{"numero_id": "bm-bmtnabi-1856-09-20-01", "volume": "bmtnabi_1856-09-20_01", "ocr_sha256": "2214231c8e51042ca96b23fffd53fe2f7ac60199142609eab8f1329fc2e14087", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1856/09/20_01/bmtnabi_1856-09-20_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1856-09-20-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-09-20_01#c001", "volume": "bmtnabi_1856-09-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "301", "page_fin": "301", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "301", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 349, "texte": "Inhalt.\nStimmen der Kritik über Richard Wagner. Das Mozartfest in Salzburg. Aus Gran (Festlichkeiten bei der Einwei-\nhung der neuen Domkirche). Tages- und Unterhaltungsblatt (Hamburg, Theater, Fräul. Nina Hartmann, Die bevorstehende\nConcert-Saison Prag, Wagnerwoche Pesth, Fest-Souper für Fr. 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E. R. Alberti, Stadtschulrath in Stettin,\nhat in einer Versammlung daselbst einen Vortrag gehalten,\nden er unter dem Titel: „Richard Wagner und seine\nStellung in der Geschichte der dramatischen Musik. Stettin,\n1856. Müller'sche Buchhandlung\"—veröffentlicht hat.\nDieses kleine Heft enthält die Ansicht eines musica-\nlisch und ästhetisch gebildeten Mannes, der ausser den\nParteien steht, über die Vorzüge und Mängel Wagner's,\nund ist allen denen zu empfehlen, welche sich über Wag-\nner, seine Wahrheiten und seine Irrthümer, durch eine\nkurze Schilderung, die das Hauptsächlichste, was lür und\nwider gesagt und zu sagen ist, in anziehender Darstellung\nzusammenfasst, unterrichten wollen.\nWenn der Verfasser von vorn herein von zwei Par-\nteien spricht und den „radicalen Reformern\" die „steifen,\nengherzigen Anhänger des Alten\" entgegen stellt, so hat\ner allerdings Recht, wenn er Beide als Partei bezeichnet;\nallein er vergisst die Classe der „besonnenen Beobachter\"\nder Entwicklung der Kunstgeschichte, welche keine Partei\nbilden, aber wohl, und zwar, Gott sei Dank! eine sehr zahl-\nreiche Classe in der gebildeten musicalischen Welt, zu wel-\ncher er, wie sein Vortrag beweis't, selbst gehört. Es wird\naber überhaupt mit nichts mehr Missbrauch getrieben, als\nmit der Benennung: „Anhänger des Alten\". Was ist denn\nin der Tonkunst das Alte? Welches sind die traditionel-\nlen Formen, an denen die Gegner Wagner's um jeden\nPreis festhalten wollen? Wie weit hinauf oder zu uns her-\nunter geht denn das Traditionelle? Ist nicht Eines durch\ndas Andere stets durchbrochen worden? Ist die Tradition\nin der Tonkunst etwa starr geworden, wie in der Kirche,\noder hat sie sich fortwährend durch ihre eigenen Kinder\nregenerirt? Was hat Beethoven nicht aus der Tradition\ngemacht! und nun sollen Beethoven's Schöpfungen schon\nwieder abgestandene Tradition sein? Wer sind denn die\nAlten, auf die wir allein schwören sollen, wie man uns\nvorwirft? Etwa die alten Ilaliäner? oder die Niederländer?\noder Bach und Händel? oder Gluck? oder Havdn und Mo-\nzart? oder Beethoven? oder Cherubini und Spontini? oder\nSpohr, Weber, Mendelssohn, Marschner—mit Einem Worte\nAlle bis auf Richard Wagner?\nWenn wir an die Entwicklung der Kunst durch alle\ndiese hier durch Namen bezeichneten Stadien glauben, wenn\nwir die Theorie des Schönen in der Tonkunst auf das We-\nsen der Musik und ihres Materials, des schwingenden To-\nnes, nicht auf die Poesie und das Wort, oder auf die Ma-\nlerei oder irgend eine fremde Kunst, die in ganz anderem\nStoffe arbeite), begründen, und ihre Regeln, wie es bei je-\nder Kunst, die auf Erden da gewesen, geschehen ist, aus\nden in ihr vorhandenen Werken ableiten, aus den Werken,\ndurch welche bevorzugte und erwählte Geister die Musik\nerst zur selbstständigen Kunst gemacht haben: dann\nsind wir engherzige Anhänger des Alten? Es ist eine ganz\nunwahre Beschuldigung, wenn man den Gegnern der Wag-\nner'schen Lehren Einseitigkeit und starres Festhalten am\nAlten vorwirft, und man tummelt damit ganz dasselbe\nSteckenpferd, auf dem die Wagnerianer gegen Windmüh-\nlen fechten. Wagner kämpft in den Dingen, wo er Recht\nhat, gegen dasselbe, wogegen auch wir und lange vor uns\ndie Verehrer des idealen in der Tonkunst kämpften. Aber\ner ist blind für Geschichte der Entwicklung der Musik zur\neigentlichen Kunst und vergisst, dass er selbst nichts Ande-\nres ist, als ein Stück dieser Entwicklung, nämlich eine Wie-\nderholung von Gluck in modernem Gewände und mit\nExtremen.\nSehr richtig sagt daher Alberti in dieser Beziehung:\n„ Die Erscheinung von Wagner fordert auf, nach Gluck zu-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "302", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5271, "texte": "rück zu blicken, und wenn wir vorher schon darauf hin-\ndeuteten, dass die Geschichte auch der Künste stets in ge-\nregeltem Gange fortschreite, dass auch das bahnbrechende\nGenie zwar über seine Zeitgenossen weit emporragen könne,\naber nie ganz isolirt dastehe, sondern stets an Früheres\nanknüpfe, und dass seine eigene Entwicklungs-Geschichte\nbedingt sei durch das hinter ihm Liegende und durch die\nErhebung über dasselbe, eine Folge theils seines tiefen\nStudiums, theils seiner ursprünglichen künstlerischen Bega-\nbung, so werden wir in Wagner gerade das bestätigt sehen,\nund bemerken im Voraus, auch er gibt nichts ganz Neues;\nseine ganze Erscheinung lügt sich in die Reihe derjenigen\ndramatischen Componisten ein, welche die bedeutendsten\nEntwicklungs-Momente in der Geschichte des musicalischen\nDrama's bezeichnen; er steht auf den Schultern nicht bloss\nGluck's, sondern Mozart's, Beethoven's, selbst Weber's\nund Marschner's; (ür ihn ist selbst Spontini und Meyerbeer\nnicht vergebens da gewesen; er kennt sie alle auf das ge-\nnaueste, und was er an ihnen seinem Kunst-Ideale Ent-\nsprechendes findet, das wird er nicht unangewendet lassen,\nbis auf die Instrumentation eines Hector Berlioz herab, die\nnicht ohne einen mehr als gerechtfertigten Einfluss auf ihn\ngeblieben ist.\"\nWir geben, um zum Lesen des Ganzen zu veranlassen,\nnoch folgende Stellen, nicht weil sie etwa ganz neue An-\nsichten über Wagner enthalten, sondern weil das Wahre\nnicht oft genug gesagt werden kann*):\n„Es offenbart sich zwischen Meyerbeer und Wagner\nbei aller Gleichzeitigkeit Beider, bei ihrer Uebereinstiramung\nin ihrer aus dem flachen, modernen Geiste herstammenden\nBildung doch ein entschiedener Gegensatz; denn des Letz-\nteren künstlerisches Streben und Wirken ist ein durchaus\nsittliches, in seinen Productionen findet sich überall ein sitt-\nlicher Kern. Er ist voll heiligen Unwillens über die Misere\ndes Opernwesens, über die Gewissenlosigkeit der Compo-\nnisten, die sich an blosser Wortphrase und an nur in Um-\nrissen gezeichneten Situationen genügen lassen, um nur\ndem herrschenden sinnlichen Gelüste des Publicums mit\nallen nur erdenklichen E(Ted-Mitteln der Musik zu fröhnen\nund des Beifalls sich zu vergewissern. Er verachtet den\nMangel ästhetisch-philosophischer Durchbildung unserer\nComponisten, die eben darum sie unfähig macht, eine Opern-\ndiehtung überhaupt in ihrem künstlerischen Werthezu wür-\ndigen, und sie zwingt, jede, die ihnen entgegengebracht\nwird, wie elend sie auch sei, au nehmen, um an ihr ihre\nim unwürdigen Dienste des verdorbenen Geschmacks arbei-\ntende Productionskraft zu üben. Er steht auf der Höhe\neiner durchgebildeten Kunst-Anschauung, und von hier aus\nschafft er. Darin liegt das Sittliche seines künstlerischen\nWirkens, und darin unzweifelhaft die Bürgschaft seines Er-\nfolges, vorausgesetzt, dass seine Kunst-Anschauung die rich-\ntige ist, und dass bei seiner Hingebung an dieses Ideal, wie\nes in seiner Seele lebt, auch seine künstlerische Begabung\nausreichend ist, dieses Ideal innerhalb der Gränzen der\nkünstlerischen Schönheit zu realisiren. So viel ist aber ge-\nwiss, selbst wenn diese Voraussetzungen nicht zuträfen,\nworüber wir im Folgenden unsere Ansicht mittheilen wer-\nden : das, was Wagner erringt, ist ihm nicht angeflogen, es\nist schwer erworben, er hat in seinem Ringen und Streben\neine seltene Energie bewiesen. Seine Natur ist so eigen-\nthümlicher Art, dass gerade sie nur um so mehr Schwie-\nrigkeiten auf diesem Wege zur Erreichung seines Kunst-\nIdeals ihm entgegenstellt. Aber er ist keiner derselben aus\ndem Wege gegangen. Er componirt nicht aus Speculafion,\ner macht dem Publicum keine Concessionen, sondern ganz\nan seinen Stoff sich hingebend, geht er den eingeschlage-\nnen Weg nicht nach Belieben, sondern aus innerer Nöthi-\ngung. Aber und das ist zunächst das, was als ein Mangel\nerscheint und seine Erscheinung mehr durch ihre anre-\ngende Kraft zu einer so bedeutsamen macht, als dass sie,\nwie er glaubt, es durch die künstlerischen Normen, die er\nbietet, wäre seine künstlerische Anschauung ist eine durch-\naus subjeclive und keine rein objective. Er irrt sich hier\nüber sich selbst und damit auch über den Einfluss, den er\nauszuüben gewiss ist. Wenn nach Adolf Stahr Wagner\nerst die Musik erlernt haben soll um der Dichtung willen,\nso ist das jedenfalls ein Irrthum; denn er dichtet im Dien-\nste seiner musicalischen Begabung, und diese ist, wie wir\nsehen werden, eine einseitige, beschränkte; und wie sehr\ner auch die Musik selbst wieder dem Worte unterordnet,\nsie nur als ein Mittel des Ausdrucks und nicht als eine\nselbstsfändige Sprache gelten lassen will, dennoch, das lässt\nsich nicht verkennen, modificirt er seine ästhetischen Con-\nstruclionen ganz nach dem Bedürfnisse seiner musicalischen\nIndividualität; er will von dieser nichts aufgeben, daher\nwird er auch nimmer ein bleibendes Vorbild sein können,\ndas nur etwa in der Folgezeit denjenigen Modificationen\nunterliegt, welche die weiteren Fortschritte in der Kunst,\ndie wahren, bedingen, um tonangebend auf lange bleiben\nzu können. Er bevveis't es mehr als irgend Einer, und ge-\nrade die genaue Kenntniss, die wir von seinem Bildungs-\n\n*) Ycrgl. die Artikel: „Stimmen der Kritik über Rieh.\nWagner\" in Nr. IT, 12, 35, 36 des 111. Jahrgangs 1855\ndieser Zeilschrift."