{"numero_id": "bm-bmtnabi-1856-06-28-01", "volume": "bmtnabi_1856-06-28_01", "ocr_sha256": "879383914baaa42c645c9474128e15e5d28f805ced46ab5424fc0ff1fccc021b", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1856/06/28_01/bmtnabi_1856-06-28_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1856-06-28-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-06-28_01#c001", "volume": "bmtnabi_1856-06-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "205", "page_fin": "205", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 275, "texte": "Inhalt.\nDas Musik fest in Magdeburg. Von Bh. Berliner Briefe (königliche Oper Gäste: Ney, Bianchi, Michal\nLehmann, Stork, de Forluni). Von G. E. Adolf Fumagalli. Nekrolog. Von L. B. Aus Paris (Berlioz Mitglied des Instituts\nl'ensions-Casse der Oper, Musik bei der Tauffeier)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-06-28-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-06-28_01#c002", "volume": "bmtnabi_1856-06-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "205", "page_fin": "209", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.2.2", "titre_corps": "Das Musikfest in Magdeburg.", "titre_sommaire": "Das Musikfest in Magdeburg.", "signature_source": "Bh", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.1.1", "debut_caractere": 277, "fin_caractere_exclue": 3963, "texte": "Das Musikfest in Magdeburg.\n\nUnmittelbar von den Ufern des Rheines scheint Göttin\nPolyhymnia nach den Ufern der Elbe übergesiedelt zu sein,\num in Magdeburg, nachdem kaum die Töne des düsseldor-\nfer Musikfestes verhallt, neue Huldigungen ihrer Ver-\nehrer entgegen zu nehmen. Bezüglich des in der Elbfestung\nam 12., 13., 14. und 15. Juni abgehaltenen Musikfestes\nmag man den Namen der Gesangs-Muse immerhin wörtlich\nnehmen; denn das Programm dieses Festes bot nicht allein\nviel, sondern auch vielerlei, ja, mehr und mancherlei, als der\nkräftigste musicalische Magen zu bewältigen im Stande war.\nDie vereinigten Gesangs- und Orchester-Kräfte Mag-\ndeburgs hatten sich, unterstützt von der Sing-Akademie zu\nBraunschweig und den Orchestern aus letzterer Stadt und\naus Weimar, denen sich mancher Kunstgenosse von ande-\nren Orten her noch anschloss, zur Aufführung von Mo-\nzart's (7-dwr-Sinfonie und Haydn's Schöpfung am 12.\nJuni, dem ersten Tage des Festes, in der Johanniskirche\nversammelt, und es war für diesen ersten und bedeutend-\nsten Tag die Leitung zwischen dem Capellmeister Abt\naus Braunschweig und dem Musik-Director Mühling aus\nMagdeburg getheilt. Die Zahl der Chorstimmen stieg in das\nlünfte Hundert, neben den 37 Geigen waren 12 Violen,\neben so viele Celli und Contrabässe thätig, und die Gesang-\nSoli in der Schöpfung wurden von Frau Förster aus\nDresden, Herrn Krause aus Berlin, Herrn Reer aus Co-\nburg und Herrn und Frau von Milde aus Weimar vor-\ngetragen. Der Bau der Kirche, deren Räumlichkeiten mit\nZuhörern überlüllt waren, hatte leider eine Trennung der\nMännerstimmen von den Frauenstimmen und eine isolirte\nGruppirung der ersteren auf beiden Emporen nothwendig\ngemacht, welcher Uebelstand jedoch durch die aufmerksame\nund energische Direction Abt's ausgeglichen wurde, so\nDass trotz der zerstreuten Aufstellung die gute Zusammen-\nwirkung des Chors keine Beeinträchtigung erlitt, und die\nschöne Akustik des Gebäudes eine vortreffliche Auslührung\nbeider Kunstwerke unterstützte.\nMit poetischer Auffassung und feinem Gefühle hielt der\nDirigent, welcher zum ersten Male den Tactstab über eine\nso grosse Masse von Stimm- und Instrumental-Kräften\nlührte, den Chor nach dem einleitenden Recitative bis zu\nder Stelle: „Es ward Licht!\" im äusserstenPiano, so dass\ndie Worte: „Der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser\",\nin ihrem geheimnissyoll wogenden Rhythmus gerade die\nDeutlichkeit erhielten, dass sie als Chorgesang zu erkennen\nwaren, und die von Haydn so treffend geschilderte Schö-\npfungs-Dämmerung angemessen versinnlichten, bis mit dem\nWorte „Licht\" ein allgemeines, urplötzliches Forle des\nganzen Ton-Complexes den Blitz des hereinbrechenden Ta-\nges, dessen Strahlen in den Sechszehnteln der Violinen\nglänzend daherwogten, malte. Es ist über diese bedeutend-\nste Stelle des Oratoriums, über diesen erhaben gedachten\nund harmonisch dennoch so einfachen Vocal-Effect bereits\nso viel gesagt worden, die Art und Weise der Ausführung\nscheint sich aus den Noten selbst so einfach zu ergeben\nund hat sich in hundert und aber hundert Aufführungen\nhinreichend manifestirt, dass man glauben sollte, die indivi-\nduelle Auffassung des Dirigenten könne dabei von gar kei-\nnem abweichenden Einflüsse mehr sein; dennoch ist es ge-\nwiss, dass bei einem so grossen Chore schon die Idee eines\nCrescendo oder Forte in einer einzelnen Note den Ausdruck\nund die Bedeutung des Gedankens ändert, und dem repro-\nducirenden Künstler neben den strengen Vorschriften des\nTondichters noch das weiteste Feld offen steht, das Werk\ndes letzteren seinem Ürgedanken gemäss auf die mannig-\nfaltigste Weise zu beleben, ja, künstlerisch neu zu schaffen,\nindem eben die Seele eines Kunstwerkes sich nicht in"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5144, "texte": "Zeichen fassen lässt. Die am nächsten liegende und bisher\ngewöhnlich befolgte Auffassung liess den Chor in einem\nCrescendo bis zu dem F-moll-kccovde vorgehen, dann die\ndrei Viertel in Gwieder leise einsetzen und auf dem dann\nfolgenden C-dur alle Kraft concentriren. Poetisch schöner\nund in der Wirkung erhabener war jedenfalls das von Fr.\nAbt beobachtete strenge Piano, welches die Wucht der\nsich vorbereitenden Katastrophe nicht vorher andeutete,\nsondern nur dunkel ahnen liess, und dann in schroffem Ge-\ngensatze zu dem den Sieg des Lichtes feiernden Accord in\nC-dur überging. Jeder, der sich von der grossartigen Wir-\nkung, von der zauberhaften Macht des Piano eines grossen\nChors überzeugte, wird unsere Meinung, dass die oben be-\nzeichnete Ausführung die im Werke selbst am natürlich-\nsten begründete und den äusseren Erfolg am besten unter-\nstützende genannt werden muss, theilen.\nFassen wir zunächst die Leistungen des Chors über-\nhaupt und die des Orchesters ins Auge, so müssen wir ge-\nstehen, seit lange nicht eine so vortreffliche Zusammenwir-\nkung gehört zu haben, und machte sich auch nicht die ge-\nringste Abweichung im Zeitmaasse zwischen Singstimmen\nund Instrumenten bemerkbar; es wurde sehr gut Ton ge-\nhalten, der begleitende Chor zu dem Duett im dritten\nTheile abermals gut piano gesungen, und wenn sich in der\nProbe namentlich in diesem Chor einige unaufmerksame\nStimmen durch dieTriolen des Orchesters den egalen Ach-\nteln der Worte: „Gesegnet sei des Herren Macht\" u.s.w.,\nabtrünnig machen liessen, so war die Auflührung selbst\nfrei von jedem Fehler und in jeder Hinsicht befriedigend.\nDie Solo-Vorträge anlangend, so waren zunächst\nHerrn Krause's Leistungen über alles Lob erhaben, seine\nin allen Lagen gleich schöne Stimme gab jedem Tone seiner\nPartie (Raphael) neuen Adel, unterstützte die grossartige\nMalerei bei Erschaffung der Thiere mit der edelsten Leb-\nhaftigkeit und möchte überhaupt wohl der beste Oratorien-\nBass der Gegenwart sein. Von Frau Förster (Gabriel)\nwürde sich gleich Lobenswerthes sagen lassen, hätte die-\nselbe nicht ihre sonst sehr schöne Leistung durch einige\nephemere (vielleicht auf Erfolg bei Nichtkennern berechnete)\nAbweichungen verunziert. Hierhin rechnen wir namentlich\ndie von ihr in der Arie: „Auf starkem Fittich schwinget\nsich\" u. s. w., öfter angewandten Terzen-Triller, so wie\ndie Auslassung der in dieser Arie gegen den Schluss hin\nvorkommenden Prall-Triller. Wenn eine Künstlerin wie\nFrau Förster die Würde eines Werkes wie die Schöpfung\nso sehr verkennt, dass sie dieselbe durch solche der Menge\nallerdings ungewöhnlich, dem ästhetisch gebildeten Ohr\naber hässlich klingende Anhängsel wie jene oft nicht ein-\nmal reinen Triller (von den anderen Auslassungen wollen\nwir nichts weiter sagen) modernisiren zu müssen glaubt,\nwenn sie die hohe Bedeutung der Fermate auf in der\nArie: „ Neu beut die Flur das frische Grün\", auf die Worte:\n„Hier sprosst den Wunden Heil\", die durch das der\nBässe eine so zarte Nuance erhält und durch deren unge-\nkünstelten Vortrag Jenny Lind eine so grosse Wirkung\nerreichte, durch eine Verzierung im Forte verunstaltete, so\nerkennen wir darin offenbar Mangel an Auffassung und\nkönnen es nur bedauern, dass Frau Förster trotz ihrer\nStimmmittel und fleissigen Bildung dennoch ihre Kräfte\nund das tiefere Wesen ihrer Kunst verkennt.\nHerrn Reer's (Uriel) klangvolle Tenorslimme reicht\nleider in den tieferen Lagen nicht immer aus, auch legte er\ndurch das den Theatersängern im Ganzen eigene Schleifen\nund Ineinanderziehen der Töne noch grosse Unerfahrenheit\nim Oratoriengesange an den Tag (das Weglassen aller über-\nflüssigen Vorhalte wäre ihm somit als unfreiwilliges Ver-\ndienstanzurechnen), trug jedoch die Arie: „Mit Würd' und\nHoheit angethan\" u. s. w., recht gut vor, war im En-\nsemble brav und sang fehlerlos rein.\nHerr und Frau von Milde sangen die Parlieen des\nAdam und der Eva im dritten Theile mit vielem Fleisse.\nFrau von Milde's hohe und klangvolle Stimme leidet jedoch\nan Schärfe, sie sang häufig zu hoch und wich namentlich\nbei den Fermaten fast regelmässig um eine Schwebung ab.\nObgleich Herrn von Milde's Stimme des Metalls ermangelt\nund keiner bedeutenden Modulation lähig ist, gelangen ihm\ndoch einige zarte Stellen, namentlich das: „Folge mir!\"\nvorzüglich. Sonst war der Zwiegesang des Sängerpaares\ntadellos.\nDie C-dur-Sinfonie Mozart's, welche der Schöpfung\nvorherging und von Herrn Musik-Director Mühling mit\nUmsicht geleitet wurde, bewies ein gutes Zusammenspiel\nder einheimischen und fremden Künstler, gelang namentlich\nim Adagio vorzüglich (das Scherzo litt an einigen Unge-\nnauigkeiten) und machte mit Haydn's Meisterwerk den er-\nsten Tag des Festes zum bedeutendsten und gelungensten.\nUnter den am zweiten Tage in der Centralhalle auf-\ngeführten Piecensind als Orchesterwerke Mendelssohn's\n„Meeresstille und glückliche Fahrt\" und die Ouvertüre zu\n„Santa Chiara\" anzulühren. Ersteres, ohnehin keines der\nbedeutenderen Werke Mendelssohn's, leidet trotz des gün-\nstigen Stoffes an Schwäche der Charakteristik und Unbe-\nstimmtheit der Gedanken [?], während letztere Arbeit nicht\nim Stande war, durch frappante, ja, glänzende Instrumen-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5178, "texte": "tirung das Unbedeutende ihres eigentlich musicalischen Ge-\nhalts zu verdecken, die süsslich sentimentale Schwäche ihrer\nMelodieen zu stützen. Die nach dem Andante auf einander\nfolgenden beiden Allegri schadeten sich in der Wirkung\nwesentlich und ermüdeten trotz ihrer lebhaften Rhythmen\nden Hörer gegen das Ende.