{"numero_id": "bm-bmtnabi-1856-05-31-01", "volume": "bmtnabi_1856-05-31_01", "ocr_sha256": "c72489df1f26f6df0361d99fc1445ecce2d6e7f233eef5b143f0232fa30cd20f", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1856/05/31_01/bmtnabi_1856-05-31_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1856-05-31-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-05-31_01#c001", "volume": "bmtnabi_1856-05-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "169", "page_fin": "169", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 480, "texte": "Inhalt.\nDas 34. niederrheinische Musikfest in Düsseldorf. 11. Von L. Bise ho ff. Adolf Adam. Biographische Skizze. I. Von\nL. B. - Berliner Briefe (Stern'scher Verein Sing-Akademie Dilettanten-Verein Concerte Stockhausen Frau v. Bock). Von\n<i. E. Tages- und Unterhalt ungsblatt (Köln, Concert des Männergesang-Vereins, Soiree von J. Stockhausen, Job. Brahms\nConcerte von J. Stockhausen Geistliches Concert in Coblenz Minden Magdeburger Musikfest Steinkühler's Singverein in Lille)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-05-31-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-05-31_01#c002", "volume": "bmtnabi_1856-05-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "169", "page_fin": "171", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.2.2", "titre_corps": "Das 34. niederrheinische Musikfest in Düsseldorf.", "titre_sommaire": "Das 34. niederrheinische Musikfest in Düsseldorf.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.1.1", "debut_caractere": 482, "fin_caractere_exclue": 3983, "texte": "Das 34. niederrheinische Musikfest in Düsseldorf.\nII.\n(S. I. Nr. 20.)\nDas Oratorium Elias von F. Mendelssohn-Bar-\ntholdy war noch auf keinem niederrheinischen Musikfeste\naufgelührt worden. Es war mithin Sache der Pietät gegen\nden Componisten, der eine ganze Reihe von unseren Festen\ndirigirt hatte (1833, 1835, 1836, 1838,1839,1842,\n1846), dasselbe zu wählen. Die Stadt Düsseldorf, in wel-\ncher er einige Jahre persönlich gewirkt, seinen „Paulus\"\ngeschrieben und zuerst (1836) aufgelührt hatte, musste\nnoch ganz besonders sich dazu aufgefordert fühlen.\nBekanntlich wurde der Elias zum ersten Male zu Bir-\nmingham am 26. August 1846, gerade zehn Jahre\nnach der ersten Aufführung des Paulus, gegeben. Er hatte\nauf der Stelle grossen Erfolg, obwohl zwischen die Schö-\npfung am ersten und den Messias am dritten Tage des\nFestes gestellt. Die Aufführungen in London im April\n1847 (drei Mal hinter einander in Exeter Hall) steigerten\ndie Anerkennung des Werkes, und seitdem hat sich der\nRuf desselben bei dem Publicum in England so stark be-\nfestigt, dass es in den Concerten der grossen Musik-Gesell-\nschaften in London jährlich aufgeführt wird, und dass fast\nauf allen Musikfesten Händel's Messias und Mendelssohn's\nElias stehende Rubriken des Programms sind. Diese That-\nsache darf die Geschichte der Musik nicht mit Stillschwei-\ngen übergehen.\nIn Deutschland hatte Anfangs der Elias nicht überall den\ngleichen Erfolg, am wenigsten bei der Kritik. Die Aufführun-\ngen desselben fielen in die aufgeregte Zeit der Jahre 1847\nbis 1849; manche Stimmen hatten schon früher im Geiste\nder gährenden Zeit eine Reactiori gegen die Oratorien über-\nhaupt angefacht, vor welcher denn natürlich der Elias keine\nGnade fand. Der ihn geschaffen, war nicht mehr unter den\nLebenden. „Steiniget ihn!\" konnte man ihm nicht mehr\nzuschreien; so rief man wenigstens gegen seinen Schatten :\n„Weg, weg mit dem!\" Der Elias musste durch diese Pe-\nriode hindurch; jetzt noch läugnen zu wollen, dass er sie\nüberwunden habe, hiesse der historischen Wahrheit Hohn\nsprechen.\nAuch war das Urlheil des deutschen Publicums von\nAnfang an theilweise sehr verschieden von den dilatori-\nschen Aussprüchen einzelner Kritiker. Die erste Auffüh-\nrung in Deutschland fand Statt zu Köln, Sonntag, den 29.\nAugust 1847, also noch zwei Monate vor Mendelssohn's\nTode. Der Musik-Director Franz Weber hatte dazu die\nmusicalischen Kräfte Kölns vereinigt, und unter seiner Lei-\ntung wurde das Werk mit Begeisterung ausgeführt und\neben so von dem zahlreich versammelten Publicum aufge-\nnommen. Nur äussere Umstände hinderten eine allgemein\nverlangte Wiederholung. Nächstdem folgten die Aufführun-\ngen in Hamburg Anfangs October, in Berlin durch die\nSing-Akademie am 2. November, in Wien am 15. Novem-\nber 1847, in Leipzig am 3. Februar 1848.\nDie Aufführung in Hamburg fertigte ein Correspon-\ndent der leipziger „Neuen Zeitschrift für Musik\", Herr Th.\nHagen, in Nr. 34 vom 25. October 1847, mit folgenden\nWorten ab: „Das Oratorium Elias hat hier eine pracht-\nvolle Aufführung erlebt, wie es die grossen Mittel und\nKrebs' Talent erlaubten, und doch ist die Masse kalt ge-\nblieben, und doch hat man das Verdammungs-Urtheil der\nLangenweile darüber ausgesprochen. Ich will mir hier kein\nUrtheil über die Musik erlauben, aber entschieden muss\nich mich gegen die Aufwärmung und Ausarbeitung solcher\nIdeen aussprechen, die unserer Zeit nicht mehr angehören.\nWollt Ihr Kirchenmusik ohne Kirchen, Glaubensmusik ohne\nGlauben: gut; aber wendet Euch nicht an das Volk; es"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "170", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5174, "texte": "kann Euch ja doch nur dann verstehen, wenn es eben wie-\nder Kirchen, wieder Glauben hat.\" Dies war der Ton,\naus welchem von der Fortschritts-Partei gepfiffen wurde.\nWir wollen unsererseits jetzt nicht auf die Rechtferti-\ngung der Gattung eingehen; auch haben wir vor nicht lan-\nger Zeit bei Gelegenheit der Besprechung von Reinthaler's\nOratorium Jephta unsere Ansicht darüber ausgesprochen\nund müssen darauf verweisen (siehe Nr. 21 des Jahrgangs\n1855, vom 26. Mai). Für heute genügt es, die Thatsache\nfestzustellen, dass die Zuhörerschaft in Düsseldorf bei der\ndiesjährigen Aufführung des Elias nichts weniger als kalt\nblieb, sondern von den Schönheiten des Werkes, welche\ndie Mängel desselben bei Weitem überwiegen, überall er-\ngriffen, von den Chören aber namentlich zu so lautem Bei-\nfalle unwillkürlich hingerissen wurde, wie man ihn sonst\nnur noch bei hervorragenden Leistungen einzelner Kunst-\nVirtuosen zu hören gewohnt ist. Und diese Zuhörerschaft\nwar wahrlich keinTheater-Publicum! sie bestand wohl zur\nHälfte aus wirklichen Kennern und zur anderen aus sehr\ngebildeten Kunstfreunden. Einem solchen Erfolge gegen-\nüber behaupten zu wollen, das Oratorium habe sich über-\nlebt, wäre eine beispiellose Anmaassung. Was ist denn das\nLeben eines Kunstwerks Anderes, als dass es die Seele\ndes Hörers oder Beschauers mit der Idee, die es ausspricht,\nerfüllt und dadurch auch den Menschen lebendig macht?\nDie Ausführung war unter Rietz' Leitung überall, wo\ndie erforderlichen Kräfte vorhanden waren, vortrefflich, also\nvor Allem in den grossen Musikstücken, in denen Chor und\nOrchester zusammenwirkten. Die Solisten griffen ganz gut\nin die Harmonie des Ganzen ein, ja, zum Theil verherrlich-\nten sie die Aufführung. Fräul. Therese Tietjens vom\nHof-Opern-Theater in Wien sang die grösseren Nummern\nder Sopran-Partie; sie glänzte besonders in der Arie\n„Höre, Israel!\" wo sie vorzüglich im Allegro die Macht\nihrer vollen, frischen, jugendlichen Stimme, von feurigem\nund correctem Vortrage gehoben, entwickelte. Ihre Mittel\nsind vortrefflich; die Stimme hat bedeutenden Umfang, ist\ngut ausgeglichen, verbindet auch in der Höhe Kraft mit\nWohllaut und ist glücklicher Weise in dieser Region noch\nfrei von jener kreischenden Schärfe, welche bei manchen\nberühmten Sängerinnen wehe thut. Intonation und Aus-\nsprache sind lobenswerth, und das Streben, den Anforde-\nrungen vollkommener Ausbildung der technischen Fertige\nkeit gerecht zu werden, ist nicht zu verkennen. Den er-\nsten Sopran in den kleineren Ensemblestücken sang Fräul.\nLouise Thelen aus Düsseldorf; ihre zwar nicht grosse,\naber ungemein liebliche Stimme wirkte, verbunden mit ge-\n(ühlvollem Ausdrucke, sehr schön, namentlich in dem „ Hei-\nlig\" im zweiten Theile des Oratoriums. Fräul. Ida Dan-\nnemann aus Elberfeld befriedigte in denselben Stücken\nals zweiter Sopran; besondere Auszeichnung verdient ihr\nVortrag der kleinen Partie des Knaben.\nFrau Hoffbauer-Findorf aus Halberstadt, eine\nRheinländerin aus einer sehr musicalischen Familie in Cre-\nfeld, nahm vorzugsweise durch ihre wunderschöne Alt-\nstimme die Theilnahme in Anspruch. In dieser Stimme,\nwelche vom kleinen gbis zum zweigestrichenen gleich\nvoll und wohllautend ist, liegt ein merkwürdiger Reiz, und\nes ist schade, dass ihn die Kunst nicht zu einem unwider-\nstehlichen Zauber ausgebildet hat.\nHerr Karl Schneider vom Stadttheater zu Leipzig\nhat den Beifall, den er sich durch sein schmelzendes Organ,\nkünstlerische Auffassung und geschmackvollen Vortrag be-\nreits beim vorjährigen Musikfeste hier am Rheine erwor-\nben, durch seine Leistungen am diesjährigen noch bedeu-\ntend gesteigert. Mit Vergnügen bemerkten wir, dass\nseine Stimme an Stärke gewonnen hat; sie füllte den gros-\nsen Raum vollkommen aus, wozu freilich die echte Tenor-\nfarbe derselben viel beiträgt. Er hob die eben nicht vor-\nzugsweise vom Componisten bedachte Tenor-Partie\nsehr durch seinen Vortrag, und es fehlte nicht an Aeusse-\nrungen im Publicum, dass ihm am ersten Tage unter dert\nSolisten der Preis zukomme.\nDas Letztere wird freilich den unbedingten Bewunde-\nrern des Herrn Julius Stock hausen unbegreiflich sein,\nund es kann auch kein Zweifel darüber obwalten, dass\nStockhausen an technischer Meisterschaft in Behandlung\nder Stimme seine künstlerischen Festgenossen alle über-\ntraf, und überhaupt wohl nur Wenige seines Gleichen fin-\ndet. Allein die Partie des Elias war nicht geeignet, diese\nindividuelle Meisterschaft zu zeigen; sie verlangt einen Ora-\ntoriensänger, der, im ganzen ersten Theile wenigstens, auch\ndes dramatischen und des im höchsten Grade energischen\nAusdruckes fähig ist, und dafür fehlte der Klang und die\nKraft der Stimme. In Folge dessen konnte auch über\ndie Auffassung des Charakters des Elias kein sicheres Ur-\ntheil gefällt werden; denn selbst vorausgesetzt, dass eine\ngeistige Durchdringung der Partie bei dem Sänger Statt\ngefunden, so konnte doch ihr Ergebniss nicht zur Erschei-\nnung kommen, weil diese an der Unzulänglichkeit des Ma-\nterials scheiterte, welches sich zu keinem heroischen, ge-\nschweige denn fanatischen Pathos hergibt. Die lyrischen\nStellen in dem zweiten Theile wurden dagegen sehr schön\nvorgetragen, besonders in der Arie aus „Es ist"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1229, "texte": "genug\" und in einigen Recitativen. Leider hat die Beur-\ntheilung von Künstler-Leistungen nicht nur bei dem gros-\nsen Haufen, sondern bedauernswürdiger Weise selbst bei\nKünstlern heutzutage alles Maass verloren. Während die\nunverschämteste Lobhudelei Keinem mehr die Rothe ins\nAntlitz jagt, wird ein begründeter Tadel, oder auch nur\neine einfache Darlegung dessen, was die Natur versagt hat,\nohne alle Prüfung von denen, die für irgend einen Götzen\nschwärmen, verfehmt und verketzert und was vollends\nunverantwortlich ist—nicht in die Wagschaie neben der\nebenfalls ausgesprochenen grössten Anerkennung gelegt,\nsondern wie ein Schwert des Brennus als ganz und gar\nAlles überlastend hineingeworfen!