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "303", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5185, "texte": "gange haben, die Offenheit, mit der er uns seine innere\nGeschichte enthüllt, der sittliche Ernst, den wir in seinem\nStreben nicht zu verkennen vermögen, lassen es uns um\nso klarer erkennen, dass unsere Zeit nicht geeignet ist,\neinen solchen künstlerischen Genius hervorzubringen, der\nmit einem vollendeten Kunstwerke auf dem Gebiete der\nOper für lange Zeit ein leuchtendes Vorbild zu sein ver-\nmöchte.\n„Zerfallen mit der Gegenwart, die seinen überspann-\nten idealistischen Anforderungen keine Genüge leistet, for-\ndert er lür sein Kunstwerk der Zukunft einen Neubau der\nGesellschaft, eine Umkehr vom modernen Staatenthum zum\nMenschenthum. Dieser Idee des wahrhaften Menschenthums\nentspringt nun auch Wagner's Philosophie von der Kunst\nund von der nolhwendigen Vereinigung der rein mensch-\nlichen Kunstarten; Das Kunstwerk der Zukunft wird nach\nihm aus einem Zusammenwirken aller Künste bestehen;\nPoesie, Musik, Tanzkunst werden sich darin in innigster\nHarmonie vereinigen und die bildenden Künste allen Schmuck\ndazu hergeben, über den sie verlügen. Diese Anschauung\nhat ihn genölhigt, in seinem Tannhäuser und Lohengrin\nzur Darstellung des Reinmenschlichen sich in den Kreis\nder Mythe zu flüchten, wo es sich allerdings prägnanter\nherausstellt. Aber der vollständige Idealismus dieser ganzen\nKunst-Philosophie dürfte wohl Niemandem entgehen; eben\nso wenig, dass es ein solches Kunstwerk nimmer geben\nwird und kann, und dass, wenn es möglich wäre, es nur\nzum Verderben jeder einzelnen in demselben mitwirkenden\nKunst ausschlagen könnte, da eine solche innigste Harmo-\nnie aller niemals die selbstständige Entwicklung und Pflege\nder einzelnen zuliesse. Eben so klar ist es, dass auf\ndem mythischen Gebiete eine scharfe Charakteristik der\neinzelnen Personen unmöglich ist, dass sie alle nur mehr\noder weniger Abstractionen und keine concreten Erschei-\nnungen sein werden, die mit Notwendigkeit der musicali-\nschen Darstellung, wie vorzüglich sie an und lür sich auf\ndiesem Gebiete sei, um der Beschränktheit und Einseitig-\nkeit dieses Gebietes selbst willen, so wie wegen der un-\nmöglichen scharfen Charakteristik, einen monotonen Cha-\nrakter aufdrücken müssen. Wer fände dafür nicht die spre-\nchendsten Zeugnisse in den Hauptpersonen im Tannhäu-\nser! wer nicht noch mehr im Lohengrin! Nur zu deutlich\nzeigt es sich, dass Wagner keine individualisirende Gestal-\ntungskraft, keine scharfe Charakteristik hat; seine Charak-\ntere sind Repräsentanten einer Idee, einer Gefühlsrichtung,\neiner Leidenschaft, doch meist abstract; die weiblichen lei-\nden an entschiedener Monotonie; denn sie erscheinen ent-\nweder in der Form der abstracten Reinheit, wie Elisabeth,\noder in der der Schwäche, wie Elsa im Lohengrin.\n„Ein Grund-Irrthum Wagner's besteht darin, dass er\nsowohl den Boden der historischen Tradition für die Har-\nmonie, als auch für die musicalischen Kunstformen ganz\naufgegeben wissen will. Die Harmonie ist ihm eigentlich\nnur ein unendliches Meer, auf dem sich der Nachen der\nMelodie bewegt; er geht aus von der vollkommenen Frei-\nheit der Melodie, will mit ihr jeden Fortschritt der Em-\npfindung bis in die feinsten Nuancirungen durch Auswei-\nchungen und Uebergänge in alle erdenklichen Tonarten be-\ngleiten und bezeichnen. Dabei sind Verirrungen unvermeid-\nlich; die harmonische Bewegung seiner Melodie beschränkt\nsich meist auf Dreiklänge, weil nur diese unvermittelt ne-\nben einander stehen können; und es entsteht daraus eine\nMonotonie, die ausserdem noch besonders durch die unaus-\ngesetzte Anwendung des verminderten Septimen-Accords\nherbeigelührt wird, der bekanntlich der charakterloseste\naller Accorde ist, weil er unendliche Wendungen zulässt.\nSeine Behandlung der Harmonie ist daher durchaus keine\nreiche, und auch eine gewisse Verschwendung in den Mit-\nteln vermag dies nicht zu verdecken. Während er der Vir-\ntuosität der modernen Zeit mit Recht entgegen tritt, lässt\ner der Musik nicht ihr Recht widerfahren und verfällt nicht\nselten, weil eben seine Musik nichts soll, als dem Worte\nzum Ausdruck dienen, in rhapsodische, abgerissene Wen-\ndungen. Er verkennt, dass in der Oper die eigenthümliche\nNatur des sprachlichen und musicalischen Ausdrucks gleich-\nmassige Berücksichtigung erhalten, dass in ihr zwei selbst-\nständige Ausdrucks-Vermögen bestehen müssen, und geht\nin seiner 1 heorie so weit, den Chor ganz zu verwerfen\nund seine Rolle dem Orchester zu überweisen. So ist denn\ndas Missverhältniss zwischen Wort und Ton bei ihm nicht\nzur Ausgleichung gekommen; während früher die Wort-\nPhrase herrschte und mit jeder beliebigen anderen ver-\ntauscht werden konnte, das Wort also ganz unterschätzt\nwurde, hat Wagner die Musik unterschätzt, und er verfällt\nin das entgegengesetzte Extrem; seine Wendungen sind\noft nur musicalische Phrasen und können auch vertauscht\nwerden; sein Pathos erhält dadurch etwas Monotones. Zum\nGlück ist er aber selbst seiner Theorie nicht immer getreu\ngeblieben. Seine melodischen Haupt-Motive sind der frühe-\nren Kunslform entsprechend gebildet; wo er die grösste\nWirkung erreicht, bewegt er sich in den Schranken der\nVorgänger.\n„Es ist ein anderer Grund-Irrthum, dass die Oper das\nReinmenschliche allein darzustellen und darum sich beson-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "304", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5234, "texte": "ders im Gebiete des Mythischen, und zwar des nationalen,\nzu bewegen habe, um des Eindrucks gewiss zu sein. Da-\nmit wird aus einer Gattung der Oper das Wesen der-\nselben überhaupt hergeleitet, und alle übrigen Gattungen\nderselben müssen aulhören, zu existiren. Wir behalten\neben nur die mittelalterlich romantische Oper, und dies of-\nfenbar darum, weil Wagner's neueste philosophische Theorie\nvon seiner jedenfalls einseitigen und beschränkten musica-\nlischen Begabung abhängig ist. Mag nun immerhin diese\neine Gattung vollständig berechtigt dastehen, also mit ihr\nund in ihr die Darstellung des Reinmenschlichen, wie sehr\nes auch etwas Abstractes ist: es liegt doch im Menschen\nmehr als dies, was seinen musicalischen Ausdruck fordert,\nnämlich auch das Geschichtliche, Goncrete; und dieses, das\neine unendlich schärfere Charakteristik zulässt, ja, sogar\nfordert, findet in der historischen, so wie in der dem Fa-\nmilienleben entnommenen, endlich in der komischen Oper\nden entsprechenden Ausdruck. Steht nun auch, was die\ntraditionellen Kunstformen anlangt, die historische Oper der\nromantischen am nächsten, und wird hier die Beschränkung\ndieser Kunstformen auf dasjenige Maass, durch welches der\nVerlauf der Handlung, so wie die scharfe Charakteristik\nnicht beeinträchtigt wird, am meisten eintreten müssen, so\ndass für diese die Erscheinung Wagner's nicht ohne ent-\nschiedenen Einfluss bleiben dürfte, so ist es doch unzwei-\nfelhaft, dass Opern, die dem Gebiete des täglichen Lebens\nentnommen sind, wie der Wasserträger, Fidelio, und Con-\nversations-Opern, wie die Weisse Dame, so wie endlich\nalle komischen Opern, eine ganz andere Aufgabe zu lösen\nhaben, dass sie daher auch künftig den Componisten gar\nwohl berechtigen werden, nach Mozart's Vorbilde die Mu-\nsik da schweigen zu lassen, wo es gilt, den Hörer über die\nHandlung zu orientiren, so wie dass derselbe da, wo die\nEmpfindung zum Siege gelangt, in Arien dieser Empfin-\ndung einen breiteren Ausdruck wird geben dürfen. Wir\ndürfen uns durch den Vorwurf nicht irre machen lassen,\ndie Verbindung von gesprochenem Dialoge und dazwischen\ntretenden Musikstücken sei etwas der Idee des Kunstwer-\nkes darum durchaus Zuwiderlaufendes, weil das musicali-\nsche Drama die volle historische Wirklichkeit geben\nsolle, weil wir nach Wagner im Kunstwerke unmittelbare\nsinnliche Gewissheit suchen und einer auch äusserlich ein-\nheitlichen Form bedürfen; das sind irrthümliche Voraus-\nsetzungen. „„Die Kunst kann nie die volle Wirklichkeit\ngeben,\" \" wie sehr richtig Hinrichs bemerkt, „ „sie gibt\nnur eine Welt des Scheins. Wer in der komischen Oper\nbei dem Wechsel von Dialog und Musik nicht zur Illusion\nkommt, der muss sieb eben so sehr darüber wundern, dass\ndie Leule überhaupt singen, ja, er darf sich consequent\nvon tragischen Schauspielern nicht hinters Licht führen\nlassen.\"\"\n„Endlich erscheint als ein Grund-Irrthum Wagner's,\nder in dem Ungestüm und in der Leidenschaftlichkeit seiner\nNatur begründet liegt, so wie in seinem vorherrschend kri-\ntischen Talente, dass er zu viel Gewicht auf seine construc-\ntive Kritik legt und ihr die Kraft zutraut, der künstlerischen\nProduction eine bestimmte Richtung zu geben. So ver-\nkennt er das eigentliche geheimnissvolle und ursprüngliche\nWesen des künstlerischen Schaffens. Dieses, wenn auch\nnicht den ewigen Gesetzen des Kunstwerkes sich entgegen-\nstellend, geht doch nichts weniger als von einem solchen\ndurch die Kritik gewonnenen klaren Bewusstsein des Ge-\nsetzmässigen aus, sondern vielmehr von einem inneren\nDrange, welchem jene ewigen Gesetze, ihm selber wenig-\nstens im Momente des Schaffens mehr oder weniger unbe-\nwusst, zum Grunde liegen. Haydn, Mozart haben nicht von\njenem kritischen Bewusstsein aus geschaffen, und sie gerade\nsind die ewig und unerschöpflich Heichen ; wie sehr sie\nauch Studium, ernstes und eifriges, aufgewandt haben, den-\nnoch ist ihr Schaffen kein Product künstlerischer Reflexion.\nGerade dass diese in Wagner in solchem Maasse vorherrscht,\nbeweis't, dass er trotz seiner Eigentümlichkeit ein Kind\nseiner Zeit ist, die ein alexandrinisches Zeitalter, eine Zeit\nder Epigonen genannt werden mag, in der man durch\nkunstphilosophische Kritik den Weg zu neuen Kunstwerken\nSich bahnen zu können vermeint, die aber nichts weniger\nals ein neues, aus ureigener Schöpfungskraft hervorgegan-\ngenes Kunstwerk in Aussicht stellen dürfte.\"\nAm Schlüsse des Büchleins heisst es unter Anderem:\n„Was hoffen wir nach allem dem von Wagner lür die\nOper? Nicht, dass seine Musik einen Kampf auf Tod und\nLeben werde kämpfen müssen, nicht die Erneuerung des\nalt hellenischen musicalischen Drama's, nicht eine Revolution\ngegen das Wesen der pariser grossen Oper, da Wagner\nzu entschieden deutscher Dichter und Componist ist und\nseine Texte sich weder ins Französische noch Italiänische\nübertragen lassen: das alles hoffen wir nicht. Aber dennoch\nhoffen wir viel, und zwar von seinem Tannhäuser, wenn\nerst die Leidenschaftlichkeit blinder Verehrung oder eben\nso blinder Verwerfung sich zur klaren, bewussten und\neben darum gerechten Anerkennung des Werthvollen darin\nwird abgeklärt haben. Seine Erscheinung kann nicht ohne\nbedeutenden Einfluss sein. Weniger hoffen wir von seinem\nLohengrin, und das gereicht uns zum Tröste. 