{"numero_id": "bm-bmtnabi-1856-05-24-01", "volume": "bmtnabi_1856-05-24_01", "ocr_sha256": "6563c2dd0b821e7506f6164aa23c96a3e7045b34fa6303f79d9692d9652fee9c", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1856/05/24_01/bmtnabi_1856-05-24_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1856-05-24-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-05-24_01#c001", "volume": "bmtnabi_1856-05-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "161", "page_fin": "161", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 322, "texte": "Inhalt.\nDie Tochter des Bratschisten. 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Der\nBratschist war grossmüthig genug, das unerklärliche Schwei-\ngen als ein Zeichen des Glückes zu betrachten, welches\nkeine Worte fand, und er hoffte doch immer noch auf schrift-\nliche Mittheilung. Nicht so Henriette; sie fand einen Beweis\nvon Zurücksetzung darin und dachte: Es war nur Herab-\nlassung von ihm, mich geistig zu heben; geliebt hat er\nmich niemals. Wie oft untergräbt Täuschung der ersten\nLiebe den Frohsinn eines Mädchens! Auch Henriette war\nnahe daran, sich ihrem Herzensgram zu überlassen,\nhätte nicht der Hinblick auf ihren Vater sie an etwas Bes-\nseres erinnert. Mit dem Verluste der schönsten Hoffnung\nwar freilich der Sonnenschein aus ihrem Leben gewichen,\naber sie lühlte ihr Glück im Gemüthe des Vaters wurzeln,\nund das erhielt sie aufrecht. Ihm das Leben zu erheitern, war\nihr Streben, und so half kindliche Dankbarkeit den Kummer\ntragen. Was war auch dieser eigene Schmerz gegen den\nDruck der Zurücksetzung, welcher schwer auf der Seele\ndes Vaters lastete? Um dem Versinken in Trübsinn am\nbesten zu entweichen, trachtete sie lebhaft nach neuer\nWirksamkeit. Sie war nicht müde geworden, das Clavier-\nspiel fort und fort zu cultiviren doch wäre es ihr schwer-\nlich gelungen, in ihrer Vaterstadt, die von Musiklehrern\nüberfüllt war, davon weiteren Gebrauch zu machen. Sie\nwollte auch gern noch mehr Musik in sich aufnehmen, ehe\nsie zum Unterrichten sich fähig hielt. Da bot sich bei dem\nTheater-Chor eine offene Stelle dar, und Henriette trug\nkein Bedenken, einzutreten. Sie freute sich, dadurch die ver-\nschiedensten Opern genau kennen zu lernen, und empfand\nnebenbei auch den kleinen Trost, sich selbst etwas zu ver-\ndienen.\nHenriette war gerade zu einer Zeit Choristin ge-\nworden, wo eine sehr brave Sängerin als Prima Donna\nengagirt war. Ihr Streben, welches sich so gern an schönen\nMustern emporrichtete, wurde dadurch neu angeregt. Ge-\nrade wie früher das Vorbild des Virtuosen R. sie zum Cla-\nvierspiel begeistert hatte, so erwachte jetzt in ihr eine un-\nbezwingbare Lust, die Stimme zu bilden. Auch der Brat-\nschist wurde nicht müde, die Vorzüge der Sängerin gegen\nseine Tochter zu rühmen. Bald sollte sich ihr beiderseitiges\nInteresse noch höher steigern. Fräul. M. bemerkte in meh-\nreren Proben, dass, wenn der Chor unbeschäftigt war und\ndie Mitglieder desselben sich hinter den Coulissen zerstreu-\nten, eine Choristin wo möglich in ihrer Nähe verweilen\nblieb, um, wie es schien, sie aufmerksam zu beobachten.\nIhr entging auch der Eifer nicht, mit welchem dasselbe\njunge Mädchen sich im Tutti anstrengte, und sie glaubte,\neine frische Stimme von ihr zu vernehmen. Das benutzte\nsie denn als Annäherung, um die Choristin zur Vorsicht im\nSingen zu ermahnen. In der Antwort Henriettens und\nder sich fortspinnenden Unterhaltung entdeckte Fräul. M.\nzu ihrer Freude echte Begeisterung, welche sich bescheiden\naussprach, so dass sie der Choristin antrug, ihr unentgelt-\nlich Unterricht ertheilen zu wollen. Da fiel wieder ein Strahl\nin das Leben Henriettens, welcher dann und wann ihren\nGram zerstreute. Mit der Ausbildung der Stimme wuchsen\ngleichzeitig ihrem Frohsinn wieder die Flügel. Nimmer\nhätte sie geglaubt, einen solchen Fonds in sich zu besitzen.\nZwar fehlte es der Stimme an glänzendem Umfange, aber\ngerade weil der Bereich ihres Mezzo-Soprans nicht gewalt-\nsam überschritten wurde, erhielten die Töne gesunde Bil--"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5337, "texte": "-5 '\ndüng und natürliche Verherrlichung. Ganz in der Stille be-\ntrieb sie ihre neuen Studien zum Triumphe ihrer Lehrerin\nund ihres Vaters; durch ihre Empfänglichkeit für guten\nGeschmack wurde es der Stimme erleichtert, sich die gu-\nten Manieren schnell anzueignen. „Man sagt immer: aus\nder Stimme klingt die Seele,\" äusserte Fräul. M. zu ihrer\nSchülerin: dem zufolge müssten Sie ein weiches Gemüth ha-\nben ; der Himmel bewahre Sie nur vor Cabalen und Erschüt-\nterungen, welche der Seele die Weichheit rauben können.\"\nWer aber gegenwärtig mit den verdriesslichsten Wi-\nderwärtigkeiten zu kämpfen hatte, war Fräul. M. selbst,\nohne jedoch Schaden an der Seele oder an der Stimme zu\nnehmen. Ihr Selbstgefühl war die Kapsel, welche Beides\nschützend einschloss. Der Sohn des Musik-Directors, ein\nMusik-Geck, aber kein Künstler, bemühte sich eifrig um die\nGunst des Fräul. M. Zwar nicht ohne musicalische Befähi-\ngung, aber zu bequem und eingebildet, gedachte er lür die\nZukunft im Glänze väterlichen Einflusses und Nachruhmes\nzu leben und seine eigene Existenz dadurch begründet zu\nfinden. Der Musik-Director, obwohl ärgerlich über den un-\nwürdigen Sohn, war doch egoistisch und dreist genug, oft-\nmals Compositionen desselben, welche nie die Mittelmässig-\nkeit überstiegen, dem Publicum vorzulühren. Dieses, aus\nübergrosser Rücksicht lür den namhaften, verwöhnten Com-\nponisten, welcher der künstlerische Glanzpunkt des Für-\nstenthums war, nahm wirklich nur deswegen die Producte\nseines Sohnes duldsam auf. Der Musik-Director hätte gern\nseinen Sohn als Nachfolger gesehen. Jedoch konnte dieser\nPlan leicht missglücken, und er sann daher auf etwas An-\nderes. Fräul. M. hatte Aussicht, nicht bloss durch Vermitt-\nlung des Musik-Directors, sondern hauptsächlich durch ihre\nLeistungen selbst, als Kammersängerin angestellt zu werden.\nAls solche würde sie ihm zur Abhängigkeit und Dankbar-\nkeit verpflichtet sein, und sodann als Frau seines Sohnes\nihren künstlerischen Ruf auf dessen Namen übertragen.\nFräul. M. war aber zu geistreich, um an dem jungen Gecken\nauch nur das geringste Interesse zu finden, und anderer-\nseits zu klug, um ein ganzes Lebensglück einer glänzenden\nSchwiegervaterschalt zu opfern. Die Bemühungen des Soh-\nnes, so wie die Andeutungen des Vaters blieben fruchtlos.\nDadurch wurde der Zündstoff der üblen Laune genugsam\nangehäuft, und es bedurfte nur eines Funkens, um den\nZorn zu entflammen, Und dieser Funke fiel. Fräul. M.\nwünschte in der Probe einer italienischen Oper das Tempo\nbeschleunigter zu einer Arie. Ein Stirnrunzeln des Dirigen-\nten war die Antwort. Bei der Aufführung der Oper blieb\nder Tactstab in seiner eisernen Bewegung. Fräul. M. aber,\nhingerissen von der dramatischen Steigerung und nebenbei\nalterirt durch das gewaltsame Entgegenwirken, liess sich\nvon einer momentanen Eingebung verleiten, die Melodie\nzu treiben und nebenbei die schneller werdenden Tact-Be-\nwegungen mit dem Fusse leise, aber markirt anzugeben.\nDas Orchester folgte ihr unwillkürlich, wie einem Zuge des\nHerzens, und Alle schienen zu lühlen, dass dieser Vortrag\nder richtige und natürliche sei. Solch ein Abweichen von\nseiner Vorschrift war aber dem Musik-Director noch nicht\nvorgekommen. Ihm erschien das wie ein Signal der Empö-\nrung gegen seine Alleinherrschaft. Nach beendigter Vor-\nstellung überschüttete er das Orchester-Personal mit den\nheftigsten Vorwürfen und kündigte Fräul. M. ihre augen-\nblickliche Entlassung an. Der Schauspiel-Director bat, der\nIntendant machte Einwendungen, aber desto starrer blieb\nder Musik-Director bei seinem Beschlüsse. Zuletzt äusserte\ner die Drohung: „Entweder geht sie, oder ich!\" Natür-\nlich musste die Dame weichen, obwohl sie ungern von\neinem Orte schied, wo sie der Anerkennung gewiss war.\nAm schmerzlichsten empfand Henriette die Trennung von\neiner so theuren Person, welche ihr Kunst-Vorbild, Leh-\nrerin und Freundin geworden war. Doch dankte sie dem\nSchicksal lür diesen kurzen Lichtblick und suchte durch fort-\ngesetzten Eifer dem Geiste ihrer Lehrerin nahe zu bleiben.\nDieser neueste Beweis von der Willkür seines Chefs\nhatte aber in des Bratschisten Seele die Saite des Unmuthes\nwieder zu stark berührt, als dass sie schnell hätte verklin-\ngen sollen. Er sah die Sängerin gedemüthigt ohne Schuld,\nwie sich selbst. Seine eigenen schmerzlichen Erfahrungen\nerhoben laut ihre Stimme. Diesmal vermochte er nicht zu\nschweigen, und er verschaffte sich eine Genugthuung, wie\ner noch nie zuvor gehabt. Einst sah Henriette ihren Vater\nheftig und eifrig schreiben; sie ahnte nicht, dass er an die\nOeffentlichkeit appellirte. Ihm war die Feder eine Waffe,\ndie Lanze des Vorwurfs llog auf den Unterdrücker, und\ndie herausfordernde Rede erkämpfte siegesmuthig Anerken-\nnung lür die geschmähte Sängerin. Allein der Hinblick auf\nHenriette zügelie den Bratschisten, mit Wahrheit schonend\nzu sein; viele Gedankenblitze waren desshalb noch seit-\nwärts in das Dintenfass geschlagen. Der Zeitungs-Bedac-\nteur, welchem N. seine Kritik zusandte, liess dieselbe auf\ndes Verfassers Gesuch sofort anonvm abdrucken. Zugleich\nj o\nveranlasste er N. zum Mitarbeiter seines Blattes und stellte\nihm die Wahl der Besprechungen frei. Als nun die be-\nwussle Kritik nach Verlauf einiger Zeit auch in der Haupt-\nstadt des Fürstenthums circulirte, stutzte jeder, der sie\ndort las. Die Wahrheit war aus dem Herzen Vieler ge-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "163", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5287, "texte": "sprochen; auch glaubte man die Feder erralhen zu können.\nDer Musik-Director erkannte auf der Stelle des Bratschisten\ngeistiges Geschoss. Als Henriette einst blass und bebend\naus der Chorprobe nach Hause kam und an ihren Vater\ndie Frage richtete, ob er wirklich den Aufsatz in der Mu-\nsik-Zeitung verfasst habe, bestätigte es derselbe mit der\ngrössten Ruhe, sogar mit einer gewissen Verklärung. „Es\nrnuss doch endlich ein Ausweg kommen!\" rief er begei-\nstert. „Ja,\" antwortete das erschrockene Kind, indem sie\nden Vater weinend umarmte: „da du das Maass des Has-\nses nun überlaufen gemacht hast, wird der Musik-Director\nauch dich entlassen, wie er schon gedroht hat. Aber stütze\ndich auf mich wir gehen zusammen fort, wir geben Un-\nterricht, ...\" „Sei ganz ruhig\", entgegnete der Vater lä-\nchelnd, „ und vernimm, dass ich eben vom Fürsten komme.\"\n„Vom Fürsten?\" rief Henriette staunend, „ich habe mich\nvöllig gegen ihn ausgesprochen\" ergänzte der Vater\n„und das war eine lang' ersehnte Erquickung lür meine\nSeele. Doch ich will dir den Hergang der Sache erzählen.