{"numero_id": "bm-bmtnabi-1856-05-17-01", "volume": "bmtnabi_1856-05-17_01", "ocr_sha256": "427aa40fc4ceabe093ead6ddc5040a70c3f221bd3e0cf62d2ccfe4c15e05d0c2", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1856/05/17_01/bmtnabi_1856-05-17_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1856-05-17-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-05-17_01#c001", "volume": "bmtnabi_1856-05-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "153", "page_fin": "153", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "153", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 405, "texte": "Inhalt.\nDas 34. niederrheinische Musikfest in Düsseldorf. I. Von L. Bisehoff. Die Tochter des Bratschisien. Eine Theater-\ngeschichte von Louise Nitz sehe, geb. Kind scher. Aus Mailand (Meyerbeer's „Stern des Nordens\"). Von H. d u Gasse. -a-\n-ge- und Unterhaltungsblatt (Köln, Julius Stockhausen Dresden, Concert von Marie Wieck Wien Paris, Adolf Adams\nBegräbniss Alexander Dreyschock Petersburg Bochsa f)-"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-05-17-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-05-17_01#c002", "volume": "bmtnabi_1856-05-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "153", "page_fin": "155", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.2.2", "titre_corps": "Das 34. niederrheinische Musikfest in Düsseldorf.", "titre_sommaire": "Das 34. niederrheinische Musikfest in Düsseldorf.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "153", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.1.1", "debut_caractere": 407, "fin_caractere_exclue": 3871, "texte": "Das 34. niederrheinische Musikfest in Düsseldorf.\nI.\nWir haben es dem Zusammentreten einiger Kunst-\nfreunde in Düsseldorf und der lhätigkeit des Comites,\nwelches sich der mühevollen Einleitung, Anordnung und\nAusführung der Sache unterzog, zu danken, dass das Jahr\n1856 nicht ohne ein niederrheinisches Musikfest geblie-\nben ist.\nDie freundliche Stadt vereinigte am 11., 12. und 13.\nMai wiederum eine grosse Menge von Künstlern und Kunst-\nfreunden in der schönen, mitten in Garten-Anlagen befind-\nlichen Geisler'schen Tonhalle. Zur Ausführung der Chöre\nhatten sich die Sing-Vereine von Aachen, Barmen, Bonn,\nDüsseldorf, Elberfeld, Essen, Hilden, Köln, Mülheim an der\nRuhr, Neuss, Solingen und Wesel eingefunden. Das Or-\nchester bestand aus den tüchtigsten Künstlern der Rhein-\nprovinz, zu denen einige namhafte Spieler aus der Ferne\nherberufen waren. Unter den Violinisten gehörten zu die-\nsen letzteren die Herren Böje aus Altona, Dreyschock\naus Leipzig, Gülomy aus Bückeburg, Ferd. Laub aus\nBerlin, Schmidt aus Bremen u. s. w.; unter den Bässen\nder Violoncellist Grützmacher aus Leipzig und die Con-\ntrabassisten Ki rch ne r aus Hannover, Sachar aus Frank-\nfurt, Sastedt aus Bremen. Es waren 62 Violinen, 26\nBratschen, 27 Violoncelle und 16 Contrabässe da, also\nein Saitenspiel von 131 Mann; die Blas-Instrumente dop-\npelt besetzt, zusammen ein Personal von 164 Instrumen-\ntalisten. Bei den Blas-Instrumenten war ebenfalls manches\nvorzügliche, namentlich eine sehr schöne erste Clarinette;\neinige andere Instrumente hätten besser sein können und\nwären auch wohl selbst in der Nähe besser zu haben ge-\nwesen. Die eine von den ersten Trompeten war zuweilen\nwidrig scharf. Der Gesaramt-Ton des Orchesters war jedoch\nvoll Klang und Kraft, das Fundament desselben, die Bässe,\nvortrefflich.\nDer Chor war sehr zahlreich. Die Listen wiesen an\nMitwirkenden 185 im Sopran, 140 im Alt, 168 im Te-\nnor, 237 im Bass nach; das wäre zusammen eine Schar\nvon 730 Sängern! Wenn nun auch, wie bei den Armee-\nListen mancher Länder, der wirkliche Bestand geringer war\nals der angegebene, weil stets allerlei unvorhergesehene\nUmstände gar Manche an der Reise verhindern, so war\ndoch jedenfalls ein Chor von 600 Mitwirkenden und dar-\nüber beisammen, und da nicht bloss die Zahl, sondern auch\ndie Kraft und Fülle der Stimmen bedeutend war, so kann\nman sich eine Vorstellung von dem Vollklange und der un-\ngeheuren Wirkung der Chöre im Elias und in der neunten\nSinfonie machen, indem namentlich die letztere wohl noch\nnirgends mit solchen Kräften ausgelührt worden ist, wie\ndieses Mal.\nDas ist es denn auch eben, nämlich das richtige Ver-\nhältniss der auslührenden Kräfte zu einander und zu dem\nCharakter der grossen Oratorien- und Sinfonie-Composi-\ntionen, die da Massen verlangen, was die Erhaltung der\nMusikfeste zum Besten der Kunst nothwendig macht. Man\nsagt zwar häufig: ein kleines, wohlgeschultes Orchester,\nein kleiner Chor von echten Sängern u. s. w. sind uns lie-\nber ; eine vollendete Ausführung ist ja mit solchen Massen\nund bei so wenigen Proben gar nicht möglich; die Dilet-\ntanten verderben wieder, was die Künstler gut machen, und\nwas dergleichen mehr ist. Sprechen wir zuerst von dem\nLetzten, so haben die jüngsten niederrheinischen Musikfeste\nund jetzt auch wiederum ganz besonders das diesjährige,\nunter der vortrefflichen Leitung von Julius Rietz, be-\nwiesen, dass die Ausführung, und zwar gerade die orche-\nstrale, einen Höhepunkt erreicht hat, auf welchem sie keine"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "154", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5139, "texte": "Nebenbuhlerschaft zu scheuen braucht. Ein Orchester von 164\nPersonen, welches, um dies gleich vorweg zu nehmen, z. B.\nCherubini's Ouvertüre zu den Abenceragen mit solcher\nPräcision und solchem Feuer, solcher Deutlichkeit und Fein-\nheit, mit einem so durchsichtigen und so ener-\ngischem Forte zu spielen vermag, wie das am zweiten Fest-\ntage in Düsseldorf geschah, das leistet alles, was man sonst\nnur von stehenden Capellen erwarten kann. Es leistet aber\nin Bezug auf die Wirkung viel mehr als diese; denn\nkeine Capelle auf der Welt ist im Stande, ein solches Ver-\nhältniss der Saiten-Instrumente zu den Blas-Instrumenten\naufzustellen. Ueberall, Berlin, Paris und London nicht aus-\ngenommen, überwältigen die Bläser und namentlich die\nMetall-Instrumente die Klänge der Saiten im und\nlissimo; aber bei 60 Violinen und 40 Bässen sollen sie\ndas wohl bleiben lassen. Und nun vollends die Chöre! Kein\nOrt auf der Welt, am wenigsten die Residenzen, in denen\ngerade ein allgemeines Zusammenwirken am schwersten zu\nermöglichen ist, können einen solchen Chor aufstellen, wie\ndie niederrheinischen Städte in ihren Mittelpunkten Aachen,\nDüsseldorf und Köln es bei den Musikfesten jedes Mal\nthun. Ich will die Frische und den Klang der rheinischen\nStimmen gar nicht einmal in Anschlag bringen—man höre\naber nur einmal das ades Soprans und das hohe der Te-\nnÖre und Bässe in der neunten Sinfonie!—, sondern nur\nfragen: wo ist in Deutschland der Vereinigungsgeist und\ndie Kunstliebe und die Ausdauer so gross und so allgemein\nverbreitet, dass eine Schar von 700 Dilettanten zusam-\nmenströmt und sich freiwillig verpflichtet, fünf Tage hinter\neinander am Morgen und am Abende drei bis vier Stunden\nlang zu singen? Und wo sind, kann man hinzusetzen, die\näusseren Bedingungen, welche diese Vereinigungen ermög-\nlichen, nämlich die Leichtigkeit und Menge der Verbin-\ndungs-Mittel und Reise-Gelegenheiten, und die glücklichen\nVerhältnisse, welche der bei Weitem grösseren Hälfte der\nMitwirkenden erlauben, auf fünf bis sechs Tage Geschäft\nund Beruf der Kunstliebhaberei wegen zu verlassen und\nihren Aufenthalt in einer fremden Stadl zu nehmen? Wö\nist das alles so zu finden, wie hier am Rheine? Wohl\nhat man die Massen auch in England; allein der Klang der\nStimmen hält keinen Vergleich mit den deutschen Stimmen\naus; der Alt ist sogar zuweilen widrig, weil theilweise von\nMännern in der Octave gesungen; und wenn die Orchester\nauch (ür die Oratorien trefflich sind, so fehlt ihnen doch\nfür die Sinfoniaen die feinere Schule des Vortrages. In Pa-\nris ist bekanntlich an Aufführung von Oratorien nicht zu\ndenken, und dass Berlin seine zertheilten schönen Kräfte\n(Sing-Akademie, Stern'scher Verein, Dom-Chor u. s. w.)\nzu einer jährlichen Gesammt-Leistung jemals vereinigen\nwerde, ist kaum zu erwarten. Wer wird nun aber behaup-\nten wollen, dass Oratorien, vollends die Händel'schen, an-\nders als mit grossen Chormassen dem Geiste der Compo-\nsition entsprechend aufgeführt werden können?\nBewahren wir uns also den vierunddreissigjährigen\nBesitz unserer Musikfeste am Niederrheine; wahren wir\nfort und fort das schöne Erbtheil, das uns die Begründer\ndesselben hinterlassen haben; mehren und verschönern wir\nes, zu ihrem Ruhme und unserer Ehre, und sprechen wir\nden vollsten Dank den Mannern aus, die den Muth hatten,\ntrotz der trüben Wolken am politischen Horizont, deren\nplötzliches Verschwinden man nicht ahnen konnte, auch in\ndiesem Jahre das Fest wieder zu organisiren. In dem zahl-\nreichen Besuche und in den gelungenen Auslührungen müs-\nsen sie die lohnendste Befriedigung finden. Die Erfahrung\nhat wiederum gezeigt, dass ein Mangel an Theilnahme an\ndem musicalischen Pfingstfeste am Niederrheine gar nicht\nmehr denkbar ist.\n•' • * * • \\V 0 '-?'S ' . \" # .\nDie Wahl der aufzuführenden Werke war im Ganzen\nzu billigen; die erste Abiheilung des zweiten Abends wurde\njedoch durch die Aufeinanderfolge von Schumann's „ Ad-\nventlied \" undHändel's „ Alexanderfest\" etwas monoton;\nauch gehören beide Werke, sowohl das alte als das mo-\ndern-alte, nicht eben zu den hervorragendsten Erzeugnis-\nsen ihrer Schöpfer. Mendelssohns „Elias\" und Beet-\nhoven's „neunte Sinfonie\" waren ganz an ihrer Stelle;\nohne die letztere wird auch in den nächsten Jahren ein\nMusikfest nicht wohl zu denken sein. Sehr erfreulich war\nes, dass auch das Programm lür den dritten Abend, lür\ndas so genannte Künstler-Concert, nur die Namen von clas-\nsischen Componisten aufwies, ohne irgend ein Zugeständ-\nniss an frivolen Geschmack.\nEin solches wurde aber auch keineswegs verlangt, und\nnach der Art, wie das zahlreiche Publicum seine Theil-\nnahme bewies, sind wir wahrlich versucht, es ebenfalls ein\nclassisches zu nennen. Die Gesammt-Leistungen\nwurden am meisten applaudirt; die prächtigen Chöre im\nElias und im Alexanderfest, die Ouvertüre von Cherubini\nund jeder Satz der neunten Sinfonie erregten einen wirk-\nlichen Sturm von Beifall. Wir haben eine so begeisternde\nWechselwirkung zwischen Publicum auf der einen und\nOrchester und Chor auf der anderen Seite fast noch nie\nerlebt. Das ist ein sehr erfreuliches Zeichen des Sinnes für\ndas Grosse und Erhabene in der Musik im Gegensatze zum"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "155", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 139, "texte": "Anstaunen einzelner glänzender Erscheinungen. 