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Das lässt uns vielleicht eine Umkehr von ihm zu mo-\ndificirter ästhetischer Anschauung erwarten, und dann, wer\nmöchte es läugnen, wie Grosses und Herrliches er dann zu\nleisten vermöchte!\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-09-20-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-09-20_01#c003", "volume": "bmtnabi_1856-09-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "305", "page_fin": "307", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01.2.3", "titre_corps": "Das Mozartfest in Salzburg.", "titre_sommaire": "Das Mozartfest in Salzburg.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "305", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01.1.5", "debut_caractere": 817, "fin_caractere_exclue": 4537, "texte": "Das Mozartfest in Salzburg.\nI.\nSalzburg, den 8. September 1856.\nDie Stadt fasst kaum die Menge, die zu der hundert-\njährigen Jubelfeier herbeigeströmt ist. Wie konnte es auch\nanders sein? Mozart und die herrliche Gegend, wo seine\nWiege stand, wen sollten sie nicht anziehen und zu höhe-\nrer Empfänglichkeit und Begeisterung lür das Schöne em-\npor heben?\nSchon am 6. September begann das Fest, und die\nVorfeier trug, wie das Aeussere der ganzen Stadt, einen\nwahrhaft festlichen Charakter, welcher auf jeden Fremden\neinen vortheilhaften Eindruck machte und alle Ankommenden\nlür die Veranstalter einnahm. Die zahlreichen Zuzüge der\nSänger, die von verschiedenen Richtungen herbeikamen,\nwurden durch die salzburger Liedertafel, Militärmusik an\nder Spitze, vor den Thoren empfangen und von da nach\ndem Rathhause geleitet. Die Thore waren mit Inschriften,\nKränzen und Fahnen geschmückt.\nZwischen 5 und 6 Uhr versammelten sich die Sänger\nin den Gärten des am rechten üfer der Salza gelegenen\nSchlosses Mira bell. Die salzburger Liedertafel begrüsste\ndurch ihren Wahlspruch:\nIn deutschem Schwert\nUnd deutschem Sang\nRuht echte Kraft\nUnd guter Klang!\nin Musik gesetzt von Aloys Taux, Director des Mozar-\nteums, die Versammelten, und der Secretär der Liedertafel,\nHerr Steinhauer, hiess die Sänger in einer kurzen Anrede\nherzlich willkommen.\nHierauf fand in dem Theater, das mit den Schlossge-\nbäuden zusammenhängt, die Probe der Fest-Cantäte\nvon Prof. Friedrich Beck, componirt von Franz\nLachner in München, Statt/ Dieses sehr ansprechende\nWerk, für lünfstimmigen Männerchor (zwei Tenöre und drei\nBässe) mit Harmonie-Musik geschrieben, war sämmtlichen\nMitwirkenden unbekannt, da es erst zu dem Mozartfeste\ncomponirt war und die Stimmen nicht versandt werden\nkonnten. Dennoch wurde es sofort richtig und mit Aus-\ndruck vom Blatt gesungen, und wenn auch der Componist\nin richtiger Würdigung der Verhältnisse eigentliche Schwie-\nrigkeiten absichtlich vermieden hatte, so bleibt es immerhin\nein schönes Zeugniss für das Blühen der edeln Gesanges-\nkunst in Deutschland, wenn 6—700 Sänger eine solche\nCantate sofort gut auszuführen im Stande sind.\nUm 8 Uhr ordnete sich der Festzug auf dem Mirabell-\nplatze. Er war zahlreich und glänzend. Bürger Salzburgs\ntrugen die Fackeln, die Mitglieder des Fest-Comite's führ-\nten ihn an. Die fremden Künstler, die Mitglieder des Or-\nchesters der Fest-Cantate, dann die Sänger, nach den fünf\nStimmen abgetheilt, zogen zu sechs, durch 28 Reihen von\nje sechs Fackelträgern getrennt, einher, und an jeder Seite\nbildeten ausserdem 66 Fackelträger die Einfassung. So\nbewegte sich der Zug mit zwei Musikchören über die\nBrücke, die grösseren Plätze, Mozart's Wohnhaus vorbei\nnach dem Mozartplatze, welcher, wie auch Mozart's Bild-\nsäule, mit Blumen, Laubgewinden und Flaggen besonders\nschön geschmückt war. Hier stellten sich die Chöre und das\nOrchester auf. Folgende Strophen schlössen die Cantate:\nUnd uns gehört sein Schöpferwalten,\nFest hält ihn unsrer Liebe Band;\nZur Wunderblüthc sich entfalten\nSah ihn das theure Heimatland;\nDer Berge Schooss war seine Wiege,\nHier schwang'sich auf der junge Aar\nZum Kampf des Lebens und zum Siege,\nDer glorreich wie kein andrer war.\nGermania! im Feierklange\nErhebe Mozart: er ist dein!\nZu seines Ruhmes Festgesange\nStimmt jeder Deutsche jubelnd ein;\nEr lebt, so lang das ewig Schöne\nUns ewig frisch zum Herzen dringt:\nTriumph! es lebt der Fürst der Töne,\nSo lang' ein deutsches Lied erklingt!\nDas Gesangstück machte einen erhebenden Eindruck\nund ist eine schöne Bereicherung dieser Gattung der mu-\nsicalischen Literatur. Es erscheint in Druck im Verlage von\nJ. Schott's Söhnen in Mainz. Unter den Zuhörern waren\nauch Ihre Majestäten die Kaiserin Witwe (des Kaisers"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4158, "texte": "Franz), welche gewöhnlich in Salzburg wohnt, und der\nKönig von Baiern, der von Berchtesgaden herüber gekom-\nmen war. Diese hohen Herrschaften befanden sich in dem\nStatthalterei-Gebäude.\nAm Sonntag begann die Hauptfeier. Das Wetter war\nsehr günstig. Die wunderschöne Lage Salzburgs ist be-\nkannt. Die mannigfaltigen herrlichen Aussichten auf das\nGebirge haben dadurch einen ganz besonderen Reiz erhal-\nten, dass vor zwei Tagen auf den Höhen Schnee gefallen\nist, so dass das Auge, von dem saftigen Grün der Wiesen\naufwärts blickend, die starren Felsenkuppen wie die schwei-\nzer Alpen in schimmerndem Schnee glänzen sieht.\nAn der Spitze des Festbüchleins las man folgendes\nWeihegedicht:\nAn Mozart.\nZwei Menschenalter sind verflossen,\nSeitdem Dein letzter Ton erklang,\nDein Geist, dem hier er schon entschlossen\nFür immer sich zum Himmel schwang.\nUnd wie auf des Olympos Höhen\nDer Götter Jugend ewig blüht,\nWird hlühend, was Du schufst, bestehen»\nBist Sonne, welche ewig glüht.\nEs sind die Leiden längst verschwunden,\nDie auf der Erde Dich gedrückt;\nDie Wonne doch wird stets empfunden,\nVon weicher wir durch Dich entzückt\nVermählet ist in Deinen Tönen\nDie Melodie mit Harmonie.\nEs lebt das Ideal des Schönen\nIm Zauber Deiner Phantasie.\nKönig Lud wi g.\nIn der Domkirche wurde die Messe aus C-dur, die\nich Ihnen in diesem Augenblicke nicht näher bezeichnen\nkann als durch den Anfang des bei weichem ich\nerst eintreffen konnte, in den Violinen:\netc., unter der geschickten Leitung des Capellmeisters des\nDom-Musik-Vereins Ä1 oys Taux recht schön ausgeführt.\nNur war es zu verwundern, dass die Sopran-Soli von einer\nfrüher beim salzburger Theater angestellten Sängerin sehr\nmittelmässig gesungen wurden, während die übrigen Soli\nweit mehr befriedigten. Die erste Einlage war das bekannte\nMisericordias, die zweite beim Offertorium aus der Litanei\nPignus futurae gloriae, ein herrliches Musikstück, erst ein\nSatz Adagio und dann eine kostbare Fuge AUegro:\nNach der Messe war Concerl probe für die Abend-Auf-\nlührungen. Bei dem Tempo der Sinfonie in fiel mir gleich\nbeim ersten Satze Mozart's Schuhschnalle ein, die ihm\neinst in einer Probe sprang bei der Anstrengung, die Mu-\nsiker ins Feuer und zu schnellerem Tempo zu bringen.\nDieses Mal wäre sie ihm vielleicht gesprungen, um den\nDirigenten und das Orchester durch kräftiges Tacttreten\nim Schnelllaufe zu hemmen.\nIm Orchester waren 53 Violinen (u. A. die Herren\nJos. Hellmesberger, Director des Conservatoriums in Wien,\nLauterbach und Mittermayr aus München, Boie aus Altona,\nEller aus Graz, Grund, herzoglicher Capellmeister aus Mei-\nningen, Rudersdorf, Concertmeister aus Berlin, Schletterer,\nUniversitäts-Musik-Director aus Heidelberg, Weinbrenner\naus Elberfeld u. s. w.), 16 Bratschen (u. A. Musik-Direc-\ntor Reichardt aus Berlin, Walbrül aus Weimar), 14 Vio-\nloncelle, 11 Contrabässe (u. A. Weindl von der grossher-\nzoglichen Capelle in Oldenburg), 6 Flöten, 5 Oboen, 4\nClarinetten (Bärmann aus München), 4 Fagotte, 4 Corni,\n5 Trompeten, 3 Posaunen, Ophikleide, Pauken zusam-\nmen 128 mit dem Dirigenten, dem königlich baierischen\nGeneral-Musik-Director Franz Lachner aus München.\nIm Chor wirkten im Sopran 73 (50 Damen, 23 Kna-\nben), im Alt 46 (23 Damen und 23 Knaben), im Tenor\n1 7, im Bass 26 wobei jedoch zu bemerken, dass die\nMännerstimmen aus den Mitgliedern der Liedertafeln be-\ndeutend verstärkt waren.\nDas erste Fest-Concert, Abends 7 Uhr in der Aula,\nbegann mit einem Prolog von Otto Prechtler, Archiv-\nDirector im k. k. Finanz-Ministerium. Die Verse:\nEs sei der Tag, an dem wir Mozart krönen,\nEin Auferstehungstag des Ewig-Schönen!\nund die Schluss-Strophe:\nDu aber, der am Urquell alles Schönen\nWeit über uns ein neues Leben webl,\nDu segne uns mit Deinen ew'gen Tönen,\nUnd segne alles, was zum Lichte strebt!\nLass diesen Tag die Schuld der W'elt versöhnen,\nDie sie an Dir beging, da Du gelebt;\nSie zahlt in dieses Festes Freudenglanze\nHeut die Unsterblichkeit mit ihrem Kranze!\nsprachen am meisten an. Der Vortrag des Prologs durch\nFräul. Blandine von Sena aus Wien, die sich der Bühne\nwidmen will, wie ich hörte, war lür die Würde des Gegen-\nstandes etwas zu manierirt und coquet. Indess wurde die"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "307", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3022, "texte": "Sprecherin applaudirt und gerufen, wie denn überhaupt das\nPublicum, wie natürlich, in sehr guter Stimmung war.\nDie Sinfonie in C-durnahm Lachner leider am\nAbende selbst noch schneller, als in der Probe, wodurch\ndenn namentlich das Finale in den Blas-Instrumenten im\nzweiten Theile nicht zu klarer und deutlicher Ausführung\nkommen konnte, zumal da gegen das Ende hin noch ziem-\nlich geeilt wurde. Dagegen wurde das Andante fast bis\nzum Verzweifeln langsam gespielt. Dass Franz Lachner sich\nübrigens auch hier bei dem Mozartfeste, wie immer, als\neinen ausgezeichneten Dirigenten durch Sicherheit, Präci-\nsion und alles, was zu energischer Leitung der Massen ge-\nhört, bewährte, erkennen wir mit Vergnügen an.\nDie Arie aus Titus mit obligater Clarinette wurde\nvon Frau Behrend-Brandt, die eine starke, umfang-\nreiche und wohlklingende Stimme hat, die jedoch in den\nverschiedenen Lagen nicht gleichmässig ist, recht brav ge-\nsungen; nur war die Intonation nicht immer ganz rein.