\nDer Fürst hatte mich rufen lassen, um von mir selbst zu\nvernehmen, ob ich der Verfasser jener Kritik sei. Ich be-\nkannte mich hierzu, äusserte aber auch gegen ihn den\nWunsch, nicht als solcher genannt zu werden, aus schuldi-\nger Rücksicht gegen den Musik-Director. Das führte den\nFürsten zu Nachfragen über meine persönliche Beziehung\nzu demselben, über meine Stellung überhaupt, und ich legte\nihm die ganze Leidenskette meiner Erfahrungen vor Augen.\nEr hörte mir sehr theilnehmend zu und entliess mich mit\nder Versicherung, zwar meine Bekenntnisse zu verschwei-\ngen, mich aber in kurzer Zeit meiner Capelldienste zu ent-\nbinden, jedoch bei Fortgenuss meines Gehaltes auf Lebens-\nzeit. \" Henriette war ganz überwältigt. Des Vaters Freude\nliess sie alles Leid vergessen, und sie hätte auch das\nGlück gern darum geopfert. „Du hast Recht, mein liebes\nKind,\" fuhr der Bratschist fort: „siegen muss das Gute\ndoch! Auch du wirst schon noch die Anerkennung finden,\nwelche dir zukommt.\"\nDem Musik-Director entging nicht, dass die innere\nStimmung des Publicums doch wohl gegen ihn sein mochte,\nwie er das an dem allgemeinen Beifalle über jene anonyme\nKritik wahrgenommen hatte. Dass er an diesem seinem bis-\nherigen Untergebenen nicht Rache üben konnte, ärgerte\nihn vollends. Ziemlich bejahrt, wie er war, wollte er das\nZepter niederlegen, am liebsten zu Gunsten seines Sohnes.\nDoch die Auslührung dieses Planes wurde in so fern ver-\nzögert, als der Fürst, welchem daran lag, den Namen sei-\nner Capelle erhalten zu wissen, eine Preis-Ausschreibung\nj lür vaterländische Comporiisten und Dirigenten bestimmte,\n| gleichviel, ob sie im In- oder Auslande lebten. Bedingung\nj war die Eingabe eines grösseren Orchesterwerkes, das der\nComponist an Ort und Stelle einzustudiren und aufzufüh-\nren hatte. Demjenigen, welcher beide Aufgaben mit dem\nglücklichsten Erfolge lösen würde, war die Stelle des Mu-\nsik-Directors zugesagt. Diese Veröffentlichung machte all-\ngemeines Aufsehen. Auch auf unseren R. übte sie fast\nelektrische Wirkung aus, obgleich er es nicht vor sich\nselbst eingestehen mochte. Wie ging es zu, dass eine Nach-\nricht aus seiner kleinen Vaterstadt ihn so frappiren konnte?\nWeil es der Aufruf zu einer sicheren Existenz war, welche\nihm früher als Krone seines Strebens vorgeglänzt hatte.\nBei dieser Gelegenheit kam er plötzlich zu einer aufmerk-\nsamen Selbstbetrachtung. Wie hatten seine Gesinnungen\ndie Farbe gewechselt! wie jämmerlich zersplittert war seine\nThatkraft! Die Erinnerung an seine Operette, an den Brat-\nschisten und dessen Tochter drängte sich ihm unabweislich\nauf und beleuchtete grell seine jetzige Zerlailenheit. Er\nschwankte lange, ehe er zu dem Entschlüsse kam, sich zu\nbetheiligen, bis ihm der Ehrgeiz die Brücke zu dem Unter-\nnehmen schlug, die Haupt-Partie seiner Operette ganz um-\ndamit sie lür die effectliebende Francisca passe.\nDiese ergriff lebhaft das Anerbieten, in einer kleinen Stadt\nzu debutiren, und war schon im Voraus ihres Triumphes\ngewiss. Wirklich schickte sich R. an, die Operette, welche\nnoch unverändert von sonstigen Empfindungen redete, um-\nzugestalten. Doch sollte es ihm nicht gelingen, Hand an\nsein bestes Product zu legen— nur sinnloses Figurenwerk\nmalte sich auf den Linien, statt der früher ausgesprochenen\nWahrheit. Wohl gedachte er der Worte des Bratschisten,\naber das vorliegende Werk übertraf jetzt den eigenen Mei-\nster. Seine Herzens-Natur, welche lange ihren gesunden\nSchlag hatte zurückhalten müssen, läutete auch wie mit\nSturmglocken gegen diese Gewaltsamkeit. Nur die sorg-\n(ältigere Bearbeitung der Instrumentirung war ihm übrig\n- geblieben. Aber auch hiedurch vermochte er nicht die ge-\nkünstelten Effecte zu erreichen, die er sich vorgeschrieben.\nIhm blieb die Wahl, entweder ein einfaches Ganzes oder\neine künstlerische Fratze entstehen zu sehen, francisca\naber, als sie ihre Gesang-Partie zu Gesicht bekam, begrifl\nnicht, wie sie damit Aufsehen erregen solie. Nur aus Vor-\n| sieht sprach sie nicht offen darüber und gab sich scheinbar\nj einem gewissenhaften Studium hin. In dieser Krisis reis te\nR. mit der schönen Francisca nach seiner Vaterstadt.-\nMittlerweile war die Gnaden-Entlassung des Bratschisten\nschon erklärt worden, obwohl ihm zugleich freigestellt"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5314, "texte": "blieb, das Orchester zu besuchen. Von dem neuen Felde\nseiner Wirksamkeit, welches sich ihm plötzlich und zufällig\neröffnet hatte, ärntete er Freude und Anerkennung. Sein\nruhiger, kurzer Ausdruck, sein strenges Fernhalten von\nPersönlichkeit machte ihn selbst unter den Componisten\nund musicalischen Schriftstellern beliebt, deren Werke er\nzur Durchsicht und Besprechung bekam. Auch ein Nach-\nfrühling seiner musicalischen Production fand sich ein. Blüh-\nten zwar Melödieen und Erfindungen nicht so reich mehr\nauf, wie früher, so erstanden doch sehr anerkennungswerthe\nSchöpfungen, die sich namentlich der Kirchenmusik zu-\nwandten.— Jedoch sehen wir ihn wieder mit der Bratsche\nim Arm an seinem alten Orchesterplatze, um die Werke\nder sich um die Musik-Dirigenten-Stelle Bewerbenden als\nFreiwilliger mit durch zu spielen. Natürlich war R.\nünter dieser Anzahl. Henriette hatte tiefes Wehe bei sei-\nnem Wiedersehen empfunden, das sich nur noch steigerte,\nals sie in ihm den Sclaven einer Schönheit erblickte, die,\nwie das Herz ihr schnell und richtig sagte, ihn nicht liebte.\nDa stand nun der moderne R. seinem ehemaligen Lehrer\nwieder gegenüber, welchem er glaubte über den Kopf ge-\nwachsen zu sein, er sah Henrietten, die ihm mit Resignation\nbegegnete und er verlor die Fassung, seine Rolle gegen\ndiese Beiden fortzuspielen. „Sie haben den Händedruck ver-\nlernt!\" sagte der Bratschist gütig, aber mit Bedeutung.\n„Ich bin nicht glücklich, nicht ruhig!\" seufzte R. „Muth!\"\nentgegnete der Bratschist. „Wenn Ihre Operette in den\nMotiven noch dieselbe ist, wie ich sie kenne, so macht sie\nGlück.\" Achselzuckend nahm R. diesen Trost hin. Als\nerster Rival stellte sich ihm der Sohn des Musik-Directors\nentgegen, welcher mit einer Sinfonie vor das Publicum tre-\nten wollte. Diese seine neueste Orchester-Composition war\neine eben so unselbstsländige Arbeit, wie die vorhergehen-\nden, im Stile aller möglichen Componisten geschrieben, ohne\nSchwung oder organische Belebung. Trotzdem wurde die\ngrösste Sorgfalt auf das Einstudiren verwandt, welche fast\nin Quälerei überging. Der Vortrag seines Werkes blieb\ndem eitlen Dirigenten stets ungenügend, und er äusserte\nwiederholt, wenn diese Composition nicht anspreche, sei\nlediglich der schlechte Vortrag daran schuld. Dieses Werk\närntete denn auch wieder nur einen Succes d'eslime.\nDass eine opernmässige Composition, und zwar von R., dem\nIrüheren Schüler des Bratschisten, eingegangen war, gereichte\ndem alten Musik-Director zum höchsten Verdrusse. Beim\nDurchlesen der Partitur musste er sich gestehen, dass dem\nComponisten derselben der Preis gebühre. Zugleich sah er\naber schnell heraus, dass die Haupt-Partie mit vorherrschen-\nder Liebe behandelt war, dass auf ihr der Schwerpunkt\ndes Gesammt-Effectes beruhte. Wenn sich die Sängerin\nderselben stempeln liesse, die dramatische Wirkung geschickt\nzu beeinträchtigen? Leichter, als er gedacht, gelang es ihm,\ndiese Intrigue anzubringen. Francisca nämlich, verblendet\nvon der Gunst eines anerkannten Meisters, geschmeichelt\nvon den Galanterieen seines Sohnes, behandelte R. bald mit\nverwundender Zurücksetzung. In ihren Augen war der Sohn\ndes Musik-Directors der Triumphator, um so mehr, da er\nselbst ihr es einredete. Was konnte ihr R. nun noch\nnützen? Und die Partie aus seiner Oper war ja von allem\nAnfange nicht nach ihrem Geschmacke gewesen. Leicht\nwurde ihr daher das Versprechen, dem Publicum zu zeigen,\nwelch eine Bagatelle sie übernommen habe. R. fühlte einen\nStachel im Innern, der ihn für seinen bisherigen Uebermuth\ngenugsam strafte. Francisca, die gerade jetzt für ihn mehr\nals je Seele haben sollte, wo es galt, seiner Composition\nden rechten Ausdruck zu geben, entzog ihm ihre Theil-\nnahme, und R. zweifelte bald über dem herzlosen» nachläs-\nsigen Vortrage an dem Gelingen seiner Aufführung. Nun\nwar er auf einmal verlassen von allen glänzenden Hoffnungen,\nund er fühlte das lastende Doppelgewicht der Entmulhigung\nund Reue. Als die Tochter des Bratschisten die Operette,\nwelche ihr Ton für Ton bekannt war, in Scene gehen sah,\nals ihr alle jene Motive, welche sie in einsamen Stunden\nunzählige Male am Pianoforte durchgesungen, mit voller\nInstrumentation begleitet, entgegentraten, da zog der alte\nTraum von Liebe und Glück wieder in ihre Seele. Der\nBratschist aber glaubte mit seinem kritischen Blicke {der\nvom Musik-Director oft genug „ krittliches Auge\" benannt\nworden war) ein Complot gegen den Componisten der\nOperette zu durchschauen. Doch verhielt er sich vor der\nHand nur beobachtend.—So kam der entscheidende Abend,\nDer Componist war fieberhaft aufgeregt durch allerhand\nBesorgnisse. Eine bedeutende Zuhörer-Anzahl war versam-\nmelt. „Ueberall Neugierde, keine Theilnahme, kein Freund!\"\ndachte R. Aber in demselben Augenblicke nickte der Brat-\nschist, welcher wie vormals als Mitspielender am gewohn-\nten Platze sass, seinem ehemaligen Schüler bedeutungsvoll\nzu, und diese stumme Mittheilung wirkte auf R. belebend.\nDas Herz der bescheidenen Choristin Henriette, welches\ngerade diesen Abend grosse Gefühle umfasste, schlug noch\neben so treu und wahr für ihn unter dem Theater-Costume,\nwie vormals im Musenstübchen am Pianoforte.\nDer Ouvertüre folgte Applaus. Die ersten Scenen gefielen\nin ihrer musicalischen Darstellung. Francisca's Schönheit im-\nponirte, eben so ihre Stimme. Aber ihr Vortrag war wie in"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "165", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4173, "texte": "den Proben matt, gleichgültig. Eine Romanze, welche ganz\ngeeignet war, Interesse für-die Haupt-Partie zu gewinnen,\nging desshalb ohne besonderen Eindruck vorüber. Aehnli-\nches Schicksal theilten noch andere Nummern. Im Finale\nbeging Francisca vielleicht absichtlich einen Fehler, und nur\ndie Geistesgegenwart des Dirigenten, das sichere Orchester\nund der geübte Chor bewahrten vor dem Umwerfen. Nach\ndem ersten Acte begab sich R. eilends nach der Bühne.\n„Vielleicht glückt es doch!\" dachte er: „das Publicum ist\ngütig, es liegt nur an ihr —an ihr!\" Mit Fassung wollte\ner die Sängerin wiederholt um wärmeren Vortrag bitten,\nnamentlich lür die nächste Nummer, welche seine gelun-\ngenste war. Verdriesslich empfing Francisca den Kommen-\nden mit den Worten: „Hätte ich doch lieber in einer an-\nderen Oper debutiren können, als in der Ihrigen! Ich er-\nhalte keinen Beifall, weil ich meine Stimme nicht im Ge-\nringsten zeigen kann.