\nUm das von Herrn und Frau von Milde vorgetragene\nDuett aus dem „Fliegenden Holländer\" von Richard Wag-\nner schön zu finden, bedurfte es der ganzen Voreingenom-\nmenheit für die Richtung dieses musicalischen Umsturz-\nMannes; für den Unbefangenen fehlte es diesem Bilde ver-\nzerrter Leidenschaft an allem, was in der Musik schön ist,\nund der musicalisch Gebildete erbaute sich nicht an dieser\nStimm-und Harmonie-Führung. Die von Fräul. de Villar\naus Lissabon gesungene Arie aus den „Puritanern\" war\nnicht bedeutend, eben so die von Frau Förster vorgetra-\ngene Arie aus „ Cenerentola\", welche in den höchst man-\ngelhaft ausgeführten Coloraturen abermals bewies, dass\nFrau Förster ihre Kräfte und überhaupt das Gebiet ver-\nkennt, welches ihr in ihrer Kunst angewiesen ist. Unend-\nlich besser und zum unmittelbaren Vergleiche mit Frau\nFörster's Leistungen herausfordernd waren die von Fräul.\nMichal aus Stockholm gesungenen Variationen vonßohde\n(von denen sie jedoch nur drei vortrug) eine Leistung,\ndie ausgezeichnet genannt werden musste und in unserer\nZeit der oberflächlichen Sängerbildung fast unerhört er-\nschien. Dass Signora Parisotti mit einer strengen, ein-\nfachen Arie von Händel, welche aller unmittelbaren Wir-\nkung auf die Beifall klatschenden Hände entbehrte, unter\nalle diese Modernitäten zu treten wagte, rechnen wir ihr\nzu hohem Verdienste an; nur wäre zu wünschen gewesen,\ndass ihr Vortrag weniger leidenschaftlich gewesen wäre und\ndem ernsten, würdevollen Gange der Arie sich mehr ange-\nschlossen hätte. Das von Herrn Reer und Herrn von\nMilde vorgetragene Duett aus „Santa Chiara\" litt gleich-\nfalls an den schon früher gerügten Schwächen dieser Operj\nobschon es der Gesangs-Declamation ein günstiges Feld\nbot. Herr Edmund Singer aus Weimar bekundete in\ndem von ihm gespielten, für sein Instrument allerdings gün-\nstigen, sonst aber flachen Concerte von Paganini grosse\nFertigkeit und Sicherheit, überhaupt viel äussere Technik;\nSeele, Kraft und Energie im Strich müssen noch hinzukom-\nmen. Die Phantasie für Violoncell über Motive aus Wilhelm\nTeil, von Herrn Cossmann aus Weimar gespielt, bewies\nneben gleicher Virtuosität mehr Zartheit und Innigkeit im\nVortrage. Meyerbeer's Ouvertüre zum „Nordstern\"\nwar wohl ihrer Neuheit und ihres Geräusches wegen zum\nSchlussstücke dieses Concertes gewählt, welches in seiner\nZusammenstellung sowohl wie in seiner Ausführung nicht\nausgezeichnet genannt werden konnte.\nDer dritte Tag des Festes brachte dagegen wieder\nVortreffliches. Hierhin rechnen wir die beiden Hauptnum-\nmern des Programms vom Sonnabend: Händel's Ode\nauf St. Cacilia's Tag und Beethoven's neunte\nSinfonie. Ersteres Werk, bisher unbekannt und selbst\nim Register der londoner Gesammt-Ausgabe nicht mit auf-\ngeführt, war von Herrn Musik-Director Ritter in Magde-\nburg neu instrumentirt und bei Heinrichshofen herausgege-\nben. Die Uebersetzung der demselben zum Texte dienen-\nden Dryden'schen Ode litt leider an manchen Härten,\nwelche die Nothwendigkeit, die Worte den Noten anzu-\npassen, nicht ganz rechtfertigen möchte, und würden wir\nden Herrn Ulrici und Simon eher einige Willkürlichkei-\nten als diese holperpflöckige Steifheit und sclavische Treue\nihrer Uebertragung nachgesehen haben. Das Werk, ab-\nwechselnd in Chören und Sopran- undTenor-Solis den Ur-\nsprung der Musik in der Schöpfung feiernd, und den Cha-\nrakter der absoluten Musik in den verschiedensten Situa-\ntionen und Stimmungen durch die entsprechenden Instru-\nmente schildernd, verherrlicht am Schlüsse die Orgel als\nden Gipfel der Musik. Dass dieses Instrument bei der Auf-\nführung selbst nicht mitwirkend, sondern durch die Blas-\ninstrumente des Orchesters ersetzt war, brach allerdings\nder ganzen Tonschöpfung die Spitze ab; indess enthielt das\nWerk ausserdem so viel Schönes, dass wir von einer Ge-\nsammtwirkung absehen und uns an den trefflichen Einzel-\nheiten dennoch erbauen konnten. Nicht zu zweifeln ist, dass\nHändel in seiner ernsten, strengen Weise unserer Zeit, die\nsich mehr mit der musicalischen Schönredekunst als mit\nder Rede, mehr mit der Phrase als mit dem Gedanken\nbeschäftigt, zu herbe und schmucklos erscheint; es lässt\nsich ferner nicht läugnen, dass Manches an seinen Werken,\nals wirklich veraltet, seiner Zeit und somit der Vergangen-\nheit angehört, mit welcher die musikliebende Menge nichts\nzu thun haben will; eben so wahr aber ist es, dass der\nGedankengehalt, die tiefe Auffassung seiner Werke sich\ndurch alle diese Hindernisse hindurch dennoch Bahn bricht\nund das denkende Gemüth, welches auch mit dem Geiste\nhört, tief ergreift, und dass der scharfe Sauerteig seiner\nTondichtungen in unserer zerfahrenen und versüsslichten\nZeit das Element ernster, männlicher Gedankentiefe wieder\n• ' '\nzu wecken vor Allem geeignet ist. Aus diesem Grunde\nmüssen wir es dem magdeburger Musikfest-Comite nament-\nlich Dank wissen, dass es dieses Werk in sein Programm"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5267, "texte": "mit aufnahm. Die Aufführung selbst anlangend, so schien\nuns der Schlacht-Chor mit vorhergehender Arie nicht rasch\nund feurig genug genommen zu werden, Wohingegen der\nMarsch in seinen schwungvollen majestätischen Rhythmen\nmeisterhaft ausgeführt wurde. Zu wünschen wäre ferner\ngewesen, dass Frau Förster die Flöten-Arie weit leiser ge-\nsungen, wenigstens sich dem den Charakter des Musik-\nstückes mit grösserer Feinheit auffassenden Flötisten im\nVortrage mehr angeschlossen hätte; die Wirkung nach dem\ngeräuschvollen Kriegerchor würde grossarlig gewesen sein.\nDie schwächste Charakteristik, ungeachtet des dazu heraus-\nfordernden Textes bekundete die Tenor-Arie: „Die schar-\nfen Geigen schrei'n\" u. s. w., und die später folgende So-\npran-Arie: „Ein wild Geschlecht zog Orpheus fort\", welche\nbeide, ziemlich streng gearbeitet, sich in ruhigen, fast kalten\nRhythmen bewegten und jedes tonmalenden Eingehens auf\nden Gegenstand enthielten. Der Schlusschor: „Wie einst\ndurch heil'ger Lieder Kraft\", wirkte durch seine originelle\nAnlage, seinen kühnen Bau, welcher den Sopran den übri-\ngen Stimmen ohne Begleitung strophenweise voranschreiten\nliess, bedeutend, erhob sich bei der Stelle: „Posaunen-Ton\ndie Welt durchbebt\" u. s. w., in der während des ausge-\nj ' o\nhaltenen hohen a des Soprans gewaltig daher tönenden\nTrompete, eines Gedankens, welcher mit dem Tuba mirum\ndes Requiem wetteifert, zur höchsten Höhe musicalischer\nWirkung und erhielt darauf in der Fuge: „Das Leben\nstirbt\" u. s. w., den würdigsten Abschiuss. Grosser Beifall\nlohnte die Leistungen der Sänger und Instrumentalisten,\nwie die des Herausgebers dieses schönen Werkes, Herrn\nRitter.\nNachdem die Ouvertüre zum Freischütz und ein noch-\nmaliger Vortrag des Herrn Singer den Uebergang zum\nzweiten Theile des Concerles vermittelt hatten, begann die\nSinfonie, und zwar, da Litolff zum Feste nicht erschienen\nwar, unter Liszt's Direction. Hallen Mitwirkende sowohl\nwie Zuhörer sich bereits in der Probe überzeugt, dass Liszt\nim Verständnisse des sonderbar grandiosen Werkes Beet-\nhoven's wohl am weitesten vorgedrungen und seine Inter-\npretation desselben geistreich und poetisch sei, dass er auch\nder Exemtion des Werkes durch die Instrumente ein fleis-\nsiges Nachdenken gewidmet und sich überhaupt mit Seele\nund Gemüth in die Schöpfung Beethoven's versenkt habe,\num auch die Keime ihrer Gedanken zu erforschen (gab doch\ndie Einleitung des Tenor-Solo im vierten Salze unter seiner\nLeitung diesem Theile einen ganz anderen Anstrich, und\nverbreiteten in einer Passage von 6 bis 8 Taclen zwei ge-\nstossene Noten doch plötzlich Licht), so verhinderte doch\n-bei der Aufführung dieses gänzliche Verliefen des Dirigen-\nten in das Werk eine fehlerlose Direclion, die sich über\ndem Werke zu halten und Einsätze und Nuancen wem'\"-\n- t 3\nsiens anzudeuten, überhaupt aber namentlich sich davor zu\nhüten hat, durch äusseriiche Unruhe die Ausführung zu be-\nunruhigen. Hierin war wohl der Grund zu suchen, dass\nBässe und Tenöre den Chor: „Laufet, Brüder, eure Bahn\",\ngar nicht einsetzten. Doch verfolgen wir die Auslührune\nvon Anfang. Das Comite hatte im Texte die erläuternden,\nvon Faust-Citaten strotzenden Worte Richard Wagners\nmit abdrucken lassen, welche, ohne eigentlich auf die Sache\neinzugehen und mit den angezogenen Stellen oft in Wider-\nspruch stehend, seh in vagen Phanlasieen ergehen, die\nwohl nur geeignet sind, die Unbefangenheit des Genusses\ndem Hörer zu verkümmern. Es dürfte nicht schwer sein,\nalles, was der Componist nur mit Diesem und Jenem ge-\nsagt haben soll, auf die ganz entgegengesetzte Weise zu\ninterpretiren. Ob die Quinten und das Thema des ersten\nSatzes die Unbebaglichkeit und das Kämpfen des nach\nGlück Strebenden ausdrücken, mag unsertwegen jemand\nbehaupten, der Töne auf diese Weise in Poesie übersetzen\nwill, wir halten uns an die absolute musicaiische Form, an\ndie thematische Arbeit und Instrumental-Charakteristik. In\ndieser Hinsicht glauben wir uns überzeugt zu haben, dass\ndie neunte Sinfonie, wie grossartig ihre Auffassung im Ein-\nzelnen, im Gedanken sich darstellt, doch in der künstleri-\nschen Ausführung und Form den meisten Beethoven'schen\nWerken nach- und als eine Anomalie, als ein Aeusserstes\nin seiner Art dasteht, welches man als Product eines Gei-\nstes wie Beethoven anerkennt und ehrt, ja, in seiner gigan-\ntischen Conception bewundert, spricht gleich die Ausfüh-\nrung allen Gränzen der Kunst Hohn. Form und Charakter\nder ersten drei Sätze erscheinen uns trotz des Reichthums\nan musicalischen Ideen mangelhaft [!] im Verhältnisse zu\nallen übrigen Sinfonieen Beethoven's, ungeordnet [?] und wild;\nund was den vierten Satz anbelangt, so bewundern wir,\nwie schon bemerkt, die Gedankengrösse z. B. in den Re-\ncitativ-Sätzen der Contrabässe, in einzelnen Chorstellen, als:\n„Der Cherub steht vor Gott\" (F-dur, Schluss), „Ihr stürzt\nnieder, Millionen\", „Ahnest du\" u. s. w., in welcher letz-\nteren namentlich die Charakteristik und Malerei wahrhaft\nüberwältigend erscheint —aber auch nur die Conception,\ndie Idee; denn die Ausführung, die äussere Gestalt des\nWerkes geht über die Gränzen aller Aesthetik und die\nGränzen, welche die Natur in der Weite des Kehlkopfes\nund der Stärke der Lungen der menschlichen Stimipe\nsteckte, hinaus. Man sei ehrlich und gestehe sich ein, dass"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "209", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3024, "texte": "Stimmen in solchen Tonlagen keinen Gesang mehr, son-\ndern nur ein Geheul und Gewimmer hervorbringen können,\nwelches dem Zuhörenden noch grössere Qua! als dem Aus-\nführenden verursacht, dass man sich bei den Worten des\nSoprans: „Wollust ward dem Wurm gegeben\", auch bei\nder reinsten Intonation die Ohren zuhalten möchte, und vor\nden Umarmungen der Bässe in e und f nach dem Nordpol\nin ewiges Schweigen zu fliehen gedrungen fühlt. Die Ab-\nnormität, in das Element der Töne das Element der Sprache\n[der Sprache? ist denn Gesang Sprache?] plötzlich hinein\nzu versetzen und nach drei Instrumentalsätzen im vierten\nChöre einzuführen, kann uns keine ästhetische Deduction\nmotiviren, es heisst die Form der Sinfonie vernichten. Wir\nwiederholen, dass wir die neunte Sinfonie in Auflassung\nund Idee anerkennen, in der Form aber—geradezu gesagt\nverdammen *).