{"numero_id": "bm-bmtnabi-1856-08-02-01", "volume": "bmtnabi_1856-08-02_01", "ocr_sha256": "a0da21ef873956504c9cea944ca1089ba38d8acda9106e30721a110a0df03514", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1856/08/02_01/bmtnabi_1856-08-02_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1856-08-02-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-08-02_01#c001", "volume": "bmtnabi_1856-08-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "245", "page_fin": "245", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "245", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 335, "texte": "Inhalt.\nAmbrosius Rieder (Lebensskizze). Norddeutsches Männergesang-Fest in Braunschweig am 19., 20. und 21. Juli.\nRobert Schumann f. Tages- und ün terhaltun g s b I a 11 (Köln, Wieprecht's Militär-Concerte, Sängerfest Halle Ber-\nlin Darmstadt - Dresden. Musikschule, #. Wagner - Wien Leopold v. Meyer in Konstantinopel Paul Cuzent f)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-08-02-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-08-02_01#c002", "volume": "bmtnabi_1856-08-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "245", "page_fin": "249", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.2.2", "titre_corps": "Ambrosius Rieder.", "titre_sommaire": "Ambrosius Rieder.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "245", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.1.1", "debut_caractere": 337, "fin_caractere_exclue": 3912, "texte": "Ambrosius Rieder.\n„ Ambrosius Rieder? Wer ist das? Wir kennen den\nNamen nicht ! \" So wird das Geschlecht der jetzigen Zeit\nfragen, das nur den Glanz des Augenblicks sucht und\nkennt, nur der blendenden Stellung huldigt und kein Ge-\ndächtniss und keinen Sinn hat für die stille Grösse, die im\nKampfe mit der Noth des Lebens den schweren Beruf mit\nEntsagung erlüllt und ihm die Zeit bei Tag und Nacht ab-\nstiehlt, um dem höheren Bewusstsein des Innern zu ge-\nhorchen, das aus dem gewöhnlichen Kreise des Lebens und\nWirkens in das Reich der Dichtung zu künstlerischem\nSchaffen und Geniessen treibt.\nAmbrosius Rieder ist eine von jenen Ehrfurcht gebie-\ntenden Gestalten, die nur noch aus dem Boden des deut-\nschen Vaterlandes hervorwachsen, die nichts von der Welt\nverlangen noch erhalten, Alles nur sich selbst verdanken\nund, mit dem bescheidensten Loose zufrieden, sich auf Ein\nGeistiges im Leben concentriren, auf eine Wissenschaft\noder Kunst, aus deren Höhe sie das Elend der Erde nicht\neinen Augenblick herab zu ziehen vermag.\nRieder war 67 Jahre lang Schullehrer in einem\nMarktflecken bei Wien, seit seinem neunzehnten Jahre ver-\nheirathet, Vater von sechs Kindern, in Armuth und Noth,\ngab täglich acht Stunden und mehr, leitete den Chor und\nspielte die Orgel in der Kirche und—schrieb 512 musi-\ncalische Werke der ernstesten Gattung! und erhielt\nseinen Geist rege und sein Herz froh, bis er in seinem\nlünfundachtzigsten Jahre an Altersschwäche sanft und ruhig\ndahinschied. Sprechen wir vielleicht von einem Heros aus\nfrüherer Zeit? Nein, mit uns hat er gelebt, zwei Drittel\nseiner Jahre gehören unserm Jahrhundert an; er ist erst\nam 19. November 1855 gestorben als Lehrer und Regens\nChori zu Perchtoldsdorf bei Wien. Möchten doch die jün-\nGeren Componisten unserer Zeit, die da glauben, wenn sie\neine Partitur oder ein paar hübsche Ciavierstücke geschrie-\nben haben, die ganze Welt müsse ihnen entgegen kommen,\nsie auf den Händen zum Gipfel des Ruhmes tragen und die\nSäckel in ihren Schooss ausschütten, damit sie auf das be-\nquemste dem Genius folgen ( könnten\nmöchten sie sich doch das Lebensbild, die Entsagung und\ndie ungeheure Thätigkeit eines solchen Mannes tagtäglich\nvor Augen halten und sich überzeugen, dass die wahre\nLiebe zur Kunst den Berufenen über alles Irdische erhebt,\nund dass auch unter den ungünstigsten Verhältnissen und\näusseren Bedingungen des Lebens die heilige Flamme der\nKunst sich selbst „vom Rauche reinigt\", wie der Dich-\nter sagt.\nAmbros Rieder wurde den 10. October 1771 zu\nDöbling bei Wien geboren*). Sein Vater, Schullehrer des\nOrtes, sandte den Knaben, bei dem sich Neigung und An-\nlage zur Musik früh offenbarte, zum Grossvater, der in\nWilfersdorf die Chormusik leitete und den Enkel in den,\nAnfangsgründen des Gesanges, des Violin- und Ciavierspiels\nunterrichtete.\nDer Knabe machte überraschend schnelle Fortschritte\nund lernte bald mit Fertigkeit vom Blatte lesen; vorzüglich\naber interessirte ihn das Orgelspiel mit seinen Modulationen,\nund er war ganz Ohr und Auge, wenn der Organist in\nvollen Accorden präludirte oder eine ordentliche Fuge\n\n*) Die folgenden Angaben entnehmen wir der „Neuen Wiener\nMusik-Zeitung\", 1856, vom 29. Mai und 5. Juni. Also selbst\nin Wien, vor dessen Thoren Rieder gelebt hat, wo seine\ngeistlichen Compositionen gedruckt worden sind und noch in\nallen Kirchen gesungen werden, erschien erst sechs Monate\nnach seinem Tode ein Nekrolog! Indess erklärt der Verfasser\ndesselben die Verzögerung durch die Schwierigkeit und den\nWunsch, zuverlässige Nachrichten über das Leben des merk-\nwürdigen Mannes zu erhalten."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "246", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5016, "texte": "spielte; auch war seine Freude gross, wenn er die auf sei-\nnem Ciavier angestellten eigenen Versuche im Präludiren\nnicht missglücken sah.\nNach zurückgelegtem zwölftem Jahre liess ihn sein Va-\nter bei dem damaligen Regens in Lichtenthai, Karl\nMartinides, im Generalbass und den Elementen der\nComposition unterrichten. Noch nicht dreizehn Jahre alt,\nwagte er sich an die Verfassung mehrerer kleinen Motetten\nund einer Messe, deren Aufführung und beifällige Aufnahme\njedesmal zum Freudenfeste für ihn wurde. Durch den Zu-\ntritt in das Haus des verstorbenen Dom-Capellmeisters an\nSt. Stephan, Leopold Hoffmann, des Vorgängers Albrechts-\nberger's, hatte er Gelegenheit, seine theoretischen Kennt-\nnisse durch Lehre und Beispiel dieses erfahrenen Musikers,\nnamentlich auch durch eifriges Studium des von dem clas-\nsischen Meister Joh. Jos. Fux verfassten „Gradus ad Par-\nnassum\" zu vervollkommnen, theils durch öftere musicali-\nsche Aufführungen seinen Geschmack zu bilden und zu\nläutern.\nDie Hauptquelle der edlen Richlung und gediegenen\nLeistungen Rieder's wurde jedoch seine persönliche Be-\nkanntschaft mit W. A. Mozart und Joseph Haydri, von denen\nder erstere leider nur zu kurze Zeit ihm leuchten sollte.\nUeber sein erstes Zusammentreffen mit dem Meister\nder Töne, dessen Schöpfungen stets am tiefsten auf sein\nGemüth wirkten, schrieb er folgende Zeilen in sein Tagebuch:\n„Als Jüngling bewunderte ich manch ausgezeichneten\nVirtuosen, sowohl auf der Violine als dem Flügel; aber\nwer kann sich mein Erstaunen vorstellen, als ich so glück-\nlich war, den unsterblichen, grossen W. A. Mozart bei einer\nzahlreich versammelten und ansehnlichen Gesellschaft auf\ndem Pianolorte nicht nur variiren, sondern auch phantasi-\nren zu hören! Dies war für mich eine neue Schöpfung mit\nganz anderem Wesen, als ich bisher zu hören und zu sehen\ngewohnt war. Den kühnen Flug seiner Phantasie bis zu\nden höchsten Regionen und wieder in die Tiefen des Ab-\ngrundes konnte auch der erfahrenste Meister in der Musik\nnicht genug bewundern und anstaunen. Noch jetzt, ein\nGreis, höre ich diese himmlischen, unvergesslichen Harmo-\nnien in mir ertönen und gehe mit der vollsten Ueberzeu-\ngung zu Grabe, dass es nur Einen Mozart gegeben habe.\"\nDen entschiedensten und nachhaltigsten Einfluss auf\nRieder's fernere Bildungs-Periode übte sein inniges Ver-\nhältniss zu dem grossen Contrapunktisten Albrechtsberger*),\ndessen Bekanntschaft er im Jahre 1795, hingerissen von\nseinem kunstgerechten Orgelspiele im Dome zu St. Stephan,\nsuchte, und mit dem er auch bald ein dauerndes Freund-\nschafts-Bündniss schioss. Im mehrjährigen Umgange mit\ndem berühmten Lehrer Beethoven's und so vieler anderen\nmusicalischen Grössen vervollkommnete er sich im theore-\ntischen wie praktischen Wissen, und unter dessen Leitung\nstudirte er mit dem gross!en Eifer namentlich die classi-\nschen Schriften Rirnberger's, Türk's und des gefeierten\nMarburg.\nZu allen diesen Studien musste er sich die Zeit steh-\nlen; denn er war von seinem sechszehnten Jahre an (seit\n1 787) bereits im Schulfache praktisch thätig, seit 1790\nin Döbling, von wo er fast täglich nach Wien spazirte, um\ndort Musik zu hören und sich durch den Unterricht und\nUmgang grosser Theoretiker und Künstler zu belehren. In\nDöbling verheirathete er sich in seinem neunzehnten Jahre\n(1790) ; im Jahre 1840 leierte er seine goldene Hochzeit.\nIm Jahre 1799 kam er um den Dienst als Schulleh-\nrer und Regens Chori im Marktflecken Percb toldsdor 1\nbei Wien bei dem Cardinal von Migazzi ein und erhielt\ndiese Stelle.\nDoch schon der Beginn seiner dreiundlünfzigjährigen,\nhöchst ehrenvollen Laufbahn in diesem Orte sollte durch\ndas Vorspiel der vielen Sorgen und Bitterkeiten getrübt\nwerden, welche er während jener langen Zeil dort zu er-\nfahren hatte und stets mit christlicher Geduld und Demuth\nertrug.\nDer damalige Magistrat von P. protestirle nämlich wi-\nder die geschehene Ernennung. Rieder musste mit dem\nvon der Landesstelle bestätigten Ansteliungs-Decrete in der\nTasche volle drei Jahre auf das Ende dieses Processes war-\nten, bis die höchste Hof-Entscheidung ihm sein Recht\nsicherte und er am 8. Februar 1802 den Dienst unter\nAnfangs günstigen Aussichten antreten konnte. Aber der\nEinfall der Franzosen (November 1805), welche auch\nPerchtoldsdorf hart heimsuchten, zerrüttete die Vermögens-\nVerhältnisse des Ortes und die seinigen, die niemals glän-\nzend gewesen waren. Durch die Wiederkehr der Eroberer\nim Jahre 1809 wurde seine financielle Lage zu einer\nhöchst traurigen, bis das Finanz-Patent von 1811 ihn\nvollends dem grössten Nothstande Preis gab. Darauf folgte\ndie ununterbrochene Kette der Miss- und Hunger-Jahre\n1813 lBl9, wodurch das Elend allgemein wurde und\nnamentlich die Weinbauer-Bevölkerung so tief in Schulden\nund Armuth gerieth, dass sie sich seitdem nie wieder erho-\nlen konnte, und für den armen Schullehrer eine Zeit des\n\n) Johann Georg, geb. 3. Februar 1736 zu Klosterneuburg, seit\nS 792 Nachfolger tJofirnann's als Capellmeister an der Kathe-\ndrale zu St. Stephan, gestorben 7. Mai 1809."