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Ein Flügel nimmt den Mittel-\nraum ein, so recht wie eine Haupt-Person, um die sich\nAlles gruppiren soll. Die Wände sind mit einer wahren\nGalerie auserlesener Künstler-Portraits geziert, darunter\nragen aber Haydn, Mozart und Beethoven als musicalische\nDreifaltigkeit hervor. Auch eine Violine liegt auf zwei Stös-\nsen von Notenbüchern, welche wahrscheinlich im angefüll-\nten Notenschranke kein Unterkommen finden konnten. Wie\ngesagt: das Künstlerische springt uns in die Augen, ob-\nwohl nicht in einer „künstlerischen Unordnung\", sondern\nin harmonischer Einfachheit. Alles ist gesäubert, wie von\nweiblicher Hand. Nun freilich: dort am Fenster sitzt ja ein\nMädchen, emsig beschäftigt. Ihre Näharbeit ist zwar bei\nSeite geschoben, aber die Hand führt jetzt eben so schnell\ndie Feder, wie vorhin die Nadel. Das ist Henriette, die\nTochter des Bratschisten N. Sie steht in der Zauberstunde\ndes weiblichen Lebens, wo Gläubigkeit und Zuversicht,\ndiese Engel der Kindheit, die Anfangsschritte der Jugend\nbegleiten und bei dem ersten Fluge der Ideale noch zuge-\ngen sind. Nach dem Tode ihrer Mutter hatte sie die kleine\nWirtschaft selbst übernommen und war so zu sagen Mar-\ntha und Maria in Einer Person geworden. Ihre Wirksam-\nkeit glich nun einem Verweben von Prosa und Poesie. Die-\nses Gleichgewicht der Beschäftigungen bildete eben sowohl\nihren praktischen Sinn als ihr Talent zur Kunst aus. Ihr\nschlichter Vater hatte sie so geleitet, und als Blüthe der\nErziehung erkannte er die Begeisterung für alles Gute und\nSchöne an, welche auch seine Tochter mehr und mehr ent-\nfaltete.\nWas sie wohl schreiben mag? Oft weilt ihr Auge sin-\nnend auf ihren stummen Freundinnen, den Blumen, welche\nsie duftend umstehen, und gedankenvoll singt sie für sich\ndie Worte: „Ich will meine Seele tauchen in den Kelch\nder Lilie hinein\" doch da hört sie Schritte, und schnell\nwird das Notenblatt sorgfältig verborgen. Ihr Vater naht\nund zugleich ein junger Mann, welcher grüssend in das\nZimmer tritt. Henriette hat wieder das Nähzeug ergriffen,\nund es scheint, als müsse jetzt die Nadel auch mit zum\nBlitzableiter von mancherlei Gedanken und Empfindungen\ndienen.\nI > ■ ' ' i •\n„ Sie sehen nicht so aus, als ob wir uns trennen wür-\nden\", sagte lächelnd der Bratschist. „Warum sollte ich\ntrauern,\" antwortete der junge R. mit einer Beimischung\nvon Uebermuth, „wenn ich den engen Horizont meiner\nVaterstadt verlasse? Hier mag ich nicht gefesselt bleiben,\nwo sich die freie Thalkraft an lauter Kleinlichkeiten stösst,\nsondern ich habe frischen Muth, der mich wie ein günstiger\nWind ins bewegte Leben treibt. Doch\", luhr er milder\nfort, „gibt es freilich einen Raum, eng und wohl, welchen\nich ungern verlasse: hier dieses Musenstübchen, das so\nlange die Heimat meines Herzens gewesen.\" Henriette be-\nkämpfte eine Bewegung bei diesem freimüthigen Worte.\nDer Bratschist antwortete aber: „So begeistert war ich auch\neinst. Die Jugend hat Flügel, aber das Joch macht lahm.\"\n„Ach, mein bester Lehrer!\" fiel R. ein, „verweilen Sie\nnicht so oft bei dem drückenden Gedanken an Ihre Stel-\nlung. Es ist ausgemacht, dass Sie einen ganz anderen Platz\nals Musiker und Theoretiker verdient hätten; aber Sie sind\nja noch nicht ohne Zukunft!\" „Väterchen!\" begütigte auch\nHenriette, als sie sah, wie trübe Erinnerungen und jahre-\nalter Verdruss als Unholde in seiner Seele aufstiegen und\ndie Stirn sich eben umziehen wollte: „lass uns doch mu-\nsicalisch munter sein!\" „Ach ja, noch eine recht erfreuliche\nKünstlerstunde, wie sie unser Dreibund so oft verlebt!\"\nsetzte R. hinzu. „So mag es sein, rief N. erheitert und griff\nnach der Violine, sie zu stimmen, indem er sich selbst zu-\nrief: „Ernst ist das Leben, doch heiter ist die Kunst!\"\n„Hier, zur Auswahl,\" sprach Henriette: „Sonaten für Cia-\nvier und Violine von Mozart und Beethoven; welchem Com-\nponisten werden Sie heute den Vortritt lassen?\" „Meinen\nSie damit, welchen ich vorziehe?\" erwiderte R. „Ich denke,\nbeide sind gross, ersterer in der Klarheit, letzterer in der\nKühnheit; Beethoven ist ein auffällig funkelnder Stern, Mo-\nzart ein ruhig glänzender.\" „Bravo!\" rief der Bratschist:\n„es freut mich immer, wenn die Jugend sich nicht blenden\nlässt und nicht Frappantes, Imposantes dem einfach Schö-\nnen vorzieht. Man überschätzt so oft Kühnheit, weil sie\nStaunen erregt, und sieht häufig später erst ein, dass Be-\nherrschung der Kraft echte Kraft ist.\"\nDer junge R. besass neben theoretischer Tüchtigkeit,\nwelche er dem Unterrichte des Bratschisten verdankte, auch\ndie Eigenschaft eines Clavier-Virtuosen, wodurch er nament-\nlich die ersten Seelen-Eindrücke auf Henrietten bewirkt\nhatte. Diese hörte auch jetzt wieder mit Entzücken dem"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "156", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5307, "texte": "herrlichen Ciavierspiele R.'s zu. Mit Leichtigkeit und perlen-\nder Schnellkraft behandelte R. die bewegten Sätze, und im\nAdagio schien das Instrument unter seinem Anschlage zu\nsingen. Die Passagen und Verzierungen erhielten stets die\ndem Charakter der Compositionen eigenthümliche Färbung.\nIm AUegro erhöhten sie den Effect, im Adagio den Schmelz\nund Reiz. Warum sollte dieser Grad künstlerischer Kraft\nnicht Funken in die Begeisterung Henriettens werfen?\nwarum sollte sie nicht glauben, dass der Charakter R.'s\neben so schön beseelt wäre, wie sein musicalischer Vor-\ntrag? „Die Begeisterung, welche ich lür die Kunst lühle,\"\ndachte sie, „hat er geweckt; sie war mir vielleicht schon\nangeboren, wie in einem Instrumente die Töne zwar vor-\nbereitet sind, aber unberührt schlummern; durch den An-\nschlag seiner geistigen Elasticität ist sie erst laut gewor-\nden.\" „Nun, Fräulein Henriette!\" wurde plötzlich die\nTräumende von R. angeredet, „wollen wir uns nicht auch\nnoch zu einem ä Quatre mainsvereinigen? Kommen Sie zu\neiner unserer Lieblings-Sinfonieen.\" Da war es nun an dem\nBratschisten, zu lauschen. Seinem Ohr entging die künst-\nlerische Einwirkung des jungen R. auf seine Tochter nicht,\neben so wenig wie es vielleicht dem Auge seiner Frau\nverborgen geblieben wäre. „ Wie schön meine Tochter\nIhnen folgt, als hätten Sie ihre Seele am Faden!\" rief er\ndann und wann. „Ich lühle heraus, dass Henriette im Se-\ncondo so spielt, wie Sie ihr im Primo dictiren, und freue\nmich, dass sie die Andeutungen und Winke eines guten\nVortrages beherzigt.\" „Sind wir denn nicht beide Ihre\nSchüler? Warum sollten wir einander im Geschmacke nicht\ngleichen?\" entgegnete R. mit einem Blicke auf Henrietten,\nwelcher von ihr Bestätigung forderte. „Ich werde Ihnen\nimmer dankbar sein\", antwortete diese, „lür Ihre Bemü-\nhungen, mich in meinem musicalischen Streben zu unter-\nstützen.\" „Musicalische Mittheilung ist mir eine Notwen-\ndigkeit,\" fuhr R. fort; „doch\", lügte er in scherzendem\nVorwurf hinzu, „waren Sie nicht allzu mittheilsam gegen\nmich; denn Sie haben mir bis heute Ihren Gesang vorent-\nhalten. Und dass Sie singen, darauf wette ich; denn schon\nIhr Sprech-Organ bürgt dalür.\" „Herr R. hat Recht,\"\nerwiderte der Bratschist: „wer Stimme hat, muss singen\nund sich gewöhnen, zu singen. Wie eine Wolke die Sonne\nam hellen Strahlen hindert, so beeinträchtigt Befangenheit\nden sicheren Ton der Stimme.4 Henriette antwortete nichts,\n\\\nobwohl sie recht wohl den Beweggrund ihrer Schüchternheit\nkannte. Musik und namentlich Gesang ist ja die beredteste\nStimme der Liebe; wo oft der Empfindung das Wort ver-\nsagt, spricht der Ton am besten. Wie hätte sie denn, ohne\nihr Herz zu verrathen, vorß. singen können? Dieser aber,\num ihre Verlegenheit zu beschwichtigen und nebenbei dem\nBratschisten in die Rede zu fallen, äusserte: „Wenn mir\nnur Henriette verspricht, zu singen, wann ich einst wieder-\nkomme. Zu dem Zwecke will ich Ihnen etwas überreichen,\nworüber Sie im Laufe der Zeit entscheiden mögen, ob es\nIhnen zusagt.\" Bei diesen Worten nahm er ein Notenbuch,\nwelches mit seinem Hute bedeckt gewesen war, hervor\nund legte es in die Hände des Bratschisten. Dieser schlug\nes auf und rief mit steigender Freude: „Wie, eine Operette?\nDas also ist die Frucht Ihrer Mussestunden? Sie sehen mich\nüberrascht : solch ein Werk hätte ich noch nicht von Ihnen\nerwartet! Aber desto mehr gratulire ich Ihrem Talente,\nwelches so rüstig weiter strebt.\" Henriette stand wie fest-\ngewurzelt; sie errölhete vor Freude über solch ein Gelin-\ngen. „Sie wissen ja noch gar nicht, wie der Inhalt ist,\"\nrief R. lachend, „und schon machen Sie mir Lobsprüche!\nAber\", fuhr er ernster fort, „mit Liebe habe ich daran ge-\narbeitet. Der Text ist von einem zu jung verstorbenen\nFreunde. Vieles aus meinem Leben ist mit hinein compo-\nnirt; denn die besten Gedanken habe ich mir doch aus die-\nsem Stübchen mitgenommen—darum widme ich das Opus\nIhnen beiden.\" Während der Bratschist fortfuhr, in der\nPartitur zu blättern, und seinen Beifalls-Aeusserungen noch\nden wohlmeinenden Spruch: „ Nonum prematur in annum !\"\nzur Ermahnung R.'s beigesellte, welchen dieser auch zu\nbefolgen versprach, war Henriette zu ihrem Tischchen ge-\ngangen, um einen Entschluss auszuführen. Das Gedicht von\nHeine: „Ich will meine Seele tauchen in den Kelch der\nLilie hinein\", hatte sie durchß. kennen gelernt und dasselbe\nim Gedanken an ihn componirt. Diesen Erstlings-Versuch\nnahm sie aus dem Versteck und sagte zu R.: „Sie geben\nein ganzes Buch, ich nur ein einzelnes Blättchen; sehen\nSie wenigstens hieraus, dass ich nicht zu unmittheilend sein\nmöchte.\" „Eine Composition von Ihnen?\" rief R., und in\nseinem Auge blitzte so freudige Ueberraschung, dass Hen-\nriette das ihrige niederschlagen musste. „Nein, jetzt muss\nich es durchaus noch hören, in der Minute des Abschiedes!\"\nfuhr er fort: „ich werde Ihnen accompagniren.\" Zögernd\nfolgte Henriette zum Piano und sang unter Herzklopfen\nihr eigenes Lied. Der Bratschist war überrascht, Henriette\nzitterte vor innerer Bewegung, und R. rief begeistert über\ndie bescheidene Blume, welche so eben das klingende Lied\ngehaucht hatte: „Die Musik, welche diese schönen Worte\nschon in sich trugen, wie eine Blüthe den Duft, ist voll-\nständig herausgelockt; diese Töne klingen durch mein gan-\nzes Leben!\" Der stürmische Kuss, welchen er darauf"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "157", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5278, "texte": "seinem Lehrer gab, würde für den psychologischen Blick als\nSymptom eines mächtigen, obwohl vielleicht nur momen-\ntanen Gefühls erschienen sein, das, in Worte gefasst, Hen-\nrietten Seligkeit bereitet haben würde.\nUnd so lös'te sich aus diesem consonirenden Dreiklange\nanscheinend schwer die bestimmende Terz.