\" Höhnend stand der Sohn des Musik-\nDirectors daneben. Da äusserte der ehemalige Bratschist,\nwelcher unbemerkt hinzugetreten war, Folgendes: „Ich\nmuss Sie dringend ersuchen, mein Fräulein, im folgenden\nActe alle Ihre Kräfte zusammen zu nehmen, damit Sie Ihre\neigene Künstler-Ehre retten.\" Die Sängerin, verwundert\nüber solche Ansprache und die Kühnheit des ihr Unbekann-\nten, sah mit fragendem Blicke den Sohn des Musik-Direc-\nlors an. Schon bei den Proben hätte ich Sie warnen sol-\nlen;\" fuhr N. fort: „doch glaubte ich nicht, dass die Frei-\nheit der Sängerin so weit gehen dürfe, sich auch bei Auf-\nlührungen Verstösse gegen die Composition zu erlauben,\nand das auf derselben Bühne, vor demselben Orchester,\nwo eine geniale Künstlerin wegen scheinbarer Willkür ihr\nEngagement einbüssen musste.\" „Herr N, sprechen Sie\nnicht weiter\"—entgegnete trotzig der Sohn desMusik-Di-\nrectors: „ „ sondern mehr davon, öffentlich in der Zeitung!\"\"\nergänzte jener. Francisca, welche sich plötzlich in so pein-\nlicher Lage sah, hielt es lür das Beste, in Ohnmacht zu\nfallen. „Man melde dem Publicum, dass die Operette nicht\nweiter gespielt werden kann!\" triumphirle der Sohn des\nMusik-Directors: „der Componist selbst hat seine Sängerin\nkrank geärgert.\" „Halt!\" rief eine weibliche Stimme:\n„ich kenne die Partie —ich werde sie singen!\" Und Aller\nAugen richteten sich auf Henriette, welche in ihrer Begei-\nsterung wie strahlend aussah. R. war wie vom Blitze\ngetroffen; im Auge N.'s glänzte eine Thräne, und er sagte:\n„Wohlan, Kinder, Muth! die Muse wird euch schützen!\"\nund so führte er den sprachlosen R. eilends nach dem\nDirigentenplatze zurück.\nDer Tumult hinter dem Vorhange legte sich bald, als\nHenriette in dem Costume ihrer Rolle erschien, das ohne\nbedeutende Mühe herzustellen gewesen war. Das Publi-\ncum, verwundert, eine neue Gestalt zu sehen, eine andere\nStimme zu hören, lauschte mit der gespanntesten Aufmerk-\nsamkeit. Schüchtern begann Henriette das Recitativ; aber\nfreier und freier wurde der Vortrag, immer lebhafter färb-\nten sich die Töne, bis die ganze Erhebung ihres Gemüthes\nim Gesänge ihr Echo fand. Sie wollte ja das Werk retten!\nR. tactirle mechanisch seine Gedanken waren in der\nglücklichen Vergangenheit ein länge versiegter Gefühls-\nstrom braus'te heran, Jugend, Wahrheit, Liebe beseelte ihn\nwieder. Als die Arie zu Ende war, seufzte er tief auf; die\nBegleitung verklang. Da unterbrach ein mächtiger\nCapo-Ruf des Publicums die allgemeine Stille. Und noch-\nmals sang Henriette ihre süsse Arie, ihre Lebens-Poesie\nund es wurde dem Componisten dabei klar, dass nur sie\nihn wahrhaft verstehe und liebe. Neues Feuer hatte auch\ndie Uebrigen entflammt. Orchester und Darsteller waren\nwie von Einem Geiste beseelt, und die Operette ging ge-\nlungen zu Ende. Man rief den Componisten und die Sän-\ngerin. Beide erschienen Hand in Hand, Blumen und Kränze\nflogen den Gefeierten von allen Seiten zu.\nHenriette empfing aber kurz darauf die schönste Krone\nihres Lebens; mit der Myrte geschmückt, wurde sie dem\nMusik-Director R. eine Begleiterin durch Kunst und\nLeben. Der Vater N., welcher seine Bratsche nun weg-\nlegte, behielt dalür die musicalische Feder tüchtig zur\nHand; er redete nach wie vor seiner geliebten Kunst stets\nein freies, wahres Wort."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-05-24-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-05-24_01#c003", "volume": "bmtnabi_1856-05-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "165", "page_fin": "167", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.2.3", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "165", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.1.5", "debut_caractere": 4175, "fin_caractere_exclue": 4859, "texte": "Berliner Briefe.\n[Emil Naumann's Jerusalem Scholz Ulrich H.\nBellermann Beethoven's e im\nStern'schen Verein.]\nDen 17. Mai 1856.\nSie haben bereits über die „Zerstörung Jerusalems\"\nvon Emil Naumann einen vorläufigen Bericht gebracht,\nder sich auf Urtheile hiesiger Zeitungen stützt. Lassen Sie\nmich zunächst hinzulügen, dass das neue Werk von dem\nPublicum in derselben ungünstigen Weise aufgenommen\nworden ist. Naumann ist hinter seinen früheren Leistungen\nweit zurückgeblieben; er hat sich einer Geschmacksrichtung\nangeschlossen, die in jeder Beziehung zu sehr dem Maass-\nlosen huldigt, als dass wahre Schönheit und selbst Eigen-\ntümlichkeit der Erfindung dabei möglich sein sollte. Die"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5315, "texte": "Wahl eines ungeeigneten Stoffes hat ohne Zweifel zu die-\nsem Erfolge mitgewirkt. Zwar scheint es, als ob die Bege-\nbenheit durch ihre innere Bedeutung, durch die Mannigfal-\ntigkeit der dabei erscheinenden Figuren der Kunst günstig\nsein müsse. Propheten und Engel des Gerichts, die den\nUntergang verkünden, die vor dem Einstürze der brennen-\nden Stadt fliehenden Juden, die von Titus geführten, trium-\nphirend einziehenden Römer, die auswandernden Christen,\nder ewige Jude mit den ihn verfolgenden Dämonen das\nist ein reicher, tief bewegter Stoff, der, wenn man ihn ober-\nflächlich ansieht und bloss dies ins Auge fasst, dass Man-\nnigfaltigkeit und leidenschaftliche Benutzung das Leben der\nKunst ausmacht, wohl verführen kann. Man vergesse aber\nnicht, dass dieser reiche Inhalt in einen kurzen Raum zu-\nsammengedrängt werden soll. Es lag, da einmal das Bild\nKaulbach's die Grundlage bildete, nicht eine in der Zeit\nsich entwickelnde Handlung, sondern eine blosse dramati-\nsche Situation vor; auch der Musiker musste sich vor aliau\ngrosser Ausdehnung hüten, er musste dahin streben, die\nganze Wirkung so viel als möglich in einen Augenblick\n-ausammen zu drängen; und so ward die Natur des Stoffes\njedenfalls für ihn ein Motiv, sich von dem wahren Wesen\nder Musik immer* mehr zu entfernen. Auch in anderer Be-\nziehung war der Stoff ungünstig. Die Musik ist die Kunst\ndes Gemüthes; und so sehr wir auch die falsche, übertrie-\nbene Sentimentalität hassen, das bloss äusserlich Glänzende,\nImponirende steht in der Musik fast auf einer noch tieferen\nStufe. Diese äussersteri Spitzen des Seelenlebens, die uns\ndas Gedicht vorführt, das äusserste Entsetzen, die äusserste\nVerzweiflung u. s. w. sind für sich selbst starr und unle-\nbendig; alles wahre künstlerische Leben besteht in der in-\nneren Entwicklung, in Steigerung und Abnahme. Was soll\ndie Kunst mit einem Stoffe machen, der nur in den Super-\nlativen der Leidenschaften sich bewegt? So sucht denn\nauch Naumann's Musik in der Grellheit der Farben, in der\nGewaltsamkeit des Ausdrucks seines Gleichen. Man kann\nes als einen Vorzug ihm zugestehen, dass er nie der Wahr-\nheit untreu wird. Ein gewisser Ernst, eine kräftige Männ-\nlichkeit geben sich durchweg zu erkennen; aber einzelne\nTugenden sind noch nicht die wahre Tugend, einzelne Sei-\nten der Schönheit noch nicht die wahre Schönheit. Sowohl\nin der Instrumentation als auch namentlich in der Rhyth-\nmik herrscht so überwiegend das Streben, Gewaltiges dar-\nzustellen, vor, dass der Effect des Effectes verloren geht.\nSelbst da, wo das Gedicht dem Componisten Gelegenheit\ngab, sich zu grösserer Wärme und Innigkeit zu erheben,\nnämlich in dem Gesänge der auswandernden Christen,\nbringt er es nicht weiter als zu einer theils abstracten,\ntheils modern weichliehen Frömmigkeit; und so ist denn,\nwas den Geist des Werkes betrifft, ein solcher Mangel an\nInnerlichkeit, dass darin wohl der Hauptgrund liegt, warum\nes dem Laien nicht gefallen kann. Denn ob es musicalische\nEigentümlichkeit besitzt, ob es ein formel abgerundetes\nKunstwerk ist, diese Eigenschaften entscheiden mehr für\nden Musiker, mehr für die Zukunft des Werkes; augen-\nblicklichen, vorübergehenden Beifall kann man sich, wie\ndie Erfahrung täglich zeigt, billig erwerben, lieber musica-\nlische Erfindung ist in den meisten -Fällen schwer zu ent-\nscheiden. Bedeutend ist sie jedenfalls in der Composition\nvon Naumann nicht; doch je nachdem man den Begriff der-\nselben ausdehnen will, mögen einzelne Combinationen ihm\nangehören, namentlich was die Anwendung gewisser Mo-\ntive auf einzelne Instrumente betrifft. In der formellen An-\nordnung des Ganzen zeigt sich zwar ein gewisses technisches\nGeschick; doch tritt hier der oben berührte Mangel des\nStoffes lühlbar hervor. Es fehlt überall an breiterer Ausfüh-\nrung ; ein recitativiscber, declamatorischer Geist beherrscht\nnicht nur die Soli, sondern theilweise auch die Chöre; und\nso trägt auch dies dazu bei, den Eindruck wilder Leiden-\nschaftlichkeit,, den das Ganze macht, au erhöhen. Wir be-\ndauern es, uns gegen einen Componisten so scharf ausspre-\nchen zu müssen, der mit einem sehr ernsten Streben eine\numfassende musicalische und allgemeine Bildung vereint;\ndoch führt dieser neueste Weg, den er eingeschlagen hat,\nvon dem wahren Wesen der Musik so weit ab und hat so\nviele Verwandtschaft mit den übrigen Sturm- und Drang-\nVersuchen der Gegenwart, dass die Kritik die Pflicht hat,\ndem entgegen zu treten.\nEin Rheinländer, Herr Scholz aus Mainz, der die\nSchule Dehn's durchgemacht hat und vor Kurzem nach sei-\nner Vaterstadt zurückgekehrt ist, brachte in einer Matinee\neine Anzahl eigener Compositionen zur Aufführung, ein\nStreich-Quartett, eine Sonate für Piano und Violine, Cla-\nvierstücke im strengen Stil (Fuge, Toccata, Ricercare) und\nmehrere Lieder. Wir lernten in ihm ein eben so bedeuten-\ndes und vielseitiges, als trefflich ausgebildetes Talent ken-\nnen. In ihm zeigt sich der Sinn für wahre künstlerische\nSchönheit und die Pietät, die den Spuren der classischen\nMeister folgt. Am bedeutendsten in der Erfindung und in\ndem Schwung der Schreibart war die Sonate. Auch als\nGesang-Componist scheint Herr Scholz viel zu versprechen.\nIm Uebrigen haben wir seit der Zeit, dass ich Ihnen\nnicht geschrieben habe, wenig Neues gehört. Höchstens\nwäre noch zu erwähnen ein bereits in Druck erschienenes"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5019, "texte": "Streich-Quartett von Hugo Ulrich das mit\ngrossem technischem Geschick und in gebildetem Geschmack\ngeschrieben ist und sich in einzelnen Sätzen zu tieferem\nErnste der Empfindung steigert, während es im Ganzen\neinen mehr leichten Charakter festhält. Ferner die Compo-\nsition der Chöre des Sophokleischen Ajax durch Hein-\nrich Bellermann (einen Sohn des bekannten Philologen,\nder, selbst mit Leib und Seele Musiker, zu den genauesten\nKennern der Forschungen über griechische Musik gehört).\nEine Aufführung des Ajax in der Ursprache am hiesigen\nGymnasium zum grauen Kloster gab die Veranlassung dazu.