{"numero_id": "bm-bmtnabi-1856-04-19-01", "volume": "bmtnabi_1856-04-19_01", "ocr_sha256": "1ded0582156499666ec2b4945808f48c216f77cce3853beb395409cde79b986e", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1856/04/19_01/bmtnabi_1856-04-19_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1856-04-19-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-04-19_01#c001", "volume": "bmtnabi_1856-04-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "121", "page_fin": "121", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "121", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 308, "texte": "Inhalt.\nKarl Philipp Emanuel Bach. Von L. B. Ein Concert der Sänger des Grafen ScheremetiefY in St. Petersburg. Von\nWladimir Stassoff. Zar Literatur des Volksliedes. Von C. H. Tages- und Unterhaltung sblatt (Köln, Soiree von E.\nKoch, Viertes Concert des Männergesang-Vereins [Paulus] Gent Brighton u. s. w.)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-04-19-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-04-19_01#c002", "volume": "bmtnabi_1856-04-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "121", "page_fin": "123", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.2.2", "titre_corps": "Karl Philipp Emanuel Bach,", "titre_sommaire": "Karl Philipp Emanuel Bach,", "signature_source": "L. 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Bekanntlich wollte\nsein Vater Johann Sebastian ihn durchaus nicht zum Mu-\nsiker bestimmen; allein die Natur brach durch, und die\ngründliche Schulbildung und dreijährige Universitäts-Studien\nals Rechlsbefiissener kamen ihm dermaassen zu Gut, dass\ner die seltenen Vorzüge einer wissenschaftlichen und viel-\nseitigen Bildung mit dem Berufe des Künstlers vereinigte.\nSo war er denn vollkommen im Stande, das Clavierspiel\nnicht nur auf Grundsätze zurückzuführen, sondern auch\ndiese Grundsätze in ein System zu bringen und sie zu einem\ntheoretischen Werke, neben seinen mehr als dreihundert*)\nClavier-Compositionen, auszuarbeiten. Dieses Werk:\nVersuch über die wahre Art, das Ciavier\nzu spielen,\nist jetzt in fünfter Auflage, „im Gewände und nach den\nBedürfnissen unserer Zeit neu herausgegeben von Gustav\nSchilling\", in Berlin bei Franz Stage erschienen, die bei-\nden Theile desselben in Einem Bande von sechs Lieferun-\ngen, Subscriptionspreis 2 Thaler, in gross Octav und schö-\nner Ausstattung.\nGewiss war es sehr wünschenswerth, dass dieses clas-\nsische Werk wieder in den Buchhandel kam, und Heraus-\ngeber und Verleger haben sich durch die neue Auflage ein\nunbestreitbares Verdienst erworben. Wir hätten jedoch ge-\nwünscht, dass der erstere das historische Interesse mehr,\nals geschehen, berücksichtigt hätte, indem es bei einem sol-\nchen Werke sehr darauf ankommt, zu wissen, was von\ndem ursprünglichen Verfasser, was vom Bearbeiter her-\nrührt. Es hätten also zunächst die beiden Vorreden (zum\nersten und'zweiten Theile) Bach's vollständig, nicht bloss\nauszugsweise, wieder abgedruckt werden müssen, und die\netwaigen Zusätze oder Aenderungen des Herausgebers\nmussten durch kleineren Druck oder Klammern äusserlich\nsichtbar gemacht werden. Herr Schilling, der bekanntlich\nsehr viel schreibt und als Bücher-Componist die Möglichkeit\nleistet, sagt in der „Vorerinnerung\", welche einige ober-\nflächliche Notizen über Bach und das Werk enthält, wört-\nlich: „Nur diejenigen Lehrsätze, die unmittelbar auf orga-\nnischem Grunde ruhen, und jene, welche sich lediglich nach\ndem jeweiligen Grade der virtuosen Ausbildung richten,\nsind im Sinne unserer Zeit förmlich umgestaltet worden.\"\nDas sind Worte, die gar nichts sagen; glücklicher Weise\nist aber nirgends im Buche eine „förmliche Umgestaltung\"\nwahrzunehmen. Es scheint, als habe sich die Thätigkeit des\nHerausgebers auf die Umsetzung der Noten-Beispiele in\nden G-Schlüssel, das Einrücken derselben in den Text\n(doch befinden sich ausserdem noch drei Applicatur-Tabel-\nlen im Anhange), einige Zusätze zu den Paragraphen über\nEinrichtung und Beschaffenheit der Claviere und auf gram-\nmaticalische und stilistische Verbesserungen von Kleinig-\nkeiten beschränkt.\nWas Bach und seine Zeit von einem Ciavierspieler ver-\nlangten, dürfte gar vielen und selbst manchen hochberühm-\nten Pianisten der Gegenwart ein starkes Frösteln über die\nHaut jagen. Man höre: „Wem ist nicht bekannt, wie viele\nForderungen an das Ciavier gemacht werden? wie man sich\nnicht begnügt, bloss dasjenige von einem Ciavierspieler zu\nerwarten, was man von jedem Instrumentisten mit Recht\nfordern kann, nämlich die Fertigkeit, ein für sein Instrument\n\n*) S. Gerber's Lexikon der Tonkiinsller."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5016, "texte": "gesetztes Stück den Regeln des guten Vortrags gemäss\nauszuführen? Man verlangt überdies, dass ein Ciavierspieler\nfrei phantasiren, einen aufgegebenen Satz nach den streng-\nsten Hegeln der Harmonie und Melodie aus dem Stegreif\ndurcharbeiten, aus ollen Tonarten mit gleicher Leichtigkeit\nspielen, eine Tonart in die andere im Augenblicke ohne\nFehler übersetzen, Alles ohne Unterschied vom Blatte weg-\nspielen können soll, es mag für sein Instrument eigentlich\ngesetzt sein oder nicht; dass er auch die Wissenschaft des\nGeneralbasses in seiner völligen Gewalt habe, und welche\nder Forderungen mehr!\"\nUeber alles dieses suchte nun Bach durch sein Werk\nzu belehren und Anleitung zu geben. Doch war er „vor-\nzüglich Willens, die wahre Art zu zeigen, Handsachen mit\nBeifall vernünftiger Kenner zu spielen.\"\nDas Buch zerfällt demnach in zwei Theile. Der erste\nenthält „die Lehre vom Ciavierspiel überhaupt\" (S.\n13—139); der zweite „die Lehre von der Beglei-\ntung, der freien Phantasie und der (den) dazu nö-\nthigen Kenntnisse (n) der musicalischen Har-\nm o n i e.\"\nIm ersten Theile folgt auf eine Einleitung das erste\nHauptstück von der „Fingersetzung\" in 98 Paragra-\nphen, das zweite von den „Manieren\" (Vor- und Nach-\nsehlag, Triller, Doppelschlag, Mordent, Anschlag, Schleifer,\nSchneller, Battement, Tremolo, Arpeggio, Zurückschlag,\nVerzierung der Fermaten). Das erste zeigt Applicaturen\nder mannigfachsten Art und beweis't, dass manches, was\nuns vor Kurzem z. B. von Haberbier als neu erfunden dar-\ngestellt wurde (Fortrücken desselben Fingers, Uebersetzen\ndes dritten über den vierten u. s. w.), schon da gewesen\nist. Die Abhandlung über die Manieren ist sehr ausführlich\n(von S. 56 bis 118), da diese damals eine Hauptkunst des\nSängers und Spielers ausmachten. Wir finden darin eine\nMenge von feinen Bemerkungen, die auch noch jetzt von\nNutzen sein werden; das vorzüglichste Interesse des gan-\nzen Abschnittes dürfte jedoch ein historisches sein, indem\ner eine Vorstellung von der damaligen Weise der Aus-\nschmückung und Verzierung der Melodie gibt, welche mei-\nstentheils noch nicht vom Componisten ausgeschrieben,\nsondern dem Spieler (oder dem Sänger) überlassen wurde.\nDas dritte Hauptstück enthält die Lehre „vom Vor-\ntrage\" (S. 119 —139), und in ihr ganz köstliche und\ngerade heutzutage sehr zu gelegener Zeit kommende An-\nsichten und Bemerkungen.\nDer gute Vortrag besteht „in nichts Anderem als der\nFertigkeit, musicalische Gedanken nach ihrem wahren In-\nhalte und Affecle singend oder spielend dem Gehör wahr-\nnehmbar zu machen und dadurch der Seele des Hörers,\nseinem Verstände und Herzen mitzutheilen\" (§. 2). Die\n„Mittel des guten Vortrags sind: Stärke und Schwäche der\nTöne, ihr Druck oder Accent, Schnellen, Schwellen, Ziehen,\nStossen, Beben, Brechen, Halten, Schleppen und Fortgehen.\nWer diese Dinge entweder gar nicht oder zur unrechten\nZeit gebraucht, hat einen schlechten Vortrag\" (§. 3).\nVortrefflich und charakteristisch lür den Geist des gan-\nzen Abschnittes oder vielmehr des ganzen Buches sind fol-\ngende Stellen aus der Einleitung (§. 1) zur Lehre vom\nVortrage:\n„Es ist ein grosser Irrthum, wenn man glaubt, die\nStärke eines Ciavierspielers bestehe in der blossen Fertig-\nkeit. Man kann die fertigsten Finger, einfache und doppelte\nTriller haben, die Applieatur verstehen, vom Blatte treffen,\nAlles aus dem Stegreif transponiren, Decimen, ja, Duodeci-\nmen greifen, Läufer und Kreuzsprünge von allerlei Art\nmachen können, und was dergleichen mehr ist: und man\nkann bei alledem doch kein deutlicher, gefälliger, rühren-\nder, kurz: kein guter Spieler sein. Ja, die Erfahrung lehrt\nsogar und mehr als nöthig, wie die Treffer und Geschwind-\nspieler von Profession nichts weniger als diese Eigenschaf-\nten besitzen, wie sie zwar durch die Finger Ohr und Auge\n(schon damals!) in Verwunderung setzen, dem Gefühle des\nZuhörers aber gar nichts zu thun geben. Sie-überraschen\ndas Ohr, ohne es zu vergnügen, und betäuben den Ver-\nstand, ohne ihm genug zu thun. Es ist allerdings rühmlich,\nFertigkeit im Abspielen zu besitzen, und ich ralbe Jedem,\nsich diese so viel als nur möglich zu erwerben. Aber ein\nblosser Treffer darf noch keineswegs auf die wahrhaften\nVerdienste desjenigen Ansprüche machen, der mehr das\nOhr als das Gesicht, mehr das Herz als das Ohr in Em-\npfindung zu versetzen und dahin, ,wo er will, zu reissen\nvermögend ist.\"\n„Es ist ein Vorzug des Claviers, dass man es, was\nFertigkeit anbelangt, darauf höher als auf einem anderen\nInstrumente bringen kann. Man muss aber diesen Vorzug\nnicht missbrauchen. Dass ich der Fertigkeit nicht ihr\nVerdienst, ihre Nothwendigkeit nehme, kann man daraus\nschliessen, dass ich selbst verlange, es in ihr bis zum höchst\nmöglichen Grade zu bringen. Doch wenn man ihr solche\nVorrechte einräumt, dass man bloss um ihretwillen\nspielt, so ist das ein grosser Fehler. Uebrigens habe ich\ndabei auch nicht vor, diejenigen trägen und steifen Hände\nzu rechtfertigen, die einen aus Gefälligkeit einschläfern, un-\nter dem Vorwande des Sangbaren das Instrument nicht zu"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4270, "texte": "beieben wissen und durch den verdriesslichen Vortrag ihrer\ngähnenden Einlälle noch mehr Vorwürfe als die blossen\nFertigkeits-Helden verdienen ; denn diese letzteren sind zum\nwenigsten noch der Verbesserung lähig, wenn man ihr\nFeuer dämpft u. s. w. Beide freilich üben ihr Instrument\nnur maschinenmässig. Zu dem rührenden Spiele werden\ngute Köpfe erfordert.