\nDie hervorragendsten Leistungen in der am Sonntag-\nMorgen folgenden Matinee waren ein Quintett von Beetho-\nven in C-dur, von Karl Müller in Braunschweig sammt\nseinen vier Söhnen aus Meiningen vorgetragen, und das\nvon dem Quartett aus Weimar, den Oerren Singer,\nCossmann und Genossen, gespielte Schubert'sche Quar-\ntett in D-molL Ersteres gelang namentlich im letzten Satze\nvorzüglich, während letzteres sich durchweg durch leichte,\npoetische Behandlung auszeichnete. Die von Frau Förster\nmeisterhaft vorgetragenen beiden Lieder zeigten diese Sän-\ngerin in ihrem wahren Elemente, und freuen wir uns, hier\nohne Rückhalt und ganz von Herzen loben zu können.\nAuch Frau von Milde und Fräul. Parisotli zeichneten sich\ndurch eleganten und innigen Vortrag der von ihnen gewähl-\nten Piecen aus; Fräul. de Villar, welche ihre Lieder selbst\nleider aber mangelhaft begleitete, und Herr Reer blie-\nben hinter den Uebrigen in so fern zurück, als ihre Leistun-\ngen sich nur wenig über die Mittelmässigkeit erhoben.\nDass nach Erfüllung dieses vier Tage umfassenden,\nüberreichen Programms eine gewisse Abspannung und\nUebersäüigung der Hörer sieh bemächtigte, wird man er-\nklärlich finden, und ist nur zu wünschen, dass man für\nkünftige Musikfeste sich daraus die Lehre entnehme, nicht\nzu viel und zu vielerlei zu bieten; die Kunst selbst und\nder Geschmack werden nur dabei gewinnen können.\n*) Wir können nicht umhin, dem ehrenwerthen Herrn Bericht-\nerstatter za versichern, dass man ganz „ehrlich\" sein und\ndennoch die neunte Sinfonie bewundern kann. Man muss aber\nfreilich auch noch etwas mehr als ehrlich sein. Wenn er uns\ndie Freude machen will, das Werk einmal hier am Nieder-\nrheine anzuhören, namentlich unter F. Hiller's Leitung, wel-\ncher kein Freund von musicalischen Wettrennen ist, so wird\ner eine Menge ehrlicher und sehr gründlich musicalisch ge-\nbildeter Leute finden, denen das Herz aufgeht bei der neun-\nten Sinfonie, und die, wenn sie die Ohren offen halten, an\nkeiner Stelle „ein Geheul und Gewimmer\" zu ihrer und der\nSänger Qual vernehmen. Mit dem Urtheil über die drei\nersten Sätze dürfte er in der musicalischen Welt doch\nwohl so gut wie allein stehen. Die Redaction.\n\nBh."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-06-28-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-06-28_01#c003", "volume": "bmtnabi_1856-06-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "209", "page_fin": "211", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.2.3", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. 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Der Leiter die-\nses Vereins, ein jüngerer Musiker, der, soweit uns be-\nkannt, in seinen Bestrebungen eben so gut das Extrem der\nNeuerungssucht als das der blossen Anhänglichkeit an das\nAlte zu vermeiden weiss, hatte ein interessantes Programm\nzusammengestellt: mehrere hier noch unbekannte Stücke\nvon Schumann und die C-dur-Messe von Beethoven, die\nebenfalls hier seit vielen Jahren nicht öffentlich zur Ausfuh-\nrung kam. Der nicht starke Chor sang correct und nuancirt.\nDen eigentlichen Gegenstand dieses meines letzten\nBriefes bis zum Beginn der neuen Saison im September\nbildet die königliche Oper, die namentlich durch eine Reihe\nvon Gastspielen dem Berichterstatter manchen Stoff bietet.\nDas Gesammt-Resuitat, das sich daraus üi»er die Zustände\ndes deutschen Theaters ergibt, ist freilich kein sehr erfreu-\nliches. Ueberblicken wir zuerst unser heimisches Perso-\nnal. Es wäre undankbar, wenn wir uns über einen Mangel\nan Primadonnen beklagen wollten. Was wir an Johanna\nWagner, so Vieles sich auch gegen ihre Neigung zu ge-\nwaltsamen, unschönen Gegensätzen, gegen ihre Art, die\nTiefe und die Höhe zu gebrauchen, überhaupt gegen ihre\nkünstlerische Auffassung sagen lässt, in der sich Edles und\nUnedles, Schönes und Unschönes chaotisch mit einander\nmischen was wir trotzdem an ihr besitzen, zeigt wohl\nzur Genüge ihr grosser Erfolg in London, den ausgewähl-\ntesten Sängerinnen der Gegenwart gegenüber. Der musica-\nlische Geist der heutigen Zeit ist vielfach getrübt; sie ver-\ntritt ihn mit allen Flecken und allem edeln Gehalt, den er\nin sich enthält, und so, dass man sagen kann, sie sei als\nSängerin eine der bedeutendsten Erscheinungen des Geistes,\nvon dem die ganze Zeit erfüllt ist. In ungleich reinerer"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "210", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5295, "texte": "künstlerischer Schönheit stehen die Leistungen der Frau\nKöster da, auf der ja auch vorzugsweise das classische\nRepertoire ruht; unser kritisches Gewissen findet nicht nur\nwenig daran auszusetzen, sondern manche Darstellungen,\nz. B. die des Fidelio, der Valentine, rufen selbst Bewunde-\nrung hervor; aber freilich fehlt ihr, im Vergleich mit Jo-\nhanna Wagner, jene lebendige Naturfrische des eben so\nmächtigen als elastischen Organs; die strengere, reinere\nSchule, in der sie die Auswüchse entfernt, nagt auch an\nder Ueppigkeit des Wuchses und lässt nur eine kühlere,\ntrockenere Schöpfung aufkommen. Dort blühende Frische\nund wildes Wachsthum, hier strenge Zucht und sparsames\nGedeihen. Da aber eine Sängerin, die diesen Gegensatz in\nsich versöhnt, nicht existirt, so wollen wir zufrieden sein,\ndass wir in jeder von beiden Richtungen das Vorzüglichste\nbesitzen; denn nachdem uns Gelegenheit geworden, alle\nBerühmtheiten der deutschen Bühne kennen zu lernen, ha-\nben wir die Ansicht gewonnen, dass Fräul. Wagner und\nFrau Köster die beiden bedeutendsten dramatischen Sän-\ngerinnen Deutschlands gegenwärtig sind. Frau Herren-\nburg-Tuczek aber leistet in Rollen wie Zerline und\nSusanna, ferner in manchen Aufgaben der modernen fran-\nzösischen Oper noch immer Treffliches und wird ebenfalls\nsehr schwer zu ersetzen sein. Auch das Fach der zweiten\nSängerinnen ist durch die Damen Trietsch und Botti-\nch er recht gut besetzt. Schlimmer sieht es mit den Tenö-\nren aus. Zwar hat Herr Formes so ausserordentliche\nFortschritte gemacht, dass er unzweifelhaft zu den ersten\nTenoristen Deutschlands gehört; darin, dass er neben dem\nmächtigsten Forte auch des zartesten Piano, neben der ge-\nwaltigsten Energie des Tones auch des lieblichsten Schmel-\nzes fähig ist, dürfte er vielleicht Allen überlegen sein. Nur\nin der Art, wie er sein Können verwendet, stimmen wir\nnicht immer mit ihm überein, obgleich wir ihm zugestehen,\ndass die Componisten selbst die meiste Schuld an allen den\nUnschönheiten tragen, unter denen der moderne Gesang\nleidet; indess hat der Sänger Manches in seiner Gewalt,\nwenn er sich entschliesst, auf die Gunst der unverständigen\nMasse Verzicht zu leisten. Herr Mantius verliert für die\nBühne immer mehr an Bedeutung, obgleich er als Concert-\nsänger sich hin und wieder noch in gewohnter Ueberlegen-\nheit zeigt. Herr Pfister, von jeher Naturalist, versinkt\nimmer tiefer in die Fehler seiner Methode. Herr Krüger,\nder sich trotz seiner in der Höhe leicht ansprechenden, wei-\nchen und lieblichen Stimme auf der Bühne bis vor Kurzem\nsehr unbehülflich zeigte, hat ein vortheilhaftes Engagement\nin Dresden angenommen. Seit diesem Augenblicke sind seine\nKräfte gewachsen, und wir haben einige, wenn auch noch\nmangelhafte, so doch sehr beachtungswerthe Leistungen\nvon ihm gehört, so dass wir hoffen, es werde ihm noch ge-\nlingen, sich unter den deutschen Tenören einen Namen zu\nmachen. Sein Engagement in Dresden wird ihm vielleicht\nvon Vortheil sein, da er dort wohl häufiger zum Auftreten\nkommen wird, als hier. Von unseren Bässen nenne ich\nZschiesche, Krause, Bost, Saloman, Radwaner,\nFricke, obschon die Zahl derselben damit noch lange nicht\nerschöpft ist und ich Ihnen noch mindestens vier nennen\nkönnte, die in Solo-Partieen, und mitunter in recht wesent-\nlichen, beschäftigt werden. Es sind tüchtige und bedeutende\nKräfte darunter, wie denn z. B. Krause, obschon der Kir-\nchengesang sein eigentliches Feld ist, dennoch in der classi-\nschenOper manche vorzügliche Leistung aufzuweisen hat und\nstets durch Adel des Tones erfreut, während Zschiesche\nnoch immer den Ruhm einer unverwüstlichen Sicherheit\nsich nicht streitig machen lässt, und Bost in Buff'o-Partieen\nTüchtiges leistet. Auch Saloman hat ein sonores Metall\nin seiner Stimme, obschon es ihm an Gewandtheit und Leich-\ntigkeit fehlt. Radwaner hat Fortschritte gemacht; den-\nnoch bleibt in der Reinheit der Intonation, überhaupt in der\nmetallenen Festigkeit des Tones noch Manches zu wünschen.\nHerr Fricke ist neu engagirt. Er besitzt ein beachtungs-\nwerthes Talent; doch ist sein Organ noch eine schwer-\nfällige Masse, von der er beherrscht wird, anstatt über sie\nzu herrschen.\nDie Gäste, die hier auftraten, waren zum Theil herbei-\ngezogen, um bevorstehende Lücken zu ergänzen. Eine Sän-\ngerin, die indess den Forderungen unserer Bühne gewach-\nsen wäre, ist bis jetzt noch nicht gefunden. Tenöre hat\nman, wie es scheint, nicht einmal für ein Gastspiel auffinden\nkönnen. Zuerst, schon im April, kam Frau Bürde-Nev\nund errang in allen Rollen, in denen vollendete Schönheit\ndes Organs und Coloratur-Fertigkeit genügt (z. B. als Norma,\nRosine, Isabella), stürmischen Beifall. Geringeren Eindruck\nmachte sie in dramatischen Partieen, z. B. als Euryanthe,\nFidelio. Ihre glänzendste, in jeder Beziehung vollendete ,\nRolle ist die Frau Fluth in Nicolai's lustigen Weibern von\nWindsor. Da ich im vorigen Jahre in Ihrer Zeitung aus-\nführlich über Frau Bürde-Ney geschrieben habe, so unter-\nlasse ich es diesmal. Was uns namentlich an ihrer Gesanges-\nMethode anzieht, ist eine gewisse Strenge und Reinheit des\nStils; der Ton ist von jedem unedlen, ja, jedem krankhaften\nBeigeschmack frei. Dagegen vermissen wir nicht bloss den\nAusdruck gewaltiger Leidenschaft, sondern auch den der\nzarten Innigkeit; uns ist Frau Bürde-Ney ein Beispiel, dass"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "211", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3591, "texte": "man in gewisser Beziehung weich und zart singen und doch\ndes eigentlich poetischen Duftes entbehren kann. Frau\nBürde-Ney ist Bravoursängerin im vollen Sinne des Wortes\nund als solche eine der glänzendsten Erscheinungen. Ob-\nschon ihre Coloratur manche Mängel hat, hat sie doch in\neinzelnen Fertigkeiten, z. B. im Triller, die höchste Meister-\nschaft erreicht. Zu den wunderbarsten Leistungen, die man\nüberhaupt hören kann, gehört ihr Vortrag einer sehr elen-\nden Walzer-Arie von Wagner, in der sie z. 8., freilich im\nschnellsten Tempo, auf dem hohen einen siebenzehn Tacte\nlangen Triller macht und dabei eine Kraft und Ausdauer in\nden höchsten Tönen der zweigestrichenen Octave beweis't,\ndie Alles in Erstaunen setzt.