\nDie Aufführung selbst war trefflich, und von der Musik\nmuss man rühmen, dass sie, einfach und bescheiden, alle\nwesentlichen Stimmungen wiedergibt, ohne sich allzu selbst-\nständig geltend machen zu wollen. Der Componist hat sich\nbemüht, auch in der Musik das Metrum der Chöre überall\nfühlbar zu machen. Dadurch entsteht für unsere musicali-\nsche Gewöhnung eine Monotonie, die hier aber in der Na-\ntur der Aufgabe liegt. Der plastische Geist der alten Tra-\ngödie, den zu versinnlichen der Zweck ist, verlangt dieses\nOpfer. Nur an solchen Stellen, wo der Chor selbst sich zu\nlebendigerem Pathos erhebt, wird auch der Componist le-\nbendiger, indem er theils den Instrumenten ausdrucksvolle\nMotive gibt, theils in den Chor selbst einen freieren Rhyth-\nmus der Melodie legt.\nUnter den Concerten der jüngsten Zeit steht die Auf-\nführung der grossen Messe von Beethoven durch\nden Stern'sehen Gesang-Verein voran. Wir haben die-\nselbe noch nicht in Berlin gehört, und ich glaube nicht, dass\nsie sich bis jetzt viele Freunde erworben hat. Der Saal der\nSing-Akademie, in dem die Aufführung Statt fand, ist zu\nklein dazu. Hier klingt das Werk zu gewaltsam und excen-\ntrisch. Die Conception der Messe ist so gross, dass sie auch\näusserlicher Grösse und Weite bedarf, um nicht missver-\nstanden zu werden. Die Ausführung war sehr gelungen.\nDennoch, wenn unsere Chöre aus lauter gut geschulten\nSängern beständen, würde Manches noch besser sein. Fast\nüberall wird durch gute Studien der Umfang und die Kraft\nder Stimmen nach der Höhe zu erweitert, und ich glaube\ndaher nicht im Mindesten, dass Beethoven Unmögliches\nvon den Sängern verlangt hat. Ueberdies ist auch in dieser\nBeziehung ein grosser Raum für die Messe unerlässüch;\ndenn dann mildert sich die Schärfe der hohen Töne, ja,\nselbst für den Sänger wird der Gebrauch der Höhe leich-\nter.— Auch das letzte Concert des Orchester-Vereins war\nausschliesslich ein Beethoven-Concert. Dem aus der\nMesse folgten Chöre und' Märsche aus den Ruinen von\nAthen und die Phantasie lür Ciavier, Gesang und Orchester;\nalle diese Nummern gingen vortrefflich. Ein Unstern schwebte\naber über der neunten Sinfonie, die den Schluss des Gan-\nzen bildete. Während die beiden ersten Sätze in correcter\nund sauber nuancirter Ausführung vorübergingen, begann\nschon das Adagio in zu schleppendem Tempo; in der Mitte\nversah sich ein Hornist, verwirrte die Uebrigen, und es kam\nso weit, dass der eben begonnene Abschnitt noch einmal\nangefangen werden musste. Es versteht sich von selbst,\ndass ein solcher Unglücksfall in dem geübtesten Orchester\nvorkommen kann; aber er lähmte lür den Abend alle Kräfte,\nund so blieb denn die Ausführung des letzten Satzes hinter\nden Erwartungen zurück, die man gehegt hatte. Um so\nbesser hoffen wir ihn im nächsten Jahre zu hören; denn\ndie Energie des Dirigenten dieser Vereine, des Musik-Di-\nrectors Stern, ist eine wahrhaft unermüdliche und ver-\nspricht namentlich für alle solche Aufgaben fruchtbringend\nzu werden, die nur durch Vereinigung von Chor und Or-\nchester lösbar sind. Er hat sich mit den von ihm begrün-\ndeten Orchester-Concerten eine um so schwierigere Auf'\ngäbe gestellt, als die Proben moderner Musik, die wir die-\nsen Winter zu hören bekamen, sich in Berlin fast gar kein\nPublicum gewonnen haben, und als auf der anderen Seite\neine dritte Auflage derjenigen Werke, die wir bereits von\nder königlichen Capelle und bei Liebig hören, in den mei-\nsten Fällen überflüssig scheint. Dennoch hat sich bereits\njetzt eine Anzahl von solchen Werken herausgestellt, für\nwelche die Concerte des Orchester-Vereins ein wahrer Ge-\nwinn sind; und dies sind namentlich solche, in denen es\nsich um die Vereinigung von Gesang eines Solo-Instrumen-\ntes mit Orchester handelt. Es wird nun darauf ankommen,\ndiesen Kreis allmählich zu erweitern. Aus älterer Zeit wird\nsich noch mancher verborgene Schatz heben lassen; nament-\nlich verweisen wir auf die Cantaten von Bach. Auch aus der\nInstrumental-Musik des vorigen Jahrhunderts dürfte noch\nManches, schon der historischen Einsicht wegen, aufführbar\nsein. Endlich finden wir es auch billig, das Beste von den\nErzeugnissen der Gegenwart dem Publicum zur Prüfung\nvorzulegen; denn Einzelnes, wie die Manfred-Ouverture\nvon Schumann, die wir in diesen Concerten hörten, ist in\nder That hervortretend; Anderes verdient wenigstens, Re-\nvue zu passiren. Nur gebe diese Richtung den Concerten\nnicht ihren bleibenden Charakter.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-05-24-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-05-24_01#c004", "volume": "bmtnabi_1856-05-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "168", "page_fin": "168", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.2.4", "titre_corps": "Beethoven und Cherubini.", "titre_sommaire": "Beethoven und Cherubini.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2300, "texte": "Beethoven und Cherubini.\nAuf Herrn Hof-Musik-Director C. A. Mangold's „Erwiderung\"\n(s. die vorige Nr. 20) hat A. S. in der Darmstädter Zeitung Nr.\n130 wieder erwidert, dass er „die Aeusserungen des Herrn Man-\ngold (s. Nr. 15 der N. M. Z.) von sehr achtbaren Zeugen über-\nkommen\", und weiterhin behauptet, dass die von C. F. Becker an-\ngeführte Aeusserung Beethoven's über Cherubini's Requiem eine\nMystification sein müsse, weil sie aus inneren Gründen bei zwei\nso grossen Componisten unmöglich sei. Der Redaction dieser\nBlätter theilt er den Anfang eines Briefes von Beethoven an\nCherubini aus dem Jahre 1823 mit, welcher auch für weitere\nKreise interessant ist, weil er die hohe Achtung Beethoven's dem\nanderen Meister gegenüber beweis't. Er lautet:\n„Mit grossem Vergnügen ergreife ich die Gelegenheit, mich Ih-\nnen schriftlich zu nahen. Im Geiste bin ich es oft genug, indem\nich Ihre Werke über alle anderen theatralischen schätze. Nur muss\ndie Kunstwelt bedauern, dass seit längerer Zeit, wenigstens in un-\nserem Deutschland, kein neues theatralisches Werk von Ihnen er-\nschienen ist. So hoch auch Ihre anderen Werke von wahren Ken-\nnern geschätzt werden, so ist es doch ein wahrer Verlust für die\nKunst, kein neues Product Ihres grossen Geistes für das Theater\nzu besitzen\" u. s. w.\nHerr A. Schindler (es thut uns leid, dass er das U. s. w. nicht\nausgefüllt und den ganzen Brief mitgetheilt hat) fügt hinzu: „Che-\nrubini's Kirchenwerke sind den Wienern erst in den Jahren von\n1820 u. ff. durch die Concerts spirituels und den Kirchenmusik-\nVerein in der Augustinerkirche nach und nach bekannt geworden,\nund Beethoven hatte in jenen Jahren keine Zeit übrig für die Be-\nkanntschaft mit fremden Werken. Wer mit diplomatischem Scharf-\nblicke zu lesen versteht, wird aus obigem Citate unschwer er-\nkennen, dass Beethoven die Cherubini'sehen Kir-\nchen werke unbekannt geblieben, er sich folglich auch am\nRequiem kein Muster habe nehmen wollen.\" Die letztere Schluss-\nfolge ist freilich unumstösslich; ob die Voraussetzung aber, auf\nwelcher sie beruht* richtig sei, ist wenigstens zweifelhaft. Die\nHauptsache für die musicalische Welt ist aber nicht das, was\nBecker oder Mangold erzählt haben, sondern dass obige Zeilen von\nBeethoven einen neuen Beweis seiner Anerkennung des grossen\nZeitgenossen geben."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-05-24-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-05-24_01#c005", "volume": "bmtnabi_1856-05-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "168", "page_fin": "168", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.1.8", "debut_caractere": 2302, "fin_caractere_exclue": 6277, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln* Das Concert des Herrn Julius Stock hausen findet\nDinstag den 27. Mai im Casinosaale Statt.\nIn (ler Woche vor Pfingsten wohnten wir in Barmen der\nAufführung von zwei Operetten bei, des „Holzdiebes\" von IL\nMarschner und des „vierjährigen Postens\" von C. Rein ecke.\nDas Merkwürdigste dabei war, dass der Chor und alle Rollen (mit\nAusnahme der Sopran-Partieen, welche in der ersteren durch Fräul.\nDannemann, in der zweiten durch Fräul. Mann gesungen wur-\nden) von Dilettanten im Costume und auf einer allerliebsten\nkleinen Bühne dargestellt wurden. Das Orchester bestand aus zwei\nFlügeln, welche die Herren Reinecke und Schmidt spielten.\nEs ist ein erfreulicher Beweis von Reineckes thätigem und anre-\ngendem Wirken im Wupperthale, dass sich eine Liebe zur Musik\nerzeugt hat, welche die Dilettanten zu solcher Ausdauer begeistert;\ndenn es gehört wahrlich ausser der natürlichen Anlage doch ein\ngrosser Fleiss dazu, zwei Operetten auswendig zu lernen und alle\ndie Zeit und Mühe und Ausgaben darauf zu wenden, welche der-\ngleichen theatralische Liebhabereien fordern. Die Ausführung war\nfür die gegebenen Verhältnisse recht gut.\nC. Reinecke hat den „vierjährigen Posten\", eine frühere Ar-\nbeit Th. Körner's und freilich wohl die schwächste von seinen\nkleineren dramatischen Producten, durcheomponirt, was freilich\nnach dem, wie der Text nun einmal beschaffen war, nicht anders\nmöglich war. Sonst dürfte für komische Opern die Form, in wel-\ncher Musikstücke und Dialog wechseln, die geeignetere und volks-\ntümlichere sein. Die Operette ist bei Breitkopf & Härtel in\nLeipzig als Op. 45 im Clavier-Auszuge erschienen. Preis 3 Thlr.\nDie Einrichtung des Accompagnements für zwei Claviere ist eben-\ndaselbst in Abschrift zu beziehen. Der Componist erklärt in dem\nVorworte, dass er „diese Operette speciel zur Aufführung durch\nDilettanten geschrieben und desshalb die grösstmögliche Rücksicht\nauf leichte Ausführbarkeit und beschränkteren Stimm-Umfang ge-\nnommen hat. Es sind daher die Partieen des Veit und des Haupt-\nmanns sowohl von zweiten Tenören wie auch von hohen Barito-\nnen zu singen.\" Diese Selbstbeschränkungen und die Bestimmung\ndes Werkchens überhaupt mögen wohl hier und da den Gedanken-\nflug des Componisten etwas gehemmt haben. Diejenigen Ansprüche\naber, welche man dem Zwecke nach an ein Gelegenheits-Werk\nmachen kann, erfüllt die Operette vollkommen und wird musicali-\nschen Gesellschafts- und Haus-Vereinen eine willkommene Gabe\nsein. Das Honorar hat der Herr Componist, wie wir vernahmen,\ndem Musik-Vereine zur Vermehrung der Bibliothek desselben an-\ngewiesen.\n** Aus Bremen. Der hiesige Cä ci lien-V e r e i n hat unter\nLeitung des Herrn Musik-Directors Schmidt am 6. Mai in der\nhiesigen Domkirche F. HiHer's Oratorium „Die Zerstörung von\nJerusalem\" mit sehr guten Kräften und ausserordentlichem Erfolge\naufgeführt. Das treffliche Werk erregte eine solche Begeisterung,\ndass in den nächsten Tagen eine Wiederholung der Aufführung\nStatt finden wird. Die Solo-Partieen wurden von Dilettanten ganz\nbefriedigend ausgeführt; nur die Tenor-Partie hatte Herr Seyf-\nfarth, Mitglied der Oper, übernommen und trug sie ganz ausge-\nzeichnet vor.