{"numero_id": "bm-bmtnabi-1856-08-09-01", "volume": "bmtnabi_1856-08-09_01", "ocr_sha256": "b3b5ef06c4e0c75956737516d964a38988a5fa673d8500e651f022594ed1fbda", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1856/08/09_01/bmtnabi_1856-08-09_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1856-08-09-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-08-09_01#c001", "volume": "bmtnabi_1856-08-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "253", "page_fin": "253", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "253", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 394, "texte": "Inhalt.\nNachruf an R. Schumann. Von F. Hiller. Pariser Briefe. Von B. P. 11. (Valentine von Halevy Le Bousard\nund Mam'Zelle Genevievevon A. Adam. Fiorina von Pedrotti von Bottesini). Aus Aachen (Concert-\nAufführungen der Saison). Theodor Pixis f. Aus Hamburg (Bach-Gesellschaft). Tages- und ünt er h alt un gsblatt\n(F. Hiller's „Rhythmische Studien\" Wien Paris, Marco Bordogni f Adela Ristori)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-08-09-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-08-09_01#c002", "volume": "bmtnabi_1856-08-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "253", "page_fin": "254", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.2.2", "titre_corps": "Nachruf an Robert Schumann.", "titre_sommaire": "Nachruf an Robert Schumann.", "signature_source": "Ferdinand Hiller", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "253", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.1", "debut_caractere": 396, "fin_caractere_exclue": 4005, "texte": "Nachruf an Robert Schumann.\n\nGestern Abends gaben wir Robert Schumann das letzte\nGeleite!\nDie jungen Sängerbrüder der Concordia trugen den ein-\nlachen Sarg, welchen ein Lorberkranz schmückte. Joachim,\nBrahms und Dieterich, die ihm im Leben so nahe gestan-\nden, gingen voran, der Geistliche folgte, neben ihm der\nBürgermeister von Bonn, dem sich eine bedeutende Anzahl\nwürdiger Männer angeschlossen. Feierlich erklangen die\nTöne erzener Instrumente, erzener Melodieen, jener Cho-\nräle, die nun schon durch Jahrhunderte so manche Freude,\nso vieles Leid verklären. Feierlich bewegte sich der Zug\ndurch die Strassen Bonns, dessen Einwohner ihm mit Iheil-\nnehmenden Blicken zu folgen schienen. Auf dem Friedhofe\nangelangt, bildete sich ein Kreis um das offene Grab. Hinab\nward der Sarg gesenkt—aus den dichten Reihen schlüpfte\nhier und da eine zarte Frauengestalt hervor und liess einen\nStrauss, einen Kranz ihren Händen entgleiten auf den Sarg\nin der Tiefe es dauerte nicht länger, als man eine Thräne\nweint. Herr Pastor Wiesmann aber ergriff eine Schaufel\nvoll Erde und warf sie hinab, und sprach die alten, gefeste-\nten Worte: „Von der Erde bist du kommen, zu Erde\nmusst du werden,\" und betete. Und daraufsprach er ernste\nWorte über die Gaben und Schicksale des Verewigten,\nund die Sänger der Concordia sangen ein wehmüthig Lied.\nUnd wieder ertönte eine feierliche Choralweise und wir\nnahmen Jeder eine Hand voll Erde und warfen sie hinab\neine letzte, arme, kalte Liebesgabe! Unterdessen war\ndie Sonne hinabgesunken, und Alles lös'te sich auf in un-\nbestimmte Massen und Schatten— und die Menge, welche\nnoch eben zusammengehalten gewesen war von einem ge-\nmeinschaftlichen Gegenstande ihres Antheils, zerstreute sich\n—wie ja Alles schnell aus einander iällt, wo die bindende\nKraft zu wirken aufgehört, wo der gestaltende Kern der\nVernichtung anheimgefallen. Armer Schumann!\nUnd doch durften einst Könige dich beneiden! Du be-\nherrschtest mit einem goldenen Scepter eine herrlich tö-\nnende Welt, und schufst und wirktest darin mit Kraft und\nFreiheit. Und viele der Besten schlössen sich dir an, gaben\nsich dir hin, begeisterten dich durch ihre Begeisterung und\nlohnten dir durch die tiefste Neigung. Und welch eine Liebe\nschmückte dein Leben! Ein Weib, angethan mit der Strah-\nlenkrone des Genius, stand dir zur Seite, und du warst ihr\nwie der Tochter der Vater und wie der Braut der Bräuti-\ngam und wie dem Jünger der Meister und wie dem Gläu-\nbigen der Heilige. Und als sie nicht mehr an deiner Seite\nsein und von deinen Wegen jedes Steinchen entfernen\ndurfte, da fühltest du mitten in Träumen und Leiden aus\nder Ferne ihre schützende Hand, und als der Engel des\nTodes Mitleiden mit dir hatte und sich deiner geängstigten\nSeele nahte, um ihr wieder zu Licht und zu Freiheit zu\nverhelfen, da begegnete in den letzten Stunden dein Blick\ndem ihren, und liebeverklärt zog dein müder Geist von\nhinnen.\nDein müder Geist! Zu viel hattest du ihm abverlangt.\nWas in geweihter Stunde dem dankbar Empfangenden zu\nTheil werden mag, das fordertest du als ein Recht jeden\nAugenblickes. Und wie in den Orangen-Hainen Italiens in\nstets sich drängender Ueppigkeit Blüthen und Früchte an\ndemselben Zweige prangen, so sollte dein Genius in un-\nunterbrochenem Keimen und Blühen und Reifen seine gol-\ndenen Aepfel dir zu Füssen legen. Lange gehorchte er\nwillig, und wer vermöchte zu sagen, wie er sich mit dir\nentzweite? Ach, vielleicht war es nur ein kurzes Schmol-\nlen, wie es ja zwischen den besten Freunden vorkommt,\nund nur unseren blöden Augen erschien es wie ein Zer-\nwürfniss, und Ihr seid wieder im besten Einvernehmen und"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "254", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1843, "texte": "lächelt über alles, Was wir hier von Euch sprechen, und\nlächelt milde, und verzeiht es uns!\nAber ich fürchte kein Lächeln niederer oder höherer\nGeister, lieber Schumann, wenn ich von der Hoheit deines\nStrebens spreche, und von seiner Wahrhaftigkeit und\nTreue. Du warst ein echter Künstler, und was darin liegt\nvon kräftigem unbestechlichem Wollen, von hingebender\nThätigkeit, von ausharrendem Muthe, das wissen nicht Viele.\nUnd du warst milde und gut und gerecht gegen Andere,\nsoweit es zu sein einem sterblichen Menschen verliehen ist.\nAus deinen Melodieen schimmert die Anmuth einer holden\nSeele, strahlt die Wärme eines liebenden Herzens. Stille\nsassest du da und horchtest dem Wogen und Tönen und\nFJuten in deinem Innern, und all den wundersamen Harmo-\nnieen, die da lebten wie die Blumen auf dem Grunde des\nMeeres aber den Einflüsterungen kleinlicher Eitelkeit, die\nallzu oft mit Melodieen und Accorden zusammensummen\nin der Seele des Tonkünstlers, denen gabst du kein Gehör\n—, sie suchten dich auch wohl gar nicht heim; denn sie\nwussten, es war verlorene Mühe !\nAber deine Werke sind dir zu desto schönerem\nSchmucke geworden, und werden deinen Namen besser\nzieren, als verliehene Auszeichnungen es je zu thun ver-\nmocht. Um die Grabesstätte, welche die Stadt Bonn auf\nihrem schönen, an grossen Erinnerungen reichen Friedhofe\ndir ausgesucht, sind fünf junge Platanen gepflanzt. Die\nSchattenfülle, die sie in späten Jahren um deinen Grabes-\nhügel verbreiten werden, sei das Bild von der Wirkung\ndeiner Schöpfungen. Und du ruhe jetzt, trefflicher Meister,\nwenn Ruhe unsterblichen Geistern beschieden, und freue\ndich des vielen Guten und Schönen, das du geschaffen in\nWorten und in Tönen, und aller Liebe und Verehrung\nfreue dich, die dir da blüht in so vielen Herzen im grossen\ndeutschen Vaterlande!\nKöln, 1. August 1856.\n\nFerdinand Hiller."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-08-09-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-08-09_01#c003", "volume": "bmtnabi_1856-08-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "254", "page_fin": "256", "image_debut": 2, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.2.3", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "B. P", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "254", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.2", "debut_caractere": 1845, "fin_caractere_exclue": 4897, "texte": "Pariser Briefe.\n\n[Musterung der musicalisch-dramatischen Neuigkei-\nten auf den pariser Opernbühnen im Winter 1855\n1856. Uebersicht der Concert- und Kammermusik.]\n(I. S. Nr. 30.)\nII.\n[Valentine d'Aubigny von Halevy Le Housard und Mam'zelle\nGenevieve von A. Adam Italienische Oper: Fiorina von Pe-\ndrotti L'Assedio di Firenze von Bottesini.]\nIch komme zu dem neuesten Werke Halevy's. Es\nist zu bedauern, dass auch dieser doch so literarisch ge-\nbildete Componist einen Text in Musik setzen konnte, des-\nsen Lebensiähigkeit jedem Laien auf den ersten Blick sehr\nzweifelhaft erscheinen musste. Es ist überhaupt merkwür-\ndig, wie oft die gebildetsten und nicht bloss in der Musik\nurteilsfähigsten Componisten trotz alledem in dieser Be-\nziehung fehl greifen!\nDie Valentine d'Aubigny, drei Acte, wurde den 26.\nApril dieses Jahres zum ersten Male auf dem Theater der\nkomischen Oper aufgeführt. Zwei Cavaliere treffen sich im\nGasthofe zu Fontainebleau; Gilbert reis't nach Paris, um\nValentine, eine Spielgenossin seiner Jugend, die er aber\nseit der Kindheit nicht wieder gesehen, zu heirathen; Bois-\nrobert hat sich von Paris weg gemacht, um die Sängerin\nSylvia nicht zu heirathen, obwohl er sich schriftlich dazu\nverpflichtet hat. Im Gasthofe verliebt er sich in eine hüb-\nsche Reisende. Aber Sylvia ist ihm nachgereis't. Ihr Be-\ngleiter und Boisrobert machen den sauberen Plan, sie für\nValentine auszugeben und zu Gilbert's Gattin zu machen.\nSie willigt ein, Gilbert fängt Feuer, aber auch die junge\nReisende, eine Waise, wird als Gesellschafterin der künfti-\ngen Frau von Gilbert mitgenommen. Alles nach Wunsch\nvon Boisrobert. Die ganze Compagnie reis't nach Paris.\nDort quälen uns die Verfasser (Barbier und Carre) zwei\nActe hindurch durch Langeweile, die um so tödlicher wird,\nje mehr die Gaunerei sich zur Sentimentalität wendet, bis\nendlich die wirkliche Valentine, d. i. die junge Waise und\nGesellschafterin, ihrem geliebten Gilbert sich zu erkennen\ngibt, der so gutmüthig gewesen ist, sich bis zum Final-\nTerzett bei der Nase herumführen zu lassen.\nDass die Partitur besser ist als das Buch, ist freilich\nwahr; allein damit ist sehr wenig gesagt. Die Charakteristik\nder Rollen der Valentine und des Gilbert (Bariton) ist ins\nSentimentale gezogen, was sie langweilig macht; Sylvia\nglänzt durch Coquetterie und Bravourgesang d la mode;\nBoisrobert (Bass) ist noch am besten gehalten. Allein im\nGanzen erhebt sich die Musik nicht zu der Höhe früherer\nCompositionen Halevy's in derselben Gattung, und auch\ndie besseren Nummern, besonders einige Romanzen und\neinige Ensembles, können die durch und durch falsche\nGrundlage des Stückes, welche nur aus Spitzbüberei be-\nsteht und nichts weniger als komisch ist, nicht mit etwas\nHaltbarem überbauen. Die Besetzung war vortrefflich\nMlle. Duprez und Lefebvre, Batailleund Mocker—: auch der\nKaiser war zugegen. Nimm dazu Halevy's Ansehen, seinen\nEinfluss, seine Freunde, und Du wirst den Schlüssel zu\ndem Succes eclatanthaben, von dem die Blätter sprechen.\nDie Oper hat neun bis zehn Vorstellungen erlebt. Dass sie"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "255", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5124, "texte": "später noch einmal wieder aufgenommen werde, ist kaum\nwahrscheinlich.