{"numero_id": "bm-bmtnabi-1856-07-26-01", "volume": "bmtnabi_1856-07-26_01", "ocr_sha256": "44cc067e2d82b2adb90a9dec0c09a210dc6d369658489951e79801137b36ab5e", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1856/07/26_01/bmtnabi_1856-07-26_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1856-07-26-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-07-26_01#c001", "volume": "bmtnabi_1856-07-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "237", "page_fin": "237", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "237", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 403, "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe. Von B. P.I. Grosse Oper. Komische Oper: 1. Operetten. 2. von Gevaert\nLes Saisons von Masse Manon Lescaut von Auber Fanchonnvon Clapisson. G. Nauenburg s Lehre von der\ndeutschen Gesangs-Aussprache. 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Der Quell der\ndramatischen Erfindung ist bei ihnen noch keineswegs ver-\nsiegt, wie das in England der Fall ist, und an Fruchtbar-\nkeit der musicalischen Composition für die Bühne kommt\nihnen auch Deutschland nicht gleich. Sieht man aber auf\nden wirklich poetischen und musicalischen Gehalt, so zeigt\nsich freilich auch da ein grosser Abfall gegen die frühere\nSchule, und die neuesten Erzeugnisse rechtfertigen auch in\nFrankreich die Ansicht derjenigen, welche behaupten, die\nTonkunst habe ihre Mittagshöhe schon vor Jahrzehenden\nerreicht und steige, trotz einiger hier und da noch einmal\nlebhaft aufflammenden Strahlen, allmählich zum Abend her-\nnieder.\nIm Jahre 1855 sind in Frankreich 296 neue Büh-\nnenstücke lür Drama und Oper geschrieben und aufge-\nführt worden. Davon kommen etwa vierzig musicalisch-\ndramatische auf die letzten drei Monate des Jahres. In den\nersten 3 4 Monaten von 1856 wurden 18 20 neue\nOpern und Operetten gegeben, so dass also die Winter-\nSaison etwa sechszig Neuigkeiten auf den Theatern der\ngrossen Oper, der komischen Oper, des Theatre lyrique\nund der Bouffes parisiens gebracht hat, wobei ich das\nTlieätre des Vaudevillesund der ausge-\nschlossen habe. Die italiänische Oper hat nur Eine wirk-\nlich neue Oper, das Assedio von Bottesini,\ngebracht.\nAm dürftigsten hat sich die grosse Oper gezeigt. Die\nVepres Siciliennes und die Sainte Ciaire waren aus Italien\nund Deutschland geholt und in französisches Gewand ge-\nkleidet worden. Jene Oper hielt sich durch Sophie Cru-\nvelli, diese (erste Vorstellung den 27. September 1855)\ndurch den Rang des Componisten, die glänzende Ausstat-\ntung und das Ballet im letzten Acte, in welchem die Ro-\nsati tanzte. Dass in beiden und besonders in der Santa\nChiara auch schöne Musikstücke unter vielem Mittelgute\nund manchem Trivialen hervortauchen, will ich nicht in\nAbrede stellen; jedoch zu dem, was man in Paris einen\neigentlichen Erfolg nennen kann, haben beide Opern es\nnicht gebracht, und ohne die letzte Strömung der Aus-\nstellungs-Besucher würden auch die Vepres nicht die Mee-\nreshöhe gehalten haben.\nAusser diesen beiden fremden Producten hat die kai-\nserliche Oper nur den Pantagruel und das Ballet Le\nCorsaire gebracht. Den , Pantagruel\" konnte der berühmte\nName und das Andenken an seinen Urgrossvater Rabelais\nnicht vor dem jähen Sturze retten; er wurde, Text von\nH. Trianon, Musik von La bar re, am 24. December vo-\nrigen Jahres zum ersten und letzten Male gegeben. La-\nbarre, der gar nicht ohne Talent ist, hat entschiedenes Un-\nglück mit seinen Texten, üebrigens war es eine merkwür-\ndige Idee, eine burlesk-komische Posse\ndeux actes) auf das grosse Opern-Theater von Paris zu brin-\ngen. Aus Rabelais war eigentlich nur die Geschichte mit\nden Hammeln genommen (reven moutons /), aber\nso läppisch angebracht und der Scene des Schäfers im al-\nten Avocat Patelin nachgemacht, dass der Chor mit sei-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "238", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5112, "texte": "nem „Bä! Bä!« sicher ausgepfiffen worden wäre, wenn\nnicht der Kaiser und die Kaiserin zugegen gewesen. Das\nBallet Le Corsaire, nach Lord Byron's bekanntem Gedichte\nzurecht gemacht, die Hauptrolle von der Rosati getanzt,\nmit Musik von Ad. Adam, gefiel und wird noch immer ge-\ngeben. Der Sänger Duprez, der sich in seinem Ruhe-\nstande durch Componiren Bewegung macht, hat einen\n„Samson\" für die grosse Oper geschrieben; bis jetzt\nist er aber nur im Privat-Cirkel am Pianoforte gesungen\nworden.\nDie Ausbeute für die komische* Oper an beiden\nIheatern derselben war bei Weitem reicher. Die Operette\nin Einem Acte, dieses echt nationale Erzeugniss, w7ächst\nimmer noch gern auf seinem heimischen Boden, und der\nGeschmack daran hat in der letzten Zeit mehr zu- als ab-\ngenommen. Je mehr die grösseren komischen Opern der\nletzten Jahre ihren Boden verlassen oder wenigstens durch\nBegiessen ihrer Pflanzen mit dem romantisch-melodramati-\nschen Wasser des Gymnase und der Porte St. Martin krüp-\npelhafte Zwittergewächse hervorgetrieben haben, desto mehr\nhat sich der gesunde Sinn des eigentlichen pariser Publi-\ncums von ihnen abgewandt und ist zu der Liebhaberei an\nOperetten zurückgekehrt. Du wirst mir vielleicht einwer-\nfen: „ Aber der Nordstern hat ja doch bald zweihundert\n\\orstellungen erlebt?\" Allerdings; allein es sind die\nFremden, sowohl Engländer, Deutsche, Russen u. s. w.,\nals die Besucher aus der Provinz, welche das Haus füllen,\nnicht die Pariser, am wenigsten die Habitues der komischen\nOper. Die diesjährige Saison hat 9 —lO neue einactige\nOperetten gebracht, ohne diejenigen zu rechnen, die auf\nden Bouffes parisiens von Jak. Offenbach gegeben worden\nsine?, der jetzt einen Preis auf die Einsendung der besten\nOperette gesetzt hat. Leider nimmt aber auch die Musik\nzu diesen Kleinigkeiten, besonders bei den jüngeren Com-\nponisten, eine Richtung, die sich von Natürlichkeit und Ein-\nfachheit entfernt, und die Furcht vor dem Schondagewese-\nnen und der Mangel an eigentlichem Genie führt zu ver-\ndrehter und verzwickter Melodie. Besseren Weg haben\nFrederic Barbier und Montfort, besonders der letztere, ein-\ngeschlagen, dessen Deucalion Pyrrha, eine possenhafte\nArlequinade von zwei Personen und einem kleinen Chor,\nsehr hübsche Musik hat. Ein ganz allerliebstes Stückchen\nist Le Secret de Voncle Vincent von FI. Boisseaux, Musik\nvon Th. Delajarte; es spielen darin auch nur zwei Per-\nsonen, so eben vermählt; die Scene ist das Brautgeniach,\naber in allen Ehren. Das Ganze dreht sich um einen ge-\nheimnissvollen Koffer, den der Onkel in das Gemach zu\nschmuggeln gevvusst hat, wo er zu allerlei komischen Eifer-\nsüchteleien u. dgl. Anlass gibt, bei denen man keinen Au-\ngenblick ohne Iheilnahme bleibt und bald gemüthlich er-\nregt, bald zum herzlichen Lachen gereizt wird. Am Ende\nfindet sich, dass der Koffer einige Tausend Franken als\nGeschenk des Onkels für Therese enthält. Aus einem sol-\nchen Nichts ein allerliebstes Etwas zu machen, das ver-\nstehen nur die Franzosen, und sie können es auch nur\ndarstellen.\nEine andere Operette, L Habit de nöces, erwähne ich\nnur der Merkwürdigkeit wegen, dass ihr Componist der\nberühmte Kunstreiter Paul Cuzent ist, ehemals bei Fran-\nconi, jetzt Rentier. Ob die hübsche Reiterin Pauline Cuzent\nseine Tochter ist, weiss ich nicht. Die Musik verläugnet\nden Autor nicht; sie bewegt sich in argen melodischen und\nharmonischen Sprüngen.\nUnter den mehractigen komischen Opern sind zu er-\nwähnen: Les Lävandieres de Santarem von Gevaert\nLes Saisons von Victor Masse Marion Lescaut von\nA u ber Fanchonnelte von CI a p i s s o n Valentine von\nFla 1 ev.y. Da haben wir es mit bekannten, zum Theil be-\nrühmten Namen zu thun. Es gibt freilich ein Sprüchwort:\n„Der Name thut nichts zur Sache\"; aber nirgends wird\nes mehr Lügen gestraft, als bei Dichtern und Componisten.\nGevaert ist ein tüchtiger Musiker und ein talentvoller\nComponist; es waltet hier und da bei ihm ein deutsches\nElement, leider hält es aber in der Regel nicht lange vor,\nund dann lässt er sich entweder gehen, so dass die Motive\nohne Zusammenhang und Arbeit eines hinter dem anderen\nherlaufen, wie z. B. in der Ouvertüre, oder er läuft in das\nLager der neufranzösischen Schule über und lässt eine\nnaive Bäuerin eben solchen Hocuspocus singen, wie eine\nColoratur-Königin und eine Propheten-Mutter. Die Oper\nspielt in Spanien und hat eine Handlung, der wenige an\nVerwirrtheit und Unwahrscheinlichkeit gleich kommen dürf-\nten. Das eigentlich komische Element ist wenig oder gar\nnicht darin vertreten. Eine Menge Personen laufen durch\neinander, ein König langweilt und blamirt sich, eine Her-\nzogs-Tochter ist als Wäscherin aufgewachsen (Lavandieres\nist nämlich ein romantisch-modernes Wort für Blanchisseuses)\nund hängt in der That vor unseren Augen ein kleines Bu-\nsentuch zum Trocknen auf; ein Soldat duellirt sich im Pa-\nlaste des Königs und hoher Gesellschaft mit einem Cava-\nlier, den nur das Portrait der Margarita, der schönen Wä-\nscherin, das er vor der Brust trägt, reitet u. s. w. Kurzum,\ndie hauptsächlichste Wäsche, die nöthig wäre, verdienen\ndie Köpfe der Herren Dichter. Die Oper hat sich eine Zeit"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "239", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5163, "texte": "lang gehalten. (Erste Aufführung den *25. October 1855\nauf dem Thedtre lyrique.)\nVictor Masse hat durch seine kleineren Opern,\nlathee und den allerliebsten Act Les nöces de Jeannette, sich\neinen guten Klang unter den neuesten Componisten von\nParis erworben. Seine grössere Oper, La Fiancee du Diable,\nist indess bald wieder vom Repertoire verschwunden, und\nich fürchte, dass „Les Saisons\",in drei Acten und vier Ta-\nbleaux (erste Aufführung den 22. December 1855), auch\nkeine grosse Lebenskraft haben, was jedoch entschieden\nan dem Buche liegt, in welchem die Herren J. Barbier\nund M. Carre eine Dorfgeschichte auftischen, die stark me-\nlodramatisch gefärbt ist und des poetischen Werthes ganz\nermangelt. Die deutsche Dorfgeschichten-Literatur ist kei-\nneswegs ohne Einfluss auf die Franzosen geblieben, wie G.