch an mit dem heiteren Aber\ndas schlägt auf einmal in Moll um. Was ist das? Will\ndenn etwa aus dem engen, gewohnten Stubenraume die\nalte Sorge mitziehen? Fast scheint es so. Aber ringsum ist\nja Sonnenschein, frische Luft und Lerchenjubel da ringt\nplötzlich, und zwar siegreich, der gute Muth sich empor\naus dem Drucke, der ihn schon zu beschleichen und zu\nfesseln drohte, und —fort geht's in die schöne freie Gottes-\nwelt hinaus! —Nr. 2. Natürliche Melodieen, dabei Gemüt-\nlichkeit. Obgleich auch dieser im Bilde ein feindliches Un-\ngefähr entgegentritt, so . behauptet sie sich standhaft.\nWird uns auch in Nr. 3 dem Titel nach nicht klar, was\nder Componist im Sinne gehabt, hier auszudrücken, so fin-\nden sich doch viele gemüthliche Züge darin, die den Zu-\nhörer beschäftigen und interessiren werden. Nr. 4.H-moll.\nDie sich zu Anfange so charakteristisch ausprägende Ruhe\nfesselt die Phantasie und kann wohl einen Landschaftsmaler\noder Dichter begeistern, ein Gegenbild zu den Tönen zu\nschaffen. Der Componist liebt es, wie auch schon in einigen\nvorhergehenden Nummern, die Melodie der Oberstimme im\nBass zu wiederholen und nun wiederum derselben durch\ndie Oberstimme eine neue Begleitung anzufügen, was so-\nwohl zur Einheit als zur Mannigfaltigkeit beiträgt und eben\nauch in letzterer Hinsicht noch einen gewissen Reiz ver-\nleiht.— Nr. 5. Im Walde ist man fröhlich. Oder wär's der\nComponist etwa nicht? Da ruht ja der Mensch, von tau-\nsendfachem Grün umhüllt, so recht eigentlich am Herzen\nund Busen der Mutter Natur. Und indem er sich ihr so\nrecht nahe fühlt im beseligenden Anschauen ihrer ewigen\nSchöne, da rauschen ihm die Blätter, da rieselt ihm der\nBach den Waldesgruss entgegen. —Nr. 6, Abendläuten, ist\nbesonders poetisch und originel. In dieser Beziehung her-\nvorzuheben der Schluss des Mittelsatzes vor dem\nWiederanfange der Haupt-Tonart Es-dur. Dieser Satz ist\nunstreitig von allen der beste. Das Ganze verlangt keine\ngrosse Anstrengung im Spiel und wird sich auch noch hie-\ndurch Freunde erwerben.\nHenri Strauss, Arabesques\nmance, Capricej pour le Piano. Op. 10. Leipsic,\nchez Breitkopf &f HärPreis 2 5 Ngr.\nDer Hauptsatz von Nr. 1, Ballade\n%). 'st seinem Charakter nach schon in dem Tone gehal-\nten, der irgend einem ernst-gewichtigen Lebens-Abrisse\neiner Vorzeit zukommt und sich somit auch in ein düsteres\nGrau verhüllt. Zur Vermittlung dieses trüben E-moll soll\nnun der Mittelsatz G-durbeitragen; auch das tonisch ver-\nwandte E-durstimmt nicht nur mit diesem überein, son-\ndern auch mit der ursprünglichen Klageweise selbst, wie\nes den Anschein hat, diese zu mildern oder doch wenig-\nstens in stille Wehmuth zu lösen. Aber—„hin ist hin und\ntodt ist todt.\" —Nr. 2 zeigt Gemüth und Empfindung. Die\nModulation ist zuweilen kühn und überraschend, die Spiel-\nart wieder nicht schwer und nicht unbequem,, welches letz-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560329-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3677, "texte": "tere überhaupt wohl zu den Ausnahmen der neueren Cla-\nvier-Compositionen gerechnet werden dürfte. Die Wieder-\nkehr der Melodieen macht es dem Spieler oder Zuhörer\nmöglich, seine vorigen Gedanken dabei wieder anzuknüpfen\nund weiter fortzuführen. Entbehren also auch und wie\nes gewöhnlieh gar nicht anders sein kann diese Tonbilder\naller scharfen Umrisse, so sucht sich doch jede Phantasie\nselbst einen eigenen heraus, der zu einem Bilde sich gestal-\ntet und der individuellen Gemüths-Anschauung entspricht.\nNr. 3, Caprice, ist frisch und pikant und für den Spie-\nler gar nicht so caprrciös, als der Name vielleicht vermu-\nthen lässt, indem gerade hier, und gewöhnlich recht mit\nAbsicht, Steine zum Wegräumen, Umgehen, auch wohl\nUeberspringen in den Weg gelegt werden. Das Thema ist\ngut durchgeführt. Nach einer richtigeren Orthographie wäre\ndas nachstehende ais in b umzuschreiben (als harmonische\nkleine None) und aus eben dem Grunde auch später das\nfisis in g zu verwandeln. Es muss doch Alles auch seine\ngehörige Form haben.\nWoldemar Heller, Walzer, Mazurka, für\ndas Pianoforte. Op. 4. Leipzig, bei Breitkopf &\nHärtel. Preis 10 Ngr.\nMehr zur Mazurka sich neigend, im Aligemeinen aber\nwie dies auch bei der Polonaise z. B. der Fall nicht\niür den Tanz geschrieben. Die Melodieen sind im Ganzen\nansprechend und zugleich in ihrer Verbindung wohl geord-\nnet, so dass dadurch das Interesse immer rege erhalten\nwird. Als Salonstück ist die vorliegende Composition nicht\nschwer auszuführen trotz einiger Sprünge im Bass.\nWoldemar Heller, Jagdscene, ein Ciavierstück.\nOp. 6. Leipzig, bei Breitkopf & Härtel. Pr. 15 Ngr.\nEine Art Genrebild, aus welchem der Zuhörer oder\nSpieler schon manches dem Titel Analoge selbst herausfin-\nden wird. Das Haupt-Thema gibt das Bild einer Fanfare,\nbei des Hirsches Nähe oder dessen Sichtbarwerden erklin-\ngend. Der aber ist auf einmal verschwunden; die bereits\nwild aufgeregte Meute ist nun plötzlich wie verwirrt und\nsucht die verlorene Spur. Lange irrt sie herum mit Unge-\nduld; endlich ras't sie wieder vorwärts, denn die Fährte\nist wiedergefunden, was auch die erste Fanfare verkündet,\nund bald fällt das erschöpfte Thier als Beute der Jäger.\nAls das vollendetste musicalische Jagdbild in der Tonmalerei\nwelche überhaupt schon so oft und verschiedenartig be-\nurtheilt worden ist gilt als unstreitig bis jetzt noch der\nJagdchor in Haydn's Jahreszeiten. Noch sind zwei auf diese\nKategorie bezügliche Ouvertüren mit zu erwähnen: Mehul,\nLa chasse du jeune Henri, und Fr. Schneider, Jagd-Ouver-\nture, mit Anwendung der (ehemaligen dessauer Parforce-)\nJagd-Signale. Die Natürlichkeit und Einfachheit in dem\nmelodischen Theile, so wie die nicht eben schwere Aus-\nführung werden beiderseitig gewiss Interesse für diese Com-\nposition erwecken.\nWoldemar Heller, Taranteile. Op. 5 in\nund Op. 1 in D-moll. Leipzig, bei Breitkopf &\nHärtel. Jede zu 15 Ngr.\nIm %-Tact von Nr. 1 spiegelt sich ein bewegtes süd-\nliches Leben, wie das diesen nationalen Tanz überhaupt\ncharakterisirt, ab. Die Melodie hat eigentümlichen Reiz\ndurch unerwartete pikante Wendungen, die aber doch zu-\ngleich so im Fluss, so natürlich erscheinen, dass man fast\nvermuthen möchte, der Componist habe sie wirklich auf\nitalischem Boden abgelauscht. Besonders hervorzuheben\nSeite 4, Zeile 3 und 4. Obschon das Tempo ein rasches\n(Presto) ist, so spielt sich diese Tarantelle auch dankbar und\nzugleich interessant, gerade wie die bekannten Etüden von\ndes Componisten Namens-Verwandtem (?) Stephen Heller.