{"numero_id": "bm-bmtnabi-1856-04-12-01", "volume": "bmtnabi_1856-04-12_01", "ocr_sha256": "6c1aa9a3222f27a32c8599c9e4ef0401318d7981341877e3d6dd6cf8734b805e", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1856/04/12_01/bmtnabi_1856-04-12_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1856-04-12-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-04-12_01#c001", "volume": "bmtnabi_1856-04-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "113", "page_fin": "113", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "113", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 266, "texte": "Inhalt.\nDas Beethoven-Fest in Boston. 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Sie gleicht einem hervorragenden\nMarksteine, der rückwärts zeigt auf einen Pfad mannig-\nfacher Anstrengungen des feinen Geschmacks und des\nSchönheitssinnes, um den Sieg davon zu tragen über die\nmateriellen Tendenzen des Nationalgeistes, und vorwärts\neine Aussicht eröffnet auf ein weites Feld künstlerischer\nIntelligenz und Befriedigung. Solch eine erste Statue ist an\nsich schon von Bedeutung; doch wenn es sich ereignet,\ndass ein solches Denkmal der Kunst zum Andenken des\nmächtigsten Meisters der erhabensten aller Künste, der\nMusik, errichtet wird, so können wir mit einem gewissen\nStolze als Nation auf den Zustand unseres Kunstsinnes hin-\nblicken. Die Einweihung einer Beethoven-Statue in der\nneuen Welt hat nicht nur die Bedeutung, den wahren Geist\nder Musik durch ein Ehren-Denkmal des grössten Compo-\nnisten der alten Welt anzuerkennen, sondern auch die, zu\ndem Versuche, seinem Beispiele zu folgen, aufzumuntern.\nIn diesem Geiste fasste Deutschland das Ereigniss\nauf, redeten seine ersten Musik- und Kunst-Zeitungen da-\nvon, freute sich die grosse Menge der Kunst-Liebhaber, und\nman feierte in München, wo die Statue gegossen und von\nwo aus sie nach unserem Lande befördert wurde, ein gros-\nses Fest, dem der König und die bedeutendsten Männer\nBaierns beiwohnten, und das mit all der Pracht, welche die\nmusicalischen Hülfsmittel Münchens darbieten, und all der\nBegeisterung, welche die Deutschen bei solchen Gelegen-\nheiten an den Tag legen, ausgeführt wurde. Die alte Welt\nschickte durch ihre Jünger der Kunst einen herzlichen\nGruss des Dankes nach unserer Meeresküste herüber lür\ndie Achtung, die wir ihrem grössten Meister zollten; die\nalte Welt hatte einen neuen Grund der Freundschaft und\nBewunderung für die neue gefunden. Die Errichtung einer\nBeethoven-Statue in Erz durch zwei americanische Künst-\nler, von denen der eine den Wunsch ins Leben gerufen\nund der andere den wichtigsten Theil der künstlerischen\nAusführung auf ganz uneigennützige Weise übernommen,\nwurde von den deutschen Künstlern als ein Appel von Na-\ntion zu Nation, als ein National-Ereigniss, das beiden Län-\ndern Ehre macht, gepriesen.\nLasst uns nun sehen, wie dieses Ereigniss in Boston\ngefeiert wurde, wo einer der Geber der Statue wohnt und\nwo sie in Folge dessen ihren bleibenden Ehrenplatz gefun-\nden hat. Da müssen wir denn freilich gestehen, dass die\nEinweihung unsere freudigen Gefühle sehr herabstimmte.\nDie grosse Mehrheit des Volkes nahm nicht die geringste\nNotiz, weder von Beethoven, noch von dem Feste, das ihm\nzu Ehren gegeben wurde. Ausserhalb der sah\nman kein Zeichen von Bewegung und festlicher Anregung,\nund in der Halle selbst, welche nur gefüllt, nicht gedrängt\nvoll war, und wo sogar viele bostoner Künstler nicht zuge-\ngen waren, sah man sich vergebens nach einer wirklichen\nBegeisterung um. Alle Welt betrachtete die Sache wie ein\nalltägliches Concert, dessen Geber wie gewöhnlich den\ngrössten Theil des Applauses erhielt.\nDie Ursache von alledem mag leicht in dem höchst\närmlichen Arrangement der ganzen Sache gefunden werden.\nAnstatt sie zu einem National-Ereignisse zu machen, indem\nman die bedeutendsten Künstler des Landes einlud, um\ndurch ihre Mitwirkung die Anstrengungen des Comite's zu\nunterstützen, war das Fest gänzlich auf die Hülfsquellen\nund Kräfte bostoner Künstler und Dilettanten beschränkt.\nUnd da können wir nicht anders sagen, als dass nach den\nLeistungen am Feste zu urtheilen, diese Hülfsquellen und\nKräfte nur sehr gering sein müssen. Während des ganzen"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5256, "texte": "Abends erlebten wir nicht einen einzigen Moment von schla-\ngender Wirkung. Selbst wenn der Effect sehr leicht er-\nreicht werden konnte, schienen die Mitwirkenden weder das\nGeschick noch den Willen zu haben, die Gelegenheit zu\nbenutzen. Das Fallen der Hülle z. 8., welche die Statue\nbedeckte, war in der That mehr komisch als feierlich, und\nwurde mit einem tiefen Stillschweigen von Seiten des Or-\nchesters aufgenommen. Das Erscheinen der Gestalt des\ngrossen Meisters der Töne wurde nur mit einem kalten\nApplaus im Saale begrüsst, obgleich jeder Musiker sein In-\nstrument in der Hand hatte und, wenn irgendwo, so doch\ngewiss in diesem Augenblicke ein vollstimmiger harmoni-\nscher Gruss an der Stelle gewesen wäre. Dann folgte, eben\nso unbeachtet vorübergehend, ein Prolog, von dessen Ver-\nfasser, Mr. W. W. Story, gesprochen, welcher als werth-\nvolle Poesie ein besseres Schicksal verdient hätte. Endlich\nbegann der wichtigste Theil des Festes, die musicalische\nAufführung.\nWir haben so oft von dem hohen Standpunkte Bostons\nin musicalischer Hinsicht gesprochen, dass wir kaum unse-\nren Augen trauten, als wir das Programm sahen. Kein ein-\nziges Werk vollständig, mit Ausnahme der Phantasie mit\nChor, Op. 80, keine Ouvertüre, nur ein unbedeutender\nChor aus Christus am Oelberge, und die Sinfonie mit Chö-\nren ohne Chöre! Dabei fasst einen ein ästhetisches Grau-\nsen. „Aber\", sagen jene, welche sich zu entschuldigen\nsuchen, „wir hatten weder Zeit noch Mittel, um so ein\ngrosses Werk, wie die neunte Sinfonie, vollständig aufzu-\nführen.\" Zeit? Ihr haltet Monate, Euch vorzubereiten, und\nwas die Mittel anbelangt, so war an demselbigen Fest-\nAbende eine hinreichende Anzahl von Chor- und Solo-Sän-\ngern in der Halle, um auch den letzten Satz der Sinfonie\nauszuführen. Freilich, Beethoven's musicalische Darstellung\nder Freude erfordert nicht nur hohe, sondern auch gut ge-\nübte Stimmen, und lässt den Sängern nicht jene angenehme\nSorglosigkeit, der sie sich bei Rossini's oder Donizetti's\nMusik hingeben. Aber mit Begeisterung, Energie und wah-\nrer Kunstliebe können 140 Chorsänger wohl noch schwie-\nrigere Aufgaben lösen, als die Aufführung des vierten Satzes\nder gewaltigen neunten Sinfonie. Und wenn Boston keinen\nTenor und keinen Bass hat, um die Solo-Partieen zu sin-\ngen, warum sah das Comite sich nicht auswärts um?\nSicherlich sind in New-York viele Künstler, die dieser Soli\nmächtig sind und die auch mit derselben Bereitwilligkeit\nihren Beistand nicht versagt haben würden, wie alle Mit-\nwirkenden bei dieser Gelegenheit. Wohin wir auch blicken,\neine Entschuldigung zu suchen, es ist vergebens ; nur das\nEine geben wir zu, dass die Aufführung des vierten Satzeg\ndie Piano-Phantasie mit Chor alsdann überflüssig gemacht\nhätte. Der irrthümlichen Behauptung aber, dass die neunte\nSinfonie auch in Deutschland oft ohne den vierten Satz ge-\nspielt werde, müssen wir entschieden entgegen treten; vor\n15 2O Jahren mag es bei Gelegenheiten geschehen sein,\naber in letzter Zeit ist die Sinfonie selbst in mancher klei-\nneren Stadt, auch nur durch die daselbst vorhandenen mu-\nsicalischen Kräfte, stets vollständig aufgeführt worden.\nDas Orchester bestand aus einigen und fünfzig Mit-\ngliedern. Wir wissen nicht genau, wie viele davon Saiten-\nund wie viele Blas-Instrumente spielten; aber wir fühlten\nein grosses Missverhältniss. Wenn auch die Halle in akusti-\nscher Weise nicht vorzüglich ist, so waren doch die Blas-\ninstrumente nicht deutlich genug, die Hörner sehr schwach\nund die Cello's und Contrabässe bei Weitem nicht füllend.\nDie drei Sätze spielte das Orchester unter der Leitung sei-\nnes geschickten und ileissigen Capellmeisters Mr. Zerr ahn\nin so fern gut, als es die Umrisse des Werkes zeigte. Die\nGestalt war da, aber weder Fleisch noch Farbe; es fehlte\ndas Leben, das sie haben muss, wenn sie auch uns beleben\nsoll. Es mangelte die höhere Eingebung und Begeisterung.\nDie Spieler schienen so beschäftigt mit dem genauen Wie-\ndergeben ihrer Noten, dass es ihnen unmöglich war, jene\nkünstlerische Sicherheit, jene Leichtigkeit des Ausdrucks\nzu entfalten, welche den wahren künstlerischen Vortrag\ncharakterisirt.\nObgleich nun die Ausführung dieser drei Sinfonie-Sätze\nunbefriedigend war, so war sie doch das Beste des Abends.\nMit dem letzten Hauche des B-dur-Accords am Schlüsse\ndes Adagio war das künstlerische Interesse des Festes zu\nEnde. Alles, was folgte, verfiel in das Reich der gewöhn-\nlichen Concertmusik; ja, die Orchester-Begleitung zu den\nSoli war noch mangelhafter und sorgloser, als man sie\nin gewöhnlichen Concerten hört. Mrs. Long, welche lür\ndie beste Concertsängerin in Boston gilt, sang die bekannte\nArie aus Fidelio: „Abscheulicher\", mehr in dem Charak-\nter des Anfangswortes, als in dem Geiste der Poesie und\nMusik. Sie hat weder die Methode noch das richtige Ge-\nfühl für diese Composition. Indessen mag sie sich trösten;\nwir haben berühmte Sängerinnen in dieser Arie durchfallen\ngehört, z. B. Fräul. Cruvelli u. a. m. Auch waren die Hör-\nner noch schlechter, als sie. Aber warum sang sie Italiä-\nnisch? Die Anwendung der italiänischen Sprache in einer\nMusik, wie die des Fidelio, bei Gelegenheit eines Festes zu\nEhren des grossen deutschen Componisten ist fast eben so\neigentümlich, wie die Anwendung einer Clavier-Begleitung"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "145", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2299, "texte": "bei dem folgenden Quartett aus derselben Oper: „Mir ist\nso wunderbar\", welches diesmal den grossen Vortheil hatte,\ndass es ein ähnliches Gelühl bei den Zuhörern hervorrief.