\"\nWir wollen noch eine kleine Lese einzelner Goldkör-\nner halten, aus denen der Geist und das Wissen des echten\nKünstlers spricht.\n„Man untersuche vorher die Beschaffenheit des Instru-\nmentes, worauf man spielt, damit man es weder zu wenig,\nnoch zu viel angreift, damit man auf vernünftigere Weise,\nals insgemein geschieht, Affecte vorzustellen suche, nicht\ndurch übertriebene Gewalt des Anschlages.\"\n„Einige Personen spielen kleberig, als wenn sie Leim\nzwischen und an den Fingern hätten. Andere spielen zu\nkurz, als wenn die Tasten glühend wären. Es thut Beides\nschlecht, d. h. überhaupt; zur rechten Zeit können alle\nArten des Anschlags gut sein.\"\n„Es ist keine geringe Aufgabe, auf unserem Instru-\nmente ein Adagio recht singend vorzutragen, aber es ist\ndoch nicht geradezu unmöglich. lis gehört dazu eine Frei-\nheit der Bewegung, die alles Sclavische und Maschinenmäs-\nsige ausschliesst. Aus der Seele muss man spielen und nicht\nwie ein abgerichteter Vogel. Alle Schwierigkeiten und\nPassagen sind durch Uebung zu überwinden und erfordei n\nin der That nicht so viele Mühe, als der gute Vortrag ein-\nfacher Noten.— Man versäume keine Gelegenheit, geschickte\nSänger zu hören, dadurch lernt man singend denken, und\nman thut wohl, wenn man hernach selbst sich einen Ge-\ndanken vorsingt, um den rechten Vortrag desselben zu\ntreffen.\"\n„Ein Spieler kann nicht anders rühren, ausser er ist\nselbst gerührt; er muss nothwendig sich in ahe AfTecte\nversetzen können, die er erregen will, und dieselben Lei-\ndenschaften in sich empfinden, die der Urheber des Stückes\nbei dessen Verfertigung hegte. Das vorzüglichste Mittel,\nsich der Gemüther der Zuhörer zu bemeistern, ist das freie\nPhantasiren. Die freie Phantasie darf aber nicht in aus-\nwendig gelernten Passagen oder gestohlenen Gedanken be-\nstehen, sondern sie muss unmittelbar aus einer guten mu\nsicalischen Seele hervorströmen und im Stande sein, dem\nschnellen Wechsel der Gelühle ergreifenden Ausdruck zu\ngeben.\"\n„Zur richtigen Ausiübrung des gehört\nviel Urteilskraft und ganz besonders viel Empfindung. Wer\nBeides hat, dem wird es nicht schwerfallen, mit aller Frei-\nheit, die nicht den geringsten Zwang verträgt, seinen Vor-\ntrag einzurichten, und er würde, wenn es sein müsste und\ndürfte, alle Gedanken verziehen können. Anders aber wird\nbei aller Mühe ohne hinlängliche Empfindung nichts Hechtes\nausgerichtet werden können. Sobald man sich mit seiner\nOberstimme sclavisch an den Tact bindet, verliert jenes\nTempo sein Wesentliches, weil alle übrigen Stimmen aufs\nstrengste nach dem Tacte ausgeführt werden müssen.\"\n„Das Verbinden der Noten durch Bogen mit Punkten\nnennt man beim Ciavier das Tragen der Töne. Dabei wer-\nden die Töne gezogen, und jeder bekommt zugleich einen\nmerklichen Druck.\"\n„ Eine lange und afFectuöse Note verträgt eine Bebung,\nindem man mit dem auf der Taste liegen bleibenden Finger\nsolche gleichsam wiegt, oder indem man sie zitternd wie-\nderholt. Der Anfang einer Bebung wird am besten in der\nMitte der Geltung der Note gemacht.\"\nSolche Feinheiten des Anschlags und des Ausdrucks\nbereits vor hundert Jahren! und auf welchen Instrumen-\nten ! während wir glaubten, so etwas sei erst nach Erfin-\ndung der doppelten Auslösung, der englischen Saiten, der\nBefilzung u. s. w. u. s. w. möglich geworden und dennoch\nnur selten erreicht! Und das alles äussert der treffliche\nMann so wie im gemüthlichen Gespräche mit vernünftigen\nLeuten, und spricht von der neu anhebenden Kunst-Periode\nauf eine so objective Weise, dass aus keiner Zeile des gan-\nzen Buches auch nur die Ahnung einer Andeutung blickt,\ndass er selber ja eigentlich der Haupt-Urheber dieser neuen\nRichtung war, dass er selber vorzüglich diese neue Kunst-\nPeriode heraufführte, die im freieren Compositions-Styl zu-\nnächst Haydn und im Ciavierspiel Clementi aufnahmen und\nweiter führten. —Es waren doch liebenswürdige Menschen,\ndiese alten, echten Musicanten!\n(Schluss folgt.)\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-04-19-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-04-19_01#c003", "volume": "bmtnabi_1856-04-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "123", "page_fin": "126", "image_debut": 3, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.2.3", "titre_corps": "Ein Concert der Säuger des Grafen Scheremetieff in St. Petersburg", "titre_sommaire": "Ein Concert der Säuger des Grafen Scheremetieff in St. Petersburg", "signature_source": "Wladimir Stassoff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.1.3", "debut_caractere": 4272, "fin_caractere_exclue": 4848, "texte": "Ein Concert der Säuger des Grafen Scheremetieff\nin St. Petersburg\n\n*} •\nAm 11. Februar (23. n. St.) wurde in dem zu den\nmusicaiischen Hebungen des Chors bestimmten Saale von\nden Sängern des Grafen Scheremetieff ein Concert aufge-\nführt, welches durch seine Zusammenstellung und Auslüh-\n\n*) Dieser Artikel der St. Petersburger Musicalischen Zeitung ist\nuns von dort in deutscher Uebersetzung mitgctheilt worden,\nan welcher wir nur das Grammaticalische berichtigten. Jede\nweitere Aenderung würde das Interessante und Charakteristi-\nsche desselben verwischt haben. Die Redaction,"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5133, "texte": "rung so sehr aus der Reihe der meisten dem petersburger\nPublicum zugänglichen Concerte heraustritt, dass wir es\nfür nothwendig erachten, abgesondert von der allgemeinen\nBetrachtung der Concerte einige Worte darüber zu sagen.\nAlljährlich im Laufe der Winter-Saison führen die\nSänger des Grafen 1). N. Scheremetieff vor einem kleinen\nKreise von Rennern und Liebhabern, die von dem Grafen,\neinem wahren Freunde der guten Musik, eingeladen wer-\nden, einige bemerkenswerthe Stücke aus, vornehmlich alte\nitaliänische Kirchen-Composilionen. Das kleine Auditorium\nist der einzige Grund davon, dass diese Concerte nicht so\nbekannt und berühmt geworden sind, wie sie es in der That\nverdienen. Nur Wenigen ist der durch diesen Musterchor\nausgezeichnet ausgeführte Ritual-Gesang während des Got-\ntesdienstes in der Hauskirche des Grafen zugänglich; glei-\ncher Weise ist es sehr wenigen von den wahren Kennern\nlind Liebhabern vergönnt, den classischen und leider so\nseltenen Concerten beizuwohnen. So bleibt der künstleri-\nschen Welt eine von den Erscheinungen, welche in der\nReihe der bemerkenswerthesten in Russland glänzen, fast\nvöllig unbekannt.\nDer Sängerchor des Grafen Scheremetieff existirt von\nden Zeiten der Kaiserin Katharina der Zweiten her, doch\nkann man mit Sicherheit behaupten, dass er nie eine so\nvolle Zahl (achtzig Mitglieder), noch eine solche Entwick-\nlung und Vervollkommnnng gehabt, wie gegenwärtig. Ohne\nZweifel verdankt jeder Chor, wie auch jedes Orchester,\nseine Vollkommenheit zunächst dem Talente und den Fähig-\nkeiten der Personen, aus denen sie zusammengesetzt sind;\nin stärkerem Maasse jedoch ihrem Capellmeister. Sowohl\nChor als Orchester sind vergleichbar der fügsamen Masse,\naus welcher der Bildhauer seine Statue bildet, oder noch\nrichtiger der Claviatur eines Flügels, durch welche der\nPianist sich selbst, so wie sein Talent zur Erscheinung\nbringt. Möge ein Flügel auch in der ersten Werkstalte der\nWelt gebaut worden sein, wir werden dennoch erst dann\ndie ganze fiele und Vollkommenheit seines Werthes erken-\nnen, wenn er von einem wahren und vollkommenen Künst-\nler gespielt wird, der alle Vorzüge desselben in edeln Bil-\ndern der Tonkunst hervortreten lässt. So sehen wir auch\nden Scheremetieff'schen Chor zu Dank verpflichtet dem\nausserordentlichen Talente seines gegenwärtigen Capellmei-\nsters Gabriel Lamakinn, welcher, ungeachtet er seine\nmusicalische Bildung in Russland erhalten und weder ita-\nliänische noch deutsche Schulen besucht hat, seinen Kennt-\nnissen und seinen musicalischen Anlagen nach unstreitig\nmit den bedeutendsten gegenwärtigen Chor-Directoren in\ngleichem Range steht und in uns eine Ahnung dessen er-\nregt, was jene Directoren der Capellen und Conservaiorien\nder ruhmvollen italienischen Zeit gewesen sein mögen, auf\nwelche die Geschichte der Musik stolz ist.\nHerr Gabriel Lamakinn, der sich während mehrerer\nJahrzehende der schweren Bestimmung gewidmet, den\nChorgesang auszubilden und zu dirigiren, hat bei angebo-\nrenem Talente jene Meisterschaft in der Direction des Chors\nerrungen, die in den Augen des\nden Chor in ein Ganzes verwandelt, das von Einem und\ndemselben künstlerischen Gefühle im Ausdruck beseelt wird,\ngleichsam in einen einzigen Menschen und Künstler, der\nvon den auszuführenden musicalischen Stücken tief durch-\ndrungen ist. Diese Vollkommenheit der ästhetischen Seite\nder Ausführung setzt durchaus die Strenge und Fülle des\ntechnischen Lernens voraus, und um nicht in die Speciali-\ntäten dieses ohnehin so speciellen Theiles einzugehen, wol-\nlen wir bloss zwei Facta anführen, welche die Stufe der\nBildung und Solidität der Schule, welche ein jedes Mitglied\ndes Scheremetieff'schen Chors durchmachen muss, bewei-\nsen. Wir sind mehr als einmal Zeugen davon gewesen,\nwie dieser Chor a prima vista ohne Vorbereitung die\nschweren, verwickelten Composilionen alter classischer\nAutoren ausführte. Ferner auch davon, wie im Falle einer\nUnterbrechung der Capellmeister einer einzelnen Stimme,\nz. B. dem Tenor, die Stelle und den Tact bestimmte, von\nwelchem wieder angefangen werden musste, und alle übri-\ngen Stimmen richtig und zur rechten Zeit ohne eine beson-\ndere Hinweisung einfielen. Wenn nun das erste dieser bei-\nden Facta von einer ausgezeichneten Schule, von einem\nrichtigen Wege des Lernens zeugen, so beweis't das zweite\nam besten, zu welchem Grade von Aufmerksamkeit und\nGeübtheit das Gehör jedes einzelnen Gliedes dieses Chors\ngesteigert worden ist. Es ist so selten, diese Erscheinung\nbei Knaben mit Sopran- und Alt-Stimmen zu finden, dass\njeder deutsche Chor daran Gefallen finden würde; denn\nwenn man auch in Deutschland in den Chören nicht immer\nalle wesentlichen Eigenschaften des Chors findet, so haben\nsie doch den Vorzug, dass meist alle in Folge einer guten\nund gründlichen Schule ausgezeichnet vom Blatte singen.