\nVon zweiactigen komischen Opern sind noch zwei von\ndem verstorbenen Ad. Adam zu erwähnen: Le Housard\nde Berchini(in der komischen Oper den 17. Oct. 1855)\nund Marri zelle Genevieve (Theätre lyrique den 24. März\n1856), sein letztes, aber sehr eilig und lose hingeworfenes\nWerk, dem es an Frische und Leben der Melodie fehlt,\nwas die oft allzu freundliche hiesige Kritik mit den Wor-\nten entschuldigt: „es dürfe wohl erlaubt sein, nicht immer\nzu erfinden, wenn man keinen Tag im Jahre feiert.\"\nDas Textbuch (gebaut auf täuschende Zwillings-Aehnlich-\nkeit von Schwester und Bruder) ist erbärmlich.\nDagegen ist „Der Husar\" eine hübsche Operette mit\nrecht ergötzlicher, wenn auch nicht origineller Musik,\nwelche den Stempel der gelungensten Leistungen des\nComponisten trägt und der Oper wie eine\nSchwester der anderen gleicht. Hier ist Heiterkeit, Frische\nund bestechende Melodie. Ein Terzett (Sopran, Tenor, Ba-\nriton) im ersten Acte und ein paar Duette sind ausgezeich-\nnete Nummern. Leider opfert Adam auch hier an manchen\nStellen der Bravour die Einfachheit auf. Und die erstere\ngehört am wenigsten hieher, da das Stück eine Dorfge-\nschichte ist, die Liebe eines sehr jungen und naiven Paares\nä la Annette et Lubin(von Marmontel), wobei ein lustiger\nWachtmeister von den Berchini'schen Husaren (unter Lud-\nwig XVI.) den Vermittler spielt und dadurch, dass er ein\naltes verliebtes Paar prellt, lür die Aussteuer der jungen\nLeute sorgt.\nDie itaiiänisshe Oper brachte zwei oder richtiger\nanderthalb Neuigkeiten, die halbe:\ndi Glaris\"(B. December 1855 —aber schon früher in\nItalien auf die Bühne gebracht) von Pedrotti, und die\nganze: „L'Assedio di Firenze\" (die Belagerung von Flo-\nrenz, den 20. Februar 1856) von Bottesini.\nHerr Pedrotti, Capellmeister am Theater zu Verona,\nhat zu einer sehr faden und hundert Mal dagewesenen Al-\npengeschichte, in welcher eine Wirthstochter von Glarus\neinen lombardischen Jäger dem reichen Bewerber im Orte\nvorzieht, sobald jener sich entschliesst, „ein freier Schwei-\nzer\" zu werden, eine Musik geschrieben, um deren eigent-\nliche Vaterschaft sich Donizeüi und Verdi streiten müssen,\nwenn sie es der Mühe werth halten. Wie trefflich der\nLärm und die Unisono's des letzteren zu der einfachen\nHandlung in so fern überhaupt von Handlung die Rede\nsein kann passen, kann man sich leicht denken. Eine Wie-\nderholung sollte durch etwas ganz Neues und der Kunst\nhöchst Würdiges aufgefrischt werden; ein sardinischer\nSchäfer blies im Zwischenacte auf der „Tibia\", d. h. auf\neinem kleinen, erbärmlichen Flageolet, und entwickelte mit\neinem Tone, der demjenigen einer Miniatur-Locomotivpfeife\nglich, eine fabelhafte Fertigkeit in Trillern, Staccato's, Echo's\nu. s. w. alles das besonders in Natur-Melodieen? 0\nnein, im Carneval von Venedig! Nach jedem Stücke hielt\nder blinde Picco sein Instrumentlein, das schwache Werk-\n• 7\nzeug seiner Vogelmusik, triumphirend in die Höhe, und\ndas Publicum jauchzte! Das geschah in der\nvor den glänzenden Toiletten und hochgebildeten Ohren der\nhaute voleeauf den rotbplüschenen Polsterstühlen!\nBottesini, der Contrabassist ohne Gleichen, unter\ndessen Händen der Riese seufzt und girrt, wie ein Simson,\ndem die Locken abgeschnitten sind, Bottesini war diese\nSaison hindurch auch Dirigent des Orchesters der italiäni-\nschen Oper und bewährte sich dabei als tüchtigen Musiker.\nIn dieser Stellung befreundete er sich mit einem Herrn\nCorghi, Advocat, Regisseur, Dichter und Secretär der ita-\nliänischen Oper; dieser lieferte ihm ein Libretto, einen vier-\nactigen Freiheitsruf—was bedurfte es mehr für den heiss-\nblutigen Italiäner? —, und L erschien.\nAllein Dichter und Componist übersahen oder wussten\nnicht, dass ein allgemeines Interesse, eine Leidenschaft der\nMassen, ein Aufschwung eines ganzen Volkes, sei er auch\nnoch so edel, niemals ein dramatischer Gegenstand ist, der\ndie Theiinahme fesselt und Sympathieen erregt. Das Drama\nwill ein auf Personen concentrirtes Pathos, eine fortwäh-\nrende Handlung, die den Menschen in seiner Leidenschaft\nzeigt, nicht die M ensch hei t. Dies ist nun aber in Corghi's\nGedicht, das nach Varchi's Geschichte von Florenz und\nnach einem Roman von Guerazzi, der vor 15 —l6 Jah-\nren Aufsehen machte, gearbeitet ist, nicht der Fall. Das In-\nteresse spaltet sich, anstatt sich zu concentriren; der eigent-\nliche Held Martelli ist eine blasse Gestalt; Maria de Ricci,\ndie Gattin eines unbedeutenden Mannes, der hinter der Scene\nbleibt, kann dadurch, dass sie sich von Martelli und seinem\nGegner Bandini lieben lässt, aber selbst weder Liebe noch\nCharakter zeigt, unmöglich anziehen; Michel Angelo, der\nsehr häufig erscheint, aber nur Reden hält und nichts thut,\nist eben so wie seine Werkstatt ganz überflüssig, und er und\nsie nehmen trotzdem einen grossen Theil des zweiten Actes\nein —: so bleibt Bandini, der Verräther und Ueberläufer,\nnoch die kräftigste Figur, für den man sich aber wiederum\nnicht interessiren kann, weil in seiner Person die unge-\nrechte Sache triumphirt und der edle Freiheitsheld Martelli\nan den Wunden stirbt, die er im Zweikampfe mit Bandini"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "256", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3095, "texte": "erhalten. Dass die Handlung sich auf historische Wahrheit\nstützt (den Zweikampf im Angesichte beider Heere bei der\nBelagerung von Florenz im Jahre 1530 durch Karl V.\nund Papst Clemens VII.), kann dem Drama nicht aufhelfen.\nAuch ist das Stück viel zu lang: es könnte um anderthalb\nAct, unbeschadet der Handlung, verkürzt werden.\nBottesini ist noch ein junger Mann; musicalisches Wis-\nsen und Gewandtheit in den Formen mangeln ihm keines-\nwegs. Weniger befriedigt die melodische Erfindungsgabe.\nMit Ausnahme des Chors, der die Einleitung bildet (ein\npatriotischer Hymnus zu Italiens Verherrlichung), bewegt\nsich die ganze drei und eine halbe Stunde lange Oper nur\nim gewöhnlichen Geleise der neuesten Spectakel-Musik.\nBottesini steht nicht nur am Abhänge des Abgrundes der\nVocalmusik, wie die meisten jungen Componisten unserer\nZeit, sondern er ist schon eine grosse Strecke darauf hinab-\ngerutscht, und das ist schade für sein Talent. Das Orchester\nerdrückt den Gesang, und wenn es so fortgeht, so werden\nin der italienischen Oper, dem ehemaligen Muster der Ein-\nfachheit und Melodie, die Solosänger im Gedränge zwischen\ndem Orchester vor und einem Bataillon Choristen hinter\nihnen, dem noch ein Artilleriepark von Tuben, Posaunen\nund Ophikleiden im Rücken steht, gar bald ihren letzten\nSeufzer ungehört aushauchen. Und bei all diesem Lärm\nfehlt es doch ganz und gar an Leben und an wahrer Lei-\ndenschaft. Durch declamatorischen Prunk kann diese nicht\ndargestellt werden, eben so wenig durch Bravoursängerei\nin den Arien, welche ein wahrer Spott auf die dramatischen\nSituationen des Augenblickes sind. Auch die Chöre hinter\nder Scene (ein Gebet mit Glockengeläute, ein Chor der\nSchanz-Arbeiter!) sind abgenutzte Effecte. Bottesini nimmt,\ndas lässt sich nicht läugnen, häufig einen kühnen und ge-\nlungenen Anflug; aber bald erlahmt er und klammert sich\ndann an die Kunst der Faclur; die Schwingen der Phan-\ntasie fehlen, von welchen jene getragen werden muss.\nKommt nun noch die widerlichste Monotonie von allen, die\ndes Instrumentallärms, dazu, so kann von dem Eindrucke\neines musicalischen Kunstwerkes nicht mehr die Rede sein.\nDie Oper ist nach einigen Vorstellungen wieder begraben\nworden. Dass Bottesini sich herbeiliess, in der dritten oder\nvierten im Zwischenacte auf der Scene seine Virtuosität\nauf dem Contrabass zu produciren, hatte etwas Peinliches:\noffenbar hat er es dem Unternehmer zu Gefallen gethan;\nallein auch dieses „letzte Mittel\" füllte das Haus nicht. Als\nVirtuose reiht er sich jenen Itefliänern an, bei denen man,\nwie z. B. bei Tartini, Paganini, Dragonetti u. s. w., die ganz\nbesondere Natur-Anlage eben so sehr wie den unermüd-\nlichen Fleiss bewundern muss.\nDie Oper wurde übrigens sehr gut gegeben und war\nprachtvoll ausgestattet. Madame Penco, welche die Maria\ngab, ist eine treffliche Sängerin mit einer herrlichen, echten\nund frischen Sopranstimme, vor welcher die übrigen vom\nAlter gebleichten Gestirne am Horizont unserer italiänischen\nOper so ziemlich ganz erblassen. Mario und Graziani\nsangen die beiden Helden-Partieen, Angel ini den Bass\n(Michel Angelo).\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-08-09-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-08-09_01#c004", "volume": "bmtnabi_1856-08-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "256", "page_fin": "259", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.2.4", "titre_corps": "Aus Aachen.", "titre_sommaire": "Aus Aachen.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "256", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.4", "debut_caractere": 3097, "fin_caractere_exclue": 4964, "texte": "Aus Aachen.\nUeber das musicalische Leben und Treiben in Aachen\nwährend der verflossenen Winter- und Frühlings-Monate\nschulde ich Ihnen bereits lange den versprochenen Bericht.\nMancherlei Reisen und Geschäfte hinderten mich bisher\ndaran; doch denke ich: besser spät, als gar nicht, und will\ndaher hiermit das Versäumte einiger Maassen nachholen,\njedoch nicht, indem ich Ihnen eine laufende Chronik der\nverschiedenen Musik-Aufführungen gebe, sondern indem\nich das Ganze mehr in ein Bild zusammenfasse und nur\nEinzelnes besonders hervorhebe.\nVieles brachte uns der Winter, und Manches gut.\nSechs Abonnements-Concerte (Dirigent: städtischer Musik-\nDirector Herr v. Turanyi), eben so viele Ausführungen\ndes Instrumental-Vereins (Dirigent: derselbe), zwei Con-\ncerte der Concordia (Dirigent: Herr C. F. Ackens), vier\nBenefiz-Concerte, von denen eines von dem städtischen Mu-\nsik-Director, das andere von dem Concertmeister Herrn F.