\nEine Art Erholung war der Vortrag des Beelhoven'schen\nViolin-Concertes durch Mr. August Fries, wiewohl der\ndünne und manchmal unsichere Ton des Spielers nvir eine\närmliche Idee von dem Charakter und der Grossartigkeit\ndieser Composition zu geben vermochte. Da aber auch\ndiese Nummer des Programmes zu dem eigentümlichen\nRabatt auf alle Leistungen des Festes beitragen musste, so\nwar die folgende Bemerkung beigefügt: „Mit einer Gadenz,\nbesonders für Mr. August Fries geschrieben von dem be-\nrühmten leipziger Violinisten Ferdinand David.\"\nEndlich erhoben sich die Chorsänger. Sie waren müde,\nda sie den ganzen Abend gesessen hatten. Ihr Versuch zur\nThätigkeit durch die Ausführung des Hallelujah-Chors aus\nChristus am Oelberge war ein kurzer, bis sie wieder und\nzum letzten Male in der Chor-Phantasie Gelegenheit hatten,\nihre kostbaren Instrumente klingen zu lassen. Der Clavier-\ntheil dieser Phantasie, welche sonderbar genug auf dem\nProgramm „Preis der Harmonie\" genannt ist, wurde von\nMr. Perkins gespielt. Dieser Herr hat die Hälfte der\nStatue geschenkt: Mr. Crawford weigerte sich, eine Be-\nlohnung für das Modelliren anzunehmen; Mr. Perkins be-\nzählte den Guss, und nach dem bostoner Courier hatte er\ndie Statue der Musik-Halle „geliehen\". Desshalb wurde er\nmit unendlichen Hochs empfangen. Warum mussten wir\naber diesen Act der Grossmuth mit des Gebers eigenem\nAccompagnement feiern? Mr. Perkins mag ein guter\nComponist sein, aber er ist ein trauriger Ciavierspieler, und\ndurch seine dilettantische Wiedergabe der Composition\nBeethoven's erregte er die Vermuthung, dass dieses Musik-\nstück eher alles Andere, als ein „Preis der Harmonie\" sei.\nSo endete das Beethoven-Fest. Der grosse Compo-\nnist in eherner Gestalt sah ernst und finster auf die ganze\nGeschichte herab, und wenn Crawford, der edle Künstler,\nwelcher die Statue unentgeltlich modellirte, und dessen\nName nicht einmal beim Feste erwähnt wurde, den wahren\nCharakter und Geist im Antlitze des Componisten vielleicht\nverfehlt hat, so ist es ihm doch vollkommen gelungen, sei-\nnen Zügen den richtigen Ausdruck im Hinblicke auf diese\nFeier zu geben.\n(New-York M"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-04-12-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-04-12_01#c003", "volume": "bmtnabi_1856-04-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "145", "page_fin": "148", "image_debut": 3, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01.2.3", "titre_corps": "Musicalische Zustände in Darmstadt.", "titre_sommaire": "Musicalische Zustände in Darmstadt.", "signature_source": "A. 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Seit der emphatischen Begrüssung der neuen Mu-\nsik-Aera durch Richard Wagner's Tannhäuser und dessen\n„ungeheure Wirkung auf das kunstsinnige Publicum und\ngewisse Musiker dieser Stadt\"*) blieb Alles still und stumm.\nIndess schien mir jene Warnung nicht sonderlich gelähr-\nlich, da ich stets mit eigenen Sinnen zu prüfen gewohnt\nbin. Der Gedanke haftete fest, wenn nicht im Hoftheater,\nso doch in den philharmonischen Concerten oder im Dilet-\ntanten-Vereine werde Eines und Anderes zu hören sein,\ndas, einer grossherzoglichen Residenz würdig, den alten\nTraditionen sich anreihen, demnach wohl auch lobenswerth\nerscheinen könnte. Am Ende entscheidet ja bei dem billigen\nund erfahrenen Beurtheiler von Kunstsachen im Allgemei-\nnen ein redliches Streben aller Theilhabenden am meisten,\nzumal wenn es von untrüglichen Beweisen wahrhafter In-\ntelligenz und Energie Seitens der Leiter begleitet wird.\nBelebt oftmals nur ein thatkräftiger Geist das Institut, so\nwerden die Leistungen in diesem oder jenem Theile davon\nZeugniss geben, sollte gleichwohl das Ganze in Folge von\nGleichgültigkeit und Mangel an Kunstsinn von oben und\nunten viel zu wünschen übrig lassen.\nBei vollem Maasse von Unabhängigkeit nach jeder Seite\nwäre ich dennoch ausser Stande gewesen, Ihrem Wunsche\n\n*) Neue Zeitschrift für Musik, 1853."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "146", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5190, "texte": "zu entsprechen, Ihnen einen getreuen Abriss der hiesigen\nMusik-Verhältnisse und Zustände einzusenden, wenn nicht\nein aus weiter Ferne gekommenes Ungefähr zum Aufzeich-\nnen verholfen hätte. „Sollen wir wieder Seufzer ausstos-\nsen, die kein mitleidiges Echo finden, und wenn sie es ge-\nlunden, zur Abwehr nichts beitragen können? Das Uebel\nsitzt tiefer und bedarf einer radicalen Cur; dießecepte, die\nwir verschreiben, heilen solche Leiden nicht.\" Dieser\nKlageruf fiel mir auf Seite 164 des März-Heftes der\nwiener Monatschrift in die Augen. Er kennzeichnet\nauch meine Situation gut, darum finde er hier Platz. Aber\ngenanntes Heft bringt auch einen Correspondenz-Artikel\naus Darmstadt, und dieser vorab gibt den Impuls zu gegen-\nwärtigen Zeilen; denn nicht nur bietet er eine ansehnliche\nReihe von Stützpunkten, er lässt auch Lücken offen zum\nErgänzen, Anderes noch zu erklären. In ernsten Fällen be-\ndart es allezeit der Bezugnahme auf verwandte Stimmen,\num beim Leser Glauben und Vertrauen zu erwecken. Es\nverscheucht dies den Vorwurf schiefer oder ungerechter\nBeurtheilung, die vornehmlich an Orten zu gewärtigen ist,\nwo Kundgebungen ungeschminkter Wahrheit zu den ver-\npönten Handlungen zählen.\nDie darmstädter Correspondenz in der Monatschrift\nbemüht sich, den „Verfall des Hoftheaters\" und dessen Gründe\nmit scharfen Zügen vor Augen zu legen, ohne jedoch den\nHauptgrund der Dinge, allen sich darum Bekümmern-\nden wohl bekannt, mit einem Worte zu berühren. Dieser\nist im ästhetischen Geschmacke des höchsten Herrn zu su-\nchen, dem begreiflicher Weise Alles nachgeben rnuss. Und\nweil dem Ä das B folgt, C da ist, weil A und B da sind,\nso leiten sich aus diesen „Gesetzten\" die verschiedenen\nMöglichkeiten her, die anderwärts unmöglich. Hören wir\nzuvörderst einige Sätze aus jenem Artikel wortgetreu.\n.... „Unsere Bühne befindet sich in einer höchst be-\ntrübenden Lage. Ihr ganzer Zustand, so glänzend derselbe\nauch dem gleichgültigen oder ungebildeten Auge erscheinen\nmag, ist innerlich morsch und verderbt. . .. Ganz besonders\ngereicht es der Direction zum Vorwurf, dass sie bei ihrer\ngänzlichen Unzulänglichkeit nicht einmal Selbstverläugnung\ngenug besitzt, für das Amt der Regie und Dramaturgie\nsich bewährte Männer als Stützen zur Seite zu stellen.. ..\nLeider muss man bekennen, dass die Direction, trotz alier\nihrer Mängel, in dem Publicum im Ganzen eine bedeutende\nStütze findet. Eine Geschmacks-Verwilderung, eine so un-\nwürdige Anschauung von der Kunst herrscht hier, dass\nman es nicht begreifen kann, wie man seit Jahren hier den\nGeschmack systematisch untergräbt.... Und so weit ist\ndas Publicum, dass es dies alles (die Schrei-Manier im Ge-\nsänge) nicht sieht und hört kein Wunder: woher sollte\nes Belehrung schöpfen? Die alte Klage über Feilheit der\nKritik wiederholt sich auch bei uns, aber in abschrecken-\nder Weise: nichts als Lobhudeleien bieten die Blätter dem\nPublicum: einer entgegengesetzten Meinung verschliessen\nsie wohlweislich ihre Spalten. ...\"\nWas letztere Anlührung zunächst betrifft, so hätte der\nCorrespondent durch einen Beisatz einfach erklären sollen,\ndass das einzige mit Kunstkritik regelmässig sich befassende\nBlatt in D., „Die Muse\", von dem Dramaturgen des Thea-\nters redigirt wird, dessen amtliche Stellung ihm verbietet,\nanders als lobend zu referiren. Mit der angeschuldigten\nFeilheit der hiesigen Kritik hat es wohl weiter nichts auf\nsich, als was die Quelle der Freundschaft und Gefälligkeit\nanderswo auch zu Tage (ordert; mithin negative Feilheit.\nGanz besonders hätte der Correspondent den wesent-\nlichen Grund „des Unfertigen und Zerstückten in den Vor-\nstellungen\" damit motiviren sollen, dass der Oper nur zu\noft keine Zeit zu erforderlichen Proben gelassen wird; über-\ndies noch der wichtige Umstand, dass der allen Hauptpro-\nben von Anfang bis zu Ende beiwohnende höchste Direc-\ntor Wiederholungen und Verbesserungen im Vortrage un-\ngern sieht. Also durch! Es gehe, wie es gehen kann und\nmag. Von solchen Hindernissen begleitet, kommen Opern\nzur Aufführung, mögen sie gleichwohl schon über Jahr\nund Tag geruht haben.\nAuch der Punkt über „Geschmacks-Verwilderung des\nPublicums\" verdient Aufklärung. Ihre Quelle liegt ziemlich\nweit zurück. In Folge seiner Geschmacks-Richtung culti-\nvirte der Durchlauchtigste Capellmeister Ludwig I. vorzugs-\nweise die Prunk-Oper; daher seine Vorliebe !ür Spontini.\nDie anderen Kunstgattungen wurden vom grossherzoglichen\nHofe wenig oder gar nicht unterstützt. Das „kunstliebende\"\nPublicum war hinreichend contentirt, wenn es allsonntäg-\nlich viel zu schauen bekam und das Ohr durch Massen-\nEffecte des Orchesters und Chors tüchtig erschüttert wurde.\nHat der hiesige Gelühls-Thermomeler schon vor Jah-\nren richtig gezeigt, so fehlte dem Publicum immerhin das\nschönste Attribut des höheren geistigen Lebens: Begabung\nund Empfänglichkeit für Manifestationen aller schönen\nKünste, wenn sie das Individuum von der Scholle zu tren-\nnen und in höhere Regionen zu erheben sich bemüht ha-\nben. Gründe genug, aus denen sich der geringe Geschmack\nan Instrumental-Musik erklären lässt, der mit dem in der\ngrossherzoglichen Residenzstadt Schwerin rivalisiren kann\n(nach der Schilderung in Nr. 48 und 49 d. 81. im vorigen"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5259, "texte": "Jahre). Hamburg musste abbrennen, Rhein, Oder und an-\ndere Ströme mussten Verheerungen anrichten, überhaupt\nmussten grosse Unglücksfälle nahe und fern eintreten, bis\nes dem nun von seiner Wirksamkeit zurückgetretenen Hof-\nCapellmeister Wilhelm Mangold in einem so genann-\nten „ Wohlthätigkeits-Concerte\" gestaltet war, eine Sinfo-\nnie vollständig aufzuführen. Nur in solcher Wohlthätigkeits-\nStimmung war das Publicum so grossmüthig, sich von einer\nSinfonie langweilen zu lassen.