\nomnes! d. h.: Alles in Allem zu sein, ist Wenigen oder\nKeinem gegeben. Wie viele vortreffliche Zerlinen können\ndie Donna Anna singen und spielen, und umgekehrt? Es\ngibt ferner zwei Arten von Enthusiasmus für tonkünstleri-\nsche Leistungen, die beide verwerflich sind: der eine für\ndas rohe Material, der andere für die Virtuosität. Wir se-\nhen in Stockhausen eine höchst willkommene und durch-\nschlagende Protestation gegen den ersteren; mögen seine\nBewunderer es nicht so weit treiben, dass sie ihn zum\nMärtyrer des letzteren machen!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-05-31-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-05-31_01#c003", "volume": "bmtnabi_1856-05-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "171", "page_fin": "173", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.2.3", "titre_corps": "Adolf Adam.", "titre_sommaire": "Adolf Adam.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.1.3", "debut_caractere": 1231, "fin_caractere_exclue": 5026, "texte": "Adolf Adam.\nAdolf Karl Adam wurde den 2. Juli 1803 zu\nParis geboren. Sein Vater, Louis Adam, war Pianist und\nMusiklehrer von grossem Rufe, Letzteres besonders lür Har-\nmonielehre und Ciavierspiel; über beide Fächer sind auch\nmethodische Werke von ihm erschienen, welche au ihrer\nZeit sehr geschätzt wurden. So lebte denn Adolf von Kind-\nheit an in musicalischer Luft und erhielt im väterlichen\nHause selbst den ersten Unterricht in der Tonkunst.\nSeine Schulbildung erhielt er auf dem\nbon. Er zeichnete sich hier keineswegs aus, am wenigsten\ndurch Fleiss, wie er denn überhaupt keine besondere Nei-\ngung zu ausdauernden Studien hatte. Auch mögen die\nHerren Professoren, wie das so manchmal geht, seine na-\ntürlichen Verstandes-Anlagen verkannt haben; sicher ahn-\nten sie nicht, dass er einst auch als Schriftsteller auftreten\nwürde. Da nun sein Vater sah, dass es mit der wissen-\nschaftlichen Laufbahn nichts werden würde, so nahm er\nihn vom Gymnasium zurück und bestimmte ihn, Musiker\nzu werden. Um diese Zeit kam Herold, dessen Pathe L.\nAdam war, aus Italien zurück, und Adolf schloss mit ihm\nein Freundschafts-Bi'mdniss, das bis zu Herold's Tode ein\nfestes und herzliches blieb und von grossem Einflüsse aut\nAdolfs musicalische Entwicklung war.\nEben hatte Boieldieu seineClasse für Compositions-\nlehre auf dem Conservatoire gegründet. Adolf Adam und\nTheodor Labarre wurden seine Schüler und bald seine\nLieblinge, so dass er sie sehr häufig zu Tische zog und sie\nbei seinen Composilionen zur Ausarbeitung und Ausfüllung\nbenutzte eine treffliche Schule lür die praktische Hand-\nhabung der musicalischen Formen*). In Harmonie und\nContrapunkt genoss Adolf den Unterricht von Reicha.\nZwanzig Jahre alt, erhielt er bei der Preisbewerbung eine\nehrenvolle Erwähnung und im folgenden Jahre einen zwei-\nten Preis. Allein in gewisser Hinsicht ging es auf dem Con-\nservatorium eben so, wie früher auf dem Gymnasium, nur\ndass die Professoren allerdings das grosse Talent lür Musik\nin dem jungen Manne erkannten. Jedoch zur Fortsetzung\nder systematischen Studien bis zu einer dritten Prüfung\nund Bewerbung um den ersten Preis konnte sich Adolf\nnicht entschliessen. Das wurde ihm zu langweilig; es\ndrängte ihn die Lust zum Schaffen. Zwar wollte er sich\neigentlich zum Organisten ausbilden; aber es schwirrten\nihm immerwährend eine Menge Melodieen im Kopfe herum,\ndie nicht eben zu Fugen-Themas passten und doch ins\nLeben wollten. Er lühlte ganz richtig, dass nur das Theater\nihnen dieses Leben verleihen könne, und entschloss sich\nkurz, eine Stelle im Orchester des anzunehmen.\nEr wurde—Paukenschläger.\nNun war der erste Schritt auf der Laufbahn, zu der\nihn die Natur bestimmt hatte, gethan. Er war in seinem\nElemente; er lernte die beliebtesten Vaudeville Dichter ken-\nnen und konnte hier und da eine Melodie anbringen. Er\nfing nun auch an, Romanzen, Chansons und kleine Stücke\nlür Pianoforte zu schreiben. Ein Lied in dem Vaudeville\nPierre et Marie erwarb ihm am 6. Januar 1824 seinen\nersten Erfolg auf der Bühne (Von da an erhielt\ner eine Menge Aufträge, Musik zu den kleinen Stücken auf\n\n*) Man erzählt, dass am Tage vor der ersten Vorstellung der\n„Weissen Dame\" Boieldieu noch nichts von der Ouvertüre\naufgeschrieben hatte. Er nahm seine beiden Lieblingsschüler\nmit sich zu Tische, setzte sich beim Kaffee ans Pianoforte\nund phantasirte über einige Motive der Oper. Dann sprang\ner auf und rief: „Jetzt wollen wir die Ouvertüre schreiben!\nIch mache das Andante, du, Labarre, den Anfang des Alle-\ngro, nach dem Motiv, das ich eben gespielt habe, und du,\nAdam, den Mittelsatz.\" So sei die Ouvertüre entstanden, und\nhabe dermaassen gefallen, dass Boieldieu, der sich Anfangs\nvorgenommen, sie ganz umzuarbeiten, sie bis auf einige kleine\nAenderungen und Ausführungen so gelassen habe, wie sie\nnoch jetzt ist."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4944, "texte": "dem Gymnase, dem Theatre dem\ndes Nouveauteszu schreiben, und erhielt dadurch und durch\ndie Herausgabe mehrerer von diesen und ähnlichen Gesän-\ngen bereits einen gewissen Ruf und jene Popularität, welche\nnach und nach einen so hohen Gipfel erreichte, dass er in\ndieser Hinsicht alle seine Zeitgenossen in Frankreich über-\nflügelte.\nEr erzählte oft selbst mit grosser Heiterkeit von die-\nsen seinen ersten Erfolgen und seiner damals ziemlich be-\nschränkten ökonomischen Lage.\n„Ich bekam fünfzig Franken für die ganze Musik eines\nVaudevilles\", sagte er, „und war darüber sehr glücklich.\nMeissonnier, einer meiner ersten Verleger, fing gern alles,\nwas aus meiner Feder flog, auf. Einst fiel ein Singspiel,\nwozu ich auch die Musik gemacht hatte, jämmerlich durch;\nnur ein ziemlich artiges Liedchen entging dem verheeren-\nden Sturme. Am anderen Morgen kam Herr Meissonnier\nund gab mir fünfzig Franken für dieses Lied. Allein da es\nnicht mehr auf dem Theater gesungen wurde, so blieb es\nein Ladenhüter. Nach vier Wochen kündigte man ein neues\nStück mit Musik von mir an. „ „Lieber Adam,\" \" sagte\nMeissonnier, „ „hier sind fünfzig Frauken; bringen Sie Ihr\nLied, das ich zuletzt gedruckt habe, in dem neuen Vaude-\nville wieder mit an.\" \" Sehr gern! erwiderte ich, und\nacht Tage darauf wurde das Lied stürmisch beklatscht und\nda capo gerufen. „ „Lieber Adam, arrangiren Sie mir\ndoch das Ding als Bagatelle po \" Dabei legte er\nwieder fünfzig Franken hin. Nach vier Wochen kam er\nzum vierten Male: „ „Bitte, machen Sie mir doch aus dem\nLiedchen eine kleine Quadrille!\" \" und noch einmal lag\ndie alte Summe auf meinem Pulte. So brachte mir diese\nBluetle 200 Franken ein; wer war reicher als ich!\"\nAuf einer Erholungsreise nach der Schweiz lernte Adam\nScribe näher kennen und durchstreifte mit ihm die schön-\nsten Thäler und Berge des herrlichen Landes. Die Frucht\ndavon war Scribe's Vaudeville wozu\nAdam die Musik gemacht hatte.\nIm Jahre 1829 wurde seine erste Operette: Pierre\net Catherine,auf dem Theater der aufge-\nführt und erlebte über hundert Vorstellungen. Der Text\nwar von de Saint-Georges. Ihr folgte 1830 Daniloioa mit\nebenfalls gutem Erfolge; nach der Juli-Revolution eine po-\nlitische Burleske: Trois jours et wie heure, mit einer Pot-\npourri-Ouverture auf die Marseillaise und andere patrioti-\nsche Lieder; ferner Josephine ou le retour de Wagram\nbeide noch im Jahre 1830\"). Im folgenden Jahre gab\n*) In dem Verzeichnisse seiner Werke, welches Adam wenige\ner zwei einaclige Opern: d'Ensemble und Ca-\nsimir, und die dreiactige Le\nfrais communs.Der Erfolg der letzteren wurde durch den\nSchluss des Theaters der komischen Oper unterbrochen.\nHierauf ging Adam nach London, wo er im Jahre\n1832 zwei Opern schrieb: Ihe first Campagne in zwei\nund The dark Diamond (Der schwarze Diamant) in drei\nActen. Beide wurden auf dem Coventgarden-Theater unter\nLaporte's Direction aufgeführt; die erste erhielt Beifall, die\nzweite fiel durch. Im folgenden Jahre componirte er den\n„Faust\", ein grosses Ballet in drei Abtheilungen, das mit\nungeheurem Glänze auf dem King's Theatre (jetzt Her Ma-\njestifs Theatre) in Scene gesetzt wurde und bedeutenden\nErfolg hatte.\nIn demselben Jahre nach Paris zurückgekehrt, brachte\ner noch Le Proscrit—drei Acte ohne allen Erfolg*) und\nUm bonne forlune—ein Act—mit vielem Glück (über hun-\ndert Mal) auf die Bühne der komischen Oper.\nIm Jahre 1834 bat Herr Crosnier, damals Director\ndes komischen Opern-Theaters, Scribe um einen Operetten-\nText für das Auftreten des neu angestellten Sängers In-\nchindi. Scribe lieferte das Buch nach sechs Tagen ab, Cros-\nnier übertrug es Adam, und in zehn Tagen war die Parti-\ntur fertig. Sie gründete den Ruf des Componisten auf alle\nZeit; es war Le Chalet (Die Sennhütte). Adam begann mit\ndieser Composition, sich von der gar zu oberflächlichen\nNachahmung Auber's los zu machen und sich wieder mehr\nder älteren trefflichen französischen Schule der komischen\nOper, dem Stile seines Lehrers Boieldieu anzuschliessen.\nLeider hat er diesen Vorsatz nur noch in der nächsten\nPeriode seiner Production festgehalten; späterhin schuf er\nsich zwar eine Art von eigenem Stil, allein im Grunde war\nes doch nur eine Abart des Auber'schen und übertraf die-\nsen an Sorglosigkeit in der Erfindung und in der Factur.\nViele halten desshalb, und nicht mit Unrecht,\nfür sein bestes Werk.