\nIn Nr. 2, gleichfalls Presto,stellt sich so recht wie\ntrotzig vor die Haupt-Melodie ein kurz und angeschla-\ngener D-moll-Accord,der den Beginn derselben sowohl\noriginel als pikant eröffnet:"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560329-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 652, "texte": "An Reiz wie Charakteristik in der Melodie steht diese Com-\nposition der vorhergehenden nicht nach, gewinnt vielleicht\nnoch zahlreichere Liebhaber, unter welche auch Referent\nmit gehört. Dass nun diese beiden Tarantellen zur besseren\nSorte der Salonmusik zu zählen, braucht nach dem Vorher-\ngehenden nicht erst versichert rzu werden; nur mag es\nnoch gesagt sein, dass es noth that, mit der Einfachheit\nund gesunden Natur der Outrirt- und Blasirtheit, der all-\ngemeinen Unnatur und dem grossen Nichts der modernen\nSalon-Romantik entweder den Rucken zuzukehren oder\nwie der oben erwähnte D-moll-Accord kühn und trotzig\ndie Spitze zu bieten.\n\nL. Kindscher."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-03-29-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-03-29_01#c007", "volume": "bmtnabi_1856-03-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "104", "page_fin": "104", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560329-01.2.4", "titre_corps": "Aus Barmen.", "titre_sommaire": "Aus Barmen.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560329-01.1.8", "debut_caractere": 654, "fin_caractere_exclue": 3587, "texte": "Aus Barmen.\nAus dem Monat Februar und Anfang März haben wir noch\nüber eine Soiree für Kammermusik am 10. Februar, eine\nmusicalische Abend unterhaltung der Liedertafel am 21.\nFebruar und über das Concert des Hrn. Musik-Directors C. Rein-\necke am 1. März zu berichten. In der Soiree hörten wir ein\nTrio für Piano, Violine und Violoncell von Ed. Franck und das\nkleinere B-dur-Trio von Beethoven (Op. 11); ausserdem zwei\nSchottische Lieder von Beethoven: „Der treue Johnie\" und\n„Das Bäschen in meinem Strässchen44, gesungen von Fräulein EL\nMann, und Mendelssohn's Allegro brillant für Pianoforte zu vier\nHänden, vorgetragen von den Herren Reine cke und Schmitz.\nIn der Abendunterhaltung der Liedertafel gefielen vorzugsweise\ndie zwei Lieder von F. Hill er: „Wie ist doch die Erde so schön\"\nund „Frühlings-Einzug44, für Sopran-Solo (Fräul. Mann) und Män-\nnerchor, dann die Volkslieder nach der Bearbeitung von J. Rietz\nund der Vortrag der F-dur-Sonate von Beethoven für Piano\nund Violine durch die Herren Rein ecke und Posse.\nDas Concert von Herrn Rein ecke hatte ein sehr reiches Pro-\ngramm trefflicher Musikstücke. Der Concerigeber selbst trug ein\nConcertstück für Pianoforte von seiner Composition und das Con-\ncert von Joh. Seb. Bach mit der Original-Quintett-Begleitung\nvor, spielte ferner Beethoven's C-moU-Sonaie für Piano und\nVioline mit Herrn Franz Seiss aus Düsseldorf, ein Notturno von\nF. Chopin und St. Hell er's „Auf Flügeln des Gesangs'4. Nach\ndem letzteren gerufen, gab er noch einen Marsch von F. Hill er\nzu. Der Beifall war ausserordentlich. Ueberhaupt war das Publicum\nden ganzen Abend hindurch sehr angeregt, und wir billigen es\nsehr, wenn die Zuhörer in Concerten Theilnahme und Beifall auf\nlebhafte Weise bekunden ; die wahre Stimmung für die Ausfüh-\nrung und Aufnahme der musicalischen Kunstwerke erzeugt sich\nnur durch eine lebendige Wechselwirkung zwischen den Empfan-\ngenden und Gebenden. Ein kaltes Schweigen mag vielleicht sehr\nvornehm sein; wir halten es aber mit denen, die es nicht iür bla-\nmable halten, das, was sie fühlen, auch auszusprechen und laut zu\nbekunden. F. Hiller's Paler nosier für zwei Chöre gefiel aus-\nserordentlich, eben so der Vortrag des Vioiin-Concertes „Gesang-\nscene44 von L. Spohr durch Herrn F. Seiss. Den Sologesang\nhatte das ausgezeichnete Sängerpaar Herr und Frau P. aus Düs-\nseldorf freundlichst übernommen. Wir hörten aus Mozart's Figaro\ndas Duett „So lang' hab' ich geschmachtet44 lind die Sopran-Arie\nder Susanne in F-dur, „Das Familien-Gemälde44 (Duett iür Sopran\nund Bariton) von R. Schumann, „Schöne Blümlein44 und „Früh-\nlingsblumen44 für Sopran (mit obligater Violine) und drei „Kinder-\nLieder\" von C. Reinecke. Frau P. Musste bei dem nicht enden wol-\nlenden Applaus nach dem reizenden Vortrage der letztgenannten\nLieder noch eines zugeben, und auch Herr P. konnte sich der\nWiederholung von Freiligrath s und Lowe's Ballade „Prinz Eugen,\nder edle Ritter\" nicht entziehen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-03-29-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-03-29_01#c008", "volume": "bmtnabi_1856-03-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "104", "page_fin": "104", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560329-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560329-01.1.8", "debut_caractere": 3589, "fin_caractere_exclue": 6561, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nAffin. In der musicalischen Gesellschaft hörten wir mit gros-\nsem Vergnügen den Vortrag des Capriccio für Piano und Orchester\nvon F. Mendelssohn-Bartholdy durch einen jungen Dilet-\ntanten, Schüler des Herrn Ergmann; das Spiel zeichnete sich\ndurch Präcision und Reinlichkeit und eine in solchen Jahren sel-\ntene Ruhe vorteilhaft aus. In der philharmonischen Gesell-\nschaft ärntete der blinde Flötenspieler Ed. Michelmann durch\nmehrere Vorträge den lebhaftesten Beifall.\nHerr Musik-Dircctor Reint h a 1 e r ist nach London ge-\nreis't, um sein Oratorium „Jephta und seine Tochter44 dort aufzu-\nführen.\nAm 27. d.Mts. gaben die Geschwister Nina und Karl Hart-\nmann eine zahlreich besuchte Soiree im Hotel Disch. Fräul. Nina\nH. sang zwei Lieder (von Mendelssohn?) und mit Herrn Kammer-\nsänger Koch das grosse Duett aus Linda; Herr Karl H. die Arie\naus der Zauberflöte „Dies Bildniss44 und zwei Lieder (von E. Koch\nund F. Derckum). Beide Geschwister haben von der Natur schöne,\nkräftige Stimmen erhalten (die Tenorstimme von Karl H. scheint\nuns aber mehr für die heroische als für die lyrische Gattung ge-\neignet), und zu ihrer musicalischen Ausbildung ist durch ihren\ntrefflichen Lehrer, Herrn Koch, bereits ein sehr guter Grund ge-\nlegt, auf welchem nur mit Fleiss und Ausdauer fortzubauen ist. Die\nH erren Breun ung, Pixis und B. Breuer spielten das C-moll-\nTrio von Beethoven, und die beiden Ersteren erfreuten noch\nbesonders durch den Vortrag der allerliebsten Pieces fugitives (drei\nNummern) für Piano und Violine von St. Heller (nicht Hiller,\nwie auf dem Programme irrthümlich stand) und Ernst.\n*** Maina. Der seitherige Musik-Director der mainzer Lieder-\ntafel, Herr Winkelmeier, sah sich genöthigt, in Folge eines\nhartnäckigen Nervenleidens seine Stelle niederzulegen, da er vor-\naussichtlich noch längere Zeit verhindert sein wird, seinem Berufe\nzu leben. Er wird diesen Sommer wiederholt das Nordsee-Bad\nHelgoland besuchen und später seinen Aufenthalt in Frankfurt am\nMain nehmen.