\nSand's Le Champi, und bei den Theatern theils die Wie-\nderaufsuchung älterer Schäferstücke, wie L'Epreuve villa-\ngeoise, Le nouveau Seigneuru. s. w., theils die Versuche\nneuer Behandlungen landlicher Stoffe zeigen. Allein der\nFranzose versteht zwar wohl die Gränze zwischen dem\nAnständigen und Frivolen auf feine Weise zu ziehen, kei-\nneswegs aber die eben so schmale zwischen Naivetät, Ein-\nfachheit, Natürlichkeit und Rohheit, Plumpheit, Rusticität\nmit Geschick inne zu halten. Kommen dann vollends Dinge\ndazu, wie hier, wo ein alter Bauer durch erheuchelte\nKrankheit und die Mithülfe eines Kumpans ähnlicher Sorte\nseinen eigenen Sohn um das Glück seines Lebens bringt,\nso müssen wir doch vor solcher Dorfsittlichkeit uns schön-\nstens bedanken. Den Titel: „Die Jahreszeiten\", führt das\nStück bloss, weil es im Sommer beginnt und im Frühling\nschliesst, und dadurch Decorationen und Aernte und Wein-\nlese und une veillee d'hiver, wie in den Jahreszeiten von\nHaydn, anzubringen waren. Es ist Schade um Masse's\nrecht hübsche Musik. Du siehst, man beginnt auch hier\nMangel an guten Textbüchern zu leiden, und es heisst jetzt\ngerade so wie bei Euch: „Rien de plus rare qiLun hon\nlihretto!\"\nUnd leider ist das jetzt auch bei den berühmtesten\nOperndichtern eine traurige Wahrheit, wie Scribe's „Ma-\nnon Lescaut\" beweis't, eine komische Oper in drei Acten,\nmit Musik von Auber. (Erste Aufführung den 23. Fe-\nbruar 1856.) Dem Titel nach sollte man glauben, Scribe\nhabe den sehr interessanten Roman des Abbe Prevost\nBirchpfeifler dramatisirt; aber weit gefehlt! Die genannte\nSchriftstellerin ist ein wahrer Engel an Gewissenhaftigkeit\ngegen ihre Originale im Vergleich zu Scribe, der den Inhalt nur\nin allgemeinen Umrissen beibehält, aber die Personen willkür-\nlich parodirt, die Charaktere gänzlich entstellt, Dinge hinein-\nbringt, an welche im Roman nicht zu denken ist, und als\nRechtfertigung von allem dem darunter schreibt:\navons changetaut cela\", unterzeichnet: Scribe. Die Manon\nist bei ihm eine Grisette, die einen nichtswürdigen Lump,\neinen liederlichen Sergeanten zum Cousin hat, der sie an\nseinen Regiments-Befehlshaber verkauft. Aber ihr Geliebter,\nder Chevalier Desgrieux, und ihr Schutzengel, der Abbe\nThiberge, retten sie. Der Chevalier ist aber ein Industrie-\nritter und der Abbe eine Näherin! Es ist nicht der Mühe\nwerth, das Durcheinander der Intrigue zu entwirren, deren\nOpfer am Ende die tugendhafte Manon wird, die man we-\ngen eines Diebstahls, den ihr sauberer Vetter begangen,\nzur Deportation verurtheilt. Warum? Ei, damit die letzten\nActe in America, in Luisiana, in den Savannen spielen kön-\nnen, unter dem schönen Wechsel von schwarzen und weis-\nsen Menschen, Negerliedern und Negertänzen und aller\nRomantik der transatlantischen Welt, wobei Dichter und\nMusiker die freieste Hand zur Charakteristik haben, weil\ndas pariser Publicum sie nicht controliren kann. Dass sich\ndas sämmtliche Personal, die Einen als Spitzbuben, die An-\nderen als Speculanten, noch Andere als Officiere, ja, Einer\ngar als Gouverneur also dass Alles sich dort wieder zu-\nsammen findet, ist nichts Neues. Aber dass zum Schlüsse\neiner komischen Oper die arme Manon am Ende in der\nSavanne ihren Geist in dem Momente, wo ihre Freispre-\nchung ankommt, in den Armen ihres Chevaliers aufgibt,\ndas ist denn doch der Triumph der neuesten Lustspiel-\nPoesie! Man erzählt sich, dass Scribe diese Scene ursprüng-\nlich für die „ Africanerin\" gedichtet habe; Meyerbeer hatte\nindess doch zu richtigen Tact, um sie alsSchluss einer ko-\nmischen Oper anzunehmen, und so hat sie denn jetzt Scribe\ndenn ein guter Kaufmann lässt kein Stückchen Waare\nunbenutzt liegen an den Mann gebracht.\nUebrigens ist die Musik zu dieser Schlussscene die\nbeste Nummer der Oper und dem Rufe Auber's angemes-\nsen; sie besteht aus einem Duett zwischen Tenor und So-\npran, in welchem sich besonders das Gebet des Tenors\nauszeichnet. Im Ganzen zeigt die Musik den Charakter der\nArbeiten Auber's aus der Periode, in welcher die Kron-\nDiamanten, Le Philtre, Le D entstanden sind,\nreicht aber keineswegs im Gehalt an „Die Stumme\" oder\nan „Fra Diavolo\", „Der Schnee\" u. s. w. Eine Haupt-\nRücksicht für den Dichter und Componisten war das erste\nAuftreten der Madame Cabel auf dem Theater der komi-\nschen Oper; für sie wurde die Manon des Abbe Prevost\nzu einer Grisette gemacht, die ihre reizenden Chatterieen"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "240", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5121, "texte": "entfalten könne, für sie die ellenlangen Coloraturen, Läufer\nund Harpeggien, aus denen es sehr schwer hält, eine Me-\nlodie heraus zu hören. Sehr schwach ist die Ouvertüre und\nfast der ganze erste Act, wiewohl das Finale, eine lustige\nBallscene im Cadran bleu, Gelegenheit zu charakteristischer\nMusik gab; der Galop und einige Couplets der Cabel sind\ndas einzige einiger Maassen Interessante darin.\nDer zweite Act, der in den Salons des Marquis d'He-\nrigny spielt, des vornehmen Herrn, der die reizende Gri-\nsette gern lür sich haben möchte, hat einige sangbare Num-\nmern, wie denn überhaupt die Bariton-Partie (Mr. Faure\n= d'Herigny) mit Liebe vom Componisten behandelt ist.\nAber auch seine Gesänge sind mit Ornamenten überladen,\nund die grosse Arie der Manon in diesem Acte übertrifft\nan buntem Coloratur-Geflimmer alles Dagewesene. Das ist\nnicht mehr Musik, das ist Vogelgesang, auf eine Spieldosen-\nWalze gesetzt.\nzerlällt und, wie gesagt, in Luisiana spielt, vernehmen wir\nMusik zu Negertänzen, creolische Lieder u. s. w., welche\njedoch an frühere europäische Melodieen Auber's und selbst\nseiner Collegen erinnern. Eine Erzählung des Chevaliers\nvon seiner Reise ist stark im Stil der Zukunft geschrieben,\ndas Orchester spielt die Hauptrolle dabei; durch die Länge\nderselben hat der Componist wahrscheinlich zugleich eine\nVorstellung von dem Reichthume des Chevaliers geben\nwollen, da der Aufseher der Deportirten, unter denen Ma-\nnon ist, sich lür jede Minute dieser Unterhaltung der bei-\nden Liebenden einen Louisd'or bezahlen lässt! Das letzte\nTableau ist rein im Stil der grossen Oper behandelt, es\nenthält bloss Musik und Gesang, keinen gesprochenen\nDialog.\nWiewohl die hiesige Kritik dem Veteranen der Com-\nposition nicht zu nahe tritt, sondern höchstens hier und da\nein kleines Bedenken äussert, so ist doch bei allen Verstän-\ndigen nur Eine Stimme darüber, dass Auber besser thäte,\nauf seinen Lorbern zu ruhen, als nach frischen zu streben,\nund ferner auch darüber, dass eine solche Zwittergattung\nvon komisch-tragischer Oper den Untergang der echten\nfranzösichen Schule nur beschleunigen müsse. Niemand\nwird Empfindung und Gemülhlichkeit aus der komischen\nOper verbannen wollen, wie sie ja auch die ältere Schule\nhat, z. B. im Wasserträger, Weisse Dame u. s. w. Aber\nein Drama auf die komische Bühne zu bringen, in welchem\nim zweiten Acte Einer auf der Scene erstochen wird und\nim letzten die Heldin in langer Todesangst dahinstirbt\ndabei hört doch die Gemüthlichkeit eben so sehr auf, wie\nbeim Finanz-Budget.\nMan sieht, dass die Sucht nach Neuem überall die\ngrössten Verirrungen in der Tonkunst hervorbringt; es ist\nEin und derselbe Quell in Frankreich, Italien und Deutsch-\nland, er fliesst nur anders in jedem Lande. Während hier\nin Paris alle Gattungen durch einander gemischt werden\nund die Melodie in der Technik der Kehle untergeht, ver-\nschwindet drüben der Gesang unter dem Orchester oder\nwird zu rhetorischer Declamation.\nDer Geschmack des Publicums geht freilich leicht irre,\nallein noch leichter findet er sich wieder auf dem rechten\nWege ein, sobald er ihm nur auf freundliche Weise ge-\nzeigt wird. Das sehen wir jetzt hier an L. C 1 a p i s s o n' s\n„La Fanchormelle\", welche seit ihrer ersten Aufführung\nauf dem Thedtre lyrique am 1. März 1856 stets die\nRäume des Hauses lüllt und seit langer Zeit die erste drei-\nactige komische Oper ist, deren Erfolg ein wirklicher und\nunbestrittener ist. Wenn nun auch Buch und Composition\ndiesen Erfolg verdienen, so hat doch offenbar der Leber-\ndruss an den Caricaturen der komischen Oper, welche die\nletzten Jahre brachten, mächtig dazu mitgewirkt, diese\nFanchonnette, deren Hauptverdienst die Einheit des Stils\nist, zur Lieblings-Oper zu machen.\nDass Clapisson ein tüchtiger Musiker sei, wusste man\nfreilich; allein seine bisherigen Arbeiten auf dem dramati-\nschen Felde (Gibby, La Figurante, Le Code noir, La Pro-\nmise) konnten doch seine Ernennung zum Mitgliede des\nInstituts nicht in Jedermanns Augen rechtfertigen. Mit der\nFanchonnette aber hat er sein Patent ehrenvoll eingelöst.\nHier ist Talent der Erfindung in den Melodieen, strenge\nund geschickte Wahrung der Form, reiner Geschmack und\nEinfachheit in der Harmonie und Instrumentation, nichts\nvon unnöthigem Lärm im Orchester, das endlich einmal\nwieder in seine gehörige Stellung zum Gesänge tritt. Mit\nvollem Rechte sagt daher ein hiesiger Kritiker: „ Voilä long-\ntemps que le public ne s'etait trouve ä pareille feie!\"\nIch will nicht in Abrede stellen, dass die Oper einige\nschwache Nummern hat, z. B. im ersten Acte ein Duett\nzwischen Sopran und Tenor, im dritten eine Tenor-Arie\nund einiges Andere; allein im Ganzen verliert man das In-\nteresse an der Musik nirgends, wenngleich der erste Act\ndoch wohl der frischeste und einnehmendste sein dürfte.\nDie Ouvertüre zeichnet sich, mit Ausnahme der Einleitung,\nnicht eben vor der Modegaltung aus, jedoch ist Feuer und\nLeben in den Tanz-Rhythmen. Auch die Introduction bie-\ntet, indem sie das Getreibe auf den Boulevards von Paris\nzur Zeit der Regentschaft darstellt, mehr für das Auge, als\nfür das Ohr, da hier der Componist mehr, als recht ist,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "241", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5131, "texte": "dem neuen Realismus opfert, so dass einem bei dem Ge-\nschrei der Ausrufer und des Bajazzo und der lustigen Stim-\nmung der Menge etwas bange für die Musik wird. Allein\ngleich darauf macht diese sich Platz und bleibt denn auch\nbis zum Schlüsse sich selbst treu. Gegen das Gesuchte und\nGemachte, was Clapisson früher hatte, offenbart sich hier\nein grosser Fortschritt; selbst die schwächeren Nummern\nleiden wenigstens an diesen Mängeln nicht, sondern man\nkönnte ihnen eher zu grosses Streben nach Popularität\nvorwerfen.