\nWenn vorstehende Thatsachen den herrschenden Bil-\ndungs-Zustand genugsam bezeichnen, so geben sie zugleich\nden Maassstab für die Leistungen des Orchesters zur Hand.\nEs müsste dieses aus lauter Künstlern ersten Ranges zu-\nsammengesetzt sein, wenn es bei solcher Pflege der Kunst\nnicht alsbald in einen bedauerlichen Schlendrian verfallen\nsollte. Ausgemachte Künstler werden zurückschreiten, wenn\nsie nicht recht oft in Concurrenz kommen mit ihres Glei-\nchen oder mit über ihnen Stehenden. Das stete Anhören\nbloss eigener Leistung führt nothwendiger Weise zum\nRückschritte. Das hiesige Orchester lässt kaum mehr denn\ndrei künstlerisch ausgebildete Mitglieder auffinden, und\nzwar am Contrebass, am Violoncell und an der Clarinette.\nDie erste Violine ist sowohl in Hinsicht auf Tongebung\nals Kunstfähigkeit die schwächste Stimme in der Gesammt-\nMasse, die zweite Violine hingegen befriedigend. Die Bässe\nkratzen fast durchweg, die Violoncelle sind häufig uneins,\nund die Violen scheinen gar nicht vorhanden. Die Missstim-\nmung aber in den Blas-Inslrumenten ist der Gesammt-Wir-\nkung noch schädlicher. Oboe und Clarinetle nach Laune\nbald zu hoch, bald zu tief, Fagott regelmässig zu hoch;\ndem ganzen Corps fehlt vorzugsweise der Begriff von Fein-\nheit im Nuanciren. Diesem entspricht überhaupt die Ge-\nsammt-Leistung des Orchesters, zumal das Zusammenklin-\ngen aller Instrumente gemeiner Art ist, dies vornehm-\nlich im Concertsaale. Der Eine lässt die Schuld auf die In-\nstrumente, ein Anderer wiederum auf die Spieler fallen;\ngenug, die widrige Thalsache ist da, durch die jedoch kei-\nnes Menschen Ohr verletzt zu werden scheint. Man gebe\ndoch dem Orchester nur einmal Gelegenheit, einer Opern-\nVorstellung im mannheimer Thealer beizuwohnen, damit\nes von einem musterhaften Ensemble und seiner Schatti-\nrung, kurz: von wahrhaft künstlerischer Behandlung der\nTon-Organe einen guten Begriff erhalte.\nIn richtiger Erkenntniss dieser Uebelstände gründete\nder nunmehrige Hof-Capellmeister Schindelmeisser\nvor zwei Wintern die philharmonischen Concerte—nur vier\nper Semester —, um durch Cultivirung der Instrumental-\nMusik, dieses ausgedehnten Brachfeldes in hiesiger Land-\nschaft, nicht nur das Orchester empor zu richten, auch wo\nmöglich die Empfänglichkeit dalür in den höheren Ständen\nwach zu rufen. Das Unternehmen ist nach beiden Seiten\nschwierig und verspricht nur wenig oder keinen Erfolg. Die\nauffallend geringe Theilnahme und Kälte des Auditoriums\nist nicht geeignet, den Eifer des Dirigenten fest zu halten\nund dem Orchester Muth und Ausdauer einzuflössen. Nach\nwiederholter Anhörung dieser Concerte lebe ich der Ueber-\nzeugung, dass die beabsichtigte Orchester-Bildung, zunächst\nbloss auf diese Productionen beschränkt, nicht zu erreichen\nsein wird, wenn der Capellmeister nicht einen Theil der\nviermonatlichen Sommer-Ferien zu diesen Studien be-\nnutzt, wodurch er selber in mehrfacher Hinsicht gewinnen\ndürfte. Ob jedoch seine Bemühungen diesfalls vom Orchester\nmit Dank vergolten werden, lasse ich in Frage gestellt sein.\nUeber den Kunstgehalt der Leistungen des gesammten\nSängercorps am Theater mich ausführlich zu erklären, wer-\nden Sie mir erlassen. Es wäre eine nicht minder unerquick-\nliche Aufzeichnung. Man weiss ja, dass bestehende Verhält-\nnisse und herrschender Geschmack mächtigen Einfluss nach\njener Seite hin äussern; danach gestalten sich die Leistun-\ngen. Werden Opernsänger nicht durch vorwiegende Auto-\nrität des Capellmeisters im Zaume gehalten, geht nicht eine\nernste und einsichtsvolle Kritik dem Institute stets zur Seite,\nso sind Ausartungen unvermeidlich, da jene Herren und\nDamen in der Regel ihre Blicke nur nach aussen zu richten\npflegen und sich in ihren maasslosen Eitelkeiten und sonsti-\ngen Allotrien von dorther bestimmen lassen. Gewahrt man\nüberdies noch, dass Publicum und sogar höher stehende\nMusiker schon über das Stimm-Material eines Opern-Mit-\ngliedes in Ekstase gerathen können, wenn auch zu kunst-\ngerechtem Vortrage alles Wesentliche abgeht*), so wird\nman die Hoffnung auf baldiges Besserwerden tief herab-\nstimmen. Mit Vergnügen lüge ich hier bei, dass der Ihnen\nbekannte Bariton Becker seiner echt künstlerischen Vor-\ntragsweise getreu geblieben und es verschmäht, der belieb-\nten Schrei- und Brüll-Manier zu huldigen.\nEin Quartett-Verein existirt in Darmstadt nicht,\nhat auch öffentlich andauernd niemals existirt, nur im Pri-\nvatkreise, als noch Capellmeister W. Mangold (Baillot's Schü-\nler einstens) die Violine handhabte. Gegenwärtig ist keine\nVioline zu hören, die sich der Kammermusik nähern dürfte,\nwenn diese eine charakteristische Darstellung von Meister-\nwerken zum Zwecke haben und bildend für einen sinnigen\n\n*) Diese Schwäche bekundet sich im Augenblicke bei der gasti-\nrenden Sängerin von Lasslo-Doria in hohem Grade."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "148", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5174, "texte": "Zuhörerkreis sein soll. Das Violoncell wäre da, wenn auch\nhierbei die Anforderungen an schönen Ton nicht ganz er-\nfüllt werden.\nDer Dilettanten-Verein unter Leitung des Hof-\nMusik-Directors Karl Mangold besteht seit sechszehn\nJahren. Auch dieser Körper will nur mit dem vaterstädti-\nschen Maasse gemessen sein. Bass und Tenor sind gut und\nlassen ein durchweg einträchtiges Zusammengehen, auch\ngute Stimmen hören; vom Sopran und Alt kann dieses\nnicht gesagt werden, vielleicht in Folge von seltnerer\nUebung im Chorgesange und abgehender Vorbildung bei\nder Mehrzahl. Darum können nur leichte Vorlagen, wie\nMozart's Ave verum, zu künstlerischer Bedeutung sich er-\nheben. Ueber die Programme zu öffentlichen Vorträgen\n(meist buntes Stückwerk) wären gerechte Bedenken auszu-\nsprechen; vielleicht ist aber auch dies eine nothwendige\nConcession an den herrschenden Geschmack, der des Gros-\nsen und Zusammenhangenden in musicalischer Lyrik wenig\nverträgt, darum Abwechslung verlangt. Einer künstlerischen\nAufgabe im Sologesänge nur halbwegs zu genügen, vermag\nauch dieser Verein nicht, und theilt hierin gleiches Loos\nmit vielen anderen*). Am Charfreitage führte der Verein\nmit 80 90 Vocal-Stimmen und Zuziehung des grossher-\nzoglichen Orchesters Cherubini's Requiem in der\nStadtkirche auf. Bei diesem Werke traten die guten wie\nschlimmen Eigenschaften beider Körper noch merklicher\nhervor, als bei anderen, insbesondere im Orchester, dem\njeder Anhauch von künstlerischer Weihe zu richtiger Er-\nfassung derlei erhabener Tondichtungen abgeht. In Berüh-\nrung mit solchen Werken erscheint das Gemeine noch ge-\nmeiner. Dagegen erfreute sich Ihr Correspondent an der\ntadellosen Auffassung aller Theile des Werkes. Was sich\ndavon dem Gesangkörper mittheilen liess, hat Herr Mangold\nredlich gethan; die Sänger wiederum bestrebten sich, den\nIntentionen des Dirigenten aufs möglich beste zu ent-\nsprechen.\nEndlich und schliesslich.\nAus den Zeitungen wissen Sie wohl schon, dass Mann-\nheim, Mainz, Wiesbaden und Darmstadt nach Art der nie-\nderrheinischen Städte ein Bündniss zu gemeinschaftlich ab-\nzuhaltenden Musikfesten, jedoch mit einem anhangenden\nVolksfeste ä la Karlsruhe, geschlossen haben. Das erste\ndieser mittelrheinischen Feste soll zwischen dem\n25. August und 6. September d. J. im Hoftheater dieser\nStadt Statt finden. Es wäre eben nicht uninteressant, zu\nwissen, ob diesem Bündnisse nicht auch, wie zu Karlsruhe,\ndie Absicht untergelegt ist, vermittels grosser Musikfeste\neine Geschmacks-Reformation wenn auch nicht zu Gun-\nsten der Zukunfts-Musik zu bewirken. Diese Absicht\nwürde, vornehmlich hierorts, zweifelsohne eben so miss-\nglücken, wie jene (zufolge des Berichtes aus Karlsruhe in\ndiesem Kunst-Organe vom 1 5. März d. J. und in anderen\nBlättern) missglückt ist. Hätten die solche Festlichkeiten\nanregenden Männer nur eine schwache Erfahrung in derlei\nDingen, sie würden sich belehren lassen, dass, sollen grosse\nMusikfeste vortheilhaft auf Geschmacksbildung und nicht\nvielmehr verderblich wirken, der eigene häusliche Heerd\nlange und sorgsam vorher cultivirt werden muss. Man lehre\nvorher sein Publicum grosse Tonwerke, mit geringem Kraft-\nAufwande ausgeführt, überhören, würdigen und sich davon\nerheben zu lassen, bis man es vor Massen von 5—600\nAuslührenden setzt, von deren Wucht der ungeübte Sinn\nnotwendiger Weise erdrückt werden muss. Wo bleibt\ndann der Nutzen solcher Feste lür die Kunst im Allgemei-\nnen, wie für die Zuhörer im Speciellen? Indess scheint dies\nhier eben so wenig in Frage zu kommen, wie anderwärts\nes der Fall gewesen. Wir wollen eben auch Musikfeste und\nVolksspiele haben und werden sie haben. Wir werden uns\nam ersten Festtage nichts Geringeres als Händel's' Mes-\nsias, von Karl Mangold dirigirt, aufführen lassen, und am\nfolgenden Tage soll Beethoven's Sinfonia eroica\nnebst anderen Werken unter Schindelmeisser's Leitung er-\nklingen. Es sehe Jeder zu, was und wie viel er von dem\nGehörten mit nach Hause bringen könne.\n\n*) In diesem eben nicht erfreulichen Umstände dürfte der Grund\nzu suchen sein, der Herrn Musik-Director Mangold jüngst in\nder Hauptprobe von Cherubini's einen Vergleich zwi-\nschen diesem und dem Mozart'schen anzustellen veranlasst\nhat, der in Summa zum Yortheile des Cherubini'schen aus-\ngefallen, „weil dieses keine Solo-Stimmen erfordere, Solo-Stim-\nmen überhaupt nicht in die Kirche gehören.\" Wie wun-\nderlich, aber auch wie kühn! Indess habeat sibi! Bei der-\nselben Gelegenheit liess Herr Mangold auch Beethoven\nerklären, dass, sollte er jemals ein Requiem compo-\nniren, er sich daß C herubini'sch e zum Muster\nnehmen wolle. Ist diese Mystification etwa ausschliess-\nliches Eigenthum des Herrn Mangold, oder hat sie ein Prä-\ncedens? Erfahre Herr Mangold hiermit, dass Beethoven weder\ndas Requiem noch eine der Messen seines grossen Zeitgenos-\nsen kannte, aus dem einfachen Grunde, weil damals noch\nkeine Partituren davon existirt haben und das Hören ihm\nunmöglich gewesen. In dem Seite 124 ff. meines Buches mit-\ngetheilten Briefe Beethoven's an Cherubini vom Jahre 1823\nist ausdrücklich nur von „theatralischen Werken\" die Rede.