\nWenigmann und unter dessen Leitung, das dritte von\nden durch ihre Tüchtigkeit besonders beliebten Herren\nWippiinger (Violine) und Suhr (Cello), das vierte end-\nlich zum Besten des gesammten Orchesters veranstaltet\nwar, dann noch drei Streichquartett-Soireen der Herren\nGebr. Wenigmann,—das ist es ungefähr, was in Aachen\nöffentlich in der Musik geleistet wurde. Die reine Instru-\nmental-Musik hat in der bei Weitem grösseren Zahl dieser\nAufführungen die Hauptrolle gespielt; nur die Concerte\nder Concordia und ein paar der Abonnements-Concerte, so\nwie das Benefiz-Concert des Herrn v. Turanyi brachten\nüberwiegend Vocales. Von Ouvertüren hörten wir: sechs\nvon Cherubini (Anakreon, Abenceragen, Hotellerie portu-\ngaise, Faniska, La Prisonniereund Ali Baba), fünf von Beet-\nhoven (Coriolan und die vier Ouvertüren zu Leonore, resp,\nFidelio), vier von Weber (Euryanthe, Freischütz, Jubel-\nOuverture und Beherrscher der Geister), drei von Mozart"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "257", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5199, "texte": "(Entführung, Titus, Schauspiel-Director) und einzelne von\nGluck, Ortslow, Lindpaintner, Rietz, Vogel, Veit, Turanyi,\nNicolai, Meyerbeer (Struensee), Witting u. s. w. Eilf Sin-\nfonieen wurden gegeben, darunter von Beethoven die\nC-moll und F-dur,von Mozart die und\ndur (in drei Sätzen), von Haydn und dann\neinzelne von Kalliwoda i^Es-dur), Mendelssohn (A-molfrj und\nSpohr (Weihe der Töne). An Instruraental-Solo-Vorträgen\nboten die verschiedenen Abende Folgendes: Clavier-Con-\ncerte in C-moll von Mozart und von Beethoven und\neines eigener Composition, vorgetragen durch v. Turanyi,\nD-mo//-Clavier-Concert von Mendelssohn, vorgetragen durch\nden Capellmeister G. A. Schmitt jun. (Sohn von Aloys\nSchmitt), welcher seit zwei Sommern unsere Oper leitet\nund sowohl in dieser Eigenschaft, wie auch als ausübender\nund schaffender Künstler sich hier geltend gemacht hat,\nH-moll-Capriccio für Ciavier, gespielt von C. Sienold aus\nHeidelberg, einem ebenfalls sehr begabten Künstler. Auf\nder Violine trugen uns Herr Wipplinger das Mendelssohn'-\nsche E-moll-Concert und David's Andante e Scherzo ca-\npriccioso, Herr Concertmeister Wenigmann zwei Sätze aus\ndem H-moll-Concerte von de Beriot und das\ncertino von Spohr, und ein junger, talentvoller Schüler des\nHerrn Wipplinger, Herr Jokisch, ein anderes de Beriot'-\nsches Concertstück vor. Herr Suhr brachte uns auf seinem\nVioloncello ein Concert von Goltermann und eine Phantasie\nvon Stransky; Herr Schädler, unser tüchtiger Clarinettist,\nein Concertstück von C. M. v. Weber, so wie in Verbin-\ndung mit Herrn Schwarz, dem Oboer, eine Concertante\nlür beide Instrumente. Bei Gelegenheit der Moz&rtfeier\nhörten wir auch das Quintett des gefeierten Meisters für\nClarinette und Streich-Instrumente wunderschön ausführen\nvon Schädler, Wipplinger, dem Capellmeister Speer, Nütten\nund Suhr. lm Felde des Gesanges hatten wir ausser\neiner Anzahl von meistens wohl gelungenen Solo-Vorträgen\nSeitens hiesiger befähigter Dilettanten und Dilettantinnen\nfolgende Ensembles: Nachtlied für Chor und Orchester von\nSchumann, Walpurgisnacht von Mendelssohn, den ersten\nTheil des Oratoriums Jephta von Reinthaler,\nmine von Cherubini, eine Motette von Hummel:\nVirgo\", für Solo und Chor, einen Psalm von Nicolai, einen\nanderen von Händel und zweimal Händel's Ode an die hei-\nlige Cäcilia; dann Seitens derConcordia im Fache des Män-\nnergesanges: Tschirch's sehr gelungenes dramatisches Ton-\ngebilde „ Eine Nacht auf dem Meere«, Chöre aus Oedipus von\nMendelssohn, C. Kreutzens Arie mit Chor „Schweigen der\nNacht\" und mehrere Chöre und Lieder ohne Begleitung.\nAus dieser Aufzählung werden Sie mit Vergnügen er-\nsehen, dass wir auch in der verflossenen Musik-Saison hier-\norts recht thätig gewesen sind und dabei unsere Bestre-\nbungen nur auf edle Erzeugnisse im Gebiete der Töne ver-\nwandt haben. Es bleibt mir nun noch übrig, Ihnen auch\nüber das Wie der Ausführung Einiges mitzutheilen.\nDie Instrumental-Ausführungen gründen sich auf das\nhiesige städtische Orchester, welches Behufs der Sommer-\nBadesaison in städtischem Solde steht, 32 Personen stark\nist und vermittels der auf solche Weise gesicherten Existenz\neine Anzahl namhafter künstlerischer Kräfte in sich zählt.\nZwar hat der Nepotismus, stets wuchernde Partei-Bestre-\nbungen und fremde Einflüsse auch hier Manches verdorben\nund—namentlich bei der ersten Violine Leuten Aufnahme\nverschafft, die kaum iür die zweite Violine in einem\nOrchester ausreichen, welches tagtäglich mit einer kleinen\nProbe die schwierigsten Opern u. s. w. auszuführen hat.\nAllein es gibt hier an maassgebender Stelle Personen,\nwelche darauf halten, dass das Orchester möglichst verbrü-\ndert und verschwägert werde, und daher den nachrücken-\nden Mitgliedern dieser bekannten Orchester-Familie die be-\nsten Plätze verschaffen, auch wenn ihr Leisten sehr mittel-\nmässig ist.— Diesem bestehenden Körper gesellen sich für\ndie Concert-Auflührungen stets noch einige gute dilettanti-\nsche Kräfte an den Streichpulten bei, so dass das Ton-\nVolumen ein recht Achtung gebietendes ist. Zu einem fei-\nnen Ensemble aber lässt es die verschiedenartige Leitung\nnicht leicht gelangen; denn im Curhause dirigirt F. We-\nnigmann die im Sommer täglichen, im Winter allsonn-\ntäglichen Unterhaltungs-Musiken, im Theater führt es der\njedesmalige Theater-Capellmeister, und so findet der städti-\nsche Musik-Director v. Turanyi für die Concerte ein sei-\nner Leitung mehr oder weniger entwöhntes, dem feineren\nZusammenspiel etwas entfremdetes Orchester vor sich.\nTrotzdem hatten wir manche schöne, abgerundete Instru-\nmental-Leistung unter den oben angeführten. Neu waren\nhier: Meyerbeer's Ouvertüre zu Struensee, Spohr's\nSinfonie „Die Weihe der Töne\" und eine Ouvertüre von\nC. Witting, Musik-Director in Lippstadt. Meyer-\nbeer's Zerrissenheit da, wo es sich um die Bildung eines\neinheitlichen Musikstückes handelt, bewährt sich erst recht\nin seinen Versuchen, reine Instrumental-Musik zu Tage zu\nfördern; besagte Ouvertüre ist ein lebendiger Beleg dazu,\ndass dem berühmten Componisten zu grossen, ausgebilde-\nten Formen der absoluten Musik das rechte Zeug abgeht.\nSpohr's Sinfonie ist dagegen eine vortreffliche, sinnig ge-\ndachte und künstlerisch geformte Arbeit, welche demjeni-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "258", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5174, "texte": "gen Theile des Auditoriums, dessen Ohr von dem heutigen\nBlech-Instrumentallärm noch nicht zu sehr betäubt ist,\nrecht vielen Genuss bereitete; nur scheint die Kriegsmusik\ngar zu gedehnt. Die Ouvertüre von Witting, welche in\neinem der Concordia-Concerle zur Aufführung gelangte, hat\ninteressante thematische und contrapunktische Arbeit, leidet\njedoch an zu grosser Länge und dem Mangel an orchestra-\nlem Schwung. Neu waren auch ein paar der genannten\nCherubini'sehen Ouvertüren, welche zwar in der musi-\ncalischen Welt wenig bekannt sind, jedoch die Aufführung\nin reichem Maasse lohnen, wenn sie auch nicht die grossen,\nbekannten Ouvertüren des genialen Meisters erreichen. Wir\nverdanken deren Herbeischaffung unserem für das Classi-\nsche und Gute stets begeisterten v. Turanyi.\nDer gemischte Chorgesang trieb keine allzu reichen\nBlüthen im verflossenen Winter. Diese Branche wird haupt-\nsächlich cultivirt durch den unter Turanyi's Leitung\nund der Verwaltung des Herrn Hofrathes Brüggemann\nstehenden städtischen Gesang-Verein. Bisher hat man es\nnoch nicht verstanden, die Mitglieder in dem Grade für den\nVerein und seine Zwecke zu interessiren, dass ein fleissiger\nBesuch und eine rege Theiinahme die Folge gewesen wäre.\nDaher die wenigen Leistungen auf diesem Musik-Gebiete.\nEs kommt nun noch hinzu, dass gewisse Parteileute ge-\ngen alles angehen, es zu schwächen und zu hintertreiben\nsuchen, was unter der Aegide des Herrn v. Turanyi ge-\nschehen soll. Artige Geschichtchen könnte man davon er-\nzählen; bedauerlich ist es jedoch, dass dadureh gerade in\ndem ohnehin nicht starken Damenchor eine Zersplitterung\nder Kräfte hervorgerufen wird. Neu waren u. A. die Ode\nan die heilige Cäcilia von Händel und Reinthaler's\n„Jephta und seine Tochter\". Ersteres Werk ist seiner Zeit\nvon Mozart instrumentirt worden und scheint seitdem\nziemlich vergessen worden zu sein. Es hat jedoch bei der\nhiesigen Aufführung eine solche Zauberkraft bewährt, dass\neine Wiederholung gegen das Ende der Concert-Saison hin\nvöllig gerechtfertigt schien und von Neuem das Publicum\nanzog. Die wirklich reizenden Solo-Partieen, welche dem\nGedichte gemäss die verschiedenartigen Wirkungen der\nTonkunst mit feinster Charakteristik beschreiben, wechseln\nmit Chören und reinen Instrumentalsätzen ab. Es zeigt sich\ndarin die ganze Lieblichkeit Händel's in Genrebildern, im\nGegensatze zu den grossartigen Tongemälden seiner Ora-\ntorien. Die Soli sangen drei Dilettanten: Eräul. Spie s (So-\npran), Herr Göbbels (Tenor) und Herr Ackens (Bari-\nton). Von Reinthaler's Oratorium konnte nur der\nerste Theil gegeben werden; er zeichnet sich durch die\nprächtigen, schwungreichen Chöre aus und legt von einer\nbewundernswürdigen Gewandtheit des Componisten in der\nStimmen-Behandlung Zeugniss ab. Die Soli, welche sich\nwieder in den Händen dreier Dilettanten, der Frau Waldt-\nhausen-Böhme, des Herrn Göbbels und des Herrn\nvanHoutem befanden, sind in ihrem declamatorischen\nTheile schön gedacht und durchaus edel gehalten; dem\nArioso fehlt jedoch das Melodische, was die Solo-Partieen\ndes zweiten Theiles auszeichnen soll. Die Aufführung ging\nunter Leitung des Componisten selbst (der die Gelälligkeit\nhatte, auf seiner Rückreise von London nach Köln einige\nTage hier zu verweilen, um uns diesen Genuss zu verschaf-\nfen) recht glatt und mit Begeisterung von Statten, und das\nAuditorium nahm das Werk mit sichtharer Freude, so wie\nungetheiltemßeifalle auf. Auch Mendelssohn's geniale\nWalpurgisnacht holte sich, obgleich schon früher gehört,\nreichen Applaus durch die im Allgemeinen schwungvolle\nAusführung, durch die lebendige Wiedergabe des Hexen-\nchors und durch die von Herrn Ackens trefflich vorge-\ntragene Partie des Priesters.\nIm Männergesange gab nur die Conco rd ia öffent-\nliche Proben ihrer Leistungen in zwei schön ausgestatteten\nConcerten. Der Glanzpunkt des ersteren waren die Gesänge,\nwomit diese Gesellschaft bei dem Preissingen in Brüssel\nvorigen Herbst so grossen Effect hervorgebracht hat. Im\nletzteren Concerte war es Tschirch's „Eine Nacht auf\ndem Meere\", welche (mit Orchester-Begleitung) vortreff-\nlich ausgeführt wurde von etwa 150 Executanten und,\nmit dem reichsten Beifalle überschüttet, dem Vereine, so\nwie seinem Dirigenten C. F. Ackens Ehre machte.\nVon den Instrumental-Soli, die ich oben aufzählte, hebe\nich besonders hervor das Mendelssobn'sche Violin-Concert,\nwelches von unserem Wipplinger mit wahrer Virtuosi-\ntät und tiefem Verständniss gespielt wurde. Wipplinger\nverbindet mit grosser Gewandtheit des Bogens eine feine,\nsinnige Auffassung und einen edeln, wenn auch nicht gros-\nsen Ton. Seine Leistungen haben nachgerade einen grossen\nHöhepunkt erreicht und finden stets eine fast enthusiasti-\nsche Theiinahme bei unserem Publicum. Sehr grossen\nDank und Beifall verdiente sich auch v. Turanyi durch\ndie gelungene Vorführung des Mozart'schen Clavier-Con-\ncertes, so wie nicht minder durch jenes von Beethoven in\nC-moll. Es ist jedesmal ein Fest für die wahren Musik-\nfreunde, eines dieser sinfonischen Ciavierwerke mit Orchester\nso gediegen zu hören. Das neue Violoncell-Concert von\nGoltermann, welches Herr Suhr spielte, lässt zwar in Be-\nzug auf die Concert-Form zu wünschen, bot aber dem"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "259", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1277, "texte": "wackeren Künstler viele Gelegenheit, die glänzenden Eigen-\nschaften seines Spiels geltend zu machen; so schönen, gros-\nsen Ton und zugleich solche Fertigkeit und Reinheit in der\nHandhabung ihres Instrumentes haben nur wenige Cel-\nlisten aufzuweisen.