\nDie Herren de St. Georges und de Leuven ha-\nben grossen Antheil an dem Erfolge der Oper. Ihr Text-\nbuch nimmt aus dem alten Stoffe der Fanchon nur die\nschöne, tugendhafte Vaudeville-Sängerin und ihren Hang\nzum Wohlthun und zur Grossmuth; alles Uebrige ist Eigen-\nthum der neuen Bearbeiter. Es fehlt freilich nicht an Un-\nwahrscheinlichkeiten aller Art, und fast alle Charaktere\ndürften, nach dem Maassstabe der heutigen Welt gemes-\nsen, eher dem Monde als der Erde angehören. Allein das\nUnglaubliche ist mit so vielem Talent und Geschick vorbe-\nreitet und herbeigeführt, das Unwahrscheinliche mit so vie-\nler Gewandtheit ins Leben getragen, dass man gar nicht\ndaran denkt, es historisch und psychologisch zu untersu-\nchen, sondern von Anfang bis Ende gespannt bleibt und\nsich an dem Ganzen ergötzt. Die Verwicklung ist einfach\nund durchsichtig, das Komische nichts weniger als plump\noder barock, das Gefühl geht nicht leer aus dabei, die\nSprache und die Verse sind fein und formgerecht, und\nwas ein grosser Vorzug ist—die pikante Würze zweideu-\ntiger Ausdrücke und Situationen ist durchaus verschmäht\nworden. Aus allen diesen Gründen glaube ich, dass diese\nOper auch in Deutschland Glück machen würde, was seit\nJahren keiner französischen komischen Oper mehr wider-\nfahren ist, und desshalb mache ich die Theater-Directionen\ndarauf aufmerksam. Der Inhalt ist kurz folgender:\nDer Fürst von Listenay hat seinen Neffen, der als\nLieutenant in einem Garde-Regimente eben kein erbauliches\nLeben geführt haben mag, enterbt und sein ganzes Vermö-\ngen einem jungen Mädchen vermacht. Das Anerbieten der\nUnbekannten, dem Erben des Fürstentitels auch die baare\nErbschaft zurück zu geben, hat dieser auf beleidigende\nWeise ausgeschlagen. Indess eine alte Tante in Westindien\nnimmt sich seiner an und schickt ihm monatlich durch einen\nalten Diener, aus dem jedoch nichts als das Wort „Tante\"\nherauszubringen ist, tausend Pistolen. Er nimmt von den\nCameraden an einem „dernier jour Abschied, um\nnach der Havannah zu gehen. Fanchonnette, die ihn zu-\nfällig kennen gelernt und ihn (wie Miss Anna in der weis-\nsen Dame) als Verwundeten gepflegt hat, liebt ihn und ist\nuntröstlich über diesen Entschluss, wiewohl sie ihre Wün-\nsche nicht bis zu ihm zu erheben wagt. Da erhält Listenay\nplötzlich ein Regiment, der alte Einsylbige bringt ihm das\nObristen-Patent, das „Tante\" für 200,000 Livres ihm\ngekauft hat. Nun bleibt er in Paris und hofft die Hand sei-\nner Geliebten, der Nichte eines reichen Financiers, zu er-\nhalten.\nLeider ist diese von ihrem Onkel einem spanischen\nMarquis verlobt. Dieser geht aber mit hochverrätherischen\nPlanen um, wobei der spanische Gesandte die Hand mit\nim Spiele hat, und in welche Beide auch den Onkel der\nBraut verwickelt haben. Es handelt sich um nichts Gerin-\ngeres, als den Regenten Philipp von Orleans aufzuheben\nund den Herzog von Maine an seine Stelle zu setzen. Durch\neinen glücklichen Zufall ist aber ein Brief des Marquis an\nden Financier in Fanchonnettens Hände gefallen. Da sie als\ndas berühmte Leiermädchen in den ersten Häusern Zutritt\nhat, so benutzt sie ein Fest, das der Banquier gibt, um die\nVerschwörer in Schrecken zu jagen, und verkauft ihr Schwei-\ngen dem Marquis gegen Entsagung, dem Banquier gegen\nEinwilligung, Alles in Bezug auf dessen Nichte.\nHierauf wird der junge Fürst Listenay, Besitzer eines\nRegimentes und einer steinreichen Tante, als Schwieger-\nsohn angenommen. Aber sieh da! der Marquis beweis t\ndurch den spanischen Gesandten, dass die reiche Tante in\nder Havannah gar nicht existire. WTie!\" ruft Listenay\naus: „nicht existire? Sie ist hier in Paris; da sehen Sie\nihren Brief sie schenkt mir ihr Hotel auf dem Königs-\nplatze und fordert mich auf, sie noch heute zu sehen; ich\nlade Sie alle dorthin ein!\"\nUnd in der That versetzt uns der dritte Act in ein\nprächtiges Hotel. Listenay tritt zuerst auf. Seine Wohlthä-\nterin erscheint, eine alte, in Shawls und Schleier gehüllte\nDame. Alle seine Bitten, ihr Antlitz zu schauen, sind ver-\ngebens; sie übergibt ihm als Ausstattung eine Brieftasche,\ndie ihn zum Millionär macht, und verschwindet. Er will ihr\nnacheilen: da tritt die ganze Gesellschaft und Fanchonnette\nmit ihnen durch die Mittelthür herein. Fanchonnette, die\nihrem eigenen Herzen Schweigen gebietet, vereinigt die\nLiebenden; Listenay weiss, was sie durch die Verschwö-\nrungs-Geschichte für ihn gethan, ahnt aber nicht und er-\nfährt es auch nicht, was den Zuschauern kein Geheimniss\nmehr ist, dass das tugendhafte Mädchen, welches dem lei-\ndenden alten Fürsten seine letzten Jahre durch ihre Lieder\nund ihre Sorgfalt versüsst hat und seine Erbin geworden."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "242", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 603, "texte": "und die reiche Tante und Fanchonnette eine und dieselbe\nPerson sind.\nFür den Erfolg ist noch zu bemerken, dass nur die\nRolle der Fanchonnette einer beliebten Sängerin, der ehe-\nmaligen Mademoiselle Miolan, jetzigen Frau Carvalho (ihr\nGatte ist Director des Thedtre anvertraut war, die\nübrigen aber von noch unbekannten Grössen in der hiesi-\ngen Theaterwelt gegeben wurden. Nach der ersten Vor-\nstellung wurden die Namen der Dichter auf allgemeinen\nRuf bekannt gemacht und Clapisson durch einstimmigen\nund anhaltenden Beifall der ganzen Zuhörerschaft, nicht\nder Claque, zum Hervortreten genöthigt.\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-07-26-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-07-26_01#c003", "volume": "bmtnabi_1856-07-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "242", "page_fin": "243", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01.2.3", "titre_corps": "Beurtheilung.", "titre_sommaire": "Beurtheilung.", "signature_source": "Ms", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "242", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01.1.6", "debut_caractere": 605, "fin_caractere_exclue": 4850, "texte": "Beurtheilung.\n\nDie Lehre von der deutschen Gesangs-Aus-\nsprache, theoretisch-praktisch bearbeitet u.s.w.\nYon Gustav Nauenburg. Magdeburg, bei Hein-\nrichshofen.\nMan kann eben nicht behaupten, dass wir arm an Ge-\nsangschulen wären. Ganz abgesehen von den Anweisungen,\nwelche von jeher das Ausland gebracht, fehlt es auch in\nder neueren Zeit und selbst in den letzten Jahren nicht an\nHülfsmitteln, die, mit Sachkenntniss und Erfahrung entwor-\nfen, so Lehrern als Schülern das zum Gesang-Studium Er-\nforderliche übersichtlich aufstellen. Hat man doch selbst\nkleine Anekdoten, die ein alter, gefeierter Gesanglehrer zu\ndebitiren pflegte, ausgebeutet und in dickleibige Schulen\nverarbeitet, nicht allein zur Verbesserung des deutschen\nGesanges, sondern vorzugsweise zur sittlichen Veredlung\ndes Menschen durch das Studium schöner Tonbildung. Die\nSache ist nicht ohne, nur vielleicht umgekehrt. Ein aner-\nkannt tüchtiger Gesanglehrer (Hauser) behauptete von der\nTonbildung der Lind : nur eine edle, schöne Seele wäre im\nStande, solche Töne zu erzeugen. Die philosophisch-christ-\nlichen Stimmbildner konnten mithin an der Kehle ihrer\nSchüler beobachten, ob der Taugenichts, den sie in die\nLehre genommen, stehen geblieben, oder wie weit er in\nder Besserung vorgeschritten sei. „ Wess das Geläss ist\ngefüllt\" u. s. w. Leider haben wir jenen berühmten Schu-\nlen keine grossen Sänger entwachsen sehen; in wie weit\nderen Zöglinge sonst ihre Vorbilder erreicht haben, ist\nebenfalls unbekannt geblieben. Es ist mit den gedruckten\nAnweisungen zum Singen und Gesang-Unterricht wie mit\nden Kochbüchern. Die genaueste Bezeichnung seiner Be-\nstandteile, die bestimmteste Vorschrift ihrer Behandlung\ngeben ohne die Geschicklichkeit eines guten Kochs noch\nkein schmackhaftes Gericht. Ohne Beaufsichtigung eines\nLehrers, der dem Schüler sein Ohr, seine geübte Beobach-\ntungsgabe leiht, der ihn anregt, aufmerksam und genau\nden Tönen horchen zu lernen, der vor Allem dem Schü-\nler begreiflich macht, dass jede künstlerische Arbeit eine\ngespannte Aufmerksamkeit erfordere, dass diese niemals\nnachlassen, ja, sich stets steigern müsse, und dass nur die\nGewohnheit, in solcher Spannung zu beharren, das Beach-\nten der minutiösesten, dem ungebildeten Ohr ganz unver-\nnehmbaren Erfordernisse zum Gesänge erleichtere und ver-\nmehre; dass ein bewusstloses Sichgehenlassen, ein rein\nmechanisches Ueben im Gesänge unmöglich sei ohne eine\nsolche lebendige Unterweisung wird das gedruckte Wort\nstets eine unfruchtbare, ja, häufig eine missrathene Frucht\nbringende Saat bleiben.\nWollte man nach unseren kritisehen Feuilletons schlies-\nsen, so stände die Gesangkunst in Deutschland auf einer\nhohen Stufe, und die Kenntniss der menschlichen Stimme\nund des zu ihrer Ausbildung, wie zur künstlerischen Ver-\nwendung Erforderlichen wäre allgemein verbreitet. Welche\nReferate über Sänger wüssten nicht von Ausbildung der\nMittelstimme, von Kopf- und Brust-Register zu reden?\nUnd doch? Man besuche die deutsche Oper, beobachte,\nwozu das oben bezeichnete Heft Anleitung geben will, und\nfrage sich dann, wie viele unserer dramatischen Sänger nur\nim Stande sind, den Gesanges-Text correct und schön\nzu sprechen, ohne welches, nach des Verfassers Ansicht,\ner nimmermehrsc Ii öngesungen werden kann; wie\nselten man Wort- und Ton-Ausdruck conform findet, und\nob nicht selbst namhafte Sänger und Sängerinnen kaum\neine Ahnung davon zu haben scheinen, dass Wort- und\nTon-Ausdruck sich nicht widersprechen dürfen. Das vor-\nliegende Heft will die Uebungen zur Verbindung des Wor-\ntes mit dem Tone anleiten. In den italiänischen und fran-\nzösischen Gesangschulen kann von deutscher Aussprache\nnicht die Rede sein; nur die von Winter gibt Uebungen\nzur Erlangung einer deutlichen und fertigen Aussprache\nund einer angenehmen Mundart in deutschen und ita-\nliänischen Worten, jedoch ohne alle weitere Anweisung;\nRighini hat in seinen Liederheften einfache, sehr anmuthige\nGesänge niedergelegt, deren Textesworte (italiänische) au-\ngenscheinlich zur Uebung deutlicher Aussprache und be-\nstimmter Articulation aller Lippen-, Zungen- und Gaumen-\nLaute, wie zur Erlangung reiner Vocale und ihrer Ver-\nschmelzung in einander dienen sollen. Dieselbe Absicht\nliegt auch den bekannten Händel'schen Kammer-Duetten,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "243", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3238, "texte": "de n so genannten Solfeggien, zum Grunde. Die neueren\nGesangschulen von Sieber und Schmidt habe ich nicht ein-\nsehen können : sie stehen daher ausser dieser Beurtheilung.