\nMögen sich nun die Leser bei einer solchen Zusam-\nmenwirkung eines durch seine Vollkommenheit ausgezeich-\nneten Chors und bei einer Direction wie die des Herrn\nGabriel Lamakinn ein ganzes Concert denken, das aus sol-\nchen Musikstücken zusammengestellt ist, deren jedes ein-\nzelne, als ein Muster in seiner Art, zugleich den Repräsen-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5224, "texte": "Tanten einer von den alten Schulen bildet dann werden\nsie sich einen Begriff von der Wichtigkeit und dem grossen\nInteresse des Concertes machen können, von welchem wir\nsprechen. Folgende Stücke wurden in demselben ausgeführt:\nIm 1. T heile: 1) Choral von J. S. Bach aus der\nMatthäus-Passion, vierstimmig (H-moll); 2) der Schlusssatz\ndes Gloria aus der grossen Messe von Durante, vierstimmig\n(ohne Begleitung); 3) Motette Judica mc Dens von Leo,\nvierstimmig; 4) der berühmte Chor Plorale filii Israel aus\ndem Oratorium Jephta von Carissimi, sechsstimmig.\nIm 11. Theile: 5) Choral von Bach aus derselben\nPassions-Musik, vierstimmig (F-dur); 6) Crucißxus von\nLotti, zehnstimmig; 7) Motette Hodie nobis est nalus coe-\nlorum rex(das von der Capelle des Papstes in der Nacht\nvor Weihnachten gesungen wird) von Nanini, sechsstim-\nmig (ohne Begleitung); 8) Crucißxus von J. S. Bach, aus\nder hohen Messe, vierstimmig.\nWir finden hier die Musikstücke der verschiedenartig-\nsten Schulen und Epochen. Nanini und Carissimi gehören\nzu der römischen Schule, der erste am Ende des XVI., der\nandere in der ersten Hälfte des XVII. Jahrhunderts; Lotti\nzur venetianischen Schule am Ende des XVII. Jahrhunderts;\nLeo und Durante zur neapolitanischen, Ende des XVII. und\nAnfang des XVIII. Jahrhunderts, und endlich der grosse\nSebastian Bach, Vertreter der tiefen Kunst und Poesie\nDeutschlands in der ersten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts.\nBemerken wir noch, dass bei dieser Verschiedenheit der\nSchulen und Epochen diese Piecen (die mit Ausnahme de-\nrer von Bach sämmtlich in Manuscripten von dem Schrei-\nber dieser Zeilen unter der Zahl einer Menge grosser Kir-\nchen-Compositionen aus Rom hieher gebracht worden sind)\ndie verschiedenartigsten Charaktere haben und desswegen\ndie verschiedenartigste Auslührung erfordern. So kann es\nnichts Entgegengesetzteres geben als z. B. den düsteren,\nzerreissenden Charakter der beiden und den\nheiteren, feierlich-erhabenen Charakter der Weihnachts-\nHymne von Nanini u. s. w. Ungeachtet dieser mannigfachen\ncomplitirten Forderungen, die an einen Chor zu machen\nsind, der solche Meisterwerke ausführt, konnte jeder wahre\nRenner und Liebhaber der echten Musik nur ein Gefühl\nder Freude und Begeisterung aus diesem Concerte mit\nhinausnehmen, wie es einem selten vergönnt ist zu empfin-\nden. Wer hätte sich nun wohl vorstellen können, dass zu\nunserer Zeit, wo alle Sängerchöre in einem so allgemein\nverbreiteten Verfalle begriffen sind, wo die päpstliche Ca-\npelle als morscher, ärmlicher Ueberrest der früheren Grösse\nerscheint, wo selbst die tüchtigen künstlerischen Deutschen\nsich über den berliner Dom-Chor beklagen, in welchem sie\nausser Accuratesse und mechanischer, preussisch-militäri-\nscher Pünktlichkeit nichts weiter finden [??], wo alle wah-\nren Kenner der Musik den allgemeinen Verfall des kirch-\nlichen Chorgesanges in Europa bejammern, wo endlich alle\nberühmten Namen der alten genialen Componisten von dem\ngegenwärtigen europäischen Publicum vergessen werden\nund ihre unsterblichen Erzeugnisse im Archiv-Staube be-\ngraben sind: wer, sage ich, könnte sich nun wohl vorstel-\nlen, dass trotz dem die von lauter Kolossen erzeugte ältere\nMusik in Russland einen heimischen Heerd und Darsteller\ngefunden, an welchen selbst die Componisten jener grossen\nSchöpfungen ihre Herzensfreude gehabt haben würden?—\ndass in diesem weiten Russland, dem man hinsichtlich der\nKünste so wenig zuzutrauen pflegt, solche Chöre wie die\nder kaiserlichen Hofcapelle und dann der des Grafen Sche-\nremetiefT existiren? Wohl möchte man es allen Sachver-\nständigen Europa's laut zurufen: Kommt und hört! erfreut\nEuch an diesem Wunder, das auch unter Euch einst hei-\nmisch war, jetzt aber schon längst aus Eurer Mitte gewi-\nchen. Wollt Ihr Palestrina und die ganze Reihe der gros-\nsen, mit ihm oder nach ihm geborenen Schöpfer kennen\nlernen und hören, so kommt in die russischen Künstler-\nConcerte, wie das heutige bei dem Grafen Scberemetieff,\nhört diese russischen Chöre, alsdann wird in Euch die Er-\ninnerung der früheren, jetzt verloren gegangenen Grössen\nder Musik durch ihre Auslührung erwachen.\nZum Schlüsse wollen wir noch mit wenigen Worten\neinen zum Theil noch streitigen Punkt, dem es an Wich-\ntigkeit nicht gebricht, berühren. Viele Musikkenner, sowohl\nDeutschlands als auch anderer Länder, die unsrigen mit\ngerechnet, behaupten, dass die alte Kirchenmusik des XVI.\nund XVII. Jahrhunderts gleichmässig ausgelührt werden\nmüsse, ohne alles das, was durch die musicalischen Kunst-\nAusdrücke: Accelerando, Ritardando, Ritenuto, Calando,\nCrescendo, Decrescendou. s. w., bezeichnet wird. Wir kön-\nnen hier nicht tiefer eingehen auf die specielle, auf Docu-\nmente begründete Betrachtung dieser Meinung. Wir hof-\nfen, in der Folge zu diesem Zwecke eine günstige Gelegen-\nheit zu finden. Für dieses Mal wollen wir uns mit Folgen-\ndem begnügen. Alle diejenigen, welche die oben bezeich-\nnete Meinung vertreten, sind mit der Geschichte der Musik\nwenig bekannt, eben so wenig kennen sie die Zeugnisse\n\n*) J. S. Bach scheint das in der Stimmenführung wunderbar\nkünstliche und geniale Crucißxus des Lotti gekannt und da-\nnach sein herrliches Crucißxusder hohen Messe, doch in\neinem weit kolossaleren Maassstabe, gebildet zu haben."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1399, "texte": "zahlreicher Schriftsteller und Reisender, die, vom XVII.\nJahrhundert beginnend, uns namentlich von allen den Nuan-\ncen in der Ausführung der damaligen Chöre erzählen,\nwelche von den grössten Componisten selbst dirigirt und\neingeübt worden sind. Wir erwähnen bloss Burney's in\nseiner musicalischen Reise und Proske's in seinem Vorworte\nzu dessen Musica Divina.Beide haben den päpstlichen\nChor gehört, ersterer zu Ende des XVill. Jahrhunderts,\nder andere in den dreissiger Jahren unseres Jahrhunderts.\nUebrigens braucht man nur diese Compositionen selbst zu\nuntersuchen, um sich zu überzeugen, dass sie eine unend-\nliche Mannigfaltigkeit und Fülle zartester Nuancen verlan-\ngen. Ohne Zweifel darf die Ausführung nun und nimmer\neine theatralische sein. Es gibt dafür keinen anderen Weg-\nweiser als den richtigen künstlerischen Instinct, und eben\naus diesem Grunde halten wir die Ausführung der oben\nbezeichneten Kirchenstücke durch die Sänger des Grafen\nScheremetieff lür eine vollkommene, weil das wahre künst-\nlerische Gelühl die Seele der Ausführung war.\nMögen sich die Leser nicht wundern, wenn wir die\nausgeführten Stücke nach ihrem tiefen Inhalt zu besprechen\nunterlassen; wir glauben, dass man über dieselben entwe-\nder sehr viel sagen oder bloss ihre Titel erwähnen müsse.\nKann man, wenn von Shakespeare und Raphael die Rede\nist, sich mit wenigen flüchtigen Worten begnügen?\n\nWladimir Stassoff."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-04-19-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-04-19_01#c004", "volume": "bmtnabi_1856-04-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "126", "page_fin": "127", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.2.4", "titre_corps": "Zur Literatur des Volksliedes.", "titre_sommaire": "Zur Literatur des Volksliedes.", "signature_source": "C. 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Von allen Anordnungen dürfte eine solche immer die\neinfachste und natürlichste sein; denn wie sich dem Volke\nschon die Woche zerlegt in Festtage und in Tage welt-\nlicher Arbeit, so zerfällt auch sein geistiges Besitzthum in\ndiese zwei Hälften nach den beiden Grundweisen, die sein\nLeben bewegen; und dass das Weltliche den grösstenTheil\ndavon in Anspruch nimmt, ist ebenfalls in der Ordnung.\nFür die Gegend, an welche Herr v. Ditfurth gewiesen war,\nkommt noch hinzu, dass in ihr, als in einer katholischen,\nder Volks-Gesang weniger in die Kirche aufgenommen,\ndaher mehr in Wiese und Wald, auf Fluren und Heer-\nslrassen, in Stuben und Häusern geblieben ist.\nWeil die Lieder zweistimmig gesungen werden, hat\nder Herausgeber es auch lür seine Pflicht gehalten, sie so\naufzuzeichnen und mitzutheilen. Für diese Treue muss man\nihm ganz besonders dankbar sein; denn erst wenn alle\nSammler ein Gleiches thun, können wir hoffen, dass einmal\nder gesammte Liederschatz unseres Volkes vollständig zur\nAufzeichnung kommen werde. Vor der Hand ist solches\nnoch nicht möglich, theiis weil die Sammler sich nicht von\nden richtigen Grundsätzen leiten lassen, theiis und beson-\nders weil die einzelnen Gegenden unseres Vaterlandes noch\nnicht erschöpft sind. In beider Hinsicht sind diese „Frän-\nkischen Volkslieder\" ein erfreulicher Anfang, und wir ste-\nhen nicht an, sie in mancher Beziehung als Muster zu\nempfehlen.