\nam Main. Der Rühl'sche Gesang-Verein hat\nam 22. Februar J. Haydn's „Schöpfung44 vollständig und mit Or-\nchester aufgeführt und auf allgemeines Verlangen die schöne Auf-\nführung am 8. März wiederholt. Fräulein Veith sang die Par-\ntieen des Gabriel und der Eva ganz vortrefflich. Im Theater\nmacht „Raymond oder das Geheirnniss der Königin44 von Amb r.\nThomas fortwährend Glück.\nIn Neapel wurde am 12. März unter der Direction des Cava-\nliere Me read ante Rossinis Siabat maier gegeben und dabei\nvor dem ersten Theile eine Ouvertüre von Mercadante über Mo-\ntive aus dem Stabat und vor dem zweiten Rossini's Ouvertüre zu\nWilhelm Teil gespielt!\nRossini s neue Melodie La Separation (vielleicht ein Stamm-\nbuchblatt?) hat schon einen Bearbeiter an dem deutschen Pianisten\nKrüger in Paris gefunden. Er wird in seinem Jahres-Concert\ndiesmal neben Beethoven's grossem B-dur-Trio eine „Separation,\ntranscription-caprice sur la nouvelle melodie de Rossini66 spielen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "97", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560329-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nlieber die Natur des Gesanges und sein Verh'äUniss zur Dichtkunst. Von G. Pfarrius. Ciavierstücke von J. O.\nGrimm, H. von Sahr, Ad. Schlösser, H. Strauss, W. Heller. 11. Von L. Kind scher. Aus Barmen. Tages- und Unterhat-\ntungs'blatt (Köln, musicalische und philharmonische Gesellschaft, Soiree der Geschwister Hartmann Mainz Frankfurt am Main).\n\nUeber die Natur des Gesages und sein Verhältniss\nzur Dichtkunst.\nVon G. Pfarrius.\nDas erwachende Lebensgefühl einer Menschenseele,\nerstarkend durch die Empfindung von Lust oder Leid, dringt\nnaturnothwendig nach aussen durch einen Schrei. Instinct-\nmässige Aeusserung einer inneren Bewegung, hat dieser\nSchrei zugleich auch die auf Naturgesetzen beruhende Kraft,\nin der Seele eines Anderen, der ihn vernimmt, dieselbe Be-\nwegung, aus welcher er hervorging, instinctmässig zu er-\nzeugen; er ist somit nicht bloss die Aeusserung, son-\ndern auch der Ausdruck eines Gefühls oder einer Em-\npfindung, der sinnliche Kundgeber des aussersinniichen Zu-\nstandes einer Seele gegenüber einer anderen; er ist eine\nSprache im weitesten Sinne des Wortes, aber zugleich auch\nder erste Keim, der erste Ansatz zur Sprache in ihrer en-\ngeren Bedeutung, und nicht bloss dem Menschen, sondern\nauch den entwickelteren Thier-Geschlechtern eigen. Der\nSchrei der Furcht, des Entsetzens, der Freude u. s. w. mit\nseinen unmittelbaren, gleichmäßigen, naturnothwendigen\nWirkungen ist diesen mit jenem gemeinschaftlich.\nWie durch die Empfindung von Lust und Leid ein Be-\ngehren und Verabscheuen erzeugt wird, so erzeugt sich\nauch mit ihr und durch sie eine Vorstellung von dem\nGegenstande, der begehrt oder verabscheut wird, und zwar\nebenfalls nicht willkürlich, sondern naturgesetzlich und\nnothwendig. Die Empfindung des Hungers erweckt das\nVerlangen nach einem Gegenstande, der es befriedigt, nach\nSpeise; die Empfindung einer gewissen Lust ist begleitet\nvon der Vorstellung eines gewissen Gegenstandes, der sie\nerzeugt, die Empfindung einer Furcht von der Vorstellung\neines Feindes. So stehen mit gewissen Empfindungen ge-\nwisse Vorstellungen in der Seele in ursprünglichem, un-\nwillkürlichem Zusammenhange. Aber auch dieser Vorstel-\nlungen sucht sie sich zu entäussern, und findet die Hülfe\nhierzu in demselben Mittel, durch welches sie sich auch der\nEmpfindungen entäussert, nämlich im Schrei. Der Schrei,\nAusdruck einer Empfindung, wird auf diese Weise auch\nAusdruck einer Vorstellung; denn in der Seele dessen,\nder ihn vernimmt, erweckt er durch die von ihm getragene\nEmpfindung zugleich auch die sie begleitende Vorstellung\nnaturgemäss, aber nicht unmittelbar und nothwendig, son-\ndern vermittelst eines Schlusses durch Induction, etwa in\nfolgender Form: Die Empfindung der Furcht pflegt beglei-\ntet zu sein von der Vorstellung eines nahenden Feindes;\nein gewisser Schrei ist Träger der Empfindung der Furcht,\nalso auch Träger der Vorstellung eines nahenden Feindes.\nDer blosse Schrei wirkt sonach in der Seele dessen, der\nihn vernimmt, Beides, Empfindung und Vorstellung, aber\ndie letztere, wie gesagt, nicht absolut und nothwendig, son-\ndern mit der Möglichkeit eines Irrthums; denn es könnte\ndie Empfindung der Furcht ausnahmsweise auch nicht von\nder Vorstellung eines nahenden Feindes begleitet sein. In\ndieser Doppelkraft des Schreies, dass er Empfindung und\nVorstellung zugleich zu erwecken vermag, liegt der zweite\nAnsatz, die weitere Entwicklung des Reimes zur Sprach-\nbildung; in ihr fand und findet der Mensch zu allen Zeiten\nund unter allen Zonen die Möglichkeit, einen Theil seiner\ninneren Welt dem anderen Menschen kund zu geben, sich\nihm mitzutheilen, auf welcher Stufe der Entwicklung Beide\nauch stehen. Ist auch die Mittheilung in Bezug auf die\nVorstellung, in Bezug auf Bild oder Gedanken, eine\nunvollkommene, nicht scharf bestimmende, sondern oft nur\nandeutende, so ist und bleibt sie doch von einer unläugba-\nren mächtigen Wirksamkeit. Erweckt ja schon das blosse\nLachen und Weinen in der Seele des Hörers die, wenn\nauch noch so unbestimmte, Vorstellung von einem ergötz-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "98", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560329-01.1.2", "texte": "liehen oder betrübenden Gegenstande. Und auch bis auf\ndiese Stufe folgt das entwickeltere Thier dem Menschen.\nDurch die Art und Weise seines Schreiens gibt es nicht\nnur zu verstehen, dass es etwas verlangt, sondern auch,\nwas es verlangt. Und auch hier schon kommt bei dem\nThier, wie bei dem Menschen, die Bildungsfähigkeit der\nStimme der Mannigfaltigkeit der Empfindungen und Vor-\nstellungen zu Hülfe, da eben der Schrei seiner materiellen\nNatur nach ein mit gewissem Nachdruck oder Schwung\nhervorgestossener Ton der Stimme ist.\nJedoch die Menschenseele hat eine grössere Entwick-\nlungsfähigkeit als die Thierseele. Der mit der Empfindung\nund dem Willenstriebe erwachte Erkenntnisstrieb hebt sich\nin ihr zur Selbstständigkeit hervor und fordert eine geson-\nderte Sphäre seiner Wirksamkeit; die Menschenseele ge-\nwinnt die Kraft, die Vorstellung ohne ihre Begleiterin, die\nEmpfindung, fest zu halten, ja, sie mit einer gewissen Will-\nkür zu erzeugen, —eine Kraft, die der Thierseele abgeht.