\nHerr Bär mann begleitete mit überaus schönem Tone und\neinem ausgezeichneten Piano und allein die Steile:\nSängerin ebenfalls so sehr in die Länge, dass ihr fast alle\nVerbindung fehlte.\nDas Quartett aus Idomeneo wurde von den Da-\nmen Behrend-Brandt, Diez, von Mangstl und\nHerrn Härtinger ausgezeichnet schön gesungen; nament-\nlich zeigte Frau Diez aus München eine grosse Kunst des\nVortrages, verbunden mit schöner Stimme und reiner In-\ntonation.\nHerr Rudolf Willmers spielte das .D-mo/Z-Concert\nfür Ciavier und Orchester so gut, wie man es von einem\nClavier-Virtuosen unserer Tage hören kann; nament-\nlich trug er den Mittelsatz ausserordentlich singend und\nschön vor. Der erste und letzte Satz wurden freilich, wie\ngewöhnlich, im Tempo übereilt.\nDies war das Programm des ersten Theiles. Der zweite\nbegann mit der Sinfonie concertfür Violine (Lauter-\nbach) und Viola (Mittermayr), von beiden Spielern, na-\nmentlich von dem Violinisten, gut vorgetragen, dem auch\nHerr Mittermayr, nachdem er eine gewisse Befangenheit\nüberwunden halte, würdig zur Seite blieb. „Dies Bild-\nniss\" wurde von Herrn Hart in ger recht brav gesungen,\ndoch hatte ich mehr von diesem Sänger erwartet, dessen\nStimme nicht gleichmässig mehr ist und dem es auch hin\nund wieder an reiner Intonation fehlte.\nDas Terzelt aus Ii Sposo blieb weg, und wurde\nstatt dessen von Frau Diez, Herren Härtinger und\nKindermann eine der reizendsten Compositionen Mo-\nzart's, ein Terzett aus der Vil ausserordent-\nlich schön gesungen. Darauf trug Bärmann ein Adagio\nfür Clarinette mit Quartett-Begleitung ganz unnachahmlich\nschön vor; sein Piano ist bezaubernd. Herr Kindermann\nsang die Arie aus Figaro vortrefflich, und auch das Finale\n(Terzett und Chor) aus Idomeneo ging sehr gut; der\nChor war zwar schwach, aber trefflich eingeübt.\nDen Beschluss machte die Ouvertüre zur Zauber-\nflöte, welche aber auch wieder mit Dampf fuhr. Die Prie-\nster-Accorde wurden richtiger Weise von einander geson-\ndert, nicht verbunden geblasen.\nAlles wurde stürmisch applaudirt und die Solisten\nmehrmals gerufen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-09-20-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-09-20_01#c007", "volume": "bmtnabi_1856-09-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "307", "page_fin": "308", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01.2.4", "titre_corps": "Aus Gran.", "titre_sommaire": "Aus Gran.", "signature_source": "W. 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Es kann tür\nMusik, zumal tür figurirte Musik, kaum eine feindlichere Räum-\nlichkeit gedacht werden, als die Basilica, was hauptsächlich an der\nenormen Höhe der Kuppel liegt, welche die Schallwellen erst nach\neinigen Secunden zurückwirft. Hier könnte nur eine Musik effec-\nluiren, die sich in äusserst langsamen und höchst einfachen Accor-\nden bewegt, von denen jedem eine geraume Frist gelassen werden\nmuss, um zn verklingen, bevor ein neuer Accord ohne Gefahr, mit\ndem früheren zu einem unverständlichen Ton-Chaos zu gerinnen,\nfolgen dürfte. Am Aufführungstage selbst hatte ich auf dem Chor\nPlafz genommen, und da erst vermochte ich die Composition in\nallen ihren Theilen zu vernehmen und aufzufassen.\nDie Feierlichkeit am Einwcihungsiage selbst halte folgende\nOrdnung. Früh 8 Uhr versammelte sich die hohe Geistlichkeit zur\nEinsegnung und Beisetzung der Reliquien. Um 10 Uhr erschien\nSe. lUajestät der Kaiser, worauf die Ceremonie ihren Anfang nahm.\nNach der Fertigung der Consecrations-Urkunde und Einweihung\nder Kreuze wurde die Predigt und hierauf das Hochamt abgehal-\nten, nach dessen Beendigung die Festtafel Statt fand, deren Musik\ndie Capellen der Regimenter Bianchi und Deutschmeister besorg-\nten. Von jedem ausgebrachten Toaste gaben Geschützsalven Kunde.\nJS'aeh der Tafel verfügten sich Sc. Majestät zum Volksfeste, wo\nAllerhöchstdieselben mit unbeschreiblichem Enthusiasmus empfan-\ngen wurden, der erst mit der Rückfahrt des Kaisers endete.\nAbends schwamm die Stadt in einem Lichlmecre; namentlich ge-\nwährte die mit vielfarbigen bengalischen Flammen erleuchtete Kup-\npel der Basilica einen magischen Anblick.\nDie vom Orgelbauer Moser in Salzburg aufgestellte und bis\nauf unwesentliche Details fertig gebrachte Orgel bewährte sich im\nGanzen als ein empfehlenswerthcs Werk. Sie hat 48 klingende"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "308", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2076, "texte": "Stimmen von äusserst zweckmässiger Disposition, mehrere Expres-\nsionszüge und Tritte, drei Manuale von 4| und eine Pedal-Tastatur\nvon 2 vollständigen Octaven. Die Registrirung liegt bequem zur\nHand und lässt sich leicht behandeln. Den imposanten Ton des\nvollen Werkes bringt vorzugsweise das Vorhandensein vieler tiefen\nStimmen hervor; es zählt zwei 32füssige, eilf löfüssige, acht bis\nneun Bfüssige Register. Für grössere Aufführungen ist der Raum\ndes Chors etwas beschränkt. Bei der Einweihungsfeier selbst konnte\ndas Werk nur wenig gespielt werden, da die Ceremonien zu viel\nZeit wegnahmen; auch musste sie in der Messe, wo sie oft als\nobligates Instrument bedacht ist, weggelassen werden, da ihre\nStimmung gegen jene des Orchesters um beinahe einen Viertelton\nzu tief steht.\nDie Einweihungs-Ceremonie war pompös» Die Messe fing erst\num Uhr an, ging sehr gut und ist ein wunderbar schönes Werk.\nNachmittags erschien der Monarch beim Volksfeste, ohne Wachen;\ndie spaliermachenden Soldaten mussten auf persönlichen Befehl des\nKaisers die Bayonnette einstecken. Zelte, eine Masse Fahnen und\nMusikbanden, Tribunen mit rinnenden Weinfässern, ein ganzer ge-\nbratener Ochse, Böllerschüsse u. dgl. fehlten nicht. Der Kaiser\nwar in Husaren-Uniform, mit ihm Erzherzog Albrecht, mehrere\nGenerale, der Primas, Graf Buol und Baron Bach. Er ging von\nGruppe zu Gruppe, die Luft wiederhallte von unaufhörlichen Eljens,\nder Kaiser ass ein Stückchen vom Ochsen, trank vom Weine und\ntanzte einige Secunden mit einem Bauernmädchen. Später erschien\nLiszt. „Liszt Ferencz ist da!u lief es von Mund zu Mund, und wie-\nder begannen die Eljens, die Bauern trugen ihn auf den Händen,\nAnsprachen sind gehalten worden, man riss ihm den Hut vom\nKopfe, füllte ihn mit Wein, und die Umstehenden balgten sich\nförmlich darum, aus dem Flute zu trinken. Dann wollten die Leute,\ndass er musiciren sollte, und auch dem willfahrte er, indem er\ndem grossen Trommelschläger einer der nächsten Bauern-Musik-\nbande den Schlägel entriss und mit allen Kräften in die grosse\nTrommel dreinschlug.\n\n(W. Blätter f. Musik.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-09-20-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-09-20_01#c008", "volume": "bmtnabi_1856-09-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "308", "page_fin": "308", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "308", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01.1.8", "debut_caractere": 2078, "fin_caractere_exclue": 5675, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHamburg-, 9. September. Am Sonntag den 7. d. Mts. wurde\nNorma gegeben bei ausverkauftem Hause, Einnahme 5000 Mark.\nWenn es so fort geht, wird Herr Sachse gute Geschäfte machen;\nan Umsicht und Thäligkeit lässt er es aber auch nicht fehlen.\nFräul. Nina Hartmann sang die Adalgisa als zweite Debüt-Rolle\nund hatte gleichen Beifall, wie bei der ersten. Sie wurde wiederum\nzwei Mal gerufen. Die diesjährige Concert-Saison scheint glän-\nzend zu werden. Bereits werden die philharmonischen Coneerte,\nderen Dirigent Herr Grund ist, so wie diejenigen, die Herr\nOtten veranstaltet und leitet, und welche die Auswahl der ham-\nburger Musikfreunde in ihren Bäumen versammeln, vorbereitet.\nAusserdem hat Herr Director Sachse sechs Oratorien-Con-\neerte, ausgeführt vom Opern-Personale und verstärktem Chor und\nOrchester, in Aussicht gestellt. Zur xÿrung sind bestimmt: Pa-\nradies und Peri, Paulus, Alexanderfest, die Jahreszei-\nten, der Tod Jesu und das Weltgericht.\nDie beabsichtigte Wagner-Woche während der Versammlung deut-\nscher Land- und Forstwirthe in Prag kommt definitiv zu Stande.\ni®estli. Das für Liszt fast ausschliesslich durch hiesige Mu-\nsiker am 16. August im Clavier-Salon des hiesigen Ciavierhändlers\nPeter veranstaltete Fest-Souper war sowohl durch allgemein vor-\nherrschenden heiteren Ton, wie durch gut executirte Vocal-Quar-\niette, besonders aber durch den von unserem als Compositeur mit\nRecht hochgeachteten Herrn Brand ausgebrachten Toast auf das«\nangenehmste belebt. Den tiefsten, unverlöschlichsten Eindruck\nbrachte Liszt's Ansprache als Erwiederung auf die ihm gebrachten\nToaste hervor; leider stenographirte sie keine Hand, und die un-\nsere soll sich durch Verstümmelung der Worte keine Vergehen zu\nSchulden kommen lassen. Mit Freude musste Liszt's klar und be-\nscheiden ausgesprochener heiliger Entschluss, fortan all seine That-\nkraft, sein ganzes Leben dem Genius der Kunst zu weihen, alle\nKunstfreunde erfüllen. „Sie istu, sagte er unter Anderem, „ein\nCorrespondiren mit Gott selbst.\"\nIm Teatro San Carlo zu Neapel wurde jüngst Meyerbeers „Ro-\nbert\" unter dem Titel „Roberto dl Picardia\" zum ersten Male auf-\ngeführt. Dem bekannten Texte der Herren Scribe und C. Dela-\nvigne wurde ein ganz neues Sujet substituirt, die Hauptrollen wa-\nren den Damen Viola und Frassini (Alice und Isabella), den\nHerren Collini, Naudin, Villani (Bertram, Robert, Raimbault)\nanvertraut. Einer Correspondenz in „L'Enrope Artiste66 zufolge ist\nder neue Text eine Quintessenz des Unsinns. Die\ndie Decorationen, die Chöre, die Rollenbesetzung, die Tänze Al-\nles war mangelhaft, ungenügend. Dessen ungeachtet und der tropi-\nschen Hitze zum Trotz hat die Oper einen sehr grossen Erfolg\nerrungen, und Jedermann war darüber einig, dass die Musik etwas\nAusserordentliches sei. „Es wraren\" sagt die bemerkte Correspon-\ndenz „Momente eines vollständigen Enthusiasmus, namentlich\nbei den Trios im dritten Acte und im Finale, Die Ultra-Verdi'-\nschen selbst mussten zugestehen, dass das Geheimniss der Stimmen-\nund Instrumental-Effecte dem Tonsetzer des Robert eigenst ange-\nhöre. Bei der dritten Vorstellung hatte der Erfolg sich in einer\nArt ausgesprochen, dass man Leute zurückweisen musste.