\nDer wiener Männergesa ng- Verein, von dessen Bewilli-\ngung eines Ehrensoldes für den Componisten, dessen Werk er zum\nersten Male öffentlich aufführt, neulich in Nr. 18 dieser Blätter die\nRede war, hat auch dem Herrn Capellmeister Abt in Braun-\nschweig vor einiger Zeit sechs Ducaten übersandt für die erste\nAufführung seiner Männer-Quartette: Sonntags Trinklehre\nAbendständchen Jägerlied Lebe wohl, mein Vaterland\nAde! Es ist so sehr erfreulich, weil so selten, auf eine solche\nAnerkennungs-Art in Deutschland zu stossen, wo man in der Re-\ngel die Componisten nur mit Ehre abspeis't, dass es gewiss\nder Bekanntmachung derselben bedarf, um die Verbreitung dieser\nlöblichen Sitte einer Art von Tantieme anzubahnen und alle nam-\nhaften Gesang-Vereine im Vaterlande zur Annahme derselben zu\nbewegen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie Tochter des Bratschisten. Eine Theatergeschichte von Louise Nitz sehe, geb. Kindscher. 11. Berliner Briefe\n(Emil Naumann s Jerusalem Scholz - Ulrich H. Bellermann Beethoven's im Stern'schen Verein). Von G. E.\nBeethoven und Cherubini. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Julius Stockhausen Barmen Bremen Wien).\n\nDie Tochter des Bratschisten.\nEine Theatergeschichte von Louise Nitzsche, geb.\nKindscher.\nII.\nDem Bratschisten und seiner Tochter träumte nichts\nvon dieser Lage B.'s, obwohl sie es schmerzlich em-\npfanden, sich von ihm so ganz übergangen zu sehen. Der\nBratschist war grossmüthig genug, das unerklärliche Schwei-\ngen als ein Zeichen des Glückes zu betrachten, welches\nkeine Worte fand, und er hoffte doch immer noch auf schrift-\nliche Mittheilung. Nicht so Henriette; sie fand einen Beweis\nvon Zurücksetzung darin und dachte: Es war nur Herab-\nlassung von ihm, mich geistig zu heben; geliebt hat er\nmich niemals. Wie oft untergräbt Täuschung der ersten\nLiebe den Frohsinn eines Mädchens! Auch Henriette war\nnahe daran, sich ihrem Herzensgram zu überlassen,\nhätte nicht der Hinblick auf ihren Vater sie an etwas Bes-\nseres erinnert. Mit dem Verluste der schönsten Hoffnung\nwar freilich der Sonnenschein aus ihrem Leben gewichen,\naber sie lühlte ihr Glück im Gemüthe des Vaters wurzeln,\nund das erhielt sie aufrecht. Ihm das Leben zu erheitern, war\nihr Streben, und so half kindliche Dankbarkeit den Kummer\ntragen. Was war auch dieser eigene Schmerz gegen den\nDruck der Zurücksetzung, welcher schwer auf der Seele\ndes Vaters lastete? Um dem Versinken in Trübsinn am\nbesten zu entweichen, trachtete sie lebhaft nach neuer\nWirksamkeit. Sie war nicht müde geworden, das Clavier-\nspiel fort und fort zu cultiviren doch wäre es ihr schwer-\nlich gelungen, in ihrer Vaterstadt, die von Musiklehrern\nüberfüllt war, davon weiteren Gebrauch zu machen. Sie\nwollte auch gern noch mehr Musik in sich aufnehmen, ehe\nsie zum Unterrichten sich fähig hielt. Da bot sich bei dem\nTheater-Chor eine offene Stelle dar, und Henriette trug\nkein Bedenken, einzutreten. Sie freute sich, dadurch die ver-\nschiedensten Opern genau kennen zu lernen, und empfand\nnebenbei auch den kleinen Trost, sich selbst etwas zu ver-\ndienen.\nHenriette war gerade zu einer Zeit Choristin ge-\nworden, wo eine sehr brave Sängerin als Prima Donna\nengagirt war. Ihr Streben, welches sich so gern an schönen\nMustern emporrichtete, wurde dadurch neu angeregt. Ge-\nrade wie früher das Vorbild des Virtuosen R. sie zum Cla-\nvierspiel begeistert hatte, so erwachte jetzt in ihr eine un-\nbezwingbare Lust, die Stimme zu bilden. Auch der Brat-\nschist wurde nicht müde, die Vorzüge der Sängerin gegen\nseine Tochter zu rühmen. Bald sollte sich ihr beiderseitiges\nInteresse noch höher steigern. Fräul. M. bemerkte in meh-\nreren Proben, dass, wenn der Chor unbeschäftigt war und\ndie Mitglieder desselben sich hinter den Coulissen zerstreu-\nten, eine Choristin wo möglich in ihrer Nähe verweilen\nblieb, um, wie es schien, sie aufmerksam zu beobachten.\nIhr entging auch der Eifer nicht, mit welchem dasselbe\njunge Mädchen sich im Tutti anstrengte, und sie glaubte,\neine frische Stimme von ihr zu vernehmen. Das benutzte\nsie denn als Annäherung, um die Choristin zur Vorsicht im\nSingen zu ermahnen. In der Antwort Henriettens und\nder sich fortspinnenden Unterhaltung entdeckte Fräul. M.\nzu ihrer Freude echte Begeisterung, welche sich bescheiden\naussprach, so dass sie der Choristin antrug, ihr unentgelt-\nlich Unterricht ertheilen zu wollen. Da fiel wieder ein Strahl\nin das Leben Henriettens, welcher dann und wann ihren\nGram zerstreute. Mit der Ausbildung der Stimme wuchsen\ngleichzeitig ihrem Frohsinn wieder die Flügel. Nimmer\nhätte sie geglaubt, einen solchen Fonds in sich zu besitzen.\nZwar fehlte es der Stimme an glänzendem Umfange, aber\ngerade weil der Bereich ihres Mezzo-Soprans nicht gewalt-\nsam überschritten wurde, erhielten die Töne gesunde Bil--"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.1.2", "texte": "-5 '\ndüng und natürliche Verherrlichung. Ganz in der Stille be-\ntrieb sie ihre neuen Studien zum Triumphe ihrer Lehrerin\nund ihres Vaters; durch ihre Empfänglichkeit für guten\nGeschmack wurde es der Stimme erleichtert, sich die gu-\nten Manieren schnell anzueignen. „Man sagt immer: aus\nder Stimme klingt die Seele,\" äusserte Fräul. M. zu ihrer\nSchülerin: dem zufolge müssten Sie ein weiches Gemüth ha-\nben ; der Himmel bewahre Sie nur vor Cabalen und Erschüt-\nterungen, welche der Seele die Weichheit rauben können.\"\nWer aber gegenwärtig mit den verdriesslichsten Wi-\nderwärtigkeiten zu kämpfen hatte, war Fräul. M. selbst,\nohne jedoch Schaden an der Seele oder an der Stimme zu\nnehmen. Ihr Selbstgefühl war die Kapsel, welche Beides\nschützend einschloss. Der Sohn des Musik-Directors, ein\nMusik-Geck, aber kein Künstler, bemühte sich eifrig um die\nGunst des Fräul. M. Zwar nicht ohne musicalische Befähi-\ngung, aber zu bequem und eingebildet, gedachte er lür die\nZukunft im Glänze väterlichen Einflusses und Nachruhmes\nzu leben und seine eigene Existenz dadurch begründet zu\nfinden. Der Musik-Director, obwohl ärgerlich über den un-\nwürdigen Sohn, war doch egoistisch und dreist genug, oft-\nmals Compositionen desselben, welche nie die Mittelmässig-\nkeit überstiegen, dem Publicum vorzulühren. Dieses, aus\nübergrosser Rücksicht lür den namhaften, verwöhnten Com-\nponisten, welcher der künstlerische Glanzpunkt des Für-\nstenthums war, nahm wirklich nur deswegen die Producte\nseines Sohnes duldsam auf. Der Musik-Director hätte gern\nseinen Sohn als Nachfolger gesehen. Jedoch konnte dieser\nPlan leicht missglücken, und er sann daher auf etwas An-\nderes. Fräul. M. hatte Aussicht, nicht bloss durch Vermitt-\nlung des Musik-Directors, sondern hauptsächlich durch ihre\nLeistungen selbst, als Kammersängerin angestellt zu werden.\nAls solche würde sie ihm zur Abhängigkeit und Dankbar-\nkeit verpflichtet sein, und sodann als Frau seines Sohnes\nihren künstlerischen Ruf auf dessen Namen übertragen.\nFräul. M. war aber zu geistreich, um an dem jungen Gecken\nauch nur das geringste Interesse zu finden, und anderer-\nseits zu klug, um ein ganzes Lebensglück einer glänzenden\nSchwiegervaterschalt zu opfern. Die Bemühungen des Soh-\nnes, so wie die Andeutungen des Vaters blieben fruchtlos.\nDadurch wurde der Zündstoff der üblen Laune genugsam\nangehäuft, und es bedurfte nur eines Funkens, um den\nZorn zu entflammen, Und dieser Funke fiel. Fräul. M.\nwünschte in der Probe einer italienischen Oper das Tempo\nbeschleunigter zu einer Arie. Ein Stirnrunzeln des Dirigen-\nten war die Antwort. Bei der Aufführung der Oper blieb\nder Tactstab in seiner eisernen Bewegung. Fräul. M. aber,\nhingerissen von der dramatischen Steigerung und nebenbei\nalterirt durch das gewaltsame Entgegenwirken, liess sich\nvon einer momentanen Eingebung verleiten, die Melodie\nzu treiben und nebenbei die schneller werdenden Tact-Be-\nwegungen mit dem Fusse leise, aber markirt anzugeben.\nDas Orchester folgte ihr unwillkürlich, wie einem Zuge des\nHerzens, und Alle schienen zu lühlen, dass dieser Vortrag\nder richtige und natürliche sei. Solch ein Abweichen von\nseiner Vorschrift war aber dem Musik-Director noch nicht\nvorgekommen. Ihm erschien das wie ein Signal der Empö-\nrung gegen seine Alleinherrschaft. Nach beendigter Vor-\nstellung überschüttete er das Orchester-Personal mit den\nheftigsten Vorwürfen und kündigte Fräul. M. ihre augen-\nblickliche Entlassung an. Der Schauspiel-Director bat, der\nIntendant machte Einwendungen, aber desto starrer blieb\nder Musik-Director bei seinem Beschlüsse. Zuletzt äusserte\ner die Drohung: „Entweder geht sie, oder ich!\" Natür-\nlich musste die Dame weichen, obwohl sie ungern von\neinem Orte schied, wo sie der Anerkennung gewiss war.\nAm schmerzlichsten empfand Henriette die Trennung von\neiner so theuren Person, welche ihr Kunst-Vorbild, Leh-\nrerin und Freundin geworden war. Doch dankte sie dem\nSchicksal lür diesen kurzen Lichtblick und suchte durch fort-\ngesetzten Eifer dem Geiste ihrer Lehrerin nahe zu bleiben.\nDieser neueste Beweis von der Willkür seines Chefs\nhatte aber in des Bratschisten Seele die Saite des Unmuthes\nwieder zu stark berührt, als dass sie schnell hätte verklin-\ngen sollen. Er sah die Sängerin gedemüthigt ohne Schuld,\nwie sich selbst. Seine eigenen schmerzlichen Erfahrungen\nerhoben laut ihre Stimme. Diesmal vermochte er nicht zu\nschweigen, und er verschaffte sich eine Genugthuung, wie\ner noch nie zuvor gehabt. Einst sah Henriette ihren Vater\nheftig und eifrig schreiben; sie ahnte nicht, dass er an die\nOeffentlichkeit appellirte. Ihm war die Feder eine Waffe,\ndie Lanze des Vorwurfs llog auf den Unterdrücker, und\ndie herausfordernde Rede erkämpfte siegesmuthig Anerken-\nnung lür die geschmähte Sängerin. Allein der Hinblick auf\nHenriette zügelie den Bratschisten, mit Wahrheit schonend\nzu sein; viele Gedankenblitze waren desshalb noch seit-\nwärts in das Dintenfass geschlagen. Der Zeitungs-Bedac-\nteur, welchem N. seine Kritik zusandte, liess dieselbe auf\ndes Verfassers Gesuch sofort anonvm abdrucken. Zugleich\nj o\nveranlasste er N. zum Mitarbeiter seines Blattes und stellte\nihm die Wahl der Besprechungen frei. Als nun die be-\nwussle Kritik nach Verlauf einiger Zeit auch in der Haupt-\nstadt des Fürstenthums circulirte, stutzte jeder, der sie\ndort las. Die Wahrheit war aus dem Herzen Vieler ge-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "163", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.1.3", "texte": "sprochen; auch glaubte man die Feder erralhen zu können.\nDer Musik-Director erkannte auf der Stelle des Bratschisten\ngeistiges Geschoss. Als Henriette einst blass und bebend\naus der Chorprobe nach Hause kam und an ihren Vater\ndie Frage richtete, ob er wirklich den Aufsatz in der Mu-\nsik-Zeitung verfasst habe, bestätigte es derselbe mit der\ngrössten Ruhe, sogar mit einer gewissen Verklärung. „Es\nrnuss doch endlich ein Ausweg kommen!