\nIndem sie nun auch die reine, d. h. von keiner Empfindung\nbegleitete, Vorstellung kund zu geben das Bedürfniss hat,\nhierzu aber nicht instinetmässig das Mittel besitzt, wie zur\nKundgebung der Empfindung, so hält sie sich zunächst an\nden Schrei, benimmt ihm allmählich die Wärme der Em-\npfindung, lässt ihn erkalten zum blossen Tone, der geschwun-\ngene wird ein schwungloser Ton; Zufall, Willkür, Ueber-\neinkunlt wirken mit, und es entsteht das Wo r t, die R e d e,\ndie dem Thier vorenthalten ist. Das Wort nun unterschei-\ndet sich im Wesentlichen vom Schrei 1) dadurch, dass es\nin den meisten Fällen durch seine materielle Natur als Ton\nnichts ausdrückt; denn z. B. Stein könnte so gut Brod,\nwie Brod Stein lauten, während der Schrei durch seine\nmaterielle Natur, die Art seines Tones, ausdrückt, was er\nsoll, und z. B. nicht mit dem Schrei des Weinenden auch\ndie Empfindung des Lachenden und umgekehrt kund gege-\nben werden kann; das Wort hat eine Bedeutung, der\nSchrei ist ein Ausdruck; das Wort wirkt als Zeichen,\nSymbol, der Schrei als Sache; 2) dadurch, dass das Wort\nan sich nur eine Vorstellung, aber mittelbar durch die Vor-\nstellung auch eine Empfindung erwecken kann, während\nder Schrei an sich nur eine Empfindung, aber mittelbar,\nvermittelst eines Schlusses durch Induction, auch eine Vor-\nstellung zu erwecken vermag.\nDie Verschiedenheit und Zahl der Vorstellungen des\nMenschen, wie gross sie auch sei, wird noch bei Weitem\nübertroffen von der Verschiedenheit und Zahl der Zeichen,\nwelche die Natur durch Hinzufügung der Consonanten zu\nden Vocalen in seine Stimme gelegt hat.\nAber nicht bloss durch die Vorstellungen, son-\ndern auch durch den Reichthum und die Mannigfaltigkeit\nder Empfindungen wird die Thierseele von der Men-\nschenseele überragt. Von einer grossen Anzahl der letzte-\nren entdeckt der Mensch nicht einmal ihren Grund oder\nihr Ziel, Object; solche sind daher auch nicht mit einer be-\nstimmten Vorstellung verbunden; der Erkenntniss sind von\ndiesem Gesichtspunkte aus engere Gränzen gezogen, als\ndem Gefühle, und die Welt der Vorstellungen erscheint\nkleiner, als die der Empfindungen. Für alle seine Empfin-\ndungen aber sucht er nach einem Ausdruck, und da der\nSchrei in seiner ursprünglichen, einfachen Gestalt ihm die-\nsen nicht gewährt, so versucht er, ihn weiter zu gestalten;\ner entdeckt in seiner Stimme die Fähigkeit, aus dem Schrei\neine Mannigfaltigkeit von Tönen zu entwickeln, die nicht\nbloss der Mannigfaltigkeit gewisser Empfindungen entspricht,\nsondern an und für sich ein inniges Wohlgefallen erweckt.\nDurch Ausdehnung oder Abkürzung des Schreies, durch\nVerstärkung und Schwächung desselben, durch Wiederho-\nlung, durch Höhe und Tiefe des Tones, durch eine Verbin-\ndung mehrerer Töne zu einer Reihe unter dem Einflüsse\ndes der Thierseele gänzlich abgehenden Rhythmus*), durch\ndiese Stimm-Entwicklungen wird im Wesentlichen die Man-\nnigfaltigkeit der Töne hervorgebracht, in welcher die Man-\nnigfaltigkeit der Empfindungen ihren Ausdruck findet; d. h.\ndie also gestalteten Töne wirken in der Seele dessen, der\nsie vernimmt, im Wesentlichen dieselben Empfindungen,\naus denen sie hervorgegangen, und zwar wie ursprünglich\nbeim Schrei unmittelbar, durch sich selbst, ohne Vorstel-\nlung, gleichsam auf materiellem Wege, indem die durch\ndie Tonformen erzeugten Luftschwingungen sich durch das\nOhr der Seele des Horchenden mittheilen und gleiche\nSchwingungen in ihr hervorbringen. Wir befinden uns in\ndieser Richtung auf einem Gebiete von Empfindungen, wel-\nches das Gebiet der mit Vorstellungen verbundenen an Um-\nfang weit übertrifft und sich, man möchte sagen: in das\nGränzenlose verliert ; des Menschen Seele begehrt ja viel-\nfach nach etwas, das sie nicht kennt, also nach etwas Un-\nnennbarem, d. h. mit Worten nicht Ausdrückbarem; das\nBegehren selbst aber, der Drang, die Sehnsucht, kurz: die\nEmpfindung ist in ihr rege und vermag auf die genannte\nWeise der Seele des Anderen sich mitzutheilen.\nDiesen Anfangs mehr oder weniger unwillkürlichen\nFluss der Töne lernt der Mensch allmählich mit einer ge-\n\n*) Rhythmus beruht auf dem angeborenen Triebe des Menschen,\nalles Massenhafte, Chaotische, Verworrene zu begränzen, ab-\nzutheilen, zu gestalten, in Verbindung mit dem Gefühle des\nWohlgefallens an gewissen Grössen und Verhältnissen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560329-01.1.3", "texte": "wissen Willkür, mit Freiheit, behandeln. Seine Erfin-\ndungsgabe führt ihn auf neue Wechsel, neue Zusammen-\nstellungen, neue Figuren der Töne; er hält sie fest durch\nWiederholung; er gewahrt in ihnen die Kraft der Rück-\nwirkung auf die Empfindung, indem die Tongestalten neue\nEmpfindungen, die Empfindungen neue Tongestalten er-\nwecken in geheimnissvoller Wechselwirkung; es tritt eine\nvon den genannten Empfindungen sich unterscheidende\nEmpfindung des Wohlgefallens hinzu, unter deren Mitwir-\nkung jene alle sich gleichsam verklären und in die Sphäre\ndes Schönen emporgehoben werden. Aus der Fähigkeit,\ndie Töne mit Freiheit zu behandeln innerhalb der aus ihrer\nNatur entspringenden Gesetze des Schönen, entsteht\neine Kunst, die Tonkunst, Musik; der Mensch wird\nTondichter, seine Schöpfungen sind Tonweisen, die\neinem anderen Bedürfnisse als dem der blossen Mittheilung\nbestimmter Empfindungen genügen, einem anderen Bedürf-\nnisse als einem blossen Drange, wie etwa die Tonweisen\neines Singvogels; sie sind erzeugt aus Freiheit und ge-\nnährt von der Mutter aller Künste, der Schönheit. Sie\nhaben, wie ihr Material, so die Gesetze, es zu formen, aus-\nschliesslich für sich, fallen aber in ihren Endwirkungen mit\nden Wirkungen aller schönen Künste zusammen, d. h. sie\nvollziehen das Schöne durch sich selbst auf ihrem völlig ge-\nsonderten Wege; aber die durch ihr Schönes bewirkte Ge-\nmüths-Erregung ist eine poetische im weiteren Sinne\ndes Wortes, eine den Wirkungen anderer Kunstschöpfun-\ngen völlig gleiche.\nZunächst nun beschränken sich diese Tonweisen auf\nden Gehalt der menschlichen Stimme; ohne anderweitige\nZuthat wirken sie durch sich selbst, sind ebenfalls eine all-\ngemein menschliche Sprache, aber eine schöne, poetische,\nAeusserungen einer inneren Stimmung, aber durch Kunst\ngeläuterte. Summen, Trällern, Jodeln, Brummen sind Ar-\nten dieser eines gemeinschaftlichen Namens entbehrenden\nGattung von Vocal-Musik. Die leblose wie die lebendige\nNatur indessen lässt den Menschen ausser sich noch eine\nMannigfaltigkeit von Tönen wahrnehmen, die er in seiner\nStimme nicht besitzt, die gleichwohl sein Wohlgefallen er-\nregen, gleichwohl der Mannigfaltigkeit seiner Empfindungen\nund seinem Triebe zu künstlerischen Darstellungen entspre-\nchen. Er verschafft sich Mittel, Instrumente, dieselben nach-\nzubilden, und erweitert so durch den Gewinn neuer Töne\ndas Material zu seinen Tonweisen, die damit eine unend-\nlich grössere Mannigfaltigkeit erhalten. Es tritt zu der be-\nzeichneten Gattung von Vocal-Musik die Instrumental-\nMusik, die wie diese ohne anderweitige Zuthat unmittel-\nbar durch sich selbst wirkt.\nBeide nun bilden zusammen ein durch sich selbst be-\nstehendes, in sich selbst berechtigtes Kunstgebief, durch\ndessen Gebilde das Gefühl des Schönen auf die einfachste,\nunmittelbarste Weise sich bethätigt und, da sie weit über\ndie Sphäre begränzter Vorstellungen hinausgreifen, die\nfeinsten, geheimnissvollsten Bewegungen der Seele ange-\nregt und ausgedrückt zu werden vermögen, also, dass des\nMenschen flüchtigste Empfindungen und Stimmungen bis\nzum Unmessbaren und Namenlosen leibhaftig werden und\naus der inneren Welt hinaus in die äussere sich schwingen.