\nBei den geistlichen Liedern ist oft eine ältere Quelle,\nein Gesangbuch aus den Jahren 1650—1750, theiis auch\nfür kirchlichen Gebrauch, angegeben; bei den weltlichen\nist der Ort genannt, in welchem das Lied gehört wurde,\nder Volksmund war hier die alleinige Quelle. Es könnte\nnicht schaden, wenn die Sammlungen in dieser Hinsicht\neine etwas gelehrtere Gestalt erhielten. Von vielen Liedern,\ndie noch gesungen werden, sind ältere Aufzeichnungen\nvorhanden; nicht mit abdrucken soll der neue Sammler\ndiese alten Drucke, aber er soll sie vergleichen, die Abwei-\nchungen sich anmerken und kurz bezeichnen, oder auch\nnur im Allgemeinen auf die ältere Quelle hinweisen. Wenig\nbeachtet ist dies besonders bei den Melodieen, und doch ist\nes gerade hier von Wichtigkeit. Was Herrn v. Ditfurth\nnicht möglich war, weil er entweder mit der älteren Lite-\nratur dieses Faches sich nicht genauer befasst hat, oder weil\nihm keine grössere Bibliothek zu Gebote stand, mögen An-\ndere nicht unterlassen. Wer so etwas nicht selbst kann,\nlasse es durch einen Dritten thun. Es wäre überhaupt sehr\nwünschenswert!) und für die Sache von erheblichem Ge-\nwinn, wenn die verschiedenen Sammler mit ihren Schätzen\netwas näher zusammen rücken wollten. Die Sammlung ist\nnur die eine Seite, die Sichtung die andere, und letztere\nwird um so nöthiger werden, je mehr man die einzelnen\nGaue durchsucht; auch dürften sich für ausführliche Samm-\nlungen über jeden Theil Deutschlands mit der Zeit keine\nVerleger mehr finden. Die Sichtung darf aber nicht in will-\nkürlichem Ausmerzen bestehen, sondern man muss die ver-\nschiedenen Aufzeichnungen zusammen halten, die treueste,\nsinnvollste Lesart wählen und dabei anmerken, in welchen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2145, "texte": "Gegenden das Lied sich noch sonst findet und mit welchen\nAbweichungen. Mehr wird Niemand verlangen. Schade, dass\nkeiner vorhanden ist, der Ansehen, Kenntnisse, Lust und\nbibliothecarische Hülfsmittel genug besilzt, um iür derartige\nBestrebungen den Mittelpunkt abgeben zu können. Herr\nL. Erk in Berlin hat sich zwar auf diesem Felde ziemlich\nbekannt gemacht und zum Theil wirklichen Nutzen gestif-\ntet, aber wo die Aufgaben etwas grösser und die Anfor-\nderungen etwas bedeutender werden, sieht man doch, dass\nman nicht allzu viel von ihm erwarten darf. Sein „Lieder-\nhort\", auf drei Bände berechnet, ist nun schon mit dem\nersten geschlossen, scheint also grösstenteils wieder ver-\nsunken zu sein, „versunken in den Rhein% wie das alte\nLied sagt.\nDem zweiten Bande hat Herr v. Ditfurth eine ausführ-\nliche Einleitung mit auf den Weg gegeben. Diese berührt\nmanche interessante Punkte und bespricht sie auf eine an-\nziehende Weise, zeigt aber im Ganzen nur wieder, dass es\nmit der Eenntniss der Geschichte unseres Volksliedes noch\nsehr schwach bestellt ist. Ausser dem, wras gelegentlich\nW.Grimm und Gervinus angemerkt haben, ist die Abhand-\nlung von Prof. Möllenhoff in seinen Holsteinischen Märchen,\nSagen und Liedern noch immer das Beste. Vor einer ge-\nwissen Breite und Schönseligkeit hat auch Herr v. Ditfurth\nsich nicht ganz zu bewahren gewusst. Auch steht das\nVolkslied nicht im Gegensatze zu der Kunst der Töne als\ndas Naturwahre zu dem Schein, als das Dauernde zu dem\nUnbeständigen, sondern diese Erzeugnisse eines unbewuss-\nten Kunsttriebes bilden die Grundlage, die Anfänge aller\nKunst, und von Bestand ist hier wie dort nur, was auf\nNatur und Wahrheit gegründet ist. Unter allen Umständen\nist festzuhalten, dass das fünfzehnte Jahrhundert die eigent-\nliche Blüthezeit des deutschen Volksgesanges gewesen ist.\nDieser Frühling kam bei uns ein wenig später als bei den\numwohnenden Völkern, wir lernten von denselben lind tha-\nten das Eigene hinzu; daher wird es auch wohl gekommen\nsein, dass wir in diesem Fache schliesslich alle anderen\nüberholt haben.\nDem geehrten Herrn Herausgeber sagen wir hiermit\nSur seine Gabe schönsten Dank.\n\nC. H."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-04-19-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-04-19_01#c005", "volume": "bmtnabi_1856-04-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "127", "page_fin": "128", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.1.7", "debut_caractere": 2147, "fin_caractere_exclue": 6233, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nRöln« Am 10. April gab Herr Kammersänger E. Koch eine\nSoiree im Hotel Disch. Ausser dem Genüsse, Herrn Koch selbst\nzu hören, der uns diesen Winter nur sehr selten zu Theil gewor-\nden, interessirte die Abend-Unterhaltung auch dadurch, dass sie\neine Art von Prüfun gs-Concert für das Unterrichts-Institut\ndes Herrn Koch im Gesänge war. Die Leistungen der Schülerinnen\nund Schüler desselben, welche bereits die Stufe erreicht haben, um\nöffentliche Proben ihres Talentes ablegen zu können, waren im\nGanzen recht erfreulich und jedenfalls ehrenvoll für den Lehrer.\nMögen seine Bemühungen durch wahren und gewissenhaften Fleiss\nder Schüler, welcher leider immer seltener wird, belohnt werden,\nund diese immer mehr einsehen, dass die menschliche Stimme das\nschwierigste musicaiische Instrument ist, und dass ihre Ausbildung\neine andauernde Liebe zur Sache erfordert, die sich nicht durch\nLobhudeleien Unverständiger in den Schlaf wiegen lassen darf.\nHerr Koch trug, ausserdem dass er in mehreren Stücken mitwirkte,\nvon denen besonders das Quartett aus Righini's „befreitem Jerusa-\nlem\" (mit Fräul. Nina Hartmann, Frl. Käthchen Deutz und\nHerrn DuMont-Fier) ansprach, die Arie desAdolar aus Webers\nEuryanthe und zwei Lieder von Schumann mit hinreissendem Aus-\ndruck vor. Eine besonders rühmliche Erwähnung verdient Herr\nBrambach, der sich durch den Vortrag von Hiller's Duo appcis-\nsionato für Ciavier und Violine (Herr Goncertmeister Pixis) und\nder Pensees fugitives von St. Heller und Ernst als tüchtiger Ciavier-\nspieler (wobei ihm der ausgezeichnet gearbeitete und klangvolle\nConcertflügel aus der Pianoforte-Fabrik von Gerh. Adam in We-\nsel trefflich zu Statten kam) und durch die Begleitung der Gesang-\nstücke als gediegener Musiker zeigte. Mit Freuden ergreifen wir\ndiese Gelegenheit, diesen jungen, strebsamen Künstler der musicali-\nschen Weit zu empfehlen.\nIm Theater trat der Tenorist Herr Dr. Rade mach er als Gast\nin Halevy's Jüdin (Eleazar) mit vielem Beifall auf. Er hat eine\nwohlklingende, biegsame Stimme, welche namentlich des lyrischen\nAusdrucks sehr fähig ist, und eine gute Schule, welche dem Schrei-\nSysteme nicht huldigt.\nAm Buss- und Bet-Tage, den 16. April, fand das vierte Abon-\nnements-Concert des kölner M'ännergesang-Verein§\nim grossen Casinosaale Statt. Herr Musik-Director Fr. Weber\nhatte dazu die unter seiner Leitung stehenden musicalischen Ver-\neine: die Sing-Akademie, den Männergesang-Verein und die Phil-\nharmonische Gesellschaft, vereinigt, durch welche er unter Mitwir-\nkung des kölner Orchesters eine sehr gelungene Aufführung von\nF. Mendelssohn's Paulus veranstaltete. Die Chorstimmen stan-\nden in richtigem Verhältnisse zu einander; besonders klangvoll\nwaren die Männerstimmen, wie sich erwarten liess. So gingen denn\ndie Chöre bei der sorgfältigen Einübung und sicheren Leitung des\nDirigenten vorzüglich gut, und die Haupt-Nummern, z. B. „Mache\ndich auf!\" „0, welche Tiefe4' „Der Erdkreis\" u. s. w., mach-\nten einen prachtvollen Eindruck. Unter den Solisten gebührt Herrn\nE. Koch die Palme; er sang die Recitative musterhaft, und dje\nCavatine „Sei getreu\" im zweiten Theile war vortrefflich. Der aus-\ngezeichnete Vortrag der obligaten Violoncell-Partie durch Herrn\nB. Breuer machte im Verein mit der Singstimme diese Nummer\nzu der schönsten Perle des Abends. Herr Schiffer war in der\nPartie des Paulus sehr brav; als vorzüglich gelungen ist der Vor-\ntrag der Arie Nr. 18 („Gott, sei mir gnädig!\") und des Recitativs\nNr. 36 („Ihr Männer, was macht ihr da?\"J hervorzuheben. Die Alt-\nPartie hatte Fräul. P., eine schätzenswerthe Dilettantin, übernom-\nmen; die Sopran-Soli sang Fräul. Nina Hartmann. Letztere\nwar ganz vorzüglich bei Stimme und überall, wo sie das schöne\nMaterial, das ihr die Natur verliehen, vollständig beherrschte, was\nin den meisten Recitativen der Fall war, zeigte sie auch Ausdruck\nim Vortrage, besonders wenn dieser eine dramatische Farbe an-\nnehmen konnte. Wir empfehlen ihr vor Allem das Studium der\nMessa di voce, welches die Grundlage der ausdrucksvollen Gefühls-\nDarstellung durch den Gesang ist."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2345, "texte": "Die Sociele roycile des Choeurs zu Gent in Belgien wird bei\nGelegenheit der grossen Kirmess daselbst ein Musikfest und\neinen Gesang-Wettstreit veranstalten. Der letztere wird Sonn-\ntag den 6. Juli, das erstere Montag den 7. Statt finden. Der erste\nPreis für die deutschen, französischen, holländischen Vereine be-\nsteht in einer goldenen Denkmünze von 300 Francs Werth; der\nzweite hat den Werth von 150 Francs. Eben so für die belgischen\nVereine I. Classe. Die Bedingungen enthalten einige neue und sehr\nzweckmässige Artikel, z. B. Art. 5. Die Jury wird auf etwaige\nSolo-Vorträge keine Rücksicht nehmen. Art. 8. Um dem Zurück-\ntreten vorzubeugen, hinterlegt jeder Verein bei der Anmeldung 100\nFrancs, welche unmittelbar nach dem Auftreten desselben zurück-\ngezahlt werden. Gesungen wird von jedem Vereine ein Stück\n(8 Minuten Dauer) nach eigener Wahl; Einsendung der Partitur\nvor dem 1. Mai. Das zweite Stück wird von der Societe vorge-\nschrieben und zu rechter Zeit versandt.\nAuch in Brighton in England ist Mozart's Jubelfest durch\neine von Herrn F. M. d'Alquen veranstaltete musicalische Feier\nbegangen worden. Herr d'Alquen, ein Deutscher, Schüler von\nF. Ries, lebt seit einer langen Reihe von Jahren in Brighton, ge-\nniesst dort mit Recht den Ruf eines ausgezeichneten Clavierlehrers,\nhat sich eine glänzende Stellung erworben und wirkt mit grossem\nEifer und eben so grosser Uneigennützigkeit für die Verbreitung\nund Bildung des Geschmacks an elastischer Musik. Das F'est-Con-\ncert brachte ausser dem D-moll-Concert eine treffliche Auswahl\n»\nvon Kammermusik-Stücken Mozart's zur Ausführung, unter Ande-\nrem die Quartetts G-dur für Streich-Instrumente und G-moll für\nPiano u. s. w., das Quintett in C-dur, das Trio in E-dur, die So-\nnate in E-moll für Pianoforte und Violine, die C->?io//-Phantasie.