\nWie eine Pflanze in der Entwicklungs- und Blüthe-Zeit\nam begierigsten Sonnenstrahlen und Himmelstropfen ein-\nsaugt, eben so strebt namentlich der junge Künstler nach\nAufmunterung und Anerkennung. Es ist aber ein trauriges\nLoos, wenn man den Beruf der Kunst in sich trägt und im\nDienste derselben geknechtet ist. Jeder frohe Trieb erstirbt\nsodann, und der Lebenshauch der Eigenthümlichkeit geht\nverloren. So war auch unser Bratschist ein tüchtiger Theore-\ntiker geworden, während er zugleich glücklicher Componist\nhätte sein können. Aber das Saitenspiel seiner jugendlichen\nHoffnungen war von rauher Hand berührt worden. In dem\nMaasse, wie dadurch die Schwungkraft ermattete, schärfte\nsich sein Urtheil. Der Grund zu dieser individuellen Verän-\nderung lag in seinem Schicksale, Mitglied eines Orchesters\nzu sein, über welches der Tactstab des Dirigenten wie mi-\nlitärisches Commando herrschte. Leider ist der Umstand\nnicht selten, in übrigens wohlbesetzten Capellen die geistige\nZusammenwirkung zu vermissen, durch welche das Orche-\nster erst zum Orchester wird. Was hilft die Massen-\nhaftigkeit der Instrumente, diese materielle Quantität, was\ndie Künstlerschaft des Einzelnen, wenn dem ganzen Körper\norganische Belebung und Inspiration fehlt? Der Bratschist\nhatte in seiner Jugend zu viel echte Orchester-Musik ge-\nhört, er war selbst zu durchdrungen von gewissenhafter\nAuflassung und Darstellung, als dass er den Mangel daran\nnicht schmerzlich hätte empfinden sollen. Ihn hatte schon\nals Jüngling der Gedanke begeistert, sich so vielseitig wie\nmöglich zu bilden, um dadurch seine Kunst in ihrem vol-\nlen Werthe würdigen zu können. Der Altmeister S., unter\ndem er Musik studirte, halte mit Vergnügen den Schüler\nVorlesungen über Logik und Aesthetik auf der Universität\nbenutzen gesehen. So kehrte N. als gebildeter Musiker in\nseine Vaterstadt zurück, als man gerade einem lorberge-\nschmückten Meister als dem neuen Musik-Director entge-\ngenjubelte. Auch N. brachte ihm seine Huldigungen dar\nund pries sich Anfangs glücklich, Orchester-Mitglied unter\ndiesem Dirigenten geworden zu sein. Aber er hatte sich\ngetäuscht. Der Musik-Director vereinigte starke persönliche\nSchwächen mit seiner Genialität. Das verrieth der despoti-\nsche Egoismus, mit welchem er bald sein Orchester re-\ngierte. Wehe dem, welcher sich angemaasst hätte, mit gei-\nstiger Ebenbürtigkeit und kritischer Vermessenheit ihm ge-\ngenüber zu treten! Er wollte nur Musiker unter sich ha-\nben, die es zu gewisser Fertigkeit auf ihren Instrumenten\ngebracht hätten und als übrigens subalterne Geister eisern\nan Tact und Vorschrift hielten. Zu einer Verklärung im\nVortrage, zu gemeinsamer Beseelung konnte es desshalb\nnimmermehr kommen. Unserem N., welcher als gebildeter\nMusiker bekannt und desshalb dem Musik-Director ein\nDorn im Auge geworden war, flog einst im Beisein aller\nCapell-Milglieder folgende Aeusserung seines Dirigenten an\nden Kopf: „Einen studirten Musicus können wir hier nicht\nbrauchen!\" Und der Bratschist war gezwungen, wegen des\ntäglichen Brodes in dieser Stellung zu verharren. Keine\nAufmunterung wurde ihm zu Theil, seine Leistungen ge-\nlangten nicht zur Anerkennung: er musste Bratschist blei-\nben. Seine Beschwerden fruchteten nichts, weil man ge-\nwohnt war, den Musik-Director als Stolz des Fürstenthums\nzu preisen und Alles an ihm für genial zu halten. Nur der\neingelebten Liebe zur Kunst und dem Hinblicke auf Weib\nund Kind dankte der Bratschist die Langmuth im Ertragen.\nSpäter erwuchs ihm eine musicalisch-geistige Ansprache\nan dem jungen R., welchen wir oben erwähnten. Der Brat-\nschist, welcher zuerst in ihm entschiedenen Beruf für Mu-\nsik entdeckt, hatte es übernommen, ihn theoretisch zu bil-\nden. Eine wahre Reproduction fand zwischen Lehrer und\nSchüler Statt, und bald gelangte der Jüngling, der schon\nfrüh sein Instrument glücklich beherrschte, zu solcher Selbst-\nständigkeit überhaupt, dass er lebhaft wünschte, seine mu-\nsicalische Thätigkeit mehr ausbreiten zu können. Und so\nkam der Zeitpunkt, welchen wir oben schilderten, heran.\nDer Bratschist, dem es Erholung gewesen war, sich gegen\ndiesen Kunstgenossen auszusprechen, sah ihn ungern schei-\nden. An den friedlichen Debatten dieser Beiden, an ihren\ntreffenden Bemerkungen, welche wie geistige Funken sto-\nben, hatte sich auch Henriettens Urtheil herangebildet. Nun\nwar diese Anfrischung versiegt, und Vater und Tochter\nempfanden die Lücke in gleichem Maasse.\nWenden wir uns dagegen dem Musensohne zu, wel-\ncher dem Strome der Welt entgegensteuerte und sich den\nschönsten Hoffnungen in die Arme warf. Jeder rege Kopf,\nzumal wenn er das Leben grösserer Städte nur erst aus\nBeschreibungen kennt, findet wohl grossen Reiz darin, den\nprovincialistischen Krähwinkeleien zu entfliehen. Hier galt\nes zugleich auch noch den Versuch, die Kenntnisse anzu-\nwenden, und R. war neugierig auf sich selbst, wie es ihm\ngelingen würde. In einer der grössten Städte Deutschlands,\nwo ein in der Musikwelt namhafter Professor wohnte, an"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "158", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5305, "texte": "den R. empfohlen war, bezog er ein sechs Treppen hoch\ngelegenes Dachstübchen. Von hier aus wollte er Plane auf\nseine grossstädtische Zukunft entwerfen. Anfangs kehrten\ndie Gedanken immer wieder nach der Heimat zurück. Auch\nertappte er sich oft, über das Thema: Henriette stunden-\nlang phantasirt zu haben, und glaubte dann die Spuren des\nHeimwehes deutlich zu lühlen. Aber die Erinnerung an\nden Zweck seines Daseins lehnte sich auf, und endlich war\ner zu dem Unternehmen entschlossen, Audienz bei genann-\ntem Professor, welcher ästhetische und philosophische Vor-\nlesungen hielt, zu suchen. Dieser, ein feiner Mann, empfing\nR. freundlich und verstattete ihm, nachdem er sich von dessen\ntheoretischer Bildung überzeugt hatte, sich unter seine Ele-\nven zu zählen. »Wie das grossstädtisch klingt: Eleve!\"\ndachte R. „Der Bratschist hat mich auf gut Deutsch immer\nnur seinen Schüler genannt.\" Doch bald sollte er ander\nganzen Methode des Professors wahrnehmen, dass er sich\nhier in einem anderen geistigen Klima befinde. Gediegen-\nheit, schlichter Ausdruck eines gewissenhaften Urlheils\nwar das Gepräge des Bratschisten; dem Professor war\neine bestechende Gewalt der Rede eigen, und er liebte,\ngerade das gewandt und geistreich zu vertheidigen, was\ngar nicht zu vertheidigen war. Anfangs wusste R. nicht,\nob er diese originelle Art belachen oder anstaunen sollte;\naber es schmeichelte ihm doch, hinter alle diese Trug-\nschlüsse und Winkelzüge zu gelangen. Das Necken an fest-\ngestellten Behauptungen wurde ihm interessant; ihm kam\nes modern vor, Alles mit dem feinsten Lorgnon des Ver-\nstandes kritisch zu betrachten. Die vorige Bildungsschule,\nwelche ihn an Urtheil und Ausdruck gesund erzogen hatte,\nerschien ihm veraltet, und ein funkelnder Witz konnte ihn\njetzt lür den Mangel an Wahrheit entschädigen.\nWelche Verführung überhaupt geistreiche Spiegelfech-\nterei ausübt, beweis't z. B. Heine, welcher ausser seinen\nwunderbar schönen lyrischen Strophen oft in gleicher Weise\ndurch pikant ausgesprochene Gesinnungslosigkeit und co-\nquettes Spiel mit dem Heiligsten hinreisst. Das Heiligste in\nKunst, Leben, Religion ist aber-—-Wahrheit.\n„ Wenn Sie Unterricht zu erlheilen wünschen, Herr\nR., äusserte einst der Professor, „so müssen Sie erst be-\nkannt werden. Ich selbst will Sie als musicalische Neuigkeit\nempfehlen. Uebrigens wird Ihre Virtuosität Ihnen als Par-\ntout-Schlüssel zu den verschiedenartigsten Assembleen die-\nnen- \"Und so sehen wir unseren R., welcher Anfangs frei\nwie ein Vogel über dem Gewühl der Convenienz und Con-\ncurrenz geschwebt hatte, sein bescheidenes Dachstübchen\nverlassen und als Virtuose in die Salons treten. Hier fand\ner den Conversations-Ton übereinstimmend mit der diplo-\nmatischen Mehrdeutigkeit des Ausdruckes, welche ihm schon\ngeläufig war, und das Mille der gewandtesten Re-\ndensarten wusste er auch zu gebrauchen. Dennoch wollte\nes ihm erst nicht so leicht glücken, zu imponiren. Bis jetzt\ndiente ihm sein Virtuosenthum eigentlich nur als Eintritts-\nkarte; ja, er musste es erleben, dass man sich während\nseines Pianofortespiels laut unterhielt. In einer solchen\nSoiree wollte es ihm wieder nicht gelingen, die gewünschte\nAufmerksamkeit zu erregen, trotzdem er das schönste Fin-\nger-Ballet producirt, geschmackvolle Cadenzen wie Blumen\nhingeworfen und die Melodieen mit Trillerperlen phanta-\nstisch geschmückt hatte. Aergerlich darüber, griff er auf\neinmal mit solcher Freiheit in die Tasten, dass die Saiten\nzu springen drohten. Sein Verdruss, der sich nicht bloss\nim rollenden Sturze von Passagen, sondern auch im sprü-\nhenden Auge offenbarte, machte ihm Platz in dem allge-\nmeinen Geplauder. Man schwieg... . . R. konnte sich eines\nleisen Spottlächelns nicht erwehren, weil er den Effect auf\ndiese Weise erreicht, und gab zum Schlüsse des Vortrags\nnoch eine neckische Improvisation wie zur Versöhnung an\ndie Zuhörer hin. Jetzt war sein Ziel erreicht. Man sah\nnichts als Genialität an dem Künstler, den man bisher kaum\nbemerkt hatte. Die Gesellschaften pflanzten seinen Namen fort,\nund daraus entspann sich eine neue Laufbahn (ür ihn.\nJetzt, wo er nun Mode wurde, wo er anfing, den Musik-\nUnterricht als glänzendes Geschäft zu betreiben, entfiel ihm\nder Gedanke an den Bratschisten und dessen Tochter im-\nmer mehr; und welch ein ganz anderes Echo hatten seine\nLeistungen bei diesen gefunden! Von geistreicher Feinheit\ngeblendet, gewahrte er kaum die künstlerische Oberfläch-\nlichkeit, die ihn umgab. Die jungen Damen wetteiferten,\nihn als Lehrer oder Begleiter zu beanspruchen.\nFräulein Francisca **'**, eine der routinirtesten Salonsän-\ngerinnen, von elegantem Aeusserem, schien unseren R. vor\nallen Anbetern zu begünstigen, und das schmeichelte seiner\nEitelkeit. In diesem Wahne befangen, sah er nicht, dass\nFrancisca grössere Virtuosin in der Coquetterie als im Ge-\nsänge war, und dass ihre zur Schau getragene Empfin-\ndung (ür ihn und für die Kunst zu den räffinirtesten Be-\nrechnungen gehörte. Francisca hatte Anfangs die Musik\nnur des guten Tones wegen betrieben. Jetzt, wo däs Ver-\nmögen ihrer Eltern nicht mehr glänzend war, nahm sie\nZuflucht zu ihrem Talente, um in der Eigenschaft als Sän-\ngerin eine Rolle fortspielen zu können. Sie war aber nicht\ngenug musicalisch gebildet, ihre Stimme glänzte nur in\nBravourstückchen aller Art, und der Gesang des Gesanges,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 499, "texte": "die Empfindung, wurde in ihrem Vortrage nicht lebendig.\nAuch entledigte sie sich der Fessel des Tactes sehr oft,\nund R., der nun einmal der unterthänige Diener ihrer Lau-\nnen geworden war, führte sein Accompagnement rücksichts-\nvoll und galant neben ihrem willkürlichen Gesänge her. Herrn\nR. zum Accompagnateur ihres ganzen Lebens zu machen,\ngehörte zu Francisca's Lieblings-Speculationen; denn sie\nversprach sich von seinen Leistungen eine bedeutende Zu-\nkunft, wenigstens eine gesicherte Existenz."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-05-17-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-05-17_01#c004", "volume": "bmtnabi_1856-05-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "159", "page_fin": "159", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.2.4", "titre_corps": "Aus Mailand.", "titre_sommaire": "Aus Mailand.", "signature_source": "H. du Casse", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.1.7", "debut_caractere": 501, "fin_caractere_exclue": 4453, "texte": "Aus Mailand.\nH. du Casse.\nDen 4. Mai 1856.\nMeyerheers „Stern des Nordens\" ist am 30. April im kö-\nniglichen Theater Deila Cannobiana vor einem reich besetzten Hause\nund seitdem zwei Mal vor einer spärlich gesäeten Zuhörerschaft ge-\ngeben worden und hat vollständig Fiasco gemacht. Ich kann mich\nnicht anders ausdrücken. . \\\nDas Gedicht des berühmten Akademikers Scribe mit seinen\nschwerfälligen Versen ist nichts weniger als ergötzlich, trotz des\nTitels „komische\" Oper, und die Musik des berühmten Componisten\nist vollends entsetzlich langweilig. Man fand nichts darin als Ge-\nschicklichkeit der Factur und des Handwerks und eine gar zu\ngrosse Harmonie mit. dem flachen Inhalte des Buches. Desshalb\nöffneten die Zuhörer den Mund nicht bloss zum Gähnen, sondern\nauch zu anderen Lauten.