\nUnd zwar dies in noch vollkommnerem Maasse, nachdem\ndem melodischen auch noch das harmonische Ele-\nment der Tonkunst hinzugefügt worden, d.h. nachdem man\nangefangen, auf der Grundlage der Ton-Verwandtschaft, statt\nnur einzelne Töne hinter einander, mehrere Töne auf ein-\nmal zu Gehör zu bringen.\nDas auf diese Weise nach aussen erweiterte und nach\ninnen vertiefte Gebiet der Töne, das dem menschlichen\nKunsttriebe ein unbegränztes Feld eröffnete und eine durch\nlebenslängliche Studien und nur für die Begabteren erreich-\nbare Technik erzeugte, hat eben durch die Erweiterung\nauch zu Verirrungen Gelegenheit gegeben, wie sie kaum\nin einem anderen Kunstgebiete grösser vorkommen. Die\ndurch die Vervollkommnung der Instrumente entstandene\nLeichtigkeit der Tongestaltung, die Möglichkeit, das Entle-\ngenste zu verknüpfen, das Seltsamste in einer Weise zu-\nsammen zu stellen, wie es das natürliche Organ des Men-\nschen, die Stimme, nimmer gestattete, die, wenn auch von\nden Instrumenten an Vielseitigkeit und Wandelbarkeit über-\ntreffen, an wahrer Ausdruckslähigkeit aber nie erreicht\nwird; ferner die angestaunte Herrschaft über die Technik,\nder Reiz des Schweren, Seltenen, Ausserordentlichen treibt\nden Tonkünstler auf seinem unermesslichen Gebiete in Rich-\ntungen hinein, wo er noch belustigt und zur Bewunderung\nhinreisst, Lebenswärme der Empfindung aber nicht mehr\nzu verbreiten vermag; kurz: wo das Seelenvolle\nder Kunst in das Geistreiche der Künstelei\nüberschlägt. Kommt nun vollends hinzu, dass er einer\nzum Theil übersättigten Zeit angehört, selbst übersättigt\nund überreizt, einen überreizten Zuhörerkreis im Auge hat,\nmit welchem er gleichsam eine esoterische Kunstschule\neiner Laienwelt gegenüber auszumachen glaubt, und ver-\ngisst, dass, wie der Koch nicht für Köche kocht, so der\nComponist nicht für Componisten componirt, so schafft er"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560329-01.1.4", "texte": "Gebilde, die nicht mehr dem Zwecke der Darstellung des\nSchönen dienen, sondern als Selbstzwecke, als Selbstver-\ngötlerungen der Technik, als tönend bewegte Figuren, als\nerfindungsreiche Klang-Arabesken den Tonsinn ihrer Be-\nwunderer kitzeln. Die wahre Kunst aber wird dadurch an\nihnen gerächt, dass sie auf ihren Höhen vereinsamen. Weit\nentfernt davon, dass sie Steine, Bäume und Thiere in Be-\nwegung setzen, sind sie nicht einmal im Stande, das Volk\num sich zu versammeln. Das Volk, in dessen Mitte das\nEinfache, Ursprüngliche, Naturgemässe immerdar zu seinem\nRechte gelangt, gehl ungerührt vorüber; ihre Erzeugnisse\nsind ihm Spitzen und Schärfen, die, weil sie zu spitz und\nzu scharf sind, nicht stechen und schneiden; sind ihm Ge-\ntränke, die, weil sie überwürzt sind, ihm nicht munden; es\nsucht und findet immer wieder den reinen Quell, aus wel-\nchem es schöpft, unbekümmert darum, ob eine blasirte Zunft\nseinen Geschmack als Rohheit oder Rückschritt verspottet.\nDoch wir kehren von der Abschweifung über Ab-\nschweifungen zu unserem Gegenstande zurück.\nWährend einerseits feststeht, dass die Gebilde der rei-\nnen Tonkunst, d. h. der Instrumental-Musik, in Verbindung\nmit der oben bezeichneten Art der Vocal-Musik an und\nlür sich nur Empfindungen und Stimmungen innerhalb der\nSphäre des Schönen erzeugen, so darf doch andererseits\ndie lür ihre Entwicklung höchst wichtige Thalsache nicht\nverkannt werden, dass ein grosser Theil unserer Empfin-\ndungen und Stimmungen, wie oben gezeigt wurde, von\nbestimmten Anschauungen und Vorstellungen begleitet ist,\ndass durch gewisse Empfindungen gewisse Vorstellungen\nund umgekehrt durch gewisse Vorstellungen gewisse Em-\npfindungen erweckt werden, wie, um noch einige Beispiele\nanzuführen, durch die Sehnsucht nach Liebe die Vorstel-\nlung der Geliebten und umgekehrt, durch den Drang nach\nMuth- und Kraft-Entwicklung der Gedanke des Kampfes,\ndurch den Gedanken des Kampfes der Drang nach Muth-\nund Kraft-Entwicklung u. s. w„ und dass dem zufolge e i n\ngewisses Tongebilde als Träger einer gewis-\nsen Empfindung mit der Empfindung auch die\nihr entsprechende Vorstellung in die Seele\ndes Hörers hinüber zu tragen, d. h. sie „auszu-\ndrücken\", im Stande ist. Beschränkt und gefährdet\nbleibt diese Ausdrucksweise freilich in vielfacher Hinsicht;\ndenn erstlich kommt sie nur zur Geltung bei einem Theile\nunserer Empfindnngen, nämlich nur bei denjenigen, die\nüberhaupt von Vorstellungen begleitet sind; ferner wenn\nschon die Wirkung der Tongebilde, als Träger gewisser\nEmpfindungen, abhängt von der Verschiedenheit der\nOrganisation menschlicher Individualitäten, und dadurch\neine unsichere ist, so muss aus demselben Grunde in noch\nviel höherem Grade die Wirkung auf das Vorstellungs-\nVermögen eine unsichere sein, da sie sich ja nur ver-\nmöge eines Schlusses durch Induction \\ollzieht; es wird oft\neine der beabsichtigtet» Vorstellung nur mehr oder weniger\nanaloge, oft eine falsche, oft auch gar keine Vorstellung er-\nweckt werden. Gleichwohl ist und bleibt der Einfluss von\nTongebilden auf die Erzeugung von Vorstellungen, wie um-\ngekehrt der Einfluss von Vorstellungen auf die Erzeugung\nvon Tongebilden unläugbar, und es hat die Welt dieser\nWechselwirkung die ergreifendsten, grossartigsten Kunst-\nschöpfungen zu danken.\nOben hatten wir im Allgemeinen angedeutet, wie dem\nSchrei das Wort entwuchs und sich von ihm absonderte\nals Ausdruck oder vielmehr Zeichen lür die Vorstellung.\no\nJetzt ist hervorzuheben, dass das Wort neben dieser Haupt-\nEigenschaft seinerseits auch die Kraft besitzt, Empfindun-\ngen zu erwecken. Dies geschieht in doppelter Weise: erst-\nlich mittelbar in Folge der zwischen der Vorstellung und der\nEmpfindung bestehenden, so eben erörterten Wechselwir-\nkung; zweitens unmittelbar: da nämlich das Wort seiner\nmateriellen Natur nach Ton bleibt, so bleibt ihm auch die\nBildungslähigkeit, die wir überhaupt am Tone als solchem\nkennen gelernt haben, und der Mensch verleiht, wenn die\ndurch das Wort erweckte Vorstellung mit einer Empfin-\ndung begleitet ist, dem Tone des Wortes eine die Empfin-\ndung unmittelbar ausdrückende Veränderung; er erhebt es\naus der Sphäre der schwunglosen in die Sphäre geschwun-\ngener Töne. Auf doppeltem Wege also lässt sich durch\ndas Wort die Empfindung in der Seele erzeugen: erstlich\ndurch die vom Worte gegebene Vorstellung mittelbar,\nzweitens durch den Ton an sich, womit das Wort in die\nSeele dringt. Z, B. das Wort „Hülfe\" im schwunglosen\nTone gibt bloss eine Vorstellung, einen Begriff; das Wort\n„Hülfe\" im geschwungenen Tone, d. h. in dem veränder-\nten, von der Empfindung geschwängerten, ihr entsprechen-\nden Tone, drückt eine Empfindung aus, nämlich das Ver-\nlangen des Hülfsbedürftigen; oder das zum Satze erwei-\nterte Wort: „Wir fluchen euch\", im schwunglosen Tone\nenthält nichts weiter als eine Vorstellung, ein Urtheil; da-\ngegen im geschwungenen Tone der Empfindung, der Lei-\ndenschaft des Fluchenden ausgesprochen, wirkt es neben\nder Vorstellung auch als Ton und verkündet dem Hörer\nunmittelbar die Empfindung, die Leidenschaft. Man ver-\nsuche es einmal, wie viel verschiedene Stimmungen man\ndurch den Ton des Wörtchens „nein\" anzudeuten vermag,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560329-01.1.5", "texte": "während der Begriff immer derselbe bleibt. Die Verände-\nrungen, die in solchen Fällen der Wort-Ton erhält, be-\nschränken sich aber nicht bloss auf Verstärkung und Schwä-\nchung, Hebung und Senkung, Dehnung und Abkürzung\ndes Tones, Wiederholung derselben Laute, Gleichklang u.