\nDie Quartett-Soireen der Gebrüder Wenigmann (es\nhat sich den bisherigen dreien nun noch ein vierter, jünge-\nrer Bruder (Viola) hinzugesellt) boten vieles Gute. Die\nMozart'schen und Haydn'schen Quartette gehen gewöhnlich\nrecht gut zusammen, werden in der Auffassung wohl mit-\nunter etwas outrirt, jedoch sonst fein gespielt. Für schwe-\nrere Aufgaben im künstlerischen Quarteltspiel, wohin wir\nnamentlich das diesmal wiederholt vorgetragene\nQuartett Nr. 16 von Beethoven rechnen, reichen jedoch\ndie Kräfte nicht ganz aus; nichts desto weniger ist der\ngute Wille und der Eifer, den die Herren bezeigen, um\nuns solche selten gehörte Werke vorzuführen, durchaus\nzu loben. Herr Concertmeister F. Wenigmann ist der\nLeiter und die Seele dieser Quartette.\nIch breche hier in meiner Berichterstattung ab, um\nIhre und Ihrer Leser Geduld mit unseren aachener Zustän-\nden nicht gar zu sehr auf die Probe zu stellen. Die von\ndem hiesigen Badeleben hervorgerufenen Sommer-Concerte\nbieten mir vielleicht nächstens neuen Stoff zu einem Bericht."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-08-09-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-08-09_01#c005", "volume": "bmtnabi_1856-08-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "259", "page_fin": "259", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.2.5", "titre_corps": "Köln, den 2. August.", "titre_sommaire": "Köln, den 2. August.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "259", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.7", "debut_caractere": 1279, "fin_caractere_exclue": 2070, "texte": "Köln, den 2. August.\nSchon wieder haben wir den Verlust eines der aus-\ngezeichnetsten Tonkünstler zu betrauern, dessen Tod alle\nFreunde der Kunst und besonders alle, die in ihm zugleich\nden liebenswürdigen und edlen Menschen kannten, tief be-\ntrüben und um so mehr erschüttern wird, je weniger er\nnach menschlicher Voraussicht geahnt werden konnte. Ge-\nstern Abends um 10 xJi Uhr verschied TllCOdöl'\nPixis, Concertmeister des hiesigen Orchesters, Lehrer\nan der Rheinischen Musikschule und Violin-Virtuose ersten\nRanges. Nach einem kaum sechstägigen Krankenlager machte\nein Gehirnschlag seinem jungen und an Gaben der Kunst\nso reichen Leben ein Ende, und riss ihn in seinem sieben-\nundzwanzigslen Jahre aus einem schönen Wirkungskreise\nund einer glänzenden Künstler-Laufbahn plötzlich heraus."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-08-09-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-08-09_01#c006", "volume": "bmtnabi_1856-08-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "259", "page_fin": "260", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.2.6", "titre_corps": "Aus Hamburg.", "titre_sommaire": "Aus Hamburg.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "259", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.7", "debut_caractere": 2072, "fin_caractere_exclue": 6195, "texte": "Aus Hamburg.\nEs hat sich hier ein musicalischer Verein gebildet, welcher\nden Namen „H a mbu rger Bach-Gesellschaft4' angenommen.\nUm Missverständnissen vorzubeugen, bemerke ich Ihnen sogleich,\ndass dabei von einer Concurrenz mit der leipziger Bach-Gesellschaft\nnicht die Rede ist; denn der hamburger Verein hat nicht den\nZweck, Composiüonen von Bach herauszugeben, sondern zu studi-\nren und öffentlich aufzuführen, um die Liebe zu dieser herrlichen\nKirchenmusik zu wecken, zu nähren und zu steigern. Und das ist\nsicherlich ein schöner Zweck, und wenn zu dessen Erreichung die\nrichtigen Mittel ergriffen werden, so wird die Bekanntschaft des\nPublicums mit Bach dasselbe so fesseln, dass die Liebe zur echten\nTonkunst daraus erwächst und diese das stärkste Bollwerk gegen\ndie Irrwege derjenigen Schule bilden wird, welche die zügelloseste\nRomantik mit dem Realismus vereinigen will.\nDer Gründer und Director dieser Gesellschaft, Herr F. von\nRoda, der sich seit Jahren mit Bach beschäftigt und ein grösseres\nWerk über ihn unter Händen hat, hält für nothwendig, den Wer-\nken des grossen Meisters durch Accommodirung (um mit Einem\nWorte alles, was Auslassung, Text-Aenderung, Instrumentation u.\ns. w. betrifft, zu bezeichnen) an den Geschmack unserer Zeit Ein-\ngang beim Publicum zu verschaffen. Die Neuheit und die Kräfte\nder Gesellschaft erlaubten nicht, schon in dem erslen Winter ihres\nBestehens mit der Aufführung eines der grösseren Passionswerke\naufzutreten. Ferner halte die Erfahrung an anderen Orten gezeigt,\ndass mit den einzelnen Cantaten wenig Erfolg erzielt werde, weil\ndiese Cantaten ursprünglich ein integrirender Theil des Gottesdien-\nstes waren und dessnalb als einzelne Concert-Nummern nicht wohl\nwirken können.\nDies brachte Herrn von Roda auf den Gedanken, einige klei-\nnere Compositionen mit strenger Berücksichtigung der musicalfschen\nund textlichen Verwandtschaft so zusammen zu stellen, dass ein\nGanzes daraus wurde. Dabei änderte er hier und da den veralteten\nText, vervollständigte die Instrumental-Begleitung und fügte ihr\nauch, wo es ihm nothwendig erschien, eine reichere Figuralion\nhinzu. Natürlich versah er das Ganze auch mit den gehörigen dy-\nnamischen Zeichen zu Erzielung eines fein nuancirten Ausdrucks.\nDie Ausführung war vortrefflich und entsprach dem Zwecke, ein\nPublicum für Bach's Musik zu gewinnen, und sowohl die Masse\nder Zuhörer als der bei Weitem grössere Theil der Musiker und\nKenner fühlte sich sichtbar von der Aufführung ergriffen.\nDagegen erhoben sich einige Stimmen, deren gewichtigste Herr\nC. G. P. Grädener—in einem besonderen Schriftchen: „Bach und\ndie hamburger Bach-Gesellschaft\" hören liess. Wenn wir einigen\nseiner Einwürfe volle Berechtigung zugestehen müssen, so scheint\ner uns doch auf der anderen Seite zu pedantisch und einseitig zu\nverfahren. Er rügt hauptsächlich: dass die gewählten Stücke\nsechs verschiedenen Cantaten entnommen; b) dass dieselben statt\nder ursprünglichen eine zeilgemässe Orchester-Begleitung erhalten\nhaben; c)diese sich nicht auf die Instrumentirung beschränke,\nsondern den hinzugefügten Instrumenten bald kleinere Figurationen,\nbald grössere, den Chören entlehnte Motive gebe; die Folge der\neinzelnen Nummern, nicht minder zwar selten deren Tonart,\nso wie e)der Text bald in einzelnen Wörtern, bald dem ganzen\nWortlaute nach vielfach geändert; dem Ganzen in dynamischer\nHinsicht eine genaue Nuancirung zu Theil geworden: einzelne\nStücke kleine Vorspiele erhalten, Soli Veränderungen erfahren und\neine achtstimmige Motette in ein Solo-Quartett verwandelt wor-\nden sei.\nDer Unbefangene sieht aus dieser Aufführung leicht, welche von\nden Rügen allerdings statthaft sind, und welche dagegen statt des\nTadels eher eine Belobung aussprechen. Will Herr Grädener sich\nvielleicht anheischig machen, die Cantaten Bach's nach Bach's\nWeise an der Orgel zu begleiten? Oder stehen ihm die Instru-\nmente noch zu Gebote, die Bach benutzte, z. B. eine Oboe d'amour,\neine Viola di Gamba u. s. w.? Oder hat er Hornisten und beson-\nders Trompeter, welche Bach's Stimmen, ohne dass sie umgeschrie-\nben werden, blasen können? Glaubt er ferner, dass der oft höchst"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "260", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3679, "texte": "geschmacklose, in Gehalt und Form gänzlich veraltete Text überall\nbeibehalten werden müsse*)? Und meint er etwa gar, dass Bach's\nMusik ohne Ausdruck in piano und forte und in allem, -was dazu\ngehört, gesungen werden müsse, etwa so, wie die Gemeinde ihren\nChoral heruntersingt?\nGegen den Tadel Grädeners hat Herr G. Armbrust, Orga-\nnist an Sanct Peter und Mitglied der Bach-Gesellschaft, ein Schrift-\nchen: „Vertheidigung der hamburger Bach-Gesellschaft gegen\ndie Angriffe u. s. w. Hamburg, bei G. W. Niemeyer\" (20 S. 8.),\ndrucken lassen. Die gute Absicht und die Anführungen aus Mose-\nwius' Schrift über die Matthäus-Passion sind das Beste darin; sonst\nhätte wohl die Widerlegung etwas logischer und gründlicher sein\nkönnen; auch wäre es wünschenswerth gewesen, wenn der Verfas-\nser auf die wohlbegründeten Einwürfe mehr Rücksicht genommen\nhätte. Im Grunde jedoch muss man ihm, schon des löblichen\nZweckes wegen, beistimmen, eben so dem Herrn von Roda für\nseine eifrigen Bestrebungen Dank wissen. Allerdings hat dieser\netwas willkürlich verfahren, allein doch nirgends gegen den Geist\nder Bach'schen Musik gesündigt. Redensarten, wie: „eine Mosaik\naus Bach\", oder: „Bach und Händel sind Eigenthum der Nation,\nan welchem keine Note ausgelassen oder angetastet werden darf\"\nsind eben so wohlfeil als ungerechtfertigt. Es wäre ein Jammer\nund ist leider lange genug so gewesen, wenn wir unser National-\nEigenthum nur in Bibliotheken und Archiven vergraben und es\nnicht ins Leben führen wollten zu fruchtbringenden und zinsen-\ntragenden Anlagen. Die urkundliche Genauigkeit gehört in die hi-\nstorischen Concerte; in Bezug auf alle anderen, die nicht für die\nMusikgelehrten, sondern für das deutsche Volk unserer Zeit gege-\nben werden, damit dessen musicalischer Sinn an den Thaten der\nalten Heroen erstarke, hoffen wir mit Mosewius, „dass die alten\nHerren im Grabe nicht mit uns rechten und zürnen werden, wenn\nihre treuen Diener und Schüler aus ihrer schwachen Einsicht her-\naus, nicht in der Anmaassung, die Meisterwerke zu verbessern,\nsondern in der redlichen Absicht, die in ihnen ruhende Herrlich-\nkeit und Tiefe in ihrem grössten Umfange zu entfalten, auch ein-\nmal gegen ihren Willen verfahren\"**).\n***\n*) Leider ist gerade der Text der Cantaten sehr oft das grösste\nHinderniss ihrer Einführung in die Sing-Vereine; denn es\nkommen nicht nur ganz ungeniessbare Steifheiten und Ge-\nschmacklosigkeiten vor, sondern auch Ausdrücke, welche die\nSopran- und Alt-Stimmen niemals aussprechen werden. Da-\ndurch wird denn auch bei der höchsten Pietät alle Illusion\nund Poesie der Musik zerstört. Wir würden es für ein ver-\ndienstliches Werk halten, wenn ein Dichter und Musiker die\nsämmtlichen Bach'schen Texte, welche nicht Choräle sind,\nreformirte. Die Redaction.\n**) Auch wir haben die gleichen Grundsätze, namentlich in Be-\nzug auf Bearbeitung und* Verkürzung Hand erscher Orato-\nrien, schon öfter in diesen Blättern ausgesprochen und sind\nüberzeugt, dass eine vernünftige Anwendung derselben\nder guten Sache nütze, während die pedantische Urkundlich-\nkeit ihr schadet. Ob Herr von Roda in dem vorliegenden\nFalle zu weit gegangen sei, würde sich nur aus der Einsicht\nseiner Partitur gründlich beurtheilen lassen; dass es aber in\nDeutschland noch immer Männer gibt, die sich aus Liebe zu\ndem reinen Quell Bach'scher Harmonieen der mühevollen und\nwie Figura zeigt - nach aussen hin undankbaren Arbeit,\neine solche Partitur anzufertigen, unterziehen, das muss jeden\nFreund der gediegenen Musik mit Freude erfüllen und ver-\ndient die ehrenvollste Erwähnung unter den Bestrebungen\nfür die Erhaltung der Reinheit der Tonkunst, die in unseren\nTagen mehr als je vonnöthcn sind, Die Redaction."