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "247", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4967, "texte": "Kummers und der Sorgen hereinbrach, während weicher\ner nur in den Zaubertönen der Musik Tröstung fand. Mit\nunermüdlichem, rastlosem Eifer schrieb er um diese Zeit\nseine meisten Kirchen-Compositionen, die sich durch edle\nMelodie, durch Reinheit und Gediegenheit des Satzes, durch\ncorrccte und glückliche Führung der Harmonie und eine\ngewandte contrapunktische Behandlung auszeichnen und\nauch grossenlheils im Stich erschienen sind.\nDarunter befinden sich nebst einer grossen Anzahl\nvon Offertorien, Gradualien, Ta Hymnen u. s. w.\nmehrere sowohl kleinere, eigens für die Landkirchen ge-\nschriebene und äusserst populäre Messen*), als grössere,\nlür die durch Haydn so berühmte Capelle des Fürsten Ester-\nhazy componirt**), von denen insbesondere die grosseMesse\nin C-dur (1811 geschrieben) hervorzuheben ist. Mit einer\nfür den Invaliden-Fonds der im Feldzuge 1813 verwunde-\nten Krieger im Jahre 1814 componirten und bei Steiner\nals Op. 38 erschienenen Messe in halte er das\nGlück, die Allerhöchste Zufriedenheit Sr. Majestät des Kai-\nsers Franz und ein Belobungs-Decret der Landesstelle zu\nverdienen. Von schätzenswerther Gemeinnützigkeit sind\nauch seine sämmtlich im Druck herausgekommenen theore-\ntischen Werke, als: , Anleitungen zum Präludiren und Fu-\ngiren für die Orgel\" (Op. 84, 18 26, bei Diabelli, und Op.\n95, bei Diabelli), sein „Generalbass in Beispielen\" (Op.\n103, 1829 geschrieben und 1833 bei Diabelli heraus-\ngegeben), endlich eine „Anleitung zur richtigen Begleitung\nder Melodieen (der vorgeschriebenen Kirchengesänge), zum\nGeneralbass, Präludiren und Fugiren\" (Op. 105, 1831,\nbei Haslinger).\nDie grossten Verdienste jedoch erwarb sich Rieder\ndurch seine zahlreichen Präludien und Fugen für die Orgel\nund das Ciavier, deren classischer Stil und kunstreicher\nSatz von competenten Stimmen auf das rühmlichste aner-\nkannt wurde. Die Gesammtzahl seiner Präludien ist 92,\ndie der Fugen 154. Von diesen 92 Präludien sin d 65,\nvon den 154 Fugen 81 durch den Stich veröffentlicht\nund nicht nur in den meisten Kirchen Wiens und Oester-\nreichs fast unentbehrlich geworden, sondern in der gesamm-\nten katholischen Welt verbreitet und geschätzt.\nAuch als tüchtiger Violaspieler und Quartettist\nbewährte er sich in den musicalischen Cirkeln, namentlich\nin den beliebten, allen Kunstfreunden unvergesslichen , Au-\ngarten-Concor ten\", wie in den späteren von Schuppanzigh\nveranstalteten Quartett-Unterhaltungen.\nSein liebstes Instrument blieb ihm aber immer die Or-\ngel, die er meisterhaft spielte und auf welcher er oft stun-\ndenlang, mit sich und seinen Gedanken in dem Gotteshause\nallein, zu phantasiren pflegte. Ja, er liess es sich nicht neh-\nmen, dieselbe noch im höchsten Alter, trotz aller körper-\nlichen Gebrechen, selbst fast gänzlicher Taubheit, wenig-\nstens an Festtagen eigenhändig, und zwar in ergreifender,\nbewunderungswürdig correcter Weise, zu spielen. Von sei-\nnen musicalischen Freunden liebte er namentlich Hummel \"),\ndessen vollendete Meisterschaft und staunenerregende .Im-\nprovisationsgabe bekannt sind. Er besuchte Rieder häufig\nund schloss sich oft mit ihm nach geendigtem Gottesdienste\nin der herrlichen Kirche zu Perchtoldsdorf ein, wo sie dann\noft ganze Stunden im begeisterten musicalischen Wett-\nkampfe zubrachten.\nAber nicht allein als theoretischer und praktischer Mu-\nsiker, als ausgezeichneter Componist und Dirigent eines\nzahlreichen Musikchors wirkte Rieder mit bewunderungs-\nwürdiger Thätigkeit, sondern er widmete eben so sehr auch\nseinem Berufe als Volks sch u 11 ehr e r die regste Sorg-\nfalt, und erwarb sich besonders durch gediegenen Gram-\nmatical-Unterricht und die nach den besten Grundsätzen\ngeleitete Bildung der Schuljugend nicht minder grosse und\nwahrhafte Verdienste.\nDurch eine lange Reihe von Jahren hatte der biedere\nMann mit den grössten materiellen Entbehrungen zu käm-\npfen und hat sie stets mit Gottergebenheit ertragen; nun\nbei herannahendem Alter sollte ihn aber ein gerade für\nihn noch weit herberes Unglück treffen: die Töne, sein bis-\nheriger oft einziger Trost im Leiden, sollten ihm für immer\nverschlossen werden.\nEine mit den zunehmenden Jahren sich stets steigernde\nSchwerhörigkeit (Rieder hatte früher ein unendlich feines\nund geschärftes Gehör) ging nach und nach in völlige Taub-\nheit über, und aller Frohsinn, der ihn bis dahin noch im-\nmer nicht verlassen, entschwand jetzt, um nie mehr wieder\nzu kehren.\nSchon am 23. Mai 1832 schrieb er rührende Zeilen\nin sein Tagebuch, die seine Gemüthsstimmung in ergreifen-\nder Weise schildern. Eine dieser Stellen lautet:\n„Herr! Der Du mir den Morgen und Mittag meines\nLebens ertragen halfest, lasse den Abend desselben, der\n\n*) Wovon eine in D 1814 bei Steiner und eine zweite in D,\nOp. 65, 1824 bei Haslinger und eine in C,Op. 76, 1825 bei\nCappi und Czerny aufgelegt wurden.\n**) Auf Veranlassung Hummel's, des damaligen fürstlichen Ca-\npellmeisters.\n*) Yon 1795—1811 Capellmeister des Fürsten Esterhazy starb\nam 17. October 1837 als Capellmeister zu Weimar."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "248", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4950, "texte": "sich mit geschwinden Schritten naht, ach, lass ihn schöner\nals den Tag sein! Lassemich, wenn er kommt, so wie den\nsle:benden Tag vor Freude glühen, dass ich Deine Woh-\nnungen, dass ich Deine Herrlichkeiten sehen soll.\nUnd Ihr, meine Kinder und Freunde, die Ihr mir Glück,\nEhre, Reichthum und Alles wäret, die Ihr meine Fehler\nund Schwachheiten um meines Herzens willen übersähet,\nweinet dann einige Thränen um mich, wenn meine schon\nhalb gebrochenen Blicke entzückt um den Himmel schwei-\nfen werden. Segnet im Stillen mein Andenken!\"\nUngeachtet dieses traurigen Geschickes blieb Rieder\nfort und fort thätig; die Hälfte seiner Präludien und Fugen,\nselbst viele Offertorien und andere Kirchen-Compositionen\nfür Chor und ganzes Orchester stammen aus jener Periode\nher. Auch sind hier noch seine zahlreichen Uebersetzungen\nvon Fugen, Fughetten und Chorälen alter Meister, wieTe-\nlemann*) (1837 für Haslinger), Gottlieb Müfiat**) (1837\nfür Haslinger), Joh. Jos. Fux (1839) und anderer zu er-\nwähnen, dessgleichen die von ihm besorgte Uebersetzung\nund Herausgabe von fünfzig Versetten und acht Fugen von\nAlbrechtsberger (1835 bei Haslinger erschienen), so wie\ndie mühevolle Durchsicht und Correctur von nicht weniger\nals 89 Gradualien und eines Buches\nsanet. von Michael Haydn, welche bei Diabelli (1830) auf-\ngelegt wurden.\nDer Verlust seiner innig geliebten Gattin, die ihm 55\nJahre lang treue Gefährtin auf seinem nur zu dornenvollen\nLebenspfade gewesen (sie starb 1845), beugte den 7 sjäh-\nrigen, nun einsam da stehenden Greis zusehends darnieder;\ndoch erst volle zehn Jahre darauf hauchte er seinen bis\nzum letzten Augenblicke fortwährend regen Geist aus.\nEr starb in Folge Altersschwäche am 19. November\n1855 in seinem 85. Lebensjahre; nicht weniger als 67\nJahre brachte er ins Schulfache zu gewiss ein seltenes,\ndoch wahrlich wenig beneidenswerthes Loos; davon 53 an\nEinem und demselben Orte, als Schullehrer und Chor-Re-\ngent in Perchtoldsdorf.\nSeine strenge Rechtlichkeit und Herzensgüte, sein of-\nfener und biederer Sinn, wie sein ausnehmend bescheide-\nnes und gottergebenes Wesen gewannen ihm als Menschen\ndie allgemeine Achtung und Liebe; und als man seine sterb-\nliche Hülle am 21. November in die Grube senkte (der\nSarg wurde nach Rieder's Wunsche von sechszehn seiner\nersten Schüler, grösstenteils schon selbst Grossväter, zu\nGrabe getragen), umstand diese in aufrichtiger Theilnahme\neine ganze grosse Gemeinde: Grossväter, Väter und Enkel,\nwelche alle in ihm ihren dahingeschiedenen Lehrer bewein-\nten. Aber auch so mancher Freund aus der Ferne, für den\nder Name Rieder im Gebrause der letzteren bewegten Jahre\nnicht verklungen war, weihte ihm hier auf dem still-roman-\ntischen Friedhofe von Perchtoldsdorf eine Thräne wehmü-\nthiger Erinnerung.\nWeder ein Verdienstkreuz noch sonst ein äusseres\nZeichen der Anerkennung seines Wirkens zierte die Brust\ndes wackeren, anspruchlosen Mannes; er hatte nie danach\ngegeizt. Nicht zu glänzen, nur zu nützen hatte er gestrebt,\nund in dem Bewusstsein erfüllter Pflichten fand er sich hin-\nlänglich belohnt.\nVon Rieder's sechs Rindern, denen er stets auch ein\nzärtlicher Vater war, sind drei Söhne und eine Tochter\nam Leben. Sein ältester Sohn Johann wirkt, allgemein ge-\nachtet, seit langen Jahren als Schullehrer in Währing, ein\nzweiter, Wilhelm (geb. 1796), ist der bekannte Portrait-\nund Historien-Maler, ein durch Geist und Geschmack aus-\ngezeichneter Künstler, seit 1825 Lehrer der Figuren-\nZeichnung an der k. k. Ingenieur-Akademie, später Profes-\nsor an der Akademie der bildenden Künste und gegenwär-\ntig an der k. k. Genie-Akademie in Wr. Neustadt.\nRieder's letzte Composition, ein Sing-Quartett („Sein\nBild\"), dem ehemaligen Dechanten von Himberg, jetzt Ca-\nnonicus bei St. Stephan, gewidmet, schrieb er am 25. Juli\n1854. Sie trägt die Opus-Zahl 170; dabei ist jedoch zu\nbemerken, dass sämmlliche Compositionen Rieder's bis zum\nJahre 1814 noch keine Nummer tragen, welche er erst\nvon da an seinen Werken und selbst dann nicht allen bei-\nzusetzen pflegte, und namentlich häufig eine grössere An-\nzahl einzelner, völlig selbstständiger Compositionen mit\neiner einzigen Opus-Nummer bezeichnete.\nDas nachfolgende Verzeichnissist nach den (im Besitze\nseiner einzigen, an den gegenwärtigen Schullehrer zu\nPerchtoldsdorf, Herrn Rupp, verheiratheten Tochter befind-\nlichen) eigenhändigen Aufschreibungen und Notizen Rieder's\nmit grösster Sorgfalt und Genauigkeit zusammengestellt.—\n(Die meisten Partituren und Auflegestimmen befinden sich\nin Perchtoldsdorf, viele aber auch in Währing.)\nDie Anzahl der sämmtlichen Werke Rieder's beläuft\nsich nach diesen Aufschreibungen auf die bedeutende Zif-\nfer von 427 selbstständigen Arbeiten, würde sich aber\nrichtiger nach Auflösung der mit * bezeichneten in ihre\n\n*) Georg Michael, Enlcel Georg Philipp Xelemann's, 1748 20.\nApril in Nolslein geb., Musik-Director zu Riga 1773 4.\nMärz 1831 f.\n**) Müfiat, Gottlieb, Schüler Fux's, 1727 Hof-Organist bei Karl VI."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "249", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 938, "texte": "Bestandteile auf nicht weniger als 512 (262 im Stich\nund 250 in Manuscript) erhöhen.