\nOhne Anleitung und Beaufsichtigung eines Lehrers dürften\nalle diese Hebungen wohl ohne grossen Erfolg bleiben.\nUnser Heftchen geht weiter als jene Uebungen; es\nsucht möglichst den Lehrer Zu ersetzen, soweit das To-\nnische an sich durch Beschreibung anschaulich gemacht\nwerden kann. Es wird das Erforderliche über Vocale, Dop-\npel-Vocale, Consonanten, über ihre Erzeugung und richtige\nBehandlung im Allgemeinen gesagt, und jeder von ihnen\neinzeln und besonders besprochen. Der Verfasser ist als\nein gebildeler deutscher Sänger bekannt und gibt hier\nnicht blosse Theorieen; man merkt es jeder einzelnen Re-\ngel an, dass sie auf eigener,, lang' erprobter Praxis beruhe.\nWir können nicht umhin, dabei auf die mit eben so grosser\nSorgfalt als Gründlichkeit ausgearbeitete „Lautlehre\" (mit\neinem Anhange;• „Die Fehler der Aussprache\") von dem\nkürzlich leider verstorbenen F. Angermann (zweite Auflage,\nBerlin, 1850, bei Reimarus) zu verweisen, worin sich das\nWesentliche der Aussprache in erweiterterer Abhandlung\nniedergelegt findet. Das vorliegende Heftchen will vorzugs-\nweise zur praktischen Anwendung der Lehre von der deut-\nschen Aussprache im Gesänge anleiten, und hat der vier\nFolio-Seiten füllenden Lautlehre einen Bogen Gesang mit\nbezeichneter Dehnung der Vocale, Andeutung des Wech-\nsels der Doppel-Vocale und ihrer Begränzung durch die\nConsonanten beigegeben, der in vier Ausgaben jener zu-\ngefügt werden kann. Für den Sopran ist eine Arie von\nSpohr, für den Alt eine Arie von B. Klein gewählt; das\nBeispiel für den Tenor besteht in der Cavatine: „Sei ge-\ntreu bis in den Tod\", für den Bass aus dem Arioso: „Ja,\nes sollen wohl Berge weichen\", beide von Mendelssohn.\nDie Gliederung der Gesangssprache ist namentlich bei den\nDoppel-Vocalen nicht überall bestimmt genug bezeichnet;\nein Vergleichen Eines und desselben Falles mit einander\nbezeugt, dass nur eine Ungenauigkeit der Bezeichnung im\nDrucke seine Ausführung verschieden andeutet. Selbst die\nerste Bezeichnung der Doppel-Vocale im Beispiele Seite 5\nist ungenau, da der zweite Vocal in „Laube,Leiden,Freude\"\nu. s. w. offenbar auf dem letzten der gebundenen Töne\ndem ersten Vocale angeschliffen werden muss. Aehnliches\nfindet sich in allen Gesängen vor. In solchen Vorschriften\nist die grösste Deutlichkeit und Genauigkeit unerlässlich.\nDass der Herr Verfasser zur Erlangung eines freien und\nkräftigen Tones sich des Wortes „ Scala\" bedient, erinnert\nan die Worte: „Sancta Maria\", welche die älteren Italiä-\niier ihren Uebungen zum Grunde legten. (Siehe Francesco\nRognoni (Pacgio) 1620.) Eine gleiche Absicht soll sich\ndadurch erfüllen; die letzten Wrorte verdienen aber noch\nwegen des scharfen Gaumenschlages durch „nc\", durch den\nLippenlaut m, durch das r und das zwischen die beiden a\ngestellte ivor jenem den Vorzug.\nDer Druck und die Ausstattung des Heftes ist sehr\nhübsch, der Preis äusserst billig (12ya Sgr.) und der mit\nErfahrung und grosser Tüchtigkeit dargestellte Inhalt in\nseiner Anwendung so fördernd, dass wir ihm die weiteste\nVerbreitung wünschen, wie es solche in hohem Grade\nverdient.\n\nMs."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-07-26-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-07-26_01#c004", "volume": "bmtnabi_1856-07-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "243", "page_fin": "244", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "243", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01.1.7", "debut_caractere": 3240, "fin_caractere_exclue": 5730, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDer ehemalige Seminar-Direetor Kieritzsch, der vor Kurzem\neine neue Zeitschrift: „Das musicalische Deutschland\", begründet\nhatte, ist am 7. Juli zu Berlin, 67 Jahre alt, gestorben.\nUarmstadt. Das Programm zu dem am 31. August und 1.\nSeptember hier Statt findenden Musikfeste ist, so weit es den mu-\nsicalischen Theil desselben betrifft, festgestellt. Es lautet, wie folgt:\nErster Tag: Messias, Oratorium von G. F. Händel.\nZweiter Tag: Erste Abtheilung: 1) Ouvertüre zur Zauberflöte\nvon Älozart, 2) Finale zur Oper Loreley von F. Mendelssohn, 3)\nYiolin-Concert mit obligater Harfe von Vieuxtemps, 4) Bacchus-Chor\naus der „Hermannsschlacht\" von C. A. Mangold, 5) Sologesang:\nLieder (noch unbestimmt), 6) Chor aus der Schöpfung von Haydn.\nZweite Abtheilung: Sinfonia Eroica von L. van Beethoven.\nFür die Soli sind bereits definitiv Frau Dr. Leisinger, königlich\nwürtembergische Hof-Operns'ängerin aus Stuttgart, Herr J. Stock-\nhausen, kaiserl. Opernsänger [?] in Paris, so wie Herr Vieuxtemps\ngewonnen. Die Direction für den ersten Tag hat Hof-Musik-Direc-\ntor C. A. Mangold, die für den zweiten Tag Hof-Capellmeister L.\nSchindelmeisser übernommen.\nHerr Ernst Julius Otto, Cantor und Musik-Director in\nDresden, der berühmte Componist für Männergesang (er ist Ehren-\nMitglied von mehr als vierzig Vereinen), hat von dem ehrenwer-\nthen Männergesang-Vereine in Wien acht Ducaten erhalten für die\nersten Aufführungen von: 1) Trinklied aus „Der Sängersaal\"; 2)\nReiterlied aus „Soldatenleben\"; 3) Abendlied „In des Stromes blaue\nFluten\" (Orpheus); 4) Reiselied „Schwager, fahr' zu\" (Heft, bei\nBauer in Dresden); 5) Marsch ohne Worte (in „Ernst und Scherz\"\nbei Glaser in Schleusingen): 6) Barcarole aus „Der Sängersaal\";\n7) Liebes-Abschied (Heft, bei Gerster in Dresden); 8) Tanzlied.\nMünchen. Im k. Hoftheater haben unter dem Namen Porta\nzwei Damen aus hochadeliger Familie, die Gräfinnen von Larosee,\nzum ersten Male die Bühne betreten, und zwar als Romeo und\nJulie in der Oper „Die Montecchi und die Capuletti\". Beide, be-\nsonders aber Fräul. Therese, Romeo, ärnteten grossen Beifall und\nwurden von dem sehr zahlreichen Publicum nach jedem Acte ge-\nrufen. Fräul. Therese Porta hat in der That eine kräftige, wohl-\nklingende Stimme und zeigte sowohl im Gesänge als im Spiel eine\nRoutine, wie man sie von Anfängerinnen kaum erwarten konnte.\nDie Stimme des Fräul. Clara reichte in unserem grossen Hause\nnicht aus, auch konnte die noch sehr jugendliche Sängerin der ai-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "244", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3810, "texte": "lerdings erklärlichen Befangenheit nicht Herr werden. Man hatte\nhier dem ersten Auftreten dieser beiden jungen Damen mit gros-\nsem Interesse entgegen gesehen, und es war desshalb auch das\nHaus in allen Theilen fast überfüllt. Auch ist Mosenthal's „Gold-\nschmied von Ulm\" mit der Musik von Marschner zur Aufführung\ngekommen. Das Stück war glänzend in Scene gesetzt und wurde\ndurchgehends gut gegeben, fand aber dessen ungeachtet keinen\ngrösseren Anklang, als in Wien und Berlin. Das Publicum folgte\nder Handlung wohl mit einigem Interesse, Hess es aber an Beifall\nfehlen; Zaubermärchen liegen nicht in der Geschmacksrichtung\ndes heutigen Theater-Publicums. Gegen Ende dieses Monats wird\ndie Solo-Tänzerin Miss Lydia Thompson vom St.-James-Theater\nin London in unserem k. Hoftheater gastiren.\nWien. Die deutsche Oper ist mit G. M. v. Weber's „Eu-\nryanthe\" am 9. Juli eröffnet worden; Besetzung: die Damen Tit-\njens und Czillag, die Herren Ander und Beck. Der Abend\nwar reich an überschwenglichen Auszeichnungen und Blumenspen-\nden, welche Ander und Beck vollkommen verdienten, während bei\nden Damen die schönen Stimmen preiswürdiger sind, als ihre Art\ndes Vortrags.\nDas grosse Sang er fest zu St. Gallen in der Schweiz ist\nunter der geschickten und tüchtigen Leitung des Musik-Directors\nBogler (nicht Vogler, wie viele Blätter unrichtig melden), eines\nDeutschen, auf glänzende Weise gehalten worden. Nur der Him-\nmel war nicht so günstig, wie alle übrigen Umstände, indem er\noft und stark darein regnete, so dass alle Feierlichkeiten auf die\nFesthalle als Local angewiesen werden mussten. Die Ehrenpreise\nwaren werthvoll und bestanden in silbernen Bechern, Fahnen, Ge-\nmälden u. s. w. Es erhielten 12 schweizerische Vereine Preise (die\nLiedertafel von Basel, zwei aus Zürich, die Harmonie von Luzern\nu. s. w.); die deutschen Vereine, ebenfalls zahlreich vertreten, hat-\nten an dem Wettstreite nicht Theil genommen. Es waren an 1800\nSänger versammelt.\nIn Genf ist das diesjährige eidgenössische Musikfest gefeiert\nworden. Die Haupt-Aufführungen waren Mend eis söhn's Elias\nund Beethoven's Sinfonia Eroica in der Peterskirche.\nBei dem Sängerfeste in Gent (am 6. Juli) erhielten der\nVerein von Huy und die Orphea von Aachen (Dirigent F. We-\nnigmann) Preise. Den Hauptpreis im Wettgesange der gekrönten\nVereine erhielt der Verein La Legia von Lüttich.\nIn Amsterdam hat sich ein Dilettant des Flötenspiels eine\ngoldene Flöte machen lassen ein kostbares Instrument je-\ndenfalls.\nBei dem Concerte für die Ueberschwemmten in Lyon war\nauch Mehul's Witwe zugegen, welche seit mehreren Jahren dort\nlebt. Als Roger die berühmte Arie aus „Joseph\" sang, wurde sie\nvon der Rührung überwältigt und vergoss helle Thränen. Das Con-\ncert brachte über 12,000 Francs ein.\nIdeutsclie Von 1t alle*\nVon den auf unser Preis-Ausschreiben vom Christmonate v. J.\nwegen eines Schiller-Festgesanges eingekommenen sieben Preis-\nBewerbungen hat das Werk des Herrn V. E. Becker in Würz-\nburg den Preis zuerkannt erhalten.\nBesondere Belobungen erhielten die Werke:\na) des Herrn Emil Büchner in Leipzig,\nb) „ „ Ludwig Stark in München und\nc) „ „ A. F. Leder, Dom-Cantor in Marienwerder.\nDie (nach den Vereins-Satzungen 14) erwählten drei Herren\nPreisrichter waren: Herr Capellmeister Ign. Lachner, Herr Hof-\nCapellmeister P. von Lindpaintner und Herr General-Musik-Direc-\ntor Dr. L. Spohr.