\" rief er begei-\nstert. „Ja,\" antwortete das erschrockene Kind, indem sie\nden Vater weinend umarmte: „da du das Maass des Has-\nses nun überlaufen gemacht hast, wird der Musik-Director\nauch dich entlassen, wie er schon gedroht hat. Aber stütze\ndich auf mich wir gehen zusammen fort, wir geben Un-\nterricht, ...\" „Sei ganz ruhig\", entgegnete der Vater lä-\nchelnd, „ und vernimm, dass ich eben vom Fürsten komme.\"\n„Vom Fürsten?\" rief Henriette staunend, „ich habe mich\nvöllig gegen ihn ausgesprochen\" ergänzte der Vater\n„und das war eine lang' ersehnte Erquickung lür meine\nSeele. Doch ich will dir den Hergang der Sache erzählen.\nDer Fürst hatte mich rufen lassen, um von mir selbst zu\nvernehmen, ob ich der Verfasser jener Kritik sei. Ich be-\nkannte mich hierzu, äusserte aber auch gegen ihn den\nWunsch, nicht als solcher genannt zu werden, aus schuldi-\nger Rücksicht gegen den Musik-Director. Das führte den\nFürsten zu Nachfragen über meine persönliche Beziehung\nzu demselben, über meine Stellung überhaupt, und ich legte\nihm die ganze Leidenskette meiner Erfahrungen vor Augen.\nEr hörte mir sehr theilnehmend zu und entliess mich mit\nder Versicherung, zwar meine Bekenntnisse zu verschwei-\ngen, mich aber in kurzer Zeit meiner Capelldienste zu ent-\nbinden, jedoch bei Fortgenuss meines Gehaltes auf Lebens-\nzeit. \" Henriette war ganz überwältigt. Des Vaters Freude\nliess sie alles Leid vergessen, und sie hätte auch das\nGlück gern darum geopfert. „Du hast Recht, mein liebes\nKind,\" fuhr der Bratschist fort: „siegen muss das Gute\ndoch! Auch du wirst schon noch die Anerkennung finden,\nwelche dir zukommt.\"\nDem Musik-Director entging nicht, dass die innere\nStimmung des Publicums doch wohl gegen ihn sein mochte,\nwie er das an dem allgemeinen Beifalle über jene anonyme\nKritik wahrgenommen hatte. Dass er an diesem seinem bis-\nherigen Untergebenen nicht Rache üben konnte, ärgerte\nihn vollends. Ziemlich bejahrt, wie er war, wollte er das\nZepter niederlegen, am liebsten zu Gunsten seines Sohnes.\nDoch die Auslührung dieses Planes wurde in so fern ver-\nzögert, als der Fürst, welchem daran lag, den Namen sei-\nner Capelle erhalten zu wissen, eine Preis-Ausschreibung\nj lür vaterländische Comporiisten und Dirigenten bestimmte,\n| gleichviel, ob sie im In- oder Auslande lebten. Bedingung\nj war die Eingabe eines grösseren Orchesterwerkes, das der\nComponist an Ort und Stelle einzustudiren und aufzufüh-\nren hatte. Demjenigen, welcher beide Aufgaben mit dem\nglücklichsten Erfolge lösen würde, war die Stelle des Mu-\nsik-Directors zugesagt. Diese Veröffentlichung machte all-\ngemeines Aufsehen. Auch auf unseren R. übte sie fast\nelektrische Wirkung aus, obgleich er es nicht vor sich\nselbst eingestehen mochte. Wie ging es zu, dass eine Nach-\nricht aus seiner kleinen Vaterstadt ihn so frappiren konnte?\nWeil es der Aufruf zu einer sicheren Existenz war, welche\nihm früher als Krone seines Strebens vorgeglänzt hatte.\nBei dieser Gelegenheit kam er plötzlich zu einer aufmerk-\nsamen Selbstbetrachtung. Wie hatten seine Gesinnungen\ndie Farbe gewechselt! wie jämmerlich zersplittert war seine\nThatkraft! Die Erinnerung an seine Operette, an den Brat-\nschisten und dessen Tochter drängte sich ihm unabweislich\nauf und beleuchtete grell seine jetzige Zerlailenheit. Er\nschwankte lange, ehe er zu dem Entschlüsse kam, sich zu\nbetheiligen, bis ihm der Ehrgeiz die Brücke zu dem Unter-\nnehmen schlug, die Haupt-Partie seiner Operette ganz um-\ndamit sie lür die effectliebende Francisca passe.\nDiese ergriff lebhaft das Anerbieten, in einer kleinen Stadt\nzu debutiren, und war schon im Voraus ihres Triumphes\ngewiss. Wirklich schickte sich R. an, die Operette, welche\nnoch unverändert von sonstigen Empfindungen redete, um-\nzugestalten. Doch sollte es ihm nicht gelingen, Hand an\nsein bestes Product zu legen— nur sinnloses Figurenwerk\nmalte sich auf den Linien, statt der früher ausgesprochenen\nWahrheit. Wohl gedachte er der Worte des Bratschisten,\naber das vorliegende Werk übertraf jetzt den eigenen Mei-\nster. Seine Herzens-Natur, welche lange ihren gesunden\nSchlag hatte zurückhalten müssen, läutete auch wie mit\nSturmglocken gegen diese Gewaltsamkeit. Nur die sorg-\n(ältigere Bearbeitung der Instrumentirung war ihm übrig\n- geblieben. Aber auch hiedurch vermochte er nicht die ge-\nkünstelten Effecte zu erreichen, die er sich vorgeschrieben.\nIhm blieb die Wahl, entweder ein einfaches Ganzes oder\neine künstlerische Fratze entstehen zu sehen, francisca\naber, als sie ihre Gesang-Partie zu Gesicht bekam, begrifl\nnicht, wie sie damit Aufsehen erregen solie. Nur aus Vor-\n| sieht sprach sie nicht offen darüber und gab sich scheinbar\nj einem gewissenhaften Studium hin. In dieser Krisis reis te\nR. mit der schönen Francisca nach seiner Vaterstadt.-\nMittlerweile war die Gnaden-Entlassung des Bratschisten\nschon erklärt worden, obwohl ihm zugleich freigestellt"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.1.4", "texte": "blieb, das Orchester zu besuchen. Von dem neuen Felde\nseiner Wirksamkeit, welches sich ihm plötzlich und zufällig\neröffnet hatte, ärntete er Freude und Anerkennung. Sein\nruhiger, kurzer Ausdruck, sein strenges Fernhalten von\nPersönlichkeit machte ihn selbst unter den Componisten\nund musicalischen Schriftstellern beliebt, deren Werke er\nzur Durchsicht und Besprechung bekam. Auch ein Nach-\nfrühling seiner musicalischen Production fand sich ein. Blüh-\nten zwar Melödieen und Erfindungen nicht so reich mehr\nauf, wie früher, so erstanden doch sehr anerkennungswerthe\nSchöpfungen, die sich namentlich der Kirchenmusik zu-\nwandten.— Jedoch sehen wir ihn wieder mit der Bratsche\nim Arm an seinem alten Orchesterplatze, um die Werke\nder sich um die Musik-Dirigenten-Stelle Bewerbenden als\nFreiwilliger mit durch zu spielen. Natürlich war R.\nünter dieser Anzahl. Henriette hatte tiefes Wehe bei sei-\nnem Wiedersehen empfunden, das sich nur noch steigerte,\nals sie in ihm den Sclaven einer Schönheit erblickte, die,\nwie das Herz ihr schnell und richtig sagte, ihn nicht liebte.\nDa stand nun der moderne R. seinem ehemaligen Lehrer\nwieder gegenüber, welchem er glaubte über den Kopf ge-\nwachsen zu sein, er sah Henrietten, die ihm mit Resignation\nbegegnete und er verlor die Fassung, seine Rolle gegen\ndiese Beiden fortzuspielen. „Sie haben den Händedruck ver-\nlernt!\" sagte der Bratschist gütig, aber mit Bedeutung.\n„Ich bin nicht glücklich, nicht ruhig!\" seufzte R. „Muth!\"\nentgegnete der Bratschist. „Wenn Ihre Operette in den\nMotiven noch dieselbe ist, wie ich sie kenne, so macht sie\nGlück.\" Achselzuckend nahm R. diesen Trost hin. Als\nerster Rival stellte sich ihm der Sohn des Musik-Directors\nentgegen, welcher mit einer Sinfonie vor das Publicum tre-\nten wollte. Diese seine neueste Orchester-Composition war\neine eben so unselbstsländige Arbeit, wie die vorhergehen-\nden, im Stile aller möglichen Componisten geschrieben, ohne\nSchwung oder organische Belebung. Trotzdem wurde die\ngrösste Sorgfalt auf das Einstudiren verwandt, welche fast\nin Quälerei überging. Der Vortrag seines Werkes blieb\ndem eitlen Dirigenten stets ungenügend, und er äusserte\nwiederholt, wenn diese Composition nicht anspreche, sei\nlediglich der schlechte Vortrag daran schuld. Dieses Werk\närntete denn auch wieder nur einen Succes d'eslime.\nDass eine opernmässige Composition, und zwar von R., dem\nIrüheren Schüler des Bratschisten, eingegangen war, gereichte\ndem alten Musik-Director zum höchsten Verdrusse. Beim\nDurchlesen der Partitur musste er sich gestehen, dass dem\nComponisten derselben der Preis gebühre. Zugleich sah er\naber schnell heraus, dass die Haupt-Partie mit vorherrschen-\nder Liebe behandelt war, dass auf ihr der Schwerpunkt\ndes Gesammt-Effectes beruhte. Wenn sich die Sängerin\nderselben stempeln liesse, die dramatische Wirkung geschickt\nzu beeinträchtigen? Leichter, als er gedacht, gelang es ihm,\ndiese Intrigue anzubringen. Francisca nämlich, verblendet\nvon der Gunst eines anerkannten Meisters, geschmeichelt\nvon den Galanterieen seines Sohnes, behandelte R. bald mit\nverwundender Zurücksetzung. In ihren Augen war der Sohn\ndes Musik-Directors der Triumphator, um so mehr, da er\nselbst ihr es einredete. Was konnte ihr R. nun noch\nnützen? Und die Partie aus seiner Oper war ja von allem\nAnfange nicht nach ihrem Geschmacke gewesen. Leicht\nwurde ihr daher das Versprechen, dem Publicum zu zeigen,\nwelch eine Bagatelle sie übernommen habe. R. fühlte einen\nStachel im Innern, der ihn für seinen bisherigen Uebermuth\ngenugsam strafte. Francisca, die gerade jetzt für ihn mehr\nals je Seele haben sollte, wo es galt, seiner Composition\nden rechten Ausdruck zu geben, entzog ihm ihre Theil-\nnahme, und R. zweifelte bald über dem herzlosen» nachläs-\nsigen Vortrage an dem Gelingen seiner Aufführung. Nun\nwar er auf einmal verlassen von allen glänzenden Hoffnungen,\nund er fühlte das lastende Doppelgewicht der Entmulhigung\nund Reue. Als die Tochter des Bratschisten die Operette,\nwelche ihr Ton für Ton bekannt war, in Scene gehen sah,\nals ihr alle jene Motive, welche sie in einsamen Stunden\nunzählige Male am Pianoforte durchgesungen, mit voller\nInstrumentation begleitet, entgegentraten, da zog der alte\nTraum von Liebe und Glück wieder in ihre Seele. Der\nBratschist aber glaubte mit seinem kritischen Blicke {der\nvom Musik-Director oft genug „ krittliches Auge\" benannt\nworden war) ein Complot gegen den Componisten der\nOperette zu durchschauen. Doch verhielt er sich vor der\nHand nur beobachtend.—So kam der entscheidende Abend,\nDer Componist war fieberhaft aufgeregt durch allerhand\nBesorgnisse. Eine bedeutende Zuhörer-Anzahl war versam-\nmelt. „Ueberall Neugierde, keine Theilnahme, kein Freund!\"\ndachte R. Aber in demselben Augenblicke nickte der Brat-\nschist, welcher wie vormals als Mitspielender am gewohn-\nten Platze sass, seinem ehemaligen Schüler bedeutungsvoll\nzu, und diese stumme Mittheilung wirkte auf R. belebend.\nDas Herz der bescheidenen Choristin Henriette, welches\ngerade diesen Abend grosse Gefühle umfasste, schlug noch\neben so treu und wahr für ihn unter dem Theater-Costume,\nwie vormals im Musenstübchen am Pianoforte.\nDer Ouvertüre folgte Applaus. Die ersten Scenen gefielen\nin ihrer musicalischen Darstellung. Francisca's Schönheit im-\nponirte, eben so ihre Stimme. Aber ihr Vortrag war wie in"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "165", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.1.5", "texte": "den Proben matt, gleichgültig. Eine Romanze, welche ganz\ngeeignet war, Interesse für-die Haupt-Partie zu gewinnen,\nging desshalb ohne besonderen Eindruck vorüber. Aehnli-\nches Schicksal theilten noch andere Nummern. Im Finale\nbeging Francisca vielleicht absichtlich einen Fehler, und nur\ndie Geistesgegenwart des Dirigenten, das sichere Orchester\nund der geübte Chor bewahrten vor dem Umwerfen. Nach\ndem ersten Acte begab sich R. eilends nach der Bühne.