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-08-09-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-08-09_01#c007", "volume": "bmtnabi_1856-08-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "260", "page_fin": "260", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.2.7", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "260", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.8", "debut_caractere": 3681, "fin_caractere_exclue": 5551, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nFerd. Hiller's „Rhythmische Studien\" sind jetzt auch\nauf dem Conservatorium zu Bologna in Italien, wie bereits früher\nauf dem Conservatoire zu Paris, in den Lehrcursus der Anstalt\naufgenommen worden. Sie sind bekanntlich vor einigen Jahren er-\nschienen und zeichnen sich, abgesehen von ihrem praktischen\nZwecke (als Uebungsstücke zum Zurechtfinden in jeglicher rhyth-\nmischen Form) auch als Compositionen durch jene echte Romantik\naus, deren melodischer und harmonischer Fluss gleichwie in freier\nImprovisation über die Strenge der Form täuscht. Das 11. Heft\nnamentlich empfehlen wir besonders auch allen Clavierlehrern;\ndenn leider sind diese sehr häufig daran schuld, dass man nur\nNoten-Maculatur auf den Piano's der Dilettanten findet.\nWenn die deutsche Oper so fortfährt, wie sie begon-\nnen hat, so wird die wahre Kunst nicht zu kurz kommen; Eury-\nanthe, die Zauberflöte, Fidelio, der Prophet und der Wasserträger\nwaren die Opern der ersten vierzehn Tage.\nI*aris. Die grosse Oper recrutirt sich an Tenoristen; Ar-\nmandi (Robert) und Puget (Edgar in der Lucia) haben ihre\nDebüts mit Beifall gemacht.\nEine neue Oper „Psyche\" von Ambr. Thomas wird studirt.\nHerold's „Zampa\" wird wieder in Scene gesetzt.\nMarco Bordogni, der berühmte Gesanglehrer (s. Nr. 28 v.\n12. Juli), ist hier den 31. Juli, 67 Jahre alt, gestorben. Bei den\nObsequien in der Kirche St. Andre sangen die Schüler des\nConservatoires.\nDie berühmte Schauspielerin Adela Ristori, die auch in die-\nsem Sommer wieder in Paris und London mit ihrer italiäni-\nschen Gesellschaft aufgetreten ist und überall das Publicum hin-\nreisst, ist mit dem Grafen Grillo vermählt, der sie auf ihren Kunst-\nreisen begleitet.\nDer junge Pianist Arthur Napoleon hat im Juli in Lon-\ndon mit grossem Beifalle Concerte gegeben. Er spielte unter An-\nderem auch das Es-dur-Trio, Op. 1, von Beethoven."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "253", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nNachruf an R. Schumann. Von F. Hiller. Pariser Briefe. Von B. P. 11. (Valentine von Halevy Le Bousard\nund Mam'Zelle Genevievevon A. Adam. Fiorina von Pedrotti von Bottesini). Aus Aachen (Concert-\nAufführungen der Saison). Theodor Pixis f. Aus Hamburg (Bach-Gesellschaft). Tages- und ünt er h alt un gsblatt\n(F. Hiller's „Rhythmische Studien\" Wien Paris, Marco Bordogni f Adela Ristori).\n\nNachruf an Robert Schumann.\n\nGestern Abends gaben wir Robert Schumann das letzte\nGeleite!\nDie jungen Sängerbrüder der Concordia trugen den ein-\nlachen Sarg, welchen ein Lorberkranz schmückte. Joachim,\nBrahms und Dieterich, die ihm im Leben so nahe gestan-\nden, gingen voran, der Geistliche folgte, neben ihm der\nBürgermeister von Bonn, dem sich eine bedeutende Anzahl\nwürdiger Männer angeschlossen. Feierlich erklangen die\nTöne erzener Instrumente, erzener Melodieen, jener Cho-\nräle, die nun schon durch Jahrhunderte so manche Freude,\nso vieles Leid verklären. Feierlich bewegte sich der Zug\ndurch die Strassen Bonns, dessen Einwohner ihm mit Iheil-\nnehmenden Blicken zu folgen schienen. Auf dem Friedhofe\nangelangt, bildete sich ein Kreis um das offene Grab. Hinab\nward der Sarg gesenkt—aus den dichten Reihen schlüpfte\nhier und da eine zarte Frauengestalt hervor und liess einen\nStrauss, einen Kranz ihren Händen entgleiten auf den Sarg\nin der Tiefe es dauerte nicht länger, als man eine Thräne\nweint. Herr Pastor Wiesmann aber ergriff eine Schaufel\nvoll Erde und warf sie hinab, und sprach die alten, gefeste-\nten Worte: „Von der Erde bist du kommen, zu Erde\nmusst du werden,\" und betete. Und daraufsprach er ernste\nWorte über die Gaben und Schicksale des Verewigten,\nund die Sänger der Concordia sangen ein wehmüthig Lied.\nUnd wieder ertönte eine feierliche Choralweise und wir\nnahmen Jeder eine Hand voll Erde und warfen sie hinab\neine letzte, arme, kalte Liebesgabe! Unterdessen war\ndie Sonne hinabgesunken, und Alles lös'te sich auf in un-\nbestimmte Massen und Schatten— und die Menge, welche\nnoch eben zusammengehalten gewesen war von einem ge-\nmeinschaftlichen Gegenstande ihres Antheils, zerstreute sich\n—wie ja Alles schnell aus einander iällt, wo die bindende\nKraft zu wirken aufgehört, wo der gestaltende Kern der\nVernichtung anheimgefallen. Armer Schumann!\nUnd doch durften einst Könige dich beneiden! Du be-\nherrschtest mit einem goldenen Scepter eine herrlich tö-\nnende Welt, und schufst und wirktest darin mit Kraft und\nFreiheit. Und viele der Besten schlössen sich dir an, gaben\nsich dir hin, begeisterten dich durch ihre Begeisterung und\nlohnten dir durch die tiefste Neigung. Und welch eine Liebe\nschmückte dein Leben! Ein Weib, angethan mit der Strah-\nlenkrone des Genius, stand dir zur Seite, und du warst ihr\nwie der Tochter der Vater und wie der Braut der Bräuti-\ngam und wie dem Jünger der Meister und wie dem Gläu-\nbigen der Heilige. Und als sie nicht mehr an deiner Seite\nsein und von deinen Wegen jedes Steinchen entfernen\ndurfte, da fühltest du mitten in Träumen und Leiden aus\nder Ferne ihre schützende Hand, und als der Engel des\nTodes Mitleiden mit dir hatte und sich deiner geängstigten\nSeele nahte, um ihr wieder zu Licht und zu Freiheit zu\nverhelfen, da begegnete in den letzten Stunden dein Blick\ndem ihren, und liebeverklärt zog dein müder Geist von\nhinnen.\nDein müder Geist! Zu viel hattest du ihm abverlangt.\nWas in geweihter Stunde dem dankbar Empfangenden zu\nTheil werden mag, das fordertest du als ein Recht jeden\nAugenblickes. Und wie in den Orangen-Hainen Italiens in\nstets sich drängender Ueppigkeit Blüthen und Früchte an\ndemselben Zweige prangen, so sollte dein Genius in un-\nunterbrochenem Keimen und Blühen und Reifen seine gol-\ndenen Aepfel dir zu Füssen legen. Lange gehorchte er\nwillig, und wer vermöchte zu sagen, wie er sich mit dir\nentzweite? Ach, vielleicht war es nur ein kurzes Schmol-\nlen, wie es ja zwischen den besten Freunden vorkommt,\nund nur unseren blöden Augen erschien es wie ein Zer-\nwürfniss, und Ihr seid wieder im besten Einvernehmen und"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "254", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.2", "texte": "lächelt über alles, Was wir hier von Euch sprechen, und\nlächelt milde, und verzeiht es uns!\nAber ich fürchte kein Lächeln niederer oder höherer\nGeister, lieber Schumann, wenn ich von der Hoheit deines\nStrebens spreche, und von seiner Wahrhaftigkeit und\nTreue. Du warst ein echter Künstler, und was darin liegt\nvon kräftigem unbestechlichem Wollen, von hingebender\nThätigkeit, von ausharrendem Muthe, das wissen nicht Viele.\nUnd du warst milde und gut und gerecht gegen Andere,\nsoweit es zu sein einem sterblichen Menschen verliehen ist.\nAus deinen Melodieen schimmert die Anmuth einer holden\nSeele, strahlt die Wärme eines liebenden Herzens. Stille\nsassest du da und horchtest dem Wogen und Tönen und\nFJuten in deinem Innern, und all den wundersamen Harmo-\nnieen, die da lebten wie die Blumen auf dem Grunde des\nMeeres aber den Einflüsterungen kleinlicher Eitelkeit, die\nallzu oft mit Melodieen und Accorden zusammensummen\nin der Seele des Tonkünstlers, denen gabst du kein Gehör\n—, sie suchten dich auch wohl gar nicht heim; denn sie\nwussten, es war verlorene Mühe !\nAber deine Werke sind dir zu desto schönerem\nSchmucke geworden, und werden deinen Namen besser\nzieren, als verliehene Auszeichnungen es je zu thun ver-\nmocht. Um die Grabesstätte, welche die Stadt Bonn auf\nihrem schönen, an grossen Erinnerungen reichen Friedhofe\ndir ausgesucht, sind fünf junge Platanen gepflanzt. Die\nSchattenfülle, die sie in späten Jahren um deinen Grabes-\nhügel verbreiten werden, sei das Bild von der Wirkung\ndeiner Schöpfungen. Und du ruhe jetzt, trefflicher Meister,\nwenn Ruhe unsterblichen Geistern beschieden, und freue\ndich des vielen Guten und Schönen, das du geschaffen in\nWorten und in Tönen, und aller Liebe und Verehrung\nfreue dich, die dir da blüht in so vielen Herzen im grossen\ndeutschen Vaterlande!\nKöln, 1. August 1856.\n\nFerdinand Hiller.\n\nPariser Briefe.\n\n[Musterung der musicalisch-dramatischen Neuigkei-\nten auf den pariser Opernbühnen im Winter 1855\n1856. Uebersicht der Concert- und Kammermusik.]\n(I. S. Nr. 30.)\nII.\n[Valentine d'Aubigny von Halevy Le Housard und Mam'zelle\nGenevieve von A. Adam Italienische Oper: Fiorina von Pe-\ndrotti L'Assedio di Firenze von Bottesini.]\nIch komme zu dem neuesten Werke Halevy's. Es\nist zu bedauern, dass auch dieser doch so literarisch ge-\nbildete Componist einen Text in Musik setzen konnte, des-\nsen Lebensiähigkeit jedem Laien auf den ersten Blick sehr\nzweifelhaft erscheinen musste. Es ist überhaupt merkwür-\ndig, wie oft die gebildetsten und nicht bloss in der Musik\nurteilsfähigsten Componisten trotz alledem in dieser Be-\nziehung fehl greifen!\nDie Valentine d'Aubigny, drei Acte, wurde den 26.\nApril dieses Jahres zum ersten Male auf dem Theater der\nkomischen Oper aufgeführt. Zwei Cavaliere treffen sich im\nGasthofe zu Fontainebleau; Gilbert reis't nach Paris, um\nValentine, eine Spielgenossin seiner Jugend, die er aber\nseit der Kindheit nicht wieder gesehen, zu heirathen; Bois-\nrobert hat sich von Paris weg gemacht, um die Sängerin\nSylvia nicht zu heirathen, obwohl er sich schriftlich dazu\nverpflichtet hat. Im Gasthofe verliebt er sich in eine hüb-\nsche Reisende. Aber Sylvia ist ihm nachgereis't. Ihr Be-\ngleiter und Boisrobert machen den sauberen Plan, sie für\nValentine auszugeben und zu Gilbert's Gattin zu machen.\nSie willigt ein, Gilbert fängt Feuer, aber auch die junge\nReisende, eine Waise, wird als Gesellschafterin der künfti-\ngen Frau von Gilbert mitgenommen. Alles nach Wunsch\nvon Boisrobert. Die ganze Compagnie reis't nach Paris.\nDort quälen uns die Verfasser (Barbier und Carre) zwei\nActe hindurch durch Langeweile, die um so tödlicher wird,\nje mehr die Gaunerei sich zur Sentimentalität wendet, bis\nendlich die wirkliche Valentine, d. i. die junge Waise und\nGesellschafterin, ihrem geliebten Gilbert sich zu erkennen\ngibt, der so gutmüthig gewesen ist, sich bis zum Final-\nTerzett bei der Nase herumführen zu lassen.\nDass die Partitur besser ist als das Buch, ist freilich\nwahr; allein damit ist sehr wenig gesagt. Die Charakteristik\nder Rollen der Valentine und des Gilbert (Bariton) ist ins\nSentimentale gezogen, was sie langweilig macht; Sylvia\nglänzt durch Coquetterie und Bravourgesang d la mode;\nBoisrobert (Bass) ist noch am besten gehalten. Allein im\nGanzen erhebt sich die Musik nicht zu der Höhe früherer\nCompositionen Halevy's in derselben Gattung, und auch\ndie besseren Nummern, besonders einige Romanzen und\neinige Ensembles, können die durch und durch falsche\nGrundlage des Stückes, welche nur aus Spitzbüberei be-\nsteht und nichts weniger als komisch ist, nicht mit etwas\nHaltbarem überbauen. Die Besetzung war vortrefflich\nMlle. Duprez und Lefebvre, Batailleund Mocker—: auch der\nKaiser war zugegen. Nimm dazu Halevy's Ansehen, seinen\nEinfluss, seine Freunde, und Du wirst den Schlüssel zu\ndem Succes eclatanthaben, von dem die Blätter sprechen.