\ns. w., sondern aus gleichem Bedürfnisse wie bei der Ton-\nkunst findet auch der Rhythmus seine Anwendung, und\nsomit tritt das Wort, oder die daraus entwickelte Rede\nbis zu einer gewissen Gränze in die Sphäre der Ton-\nkunst; jenes Wohlgefallen, das wir mit dem Gefühle des\nSchönen bezeichnen, übt auch hier seine Macht, und mit\nfreiem Schaffen bringt der Mensch Wort-Kunstgebilde her-\nvor, die zugleich durch Vorstellung und Ton Empfindungen\nwirken, d. h. er dichtet, und seine Kunst ist die Dicht-\nkunst im engeren Sinne des Wortes, die mit der Ton-\nkunst Einem und demselben Ziele nur auf anderem Wege\nzustrebt, nämlich dem Ziele des Schönen.\nWenn nun gleich die Dichtkunst auch einen Theil der\nTonkunst in sich aufnimmt, d. h. den Wort- oder Rede-\nTon bis zu einer gewissen Gränze in die Sphäre der Ton-\nkunst hinaufschwingt, um ihre Wirkungen auf das Gefühl\nzu verstärken, so bleibt doch die Vorstellung bei Weitem\ndas Hauptmittel ihrer Wirksamkeit. Sie bedient sich der\nHülfsmittel aus der Tonkunst meist nur zur Anregung einer\nallgemeinen erhöhteren Stimmung und verfolgt auf ihrem\neigenen Wege ihre Aufgabe. Im Reiche der Anschauungen\nund Vorstellungen sucht und findet der Dichter das Mate-\nrial zu seinen Gebilden, die um so lebhafter die Empfin-\ndung erregen, je mehr sie in Bildern, statt in Begriffen, sich\nbewegen, d. h. je mehr sie das Wirkliche in seiner Beson-\nderheit zur Anschauung bringen. Die innere Welt der Em-\npfindungen, verklärt durch den Zauber des Schönen, ist\nder Ausgang und das Ziel seiner Thätigkeit.\nDem Gesagten zufolge stehen Tonkunst und Dicktkunst\nin Verwandtschaft mit einander, sie gehen eine Strecke weit\nHand in Hand ihrem Ziele entgegen; die Tonkunst streift\nbis zu einer gewissen Gränze in die Sphäre der Dichtkunst,\nindem sie durch die Mitwirkung der Vorstellung die Wirk-\nsamkeit des Tones mehrt, und die Dichtkunst streift bis zu\neiner gewissen Gränze in die Sphäre der Tonkunst, indem\nsie durch die Mitwirkung des Tones die Wirksamkeit der\nVorstellung mehrt; die Tonkunst will nicht der Vorstel-\nlungs-Elemente, und die Dichtkunst nicht der Ton-Elemente\nentbehren. Indessen ist oben bemerkt, sowohl in Hinsicht\nder Tonkunst, dass die ihr zu Theil werdende Beihülfe der\nVorstellungs-Elemente beschränkt und unsicher ist, indem\nsie, die Tonkunst, mit der Verarbeitung reiner Ton-Ele-\nmente eine Vorstellung oft gar nicht, oft nur annäherungs-\nweise erreicht, als auch in Bezug auf die Dichtkunst, dass\nsie bei ihrem Drange, durch Vorstellungen zu wirken, nur\neinen engbegränzten Theil von Ton-Elementen zu ihren\nSchöpfungen verwendet.\nWie nun, wenn es beide Künste versuchten, sich zu\neinem gemeinschaftlichen Angriffe auf das menschliche Herz\nzu vereinigen? Wenn es der Tonkunst einfiele, sich zu ih-\nren Erzeugnissen statt des ungeprägten Tones des gepräg-\nten, des Wortes, zu bedienen, das ja ebenfalls Ton, aber\nzugleich auch Zeichen einer bestimmten Vorstellung ist?\nWürde dann nicht an der Stelle der dunkeln, schwanken-\nden, unbestimmten Vorstellung die deutliche und bestimmte\nwirken? Und wenn die Tonkunst vollends ein solches Wort\nwählte, welches die durch den geschwungenen Ton —in\nFolge der oben bezeichneten Wechselwirkung an sich\nschon halb erweckte Vorstellung nun in ihrer ganzen Ener-\ngie hervorriefe? Würde dann nicht eine doppelte Kraft, die\nim Tone und die in der Vorstellung, zugleich und einheit-\nlich auf die Seele des Hörers wirken? Müsste dann nicht\ndie Empfindung weit stärker erregt werden? Und wenn es\nihrerseits der Dichtkunst einfiele, ein gleiches Verfahren,\nnur in umgekehrter Richtung, einzuschlagen?\nEine solche Frage könnte albern erscheinen, wenn\nnicht in der That mitunter sich Ansichten geltend zu ma-\nchen suchten, durch welche in die Begriffe über das Ver-\nhältniss der Tonkunst zur Dichtkunst eine gänzliche Ver-\nwirrung gebracht würde, eine Verwirrung, die immer wie-\nder nöthigt, die Frage aufzuwerfen: Was ist Gesang?\nwas kann, was soll der Gesang?\n(Schluss folgt.)\n\nClavierstücke von J. O. Grimm, H. von Sahr, Ad.\nSchlösser, H. Strauss, W. Heller.\n\nII.\nHeinrich Strauss, Idylle für das Pianoforle. Op.\n6. Leipzig, Breitkopf & Härtel. Preis 10 Ngr.\nWenn der Charakter der Idylle vorzugsweise das Ein-\nfache, Sanfte und Naive umfasst, so treten diese Charaktere\nschon im ersten Andante hervor. Auch das hierauf folgende\nbewegtere Allegretto mit seinen naiven, kurzen Vor-\nschlägen (von welchen, beiläufig und sub rosa gesagt, der\nzweite Tact etwas sehr naiv nach Octaven klingt, veran-\nlasst durch das einzig überzählige a der Mittelstimme) sucht\nnoch diesen Charakter festzuhalten. Dagegen will das\nPresto, namentlich mit seinen drei ersten Zeilen in der Ton-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560329-01.1.6", "texte": "art E-moll,nicht in diesen ruhigen Idyllen-Charakter hin-\nein passen; denn es ist etwas Unruhiges und Schmerzvol-\nles darin. Das ist nun auch zwar allerdings immer ein\nsidvXXiov, ein Bild; aber so eine Zerrissenheit des Ge-\nmüthes kennt das glückliche Hirtenvolk Arkadiens nun\neinmal nicht.\nHeinrich Strauss, Erinnerung an Böhmen. Sechs\nPhantasiebilder für das Pianoforte. Op. 7. Leip-\nzig, Breitkopf & Härtel. Preis 1 Thlr. 5 Ngr.\nDer Verfasser gibt hier ein Bild von einer Reise nach\nBöhmen; seine Phantasie ist darauf gerichtet, dasjenige in\nTönen zu schildern, was er an verschiedenen Punkten sei-\nner Reise empfand, und somit entstanden diese sechs Bil-\nder mit der Ueberschrift: 1) Wanderlust, 2) Lustige Fahrt,\n3) In Dobrzisch, 4) Am Althütten-Teich, 5) Im Walde\nund 6) Abend-Hymne. Ohne zu suchen und zu coquetti-\nren, ohne in affectirter Empfindelei zu schwärmen, gibt sich\nder Componist, wie er ist, natürlich. Dabei sind manche\nZüge von Originalität sichtbar und zugleich meist interes-\nsante Melodieen. T** Das sind.aber alles Punkte, die\nvom Verfasser festzuhalten sind, die zugleich bezeugen,\ndass er auf dem geraden, richtigen Kunstwege sich befin-\ndet. Mögen auch einzelne FäSle vorkommen, wo der Becher\nüberschäumt:\nso ist doch immer eine gewisse gesunde Natur kraft dahinter.