\nBeim Mozartfeste in Petersburg war auch der rühmlichst\nbekannte musicalische Schriftsteller und Biograph Mozart's Ulibi-\ntscheff anwesend. Es wird wie uns von dort mitgetheilt wird\nnächstens ein neues Werk von ihm: „Beethoven et ses Glossa-\nteurs\", bei Breitkopf & Härtel in Leipzig erscheinen.\nEin bekannter Kunstrichter hörte einen Tenoristen, der zum\nersten Male auftrat, und sagte: „Der Mann wird durch die ganze\nWTelt kommen.4' „Wie so?\" fragte ihn sein Nachbar mit Ver-\nwunderung. „Ei nun, Niemand wird ihn aufhalten!\" war die\nAntwort."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "121", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nKarl Philipp Emanuel Bach. Von L. B. Ein Concert der Sänger des Grafen ScheremetiefY in St. Petersburg. Von\nWladimir Stassoff. Zar Literatur des Volksliedes. Von C. H. Tages- und Unterhaltung sblatt (Köln, Soiree von E.\nKoch, Viertes Concert des Männergesang-Vereins [Paulus] Gent Brighton u. s. w.).\n\nKarl Philipp Emanuel Bach,\n\nder Begründer der freieren Form der Instrumental-Musik,\nder Schöpfer des neueren Ciavierspiels und der grösste\nMeister desselben zu seiner Zeit (1714 geb., 1788 gest.),\nwirkte nicht nur seine Compositionen und durch sei-\nnen musterhaften Vortrag, sondern auch vorzüglich durch\nLehre und Unterricht dahin, eine neue, vollkommnere Pe-\nriode des Clavierspiels heraufzuführen. Bekanntlich wollte\nsein Vater Johann Sebastian ihn durchaus nicht zum Mu-\nsiker bestimmen; allein die Natur brach durch, und die\ngründliche Schulbildung und dreijährige Universitäts-Studien\nals Rechlsbefiissener kamen ihm dermaassen zu Gut, dass\ner die seltenen Vorzüge einer wissenschaftlichen und viel-\nseitigen Bildung mit dem Berufe des Künstlers vereinigte.\nSo war er denn vollkommen im Stande, das Clavierspiel\nnicht nur auf Grundsätze zurückzuführen, sondern auch\ndiese Grundsätze in ein System zu bringen und sie zu einem\ntheoretischen Werke, neben seinen mehr als dreihundert*)\nClavier-Compositionen, auszuarbeiten. Dieses Werk:\nVersuch über die wahre Art, das Ciavier\nzu spielen,\nist jetzt in fünfter Auflage, „im Gewände und nach den\nBedürfnissen unserer Zeit neu herausgegeben von Gustav\nSchilling\", in Berlin bei Franz Stage erschienen, die bei-\nden Theile desselben in Einem Bande von sechs Lieferun-\ngen, Subscriptionspreis 2 Thaler, in gross Octav und schö-\nner Ausstattung.\nGewiss war es sehr wünschenswerth, dass dieses clas-\nsische Werk wieder in den Buchhandel kam, und Heraus-\ngeber und Verleger haben sich durch die neue Auflage ein\nunbestreitbares Verdienst erworben. Wir hätten jedoch ge-\nwünscht, dass der erstere das historische Interesse mehr,\nals geschehen, berücksichtigt hätte, indem es bei einem sol-\nchen Werke sehr darauf ankommt, zu wissen, was von\ndem ursprünglichen Verfasser, was vom Bearbeiter her-\nrührt. Es hätten also zunächst die beiden Vorreden (zum\nersten und'zweiten Theile) Bach's vollständig, nicht bloss\nauszugsweise, wieder abgedruckt werden müssen, und die\netwaigen Zusätze oder Aenderungen des Herausgebers\nmussten durch kleineren Druck oder Klammern äusserlich\nsichtbar gemacht werden. Herr Schilling, der bekanntlich\nsehr viel schreibt und als Bücher-Componist die Möglichkeit\nleistet, sagt in der „Vorerinnerung\", welche einige ober-\nflächliche Notizen über Bach und das Werk enthält, wört-\nlich: „Nur diejenigen Lehrsätze, die unmittelbar auf orga-\nnischem Grunde ruhen, und jene, welche sich lediglich nach\ndem jeweiligen Grade der virtuosen Ausbildung richten,\nsind im Sinne unserer Zeit förmlich umgestaltet worden.\"\nDas sind Worte, die gar nichts sagen; glücklicher Weise\nist aber nirgends im Buche eine „förmliche Umgestaltung\"\nwahrzunehmen. Es scheint, als habe sich die Thätigkeit des\nHerausgebers auf die Umsetzung der Noten-Beispiele in\nden G-Schlüssel, das Einrücken derselben in den Text\n(doch befinden sich ausserdem noch drei Applicatur-Tabel-\nlen im Anhange), einige Zusätze zu den Paragraphen über\nEinrichtung und Beschaffenheit der Claviere und auf gram-\nmaticalische und stilistische Verbesserungen von Kleinig-\nkeiten beschränkt.\nWas Bach und seine Zeit von einem Ciavierspieler ver-\nlangten, dürfte gar vielen und selbst manchen hochberühm-\nten Pianisten der Gegenwart ein starkes Frösteln über die\nHaut jagen. Man höre: „Wem ist nicht bekannt, wie viele\nForderungen an das Ciavier gemacht werden? wie man sich\nnicht begnügt, bloss dasjenige von einem Ciavierspieler zu\nerwarten, was man von jedem Instrumentisten mit Recht\nfordern kann, nämlich die Fertigkeit, ein für sein Instrument\n\n*) S. Gerber's Lexikon der Tonkiinsller."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.1.2", "texte": "gesetztes Stück den Regeln des guten Vortrags gemäss\nauszuführen? Man verlangt überdies, dass ein Ciavierspieler\nfrei phantasiren, einen aufgegebenen Satz nach den streng-\nsten Hegeln der Harmonie und Melodie aus dem Stegreif\ndurcharbeiten, aus ollen Tonarten mit gleicher Leichtigkeit\nspielen, eine Tonart in die andere im Augenblicke ohne\nFehler übersetzen, Alles ohne Unterschied vom Blatte weg-\nspielen können soll, es mag für sein Instrument eigentlich\ngesetzt sein oder nicht; dass er auch die Wissenschaft des\nGeneralbasses in seiner völligen Gewalt habe, und welche\nder Forderungen mehr!\"\nUeber alles dieses suchte nun Bach durch sein Werk\nzu belehren und Anleitung zu geben. Doch war er „vor-\nzüglich Willens, die wahre Art zu zeigen, Handsachen mit\nBeifall vernünftiger Kenner zu spielen.\"\nDas Buch zerfällt demnach in zwei Theile. Der erste\nenthält „die Lehre vom Ciavierspiel überhaupt\" (S.\n13—139); der zweite „die Lehre von der Beglei-\ntung, der freien Phantasie und der (den) dazu nö-\nthigen Kenntnisse (n) der musicalischen Har-\nm o n i e.\"\nIm ersten Theile folgt auf eine Einleitung das erste\nHauptstück von der „Fingersetzung\" in 98 Paragra-\nphen, das zweite von den „Manieren\" (Vor- und Nach-\nsehlag, Triller, Doppelschlag, Mordent, Anschlag, Schleifer,\nSchneller, Battement, Tremolo, Arpeggio, Zurückschlag,\nVerzierung der Fermaten). Das erste zeigt Applicaturen\nder mannigfachsten Art und beweis't, dass manches, was\nuns vor Kurzem z. B. von Haberbier als neu erfunden dar-\ngestellt wurde (Fortrücken desselben Fingers, Uebersetzen\ndes dritten über den vierten u. s. w.), schon da gewesen\nist. Die Abhandlung über die Manieren ist sehr ausführlich\n(von S. 56 bis 118), da diese damals eine Hauptkunst des\nSängers und Spielers ausmachten. Wir finden darin eine\nMenge von feinen Bemerkungen, die auch noch jetzt von\nNutzen sein werden; das vorzüglichste Interesse des gan-\nzen Abschnittes dürfte jedoch ein historisches sein, indem\ner eine Vorstellung von der damaligen Weise der Aus-\nschmückung und Verzierung der Melodie gibt, welche mei-\nstentheils noch nicht vom Componisten ausgeschrieben,\nsondern dem Spieler (oder dem Sänger) überlassen wurde.\nDas dritte Hauptstück enthält die Lehre „vom Vor-\ntrage\" (S. 119 —139), und in ihr ganz köstliche und\ngerade heutzutage sehr zu gelegener Zeit kommende An-\nsichten und Bemerkungen.\nDer gute Vortrag besteht „in nichts Anderem als der\nFertigkeit, musicalische Gedanken nach ihrem wahren In-\nhalte und Affecle singend oder spielend dem Gehör wahr-\nnehmbar zu machen und dadurch der Seele des Hörers,\nseinem Verstände und Herzen mitzutheilen\" (§. 2). Die\n„Mittel des guten Vortrags sind: Stärke und Schwäche der\nTöne, ihr Druck oder Accent, Schnellen, Schwellen, Ziehen,\nStossen, Beben, Brechen, Halten, Schleppen und Fortgehen.\nWer diese Dinge entweder gar nicht oder zur unrechten\nZeit gebraucht, hat einen schlechten Vortrag\" (§. 3).\nVortrefflich und charakteristisch lür den Geist des gan-\nzen Abschnittes oder vielmehr des ganzen Buches sind fol-\ngende Stellen aus der Einleitung (§. 1) zur Lehre vom\nVortrage:\n„Es ist ein grosser Irrthum, wenn man glaubt, die\nStärke eines Ciavierspielers bestehe in der blossen Fertig-\nkeit. Man kann die fertigsten Finger, einfache und doppelte\nTriller haben, die Applieatur verstehen, vom Blatte treffen,\nAlles aus dem Stegreif transponiren, Decimen, ja, Duodeci-\nmen greifen, Läufer und Kreuzsprünge von allerlei Art\nmachen können, und was dergleichen mehr ist: und man\nkann bei alledem doch kein deutlicher, gefälliger, rühren-\nder, kurz: kein guter Spieler sein. Ja, die Erfahrung lehrt\nsogar und mehr als nöthig, wie die Treffer und Geschwind-\nspieler von Profession nichts weniger als diese Eigenschaf-\nten besitzen, wie sie zwar durch die Finger Ohr und Auge\n(schon damals!) in Verwunderung setzen, dem Gefühle des\nZuhörers aber gar nichts zu thun geben. Sie-überraschen\ndas Ohr, ohne es zu vergnügen, und betäuben den Ver-\nstand, ohne ihm genug zu thun. Es ist allerdings rühmlich,\nFertigkeit im Abspielen zu besitzen, und ich ralbe Jedem,\nsich diese so viel als nur möglich zu erwerben. Aber ein\nblosser Treffer darf noch keineswegs auf die wahrhaften\nVerdienste desjenigen Ansprüche machen, der mehr das\nOhr als das Gesicht, mehr das Herz als das Ohr in Em-\npfindung zu versetzen und dahin, ,wo er will, zu reissen\nvermögend ist.\"\n„Es ist ein Vorzug des Claviers, dass man es, was\nFertigkeit anbelangt, darauf höher als auf einem anderen\nInstrumente bringen kann. Man muss aber diesen Vorzug\nnicht missbrauchen. Dass ich der Fertigkeit nicht ihr\nVerdienst, ihre Nothwendigkeit nehme, kann man daraus\nschliessen, dass ich selbst verlange, es in ihr bis zum höchst\nmöglichen Grade zu bringen. Doch wenn man ihr solche\nVorrechte einräumt, dass man bloss um ihretwillen\nspielt, so ist das ein grosser Fehler. Uebrigens habe ich\ndabei auch nicht vor, diejenigen trägen und steifen Hände\nzu rechtfertigen, die einen aus Gefälligkeit einschläfern, un-\nter dem Vorwande des Sangbaren das Instrument nicht zu"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.1.3", "texte": "beieben wissen und durch den verdriesslichen Vortrag ihrer\ngähnenden Einlälle noch mehr Vorwürfe als die blossen\nFertigkeits-Helden verdienen ; denn diese letzteren sind zum\nwenigsten noch der Verbesserung lähig, wenn man ihr\nFeuer dämpft u. s. w. Beide freilich üben ihr Instrument\nnur maschinenmässig. Zu dem rührenden Spiele werden\ngute Köpfe erfordert.