\n„Vielleicht glückt es doch!\" dachte er: „das Publicum ist\ngütig, es liegt nur an ihr —an ihr!\" Mit Fassung wollte\ner die Sängerin wiederholt um wärmeren Vortrag bitten,\nnamentlich lür die nächste Nummer, welche seine gelun-\ngenste war. Verdriesslich empfing Francisca den Kommen-\nden mit den Worten: „Hätte ich doch lieber in einer an-\nderen Oper debutiren können, als in der Ihrigen! Ich er-\nhalte keinen Beifall, weil ich meine Stimme nicht im Ge-\nringsten zeigen kann.\" Höhnend stand der Sohn des Musik-\nDirectors daneben. Da äusserte der ehemalige Bratschist,\nwelcher unbemerkt hinzugetreten war, Folgendes: „Ich\nmuss Sie dringend ersuchen, mein Fräulein, im folgenden\nActe alle Ihre Kräfte zusammen zu nehmen, damit Sie Ihre\neigene Künstler-Ehre retten.\" Die Sängerin, verwundert\nüber solche Ansprache und die Kühnheit des ihr Unbekann-\nten, sah mit fragendem Blicke den Sohn des Musik-Direc-\nlors an. Schon bei den Proben hätte ich Sie warnen sol-\nlen;\" fuhr N. fort: „doch glaubte ich nicht, dass die Frei-\nheit der Sängerin so weit gehen dürfe, sich auch bei Auf-\nlührungen Verstösse gegen die Composition zu erlauben,\nand das auf derselben Bühne, vor demselben Orchester,\nwo eine geniale Künstlerin wegen scheinbarer Willkür ihr\nEngagement einbüssen musste.\" „Herr N, sprechen Sie\nnicht weiter\"—entgegnete trotzig der Sohn desMusik-Di-\nrectors: „ „ sondern mehr davon, öffentlich in der Zeitung!\"\"\nergänzte jener. Francisca, welche sich plötzlich in so pein-\nlicher Lage sah, hielt es lür das Beste, in Ohnmacht zu\nfallen. „Man melde dem Publicum, dass die Operette nicht\nweiter gespielt werden kann!\" triumphirle der Sohn des\nMusik-Directors: „der Componist selbst hat seine Sängerin\nkrank geärgert.\" „Halt!\" rief eine weibliche Stimme:\n„ich kenne die Partie —ich werde sie singen!\" Und Aller\nAugen richteten sich auf Henriette, welche in ihrer Begei-\nsterung wie strahlend aussah. R. war wie vom Blitze\ngetroffen; im Auge N.'s glänzte eine Thräne, und er sagte:\n„Wohlan, Kinder, Muth! die Muse wird euch schützen!\"\nund so führte er den sprachlosen R. eilends nach dem\nDirigentenplatze zurück.\nDer Tumult hinter dem Vorhange legte sich bald, als\nHenriette in dem Costume ihrer Rolle erschien, das ohne\nbedeutende Mühe herzustellen gewesen war. Das Publi-\ncum, verwundert, eine neue Gestalt zu sehen, eine andere\nStimme zu hören, lauschte mit der gespanntesten Aufmerk-\nsamkeit. Schüchtern begann Henriette das Recitativ; aber\nfreier und freier wurde der Vortrag, immer lebhafter färb-\nten sich die Töne, bis die ganze Erhebung ihres Gemüthes\nim Gesänge ihr Echo fand. Sie wollte ja das Werk retten!\nR. tactirle mechanisch seine Gedanken waren in der\nglücklichen Vergangenheit ein länge versiegter Gefühls-\nstrom braus'te heran, Jugend, Wahrheit, Liebe beseelte ihn\nwieder. Als die Arie zu Ende war, seufzte er tief auf; die\nBegleitung verklang. Da unterbrach ein mächtiger\nCapo-Ruf des Publicums die allgemeine Stille. Und noch-\nmals sang Henriette ihre süsse Arie, ihre Lebens-Poesie\nund es wurde dem Componisten dabei klar, dass nur sie\nihn wahrhaft verstehe und liebe. Neues Feuer hatte auch\ndie Uebrigen entflammt. Orchester und Darsteller waren\nwie von Einem Geiste beseelt, und die Operette ging ge-\nlungen zu Ende. Man rief den Componisten und die Sän-\ngerin. Beide erschienen Hand in Hand, Blumen und Kränze\nflogen den Gefeierten von allen Seiten zu.\nHenriette empfing aber kurz darauf die schönste Krone\nihres Lebens; mit der Myrte geschmückt, wurde sie dem\nMusik-Director R. eine Begleiterin durch Kunst und\nLeben. Der Vater N., welcher seine Bratsche nun weg-\nlegte, behielt dalür die musicalische Feder tüchtig zur\nHand; er redete nach wie vor seiner geliebten Kunst stets\nein freies, wahres Wort.\n\nBerliner Briefe.\n[Emil Naumann's Jerusalem Scholz Ulrich H.\nBellermann Beethoven's e im\nStern'schen Verein.]\nDen 17. Mai 1856.\nSie haben bereits über die „Zerstörung Jerusalems\"\nvon Emil Naumann einen vorläufigen Bericht gebracht,\nder sich auf Urtheile hiesiger Zeitungen stützt. Lassen Sie\nmich zunächst hinzulügen, dass das neue Werk von dem\nPublicum in derselben ungünstigen Weise aufgenommen\nworden ist. Naumann ist hinter seinen früheren Leistungen\nweit zurückgeblieben; er hat sich einer Geschmacksrichtung\nangeschlossen, die in jeder Beziehung zu sehr dem Maass-\nlosen huldigt, als dass wahre Schönheit und selbst Eigen-\ntümlichkeit der Erfindung dabei möglich sein sollte. Die"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.1.6", "texte": "Wahl eines ungeeigneten Stoffes hat ohne Zweifel zu die-\nsem Erfolge mitgewirkt. Zwar scheint es, als ob die Bege-\nbenheit durch ihre innere Bedeutung, durch die Mannigfal-\ntigkeit der dabei erscheinenden Figuren der Kunst günstig\nsein müsse. Propheten und Engel des Gerichts, die den\nUntergang verkünden, die vor dem Einstürze der brennen-\nden Stadt fliehenden Juden, die von Titus geführten, trium-\nphirend einziehenden Römer, die auswandernden Christen,\nder ewige Jude mit den ihn verfolgenden Dämonen das\nist ein reicher, tief bewegter Stoff, der, wenn man ihn ober-\nflächlich ansieht und bloss dies ins Auge fasst, dass Man-\nnigfaltigkeit und leidenschaftliche Benutzung das Leben der\nKunst ausmacht, wohl verführen kann. Man vergesse aber\nnicht, dass dieser reiche Inhalt in einen kurzen Raum zu-\nsammengedrängt werden soll. Es lag, da einmal das Bild\nKaulbach's die Grundlage bildete, nicht eine in der Zeit\nsich entwickelnde Handlung, sondern eine blosse dramati-\nsche Situation vor; auch der Musiker musste sich vor aliau\ngrosser Ausdehnung hüten, er musste dahin streben, die\nganze Wirkung so viel als möglich in einen Augenblick\n-ausammen zu drängen; und so ward die Natur des Stoffes\njedenfalls für ihn ein Motiv, sich von dem wahren Wesen\nder Musik immer* mehr zu entfernen. Auch in anderer Be-\nziehung war der Stoff ungünstig. Die Musik ist die Kunst\ndes Gemüthes; und so sehr wir auch die falsche, übertrie-\nbene Sentimentalität hassen, das bloss äusserlich Glänzende,\nImponirende steht in der Musik fast auf einer noch tieferen\nStufe. Diese äussersteri Spitzen des Seelenlebens, die uns\ndas Gedicht vorführt, das äusserste Entsetzen, die äusserste\nVerzweiflung u. s. w. sind für sich selbst starr und unle-\nbendig; alles wahre künstlerische Leben besteht in der in-\nneren Entwicklung, in Steigerung und Abnahme. Was soll\ndie Kunst mit einem Stoffe machen, der nur in den Super-\nlativen der Leidenschaften sich bewegt? So sucht denn\nauch Naumann's Musik in der Grellheit der Farben, in der\nGewaltsamkeit des Ausdrucks seines Gleichen. Man kann\nes als einen Vorzug ihm zugestehen, dass er nie der Wahr-\nheit untreu wird. Ein gewisser Ernst, eine kräftige Männ-\nlichkeit geben sich durchweg zu erkennen; aber einzelne\nTugenden sind noch nicht die wahre Tugend, einzelne Sei-\nten der Schönheit noch nicht die wahre Schönheit. Sowohl\nin der Instrumentation als auch namentlich in der Rhyth-\nmik herrscht so überwiegend das Streben, Gewaltiges dar-\nzustellen, vor, dass der Effect des Effectes verloren geht.\nSelbst da, wo das Gedicht dem Componisten Gelegenheit\ngab, sich zu grösserer Wärme und Innigkeit zu erheben,\nnämlich in dem Gesänge der auswandernden Christen,\nbringt er es nicht weiter als zu einer theils abstracten,\ntheils modern weichliehen Frömmigkeit; und so ist denn,\nwas den Geist des Werkes betrifft, ein solcher Mangel an\nInnerlichkeit, dass darin wohl der Hauptgrund liegt, warum\nes dem Laien nicht gefallen kann. Denn ob es musicalische\nEigentümlichkeit besitzt, ob es ein formel abgerundetes\nKunstwerk ist, diese Eigenschaften entscheiden mehr für\nden Musiker, mehr für die Zukunft des Werkes; augen-\nblicklichen, vorübergehenden Beifall kann man sich, wie\ndie Erfahrung täglich zeigt, billig erwerben, lieber musica-\nlische Erfindung ist in den meisten -Fällen schwer zu ent-\nscheiden. Bedeutend ist sie jedenfalls in der Composition\nvon Naumann nicht; doch je nachdem man den Begriff der-\nselben ausdehnen will, mögen einzelne Combinationen ihm\nangehören, namentlich was die Anwendung gewisser Mo-\ntive auf einzelne Instrumente betrifft. In der formellen An-\nordnung des Ganzen zeigt sich zwar ein gewisses technisches\nGeschick; doch tritt hier der oben berührte Mangel des\nStoffes lühlbar hervor. Es fehlt überall an breiterer Ausfüh-\nrung ; ein recitativiscber, declamatorischer Geist beherrscht\nnicht nur die Soli, sondern theilweise auch die Chöre; und\nso trägt auch dies dazu bei, den Eindruck wilder Leiden-\nschaftlichkeit,, den das Ganze macht, au erhöhen. Wir be-\ndauern es, uns gegen einen Componisten so scharf ausspre-\nchen zu müssen, der mit einem sehr ernsten Streben eine\numfassende musicalische und allgemeine Bildung vereint;\ndoch führt dieser neueste Weg, den er eingeschlagen hat,\nvon dem wahren Wesen der Musik so weit ab und hat so\nviele Verwandtschaft mit den übrigen Sturm- und Drang-\nVersuchen der Gegenwart, dass die Kritik die Pflicht hat,\ndem entgegen zu treten.\nEin Rheinländer, Herr Scholz aus Mainz, der die\nSchule Dehn's durchgemacht hat und vor Kurzem nach sei-\nner Vaterstadt zurückgekehrt ist, brachte in einer Matinee\neine Anzahl eigener Compositionen zur Aufführung, ein\nStreich-Quartett, eine Sonate für Piano und Violine, Cla-\nvierstücke im strengen Stil (Fuge, Toccata, Ricercare) und\nmehrere Lieder. Wir lernten in ihm ein eben so bedeuten-\ndes und vielseitiges, als trefflich ausgebildetes Talent ken-\nnen. In ihm zeigt sich der Sinn für wahre künstlerische\nSchönheit und die Pietät, die den Spuren der classischen\nMeister folgt. Am bedeutendsten in der Erfindung und in\ndem Schwung der Schreibart war die Sonate. Auch als\nGesang-Componist scheint Herr Scholz viel zu versprechen.\nIm Uebrigen haben wir seit der Zeit, dass ich Ihnen\nnicht geschrieben habe, wenig Neues gehört. Höchstens\nwäre noch zu erwähnen ein bereits in Druck erschienenes"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.1.7", "texte": "Streich-Quartett von Hugo Ulrich das mit\ngrossem technischem Geschick und in gebildetem Geschmack\ngeschrieben ist und sich in einzelnen Sätzen zu tieferem\nErnste der Empfindung steigert, während es im Ganzen\neinen mehr leichten Charakter festhält. Ferner die Compo-\nsition der Chöre des Sophokleischen Ajax durch Hein-\nrich Bellermann (einen Sohn des bekannten Philologen,\nder, selbst mit Leib und Seele Musiker, zu den genauesten\nKennern der Forschungen über griechische Musik gehört).\nEine Aufführung des Ajax in der Ursprache am hiesigen\nGymnasium zum grauen Kloster gab die Veranlassung dazu.