\nUeber die Composition desselben erzählte er selbst,\ndass er vier Tage lang keine Note hätte herausbringen\nkönnen, so sehr ihn auch der Text angesprochen. „End-\nlich\", fuhr er fort, „blätterte ich in meinem englischen\nBallet und stiess dabei auf ein Motiv, das zu der Trinkscene\n\nTage vor seinem Tode einem Freunde zusandte und welches\nin der Hernie et Gazette Mus., Nr. 19, abgedruckt ist, fehlen\ndiese zwei Werkchen; wahrscheinlich hielt er sie selbst für\nzu unbedeutend oder die Erinnerung daran im gegenwärtigen\nAugenblicke für ungeeignet.\n*) Auch diese Oper fehlt auf dem eben erwähnten Yerzeichv\nnisse von Adam selbst."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "173", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4003, "texte": "passte. Damit fing ich an zu arbeiten; es ging, und nach\nsechs Tagen war die ganze Musik fertig.\"\nDer Erfolg dieses kleinen, aber in der That reizenden\nWerkes, dessen Musik bei Weitern frischer, origineller und\nausdrucksvoller war, als alles Frühere, was er geschrieben,\nzog die Aufmerksamkeit der ganzen musicalischen Welt in\nParis in solchem Grade auf den Componisten, dass der\nNeid ihm die Urheberschaft streitig zu machen suchte. Man\nerfand und verbreitete folgendes Geschichtchen. Als Herold\ngestorben, sei Adam beauftragt worden, seine Partituren\nund seinen musicalischen Nachlass zu ordnen. Unter diesem\nhabe er Skizzen zu der unvollendeten Oper Ludovic ge-\nfunden und diese zu der Operette benutzt. Ab-\ngesehen von der äusseren Widerlegung, die sich ergab,\nmussten schon innere Gründe die Unwahrheit dieser ver-\nleumderischen Behauptung darthun; denn nichts ist ver-\nschiedener, als Herold's und Adam's Schreibart. Adam ist\ndurch und durch französisch, leicht, schmal, pikant, aller-\nliebst; bei Herold dringt deutsche Natur und Studium deut-\nscher Musik im Verein mit italiänischer Weise durch; er\nhat mehr Breite und Tiefe.\nAuf „Die Sennhütte\" folgten 1835 zwei einactige\nOperetten: La Marquise und Micheline; 1836 La Fille\ndu Danube(Das Donauweibchen), Ballet in zwei Abthei-\nlungen lür die grosse Oper, und der „Postillon von\nLonjumeau\" drei Acte in der komischen; endlich\nnoch eine Messe in F-dur.\nWer kennt nicht den berühmten Postillon mit seinem\nhohen b'}. Die Rolle war lür der» Tenoristen Chollet ge-\nschrieben. Sellen hat eine komische Oper der neueren Zeit\neine so schnelle und allgemeine Verbreitung über alle Büh-\nnen von Europa gefunden. Es offenbart sich darin ein aus-\ngezeichnetes Talent lür musicalische Darstellung komischer\nSituationen, feine Charakterzeichnung ohne Uebertreibung\nund Caricatur, geschmackvolle und kenntnissreiche Be-\nhandlung des Gesanges und des Orchesters und eine frische\nLebendigkeit der Erfindung. Adam hat aber auch wohl in\ndiesem Werke den Höhepunkt seiner Schöpfungskraft er-\nreicht; wenngleich in der grossen Reihe der folgenden\nWerke noch manches auftaucht, das Zetigniss von grossem,\nman möchte sagen trotz allem Auspumpen unerschöpf-\nlichem, Talente gibt, so hat er doch keinesfalls etwas Bes-\nseres geliefert, und wohl kaum etwas, das als Ganzes dem\nPostillon zur Seite zu stellen wäre.\nEin Ballet, „Die Mohikaner\", wurde im Jahre 1837\n»ach der ersten Vorstellung in der grossen Oper wieder\nzurückgezogen. In Berlin machte es späterhin mehr Glück.\n„Der treue Schäfer\" und namentlich „Der Brauer von\nPreston\", beide dreiactig, halten in der komischen Oper\nErfolg; das letztere Werk wurde auch in Deutschland\nhäufig gegeben. Sie waren 1838 geschrieben. Die Er-\nzeugnisse des folgenden Jahres: „Regina\" (zwei Acte) und\n„La reine d'un jour\"(drei Acte) wurden kühl aufge-\nnommen.\nAdam, etwas verdriesslich darüber nach Art der fran-\nzösischen jeweiligen Beherrscher der Bühne einer be-\nstimmten Gattung, verliess Paris und ging nach Petersburg.\nEr schrieb dort 1840 die Musik zu einem Ballet in zwei\nActen, konnte aber die kalte Luft, die dort weht, nicht\nvertragen und ging noch in demselben Jahre über Berlin\nnach Paris zurück.\nDer König Friedrich Wilhelm 111., der schon früher die\nWidmung der Partitur des Postillons von Lonjumeau ange-\nnommen hatte und ein Freund der Tanzkunst undßalletmu-\nsik war, übertrug ihm in Berlin die Composition eines Inter-\nmezzo's: „Die Hamadryaden\", welches zu einer zweiacti-\ngen Oper anwuchs und das letzte theatralische Werk war,\ndessen Aufführung der kunstliebende König veranlasste.\nDas Ganze wurde binnen zehn Wochen gedichtet, compo-\nnirt, ausgeschrieben, einstudirt und aufgeführt. Ob es ge-\ndruckt worden, wissen wir nicht. Im oben erwähnten Ver-\nzeichnisse von Adam kommt es nur als Ballet vor.\nNoch in demselben Jahre 1840 kehrte Adam nach\nParis zurück und schrieb die dreiactige Oper La Rose de\nPeronne, welche (ür die Abschieds-Vorstellung der Sänge-\nrin Damoreau-Cinti bestimmt war.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-05-31-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-05-31_01#c004", "volume": "bmtnabi_1856-05-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "173", "page_fin": "175", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.2.4", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. E", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "173", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.1.5", "debut_caractere": 4005, "fin_caractere_exclue": 4751, "texte": "Berliner Briefe.\n\n(Schluss. S. Nr. 21.)\n[Stern'scher Gesang-Verein - Sing-Akademie Di-\nlettanten-Verein Concerte Stockhausen\nFrau v. Bock.]\n\\\nEine wiederholte Aufführung des Elias durch den\nStern'schen Gesang-Verein, in der Fräul. Wagner die\nAlt-Soli sang, war namentlich von Seiten der Chöre mei-\nsterhaft. Eben so war die Aufführung der Matthäus-\nPassion und des C h e r u b i n i' sehen Requiem durch die\nSing-Akademie vorzüglich. Unter den Concerten ist\nferner eines Dilettanten-Concertes zu erwähnen, das in sei-\nner Art ebenfalls interessant und rühmenswerth war. Es\nbestehen hier zwei Orchester-Vereine, deren Mitglieder der\nMehrzahl nach höhere Beamte und Officiere sind; auch die\nLeitung ist in den Händen eines Officiers. Diese gaben zu"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "174", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5300, "texte": "wohlthätigem Zwecke und ohne öffentliche Ankündigung\nein Concert, dessen Ertrag, da die höchsten Kreise unserer\nGesellschaft sich daran betheiligten, sehr glänzend ausfiel.\nDie Ausführung war correct und sicher. Auch die Solo-\nLeistungen wurden fast sämmtlich von Damen und Herren\nder haute volee ausgelührt; wir lernten namentlich schöne\nund gut ausgebildete Stimmen kennen. Ich übergehe die\nunbedeutenderen Concerte und erwähne in Bezug auf sie\nnur summarisch, dass namentlich die Herren v. Bülow\nund Laub, der Tenorist Herr Otto und der Bassist Herr\nSabbath, so wie die Sängerinnen Parisotti, de Vil-\nlar und Hiegemann, wenn auch nicht mit gleichen An-\nsprüchen auf Ruhm, so doch Keiner von ihnen ganz un-\nrühmlich, darin hervortraten. Mir bleibt jetzt noch übrig,\nüber Herrn Stock hausen und Frau v. Bock, so wie\nüber verschiedene Opern-Gastspiele zu berichten.\nSie werden mein Urtheil über Herrn Stock hausen\nvielleicht parteiisch oder wenigstens allzu streng finden.\nDie ganze Tagespresse schwärmt vor Begeisterung; doch\ndas würde wenig sagen; es ist das Publicum der grossen\nStädte, und zwar das gebildete Publicum, das ihn mit sei-\nnem schwer zu erlangenden Beifalle belohnt. Es fällt mir\nnicht ein, zu läugnen, dass Herr Stockhausen sehr viele\nseltene Eigenschaften besitzt; aber gerade bei bedeutenden\nErscheinungen, zu denen wir ihn in gewissem Sinne rech-\nnen, ist es Pflicht der Kritik, den höchsten Maassstab an-\nzulegen; denn das Bedeutende droht stets für geraume Zeit\ndie ganze Kunst-Anschauung zu verrücken. Herr Stock-\nhausen ist ein sehr gebildeter, aber dennoch kein idealer\nSänger; und gerade solche Individualitäten fordern die Kri-\ntik heraus; denn das Unbedeutende bedarf kaum derselben.\nWir sind heutzutage unter den Sängern mit den Sän-\ngerinnen steht es im Ganzen besser, wohl weil der weib-\nliche Organismus dem Gesänge viel günstiger ist—so viele\nUngeschliffenheit und Ungeschicktheit gewohnt, dass eine\nso glatte, gewandte, liebenswürdige, bis zu einem gewissen\nGrade auch seelenvolle Art, zu singen, wie Herr Stockhau-\nsen besitzt, mit Recht Aufsehen erregt und ungewöhnli-\nchen Beifall findet. Bliebe es dabei, so wäre nichts zu sa-\ngen; aber die gewöhnliche Folge ist, dass das Urtheil nun\nan dieser Erscheinung haftet, sie für ein Ideal erklärt, ge-\ngen Anderes ungerecht wird—und dagegen protestiren wir.\nBetrachten wir zunächst den Gesang des Herrn Stockhau-\nsen, ganz abgesehen vom Vortrage, als reinen Gesang. Fast\nJeder macht die Bemerkung, dass Herr Stockhausen wenig\nKraft, wenig eigentlichen Klang im strengen Sinne des\nWortes besitzt. Manche sagen, er habe wenig Stimme,\nsinge aber vortrefflich. Andere fühlen sich gerade durch\nden sinnlichen Reiz seines Gesanges gefesselt. Dieses ist\neinfach dadurch zu erklären, dass sinnlicher Reiz auch bei\nwenigem Klange sehr wohl denkbar ist. Denn das eigent-\nlich Klangvolle entsteht durch Concentration, durch festes,\nenergisches Zusammenhalten des tönenden Luftstromes;\ndarin liegt Ernst, Männlichkeit. Dem concentrirten Tone\nist der aufgelöste, weiche, duftige entgegengesetzt; und\ndarin liegt Anmuth, Lieblichkeit, Sinnlichkeit. Wir glauben\nHerrn Stockhausen richtig charakterisirt zu haben, wenn\nwir sagen, dass sein Gesang mehr in der Hervorbringung\nweicher, lieblicher, als energisch klangvoller Töne besteht;\nder glänzende, funkelnde Metallklang, der durch concentrir-\nten Athem entsteht, ist seine Sache nicht. Wer der Tech-\nnik des Gesanges weniger nahe steht, glaubt meistens, die-\nser Klang sei Naturgabe und durch keine Kunst erreichbar*\nDem ist aber nicht ganz so. Die Technik vermag nicht Al-\nles, aber sie vermag Vieles. Darauf kommt es indess auch\nweniger an, ob Jemand eine Eigenschaft nicht hat erreichen\nwollen oder nicht hat erreichen können; die Hauptsache\nist—und das grosse Publicum hält sich auch immer nur an\ndas Resultat —, wie sich die vortretende Leistung zum\nIdeal der Kunst verhält. Erinnern Sie Sich der Stellen aus\nMozart's Violinschule, die Sie kürzlich bei Beurtheilung der\nJahn'schen Biographie mittheilten. Wir stimmen nicht ganz\nmit dem alten Mozart überein; er betont uns in biederer,\nalter Weise, die allerdings den festen Grund und Boden\njeder wahrhaften Künstlerschaft bildet, gar zu einseitig das\nKräftige, Männliche. Aber darin liegt das eine Element,\ndas uns in keinem wahrhaften Kunstwerke fehlen darf. Wie\nin der Composition selbst, so ist auch im Gesänge und in\njeder Instrumental-Leistung das Uebergehen aus dem Flüs-\nsigen in das Feste, die Vereinigung des Kernigen mit dem\nSchmelzenden das wahre Geheimniss lebensvoller Schönheit.