\nDas eigenhändige Concept jenes Briefes bewahrt die könig-\nT*ibliöthek zu Berlin.\n\nA. S."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-04-12-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-04-12_01#c004", "volume": "bmtnabi_1856-04-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "149", "page_fin": "149", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01.2.4", "titre_corps": "Zehntes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale.", "titre_sommaire": "Zehntes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "149", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3534, "texte": "Zehntes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale.\nDinstag, den 8. April.\nProgramm: I. 1) Die Weihe der Töne, charakteristisches\nTongemälde in Form einer Sinfonie von L. Spohr; 2) Concert-\nArie von F. Mendelssohn, vorgetragen von Fräul. Francisca\nYeilh; 3) ■ie und Credo aus der zur Krönungsfeier Karl's X.\ncomponirlen Messe von Cherubini. — II. 4) Concert für Piano-\nforte und Orchester (G-dur) von L. van Beethoven, vorgetragen\nvon Herrn Ed. Franck; 5) Variationen von Rode, gesungen von\nFräul. F. Veith; 6) Ouvertüre zu Oberon von C. M. v. Weher.\nEs war für alle Verehrer Spohr's eine Freude, dass sein Name\ndie Spitze des Programms zierte, da sehr lange nichts von seinen\ngrösseren Compositionen hier aufgeführt worden. Hiller hatte das\ngegenwärtig gewählte Werk sehr sorgfältig einstudirt, so dass die\nAusführung eine recht gute genannt werden kann, wenn man über\neinige nicht zu ändernde Schwächen in den Blas-Instrumenten hin-\nwegsieht. Es ist sehr interessant, zu beobachten, wie Spohr, der in\ndieser Sinfonie auch schon der refleclirten Musik zu huldigen\nscheint, die Reflexion mit den Formen und dem Wesen der reinen\nMusik vereinigt, und eben dadurch, dass in ihm der musicalische\nGenius vorwaltet, sich gar sehr von den neuesten Koryphäen die-\nser Richtung unterscheidet. Wer die Gränzen der Tonmalerei stu-\ndiren will, der muss Beelhoven's Pastoral-Sinfonie und Spohr's\nWeihe der Töne studiren. Ein alter Oboist schüttelte einmal nach\ndem Andante der ersteren den Kopf und meinte: „Habe ich doch\nim Leben noch keine Wachtel im dreigestrichenen schlagen hö-\nren!» — Er fühlte eben nicht, dass dem Künstler die musicali-\nsche Combination der Töne (£ über der Wahrheit des\nNaturlautes stehen muss, wenn er Musik schreiben will. So ist\nauch namentlich in dem ersten Satze bei Spohr die wunderbare\nFeinheit der Arbeit in dem Verweben der Malerei mit den musi-\ncalischen Motiven, in der Führung der Melodieen mit der Schilde-\nrung der Stimmung hoch anzuschlagen.\nFräul. Veith, deren erste Versuche wir vor einigen Jahren in\ndiesen Blättern mit grossen Hoffnungen begrüsst haben, hat sich\nzu einer bedeutenden Sängerin herangebildet; bei der einnehmen-\nden äusseren Erscheinung und dem schönen musicalischen Talente\nderselben begreifen wir sehr wohl, dass sie auf der Bühne zu\nFrankfurt am Main binnen kurzer Zeit der Liebling des Publicum»\ngeworden ist. Sie wurde auch liier in ihrer Vaterstadt, die\nihren Kunst-Propheten eben nicht zu schmeicheln pflegt, mit Beifall\nüberhäuft. Es that schon sehr wohl, eine frische jugendliche Stimme\nzu hören; die Höhe dieser Stimme ist ausserordentlich schön, und\nim Vortrage hat die junge Künstlerin sowohl an Ausdruck und\nWärme als an technischer Fertigkeit sehr gewonnen. Wir wün-\nschen ihr zu der Stufe, die sie bereits erreicht hat, aufrichtig Glück.\nVon den zwei Sätzen aus der Cherubinischen Messe machte\ndas Credo den mächtigsten Eindruck. — Ed. Franck entzückte\ndurch den in jeder Hinsicht vollendeten Vortrag des Beethoven'-\nschen G-dwr-Concertes, jener wundervollen Composition, welche\nder vollen Seele des Meisters in einer ihrer zartesten und innig-\nsten Stimmungen entquollen ist. Und in eben solcher Stimmung\ngab sie Franck wieder, jede Note, jede Figur ein Klang, den ein\ngeistiger Hauch belebte, und das Ganze ein fesselndes Abbild der\nSchönheit musicalischer Kunst, üeber das Herrliche dieses Vor-\ntrages war Alles nur Eine Stimme; Ehre dem Publicum, welches\nihm mit der gespanntesten Aufmerksamkeit folgte und jeden batz\ndes Concertes mit dem lautesten Beifall aufnahm."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-04-12-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-04-12_01#c005", "volume": "bmtnabi_1856-04-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "149", "page_fin": "150", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "149", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01.1.7", "debut_caractere": 3536, "fin_caractere_exclue": 7501, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBerlin. Am 16. März gab Herr Bernhard Scholz aus\nMainz im Saale der neuen Akademie der Tonkunst eine Matinee.\nDas Programm enthielt ausschliesslich Compositionen des Concert-\ngebers: ein Streich-Quartett, zwei Clavier-Cömpositionen, zwei Lie-\nder und eine grosse Sonate für Pianoforte und Violine. Dass ein\njunger Componist vor geladenen Musikfreunden Proben seines Ta-\nlentes ablegt, ist an sich kein Ereigniss. Im gewöhnlichen Verlaufe\nder Dinge rufen ihm die berliner Journale einige freundliche W'orte\nnach, und damit ist die Sache abgethan. Auswärtige Zeitungen neh-\nmen nicht Notiz davon; sie haben ihre eigenen „kleinen Interessen\".\nWenn aber das Urtheil der Sachverständigen sowohl die hervorra-\ngende Begabung als die technische Gewandtheit des jungen Künst-\nlers so einmüthig anerkennt, wie in dem vorliegenden Falle, dann\nwird wohl mit Fug und Recht eine Ausnahme von der Regel ge-\nmacht. Herr B. Scholz hat die gewissenhafte Schule des Prof. S. W.\nDehn durchgemacht. Reinheit des Satzes im weitesten Sinne ist\nalso selbstverständlich. Selbst Feinheiten in der Behandlung der In-\nstrumente und des Gesanges ist man gewohnt noch auf Rechnung\ndieser Schule zu setzen. Ein Verdienst aber gebührt dem jungen\nComponisten ungetheilt: er hat, unbeirrt durch die abweichende\nPraxis unserer Zeit, seine reich sprudelnde Erfindung durch strenge\nStudien geläutert, bevor er sich in die Oeffentlichkeit wagte. So\nnothwendig und natürlich das an sich scheinen mag wir leben\neinmal in einer Zeit, wo man es dem Künstler hoch anrechnen\nmuss. Die Wissenschaft steht bei den „Tondichtern der Zukunft\"\nin Misscredit. Sie trauen ihren kräftigen Tuben- und Posaunen-\nstössen mehr Macht über das menschliche Herz zu, als dem poly-\nphonen Satze. Aber der Lohn für ernste Studien und hingebende\nVersenkung in die Meisterwerke eines Bach, Haydn, Mozart, Beet-\nhoven kann nicht ausbleiben. Einen neuen Beleg hielür geben uns\ndie Compositionen des Herrn B. Scholz. In ihnen finden wir keine\nSpur von musicalischer Tobsucht, nicht den leisesten Anflug einer\nkrankhaften Sehnsucht. Frei schweift der Blick in die weite Welt\nder Kunst. Hier ernst, dort heiter, hier wehmüthig, dort schalkhaft.\nSo sprudelt in dem Streich-Quartett {G-dur) die hellste Laune,\nselbst der misslaunige Basso ostinalo (im Trio des Scherzo) muss\nihr dienen. Das Andante (eine Fuge) macht zwar ein ernsteres Ge-\nsicht, aber nur, damit das Finale um so herzlicher lachen könne.\nAn dem Werke ist noch besonders hervorzuheben, dass es in der\nLänge Maass hält und schon desshalb zu Aufführungen sehr ge-\neignet ist. Noch schärfer trat die contrapunktische Gewandtheit des\nComponisten in den folgenden Ciavierwerken: Präludium und\nFuge in C-dur, Toccata und Ricercare (strengste Fuge) in\nD-moll heraus. Namentlich das letztere überraschte durch originelle\nErfindung und Schönheit der Behandlung/Hier sah man doch wie-\nder einmal Themen, die nicht gewaltsam in das Land des Canons\nund der Fuge übergesiedelt worden, sondern die allda ihre Heimat\nhaben. WTas die beiden Lieder betrifft, so war gar nicht zu\nverkennen, dass Herr Scholz auch hier dem würdigsten Vorbilde,\n■Ff. Schubert, nacheifert. Das schönste Stück des Programms war\nohne Zweifel die grosse Sonate in Es-dur für Pianoforte und\nVioline. Sie ist im grössten Stile gehalten. Das erste Allegro mit\nseinen markigen Themen, prächtigen Passagen und seiner geist-\nreichen Durcharbeitung nimmt den Hörer sofort für das Werk ein.\nDas funkelnde Scherzo ist voll von echtem, wahrem Humor, das\nausgeführte Adagio, durch ein herrliches Thema von Bach'scher\nGewalt eröffnet, ergiesst sich in breiten Wogen; der bacchantische\nTaumel des Finale schliesst das Werk glänzend ab. Der äusserst\ngünstige Erfolg dieser Aufführung wird dem Componisten ein Sporn\nzum Weiterstreben sein, und die errungene Wissenschaft ihn vor\ndem Schicksale einer Rakete, die um so schneller erlischt, je sprü-\nhendcr sie aufsteigt, sicherlich bewahren.\n\n12,"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "150", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 858, "texte": "Capellmeister Schmidt am Stadttheater zu Frankfurt am Main\nsoll einen ehrenvollen Ruf nach Schwerin erhalten haben.\nNach hiesigen Blättern wünscht die „k. k. Hoftheater-\nAgentie\" ein Opernbuch romantisch - humoristischer\nGattung zum Zwecke der Composition (durch wen?). Honorar\n3000 Stück Zwanziger oder 1000 Gulden.\nDer Musik-Director Jos. Gungl aus Berlin spielt jetzt mit sei-\nnem Orchester in Wien. Er hat es gewagt, den vulcanischen Bo-\nden, der von den Erschütterungen der Walzer- und Galopp-Cyklo-\npen Strauss nnd Lanner noch erbebt, zu betreten, und siehe! er\nhält sich aufrecht auf demselben, und man läuft und klatscht ihm zu.