\nVerzeich niss.\nIm Stich In Ma-\nerschienen. nuscripf.\n20 Messen, davon 4 16\n2 Requiem 1 1\n1 Litanei 1\n41 Offertorien • . . 20 21\n18 Gradualien . . * 6 12\n13 Tantum ergo, Veni sancte\nges, Benedictus etc 6 7\n1 Oper „Der Traum im Walde\" (1804) 1\n19 Cantaten und Chöre l9\n38 vierstimmige Hymnen und Gesänge,\ndarunter 14 Trauergesänge (mit non\nadmittiturbezeichnet) 1 37\n38 Gesänge mit verschiedener Begleitung 13 25\n2 Trauermärsche 2\n1 Streich-Quintett 1\n10 Streich-Quartette 6 4\n4 Violin-Duette 3 1\n1 Sonate für Ciavier, Violine u. Violoncell 1\n8 Sonaten für Ciavier und Violine ... 5 3\n9 Variationen und Uebungen für Ciavier\n(eigentlich 40, alle in Druck) ... 9\n68 *Präludien für Orgel od. Ciavier (eigent-\nlich 92, davon im Druck 65, in Man. 27) 45 23\n129 *Fugen u. Fughetten (eigentlich 154,\ndavon im Druck 87, in Man. 67) . .75 54\n4 Theoretische Werke 4"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-08-02-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-08-02_01#c003", "volume": "bmtnabi_1856-08-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "249", "page_fin": "251", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.2.3", "titre_corps": "Norddeutsches Männergesang-Fest in Braunschweig am 19., 20. und 21. Juli.", "titre_sommaire": "Norddeutsches Männergesang-Fest in Braunschweig am 19., 20. und 21. Juli.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "249", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.1.5", "debut_caractere": 940, "fin_caractere_exclue": 4073, "texte": "Norddeutsches Männergesang-Fest in Braunschweig\nam 19., 20. und 21. Juli.\nSeitdem der gesellige Theil an den Männergesang-\nFesten nicht mehr der hervorragendste ist und die fleissige\nCultur dieses der deutschen Nation bis jetzt eigenthüm-\nlichen Feldes ausübender Tonkunst ein Zusammenwirken\nselbst der grössten Massen möglich gemacht hat, verlohnt\nes sich nicht allein der Mühe, sondern gereicht es auch zu\ngrossem Vergnügen, solchen Gesammt-Auflührungen die\ngrösste Aufmerksamkeit zu widmen, weil die Wirkung bei\neiner so bedeutenden Menge von Kräften eine um so man-\nnigfaltigere und gewaltigere ist.\nDem Männergesang-Vereine Braunschweigs, welcher\nseit mehreren Jahren aus dem von den übrigen Vereinen\ndieser Stadt mit den um den Elmwald liegenden Städten\ngebildeten Elmsänger-Bunde ausschied und sich dem nord-\ndeutschen Liedertafel-Bunde anschloss, lag lür dieses Jahr\ndie Leitung des Bundesfestes ob, mit welchem zugleich die\nFeier des fünfundzwanzigjährigen Bestehens dieses Bundes\nzusammenfiel. (Jeher fünfzig Vereine waren zu dem Feste\nerschienen und vereinigten sich, nachdem dieselben in fest-\nlichem Zuge nach dem Altstadt-Rathhause gelührt und hier\nvon dem Oberbürgermeister der Stadt begrüsst worden\nwaren, in den weiten Bäumen der Aegidien-Kirche zur Ge-\nneralprobe und später am folgenden Tage zur Aufführung\nder Gesammtgesänge, welche in folgenden Nummern be-\nstanden:\nSanctusaus dem Requiem von Cherubini, Solo-Quar-\ntett aus den Burscheitfahrten von Julius Otto, Gebet vor\nder Schlacht von Franz Abt, die Harmonie von Wilhelm\nTschirch, Meeresstille und glückliche Fahrt von Fischer,\nAn das Vaterland von Kreuzer, Abendläuten von Methfes-\nsel, Festgesang von Mendelssohn.\nMan sieht, das Programm war mit Geschmack und\nwohl überlegter Rücksicht auf Abwechslung und Massen-\nwirkung zusammengestellt, und daneben auch die Eigen-\nthümlichkeit der Localität, welche vermöge der hohen Ge-\nwölbe und grossen, unbekleideten Wandflächen zu schnelle\nZeitmaasse und künstliche Rhythmen fast verbot, nicht\nausser Acht gelassen.\nAltmeister Spohr, welcher auf Einladung das Fest mit\nseiner Gegenwart beehrte, übernahm die General-Leitung,\nwährend die Compositionen der gleichfalls anwesenden Ton-\ndichter Otto, Tschirch, Fischer und Abt von diesen selbst\ndirigirt wurden.\nDas Sanctus wurde in so fern gut ausgeführt, als die\nBearbeitung die Singstimme durch die Instrumente nicht\ndeckte und jene zu voller Geltung kommen liess, so dass\ndie Yerhältnissmässig stark vertretenen und kraftvollen Bässe\nbei einigen Stellen, z. B. dem „Hosianna in der Höhe\",\neine ergreifende Wirkung hervorbrachten. Die grosse An-\nzahl der Stimmen (nahe an 1000) folgte der festen Di-\nrection Nestor Spohr's mit bewundernswerther Leichtigkeit\nund hielt gut Ton.\nOtto's Ständchen wurde in dreifacher Besetzung durch\nSänger aus verschiedenen Städten des Bundes vorgetragen,\nund das darin unter Begleitung der übrigen Stimmen sich\nleicht und natürlich entwickelnde Bariton-Solo rein und\nausdrucksvoll gesungen. Den Kennern dieses nicht leicht\nmodulirten Quartettes bangte vor der reinen Durchführung\ndes Mittelsatzes: „Rauschende Wipfel, wonnige Düfte\","}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "250", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5123, "texte": "einem wahren Prüfstein guten Zusammensingens, der bei\nseinem Es-dur-Schlüsse gewöhnlich einige harmonische\nDifferenzen erkennen lässt; dessen ungeachtet überwanden\ndie Sänger die Klippen der schwierigen Stimmführung und\nlangten im Hafen des darauf wieder einsetzenden\nmit völlig reiner Intonation an. (Gewöhnlich wird aus dem\nzu eifrigen Bestreben nach reinem Tone zu hoch gesungen,\nindem dadurch die Unbefangenheit verloren gellt.) Der gute\nVortrag nahm, wie in der Probe, die Aufmerksamkeit des\nChors so sehr in Anspruch, dass derselbe die wenigen\nSchlussnolen: „Gute Nacht!\" nicht so präcis einsetzte,\nwie wohl zu wünschen gewesen wäre.\nAbt's Schlachtgebet, eine durch gut berechnete Stei-\ngerung der Stimmkraft und natürlichen Ausdruck sich aus-\nzeichnende Composition, bewies aufs Neue das Geschick die-\nses Componisten, für grosse Chormassen zu schreiben und\ndiese Massen mit Umsicht zu leiten. Das tiefe der Bässe,\nwelches durch die Menge der Stimmen zu einer sonoren\nStärke anwuchs, trug die einleitenden Tacte vollkommen\nund liess sogar die doppelt punktirten Viertel mit den nach-\nfolgenden Sechszehnteln mit grosser Genauigkeit hören.\nDie harmonisch frappante Stelle: „Du wollst Dich unsrer\nNoth königlich rettend erbarmen * (von C-dur nach As-dur\nmit dazwischen liegender halber Tactpause), wurde von\nallen Stimmen rein eingesetzt, wuchs vom äussersten\nbis zum Forte mächtig an und leitete 7,ur dritten deciama-\ntorischen Klimax des Liedes angemessen hinüber. Die gut\nberechnete Anlage dieser Composition und die praktische\nStimmführung in allen Lagen wird ihr stets willige Sänger\nund eine bedeutende Wirkung bei dem Zuhörer sichern.\nDen Schluss der ersten Abtheilung machte Tschirch's\nHarmonie, eine umfangreichere Tondichtung von vier Sätzen\nmit Begleitung von Bias-Instrumenlen. Wenn unter vielen\nder lebenden Quartett- und Lieder-Componisten sich in der\nArt und Weise ihrer Rhetorik eine gewisse Verwandtschaft\nerkennen lässt, die sich sogar bis auf einzelne Phrasen er-\nstreckt und bestimmte Empfindungen mit demselben Aus-\ndruck, in derselben Form gibt, so hat sich Tschirch frei\nvon jeder Manier erhalten und geht seinen eigenen, ur-\nsprünglichen Weg. Ihm gilt der Gedanke offenbar mehr als\ndie äussere Einkleidung, Arbeit und Charakter mehr als\nmelodische Form. Es soll damit nicht gesagt sein, dass er\nletztere vernachlässige: im Gegentheil, er schmälert ihr nicht\ndas gebührende Recht, nur legt er nicht mehr Gewicht\ndarauf, als jene wichtigeren Rücksichten gestatten, und da-\nfür sind wir ihm im Grunde dankbar, weil er uns dadurch\nvor der Gefahr bewahren hilft, hohles Declamations-Pathos\nvom Theater auf den Volksgesang in Lied, Quartett und\nChor übertragen zu sehen. Aber eben diese sorgfältige Ar-\nbeit gab wenigstens dieser seiner Composition in einzelnen\nTheilen noch etwas Schwerlälliges, Gemachtes, weiches na-\nmentlich in der Fuge des letzten Satzes den Hörer fast zu\nkeiner ruhigen, unbefangenen Aufnahme des Werkes kom-\nmen liess, da er sich die geräuschvolle Bewegung, welche\nvor seinen Ohren tönte und wogte, auf die verschieden-\nartigste Weise zu deuten suchte. Ob der Grund darin lag,\ndass vier Männerstimmen thematisch über und neben\neinander arbeiteten, wohingegen bei Fugen für vollen Chor\ndie weichere Natur der Frauenstimmen der strengen Arbeit\ndas Herbe nimmt: genug, der ästhetische Eindruck dieser\nFuge war ungeachtet tactfester und genauer Ausführung\ndurch den Chor kein guter. Im Ganzen liess das Werk\njedoch tiefe Auffassung und Wärme der Empfindung er-\nkennen, die nur der Durchbildung zu reinem Ausdrucke\nharren, um den jungen Meister, der nebenbei in seiner\n„Nacht auf dem Meere\" eine vollkommene Herrschaft über\ndas Orchester bekundet, in die Reihen derjenigen unserer\nComponisten eintreten zu lassen, die sich nicht bloss auf\ndas Lied und das Männer-Quartett beschränken.\nDie zweite Abtheilung begann mit Fischer's „Meeres-\nstille\", einer gefälligen und charakteristischen Composition,\ndie namentlich im ersten Theile eine glückliche Malerei\nentfaltete. Das Thema des Allegro dagegen war nicht so\nbedeutend, um an sich von Wirkung zu sein; der Dirigent\nersetzte dies durch schnelles Zeitmaass, ohne jedoch ganz\nseinen Zweck zu erreichen. Auch dieses Werk war mit\nOrchester-Begleitung geschrieben, was unserer Meinung\nnach bei vierstimmigem Männergesange desswegen immer\nmisslich bleibt, weil die Stimmen ihrer Lage nach fast immer\nvom Orchester gedeckt werden, indem das Feld, auf dem sie\nsich bewegen, ein zu enges ist. Dreistimmig (s. Mozart's Chor:\n0 Isis!) zweistimmig und unisono nur kommen Männerchöre\nneben dem Orchester zu voller Geltung. Ausserdem hatte der\nCompomst in der Instrumentation einzelner Stellen nicht\nVorsicht genug beobachtet und durch zu starken Effect\nsich den Effect verdorben, z. B. bei den Worten: „Todes-\nstille fürchterlich\", wo die Blas-Instrumente das „fürchter-\nlich\" durchaus deckten und den Gesang, der an sich den\nAusdruck dieser Stelle schon bezeichnend genug gegeben\nhaben würde so war er in den Noten gesetzt —, ganz\nonhörbar machten. Die Ausführung durch den Chor war\ngut und namentlich in der Pianostelle mit den charakteristi-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "251", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3740, "texte": "sehen Pausen: „reget kei-ne Wel-le sich\", für die Chor-\nmassen ausgezeichnet zu nennen.