\nZugleich können wir den verehrlichen Mitgliedern der deutschen\nTonhalle die erfreuliche Mittheilung nicht vorenthalten, dass Ihre\nGrossherzoglichen Hoheiten die Herren Markgrafen Wilhelm und\nMaximilian von Baden, kürzlich auch Se. Majestät König Ludwig\nvon Baiern Höchstihre Anerkennung des löblichen Zweckes unse-\nres Vereins durch sehr förderliche Geschenke an dessen Casse\nauszusprechen huldvollst geruht haben.\nMannheim, den 17. Juli 1856.\nDer Vorstand."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "237", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe. Von B. P.I. Grosse Oper. Komische Oper: 1. Operetten. 2. von Gevaert\nLes Saisons von Masse Manon Lescaut von Auber Fanchonnvon Clapisson. G. Nauenburg s Lehre von der\ndeutschen Gesangs-Aussprache. Von Ms. Tages- und Un terh alt ungsblatt (Berlin, Hientzsch f - Darmstadt Ernst Julius\nOtto München Wien St. Gallen Genf Sängerfest in Gent Lyon Deutsche Tonhalle, Preis-Ertheilung).\n\nPariser Briefe.\n\n[Musterung der musicalisch-dramatischen Neuigkei-\nten auf den pariser Opernbühnen im Winter 1855\n1856. Uebersicht der Concert- und Kammermusik.]\nI.\n[Grosse Oper: Sie. Ciaire Pantagruel von Labarre Ballet\nLe Corsaire. Komische Oper: 1. Einactige Operetten 2. LesLa-\nvandieres von Gevaert Les Saisons von V. Masse Manon\nLescaut von Anber Fanchonnette von Clapisson.]\nDen 20. Juli 1856.\nDas muss man den Franzosen lassen, sie sind am pro-\nductivsten auf dem Felde der musicalisch-dramatischen,\nja, überhaupt der dramatischen Literatur. Der Quell der\ndramatischen Erfindung ist bei ihnen noch keineswegs ver-\nsiegt, wie das in England der Fall ist, und an Fruchtbar-\nkeit der musicalischen Composition für die Bühne kommt\nihnen auch Deutschland nicht gleich. Sieht man aber auf\nden wirklich poetischen und musicalischen Gehalt, so zeigt\nsich freilich auch da ein grosser Abfall gegen die frühere\nSchule, und die neuesten Erzeugnisse rechtfertigen auch in\nFrankreich die Ansicht derjenigen, welche behaupten, die\nTonkunst habe ihre Mittagshöhe schon vor Jahrzehenden\nerreicht und steige, trotz einiger hier und da noch einmal\nlebhaft aufflammenden Strahlen, allmählich zum Abend her-\nnieder.\nIm Jahre 1855 sind in Frankreich 296 neue Büh-\nnenstücke lür Drama und Oper geschrieben und aufge-\nführt worden. Davon kommen etwa vierzig musicalisch-\ndramatische auf die letzten drei Monate des Jahres. In den\nersten 3 4 Monaten von 1856 wurden 18 20 neue\nOpern und Operetten gegeben, so dass also die Winter-\nSaison etwa sechszig Neuigkeiten auf den Theatern der\ngrossen Oper, der komischen Oper, des Theatre lyrique\nund der Bouffes parisiens gebracht hat, wobei ich das\nTlieätre des Vaudevillesund der ausge-\nschlossen habe. Die italiänische Oper hat nur Eine wirk-\nlich neue Oper, das Assedio von Bottesini,\ngebracht.\nAm dürftigsten hat sich die grosse Oper gezeigt. Die\nVepres Siciliennes und die Sainte Ciaire waren aus Italien\nund Deutschland geholt und in französisches Gewand ge-\nkleidet worden. Jene Oper hielt sich durch Sophie Cru-\nvelli, diese (erste Vorstellung den 27. September 1855)\ndurch den Rang des Componisten, die glänzende Ausstat-\ntung und das Ballet im letzten Acte, in welchem die Ro-\nsati tanzte. Dass in beiden und besonders in der Santa\nChiara auch schöne Musikstücke unter vielem Mittelgute\nund manchem Trivialen hervortauchen, will ich nicht in\nAbrede stellen; jedoch zu dem, was man in Paris einen\neigentlichen Erfolg nennen kann, haben beide Opern es\nnicht gebracht, und ohne die letzte Strömung der Aus-\nstellungs-Besucher würden auch die Vepres nicht die Mee-\nreshöhe gehalten haben.\nAusser diesen beiden fremden Producten hat die kai-\nserliche Oper nur den Pantagruel und das Ballet Le\nCorsaire gebracht. Den , Pantagruel\" konnte der berühmte\nName und das Andenken an seinen Urgrossvater Rabelais\nnicht vor dem jähen Sturze retten; er wurde, Text von\nH. Trianon, Musik von La bar re, am 24. December vo-\nrigen Jahres zum ersten und letzten Male gegeben. La-\nbarre, der gar nicht ohne Talent ist, hat entschiedenes Un-\nglück mit seinen Texten, üebrigens war es eine merkwür-\ndige Idee, eine burlesk-komische Posse\ndeux actes) auf das grosse Opern-Theater von Paris zu brin-\ngen. Aus Rabelais war eigentlich nur die Geschichte mit\nden Hammeln genommen (reven moutons /), aber\nso läppisch angebracht und der Scene des Schäfers im al-\nten Avocat Patelin nachgemacht, dass der Chor mit sei-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "238", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01.1.2", "texte": "nem „Bä! Bä!« sicher ausgepfiffen worden wäre, wenn\nnicht der Kaiser und die Kaiserin zugegen gewesen. Das\nBallet Le Corsaire, nach Lord Byron's bekanntem Gedichte\nzurecht gemacht, die Hauptrolle von der Rosati getanzt,\nmit Musik von Ad. Adam, gefiel und wird noch immer ge-\ngeben. Der Sänger Duprez, der sich in seinem Ruhe-\nstande durch Componiren Bewegung macht, hat einen\n„Samson\" für die grosse Oper geschrieben; bis jetzt\nist er aber nur im Privat-Cirkel am Pianoforte gesungen\nworden.\nDie Ausbeute für die komische* Oper an beiden\nIheatern derselben war bei Weitem reicher. Die Operette\nin Einem Acte, dieses echt nationale Erzeugniss, w7ächst\nimmer noch gern auf seinem heimischen Boden, und der\nGeschmack daran hat in der letzten Zeit mehr zu- als ab-\ngenommen. Je mehr die grösseren komischen Opern der\nletzten Jahre ihren Boden verlassen oder wenigstens durch\nBegiessen ihrer Pflanzen mit dem romantisch-melodramati-\nschen Wasser des Gymnase und der Porte St. Martin krüp-\npelhafte Zwittergewächse hervorgetrieben haben, desto mehr\nhat sich der gesunde Sinn des eigentlichen pariser Publi-\ncums von ihnen abgewandt und ist zu der Liebhaberei an\nOperetten zurückgekehrt. Du wirst mir vielleicht einwer-\nfen: „ Aber der Nordstern hat ja doch bald zweihundert\n\\orstellungen erlebt?\" Allerdings; allein es sind die\nFremden, sowohl Engländer, Deutsche, Russen u. s. w.,\nals die Besucher aus der Provinz, welche das Haus füllen,\nnicht die Pariser, am wenigsten die Habitues der komischen\nOper. Die diesjährige Saison hat 9 —lO neue einactige\nOperetten gebracht, ohne diejenigen zu rechnen, die auf\nden Bouffes parisiens von Jak. Offenbach gegeben worden\nsine?, der jetzt einen Preis auf die Einsendung der besten\nOperette gesetzt hat. Leider nimmt aber auch die Musik\nzu diesen Kleinigkeiten, besonders bei den jüngeren Com-\nponisten, eine Richtung, die sich von Natürlichkeit und Ein-\nfachheit entfernt, und die Furcht vor dem Schondagewese-\nnen und der Mangel an eigentlichem Genie führt zu ver-\ndrehter und verzwickter Melodie. Besseren Weg haben\nFrederic Barbier und Montfort, besonders der letztere, ein-\ngeschlagen, dessen Deucalion Pyrrha, eine possenhafte\nArlequinade von zwei Personen und einem kleinen Chor,\nsehr hübsche Musik hat. Ein ganz allerliebstes Stückchen\nist Le Secret de Voncle Vincent von FI. Boisseaux, Musik\nvon Th. Delajarte; es spielen darin auch nur zwei Per-\nsonen, so eben vermählt; die Scene ist das Brautgeniach,\naber in allen Ehren. Das Ganze dreht sich um einen ge-\nheimnissvollen Koffer, den der Onkel in das Gemach zu\nschmuggeln gevvusst hat, wo er zu allerlei komischen Eifer-\nsüchteleien u. dgl. Anlass gibt, bei denen man keinen Au-\ngenblick ohne Iheilnahme bleibt und bald gemüthlich er-\nregt, bald zum herzlichen Lachen gereizt wird. Am Ende\nfindet sich, dass der Koffer einige Tausend Franken als\nGeschenk des Onkels für Therese enthält. Aus einem sol-\nchen Nichts ein allerliebstes Etwas zu machen, das ver-\nstehen nur die Franzosen, und sie können es auch nur\ndarstellen.\nEine andere Operette, L Habit de nöces, erwähne ich\nnur der Merkwürdigkeit wegen, dass ihr Componist der\nberühmte Kunstreiter Paul Cuzent ist, ehemals bei Fran-\nconi, jetzt Rentier. Ob die hübsche Reiterin Pauline Cuzent\nseine Tochter ist, weiss ich nicht. Die Musik verläugnet\nden Autor nicht; sie bewegt sich in argen melodischen und\nharmonischen Sprüngen.\nUnter den mehractigen komischen Opern sind zu er-\nwähnen: Les Lävandieres de Santarem von Gevaert\nLes Saisons von Victor Masse Marion Lescaut von\nA u ber Fanchonnelte von CI a p i s s o n Valentine von\nFla 1 ev.y. Da haben wir es mit bekannten, zum Theil be-\nrühmten Namen zu thun. Es gibt freilich ein Sprüchwort:\n„Der Name thut nichts zur Sache\"; aber nirgends wird\nes mehr Lügen gestraft, als bei Dichtern und Componisten.\nGevaert ist ein tüchtiger Musiker und ein talentvoller\nComponist; es waltet hier und da bei ihm ein deutsches\nElement, leider hält es aber in der Regel nicht lange vor,\nund dann lässt er sich entweder gehen, so dass die Motive\nohne Zusammenhang und Arbeit eines hinter dem anderen\nherlaufen, wie z. B. in der Ouvertüre, oder er läuft in das\nLager der neufranzösischen Schule über und lässt eine\nnaive Bäuerin eben solchen Hocuspocus singen, wie eine\nColoratur-Königin und eine Propheten-Mutter. Die Oper\nspielt in Spanien und hat eine Handlung, der wenige an\nVerwirrtheit und Unwahrscheinlichkeit gleich kommen dürf-\nten. Das eigentlich komische Element ist wenig oder gar\nnicht darin vertreten. Eine Menge Personen laufen durch\neinander, ein König langweilt und blamirt sich, eine Her-\nzogs-Tochter ist als Wäscherin aufgewachsen (Lavandieres\nist nämlich ein romantisch-modernes Wort für Blanchisseuses)\nund hängt in der That vor unseren Augen ein kleines Bu-\nsentuch zum Trocknen auf; ein Soldat duellirt sich im Pa-\nlaste des Königs und hoher Gesellschaft mit einem Cava-\nlier, den nur das Portrait der Margarita, der schönen Wä-\nscherin, das er vor der Brust trägt, reitet u. s. w. Kurzum,\ndie hauptsächlichste Wäsche, die nöthig wäre, verdienen\ndie Köpfe der Herren Dichter. Die Oper hat sich eine Zeit"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "239", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01.1.3", "texte": "lang gehalten. (Erste Aufführung den *25. October 1855\nauf dem Thedtre lyrique.)