\nHerr Stockhausen singt flüssig, er vermeidet alle Ecken\nund Härten; aber er bringt es zu keiner festen Gestalt;\nseinem Gesänge fehlt alles Plastische. Wenn man ihm das\nhöchste Lob spenden wollte, so könnte man sagen, es sei\netwas Aetherisches in seinem Gesänge; aber auch der Aether\nist ohne die fest gegründete Erde nichts. Auch in der Com-\nposition neigt die Gegenwart dazu hin, alle plastischen For-\nmen in Duft und Dunst aufzulösen. Wir leben im Zeitalter\nder Romantik, und das Wesen der Romantik besteht in\nder Sehnsucht zum Verschwimmenden, Nebelhaften, Unbe-\nstimmten. Am weitesten ist dieses Streben durch Wagner\ngetrieben, der mit Bewusstsein und Absicht die Form zer-\nstört. Auch Herr Stockhausen ist Romantiker; gleich un-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "175", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1711, "texte": "Seren modernen Musikern fühlt er sich in der Kunst der\nUebergänge wohler, als in der festen Gliederung und Ge-\nstaltung. Abgesehen davon, erkennen wir namentlich die\nbedeutende Coloraturfertigkeit, die Register-Ausgleichung\nund den zarten Ansatz der hohen Töne an (obgleich wir\nüber den letzterwähnten Vorzug im Zweifel sind, ob er ein\nVorzug ist, ob nicht gerade diese Kunst des in der\nHöhe die Stimme schwächt und entnervt; doch würde uns\neine nähere Auseinandersetzung dieses Punktes hier zu\nweit führen); wir erkennen ferner an, dass der Vortrag des\nHerrn Stockhausen oft sehr liebenswürdig und sinnig ist.\nAm meisten befriedigten uns zwei Arien von. Boieldieu;\nwir würden sie vollendet nennen, wenn uns nicht die Com-\npositionen etwas fremd wären, so dass wir darum mit un-\nserem Urtheile zurückholten. Auch in einzelnen Liedern\nvon Schumann, Schubert und Mendelssohn berührte uns\ndie Auffassung und Ausführung auf das angenehmste. Da-\ngegen in einzelnen Müllerliedern von Schubert und in der\nArie aus dem Paulus brachte es Herr Stockhausen nicht\nzu dem Ernste der Empfindung, der in der Musik liegt;\nihm fehlte dort die Kraft der Leidenschaft, hier der männ-\nliche Ernst. Frau v. Bock (Schröder-Devrient)unterstützte\nHerrn Stockhausen und fand gleich ihm rauschenden Bei-\nfall. Wir möchten nicht kritisiren; aber diese Sängerin ge-\nhört der Kunstgeschichte an und braucht kein Urtheil zu\nscheuen. In Einem Worte würden wir unser Urtheil so\nzusammenfassen, dass die Lebendigkeit ihrer Declamation\noft den musicalischen Zusammenhang zerreisst. So begei-\nsternd und anregend ihr Vortrag meistens ist, ein Ideal\nkönnen wir auch hierin nicht finden.\nUeber die Opern-Gastspiele in meinem nächsten Briefe.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-05-31-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-05-31_01#c005", "volume": "bmtnabi_1856-05-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "175", "page_fin": "176", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "175", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.1.7", "debut_caractere": 1713, "fin_caractere_exclue": 6343, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n14öln. Vergangenen Sonntag, den 25. d. Mts, gab der köl-\nner Männergesang-Verein unter Leitung seines Dirigenten\nFranz Weber ein Concert im grossen Casinosaale zum Besten\nder „Allgemeinen Landesstiftung als Nationaldank für vaterländische\nKrieger'4. Unter mehreren bereits öfter gehörten Gesängen, deren\nVortrag mit bekannter Vollendung ausgeführt wurde, brachte das\nProgramm als etwas Seltenes und Erfreuliches zwei von den fri-\nschen, in Italien geschriebenen Liedern von F. Hill er für Solo-\nSopran mit Männerchor, in denen Fräul. Nina Hartmann die\nSolo-Partie sang und die Schwierigkeiten derselben, besonders in\nden Trillern, auf lobenswerthe Weise überwand, wenngleich die\ngrosse Gewandtheit und Sicherheit, wir möchten sagen: Keckheit,\nwelche der Vortrag dieser Compositionen fordert, noch vermisst\nwird. Ausserdem gefiel auch eine Neuigkeit, eine Melodie für Ba-\nriton (Herr DuMont-Fier) und Brummstimmen, genannt „Der\nGondolier\", von Müller von der Werra, componirt von Franz\nWTeber. Leider ist das Gedicht gar zu fade, besonders der letzte\nVers. Herr Alfred Jaell, der uns Tags darauf verlassen hat, um\nnach Frankfurt am Main zu gehen, unterstützte das Concert durch\nzweimaliges Spiel. Da er dasselbe vortrug, was wir in seiner Soiree\ngehört hatten, so brauchen wir uns nicht ebenfalls zu wiederho-\nlen (s. Nr. 19). Einen schönen Genuss gewährte der Vortrag des\nvon Beethoven durch die Herren Pixis, Derckum,\nPeters und B. Breuer.\nAm Dinstag, den 27. d. Mts., gab Herr Julius Stockhau-\nsen eine Soiree im gelben Saale des Casino. Er sang die Arie\ndes Seneschall aus Johann von Paris, drei Lieder aus der schönen\nMüllerin von F. Schuberl, ein Duett aus Don Pasquale mit Frau\nMampe-Babnigg, das Schilflied von Mendelssohn, das Wirths-\nhaus am Rhein von F. Hiller, die Mondnacht und die Frühlings-\nnacht von R. Schumann. Als Liedersänger, so wie im Vortrage\nkomischer Dramatik ist Stockhausen ausgezeichnet; die Gewandt-\nheit der Technik, das anmuthige Spiel mit vollendet hervorgebrach-\nten Verzierungen sind bewundernswürdig. Am gelungensten war\nder Ausdruck ia den Liedern, besonders in dem Mendeissohn'schen\nund den beiden Schumann'schen. Herr Johann Brahms spielte\nBach's chromatische Phantasie und Beethove n's 32 Variationen\nüber ein Thema aus C-moll mit einer solchen Gediegenheit, Klar-\nheit, musicalischen Reife und künstlerischen Ruhe, dass wir eine\nwahre Freude daran hatten.\nIn Düsseldorf, in Elberfeld, in Barmen, in Bonn hat\nJulius Stock hausen in dieser und in der vorigen Woche eben-\nfalls zahlreich besuchte Goncerte gegeben. In Barmen (den 22. d.\nMts.) unterstützten ihn G. II ei necke und der Violinist Franz\nSeiss, der sich gegenwärtig dort niedergelassen hat; Stockhausen\nsang daselbst ausser den oben erwähnten Liedern und der Arie\naus Johann von Paris auch die Gondoliera „0, komm zu mir\" von\nG. Reinecke und die Arie „Gott sei mir gnädig44 aus „Paulus44 von\nMendelssohn.\n*** Cotolesiz, 18. Mai. Gestern fand ein geistliches Con-\ncert in der Hof- und Garnison-Kirche Statt, welches Ihre König-\nliche Hoheit die Frau Prinzessin von Preussen zum Vortheil der\nStadtarmen huldvoll veranstaltet hatte. Es bestand nur aus Vocal-\nmusik, theils kirchlichen Chorgesängen (Psalm 95 von J. S. Dupuis\naus dem Jahre 1760, Motette von M. F. Köhler, „Ehre sei Gott44\naus der Liturgie, „Alle die tiefen Qualen44 von Ant. Lotti, Kirchen-\nchor aus dem fünfzehnten Jahrhundert, Ave verum), theils Solo-\nVorträgen (die erste Tenor-Arie aus dem Messias, die Kirchen-Arie\nvon AI. Stradella, „0 süsses Licht44 aus Samson, Arie „Dann wer-\nden die Gerechten leuchten44 aus Elias und die Cavatine „Sei ge-\ntreu44 aus Paulus). Die Chöre wurden vom Militär-Sängerchor un-\nter Direction des Herrn Wagner ausgeführt, die Solo-Vorträge\nvon Herrn Kammersänger E. Koch aus Köln. Die sympathische\nStimme und der edle Vortrag desselben machten einen tiefen Ein-\ndruck auf alle Zuhörer. Ihre Königliche Hoheit die Frau Prinzessin\nvon Preussen geruhten Herrn Koch zur Soiree auf das Schloss zu\nbefehlen und dem trefflichen Sänger in den gnädigsten Ausdrücken\nHöchstihren Beifall zu bezeigen, was die hohe kunstverständige\nFrau nach dem Vortrage mehrerer Lieder wiederholte. Der Hof-\nmarschall Ihrer Königlichen Hoheit übergab dem Künstler in\nHöchstdero Namen eine schwere goldene Brustnadel mit einem\nprachtvollen Türkis.\nIn Bückeburg (am 7. d. Mts.) und in Minden (am 24.)\nhaben Fräulein Geisthardt, Herr Nie mann (Tenor), Herr\nFr. Devrient und Herr Kömpel (Violinist, Schüler L. Spohr's),\nsämmtlich Mitglieder des k. Hoftheaters und der k. Capelle in\nHannover, zwei Goncerte „zu mildem Zwecke\" gegeben."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "176", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3525, "texte": "Das magdcburger Musikfest wird unter der Direclion der\nHerren: Hof-Capellmeister Franz Abt, Henry Litolff aus\nBraunschweig und Musik-Director Mühling aus Magdeburg und\nunter Mitwirkung von Frau Sophie Förster aus Dresden, Frau von\nMilde aus Weimar, Fräul. Michal aus Stockholm, Signora Parisotti\naus Rom, Fräul. Schreck aus Erfurt, Herrn Aloys Ander aus Wien,\nHerrn Julius Reer aus Coburg, Herrn von Milde aus Weimar,\nHerrn Krause aus Berlin, Herrn Karl Müller aus Braunschweig,\nHerren Singer und Cossmann aus Weimar und einem über 500\nPersonen starken Sänger-Personale und Instrumental-Orchester,\nletzteres zusammengesetzt aus den Capellen von Berlin, Braun-\nschweig, Leipzig, Weimar und Magdeburg, in den Tagen vom 12.\nbis 14. Juni Statt finden.\nDas Programm bestimmt am ersten Tage, in der St.-Johannis-\nKirche: Sinfonie G-dur von Mozart und „Die Schöpfung\", Orato-\nrium von Joseph Haydn; am zweiten Tage, in der Central-Halle,\nunter Anderem: Ouvertüre zu „Santa Chiara\" von Sr. Hoheit dem\nHerzog Ernst von Coburg-Gotha, Arie und Chor aus derselben\nOper, IV. Symphonie-Concert für Pianoforte und Orchester, com-\nponirt und vorgetragen von Henry Litolff; am dritten Tage:\nOde auf St. Cäcilia's Tag von G. F. Händel, Ouvertüre zum Frei-\nschütz von Carl Maria von Wreber und IX. Sinfonie von L. van\nBeethoven.\nAm vierten Tage findet im Concertsaale der Harmonie-Gesell-\nschaft noch eine Matinee musicale Statt.\nMan schreibt aus Lille: „Der seit anderthalbem Jahre von\nHerrn Emil Stein kühler gegründete und geleitete Sing ver-\nein für ernste Musik hat das Problem gelös't, in Frankreich einen\nDilettanten-Verein aus den höheren Ständen zu wirklichen Gesang-\nStudien behufs Einübung classischer Compositionen zu Stande zu\nbringen, und dadurch der Kunst einen besseren Dienst zu leisten,\nals viele andere Gesellschaften, die mehr dem Zeitgeschmack hul-\ndigen, als dem WTahren und ewig Schönen. Die 55 Versammlun-\ngen, unter denen in diesem Winter jeden Monat eine öffentliche\nAufführung vor einem eingeladenen Publicum, haben die Lebens-\nkraft dieser Societe chorale de Ste. Cecile glänzend bewährt. Das\nProgramm der letzten (den 16. Mai) brachte Gloria und Agnus Dei\naus Mozart's 2?