\nDie beste Leistung war unstreitig Kreutzer's „An das\nVaterland\" zu Uhland's vortrefflichen Worten (ohne Be-\ngleitung). Es liegt in dieser harmonisch und melodisch so\neinfachen Composition ein so edles und ergreifendes Pathos,\nund trotz dieser Einfachheit doch eine so dem Sinne des\nTextes entsprechende Charakteristik, dass man nicht genug\nauf eine solche Arbeit, gegenüber modernen Künsteleien, als\nMuster in ihrer Gattung hinweisen kann. Mag man die\nAuffassung in der Stelle gegen den Schluss hin, weiche bei\nden Worten: „was gelten diese Lieder dir\", den Accent\nauf das „was\" legt und den ersten Tenor sich melodisch\netwas lahm bewegen lässt, immerhin tadeln, alles Uebrige\nist vortrefflich und lässt diesen Mangel übersehen. Der fein\nberechnete und doch sich so natürlich bildende Gegensatz\nzwischen den Worten: „Nach solchen Opfern—diese Lie-\nder\", war von höchster Wirkung, und eben weil diese\nWirkung unmittelbar und von keiner Instrumental-Nach-\nhülfe verdeckt und gehindert war, erfolgte der Beifall in so\nreichem Maasse.\n„Das Abendläuten\" unseres alten Methfessel ist eines\nvon jenen abgerundeten, angenehmen Liedern, welche im-\nmer seltener werden und den gegenwärtigen Geschmack\ndesswegen nicht mehr so ansprechen, weil in ihnen, wie\nim Liede doch sollte, nur eine Stimmung, keine Malerei\nund kein ergreifendes Pathos ausgedrückt ist; man erwar-\ntete nach dem Titel allerdings Malerei, wie sie viele neuere\nLieder und Quartette in Bezug auf Glockengeläute enthal-\nten ; aber dem alten Freiheitssänger von 1815 war die\nForm des Liedes doch zu heilig, als dass er sie, selbst auf\ndie Gefahr, keinen Beifall bei der Menge zu finden, hätte\nopfern sollen. Ein darin vorkommendes Solo wurde nament-\nlich im ersten Tenor recht zart und rein gesungen.\nMendelssohn's „Sieges-Hymne\" machte den Beschluss\nund rief Altmeister Spohr nochmals an die Spitze des gan-\nzen grossen Chors und Orchesters. Unserer vorhin ausge-\nsprochenen Ansicht gemäss hatten nur die dreistimmigen,\nmehr natürlich noch die zweistimmigen und unisonen Sätze\nihre volle Wirkung neben den Instrumenten, so dass letz-\ntere ihren Zweck, den einer kräftigen Unterstützung, in\ndiesen Sätzen vollkommen erfüllten, in den streng vierstim-\nmigen hingegen wieder die Stimmen zum Theil deckten.\nHöchst schwungvoll wurde das Lied vorgetragen, und er-\nhielt das Concert durch diese Nummer überhaupt einen\nwürdigen Abschluss.\nNeben diesen Piecen lür Chor waren noch die Ouver-\ntüren zu „Jessonda\" und „Oberon\" vom Orchester vor-\ngetragen worden.\nAn die Sonntag Nachmittags im Holland'schen Garten\nabwechselnd mit den Orchester-Aufführungen im Freien\nvorgetragenen Lieder der verschiedenen Vereine lässt sich\naus dem Grunde kein künstlerischer Maassstab anlegen,\nweil das unruhige Wetter, die kurz vorher Statt gefun-\ndene Mittagstafel und das grosse, geräuschvolle Menschen-\ngewühl nicht ohne nachtheiligen Einfluss auf dieselben blieb.\nDoch belebten sie die Geselligkeit des Festes im höchsten\nGrade, welches am folgenden Tage, Montag, darauf mit\neiner Fahrt nach Harzburg, einem nochmaligen Garten-\nConcerte und Abends mit einem Balle in dem grossen Fest-\nzelte schloss.\nSchliesslich versäume ich nicht, bezüglich des hiesigen\nmusicalischen Lebens noch anzulühren, dass unser Freu-\ndenthal, derComponist der „Barden\", eine neue Carnevals-\nOper vollendet hat, welche die erste an drastischer Komik\nwie im Stil noch übertreffen dürfte und deren Aufführung\nim nächsten Herbste bevorsteht, so wie, dass hier ein Ver-\nein im Entstehen begriffen ist, welcher sich die Aufführung\nausschliesslich geistlicher Musik, und zwar in der Kirche\nwährend des Gottesdienstes selbst, zum Zwecke gesetzt hat."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-08-02-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-08-02_01#c004", "volume": "bmtnabi_1856-08-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "251", "page_fin": "251", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.2.4", "titre_corps": "Köln, den 31. Juli.", "titre_sommaire": "Köln, den 31. Juli.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "251", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.1.7", "debut_caractere": 3742, "fin_caractere_exclue": 4372, "texte": "Köln, den 31. Juli.\nAus Bonn erhalten wir die Nachricht, dass Ro-\nhert § eil II 111 an 11 am 29. Juli zu Endenich sanft\nentschlafen ist. Heute geleiteten seine Freunde die Leiche\nnach dem Kirchhofe zu Bonn. Wenngleich die Trauer-\nBotschaft eine erschütternde ist, so war doch eine milde\nAuflösung der Bande, die seinen Körper noch an die Erde\nfesselten, die alleinige Hoffnung aller derer, die ihn liebten\nund ehrten, da die Unheilbarkeit seines Zustandes leider\nkeinem Zweifel mehr unterlag. Die Flamme, die in seinem\nHerzen lür die Tonkunst loderte, hatte den rastlos schaffen-\nden Geist verzehrt; sein Denkmal sind seine Werke."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-08-02-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-08-02_01#c005", "volume": "bmtnabi_1856-08-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "251", "page_fin": "252", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.2.5", "titre_corps": "Tagfes- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tagfes- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "251", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.1.7", "debut_caractere": 4374, "fin_caractere_exclue": 4940, "texte": "Tagfes- und Unterhaltungs-Blatt.\nMölii. Herr Wie p r e c h t, Director der Militär-Musikcorps\nder königlichen Garde-Regimenter in Berlin, hat hier in den letz-\nten Wochen vier Militär-Concerte gegeben, wozu er die vier Mu-\nsikcorps der in Köln und Deutz siehenden Regimenter (Inf.-Reg.\nNr. 16, 30, 33, Cuirassier-Reg. Nr. 8) unier seine Leitung verei-\nnigte und theils Öriginal-Compositionen für Regiments-Musik, na-\nmentlich Märsche, theils und zwar zur grösseren Hälfte Cebertra-\ngungen von Orchester-, Gesang- und Clav.ier-M»jsik aufführte. In\nv . ■ ' \\ ' : : . *"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "252", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5599, "texte": "diesen Uebertragungen zeigt er hauptsächlich sein bedeutendes Ta-\nlent, so dass, abgesehen von dem Eindrucke, den eine wohlbesetzte\nMilitär-Musik stets auf das grosse Publicum macht, auch der Mu-\nsiker von Fach mit Interesse der Art und Weise folgt, wie Herr\nWieprecht instrumentirt und alle Mittel, die ihm von der Pickel-\nflöte bis zur Bass-Tuba und der grossen und kleinen Trommel zu\nGebote stehen, mit ausserordentlicher Sachkenntniss und Gewandt-\nheit, ja, mit einem ganz besonderen Genie benutzt, um eine Wir-\nkung hervorzubringen, bei welcher man die Saiten-Instrumente so\nwenig wie möglich vermisse. Von den letzteren wendet er näm-\nlich nur Contrabässe an, was wir für sehr zweckmässig halten.\nIndess gehört bei der Kunst, mit welcher er die Farbenklänge der\nRias-Instrumente zu mischen versteht, an vielen Stellen ein feines\nOhr dazu, um diese von dem Klange der Saiten-Instrumente zu\nunterscheiden. Wenn nun auch bei den Arrangements von Ouver-\ntüren und Sinfonieen allerdings der Reiz der Zweichörigkeit von\nSaiten- und Blas-Instrumenten sich nicht ersetzen lässt, so leistet\nWieprecht doch Aehnliches durch die Contraste der Holz- und\nBlech-Instrumente, und vielleicht wird er bei Verfolgung dieses\nWeges noch immer mehr erreichen. Auch lässt sich in anderer\nBeziehung nicht läugnen, dass manche Intentionen des Orchester-\nComponisten durch die Schärfe besonders der Blech-Instrumente\ndeutlicher werden, als im Orchester, wie dies zum Beispiel bei\ndem fugirten Satze in dem Trauermarsch der Sinfonia eroica nicht\nbloss bei den Einsätzen des Thema's, sondern auch bei den Durch-\nführungen auf überraschende Weise hervortrat.\nVon W'ieprecht's eigenen Compositionen haben uns einige De-\nfilirmärsche, z. B. der auf das erste Motiv des Dessauer Marsches\ngearbeitete, durch Frische der Melodie und Schwung recht ange-\nsprochen. Von anderen Original-Compositionen fand der Triumph-\nmarsch von F. W. Voigt mit Recht grossen Beifall. Unter den\nArrangements sind besonders noch auszuzeichnen der Trauermarsch\naus der von Beethoven und Weber's Ouvertüre zur\nEuryanthe.\nVier von den hiesigen Sänger-Vereinen, die Concordia, die\nHarmonie, der Bürger- und der Handwerker-Gesang-\nverein, veranstalten unter der Leitung des Herrn W. Herx ein\nSänger fest, das am 7. September d. J. hier zum Besten des\nDombaues Statt finden soll. Es können nicht über 400 Sänger\nangenommen werden; auch wird das Fest auf Einen Tag beschränkt.\nEin „Preissingen\" (ein Choral von vier Minuten, ein Lied oder\nChor von acht Minuten nach eigener Wahl) lür auswärtige Vereine\nwird dabei Statt finden. Die Preise sind Ehren-Geschenke von\nDombau-Freunden.\nMalle. Dem grossen Tondichter Händel, welcher in dieser\nStadt am 13. April 1759 starb, wird daselbst aus Anlass der hun-\ndertsten Wiederkehr dieses Tages ein Denkmal gesetzt werden.\nBerlin. Der Kaiser von Russland hat dem General-Intendan-\nten Grafen Redern und Herrn v. Hülsen den St.-Annen-Orden\nverliehen. Mad. Köster wird nach Ablauf ihres Engagements\nvon der Bühne abtreten.\nEmil Naumann soll an einer Oper „Judith\", deren Text er\nselbst verfasst, arbeiten.\nIfarmstadt. Die Zahl der Sänger bei dem bevorstehenden\nMusikfeste beträgt 700. Das Orchester besteht aus 150 Mann. Die\nTenor-Partie ist von dem hiesigen Opernsänger Grill übernommen\nworden.\nAnton Rubinstein hat ein Oratorium: „Das verlorene Pa-\nradies\", nach Milton's Gedicht vollendet.\nAuch Dresden hat seit Anfang dieses Jahres eine Musik-\nschule, ein Privat-Unternehmen des k. Kanomer-Musicus Friedr.\nTröstler, mit welchem die Herren G. G. Reissiger, Franz Schu-\nbert, E. J. Otto und Joh. Schneider als Directoriurn zusammen ge-\ntreten sind. Die Compositionslehrc hat E. J. Otto übernommen.\nFür alle Orchester-Instrumente sind tüchtige, zum Thei! berühmte\nLehrer da, z. B. Fr. Schubert, A.F.Kummer, M. Fürstenau. Unter\nden Lehrern des Ciavierspiels steht Charles Mayer oben an. Das\njährliche Honorar ist 100 Thlr. und 3 Thlr. Eintrittsgeld; dafür\nwird gelehrt: vollständiger theoretischer Cursus nebst Geschichte\nder Musik und Aesthetik, Gesang, Ciavier und zwei Orchester-In-\nstrumente (nach beliebiger Wahl).\nVon Richard Wagner's Nibelungen-Trilogie sollen die Par-\ntituren der beiden ersten musicalischen Dramen: „Das Rheingold\"\nund „Die Walküre\", vollendet sein.