\nVictor Masse hat durch seine kleineren Opern,\nlathee und den allerliebsten Act Les nöces de Jeannette, sich\neinen guten Klang unter den neuesten Componisten von\nParis erworben. Seine grössere Oper, La Fiancee du Diable,\nist indess bald wieder vom Repertoire verschwunden, und\nich fürchte, dass „Les Saisons\",in drei Acten und vier Ta-\nbleaux (erste Aufführung den 22. December 1855), auch\nkeine grosse Lebenskraft haben, was jedoch entschieden\nan dem Buche liegt, in welchem die Herren J. Barbier\nund M. Carre eine Dorfgeschichte auftischen, die stark me-\nlodramatisch gefärbt ist und des poetischen Werthes ganz\nermangelt. Die deutsche Dorfgeschichten-Literatur ist kei-\nneswegs ohne Einfluss auf die Franzosen geblieben, wie G.\nSand's Le Champi, und bei den Theatern theils die Wie-\nderaufsuchung älterer Schäferstücke, wie L'Epreuve villa-\ngeoise, Le nouveau Seigneuru. s. w., theils die Versuche\nneuer Behandlungen landlicher Stoffe zeigen. Allein der\nFranzose versteht zwar wohl die Gränze zwischen dem\nAnständigen und Frivolen auf feine Weise zu ziehen, kei-\nneswegs aber die eben so schmale zwischen Naivetät, Ein-\nfachheit, Natürlichkeit und Rohheit, Plumpheit, Rusticität\nmit Geschick inne zu halten. Kommen dann vollends Dinge\ndazu, wie hier, wo ein alter Bauer durch erheuchelte\nKrankheit und die Mithülfe eines Kumpans ähnlicher Sorte\nseinen eigenen Sohn um das Glück seines Lebens bringt,\nso müssen wir doch vor solcher Dorfsittlichkeit uns schön-\nstens bedanken. Den Titel: „Die Jahreszeiten\", führt das\nStück bloss, weil es im Sommer beginnt und im Frühling\nschliesst, und dadurch Decorationen und Aernte und Wein-\nlese und une veillee d'hiver, wie in den Jahreszeiten von\nHaydn, anzubringen waren. Es ist Schade um Masse's\nrecht hübsche Musik. Du siehst, man beginnt auch hier\nMangel an guten Textbüchern zu leiden, und es heisst jetzt\ngerade so wie bei Euch: „Rien de plus rare qiLun hon\nlihretto!\"\nUnd leider ist das jetzt auch bei den berühmtesten\nOperndichtern eine traurige Wahrheit, wie Scribe's „Ma-\nnon Lescaut\" beweis't, eine komische Oper in drei Acten,\nmit Musik von Auber. (Erste Aufführung den 23. Fe-\nbruar 1856.) Dem Titel nach sollte man glauben, Scribe\nhabe den sehr interessanten Roman des Abbe Prevost\nBirchpfeifler dramatisirt; aber weit gefehlt! Die genannte\nSchriftstellerin ist ein wahrer Engel an Gewissenhaftigkeit\ngegen ihre Originale im Vergleich zu Scribe, der den Inhalt nur\nin allgemeinen Umrissen beibehält, aber die Personen willkür-\nlich parodirt, die Charaktere gänzlich entstellt, Dinge hinein-\nbringt, an welche im Roman nicht zu denken ist, und als\nRechtfertigung von allem dem darunter schreibt:\navons changetaut cela\", unterzeichnet: Scribe. Die Manon\nist bei ihm eine Grisette, die einen nichtswürdigen Lump,\neinen liederlichen Sergeanten zum Cousin hat, der sie an\nseinen Regiments-Befehlshaber verkauft. Aber ihr Geliebter,\nder Chevalier Desgrieux, und ihr Schutzengel, der Abbe\nThiberge, retten sie. Der Chevalier ist aber ein Industrie-\nritter und der Abbe eine Näherin! Es ist nicht der Mühe\nwerth, das Durcheinander der Intrigue zu entwirren, deren\nOpfer am Ende die tugendhafte Manon wird, die man we-\ngen eines Diebstahls, den ihr sauberer Vetter begangen,\nzur Deportation verurtheilt. Warum? Ei, damit die letzten\nActe in America, in Luisiana, in den Savannen spielen kön-\nnen, unter dem schönen Wechsel von schwarzen und weis-\nsen Menschen, Negerliedern und Negertänzen und aller\nRomantik der transatlantischen Welt, wobei Dichter und\nMusiker die freieste Hand zur Charakteristik haben, weil\ndas pariser Publicum sie nicht controliren kann. Dass sich\ndas sämmtliche Personal, die Einen als Spitzbuben, die An-\nderen als Speculanten, noch Andere als Officiere, ja, Einer\ngar als Gouverneur also dass Alles sich dort wieder zu-\nsammen findet, ist nichts Neues. Aber dass zum Schlüsse\neiner komischen Oper die arme Manon am Ende in der\nSavanne ihren Geist in dem Momente, wo ihre Freispre-\nchung ankommt, in den Armen ihres Chevaliers aufgibt,\ndas ist denn doch der Triumph der neuesten Lustspiel-\nPoesie! Man erzählt sich, dass Scribe diese Scene ursprüng-\nlich für die „ Africanerin\" gedichtet habe; Meyerbeer hatte\nindess doch zu richtigen Tact, um sie alsSchluss einer ko-\nmischen Oper anzunehmen, und so hat sie denn jetzt Scribe\ndenn ein guter Kaufmann lässt kein Stückchen Waare\nunbenutzt liegen an den Mann gebracht.\nUebrigens ist die Musik zu dieser Schlussscene die\nbeste Nummer der Oper und dem Rufe Auber's angemes-\nsen; sie besteht aus einem Duett zwischen Tenor und So-\npran, in welchem sich besonders das Gebet des Tenors\nauszeichnet. Im Ganzen zeigt die Musik den Charakter der\nArbeiten Auber's aus der Periode, in welcher die Kron-\nDiamanten, Le Philtre, Le D entstanden sind,\nreicht aber keineswegs im Gehalt an „Die Stumme\" oder\nan „Fra Diavolo\", „Der Schnee\" u. s. w. Eine Haupt-\nRücksicht für den Dichter und Componisten war das erste\nAuftreten der Madame Cabel auf dem Theater der komi-\nschen Oper; für sie wurde die Manon des Abbe Prevost\nzu einer Grisette gemacht, die ihre reizenden Chatterieen"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "240", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01.1.4", "texte": "entfalten könne, für sie die ellenlangen Coloraturen, Läufer\nund Harpeggien, aus denen es sehr schwer hält, eine Me-\nlodie heraus zu hören. Sehr schwach ist die Ouvertüre und\nfast der ganze erste Act, wiewohl das Finale, eine lustige\nBallscene im Cadran bleu, Gelegenheit zu charakteristischer\nMusik gab; der Galop und einige Couplets der Cabel sind\ndas einzige einiger Maassen Interessante darin.\nDer zweite Act, der in den Salons des Marquis d'He-\nrigny spielt, des vornehmen Herrn, der die reizende Gri-\nsette gern lür sich haben möchte, hat einige sangbare Num-\nmern, wie denn überhaupt die Bariton-Partie (Mr. Faure\n= d'Herigny) mit Liebe vom Componisten behandelt ist.\nAber auch seine Gesänge sind mit Ornamenten überladen,\nund die grosse Arie der Manon in diesem Acte übertrifft\nan buntem Coloratur-Geflimmer alles Dagewesene. Das ist\nnicht mehr Musik, das ist Vogelgesang, auf eine Spieldosen-\nWalze gesetzt.\nzerlällt und, wie gesagt, in Luisiana spielt, vernehmen wir\nMusik zu Negertänzen, creolische Lieder u. s. w., welche\njedoch an frühere europäische Melodieen Auber's und selbst\nseiner Collegen erinnern. Eine Erzählung des Chevaliers\nvon seiner Reise ist stark im Stil der Zukunft geschrieben,\ndas Orchester spielt die Hauptrolle dabei; durch die Länge\nderselben hat der Componist wahrscheinlich zugleich eine\nVorstellung von dem Reichthume des Chevaliers geben\nwollen, da der Aufseher der Deportirten, unter denen Ma-\nnon ist, sich lür jede Minute dieser Unterhaltung der bei-\nden Liebenden einen Louisd'or bezahlen lässt! Das letzte\nTableau ist rein im Stil der grossen Oper behandelt, es\nenthält bloss Musik und Gesang, keinen gesprochenen\nDialog.\nWiewohl die hiesige Kritik dem Veteranen der Com-\nposition nicht zu nahe tritt, sondern höchstens hier und da\nein kleines Bedenken äussert, so ist doch bei allen Verstän-\ndigen nur Eine Stimme darüber, dass Auber besser thäte,\nauf seinen Lorbern zu ruhen, als nach frischen zu streben,\nund ferner auch darüber, dass eine solche Zwittergattung\nvon komisch-tragischer Oper den Untergang der echten\nfranzösichen Schule nur beschleunigen müsse. Niemand\nwird Empfindung und Gemülhlichkeit aus der komischen\nOper verbannen wollen, wie sie ja auch die ältere Schule\nhat, z. B. im Wasserträger, Weisse Dame u. s. w. Aber\nein Drama auf die komische Bühne zu bringen, in welchem\nim zweiten Acte Einer auf der Scene erstochen wird und\nim letzten die Heldin in langer Todesangst dahinstirbt\ndabei hört doch die Gemüthlichkeit eben so sehr auf, wie\nbeim Finanz-Budget.\nMan sieht, dass die Sucht nach Neuem überall die\ngrössten Verirrungen in der Tonkunst hervorbringt; es ist\nEin und derselbe Quell in Frankreich, Italien und Deutsch-\nland, er fliesst nur anders in jedem Lande. Während hier\nin Paris alle Gattungen durch einander gemischt werden\nund die Melodie in der Technik der Kehle untergeht, ver-\nschwindet drüben der Gesang unter dem Orchester oder\nwird zu rhetorischer Declamation.\nDer Geschmack des Publicums geht freilich leicht irre,\nallein noch leichter findet er sich wieder auf dem rechten\nWege ein, sobald er ihm nur auf freundliche Weise ge-\nzeigt wird. Das sehen wir jetzt hier an L. C 1 a p i s s o n' s\n„La Fanchormelle\", welche seit ihrer ersten Aufführung\nauf dem Thedtre lyrique am 1. März 1856 stets die\nRäume des Hauses lüllt und seit langer Zeit die erste drei-\nactige komische Oper ist, deren Erfolg ein wirklicher und\nunbestrittener ist. Wenn nun auch Buch und Composition\ndiesen Erfolg verdienen, so hat doch offenbar der Leber-\ndruss an den Caricaturen der komischen Oper, welche die\nletzten Jahre brachten, mächtig dazu mitgewirkt, diese\nFanchonnette, deren Hauptverdienst die Einheit des Stils\nist, zur Lieblings-Oper zu machen.\nDass Clapisson ein tüchtiger Musiker sei, wusste man\nfreilich; allein seine bisherigen Arbeiten auf dem dramati-\nschen Felde (Gibby, La Figurante, Le Code noir, La Pro-\nmise) konnten doch seine Ernennung zum Mitgliede des\nInstituts nicht in Jedermanns Augen rechtfertigen. Mit der\nFanchonnette aber hat er sein Patent ehrenvoll eingelöst.\nHier ist Talent der Erfindung in den Melodieen, strenge\nund geschickte Wahrung der Form, reiner Geschmack und\nEinfachheit in der Harmonie und Instrumentation, nichts\nvon unnöthigem Lärm im Orchester, das endlich einmal\nwieder in seine gehörige Stellung zum Gesänge tritt. Mit\nvollem Rechte sagt daher ein hiesiger Kritiker: „ Voilä long-\ntemps que le public ne s'etait trouve ä pareille feie!\"\nIch will nicht in Abrede stellen, dass die Oper einige\nschwache Nummern hat, z. B. im ersten Acte ein Duett\nzwischen Sopran und Tenor, im dritten eine Tenor-Arie\nund einiges Andere; allein im Ganzen verliert man das In-\nteresse an der Musik nirgends, wenngleich der erste Act\ndoch wohl der frischeste und einnehmendste sein dürfte.