-</wr-Messe, sechs Nummern aus Händel's Judas\nMaccabäus, den Chor der Winzer aus Haydn's Jahreszeiten, die In-\ntroduction aus dem Stabat und das Gebet aus Moses von Rossini\nu. s. w. Ein Ave verum und „Die Rückkehr des Frühlings\" (Chor\nmit deutschem Texte) von der Composition des Herrn E. Stein-\nkühler gefielen allgemein; überhaupt war die ganze Aufführung\nein schöner Erfolg, ein verdienter Lohn des Herrn Dirigenten.\nWir sind ihm und dem Vereins-Vorstande Herrn L. Danel die\ngrösste Anerkennung schuldig.\"\nDeutsche Tonhalle,\nZur Beurtheilung der in Folge unseres Preis-Ausschreibens we-\ngen des Männergesanges „Gott, Vaterland, Liebe\" vorgelegenen\nvierzig Bewerbungen waren als Preisrichter erwählt: Herr Hof-\nCapellmeister Y. Lachner, Herr Hof-Musik-Director C. A. Man-\ngold und Herr General-Musik-Director Dr. L. Spohr.\nDer Preis wurde keinem dieser Werke zuerkannt; einstimmig\nbelobt aber wurde das des Herrn Ludwig Liebe in Strassburg.\nWegen Rückverlangens oben gedachter Werke, binnen längstens\nsechs Monaten von heute an, wotle sich nach den Vereins-Satzun-\ngen (14i) gerichtet werden, welche wir auf kostenfreies Begehren\neben so abgeben.\nDie wegen des Preises für einen Schillerfest-Gesang eingekom-\nmenen sieben Bewerbungswerke senden wir heute den dafür er-\nwählten Herren Preisrichtern zu.\nMannheim, den 3. Mai 1856. Der Vorstand,"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDas 34. niederrheinische Musikfest in Düsseldorf. 11. Von L. Bise ho ff. Adolf Adam. Biographische Skizze. I. Von\nL. B. - Berliner Briefe (Stern'scher Verein Sing-Akademie Dilettanten-Verein Concerte Stockhausen Frau v. Bock). Von\n<i. E. Tages- und Unterhalt ungsblatt (Köln, Concert des Männergesang-Vereins, Soiree von J. Stockhausen, Job. Brahms\nConcerte von J. Stockhausen Geistliches Concert in Coblenz Minden Magdeburger Musikfest Steinkühler's Singverein in Lille).\n\nDas 34. niederrheinische Musikfest in Düsseldorf.\nII.\n(S. I. Nr. 20.)\nDas Oratorium Elias von F. Mendelssohn-Bar-\ntholdy war noch auf keinem niederrheinischen Musikfeste\naufgelührt worden. Es war mithin Sache der Pietät gegen\nden Componisten, der eine ganze Reihe von unseren Festen\ndirigirt hatte (1833, 1835, 1836, 1838,1839,1842,\n1846), dasselbe zu wählen. Die Stadt Düsseldorf, in wel-\ncher er einige Jahre persönlich gewirkt, seinen „Paulus\"\ngeschrieben und zuerst (1836) aufgelührt hatte, musste\nnoch ganz besonders sich dazu aufgefordert fühlen.\nBekanntlich wurde der Elias zum ersten Male zu Bir-\nmingham am 26. August 1846, gerade zehn Jahre\nnach der ersten Aufführung des Paulus, gegeben. Er hatte\nauf der Stelle grossen Erfolg, obwohl zwischen die Schö-\npfung am ersten und den Messias am dritten Tage des\nFestes gestellt. Die Aufführungen in London im April\n1847 (drei Mal hinter einander in Exeter Hall) steigerten\ndie Anerkennung des Werkes, und seitdem hat sich der\nRuf desselben bei dem Publicum in England so stark be-\nfestigt, dass es in den Concerten der grossen Musik-Gesell-\nschaften in London jährlich aufgeführt wird, und dass fast\nauf allen Musikfesten Händel's Messias und Mendelssohn's\nElias stehende Rubriken des Programms sind. Diese That-\nsache darf die Geschichte der Musik nicht mit Stillschwei-\ngen übergehen.\nIn Deutschland hatte Anfangs der Elias nicht überall den\ngleichen Erfolg, am wenigsten bei der Kritik. Die Aufführun-\ngen desselben fielen in die aufgeregte Zeit der Jahre 1847\nbis 1849; manche Stimmen hatten schon früher im Geiste\nder gährenden Zeit eine Reactiori gegen die Oratorien über-\nhaupt angefacht, vor welcher denn natürlich der Elias keine\nGnade fand. Der ihn geschaffen, war nicht mehr unter den\nLebenden. „Steiniget ihn!\" konnte man ihm nicht mehr\nzuschreien; so rief man wenigstens gegen seinen Schatten :\n„Weg, weg mit dem!\" Der Elias musste durch diese Pe-\nriode hindurch; jetzt noch läugnen zu wollen, dass er sie\nüberwunden habe, hiesse der historischen Wahrheit Hohn\nsprechen.\nAuch war das Urlheil des deutschen Publicums von\nAnfang an theilweise sehr verschieden von den dilatori-\nschen Aussprüchen einzelner Kritiker. Die erste Auffüh-\nrung in Deutschland fand Statt zu Köln, Sonntag, den 29.\nAugust 1847, also noch zwei Monate vor Mendelssohn's\nTode. Der Musik-Director Franz Weber hatte dazu die\nmusicalischen Kräfte Kölns vereinigt, und unter seiner Lei-\ntung wurde das Werk mit Begeisterung ausgeführt und\neben so von dem zahlreich versammelten Publicum aufge-\nnommen. Nur äussere Umstände hinderten eine allgemein\nverlangte Wiederholung. Nächstdem folgten die Aufführun-\ngen in Hamburg Anfangs October, in Berlin durch die\nSing-Akademie am 2. November, in Wien am 15. Novem-\nber 1847, in Leipzig am 3. Februar 1848.\nDie Aufführung in Hamburg fertigte ein Correspon-\ndent der leipziger „Neuen Zeitschrift für Musik\", Herr Th.\nHagen, in Nr. 34 vom 25. October 1847, mit folgenden\nWorten ab: „Das Oratorium Elias hat hier eine pracht-\nvolle Aufführung erlebt, wie es die grossen Mittel und\nKrebs' Talent erlaubten, und doch ist die Masse kalt ge-\nblieben, und doch hat man das Verdammungs-Urtheil der\nLangenweile darüber ausgesprochen. Ich will mir hier kein\nUrtheil über die Musik erlauben, aber entschieden muss\nich mich gegen die Aufwärmung und Ausarbeitung solcher\nIdeen aussprechen, die unserer Zeit nicht mehr angehören.\nWollt Ihr Kirchenmusik ohne Kirchen, Glaubensmusik ohne\nGlauben: gut; aber wendet Euch nicht an das Volk; es"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "170", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.1.2", "texte": "kann Euch ja doch nur dann verstehen, wenn es eben wie-\nder Kirchen, wieder Glauben hat.\" Dies war der Ton,\naus welchem von der Fortschritts-Partei gepfiffen wurde.\nWir wollen unsererseits jetzt nicht auf die Rechtferti-\ngung der Gattung eingehen; auch haben wir vor nicht lan-\nger Zeit bei Gelegenheit der Besprechung von Reinthaler's\nOratorium Jephta unsere Ansicht darüber ausgesprochen\nund müssen darauf verweisen (siehe Nr. 21 des Jahrgangs\n1855, vom 26. Mai). Für heute genügt es, die Thatsache\nfestzustellen, dass die Zuhörerschaft in Düsseldorf bei der\ndiesjährigen Aufführung des Elias nichts weniger als kalt\nblieb, sondern von den Schönheiten des Werkes, welche\ndie Mängel desselben bei Weitem überwiegen, überall er-\ngriffen, von den Chören aber namentlich zu so lautem Bei-\nfalle unwillkürlich hingerissen wurde, wie man ihn sonst\nnur noch bei hervorragenden Leistungen einzelner Kunst-\nVirtuosen zu hören gewohnt ist. Und diese Zuhörerschaft\nwar wahrlich keinTheater-Publicum! sie bestand wohl zur\nHälfte aus wirklichen Kennern und zur anderen aus sehr\ngebildeten Kunstfreunden. Einem solchen Erfolge gegen-\nüber behaupten zu wollen, das Oratorium habe sich über-\nlebt, wäre eine beispiellose Anmaassung. Was ist denn das\nLeben eines Kunstwerks Anderes, als dass es die Seele\ndes Hörers oder Beschauers mit der Idee, die es ausspricht,\nerfüllt und dadurch auch den Menschen lebendig macht?\nDie Ausführung war unter Rietz' Leitung überall, wo\ndie erforderlichen Kräfte vorhanden waren, vortrefflich, also\nvor Allem in den grossen Musikstücken, in denen Chor und\nOrchester zusammenwirkten. Die Solisten griffen ganz gut\nin die Harmonie des Ganzen ein, ja, zum Theil verherrlich-\nten sie die Aufführung. Fräul. Therese Tietjens vom\nHof-Opern-Theater in Wien sang die grösseren Nummern\nder Sopran-Partie; sie glänzte besonders in der Arie\n„Höre, Israel!\" wo sie vorzüglich im Allegro die Macht\nihrer vollen, frischen, jugendlichen Stimme, von feurigem\nund correctem Vortrage gehoben, entwickelte. Ihre Mittel\nsind vortrefflich; die Stimme hat bedeutenden Umfang, ist\ngut ausgeglichen, verbindet auch in der Höhe Kraft mit\nWohllaut und ist glücklicher Weise in dieser Region noch\nfrei von jener kreischenden Schärfe, welche bei manchen\nberühmten Sängerinnen wehe thut. Intonation und Aus-\nsprache sind lobenswerth, und das Streben, den Anforde-\nrungen vollkommener Ausbildung der technischen Fertige\nkeit gerecht zu werden, ist nicht zu verkennen. Den er-\nsten Sopran in den kleineren Ensemblestücken sang Fräul.\nLouise Thelen aus Düsseldorf; ihre zwar nicht grosse,\naber ungemein liebliche Stimme wirkte, verbunden mit ge-\n(ühlvollem Ausdrucke, sehr schön, namentlich in dem „ Hei-\nlig\" im zweiten Theile des Oratoriums. Fräul. Ida Dan-\nnemann aus Elberfeld befriedigte in denselben Stücken\nals zweiter Sopran; besondere Auszeichnung verdient ihr\nVortrag der kleinen Partie des Knaben.\nFrau Hoffbauer-Findorf aus Halberstadt, eine\nRheinländerin aus einer sehr musicalischen Familie in Cre-\nfeld, nahm vorzugsweise durch ihre wunderschöne Alt-\nstimme die Theilnahme in Anspruch. In dieser Stimme,\nwelche vom kleinen gbis zum zweigestrichenen gleich\nvoll und wohllautend ist, liegt ein merkwürdiger Reiz, und\nes ist schade, dass ihn die Kunst nicht zu einem unwider-\nstehlichen Zauber ausgebildet hat.\nHerr Karl Schneider vom Stadttheater zu Leipzig\nhat den Beifall, den er sich durch sein schmelzendes Organ,\nkünstlerische Auffassung und geschmackvollen Vortrag be-\nreits beim vorjährigen Musikfeste hier am Rheine erwor-\nben, durch seine Leistungen am diesjährigen noch bedeu-\ntend gesteigert. Mit Vergnügen bemerkten wir, dass\nseine Stimme an Stärke gewonnen hat; sie füllte den gros-\nsen Raum vollkommen aus, wozu freilich die echte Tenor-\nfarbe derselben viel beiträgt. Er hob die eben nicht vor-\nzugsweise vom Componisten bedachte Tenor-Partie\nsehr durch seinen Vortrag, und es fehlte nicht an Aeusse-\nrungen im Publicum, dass ihm am ersten Tage unter dert\nSolisten der Preis zukomme.