\nEin Componist sucht gegen angemessenes Honorar ein Li-\nbretto zu einer ein- oder mehractigen komischen Oper. Zu-\nschriften mit den näheren Bedingungen unter A. M. an die Re-\ndaction der Neuen Wiener Musik-Zeitung in Wien."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "113", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDas Beethoven-Fest in Boston. Musicalische Zustände in Darmstadt. Von A. S. Zehntes Gesellschafts-Concert in\nKöln. Tages- und Unterh altungsblatt (Berlin, Compositionen von Bernhard Scholz Capellmeister Schmidt Opern-Text-\nbücher gesucht für Wien, u. s. w.).\n\nDas Beethoven-Fest in Boston.\nDie Einweihung der ersten Künstler-Statue in Ame-\nrica ist gewiss für die musicalische Cultur dieses Landes\nein wichtiges Ereigniss. Sie gleicht einem hervorragenden\nMarksteine, der rückwärts zeigt auf einen Pfad mannig-\nfacher Anstrengungen des feinen Geschmacks und des\nSchönheitssinnes, um den Sieg davon zu tragen über die\nmateriellen Tendenzen des Nationalgeistes, und vorwärts\neine Aussicht eröffnet auf ein weites Feld künstlerischer\nIntelligenz und Befriedigung. Solch eine erste Statue ist an\nsich schon von Bedeutung; doch wenn es sich ereignet,\ndass ein solches Denkmal der Kunst zum Andenken des\nmächtigsten Meisters der erhabensten aller Künste, der\nMusik, errichtet wird, so können wir mit einem gewissen\nStolze als Nation auf den Zustand unseres Kunstsinnes hin-\nblicken. Die Einweihung einer Beethoven-Statue in der\nneuen Welt hat nicht nur die Bedeutung, den wahren Geist\nder Musik durch ein Ehren-Denkmal des grössten Compo-\nnisten der alten Welt anzuerkennen, sondern auch die, zu\ndem Versuche, seinem Beispiele zu folgen, aufzumuntern.\nIn diesem Geiste fasste Deutschland das Ereigniss\nauf, redeten seine ersten Musik- und Kunst-Zeitungen da-\nvon, freute sich die grosse Menge der Kunst-Liebhaber, und\nman feierte in München, wo die Statue gegossen und von\nwo aus sie nach unserem Lande befördert wurde, ein gros-\nses Fest, dem der König und die bedeutendsten Männer\nBaierns beiwohnten, und das mit all der Pracht, welche die\nmusicalischen Hülfsmittel Münchens darbieten, und all der\nBegeisterung, welche die Deutschen bei solchen Gelegen-\nheiten an den Tag legen, ausgeführt wurde. Die alte Welt\nschickte durch ihre Jünger der Kunst einen herzlichen\nGruss des Dankes nach unserer Meeresküste herüber lür\ndie Achtung, die wir ihrem grössten Meister zollten; die\nalte Welt hatte einen neuen Grund der Freundschaft und\nBewunderung für die neue gefunden. Die Errichtung einer\nBeethoven-Statue in Erz durch zwei americanische Künst-\nler, von denen der eine den Wunsch ins Leben gerufen\nund der andere den wichtigsten Theil der künstlerischen\nAusführung auf ganz uneigennützige Weise übernommen,\nwurde von den deutschen Künstlern als ein Appel von Na-\ntion zu Nation, als ein National-Ereigniss, das beiden Län-\ndern Ehre macht, gepriesen.\nLasst uns nun sehen, wie dieses Ereigniss in Boston\ngefeiert wurde, wo einer der Geber der Statue wohnt und\nwo sie in Folge dessen ihren bleibenden Ehrenplatz gefun-\nden hat. Da müssen wir denn freilich gestehen, dass die\nEinweihung unsere freudigen Gefühle sehr herabstimmte.\nDie grosse Mehrheit des Volkes nahm nicht die geringste\nNotiz, weder von Beethoven, noch von dem Feste, das ihm\nzu Ehren gegeben wurde. Ausserhalb der sah\nman kein Zeichen von Bewegung und festlicher Anregung,\nund in der Halle selbst, welche nur gefüllt, nicht gedrängt\nvoll war, und wo sogar viele bostoner Künstler nicht zuge-\ngen waren, sah man sich vergebens nach einer wirklichen\nBegeisterung um. Alle Welt betrachtete die Sache wie ein\nalltägliches Concert, dessen Geber wie gewöhnlich den\ngrössten Theil des Applauses erhielt.\nDie Ursache von alledem mag leicht in dem höchst\närmlichen Arrangement der ganzen Sache gefunden werden.\nAnstatt sie zu einem National-Ereignisse zu machen, indem\nman die bedeutendsten Künstler des Landes einlud, um\ndurch ihre Mitwirkung die Anstrengungen des Comite's zu\nunterstützen, war das Fest gänzlich auf die Hülfsquellen\nund Kräfte bostoner Künstler und Dilettanten beschränkt.\nUnd da können wir nicht anders sagen, als dass nach den\nLeistungen am Feste zu urtheilen, diese Hülfsquellen und\nKräfte nur sehr gering sein müssen. Während des ganzen"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01.1.2", "texte": "Abends erlebten wir nicht einen einzigen Moment von schla-\ngender Wirkung. Selbst wenn der Effect sehr leicht er-\nreicht werden konnte, schienen die Mitwirkenden weder das\nGeschick noch den Willen zu haben, die Gelegenheit zu\nbenutzen. Das Fallen der Hülle z. 8., welche die Statue\nbedeckte, war in der That mehr komisch als feierlich, und\nwurde mit einem tiefen Stillschweigen von Seiten des Or-\nchesters aufgenommen. Das Erscheinen der Gestalt des\ngrossen Meisters der Töne wurde nur mit einem kalten\nApplaus im Saale begrüsst, obgleich jeder Musiker sein In-\nstrument in der Hand hatte und, wenn irgendwo, so doch\ngewiss in diesem Augenblicke ein vollstimmiger harmoni-\nscher Gruss an der Stelle gewesen wäre. Dann folgte, eben\nso unbeachtet vorübergehend, ein Prolog, von dessen Ver-\nfasser, Mr. W. W. Story, gesprochen, welcher als werth-\nvolle Poesie ein besseres Schicksal verdient hätte. Endlich\nbegann der wichtigste Theil des Festes, die musicalische\nAufführung.\nWir haben so oft von dem hohen Standpunkte Bostons\nin musicalischer Hinsicht gesprochen, dass wir kaum unse-\nren Augen trauten, als wir das Programm sahen. Kein ein-\nziges Werk vollständig, mit Ausnahme der Phantasie mit\nChor, Op. 80, keine Ouvertüre, nur ein unbedeutender\nChor aus Christus am Oelberge, und die Sinfonie mit Chö-\nren ohne Chöre! Dabei fasst einen ein ästhetisches Grau-\nsen. „Aber\", sagen jene, welche sich zu entschuldigen\nsuchen, „wir hatten weder Zeit noch Mittel, um so ein\ngrosses Werk, wie die neunte Sinfonie, vollständig aufzu-\nführen.\" Zeit? Ihr haltet Monate, Euch vorzubereiten, und\nwas die Mittel anbelangt, so war an demselbigen Fest-\nAbende eine hinreichende Anzahl von Chor- und Solo-Sän-\ngern in der Halle, um auch den letzten Satz der Sinfonie\nauszuführen. Freilich, Beethoven's musicalische Darstellung\nder Freude erfordert nicht nur hohe, sondern auch gut ge-\nübte Stimmen, und lässt den Sängern nicht jene angenehme\nSorglosigkeit, der sie sich bei Rossini's oder Donizetti's\nMusik hingeben. Aber mit Begeisterung, Energie und wah-\nrer Kunstliebe können 140 Chorsänger wohl noch schwie-\nrigere Aufgaben lösen, als die Aufführung des vierten Satzes\nder gewaltigen neunten Sinfonie. Und wenn Boston keinen\nTenor und keinen Bass hat, um die Solo-Partieen zu sin-\ngen, warum sah das Comite sich nicht auswärts um?\nSicherlich sind in New-York viele Künstler, die dieser Soli\nmächtig sind und die auch mit derselben Bereitwilligkeit\nihren Beistand nicht versagt haben würden, wie alle Mit-\nwirkenden bei dieser Gelegenheit. Wohin wir auch blicken,\neine Entschuldigung zu suchen, es ist vergebens ; nur das\nEine geben wir zu, dass die Aufführung des vierten Satzeg\ndie Piano-Phantasie mit Chor alsdann überflüssig gemacht\nhätte. Der irrthümlichen Behauptung aber, dass die neunte\nSinfonie auch in Deutschland oft ohne den vierten Satz ge-\nspielt werde, müssen wir entschieden entgegen treten; vor\n15 2O Jahren mag es bei Gelegenheiten geschehen sein,\naber in letzter Zeit ist die Sinfonie selbst in mancher klei-\nneren Stadt, auch nur durch die daselbst vorhandenen mu-\nsicalischen Kräfte, stets vollständig aufgeführt worden.\nDas Orchester bestand aus einigen und fünfzig Mit-\ngliedern. Wir wissen nicht genau, wie viele davon Saiten-\nund wie viele Blas-Instrumente spielten; aber wir fühlten\nein grosses Missverhältniss. Wenn auch die Halle in akusti-\nscher Weise nicht vorzüglich ist, so waren doch die Blas-\ninstrumente nicht deutlich genug, die Hörner sehr schwach\nund die Cello's und Contrabässe bei Weitem nicht füllend.\nDie drei Sätze spielte das Orchester unter der Leitung sei-\nnes geschickten und ileissigen Capellmeisters Mr. Zerr ahn\nin so fern gut, als es die Umrisse des Werkes zeigte. Die\nGestalt war da, aber weder Fleisch noch Farbe; es fehlte\ndas Leben, das sie haben muss, wenn sie auch uns beleben\nsoll. Es mangelte die höhere Eingebung und Begeisterung.\nDie Spieler schienen so beschäftigt mit dem genauen Wie-\ndergeben ihrer Noten, dass es ihnen unmöglich war, jene\nkünstlerische Sicherheit, jene Leichtigkeit des Ausdrucks\nzu entfalten, welche den wahren künstlerischen Vortrag\ncharakterisirt.\nObgleich nun die Ausführung dieser drei Sinfonie-Sätze\nunbefriedigend war, so war sie doch das Beste des Abends.\nMit dem letzten Hauche des B-dur-Accords am Schlüsse\ndes Adagio war das künstlerische Interesse des Festes zu\nEnde. Alles, was folgte, verfiel in das Reich der gewöhn-\nlichen Concertmusik; ja, die Orchester-Begleitung zu den\nSoli war noch mangelhafter und sorgloser, als man sie\nin gewöhnlichen Concerten hört. Mrs. Long, welche lür\ndie beste Concertsängerin in Boston gilt, sang die bekannte\nArie aus Fidelio: „Abscheulicher\", mehr in dem Charak-\nter des Anfangswortes, als in dem Geiste der Poesie und\nMusik. Sie hat weder die Methode noch das richtige Ge-\nfühl für diese Composition. Indessen mag sie sich trösten;\nwir haben berühmte Sängerinnen in dieser Arie durchfallen\ngehört, z. B. Fräul. Cruvelli u. a. m. Auch waren die Hör-\nner noch schlechter, als sie. Aber warum sang sie Italiä-\nnisch? Die Anwendung der italiänischen Sprache in einer\nMusik, wie die des Fidelio, bei Gelegenheit eines Festes zu\nEhren des grossen deutschen Componisten ist fast eben so\neigentümlich, wie die Anwendung einer Clavier-Begleitung"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "145", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01.1.3", "texte": "bei dem folgenden Quartett aus derselben Oper: „Mir ist\nso wunderbar\", welches diesmal den grossen Vortheil hatte,\ndass es ein ähnliches Gelühl bei den Zuhörern hervorrief.