\"\nWir wollen noch eine kleine Lese einzelner Goldkör-\nner halten, aus denen der Geist und das Wissen des echten\nKünstlers spricht.\n„Man untersuche vorher die Beschaffenheit des Instru-\nmentes, worauf man spielt, damit man es weder zu wenig,\nnoch zu viel angreift, damit man auf vernünftigere Weise,\nals insgemein geschieht, Affecte vorzustellen suche, nicht\ndurch übertriebene Gewalt des Anschlages.\"\n„Einige Personen spielen kleberig, als wenn sie Leim\nzwischen und an den Fingern hätten. Andere spielen zu\nkurz, als wenn die Tasten glühend wären. Es thut Beides\nschlecht, d. h. überhaupt; zur rechten Zeit können alle\nArten des Anschlags gut sein.\"\n„Es ist keine geringe Aufgabe, auf unserem Instru-\nmente ein Adagio recht singend vorzutragen, aber es ist\ndoch nicht geradezu unmöglich. lis gehört dazu eine Frei-\nheit der Bewegung, die alles Sclavische und Maschinenmäs-\nsige ausschliesst. Aus der Seele muss man spielen und nicht\nwie ein abgerichteter Vogel. Alle Schwierigkeiten und\nPassagen sind durch Uebung zu überwinden und erfordei n\nin der That nicht so viele Mühe, als der gute Vortrag ein-\nfacher Noten.— Man versäume keine Gelegenheit, geschickte\nSänger zu hören, dadurch lernt man singend denken, und\nman thut wohl, wenn man hernach selbst sich einen Ge-\ndanken vorsingt, um den rechten Vortrag desselben zu\ntreffen.\"\n„Ein Spieler kann nicht anders rühren, ausser er ist\nselbst gerührt; er muss nothwendig sich in ahe AfTecte\nversetzen können, die er erregen will, und dieselben Lei-\ndenschaften in sich empfinden, die der Urheber des Stückes\nbei dessen Verfertigung hegte. Das vorzüglichste Mittel,\nsich der Gemüther der Zuhörer zu bemeistern, ist das freie\nPhantasiren. Die freie Phantasie darf aber nicht in aus-\nwendig gelernten Passagen oder gestohlenen Gedanken be-\nstehen, sondern sie muss unmittelbar aus einer guten mu\nsicalischen Seele hervorströmen und im Stande sein, dem\nschnellen Wechsel der Gelühle ergreifenden Ausdruck zu\ngeben.\"\n„Zur richtigen Ausiübrung des gehört\nviel Urteilskraft und ganz besonders viel Empfindung. Wer\nBeides hat, dem wird es nicht schwerfallen, mit aller Frei-\nheit, die nicht den geringsten Zwang verträgt, seinen Vor-\ntrag einzurichten, und er würde, wenn es sein müsste und\ndürfte, alle Gedanken verziehen können. Anders aber wird\nbei aller Mühe ohne hinlängliche Empfindung nichts Hechtes\nausgerichtet werden können. Sobald man sich mit seiner\nOberstimme sclavisch an den Tact bindet, verliert jenes\nTempo sein Wesentliches, weil alle übrigen Stimmen aufs\nstrengste nach dem Tacte ausgeführt werden müssen.\"\n„Das Verbinden der Noten durch Bogen mit Punkten\nnennt man beim Ciavier das Tragen der Töne. Dabei wer-\nden die Töne gezogen, und jeder bekommt zugleich einen\nmerklichen Druck.\"\n„ Eine lange und afFectuöse Note verträgt eine Bebung,\nindem man mit dem auf der Taste liegen bleibenden Finger\nsolche gleichsam wiegt, oder indem man sie zitternd wie-\nderholt. Der Anfang einer Bebung wird am besten in der\nMitte der Geltung der Note gemacht.\"\nSolche Feinheiten des Anschlags und des Ausdrucks\nbereits vor hundert Jahren! und auf welchen Instrumen-\nten ! während wir glaubten, so etwas sei erst nach Erfin-\ndung der doppelten Auslösung, der englischen Saiten, der\nBefilzung u. s. w. u. s. w. möglich geworden und dennoch\nnur selten erreicht! Und das alles äussert der treffliche\nMann so wie im gemüthlichen Gespräche mit vernünftigen\nLeuten, und spricht von der neu anhebenden Kunst-Periode\nauf eine so objective Weise, dass aus keiner Zeile des gan-\nzen Buches auch nur die Ahnung einer Andeutung blickt,\ndass er selber ja eigentlich der Haupt-Urheber dieser neuen\nRichtung war, dass er selber vorzüglich diese neue Kunst-\nPeriode heraufführte, die im freieren Compositions-Styl zu-\nnächst Haydn und im Ciavierspiel Clementi aufnahmen und\nweiter führten. —Es waren doch liebenswürdige Menschen,\ndiese alten, echten Musicanten!\n(Schluss folgt.)\n\nL. B.\n\nEin Concert der Säuger des Grafen Scheremetieff\nin St. Petersburg\n\n*} •\nAm 11. Februar (23. n. St.) wurde in dem zu den\nmusicaiischen Hebungen des Chors bestimmten Saale von\nden Sängern des Grafen Scheremetieff ein Concert aufge-\nführt, welches durch seine Zusammenstellung und Auslüh-\n\n*) Dieser Artikel der St. Petersburger Musicalischen Zeitung ist\nuns von dort in deutscher Uebersetzung mitgctheilt worden,\nan welcher wir nur das Grammaticalische berichtigten. Jede\nweitere Aenderung würde das Interessante und Charakteristi-\nsche desselben verwischt haben. Die Redaction,"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.1.4", "texte": "rung so sehr aus der Reihe der meisten dem petersburger\nPublicum zugänglichen Concerte heraustritt, dass wir es\nfür nothwendig erachten, abgesondert von der allgemeinen\nBetrachtung der Concerte einige Worte darüber zu sagen.\nAlljährlich im Laufe der Winter-Saison führen die\nSänger des Grafen 1). N. Scheremetieff vor einem kleinen\nKreise von Rennern und Liebhabern, die von dem Grafen,\neinem wahren Freunde der guten Musik, eingeladen wer-\nden, einige bemerkenswerthe Stücke aus, vornehmlich alte\nitaliänische Kirchen-Composilionen. Das kleine Auditorium\nist der einzige Grund davon, dass diese Concerte nicht so\nbekannt und berühmt geworden sind, wie sie es in der That\nverdienen. Nur Wenigen ist der durch diesen Musterchor\nausgezeichnet ausgeführte Ritual-Gesang während des Got-\ntesdienstes in der Hauskirche des Grafen zugänglich; glei-\ncher Weise ist es sehr wenigen von den wahren Kennern\nlind Liebhabern vergönnt, den classischen und leider so\nseltenen Concerten beizuwohnen. So bleibt der künstleri-\nschen Welt eine von den Erscheinungen, welche in der\nReihe der bemerkenswerthesten in Russland glänzen, fast\nvöllig unbekannt.\nDer Sängerchor des Grafen Scheremetieff existirt von\nden Zeiten der Kaiserin Katharina der Zweiten her, doch\nkann man mit Sicherheit behaupten, dass er nie eine so\nvolle Zahl (achtzig Mitglieder), noch eine solche Entwick-\nlung und Vervollkommnnng gehabt, wie gegenwärtig. Ohne\nZweifel verdankt jeder Chor, wie auch jedes Orchester,\nseine Vollkommenheit zunächst dem Talente und den Fähig-\nkeiten der Personen, aus denen sie zusammengesetzt sind;\nin stärkerem Maasse jedoch ihrem Capellmeister. Sowohl\nChor als Orchester sind vergleichbar der fügsamen Masse,\naus welcher der Bildhauer seine Statue bildet, oder noch\nrichtiger der Claviatur eines Flügels, durch welche der\nPianist sich selbst, so wie sein Talent zur Erscheinung\nbringt. Möge ein Flügel auch in der ersten Werkstalte der\nWelt gebaut worden sein, wir werden dennoch erst dann\ndie ganze fiele und Vollkommenheit seines Werthes erken-\nnen, wenn er von einem wahren und vollkommenen Künst-\nler gespielt wird, der alle Vorzüge desselben in edeln Bil-\ndern der Tonkunst hervortreten lässt. So sehen wir auch\nden Scheremetieff'schen Chor zu Dank verpflichtet dem\nausserordentlichen Talente seines gegenwärtigen Capellmei-\nsters Gabriel Lamakinn, welcher, ungeachtet er seine\nmusicalische Bildung in Russland erhalten und weder ita-\nliänische noch deutsche Schulen besucht hat, seinen Kennt-\nnissen und seinen musicalischen Anlagen nach unstreitig\nmit den bedeutendsten gegenwärtigen Chor-Directoren in\ngleichem Range steht und in uns eine Ahnung dessen er-\nregt, was jene Directoren der Capellen und Conservaiorien\nder ruhmvollen italienischen Zeit gewesen sein mögen, auf\nwelche die Geschichte der Musik stolz ist.\nHerr Gabriel Lamakinn, der sich während mehrerer\nJahrzehende der schweren Bestimmung gewidmet, den\nChorgesang auszubilden und zu dirigiren, hat bei angebo-\nrenem Talente jene Meisterschaft in der Direction des Chors\nerrungen, die in den Augen des\nden Chor in ein Ganzes verwandelt, das von Einem und\ndemselben künstlerischen Gefühle im Ausdruck beseelt wird,\ngleichsam in einen einzigen Menschen und Künstler, der\nvon den auszuführenden musicalischen Stücken tief durch-\ndrungen ist. Diese Vollkommenheit der ästhetischen Seite\nder Ausführung setzt durchaus die Strenge und Fülle des\ntechnischen Lernens voraus, und um nicht in die Speciali-\ntäten dieses ohnehin so speciellen Theiles einzugehen, wol-\nlen wir bloss zwei Facta anführen, welche die Stufe der\nBildung und Solidität der Schule, welche ein jedes Mitglied\ndes Scheremetieff'schen Chors durchmachen muss, bewei-\nsen. Wir sind mehr als einmal Zeugen davon gewesen,\nwie dieser Chor a prima vista ohne Vorbereitung die\nschweren, verwickelten Composilionen alter classischer\nAutoren ausführte. Ferner auch davon, wie im Falle einer\nUnterbrechung der Capellmeister einer einzelnen Stimme,\nz. B. dem Tenor, die Stelle und den Tact bestimmte, von\nwelchem wieder angefangen werden musste, und alle übri-\ngen Stimmen richtig und zur rechten Zeit ohne eine beson-\ndere Hinweisung einfielen. Wenn nun das erste dieser bei-\nden Facta von einer ausgezeichneten Schule, von einem\nrichtigen Wege des Lernens zeugen, so beweis't das zweite\nam besten, zu welchem Grade von Aufmerksamkeit und\nGeübtheit das Gehör jedes einzelnen Gliedes dieses Chors\ngesteigert worden ist. Es ist so selten, diese Erscheinung\nbei Knaben mit Sopran- und Alt-Stimmen zu finden, dass\njeder deutsche Chor daran Gefallen finden würde; denn\nwenn man auch in Deutschland in den Chören nicht immer\nalle wesentlichen Eigenschaften des Chors findet, so haben\nsie doch den Vorzug, dass meist alle in Folge einer guten\nund gründlichen Schule ausgezeichnet vom Blatte singen.