\nHerr Hof-Capellmeister Marschner hat mit seiner Gemahlin\ndieser Tage W'ien verlassen. Die Verlagshandlung F. Glöggl &\nSohn hat die Anwesenheit dieses beliebten, hochgeachteten Com-\nponisten benutzt und mehrere Lieder-Compositionen an sich ge-\nbracht, welche in Kurzem in der genannten Verlagshandlung er-\nscheinen werden.\nLeopold v. Meyer hat die Walachei und Moldau bereis't und\nin Konstantinopel am 14. Juni vor dem Sultan in dessen Palaste\ngespielt. Der Saal war so eingerichtet, dass die türkischen Damen\ndes Hofes hören, aber nicht gesehen werden konnten. Nach einem\ntürkischen Nationalliede bemerkte der Sultan, dass der Künstler\nden Refrain von 24 Tacten ausgelassen habe, und wünschte die\nWiederholung mit dem Refrain. Nachdem Meyer sechs Stücke ge-\nspielt und auch über einen türkischen Marsch phantasirt hatte,\nsagte der Sultan: „Sie sind ein grosser Meister und haben mir viel\nFreude gemacht; aber jetzt hören Sie auf, Sie müssen-müde sein.\"\nAnderen Tages erhielt Meyer eine goldene Dose mit Diamanten,\n8000 Francs an Werth. Am 3. Juli hat er sich nach Alexandria\neingeschifft.\nPaul Cuzent, von dem in dem „Pariser Briefe\" in Nr. 30\ndie Rede war, ist in Petersburg in der vorletzten Woche durch\neinen plötzlichen Anfall der Cholera gestorben. Er hatte die Reise\nmit seiner Gattin dorthin gemacht, um sein Vermögen zu realisiren."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "245", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nAmbrosius Rieder (Lebensskizze). Norddeutsches Männergesang-Fest in Braunschweig am 19., 20. und 21. Juli.\nRobert Schumann f. Tages- und ün terhaltun g s b I a 11 (Köln, Wieprecht's Militär-Concerte, Sängerfest Halle Ber-\nlin Darmstadt - Dresden. Musikschule, #. Wagner - Wien Leopold v. Meyer in Konstantinopel Paul Cuzent f).\n\nAmbrosius Rieder.\n„ Ambrosius Rieder? Wer ist das? Wir kennen den\nNamen nicht ! \" So wird das Geschlecht der jetzigen Zeit\nfragen, das nur den Glanz des Augenblicks sucht und\nkennt, nur der blendenden Stellung huldigt und kein Ge-\ndächtniss und keinen Sinn hat für die stille Grösse, die im\nKampfe mit der Noth des Lebens den schweren Beruf mit\nEntsagung erlüllt und ihm die Zeit bei Tag und Nacht ab-\nstiehlt, um dem höheren Bewusstsein des Innern zu ge-\nhorchen, das aus dem gewöhnlichen Kreise des Lebens und\nWirkens in das Reich der Dichtung zu künstlerischem\nSchaffen und Geniessen treibt.\nAmbrosius Rieder ist eine von jenen Ehrfurcht gebie-\ntenden Gestalten, die nur noch aus dem Boden des deut-\nschen Vaterlandes hervorwachsen, die nichts von der Welt\nverlangen noch erhalten, Alles nur sich selbst verdanken\nund, mit dem bescheidensten Loose zufrieden, sich auf Ein\nGeistiges im Leben concentriren, auf eine Wissenschaft\noder Kunst, aus deren Höhe sie das Elend der Erde nicht\neinen Augenblick herab zu ziehen vermag.\nRieder war 67 Jahre lang Schullehrer in einem\nMarktflecken bei Wien, seit seinem neunzehnten Jahre ver-\nheirathet, Vater von sechs Kindern, in Armuth und Noth,\ngab täglich acht Stunden und mehr, leitete den Chor und\nspielte die Orgel in der Kirche und—schrieb 512 musi-\ncalische Werke der ernstesten Gattung! und erhielt\nseinen Geist rege und sein Herz froh, bis er in seinem\nlünfundachtzigsten Jahre an Altersschwäche sanft und ruhig\ndahinschied. Sprechen wir vielleicht von einem Heros aus\nfrüherer Zeit? Nein, mit uns hat er gelebt, zwei Drittel\nseiner Jahre gehören unserm Jahrhundert an; er ist erst\nam 19. November 1855 gestorben als Lehrer und Regens\nChori zu Perchtoldsdorf bei Wien. Möchten doch die jün-\nGeren Componisten unserer Zeit, die da glauben, wenn sie\neine Partitur oder ein paar hübsche Ciavierstücke geschrie-\nben haben, die ganze Welt müsse ihnen entgegen kommen,\nsie auf den Händen zum Gipfel des Ruhmes tragen und die\nSäckel in ihren Schooss ausschütten, damit sie auf das be-\nquemste dem Genius folgen ( könnten\nmöchten sie sich doch das Lebensbild, die Entsagung und\ndie ungeheure Thätigkeit eines solchen Mannes tagtäglich\nvor Augen halten und sich überzeugen, dass die wahre\nLiebe zur Kunst den Berufenen über alles Irdische erhebt,\nund dass auch unter den ungünstigsten Verhältnissen und\näusseren Bedingungen des Lebens die heilige Flamme der\nKunst sich selbst „vom Rauche reinigt\", wie der Dich-\nter sagt.\nAmbros Rieder wurde den 10. October 1771 zu\nDöbling bei Wien geboren*). Sein Vater, Schullehrer des\nOrtes, sandte den Knaben, bei dem sich Neigung und An-\nlage zur Musik früh offenbarte, zum Grossvater, der in\nWilfersdorf die Chormusik leitete und den Enkel in den,\nAnfangsgründen des Gesanges, des Violin- und Ciavierspiels\nunterrichtete.\nDer Knabe machte überraschend schnelle Fortschritte\nund lernte bald mit Fertigkeit vom Blatte lesen; vorzüglich\naber interessirte ihn das Orgelspiel mit seinen Modulationen,\nund er war ganz Ohr und Auge, wenn der Organist in\nvollen Accorden präludirte oder eine ordentliche Fuge\n\n*) Die folgenden Angaben entnehmen wir der „Neuen Wiener\nMusik-Zeitung\", 1856, vom 29. Mai und 5. Juni. Also selbst\nin Wien, vor dessen Thoren Rieder gelebt hat, wo seine\ngeistlichen Compositionen gedruckt worden sind und noch in\nallen Kirchen gesungen werden, erschien erst sechs Monate\nnach seinem Tode ein Nekrolog! Indess erklärt der Verfasser\ndesselben die Verzögerung durch die Schwierigkeit und den\nWunsch, zuverlässige Nachrichten über das Leben des merk-\nwürdigen Mannes zu erhalten."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "246", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.1.2", "texte": "spielte; auch war seine Freude gross, wenn er die auf sei-\nnem Ciavier angestellten eigenen Versuche im Präludiren\nnicht missglücken sah.\nNach zurückgelegtem zwölftem Jahre liess ihn sein Va-\nter bei dem damaligen Regens in Lichtenthai, Karl\nMartinides, im Generalbass und den Elementen der\nComposition unterrichten. Noch nicht dreizehn Jahre alt,\nwagte er sich an die Verfassung mehrerer kleinen Motetten\nund einer Messe, deren Aufführung und beifällige Aufnahme\njedesmal zum Freudenfeste für ihn wurde. Durch den Zu-\ntritt in das Haus des verstorbenen Dom-Capellmeisters an\nSt. Stephan, Leopold Hoffmann, des Vorgängers Albrechts-\nberger's, hatte er Gelegenheit, seine theoretischen Kennt-\nnisse durch Lehre und Beispiel dieses erfahrenen Musikers,\nnamentlich auch durch eifriges Studium des von dem clas-\nsischen Meister Joh. Jos. Fux verfassten „Gradus ad Par-\nnassum\" zu vervollkommnen, theils durch öftere musicali-\nsche Aufführungen seinen Geschmack zu bilden und zu\nläutern.\nDie Hauptquelle der edlen Richlung und gediegenen\nLeistungen Rieder's wurde jedoch seine persönliche Be-\nkanntschaft mit W. A. Mozart und Joseph Haydri, von denen\nder erstere leider nur zu kurze Zeit ihm leuchten sollte.\nUeber sein erstes Zusammentreffen mit dem Meister\nder Töne, dessen Schöpfungen stets am tiefsten auf sein\nGemüth wirkten, schrieb er folgende Zeilen in sein Tagebuch:\n„Als Jüngling bewunderte ich manch ausgezeichneten\nVirtuosen, sowohl auf der Violine als dem Flügel; aber\nwer kann sich mein Erstaunen vorstellen, als ich so glück-\nlich war, den unsterblichen, grossen W. A. Mozart bei einer\nzahlreich versammelten und ansehnlichen Gesellschaft auf\ndem Pianolorte nicht nur variiren, sondern auch phantasi-\nren zu hören! Dies war für mich eine neue Schöpfung mit\nganz anderem Wesen, als ich bisher zu hören und zu sehen\ngewohnt war. Den kühnen Flug seiner Phantasie bis zu\nden höchsten Regionen und wieder in die Tiefen des Ab-\ngrundes konnte auch der erfahrenste Meister in der Musik\nnicht genug bewundern und anstaunen. Noch jetzt, ein\nGreis, höre ich diese himmlischen, unvergesslichen Harmo-\nnien in mir ertönen und gehe mit der vollsten Ueberzeu-\ngung zu Grabe, dass es nur Einen Mozart gegeben habe.\"\nDen entschiedensten und nachhaltigsten Einfluss auf\nRieder's fernere Bildungs-Periode übte sein inniges Ver-\nhältniss zu dem grossen Contrapunktisten Albrechtsberger*),\ndessen Bekanntschaft er im Jahre 1795, hingerissen von\nseinem kunstgerechten Orgelspiele im Dome zu St. Stephan,\nsuchte, und mit dem er auch bald ein dauerndes Freund-\nschafts-Bündniss schioss. Im mehrjährigen Umgange mit\ndem berühmten Lehrer Beethoven's und so vieler anderen\nmusicalischen Grössen vervollkommnete er sich im theore-\ntischen wie praktischen Wissen, und unter dessen Leitung\nstudirte er mit dem gross!en Eifer namentlich die classi-\nschen Schriften Rirnberger's, Türk's und des gefeierten\nMarburg.\nZu allen diesen Studien musste er sich die Zeit steh-\nlen; denn er war von seinem sechszehnten Jahre an (seit\n1 787) bereits im Schulfache praktisch thätig, seit 1790\nin Döbling, von wo er fast täglich nach Wien spazirte, um\ndort Musik zu hören und sich durch den Unterricht und\nUmgang grosser Theoretiker und Künstler zu belehren. In\nDöbling verheirathete er sich in seinem neunzehnten Jahre\n(1790) ; im Jahre 1840 leierte er seine goldene Hochzeit.\nIm Jahre 1799 kam er um den Dienst als Schulleh-\nrer und Regens Chori im Marktflecken Percb toldsdor 1\nbei Wien bei dem Cardinal von Migazzi ein und erhielt\ndiese Stelle.\nDoch schon der Beginn seiner dreiundlünfzigjährigen,\nhöchst ehrenvollen Laufbahn in diesem Orte sollte durch\ndas Vorspiel der vielen Sorgen und Bitterkeiten getrübt\nwerden, welche er während jener langen Zeil dort zu er-\nfahren hatte und stets mit christlicher Geduld und Demuth\nertrug.\nDer damalige Magistrat von P. protestirle nämlich wi-\nder die geschehene Ernennung. Rieder musste mit dem\nvon der Landesstelle bestätigten Ansteliungs-Decrete in der\nTasche volle drei Jahre auf das Ende dieses Processes war-\nten, bis die höchste Hof-Entscheidung ihm sein Recht\nsicherte und er am 8. Februar 1802 den Dienst unter\nAnfangs günstigen Aussichten antreten konnte. Aber der\nEinfall der Franzosen (November 1805), welche auch\nPerchtoldsdorf hart heimsuchten, zerrüttete die Vermögens-\nVerhältnisse des Ortes und die seinigen, die niemals glän-\nzend gewesen waren. Durch die Wiederkehr der Eroberer\nim Jahre 1809 wurde seine financielle Lage zu einer\nhöchst traurigen, bis das Finanz-Patent von 1811 ihn\nvollends dem grössten Nothstande Preis gab. Darauf folgte\ndie ununterbrochene Kette der Miss- und Hunger-Jahre\n1813 lBl9, wodurch das Elend allgemein wurde und\nnamentlich die Weinbauer-Bevölkerung so tief in Schulden\nund Armuth gerieth, dass sie sich seitdem nie wieder erho-\nlen konnte, und für den armen Schullehrer eine Zeit des\n\n) Johann Georg, geb. 3. Februar 1736 zu Klosterneuburg, seit\nS 792 Nachfolger tJofirnann's als Capellmeister an der Kathe-\ndrale zu St. Stephan, gestorben 7. Mai 1809."