\nMeyerbeer scheint gegenwärtig darauf erpicht, Erfolge auf den\nitaliänischen Bühnen zu erringen. Seine Freunde und er hat\nderen viele —, anstatt ihn schmerzlichen Enttäuschungen auszu-\nsetzen, die ihn um so-empfindlicher treffen, je weniger er sie in\ndem Dunstkreise von Lobpreisung und Schmeichelei, in welchem\ner seit zwanzig Jahren lebt, erwartet, sollten ihm lieber unablässig\nwiederholen, dass die Melodie allein Königin auf den Opernbühnen\nItaliens ist. Alles Andere, wenn auch trefflich und nothwendig an\nund für sich tür den Musiker, hat hier nur in Vereinigung mit der\nmelodischen Erfindung Werth. Die Succes d'estime, die in Deutsch-\nland und Frankreich doch immer noch eine gewisse Bedeutung\nhaben, existiren hier gar nicht; die Sprache hat nicht einmal ein\nWort dafür.\nAls Stücke* welche im Ganzen Beifall fanden, kann ich nur die\nOuvertüre und das Finale des zweiten Actes anlühren, dessen Aus-\nführung durch die vortreffliche österreichische Regiments-Musik ge-\nhoben wurde. Was die berühmte Zelt-Scene betrifft, bei welcher\nso viel und stark in die Lob-Trompete zum Preise des schöpferi-\nschen Genius gestossen worden ist, so muss ich der Wahrheit ge-\nmäss erklären, dass sie ganz besonders missfallen hat. Der Ton\nderselben ist ganz und gar \"gemein und hält nicht den Schatten\neiner Vergleichung mit der Art und Weise aus, in welcher Verdi\neine ähnliche Situation im „Rigoletto\" behandelt hat.\nDas Lied des Czoarcn im dritten Acte, das in Paris ich\nweiss freilich nicht, warum so stark beklatscht wird, hat nicht\nden geringsten Effect gemacht, trotzdem, dass es der treffliche Corsi\njedenfalls ebcri so gut vortrug, als Bataille. Man hat es hier nur\nals ein Stückchen Langeweile mehr betrachtet. Eben so erging es\ndem Schlüsse der Wahnsinns-Scene der Katharina und der beiden\nFlöten ja, leider machte die Gleichgültigkeit, die das Publicum\nbis dahin beobachtet hatte, jetzt sehr lauten Aeusserungen von Un-\ngeduld und Missfallen Platz. Damit aber Signora Giuditta Beltra-\nmelli diese allzu deutliche feindliche Kundgebung nicht missverstehe,\n\\ s v\nso rief man sie hervor und begrüsste sie mit lautem, ihr persön-\nlich geltendem Beifalle. Das war nicht mehr als Recht; denn diese\njunge Künstlerin hat ihre durch und durch dramatisch unwahre\nund musicalisch undankbare Rolle vortrefflich gesungen.\nUeberhaupt thaten die Künstler für die Ausführung alles Mög-\nliche. So machte z. B. die Signora Luigia Chiaromonte aus der\nPartie der jungen Braut Prescovia alles, was durch eine frische\nund wohlthuende Stimme daraus gemacht werden kann; allein lei-\nder gehört diese Partie zu denen in der Oper, die am wenigsten\nGnade vor dem hiesigen Publicum fanden.\nDas Orchester verdient ein ganz besonderes Lob; es führte die\nMusik mit ausserordentlicher Präcision, Feinheit und stetem Ein-\ngehen auf die Einzelheiten und Intentionen des Componisten aus.\nAuch gestehen wir gern, dass die Instrumentirung, an und für sich\nbetrachtet, eine Reihe von musicalischen Schönheiten darbietet;\nauch hatte sich das Orchester in den eilf Proben, welche durch\neine hier ganz ungewöhnliche Begünstigung bewilligt worden wa-\nren, lebhaft dafür interessirt.\n(.France Mus., Nr. 19.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-05-17-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-05-17_01#c005", "volume": "bmtnabi_1856-05-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "159", "page_fin": "160", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "C. A. Mangold", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.1.7", "debut_caractere": 4455, "fin_caractere_exclue": 6614, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\nKöln. Herr Julius Stockhausen, der berühmte Lieder-\nsänger, wird in einigen Tagen hier ein Concert geben. Wir ver-\nfehlen nicht, das. Publicum auf die ganz ausserordentlichen Leistun-\ngen desselben und eine Gesangeskunst, die man bei einer tieferen\nSlimme (Bariton) wohl noch nie in solcher Vollendung angetroffen\nhat, aufmerksam zu machen.\nHeinrich Li toi ff hat eine vollständige Musik zu Göthe's\nFaust vollendet, welche nächstens erscheinen wird.\nHeinrich Dorn's neueste komische Oper heisst: „Ein Tag\nin Kussland.\"\nArthur Napoleon hat kürzlich in Frankfurt am M ain,\nDarmstadt u. s. w. Concerte gegeben.\nDresden, 30. April. In dem am vorgestrigen Abende im\nHotel de Saxe von Marie Wieck zum Vortheil einer erkrankten\nClavierlehrerin veranstalteten Concerte trug die junge Künstlerin\nein hier noch wenig bekanntes Quartett von F. Ries lür Piano-\nforte, Violine, Viola und Violoncello vor, wobei sie von dem Herrn\nvon Wasielewsky, Herrn Kammermusicus Göring und Herrn E.\nKummer in ausgezeichneter Weise unterstützt ward. Ferner spielte\nsie die berühmten 32 Variationen von Beethoven und mehrere cha-\nrakteristische Piecen von Chopin, Bach und Mendelssohn. Die Con-\ncertgeberin machte ihrem guten Rufe durch ihr treffliches, fein ge-\nbildetes Spiel Ehre und ward durch vielen Beifall mehrfach ausge-\nzeichnet. Eine in weiteren Kreisen schon vortheilhaft bekannte\nSängerin aus Leipzig, Fräul. Emma Koch, unterstützte das Con-\ncert durch mehrere Lieder und Gesänge. Sie sang zuerst das schnell\nbeliebt gewordene Ehrenstein'sche Lied „Dein Bild\", ein hübsches\nLied von C. Riccius: „Neue Liebe\", dann die wundervolle „Früh-\nlingsnacht\" von Rob. Schumann und ausserdem mehrere Rossini'-\nsche Stücke unter grossem und wohlverdientem Beifalle. Fräul.\nKoch hat eine gute Stimme, und man merkt es ihr an, dass es\nihr mit der Ausbildung derselben Ernst war, wie sie denn auch\nbereits eine ziemlich hohe Stufe künstlerischer Sicherheit erlangt hat.\nDie Sängerin Valentine Bianchi [trotz des italiänischen\nmens eine Deutsche, welche in Paris ihre Ausbildung erhalten] ist,\nwie früher in Frankfurt a. M. und Leipzig, so auch jetzt in Ham-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "160", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6011, "texte": "bürg mit grossem Beifalle aufgetreten [dessen sie auch vollkom-\nmen würdig ist].\nDer ehemals berühmte Tenorist Breiting, der auch auf den\nniederrheinischen Musikfesten gesungen, ist ebenfalls wahnsinnig\ngeworden, wie man aus Darmstadt schreibt.\nDie verdammte Oeffentlichkeit! Nichts verbreitet sich mehr als\nein Scandal, wenn er auch noch so unschuldig oder auch noch so\nunwahr ist. So lies't man in allen Blättern die weimarische Ge-\nschichte vom Bruche zwischen Liszt, Berlioz und Li toi ff, die\nwir für einen Spass hielten, als man sie uns erzählte. Liszt soll\nnämlich im Eifer über die kalte Aufnahme, die der Lohengrin bei\nLitolff und Berlioz gefunden, mit den Worten herausgefahren sein:\n„Wagner ist doch viel grösser als Ihr alle beide!44 Das war freilich\nsehr unvorsichtig. So etwas darf ein Künstler dem anderen nicht\nins Gesicht sagen; das wirft man en passant hin, wenn Einer in\nGesellschaft von Anderen gelobt wird und nicht zugegen ist: aber\nes ihm vor die Stirn sagen,t das ist Majestäts-Verbrechen. Dann\nheisst es: Aug' um Auge, Zahn um Zahn! Und so war es natür-\nlich, dass Litolff den geschenkten Stock dem gar zu freimüthigen\nLiszt in Stücken vor die Füsse warf und, den Fluch der Geibel-\nMendelssohn'schen Lorelei: „So wie den Schleier ich zerreisse\",\nparodirend, ausrief: „So wie ich diesen Stock zerbreche, so breche\nich mit Eurer Partei!44 Hector Berlioz fühlte keinen Beruf, mit\nAchilles Liszt anzubinden und drückte sich; die Chronik sagt nicht,\nob ihn Achill drei Mal um Weimar gejagt und ob er überhaupt\nStand gehalten habe.\n'Wien. Dieser Tage sollen auf Allerhöchsten Wunsch Sr. Ma-\njestät dem Kaiser die längst ausgearbeiteten Pläne zu zwei neuen\nHoftheatern neuerdings vorgelegt worden sein. Diese Pläne stellen\ndie neuen Hoftheater auf den äusseren Burgplatz rechts und links\nvon dem äusseren Burgthore, das Opern-Theater an den Kaiser-\ngarten, das Burg-Theater an den Volksgarten angränzend. Ein Ar-\ncadenbau zur Hofburg hinüber würde beide Hoftheatcr in unmit-\ntelbare Verbindung mit der Burg selber setzen. Uebrigens liegt\nnoch ein anderer Plan vor, welchem zufolge das Burg-Theater auf\nden Ballplatz zu stehen käme, der jetzt durch Stallungen und un-\nscheinbare Gebäude dicht an der Burg verstellt ist.\nParis. Das Begräbniss von Adolf Adam fand Montag den\n5. Mai auf die feierlichste Weise Statt. Sieben Redner (Halevy für\ndas Institut, Macquet für den Verein der dramatischen Dichter und\nComponisten, de St. Georges im Namen der Mitarbeiter und Li-\nbrettisten Adam's, der Baron Taylor für den allgemeinen Künstler-\nVerein, Bataille als sein Schüler, Th. Sau vage als sein vertrauter\nFreund, Delaporte im Auftrage des Gesang-Vereins Orpheon] spra-\nchen an seinem Grabe. Zwei Theater Lyrique und Bouffes-Pari-\nsiens blieben geschlossen; die Einnahme in dem grossen Opern-\nhause bestimmte der Kaiser für Adam's Witwe. Man gab das\nBallet Le Corsaire, Musik von Adam. Es brachte 9778 Frcs. ein.\nAlexander Dreyschock hat in Stockholm sehr besuchte\nConcerte gegeben, deren erstes über 1200 Rthlr. Banco eingebracht\nhaben soll. Vorzügliche Wirkung machte er mit dem G-moll-Con-\ncerte von Mendelssohn. Die königliche Akademie ernannte ihn\nzum Ehren-Mitgliede.\nPetersburg-. Am 31. März, demselben Tage, wo man durch\nTelegraph die Unterzeichnung des Friedens erfuhr, hatte im Theater\ndas alljährliche Concert zum Vortheile der Invalidencasse in Ge-\ngenwart des Kaisers und der Kaiserin, der Grossfürsten und Gross-\nfürstinnen Statt. Bei diesem in seiner Art einzigen Concerte, das\nvon einem bloss aus Blas-Instrumenten bestehenden militärischen\nOrchester ausgeführt wird, wirken mehr als tausend Musiker mit,\ndie auf die umfangreiche Scene des grossen Theaters vertheilt sind.'\nDer Director des Musikchors der Garden, M. Tchapievsky, lei-\ntet das Ganze, dessen Wirkung eine ganz ausserordentliche war.\nDer General Wladimir Lwoff, der am L April in Moskau\ngestorben ist, war der Bruder des Componisten und Intendanten\nder kaiserlichen Capelle, Alexis Lwoff. Hiernach sind die irri-\ngen Meldungen mancher Blätter zu berichtigen.\nDer berühmte Harfenspieler Bochsa ist in Au s tra 1i e n ge-\nstorben. Er hat zuletzt mit Mr. Bishop eine Reihe von Concerten\nin Sydney gegeben. Bochsa war auch als Componist nicht unbe-\ndeutend. Ein Requiem, das er nicht lange vor seinem Tode compo-\nnirt haben soll, wurde an seinem Begräbnisstage aufgeführt.\nBriefwechsel. Nach Dresden: Sobald wir die „neue Samm-\nlung\" in Händen haben, werden wir gern darüber berichten.\n(Eingesandt.)\nKrwidertiiig.\nNr. 15 der Niederrheinischen Musik-Zeitung enthält einen Arti-\nkel über „Musicalisch e Zustände in Darmstadt\", der viele\nIrrthümer enthält. Der Vortrag über Cherubini's Requiem ist nicht\n~in der Hauptprobe\", die in der Kirche Statt fand, gehalten wor-\nden. Dass der Vergleich mit Mozart's Requiem in Summa zum Vor-\ntheile Cherubini's ausgefallen, und dass Cherubini desshalb der\nVorzug gegeben worden sei, weil sein Requiem „keine Solostimmen\"\nerfordere, ist eben so unwahr, als dass behauptet worden, „Solo-\nstimmen gehörten überhaupt nicht in die Kirche44. WTas Beet-\nhoven's Aeusserung über Cherubini's Requiem betrifft, „dass ihm\ndasselbe reichen Stoff darbieten würde, um es als Muster zu neh-\nmen, wenn er ein Requiem zu schreiben gedächte,'4 so ist sie „keine\nMystification, keine Erfindung44, wenn sie auch nicht in jeder\nBiographie Beethoven's steht. Sie findet sich im 44. Bande der\nleipziger Allgemeinen Musicalischen Zeitung (1842, Nr. 22, S. 444,\nZeile 20 von unten), unterschrieben von einem in der musicalischen\nWrelt allgemein geachteten Namen: C. F. Becker.