\nDie Oper hat neun bis zehn Vorstellungen erlebt. Dass sie"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "255", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.3", "texte": "später noch einmal wieder aufgenommen werde, ist kaum\nwahrscheinlich.\nVon zweiactigen komischen Opern sind noch zwei von\ndem verstorbenen Ad. Adam zu erwähnen: Le Housard\nde Berchini(in der komischen Oper den 17. Oct. 1855)\nund Marri zelle Genevieve (Theätre lyrique den 24. März\n1856), sein letztes, aber sehr eilig und lose hingeworfenes\nWerk, dem es an Frische und Leben der Melodie fehlt,\nwas die oft allzu freundliche hiesige Kritik mit den Wor-\nten entschuldigt: „es dürfe wohl erlaubt sein, nicht immer\nzu erfinden, wenn man keinen Tag im Jahre feiert.\"\nDas Textbuch (gebaut auf täuschende Zwillings-Aehnlich-\nkeit von Schwester und Bruder) ist erbärmlich.\nDagegen ist „Der Husar\" eine hübsche Operette mit\nrecht ergötzlicher, wenn auch nicht origineller Musik,\nwelche den Stempel der gelungensten Leistungen des\nComponisten trägt und der Oper wie eine\nSchwester der anderen gleicht. Hier ist Heiterkeit, Frische\nund bestechende Melodie. Ein Terzett (Sopran, Tenor, Ba-\nriton) im ersten Acte und ein paar Duette sind ausgezeich-\nnete Nummern. Leider opfert Adam auch hier an manchen\nStellen der Bravour die Einfachheit auf. Und die erstere\ngehört am wenigsten hieher, da das Stück eine Dorfge-\nschichte ist, die Liebe eines sehr jungen und naiven Paares\nä la Annette et Lubin(von Marmontel), wobei ein lustiger\nWachtmeister von den Berchini'schen Husaren (unter Lud-\nwig XVI.) den Vermittler spielt und dadurch, dass er ein\naltes verliebtes Paar prellt, lür die Aussteuer der jungen\nLeute sorgt.\nDie itaiiänisshe Oper brachte zwei oder richtiger\nanderthalb Neuigkeiten, die halbe:\ndi Glaris\"(B. December 1855 —aber schon früher in\nItalien auf die Bühne gebracht) von Pedrotti, und die\nganze: „L'Assedio di Firenze\" (die Belagerung von Flo-\nrenz, den 20. Februar 1856) von Bottesini.\nHerr Pedrotti, Capellmeister am Theater zu Verona,\nhat zu einer sehr faden und hundert Mal dagewesenen Al-\npengeschichte, in welcher eine Wirthstochter von Glarus\neinen lombardischen Jäger dem reichen Bewerber im Orte\nvorzieht, sobald jener sich entschliesst, „ein freier Schwei-\nzer\" zu werden, eine Musik geschrieben, um deren eigent-\nliche Vaterschaft sich Donizeüi und Verdi streiten müssen,\nwenn sie es der Mühe werth halten. Wie trefflich der\nLärm und die Unisono's des letzteren zu der einfachen\nHandlung in so fern überhaupt von Handlung die Rede\nsein kann passen, kann man sich leicht denken. Eine Wie-\nderholung sollte durch etwas ganz Neues und der Kunst\nhöchst Würdiges aufgefrischt werden; ein sardinischer\nSchäfer blies im Zwischenacte auf der „Tibia\", d. h. auf\neinem kleinen, erbärmlichen Flageolet, und entwickelte mit\neinem Tone, der demjenigen einer Miniatur-Locomotivpfeife\nglich, eine fabelhafte Fertigkeit in Trillern, Staccato's, Echo's\nu. s. w. alles das besonders in Natur-Melodieen? 0\nnein, im Carneval von Venedig! Nach jedem Stücke hielt\nder blinde Picco sein Instrumentlein, das schwache Werk-\n• 7\nzeug seiner Vogelmusik, triumphirend in die Höhe, und\ndas Publicum jauchzte! Das geschah in der\nvor den glänzenden Toiletten und hochgebildeten Ohren der\nhaute voleeauf den rotbplüschenen Polsterstühlen!\nBottesini, der Contrabassist ohne Gleichen, unter\ndessen Händen der Riese seufzt und girrt, wie ein Simson,\ndem die Locken abgeschnitten sind, Bottesini war diese\nSaison hindurch auch Dirigent des Orchesters der italiäni-\nschen Oper und bewährte sich dabei als tüchtigen Musiker.\nIn dieser Stellung befreundete er sich mit einem Herrn\nCorghi, Advocat, Regisseur, Dichter und Secretär der ita-\nliänischen Oper; dieser lieferte ihm ein Libretto, einen vier-\nactigen Freiheitsruf—was bedurfte es mehr für den heiss-\nblutigen Italiäner? —, und L erschien.\nAllein Dichter und Componist übersahen oder wussten\nnicht, dass ein allgemeines Interesse, eine Leidenschaft der\nMassen, ein Aufschwung eines ganzen Volkes, sei er auch\nnoch so edel, niemals ein dramatischer Gegenstand ist, der\ndie Theiinahme fesselt und Sympathieen erregt. Das Drama\nwill ein auf Personen concentrirtes Pathos, eine fortwäh-\nrende Handlung, die den Menschen in seiner Leidenschaft\nzeigt, nicht die M ensch hei t. Dies ist nun aber in Corghi's\nGedicht, das nach Varchi's Geschichte von Florenz und\nnach einem Roman von Guerazzi, der vor 15 —l6 Jah-\nren Aufsehen machte, gearbeitet ist, nicht der Fall. Das In-\nteresse spaltet sich, anstatt sich zu concentriren; der eigent-\nliche Held Martelli ist eine blasse Gestalt; Maria de Ricci,\ndie Gattin eines unbedeutenden Mannes, der hinter der Scene\nbleibt, kann dadurch, dass sie sich von Martelli und seinem\nGegner Bandini lieben lässt, aber selbst weder Liebe noch\nCharakter zeigt, unmöglich anziehen; Michel Angelo, der\nsehr häufig erscheint, aber nur Reden hält und nichts thut,\nist eben so wie seine Werkstatt ganz überflüssig, und er und\nsie nehmen trotzdem einen grossen Theil des zweiten Actes\nein —: so bleibt Bandini, der Verräther und Ueberläufer,\nnoch die kräftigste Figur, für den man sich aber wiederum\nnicht interessiren kann, weil in seiner Person die unge-\nrechte Sache triumphirt und der edle Freiheitsheld Martelli\nan den Wunden stirbt, die er im Zweikampfe mit Bandini"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "256", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.4", "texte": "erhalten. Dass die Handlung sich auf historische Wahrheit\nstützt (den Zweikampf im Angesichte beider Heere bei der\nBelagerung von Florenz im Jahre 1530 durch Karl V.\nund Papst Clemens VII.), kann dem Drama nicht aufhelfen.\nAuch ist das Stück viel zu lang: es könnte um anderthalb\nAct, unbeschadet der Handlung, verkürzt werden.\nBottesini ist noch ein junger Mann; musicalisches Wis-\nsen und Gewandtheit in den Formen mangeln ihm keines-\nwegs. Weniger befriedigt die melodische Erfindungsgabe.\nMit Ausnahme des Chors, der die Einleitung bildet (ein\npatriotischer Hymnus zu Italiens Verherrlichung), bewegt\nsich die ganze drei und eine halbe Stunde lange Oper nur\nim gewöhnlichen Geleise der neuesten Spectakel-Musik.\nBottesini steht nicht nur am Abhänge des Abgrundes der\nVocalmusik, wie die meisten jungen Componisten unserer\nZeit, sondern er ist schon eine grosse Strecke darauf hinab-\ngerutscht, und das ist schade für sein Talent. Das Orchester\nerdrückt den Gesang, und wenn es so fortgeht, so werden\nin der italienischen Oper, dem ehemaligen Muster der Ein-\nfachheit und Melodie, die Solosänger im Gedränge zwischen\ndem Orchester vor und einem Bataillon Choristen hinter\nihnen, dem noch ein Artilleriepark von Tuben, Posaunen\nund Ophikleiden im Rücken steht, gar bald ihren letzten\nSeufzer ungehört aushauchen. Und bei all diesem Lärm\nfehlt es doch ganz und gar an Leben und an wahrer Lei-\ndenschaft. Durch declamatorischen Prunk kann diese nicht\ndargestellt werden, eben so wenig durch Bravoursängerei\nin den Arien, welche ein wahrer Spott auf die dramatischen\nSituationen des Augenblickes sind. Auch die Chöre hinter\nder Scene (ein Gebet mit Glockengeläute, ein Chor der\nSchanz-Arbeiter!) sind abgenutzte Effecte. Bottesini nimmt,\ndas lässt sich nicht läugnen, häufig einen kühnen und ge-\nlungenen Anflug; aber bald erlahmt er und klammert sich\ndann an die Kunst der Faclur; die Schwingen der Phan-\ntasie fehlen, von welchen jene getragen werden muss.\nKommt nun noch die widerlichste Monotonie von allen, die\ndes Instrumentallärms, dazu, so kann von dem Eindrucke\neines musicalischen Kunstwerkes nicht mehr die Rede sein.\nDie Oper ist nach einigen Vorstellungen wieder begraben\nworden. Dass Bottesini sich herbeiliess, in der dritten oder\nvierten im Zwischenacte auf der Scene seine Virtuosität\nauf dem Contrabass zu produciren, hatte etwas Peinliches:\noffenbar hat er es dem Unternehmer zu Gefallen gethan;\nallein auch dieses „letzte Mittel\" füllte das Haus nicht. Als\nVirtuose reiht er sich jenen Itefliänern an, bei denen man,\nwie z. B. bei Tartini, Paganini, Dragonetti u. s. w., die ganz\nbesondere Natur-Anlage eben so sehr wie den unermüd-\nlichen Fleiss bewundern muss.\nDie Oper wurde übrigens sehr gut gegeben und war\nprachtvoll ausgestattet. Madame Penco, welche die Maria\ngab, ist eine treffliche Sängerin mit einer herrlichen, echten\nund frischen Sopranstimme, vor welcher die übrigen vom\nAlter gebleichten Gestirne am Horizont unserer italiänischen\nOper so ziemlich ganz erblassen. Mario und Graziani\nsangen die beiden Helden-Partieen, Angel ini den Bass\n(Michel Angelo).\n\nB. P.\n\nAus Aachen.\nUeber das musicalische Leben und Treiben in Aachen\nwährend der verflossenen Winter- und Frühlings-Monate\nschulde ich Ihnen bereits lange den versprochenen Bericht.\nMancherlei Reisen und Geschäfte hinderten mich bisher\ndaran; doch denke ich: besser spät, als gar nicht, und will\ndaher hiermit das Versäumte einiger Maassen nachholen,\njedoch nicht, indem ich Ihnen eine laufende Chronik der\nverschiedenen Musik-Aufführungen gebe, sondern indem\nich das Ganze mehr in ein Bild zusammenfasse und nur\nEinzelnes besonders hervorhebe.\nVieles brachte uns der Winter, und Manches gut.\nSechs Abonnements-Concerte (Dirigent: städtischer Musik-\nDirector Herr v. Turanyi), eben so viele Ausführungen\ndes Instrumental-Vereins (Dirigent: derselbe), zwei Con-\ncerte der Concordia (Dirigent: Herr C. F. Ackens), vier\nBenefiz-Concerte, von denen eines von dem städtischen Mu-\nsik-Director, das andere von dem Concertmeister Herrn F.