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "247", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.1.3", "texte": "Kummers und der Sorgen hereinbrach, während weicher\ner nur in den Zaubertönen der Musik Tröstung fand. Mit\nunermüdlichem, rastlosem Eifer schrieb er um diese Zeit\nseine meisten Kirchen-Compositionen, die sich durch edle\nMelodie, durch Reinheit und Gediegenheit des Satzes, durch\ncorrccte und glückliche Führung der Harmonie und eine\ngewandte contrapunktische Behandlung auszeichnen und\nauch grossenlheils im Stich erschienen sind.\nDarunter befinden sich nebst einer grossen Anzahl\nvon Offertorien, Gradualien, Ta Hymnen u. s. w.\nmehrere sowohl kleinere, eigens für die Landkirchen ge-\nschriebene und äusserst populäre Messen*), als grössere,\nlür die durch Haydn so berühmte Capelle des Fürsten Ester-\nhazy componirt**), von denen insbesondere die grosseMesse\nin C-dur (1811 geschrieben) hervorzuheben ist. Mit einer\nfür den Invaliden-Fonds der im Feldzuge 1813 verwunde-\nten Krieger im Jahre 1814 componirten und bei Steiner\nals Op. 38 erschienenen Messe in halte er das\nGlück, die Allerhöchste Zufriedenheit Sr. Majestät des Kai-\nsers Franz und ein Belobungs-Decret der Landesstelle zu\nverdienen. Von schätzenswerther Gemeinnützigkeit sind\nauch seine sämmtlich im Druck herausgekommenen theore-\ntischen Werke, als: , Anleitungen zum Präludiren und Fu-\ngiren für die Orgel\" (Op. 84, 18 26, bei Diabelli, und Op.\n95, bei Diabelli), sein „Generalbass in Beispielen\" (Op.\n103, 1829 geschrieben und 1833 bei Diabelli heraus-\ngegeben), endlich eine „Anleitung zur richtigen Begleitung\nder Melodieen (der vorgeschriebenen Kirchengesänge), zum\nGeneralbass, Präludiren und Fugiren\" (Op. 105, 1831,\nbei Haslinger).\nDie grossten Verdienste jedoch erwarb sich Rieder\ndurch seine zahlreichen Präludien und Fugen für die Orgel\nund das Ciavier, deren classischer Stil und kunstreicher\nSatz von competenten Stimmen auf das rühmlichste aner-\nkannt wurde. Die Gesammtzahl seiner Präludien ist 92,\ndie der Fugen 154. Von diesen 92 Präludien sin d 65,\nvon den 154 Fugen 81 durch den Stich veröffentlicht\nund nicht nur in den meisten Kirchen Wiens und Oester-\nreichs fast unentbehrlich geworden, sondern in der gesamm-\nten katholischen Welt verbreitet und geschätzt.\nAuch als tüchtiger Violaspieler und Quartettist\nbewährte er sich in den musicalischen Cirkeln, namentlich\nin den beliebten, allen Kunstfreunden unvergesslichen , Au-\ngarten-Concor ten\", wie in den späteren von Schuppanzigh\nveranstalteten Quartett-Unterhaltungen.\nSein liebstes Instrument blieb ihm aber immer die Or-\ngel, die er meisterhaft spielte und auf welcher er oft stun-\ndenlang, mit sich und seinen Gedanken in dem Gotteshause\nallein, zu phantasiren pflegte. Ja, er liess es sich nicht neh-\nmen, dieselbe noch im höchsten Alter, trotz aller körper-\nlichen Gebrechen, selbst fast gänzlicher Taubheit, wenig-\nstens an Festtagen eigenhändig, und zwar in ergreifender,\nbewunderungswürdig correcter Weise, zu spielen. Von sei-\nnen musicalischen Freunden liebte er namentlich Hummel \"),\ndessen vollendete Meisterschaft und staunenerregende .Im-\nprovisationsgabe bekannt sind. Er besuchte Rieder häufig\nund schloss sich oft mit ihm nach geendigtem Gottesdienste\nin der herrlichen Kirche zu Perchtoldsdorf ein, wo sie dann\noft ganze Stunden im begeisterten musicalischen Wett-\nkampfe zubrachten.\nAber nicht allein als theoretischer und praktischer Mu-\nsiker, als ausgezeichneter Componist und Dirigent eines\nzahlreichen Musikchors wirkte Rieder mit bewunderungs-\nwürdiger Thätigkeit, sondern er widmete eben so sehr auch\nseinem Berufe als Volks sch u 11 ehr e r die regste Sorg-\nfalt, und erwarb sich besonders durch gediegenen Gram-\nmatical-Unterricht und die nach den besten Grundsätzen\ngeleitete Bildung der Schuljugend nicht minder grosse und\nwahrhafte Verdienste.\nDurch eine lange Reihe von Jahren hatte der biedere\nMann mit den grössten materiellen Entbehrungen zu käm-\npfen und hat sie stets mit Gottergebenheit ertragen; nun\nbei herannahendem Alter sollte ihn aber ein gerade für\nihn noch weit herberes Unglück treffen: die Töne, sein bis-\nheriger oft einziger Trost im Leiden, sollten ihm für immer\nverschlossen werden.\nEine mit den zunehmenden Jahren sich stets steigernde\nSchwerhörigkeit (Rieder hatte früher ein unendlich feines\nund geschärftes Gehör) ging nach und nach in völlige Taub-\nheit über, und aller Frohsinn, der ihn bis dahin noch im-\nmer nicht verlassen, entschwand jetzt, um nie mehr wieder\nzu kehren.\nSchon am 23. Mai 1832 schrieb er rührende Zeilen\nin sein Tagebuch, die seine Gemüthsstimmung in ergreifen-\nder Weise schildern. Eine dieser Stellen lautet:\n„Herr! Der Du mir den Morgen und Mittag meines\nLebens ertragen halfest, lasse den Abend desselben, der\n\n*) Wovon eine in D 1814 bei Steiner und eine zweite in D,\nOp. 65, 1824 bei Haslinger und eine in C,Op. 76, 1825 bei\nCappi und Czerny aufgelegt wurden.\n**) Auf Veranlassung Hummel's, des damaligen fürstlichen Ca-\npellmeisters.\n*) Yon 1795—1811 Capellmeister des Fürsten Esterhazy starb\nam 17. October 1837 als Capellmeister zu Weimar."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "248", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.1.4", "texte": "sich mit geschwinden Schritten naht, ach, lass ihn schöner\nals den Tag sein! Lassemich, wenn er kommt, so wie den\nsle:benden Tag vor Freude glühen, dass ich Deine Woh-\nnungen, dass ich Deine Herrlichkeiten sehen soll.\nUnd Ihr, meine Kinder und Freunde, die Ihr mir Glück,\nEhre, Reichthum und Alles wäret, die Ihr meine Fehler\nund Schwachheiten um meines Herzens willen übersähet,\nweinet dann einige Thränen um mich, wenn meine schon\nhalb gebrochenen Blicke entzückt um den Himmel schwei-\nfen werden. Segnet im Stillen mein Andenken!\"\nUngeachtet dieses traurigen Geschickes blieb Rieder\nfort und fort thätig; die Hälfte seiner Präludien und Fugen,\nselbst viele Offertorien und andere Kirchen-Compositionen\nfür Chor und ganzes Orchester stammen aus jener Periode\nher. Auch sind hier noch seine zahlreichen Uebersetzungen\nvon Fugen, Fughetten und Chorälen alter Meister, wieTe-\nlemann*) (1837 für Haslinger), Gottlieb Müfiat**) (1837\nfür Haslinger), Joh. Jos. Fux (1839) und anderer zu er-\nwähnen, dessgleichen die von ihm besorgte Uebersetzung\nund Herausgabe von fünfzig Versetten und acht Fugen von\nAlbrechtsberger (1835 bei Haslinger erschienen), so wie\ndie mühevolle Durchsicht und Correctur von nicht weniger\nals 89 Gradualien und eines Buches\nsanet. von Michael Haydn, welche bei Diabelli (1830) auf-\ngelegt wurden.\nDer Verlust seiner innig geliebten Gattin, die ihm 55\nJahre lang treue Gefährtin auf seinem nur zu dornenvollen\nLebenspfade gewesen (sie starb 1845), beugte den 7 sjäh-\nrigen, nun einsam da stehenden Greis zusehends darnieder;\ndoch erst volle zehn Jahre darauf hauchte er seinen bis\nzum letzten Augenblicke fortwährend regen Geist aus.\nEr starb in Folge Altersschwäche am 19. November\n1855 in seinem 85. Lebensjahre; nicht weniger als 67\nJahre brachte er ins Schulfache zu gewiss ein seltenes,\ndoch wahrlich wenig beneidenswerthes Loos; davon 53 an\nEinem und demselben Orte, als Schullehrer und Chor-Re-\ngent in Perchtoldsdorf.\nSeine strenge Rechtlichkeit und Herzensgüte, sein of-\nfener und biederer Sinn, wie sein ausnehmend bescheide-\nnes und gottergebenes Wesen gewannen ihm als Menschen\ndie allgemeine Achtung und Liebe; und als man seine sterb-\nliche Hülle am 21. November in die Grube senkte (der\nSarg wurde nach Rieder's Wunsche von sechszehn seiner\nersten Schüler, grösstenteils schon selbst Grossväter, zu\nGrabe getragen), umstand diese in aufrichtiger Theilnahme\neine ganze grosse Gemeinde: Grossväter, Väter und Enkel,\nwelche alle in ihm ihren dahingeschiedenen Lehrer bewein-\nten. Aber auch so mancher Freund aus der Ferne, für den\nder Name Rieder im Gebrause der letzteren bewegten Jahre\nnicht verklungen war, weihte ihm hier auf dem still-roman-\ntischen Friedhofe von Perchtoldsdorf eine Thräne wehmü-\nthiger Erinnerung.\nWeder ein Verdienstkreuz noch sonst ein äusseres\nZeichen der Anerkennung seines Wirkens zierte die Brust\ndes wackeren, anspruchlosen Mannes; er hatte nie danach\ngegeizt. Nicht zu glänzen, nur zu nützen hatte er gestrebt,\nund in dem Bewusstsein erfüllter Pflichten fand er sich hin-\nlänglich belohnt.\nVon Rieder's sechs Rindern, denen er stets auch ein\nzärtlicher Vater war, sind drei Söhne und eine Tochter\nam Leben. Sein ältester Sohn Johann wirkt, allgemein ge-\nachtet, seit langen Jahren als Schullehrer in Währing, ein\nzweiter, Wilhelm (geb. 1796), ist der bekannte Portrait-\nund Historien-Maler, ein durch Geist und Geschmack aus-\ngezeichneter Künstler, seit 1825 Lehrer der Figuren-\nZeichnung an der k. k. Ingenieur-Akademie, später Profes-\nsor an der Akademie der bildenden Künste und gegenwär-\ntig an der k. k. Genie-Akademie in Wr. Neustadt.\nRieder's letzte Composition, ein Sing-Quartett („Sein\nBild\"), dem ehemaligen Dechanten von Himberg, jetzt Ca-\nnonicus bei St. Stephan, gewidmet, schrieb er am 25. Juli\n1854. Sie trägt die Opus-Zahl 170; dabei ist jedoch zu\nbemerken, dass sämmlliche Compositionen Rieder's bis zum\nJahre 1814 noch keine Nummer tragen, welche er erst\nvon da an seinen Werken und selbst dann nicht allen bei-\nzusetzen pflegte, und namentlich häufig eine grössere An-\nzahl einzelner, völlig selbstständiger Compositionen mit\neiner einzigen Opus-Nummer bezeichnete.\nDas nachfolgende Verzeichnissist nach den (im Besitze\nseiner einzigen, an den gegenwärtigen Schullehrer zu\nPerchtoldsdorf, Herrn Rupp, verheiratheten Tochter befind-\nlichen) eigenhändigen Aufschreibungen und Notizen Rieder's\nmit grösster Sorgfalt und Genauigkeit zusammengestellt.—\n(Die meisten Partituren und Auflegestimmen befinden sich\nin Perchtoldsdorf, viele aber auch in Währing.)\nDie Anzahl der sämmtlichen Werke Rieder's beläuft\nsich nach diesen Aufschreibungen auf die bedeutende Zif-\nfer von 427 selbstständigen Arbeiten, würde sich aber\nrichtiger nach Auflösung der mit * bezeichneten in ihre\n\n*) Georg Michael, Enlcel Georg Philipp Xelemann's, 1748 20.