\nA. S. behauptet, dass Beethoven das Requiem Cherubini's „gar\nnicht gekannt habe, weil damals (?!) noch keine Partitur existirt\nhabe und das Hören ihm unmöglich gewesen\". - So „erfahre denn44\nA. S., dass die Partitur von Cherubini's Requiem im\nLaufe des Jahres 1809 auf Sub scription in Paris er-\nschien (s. Allg. Musik-Zeitung, XII. Band, S. III), also acht-\nzehn Jahre vor Beethoven's Tode.\nDarmstadt, am 8. Mai 1856.\n\nC. A. Mangold."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "153", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDas 34. niederrheinische Musikfest in Düsseldorf. I. Von L. Bisehoff. Die Tochter des Bratschisien. Eine Theater-\ngeschichte von Louise Nitz sehe, geb. Kind scher. Aus Mailand (Meyerbeer's „Stern des Nordens\"). Von H. d u Gasse. -a-\n-ge- und Unterhaltungsblatt (Köln, Julius Stockhausen Dresden, Concert von Marie Wieck Wien Paris, Adolf Adams\nBegräbniss Alexander Dreyschock Petersburg Bochsa f)-\n\nDas 34. niederrheinische Musikfest in Düsseldorf.\nI.\nWir haben es dem Zusammentreten einiger Kunst-\nfreunde in Düsseldorf und der lhätigkeit des Comites,\nwelches sich der mühevollen Einleitung, Anordnung und\nAusführung der Sache unterzog, zu danken, dass das Jahr\n1856 nicht ohne ein niederrheinisches Musikfest geblie-\nben ist.\nDie freundliche Stadt vereinigte am 11., 12. und 13.\nMai wiederum eine grosse Menge von Künstlern und Kunst-\nfreunden in der schönen, mitten in Garten-Anlagen befind-\nlichen Geisler'schen Tonhalle. Zur Ausführung der Chöre\nhatten sich die Sing-Vereine von Aachen, Barmen, Bonn,\nDüsseldorf, Elberfeld, Essen, Hilden, Köln, Mülheim an der\nRuhr, Neuss, Solingen und Wesel eingefunden. Das Or-\nchester bestand aus den tüchtigsten Künstlern der Rhein-\nprovinz, zu denen einige namhafte Spieler aus der Ferne\nherberufen waren. Unter den Violinisten gehörten zu die-\nsen letzteren die Herren Böje aus Altona, Dreyschock\naus Leipzig, Gülomy aus Bückeburg, Ferd. Laub aus\nBerlin, Schmidt aus Bremen u. s. w.; unter den Bässen\nder Violoncellist Grützmacher aus Leipzig und die Con-\ntrabassisten Ki rch ne r aus Hannover, Sachar aus Frank-\nfurt, Sastedt aus Bremen. Es waren 62 Violinen, 26\nBratschen, 27 Violoncelle und 16 Contrabässe da, also\nein Saitenspiel von 131 Mann; die Blas-Instrumente dop-\npelt besetzt, zusammen ein Personal von 164 Instrumen-\ntalisten. Bei den Blas-Instrumenten war ebenfalls manches\nvorzügliche, namentlich eine sehr schöne erste Clarinette;\neinige andere Instrumente hätten besser sein können und\nwären auch wohl selbst in der Nähe besser zu haben ge-\nwesen. Die eine von den ersten Trompeten war zuweilen\nwidrig scharf. Der Gesaramt-Ton des Orchesters war jedoch\nvoll Klang und Kraft, das Fundament desselben, die Bässe,\nvortrefflich.\nDer Chor war sehr zahlreich. Die Listen wiesen an\nMitwirkenden 185 im Sopran, 140 im Alt, 168 im Te-\nnor, 237 im Bass nach; das wäre zusammen eine Schar\nvon 730 Sängern! Wenn nun auch, wie bei den Armee-\nListen mancher Länder, der wirkliche Bestand geringer war\nals der angegebene, weil stets allerlei unvorhergesehene\nUmstände gar Manche an der Reise verhindern, so war\ndoch jedenfalls ein Chor von 600 Mitwirkenden und dar-\nüber beisammen, und da nicht bloss die Zahl, sondern auch\ndie Kraft und Fülle der Stimmen bedeutend war, so kann\nman sich eine Vorstellung von dem Vollklange und der un-\ngeheuren Wirkung der Chöre im Elias und in der neunten\nSinfonie machen, indem namentlich die letztere wohl noch\nnirgends mit solchen Kräften ausgelührt worden ist, wie\ndieses Mal.\nDas ist es denn auch eben, nämlich das richtige Ver-\nhältniss der auslührenden Kräfte zu einander und zu dem\nCharakter der grossen Oratorien- und Sinfonie-Composi-\ntionen, die da Massen verlangen, was die Erhaltung der\nMusikfeste zum Besten der Kunst nothwendig macht. Man\nsagt zwar häufig: ein kleines, wohlgeschultes Orchester,\nein kleiner Chor von echten Sängern u. s. w. sind uns lie-\nber ; eine vollendete Ausführung ist ja mit solchen Massen\nund bei so wenigen Proben gar nicht möglich; die Dilet-\ntanten verderben wieder, was die Künstler gut machen, und\nwas dergleichen mehr ist. Sprechen wir zuerst von dem\nLetzten, so haben die jüngsten niederrheinischen Musikfeste\nund jetzt auch wiederum ganz besonders das diesjährige,\nunter der vortrefflichen Leitung von Julius Rietz, be-\nwiesen, dass die Ausführung, und zwar gerade die orche-\nstrale, einen Höhepunkt erreicht hat, auf welchem sie keine"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "154", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.1.2", "texte": "Nebenbuhlerschaft zu scheuen braucht. Ein Orchester von 164\nPersonen, welches, um dies gleich vorweg zu nehmen, z. B.\nCherubini's Ouvertüre zu den Abenceragen mit solcher\nPräcision und solchem Feuer, solcher Deutlichkeit und Fein-\nheit, mit einem so durchsichtigen und so ener-\ngischem Forte zu spielen vermag, wie das am zweiten Fest-\ntage in Düsseldorf geschah, das leistet alles, was man sonst\nnur von stehenden Capellen erwarten kann. Es leistet aber\nin Bezug auf die Wirkung viel mehr als diese; denn\nkeine Capelle auf der Welt ist im Stande, ein solches Ver-\nhältniss der Saiten-Instrumente zu den Blas-Instrumenten\naufzustellen. Ueberall, Berlin, Paris und London nicht aus-\ngenommen, überwältigen die Bläser und namentlich die\nMetall-Instrumente die Klänge der Saiten im und\nlissimo; aber bei 60 Violinen und 40 Bässen sollen sie\ndas wohl bleiben lassen. Und nun vollends die Chöre! Kein\nOrt auf der Welt, am wenigsten die Residenzen, in denen\ngerade ein allgemeines Zusammenwirken am schwersten zu\nermöglichen ist, können einen solchen Chor aufstellen, wie\ndie niederrheinischen Städte in ihren Mittelpunkten Aachen,\nDüsseldorf und Köln es bei den Musikfesten jedes Mal\nthun. Ich will die Frische und den Klang der rheinischen\nStimmen gar nicht einmal in Anschlag bringen—man höre\naber nur einmal das ades Soprans und das hohe der Te-\nnÖre und Bässe in der neunten Sinfonie!—, sondern nur\nfragen: wo ist in Deutschland der Vereinigungsgeist und\ndie Kunstliebe und die Ausdauer so gross und so allgemein\nverbreitet, dass eine Schar von 700 Dilettanten zusam-\nmenströmt und sich freiwillig verpflichtet, fünf Tage hinter\neinander am Morgen und am Abende drei bis vier Stunden\nlang zu singen? Und wo sind, kann man hinzusetzen, die\näusseren Bedingungen, welche diese Vereinigungen ermög-\nlichen, nämlich die Leichtigkeit und Menge der Verbin-\ndungs-Mittel und Reise-Gelegenheiten, und die glücklichen\nVerhältnisse, welche der bei Weitem grösseren Hälfte der\nMitwirkenden erlauben, auf fünf bis sechs Tage Geschäft\nund Beruf der Kunstliebhaberei wegen zu verlassen und\nihren Aufenthalt in einer fremden Stadl zu nehmen? Wö\nist das alles so zu finden, wie hier am Rheine? Wohl\nhat man die Massen auch in England; allein der Klang der\nStimmen hält keinen Vergleich mit den deutschen Stimmen\naus; der Alt ist sogar zuweilen widrig, weil theilweise von\nMännern in der Octave gesungen; und wenn die Orchester\nauch (ür die Oratorien trefflich sind, so fehlt ihnen doch\nfür die Sinfoniaen die feinere Schule des Vortrages. In Pa-\nris ist bekanntlich an Aufführung von Oratorien nicht zu\ndenken, und dass Berlin seine zertheilten schönen Kräfte\n(Sing-Akademie, Stern'scher Verein, Dom-Chor u. s. w.)\nzu einer jährlichen Gesammt-Leistung jemals vereinigen\nwerde, ist kaum zu erwarten. Wer wird nun aber behaup-\nten wollen, dass Oratorien, vollends die Händel'schen, an-\nders als mit grossen Chormassen dem Geiste der Compo-\nsition entsprechend aufgeführt werden können?\nBewahren wir uns also den vierunddreissigjährigen\nBesitz unserer Musikfeste am Niederrheine; wahren wir\nfort und fort das schöne Erbtheil, das uns die Begründer\ndesselben hinterlassen haben; mehren und verschönern wir\nes, zu ihrem Ruhme und unserer Ehre, und sprechen wir\nden vollsten Dank den Mannern aus, die den Muth hatten,\ntrotz der trüben Wolken am politischen Horizont, deren\nplötzliches Verschwinden man nicht ahnen konnte, auch in\ndiesem Jahre das Fest wieder zu organisiren. In dem zahl-\nreichen Besuche und in den gelungenen Auslührungen müs-\nsen sie die lohnendste Befriedigung finden. Die Erfahrung\nhat wiederum gezeigt, dass ein Mangel an Theilnahme an\ndem musicalischen Pfingstfeste am Niederrheine gar nicht\nmehr denkbar ist.\n•' • * * • \\V 0 '-?'S ' . \" # .\nDie Wahl der aufzuführenden Werke war im Ganzen\nzu billigen; die erste Abiheilung des zweiten Abends wurde\njedoch durch die Aufeinanderfolge von Schumann's „ Ad-\nventlied \" undHändel's „ Alexanderfest\" etwas monoton;\nauch gehören beide Werke, sowohl das alte als das mo-\ndern-alte, nicht eben zu den hervorragendsten Erzeugnis-\nsen ihrer Schöpfer. Mendelssohns „Elias\" und Beet-\nhoven's „neunte Sinfonie\" waren ganz an ihrer Stelle;\nohne die letztere wird auch in den nächsten Jahren ein\nMusikfest nicht wohl zu denken sein. Sehr erfreulich war\nes, dass auch das Programm lür den dritten Abend, lür\ndas so genannte Künstler-Concert, nur die Namen von clas-\nsischen Componisten aufwies, ohne irgend ein Zugeständ-\nniss an frivolen Geschmack.\nEin solches wurde aber auch keineswegs verlangt, und\nnach der Art, wie das zahlreiche Publicum seine Theil-\nnahme bewies, sind wir wahrlich versucht, es ebenfalls ein\nclassisches zu nennen. Die Gesammt-Leistungen\nwurden am meisten applaudirt; die prächtigen Chöre im\nElias und im Alexanderfest, die Ouvertüre von Cherubini\nund jeder Satz der neunten Sinfonie erregten einen wirk-\nlichen Sturm von Beifall. Wir haben eine so begeisternde\nWechselwirkung zwischen Publicum auf der einen und\nOrchester und Chor auf der anderen Seite fast noch nie\nerlebt. Das ist ein sehr erfreuliches Zeichen des Sinnes für\ndas Grosse und Erhabene in der Musik im Gegensatze zum"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "155", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.1.3", "texte": "Anstaunen einzelner glänzender Erscheinungen. Was sollte\nauch ein Musikfest bedeuten, wenn es ohne eine Jenny\nLind nicht mehr möglich wäre?\n\nDie Tochter des Bratschisten.\nEine Theatergeschichte von Louise Nitzsche, geb.\nKindscher.\nI.