\nMögen sich nun die Leser bei einer solchen Zusam-\nmenwirkung eines durch seine Vollkommenheit ausgezeich-\nneten Chors und bei einer Direction wie die des Herrn\nGabriel Lamakinn ein ganzes Concert denken, das aus sol-\nchen Musikstücken zusammengestellt ist, deren jedes ein-\nzelne, als ein Muster in seiner Art, zugleich den Repräsen-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.1.5", "texte": "Tanten einer von den alten Schulen bildet dann werden\nsie sich einen Begriff von der Wichtigkeit und dem grossen\nInteresse des Concertes machen können, von welchem wir\nsprechen. Folgende Stücke wurden in demselben ausgeführt:\nIm 1. T heile: 1) Choral von J. S. Bach aus der\nMatthäus-Passion, vierstimmig (H-moll); 2) der Schlusssatz\ndes Gloria aus der grossen Messe von Durante, vierstimmig\n(ohne Begleitung); 3) Motette Judica mc Dens von Leo,\nvierstimmig; 4) der berühmte Chor Plorale filii Israel aus\ndem Oratorium Jephta von Carissimi, sechsstimmig.\nIm 11. Theile: 5) Choral von Bach aus derselben\nPassions-Musik, vierstimmig (F-dur); 6) Crucißxus von\nLotti, zehnstimmig; 7) Motette Hodie nobis est nalus coe-\nlorum rex(das von der Capelle des Papstes in der Nacht\nvor Weihnachten gesungen wird) von Nanini, sechsstim-\nmig (ohne Begleitung); 8) Crucißxus von J. S. Bach, aus\nder hohen Messe, vierstimmig.\nWir finden hier die Musikstücke der verschiedenartig-\nsten Schulen und Epochen. Nanini und Carissimi gehören\nzu der römischen Schule, der erste am Ende des XVI., der\nandere in der ersten Hälfte des XVII. Jahrhunderts; Lotti\nzur venetianischen Schule am Ende des XVII. Jahrhunderts;\nLeo und Durante zur neapolitanischen, Ende des XVII. und\nAnfang des XVIII. Jahrhunderts, und endlich der grosse\nSebastian Bach, Vertreter der tiefen Kunst und Poesie\nDeutschlands in der ersten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts.\nBemerken wir noch, dass bei dieser Verschiedenheit der\nSchulen und Epochen diese Piecen (die mit Ausnahme de-\nrer von Bach sämmtlich in Manuscripten von dem Schrei-\nber dieser Zeilen unter der Zahl einer Menge grosser Kir-\nchen-Compositionen aus Rom hieher gebracht worden sind)\ndie verschiedenartigsten Charaktere haben und desswegen\ndie verschiedenartigste Auslührung erfordern. So kann es\nnichts Entgegengesetzteres geben als z. B. den düsteren,\nzerreissenden Charakter der beiden und den\nheiteren, feierlich-erhabenen Charakter der Weihnachts-\nHymne von Nanini u. s. w. Ungeachtet dieser mannigfachen\ncomplitirten Forderungen, die an einen Chor zu machen\nsind, der solche Meisterwerke ausführt, konnte jeder wahre\nRenner und Liebhaber der echten Musik nur ein Gefühl\nder Freude und Begeisterung aus diesem Concerte mit\nhinausnehmen, wie es einem selten vergönnt ist zu empfin-\nden. Wer hätte sich nun wohl vorstellen können, dass zu\nunserer Zeit, wo alle Sängerchöre in einem so allgemein\nverbreiteten Verfalle begriffen sind, wo die päpstliche Ca-\npelle als morscher, ärmlicher Ueberrest der früheren Grösse\nerscheint, wo selbst die tüchtigen künstlerischen Deutschen\nsich über den berliner Dom-Chor beklagen, in welchem sie\nausser Accuratesse und mechanischer, preussisch-militäri-\nscher Pünktlichkeit nichts weiter finden [??], wo alle wah-\nren Kenner der Musik den allgemeinen Verfall des kirch-\nlichen Chorgesanges in Europa bejammern, wo endlich alle\nberühmten Namen der alten genialen Componisten von dem\ngegenwärtigen europäischen Publicum vergessen werden\nund ihre unsterblichen Erzeugnisse im Archiv-Staube be-\ngraben sind: wer, sage ich, könnte sich nun wohl vorstel-\nlen, dass trotz dem die von lauter Kolossen erzeugte ältere\nMusik in Russland einen heimischen Heerd und Darsteller\ngefunden, an welchen selbst die Componisten jener grossen\nSchöpfungen ihre Herzensfreude gehabt haben würden?—\ndass in diesem weiten Russland, dem man hinsichtlich der\nKünste so wenig zuzutrauen pflegt, solche Chöre wie die\nder kaiserlichen Hofcapelle und dann der des Grafen Sche-\nremetiefT existiren? Wohl möchte man es allen Sachver-\nständigen Europa's laut zurufen: Kommt und hört! erfreut\nEuch an diesem Wunder, das auch unter Euch einst hei-\nmisch war, jetzt aber schon längst aus Eurer Mitte gewi-\nchen. Wollt Ihr Palestrina und die ganze Reihe der gros-\nsen, mit ihm oder nach ihm geborenen Schöpfer kennen\nlernen und hören, so kommt in die russischen Künstler-\nConcerte, wie das heutige bei dem Grafen Scberemetieff,\nhört diese russischen Chöre, alsdann wird in Euch die Er-\ninnerung der früheren, jetzt verloren gegangenen Grössen\nder Musik durch ihre Auslührung erwachen.\nZum Schlüsse wollen wir noch mit wenigen Worten\neinen zum Theil noch streitigen Punkt, dem es an Wich-\ntigkeit nicht gebricht, berühren. Viele Musikkenner, sowohl\nDeutschlands als auch anderer Länder, die unsrigen mit\ngerechnet, behaupten, dass die alte Kirchenmusik des XVI.\nund XVII. Jahrhunderts gleichmässig ausgelührt werden\nmüsse, ohne alles das, was durch die musicalischen Kunst-\nAusdrücke: Accelerando, Ritardando, Ritenuto, Calando,\nCrescendo, Decrescendou. s. w., bezeichnet wird. Wir kön-\nnen hier nicht tiefer eingehen auf die specielle, auf Docu-\nmente begründete Betrachtung dieser Meinung. Wir hof-\nfen, in der Folge zu diesem Zwecke eine günstige Gelegen-\nheit zu finden. Für dieses Mal wollen wir uns mit Folgen-\ndem begnügen. Alle diejenigen, welche die oben bezeich-\nnete Meinung vertreten, sind mit der Geschichte der Musik\nwenig bekannt, eben so wenig kennen sie die Zeugnisse\n\n*) J. S. Bach scheint das in der Stimmenführung wunderbar\nkünstliche und geniale Crucißxus des Lotti gekannt und da-\nnach sein herrliches Crucißxusder hohen Messe, doch in\neinem weit kolossaleren Maassstabe, gebildet zu haben."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.1.6", "texte": "zahlreicher Schriftsteller und Reisender, die, vom XVII.\nJahrhundert beginnend, uns namentlich von allen den Nuan-\ncen in der Ausführung der damaligen Chöre erzählen,\nwelche von den grössten Componisten selbst dirigirt und\neingeübt worden sind. Wir erwähnen bloss Burney's in\nseiner musicalischen Reise und Proske's in seinem Vorworte\nzu dessen Musica Divina.Beide haben den päpstlichen\nChor gehört, ersterer zu Ende des XVill. Jahrhunderts,\nder andere in den dreissiger Jahren unseres Jahrhunderts.\nUebrigens braucht man nur diese Compositionen selbst zu\nuntersuchen, um sich zu überzeugen, dass sie eine unend-\nliche Mannigfaltigkeit und Fülle zartester Nuancen verlan-\ngen. Ohne Zweifel darf die Ausführung nun und nimmer\neine theatralische sein. Es gibt dafür keinen anderen Weg-\nweiser als den richtigen künstlerischen Instinct, und eben\naus diesem Grunde halten wir die Ausführung der oben\nbezeichneten Kirchenstücke durch die Sänger des Grafen\nScheremetieff lür eine vollkommene, weil das wahre künst-\nlerische Gelühl die Seele der Ausführung war.\nMögen sich die Leser nicht wundern, wenn wir die\nausgeführten Stücke nach ihrem tiefen Inhalt zu besprechen\nunterlassen; wir glauben, dass man über dieselben entwe-\nder sehr viel sagen oder bloss ihre Titel erwähnen müsse.\nKann man, wenn von Shakespeare und Raphael die Rede\nist, sich mit wenigen flüchtigen Worten begnügen?\n\nWladimir Stassoff.\n\nZur Literatur des Volksliedes.\n\nFränkische Volkslieder. Gesammelt und mit ih-\nren ursprünglichen Singweisen herausgegeben von\nFrhr. v. DitFurth. Leipzig, Breitkopf & Härtel.\n2 Bände. 1855.\nDer Herausgeber hat seinen Liederschatz in zwei Ab-\ntheilungen gebracht, nämlich dem Inhalte nach in Weltlich\nund Geistlich. Der erste Band enthält die geistlichen, der\n/.weite die weltlichen Gesänge; letzterer ist bedeutend stär-\nker. Von allen Anordnungen dürfte eine solche immer die\neinfachste und natürlichste sein; denn wie sich dem Volke\nschon die Woche zerlegt in Festtage und in Tage welt-\nlicher Arbeit, so zerfällt auch sein geistiges Besitzthum in\ndiese zwei Hälften nach den beiden Grundweisen, die sein\nLeben bewegen; und dass das Weltliche den grösstenTheil\ndavon in Anspruch nimmt, ist ebenfalls in der Ordnung.\nFür die Gegend, an welche Herr v. Ditfurth gewiesen war,\nkommt noch hinzu, dass in ihr, als in einer katholischen,\nder Volks-Gesang weniger in die Kirche aufgenommen,\ndaher mehr in Wiese und Wald, auf Fluren und Heer-\nslrassen, in Stuben und Häusern geblieben ist.\nWeil die Lieder zweistimmig gesungen werden, hat\nder Herausgeber es auch lür seine Pflicht gehalten, sie so\naufzuzeichnen und mitzutheilen. Für diese Treue muss man\nihm ganz besonders dankbar sein; denn erst wenn alle\nSammler ein Gleiches thun, können wir hoffen, dass einmal\nder gesammte Liederschatz unseres Volkes vollständig zur\nAufzeichnung kommen werde. Vor der Hand ist solches\nnoch nicht möglich, theiis weil die Sammler sich nicht von\nden richtigen Grundsätzen leiten lassen, theiis und beson-\nders weil die einzelnen Gegenden unseres Vaterlandes noch\nnicht erschöpft sind. In beider Hinsicht sind diese „Frän-\nkischen Volkslieder\" ein erfreulicher Anfang, und wir ste-\nhen nicht an, sie in mancher Beziehung als Muster zu\nempfehlen.