\nWenigmann und unter dessen Leitung, das dritte von\nden durch ihre Tüchtigkeit besonders beliebten Herren\nWippiinger (Violine) und Suhr (Cello), das vierte end-\nlich zum Besten des gesammten Orchesters veranstaltet\nwar, dann noch drei Streichquartett-Soireen der Herren\nGebr. Wenigmann,—das ist es ungefähr, was in Aachen\nöffentlich in der Musik geleistet wurde. Die reine Instru-\nmental-Musik hat in der bei Weitem grösseren Zahl dieser\nAufführungen die Hauptrolle gespielt; nur die Concerte\nder Concordia und ein paar der Abonnements-Concerte, so\nwie das Benefiz-Concert des Herrn v. Turanyi brachten\nüberwiegend Vocales. Von Ouvertüren hörten wir: sechs\nvon Cherubini (Anakreon, Abenceragen, Hotellerie portu-\ngaise, Faniska, La Prisonniereund Ali Baba), fünf von Beet-\nhoven (Coriolan und die vier Ouvertüren zu Leonore, resp,\nFidelio), vier von Weber (Euryanthe, Freischütz, Jubel-\nOuverture und Beherrscher der Geister), drei von Mozart"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "257", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.5", "texte": "(Entführung, Titus, Schauspiel-Director) und einzelne von\nGluck, Ortslow, Lindpaintner, Rietz, Vogel, Veit, Turanyi,\nNicolai, Meyerbeer (Struensee), Witting u. s. w. Eilf Sin-\nfonieen wurden gegeben, darunter von Beethoven die\nC-moll und F-dur,von Mozart die und\ndur (in drei Sätzen), von Haydn und dann\neinzelne von Kalliwoda i^Es-dur), Mendelssohn (A-molfrj und\nSpohr (Weihe der Töne). An Instruraental-Solo-Vorträgen\nboten die verschiedenen Abende Folgendes: Clavier-Con-\ncerte in C-moll von Mozart und von Beethoven und\neines eigener Composition, vorgetragen durch v. Turanyi,\nD-mo//-Clavier-Concert von Mendelssohn, vorgetragen durch\nden Capellmeister G. A. Schmitt jun. (Sohn von Aloys\nSchmitt), welcher seit zwei Sommern unsere Oper leitet\nund sowohl in dieser Eigenschaft, wie auch als ausübender\nund schaffender Künstler sich hier geltend gemacht hat,\nH-moll-Capriccio für Ciavier, gespielt von C. Sienold aus\nHeidelberg, einem ebenfalls sehr begabten Künstler. Auf\nder Violine trugen uns Herr Wipplinger das Mendelssohn'-\nsche E-moll-Concert und David's Andante e Scherzo ca-\npriccioso, Herr Concertmeister Wenigmann zwei Sätze aus\ndem H-moll-Concerte von de Beriot und das\ncertino von Spohr, und ein junger, talentvoller Schüler des\nHerrn Wipplinger, Herr Jokisch, ein anderes de Beriot'-\nsches Concertstück vor. Herr Suhr brachte uns auf seinem\nVioloncello ein Concert von Goltermann und eine Phantasie\nvon Stransky; Herr Schädler, unser tüchtiger Clarinettist,\nein Concertstück von C. M. v. Weber, so wie in Verbin-\ndung mit Herrn Schwarz, dem Oboer, eine Concertante\nlür beide Instrumente. Bei Gelegenheit der Moz&rtfeier\nhörten wir auch das Quintett des gefeierten Meisters für\nClarinette und Streich-Instrumente wunderschön ausführen\nvon Schädler, Wipplinger, dem Capellmeister Speer, Nütten\nund Suhr. lm Felde des Gesanges hatten wir ausser\neiner Anzahl von meistens wohl gelungenen Solo-Vorträgen\nSeitens hiesiger befähigter Dilettanten und Dilettantinnen\nfolgende Ensembles: Nachtlied für Chor und Orchester von\nSchumann, Walpurgisnacht von Mendelssohn, den ersten\nTheil des Oratoriums Jephta von Reinthaler,\nmine von Cherubini, eine Motette von Hummel:\nVirgo\", für Solo und Chor, einen Psalm von Nicolai, einen\nanderen von Händel und zweimal Händel's Ode an die hei-\nlige Cäcilia; dann Seitens derConcordia im Fache des Män-\nnergesanges: Tschirch's sehr gelungenes dramatisches Ton-\ngebilde „ Eine Nacht auf dem Meere«, Chöre aus Oedipus von\nMendelssohn, C. Kreutzens Arie mit Chor „Schweigen der\nNacht\" und mehrere Chöre und Lieder ohne Begleitung.\nAus dieser Aufzählung werden Sie mit Vergnügen er-\nsehen, dass wir auch in der verflossenen Musik-Saison hier-\norts recht thätig gewesen sind und dabei unsere Bestre-\nbungen nur auf edle Erzeugnisse im Gebiete der Töne ver-\nwandt haben. Es bleibt mir nun noch übrig, Ihnen auch\nüber das Wie der Ausführung Einiges mitzutheilen.\nDie Instrumental-Ausführungen gründen sich auf das\nhiesige städtische Orchester, welches Behufs der Sommer-\nBadesaison in städtischem Solde steht, 32 Personen stark\nist und vermittels der auf solche Weise gesicherten Existenz\neine Anzahl namhafter künstlerischer Kräfte in sich zählt.\nZwar hat der Nepotismus, stets wuchernde Partei-Bestre-\nbungen und fremde Einflüsse auch hier Manches verdorben\nund—namentlich bei der ersten Violine Leuten Aufnahme\nverschafft, die kaum iür die zweite Violine in einem\nOrchester ausreichen, welches tagtäglich mit einer kleinen\nProbe die schwierigsten Opern u. s. w. auszuführen hat.\nAllein es gibt hier an maassgebender Stelle Personen,\nwelche darauf halten, dass das Orchester möglichst verbrü-\ndert und verschwägert werde, und daher den nachrücken-\nden Mitgliedern dieser bekannten Orchester-Familie die be-\nsten Plätze verschaffen, auch wenn ihr Leisten sehr mittel-\nmässig ist.— Diesem bestehenden Körper gesellen sich für\ndie Concert-Auflührungen stets noch einige gute dilettanti-\nsche Kräfte an den Streichpulten bei, so dass das Ton-\nVolumen ein recht Achtung gebietendes ist. Zu einem fei-\nnen Ensemble aber lässt es die verschiedenartige Leitung\nnicht leicht gelangen; denn im Curhause dirigirt F. We-\nnigmann die im Sommer täglichen, im Winter allsonn-\ntäglichen Unterhaltungs-Musiken, im Theater führt es der\njedesmalige Theater-Capellmeister, und so findet der städti-\nsche Musik-Director v. Turanyi für die Concerte ein sei-\nner Leitung mehr oder weniger entwöhntes, dem feineren\nZusammenspiel etwas entfremdetes Orchester vor sich.\nTrotzdem hatten wir manche schöne, abgerundete Instru-\nmental-Leistung unter den oben angeführten. Neu waren\nhier: Meyerbeer's Ouvertüre zu Struensee, Spohr's\nSinfonie „Die Weihe der Töne\" und eine Ouvertüre von\nC. Witting, Musik-Director in Lippstadt. Meyer-\nbeer's Zerrissenheit da, wo es sich um die Bildung eines\neinheitlichen Musikstückes handelt, bewährt sich erst recht\nin seinen Versuchen, reine Instrumental-Musik zu Tage zu\nfördern; besagte Ouvertüre ist ein lebendiger Beleg dazu,\ndass dem berühmten Componisten zu grossen, ausgebilde-\nten Formen der absoluten Musik das rechte Zeug abgeht.\nSpohr's Sinfonie ist dagegen eine vortreffliche, sinnig ge-\ndachte und künstlerisch geformte Arbeit, welche demjeni-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "258", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.6", "texte": "gen Theile des Auditoriums, dessen Ohr von dem heutigen\nBlech-Instrumentallärm noch nicht zu sehr betäubt ist,\nrecht vielen Genuss bereitete; nur scheint die Kriegsmusik\ngar zu gedehnt. Die Ouvertüre von Witting, welche in\neinem der Concordia-Concerle zur Aufführung gelangte, hat\ninteressante thematische und contrapunktische Arbeit, leidet\njedoch an zu grosser Länge und dem Mangel an orchestra-\nlem Schwung. Neu waren auch ein paar der genannten\nCherubini'sehen Ouvertüren, welche zwar in der musi-\ncalischen Welt wenig bekannt sind, jedoch die Aufführung\nin reichem Maasse lohnen, wenn sie auch nicht die grossen,\nbekannten Ouvertüren des genialen Meisters erreichen. Wir\nverdanken deren Herbeischaffung unserem für das Classi-\nsche und Gute stets begeisterten v. Turanyi.\nDer gemischte Chorgesang trieb keine allzu reichen\nBlüthen im verflossenen Winter. Diese Branche wird haupt-\nsächlich cultivirt durch den unter Turanyi's Leitung\nund der Verwaltung des Herrn Hofrathes Brüggemann\nstehenden städtischen Gesang-Verein. Bisher hat man es\nnoch nicht verstanden, die Mitglieder in dem Grade für den\nVerein und seine Zwecke zu interessiren, dass ein fleissiger\nBesuch und eine rege Theiinahme die Folge gewesen wäre.\nDaher die wenigen Leistungen auf diesem Musik-Gebiete.\nEs kommt nun noch hinzu, dass gewisse Parteileute ge-\ngen alles angehen, es zu schwächen und zu hintertreiben\nsuchen, was unter der Aegide des Herrn v. Turanyi ge-\nschehen soll. Artige Geschichtchen könnte man davon er-\nzählen; bedauerlich ist es jedoch, dass dadureh gerade in\ndem ohnehin nicht starken Damenchor eine Zersplitterung\nder Kräfte hervorgerufen wird. Neu waren u. A. die Ode\nan die heilige Cäcilia von Händel und Reinthaler's\n„Jephta und seine Tochter\". Ersteres Werk ist seiner Zeit\nvon Mozart instrumentirt worden und scheint seitdem\nziemlich vergessen worden zu sein. Es hat jedoch bei der\nhiesigen Aufführung eine solche Zauberkraft bewährt, dass\neine Wiederholung gegen das Ende der Concert-Saison hin\nvöllig gerechtfertigt schien und von Neuem das Publicum\nanzog. Die wirklich reizenden Solo-Partieen, welche dem\nGedichte gemäss die verschiedenartigen Wirkungen der\nTonkunst mit feinster Charakteristik beschreiben, wechseln\nmit Chören und reinen Instrumentalsätzen ab. Es zeigt sich\ndarin die ganze Lieblichkeit Händel's in Genrebildern, im\nGegensatze zu den grossartigen Tongemälden seiner Ora-\ntorien. Die Soli sangen drei Dilettanten: Eräul. Spie s (So-\npran), Herr Göbbels (Tenor) und Herr Ackens (Bari-\nton). Von Reinthaler's Oratorium konnte nur der\nerste Theil gegeben werden; er zeichnet sich durch die\nprächtigen, schwungreichen Chöre aus und legt von einer\nbewundernswürdigen Gewandtheit des Componisten in der\nStimmen-Behandlung Zeugniss ab. Die Soli, welche sich\nwieder in den Händen dreier Dilettanten, der Frau Waldt-\nhausen-Böhme, des Herrn Göbbels und des Herrn\nvanHoutem befanden, sind in ihrem declamatorischen\nTheile schön gedacht und durchaus edel gehalten; dem\nArioso fehlt jedoch das Melodische, was die Solo-Partieen\ndes zweiten Theiles auszeichnen soll. Die Aufführung ging\nunter Leitung des Componisten selbst (der die Gelälligkeit\nhatte, auf seiner Rückreise von London nach Köln einige\nTage hier zu verweilen, um uns diesen Genuss zu verschaf-\nfen) recht glatt und mit Begeisterung von Statten, und das\nAuditorium nahm das Werk mit sichtharer Freude, so wie\nungetheiltemßeifalle auf. Auch Mendelssohn's geniale\nWalpurgisnacht holte sich, obgleich schon früher gehört,\nreichen Applaus durch die im Allgemeinen schwungvolle\nAusführung, durch die lebendige Wiedergabe des Hexen-\nchors und durch die von Herrn Ackens trefflich vorge-\ntragene Partie des Priesters.\nIm Männergesange gab nur die Conco rd ia öffent-\nliche Proben ihrer Leistungen in zwei schön ausgestatteten\nConcerten. Der Glanzpunkt des ersteren waren die Gesänge,\nwomit diese Gesellschaft bei dem Preissingen in Brüssel\nvorigen Herbst so grossen Effect hervorgebracht hat. Im\nletzteren Concerte war es Tschirch's „Eine Nacht auf\ndem Meere\", welche (mit Orchester-Begleitung) vortreff-\nlich ausgeführt wurde von etwa 150 Executanten und,\nmit dem reichsten Beifalle überschüttet, dem Vereine, so\nwie seinem Dirigenten C. F. Ackens Ehre machte.\nVon den Instrumental-Soli, die ich oben aufzählte, hebe\nich besonders hervor das Mendelssobn'sche Violin-Concert,\nwelches von unserem Wipplinger mit wahrer Virtuosi-\ntät und tiefem Verständniss gespielt wurde. Wipplinger\nverbindet mit grosser Gewandtheit des Bogens eine feine,\nsinnige Auffassung und einen edeln, wenn auch nicht gros-\nsen Ton. Seine Leistungen haben nachgerade einen grossen\nHöhepunkt erreicht und finden stets eine fast enthusiasti-\nsche Theiinahme bei unserem Publicum. Sehr grossen\nDank und Beifall verdiente sich auch v. Turanyi durch\ndie gelungene Vorführung des Mozart'schen Clavier-Con-\ncertes, so wie nicht minder durch jenes von Beethoven in\nC-moll. Es ist jedesmal ein Fest für die wahren Musik-\nfreunde, eines dieser sinfonischen Ciavierwerke mit Orchester\nso gediegen zu hören. Das neue Violoncell-Concert von\nGoltermann, welches Herr Suhr spielte, lässt zwar in Be-\nzug auf die Concert-Form zu wünschen, bot aber dem"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "259", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.7", "texte": "wackeren Künstler viele Gelegenheit, die glänzenden Eigen-\nschaften seines Spiels geltend zu machen; so schönen, gros-\nsen Ton und zugleich solche Fertigkeit und Reinheit in der\nHandhabung ihres Instrumentes haben nur wenige Cel-\nlisten aufzuweisen.\nDie Quartett-Soireen der Gebrüder Wenigmann (es\nhat sich den bisherigen dreien nun noch ein vierter, jünge-\nrer Bruder (Viola) hinzugesellt) boten vieles Gute. Die\nMozart'schen und Haydn'schen Quartette gehen gewöhnlich\nrecht gut zusammen, werden in der Auffassung wohl mit-\nunter etwas outrirt, jedoch sonst fein gespielt. Für schwe-\nrere Aufgaben im künstlerischen Quarteltspiel, wohin wir\nnamentlich das diesmal wiederholt vorgetragene\nQuartett Nr. 16 von Beethoven rechnen, reichen jedoch\ndie Kräfte nicht ganz aus; nichts desto weniger ist der\ngute Wille und der Eifer, den die Herren bezeigen, um\nuns solche selten gehörte Werke vorzuführen, durchaus\nzu loben. Herr Concertmeister F. Wenigmann ist der\nLeiter und die Seele dieser Quartette.