— Nächstdem trat Fräul. Bi-\nanchi auf und errang sich unter den Kennern grosse Auf-\nmerksamkeit ; das Publicum blieb aber ziemlich theilnahm-\nlos. Für das Opernhaus fehlt es ihrer Stimme noch an Kraft,\nihrer Technik an augenblicklicher Sicherheit, der Höhe an\nLeichtigkeit und dem Spiel an Leidenschaft. Doch besitzt\ndas Organ einen namentlich in elegischen Stellen sehr er-\ngreifenden Timbre; ihre Gesangs-Methode ist gediegen und\nfrei von krankhaften Auswüchsen. Es ist von der Tiefe bis\nzur äusserstenHöhe eine kernige,metallreicheßruststimme;\neine kleine Milderung dieses im Princip eigentlich richtigen\nvollen Athemstromes dürfte indess den heutigen Anforde-\nrungen der Bühne gegenüber, wenn das Organ aushalten\nund mit genügender Leichtigkeit in der Höhe ansprechen\nsoll, rathsam sein. Was Fräul. Bianchi ausserdem noch in\nschneller Tonentfaltung, in raschen Sätzen, in grossen En-\nsembles zu lernen hat, wird sie sicher auf der Bühne lernen.\nGewisse Dinge, die ihr noch fehlen, werden von viel talent-\nloseren Sängern erworben, wenn sie Gelegenheit erhalten,\nmit der Bühne vertrauter zu werden. In so fern ist es lür ihre\nkünstlerische Zukunft, von der wir etwas erwarten, vielleicht\nbesser, dass sie in Schwerin engagirt ist, als wenn hier ein\nEngagement zu Stande gekommen wäre; denn dort wird\nihr unstreitig häufigere Gelegenheit zum Auftreten. Be-\ndauern würden wir es indess, wenn sie lür uns auf immer\nverloren wäre.—Fräul. Michal zeigte sich als eineäusserst\ngewandte Coloratursängerin und fand vielen Beifall.—We-\nnig konnte Fräul.Lehmann aus Amsterdam genügen, der\nes freilich keineswegs an Talent, aber an der für grosse\nBühnen notwendigen Ausbildung fehlt.—Besseres leistete\nFräul. Stork aus Braunschweig, obschon auch ihrer Ge-\nsangs-Methode Mängel anhaften, an die das hiesige Publicum\nnicht gewohnt ist. Eine Sängerin ersten Ranges, die ich\nzu den bedeutendsten lebenden Sopranistinnen rechne, lern-\nten wir in Signora de Fortuni (aus Madrid) kennen. Sie\ntrat im Opernhause, aber als Concertsängerin, auf. Obschon\nsie, wie ich höre, Bühnensängerin ist, scheint mir der\nTheatergesang mit ihrer ganzen künstlerischen Richtung\ndoch unverträglich. Ihre Stimme gehört zu den kleinsten,\nfesselt aber durch vollstes Gleichmaass und vollendete Lieb-\nlichkeit und Schönheit und ist überdies, obschon stets zart\nund mild, doch von jeder krankhaften, weichlichen Hülle\nfrei. Namentlich ist die Höhe, die bis weit in die dreige-\nstrichene Octave reicht, wunderschön. Die Meisterschaft im\nColoraturgesange erreicht dieselbe Höhe, wie etwa bei der\nViardot und der Sontag. Doch lässt sie es nicht beim blos-\nsen mechanischen Können bewenden, sondern durchdringt\n7 O\ndie scheinbar seelenlosen Ausschmückungen der Cantilene\nmit der feinsten musicalisshen Auffassung. Wenn auch in\neinseitiger, bestimmter Richtung, ein solcher Gesang ist\nvollendete Künstlerschaft.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-06-28-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-06-28_01#c004", "volume": "bmtnabi_1856-06-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "211", "page_fin": "212", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.2.4", "titre_corps": "Adolf Fumagalli.", "titre_sommaire": "Adolf Fumagalli.", "signature_source": "L. ß", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "211", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.1.7", "debut_caractere": 3593, "fin_caractere_exclue": 5856, "texte": "Adolf Fumagalli.\n(Nekrolog.)\n\nIn Florenz, wo vor Kurzem Döhler das Ende eines schmerz-\nlichen Daseins fand, hat der Tod einen ausgezeichneten Künstler,\nden Pianisten Fumagalli, in der Blüthe der Jugendkraft und\ndes steigenden Ruhmes plötzlich dahingerafft.\nAdolf Fumagalli war im Jahre 1829 zu Inzago bei Mailand ge-\nboren. Seine musicalische Ausbildung erhielt er auf dem Conser-\nvatorium in Mailand, wo er besonders unter Angeleri's Leitung\nstudirte. Mit vierzehn Jahren hatte er bereits eine grosse Meister-\nschaft auf dem Pianoforle erreicht und ging nach Paris. Dort nahm\ner auch später seinen bleibenden Aufenthalt, machte aber häufige\nReisen nach Italien, wo er überall auf enthusiastische Weise ge-\nfeiert wurde. Sein Spiel war in der That ausserordentlich; unter\nder Menge von Pianisten, die man in Paris trotz ihrer grossen\nVirtuosität doch fast bis zum Ueberdrusse hört, war Fumagalli der\neinzige, der uns im Jahre 1852, wo wir ihn zum ersten Male hör-\nten, zur Bewunderung hinriss. Selten haben wir eine so kräftige\nBewältigung des Instrumentes mit so zarter und ausdrucksvoller\nBehandlung des Melodieenspiels gepaart gefunden. In technischer\nBeziehung leistete namentlich seine linke Hand fast das Unmögliche,\naber mehr als die ungeheure Bravour machte ihn Kopf und Herz\nzu einem grossen Künstler. Der Eindruck seines Spiels war nicht\nauf die prickelnde Pikanterie der pariser Pianisten begründet, son-\ndern auf jenen wunderbaren Vortrag, in dem sich die Seele, die\nmusicalische Auffassung und das musicalische Gefühl eines Italiä-\nners offenbaren einen Vortrag, den man mit seinem eigentüm-\nlichen Tempo rubato fast nur bei den Künstlern Italiens findet, und\nden von den nordischen Pianisten nur Chopin in seiner Gewalt\nhatte Wenn der Pole Chopin im Zarten, Anmuthigen und Ritter-\nlichen unübertrefflich war, so überragte ihn dagegen der Italiäner\nFumagalli im Ausdrucke der Leidenschaft, des männlichen Ernstes\nund der Energie, ohne dabei der Weichheit und Tiefe des Ge-\nlühls Abbruch zu thun*\nAls Componist hat er sich auf das Ciavier beschränkt und eine\nMenge Salonstücke geschrieben, welche kein gewöhnliches melodi-\nsches Talent und auch Phantasie verrathen, und gewissenhafter\ngeschrieben sind als der grösste Theil der Virtuosen-Compositionen"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1027, "texte": "unserer Zeit, namentlich für einen Italiäner, der noch dazu in Paris\nlebte, wo selbst die Deutschen (Ascher, Blumenthal u. s. w.) sich\nin die flachste Mode-Tändelei verlieren.\nDer Tod hat ihn, der kaum 27 Jahre alt war, am 8. Mai, nach-\ndem er einige Tage vorher Mailand noch ganz gesund verlassen\nhatte, plötzlich ereilt, und statt eines neuen Triumphes, den man\nihm bereitete, fand er in Florenz sein Grab. Die mailänder Musi-\ncalische Zeitung (vom 11. Mai) erzählt, dass er nach einer Reihe\nvon glänzenden Concerten an einem Abende drei Tage vor sei-\nnem Tode —, umgeben von seiner jungen und schönen Gattin und\nihren zwei Kindern, ausgerufen habe: „Ich bin ganz glücklich!\nWas ist doch das Leben für eine schöne und heilige Sache!*4\nEr hinterlässt nicht das geringste Vermögen; die lombardische\nHauptstadt wird sich seiner Kinder annehmen, und in Paris ist\nauf die Nachricht von seinem Tode sogleich eine Unterzeichnung\neröffnet worden, an deren Spitze sich 11. Herz, Marmontel, Lefe-\nbure-Wely u. A. gestellt haben.\n\nL. ß."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-06-28-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-06-28_01#c005", "volume": "bmtnabi_1856-06-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "212", "page_fin": "212", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.2.5", "titre_corps": "Aus Paris.", "titre_sommaire": "Aus Paris.", "signature_source": "B. P", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.1.8", "debut_caractere": 1029, "fin_caractere_exclue": 5551, "texte": "Aus Paris.\nB. P.\nDie musicalische Section des Instituts (oder der Akademie der\nschönen Künste) hat in ihrer Sitzung vom 21. Juni Hector 13er-\nlioz an die Stelle von Adolf Adam zum Mitgliede ernannt. Vor-\ngeschlagen hatte die Scction die Herren: 1) H. Berlioz, 2) Felicien\nDavid, 3) Niedermeyer, 4) Gounod, 5) ex aequo Leborne und Pan-\nseron, 6) Eazin. Bei der ersten Wahl hatte Berlioz 15, Panseron\n7 Stimmen u. s. w., bei der vierten die erforderliche Majorität von\n19 auf 37.\nDer Kaiser hat auf den Antrag des Ministers Fould die Errich-\ntung einer Pensions-Casse für die kaiserliche Oper ge-\nnehmigt, an welcher das sämmtliche Künstler- und Beamten-Per-\nsonal derselben sich mit fünf Procent jährlichen Beitrages von\nihrem Gehalte betheiligen kann. Ausserdem gibt die Civilliste jähr-\nlich 20,000 Frcs., und die Abzüge bei Beurlaubungen, die Straf-\ngelder (sowohl die disciplinarischen als die gerichtlich bestimmten)\nund der Ertrag von zwei ausserordentlichen Vorstellungen (zwei\nOpern oder einer Oper und einem Balle) fliessen in die Gasse.\nWer über 40,000 Frcs. Gehalt bezieht, ist von der Theilnahme\nausgeschlossen (und das mit Recht). Vom 1. Juli d. J. an ist der\nBeitritt unerlässiich. Ansprüche haben: 1) die Solosänger und\ndas ganze Ballet-Personal nach 20 Dienst jähren, ohne Rücksicht auf\nihr Alter; 2) die Musik-Directoren, Vorspieler an den ersten Pulten;\nGhor-Directoren, Regisseure, Ballet- und Maschinen-Meister im Al-\nter von 50 Jahren und nach 20 Dienstjahren; 3) die Mitglieder des\nOrchesters, des Ghors, die Maschinisten von 50 Jahren nach 25\nDienstjahren; 4) die übrigen Angestellten von 60 Jahren nach 30\nDienstjahren. Bei Verletzungsfällen kann Jeder augenblicklich,\nbei Unfähigkeit aus Altersschwäche alsdann Pension verlangen,\nwenn er drei Viertel der gesetzlichen Dienstzeit nachweisen kann.\nDie Pension kann in keinem Falle weder unter 100 noch über\n6000 Frcs. hetragen. Auch die Witwen und Waisen der Pen-\nsionirten haben Recht auf ein Drittel der Pension des bereits pen-\nsionirt gewesenen Gatten oder Vaters.\nBei der Taufe des kaiserlichen Kindes hat natürlich auch die\nMusik ihre Rolle gespielt. Die ganze Strasse Rivoli entlang spielten\ndie verschiedenen Corps der Militärmusik. An der Schwelle der\nKathedrale wurde der Zug mit einem feierlichen Marsche von\nSehn ei tzhöfe r empfangen. Dann intonirte der Gardinal-Legat\ndas Veni Creator von Per suis, worauf Chor und Orchester (400\nPersonen), von Girard dirigirt, es ausführten. Während der Tauf-\nCeremonie wurde eine Motette von Lesüeur, Joannes Baptisia in\ncleserto, und das Vivat vom Abbe Rosa (?) gesungen. Nachdem\ndas kaiserliche Kind die Kirche verlassen, intonirte der Cardinal-\nLegat das Te Deum von Lesueur, dem zuletzt das Domine, sah um\nfac Imperatorem folgte. Es ist wohl keine Frage, dass man Lesueur's\nCompositionen, abgesehen von ihrem wirklichen Werthe, vorzüglich\naus napoleonischen Rücksichten gewählt hat, da Lesueur bekannt-\nlich bei Napoleon I. sehr hoch angeschrieben stand und eine Menge\nGelegenheits-Compositionen auf die Ereignisse des ersten Kaiser-\nreiches geliefert hat.\nBeim Diner im Stadthause spielten zwei Orchester mit Chören.