\nDie Aufführung selbst war trefflich, und von der Musik\nmuss man rühmen, dass sie, einfach und bescheiden, alle\nwesentlichen Stimmungen wiedergibt, ohne sich allzu selbst-\nständig geltend machen zu wollen. Der Componist hat sich\nbemüht, auch in der Musik das Metrum der Chöre überall\nfühlbar zu machen. Dadurch entsteht für unsere musicali-\nsche Gewöhnung eine Monotonie, die hier aber in der Na-\ntur der Aufgabe liegt. Der plastische Geist der alten Tra-\ngödie, den zu versinnlichen der Zweck ist, verlangt dieses\nOpfer. Nur an solchen Stellen, wo der Chor selbst sich zu\nlebendigerem Pathos erhebt, wird auch der Componist le-\nbendiger, indem er theils den Instrumenten ausdrucksvolle\nMotive gibt, theils in den Chor selbst einen freieren Rhyth-\nmus der Melodie legt.\nUnter den Concerten der jüngsten Zeit steht die Auf-\nführung der grossen Messe von Beethoven durch\nden Stern'sehen Gesang-Verein voran. Wir haben die-\nselbe noch nicht in Berlin gehört, und ich glaube nicht, dass\nsie sich bis jetzt viele Freunde erworben hat. Der Saal der\nSing-Akademie, in dem die Aufführung Statt fand, ist zu\nklein dazu. Hier klingt das Werk zu gewaltsam und excen-\ntrisch. Die Conception der Messe ist so gross, dass sie auch\näusserlicher Grösse und Weite bedarf, um nicht missver-\nstanden zu werden. Die Ausführung war sehr gelungen.\nDennoch, wenn unsere Chöre aus lauter gut geschulten\nSängern beständen, würde Manches noch besser sein. Fast\nüberall wird durch gute Studien der Umfang und die Kraft\nder Stimmen nach der Höhe zu erweitert, und ich glaube\ndaher nicht im Mindesten, dass Beethoven Unmögliches\nvon den Sängern verlangt hat. Ueberdies ist auch in dieser\nBeziehung ein grosser Raum für die Messe unerlässüch;\ndenn dann mildert sich die Schärfe der hohen Töne, ja,\nselbst für den Sänger wird der Gebrauch der Höhe leich-\nter.— Auch das letzte Concert des Orchester-Vereins war\nausschliesslich ein Beethoven-Concert. Dem aus der\nMesse folgten Chöre und' Märsche aus den Ruinen von\nAthen und die Phantasie lür Ciavier, Gesang und Orchester;\nalle diese Nummern gingen vortrefflich. Ein Unstern schwebte\naber über der neunten Sinfonie, die den Schluss des Gan-\nzen bildete. Während die beiden ersten Sätze in correcter\nund sauber nuancirter Ausführung vorübergingen, begann\nschon das Adagio in zu schleppendem Tempo; in der Mitte\nversah sich ein Hornist, verwirrte die Uebrigen, und es kam\nso weit, dass der eben begonnene Abschnitt noch einmal\nangefangen werden musste. Es versteht sich von selbst,\ndass ein solcher Unglücksfall in dem geübtesten Orchester\nvorkommen kann; aber er lähmte lür den Abend alle Kräfte,\nund so blieb denn die Ausführung des letzten Satzes hinter\nden Erwartungen zurück, die man gehegt hatte. Um so\nbesser hoffen wir ihn im nächsten Jahre zu hören; denn\ndie Energie des Dirigenten dieser Vereine, des Musik-Di-\nrectors Stern, ist eine wahrhaft unermüdliche und ver-\nspricht namentlich für alle solche Aufgaben fruchtbringend\nzu werden, die nur durch Vereinigung von Chor und Or-\nchester lösbar sind. Er hat sich mit den von ihm begrün-\ndeten Orchester-Concerten eine um so schwierigere Auf'\ngäbe gestellt, als die Proben moderner Musik, die wir die-\nsen Winter zu hören bekamen, sich in Berlin fast gar kein\nPublicum gewonnen haben, und als auf der anderen Seite\neine dritte Auflage derjenigen Werke, die wir bereits von\nder königlichen Capelle und bei Liebig hören, in den mei-\nsten Fällen überflüssig scheint. Dennoch hat sich bereits\njetzt eine Anzahl von solchen Werken herausgestellt, für\nwelche die Concerte des Orchester-Vereins ein wahrer Ge-\nwinn sind; und dies sind namentlich solche, in denen es\nsich um die Vereinigung von Gesang eines Solo-Instrumen-\ntes mit Orchester handelt. Es wird nun darauf ankommen,\ndiesen Kreis allmählich zu erweitern. Aus älterer Zeit wird\nsich noch mancher verborgene Schatz heben lassen; nament-\nlich verweisen wir auf die Cantaten von Bach. Auch aus der\nInstrumental-Musik des vorigen Jahrhunderts dürfte noch\nManches, schon der historischen Einsicht wegen, aufführbar\nsein. Endlich finden wir es auch billig, das Beste von den\nErzeugnissen der Gegenwart dem Publicum zur Prüfung\nvorzulegen; denn Einzelnes, wie die Manfred-Ouverture\nvon Schumann, die wir in diesen Concerten hörten, ist in\nder That hervortretend; Anderes verdient wenigstens, Re-\nvue zu passiren. Nur gebe diese Richtung den Concerten\nnicht ihren bleibenden Charakter.\n(Schluss folgt.)"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560524-01.1.8", "texte": "Beethoven und Cherubini.\nAuf Herrn Hof-Musik-Director C. A. Mangold's „Erwiderung\"\n(s. die vorige Nr. 20) hat A. S. in der Darmstädter Zeitung Nr.\n130 wieder erwidert, dass er „die Aeusserungen des Herrn Man-\ngold (s. Nr. 15 der N. M. Z.) von sehr achtbaren Zeugen über-\nkommen\", und weiterhin behauptet, dass die von C. F. Becker an-\ngeführte Aeusserung Beethoven's über Cherubini's Requiem eine\nMystification sein müsse, weil sie aus inneren Gründen bei zwei\nso grossen Componisten unmöglich sei. Der Redaction dieser\nBlätter theilt er den Anfang eines Briefes von Beethoven an\nCherubini aus dem Jahre 1823 mit, welcher auch für weitere\nKreise interessant ist, weil er die hohe Achtung Beethoven's dem\nanderen Meister gegenüber beweis't. Er lautet:\n„Mit grossem Vergnügen ergreife ich die Gelegenheit, mich Ih-\nnen schriftlich zu nahen. Im Geiste bin ich es oft genug, indem\nich Ihre Werke über alle anderen theatralischen schätze. Nur muss\ndie Kunstwelt bedauern, dass seit längerer Zeit, wenigstens in un-\nserem Deutschland, kein neues theatralisches Werk von Ihnen er-\nschienen ist. So hoch auch Ihre anderen Werke von wahren Ken-\nnern geschätzt werden, so ist es doch ein wahrer Verlust für die\nKunst, kein neues Product Ihres grossen Geistes für das Theater\nzu besitzen\" u. s. w.\nHerr A. Schindler (es thut uns leid, dass er das U. s. w. nicht\nausgefüllt und den ganzen Brief mitgetheilt hat) fügt hinzu: „Che-\nrubini's Kirchenwerke sind den Wienern erst in den Jahren von\n1820 u. ff. durch die Concerts spirituels und den Kirchenmusik-\nVerein in der Augustinerkirche nach und nach bekannt geworden,\nund Beethoven hatte in jenen Jahren keine Zeit übrig für die Be-\nkanntschaft mit fremden Werken. Wer mit diplomatischem Scharf-\nblicke zu lesen versteht, wird aus obigem Citate unschwer er-\nkennen, dass Beethoven die Cherubini'sehen Kir-\nchen werke unbekannt geblieben, er sich folglich auch am\nRequiem kein Muster habe nehmen wollen.\" Die letztere Schluss-\nfolge ist freilich unumstösslich; ob die Voraussetzung aber, auf\nwelcher sie beruht* richtig sei, ist wenigstens zweifelhaft. Die\nHauptsache für die musicalische Welt ist aber nicht das, was\nBecker oder Mangold erzählt haben, sondern dass obige Zeilen von\nBeethoven einen neuen Beweis seiner Anerkennung des grossen\nZeitgenossen geben.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln* Das Concert des Herrn Julius Stock hausen findet\nDinstag den 27. Mai im Casinosaale Statt.\nIn (ler Woche vor Pfingsten wohnten wir in Barmen der\nAufführung von zwei Operetten bei, des „Holzdiebes\" von IL\nMarschner und des „vierjährigen Postens\" von C. Rein ecke.\nDas Merkwürdigste dabei war, dass der Chor und alle Rollen (mit\nAusnahme der Sopran-Partieen, welche in der ersteren durch Fräul.\nDannemann, in der zweiten durch Fräul. Mann gesungen wur-\nden) von Dilettanten im Costume und auf einer allerliebsten\nkleinen Bühne dargestellt wurden. Das Orchester bestand aus zwei\nFlügeln, welche die Herren Reinecke und Schmidt spielten.\nEs ist ein erfreulicher Beweis von Reineckes thätigem und anre-\ngendem Wirken im Wupperthale, dass sich eine Liebe zur Musik\nerzeugt hat, welche die Dilettanten zu solcher Ausdauer begeistert;\ndenn es gehört wahrlich ausser der natürlichen Anlage doch ein\ngrosser Fleiss dazu, zwei Operetten auswendig zu lernen und alle\ndie Zeit und Mühe und Ausgaben darauf zu wenden, welche der-\ngleichen theatralische Liebhabereien fordern. Die Ausführung war\nfür die gegebenen Verhältnisse recht gut.\nC. Reinecke hat den „vierjährigen Posten\", eine frühere Ar-\nbeit Th. Körner's und freilich wohl die schwächste von seinen\nkleineren dramatischen Producten, durcheomponirt, was freilich\nnach dem, wie der Text nun einmal beschaffen war, nicht anders\nmöglich war. Sonst dürfte für komische Opern die Form, in wel-\ncher Musikstücke und Dialog wechseln, die geeignetere und volks-\ntümlichere sein. Die Operette ist bei Breitkopf & Härtel in\nLeipzig als Op. 45 im Clavier-Auszuge erschienen. Preis 3 Thlr.\nDie Einrichtung des Accompagnements für zwei Claviere ist eben-\ndaselbst in Abschrift zu beziehen. Der Componist erklärt in dem\nVorworte, dass er „diese Operette speciel zur Aufführung durch\nDilettanten geschrieben und desshalb die grösstmögliche Rücksicht\nauf leichte Ausführbarkeit und beschränkteren Stimm-Umfang ge-\nnommen hat. Es sind daher die Partieen des Veit und des Haupt-\nmanns sowohl von zweiten Tenören wie auch von hohen Barito-\nnen zu singen.\" Diese Selbstbeschränkungen und die Bestimmung\ndes Werkchens überhaupt mögen wohl hier und da den Gedanken-\nflug des Componisten etwas gehemmt haben. Diejenigen Ansprüche\naber, welche man dem Zwecke nach an ein Gelegenheits-Werk\nmachen kann, erfüllt die Operette vollkommen und wird musicali-\nschen Gesellschafts- und Haus-Vereinen eine willkommene Gabe\nsein. Das Honorar hat der Herr Componist, wie wir vernahmen,\ndem Musik-Vereine zur Vermehrung der Bibliothek desselben an-\ngewiesen.\n** Aus Bremen. Der hiesige Cä ci lien-V e r e i n hat unter\nLeitung des Herrn Musik-Directors Schmidt am 6. Mai in der\nhiesigen Domkirche F. HiHer's Oratorium „Die Zerstörung von\nJerusalem\" mit sehr guten Kräften und ausserordentlichem Erfolge\naufgeführt. Das treffliche Werk erregte eine solche Begeisterung,\ndass in den nächsten Tagen eine Wiederholung der Aufführung\nStatt finden wird. Die Solo-Partieen wurden von Dilettanten ganz\nbefriedigend ausgeführt; nur die Tenor-Partie hatte Herr Seyf-\nfarth, Mitglied der Oper, übernommen und trug sie ganz ausge-\nzeichnet vor.\nDer wiener Männergesa ng- Verein, von dessen Bewilli-\ngung eines Ehrensoldes für den Componisten, dessen Werk er zum\nersten Male öffentlich aufführt, neulich in Nr. 18 dieser Blätter die\nRede war, hat auch dem Herrn Capellmeister Abt in Braun-\nschweig vor einiger Zeit sechs Ducaten übersandt für die erste\nAufführung seiner Männer-Quartette: Sonntags Trinklehre\nAbendständchen Jägerlied Lebe wohl, mein Vaterland\nAde! Es ist so sehr erfreulich, weil so selten, auf eine solche\nAnerkennungs-Art in Deutschland zu stossen, wo man in der Re-\ngel die Componisten nur mit Ehre abspeis't, dass es gewiss\nder Bekanntmachung derselben bedarf, um die Verbreitung dieser\nlöblichen Sitte einer Art von Tantieme anzubahnen und alle nam-\nhaften Gesang-Vereine im Vaterlande zur Annahme derselben zu\nbewegen."}]}