\nParis* Es heisst, dass Herold's Oper Zampa auch für die\ngrosse Oper eingerichtet werden soll, und dass Auber den Auftrag\nerhalten, die Recitative zu diesem Zwecke zu componircn.\nRoger ist von einer Reise in die Provinzen nach Paris zurück-\ngekehrt, wo er zum Besten der Ueberschwemmten Coneerte gege-\nben. Der Ertrag dieser Coneerte belauft sich auf die Summe von\nzwanzigtausend Francs."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "301", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nStimmen der Kritik über Richard Wagner. Das Mozartfest in Salzburg. Aus Gran (Festlichkeiten bei der Einwei-\nhung der neuen Domkirche). Tages- und Unterhaltungsblatt (Hamburg, Theater, Fräul. Nina Hartmann, Die bevorstehende\nConcert-Saison Prag, Wagnerwoche Pesth, Fest-Souper für Fr. Liszt Neapel, Meyerbeer's „Robert\" Paris, Zampa, Roger).\n\nStimmen der Kritik über Richard Wagner.\nHerr C. E. R. Alberti, Stadtschulrath in Stettin,\nhat in einer Versammlung daselbst einen Vortrag gehalten,\nden er unter dem Titel: „Richard Wagner und seine\nStellung in der Geschichte der dramatischen Musik. Stettin,\n1856. Müller'sche Buchhandlung\"—veröffentlicht hat.\nDieses kleine Heft enthält die Ansicht eines musica-\nlisch und ästhetisch gebildeten Mannes, der ausser den\nParteien steht, über die Vorzüge und Mängel Wagner's,\nund ist allen denen zu empfehlen, welche sich über Wag-\nner, seine Wahrheiten und seine Irrthümer, durch eine\nkurze Schilderung, die das Hauptsächlichste, was lür und\nwider gesagt und zu sagen ist, in anziehender Darstellung\nzusammenfasst, unterrichten wollen.\nWenn der Verfasser von vorn herein von zwei Par-\nteien spricht und den „radicalen Reformern\" die „steifen,\nengherzigen Anhänger des Alten\" entgegen stellt, so hat\ner allerdings Recht, wenn er Beide als Partei bezeichnet;\nallein er vergisst die Classe der „besonnenen Beobachter\"\nder Entwicklung der Kunstgeschichte, welche keine Partei\nbilden, aber wohl, und zwar, Gott sei Dank! eine sehr zahl-\nreiche Classe in der gebildeten musicalischen Welt, zu wel-\ncher er, wie sein Vortrag beweis't, selbst gehört. Es wird\naber überhaupt mit nichts mehr Missbrauch getrieben, als\nmit der Benennung: „Anhänger des Alten\". Was ist denn\nin der Tonkunst das Alte? Welches sind die traditionel-\nlen Formen, an denen die Gegner Wagner's um jeden\nPreis festhalten wollen? Wie weit hinauf oder zu uns her-\nunter geht denn das Traditionelle? Ist nicht Eines durch\ndas Andere stets durchbrochen worden? Ist die Tradition\nin der Tonkunst etwa starr geworden, wie in der Kirche,\noder hat sie sich fortwährend durch ihre eigenen Kinder\nregenerirt? Was hat Beethoven nicht aus der Tradition\ngemacht! und nun sollen Beethoven's Schöpfungen schon\nwieder abgestandene Tradition sein? Wer sind denn die\nAlten, auf die wir allein schwören sollen, wie man uns\nvorwirft? Etwa die alten Ilaliäner? oder die Niederländer?\noder Bach und Händel? oder Gluck? oder Havdn und Mo-\nzart? oder Beethoven? oder Cherubini und Spontini? oder\nSpohr, Weber, Mendelssohn, Marschner—mit Einem Worte\nAlle bis auf Richard Wagner?\nWenn wir an die Entwicklung der Kunst durch alle\ndiese hier durch Namen bezeichneten Stadien glauben, wenn\nwir die Theorie des Schönen in der Tonkunst auf das We-\nsen der Musik und ihres Materials, des schwingenden To-\nnes, nicht auf die Poesie und das Wort, oder auf die Ma-\nlerei oder irgend eine fremde Kunst, die in ganz anderem\nStoffe arbeite), begründen, und ihre Regeln, wie es bei je-\nder Kunst, die auf Erden da gewesen, geschehen ist, aus\nden in ihr vorhandenen Werken ableiten, aus den Werken,\ndurch welche bevorzugte und erwählte Geister die Musik\nerst zur selbstständigen Kunst gemacht haben: dann\nsind wir engherzige Anhänger des Alten? Es ist eine ganz\nunwahre Beschuldigung, wenn man den Gegnern der Wag-\nner'schen Lehren Einseitigkeit und starres Festhalten am\nAlten vorwirft, und man tummelt damit ganz dasselbe\nSteckenpferd, auf dem die Wagnerianer gegen Windmüh-\nlen fechten. Wagner kämpft in den Dingen, wo er Recht\nhat, gegen dasselbe, wogegen auch wir und lange vor uns\ndie Verehrer des idealen in der Tonkunst kämpften. Aber\ner ist blind für Geschichte der Entwicklung der Musik zur\neigentlichen Kunst und vergisst, dass er selbst nichts Ande-\nres ist, als ein Stück dieser Entwicklung, nämlich eine Wie-\nderholung von Gluck in modernem Gewände und mit\nExtremen.\nSehr richtig sagt daher Alberti in dieser Beziehung:\n„ Die Erscheinung von Wagner fordert auf, nach Gluck zu-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "302", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01.1.2", "texte": "rück zu blicken, und wenn wir vorher schon darauf hin-\ndeuteten, dass die Geschichte auch der Künste stets in ge-\nregeltem Gange fortschreite, dass auch das bahnbrechende\nGenie zwar über seine Zeitgenossen weit emporragen könne,\naber nie ganz isolirt dastehe, sondern stets an Früheres\nanknüpfe, und dass seine eigene Entwicklungs-Geschichte\nbedingt sei durch das hinter ihm Liegende und durch die\nErhebung über dasselbe, eine Folge theils seines tiefen\nStudiums, theils seiner ursprünglichen künstlerischen Bega-\nbung, so werden wir in Wagner gerade das bestätigt sehen,\nund bemerken im Voraus, auch er gibt nichts ganz Neues;\nseine ganze Erscheinung lügt sich in die Reihe derjenigen\ndramatischen Componisten ein, welche die bedeutendsten\nEntwicklungs-Momente in der Geschichte des musicalischen\nDrama's bezeichnen; er steht auf den Schultern nicht bloss\nGluck's, sondern Mozart's, Beethoven's, selbst Weber's\nund Marschner's; (ür ihn ist selbst Spontini und Meyerbeer\nnicht vergebens da gewesen; er kennt sie alle auf das ge-\nnaueste, und was er an ihnen seinem Kunst-Ideale Ent-\nsprechendes findet, das wird er nicht unangewendet lassen,\nbis auf die Instrumentation eines Hector Berlioz herab, die\nnicht ohne einen mehr als gerechtfertigten Einfluss auf ihn\ngeblieben ist.\"\nWir geben, um zum Lesen des Ganzen zu veranlassen,\nnoch folgende Stellen, nicht weil sie etwa ganz neue An-\nsichten über Wagner enthalten, sondern weil das Wahre\nnicht oft genug gesagt werden kann*):\n„Es offenbart sich zwischen Meyerbeer und Wagner\nbei aller Gleichzeitigkeit Beider, bei ihrer Uebereinstiramung\nin ihrer aus dem flachen, modernen Geiste herstammenden\nBildung doch ein entschiedener Gegensatz; denn des Letz-\nteren künstlerisches Streben und Wirken ist ein durchaus\nsittliches, in seinen Productionen findet sich überall ein sitt-\nlicher Kern. Er ist voll heiligen Unwillens über die Misere\ndes Opernwesens, über die Gewissenlosigkeit der Compo-\nnisten, die sich an blosser Wortphrase und an nur in Um-\nrissen gezeichneten Situationen genügen lassen, um nur\ndem herrschenden sinnlichen Gelüste des Publicums mit\nallen nur erdenklichen E(Ted-Mitteln der Musik zu fröhnen\nund des Beifalls sich zu vergewissern. Er verachtet den\nMangel ästhetisch-philosophischer Durchbildung unserer\nComponisten, die eben darum sie unfähig macht, eine Opern-\ndiehtung überhaupt in ihrem künstlerischen Werthezu wür-\ndigen, und sie zwingt, jede, die ihnen entgegengebracht\nwird, wie elend sie auch sei, au nehmen, um an ihr ihre\nim unwürdigen Dienste des verdorbenen Geschmacks arbei-\ntende Productionskraft zu üben. Er steht auf der Höhe\neiner durchgebildeten Kunst-Anschauung, und von hier aus\nschafft er. Darin liegt das Sittliche seines künstlerischen\nWirkens, und darin unzweifelhaft die Bürgschaft seines Er-\nfolges, vorausgesetzt, dass seine Kunst-Anschauung die rich-\ntige ist, und dass bei seiner Hingebung an dieses Ideal, wie\nes in seiner Seele lebt, auch seine künstlerische Begabung\nausreichend ist, dieses Ideal innerhalb der Gränzen der\nkünstlerischen Schönheit zu realisiren. So viel ist aber ge-\nwiss, selbst wenn diese Voraussetzungen nicht zuträfen,\nworüber wir im Folgenden unsere Ansicht mittheilen wer-\nden : das, was Wagner erringt, ist ihm nicht angeflogen, es\nist schwer erworben, er hat in seinem Ringen und Streben\neine seltene Energie bewiesen. Seine Natur ist so eigen-\nthümlicher Art, dass gerade sie nur um so mehr Schwie-\nrigkeiten auf diesem Wege zur Erreichung seines Kunst-\nIdeals ihm entgegenstellt. Aber er ist keiner derselben aus\ndem Wege gegangen. Er componirt nicht aus Speculafion,\ner macht dem Publicum keine Concessionen, sondern ganz\nan seinen Stoff sich hingebend, geht er den eingeschlage-\nnen Weg nicht nach Belieben, sondern aus innerer Nöthi-\ngung. Aber und das ist zunächst das, was als ein Mangel\nerscheint und seine Erscheinung mehr durch ihre anre-\ngende Kraft zu einer so bedeutsamen macht, als dass sie,\nwie er glaubt, es durch die künstlerischen Normen, die er\nbietet, wäre seine künstlerische Anschauung ist eine durch-\naus subjeclive und keine rein objective. Er irrt sich hier\nüber sich selbst und damit auch über den Einfluss, den er\nauszuüben gewiss ist. Wenn nach Adolf Stahr Wagner\nerst die Musik erlernt haben soll um der Dichtung willen,\nso ist das jedenfalls ein Irrthum; denn er dichtet im Dien-\nste seiner musicalischen Begabung, und diese ist, wie wir\nsehen werden, eine einseitige, beschränkte; und wie sehr\ner auch die Musik selbst wieder dem Worte unterordnet,\nsie nur als ein Mittel des Ausdrucks und nicht als eine\nselbstsfändige Sprache gelten lassen will, dennoch, das lässt\nsich nicht verkennen, modificirt er seine ästhetischen Con-\nstruclionen ganz nach dem Bedürfnisse seiner musicalischen\nIndividualität; er will von dieser nichts aufgeben, daher\nwird er auch nimmer ein bleibendes Vorbild sein können,\ndas nur etwa in der Folgezeit denjenigen Modificationen\nunterliegt, welche die weiteren Fortschritte in der Kunst,\ndie wahren, bedingen, um tonangebend auf lange bleiben\nzu können. Er bevveis't es mehr als irgend Einer, und ge-\nrade die genaue Kenntniss, die wir von seinem Bildungs-\n\n*) Ycrgl. die Artikel: „Stimmen der Kritik über Rieh.\nWagner\" in Nr. IT, 12, 35, 36 des 111. Jahrgangs 1855\ndieser Zeilschrift."