\nDie Ouvertüre zeichnet sich, mit Ausnahme der Einleitung,\nnicht eben vor der Modegaltung aus, jedoch ist Feuer und\nLeben in den Tanz-Rhythmen. Auch die Introduction bie-\ntet, indem sie das Getreibe auf den Boulevards von Paris\nzur Zeit der Regentschaft darstellt, mehr für das Auge, als\nfür das Ohr, da hier der Componist mehr, als recht ist,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "241", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01.1.5", "texte": "dem neuen Realismus opfert, so dass einem bei dem Ge-\nschrei der Ausrufer und des Bajazzo und der lustigen Stim-\nmung der Menge etwas bange für die Musik wird. Allein\ngleich darauf macht diese sich Platz und bleibt denn auch\nbis zum Schlüsse sich selbst treu. Gegen das Gesuchte und\nGemachte, was Clapisson früher hatte, offenbart sich hier\nein grosser Fortschritt; selbst die schwächeren Nummern\nleiden wenigstens an diesen Mängeln nicht, sondern man\nkönnte ihnen eher zu grosses Streben nach Popularität\nvorwerfen.\nDie Herren de St. Georges und de Leuven ha-\nben grossen Antheil an dem Erfolge der Oper. Ihr Text-\nbuch nimmt aus dem alten Stoffe der Fanchon nur die\nschöne, tugendhafte Vaudeville-Sängerin und ihren Hang\nzum Wohlthun und zur Grossmuth; alles Uebrige ist Eigen-\nthum der neuen Bearbeiter. Es fehlt freilich nicht an Un-\nwahrscheinlichkeiten aller Art, und fast alle Charaktere\ndürften, nach dem Maassstabe der heutigen Welt gemes-\nsen, eher dem Monde als der Erde angehören. Allein das\nUnglaubliche ist mit so vielem Talent und Geschick vorbe-\nreitet und herbeigeführt, das Unwahrscheinliche mit so vie-\nler Gewandtheit ins Leben getragen, dass man gar nicht\ndaran denkt, es historisch und psychologisch zu untersu-\nchen, sondern von Anfang bis Ende gespannt bleibt und\nsich an dem Ganzen ergötzt. Die Verwicklung ist einfach\nund durchsichtig, das Komische nichts weniger als plump\noder barock, das Gefühl geht nicht leer aus dabei, die\nSprache und die Verse sind fein und formgerecht, und\nwas ein grosser Vorzug ist—die pikante Würze zweideu-\ntiger Ausdrücke und Situationen ist durchaus verschmäht\nworden. Aus allen diesen Gründen glaube ich, dass diese\nOper auch in Deutschland Glück machen würde, was seit\nJahren keiner französischen komischen Oper mehr wider-\nfahren ist, und desshalb mache ich die Theater-Directionen\ndarauf aufmerksam. Der Inhalt ist kurz folgender:\nDer Fürst von Listenay hat seinen Neffen, der als\nLieutenant in einem Garde-Regimente eben kein erbauliches\nLeben geführt haben mag, enterbt und sein ganzes Vermö-\ngen einem jungen Mädchen vermacht. Das Anerbieten der\nUnbekannten, dem Erben des Fürstentitels auch die baare\nErbschaft zurück zu geben, hat dieser auf beleidigende\nWeise ausgeschlagen. Indess eine alte Tante in Westindien\nnimmt sich seiner an und schickt ihm monatlich durch einen\nalten Diener, aus dem jedoch nichts als das Wort „Tante\"\nherauszubringen ist, tausend Pistolen. Er nimmt von den\nCameraden an einem „dernier jour Abschied, um\nnach der Havannah zu gehen. Fanchonnette, die ihn zu-\nfällig kennen gelernt und ihn (wie Miss Anna in der weis-\nsen Dame) als Verwundeten gepflegt hat, liebt ihn und ist\nuntröstlich über diesen Entschluss, wiewohl sie ihre Wün-\nsche nicht bis zu ihm zu erheben wagt. Da erhält Listenay\nplötzlich ein Regiment, der alte Einsylbige bringt ihm das\nObristen-Patent, das „Tante\" für 200,000 Livres ihm\ngekauft hat. Nun bleibt er in Paris und hofft die Hand sei-\nner Geliebten, der Nichte eines reichen Financiers, zu er-\nhalten.\nLeider ist diese von ihrem Onkel einem spanischen\nMarquis verlobt. Dieser geht aber mit hochverrätherischen\nPlanen um, wobei der spanische Gesandte die Hand mit\nim Spiele hat, und in welche Beide auch den Onkel der\nBraut verwickelt haben. Es handelt sich um nichts Gerin-\ngeres, als den Regenten Philipp von Orleans aufzuheben\nund den Herzog von Maine an seine Stelle zu setzen. Durch\neinen glücklichen Zufall ist aber ein Brief des Marquis an\nden Financier in Fanchonnettens Hände gefallen. Da sie als\ndas berühmte Leiermädchen in den ersten Häusern Zutritt\nhat, so benutzt sie ein Fest, das der Banquier gibt, um die\nVerschwörer in Schrecken zu jagen, und verkauft ihr Schwei-\ngen dem Marquis gegen Entsagung, dem Banquier gegen\nEinwilligung, Alles in Bezug auf dessen Nichte.\nHierauf wird der junge Fürst Listenay, Besitzer eines\nRegimentes und einer steinreichen Tante, als Schwieger-\nsohn angenommen. Aber sieh da! der Marquis beweis t\ndurch den spanischen Gesandten, dass die reiche Tante in\nder Havannah gar nicht existire. WTie!\" ruft Listenay\naus: „nicht existire? Sie ist hier in Paris; da sehen Sie\nihren Brief sie schenkt mir ihr Hotel auf dem Königs-\nplatze und fordert mich auf, sie noch heute zu sehen; ich\nlade Sie alle dorthin ein!\"\nUnd in der That versetzt uns der dritte Act in ein\nprächtiges Hotel. Listenay tritt zuerst auf. Seine Wohlthä-\nterin erscheint, eine alte, in Shawls und Schleier gehüllte\nDame. Alle seine Bitten, ihr Antlitz zu schauen, sind ver-\ngebens; sie übergibt ihm als Ausstattung eine Brieftasche,\ndie ihn zum Millionär macht, und verschwindet. Er will ihr\nnacheilen: da tritt die ganze Gesellschaft und Fanchonnette\nmit ihnen durch die Mittelthür herein. Fanchonnette, die\nihrem eigenen Herzen Schweigen gebietet, vereinigt die\nLiebenden; Listenay weiss, was sie durch die Verschwö-\nrungs-Geschichte für ihn gethan, ahnt aber nicht und er-\nfährt es auch nicht, was den Zuschauern kein Geheimniss\nmehr ist, dass das tugendhafte Mädchen, welches dem lei-\ndenden alten Fürsten seine letzten Jahre durch ihre Lieder\nund ihre Sorgfalt versüsst hat und seine Erbin geworden."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "242", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01.1.6", "texte": "und die reiche Tante und Fanchonnette eine und dieselbe\nPerson sind.\nFür den Erfolg ist noch zu bemerken, dass nur die\nRolle der Fanchonnette einer beliebten Sängerin, der ehe-\nmaligen Mademoiselle Miolan, jetzigen Frau Carvalho (ihr\nGatte ist Director des Thedtre anvertraut war, die\nübrigen aber von noch unbekannten Grössen in der hiesi-\ngen Theaterwelt gegeben wurden. Nach der ersten Vor-\nstellung wurden die Namen der Dichter auf allgemeinen\nRuf bekannt gemacht und Clapisson durch einstimmigen\nund anhaltenden Beifall der ganzen Zuhörerschaft, nicht\nder Claque, zum Hervortreten genöthigt.\n\nB. P.\n\nBeurtheilung.\n\nDie Lehre von der deutschen Gesangs-Aus-\nsprache, theoretisch-praktisch bearbeitet u.s.w.\nYon Gustav Nauenburg. Magdeburg, bei Hein-\nrichshofen.\nMan kann eben nicht behaupten, dass wir arm an Ge-\nsangschulen wären. Ganz abgesehen von den Anweisungen,\nwelche von jeher das Ausland gebracht, fehlt es auch in\nder neueren Zeit und selbst in den letzten Jahren nicht an\nHülfsmitteln, die, mit Sachkenntniss und Erfahrung entwor-\nfen, so Lehrern als Schülern das zum Gesang-Studium Er-\nforderliche übersichtlich aufstellen. Hat man doch selbst\nkleine Anekdoten, die ein alter, gefeierter Gesanglehrer zu\ndebitiren pflegte, ausgebeutet und in dickleibige Schulen\nverarbeitet, nicht allein zur Verbesserung des deutschen\nGesanges, sondern vorzugsweise zur sittlichen Veredlung\ndes Menschen durch das Studium schöner Tonbildung. Die\nSache ist nicht ohne, nur vielleicht umgekehrt. Ein aner-\nkannt tüchtiger Gesanglehrer (Hauser) behauptete von der\nTonbildung der Lind : nur eine edle, schöne Seele wäre im\nStande, solche Töne zu erzeugen. Die philosophisch-christ-\nlichen Stimmbildner konnten mithin an der Kehle ihrer\nSchüler beobachten, ob der Taugenichts, den sie in die\nLehre genommen, stehen geblieben, oder wie weit er in\nder Besserung vorgeschritten sei. „ Wess das Geläss ist\ngefüllt\" u. s. w. Leider haben wir jenen berühmten Schu-\nlen keine grossen Sänger entwachsen sehen; in wie weit\nderen Zöglinge sonst ihre Vorbilder erreicht haben, ist\nebenfalls unbekannt geblieben. Es ist mit den gedruckten\nAnweisungen zum Singen und Gesang-Unterricht wie mit\nden Kochbüchern. Die genaueste Bezeichnung seiner Be-\nstandteile, die bestimmteste Vorschrift ihrer Behandlung\ngeben ohne die Geschicklichkeit eines guten Kochs noch\nkein schmackhaftes Gericht. Ohne Beaufsichtigung eines\nLehrers, der dem Schüler sein Ohr, seine geübte Beobach-\ntungsgabe leiht, der ihn anregt, aufmerksam und genau\nden Tönen horchen zu lernen, der vor Allem dem Schü-\nler begreiflich macht, dass jede künstlerische Arbeit eine\ngespannte Aufmerksamkeit erfordere, dass diese niemals\nnachlassen, ja, sich stets steigern müsse, und dass nur die\nGewohnheit, in solcher Spannung zu beharren, das Beach-\nten der minutiösesten, dem ungebildeten Ohr ganz unver-\nnehmbaren Erfordernisse zum Gesänge erleichtere und ver-\nmehre; dass ein bewusstloses Sichgehenlassen, ein rein\nmechanisches Ueben im Gesänge unmöglich sei ohne eine\nsolche lebendige Unterweisung wird das gedruckte Wort\nstets eine unfruchtbare, ja, häufig eine missrathene Frucht\nbringende Saat bleiben.\nWollte man nach unseren kritisehen Feuilletons schlies-\nsen, so stände die Gesangkunst in Deutschland auf einer\nhohen Stufe, und die Kenntniss der menschlichen Stimme\nund des zu ihrer Ausbildung, wie zur künstlerischen Ver-\nwendung Erforderlichen wäre allgemein verbreitet. Welche\nReferate über Sänger wüssten nicht von Ausbildung der\nMittelstimme, von Kopf- und Brust-Register zu reden?\nUnd doch? Man besuche die deutsche Oper, beobachte,\nwozu das oben bezeichnete Heft Anleitung geben will, und\nfrage sich dann, wie viele unserer dramatischen Sänger nur\nim Stande sind, den Gesanges-Text correct und schön\nzu sprechen, ohne welches, nach des Verfassers Ansicht,\ner nimmermehrsc Ii öngesungen werden kann; wie\nselten man Wort- und Ton-Ausdruck conform findet, und\nob nicht selbst namhafte Sänger und Sängerinnen kaum\neine Ahnung davon zu haben scheinen, dass Wort- und\nTon-Ausdruck sich nicht widersprechen dürfen. Das vor-\nliegende Heft will die Uebungen zur Verbindung des Wor-\ntes mit dem Tone anleiten. In den italiänischen und fran-\nzösischen Gesangschulen kann von deutscher Aussprache\nnicht die Rede sein; nur die von Winter gibt Uebungen\nzur Erlangung einer deutlichen und fertigen Aussprache\nund einer angenehmen Mundart in deutschen und ita-\nliänischen Worten, jedoch ohne alle weitere Anweisung;\nRighini hat in seinen Liederheften einfache, sehr anmuthige\nGesänge niedergelegt, deren Textesworte (italiänische) au-\ngenscheinlich zur Uebung deutlicher Aussprache und be-\nstimmter Articulation aller Lippen-, Zungen- und Gaumen-\nLaute, wie zur Erlangung reiner Vocale und ihrer Ver-\nschmelzung in einander dienen sollen. Dieselbe Absicht\nliegt auch den bekannten Händel'schen Kammer-Duetten,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "243", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01.1.7", "texte": "de n so genannten Solfeggien, zum Grunde. Die neueren\nGesangschulen von Sieber und Schmidt habe ich nicht ein-\nsehen können : sie stehen daher ausser dieser Beurtheilung.