\nDas Letztere wird freilich den unbedingten Bewunde-\nrern des Herrn Julius Stock hausen unbegreiflich sein,\nund es kann auch kein Zweifel darüber obwalten, dass\nStockhausen an technischer Meisterschaft in Behandlung\nder Stimme seine künstlerischen Festgenossen alle über-\ntraf, und überhaupt wohl nur Wenige seines Gleichen fin-\ndet. Allein die Partie des Elias war nicht geeignet, diese\nindividuelle Meisterschaft zu zeigen; sie verlangt einen Ora-\ntoriensänger, der, im ganzen ersten Theile wenigstens, auch\ndes dramatischen und des im höchsten Grade energischen\nAusdruckes fähig ist, und dafür fehlte der Klang und die\nKraft der Stimme. In Folge dessen konnte auch über\ndie Auffassung des Charakters des Elias kein sicheres Ur-\ntheil gefällt werden; denn selbst vorausgesetzt, dass eine\ngeistige Durchdringung der Partie bei dem Sänger Statt\ngefunden, so konnte doch ihr Ergebniss nicht zur Erschei-\nnung kommen, weil diese an der Unzulänglichkeit des Ma-\nterials scheiterte, welches sich zu keinem heroischen, ge-\nschweige denn fanatischen Pathos hergibt. Die lyrischen\nStellen in dem zweiten Theile wurden dagegen sehr schön\nvorgetragen, besonders in der Arie aus „Es ist"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.1.3", "texte": "genug\" und in einigen Recitativen. Leider hat die Beur-\ntheilung von Künstler-Leistungen nicht nur bei dem gros-\nsen Haufen, sondern bedauernswürdiger Weise selbst bei\nKünstlern heutzutage alles Maass verloren. Während die\nunverschämteste Lobhudelei Keinem mehr die Rothe ins\nAntlitz jagt, wird ein begründeter Tadel, oder auch nur\neine einfache Darlegung dessen, was die Natur versagt hat,\nohne alle Prüfung von denen, die für irgend einen Götzen\nschwärmen, verfehmt und verketzert und was vollends\nunverantwortlich ist—nicht in die Wagschaie neben der\nebenfalls ausgesprochenen grössten Anerkennung gelegt,\nsondern wie ein Schwert des Brennus als ganz und gar\nAlles überlastend hineingeworfen!\nomnes! d. h.: Alles in Allem zu sein, ist Wenigen oder\nKeinem gegeben. Wie viele vortreffliche Zerlinen können\ndie Donna Anna singen und spielen, und umgekehrt? Es\ngibt ferner zwei Arten von Enthusiasmus für tonkünstleri-\nsche Leistungen, die beide verwerflich sind: der eine für\ndas rohe Material, der andere für die Virtuosität. Wir se-\nhen in Stockhausen eine höchst willkommene und durch-\nschlagende Protestation gegen den ersteren; mögen seine\nBewunderer es nicht so weit treiben, dass sie ihn zum\nMärtyrer des letzteren machen!\n\nAdolf Adam.\nAdolf Karl Adam wurde den 2. Juli 1803 zu\nParis geboren. Sein Vater, Louis Adam, war Pianist und\nMusiklehrer von grossem Rufe, Letzteres besonders lür Har-\nmonielehre und Ciavierspiel; über beide Fächer sind auch\nmethodische Werke von ihm erschienen, welche au ihrer\nZeit sehr geschätzt wurden. So lebte denn Adolf von Kind-\nheit an in musicalischer Luft und erhielt im väterlichen\nHause selbst den ersten Unterricht in der Tonkunst.\nSeine Schulbildung erhielt er auf dem\nbon. Er zeichnete sich hier keineswegs aus, am wenigsten\ndurch Fleiss, wie er denn überhaupt keine besondere Nei-\ngung zu ausdauernden Studien hatte. Auch mögen die\nHerren Professoren, wie das so manchmal geht, seine na-\ntürlichen Verstandes-Anlagen verkannt haben; sicher ahn-\nten sie nicht, dass er einst auch als Schriftsteller auftreten\nwürde. Da nun sein Vater sah, dass es mit der wissen-\nschaftlichen Laufbahn nichts werden würde, so nahm er\nihn vom Gymnasium zurück und bestimmte ihn, Musiker\nzu werden. Um diese Zeit kam Herold, dessen Pathe L.\nAdam war, aus Italien zurück, und Adolf schloss mit ihm\nein Freundschafts-Bi'mdniss, das bis zu Herold's Tode ein\nfestes und herzliches blieb und von grossem Einflüsse aut\nAdolfs musicalische Entwicklung war.\nEben hatte Boieldieu seineClasse für Compositions-\nlehre auf dem Conservatoire gegründet. Adolf Adam und\nTheodor Labarre wurden seine Schüler und bald seine\nLieblinge, so dass er sie sehr häufig zu Tische zog und sie\nbei seinen Composilionen zur Ausarbeitung und Ausfüllung\nbenutzte eine treffliche Schule lür die praktische Hand-\nhabung der musicalischen Formen*). In Harmonie und\nContrapunkt genoss Adolf den Unterricht von Reicha.\nZwanzig Jahre alt, erhielt er bei der Preisbewerbung eine\nehrenvolle Erwähnung und im folgenden Jahre einen zwei-\nten Preis. Allein in gewisser Hinsicht ging es auf dem Con-\nservatorium eben so, wie früher auf dem Gymnasium, nur\ndass die Professoren allerdings das grosse Talent lür Musik\nin dem jungen Manne erkannten. Jedoch zur Fortsetzung\nder systematischen Studien bis zu einer dritten Prüfung\nund Bewerbung um den ersten Preis konnte sich Adolf\nnicht entschliessen. Das wurde ihm zu langweilig; es\ndrängte ihn die Lust zum Schaffen. Zwar wollte er sich\neigentlich zum Organisten ausbilden; aber es schwirrten\nihm immerwährend eine Menge Melodieen im Kopfe herum,\ndie nicht eben zu Fugen-Themas passten und doch ins\nLeben wollten. Er lühlte ganz richtig, dass nur das Theater\nihnen dieses Leben verleihen könne, und entschloss sich\nkurz, eine Stelle im Orchester des anzunehmen.\nEr wurde—Paukenschläger.\nNun war der erste Schritt auf der Laufbahn, zu der\nihn die Natur bestimmt hatte, gethan. Er war in seinem\nElemente; er lernte die beliebtesten Vaudeville Dichter ken-\nnen und konnte hier und da eine Melodie anbringen. Er\nfing nun auch an, Romanzen, Chansons und kleine Stücke\nlür Pianoforte zu schreiben. Ein Lied in dem Vaudeville\nPierre et Marie erwarb ihm am 6. Januar 1824 seinen\nersten Erfolg auf der Bühne (Von da an erhielt\ner eine Menge Aufträge, Musik zu den kleinen Stücken auf\n\n*) Man erzählt, dass am Tage vor der ersten Vorstellung der\n„Weissen Dame\" Boieldieu noch nichts von der Ouvertüre\naufgeschrieben hatte. Er nahm seine beiden Lieblingsschüler\nmit sich zu Tische, setzte sich beim Kaffee ans Pianoforte\nund phantasirte über einige Motive der Oper. Dann sprang\ner auf und rief: „Jetzt wollen wir die Ouvertüre schreiben!\nIch mache das Andante, du, Labarre, den Anfang des Alle-\ngro, nach dem Motiv, das ich eben gespielt habe, und du,\nAdam, den Mittelsatz.\" So sei die Ouvertüre entstanden, und\nhabe dermaassen gefallen, dass Boieldieu, der sich Anfangs\nvorgenommen, sie ganz umzuarbeiten, sie bis auf einige kleine\nAenderungen und Ausführungen so gelassen habe, wie sie\nnoch jetzt ist."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.1.4", "texte": "dem Gymnase, dem Theatre dem\ndes Nouveauteszu schreiben, und erhielt dadurch und durch\ndie Herausgabe mehrerer von diesen und ähnlichen Gesän-\ngen bereits einen gewissen Ruf und jene Popularität, welche\nnach und nach einen so hohen Gipfel erreichte, dass er in\ndieser Hinsicht alle seine Zeitgenossen in Frankreich über-\nflügelte.\nEr erzählte oft selbst mit grosser Heiterkeit von die-\nsen seinen ersten Erfolgen und seiner damals ziemlich be-\nschränkten ökonomischen Lage.\n„Ich bekam fünfzig Franken für die ganze Musik eines\nVaudevilles\", sagte er, „und war darüber sehr glücklich.\nMeissonnier, einer meiner ersten Verleger, fing gern alles,\nwas aus meiner Feder flog, auf. Einst fiel ein Singspiel,\nwozu ich auch die Musik gemacht hatte, jämmerlich durch;\nnur ein ziemlich artiges Liedchen entging dem verheeren-\nden Sturme. Am anderen Morgen kam Herr Meissonnier\nund gab mir fünfzig Franken für dieses Lied. Allein da es\nnicht mehr auf dem Theater gesungen wurde, so blieb es\nein Ladenhüter. Nach vier Wochen kündigte man ein neues\nStück mit Musik von mir an. „ „Lieber Adam,\" \" sagte\nMeissonnier, „ „hier sind fünfzig Frauken; bringen Sie Ihr\nLied, das ich zuletzt gedruckt habe, in dem neuen Vaude-\nville wieder mit an.\" \" Sehr gern! erwiderte ich, und\nacht Tage darauf wurde das Lied stürmisch beklatscht und\nda capo gerufen. „ „Lieber Adam, arrangiren Sie mir\ndoch das Ding als Bagatelle po \" Dabei legte er\nwieder fünfzig Franken hin. Nach vier Wochen kam er\nzum vierten Male: „ „Bitte, machen Sie mir doch aus dem\nLiedchen eine kleine Quadrille!\" \" und noch einmal lag\ndie alte Summe auf meinem Pulte. So brachte mir diese\nBluetle 200 Franken ein; wer war reicher als ich!\"\nAuf einer Erholungsreise nach der Schweiz lernte Adam\nScribe näher kennen und durchstreifte mit ihm die schön-\nsten Thäler und Berge des herrlichen Landes. Die Frucht\ndavon war Scribe's Vaudeville wozu\nAdam die Musik gemacht hatte.\nIm Jahre 1829 wurde seine erste Operette: Pierre\net Catherine,auf dem Theater der aufge-\nführt und erlebte über hundert Vorstellungen. Der Text\nwar von de Saint-Georges. Ihr folgte 1830 Daniloioa mit\nebenfalls gutem Erfolge; nach der Juli-Revolution eine po-\nlitische Burleske: Trois jours et wie heure, mit einer Pot-\npourri-Ouverture auf die Marseillaise und andere patrioti-\nsche Lieder; ferner Josephine ou le retour de Wagram\nbeide noch im Jahre 1830\"). Im folgenden Jahre gab\n*) In dem Verzeichnisse seiner Werke, welches Adam wenige\ner zwei einaclige Opern: d'Ensemble und Ca-\nsimir, und die dreiactige Le\nfrais communs.Der Erfolg der letzteren wurde durch den\nSchluss des Theaters der komischen Oper unterbrochen.\nHierauf ging Adam nach London, wo er im Jahre\n1832 zwei Opern schrieb: Ihe first Campagne in zwei\nund The dark Diamond (Der schwarze Diamant) in drei\nActen. Beide wurden auf dem Coventgarden-Theater unter\nLaporte's Direction aufgeführt; die erste erhielt Beifall, die\nzweite fiel durch. Im folgenden Jahre componirte er den\n„Faust\", ein grosses Ballet in drei Abtheilungen, das mit\nungeheurem Glänze auf dem King's Theatre (jetzt Her Ma-\njestifs Theatre) in Scene gesetzt wurde und bedeutenden\nErfolg hatte.\nIn demselben Jahre nach Paris zurückgekehrt, brachte\ner noch Le Proscrit—drei Acte ohne allen Erfolg*) und\nUm bonne forlune—ein Act—mit vielem Glück (über hun-\ndert Mal) auf die Bühne der komischen Oper.\nIm Jahre 1834 bat Herr Crosnier, damals Director\ndes komischen Opern-Theaters, Scribe um einen Operetten-\nText für das Auftreten des neu angestellten Sängers In-\nchindi. Scribe lieferte das Buch nach sechs Tagen ab, Cros-\nnier übertrug es Adam, und in zehn Tagen war die Parti-\ntur fertig. Sie gründete den Ruf des Componisten auf alle\nZeit; es war Le Chalet (Die Sennhütte). Adam begann mit\ndieser Composition, sich von der gar zu oberflächlichen\nNachahmung Auber's los zu machen und sich wieder mehr\nder älteren trefflichen französischen Schule der komischen\nOper, dem Stile seines Lehrers Boieldieu anzuschliessen.\nLeider hat er diesen Vorsatz nur noch in der nächsten\nPeriode seiner Production festgehalten; späterhin schuf er\nsich zwar eine Art von eigenem Stil, allein im Grunde war\nes doch nur eine Abart des Auber'schen und übertraf die-\nsen an Sorglosigkeit in der Erfindung und in der Factur.\nViele halten desshalb, und nicht mit Unrecht,\nfür sein bestes Werk.\nUeber die Composition desselben erzählte er selbst,\ndass er vier Tage lang keine Note hätte herausbringen\nkönnen, so sehr ihn auch der Text angesprochen. „End-\nlich\", fuhr er fort, „blätterte ich in meinem englischen\nBallet und stiess dabei auf ein Motiv, das zu der Trinkscene\n\nTage vor seinem Tode einem Freunde zusandte und welches\nin der Hernie et Gazette Mus., Nr. 19, abgedruckt ist, fehlen\ndiese zwei Werkchen; wahrscheinlich hielt er sie selbst für\nzu unbedeutend oder die Erinnerung daran im gegenwärtigen\nAugenblicke für ungeeignet.