\nMendelssohns Hochzeilsmarsch (diesmal Marche du bapteme),\neine Cantate von Au her, eine spanische Sinfonie von Gevaert,\nein Chor von Cherubini: „Dors, noble enfant\" (was sollte es\nauch besser thun, als schlafen?), ein Hymnus von Ad. Adam,\nein Marsch von Cherubini Ii essen sieh dabei vernehmen, und\num der jetzigen musicalischen Mode zu huldigen, wurden die alten\nehrlichen Deutschen Händel und Bach auf die Galerie des pa-\nriser Stadihauses bemüht, jener, um seinen Triumphgesang in G-\ndur aus Josua : „Seht, er kommt mit Sieg gekrönt*', dieser, um eins\nseiner Präludien, von Gounod arrangirt, zum Dessert zum Besten\nzu geben. Im Stadthause waren Orchester und Chor an 500 Per-\nsonen stark. Der Text der Auber'schen Cantate von Camille Drouet\nzeichnet sich durch Mangel an aller Poesie, selbst an französisch-\nrhetorischer, aus. Man höre z. B.:\nGrandis enfant, ta race te conlemple;\nEn l'imitant sois digne d'eile un jour:\nTa jeune mere est ton premier exemple (!)\nDe tous nos coeurs tu lui devras Vamour. (!)\nGrandis enfant, ton aieul et ton pere\nSous deux lauriers t'abritent desormais:\nlis t'apprendront le grand art de la g-uerre,\nlis t' apprendront le grand art de la paix.\nBei den zwei letzten Versen fällt mir ein Calembourg ein aber\nnotez bien, dass ich nicht weiss, auf wen er sich bezieht:\nSai connu deux rivaux:\nL'un prenait les capilalcs\nEt Vautre les cavitaux. <«."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDas Musik fest in Magdeburg. Von Bh. Berliner Briefe (königliche Oper Gäste: Ney, Bianchi, Michal\nLehmann, Stork, de Forluni). Von G. E. Adolf Fumagalli. Nekrolog. Von L. B. Aus Paris (Berlioz Mitglied des Instituts\nl'ensions-Casse der Oper, Musik bei der Tauffeier).\n\nDas Musikfest in Magdeburg.\n\nUnmittelbar von den Ufern des Rheines scheint Göttin\nPolyhymnia nach den Ufern der Elbe übergesiedelt zu sein,\num in Magdeburg, nachdem kaum die Töne des düsseldor-\nfer Musikfestes verhallt, neue Huldigungen ihrer Ver-\nehrer entgegen zu nehmen. Bezüglich des in der Elbfestung\nam 12., 13., 14. und 15. Juni abgehaltenen Musikfestes\nmag man den Namen der Gesangs-Muse immerhin wörtlich\nnehmen; denn das Programm dieses Festes bot nicht allein\nviel, sondern auch vielerlei, ja, mehr und mancherlei, als der\nkräftigste musicalische Magen zu bewältigen im Stande war.\nDie vereinigten Gesangs- und Orchester-Kräfte Mag-\ndeburgs hatten sich, unterstützt von der Sing-Akademie zu\nBraunschweig und den Orchestern aus letzterer Stadt und\naus Weimar, denen sich mancher Kunstgenosse von ande-\nren Orten her noch anschloss, zur Aufführung von Mo-\nzart's (7-dwr-Sinfonie und Haydn's Schöpfung am 12.\nJuni, dem ersten Tage des Festes, in der Johanniskirche\nversammelt, und es war für diesen ersten und bedeutend-\nsten Tag die Leitung zwischen dem Capellmeister Abt\naus Braunschweig und dem Musik-Director Mühling aus\nMagdeburg getheilt. Die Zahl der Chorstimmen stieg in das\nlünfte Hundert, neben den 37 Geigen waren 12 Violen,\neben so viele Celli und Contrabässe thätig, und die Gesang-\nSoli in der Schöpfung wurden von Frau Förster aus\nDresden, Herrn Krause aus Berlin, Herrn Reer aus Co-\nburg und Herrn und Frau von Milde aus Weimar vor-\ngetragen. Der Bau der Kirche, deren Räumlichkeiten mit\nZuhörern überlüllt waren, hatte leider eine Trennung der\nMännerstimmen von den Frauenstimmen und eine isolirte\nGruppirung der ersteren auf beiden Emporen nothwendig\ngemacht, welcher Uebelstand jedoch durch die aufmerksame\nund energische Direction Abt's ausgeglichen wurde, so\nDass trotz der zerstreuten Aufstellung die gute Zusammen-\nwirkung des Chors keine Beeinträchtigung erlitt, und die\nschöne Akustik des Gebäudes eine vortreffliche Auslührung\nbeider Kunstwerke unterstützte.\nMit poetischer Auffassung und feinem Gefühle hielt der\nDirigent, welcher zum ersten Male den Tactstab über eine\nso grosse Masse von Stimm- und Instrumental-Kräften\nlührte, den Chor nach dem einleitenden Recitative bis zu\nder Stelle: „Es ward Licht!\" im äusserstenPiano, so dass\ndie Worte: „Der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser\",\nin ihrem geheimnissyoll wogenden Rhythmus gerade die\nDeutlichkeit erhielten, dass sie als Chorgesang zu erkennen\nwaren, und die von Haydn so treffend geschilderte Schö-\npfungs-Dämmerung angemessen versinnlichten, bis mit dem\nWorte „Licht\" ein allgemeines, urplötzliches Forle des\nganzen Ton-Complexes den Blitz des hereinbrechenden Ta-\nges, dessen Strahlen in den Sechszehnteln der Violinen\nglänzend daherwogten, malte. Es ist über diese bedeutend-\nste Stelle des Oratoriums, über diesen erhaben gedachten\nund harmonisch dennoch so einfachen Vocal-Effect bereits\nso viel gesagt worden, die Art und Weise der Ausführung\nscheint sich aus den Noten selbst so einfach zu ergeben\nund hat sich in hundert und aber hundert Aufführungen\nhinreichend manifestirt, dass man glauben sollte, die indivi-\nduelle Auffassung des Dirigenten könne dabei von gar kei-\nnem abweichenden Einflüsse mehr sein; dennoch ist es ge-\nwiss, dass bei einem so grossen Chore schon die Idee eines\nCrescendo oder Forte in einer einzelnen Note den Ausdruck\nund die Bedeutung des Gedankens ändert, und dem repro-\nducirenden Künstler neben den strengen Vorschriften des\nTondichters noch das weiteste Feld offen steht, das Werk\ndes letzteren seinem Ürgedanken gemäss auf die mannig-\nfaltigste Weise zu beleben, ja, künstlerisch neu zu schaffen,\nindem eben die Seele eines Kunstwerkes sich nicht in"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.1.2", "texte": "Zeichen fassen lässt. Die am nächsten liegende und bisher\ngewöhnlich befolgte Auffassung liess den Chor in einem\nCrescendo bis zu dem F-moll-kccovde vorgehen, dann die\ndrei Viertel in Gwieder leise einsetzen und auf dem dann\nfolgenden C-dur alle Kraft concentriren. Poetisch schöner\nund in der Wirkung erhabener war jedenfalls das von Fr.\nAbt beobachtete strenge Piano, welches die Wucht der\nsich vorbereitenden Katastrophe nicht vorher andeutete,\nsondern nur dunkel ahnen liess, und dann in schroffem Ge-\ngensatze zu dem den Sieg des Lichtes feiernden Accord in\nC-dur überging. Jeder, der sich von der grossartigen Wir-\nkung, von der zauberhaften Macht des Piano eines grossen\nChors überzeugte, wird unsere Meinung, dass die oben be-\nzeichnete Ausführung die im Werke selbst am natürlich-\nsten begründete und den äusseren Erfolg am besten unter-\nstützende genannt werden muss, theilen.\nFassen wir zunächst die Leistungen des Chors über-\nhaupt und die des Orchesters ins Auge, so müssen wir ge-\nstehen, seit lange nicht eine so vortreffliche Zusammenwir-\nkung gehört zu haben, und machte sich auch nicht die ge-\nringste Abweichung im Zeitmaasse zwischen Singstimmen\nund Instrumenten bemerkbar; es wurde sehr gut Ton ge-\nhalten, der begleitende Chor zu dem Duett im dritten\nTheile abermals gut piano gesungen, und wenn sich in der\nProbe namentlich in diesem Chor einige unaufmerksame\nStimmen durch dieTriolen des Orchesters den egalen Ach-\nteln der Worte: „Gesegnet sei des Herren Macht\" u.s.w.,\nabtrünnig machen liessen, so war die Auflührung selbst\nfrei von jedem Fehler und in jeder Hinsicht befriedigend.\nDie Solo-Vorträge anlangend, so waren zunächst\nHerrn Krause's Leistungen über alles Lob erhaben, seine\nin allen Lagen gleich schöne Stimme gab jedem Tone seiner\nPartie (Raphael) neuen Adel, unterstützte die grossartige\nMalerei bei Erschaffung der Thiere mit der edelsten Leb-\nhaftigkeit und möchte überhaupt wohl der beste Oratorien-\nBass der Gegenwart sein. Von Frau Förster (Gabriel)\nwürde sich gleich Lobenswerthes sagen lassen, hätte die-\nselbe nicht ihre sonst sehr schöne Leistung durch einige\nephemere (vielleicht auf Erfolg bei Nichtkennern berechnete)\nAbweichungen verunziert. Hierhin rechnen wir namentlich\ndie von ihr in der Arie: „Auf starkem Fittich schwinget\nsich\" u. s. w., öfter angewandten Terzen-Triller, so wie\ndie Auslassung der in dieser Arie gegen den Schluss hin\nvorkommenden Prall-Triller. Wenn eine Künstlerin wie\nFrau Förster die Würde eines Werkes wie die Schöpfung\nso sehr verkennt, dass sie dieselbe durch solche der Menge\nallerdings ungewöhnlich, dem ästhetisch gebildeten Ohr\naber hässlich klingende Anhängsel wie jene oft nicht ein-\nmal reinen Triller (von den anderen Auslassungen wollen\nwir nichts weiter sagen) modernisiren zu müssen glaubt,\nwenn sie die hohe Bedeutung der Fermate auf in der\nArie: „ Neu beut die Flur das frische Grün\", auf die Worte:\n„Hier sprosst den Wunden Heil\", die durch das der\nBässe eine so zarte Nuance erhält und durch deren unge-\nkünstelten Vortrag Jenny Lind eine so grosse Wirkung\nerreichte, durch eine Verzierung im Forte verunstaltete, so\nerkennen wir darin offenbar Mangel an Auffassung und\nkönnen es nur bedauern, dass Frau Förster trotz ihrer\nStimmmittel und fleissigen Bildung dennoch ihre Kräfte\nund das tiefere Wesen ihrer Kunst verkennt.\nHerrn Reer's (Uriel) klangvolle Tenorslimme reicht\nleider in den tieferen Lagen nicht immer aus, auch legte er\ndurch das den Theatersängern im Ganzen eigene Schleifen\nund Ineinanderziehen der Töne noch grosse Unerfahrenheit\nim Oratoriengesange an den Tag (das Weglassen aller über-\nflüssigen Vorhalte wäre ihm somit als unfreiwilliges Ver-\ndienstanzurechnen), trug jedoch die Arie: „Mit Würd' und\nHoheit angethan\" u. s. w., recht gut vor, war im En-\nsemble brav und sang fehlerlos rein.\nHerr und Frau von Milde sangen die Parlieen des\nAdam und der Eva im dritten Theile mit vielem Fleisse.\nFrau von Milde's hohe und klangvolle Stimme leidet jedoch\nan Schärfe, sie sang häufig zu hoch und wich namentlich\nbei den Fermaten fast regelmässig um eine Schwebung ab.\nObgleich Herrn von Milde's Stimme des Metalls ermangelt\nund keiner bedeutenden Modulation lähig ist, gelangen ihm\ndoch einige zarte Stellen, namentlich das: „Folge mir!\"\nvorzüglich. Sonst war der Zwiegesang des Sängerpaares\ntadellos.\nDie C-dur-Sinfonie Mozart's, welche der Schöpfung\nvorherging und von Herrn Musik-Director Mühling mit\nUmsicht geleitet wurde, bewies ein gutes Zusammenspiel\nder einheimischen und fremden Künstler, gelang namentlich\nim Adagio vorzüglich (das Scherzo litt an einigen Unge-\nnauigkeiten) und machte mit Haydn's Meisterwerk den er-\nsten Tag des Festes zum bedeutendsten und gelungensten.\nUnter den am zweiten Tage in der Centralhalle auf-\ngeführten Piecensind als Orchesterwerke Mendelssohn's\n„Meeresstille und glückliche Fahrt\" und die Ouvertüre zu\n„Santa Chiara\" anzulühren. Ersteres, ohnehin keines der\nbedeutenderen Werke Mendelssohn's, leidet trotz des gün-\nstigen Stoffes an Schwäche der Charakteristik und Unbe-\nstimmtheit der Gedanken [?], während letztere Arbeit nicht\nim Stande war, durch frappante, ja, glänzende Instrumen-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.1.3", "texte": "tirung das Unbedeutende ihres eigentlich musicalischen Ge-\nhalts zu verdecken, die süsslich sentimentale Schwäche ihrer\nMelodieen zu stützen. Die nach dem Andante auf einander\nfolgenden beiden Allegri schadeten sich in der Wirkung\nwesentlich und ermüdeten trotz ihrer lebhaften Rhythmen\nden Hörer gegen das Ende.