\nEine Art Erholung war der Vortrag des Beelhoven'schen\nViolin-Concertes durch Mr. August Fries, wiewohl der\ndünne und manchmal unsichere Ton des Spielers nvir eine\närmliche Idee von dem Charakter und der Grossartigkeit\ndieser Composition zu geben vermochte. Da aber auch\ndiese Nummer des Programmes zu dem eigentümlichen\nRabatt auf alle Leistungen des Festes beitragen musste, so\nwar die folgende Bemerkung beigefügt: „Mit einer Gadenz,\nbesonders für Mr. August Fries geschrieben von dem be-\nrühmten leipziger Violinisten Ferdinand David.\"\nEndlich erhoben sich die Chorsänger. Sie waren müde,\nda sie den ganzen Abend gesessen hatten. Ihr Versuch zur\nThätigkeit durch die Ausführung des Hallelujah-Chors aus\nChristus am Oelberge war ein kurzer, bis sie wieder und\nzum letzten Male in der Chor-Phantasie Gelegenheit hatten,\nihre kostbaren Instrumente klingen zu lassen. Der Clavier-\ntheil dieser Phantasie, welche sonderbar genug auf dem\nProgramm „Preis der Harmonie\" genannt ist, wurde von\nMr. Perkins gespielt. Dieser Herr hat die Hälfte der\nStatue geschenkt: Mr. Crawford weigerte sich, eine Be-\nlohnung für das Modelliren anzunehmen; Mr. Perkins be-\nzählte den Guss, und nach dem bostoner Courier hatte er\ndie Statue der Musik-Halle „geliehen\". Desshalb wurde er\nmit unendlichen Hochs empfangen. Warum mussten wir\naber diesen Act der Grossmuth mit des Gebers eigenem\nAccompagnement feiern? Mr. Perkins mag ein guter\nComponist sein, aber er ist ein trauriger Ciavierspieler, und\ndurch seine dilettantische Wiedergabe der Composition\nBeethoven's erregte er die Vermuthung, dass dieses Musik-\nstück eher alles Andere, als ein „Preis der Harmonie\" sei.\nSo endete das Beethoven-Fest. Der grosse Compo-\nnist in eherner Gestalt sah ernst und finster auf die ganze\nGeschichte herab, und wenn Crawford, der edle Künstler,\nwelcher die Statue unentgeltlich modellirte, und dessen\nName nicht einmal beim Feste erwähnt wurde, den wahren\nCharakter und Geist im Antlitze des Componisten vielleicht\nverfehlt hat, so ist es ihm doch vollkommen gelungen, sei-\nnen Zügen den richtigen Ausdruck im Hinblicke auf diese\nFeier zu geben.\n(New-York M\n\nMusicalische Zustände in Darmstadt.\n\nAls Ihr Mitarbeiter im Weinberge der Niederrheini-\nschen Musik-Zeitung vor einigen Monaten aus Gesundheits-\nGründen das geräuschvolle Frankfurt mit dem stillen Darm-\nstadt für kurze Zeit vertauschte, hielt ihm ein hiesiger\nKunstfreund Dante's Worte entgegen:\nlasciate ogni speranza!\" Dann fuhr derselbe in gutem\nDeutsch fort: „Suchen Sie die umliegenden Wälder und\nForste auf und erfreuen Sie Sich an ihrem musterhaften\nCultur-Zustande; hüten Sie Sich aber wohl vor unseren\nKunst-Instituten, ausser Sie lassen jede Erinnerung an Gu-\ntes und wahrhaft Kunstwürdiges vor den Thüren zurück.\nDas Zeitalter, das lür unser Hoftheater, als den Brennpunkt\nalles unseres Kunst-Lebens und Fühlens, mit einiger Ein-\nschränkung des Begriffes das goldene benannt werden\nkonnte, ist mit L u d w i g I. zur Gruft hinabgestiegen (1830),\ndas gegenwärtige kann nur mit Blei oder Leder verglichen\nwerden.\"\nSie werden erkennen, dass der rückhaltlose Kunst-\nfreund den Fremdling auf keinen vortheilhaften Standpunkt\ngestellt hat, um das hiesige Kunstgebiet zu überschauen,\nvon dem die Musikwelt neuerer Zeit so wenig Kenntniss\nbesitzt. Seit der emphatischen Begrüssung der neuen Mu-\nsik-Aera durch Richard Wagner's Tannhäuser und dessen\n„ungeheure Wirkung auf das kunstsinnige Publicum und\ngewisse Musiker dieser Stadt\"*) blieb Alles still und stumm.\nIndess schien mir jene Warnung nicht sonderlich gelähr-\nlich, da ich stets mit eigenen Sinnen zu prüfen gewohnt\nbin. Der Gedanke haftete fest, wenn nicht im Hoftheater,\nso doch in den philharmonischen Concerten oder im Dilet-\ntanten-Vereine werde Eines und Anderes zu hören sein,\ndas, einer grossherzoglichen Residenz würdig, den alten\nTraditionen sich anreihen, demnach wohl auch lobenswerth\nerscheinen könnte. Am Ende entscheidet ja bei dem billigen\nund erfahrenen Beurtheiler von Kunstsachen im Allgemei-\nnen ein redliches Streben aller Theilhabenden am meisten,\nzumal wenn es von untrüglichen Beweisen wahrhafter In-\ntelligenz und Energie Seitens der Leiter begleitet wird.\nBelebt oftmals nur ein thatkräftiger Geist das Institut, so\nwerden die Leistungen in diesem oder jenem Theile davon\nZeugniss geben, sollte gleichwohl das Ganze in Folge von\nGleichgültigkeit und Mangel an Kunstsinn von oben und\nunten viel zu wünschen übrig lassen.\nBei vollem Maasse von Unabhängigkeit nach jeder Seite\nwäre ich dennoch ausser Stande gewesen, Ihrem Wunsche\n\n*) Neue Zeitschrift für Musik, 1853."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "146", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01.1.4", "texte": "zu entsprechen, Ihnen einen getreuen Abriss der hiesigen\nMusik-Verhältnisse und Zustände einzusenden, wenn nicht\nein aus weiter Ferne gekommenes Ungefähr zum Aufzeich-\nnen verholfen hätte. „Sollen wir wieder Seufzer ausstos-\nsen, die kein mitleidiges Echo finden, und wenn sie es ge-\nlunden, zur Abwehr nichts beitragen können? Das Uebel\nsitzt tiefer und bedarf einer radicalen Cur; dießecepte, die\nwir verschreiben, heilen solche Leiden nicht.\" Dieser\nKlageruf fiel mir auf Seite 164 des März-Heftes der\nwiener Monatschrift in die Augen. Er kennzeichnet\nauch meine Situation gut, darum finde er hier Platz. Aber\ngenanntes Heft bringt auch einen Correspondenz-Artikel\naus Darmstadt, und dieser vorab gibt den Impuls zu gegen-\nwärtigen Zeilen; denn nicht nur bietet er eine ansehnliche\nReihe von Stützpunkten, er lässt auch Lücken offen zum\nErgänzen, Anderes noch zu erklären. In ernsten Fällen be-\ndart es allezeit der Bezugnahme auf verwandte Stimmen,\num beim Leser Glauben und Vertrauen zu erwecken. Es\nverscheucht dies den Vorwurf schiefer oder ungerechter\nBeurtheilung, die vornehmlich an Orten zu gewärtigen ist,\nwo Kundgebungen ungeschminkter Wahrheit zu den ver-\npönten Handlungen zählen.\nDie darmstädter Correspondenz in der Monatschrift\nbemüht sich, den „Verfall des Hoftheaters\" und dessen Gründe\nmit scharfen Zügen vor Augen zu legen, ohne jedoch den\nHauptgrund der Dinge, allen sich darum Bekümmern-\nden wohl bekannt, mit einem Worte zu berühren. Dieser\nist im ästhetischen Geschmacke des höchsten Herrn zu su-\nchen, dem begreiflicher Weise Alles nachgeben rnuss. Und\nweil dem Ä das B folgt, C da ist, weil A und B da sind,\nso leiten sich aus diesen „Gesetzten\" die verschiedenen\nMöglichkeiten her, die anderwärts unmöglich. Hören wir\nzuvörderst einige Sätze aus jenem Artikel wortgetreu.\n.... „Unsere Bühne befindet sich in einer höchst be-\ntrübenden Lage. Ihr ganzer Zustand, so glänzend derselbe\nauch dem gleichgültigen oder ungebildeten Auge erscheinen\nmag, ist innerlich morsch und verderbt. . .. Ganz besonders\ngereicht es der Direction zum Vorwurf, dass sie bei ihrer\ngänzlichen Unzulänglichkeit nicht einmal Selbstverläugnung\ngenug besitzt, für das Amt der Regie und Dramaturgie\nsich bewährte Männer als Stützen zur Seite zu stellen.. ..\nLeider muss man bekennen, dass die Direction, trotz alier\nihrer Mängel, in dem Publicum im Ganzen eine bedeutende\nStütze findet. Eine Geschmacks-Verwilderung, eine so un-\nwürdige Anschauung von der Kunst herrscht hier, dass\nman es nicht begreifen kann, wie man seit Jahren hier den\nGeschmack systematisch untergräbt.... Und so weit ist\ndas Publicum, dass es dies alles (die Schrei-Manier im Ge-\nsänge) nicht sieht und hört kein Wunder: woher sollte\nes Belehrung schöpfen? Die alte Klage über Feilheit der\nKritik wiederholt sich auch bei uns, aber in abschrecken-\nder Weise: nichts als Lobhudeleien bieten die Blätter dem\nPublicum: einer entgegengesetzten Meinung verschliessen\nsie wohlweislich ihre Spalten. ...\"\nWas letztere Anlührung zunächst betrifft, so hätte der\nCorrespondent durch einen Beisatz einfach erklären sollen,\ndass das einzige mit Kunstkritik regelmässig sich befassende\nBlatt in D., „Die Muse\", von dem Dramaturgen des Thea-\nters redigirt wird, dessen amtliche Stellung ihm verbietet,\nanders als lobend zu referiren. Mit der angeschuldigten\nFeilheit der hiesigen Kritik hat es wohl weiter nichts auf\nsich, als was die Quelle der Freundschaft und Gefälligkeit\nanderswo auch zu Tage (ordert; mithin negative Feilheit.\nGanz besonders hätte der Correspondent den wesent-\nlichen Grund „des Unfertigen und Zerstückten in den Vor-\nstellungen\" damit motiviren sollen, dass der Oper nur zu\noft keine Zeit zu erforderlichen Proben gelassen wird; über-\ndies noch der wichtige Umstand, dass der allen Hauptpro-\nben von Anfang bis zu Ende beiwohnende höchste Direc-\ntor Wiederholungen und Verbesserungen im Vortrage un-\ngern sieht. Also durch! Es gehe, wie es gehen kann und\nmag. Von solchen Hindernissen begleitet, kommen Opern\nzur Aufführung, mögen sie gleichwohl schon über Jahr\nund Tag geruht haben.\nAuch der Punkt über „Geschmacks-Verwilderung des\nPublicums\" verdient Aufklärung. Ihre Quelle liegt ziemlich\nweit zurück. In Folge seiner Geschmacks-Richtung culti-\nvirte der Durchlauchtigste Capellmeister Ludwig I. vorzugs-\nweise die Prunk-Oper; daher seine Vorliebe !ür Spontini.\nDie anderen Kunstgattungen wurden vom grossherzoglichen\nHofe wenig oder gar nicht unterstützt. Das „kunstliebende\"\nPublicum war hinreichend contentirt, wenn es allsonntäg-\nlich viel zu schauen bekam und das Ohr durch Massen-\nEffecte des Orchesters und Chors tüchtig erschüttert wurde.