\n*) Auch diese Oper fehlt auf dem eben erwähnten Yerzeichv\nnisse von Adam selbst."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "173", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.1.5", "texte": "passte. Damit fing ich an zu arbeiten; es ging, und nach\nsechs Tagen war die ganze Musik fertig.\"\nDer Erfolg dieses kleinen, aber in der That reizenden\nWerkes, dessen Musik bei Weitern frischer, origineller und\nausdrucksvoller war, als alles Frühere, was er geschrieben,\nzog die Aufmerksamkeit der ganzen musicalischen Welt in\nParis in solchem Grade auf den Componisten, dass der\nNeid ihm die Urheberschaft streitig zu machen suchte. Man\nerfand und verbreitete folgendes Geschichtchen. Als Herold\ngestorben, sei Adam beauftragt worden, seine Partituren\nund seinen musicalischen Nachlass zu ordnen. Unter diesem\nhabe er Skizzen zu der unvollendeten Oper Ludovic ge-\nfunden und diese zu der Operette benutzt. Ab-\ngesehen von der äusseren Widerlegung, die sich ergab,\nmussten schon innere Gründe die Unwahrheit dieser ver-\nleumderischen Behauptung darthun; denn nichts ist ver-\nschiedener, als Herold's und Adam's Schreibart. Adam ist\ndurch und durch französisch, leicht, schmal, pikant, aller-\nliebst; bei Herold dringt deutsche Natur und Studium deut-\nscher Musik im Verein mit italiänischer Weise durch; er\nhat mehr Breite und Tiefe.\nAuf „Die Sennhütte\" folgten 1835 zwei einactige\nOperetten: La Marquise und Micheline; 1836 La Fille\ndu Danube(Das Donauweibchen), Ballet in zwei Abthei-\nlungen lür die grosse Oper, und der „Postillon von\nLonjumeau\" drei Acte in der komischen; endlich\nnoch eine Messe in F-dur.\nWer kennt nicht den berühmten Postillon mit seinem\nhohen b'}. Die Rolle war lür der» Tenoristen Chollet ge-\nschrieben. Sellen hat eine komische Oper der neueren Zeit\neine so schnelle und allgemeine Verbreitung über alle Büh-\nnen von Europa gefunden. Es offenbart sich darin ein aus-\ngezeichnetes Talent lür musicalische Darstellung komischer\nSituationen, feine Charakterzeichnung ohne Uebertreibung\nund Caricatur, geschmackvolle und kenntnissreiche Be-\nhandlung des Gesanges und des Orchesters und eine frische\nLebendigkeit der Erfindung. Adam hat aber auch wohl in\ndiesem Werke den Höhepunkt seiner Schöpfungskraft er-\nreicht; wenngleich in der grossen Reihe der folgenden\nWerke noch manches auftaucht, das Zetigniss von grossem,\nman möchte sagen trotz allem Auspumpen unerschöpf-\nlichem, Talente gibt, so hat er doch keinesfalls etwas Bes-\nseres geliefert, und wohl kaum etwas, das als Ganzes dem\nPostillon zur Seite zu stellen wäre.\nEin Ballet, „Die Mohikaner\", wurde im Jahre 1837\n»ach der ersten Vorstellung in der grossen Oper wieder\nzurückgezogen. In Berlin machte es späterhin mehr Glück.\n„Der treue Schäfer\" und namentlich „Der Brauer von\nPreston\", beide dreiactig, halten in der komischen Oper\nErfolg; das letztere Werk wurde auch in Deutschland\nhäufig gegeben. Sie waren 1838 geschrieben. Die Er-\nzeugnisse des folgenden Jahres: „Regina\" (zwei Acte) und\n„La reine d'un jour\"(drei Acte) wurden kühl aufge-\nnommen.\nAdam, etwas verdriesslich darüber nach Art der fran-\nzösischen jeweiligen Beherrscher der Bühne einer be-\nstimmten Gattung, verliess Paris und ging nach Petersburg.\nEr schrieb dort 1840 die Musik zu einem Ballet in zwei\nActen, konnte aber die kalte Luft, die dort weht, nicht\nvertragen und ging noch in demselben Jahre über Berlin\nnach Paris zurück.\nDer König Friedrich Wilhelm 111., der schon früher die\nWidmung der Partitur des Postillons von Lonjumeau ange-\nnommen hatte und ein Freund der Tanzkunst undßalletmu-\nsik war, übertrug ihm in Berlin die Composition eines Inter-\nmezzo's: „Die Hamadryaden\", welches zu einer zweiacti-\ngen Oper anwuchs und das letzte theatralische Werk war,\ndessen Aufführung der kunstliebende König veranlasste.\nDas Ganze wurde binnen zehn Wochen gedichtet, compo-\nnirt, ausgeschrieben, einstudirt und aufgeführt. Ob es ge-\ndruckt worden, wissen wir nicht. Im oben erwähnten Ver-\nzeichnisse von Adam kommt es nur als Ballet vor.\nNoch in demselben Jahre 1840 kehrte Adam nach\nParis zurück und schrieb die dreiactige Oper La Rose de\nPeronne, welche (ür die Abschieds-Vorstellung der Sänge-\nrin Damoreau-Cinti bestimmt war.\n(Schluss folgt.)\n\nBerliner Briefe.\n\n(Schluss. S. Nr. 21.)\n[Stern'scher Gesang-Verein - Sing-Akademie Di-\nlettanten-Verein Concerte Stockhausen\nFrau v. Bock.]\n\\\nEine wiederholte Aufführung des Elias durch den\nStern'schen Gesang-Verein, in der Fräul. Wagner die\nAlt-Soli sang, war namentlich von Seiten der Chöre mei-\nsterhaft. Eben so war die Aufführung der Matthäus-\nPassion und des C h e r u b i n i' sehen Requiem durch die\nSing-Akademie vorzüglich. Unter den Concerten ist\nferner eines Dilettanten-Concertes zu erwähnen, das in sei-\nner Art ebenfalls interessant und rühmenswerth war. Es\nbestehen hier zwei Orchester-Vereine, deren Mitglieder der\nMehrzahl nach höhere Beamte und Officiere sind; auch die\nLeitung ist in den Händen eines Officiers. Diese gaben zu"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "174", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.1.6", "texte": "wohlthätigem Zwecke und ohne öffentliche Ankündigung\nein Concert, dessen Ertrag, da die höchsten Kreise unserer\nGesellschaft sich daran betheiligten, sehr glänzend ausfiel.\nDie Ausführung war correct und sicher. Auch die Solo-\nLeistungen wurden fast sämmtlich von Damen und Herren\nder haute volee ausgelührt; wir lernten namentlich schöne\nund gut ausgebildete Stimmen kennen. Ich übergehe die\nunbedeutenderen Concerte und erwähne in Bezug auf sie\nnur summarisch, dass namentlich die Herren v. Bülow\nund Laub, der Tenorist Herr Otto und der Bassist Herr\nSabbath, so wie die Sängerinnen Parisotti, de Vil-\nlar und Hiegemann, wenn auch nicht mit gleichen An-\nsprüchen auf Ruhm, so doch Keiner von ihnen ganz un-\nrühmlich, darin hervortraten. Mir bleibt jetzt noch übrig,\nüber Herrn Stock hausen und Frau v. Bock, so wie\nüber verschiedene Opern-Gastspiele zu berichten.\nSie werden mein Urtheil über Herrn Stock hausen\nvielleicht parteiisch oder wenigstens allzu streng finden.\nDie ganze Tagespresse schwärmt vor Begeisterung; doch\ndas würde wenig sagen; es ist das Publicum der grossen\nStädte, und zwar das gebildete Publicum, das ihn mit sei-\nnem schwer zu erlangenden Beifalle belohnt. Es fällt mir\nnicht ein, zu läugnen, dass Herr Stockhausen sehr viele\nseltene Eigenschaften besitzt; aber gerade bei bedeutenden\nErscheinungen, zu denen wir ihn in gewissem Sinne rech-\nnen, ist es Pflicht der Kritik, den höchsten Maassstab an-\nzulegen; denn das Bedeutende droht stets für geraume Zeit\ndie ganze Kunst-Anschauung zu verrücken. Herr Stock-\nhausen ist ein sehr gebildeter, aber dennoch kein idealer\nSänger; und gerade solche Individualitäten fordern die Kri-\ntik heraus; denn das Unbedeutende bedarf kaum derselben.\nWir sind heutzutage unter den Sängern mit den Sän-\ngerinnen steht es im Ganzen besser, wohl weil der weib-\nliche Organismus dem Gesänge viel günstiger ist—so viele\nUngeschliffenheit und Ungeschicktheit gewohnt, dass eine\nso glatte, gewandte, liebenswürdige, bis zu einem gewissen\nGrade auch seelenvolle Art, zu singen, wie Herr Stockhau-\nsen besitzt, mit Recht Aufsehen erregt und ungewöhnli-\nchen Beifall findet. Bliebe es dabei, so wäre nichts zu sa-\ngen; aber die gewöhnliche Folge ist, dass das Urtheil nun\nan dieser Erscheinung haftet, sie für ein Ideal erklärt, ge-\ngen Anderes ungerecht wird—und dagegen protestiren wir.\nBetrachten wir zunächst den Gesang des Herrn Stockhau-\nsen, ganz abgesehen vom Vortrage, als reinen Gesang. Fast\nJeder macht die Bemerkung, dass Herr Stockhausen wenig\nKraft, wenig eigentlichen Klang im strengen Sinne des\nWortes besitzt. Manche sagen, er habe wenig Stimme,\nsinge aber vortrefflich. Andere fühlen sich gerade durch\nden sinnlichen Reiz seines Gesanges gefesselt. Dieses ist\neinfach dadurch zu erklären, dass sinnlicher Reiz auch bei\nwenigem Klange sehr wohl denkbar ist. Denn das eigent-\nlich Klangvolle entsteht durch Concentration, durch festes,\nenergisches Zusammenhalten des tönenden Luftstromes;\ndarin liegt Ernst, Männlichkeit. Dem concentrirten Tone\nist der aufgelöste, weiche, duftige entgegengesetzt; und\ndarin liegt Anmuth, Lieblichkeit, Sinnlichkeit. Wir glauben\nHerrn Stockhausen richtig charakterisirt zu haben, wenn\nwir sagen, dass sein Gesang mehr in der Hervorbringung\nweicher, lieblicher, als energisch klangvoller Töne besteht;\nder glänzende, funkelnde Metallklang, der durch concentrir-\nten Athem entsteht, ist seine Sache nicht. Wer der Tech-\nnik des Gesanges weniger nahe steht, glaubt meistens, die-\nser Klang sei Naturgabe und durch keine Kunst erreichbar*\nDem ist aber nicht ganz so. Die Technik vermag nicht Al-\nles, aber sie vermag Vieles. Darauf kommt es indess auch\nweniger an, ob Jemand eine Eigenschaft nicht hat erreichen\nwollen oder nicht hat erreichen können; die Hauptsache\nist—und das grosse Publicum hält sich auch immer nur an\ndas Resultat —, wie sich die vortretende Leistung zum\nIdeal der Kunst verhält. Erinnern Sie Sich der Stellen aus\nMozart's Violinschule, die Sie kürzlich bei Beurtheilung der\nJahn'schen Biographie mittheilten. Wir stimmen nicht ganz\nmit dem alten Mozart überein; er betont uns in biederer,\nalter Weise, die allerdings den festen Grund und Boden\njeder wahrhaften Künstlerschaft bildet, gar zu einseitig das\nKräftige, Männliche. Aber darin liegt das eine Element,\ndas uns in keinem wahrhaften Kunstwerke fehlen darf. Wie\nin der Composition selbst, so ist auch im Gesänge und in\njeder Instrumental-Leistung das Uebergehen aus dem Flüs-\nsigen in das Feste, die Vereinigung des Kernigen mit dem\nSchmelzenden das wahre Geheimniss lebensvoller Schönheit.