\nWir blicken in ein Zimmer, welches das Asyl der Ge-\nmütlichkeit zu sein scheint. Ein Flügel nimmt den Mittel-\nraum ein, so recht wie eine Haupt-Person, um die sich\nAlles gruppiren soll. Die Wände sind mit einer wahren\nGalerie auserlesener Künstler-Portraits geziert, darunter\nragen aber Haydn, Mozart und Beethoven als musicalische\nDreifaltigkeit hervor. Auch eine Violine liegt auf zwei Stös-\nsen von Notenbüchern, welche wahrscheinlich im angefüll-\nten Notenschranke kein Unterkommen finden konnten. Wie\ngesagt: das Künstlerische springt uns in die Augen, ob-\nwohl nicht in einer „künstlerischen Unordnung\", sondern\nin harmonischer Einfachheit. Alles ist gesäubert, wie von\nweiblicher Hand. Nun freilich: dort am Fenster sitzt ja ein\nMädchen, emsig beschäftigt. Ihre Näharbeit ist zwar bei\nSeite geschoben, aber die Hand führt jetzt eben so schnell\ndie Feder, wie vorhin die Nadel. Das ist Henriette, die\nTochter des Bratschisten N. Sie steht in der Zauberstunde\ndes weiblichen Lebens, wo Gläubigkeit und Zuversicht,\ndiese Engel der Kindheit, die Anfangsschritte der Jugend\nbegleiten und bei dem ersten Fluge der Ideale noch zuge-\ngen sind. Nach dem Tode ihrer Mutter hatte sie die kleine\nWirtschaft selbst übernommen und war so zu sagen Mar-\ntha und Maria in Einer Person geworden. Ihre Wirksam-\nkeit glich nun einem Verweben von Prosa und Poesie. Die-\nses Gleichgewicht der Beschäftigungen bildete eben sowohl\nihren praktischen Sinn als ihr Talent zur Kunst aus. Ihr\nschlichter Vater hatte sie so geleitet, und als Blüthe der\nErziehung erkannte er die Begeisterung für alles Gute und\nSchöne an, welche auch seine Tochter mehr und mehr ent-\nfaltete.\nWas sie wohl schreiben mag? Oft weilt ihr Auge sin-\nnend auf ihren stummen Freundinnen, den Blumen, welche\nsie duftend umstehen, und gedankenvoll singt sie für sich\ndie Worte: „Ich will meine Seele tauchen in den Kelch\nder Lilie hinein\" doch da hört sie Schritte, und schnell\nwird das Notenblatt sorgfältig verborgen. Ihr Vater naht\nund zugleich ein junger Mann, welcher grüssend in das\nZimmer tritt. Henriette hat wieder das Nähzeug ergriffen,\nund es scheint, als müsse jetzt die Nadel auch mit zum\nBlitzableiter von mancherlei Gedanken und Empfindungen\ndienen.\nI > ■ ' ' i •\n„ Sie sehen nicht so aus, als ob wir uns trennen wür-\nden\", sagte lächelnd der Bratschist. „Warum sollte ich\ntrauern,\" antwortete der junge R. mit einer Beimischung\nvon Uebermuth, „wenn ich den engen Horizont meiner\nVaterstadt verlasse? Hier mag ich nicht gefesselt bleiben,\nwo sich die freie Thalkraft an lauter Kleinlichkeiten stösst,\nsondern ich habe frischen Muth, der mich wie ein günstiger\nWind ins bewegte Leben treibt. Doch\", luhr er milder\nfort, „gibt es freilich einen Raum, eng und wohl, welchen\nich ungern verlasse: hier dieses Musenstübchen, das so\nlange die Heimat meines Herzens gewesen.\" Henriette be-\nkämpfte eine Bewegung bei diesem freimüthigen Worte.\nDer Bratschist antwortete aber: „So begeistert war ich auch\neinst. Die Jugend hat Flügel, aber das Joch macht lahm.\"\n„Ach, mein bester Lehrer!\" fiel R. ein, „verweilen Sie\nnicht so oft bei dem drückenden Gedanken an Ihre Stel-\nlung. Es ist ausgemacht, dass Sie einen ganz anderen Platz\nals Musiker und Theoretiker verdient hätten; aber Sie sind\nja noch nicht ohne Zukunft!\" „Väterchen!\" begütigte auch\nHenriette, als sie sah, wie trübe Erinnerungen und jahre-\nalter Verdruss als Unholde in seiner Seele aufstiegen und\ndie Stirn sich eben umziehen wollte: „lass uns doch mu-\nsicalisch munter sein!\" „Ach ja, noch eine recht erfreuliche\nKünstlerstunde, wie sie unser Dreibund so oft verlebt!\"\nsetzte R. hinzu. „So mag es sein, rief N. erheitert und griff\nnach der Violine, sie zu stimmen, indem er sich selbst zu-\nrief: „Ernst ist das Leben, doch heiter ist die Kunst!\"\n„Hier, zur Auswahl,\" sprach Henriette: „Sonaten für Cia-\nvier und Violine von Mozart und Beethoven; welchem Com-\nponisten werden Sie heute den Vortritt lassen?\" „Meinen\nSie damit, welchen ich vorziehe?\" erwiderte R. „Ich denke,\nbeide sind gross, ersterer in der Klarheit, letzterer in der\nKühnheit; Beethoven ist ein auffällig funkelnder Stern, Mo-\nzart ein ruhig glänzender.\" „Bravo!\" rief der Bratschist:\n„es freut mich immer, wenn die Jugend sich nicht blenden\nlässt und nicht Frappantes, Imposantes dem einfach Schö-\nnen vorzieht. Man überschätzt so oft Kühnheit, weil sie\nStaunen erregt, und sieht häufig später erst ein, dass Be-\nherrschung der Kraft echte Kraft ist.\"\nDer junge R. besass neben theoretischer Tüchtigkeit,\nwelche er dem Unterrichte des Bratschisten verdankte, auch\ndie Eigenschaft eines Clavier-Virtuosen, wodurch er nament-\nlich die ersten Seelen-Eindrücke auf Henrietten bewirkt\nhatte. Diese hörte auch jetzt wieder mit Entzücken dem"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "156", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.1.4", "texte": "herrlichen Ciavierspiele R.'s zu. Mit Leichtigkeit und perlen-\nder Schnellkraft behandelte R. die bewegten Sätze, und im\nAdagio schien das Instrument unter seinem Anschlage zu\nsingen. Die Passagen und Verzierungen erhielten stets die\ndem Charakter der Compositionen eigenthümliche Färbung.\nIm AUegro erhöhten sie den Effect, im Adagio den Schmelz\nund Reiz. Warum sollte dieser Grad künstlerischer Kraft\nnicht Funken in die Begeisterung Henriettens werfen?\nwarum sollte sie nicht glauben, dass der Charakter R.'s\neben so schön beseelt wäre, wie sein musicalischer Vor-\ntrag? „Die Begeisterung, welche ich lür die Kunst lühle,\"\ndachte sie, „hat er geweckt; sie war mir vielleicht schon\nangeboren, wie in einem Instrumente die Töne zwar vor-\nbereitet sind, aber unberührt schlummern; durch den An-\nschlag seiner geistigen Elasticität ist sie erst laut gewor-\nden.\" „Nun, Fräulein Henriette!\" wurde plötzlich die\nTräumende von R. angeredet, „wollen wir uns nicht auch\nnoch zu einem ä Quatre mainsvereinigen? Kommen Sie zu\neiner unserer Lieblings-Sinfonieen.\" Da war es nun an dem\nBratschisten, zu lauschen. Seinem Ohr entging die künst-\nlerische Einwirkung des jungen R. auf seine Tochter nicht,\neben so wenig wie es vielleicht dem Auge seiner Frau\nverborgen geblieben wäre. „ Wie schön meine Tochter\nIhnen folgt, als hätten Sie ihre Seele am Faden!\" rief er\ndann und wann. „Ich lühle heraus, dass Henriette im Se-\ncondo so spielt, wie Sie ihr im Primo dictiren, und freue\nmich, dass sie die Andeutungen und Winke eines guten\nVortrages beherzigt.\" „Sind wir denn nicht beide Ihre\nSchüler? Warum sollten wir einander im Geschmacke nicht\ngleichen?\" entgegnete R. mit einem Blicke auf Henrietten,\nwelcher von ihr Bestätigung forderte. „Ich werde Ihnen\nimmer dankbar sein\", antwortete diese, „lür Ihre Bemü-\nhungen, mich in meinem musicalischen Streben zu unter-\nstützen.\" „Musicalische Mittheilung ist mir eine Notwen-\ndigkeit,\" fuhr R. fort; „doch\", lügte er in scherzendem\nVorwurf hinzu, „waren Sie nicht allzu mittheilsam gegen\nmich; denn Sie haben mir bis heute Ihren Gesang vorent-\nhalten. Und dass Sie singen, darauf wette ich; denn schon\nIhr Sprech-Organ bürgt dalür.\" „Herr R. hat Recht,\"\nerwiderte der Bratschist: „wer Stimme hat, muss singen\nund sich gewöhnen, zu singen. Wie eine Wolke die Sonne\nam hellen Strahlen hindert, so beeinträchtigt Befangenheit\nden sicheren Ton der Stimme.4 Henriette antwortete nichts,\n\\\nobwohl sie recht wohl den Beweggrund ihrer Schüchternheit\nkannte. Musik und namentlich Gesang ist ja die beredteste\nStimme der Liebe; wo oft der Empfindung das Wort ver-\nsagt, spricht der Ton am besten. Wie hätte sie denn, ohne\nihr Herz zu verrathen, vorß. singen können? Dieser aber,\num ihre Verlegenheit zu beschwichtigen und nebenbei dem\nBratschisten in die Rede zu fallen, äusserte: „Wenn mir\nnur Henriette verspricht, zu singen, wann ich einst wieder-\nkomme. Zu dem Zwecke will ich Ihnen etwas überreichen,\nworüber Sie im Laufe der Zeit entscheiden mögen, ob es\nIhnen zusagt.\" Bei diesen Worten nahm er ein Notenbuch,\nwelches mit seinem Hute bedeckt gewesen war, hervor\nund legte es in die Hände des Bratschisten. Dieser schlug\nes auf und rief mit steigender Freude: „Wie, eine Operette?\nDas also ist die Frucht Ihrer Mussestunden? Sie sehen mich\nüberrascht : solch ein Werk hätte ich noch nicht von Ihnen\nerwartet! Aber desto mehr gratulire ich Ihrem Talente,\nwelches so rüstig weiter strebt.\" Henriette stand wie fest-\ngewurzelt; sie errölhete vor Freude über solch ein Gelin-\ngen. „Sie wissen ja noch gar nicht, wie der Inhalt ist,\"\nrief R. lachend, „und schon machen Sie mir Lobsprüche!\nAber\", fuhr er ernster fort, „mit Liebe habe ich daran ge-\narbeitet. Der Text ist von einem zu jung verstorbenen\nFreunde. Vieles aus meinem Leben ist mit hinein compo-\nnirt; denn die besten Gedanken habe ich mir doch aus die-\nsem Stübchen mitgenommen—darum widme ich das Opus\nIhnen beiden.\" Während der Bratschist fortfuhr, in der\nPartitur zu blättern, und seinen Beifalls-Aeusserungen noch\nden wohlmeinenden Spruch: „ Nonum prematur in annum !\"\nzur Ermahnung R.'s beigesellte, welchen dieser auch zu\nbefolgen versprach, war Henriette zu ihrem Tischchen ge-\ngangen, um einen Entschluss auszuführen. Das Gedicht von\nHeine: „Ich will meine Seele tauchen in den Kelch der\nLilie hinein\", hatte sie durchß. kennen gelernt und dasselbe\nim Gedanken an ihn componirt. Diesen Erstlings-Versuch\nnahm sie aus dem Versteck und sagte zu R.: „Sie geben\nein ganzes Buch, ich nur ein einzelnes Blättchen; sehen\nSie wenigstens hieraus, dass ich nicht zu unmittheilend sein\nmöchte.\" „Eine Composition von Ihnen?\" rief R., und in\nseinem Auge blitzte so freudige Ueberraschung, dass Hen-\nriette das ihrige niederschlagen musste. „Nein, jetzt muss\nich es durchaus noch hören, in der Minute des Abschiedes!\"\nfuhr er fort: „ich werde Ihnen accompagniren.\" Zögernd\nfolgte Henriette zum Piano und sang unter Herzklopfen\nihr eigenes Lied. Der Bratschist war überrascht, Henriette\nzitterte vor innerer Bewegung, und R. rief begeistert über\ndie bescheidene Blume, welche so eben das klingende Lied\ngehaucht hatte: „Die Musik, welche diese schönen Worte\nschon in sich trugen, wie eine Blüthe den Duft, ist voll-\nständig herausgelockt; diese Töne klingen durch mein gan-\nzes Leben!\" Der stürmische Kuss, welchen er darauf"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "157", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.1.5", "texte": "seinem Lehrer gab, würde für den psychologischen Blick als\nSymptom eines mächtigen, obwohl vielleicht nur momen-\ntanen Gefühls erschienen sein, das, in Worte gefasst, Hen-\nrietten Seligkeit bereitet haben würde.\nUnd so lös'te sich aus diesem consonirenden Dreiklange\nanscheinend schwer die bestimmende Terz.