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "303", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01.1.3", "texte": "gange haben, die Offenheit, mit der er uns seine innere\nGeschichte enthüllt, der sittliche Ernst, den wir in seinem\nStreben nicht zu verkennen vermögen, lassen es uns um\nso klarer erkennen, dass unsere Zeit nicht geeignet ist,\neinen solchen künstlerischen Genius hervorzubringen, der\nmit einem vollendeten Kunstwerke auf dem Gebiete der\nOper für lange Zeit ein leuchtendes Vorbild zu sein ver-\nmöchte.\n„Zerfallen mit der Gegenwart, die seinen überspann-\nten idealistischen Anforderungen keine Genüge leistet, for-\ndert er lür sein Kunstwerk der Zukunft einen Neubau der\nGesellschaft, eine Umkehr vom modernen Staatenthum zum\nMenschenthum. Dieser Idee des wahrhaften Menschenthums\nentspringt nun auch Wagner's Philosophie von der Kunst\nund von der nolhwendigen Vereinigung der rein mensch-\nlichen Kunstarten; Das Kunstwerk der Zukunft wird nach\nihm aus einem Zusammenwirken aller Künste bestehen;\nPoesie, Musik, Tanzkunst werden sich darin in innigster\nHarmonie vereinigen und die bildenden Künste allen Schmuck\ndazu hergeben, über den sie verlügen. Diese Anschauung\nhat ihn genölhigt, in seinem Tannhäuser und Lohengrin\nzur Darstellung des Reinmenschlichen sich in den Kreis\nder Mythe zu flüchten, wo es sich allerdings prägnanter\nherausstellt. Aber der vollständige Idealismus dieser ganzen\nKunst-Philosophie dürfte wohl Niemandem entgehen; eben\nso wenig, dass es ein solches Kunstwerk nimmer geben\nwird und kann, und dass, wenn es möglich wäre, es nur\nzum Verderben jeder einzelnen in demselben mitwirkenden\nKunst ausschlagen könnte, da eine solche innigste Harmo-\nnie aller niemals die selbstständige Entwicklung und Pflege\nder einzelnen zuliesse. Eben so klar ist es, dass auf\ndem mythischen Gebiete eine scharfe Charakteristik der\neinzelnen Personen unmöglich ist, dass sie alle nur mehr\noder weniger Abstractionen und keine concreten Erschei-\nnungen sein werden, die mit Notwendigkeit der musicali-\nschen Darstellung, wie vorzüglich sie an und lür sich auf\ndiesem Gebiete sei, um der Beschränktheit und Einseitig-\nkeit dieses Gebietes selbst willen, so wie wegen der un-\nmöglichen scharfen Charakteristik, einen monotonen Cha-\nrakter aufdrücken müssen. Wer fände dafür nicht die spre-\nchendsten Zeugnisse in den Hauptpersonen im Tannhäu-\nser! wer nicht noch mehr im Lohengrin! Nur zu deutlich\nzeigt es sich, dass Wagner keine individualisirende Gestal-\ntungskraft, keine scharfe Charakteristik hat; seine Charak-\ntere sind Repräsentanten einer Idee, einer Gefühlsrichtung,\neiner Leidenschaft, doch meist abstract; die weiblichen lei-\nden an entschiedener Monotonie; denn sie erscheinen ent-\nweder in der Form der abstracten Reinheit, wie Elisabeth,\noder in der der Schwäche, wie Elsa im Lohengrin.\n„Ein Grund-Irrthum Wagner's besteht darin, dass er\nsowohl den Boden der historischen Tradition für die Har-\nmonie, als auch für die musicalischen Kunstformen ganz\naufgegeben wissen will. Die Harmonie ist ihm eigentlich\nnur ein unendliches Meer, auf dem sich der Nachen der\nMelodie bewegt; er geht aus von der vollkommenen Frei-\nheit der Melodie, will mit ihr jeden Fortschritt der Em-\npfindung bis in die feinsten Nuancirungen durch Auswei-\nchungen und Uebergänge in alle erdenklichen Tonarten be-\ngleiten und bezeichnen. Dabei sind Verirrungen unvermeid-\nlich; die harmonische Bewegung seiner Melodie beschränkt\nsich meist auf Dreiklänge, weil nur diese unvermittelt ne-\nben einander stehen können; und es entsteht daraus eine\nMonotonie, die ausserdem noch besonders durch die unaus-\ngesetzte Anwendung des verminderten Septimen-Accords\nherbeigelührt wird, der bekanntlich der charakterloseste\naller Accorde ist, weil er unendliche Wendungen zulässt.\nSeine Behandlung der Harmonie ist daher durchaus keine\nreiche, und auch eine gewisse Verschwendung in den Mit-\nteln vermag dies nicht zu verdecken. Während er der Vir-\ntuosität der modernen Zeit mit Recht entgegen tritt, lässt\ner der Musik nicht ihr Recht widerfahren und verfällt nicht\nselten, weil eben seine Musik nichts soll, als dem Worte\nzum Ausdruck dienen, in rhapsodische, abgerissene Wen-\ndungen. Er verkennt, dass in der Oper die eigenthümliche\nNatur des sprachlichen und musicalischen Ausdrucks gleich-\nmassige Berücksichtigung erhalten, dass in ihr zwei selbst-\nständige Ausdrucks-Vermögen bestehen müssen, und geht\nin seiner 1 heorie so weit, den Chor ganz zu verwerfen\nund seine Rolle dem Orchester zu überweisen. So ist denn\ndas Missverhältniss zwischen Wort und Ton bei ihm nicht\nzur Ausgleichung gekommen; während früher die Wort-\nPhrase herrschte und mit jeder beliebigen anderen ver-\ntauscht werden konnte, das Wort also ganz unterschätzt\nwurde, hat Wagner die Musik unterschätzt, und er verfällt\nin das entgegengesetzte Extrem; seine Wendungen sind\noft nur musicalische Phrasen und können auch vertauscht\nwerden; sein Pathos erhält dadurch etwas Monotones. Zum\nGlück ist er aber selbst seiner Theorie nicht immer getreu\ngeblieben. Seine melodischen Haupt-Motive sind der frühe-\nren Kunslform entsprechend gebildet; wo er die grösste\nWirkung erreicht, bewegt er sich in den Schranken der\nVorgänger.\n„Es ist ein anderer Grund-Irrthum, dass die Oper das\nReinmenschliche allein darzustellen und darum sich beson-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "304", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01.1.4", "texte": "ders im Gebiete des Mythischen, und zwar des nationalen,\nzu bewegen habe, um des Eindrucks gewiss zu sein. Da-\nmit wird aus einer Gattung der Oper das Wesen der-\nselben überhaupt hergeleitet, und alle übrigen Gattungen\nderselben müssen aulhören, zu existiren. Wir behalten\neben nur die mittelalterlich romantische Oper, und dies of-\nfenbar darum, weil Wagner's neueste philosophische Theorie\nvon seiner jedenfalls einseitigen und beschränkten musica-\nlischen Begabung abhängig ist. Mag nun immerhin diese\neine Gattung vollständig berechtigt dastehen, also mit ihr\nund in ihr die Darstellung des Reinmenschlichen, wie sehr\nes auch etwas Abstractes ist: es liegt doch im Menschen\nmehr als dies, was seinen musicalischen Ausdruck fordert,\nnämlich auch das Geschichtliche, Goncrete; und dieses, das\neine unendlich schärfere Charakteristik zulässt, ja, sogar\nfordert, findet in der historischen, so wie in der dem Fa-\nmilienleben entnommenen, endlich in der komischen Oper\nden entsprechenden Ausdruck. Steht nun auch, was die\ntraditionellen Kunstformen anlangt, die historische Oper der\nromantischen am nächsten, und wird hier die Beschränkung\ndieser Kunstformen auf dasjenige Maass, durch welches der\nVerlauf der Handlung, so wie die scharfe Charakteristik\nnicht beeinträchtigt wird, am meisten eintreten müssen, so\ndass für diese die Erscheinung Wagner's nicht ohne ent-\nschiedenen Einfluss bleiben dürfte, so ist es doch unzwei-\nfelhaft, dass Opern, die dem Gebiete des täglichen Lebens\nentnommen sind, wie der Wasserträger, Fidelio, und Con-\nversations-Opern, wie die Weisse Dame, so wie endlich\nalle komischen Opern, eine ganz andere Aufgabe zu lösen\nhaben, dass sie daher auch künftig den Componisten gar\nwohl berechtigen werden, nach Mozart's Vorbilde die Mu-\nsik da schweigen zu lassen, wo es gilt, den Hörer über die\nHandlung zu orientiren, so wie dass derselbe da, wo die\nEmpfindung zum Siege gelangt, in Arien dieser Empfin-\ndung einen breiteren Ausdruck wird geben dürfen. Wir\ndürfen uns durch den Vorwurf nicht irre machen lassen,\ndie Verbindung von gesprochenem Dialoge und dazwischen\ntretenden Musikstücken sei etwas der Idee des Kunstwer-\nkes darum durchaus Zuwiderlaufendes, weil das musicali-\nsche Drama die volle historische Wirklichkeit geben\nsolle, weil wir nach Wagner im Kunstwerke unmittelbare\nsinnliche Gewissheit suchen und einer auch äusserlich ein-\nheitlichen Form bedürfen; das sind irrthümliche Voraus-\nsetzungen. „„Die Kunst kann nie die volle Wirklichkeit\ngeben,\" \" wie sehr richtig Hinrichs bemerkt, „ „sie gibt\nnur eine Welt des Scheins. Wer in der komischen Oper\nbei dem Wechsel von Dialog und Musik nicht zur Illusion\nkommt, der muss sieb eben so sehr darüber wundern, dass\ndie Leule überhaupt singen, ja, er darf sich consequent\nvon tragischen Schauspielern nicht hinters Licht führen\nlassen.\"\"\n„Endlich erscheint als ein Grund-Irrthum Wagner's,\nder in dem Ungestüm und in der Leidenschaftlichkeit seiner\nNatur begründet liegt, so wie in seinem vorherrschend kri-\ntischen Talente, dass er zu viel Gewicht auf seine construc-\ntive Kritik legt und ihr die Kraft zutraut, der künstlerischen\nProduction eine bestimmte Richtung zu geben. So ver-\nkennt er das eigentliche geheimnissvolle und ursprüngliche\nWesen des künstlerischen Schaffens. Dieses, wenn auch\nnicht den ewigen Gesetzen des Kunstwerkes sich entgegen-\nstellend, geht doch nichts weniger als von einem solchen\ndurch die Kritik gewonnenen klaren Bewusstsein des Ge-\nsetzmässigen aus, sondern vielmehr von einem inneren\nDrange, welchem jene ewigen Gesetze, ihm selber wenig-\nstens im Momente des Schaffens mehr oder weniger unbe-\nwusst, zum Grunde liegen. Haydn, Mozart haben nicht von\njenem kritischen Bewusstsein aus geschaffen, und sie gerade\nsind die ewig und unerschöpflich Heichen ; wie sehr sie\nauch Studium, ernstes und eifriges, aufgewandt haben, den-\nnoch ist ihr Schaffen kein Product künstlerischer Reflexion.\nGerade dass diese in Wagner in solchem Maasse vorherrscht,\nbeweis't, dass er trotz seiner Eigentümlichkeit ein Kind\nseiner Zeit ist, die ein alexandrinisches Zeitalter, eine Zeit\nder Epigonen genannt werden mag, in der man durch\nkunstphilosophische Kritik den Weg zu neuen Kunstwerken\nSich bahnen zu können vermeint, die aber nichts weniger\nals ein neues, aus ureigener Schöpfungskraft hervorgegan-\ngenes Kunstwerk in Aussicht stellen dürfte.