\nOhne Anleitung und Beaufsichtigung eines Lehrers dürften\nalle diese Hebungen wohl ohne grossen Erfolg bleiben.\nUnser Heftchen geht weiter als jene Uebungen; es\nsucht möglichst den Lehrer Zu ersetzen, soweit das To-\nnische an sich durch Beschreibung anschaulich gemacht\nwerden kann. Es wird das Erforderliche über Vocale, Dop-\npel-Vocale, Consonanten, über ihre Erzeugung und richtige\nBehandlung im Allgemeinen gesagt, und jeder von ihnen\neinzeln und besonders besprochen. Der Verfasser ist als\nein gebildeler deutscher Sänger bekannt und gibt hier\nnicht blosse Theorieen; man merkt es jeder einzelnen Re-\ngel an, dass sie auf eigener,, lang' erprobter Praxis beruhe.\nWir können nicht umhin, dabei auf die mit eben so grosser\nSorgfalt als Gründlichkeit ausgearbeitete „Lautlehre\" (mit\neinem Anhange;• „Die Fehler der Aussprache\") von dem\nkürzlich leider verstorbenen F. Angermann (zweite Auflage,\nBerlin, 1850, bei Reimarus) zu verweisen, worin sich das\nWesentliche der Aussprache in erweiterterer Abhandlung\nniedergelegt findet. Das vorliegende Heftchen will vorzugs-\nweise zur praktischen Anwendung der Lehre von der deut-\nschen Aussprache im Gesänge anleiten, und hat der vier\nFolio-Seiten füllenden Lautlehre einen Bogen Gesang mit\nbezeichneter Dehnung der Vocale, Andeutung des Wech-\nsels der Doppel-Vocale und ihrer Begränzung durch die\nConsonanten beigegeben, der in vier Ausgaben jener zu-\ngefügt werden kann. Für den Sopran ist eine Arie von\nSpohr, für den Alt eine Arie von B. Klein gewählt; das\nBeispiel für den Tenor besteht in der Cavatine: „Sei ge-\ntreu bis in den Tod\", für den Bass aus dem Arioso: „Ja,\nes sollen wohl Berge weichen\", beide von Mendelssohn.\nDie Gliederung der Gesangssprache ist namentlich bei den\nDoppel-Vocalen nicht überall bestimmt genug bezeichnet;\nein Vergleichen Eines und desselben Falles mit einander\nbezeugt, dass nur eine Ungenauigkeit der Bezeichnung im\nDrucke seine Ausführung verschieden andeutet. Selbst die\nerste Bezeichnung der Doppel-Vocale im Beispiele Seite 5\nist ungenau, da der zweite Vocal in „Laube,Leiden,Freude\"\nu. s. w. offenbar auf dem letzten der gebundenen Töne\ndem ersten Vocale angeschliffen werden muss. Aehnliches\nfindet sich in allen Gesängen vor. In solchen Vorschriften\nist die grösste Deutlichkeit und Genauigkeit unerlässlich.\nDass der Herr Verfasser zur Erlangung eines freien und\nkräftigen Tones sich des Wortes „ Scala\" bedient, erinnert\nan die Worte: „Sancta Maria\", welche die älteren Italiä-\niier ihren Uebungen zum Grunde legten. (Siehe Francesco\nRognoni (Pacgio) 1620.) Eine gleiche Absicht soll sich\ndadurch erfüllen; die letzten Wrorte verdienen aber noch\nwegen des scharfen Gaumenschlages durch „nc\", durch den\nLippenlaut m, durch das r und das zwischen die beiden a\ngestellte ivor jenem den Vorzug.\nDer Druck und die Ausstattung des Heftes ist sehr\nhübsch, der Preis äusserst billig (12ya Sgr.) und der mit\nErfahrung und grosser Tüchtigkeit dargestellte Inhalt in\nseiner Anwendung so fördernd, dass wir ihm die weiteste\nVerbreitung wünschen, wie es solche in hohem Grade\nverdient.\n\nMs.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDer ehemalige Seminar-Direetor Kieritzsch, der vor Kurzem\neine neue Zeitschrift: „Das musicalische Deutschland\", begründet\nhatte, ist am 7. Juli zu Berlin, 67 Jahre alt, gestorben.\nUarmstadt. Das Programm zu dem am 31. August und 1.\nSeptember hier Statt findenden Musikfeste ist, so weit es den mu-\nsicalischen Theil desselben betrifft, festgestellt. Es lautet, wie folgt:\nErster Tag: Messias, Oratorium von G. F. Händel.\nZweiter Tag: Erste Abtheilung: 1) Ouvertüre zur Zauberflöte\nvon Älozart, 2) Finale zur Oper Loreley von F. Mendelssohn, 3)\nYiolin-Concert mit obligater Harfe von Vieuxtemps, 4) Bacchus-Chor\naus der „Hermannsschlacht\" von C. A. Mangold, 5) Sologesang:\nLieder (noch unbestimmt), 6) Chor aus der Schöpfung von Haydn.\nZweite Abtheilung: Sinfonia Eroica von L. van Beethoven.\nFür die Soli sind bereits definitiv Frau Dr. Leisinger, königlich\nwürtembergische Hof-Operns'ängerin aus Stuttgart, Herr J. Stock-\nhausen, kaiserl. Opernsänger [?] in Paris, so wie Herr Vieuxtemps\ngewonnen. Die Direction für den ersten Tag hat Hof-Musik-Direc-\ntor C. A. Mangold, die für den zweiten Tag Hof-Capellmeister L.\nSchindelmeisser übernommen.\nHerr Ernst Julius Otto, Cantor und Musik-Director in\nDresden, der berühmte Componist für Männergesang (er ist Ehren-\nMitglied von mehr als vierzig Vereinen), hat von dem ehrenwer-\nthen Männergesang-Vereine in Wien acht Ducaten erhalten für die\nersten Aufführungen von: 1) Trinklied aus „Der Sängersaal\"; 2)\nReiterlied aus „Soldatenleben\"; 3) Abendlied „In des Stromes blaue\nFluten\" (Orpheus); 4) Reiselied „Schwager, fahr' zu\" (Heft, bei\nBauer in Dresden); 5) Marsch ohne Worte (in „Ernst und Scherz\"\nbei Glaser in Schleusingen): 6) Barcarole aus „Der Sängersaal\";\n7) Liebes-Abschied (Heft, bei Gerster in Dresden); 8) Tanzlied.\nMünchen. Im k. Hoftheater haben unter dem Namen Porta\nzwei Damen aus hochadeliger Familie, die Gräfinnen von Larosee,\nzum ersten Male die Bühne betreten, und zwar als Romeo und\nJulie in der Oper „Die Montecchi und die Capuletti\". Beide, be-\nsonders aber Fräul. Therese, Romeo, ärnteten grossen Beifall und\nwurden von dem sehr zahlreichen Publicum nach jedem Acte ge-\nrufen. Fräul. Therese Porta hat in der That eine kräftige, wohl-\nklingende Stimme und zeigte sowohl im Gesänge als im Spiel eine\nRoutine, wie man sie von Anfängerinnen kaum erwarten konnte.\nDie Stimme des Fräul. Clara reichte in unserem grossen Hause\nnicht aus, auch konnte die noch sehr jugendliche Sängerin der ai-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "244", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560726-01.1.8", "texte": "lerdings erklärlichen Befangenheit nicht Herr werden. Man hatte\nhier dem ersten Auftreten dieser beiden jungen Damen mit gros-\nsem Interesse entgegen gesehen, und es war desshalb auch das\nHaus in allen Theilen fast überfüllt. Auch ist Mosenthal's „Gold-\nschmied von Ulm\" mit der Musik von Marschner zur Aufführung\ngekommen. Das Stück war glänzend in Scene gesetzt und wurde\ndurchgehends gut gegeben, fand aber dessen ungeachtet keinen\ngrösseren Anklang, als in Wien und Berlin. Das Publicum folgte\nder Handlung wohl mit einigem Interesse, Hess es aber an Beifall\nfehlen; Zaubermärchen liegen nicht in der Geschmacksrichtung\ndes heutigen Theater-Publicums. Gegen Ende dieses Monats wird\ndie Solo-Tänzerin Miss Lydia Thompson vom St.-James-Theater\nin London in unserem k. Hoftheater gastiren.\nWien. Die deutsche Oper ist mit G. M. v. Weber's „Eu-\nryanthe\" am 9. Juli eröffnet worden; Besetzung: die Damen Tit-\njens und Czillag, die Herren Ander und Beck. Der Abend\nwar reich an überschwenglichen Auszeichnungen und Blumenspen-\nden, welche Ander und Beck vollkommen verdienten, während bei\nden Damen die schönen Stimmen preiswürdiger sind, als ihre Art\ndes Vortrags.\nDas grosse Sang er fest zu St. Gallen in der Schweiz ist\nunter der geschickten und tüchtigen Leitung des Musik-Directors\nBogler (nicht Vogler, wie viele Blätter unrichtig melden), eines\nDeutschen, auf glänzende Weise gehalten worden. Nur der Him-\nmel war nicht so günstig, wie alle übrigen Umstände, indem er\noft und stark darein regnete, so dass alle Feierlichkeiten auf die\nFesthalle als Local angewiesen werden mussten. Die Ehrenpreise\nwaren werthvoll und bestanden in silbernen Bechern, Fahnen, Ge-\nmälden u. s. w. Es erhielten 12 schweizerische Vereine Preise (die\nLiedertafel von Basel, zwei aus Zürich, die Harmonie von Luzern\nu. s. w.); die deutschen Vereine, ebenfalls zahlreich vertreten, hat-\nten an dem Wettstreite nicht Theil genommen. Es waren an 1800\nSänger versammelt.\nIn Genf ist das diesjährige eidgenössische Musikfest gefeiert\nworden. Die Haupt-Aufführungen waren Mend eis söhn's Elias\nund Beethoven's Sinfonia Eroica in der Peterskirche.\nBei dem Sängerfeste in Gent (am 6. Juli) erhielten der\nVerein von Huy und die Orphea von Aachen (Dirigent F. We-\nnigmann) Preise. Den Hauptpreis im Wettgesange der gekrönten\nVereine erhielt der Verein La Legia von Lüttich.\nIn Amsterdam hat sich ein Dilettant des Flötenspiels eine\ngoldene Flöte machen lassen ein kostbares Instrument je-\ndenfalls.\nBei dem Concerte für die Ueberschwemmten in Lyon war\nauch Mehul's Witwe zugegen, welche seit mehreren Jahren dort\nlebt. Als Roger die berühmte Arie aus „Joseph\" sang, wurde sie\nvon der Rührung überwältigt und vergoss helle Thränen. Das Con-\ncert brachte über 12,000 Francs ein.\nIdeutsclie Von 1t alle*\nVon den auf unser Preis-Ausschreiben vom Christmonate v. J.\nwegen eines Schiller-Festgesanges eingekommenen sieben Preis-\nBewerbungen hat das Werk des Herrn V. E. Becker in Würz-\nburg den Preis zuerkannt erhalten.\nBesondere Belobungen erhielten die Werke:\na) des Herrn Emil Büchner in Leipzig,\nb) „ „ Ludwig Stark in München und\nc) „ „ A. F. Leder, Dom-Cantor in Marienwerder.\nDie (nach den Vereins-Satzungen 14) erwählten drei Herren\nPreisrichter waren: Herr Capellmeister Ign. Lachner, Herr Hof-\nCapellmeister P. von Lindpaintner und Herr General-Musik-Direc-\ntor Dr. L. Spohr.\nZugleich können wir den verehrlichen Mitgliedern der deutschen\nTonhalle die erfreuliche Mittheilung nicht vorenthalten, dass Ihre\nGrossherzoglichen Hoheiten die Herren Markgrafen Wilhelm und\nMaximilian von Baden, kürzlich auch Se. Majestät König Ludwig\nvon Baiern Höchstihre Anerkennung des löblichen Zweckes unse-\nres Vereins durch sehr förderliche Geschenke an dessen Casse\nauszusprechen huldvollst geruht haben.\nMannheim, den 17. Juli 1856.\nDer Vorstand."}]}