\nUm das von Herrn und Frau von Milde vorgetragene\nDuett aus dem „Fliegenden Holländer\" von Richard Wag-\nner schön zu finden, bedurfte es der ganzen Voreingenom-\nmenheit für die Richtung dieses musicalischen Umsturz-\nMannes; für den Unbefangenen fehlte es diesem Bilde ver-\nzerrter Leidenschaft an allem, was in der Musik schön ist,\nund der musicalisch Gebildete erbaute sich nicht an dieser\nStimm-und Harmonie-Führung. Die von Fräul. de Villar\naus Lissabon gesungene Arie aus den „Puritanern\" war\nnicht bedeutend, eben so die von Frau Förster vorgetra-\ngene Arie aus „ Cenerentola\", welche in den höchst man-\ngelhaft ausgeführten Coloraturen abermals bewies, dass\nFrau Förster ihre Kräfte und überhaupt das Gebiet ver-\nkennt, welches ihr in ihrer Kunst angewiesen ist. Unend-\nlich besser und zum unmittelbaren Vergleiche mit Frau\nFörster's Leistungen herausfordernd waren die von Fräul.\nMichal aus Stockholm gesungenen Variationen vonßohde\n(von denen sie jedoch nur drei vortrug) eine Leistung,\ndie ausgezeichnet genannt werden musste und in unserer\nZeit der oberflächlichen Sängerbildung fast unerhört er-\nschien. Dass Signora Parisotti mit einer strengen, ein-\nfachen Arie von Händel, welche aller unmittelbaren Wir-\nkung auf die Beifall klatschenden Hände entbehrte, unter\nalle diese Modernitäten zu treten wagte, rechnen wir ihr\nzu hohem Verdienste an; nur wäre zu wünschen gewesen,\ndass ihr Vortrag weniger leidenschaftlich gewesen wäre und\ndem ernsten, würdevollen Gange der Arie sich mehr ange-\nschlossen hätte. Das von Herrn Reer und Herrn von\nMilde vorgetragene Duett aus „Santa Chiara\" litt gleich-\nfalls an den schon früher gerügten Schwächen dieser Operj\nobschon es der Gesangs-Declamation ein günstiges Feld\nbot. Herr Edmund Singer aus Weimar bekundete in\ndem von ihm gespielten, für sein Instrument allerdings gün-\nstigen, sonst aber flachen Concerte von Paganini grosse\nFertigkeit und Sicherheit, überhaupt viel äussere Technik;\nSeele, Kraft und Energie im Strich müssen noch hinzukom-\nmen. Die Phantasie für Violoncell über Motive aus Wilhelm\nTeil, von Herrn Cossmann aus Weimar gespielt, bewies\nneben gleicher Virtuosität mehr Zartheit und Innigkeit im\nVortrage. Meyerbeer's Ouvertüre zum „Nordstern\"\nwar wohl ihrer Neuheit und ihres Geräusches wegen zum\nSchlussstücke dieses Concertes gewählt, welches in seiner\nZusammenstellung sowohl wie in seiner Ausführung nicht\nausgezeichnet genannt werden konnte.\nDer dritte Tag des Festes brachte dagegen wieder\nVortreffliches. Hierhin rechnen wir die beiden Hauptnum-\nmern des Programms vom Sonnabend: Händel's Ode\nauf St. Cacilia's Tag und Beethoven's neunte\nSinfonie. Ersteres Werk, bisher unbekannt und selbst\nim Register der londoner Gesammt-Ausgabe nicht mit auf-\ngeführt, war von Herrn Musik-Director Ritter in Magde-\nburg neu instrumentirt und bei Heinrichshofen herausgege-\nben. Die Uebersetzung der demselben zum Texte dienen-\nden Dryden'schen Ode litt leider an manchen Härten,\nwelche die Nothwendigkeit, die Worte den Noten anzu-\npassen, nicht ganz rechtfertigen möchte, und würden wir\nden Herrn Ulrici und Simon eher einige Willkürlichkei-\nten als diese holperpflöckige Steifheit und sclavische Treue\nihrer Uebertragung nachgesehen haben. Das Werk, ab-\nwechselnd in Chören und Sopran- undTenor-Solis den Ur-\nsprung der Musik in der Schöpfung feiernd, und den Cha-\nrakter der absoluten Musik in den verschiedensten Situa-\ntionen und Stimmungen durch die entsprechenden Instru-\nmente schildernd, verherrlicht am Schlüsse die Orgel als\nden Gipfel der Musik. Dass dieses Instrument bei der Auf-\nführung selbst nicht mitwirkend, sondern durch die Blas-\ninstrumente des Orchesters ersetzt war, brach allerdings\nder ganzen Tonschöpfung die Spitze ab; indess enthielt das\nWerk ausserdem so viel Schönes, dass wir von einer Ge-\nsammtwirkung absehen und uns an den trefflichen Einzel-\nheiten dennoch erbauen konnten. Nicht zu zweifeln ist, dass\nHändel in seiner ernsten, strengen Weise unserer Zeit, die\nsich mehr mit der musicalischen Schönredekunst als mit\nder Rede, mehr mit der Phrase als mit dem Gedanken\nbeschäftigt, zu herbe und schmucklos erscheint; es lässt\nsich ferner nicht läugnen, dass Manches an seinen Werken,\nals wirklich veraltet, seiner Zeit und somit der Vergangen-\nheit angehört, mit welcher die musikliebende Menge nichts\nzu thun haben will; eben so wahr aber ist es, dass der\nGedankengehalt, die tiefe Auffassung seiner Werke sich\ndurch alle diese Hindernisse hindurch dennoch Bahn bricht\nund das denkende Gemüth, welches auch mit dem Geiste\nhört, tief ergreift, und dass der scharfe Sauerteig seiner\nTondichtungen in unserer zerfahrenen und versüsslichten\nZeit das Element ernster, männlicher Gedankentiefe wieder\n• ' '\nzu wecken vor Allem geeignet ist. Aus diesem Grunde\nmüssen wir es dem magdeburger Musikfest-Comite nament-\nlich Dank wissen, dass es dieses Werk in sein Programm"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.1.4", "texte": "mit aufnahm. Die Aufführung selbst anlangend, so schien\nuns der Schlacht-Chor mit vorhergehender Arie nicht rasch\nund feurig genug genommen zu werden, Wohingegen der\nMarsch in seinen schwungvollen majestätischen Rhythmen\nmeisterhaft ausgeführt wurde. Zu wünschen wäre ferner\ngewesen, dass Frau Förster die Flöten-Arie weit leiser ge-\nsungen, wenigstens sich dem den Charakter des Musik-\nstückes mit grösserer Feinheit auffassenden Flötisten im\nVortrage mehr angeschlossen hätte; die Wirkung nach dem\ngeräuschvollen Kriegerchor würde grossarlig gewesen sein.\nDie schwächste Charakteristik, ungeachtet des dazu heraus-\nfordernden Textes bekundete die Tenor-Arie: „Die schar-\nfen Geigen schrei'n\" u. s. w., und die später folgende So-\npran-Arie: „Ein wild Geschlecht zog Orpheus fort\", welche\nbeide, ziemlich streng gearbeitet, sich in ruhigen, fast kalten\nRhythmen bewegten und jedes tonmalenden Eingehens auf\nden Gegenstand enthielten. Der Schlusschor: „Wie einst\ndurch heil'ger Lieder Kraft\", wirkte durch seine originelle\nAnlage, seinen kühnen Bau, welcher den Sopran den übri-\ngen Stimmen ohne Begleitung strophenweise voranschreiten\nliess, bedeutend, erhob sich bei der Stelle: „Posaunen-Ton\ndie Welt durchbebt\" u. s. w., in der während des ausge-\nj ' o\nhaltenen hohen a des Soprans gewaltig daher tönenden\nTrompete, eines Gedankens, welcher mit dem Tuba mirum\ndes Requiem wetteifert, zur höchsten Höhe musicalischer\nWirkung und erhielt darauf in der Fuge: „Das Leben\nstirbt\" u. s. w., den würdigsten Abschiuss. Grosser Beifall\nlohnte die Leistungen der Sänger und Instrumentalisten,\nwie die des Herausgebers dieses schönen Werkes, Herrn\nRitter.\nNachdem die Ouvertüre zum Freischütz und ein noch-\nmaliger Vortrag des Herrn Singer den Uebergang zum\nzweiten Theile des Concerles vermittelt hatten, begann die\nSinfonie, und zwar, da Litolff zum Feste nicht erschienen\nwar, unter Liszt's Direction. Hallen Mitwirkende sowohl\nwie Zuhörer sich bereits in der Probe überzeugt, dass Liszt\nim Verständnisse des sonderbar grandiosen Werkes Beet-\nhoven's wohl am weitesten vorgedrungen und seine Inter-\npretation desselben geistreich und poetisch sei, dass er auch\nder Exemtion des Werkes durch die Instrumente ein fleis-\nsiges Nachdenken gewidmet und sich überhaupt mit Seele\nund Gemüth in die Schöpfung Beethoven's versenkt habe,\num auch die Keime ihrer Gedanken zu erforschen (gab doch\ndie Einleitung des Tenor-Solo im vierten Salze unter seiner\nLeitung diesem Theile einen ganz anderen Anstrich, und\nverbreiteten in einer Passage von 6 bis 8 Taclen zwei ge-\nstossene Noten doch plötzlich Licht), so verhinderte doch\n-bei der Aufführung dieses gänzliche Verliefen des Dirigen-\nten in das Werk eine fehlerlose Direclion, die sich über\ndem Werke zu halten und Einsätze und Nuancen wem'\"-\n- t 3\nsiens anzudeuten, überhaupt aber namentlich sich davor zu\nhüten hat, durch äusseriiche Unruhe die Ausführung zu be-\nunruhigen. Hierin war wohl der Grund zu suchen, dass\nBässe und Tenöre den Chor: „Laufet, Brüder, eure Bahn\",\ngar nicht einsetzten. Doch verfolgen wir die Auslührune\nvon Anfang. Das Comite hatte im Texte die erläuternden,\nvon Faust-Citaten strotzenden Worte Richard Wagners\nmit abdrucken lassen, welche, ohne eigentlich auf die Sache\neinzugehen und mit den angezogenen Stellen oft in Wider-\nspruch stehend, seh in vagen Phanlasieen ergehen, die\nwohl nur geeignet sind, die Unbefangenheit des Genusses\ndem Hörer zu verkümmern. Es dürfte nicht schwer sein,\nalles, was der Componist nur mit Diesem und Jenem ge-\nsagt haben soll, auf die ganz entgegengesetzte Weise zu\ninterpretiren. Ob die Quinten und das Thema des ersten\nSatzes die Unbebaglichkeit und das Kämpfen des nach\nGlück Strebenden ausdrücken, mag unsertwegen jemand\nbehaupten, der Töne auf diese Weise in Poesie übersetzen\nwill, wir halten uns an die absolute musicaiische Form, an\ndie thematische Arbeit und Instrumental-Charakteristik. In\ndieser Hinsicht glauben wir uns überzeugt zu haben, dass\ndie neunte Sinfonie, wie grossartig ihre Auffassung im Ein-\nzelnen, im Gedanken sich darstellt, doch in der künstleri-\nschen Ausführung und Form den meisten Beethoven'schen\nWerken nach- und als eine Anomalie, als ein Aeusserstes\nin seiner Art dasteht, welches man als Product eines Gei-\nstes wie Beethoven anerkennt und ehrt, ja, in seiner gigan-\ntischen Conception bewundert, spricht gleich die Ausfüh-\nrung allen Gränzen der Kunst Hohn. Form und Charakter\nder ersten drei Sätze erscheinen uns trotz des Reichthums\nan musicalischen Ideen mangelhaft [!] im Verhältnisse zu\nallen übrigen Sinfonieen Beethoven's, ungeordnet [?] und wild;\nund was den vierten Satz anbelangt, so bewundern wir,\nwie schon bemerkt, die Gedankengrösse z. B. in den Re-\ncitativ-Sätzen der Contrabässe, in einzelnen Chorstellen, als:\n„Der Cherub steht vor Gott\" (F-dur, Schluss), „Ihr stürzt\nnieder, Millionen\", „Ahnest du\" u. s. w., in welcher letz-\nteren namentlich die Charakteristik und Malerei wahrhaft\nüberwältigend erscheint —aber auch nur die Conception,\ndie Idee; denn die Ausführung, die äussere Gestalt des\nWerkes geht über die Gränzen aller Aesthetik und die\nGränzen, welche die Natur in der Weite des Kehlkopfes\nund der Stärke der Lungen der menschlichen Stimipe\nsteckte, hinaus. Man sei ehrlich und gestehe sich ein, dass"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "209", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.1.5", "texte": "Stimmen in solchen Tonlagen keinen Gesang mehr, son-\ndern nur ein Geheul und Gewimmer hervorbringen können,\nwelches dem Zuhörenden noch grössere Qua! als dem Aus-\nführenden verursacht, dass man sich bei den Worten des\nSoprans: „Wollust ward dem Wurm gegeben\", auch bei\nder reinsten Intonation die Ohren zuhalten möchte, und vor\nden Umarmungen der Bässe in e und f nach dem Nordpol\nin ewiges Schweigen zu fliehen gedrungen fühlt. Die Ab-\nnormität, in das Element der Töne das Element der Sprache\n[der Sprache? ist denn Gesang Sprache?] plötzlich hinein\nzu versetzen und nach drei Instrumentalsätzen im vierten\nChöre einzuführen, kann uns keine ästhetische Deduction\nmotiviren, es heisst die Form der Sinfonie vernichten. Wir\nwiederholen, dass wir die neunte Sinfonie in Auflassung\nund Idee anerkennen, in der Form aber—geradezu gesagt\nverdammen *).