\nBei den geistlichen Liedern ist oft eine ältere Quelle,\nein Gesangbuch aus den Jahren 1650—1750, theiis auch\nfür kirchlichen Gebrauch, angegeben; bei den weltlichen\nist der Ort genannt, in welchem das Lied gehört wurde,\nder Volksmund war hier die alleinige Quelle. Es könnte\nnicht schaden, wenn die Sammlungen in dieser Hinsicht\neine etwas gelehrtere Gestalt erhielten. Von vielen Liedern,\ndie noch gesungen werden, sind ältere Aufzeichnungen\nvorhanden; nicht mit abdrucken soll der neue Sammler\ndiese alten Drucke, aber er soll sie vergleichen, die Abwei-\nchungen sich anmerken und kurz bezeichnen, oder auch\nnur im Allgemeinen auf die ältere Quelle hinweisen. Wenig\nbeachtet ist dies besonders bei den Melodieen, und doch ist\nes gerade hier von Wichtigkeit. Was Herrn v. Ditfurth\nnicht möglich war, weil er entweder mit der älteren Lite-\nratur dieses Faches sich nicht genauer befasst hat, oder weil\nihm keine grössere Bibliothek zu Gebote stand, mögen An-\ndere nicht unterlassen. Wer so etwas nicht selbst kann,\nlasse es durch einen Dritten thun. Es wäre überhaupt sehr\nwünschenswert!) und für die Sache von erheblichem Ge-\nwinn, wenn die verschiedenen Sammler mit ihren Schätzen\netwas näher zusammen rücken wollten. Die Sammlung ist\nnur die eine Seite, die Sichtung die andere, und letztere\nwird um so nöthiger werden, je mehr man die einzelnen\nGaue durchsucht; auch dürften sich für ausführliche Samm-\nlungen über jeden Theil Deutschlands mit der Zeit keine\nVerleger mehr finden. Die Sichtung darf aber nicht in will-\nkürlichem Ausmerzen bestehen, sondern man muss die ver-\nschiedenen Aufzeichnungen zusammen halten, die treueste,\nsinnvollste Lesart wählen und dabei anmerken, in welchen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.1.7", "texte": "Gegenden das Lied sich noch sonst findet und mit welchen\nAbweichungen. Mehr wird Niemand verlangen. Schade, dass\nkeiner vorhanden ist, der Ansehen, Kenntnisse, Lust und\nbibliothecarische Hülfsmittel genug besilzt, um iür derartige\nBestrebungen den Mittelpunkt abgeben zu können. Herr\nL. Erk in Berlin hat sich zwar auf diesem Felde ziemlich\nbekannt gemacht und zum Theil wirklichen Nutzen gestif-\ntet, aber wo die Aufgaben etwas grösser und die Anfor-\nderungen etwas bedeutender werden, sieht man doch, dass\nman nicht allzu viel von ihm erwarten darf. Sein „Lieder-\nhort\", auf drei Bände berechnet, ist nun schon mit dem\nersten geschlossen, scheint also grösstenteils wieder ver-\nsunken zu sein, „versunken in den Rhein% wie das alte\nLied sagt.\nDem zweiten Bande hat Herr v. Ditfurth eine ausführ-\nliche Einleitung mit auf den Weg gegeben. Diese berührt\nmanche interessante Punkte und bespricht sie auf eine an-\nziehende Weise, zeigt aber im Ganzen nur wieder, dass es\nmit der Eenntniss der Geschichte unseres Volksliedes noch\nsehr schwach bestellt ist. Ausser dem, wras gelegentlich\nW.Grimm und Gervinus angemerkt haben, ist die Abhand-\nlung von Prof. Möllenhoff in seinen Holsteinischen Märchen,\nSagen und Liedern noch immer das Beste. Vor einer ge-\nwissen Breite und Schönseligkeit hat auch Herr v. Ditfurth\nsich nicht ganz zu bewahren gewusst. Auch steht das\nVolkslied nicht im Gegensatze zu der Kunst der Töne als\ndas Naturwahre zu dem Schein, als das Dauernde zu dem\nUnbeständigen, sondern diese Erzeugnisse eines unbewuss-\nten Kunsttriebes bilden die Grundlage, die Anfänge aller\nKunst, und von Bestand ist hier wie dort nur, was auf\nNatur und Wahrheit gegründet ist. Unter allen Umständen\nist festzuhalten, dass das fünfzehnte Jahrhundert die eigent-\nliche Blüthezeit des deutschen Volksgesanges gewesen ist.\nDieser Frühling kam bei uns ein wenig später als bei den\numwohnenden Völkern, wir lernten von denselben lind tha-\nten das Eigene hinzu; daher wird es auch wohl gekommen\nsein, dass wir in diesem Fache schliesslich alle anderen\nüberholt haben.\nDem geehrten Herrn Herausgeber sagen wir hiermit\nSur seine Gabe schönsten Dank.\n\nC. H.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nRöln« Am 10. April gab Herr Kammersänger E. Koch eine\nSoiree im Hotel Disch. Ausser dem Genüsse, Herrn Koch selbst\nzu hören, der uns diesen Winter nur sehr selten zu Theil gewor-\nden, interessirte die Abend-Unterhaltung auch dadurch, dass sie\neine Art von Prüfun gs-Concert für das Unterrichts-Institut\ndes Herrn Koch im Gesänge war. Die Leistungen der Schülerinnen\nund Schüler desselben, welche bereits die Stufe erreicht haben, um\nöffentliche Proben ihres Talentes ablegen zu können, waren im\nGanzen recht erfreulich und jedenfalls ehrenvoll für den Lehrer.\nMögen seine Bemühungen durch wahren und gewissenhaften Fleiss\nder Schüler, welcher leider immer seltener wird, belohnt werden,\nund diese immer mehr einsehen, dass die menschliche Stimme das\nschwierigste musicaiische Instrument ist, und dass ihre Ausbildung\neine andauernde Liebe zur Sache erfordert, die sich nicht durch\nLobhudeleien Unverständiger in den Schlaf wiegen lassen darf.\nHerr Koch trug, ausserdem dass er in mehreren Stücken mitwirkte,\nvon denen besonders das Quartett aus Righini's „befreitem Jerusa-\nlem\" (mit Fräul. Nina Hartmann, Frl. Käthchen Deutz und\nHerrn DuMont-Fier) ansprach, die Arie desAdolar aus Webers\nEuryanthe und zwei Lieder von Schumann mit hinreissendem Aus-\ndruck vor. Eine besonders rühmliche Erwähnung verdient Herr\nBrambach, der sich durch den Vortrag von Hiller's Duo appcis-\nsionato für Ciavier und Violine (Herr Goncertmeister Pixis) und\nder Pensees fugitives von St. Heller und Ernst als tüchtiger Ciavier-\nspieler (wobei ihm der ausgezeichnet gearbeitete und klangvolle\nConcertflügel aus der Pianoforte-Fabrik von Gerh. Adam in We-\nsel trefflich zu Statten kam) und durch die Begleitung der Gesang-\nstücke als gediegener Musiker zeigte. Mit Freuden ergreifen wir\ndiese Gelegenheit, diesen jungen, strebsamen Künstler der musicali-\nschen Weit zu empfehlen.\nIm Theater trat der Tenorist Herr Dr. Rade mach er als Gast\nin Halevy's Jüdin (Eleazar) mit vielem Beifall auf. Er hat eine\nwohlklingende, biegsame Stimme, welche namentlich des lyrischen\nAusdrucks sehr fähig ist, und eine gute Schule, welche dem Schrei-\nSysteme nicht huldigt.\nAm Buss- und Bet-Tage, den 16. April, fand das vierte Abon-\nnements-Concert des kölner M'ännergesang-Verein§\nim grossen Casinosaale Statt. Herr Musik-Director Fr. Weber\nhatte dazu die unter seiner Leitung stehenden musicalischen Ver-\neine: die Sing-Akademie, den Männergesang-Verein und die Phil-\nharmonische Gesellschaft, vereinigt, durch welche er unter Mitwir-\nkung des kölner Orchesters eine sehr gelungene Aufführung von\nF. Mendelssohn's Paulus veranstaltete. Die Chorstimmen stan-\nden in richtigem Verhältnisse zu einander; besonders klangvoll\nwaren die Männerstimmen, wie sich erwarten liess. So gingen denn\ndie Chöre bei der sorgfältigen Einübung und sicheren Leitung des\nDirigenten vorzüglich gut, und die Haupt-Nummern, z. B. „Mache\ndich auf!\" „0, welche Tiefe4' „Der Erdkreis\" u. s. w., mach-\nten einen prachtvollen Eindruck. Unter den Solisten gebührt Herrn\nE. Koch die Palme; er sang die Recitative musterhaft, und dje\nCavatine „Sei getreu\" im zweiten Theile war vortrefflich. Der aus-\ngezeichnete Vortrag der obligaten Violoncell-Partie durch Herrn\nB. Breuer machte im Verein mit der Singstimme diese Nummer\nzu der schönsten Perle des Abends. Herr Schiffer war in der\nPartie des Paulus sehr brav; als vorzüglich gelungen ist der Vor-\ntrag der Arie Nr. 18 („Gott, sei mir gnädig!\") und des Recitativs\nNr. 36 („Ihr Männer, was macht ihr da?\"J hervorzuheben. Die Alt-\nPartie hatte Fräul. P., eine schätzenswerthe Dilettantin, übernom-\nmen; die Sopran-Soli sang Fräul. Nina Hartmann. Letztere\nwar ganz vorzüglich bei Stimme und überall, wo sie das schöne\nMaterial, das ihr die Natur verliehen, vollständig beherrschte, was\nin den meisten Recitativen der Fall war, zeigte sie auch Ausdruck\nim Vortrage, besonders wenn dieser eine dramatische Farbe an-\nnehmen konnte. Wir empfehlen ihr vor Allem das Studium der\nMessa di voce, welches die Grundlage der ausdrucksvollen Gefühls-\nDarstellung durch den Gesang ist."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560419-01.1.8", "texte": "Die Sociele roycile des Choeurs zu Gent in Belgien wird bei\nGelegenheit der grossen Kirmess daselbst ein Musikfest und\neinen Gesang-Wettstreit veranstalten. Der letztere wird Sonn-\ntag den 6. Juli, das erstere Montag den 7. Statt finden. Der erste\nPreis für die deutschen, französischen, holländischen Vereine be-\nsteht in einer goldenen Denkmünze von 300 Francs Werth; der\nzweite hat den Werth von 150 Francs. Eben so für die belgischen\nVereine I. Classe. Die Bedingungen enthalten einige neue und sehr\nzweckmässige Artikel, z. B. Art. 5. Die Jury wird auf etwaige\nSolo-Vorträge keine Rücksicht nehmen. Art. 8. Um dem Zurück-\ntreten vorzubeugen, hinterlegt jeder Verein bei der Anmeldung 100\nFrancs, welche unmittelbar nach dem Auftreten desselben zurück-\ngezahlt werden. Gesungen wird von jedem Vereine ein Stück\n(8 Minuten Dauer) nach eigener Wahl; Einsendung der Partitur\nvor dem 1. Mai. Das zweite Stück wird von der Societe vorge-\nschrieben und zu rechter Zeit versandt.\nAuch in Brighton in England ist Mozart's Jubelfest durch\neine von Herrn F. M. d'Alquen veranstaltete musicalische Feier\nbegangen worden. Herr d'Alquen, ein Deutscher, Schüler von\nF. Ries, lebt seit einer langen Reihe von Jahren in Brighton, ge-\nniesst dort mit Recht den Ruf eines ausgezeichneten Clavierlehrers,\nhat sich eine glänzende Stellung erworben und wirkt mit grossem\nEifer und eben so grosser Uneigennützigkeit für die Verbreitung\nund Bildung des Geschmacks an elastischer Musik. Das F'est-Con-\ncert brachte ausser dem D-moll-Concert eine treffliche Auswahl\n»\nvon Kammermusik-Stücken Mozart's zur Ausführung, unter Ande-\nrem die Quartetts G-dur für Streich-Instrumente und G-moll für\nPiano u. s. w., das Quintett in C-dur, das Trio in E-dur, die So-\nnate in E-moll für Pianoforte und Violine, die C->?io//-Phantasie.\nBeim Mozartfeste in Petersburg war auch der rühmlichst\nbekannte musicalische Schriftsteller und Biograph Mozart's Ulibi-\ntscheff anwesend. Es wird wie uns von dort mitgetheilt wird\nnächstens ein neues Werk von ihm: „Beethoven et ses Glossa-\nteurs\", bei Breitkopf & Härtel in Leipzig erscheinen.\nEin bekannter Kunstrichter hörte einen Tenoristen, der zum\nersten Male auftrat, und sagte: „Der Mann wird durch die ganze\nWTelt kommen.4' „Wie so?\" fragte ihn sein Nachbar mit Ver-\nwunderung. „Ei nun, Niemand wird ihn aufhalten!\" war die\nAntwort."}]}