\"\nAm Schlüsse des Büchleins heisst es unter Anderem:\n„Was hoffen wir nach allem dem von Wagner lür die\nOper? Nicht, dass seine Musik einen Kampf auf Tod und\nLeben werde kämpfen müssen, nicht die Erneuerung des\nalt hellenischen musicalischen Drama's, nicht eine Revolution\ngegen das Wesen der pariser grossen Oper, da Wagner\nzu entschieden deutscher Dichter und Componist ist und\nseine Texte sich weder ins Französische noch Italiänische\nübertragen lassen: das alles hoffen wir nicht. Aber dennoch\nhoffen wir viel, und zwar von seinem Tannhäuser, wenn\nerst die Leidenschaftlichkeit blinder Verehrung oder eben\nso blinder Verwerfung sich zur klaren, bewussten und\neben darum gerechten Anerkennung des Werthvollen darin\nwird abgeklärt haben. Seine Erscheinung kann nicht ohne\nbedeutenden Einfluss sein. Weniger hoffen wir von seinem\nLohengrin, und das gereicht uns zum Tröste. Man wird"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "305", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01.1.5", "texte": "sich überzeugen, dass eben die consequente Durchführung\nseines Princips von der gänzlichen Verwerfung der absolu-\nten Musik, selbst in der genialen Weise, wie er sie gege-\nben, die eigene und beste Widerlegung desselben ist. Noch\nweniger hoffen wir von den in Aussicht stehenden sechs-\nzehnactigen Nibelungen, die, wie verlautet, in Phantasti-\nschem und Unerhörtem, sowohl in der Dichtung als auch\nin der Musik und in der Scenerie, alles bis dahin Dagewe-\nsene auf eine nicht denkbare Weise überbieten. Aber wir\nsind zufrieden damit, dass sich in diesem Werke Wagner\nin seinem kecken, dämonischen Trotze selbst überbieten\nwird. Das lässt uns vielleicht eine Umkehr von ihm zu mo-\ndificirter ästhetischer Anschauung erwarten, und dann, wer\nmöchte es läugnen, wie Grosses und Herrliches er dann zu\nleisten vermöchte!\"\n\nDas Mozartfest in Salzburg.\nI.\nSalzburg, den 8. September 1856.\nDie Stadt fasst kaum die Menge, die zu der hundert-\njährigen Jubelfeier herbeigeströmt ist. Wie konnte es auch\nanders sein? Mozart und die herrliche Gegend, wo seine\nWiege stand, wen sollten sie nicht anziehen und zu höhe-\nrer Empfänglichkeit und Begeisterung lür das Schöne em-\npor heben?\nSchon am 6. September begann das Fest, und die\nVorfeier trug, wie das Aeussere der ganzen Stadt, einen\nwahrhaft festlichen Charakter, welcher auf jeden Fremden\neinen vortheilhaften Eindruck machte und alle Ankommenden\nlür die Veranstalter einnahm. Die zahlreichen Zuzüge der\nSänger, die von verschiedenen Richtungen herbeikamen,\nwurden durch die salzburger Liedertafel, Militärmusik an\nder Spitze, vor den Thoren empfangen und von da nach\ndem Rathhause geleitet. Die Thore waren mit Inschriften,\nKränzen und Fahnen geschmückt.\nZwischen 5 und 6 Uhr versammelten sich die Sänger\nin den Gärten des am rechten üfer der Salza gelegenen\nSchlosses Mira bell. Die salzburger Liedertafel begrüsste\ndurch ihren Wahlspruch:\nIn deutschem Schwert\nUnd deutschem Sang\nRuht echte Kraft\nUnd guter Klang!\nin Musik gesetzt von Aloys Taux, Director des Mozar-\nteums, die Versammelten, und der Secretär der Liedertafel,\nHerr Steinhauer, hiess die Sänger in einer kurzen Anrede\nherzlich willkommen.\nHierauf fand in dem Theater, das mit den Schlossge-\nbäuden zusammenhängt, die Probe der Fest-Cantäte\nvon Prof. Friedrich Beck, componirt von Franz\nLachner in München, Statt/ Dieses sehr ansprechende\nWerk, für lünfstimmigen Männerchor (zwei Tenöre und drei\nBässe) mit Harmonie-Musik geschrieben, war sämmtlichen\nMitwirkenden unbekannt, da es erst zu dem Mozartfeste\ncomponirt war und die Stimmen nicht versandt werden\nkonnten. Dennoch wurde es sofort richtig und mit Aus-\ndruck vom Blatt gesungen, und wenn auch der Componist\nin richtiger Würdigung der Verhältnisse eigentliche Schwie-\nrigkeiten absichtlich vermieden hatte, so bleibt es immerhin\nein schönes Zeugniss für das Blühen der edeln Gesanges-\nkunst in Deutschland, wenn 6—700 Sänger eine solche\nCantate sofort gut auszuführen im Stande sind.\nUm 8 Uhr ordnete sich der Festzug auf dem Mirabell-\nplatze. Er war zahlreich und glänzend. Bürger Salzburgs\ntrugen die Fackeln, die Mitglieder des Fest-Comite's führ-\nten ihn an. Die fremden Künstler, die Mitglieder des Or-\nchesters der Fest-Cantate, dann die Sänger, nach den fünf\nStimmen abgetheilt, zogen zu sechs, durch 28 Reihen von\nje sechs Fackelträgern getrennt, einher, und an jeder Seite\nbildeten ausserdem 66 Fackelträger die Einfassung. So\nbewegte sich der Zug mit zwei Musikchören über die\nBrücke, die grösseren Plätze, Mozart's Wohnhaus vorbei\nnach dem Mozartplatze, welcher, wie auch Mozart's Bild-\nsäule, mit Blumen, Laubgewinden und Flaggen besonders\nschön geschmückt war. Hier stellten sich die Chöre und das\nOrchester auf. Folgende Strophen schlössen die Cantate:\nUnd uns gehört sein Schöpferwalten,\nFest hält ihn unsrer Liebe Band;\nZur Wunderblüthc sich entfalten\nSah ihn das theure Heimatland;\nDer Berge Schooss war seine Wiege,\nHier schwang'sich auf der junge Aar\nZum Kampf des Lebens und zum Siege,\nDer glorreich wie kein andrer war.\nGermania! im Feierklange\nErhebe Mozart: er ist dein!\nZu seines Ruhmes Festgesange\nStimmt jeder Deutsche jubelnd ein;\nEr lebt, so lang das ewig Schöne\nUns ewig frisch zum Herzen dringt:\nTriumph! es lebt der Fürst der Töne,\nSo lang' ein deutsches Lied erklingt!\nDas Gesangstück machte einen erhebenden Eindruck\nund ist eine schöne Bereicherung dieser Gattung der mu-\nsicalischen Literatur. Es erscheint in Druck im Verlage von\nJ. Schott's Söhnen in Mainz. Unter den Zuhörern waren\nauch Ihre Majestäten die Kaiserin Witwe (des Kaisers"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01.1.6", "texte": "Franz), welche gewöhnlich in Salzburg wohnt, und der\nKönig von Baiern, der von Berchtesgaden herüber gekom-\nmen war. Diese hohen Herrschaften befanden sich in dem\nStatthalterei-Gebäude.\nAm Sonntag begann die Hauptfeier. Das Wetter war\nsehr günstig. Die wunderschöne Lage Salzburgs ist be-\nkannt. Die mannigfaltigen herrlichen Aussichten auf das\nGebirge haben dadurch einen ganz besonderen Reiz erhal-\nten, dass vor zwei Tagen auf den Höhen Schnee gefallen\nist, so dass das Auge, von dem saftigen Grün der Wiesen\naufwärts blickend, die starren Felsenkuppen wie die schwei-\nzer Alpen in schimmerndem Schnee glänzen sieht.\nAn der Spitze des Festbüchleins las man folgendes\nWeihegedicht:\nAn Mozart.\nZwei Menschenalter sind verflossen,\nSeitdem Dein letzter Ton erklang,\nDein Geist, dem hier er schon entschlossen\nFür immer sich zum Himmel schwang.\nUnd wie auf des Olympos Höhen\nDer Götter Jugend ewig blüht,\nWird hlühend, was Du schufst, bestehen»\nBist Sonne, welche ewig glüht.\nEs sind die Leiden längst verschwunden,\nDie auf der Erde Dich gedrückt;\nDie Wonne doch wird stets empfunden,\nVon weicher wir durch Dich entzückt\nVermählet ist in Deinen Tönen\nDie Melodie mit Harmonie.\nEs lebt das Ideal des Schönen\nIm Zauber Deiner Phantasie.\nKönig Lud wi g.\nIn der Domkirche wurde die Messe aus C-dur, die\nich Ihnen in diesem Augenblicke nicht näher bezeichnen\nkann als durch den Anfang des bei weichem ich\nerst eintreffen konnte, in den Violinen:\netc., unter der geschickten Leitung des Capellmeisters des\nDom-Musik-Vereins Ä1 oys Taux recht schön ausgeführt.\nNur war es zu verwundern, dass die Sopran-Soli von einer\nfrüher beim salzburger Theater angestellten Sängerin sehr\nmittelmässig gesungen wurden, während die übrigen Soli\nweit mehr befriedigten. Die erste Einlage war das bekannte\nMisericordias, die zweite beim Offertorium aus der Litanei\nPignus futurae gloriae, ein herrliches Musikstück, erst ein\nSatz Adagio und dann eine kostbare Fuge AUegro:\nNach der Messe war Concerl probe für die Abend-Auf-\nlührungen. Bei dem Tempo der Sinfonie in fiel mir gleich\nbeim ersten Satze Mozart's Schuhschnalle ein, die ihm\neinst in einer Probe sprang bei der Anstrengung, die Mu-\nsiker ins Feuer und zu schnellerem Tempo zu bringen.\nDieses Mal wäre sie ihm vielleicht gesprungen, um den\nDirigenten und das Orchester durch kräftiges Tacttreten\nim Schnelllaufe zu hemmen.\nIm Orchester waren 53 Violinen (u. A. die Herren\nJos. Hellmesberger, Director des Conservatoriums in Wien,\nLauterbach und Mittermayr aus München, Boie aus Altona,\nEller aus Graz, Grund, herzoglicher Capellmeister aus Mei-\nningen, Rudersdorf, Concertmeister aus Berlin, Schletterer,\nUniversitäts-Musik-Director aus Heidelberg, Weinbrenner\naus Elberfeld u. s. w.), 16 Bratschen (u. A. Musik-Direc-\ntor Reichardt aus Berlin, Walbrül aus Weimar), 14 Vio-\nloncelle, 11 Contrabässe (u. A. Weindl von der grossher-\nzoglichen Capelle in Oldenburg), 6 Flöten, 5 Oboen, 4\nClarinetten (Bärmann aus München), 4 Fagotte, 4 Corni,\n5 Trompeten, 3 Posaunen, Ophikleide, Pauken zusam-\nmen 128 mit dem Dirigenten, dem königlich baierischen\nGeneral-Musik-Director Franz Lachner aus München.\nIm Chor wirkten im Sopran 73 (50 Damen, 23 Kna-\nben), im Alt 46 (23 Damen und 23 Knaben), im Tenor\n1 7, im Bass 26 wobei jedoch zu bemerken, dass die\nMännerstimmen aus den Mitgliedern der Liedertafeln be-\ndeutend verstärkt waren.\nDas erste Fest-Concert, Abends 7 Uhr in der Aula,\nbegann mit einem Prolog von Otto Prechtler, Archiv-\nDirector im k. k. Finanz-Ministerium. Die Verse:\nEs sei der Tag, an dem wir Mozart krönen,\nEin Auferstehungstag des Ewig-Schönen!\nund die Schluss-Strophe:\nDu aber, der am Urquell alles Schönen\nWeit über uns ein neues Leben webl,\nDu segne uns mit Deinen ew'gen Tönen,\nUnd segne alles, was zum Lichte strebt!\nLass diesen Tag die Schuld der W'elt versöhnen,\nDie sie an Dir beging, da Du gelebt;\nSie zahlt in dieses Festes Freudenglanze\nHeut die Unsterblichkeit mit ihrem Kranze!\nsprachen am meisten an. Der Vortrag des Prologs durch\nFräul. Blandine von Sena aus Wien, die sich der Bühne\nwidmen will, wie ich hörte, war lür die Würde des Gegen-\nstandes etwas zu manierirt und coquet. Indess wurde die"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "307", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01.1.7", "texte": "Sprecherin applaudirt und gerufen, wie denn überhaupt das\nPublicum, wie natürlich, in sehr guter Stimmung war.\nDie Sinfonie in C-durnahm Lachner leider am\nAbende selbst noch schneller, als in der Probe, wodurch\ndenn namentlich das Finale in den Blas-Instrumenten im\nzweiten Theile nicht zu klarer und deutlicher Ausführung\nkommen konnte, zumal da gegen das Ende hin noch ziem-\nlich geeilt wurde. Dagegen wurde das Andante fast bis\nzum Verzweifeln langsam gespielt. Dass Franz Lachner sich\nübrigens auch hier bei dem Mozartfeste, wie immer, als\neinen ausgezeichneten Dirigenten durch Sicherheit, Präci-\nsion und alles, was zu energischer Leitung der Massen ge-\nhört, bewährte, erkennen wir mit Vergnügen an.