\nHat der hiesige Gelühls-Thermomeler schon vor Jah-\nren richtig gezeigt, so fehlte dem Publicum immerhin das\nschönste Attribut des höheren geistigen Lebens: Begabung\nund Empfänglichkeit für Manifestationen aller schönen\nKünste, wenn sie das Individuum von der Scholle zu tren-\nnen und in höhere Regionen zu erheben sich bemüht ha-\nben. Gründe genug, aus denen sich der geringe Geschmack\nan Instrumental-Musik erklären lässt, der mit dem in der\ngrossherzoglichen Residenzstadt Schwerin rivalisiren kann\n(nach der Schilderung in Nr. 48 und 49 d. 81. im vorigen"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01.1.5", "texte": "Jahre). Hamburg musste abbrennen, Rhein, Oder und an-\ndere Ströme mussten Verheerungen anrichten, überhaupt\nmussten grosse Unglücksfälle nahe und fern eintreten, bis\nes dem nun von seiner Wirksamkeit zurückgetretenen Hof-\nCapellmeister Wilhelm Mangold in einem so genann-\nten „ Wohlthätigkeits-Concerte\" gestaltet war, eine Sinfo-\nnie vollständig aufzuführen. Nur in solcher Wohlthätigkeits-\nStimmung war das Publicum so grossmüthig, sich von einer\nSinfonie langweilen zu lassen.\nWenn vorstehende Thatsachen den herrschenden Bil-\ndungs-Zustand genugsam bezeichnen, so geben sie zugleich\nden Maassstab für die Leistungen des Orchesters zur Hand.\nEs müsste dieses aus lauter Künstlern ersten Ranges zu-\nsammengesetzt sein, wenn es bei solcher Pflege der Kunst\nnicht alsbald in einen bedauerlichen Schlendrian verfallen\nsollte. Ausgemachte Künstler werden zurückschreiten, wenn\nsie nicht recht oft in Concurrenz kommen mit ihres Glei-\nchen oder mit über ihnen Stehenden. Das stete Anhören\nbloss eigener Leistung führt nothwendiger Weise zum\nRückschritte. Das hiesige Orchester lässt kaum mehr denn\ndrei künstlerisch ausgebildete Mitglieder auffinden, und\nzwar am Contrebass, am Violoncell und an der Clarinette.\nDie erste Violine ist sowohl in Hinsicht auf Tongebung\nals Kunstfähigkeit die schwächste Stimme in der Gesammt-\nMasse, die zweite Violine hingegen befriedigend. Die Bässe\nkratzen fast durchweg, die Violoncelle sind häufig uneins,\nund die Violen scheinen gar nicht vorhanden. Die Missstim-\nmung aber in den Blas-Inslrumenten ist der Gesammt-Wir-\nkung noch schädlicher. Oboe und Clarinetle nach Laune\nbald zu hoch, bald zu tief, Fagott regelmässig zu hoch;\ndem ganzen Corps fehlt vorzugsweise der Begriff von Fein-\nheit im Nuanciren. Diesem entspricht überhaupt die Ge-\nsammt-Leistung des Orchesters, zumal das Zusammenklin-\ngen aller Instrumente gemeiner Art ist, dies vornehm-\nlich im Concertsaale. Der Eine lässt die Schuld auf die In-\nstrumente, ein Anderer wiederum auf die Spieler fallen;\ngenug, die widrige Thalsache ist da, durch die jedoch kei-\nnes Menschen Ohr verletzt zu werden scheint. Man gebe\ndoch dem Orchester nur einmal Gelegenheit, einer Opern-\nVorstellung im mannheimer Thealer beizuwohnen, damit\nes von einem musterhaften Ensemble und seiner Schatti-\nrung, kurz: von wahrhaft künstlerischer Behandlung der\nTon-Organe einen guten Begriff erhalte.\nIn richtiger Erkenntniss dieser Uebelstände gründete\nder nunmehrige Hof-Capellmeister Schindelmeisser\nvor zwei Wintern die philharmonischen Concerte—nur vier\nper Semester —, um durch Cultivirung der Instrumental-\nMusik, dieses ausgedehnten Brachfeldes in hiesiger Land-\nschaft, nicht nur das Orchester empor zu richten, auch wo\nmöglich die Empfänglichkeit dalür in den höheren Ständen\nwach zu rufen. Das Unternehmen ist nach beiden Seiten\nschwierig und verspricht nur wenig oder keinen Erfolg. Die\nauffallend geringe Theilnahme und Kälte des Auditoriums\nist nicht geeignet, den Eifer des Dirigenten fest zu halten\nund dem Orchester Muth und Ausdauer einzuflössen. Nach\nwiederholter Anhörung dieser Concerte lebe ich der Ueber-\nzeugung, dass die beabsichtigte Orchester-Bildung, zunächst\nbloss auf diese Productionen beschränkt, nicht zu erreichen\nsein wird, wenn der Capellmeister nicht einen Theil der\nviermonatlichen Sommer-Ferien zu diesen Studien be-\nnutzt, wodurch er selber in mehrfacher Hinsicht gewinnen\ndürfte. Ob jedoch seine Bemühungen diesfalls vom Orchester\nmit Dank vergolten werden, lasse ich in Frage gestellt sein.\nUeber den Kunstgehalt der Leistungen des gesammten\nSängercorps am Theater mich ausführlich zu erklären, wer-\nden Sie mir erlassen. Es wäre eine nicht minder unerquick-\nliche Aufzeichnung. Man weiss ja, dass bestehende Verhält-\nnisse und herrschender Geschmack mächtigen Einfluss nach\njener Seite hin äussern; danach gestalten sich die Leistun-\ngen. Werden Opernsänger nicht durch vorwiegende Auto-\nrität des Capellmeisters im Zaume gehalten, geht nicht eine\nernste und einsichtsvolle Kritik dem Institute stets zur Seite,\nso sind Ausartungen unvermeidlich, da jene Herren und\nDamen in der Regel ihre Blicke nur nach aussen zu richten\npflegen und sich in ihren maasslosen Eitelkeiten und sonsti-\ngen Allotrien von dorther bestimmen lassen. Gewahrt man\nüberdies noch, dass Publicum und sogar höher stehende\nMusiker schon über das Stimm-Material eines Opern-Mit-\ngliedes in Ekstase gerathen können, wenn auch zu kunst-\ngerechtem Vortrage alles Wesentliche abgeht*), so wird\nman die Hoffnung auf baldiges Besserwerden tief herab-\nstimmen. Mit Vergnügen lüge ich hier bei, dass der Ihnen\nbekannte Bariton Becker seiner echt künstlerischen Vor-\ntragsweise getreu geblieben und es verschmäht, der belieb-\nten Schrei- und Brüll-Manier zu huldigen.\nEin Quartett-Verein existirt in Darmstadt nicht,\nhat auch öffentlich andauernd niemals existirt, nur im Pri-\nvatkreise, als noch Capellmeister W. Mangold (Baillot's Schü-\nler einstens) die Violine handhabte. Gegenwärtig ist keine\nVioline zu hören, die sich der Kammermusik nähern dürfte,\nwenn diese eine charakteristische Darstellung von Meister-\nwerken zum Zwecke haben und bildend für einen sinnigen\n\n*) Diese Schwäche bekundet sich im Augenblicke bei der gasti-\nrenden Sängerin von Lasslo-Doria in hohem Grade."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "148", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01.1.6", "texte": "Zuhörerkreis sein soll. Das Violoncell wäre da, wenn auch\nhierbei die Anforderungen an schönen Ton nicht ganz er-\nfüllt werden.\nDer Dilettanten-Verein unter Leitung des Hof-\nMusik-Directors Karl Mangold besteht seit sechszehn\nJahren. Auch dieser Körper will nur mit dem vaterstädti-\nschen Maasse gemessen sein. Bass und Tenor sind gut und\nlassen ein durchweg einträchtiges Zusammengehen, auch\ngute Stimmen hören; vom Sopran und Alt kann dieses\nnicht gesagt werden, vielleicht in Folge von seltnerer\nUebung im Chorgesange und abgehender Vorbildung bei\nder Mehrzahl. Darum können nur leichte Vorlagen, wie\nMozart's Ave verum, zu künstlerischer Bedeutung sich er-\nheben. Ueber die Programme zu öffentlichen Vorträgen\n(meist buntes Stückwerk) wären gerechte Bedenken auszu-\nsprechen; vielleicht ist aber auch dies eine nothwendige\nConcession an den herrschenden Geschmack, der des Gros-\nsen und Zusammenhangenden in musicalischer Lyrik wenig\nverträgt, darum Abwechslung verlangt. Einer künstlerischen\nAufgabe im Sologesänge nur halbwegs zu genügen, vermag\nauch dieser Verein nicht, und theilt hierin gleiches Loos\nmit vielen anderen*). Am Charfreitage führte der Verein\nmit 80 90 Vocal-Stimmen und Zuziehung des grossher-\nzoglichen Orchesters Cherubini's Requiem in der\nStadtkirche auf. Bei diesem Werke traten die guten wie\nschlimmen Eigenschaften beider Körper noch merklicher\nhervor, als bei anderen, insbesondere im Orchester, dem\njeder Anhauch von künstlerischer Weihe zu richtiger Er-\nfassung derlei erhabener Tondichtungen abgeht. In Berüh-\nrung mit solchen Werken erscheint das Gemeine noch ge-\nmeiner. Dagegen erfreute sich Ihr Correspondent an der\ntadellosen Auffassung aller Theile des Werkes. Was sich\ndavon dem Gesangkörper mittheilen liess, hat Herr Mangold\nredlich gethan; die Sänger wiederum bestrebten sich, den\nIntentionen des Dirigenten aufs möglich beste zu ent-\nsprechen.\nEndlich und schliesslich.\nAus den Zeitungen wissen Sie wohl schon, dass Mann-\nheim, Mainz, Wiesbaden und Darmstadt nach Art der nie-\nderrheinischen Städte ein Bündniss zu gemeinschaftlich ab-\nzuhaltenden Musikfesten, jedoch mit einem anhangenden\nVolksfeste ä la Karlsruhe, geschlossen haben. Das erste\ndieser mittelrheinischen Feste soll zwischen dem\n25. August und 6. September d. J. im Hoftheater dieser\nStadt Statt finden. Es wäre eben nicht uninteressant, zu\nwissen, ob diesem Bündnisse nicht auch, wie zu Karlsruhe,\ndie Absicht untergelegt ist, vermittels grosser Musikfeste\neine Geschmacks-Reformation wenn auch nicht zu Gun-\nsten der Zukunfts-Musik zu bewirken. Diese Absicht\nwürde, vornehmlich hierorts, zweifelsohne eben so miss-\nglücken, wie jene (zufolge des Berichtes aus Karlsruhe in\ndiesem Kunst-Organe vom 1 5. März d. J. und in anderen\nBlättern) missglückt ist. Hätten die solche Festlichkeiten\nanregenden Männer nur eine schwache Erfahrung in derlei\nDingen, sie würden sich belehren lassen, dass, sollen grosse\nMusikfeste vortheilhaft auf Geschmacksbildung und nicht\nvielmehr verderblich wirken, der eigene häusliche Heerd\nlange und sorgsam vorher cultivirt werden muss. Man lehre\nvorher sein Publicum grosse Tonwerke, mit geringem Kraft-\nAufwande ausgeführt, überhören, würdigen und sich davon\nerheben zu lassen, bis man es vor Massen von 5—600\nAuslührenden setzt, von deren Wucht der ungeübte Sinn\nnotwendiger Weise erdrückt werden muss. Wo bleibt\ndann der Nutzen solcher Feste lür die Kunst im Allgemei-\nnen, wie für die Zuhörer im Speciellen? Indess scheint dies\nhier eben so wenig in Frage zu kommen, wie anderwärts\nes der Fall gewesen. Wir wollen eben auch Musikfeste und\nVolksspiele haben und werden sie haben. Wir werden uns\nam ersten Festtage nichts Geringeres als Händel's' Mes-\nsias, von Karl Mangold dirigirt, aufführen lassen, und am\nfolgenden Tage soll Beethoven's Sinfonia eroica\nnebst anderen Werken unter Schindelmeisser's Leitung er-\nklingen. Es sehe Jeder zu, was und wie viel er von dem\nGehörten mit nach Hause bringen könne.