\nDie hervorragendsten Leistungen in der am Sonntag-\nMorgen folgenden Matinee waren ein Quintett von Beetho-\nven in C-dur, von Karl Müller in Braunschweig sammt\nseinen vier Söhnen aus Meiningen vorgetragen, und das\nvon dem Quartett aus Weimar, den Oerren Singer,\nCossmann und Genossen, gespielte Schubert'sche Quar-\ntett in D-molL Ersteres gelang namentlich im letzten Satze\nvorzüglich, während letzteres sich durchweg durch leichte,\npoetische Behandlung auszeichnete. Die von Frau Förster\nmeisterhaft vorgetragenen beiden Lieder zeigten diese Sän-\ngerin in ihrem wahren Elemente, und freuen wir uns, hier\nohne Rückhalt und ganz von Herzen loben zu können.\nAuch Frau von Milde und Fräul. Parisotli zeichneten sich\ndurch eleganten und innigen Vortrag der von ihnen gewähl-\nten Piecen aus; Fräul. de Villar, welche ihre Lieder selbst\nleider aber mangelhaft begleitete, und Herr Reer blie-\nben hinter den Uebrigen in so fern zurück, als ihre Leistun-\ngen sich nur wenig über die Mittelmässigkeit erhoben.\nDass nach Erfüllung dieses vier Tage umfassenden,\nüberreichen Programms eine gewisse Abspannung und\nUebersäüigung der Hörer sieh bemächtigte, wird man er-\nklärlich finden, und ist nur zu wünschen, dass man für\nkünftige Musikfeste sich daraus die Lehre entnehme, nicht\nzu viel und zu vielerlei zu bieten; die Kunst selbst und\nder Geschmack werden nur dabei gewinnen können.\n*) Wir können nicht umhin, dem ehrenwerthen Herrn Bericht-\nerstatter za versichern, dass man ganz „ehrlich\" sein und\ndennoch die neunte Sinfonie bewundern kann. Man muss aber\nfreilich auch noch etwas mehr als ehrlich sein. Wenn er uns\ndie Freude machen will, das Werk einmal hier am Nieder-\nrheine anzuhören, namentlich unter F. Hiller's Leitung, wel-\ncher kein Freund von musicalischen Wettrennen ist, so wird\ner eine Menge ehrlicher und sehr gründlich musicalisch ge-\nbildeter Leute finden, denen das Herz aufgeht bei der neun-\nten Sinfonie, und die, wenn sie die Ohren offen halten, an\nkeiner Stelle „ein Geheul und Gewimmer\" zu ihrer und der\nSänger Qual vernehmen. Mit dem Urtheil über die drei\nersten Sätze dürfte er in der musicalischen Welt doch\nwohl so gut wie allein stehen. Die Redaction.\n\nBh.\n\nBerliner Briefe.\n\n[Krigar's Sing-Verein— Sangerinnen und Sänger der\nköniglichen Oper Gäste: Frau Bürde -Ney Fräul.\nBianchi Äiichal Lehmann Stork\nde F ort im i.]\nDen 22. Juni 1856.\nDie Concerl-Saison war, als ich Ihnen zuletzt schrieb,\nschon so gut wie abgeschlossen. Höchstens wäre noch eine\nAufführung des Krigar'schen Gesang-Vereins zu erwäh-\nnen, die indess nicht öffentlich Statt fand. Der Leiter die-\nses Vereins, ein jüngerer Musiker, der, soweit uns be-\nkannt, in seinen Bestrebungen eben so gut das Extrem der\nNeuerungssucht als das der blossen Anhänglichkeit an das\nAlte zu vermeiden weiss, hatte ein interessantes Programm\nzusammengestellt: mehrere hier noch unbekannte Stücke\nvon Schumann und die C-dur-Messe von Beethoven, die\nebenfalls hier seit vielen Jahren nicht öffentlich zur Ausfuh-\nrung kam. Der nicht starke Chor sang correct und nuancirt.\nDen eigentlichen Gegenstand dieses meines letzten\nBriefes bis zum Beginn der neuen Saison im September\nbildet die königliche Oper, die namentlich durch eine Reihe\nvon Gastspielen dem Berichterstatter manchen Stoff bietet.\nDas Gesammt-Resuitat, das sich daraus üi»er die Zustände\ndes deutschen Theaters ergibt, ist freilich kein sehr erfreu-\nliches. Ueberblicken wir zuerst unser heimisches Perso-\nnal. Es wäre undankbar, wenn wir uns über einen Mangel\nan Primadonnen beklagen wollten. Was wir an Johanna\nWagner, so Vieles sich auch gegen ihre Neigung zu ge-\nwaltsamen, unschönen Gegensätzen, gegen ihre Art, die\nTiefe und die Höhe zu gebrauchen, überhaupt gegen ihre\nkünstlerische Auffassung sagen lässt, in der sich Edles und\nUnedles, Schönes und Unschönes chaotisch mit einander\nmischen was wir trotzdem an ihr besitzen, zeigt wohl\nzur Genüge ihr grosser Erfolg in London, den ausgewähl-\ntesten Sängerinnen der Gegenwart gegenüber. Der musica-\nlische Geist der heutigen Zeit ist vielfach getrübt; sie ver-\ntritt ihn mit allen Flecken und allem edeln Gehalt, den er\nin sich enthält, und so, dass man sagen kann, sie sei als\nSängerin eine der bedeutendsten Erscheinungen des Geistes,\nvon dem die ganze Zeit erfüllt ist. In ungleich reinerer"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "210", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.1.6", "texte": "künstlerischer Schönheit stehen die Leistungen der Frau\nKöster da, auf der ja auch vorzugsweise das classische\nRepertoire ruht; unser kritisches Gewissen findet nicht nur\nwenig daran auszusetzen, sondern manche Darstellungen,\nz. B. die des Fidelio, der Valentine, rufen selbst Bewunde-\nrung hervor; aber freilich fehlt ihr, im Vergleich mit Jo-\nhanna Wagner, jene lebendige Naturfrische des eben so\nmächtigen als elastischen Organs; die strengere, reinere\nSchule, in der sie die Auswüchse entfernt, nagt auch an\nder Ueppigkeit des Wuchses und lässt nur eine kühlere,\ntrockenere Schöpfung aufkommen. Dort blühende Frische\nund wildes Wachsthum, hier strenge Zucht und sparsames\nGedeihen. Da aber eine Sängerin, die diesen Gegensatz in\nsich versöhnt, nicht existirt, so wollen wir zufrieden sein,\ndass wir in jeder von beiden Richtungen das Vorzüglichste\nbesitzen; denn nachdem uns Gelegenheit geworden, alle\nBerühmtheiten der deutschen Bühne kennen zu lernen, ha-\nben wir die Ansicht gewonnen, dass Fräul. Wagner und\nFrau Köster die beiden bedeutendsten dramatischen Sän-\ngerinnen Deutschlands gegenwärtig sind. Frau Herren-\nburg-Tuczek aber leistet in Rollen wie Zerline und\nSusanna, ferner in manchen Aufgaben der modernen fran-\nzösischen Oper noch immer Treffliches und wird ebenfalls\nsehr schwer zu ersetzen sein. Auch das Fach der zweiten\nSängerinnen ist durch die Damen Trietsch und Botti-\nch er recht gut besetzt. Schlimmer sieht es mit den Tenö-\nren aus. Zwar hat Herr Formes so ausserordentliche\nFortschritte gemacht, dass er unzweifelhaft zu den ersten\nTenoristen Deutschlands gehört; darin, dass er neben dem\nmächtigsten Forte auch des zartesten Piano, neben der ge-\nwaltigsten Energie des Tones auch des lieblichsten Schmel-\nzes fähig ist, dürfte er vielleicht Allen überlegen sein. Nur\nin der Art, wie er sein Können verwendet, stimmen wir\nnicht immer mit ihm überein, obgleich wir ihm zugestehen,\ndass die Componisten selbst die meiste Schuld an allen den\nUnschönheiten tragen, unter denen der moderne Gesang\nleidet; indess hat der Sänger Manches in seiner Gewalt,\nwenn er sich entschliesst, auf die Gunst der unverständigen\nMasse Verzicht zu leisten. Herr Mantius verliert für die\nBühne immer mehr an Bedeutung, obgleich er als Concert-\nsänger sich hin und wieder noch in gewohnter Ueberlegen-\nheit zeigt. Herr Pfister, von jeher Naturalist, versinkt\nimmer tiefer in die Fehler seiner Methode. Herr Krüger,\nder sich trotz seiner in der Höhe leicht ansprechenden, wei-\nchen und lieblichen Stimme auf der Bühne bis vor Kurzem\nsehr unbehülflich zeigte, hat ein vortheilhaftes Engagement\nin Dresden angenommen. Seit diesem Augenblicke sind seine\nKräfte gewachsen, und wir haben einige, wenn auch noch\nmangelhafte, so doch sehr beachtungswerthe Leistungen\nvon ihm gehört, so dass wir hoffen, es werde ihm noch ge-\nlingen, sich unter den deutschen Tenören einen Namen zu\nmachen. Sein Engagement in Dresden wird ihm vielleicht\nvon Vortheil sein, da er dort wohl häufiger zum Auftreten\nkommen wird, als hier. Von unseren Bässen nenne ich\nZschiesche, Krause, Bost, Saloman, Radwaner,\nFricke, obschon die Zahl derselben damit noch lange nicht\nerschöpft ist und ich Ihnen noch mindestens vier nennen\nkönnte, die in Solo-Partieen, und mitunter in recht wesent-\nlichen, beschäftigt werden. Es sind tüchtige und bedeutende\nKräfte darunter, wie denn z. B. Krause, obschon der Kir-\nchengesang sein eigentliches Feld ist, dennoch in der classi-\nschenOper manche vorzügliche Leistung aufzuweisen hat und\nstets durch Adel des Tones erfreut, während Zschiesche\nnoch immer den Ruhm einer unverwüstlichen Sicherheit\nsich nicht streitig machen lässt, und Bost in Buff'o-Partieen\nTüchtiges leistet. Auch Saloman hat ein sonores Metall\nin seiner Stimme, obschon es ihm an Gewandtheit und Leich-\ntigkeit fehlt. Radwaner hat Fortschritte gemacht; den-\nnoch bleibt in der Reinheit der Intonation, überhaupt in der\nmetallenen Festigkeit des Tones noch Manches zu wünschen.\nHerr Fricke ist neu engagirt. Er besitzt ein beachtungs-\nwerthes Talent; doch ist sein Organ noch eine schwer-\nfällige Masse, von der er beherrscht wird, anstatt über sie\nzu herrschen.\nDie Gäste, die hier auftraten, waren zum Theil herbei-\ngezogen, um bevorstehende Lücken zu ergänzen. Eine Sän-\ngerin, die indess den Forderungen unserer Bühne gewach-\nsen wäre, ist bis jetzt noch nicht gefunden. Tenöre hat\nman, wie es scheint, nicht einmal für ein Gastspiel auffinden\nkönnen. Zuerst, schon im April, kam Frau Bürde-Nev\nund errang in allen Rollen, in denen vollendete Schönheit\ndes Organs und Coloratur-Fertigkeit genügt (z. B. als Norma,\nRosine, Isabella), stürmischen Beifall. Geringeren Eindruck\nmachte sie in dramatischen Partieen, z. B. als Euryanthe,\nFidelio. Ihre glänzendste, in jeder Beziehung vollendete ,\nRolle ist die Frau Fluth in Nicolai's lustigen Weibern von\nWindsor. Da ich im vorigen Jahre in Ihrer Zeitung aus-\nführlich über Frau Bürde-Ney geschrieben habe, so unter-\nlasse ich es diesmal. Was uns namentlich an ihrer Gesanges-\nMethode anzieht, ist eine gewisse Strenge und Reinheit des\nStils; der Ton ist von jedem unedlen, ja, jedem krankhaften\nBeigeschmack frei. Dagegen vermissen wir nicht bloss den\nAusdruck gewaltiger Leidenschaft, sondern auch den der\nzarten Innigkeit; uns ist Frau Bürde-Ney ein Beispiel, dass"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "211", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.1.7", "texte": "man in gewisser Beziehung weich und zart singen und doch\ndes eigentlich poetischen Duftes entbehren kann. Frau\nBürde-Ney ist Bravoursängerin im vollen Sinne des Wortes\nund als solche eine der glänzendsten Erscheinungen. Ob-\nschon ihre Coloratur manche Mängel hat, hat sie doch in\neinzelnen Fertigkeiten, z. B. im Triller, die höchste Meister-\nschaft erreicht. Zu den wunderbarsten Leistungen, die man\nüberhaupt hören kann, gehört ihr Vortrag einer sehr elen-\nden Walzer-Arie von Wagner, in der sie z. 8., freilich im\nschnellsten Tempo, auf dem hohen einen siebenzehn Tacte\nlangen Triller macht und dabei eine Kraft und Ausdauer in\nden höchsten Tönen der zweigestrichenen Octave beweis't,\ndie Alles in Erstaunen setzt.