\nNr. 1 fängt frisch an mit dem heiteren Aber\ndas schlägt auf einmal in Moll um. Was ist das? Will\ndenn etwa aus dem engen, gewohnten Stubenraume die\nalte Sorge mitziehen? Fast scheint es so. Aber ringsum ist\nja Sonnenschein, frische Luft und Lerchenjubel da ringt\nplötzlich, und zwar siegreich, der gute Muth sich empor\naus dem Drucke, der ihn schon zu beschleichen und zu\nfesseln drohte, und —fort geht's in die schöne freie Gottes-\nwelt hinaus! —Nr. 2. Natürliche Melodieen, dabei Gemüt-\nlichkeit. Obgleich auch dieser im Bilde ein feindliches Un-\ngefähr entgegentritt, so . behauptet sie sich standhaft.\nWird uns auch in Nr. 3 dem Titel nach nicht klar, was\nder Componist im Sinne gehabt, hier auszudrücken, so fin-\nden sich doch viele gemüthliche Züge darin, die den Zu-\nhörer beschäftigen und interessiren werden. Nr. 4.H-moll.\nDie sich zu Anfange so charakteristisch ausprägende Ruhe\nfesselt die Phantasie und kann wohl einen Landschaftsmaler\noder Dichter begeistern, ein Gegenbild zu den Tönen zu\nschaffen. Der Componist liebt es, wie auch schon in einigen\nvorhergehenden Nummern, die Melodie der Oberstimme im\nBass zu wiederholen und nun wiederum derselben durch\ndie Oberstimme eine neue Begleitung anzufügen, was so-\nwohl zur Einheit als zur Mannigfaltigkeit beiträgt und eben\nauch in letzterer Hinsicht noch einen gewissen Reiz ver-\nleiht.— Nr. 5. Im Walde ist man fröhlich. Oder wär's der\nComponist etwa nicht? Da ruht ja der Mensch, von tau-\nsendfachem Grün umhüllt, so recht eigentlich am Herzen\nund Busen der Mutter Natur. Und indem er sich ihr so\nrecht nahe fühlt im beseligenden Anschauen ihrer ewigen\nSchöne, da rauschen ihm die Blätter, da rieselt ihm der\nBach den Waldesgruss entgegen. —Nr. 6, Abendläuten, ist\nbesonders poetisch und originel. In dieser Beziehung her-\nvorzuheben der Schluss des Mittelsatzes vor dem\nWiederanfange der Haupt-Tonart Es-dur. Dieser Satz ist\nunstreitig von allen der beste. Das Ganze verlangt keine\ngrosse Anstrengung im Spiel und wird sich auch noch hie-\ndurch Freunde erwerben.\nHenri Strauss, Arabesques\nmance, Capricej pour le Piano. Op. 10. Leipsic,\nchez Breitkopf &f HärPreis 2 5 Ngr.\nDer Hauptsatz von Nr. 1, Ballade\n%). 'st seinem Charakter nach schon in dem Tone gehal-\nten, der irgend einem ernst-gewichtigen Lebens-Abrisse\neiner Vorzeit zukommt und sich somit auch in ein düsteres\nGrau verhüllt. Zur Vermittlung dieses trüben E-moll soll\nnun der Mittelsatz G-durbeitragen; auch das tonisch ver-\nwandte E-durstimmt nicht nur mit diesem überein, son-\ndern auch mit der ursprünglichen Klageweise selbst, wie\nes den Anschein hat, diese zu mildern oder doch wenig-\nstens in stille Wehmuth zu lösen. Aber—„hin ist hin und\ntodt ist todt.\" —Nr. 2 zeigt Gemüth und Empfindung. Die\nModulation ist zuweilen kühn und überraschend, die Spiel-\nart wieder nicht schwer und nicht unbequem,, welches letz-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560329-01.1.7", "texte": "tere überhaupt wohl zu den Ausnahmen der neueren Cla-\nvier-Compositionen gerechnet werden dürfte. Die Wieder-\nkehr der Melodieen macht es dem Spieler oder Zuhörer\nmöglich, seine vorigen Gedanken dabei wieder anzuknüpfen\nund weiter fortzuführen. Entbehren also auch und wie\nes gewöhnlieh gar nicht anders sein kann diese Tonbilder\naller scharfen Umrisse, so sucht sich doch jede Phantasie\nselbst einen eigenen heraus, der zu einem Bilde sich gestal-\ntet und der individuellen Gemüths-Anschauung entspricht.\nNr. 3, Caprice, ist frisch und pikant und für den Spie-\nler gar nicht so caprrciös, als der Name vielleicht vermu-\nthen lässt, indem gerade hier, und gewöhnlich recht mit\nAbsicht, Steine zum Wegräumen, Umgehen, auch wohl\nUeberspringen in den Weg gelegt werden. Das Thema ist\ngut durchgeführt. Nach einer richtigeren Orthographie wäre\ndas nachstehende ais in b umzuschreiben (als harmonische\nkleine None) und aus eben dem Grunde auch später das\nfisis in g zu verwandeln. Es muss doch Alles auch seine\ngehörige Form haben.\nWoldemar Heller, Walzer, Mazurka, für\ndas Pianoforte. Op. 4. Leipzig, bei Breitkopf &\nHärtel. Preis 10 Ngr.\nMehr zur Mazurka sich neigend, im Aligemeinen aber\nwie dies auch bei der Polonaise z. B. der Fall nicht\niür den Tanz geschrieben. Die Melodieen sind im Ganzen\nansprechend und zugleich in ihrer Verbindung wohl geord-\nnet, so dass dadurch das Interesse immer rege erhalten\nwird. Als Salonstück ist die vorliegende Composition nicht\nschwer auszuführen trotz einiger Sprünge im Bass.\nWoldemar Heller, Jagdscene, ein Ciavierstück.\nOp. 6. Leipzig, bei Breitkopf & Härtel. Pr. 15 Ngr.\nEine Art Genrebild, aus welchem der Zuhörer oder\nSpieler schon manches dem Titel Analoge selbst herausfin-\nden wird. Das Haupt-Thema gibt das Bild einer Fanfare,\nbei des Hirsches Nähe oder dessen Sichtbarwerden erklin-\ngend. Der aber ist auf einmal verschwunden; die bereits\nwild aufgeregte Meute ist nun plötzlich wie verwirrt und\nsucht die verlorene Spur. Lange irrt sie herum mit Unge-\nduld; endlich ras't sie wieder vorwärts, denn die Fährte\nist wiedergefunden, was auch die erste Fanfare verkündet,\nund bald fällt das erschöpfte Thier als Beute der Jäger.\nAls das vollendetste musicalische Jagdbild in der Tonmalerei\nwelche überhaupt schon so oft und verschiedenartig be-\nurtheilt worden ist gilt als unstreitig bis jetzt noch der\nJagdchor in Haydn's Jahreszeiten. Noch sind zwei auf diese\nKategorie bezügliche Ouvertüren mit zu erwähnen: Mehul,\nLa chasse du jeune Henri, und Fr. Schneider, Jagd-Ouver-\nture, mit Anwendung der (ehemaligen dessauer Parforce-)\nJagd-Signale. Die Natürlichkeit und Einfachheit in dem\nmelodischen Theile, so wie die nicht eben schwere Aus-\nführung werden beiderseitig gewiss Interesse für diese Com-\nposition erwecken.\nWoldemar Heller, Taranteile. Op. 5 in\nund Op. 1 in D-moll. Leipzig, bei Breitkopf &\nHärtel. Jede zu 15 Ngr.\nIm %-Tact von Nr. 1 spiegelt sich ein bewegtes süd-\nliches Leben, wie das diesen nationalen Tanz überhaupt\ncharakterisirt, ab. Die Melodie hat eigentümlichen Reiz\ndurch unerwartete pikante Wendungen, die aber doch zu-\ngleich so im Fluss, so natürlich erscheinen, dass man fast\nvermuthen möchte, der Componist habe sie wirklich auf\nitalischem Boden abgelauscht. Besonders hervorzuheben\nSeite 4, Zeile 3 und 4. Obschon das Tempo ein rasches\n(Presto) ist, so spielt sich diese Tarantelle auch dankbar und\nzugleich interessant, gerade wie die bekannten Etüden von\ndes Componisten Namens-Verwandtem (?) Stephen Heller.