\nApril in Nolslein geb., Musik-Director zu Riga 1773 4.\nMärz 1831 f.\n**) Müfiat, Gottlieb, Schüler Fux's, 1727 Hof-Organist bei Karl VI."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "249", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.1.5", "texte": "Bestandteile auf nicht weniger als 512 (262 im Stich\nund 250 in Manuscript) erhöhen.\nVerzeich niss.\nIm Stich In Ma-\nerschienen. nuscripf.\n20 Messen, davon 4 16\n2 Requiem 1 1\n1 Litanei 1\n41 Offertorien • . . 20 21\n18 Gradualien . . * 6 12\n13 Tantum ergo, Veni sancte\nges, Benedictus etc 6 7\n1 Oper „Der Traum im Walde\" (1804) 1\n19 Cantaten und Chöre l9\n38 vierstimmige Hymnen und Gesänge,\ndarunter 14 Trauergesänge (mit non\nadmittiturbezeichnet) 1 37\n38 Gesänge mit verschiedener Begleitung 13 25\n2 Trauermärsche 2\n1 Streich-Quintett 1\n10 Streich-Quartette 6 4\n4 Violin-Duette 3 1\n1 Sonate für Ciavier, Violine u. Violoncell 1\n8 Sonaten für Ciavier und Violine ... 5 3\n9 Variationen und Uebungen für Ciavier\n(eigentlich 40, alle in Druck) ... 9\n68 *Präludien für Orgel od. Ciavier (eigent-\nlich 92, davon im Druck 65, in Man. 27) 45 23\n129 *Fugen u. Fughetten (eigentlich 154,\ndavon im Druck 87, in Man. 67) . .75 54\n4 Theoretische Werke 4\n\nNorddeutsches Männergesang-Fest in Braunschweig\nam 19., 20. und 21. Juli.\nSeitdem der gesellige Theil an den Männergesang-\nFesten nicht mehr der hervorragendste ist und die fleissige\nCultur dieses der deutschen Nation bis jetzt eigenthüm-\nlichen Feldes ausübender Tonkunst ein Zusammenwirken\nselbst der grössten Massen möglich gemacht hat, verlohnt\nes sich nicht allein der Mühe, sondern gereicht es auch zu\ngrossem Vergnügen, solchen Gesammt-Auflührungen die\ngrösste Aufmerksamkeit zu widmen, weil die Wirkung bei\neiner so bedeutenden Menge von Kräften eine um so man-\nnigfaltigere und gewaltigere ist.\nDem Männergesang-Vereine Braunschweigs, welcher\nseit mehreren Jahren aus dem von den übrigen Vereinen\ndieser Stadt mit den um den Elmwald liegenden Städten\ngebildeten Elmsänger-Bunde ausschied und sich dem nord-\ndeutschen Liedertafel-Bunde anschloss, lag lür dieses Jahr\ndie Leitung des Bundesfestes ob, mit welchem zugleich die\nFeier des fünfundzwanzigjährigen Bestehens dieses Bundes\nzusammenfiel. (Jeher fünfzig Vereine waren zu dem Feste\nerschienen und vereinigten sich, nachdem dieselben in fest-\nlichem Zuge nach dem Altstadt-Rathhause gelührt und hier\nvon dem Oberbürgermeister der Stadt begrüsst worden\nwaren, in den weiten Bäumen der Aegidien-Kirche zur Ge-\nneralprobe und später am folgenden Tage zur Aufführung\nder Gesammtgesänge, welche in folgenden Nummern be-\nstanden:\nSanctusaus dem Requiem von Cherubini, Solo-Quar-\ntett aus den Burscheitfahrten von Julius Otto, Gebet vor\nder Schlacht von Franz Abt, die Harmonie von Wilhelm\nTschirch, Meeresstille und glückliche Fahrt von Fischer,\nAn das Vaterland von Kreuzer, Abendläuten von Methfes-\nsel, Festgesang von Mendelssohn.\nMan sieht, das Programm war mit Geschmack und\nwohl überlegter Rücksicht auf Abwechslung und Massen-\nwirkung zusammengestellt, und daneben auch die Eigen-\nthümlichkeit der Localität, welche vermöge der hohen Ge-\nwölbe und grossen, unbekleideten Wandflächen zu schnelle\nZeitmaasse und künstliche Rhythmen fast verbot, nicht\nausser Acht gelassen.\nAltmeister Spohr, welcher auf Einladung das Fest mit\nseiner Gegenwart beehrte, übernahm die General-Leitung,\nwährend die Compositionen der gleichfalls anwesenden Ton-\ndichter Otto, Tschirch, Fischer und Abt von diesen selbst\ndirigirt wurden.\nDas Sanctus wurde in so fern gut ausgeführt, als die\nBearbeitung die Singstimme durch die Instrumente nicht\ndeckte und jene zu voller Geltung kommen liess, so dass\ndie Yerhältnissmässig stark vertretenen und kraftvollen Bässe\nbei einigen Stellen, z. B. dem „Hosianna in der Höhe\",\neine ergreifende Wirkung hervorbrachten. Die grosse An-\nzahl der Stimmen (nahe an 1000) folgte der festen Di-\nrection Nestor Spohr's mit bewundernswerther Leichtigkeit\nund hielt gut Ton.\nOtto's Ständchen wurde in dreifacher Besetzung durch\nSänger aus verschiedenen Städten des Bundes vorgetragen,\nund das darin unter Begleitung der übrigen Stimmen sich\nleicht und natürlich entwickelnde Bariton-Solo rein und\nausdrucksvoll gesungen. Den Kennern dieses nicht leicht\nmodulirten Quartettes bangte vor der reinen Durchführung\ndes Mittelsatzes: „Rauschende Wipfel, wonnige Düfte\","}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "250", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.1.6", "texte": "einem wahren Prüfstein guten Zusammensingens, der bei\nseinem Es-dur-Schlüsse gewöhnlich einige harmonische\nDifferenzen erkennen lässt; dessen ungeachtet überwanden\ndie Sänger die Klippen der schwierigen Stimmführung und\nlangten im Hafen des darauf wieder einsetzenden\nmit völlig reiner Intonation an. (Gewöhnlich wird aus dem\nzu eifrigen Bestreben nach reinem Tone zu hoch gesungen,\nindem dadurch die Unbefangenheit verloren gellt.) Der gute\nVortrag nahm, wie in der Probe, die Aufmerksamkeit des\nChors so sehr in Anspruch, dass derselbe die wenigen\nSchlussnolen: „Gute Nacht!\" nicht so präcis einsetzte,\nwie wohl zu wünschen gewesen wäre.\nAbt's Schlachtgebet, eine durch gut berechnete Stei-\ngerung der Stimmkraft und natürlichen Ausdruck sich aus-\nzeichnende Composition, bewies aufs Neue das Geschick die-\nses Componisten, für grosse Chormassen zu schreiben und\ndiese Massen mit Umsicht zu leiten. Das tiefe der Bässe,\nwelches durch die Menge der Stimmen zu einer sonoren\nStärke anwuchs, trug die einleitenden Tacte vollkommen\nund liess sogar die doppelt punktirten Viertel mit den nach-\nfolgenden Sechszehnteln mit grosser Genauigkeit hören.\nDie harmonisch frappante Stelle: „Du wollst Dich unsrer\nNoth königlich rettend erbarmen * (von C-dur nach As-dur\nmit dazwischen liegender halber Tactpause), wurde von\nallen Stimmen rein eingesetzt, wuchs vom äussersten\nbis zum Forte mächtig an und leitete 7,ur dritten deciama-\ntorischen Klimax des Liedes angemessen hinüber. Die gut\nberechnete Anlage dieser Composition und die praktische\nStimmführung in allen Lagen wird ihr stets willige Sänger\nund eine bedeutende Wirkung bei dem Zuhörer sichern.\nDen Schluss der ersten Abtheilung machte Tschirch's\nHarmonie, eine umfangreichere Tondichtung von vier Sätzen\nmit Begleitung von Bias-Instrumenlen. Wenn unter vielen\nder lebenden Quartett- und Lieder-Componisten sich in der\nArt und Weise ihrer Rhetorik eine gewisse Verwandtschaft\nerkennen lässt, die sich sogar bis auf einzelne Phrasen er-\nstreckt und bestimmte Empfindungen mit demselben Aus-\ndruck, in derselben Form gibt, so hat sich Tschirch frei\nvon jeder Manier erhalten und geht seinen eigenen, ur-\nsprünglichen Weg. Ihm gilt der Gedanke offenbar mehr als\ndie äussere Einkleidung, Arbeit und Charakter mehr als\nmelodische Form. Es soll damit nicht gesagt sein, dass er\nletztere vernachlässige: im Gegentheil, er schmälert ihr nicht\ndas gebührende Recht, nur legt er nicht mehr Gewicht\ndarauf, als jene wichtigeren Rücksichten gestatten, und da-\nfür sind wir ihm im Grunde dankbar, weil er uns dadurch\nvor der Gefahr bewahren hilft, hohles Declamations-Pathos\nvom Theater auf den Volksgesang in Lied, Quartett und\nChor übertragen zu sehen. Aber eben diese sorgfältige Ar-\nbeit gab wenigstens dieser seiner Composition in einzelnen\nTheilen noch etwas Schwerlälliges, Gemachtes, weiches na-\nmentlich in der Fuge des letzten Satzes den Hörer fast zu\nkeiner ruhigen, unbefangenen Aufnahme des Werkes kom-\nmen liess, da er sich die geräuschvolle Bewegung, welche\nvor seinen Ohren tönte und wogte, auf die verschieden-\nartigste Weise zu deuten suchte. Ob der Grund darin lag,\ndass vier Männerstimmen thematisch über und neben\neinander arbeiteten, wohingegen bei Fugen für vollen Chor\ndie weichere Natur der Frauenstimmen der strengen Arbeit\ndas Herbe nimmt: genug, der ästhetische Eindruck dieser\nFuge war ungeachtet tactfester und genauer Ausführung\ndurch den Chor kein guter. Im Ganzen liess das Werk\njedoch tiefe Auffassung und Wärme der Empfindung er-\nkennen, die nur der Durchbildung zu reinem Ausdrucke\nharren, um den jungen Meister, der nebenbei in seiner\n„Nacht auf dem Meere\" eine vollkommene Herrschaft über\ndas Orchester bekundet, in die Reihen derjenigen unserer\nComponisten eintreten zu lassen, die sich nicht bloss auf\ndas Lied und das Männer-Quartett beschränken.\nDie zweite Abtheilung begann mit Fischer's „Meeres-\nstille\", einer gefälligen und charakteristischen Composition,\ndie namentlich im ersten Theile eine glückliche Malerei\nentfaltete. Das Thema des Allegro dagegen war nicht so\nbedeutend, um an sich von Wirkung zu sein; der Dirigent\nersetzte dies durch schnelles Zeitmaass, ohne jedoch ganz\nseinen Zweck zu erreichen. Auch dieses Werk war mit\nOrchester-Begleitung geschrieben, was unserer Meinung\nnach bei vierstimmigem Männergesange desswegen immer\nmisslich bleibt, weil die Stimmen ihrer Lage nach fast immer\nvom Orchester gedeckt werden, indem das Feld, auf dem sie\nsich bewegen, ein zu enges ist. Dreistimmig (s. Mozart's Chor:\n0 Isis!) zweistimmig und unisono nur kommen Männerchöre\nneben dem Orchester zu voller Geltung. Ausserdem hatte der\nCompomst in der Instrumentation einzelner Stellen nicht\nVorsicht genug beobachtet und durch zu starken Effect\nsich den Effect verdorben, z. B. bei den Worten: „Todes-\nstille fürchterlich\", wo die Blas-Instrumente das „fürchter-\nlich\" durchaus deckten und den Gesang, der an sich den\nAusdruck dieser Stelle schon bezeichnend genug gegeben\nhaben würde so war er in den Noten gesetzt —, ganz\nonhörbar machten. Die Ausführung durch den Chor war\ngut und namentlich in der Pianostelle mit den charakteristi-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "251", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.1.7", "texte": "sehen Pausen: „reget kei-ne Wel-le sich\", für die Chor-\nmassen ausgezeichnet zu nennen.