\nIch breche hier in meiner Berichterstattung ab, um\nIhre und Ihrer Leser Geduld mit unseren aachener Zustän-\nden nicht gar zu sehr auf die Probe zu stellen. Die von\ndem hiesigen Badeleben hervorgerufenen Sommer-Concerte\nbieten mir vielleicht nächstens neuen Stoff zu einem Bericht.\n\nKöln, den 2. August.\nSchon wieder haben wir den Verlust eines der aus-\ngezeichnetsten Tonkünstler zu betrauern, dessen Tod alle\nFreunde der Kunst und besonders alle, die in ihm zugleich\nden liebenswürdigen und edlen Menschen kannten, tief be-\ntrüben und um so mehr erschüttern wird, je weniger er\nnach menschlicher Voraussicht geahnt werden konnte. Ge-\nstern Abends um 10 xJi Uhr verschied TllCOdöl'\nPixis, Concertmeister des hiesigen Orchesters, Lehrer\nan der Rheinischen Musikschule und Violin-Virtuose ersten\nRanges. Nach einem kaum sechstägigen Krankenlager machte\nein Gehirnschlag seinem jungen und an Gaben der Kunst\nso reichen Leben ein Ende, und riss ihn in seinem sieben-\nundzwanzigslen Jahre aus einem schönen Wirkungskreise\nund einer glänzenden Künstler-Laufbahn plötzlich heraus.\n\nAus Hamburg.\nEs hat sich hier ein musicalischer Verein gebildet, welcher\nden Namen „H a mbu rger Bach-Gesellschaft4' angenommen.\nUm Missverständnissen vorzubeugen, bemerke ich Ihnen sogleich,\ndass dabei von einer Concurrenz mit der leipziger Bach-Gesellschaft\nnicht die Rede ist; denn der hamburger Verein hat nicht den\nZweck, Composiüonen von Bach herauszugeben, sondern zu studi-\nren und öffentlich aufzuführen, um die Liebe zu dieser herrlichen\nKirchenmusik zu wecken, zu nähren und zu steigern. Und das ist\nsicherlich ein schöner Zweck, und wenn zu dessen Erreichung die\nrichtigen Mittel ergriffen werden, so wird die Bekanntschaft des\nPublicums mit Bach dasselbe so fesseln, dass die Liebe zur echten\nTonkunst daraus erwächst und diese das stärkste Bollwerk gegen\ndie Irrwege derjenigen Schule bilden wird, welche die zügelloseste\nRomantik mit dem Realismus vereinigen will.\nDer Gründer und Director dieser Gesellschaft, Herr F. von\nRoda, der sich seit Jahren mit Bach beschäftigt und ein grösseres\nWerk über ihn unter Händen hat, hält für nothwendig, den Wer-\nken des grossen Meisters durch Accommodirung (um mit Einem\nWorte alles, was Auslassung, Text-Aenderung, Instrumentation u.\ns. w. betrifft, zu bezeichnen) an den Geschmack unserer Zeit Ein-\ngang beim Publicum zu verschaffen. Die Neuheit und die Kräfte\nder Gesellschaft erlaubten nicht, schon in dem erslen Winter ihres\nBestehens mit der Aufführung eines der grösseren Passionswerke\naufzutreten. Ferner halte die Erfahrung an anderen Orten gezeigt,\ndass mit den einzelnen Cantaten wenig Erfolg erzielt werde, weil\ndiese Cantaten ursprünglich ein integrirender Theil des Gottesdien-\nstes waren und dessnalb als einzelne Concert-Nummern nicht wohl\nwirken können.\nDies brachte Herrn von Roda auf den Gedanken, einige klei-\nnere Compositionen mit strenger Berücksichtigung der musicalfschen\nund textlichen Verwandtschaft so zusammen zu stellen, dass ein\nGanzes daraus wurde. Dabei änderte er hier und da den veralteten\nText, vervollständigte die Instrumental-Begleitung und fügte ihr\nauch, wo es ihm nothwendig erschien, eine reichere Figuralion\nhinzu. Natürlich versah er das Ganze auch mit den gehörigen dy-\nnamischen Zeichen zu Erzielung eines fein nuancirten Ausdrucks.\nDie Ausführung war vortrefflich und entsprach dem Zwecke, ein\nPublicum für Bach's Musik zu gewinnen, und sowohl die Masse\nder Zuhörer als der bei Weitem grössere Theil der Musiker und\nKenner fühlte sich sichtbar von der Aufführung ergriffen.\nDagegen erhoben sich einige Stimmen, deren gewichtigste Herr\nC. G. P. Grädener—in einem besonderen Schriftchen: „Bach und\ndie hamburger Bach-Gesellschaft\" hören liess. Wenn wir einigen\nseiner Einwürfe volle Berechtigung zugestehen müssen, so scheint\ner uns doch auf der anderen Seite zu pedantisch und einseitig zu\nverfahren. Er rügt hauptsächlich: dass die gewählten Stücke\nsechs verschiedenen Cantaten entnommen; b) dass dieselben statt\nder ursprünglichen eine zeilgemässe Orchester-Begleitung erhalten\nhaben; c)diese sich nicht auf die Instrumentirung beschränke,\nsondern den hinzugefügten Instrumenten bald kleinere Figurationen,\nbald grössere, den Chören entlehnte Motive gebe; die Folge der\neinzelnen Nummern, nicht minder zwar selten deren Tonart,\nso wie e)der Text bald in einzelnen Wörtern, bald dem ganzen\nWortlaute nach vielfach geändert; dem Ganzen in dynamischer\nHinsicht eine genaue Nuancirung zu Theil geworden: einzelne\nStücke kleine Vorspiele erhalten, Soli Veränderungen erfahren und\neine achtstimmige Motette in ein Solo-Quartett verwandelt wor-\nden sei.\nDer Unbefangene sieht aus dieser Aufführung leicht, welche von\nden Rügen allerdings statthaft sind, und welche dagegen statt des\nTadels eher eine Belobung aussprechen. Will Herr Grädener sich\nvielleicht anheischig machen, die Cantaten Bach's nach Bach's\nWeise an der Orgel zu begleiten? Oder stehen ihm die Instru-\nmente noch zu Gebote, die Bach benutzte, z. B. eine Oboe d'amour,\neine Viola di Gamba u. s. w.? Oder hat er Hornisten und beson-\nders Trompeter, welche Bach's Stimmen, ohne dass sie umgeschrie-\nben werden, blasen können? Glaubt er ferner, dass der oft höchst"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "260", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560809-01.1.8", "texte": "geschmacklose, in Gehalt und Form gänzlich veraltete Text überall\nbeibehalten werden müsse*)? Und meint er etwa gar, dass Bach's\nMusik ohne Ausdruck in piano und forte und in allem, -was dazu\ngehört, gesungen werden müsse, etwa so, wie die Gemeinde ihren\nChoral heruntersingt?\nGegen den Tadel Grädeners hat Herr G. Armbrust, Orga-\nnist an Sanct Peter und Mitglied der Bach-Gesellschaft, ein Schrift-\nchen: „Vertheidigung der hamburger Bach-Gesellschaft gegen\ndie Angriffe u. s. w. Hamburg, bei G. W. Niemeyer\" (20 S. 8.),\ndrucken lassen. Die gute Absicht und die Anführungen aus Mose-\nwius' Schrift über die Matthäus-Passion sind das Beste darin; sonst\nhätte wohl die Widerlegung etwas logischer und gründlicher sein\nkönnen; auch wäre es wünschenswerth gewesen, wenn der Verfas-\nser auf die wohlbegründeten Einwürfe mehr Rücksicht genommen\nhätte. Im Grunde jedoch muss man ihm, schon des löblichen\nZweckes wegen, beistimmen, eben so dem Herrn von Roda für\nseine eifrigen Bestrebungen Dank wissen. Allerdings hat dieser\netwas willkürlich verfahren, allein doch nirgends gegen den Geist\nder Bach'schen Musik gesündigt. Redensarten, wie: „eine Mosaik\naus Bach\", oder: „Bach und Händel sind Eigenthum der Nation,\nan welchem keine Note ausgelassen oder angetastet werden darf\"\nsind eben so wohlfeil als ungerechtfertigt. Es wäre ein Jammer\nund ist leider lange genug so gewesen, wenn wir unser National-\nEigenthum nur in Bibliotheken und Archiven vergraben und es\nnicht ins Leben führen wollten zu fruchtbringenden und zinsen-\ntragenden Anlagen. Die urkundliche Genauigkeit gehört in die hi-\nstorischen Concerte; in Bezug auf alle anderen, die nicht für die\nMusikgelehrten, sondern für das deutsche Volk unserer Zeit gege-\nben werden, damit dessen musicalischer Sinn an den Thaten der\nalten Heroen erstarke, hoffen wir mit Mosewius, „dass die alten\nHerren im Grabe nicht mit uns rechten und zürnen werden, wenn\nihre treuen Diener und Schüler aus ihrer schwachen Einsicht her-\naus, nicht in der Anmaassung, die Meisterwerke zu verbessern,\nsondern in der redlichen Absicht, die in ihnen ruhende Herrlich-\nkeit und Tiefe in ihrem grössten Umfange zu entfalten, auch ein-\nmal gegen ihren Willen verfahren\"**).\n***\n*) Leider ist gerade der Text der Cantaten sehr oft das grösste\nHinderniss ihrer Einführung in die Sing-Vereine; denn es\nkommen nicht nur ganz ungeniessbare Steifheiten und Ge-\nschmacklosigkeiten vor, sondern auch Ausdrücke, welche die\nSopran- und Alt-Stimmen niemals aussprechen werden. Da-\ndurch wird denn auch bei der höchsten Pietät alle Illusion\nund Poesie der Musik zerstört. Wir würden es für ein ver-\ndienstliches Werk halten, wenn ein Dichter und Musiker die\nsämmtlichen Bach'schen Texte, welche nicht Choräle sind,\nreformirte. Die Redaction.\n**) Auch wir haben die gleichen Grundsätze, namentlich in Be-\nzug auf Bearbeitung und* Verkürzung Hand erscher Orato-\nrien, schon öfter in diesen Blättern ausgesprochen und sind\nüberzeugt, dass eine vernünftige Anwendung derselben\nder guten Sache nütze, während die pedantische Urkundlich-\nkeit ihr schadet. Ob Herr von Roda in dem vorliegenden\nFalle zu weit gegangen sei, würde sich nur aus der Einsicht\nseiner Partitur gründlich beurtheilen lassen; dass es aber in\nDeutschland noch immer Männer gibt, die sich aus Liebe zu\ndem reinen Quell Bach'scher Harmonieen der mühevollen und\nwie Figura zeigt - nach aussen hin undankbaren Arbeit,\neine solche Partitur anzufertigen, unterziehen, das muss jeden\nFreund der gediegenen Musik mit Freude erfüllen und ver-\ndient die ehrenvollste Erwähnung unter den Bestrebungen\nfür die Erhaltung der Reinheit der Tonkunst, die in unseren\nTagen mehr als je vonnöthcn sind, Die Redaction.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nFerd. Hiller's „Rhythmische Studien\" sind jetzt auch\nauf dem Conservatorium zu Bologna in Italien, wie bereits früher\nauf dem Conservatoire zu Paris, in den Lehrcursus der Anstalt\naufgenommen worden. Sie sind bekanntlich vor einigen Jahren er-\nschienen und zeichnen sich, abgesehen von ihrem praktischen\nZwecke (als Uebungsstücke zum Zurechtfinden in jeglicher rhyth-\nmischen Form) auch als Compositionen durch jene echte Romantik\naus, deren melodischer und harmonischer Fluss gleichwie in freier\nImprovisation über die Strenge der Form täuscht. Das 11. Heft\nnamentlich empfehlen wir besonders auch allen Clavierlehrern;\ndenn leider sind diese sehr häufig daran schuld, dass man nur\nNoten-Maculatur auf den Piano's der Dilettanten findet.\nWenn die deutsche Oper so fortfährt, wie sie begon-\nnen hat, so wird die wahre Kunst nicht zu kurz kommen; Eury-\nanthe, die Zauberflöte, Fidelio, der Prophet und der Wasserträger\nwaren die Opern der ersten vierzehn Tage.\nI*aris. Die grosse Oper recrutirt sich an Tenoristen; Ar-\nmandi (Robert) und Puget (Edgar in der Lucia) haben ihre\nDebüts mit Beifall gemacht.\nEine neue Oper „Psyche\" von Ambr. Thomas wird studirt.\nHerold's „Zampa\" wird wieder in Scene gesetzt.\nMarco Bordogni, der berühmte Gesanglehrer (s. Nr. 28 v.\n12. Juli), ist hier den 31. Juli, 67 Jahre alt, gestorben. Bei den\nObsequien in der Kirche St. Andre sangen die Schüler des\nConservatoires.\nDie berühmte Schauspielerin Adela Ristori, die auch in die-\nsem Sommer wieder in Paris und London mit ihrer italiäni-\nschen Gesellschaft aufgetreten ist und überall das Publicum hin-\nreisst, ist mit dem Grafen Grillo vermählt, der sie auf ihren Kunst-\nreisen begleitet.\nDer junge Pianist Arthur Napoleon hat im Juli in Lon-\ndon mit grossem Beifalle Concerte gegeben. Er spielte unter An-\nderem auch das Es-dur-Trio, Op. 1, von Beethoven."}]}