\nWie eine Pflanze in der Entwicklungs- und Blüthe-Zeit\nam begierigsten Sonnenstrahlen und Himmelstropfen ein-\nsaugt, eben so strebt namentlich der junge Künstler nach\nAufmunterung und Anerkennung. Es ist aber ein trauriges\nLoos, wenn man den Beruf der Kunst in sich trägt und im\nDienste derselben geknechtet ist. Jeder frohe Trieb erstirbt\nsodann, und der Lebenshauch der Eigenthümlichkeit geht\nverloren. So war auch unser Bratschist ein tüchtiger Theore-\ntiker geworden, während er zugleich glücklicher Componist\nhätte sein können. Aber das Saitenspiel seiner jugendlichen\nHoffnungen war von rauher Hand berührt worden. In dem\nMaasse, wie dadurch die Schwungkraft ermattete, schärfte\nsich sein Urtheil. Der Grund zu dieser individuellen Verän-\nderung lag in seinem Schicksale, Mitglied eines Orchesters\nzu sein, über welches der Tactstab des Dirigenten wie mi-\nlitärisches Commando herrschte. Leider ist der Umstand\nnicht selten, in übrigens wohlbesetzten Capellen die geistige\nZusammenwirkung zu vermissen, durch welche das Orche-\nster erst zum Orchester wird. Was hilft die Massen-\nhaftigkeit der Instrumente, diese materielle Quantität, was\ndie Künstlerschaft des Einzelnen, wenn dem ganzen Körper\norganische Belebung und Inspiration fehlt? Der Bratschist\nhatte in seiner Jugend zu viel echte Orchester-Musik ge-\nhört, er war selbst zu durchdrungen von gewissenhafter\nAuflassung und Darstellung, als dass er den Mangel daran\nnicht schmerzlich hätte empfinden sollen. Ihn hatte schon\nals Jüngling der Gedanke begeistert, sich so vielseitig wie\nmöglich zu bilden, um dadurch seine Kunst in ihrem vol-\nlen Werthe würdigen zu können. Der Altmeister S., unter\ndem er Musik studirte, halte mit Vergnügen den Schüler\nVorlesungen über Logik und Aesthetik auf der Universität\nbenutzen gesehen. So kehrte N. als gebildeter Musiker in\nseine Vaterstadt zurück, als man gerade einem lorberge-\nschmückten Meister als dem neuen Musik-Director entge-\ngenjubelte. Auch N. brachte ihm seine Huldigungen dar\nund pries sich Anfangs glücklich, Orchester-Mitglied unter\ndiesem Dirigenten geworden zu sein. Aber er hatte sich\ngetäuscht. Der Musik-Director vereinigte starke persönliche\nSchwächen mit seiner Genialität. Das verrieth der despoti-\nsche Egoismus, mit welchem er bald sein Orchester re-\ngierte. Wehe dem, welcher sich angemaasst hätte, mit gei-\nstiger Ebenbürtigkeit und kritischer Vermessenheit ihm ge-\ngenüber zu treten! Er wollte nur Musiker unter sich ha-\nben, die es zu gewisser Fertigkeit auf ihren Instrumenten\ngebracht hätten und als übrigens subalterne Geister eisern\nan Tact und Vorschrift hielten. Zu einer Verklärung im\nVortrage, zu gemeinsamer Beseelung konnte es desshalb\nnimmermehr kommen. Unserem N., welcher als gebildeter\nMusiker bekannt und desshalb dem Musik-Director ein\nDorn im Auge geworden war, flog einst im Beisein aller\nCapell-Milglieder folgende Aeusserung seines Dirigenten an\nden Kopf: „Einen studirten Musicus können wir hier nicht\nbrauchen!\" Und der Bratschist war gezwungen, wegen des\ntäglichen Brodes in dieser Stellung zu verharren. Keine\nAufmunterung wurde ihm zu Theil, seine Leistungen ge-\nlangten nicht zur Anerkennung: er musste Bratschist blei-\nben. Seine Beschwerden fruchteten nichts, weil man ge-\nwohnt war, den Musik-Director als Stolz des Fürstenthums\nzu preisen und Alles an ihm für genial zu halten. Nur der\neingelebten Liebe zur Kunst und dem Hinblicke auf Weib\nund Kind dankte der Bratschist die Langmuth im Ertragen.\nSpäter erwuchs ihm eine musicalisch-geistige Ansprache\nan dem jungen R., welchen wir oben erwähnten. Der Brat-\nschist, welcher zuerst in ihm entschiedenen Beruf für Mu-\nsik entdeckt, hatte es übernommen, ihn theoretisch zu bil-\nden. Eine wahre Reproduction fand zwischen Lehrer und\nSchüler Statt, und bald gelangte der Jüngling, der schon\nfrüh sein Instrument glücklich beherrschte, zu solcher Selbst-\nständigkeit überhaupt, dass er lebhaft wünschte, seine mu-\nsicalische Thätigkeit mehr ausbreiten zu können. Und so\nkam der Zeitpunkt, welchen wir oben schilderten, heran.\nDer Bratschist, dem es Erholung gewesen war, sich gegen\ndiesen Kunstgenossen auszusprechen, sah ihn ungern schei-\nden. An den friedlichen Debatten dieser Beiden, an ihren\ntreffenden Bemerkungen, welche wie geistige Funken sto-\nben, hatte sich auch Henriettens Urtheil herangebildet. Nun\nwar diese Anfrischung versiegt, und Vater und Tochter\nempfanden die Lücke in gleichem Maasse.\nWenden wir uns dagegen dem Musensohne zu, wel-\ncher dem Strome der Welt entgegensteuerte und sich den\nschönsten Hoffnungen in die Arme warf. Jeder rege Kopf,\nzumal wenn er das Leben grösserer Städte nur erst aus\nBeschreibungen kennt, findet wohl grossen Reiz darin, den\nprovincialistischen Krähwinkeleien zu entfliehen. Hier galt\nes zugleich auch noch den Versuch, die Kenntnisse anzu-\nwenden, und R. war neugierig auf sich selbst, wie es ihm\ngelingen würde. In einer der grössten Städte Deutschlands,\nwo ein in der Musikwelt namhafter Professor wohnte, an"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "158", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.1.6", "texte": "den R. empfohlen war, bezog er ein sechs Treppen hoch\ngelegenes Dachstübchen. Von hier aus wollte er Plane auf\nseine grossstädtische Zukunft entwerfen. Anfangs kehrten\ndie Gedanken immer wieder nach der Heimat zurück. Auch\nertappte er sich oft, über das Thema: Henriette stunden-\nlang phantasirt zu haben, und glaubte dann die Spuren des\nHeimwehes deutlich zu lühlen. Aber die Erinnerung an\nden Zweck seines Daseins lehnte sich auf, und endlich war\ner zu dem Unternehmen entschlossen, Audienz bei genann-\ntem Professor, welcher ästhetische und philosophische Vor-\nlesungen hielt, zu suchen. Dieser, ein feiner Mann, empfing\nR. freundlich und verstattete ihm, nachdem er sich von dessen\ntheoretischer Bildung überzeugt hatte, sich unter seine Ele-\nven zu zählen. »Wie das grossstädtisch klingt: Eleve!\"\ndachte R. „Der Bratschist hat mich auf gut Deutsch immer\nnur seinen Schüler genannt.\" Doch bald sollte er ander\nganzen Methode des Professors wahrnehmen, dass er sich\nhier in einem anderen geistigen Klima befinde. Gediegen-\nheit, schlichter Ausdruck eines gewissenhaften Urlheils\nwar das Gepräge des Bratschisten; dem Professor war\neine bestechende Gewalt der Rede eigen, und er liebte,\ngerade das gewandt und geistreich zu vertheidigen, was\ngar nicht zu vertheidigen war. Anfangs wusste R. nicht,\nob er diese originelle Art belachen oder anstaunen sollte;\naber es schmeichelte ihm doch, hinter alle diese Trug-\nschlüsse und Winkelzüge zu gelangen. Das Necken an fest-\ngestellten Behauptungen wurde ihm interessant; ihm kam\nes modern vor, Alles mit dem feinsten Lorgnon des Ver-\nstandes kritisch zu betrachten. Die vorige Bildungsschule,\nwelche ihn an Urtheil und Ausdruck gesund erzogen hatte,\nerschien ihm veraltet, und ein funkelnder Witz konnte ihn\njetzt lür den Mangel an Wahrheit entschädigen.\nWelche Verführung überhaupt geistreiche Spiegelfech-\nterei ausübt, beweis't z. B. Heine, welcher ausser seinen\nwunderbar schönen lyrischen Strophen oft in gleicher Weise\ndurch pikant ausgesprochene Gesinnungslosigkeit und co-\nquettes Spiel mit dem Heiligsten hinreisst. Das Heiligste in\nKunst, Leben, Religion ist aber-—-Wahrheit.\n„ Wenn Sie Unterricht zu erlheilen wünschen, Herr\nR., äusserte einst der Professor, „so müssen Sie erst be-\nkannt werden. Ich selbst will Sie als musicalische Neuigkeit\nempfehlen. Uebrigens wird Ihre Virtuosität Ihnen als Par-\ntout-Schlüssel zu den verschiedenartigsten Assembleen die-\nnen- \"Und so sehen wir unseren R., welcher Anfangs frei\nwie ein Vogel über dem Gewühl der Convenienz und Con-\ncurrenz geschwebt hatte, sein bescheidenes Dachstübchen\nverlassen und als Virtuose in die Salons treten. Hier fand\ner den Conversations-Ton übereinstimmend mit der diplo-\nmatischen Mehrdeutigkeit des Ausdruckes, welche ihm schon\ngeläufig war, und das Mille der gewandtesten Re-\ndensarten wusste er auch zu gebrauchen. Dennoch wollte\nes ihm erst nicht so leicht glücken, zu imponiren. Bis jetzt\ndiente ihm sein Virtuosenthum eigentlich nur als Eintritts-\nkarte; ja, er musste es erleben, dass man sich während\nseines Pianofortespiels laut unterhielt. In einer solchen\nSoiree wollte es ihm wieder nicht gelingen, die gewünschte\nAufmerksamkeit zu erregen, trotzdem er das schönste Fin-\nger-Ballet producirt, geschmackvolle Cadenzen wie Blumen\nhingeworfen und die Melodieen mit Trillerperlen phanta-\nstisch geschmückt hatte. Aergerlich darüber, griff er auf\neinmal mit solcher Freiheit in die Tasten, dass die Saiten\nzu springen drohten. Sein Verdruss, der sich nicht bloss\nim rollenden Sturze von Passagen, sondern auch im sprü-\nhenden Auge offenbarte, machte ihm Platz in dem allge-\nmeinen Geplauder. Man schwieg... . . R. konnte sich eines\nleisen Spottlächelns nicht erwehren, weil er den Effect auf\ndiese Weise erreicht, und gab zum Schlüsse des Vortrags\nnoch eine neckische Improvisation wie zur Versöhnung an\ndie Zuhörer hin. Jetzt war sein Ziel erreicht. Man sah\nnichts als Genialität an dem Künstler, den man bisher kaum\nbemerkt hatte. Die Gesellschaften pflanzten seinen Namen fort,\nund daraus entspann sich eine neue Laufbahn (ür ihn.\nJetzt, wo er nun Mode wurde, wo er anfing, den Musik-\nUnterricht als glänzendes Geschäft zu betreiben, entfiel ihm\nder Gedanke an den Bratschisten und dessen Tochter im-\nmer mehr; und welch ein ganz anderes Echo hatten seine\nLeistungen bei diesen gefunden! Von geistreicher Feinheit\ngeblendet, gewahrte er kaum die künstlerische Oberfläch-\nlichkeit, die ihn umgab. Die jungen Damen wetteiferten,\nihn als Lehrer oder Begleiter zu beanspruchen.\nFräulein Francisca **'**, eine der routinirtesten Salonsän-\ngerinnen, von elegantem Aeusserem, schien unseren R. vor\nallen Anbetern zu begünstigen, und das schmeichelte seiner\nEitelkeit. In diesem Wahne befangen, sah er nicht, dass\nFrancisca grössere Virtuosin in der Coquetterie als im Ge-\nsänge war, und dass ihre zur Schau getragene Empfin-\ndung (ür ihn und für die Kunst zu den räffinirtesten Be-\nrechnungen gehörte. Francisca hatte Anfangs die Musik\nnur des guten Tones wegen betrieben. Jetzt, wo däs Ver-\nmögen ihrer Eltern nicht mehr glänzend war, nahm sie\nZuflucht zu ihrem Talente, um in der Eigenschaft als Sän-\ngerin eine Rolle fortspielen zu können. Sie war aber nicht\ngenug musicalisch gebildet, ihre Stimme glänzte nur in\nBravourstückchen aller Art, und der Gesang des Gesanges,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.1.7", "texte": "die Empfindung, wurde in ihrem Vortrage nicht lebendig.\nAuch entledigte sie sich der Fessel des Tactes sehr oft,\nund R., der nun einmal der unterthänige Diener ihrer Lau-\nnen geworden war, führte sein Accompagnement rücksichts-\nvoll und galant neben ihrem willkürlichen Gesänge her. Herrn\nR. zum Accompagnateur ihres ganzen Lebens zu machen,\ngehörte zu Francisca's Lieblings-Speculationen; denn sie\nversprach sich von seinen Leistungen eine bedeutende Zu-\nkunft, wenigstens eine gesicherte Existenz.\n\nAus Mailand.\nH. du Casse.\nDen 4. Mai 1856.\nMeyerheers „Stern des Nordens\" ist am 30. April im kö-\nniglichen Theater Deila Cannobiana vor einem reich besetzten Hause\nund seitdem zwei Mal vor einer spärlich gesäeten Zuhörerschaft ge-\ngeben worden und hat vollständig Fiasco gemacht. Ich kann mich\nnicht anders ausdrücken. . \\\nDas Gedicht des berühmten Akademikers Scribe mit seinen\nschwerfälligen Versen ist nichts weniger als ergötzlich, trotz des\nTitels „komische\" Oper, und die Musik des berühmten Componisten\nist vollends entsetzlich langweilig. Man fand nichts darin als Ge-\nschicklichkeit der Factur und des Handwerks und eine gar zu\ngrosse Harmonie mit. dem flachen Inhalte des Buches. Desshalb\nöffneten die Zuhörer den Mund nicht bloss zum Gähnen, sondern\nauch zu anderen Lauten.\nMeyerbeer scheint gegenwärtig darauf erpicht, Erfolge auf den\nitaliänischen Bühnen zu erringen. Seine Freunde und er hat\nderen viele —, anstatt ihn schmerzlichen Enttäuschungen auszu-\nsetzen, die ihn um so-empfindlicher treffen, je weniger er sie in\ndem Dunstkreise von Lobpreisung und Schmeichelei, in welchem\ner seit zwanzig Jahren lebt, erwartet, sollten ihm lieber unablässig\nwiederholen, dass die Melodie allein Königin auf den Opernbühnen\nItaliens ist. Alles Andere, wenn auch trefflich und nothwendig an\nund für sich tür den Musiker, hat hier nur in Vereinigung mit der\nmelodischen Erfindung Werth. Die Succes d'estime, die in Deutsch-\nland und Frankreich doch immer noch eine gewisse Bedeutung\nhaben, existiren hier gar nicht; die Sprache hat nicht einmal ein\nWort dafür.