\nDie beste Leistung war unstreitig Kreutzer's „An das\nVaterland\" zu Uhland's vortrefflichen Worten (ohne Be-\ngleitung). Es liegt in dieser harmonisch und melodisch so\neinfachen Composition ein so edles und ergreifendes Pathos,\nund trotz dieser Einfachheit doch eine so dem Sinne des\nTextes entsprechende Charakteristik, dass man nicht genug\nauf eine solche Arbeit, gegenüber modernen Künsteleien, als\nMuster in ihrer Gattung hinweisen kann. Mag man die\nAuffassung in der Stelle gegen den Schluss hin, weiche bei\nden Worten: „was gelten diese Lieder dir\", den Accent\nauf das „was\" legt und den ersten Tenor sich melodisch\netwas lahm bewegen lässt, immerhin tadeln, alles Uebrige\nist vortrefflich und lässt diesen Mangel übersehen. Der fein\nberechnete und doch sich so natürlich bildende Gegensatz\nzwischen den Worten: „Nach solchen Opfern—diese Lie-\nder\", war von höchster Wirkung, und eben weil diese\nWirkung unmittelbar und von keiner Instrumental-Nach-\nhülfe verdeckt und gehindert war, erfolgte der Beifall in so\nreichem Maasse.\n„Das Abendläuten\" unseres alten Methfessel ist eines\nvon jenen abgerundeten, angenehmen Liedern, welche im-\nmer seltener werden und den gegenwärtigen Geschmack\ndesswegen nicht mehr so ansprechen, weil in ihnen, wie\nim Liede doch sollte, nur eine Stimmung, keine Malerei\nund kein ergreifendes Pathos ausgedrückt ist; man erwar-\ntete nach dem Titel allerdings Malerei, wie sie viele neuere\nLieder und Quartette in Bezug auf Glockengeläute enthal-\nten ; aber dem alten Freiheitssänger von 1815 war die\nForm des Liedes doch zu heilig, als dass er sie, selbst auf\ndie Gefahr, keinen Beifall bei der Menge zu finden, hätte\nopfern sollen. Ein darin vorkommendes Solo wurde nament-\nlich im ersten Tenor recht zart und rein gesungen.\nMendelssohn's „Sieges-Hymne\" machte den Beschluss\nund rief Altmeister Spohr nochmals an die Spitze des gan-\nzen grossen Chors und Orchesters. Unserer vorhin ausge-\nsprochenen Ansicht gemäss hatten nur die dreistimmigen,\nmehr natürlich noch die zweistimmigen und unisonen Sätze\nihre volle Wirkung neben den Instrumenten, so dass letz-\ntere ihren Zweck, den einer kräftigen Unterstützung, in\ndiesen Sätzen vollkommen erfüllten, in den streng vierstim-\nmigen hingegen wieder die Stimmen zum Theil deckten.\nHöchst schwungvoll wurde das Lied vorgetragen, und er-\nhielt das Concert durch diese Nummer überhaupt einen\nwürdigen Abschluss.\nNeben diesen Piecen lür Chor waren noch die Ouver-\ntüren zu „Jessonda\" und „Oberon\" vom Orchester vor-\ngetragen worden.\nAn die Sonntag Nachmittags im Holland'schen Garten\nabwechselnd mit den Orchester-Aufführungen im Freien\nvorgetragenen Lieder der verschiedenen Vereine lässt sich\naus dem Grunde kein künstlerischer Maassstab anlegen,\nweil das unruhige Wetter, die kurz vorher Statt gefun-\ndene Mittagstafel und das grosse, geräuschvolle Menschen-\ngewühl nicht ohne nachtheiligen Einfluss auf dieselben blieb.\nDoch belebten sie die Geselligkeit des Festes im höchsten\nGrade, welches am folgenden Tage, Montag, darauf mit\neiner Fahrt nach Harzburg, einem nochmaligen Garten-\nConcerte und Abends mit einem Balle in dem grossen Fest-\nzelte schloss.\nSchliesslich versäume ich nicht, bezüglich des hiesigen\nmusicalischen Lebens noch anzulühren, dass unser Freu-\ndenthal, derComponist der „Barden\", eine neue Carnevals-\nOper vollendet hat, welche die erste an drastischer Komik\nwie im Stil noch übertreffen dürfte und deren Aufführung\nim nächsten Herbste bevorsteht, so wie, dass hier ein Ver-\nein im Entstehen begriffen ist, welcher sich die Aufführung\nausschliesslich geistlicher Musik, und zwar in der Kirche\nwährend des Gottesdienstes selbst, zum Zwecke gesetzt hat.\n\nKöln, den 31. Juli.\nAus Bonn erhalten wir die Nachricht, dass Ro-\nhert § eil II 111 an 11 am 29. Juli zu Endenich sanft\nentschlafen ist. Heute geleiteten seine Freunde die Leiche\nnach dem Kirchhofe zu Bonn. Wenngleich die Trauer-\nBotschaft eine erschütternde ist, so war doch eine milde\nAuflösung der Bande, die seinen Körper noch an die Erde\nfesselten, die alleinige Hoffnung aller derer, die ihn liebten\nund ehrten, da die Unheilbarkeit seines Zustandes leider\nkeinem Zweifel mehr unterlag. Die Flamme, die in seinem\nHerzen lür die Tonkunst loderte, hatte den rastlos schaffen-\nden Geist verzehrt; sein Denkmal sind seine Werke.\n\nTagfes- und Unterhaltungs-Blatt.\nMölii. Herr Wie p r e c h t, Director der Militär-Musikcorps\nder königlichen Garde-Regimenter in Berlin, hat hier in den letz-\nten Wochen vier Militär-Concerte gegeben, wozu er die vier Mu-\nsikcorps der in Köln und Deutz siehenden Regimenter (Inf.-Reg.\nNr. 16, 30, 33, Cuirassier-Reg. Nr. 8) unier seine Leitung verei-\nnigte und theils Öriginal-Compositionen für Regiments-Musik, na-\nmentlich Märsche, theils und zwar zur grösseren Hälfte Cebertra-\ngungen von Orchester-, Gesang- und Clav.ier-M»jsik aufführte. In\nv . ■ ' \\ ' : : . *"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "252", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560802-01.1.8", "texte": "diesen Uebertragungen zeigt er hauptsächlich sein bedeutendes Ta-\nlent, so dass, abgesehen von dem Eindrucke, den eine wohlbesetzte\nMilitär-Musik stets auf das grosse Publicum macht, auch der Mu-\nsiker von Fach mit Interesse der Art und Weise folgt, wie Herr\nWieprecht instrumentirt und alle Mittel, die ihm von der Pickel-\nflöte bis zur Bass-Tuba und der grossen und kleinen Trommel zu\nGebote stehen, mit ausserordentlicher Sachkenntniss und Gewandt-\nheit, ja, mit einem ganz besonderen Genie benutzt, um eine Wir-\nkung hervorzubringen, bei welcher man die Saiten-Instrumente so\nwenig wie möglich vermisse. Von den letzteren wendet er näm-\nlich nur Contrabässe an, was wir für sehr zweckmässig halten.\nIndess gehört bei der Kunst, mit welcher er die Farbenklänge der\nRias-Instrumente zu mischen versteht, an vielen Stellen ein feines\nOhr dazu, um diese von dem Klange der Saiten-Instrumente zu\nunterscheiden. Wenn nun auch bei den Arrangements von Ouver-\ntüren und Sinfonieen allerdings der Reiz der Zweichörigkeit von\nSaiten- und Blas-Instrumenten sich nicht ersetzen lässt, so leistet\nWieprecht doch Aehnliches durch die Contraste der Holz- und\nBlech-Instrumente, und vielleicht wird er bei Verfolgung dieses\nWeges noch immer mehr erreichen. Auch lässt sich in anderer\nBeziehung nicht läugnen, dass manche Intentionen des Orchester-\nComponisten durch die Schärfe besonders der Blech-Instrumente\ndeutlicher werden, als im Orchester, wie dies zum Beispiel bei\ndem fugirten Satze in dem Trauermarsch der Sinfonia eroica nicht\nbloss bei den Einsätzen des Thema's, sondern auch bei den Durch-\nführungen auf überraschende Weise hervortrat.\nVon W'ieprecht's eigenen Compositionen haben uns einige De-\nfilirmärsche, z. B. der auf das erste Motiv des Dessauer Marsches\ngearbeitete, durch Frische der Melodie und Schwung recht ange-\nsprochen. Von anderen Original-Compositionen fand der Triumph-\nmarsch von F. W. Voigt mit Recht grossen Beifall. Unter den\nArrangements sind besonders noch auszuzeichnen der Trauermarsch\naus der von Beethoven und Weber's Ouvertüre zur\nEuryanthe.\nVier von den hiesigen Sänger-Vereinen, die Concordia, die\nHarmonie, der Bürger- und der Handwerker-Gesang-\nverein, veranstalten unter der Leitung des Herrn W. Herx ein\nSänger fest, das am 7. September d. J. hier zum Besten des\nDombaues Statt finden soll. Es können nicht über 400 Sänger\nangenommen werden; auch wird das Fest auf Einen Tag beschränkt.\nEin „Preissingen\" (ein Choral von vier Minuten, ein Lied oder\nChor von acht Minuten nach eigener Wahl) lür auswärtige Vereine\nwird dabei Statt finden. Die Preise sind Ehren-Geschenke von\nDombau-Freunden.\nMalle. Dem grossen Tondichter Händel, welcher in dieser\nStadt am 13. April 1759 starb, wird daselbst aus Anlass der hun-\ndertsten Wiederkehr dieses Tages ein Denkmal gesetzt werden.\nBerlin. Der Kaiser von Russland hat dem General-Intendan-\nten Grafen Redern und Herrn v. Hülsen den St.-Annen-Orden\nverliehen. Mad. Köster wird nach Ablauf ihres Engagements\nvon der Bühne abtreten.\nEmil Naumann soll an einer Oper „Judith\", deren Text er\nselbst verfasst, arbeiten.\nIfarmstadt. Die Zahl der Sänger bei dem bevorstehenden\nMusikfeste beträgt 700. Das Orchester besteht aus 150 Mann. Die\nTenor-Partie ist von dem hiesigen Opernsänger Grill übernommen\nworden.\nAnton Rubinstein hat ein Oratorium: „Das verlorene Pa-\nradies\", nach Milton's Gedicht vollendet.\nAuch Dresden hat seit Anfang dieses Jahres eine Musik-\nschule, ein Privat-Unternehmen des k. Kanomer-Musicus Friedr.\nTröstler, mit welchem die Herren G. G. Reissiger, Franz Schu-\nbert, E. J. Otto und Joh. Schneider als Directoriurn zusammen ge-\ntreten sind. Die Compositionslehrc hat E. J. Otto übernommen.\nFür alle Orchester-Instrumente sind tüchtige, zum Thei! berühmte\nLehrer da, z. B. Fr. Schubert, A.F.Kummer, M. Fürstenau. Unter\nden Lehrern des Ciavierspiels steht Charles Mayer oben an. Das\njährliche Honorar ist 100 Thlr. und 3 Thlr. Eintrittsgeld; dafür\nwird gelehrt: vollständiger theoretischer Cursus nebst Geschichte\nder Musik und Aesthetik, Gesang, Ciavier und zwei Orchester-In-\nstrumente (nach beliebiger Wahl).\nVon Richard Wagner's Nibelungen-Trilogie sollen die Par-\ntituren der beiden ersten musicalischen Dramen: „Das Rheingold\"\nund „Die Walküre\", vollendet sein.\nHerr Hof-Capellmeister Marschner hat mit seiner Gemahlin\ndieser Tage W'ien verlassen. Die Verlagshandlung F. Glöggl &\nSohn hat die Anwesenheit dieses beliebten, hochgeachteten Com-\nponisten benutzt und mehrere Lieder-Compositionen an sich ge-\nbracht, welche in Kurzem in der genannten Verlagshandlung er-\nscheinen werden.\nLeopold v. Meyer hat die Walachei und Moldau bereis't und\nin Konstantinopel am 14. Juni vor dem Sultan in dessen Palaste\ngespielt. Der Saal war so eingerichtet, dass die türkischen Damen\ndes Hofes hören, aber nicht gesehen werden konnten. Nach einem\ntürkischen Nationalliede bemerkte der Sultan, dass der Künstler\nden Refrain von 24 Tacten ausgelassen habe, und wünschte die\nWiederholung mit dem Refrain. Nachdem Meyer sechs Stücke ge-\nspielt und auch über einen türkischen Marsch phantasirt hatte,\nsagte der Sultan: „Sie sind ein grosser Meister und haben mir viel\nFreude gemacht; aber jetzt hören Sie auf, Sie müssen-müde sein.\"\nAnderen Tages erhielt Meyer eine goldene Dose mit Diamanten,\n8000 Francs an Werth. Am 3. Juli hat er sich nach Alexandria\neingeschifft.\nPaul Cuzent, von dem in dem „Pariser Briefe\" in Nr. 30\ndie Rede war, ist in Petersburg in der vorletzten Woche durch\neinen plötzlichen Anfall der Cholera gestorben. Er hatte die Reise\nmit seiner Gattin dorthin gemacht, um sein Vermögen zu realisiren."}]}