\nHerr Stockhausen singt flüssig, er vermeidet alle Ecken\nund Härten; aber er bringt es zu keiner festen Gestalt;\nseinem Gesänge fehlt alles Plastische. Wenn man ihm das\nhöchste Lob spenden wollte, so könnte man sagen, es sei\netwas Aetherisches in seinem Gesänge; aber auch der Aether\nist ohne die fest gegründete Erde nichts. Auch in der Com-\nposition neigt die Gegenwart dazu hin, alle plastischen For-\nmen in Duft und Dunst aufzulösen. Wir leben im Zeitalter\nder Romantik, und das Wesen der Romantik besteht in\nder Sehnsucht zum Verschwimmenden, Nebelhaften, Unbe-\nstimmten. Am weitesten ist dieses Streben durch Wagner\ngetrieben, der mit Bewusstsein und Absicht die Form zer-\nstört. Auch Herr Stockhausen ist Romantiker; gleich un-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "175", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.1.7", "texte": "Seren modernen Musikern fühlt er sich in der Kunst der\nUebergänge wohler, als in der festen Gliederung und Ge-\nstaltung. Abgesehen davon, erkennen wir namentlich die\nbedeutende Coloraturfertigkeit, die Register-Ausgleichung\nund den zarten Ansatz der hohen Töne an (obgleich wir\nüber den letzterwähnten Vorzug im Zweifel sind, ob er ein\nVorzug ist, ob nicht gerade diese Kunst des in der\nHöhe die Stimme schwächt und entnervt; doch würde uns\neine nähere Auseinandersetzung dieses Punktes hier zu\nweit führen); wir erkennen ferner an, dass der Vortrag des\nHerrn Stockhausen oft sehr liebenswürdig und sinnig ist.\nAm meisten befriedigten uns zwei Arien von. Boieldieu;\nwir würden sie vollendet nennen, wenn uns nicht die Com-\npositionen etwas fremd wären, so dass wir darum mit un-\nserem Urtheile zurückholten. Auch in einzelnen Liedern\nvon Schumann, Schubert und Mendelssohn berührte uns\ndie Auffassung und Ausführung auf das angenehmste. Da-\ngegen in einzelnen Müllerliedern von Schubert und in der\nArie aus dem Paulus brachte es Herr Stockhausen nicht\nzu dem Ernste der Empfindung, der in der Musik liegt;\nihm fehlte dort die Kraft der Leidenschaft, hier der männ-\nliche Ernst. Frau v. Bock (Schröder-Devrient)unterstützte\nHerrn Stockhausen und fand gleich ihm rauschenden Bei-\nfall. Wir möchten nicht kritisiren; aber diese Sängerin ge-\nhört der Kunstgeschichte an und braucht kein Urtheil zu\nscheuen. In Einem Worte würden wir unser Urtheil so\nzusammenfassen, dass die Lebendigkeit ihrer Declamation\noft den musicalischen Zusammenhang zerreisst. So begei-\nsternd und anregend ihr Vortrag meistens ist, ein Ideal\nkönnen wir auch hierin nicht finden.\nUeber die Opern-Gastspiele in meinem nächsten Briefe.\n\nG. E.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n14öln. Vergangenen Sonntag, den 25. d. Mts, gab der köl-\nner Männergesang-Verein unter Leitung seines Dirigenten\nFranz Weber ein Concert im grossen Casinosaale zum Besten\nder „Allgemeinen Landesstiftung als Nationaldank für vaterländische\nKrieger'4. Unter mehreren bereits öfter gehörten Gesängen, deren\nVortrag mit bekannter Vollendung ausgeführt wurde, brachte das\nProgramm als etwas Seltenes und Erfreuliches zwei von den fri-\nschen, in Italien geschriebenen Liedern von F. Hill er für Solo-\nSopran mit Männerchor, in denen Fräul. Nina Hartmann die\nSolo-Partie sang und die Schwierigkeiten derselben, besonders in\nden Trillern, auf lobenswerthe Weise überwand, wenngleich die\ngrosse Gewandtheit und Sicherheit, wir möchten sagen: Keckheit,\nwelche der Vortrag dieser Compositionen fordert, noch vermisst\nwird. Ausserdem gefiel auch eine Neuigkeit, eine Melodie für Ba-\nriton (Herr DuMont-Fier) und Brummstimmen, genannt „Der\nGondolier\", von Müller von der Werra, componirt von Franz\nWTeber. Leider ist das Gedicht gar zu fade, besonders der letzte\nVers. Herr Alfred Jaell, der uns Tags darauf verlassen hat, um\nnach Frankfurt am Main zu gehen, unterstützte das Concert durch\nzweimaliges Spiel. Da er dasselbe vortrug, was wir in seiner Soiree\ngehört hatten, so brauchen wir uns nicht ebenfalls zu wiederho-\nlen (s. Nr. 19). Einen schönen Genuss gewährte der Vortrag des\nvon Beethoven durch die Herren Pixis, Derckum,\nPeters und B. Breuer.\nAm Dinstag, den 27. d. Mts., gab Herr Julius Stockhau-\nsen eine Soiree im gelben Saale des Casino. Er sang die Arie\ndes Seneschall aus Johann von Paris, drei Lieder aus der schönen\nMüllerin von F. Schuberl, ein Duett aus Don Pasquale mit Frau\nMampe-Babnigg, das Schilflied von Mendelssohn, das Wirths-\nhaus am Rhein von F. Hiller, die Mondnacht und die Frühlings-\nnacht von R. Schumann. Als Liedersänger, so wie im Vortrage\nkomischer Dramatik ist Stockhausen ausgezeichnet; die Gewandt-\nheit der Technik, das anmuthige Spiel mit vollendet hervorgebrach-\nten Verzierungen sind bewundernswürdig. Am gelungensten war\nder Ausdruck ia den Liedern, besonders in dem Mendeissohn'schen\nund den beiden Schumann'schen. Herr Johann Brahms spielte\nBach's chromatische Phantasie und Beethove n's 32 Variationen\nüber ein Thema aus C-moll mit einer solchen Gediegenheit, Klar-\nheit, musicalischen Reife und künstlerischen Ruhe, dass wir eine\nwahre Freude daran hatten.\nIn Düsseldorf, in Elberfeld, in Barmen, in Bonn hat\nJulius Stock hausen in dieser und in der vorigen Woche eben-\nfalls zahlreich besuchte Goncerte gegeben. In Barmen (den 22. d.\nMts.) unterstützten ihn G. II ei necke und der Violinist Franz\nSeiss, der sich gegenwärtig dort niedergelassen hat; Stockhausen\nsang daselbst ausser den oben erwähnten Liedern und der Arie\naus Johann von Paris auch die Gondoliera „0, komm zu mir\" von\nG. Reinecke und die Arie „Gott sei mir gnädig44 aus „Paulus44 von\nMendelssohn.\n*** Cotolesiz, 18. Mai. Gestern fand ein geistliches Con-\ncert in der Hof- und Garnison-Kirche Statt, welches Ihre König-\nliche Hoheit die Frau Prinzessin von Preussen zum Vortheil der\nStadtarmen huldvoll veranstaltet hatte. Es bestand nur aus Vocal-\nmusik, theils kirchlichen Chorgesängen (Psalm 95 von J. S. Dupuis\naus dem Jahre 1760, Motette von M. F. Köhler, „Ehre sei Gott44\naus der Liturgie, „Alle die tiefen Qualen44 von Ant. Lotti, Kirchen-\nchor aus dem fünfzehnten Jahrhundert, Ave verum), theils Solo-\nVorträgen (die erste Tenor-Arie aus dem Messias, die Kirchen-Arie\nvon AI. Stradella, „0 süsses Licht44 aus Samson, Arie „Dann wer-\nden die Gerechten leuchten44 aus Elias und die Cavatine „Sei ge-\ntreu44 aus Paulus). Die Chöre wurden vom Militär-Sängerchor un-\nter Direction des Herrn Wagner ausgeführt, die Solo-Vorträge\nvon Herrn Kammersänger E. Koch aus Köln. Die sympathische\nStimme und der edle Vortrag desselben machten einen tiefen Ein-\ndruck auf alle Zuhörer. Ihre Königliche Hoheit die Frau Prinzessin\nvon Preussen geruhten Herrn Koch zur Soiree auf das Schloss zu\nbefehlen und dem trefflichen Sänger in den gnädigsten Ausdrücken\nHöchstihren Beifall zu bezeigen, was die hohe kunstverständige\nFrau nach dem Vortrage mehrerer Lieder wiederholte. Der Hof-\nmarschall Ihrer Königlichen Hoheit übergab dem Künstler in\nHöchstdero Namen eine schwere goldene Brustnadel mit einem\nprachtvollen Türkis.\nIn Bückeburg (am 7. d. Mts.) und in Minden (am 24.)\nhaben Fräulein Geisthardt, Herr Nie mann (Tenor), Herr\nFr. Devrient und Herr Kömpel (Violinist, Schüler L. Spohr's),\nsämmtlich Mitglieder des k. Hoftheaters und der k. Capelle in\nHannover, zwei Goncerte „zu mildem Zwecke\" gegeben."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "176", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560531-01.1.8", "texte": "Das magdcburger Musikfest wird unter der Direclion der\nHerren: Hof-Capellmeister Franz Abt, Henry Litolff aus\nBraunschweig und Musik-Director Mühling aus Magdeburg und\nunter Mitwirkung von Frau Sophie Förster aus Dresden, Frau von\nMilde aus Weimar, Fräul. Michal aus Stockholm, Signora Parisotti\naus Rom, Fräul. Schreck aus Erfurt, Herrn Aloys Ander aus Wien,\nHerrn Julius Reer aus Coburg, Herrn von Milde aus Weimar,\nHerrn Krause aus Berlin, Herrn Karl Müller aus Braunschweig,\nHerren Singer und Cossmann aus Weimar und einem über 500\nPersonen starken Sänger-Personale und Instrumental-Orchester,\nletzteres zusammengesetzt aus den Capellen von Berlin, Braun-\nschweig, Leipzig, Weimar und Magdeburg, in den Tagen vom 12.\nbis 14. Juni Statt finden.\nDas Programm bestimmt am ersten Tage, in der St.-Johannis-\nKirche: Sinfonie G-dur von Mozart und „Die Schöpfung\", Orato-\nrium von Joseph Haydn; am zweiten Tage, in der Central-Halle,\nunter Anderem: Ouvertüre zu „Santa Chiara\" von Sr. Hoheit dem\nHerzog Ernst von Coburg-Gotha, Arie und Chor aus derselben\nOper, IV. Symphonie-Concert für Pianoforte und Orchester, com-\nponirt und vorgetragen von Henry Litolff; am dritten Tage:\nOde auf St. Cäcilia's Tag von G. F. Händel, Ouvertüre zum Frei-\nschütz von Carl Maria von Wreber und IX. Sinfonie von L. van\nBeethoven.\nAm vierten Tage findet im Concertsaale der Harmonie-Gesell-\nschaft noch eine Matinee musicale Statt.\nMan schreibt aus Lille: „Der seit anderthalbem Jahre von\nHerrn Emil Stein kühler gegründete und geleitete Sing ver-\nein für ernste Musik hat das Problem gelös't, in Frankreich einen\nDilettanten-Verein aus den höheren Ständen zu wirklichen Gesang-\nStudien behufs Einübung classischer Compositionen zu Stande zu\nbringen, und dadurch der Kunst einen besseren Dienst zu leisten,\nals viele andere Gesellschaften, die mehr dem Zeitgeschmack hul-\ndigen, als dem WTahren und ewig Schönen. Die 55 Versammlun-\ngen, unter denen in diesem Winter jeden Monat eine öffentliche\nAufführung vor einem eingeladenen Publicum, haben die Lebens-\nkraft dieser Societe chorale de Ste. Cecile glänzend bewährt. Das\nProgramm der letzten (den 16. Mai) brachte Gloria und Agnus Dei\naus Mozart's 2?-</wr-Messe, sechs Nummern aus Händel's Judas\nMaccabäus, den Chor der Winzer aus Haydn's Jahreszeiten, die In-\ntroduction aus dem Stabat und das Gebet aus Moses von Rossini\nu. s. w. Ein Ave verum und „Die Rückkehr des Frühlings\" (Chor\nmit deutschem Texte) von der Composition des Herrn E. Stein-\nkühler gefielen allgemein; überhaupt war die ganze Aufführung\nein schöner Erfolg, ein verdienter Lohn des Herrn Dirigenten.\nWir sind ihm und dem Vereins-Vorstande Herrn L. Danel die\ngrösste Anerkennung schuldig.\"\nDeutsche Tonhalle,\nZur Beurtheilung der in Folge unseres Preis-Ausschreibens we-\ngen des Männergesanges „Gott, Vaterland, Liebe\" vorgelegenen\nvierzig Bewerbungen waren als Preisrichter erwählt: Herr Hof-\nCapellmeister Y. Lachner, Herr Hof-Musik-Director C. A. Man-\ngold und Herr General-Musik-Director Dr. L. Spohr.\nDer Preis wurde keinem dieser Werke zuerkannt; einstimmig\nbelobt aber wurde das des Herrn Ludwig Liebe in Strassburg.\nWegen Rückverlangens oben gedachter Werke, binnen längstens\nsechs Monaten von heute an, wotle sich nach den Vereins-Satzun-\ngen (14i) gerichtet werden, welche wir auf kostenfreies Begehren\neben so abgeben.\nDie wegen des Preises für einen Schillerfest-Gesang eingekom-\nmenen sieben Bewerbungswerke senden wir heute den dafür er-\nwählten Herren Preisrichtern zu.\nMannheim, den 3. Mai 1856. Der Vorstand,"}]}