\nAls Stücke* welche im Ganzen Beifall fanden, kann ich nur die\nOuvertüre und das Finale des zweiten Actes anlühren, dessen Aus-\nführung durch die vortreffliche österreichische Regiments-Musik ge-\nhoben wurde. Was die berühmte Zelt-Scene betrifft, bei welcher\nso viel und stark in die Lob-Trompete zum Preise des schöpferi-\nschen Genius gestossen worden ist, so muss ich der Wahrheit ge-\nmäss erklären, dass sie ganz besonders missfallen hat. Der Ton\nderselben ist ganz und gar \"gemein und hält nicht den Schatten\neiner Vergleichung mit der Art und Weise aus, in welcher Verdi\neine ähnliche Situation im „Rigoletto\" behandelt hat.\nDas Lied des Czoarcn im dritten Acte, das in Paris ich\nweiss freilich nicht, warum so stark beklatscht wird, hat nicht\nden geringsten Effect gemacht, trotzdem, dass es der treffliche Corsi\njedenfalls ebcri so gut vortrug, als Bataille. Man hat es hier nur\nals ein Stückchen Langeweile mehr betrachtet. Eben so erging es\ndem Schlüsse der Wahnsinns-Scene der Katharina und der beiden\nFlöten ja, leider machte die Gleichgültigkeit, die das Publicum\nbis dahin beobachtet hatte, jetzt sehr lauten Aeusserungen von Un-\ngeduld und Missfallen Platz. Damit aber Signora Giuditta Beltra-\nmelli diese allzu deutliche feindliche Kundgebung nicht missverstehe,\n\\ s v\nso rief man sie hervor und begrüsste sie mit lautem, ihr persön-\nlich geltendem Beifalle. Das war nicht mehr als Recht; denn diese\njunge Künstlerin hat ihre durch und durch dramatisch unwahre\nund musicalisch undankbare Rolle vortrefflich gesungen.\nUeberhaupt thaten die Künstler für die Ausführung alles Mög-\nliche. So machte z. B. die Signora Luigia Chiaromonte aus der\nPartie der jungen Braut Prescovia alles, was durch eine frische\nund wohlthuende Stimme daraus gemacht werden kann; allein lei-\nder gehört diese Partie zu denen in der Oper, die am wenigsten\nGnade vor dem hiesigen Publicum fanden.\nDas Orchester verdient ein ganz besonderes Lob; es führte die\nMusik mit ausserordentlicher Präcision, Feinheit und stetem Ein-\ngehen auf die Einzelheiten und Intentionen des Componisten aus.\nAuch gestehen wir gern, dass die Instrumentirung, an und für sich\nbetrachtet, eine Reihe von musicalischen Schönheiten darbietet;\nauch hatte sich das Orchester in den eilf Proben, welche durch\neine hier ganz ungewöhnliche Begünstigung bewilligt worden wa-\nren, lebhaft dafür interessirt.\n(.France Mus., Nr. 19.)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\nKöln. Herr Julius Stockhausen, der berühmte Lieder-\nsänger, wird in einigen Tagen hier ein Concert geben. Wir ver-\nfehlen nicht, das. Publicum auf die ganz ausserordentlichen Leistun-\ngen desselben und eine Gesangeskunst, die man bei einer tieferen\nSlimme (Bariton) wohl noch nie in solcher Vollendung angetroffen\nhat, aufmerksam zu machen.\nHeinrich Li toi ff hat eine vollständige Musik zu Göthe's\nFaust vollendet, welche nächstens erscheinen wird.\nHeinrich Dorn's neueste komische Oper heisst: „Ein Tag\nin Kussland.\"\nArthur Napoleon hat kürzlich in Frankfurt am M ain,\nDarmstadt u. s. w. Concerte gegeben.\nDresden, 30. April. In dem am vorgestrigen Abende im\nHotel de Saxe von Marie Wieck zum Vortheil einer erkrankten\nClavierlehrerin veranstalteten Concerte trug die junge Künstlerin\nein hier noch wenig bekanntes Quartett von F. Ries lür Piano-\nforte, Violine, Viola und Violoncello vor, wobei sie von dem Herrn\nvon Wasielewsky, Herrn Kammermusicus Göring und Herrn E.\nKummer in ausgezeichneter Weise unterstützt ward. Ferner spielte\nsie die berühmten 32 Variationen von Beethoven und mehrere cha-\nrakteristische Piecen von Chopin, Bach und Mendelssohn. Die Con-\ncertgeberin machte ihrem guten Rufe durch ihr treffliches, fein ge-\nbildetes Spiel Ehre und ward durch vielen Beifall mehrfach ausge-\nzeichnet. Eine in weiteren Kreisen schon vortheilhaft bekannte\nSängerin aus Leipzig, Fräul. Emma Koch, unterstützte das Con-\ncert durch mehrere Lieder und Gesänge. Sie sang zuerst das schnell\nbeliebt gewordene Ehrenstein'sche Lied „Dein Bild\", ein hübsches\nLied von C. Riccius: „Neue Liebe\", dann die wundervolle „Früh-\nlingsnacht\" von Rob. Schumann und ausserdem mehrere Rossini'-\nsche Stücke unter grossem und wohlverdientem Beifalle. Fräul.\nKoch hat eine gute Stimme, und man merkt es ihr an, dass es\nihr mit der Ausbildung derselben Ernst war, wie sie denn auch\nbereits eine ziemlich hohe Stufe künstlerischer Sicherheit erlangt hat.\nDie Sängerin Valentine Bianchi [trotz des italiänischen\nmens eine Deutsche, welche in Paris ihre Ausbildung erhalten] ist,\nwie früher in Frankfurt a. M. und Leipzig, so auch jetzt in Ham-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "160", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560517-01.1.8", "texte": "bürg mit grossem Beifalle aufgetreten [dessen sie auch vollkom-\nmen würdig ist].\nDer ehemals berühmte Tenorist Breiting, der auch auf den\nniederrheinischen Musikfesten gesungen, ist ebenfalls wahnsinnig\ngeworden, wie man aus Darmstadt schreibt.\nDie verdammte Oeffentlichkeit! Nichts verbreitet sich mehr als\nein Scandal, wenn er auch noch so unschuldig oder auch noch so\nunwahr ist. So lies't man in allen Blättern die weimarische Ge-\nschichte vom Bruche zwischen Liszt, Berlioz und Li toi ff, die\nwir für einen Spass hielten, als man sie uns erzählte. Liszt soll\nnämlich im Eifer über die kalte Aufnahme, die der Lohengrin bei\nLitolff und Berlioz gefunden, mit den Worten herausgefahren sein:\n„Wagner ist doch viel grösser als Ihr alle beide!44 Das war freilich\nsehr unvorsichtig. So etwas darf ein Künstler dem anderen nicht\nins Gesicht sagen; das wirft man en passant hin, wenn Einer in\nGesellschaft von Anderen gelobt wird und nicht zugegen ist: aber\nes ihm vor die Stirn sagen,t das ist Majestäts-Verbrechen. Dann\nheisst es: Aug' um Auge, Zahn um Zahn! Und so war es natür-\nlich, dass Litolff den geschenkten Stock dem gar zu freimüthigen\nLiszt in Stücken vor die Füsse warf und, den Fluch der Geibel-\nMendelssohn'schen Lorelei: „So wie den Schleier ich zerreisse\",\nparodirend, ausrief: „So wie ich diesen Stock zerbreche, so breche\nich mit Eurer Partei!44 Hector Berlioz fühlte keinen Beruf, mit\nAchilles Liszt anzubinden und drückte sich; die Chronik sagt nicht,\nob ihn Achill drei Mal um Weimar gejagt und ob er überhaupt\nStand gehalten habe.\n'Wien. Dieser Tage sollen auf Allerhöchsten Wunsch Sr. Ma-\njestät dem Kaiser die längst ausgearbeiteten Pläne zu zwei neuen\nHoftheatern neuerdings vorgelegt worden sein. Diese Pläne stellen\ndie neuen Hoftheater auf den äusseren Burgplatz rechts und links\nvon dem äusseren Burgthore, das Opern-Theater an den Kaiser-\ngarten, das Burg-Theater an den Volksgarten angränzend. Ein Ar-\ncadenbau zur Hofburg hinüber würde beide Hoftheatcr in unmit-\ntelbare Verbindung mit der Burg selber setzen. Uebrigens liegt\nnoch ein anderer Plan vor, welchem zufolge das Burg-Theater auf\nden Ballplatz zu stehen käme, der jetzt durch Stallungen und un-\nscheinbare Gebäude dicht an der Burg verstellt ist.\nParis. Das Begräbniss von Adolf Adam fand Montag den\n5. Mai auf die feierlichste Weise Statt. Sieben Redner (Halevy für\ndas Institut, Macquet für den Verein der dramatischen Dichter und\nComponisten, de St. Georges im Namen der Mitarbeiter und Li-\nbrettisten Adam's, der Baron Taylor für den allgemeinen Künstler-\nVerein, Bataille als sein Schüler, Th. Sau vage als sein vertrauter\nFreund, Delaporte im Auftrage des Gesang-Vereins Orpheon] spra-\nchen an seinem Grabe. Zwei Theater Lyrique und Bouffes-Pari-\nsiens blieben geschlossen; die Einnahme in dem grossen Opern-\nhause bestimmte der Kaiser für Adam's Witwe. Man gab das\nBallet Le Corsaire, Musik von Adam. Es brachte 9778 Frcs. ein.\nAlexander Dreyschock hat in Stockholm sehr besuchte\nConcerte gegeben, deren erstes über 1200 Rthlr. Banco eingebracht\nhaben soll. Vorzügliche Wirkung machte er mit dem G-moll-Con-\ncerte von Mendelssohn. Die königliche Akademie ernannte ihn\nzum Ehren-Mitgliede.\nPetersburg-. Am 31. März, demselben Tage, wo man durch\nTelegraph die Unterzeichnung des Friedens erfuhr, hatte im Theater\ndas alljährliche Concert zum Vortheile der Invalidencasse in Ge-\ngenwart des Kaisers und der Kaiserin, der Grossfürsten und Gross-\nfürstinnen Statt. Bei diesem in seiner Art einzigen Concerte, das\nvon einem bloss aus Blas-Instrumenten bestehenden militärischen\nOrchester ausgeführt wird, wirken mehr als tausend Musiker mit,\ndie auf die umfangreiche Scene des grossen Theaters vertheilt sind.'\nDer Director des Musikchors der Garden, M. Tchapievsky, lei-\ntet das Ganze, dessen Wirkung eine ganz ausserordentliche war.\nDer General Wladimir Lwoff, der am L April in Moskau\ngestorben ist, war der Bruder des Componisten und Intendanten\nder kaiserlichen Capelle, Alexis Lwoff. Hiernach sind die irri-\ngen Meldungen mancher Blätter zu berichtigen.\nDer berühmte Harfenspieler Bochsa ist in Au s tra 1i e n ge-\nstorben. Er hat zuletzt mit Mr. Bishop eine Reihe von Concerten\nin Sydney gegeben. Bochsa war auch als Componist nicht unbe-\ndeutend. Ein Requiem, das er nicht lange vor seinem Tode compo-\nnirt haben soll, wurde an seinem Begräbnisstage aufgeführt.\nBriefwechsel. Nach Dresden: Sobald wir die „neue Samm-\nlung\" in Händen haben, werden wir gern darüber berichten.\n(Eingesandt.)\nKrwidertiiig.\nNr. 15 der Niederrheinischen Musik-Zeitung enthält einen Arti-\nkel über „Musicalisch e Zustände in Darmstadt\", der viele\nIrrthümer enthält. Der Vortrag über Cherubini's Requiem ist nicht\n~in der Hauptprobe\", die in der Kirche Statt fand, gehalten wor-\nden. Dass der Vergleich mit Mozart's Requiem in Summa zum Vor-\ntheile Cherubini's ausgefallen, und dass Cherubini desshalb der\nVorzug gegeben worden sei, weil sein Requiem „keine Solostimmen\"\nerfordere, ist eben so unwahr, als dass behauptet worden, „Solo-\nstimmen gehörten überhaupt nicht in die Kirche44. WTas Beet-\nhoven's Aeusserung über Cherubini's Requiem betrifft, „dass ihm\ndasselbe reichen Stoff darbieten würde, um es als Muster zu neh-\nmen, wenn er ein Requiem zu schreiben gedächte,'4 so ist sie „keine\nMystification, keine Erfindung44, wenn sie auch nicht in jeder\nBiographie Beethoven's steht. Sie findet sich im 44. Bande der\nleipziger Allgemeinen Musicalischen Zeitung (1842, Nr. 22, S. 444,\nZeile 20 von unten), unterschrieben von einem in der musicalischen\nWrelt allgemein geachteten Namen: C. F. Becker.\nA. S. behauptet, dass Beethoven das Requiem Cherubini's „gar\nnicht gekannt habe, weil damals (?!) noch keine Partitur existirt\nhabe und das Hören ihm unmöglich gewesen\". - So „erfahre denn44\nA. S., dass die Partitur von Cherubini's Requiem im\nLaufe des Jahres 1809 auf Sub scription in Paris er-\nschien (s. Allg. Musik-Zeitung, XII. Band, S. III), also acht-\nzehn Jahre vor Beethoven's Tode.\nDarmstadt, am 8. Mai 1856.\n\nC. A. Mangold."}]}