\n\n*) In diesem eben nicht erfreulichen Umstände dürfte der Grund\nzu suchen sein, der Herrn Musik-Director Mangold jüngst in\nder Hauptprobe von Cherubini's einen Vergleich zwi-\nschen diesem und dem Mozart'schen anzustellen veranlasst\nhat, der in Summa zum Yortheile des Cherubini'schen aus-\ngefallen, „weil dieses keine Solo-Stimmen erfordere, Solo-Stim-\nmen überhaupt nicht in die Kirche gehören.\" Wie wun-\nderlich, aber auch wie kühn! Indess habeat sibi! Bei der-\nselben Gelegenheit liess Herr Mangold auch Beethoven\nerklären, dass, sollte er jemals ein Requiem compo-\nniren, er sich daß C herubini'sch e zum Muster\nnehmen wolle. Ist diese Mystification etwa ausschliess-\nliches Eigenthum des Herrn Mangold, oder hat sie ein Prä-\ncedens? Erfahre Herr Mangold hiermit, dass Beethoven weder\ndas Requiem noch eine der Messen seines grossen Zeitgenos-\nsen kannte, aus dem einfachen Grunde, weil damals noch\nkeine Partituren davon existirt haben und das Hören ihm\nunmöglich gewesen. In dem Seite 124 ff. meines Buches mit-\ngetheilten Briefe Beethoven's an Cherubini vom Jahre 1823\nist ausdrücklich nur von „theatralischen Werken\" die Rede.\nDas eigenhändige Concept jenes Briefes bewahrt die könig-\nT*ibliöthek zu Berlin.\n\nA. S."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "149", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01.1.7", "texte": "Zehntes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale.\nDinstag, den 8. April.\nProgramm: I. 1) Die Weihe der Töne, charakteristisches\nTongemälde in Form einer Sinfonie von L. Spohr; 2) Concert-\nArie von F. Mendelssohn, vorgetragen von Fräul. Francisca\nYeilh; 3) ■ie und Credo aus der zur Krönungsfeier Karl's X.\ncomponirlen Messe von Cherubini. — II. 4) Concert für Piano-\nforte und Orchester (G-dur) von L. van Beethoven, vorgetragen\nvon Herrn Ed. Franck; 5) Variationen von Rode, gesungen von\nFräul. F. Veith; 6) Ouvertüre zu Oberon von C. M. v. Weher.\nEs war für alle Verehrer Spohr's eine Freude, dass sein Name\ndie Spitze des Programms zierte, da sehr lange nichts von seinen\ngrösseren Compositionen hier aufgeführt worden. Hiller hatte das\ngegenwärtig gewählte Werk sehr sorgfältig einstudirt, so dass die\nAusführung eine recht gute genannt werden kann, wenn man über\neinige nicht zu ändernde Schwächen in den Blas-Instrumenten hin-\nwegsieht. Es ist sehr interessant, zu beobachten, wie Spohr, der in\ndieser Sinfonie auch schon der refleclirten Musik zu huldigen\nscheint, die Reflexion mit den Formen und dem Wesen der reinen\nMusik vereinigt, und eben dadurch, dass in ihm der musicalische\nGenius vorwaltet, sich gar sehr von den neuesten Koryphäen die-\nser Richtung unterscheidet. Wer die Gränzen der Tonmalerei stu-\ndiren will, der muss Beelhoven's Pastoral-Sinfonie und Spohr's\nWeihe der Töne studiren. Ein alter Oboist schüttelte einmal nach\ndem Andante der ersteren den Kopf und meinte: „Habe ich doch\nim Leben noch keine Wachtel im dreigestrichenen schlagen hö-\nren!» — Er fühlte eben nicht, dass dem Künstler die musicali-\nsche Combination der Töne (£ über der Wahrheit des\nNaturlautes stehen muss, wenn er Musik schreiben will. So ist\nauch namentlich in dem ersten Satze bei Spohr die wunderbare\nFeinheit der Arbeit in dem Verweben der Malerei mit den musi-\ncalischen Motiven, in der Führung der Melodieen mit der Schilde-\nrung der Stimmung hoch anzuschlagen.\nFräul. Veith, deren erste Versuche wir vor einigen Jahren in\ndiesen Blättern mit grossen Hoffnungen begrüsst haben, hat sich\nzu einer bedeutenden Sängerin herangebildet; bei der einnehmen-\nden äusseren Erscheinung und dem schönen musicalischen Talente\nderselben begreifen wir sehr wohl, dass sie auf der Bühne zu\nFrankfurt am Main binnen kurzer Zeit der Liebling des Publicum»\ngeworden ist. Sie wurde auch liier in ihrer Vaterstadt, die\nihren Kunst-Propheten eben nicht zu schmeicheln pflegt, mit Beifall\nüberhäuft. Es that schon sehr wohl, eine frische jugendliche Stimme\nzu hören; die Höhe dieser Stimme ist ausserordentlich schön, und\nim Vortrage hat die junge Künstlerin sowohl an Ausdruck und\nWärme als an technischer Fertigkeit sehr gewonnen. Wir wün-\nschen ihr zu der Stufe, die sie bereits erreicht hat, aufrichtig Glück.\nVon den zwei Sätzen aus der Cherubinischen Messe machte\ndas Credo den mächtigsten Eindruck. — Ed. Franck entzückte\ndurch den in jeder Hinsicht vollendeten Vortrag des Beethoven'-\nschen G-dwr-Concertes, jener wundervollen Composition, welche\nder vollen Seele des Meisters in einer ihrer zartesten und innig-\nsten Stimmungen entquollen ist. Und in eben solcher Stimmung\ngab sie Franck wieder, jede Note, jede Figur ein Klang, den ein\ngeistiger Hauch belebte, und das Ganze ein fesselndes Abbild der\nSchönheit musicalischer Kunst, üeber das Herrliche dieses Vor-\ntrages war Alles nur Eine Stimme; Ehre dem Publicum, welches\nihm mit der gespanntesten Aufmerksamkeit folgte und jeden batz\ndes Concertes mit dem lautesten Beifall aufnahm.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBerlin. Am 16. März gab Herr Bernhard Scholz aus\nMainz im Saale der neuen Akademie der Tonkunst eine Matinee.\nDas Programm enthielt ausschliesslich Compositionen des Concert-\ngebers: ein Streich-Quartett, zwei Clavier-Cömpositionen, zwei Lie-\nder und eine grosse Sonate für Pianoforte und Violine. Dass ein\njunger Componist vor geladenen Musikfreunden Proben seines Ta-\nlentes ablegt, ist an sich kein Ereigniss. Im gewöhnlichen Verlaufe\nder Dinge rufen ihm die berliner Journale einige freundliche W'orte\nnach, und damit ist die Sache abgethan. Auswärtige Zeitungen neh-\nmen nicht Notiz davon; sie haben ihre eigenen „kleinen Interessen\".\nWenn aber das Urtheil der Sachverständigen sowohl die hervorra-\ngende Begabung als die technische Gewandtheit des jungen Künst-\nlers so einmüthig anerkennt, wie in dem vorliegenden Falle, dann\nwird wohl mit Fug und Recht eine Ausnahme von der Regel ge-\nmacht. Herr B. Scholz hat die gewissenhafte Schule des Prof. S. W.\nDehn durchgemacht. Reinheit des Satzes im weitesten Sinne ist\nalso selbstverständlich. Selbst Feinheiten in der Behandlung der In-\nstrumente und des Gesanges ist man gewohnt noch auf Rechnung\ndieser Schule zu setzen. Ein Verdienst aber gebührt dem jungen\nComponisten ungetheilt: er hat, unbeirrt durch die abweichende\nPraxis unserer Zeit, seine reich sprudelnde Erfindung durch strenge\nStudien geläutert, bevor er sich in die Oeffentlichkeit wagte. So\nnothwendig und natürlich das an sich scheinen mag wir leben\neinmal in einer Zeit, wo man es dem Künstler hoch anrechnen\nmuss. Die Wissenschaft steht bei den „Tondichtern der Zukunft\"\nin Misscredit. Sie trauen ihren kräftigen Tuben- und Posaunen-\nstössen mehr Macht über das menschliche Herz zu, als dem poly-\nphonen Satze. Aber der Lohn für ernste Studien und hingebende\nVersenkung in die Meisterwerke eines Bach, Haydn, Mozart, Beet-\nhoven kann nicht ausbleiben. Einen neuen Beleg hielür geben uns\ndie Compositionen des Herrn B. Scholz. In ihnen finden wir keine\nSpur von musicalischer Tobsucht, nicht den leisesten Anflug einer\nkrankhaften Sehnsucht. Frei schweift der Blick in die weite Welt\nder Kunst. Hier ernst, dort heiter, hier wehmüthig, dort schalkhaft.\nSo sprudelt in dem Streich-Quartett {G-dur) die hellste Laune,\nselbst der misslaunige Basso ostinalo (im Trio des Scherzo) muss\nihr dienen. Das Andante (eine Fuge) macht zwar ein ernsteres Ge-\nsicht, aber nur, damit das Finale um so herzlicher lachen könne.\nAn dem Werke ist noch besonders hervorzuheben, dass es in der\nLänge Maass hält und schon desshalb zu Aufführungen sehr ge-\neignet ist. Noch schärfer trat die contrapunktische Gewandtheit des\nComponisten in den folgenden Ciavierwerken: Präludium und\nFuge in C-dur, Toccata und Ricercare (strengste Fuge) in\nD-moll heraus. Namentlich das letztere überraschte durch originelle\nErfindung und Schönheit der Behandlung/Hier sah man doch wie-\nder einmal Themen, die nicht gewaltsam in das Land des Canons\nund der Fuge übergesiedelt worden, sondern die allda ihre Heimat\nhaben. WTas die beiden Lieder betrifft, so war gar nicht zu\nverkennen, dass Herr Scholz auch hier dem würdigsten Vorbilde,\n■Ff. Schubert, nacheifert. Das schönste Stück des Programms war\nohne Zweifel die grosse Sonate in Es-dur für Pianoforte und\nVioline. Sie ist im grössten Stile gehalten. Das erste Allegro mit\nseinen markigen Themen, prächtigen Passagen und seiner geist-\nreichen Durcharbeitung nimmt den Hörer sofort für das Werk ein.\nDas funkelnde Scherzo ist voll von echtem, wahrem Humor, das\nausgeführte Adagio, durch ein herrliches Thema von Bach'scher\nGewalt eröffnet, ergiesst sich in breiten Wogen; der bacchantische\nTaumel des Finale schliesst das Werk glänzend ab. Der äusserst\ngünstige Erfolg dieser Aufführung wird dem Componisten ein Sporn\nzum Weiterstreben sein, und die errungene Wissenschaft ihn vor\ndem Schicksale einer Rakete, die um so schneller erlischt, je sprü-\nhendcr sie aufsteigt, sicherlich bewahren.\n\n12,"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "150", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560412-01.1.8", "texte": "Capellmeister Schmidt am Stadttheater zu Frankfurt am Main\nsoll einen ehrenvollen Ruf nach Schwerin erhalten haben.\nNach hiesigen Blättern wünscht die „k. k. Hoftheater-\nAgentie\" ein Opernbuch romantisch - humoristischer\nGattung zum Zwecke der Composition (durch wen?). Honorar\n3000 Stück Zwanziger oder 1000 Gulden.\nDer Musik-Director Jos. Gungl aus Berlin spielt jetzt mit sei-\nnem Orchester in Wien. Er hat es gewagt, den vulcanischen Bo-\nden, der von den Erschütterungen der Walzer- und Galopp-Cyklo-\npen Strauss nnd Lanner noch erbebt, zu betreten, und siehe! er\nhält sich aufrecht auf demselben, und man läuft und klatscht ihm zu.\nEin Componist sucht gegen angemessenes Honorar ein Li-\nbretto zu einer ein- oder mehractigen komischen Oper. Zu-\nschriften mit den näheren Bedingungen unter A. M. an die Re-\ndaction der Neuen Wiener Musik-Zeitung in Wien."}]}