— Nächstdem trat Fräul. Bi-\nanchi auf und errang sich unter den Kennern grosse Auf-\nmerksamkeit ; das Publicum blieb aber ziemlich theilnahm-\nlos. Für das Opernhaus fehlt es ihrer Stimme noch an Kraft,\nihrer Technik an augenblicklicher Sicherheit, der Höhe an\nLeichtigkeit und dem Spiel an Leidenschaft. Doch besitzt\ndas Organ einen namentlich in elegischen Stellen sehr er-\ngreifenden Timbre; ihre Gesangs-Methode ist gediegen und\nfrei von krankhaften Auswüchsen. Es ist von der Tiefe bis\nzur äusserstenHöhe eine kernige,metallreicheßruststimme;\neine kleine Milderung dieses im Princip eigentlich richtigen\nvollen Athemstromes dürfte indess den heutigen Anforde-\nrungen der Bühne gegenüber, wenn das Organ aushalten\nund mit genügender Leichtigkeit in der Höhe ansprechen\nsoll, rathsam sein. Was Fräul. Bianchi ausserdem noch in\nschneller Tonentfaltung, in raschen Sätzen, in grossen En-\nsembles zu lernen hat, wird sie sicher auf der Bühne lernen.\nGewisse Dinge, die ihr noch fehlen, werden von viel talent-\nloseren Sängern erworben, wenn sie Gelegenheit erhalten,\nmit der Bühne vertrauter zu werden. In so fern ist es lür ihre\nkünstlerische Zukunft, von der wir etwas erwarten, vielleicht\nbesser, dass sie in Schwerin engagirt ist, als wenn hier ein\nEngagement zu Stande gekommen wäre; denn dort wird\nihr unstreitig häufigere Gelegenheit zum Auftreten. Be-\ndauern würden wir es indess, wenn sie lür uns auf immer\nverloren wäre.—Fräul. Michal zeigte sich als eineäusserst\ngewandte Coloratursängerin und fand vielen Beifall.—We-\nnig konnte Fräul.Lehmann aus Amsterdam genügen, der\nes freilich keineswegs an Talent, aber an der für grosse\nBühnen notwendigen Ausbildung fehlt.—Besseres leistete\nFräul. Stork aus Braunschweig, obschon auch ihrer Ge-\nsangs-Methode Mängel anhaften, an die das hiesige Publicum\nnicht gewohnt ist. Eine Sängerin ersten Ranges, die ich\nzu den bedeutendsten lebenden Sopranistinnen rechne, lern-\nten wir in Signora de Fortuni (aus Madrid) kennen. Sie\ntrat im Opernhause, aber als Concertsängerin, auf. Obschon\nsie, wie ich höre, Bühnensängerin ist, scheint mir der\nTheatergesang mit ihrer ganzen künstlerischen Richtung\ndoch unverträglich. Ihre Stimme gehört zu den kleinsten,\nfesselt aber durch vollstes Gleichmaass und vollendete Lieb-\nlichkeit und Schönheit und ist überdies, obschon stets zart\nund mild, doch von jeder krankhaften, weichlichen Hülle\nfrei. Namentlich ist die Höhe, die bis weit in die dreige-\nstrichene Octave reicht, wunderschön. Die Meisterschaft im\nColoraturgesange erreicht dieselbe Höhe, wie etwa bei der\nViardot und der Sontag. Doch lässt sie es nicht beim blos-\nsen mechanischen Können bewenden, sondern durchdringt\n7 O\ndie scheinbar seelenlosen Ausschmückungen der Cantilene\nmit der feinsten musicalisshen Auffassung. Wenn auch in\neinseitiger, bestimmter Richtung, ein solcher Gesang ist\nvollendete Künstlerschaft.\n\nG. E.\n\nAdolf Fumagalli.\n(Nekrolog.)\n\nIn Florenz, wo vor Kurzem Döhler das Ende eines schmerz-\nlichen Daseins fand, hat der Tod einen ausgezeichneten Künstler,\nden Pianisten Fumagalli, in der Blüthe der Jugendkraft und\ndes steigenden Ruhmes plötzlich dahingerafft.\nAdolf Fumagalli war im Jahre 1829 zu Inzago bei Mailand ge-\nboren. Seine musicalische Ausbildung erhielt er auf dem Conser-\nvatorium in Mailand, wo er besonders unter Angeleri's Leitung\nstudirte. Mit vierzehn Jahren hatte er bereits eine grosse Meister-\nschaft auf dem Pianoforle erreicht und ging nach Paris. Dort nahm\ner auch später seinen bleibenden Aufenthalt, machte aber häufige\nReisen nach Italien, wo er überall auf enthusiastische Weise ge-\nfeiert wurde. Sein Spiel war in der That ausserordentlich; unter\nder Menge von Pianisten, die man in Paris trotz ihrer grossen\nVirtuosität doch fast bis zum Ueberdrusse hört, war Fumagalli der\neinzige, der uns im Jahre 1852, wo wir ihn zum ersten Male hör-\nten, zur Bewunderung hinriss. Selten haben wir eine so kräftige\nBewältigung des Instrumentes mit so zarter und ausdrucksvoller\nBehandlung des Melodieenspiels gepaart gefunden. In technischer\nBeziehung leistete namentlich seine linke Hand fast das Unmögliche,\naber mehr als die ungeheure Bravour machte ihn Kopf und Herz\nzu einem grossen Künstler. Der Eindruck seines Spiels war nicht\nauf die prickelnde Pikanterie der pariser Pianisten begründet, son-\ndern auf jenen wunderbaren Vortrag, in dem sich die Seele, die\nmusicalische Auffassung und das musicalische Gefühl eines Italiä-\nners offenbaren einen Vortrag, den man mit seinem eigentüm-\nlichen Tempo rubato fast nur bei den Künstlern Italiens findet, und\nden von den nordischen Pianisten nur Chopin in seiner Gewalt\nhatte Wenn der Pole Chopin im Zarten, Anmuthigen und Ritter-\nlichen unübertrefflich war, so überragte ihn dagegen der Italiäner\nFumagalli im Ausdrucke der Leidenschaft, des männlichen Ernstes\nund der Energie, ohne dabei der Weichheit und Tiefe des Ge-\nlühls Abbruch zu thun*\nAls Componist hat er sich auf das Ciavier beschränkt und eine\nMenge Salonstücke geschrieben, welche kein gewöhnliches melodi-\nsches Talent und auch Phantasie verrathen, und gewissenhafter\ngeschrieben sind als der grösste Theil der Virtuosen-Compositionen"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560628-01.1.8", "texte": "unserer Zeit, namentlich für einen Italiäner, der noch dazu in Paris\nlebte, wo selbst die Deutschen (Ascher, Blumenthal u. s. w.) sich\nin die flachste Mode-Tändelei verlieren.\nDer Tod hat ihn, der kaum 27 Jahre alt war, am 8. Mai, nach-\ndem er einige Tage vorher Mailand noch ganz gesund verlassen\nhatte, plötzlich ereilt, und statt eines neuen Triumphes, den man\nihm bereitete, fand er in Florenz sein Grab. Die mailänder Musi-\ncalische Zeitung (vom 11. Mai) erzählt, dass er nach einer Reihe\nvon glänzenden Concerten an einem Abende drei Tage vor sei-\nnem Tode —, umgeben von seiner jungen und schönen Gattin und\nihren zwei Kindern, ausgerufen habe: „Ich bin ganz glücklich!\nWas ist doch das Leben für eine schöne und heilige Sache!*4\nEr hinterlässt nicht das geringste Vermögen; die lombardische\nHauptstadt wird sich seiner Kinder annehmen, und in Paris ist\nauf die Nachricht von seinem Tode sogleich eine Unterzeichnung\neröffnet worden, an deren Spitze sich 11. Herz, Marmontel, Lefe-\nbure-Wely u. A. gestellt haben.\n\nL. ß.\n\nAus Paris.\nB. P.\nDie musicalische Section des Instituts (oder der Akademie der\nschönen Künste) hat in ihrer Sitzung vom 21. Juni Hector 13er-\nlioz an die Stelle von Adolf Adam zum Mitgliede ernannt. Vor-\ngeschlagen hatte die Scction die Herren: 1) H. Berlioz, 2) Felicien\nDavid, 3) Niedermeyer, 4) Gounod, 5) ex aequo Leborne und Pan-\nseron, 6) Eazin. Bei der ersten Wahl hatte Berlioz 15, Panseron\n7 Stimmen u. s. w., bei der vierten die erforderliche Majorität von\n19 auf 37.\nDer Kaiser hat auf den Antrag des Ministers Fould die Errich-\ntung einer Pensions-Casse für die kaiserliche Oper ge-\nnehmigt, an welcher das sämmtliche Künstler- und Beamten-Per-\nsonal derselben sich mit fünf Procent jährlichen Beitrages von\nihrem Gehalte betheiligen kann. Ausserdem gibt die Civilliste jähr-\nlich 20,000 Frcs., und die Abzüge bei Beurlaubungen, die Straf-\ngelder (sowohl die disciplinarischen als die gerichtlich bestimmten)\nund der Ertrag von zwei ausserordentlichen Vorstellungen (zwei\nOpern oder einer Oper und einem Balle) fliessen in die Gasse.\nWer über 40,000 Frcs. Gehalt bezieht, ist von der Theilnahme\nausgeschlossen (und das mit Recht). Vom 1. Juli d. J. an ist der\nBeitritt unerlässiich. Ansprüche haben: 1) die Solosänger und\ndas ganze Ballet-Personal nach 20 Dienst jähren, ohne Rücksicht auf\nihr Alter; 2) die Musik-Directoren, Vorspieler an den ersten Pulten;\nGhor-Directoren, Regisseure, Ballet- und Maschinen-Meister im Al-\nter von 50 Jahren und nach 20 Dienstjahren; 3) die Mitglieder des\nOrchesters, des Ghors, die Maschinisten von 50 Jahren nach 25\nDienstjahren; 4) die übrigen Angestellten von 60 Jahren nach 30\nDienstjahren. Bei Verletzungsfällen kann Jeder augenblicklich,\nbei Unfähigkeit aus Altersschwäche alsdann Pension verlangen,\nwenn er drei Viertel der gesetzlichen Dienstzeit nachweisen kann.\nDie Pension kann in keinem Falle weder unter 100 noch über\n6000 Frcs. hetragen. Auch die Witwen und Waisen der Pen-\nsionirten haben Recht auf ein Drittel der Pension des bereits pen-\nsionirt gewesenen Gatten oder Vaters.\nBei der Taufe des kaiserlichen Kindes hat natürlich auch die\nMusik ihre Rolle gespielt. Die ganze Strasse Rivoli entlang spielten\ndie verschiedenen Corps der Militärmusik. An der Schwelle der\nKathedrale wurde der Zug mit einem feierlichen Marsche von\nSehn ei tzhöfe r empfangen. Dann intonirte der Gardinal-Legat\ndas Veni Creator von Per suis, worauf Chor und Orchester (400\nPersonen), von Girard dirigirt, es ausführten. Während der Tauf-\nCeremonie wurde eine Motette von Lesüeur, Joannes Baptisia in\ncleserto, und das Vivat vom Abbe Rosa (?) gesungen. Nachdem\ndas kaiserliche Kind die Kirche verlassen, intonirte der Cardinal-\nLegat das Te Deum von Lesueur, dem zuletzt das Domine, sah um\nfac Imperatorem folgte. Es ist wohl keine Frage, dass man Lesueur's\nCompositionen, abgesehen von ihrem wirklichen Werthe, vorzüglich\naus napoleonischen Rücksichten gewählt hat, da Lesueur bekannt-\nlich bei Napoleon I. sehr hoch angeschrieben stand und eine Menge\nGelegenheits-Compositionen auf die Ereignisse des ersten Kaiser-\nreiches geliefert hat.\nBeim Diner im Stadthause spielten zwei Orchester mit Chören.\nMendelssohns Hochzeilsmarsch (diesmal Marche du bapteme),\neine Cantate von Au her, eine spanische Sinfonie von Gevaert,\nein Chor von Cherubini: „Dors, noble enfant\" (was sollte es\nauch besser thun, als schlafen?), ein Hymnus von Ad. Adam,\nein Marsch von Cherubini Ii essen sieh dabei vernehmen, und\num der jetzigen musicalischen Mode zu huldigen, wurden die alten\nehrlichen Deutschen Händel und Bach auf die Galerie des pa-\nriser Stadihauses bemüht, jener, um seinen Triumphgesang in G-\ndur aus Josua : „Seht, er kommt mit Sieg gekrönt*', dieser, um eins\nseiner Präludien, von Gounod arrangirt, zum Dessert zum Besten\nzu geben. Im Stadthause waren Orchester und Chor an 500 Per-\nsonen stark. Der Text der Auber'schen Cantate von Camille Drouet\nzeichnet sich durch Mangel an aller Poesie, selbst an französisch-\nrhetorischer, aus. Man höre z. B.:\nGrandis enfant, ta race te conlemple;\nEn l'imitant sois digne d'eile un jour:\nTa jeune mere est ton premier exemple (!)\nDe tous nos coeurs tu lui devras Vamour. (!)\nGrandis enfant, ton aieul et ton pere\nSous deux lauriers t'abritent desormais:\nlis t'apprendront le grand art de la g-uerre,\nlis t' apprendront le grand art de la paix.\nBei den zwei letzten Versen fällt mir ein Calembourg ein aber\nnotez bien, dass ich nicht weiss, auf wen er sich bezieht:\nSai connu deux rivaux:\nL'un prenait les capilalcs\nEt Vautre les cavitaux. <«."}]}