\nIn Nr. 2, gleichfalls Presto,stellt sich so recht wie\ntrotzig vor die Haupt-Melodie ein kurz und angeschla-\ngener D-moll-Accord,der den Beginn derselben sowohl\noriginel als pikant eröffnet:"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560329-01.1.8", "texte": "An Reiz wie Charakteristik in der Melodie steht diese Com-\nposition der vorhergehenden nicht nach, gewinnt vielleicht\nnoch zahlreichere Liebhaber, unter welche auch Referent\nmit gehört. Dass nun diese beiden Tarantellen zur besseren\nSorte der Salonmusik zu zählen, braucht nach dem Vorher-\ngehenden nicht erst versichert rzu werden; nur mag es\nnoch gesagt sein, dass es noth that, mit der Einfachheit\nund gesunden Natur der Outrirt- und Blasirtheit, der all-\ngemeinen Unnatur und dem grossen Nichts der modernen\nSalon-Romantik entweder den Rucken zuzukehren oder\nwie der oben erwähnte D-moll-Accord kühn und trotzig\ndie Spitze zu bieten.\n\nL. Kindscher.\n\nAus Barmen.\nAus dem Monat Februar und Anfang März haben wir noch\nüber eine Soiree für Kammermusik am 10. Februar, eine\nmusicalische Abend unterhaltung der Liedertafel am 21.\nFebruar und über das Concert des Hrn. Musik-Directors C. Rein-\necke am 1. März zu berichten. In der Soiree hörten wir ein\nTrio für Piano, Violine und Violoncell von Ed. Franck und das\nkleinere B-dur-Trio von Beethoven (Op. 11); ausserdem zwei\nSchottische Lieder von Beethoven: „Der treue Johnie\" und\n„Das Bäschen in meinem Strässchen44, gesungen von Fräulein EL\nMann, und Mendelssohn's Allegro brillant für Pianoforte zu vier\nHänden, vorgetragen von den Herren Reine cke und Schmitz.\nIn der Abendunterhaltung der Liedertafel gefielen vorzugsweise\ndie zwei Lieder von F. Hill er: „Wie ist doch die Erde so schön\"\nund „Frühlings-Einzug44, für Sopran-Solo (Fräul. Mann) und Män-\nnerchor, dann die Volkslieder nach der Bearbeitung von J. Rietz\nund der Vortrag der F-dur-Sonate von Beethoven für Piano\nund Violine durch die Herren Rein ecke und Posse.\nDas Concert von Herrn Rein ecke hatte ein sehr reiches Pro-\ngramm trefflicher Musikstücke. Der Concerigeber selbst trug ein\nConcertstück für Pianoforte von seiner Composition und das Con-\ncert von Joh. Seb. Bach mit der Original-Quintett-Begleitung\nvor, spielte ferner Beethoven's C-moU-Sonaie für Piano und\nVioline mit Herrn Franz Seiss aus Düsseldorf, ein Notturno von\nF. Chopin und St. Hell er's „Auf Flügeln des Gesangs'4. Nach\ndem letzteren gerufen, gab er noch einen Marsch von F. Hill er\nzu. Der Beifall war ausserordentlich. Ueberhaupt war das Publicum\nden ganzen Abend hindurch sehr angeregt, und wir billigen es\nsehr, wenn die Zuhörer in Concerten Theilnahme und Beifall auf\nlebhafte Weise bekunden ; die wahre Stimmung für die Ausfüh-\nrung und Aufnahme der musicalischen Kunstwerke erzeugt sich\nnur durch eine lebendige Wechselwirkung zwischen den Empfan-\ngenden und Gebenden. Ein kaltes Schweigen mag vielleicht sehr\nvornehm sein; wir halten es aber mit denen, die es nicht iür bla-\nmable halten, das, was sie fühlen, auch auszusprechen und laut zu\nbekunden. F. Hiller's Paler nosier für zwei Chöre gefiel aus-\nserordentlich, eben so der Vortrag des Vioiin-Concertes „Gesang-\nscene44 von L. Spohr durch Herrn F. Seiss. Den Sologesang\nhatte das ausgezeichnete Sängerpaar Herr und Frau P. aus Düs-\nseldorf freundlichst übernommen. Wir hörten aus Mozart's Figaro\ndas Duett „So lang' hab' ich geschmachtet44 lind die Sopran-Arie\nder Susanne in F-dur, „Das Familien-Gemälde44 (Duett iür Sopran\nund Bariton) von R. Schumann, „Schöne Blümlein44 und „Früh-\nlingsblumen44 für Sopran (mit obligater Violine) und drei „Kinder-\nLieder\" von C. Reinecke. Frau P. Musste bei dem nicht enden wol-\nlenden Applaus nach dem reizenden Vortrage der letztgenannten\nLieder noch eines zugeben, und auch Herr P. konnte sich der\nWiederholung von Freiligrath s und Lowe's Ballade „Prinz Eugen,\nder edle Ritter\" nicht entziehen.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nAffin. In der musicalischen Gesellschaft hörten wir mit gros-\nsem Vergnügen den Vortrag des Capriccio für Piano und Orchester\nvon F. Mendelssohn-Bartholdy durch einen jungen Dilet-\ntanten, Schüler des Herrn Ergmann; das Spiel zeichnete sich\ndurch Präcision und Reinlichkeit und eine in solchen Jahren sel-\ntene Ruhe vorteilhaft aus. In der philharmonischen Gesell-\nschaft ärntete der blinde Flötenspieler Ed. Michelmann durch\nmehrere Vorträge den lebhaftesten Beifall.\nHerr Musik-Dircctor Reint h a 1 e r ist nach London ge-\nreis't, um sein Oratorium „Jephta und seine Tochter44 dort aufzu-\nführen.\nAm 27. d.Mts. gaben die Geschwister Nina und Karl Hart-\nmann eine zahlreich besuchte Soiree im Hotel Disch. Fräul. Nina\nH. sang zwei Lieder (von Mendelssohn?) und mit Herrn Kammer-\nsänger Koch das grosse Duett aus Linda; Herr Karl H. die Arie\naus der Zauberflöte „Dies Bildniss44 und zwei Lieder (von E. Koch\nund F. Derckum). Beide Geschwister haben von der Natur schöne,\nkräftige Stimmen erhalten (die Tenorstimme von Karl H. scheint\nuns aber mehr für die heroische als für die lyrische Gattung ge-\neignet), und zu ihrer musicalischen Ausbildung ist durch ihren\ntrefflichen Lehrer, Herrn Koch, bereits ein sehr guter Grund ge-\nlegt, auf welchem nur mit Fleiss und Ausdauer fortzubauen ist. Die\nH erren Breun ung, Pixis und B. Breuer spielten das C-moll-\nTrio von Beethoven, und die beiden Ersteren erfreuten noch\nbesonders durch den Vortrag der allerliebsten Pieces fugitives (drei\nNummern) für Piano und Violine von St. Heller (nicht Hiller,\nwie auf dem Programme irrthümlich stand) und Ernst.\n*** Maina. Der seitherige Musik-Director der mainzer Lieder-\ntafel, Herr Winkelmeier, sah sich genöthigt, in Folge eines\nhartnäckigen Nervenleidens seine Stelle niederzulegen, da er vor-\naussichtlich noch längere Zeit verhindert sein wird, seinem Berufe\nzu leben. Er wird diesen Sommer wiederholt das Nordsee-Bad\nHelgoland besuchen und später seinen Aufenthalt in Frankfurt am\nMain nehmen.\nam Main. Der Rühl'sche Gesang-Verein hat\nam 22. Februar J. Haydn's „Schöpfung44 vollständig und mit Or-\nchester aufgeführt und auf allgemeines Verlangen die schöne Auf-\nführung am 8. März wiederholt. Fräulein Veith sang die Par-\ntieen des Gabriel und der Eva ganz vortrefflich. Im Theater\nmacht „Raymond oder das Geheirnniss der Königin44 von Amb r.\nThomas fortwährend Glück.\nIn Neapel wurde am 12. März unter der Direction des Cava-\nliere Me read ante Rossinis Siabat maier gegeben und dabei\nvor dem ersten Theile eine Ouvertüre von Mercadante über Mo-\ntive aus dem Stabat und vor dem zweiten Rossini's Ouvertüre zu\nWilhelm Teil gespielt!\nRossini s neue Melodie La Separation (vielleicht ein Stamm-\nbuchblatt?) hat schon einen Bearbeiter an dem deutschen Pianisten\nKrüger in Paris gefunden. Er wird in seinem Jahres-Concert\ndiesmal neben Beethoven's grossem B-dur-Trio eine „Separation,\ntranscription-caprice sur la nouvelle melodie de Rossini66 spielen."}]}