\nDie Arie aus Titus mit obligater Clarinette wurde\nvon Frau Behrend-Brandt, die eine starke, umfang-\nreiche und wohlklingende Stimme hat, die jedoch in den\nverschiedenen Lagen nicht gleichmässig ist, recht brav ge-\nsungen; nur war die Intonation nicht immer ganz rein.\nHerr Bär mann begleitete mit überaus schönem Tone und\neinem ausgezeichneten Piano und allein die Steile:\nSängerin ebenfalls so sehr in die Länge, dass ihr fast alle\nVerbindung fehlte.\nDas Quartett aus Idomeneo wurde von den Da-\nmen Behrend-Brandt, Diez, von Mangstl und\nHerrn Härtinger ausgezeichnet schön gesungen; nament-\nlich zeigte Frau Diez aus München eine grosse Kunst des\nVortrages, verbunden mit schöner Stimme und reiner In-\ntonation.\nHerr Rudolf Willmers spielte das .D-mo/Z-Concert\nfür Ciavier und Orchester so gut, wie man es von einem\nClavier-Virtuosen unserer Tage hören kann; nament-\nlich trug er den Mittelsatz ausserordentlich singend und\nschön vor. Der erste und letzte Satz wurden freilich, wie\ngewöhnlich, im Tempo übereilt.\nDies war das Programm des ersten Theiles. Der zweite\nbegann mit der Sinfonie concertfür Violine (Lauter-\nbach) und Viola (Mittermayr), von beiden Spielern, na-\nmentlich von dem Violinisten, gut vorgetragen, dem auch\nHerr Mittermayr, nachdem er eine gewisse Befangenheit\nüberwunden halte, würdig zur Seite blieb. „Dies Bild-\nniss\" wurde von Herrn Hart in ger recht brav gesungen,\ndoch hatte ich mehr von diesem Sänger erwartet, dessen\nStimme nicht gleichmässig mehr ist und dem es auch hin\nund wieder an reiner Intonation fehlte.\nDas Terzelt aus Ii Sposo blieb weg, und wurde\nstatt dessen von Frau Diez, Herren Härtinger und\nKindermann eine der reizendsten Compositionen Mo-\nzart's, ein Terzett aus der Vil ausserordent-\nlich schön gesungen. Darauf trug Bärmann ein Adagio\nfür Clarinette mit Quartett-Begleitung ganz unnachahmlich\nschön vor; sein Piano ist bezaubernd. Herr Kindermann\nsang die Arie aus Figaro vortrefflich, und auch das Finale\n(Terzett und Chor) aus Idomeneo ging sehr gut; der\nChor war zwar schwach, aber trefflich eingeübt.\nDen Beschluss machte die Ouvertüre zur Zauber-\nflöte, welche aber auch wieder mit Dampf fuhr. Die Prie-\nster-Accorde wurden richtiger Weise von einander geson-\ndert, nicht verbunden geblasen.\nAlles wurde stürmisch applaudirt und die Solisten\nmehrmals gerufen.\n\nAus Gran.\n\nDie akustischen Verhältnisse des hiesigen Domes sind so un-\ngünstiger Art, dass es für den Zuhörer im Schiffe der Kirche fast\nunmöglich war, über das Aufführungs-Object zu irgend einem kri-\ntischen Resultate zu gelangen; denn man bekam nur ein wirres\nGesumse von Tönen, ein brausendes Gewoge von Stimmen zu hö-\nren, aus welchem jedoch einen einzelnen bestimmten Klang, ge-\nschweige einen Accord selbst, mit der gespanntesten Aufmerksam-\nkeit zu unterscheiden man sich vergeblich bemühte. Es kann tür\nMusik, zumal tür figurirte Musik, kaum eine feindlichere Räum-\nlichkeit gedacht werden, als die Basilica, was hauptsächlich an der\nenormen Höhe der Kuppel liegt, welche die Schallwellen erst nach\neinigen Secunden zurückwirft. Hier könnte nur eine Musik effec-\nluiren, die sich in äusserst langsamen und höchst einfachen Accor-\nden bewegt, von denen jedem eine geraume Frist gelassen werden\nmuss, um zn verklingen, bevor ein neuer Accord ohne Gefahr, mit\ndem früheren zu einem unverständlichen Ton-Chaos zu gerinnen,\nfolgen dürfte. Am Aufführungstage selbst hatte ich auf dem Chor\nPlafz genommen, und da erst vermochte ich die Composition in\nallen ihren Theilen zu vernehmen und aufzufassen.\nDie Feierlichkeit am Einwcihungsiage selbst halte folgende\nOrdnung. Früh 8 Uhr versammelte sich die hohe Geistlichkeit zur\nEinsegnung und Beisetzung der Reliquien. Um 10 Uhr erschien\nSe. lUajestät der Kaiser, worauf die Ceremonie ihren Anfang nahm.\nNach der Fertigung der Consecrations-Urkunde und Einweihung\nder Kreuze wurde die Predigt und hierauf das Hochamt abgehal-\nten, nach dessen Beendigung die Festtafel Statt fand, deren Musik\ndie Capellen der Regimenter Bianchi und Deutschmeister besorg-\nten. Von jedem ausgebrachten Toaste gaben Geschützsalven Kunde.\nJS'aeh der Tafel verfügten sich Sc. Majestät zum Volksfeste, wo\nAllerhöchstdieselben mit unbeschreiblichem Enthusiasmus empfan-\ngen wurden, der erst mit der Rückfahrt des Kaisers endete.\nAbends schwamm die Stadt in einem Lichlmecre; namentlich ge-\nwährte die mit vielfarbigen bengalischen Flammen erleuchtete Kup-\npel der Basilica einen magischen Anblick.\nDie vom Orgelbauer Moser in Salzburg aufgestellte und bis\nauf unwesentliche Details fertig gebrachte Orgel bewährte sich im\nGanzen als ein empfehlenswerthcs Werk. Sie hat 48 klingende"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "308", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560920-01.1.8", "texte": "Stimmen von äusserst zweckmässiger Disposition, mehrere Expres-\nsionszüge und Tritte, drei Manuale von 4| und eine Pedal-Tastatur\nvon 2 vollständigen Octaven. Die Registrirung liegt bequem zur\nHand und lässt sich leicht behandeln. Den imposanten Ton des\nvollen Werkes bringt vorzugsweise das Vorhandensein vieler tiefen\nStimmen hervor; es zählt zwei 32füssige, eilf löfüssige, acht bis\nneun Bfüssige Register. Für grössere Aufführungen ist der Raum\ndes Chors etwas beschränkt. Bei der Einweihungsfeier selbst konnte\ndas Werk nur wenig gespielt werden, da die Ceremonien zu viel\nZeit wegnahmen; auch musste sie in der Messe, wo sie oft als\nobligates Instrument bedacht ist, weggelassen werden, da ihre\nStimmung gegen jene des Orchesters um beinahe einen Viertelton\nzu tief steht.\nDie Einweihungs-Ceremonie war pompös» Die Messe fing erst\num Uhr an, ging sehr gut und ist ein wunderbar schönes Werk.\nNachmittags erschien der Monarch beim Volksfeste, ohne Wachen;\ndie spaliermachenden Soldaten mussten auf persönlichen Befehl des\nKaisers die Bayonnette einstecken. Zelte, eine Masse Fahnen und\nMusikbanden, Tribunen mit rinnenden Weinfässern, ein ganzer ge-\nbratener Ochse, Böllerschüsse u. dgl. fehlten nicht. Der Kaiser\nwar in Husaren-Uniform, mit ihm Erzherzog Albrecht, mehrere\nGenerale, der Primas, Graf Buol und Baron Bach. Er ging von\nGruppe zu Gruppe, die Luft wiederhallte von unaufhörlichen Eljens,\nder Kaiser ass ein Stückchen vom Ochsen, trank vom Weine und\ntanzte einige Secunden mit einem Bauernmädchen. Später erschien\nLiszt. „Liszt Ferencz ist da!u lief es von Mund zu Mund, und wie-\nder begannen die Eljens, die Bauern trugen ihn auf den Händen,\nAnsprachen sind gehalten worden, man riss ihm den Hut vom\nKopfe, füllte ihn mit Wein, und die Umstehenden balgten sich\nförmlich darum, aus dem Flute zu trinken. Dann wollten die Leute,\ndass er musiciren sollte, und auch dem willfahrte er, indem er\ndem grossen Trommelschläger einer der nächsten Bauern-Musik-\nbande den Schlägel entriss und mit allen Kräften in die grosse\nTrommel dreinschlug.\n\n(W. Blätter f. Musik.)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHamburg-, 9. September. Am Sonntag den 7. d. Mts. wurde\nNorma gegeben bei ausverkauftem Hause, Einnahme 5000 Mark.\nWenn es so fort geht, wird Herr Sachse gute Geschäfte machen;\nan Umsicht und Thäligkeit lässt er es aber auch nicht fehlen.\nFräul. Nina Hartmann sang die Adalgisa als zweite Debüt-Rolle\nund hatte gleichen Beifall, wie bei der ersten. Sie wurde wiederum\nzwei Mal gerufen. Die diesjährige Concert-Saison scheint glän-\nzend zu werden. Bereits werden die philharmonischen Coneerte,\nderen Dirigent Herr Grund ist, so wie diejenigen, die Herr\nOtten veranstaltet und leitet, und welche die Auswahl der ham-\nburger Musikfreunde in ihren Bäumen versammeln, vorbereitet.\nAusserdem hat Herr Director Sachse sechs Oratorien-Con-\neerte, ausgeführt vom Opern-Personale und verstärktem Chor und\nOrchester, in Aussicht gestellt. Zur xÿrung sind bestimmt: Pa-\nradies und Peri, Paulus, Alexanderfest, die Jahreszei-\nten, der Tod Jesu und das Weltgericht.\nDie beabsichtigte Wagner-Woche während der Versammlung deut-\nscher Land- und Forstwirthe in Prag kommt definitiv zu Stande.\ni®estli. Das für Liszt fast ausschliesslich durch hiesige Mu-\nsiker am 16. August im Clavier-Salon des hiesigen Ciavierhändlers\nPeter veranstaltete Fest-Souper war sowohl durch allgemein vor-\nherrschenden heiteren Ton, wie durch gut executirte Vocal-Quar-\niette, besonders aber durch den von unserem als Compositeur mit\nRecht hochgeachteten Herrn Brand ausgebrachten Toast auf das«\nangenehmste belebt. Den tiefsten, unverlöschlichsten Eindruck\nbrachte Liszt's Ansprache als Erwiederung auf die ihm gebrachten\nToaste hervor; leider stenographirte sie keine Hand, und die un-\nsere soll sich durch Verstümmelung der Worte keine Vergehen zu\nSchulden kommen lassen. Mit Freude musste Liszt's klar und be-\nscheiden ausgesprochener heiliger Entschluss, fortan all seine That-\nkraft, sein ganzes Leben dem Genius der Kunst zu weihen, alle\nKunstfreunde erfüllen. „Sie istu, sagte er unter Anderem, „ein\nCorrespondiren mit Gott selbst.\"\nIm Teatro San Carlo zu Neapel wurde jüngst Meyerbeers „Ro-\nbert\" unter dem Titel „Roberto dl Picardia\" zum ersten Male auf-\ngeführt. Dem bekannten Texte der Herren Scribe und C. Dela-\nvigne wurde ein ganz neues Sujet substituirt, die Hauptrollen wa-\nren den Damen Viola und Frassini (Alice und Isabella), den\nHerren Collini, Naudin, Villani (Bertram, Robert, Raimbault)\nanvertraut. Einer Correspondenz in „L'Enrope Artiste66 zufolge ist\nder neue Text eine Quintessenz des Unsinns. Die\ndie Decorationen, die Chöre, die Rollenbesetzung, die Tänze Al-\nles war mangelhaft, ungenügend. Dessen ungeachtet und der tropi-\nschen Hitze zum Trotz hat die Oper einen sehr grossen Erfolg\nerrungen, und Jedermann war darüber einig, dass die Musik etwas\nAusserordentliches sei. „Es wraren\" sagt die bemerkte Correspon-\ndenz „Momente eines vollständigen Enthusiasmus, namentlich\nbei den Trios im dritten Acte und im Finale, Die Ultra-Verdi'-\nschen selbst mussten zugestehen, dass das Geheimniss der Stimmen-\nund Instrumental-Effecte dem Tonsetzer des Robert eigenst ange-\nhöre. Bei der dritten Vorstellung hatte der Erfolg sich in einer\nArt ausgesprochen, dass man Leute zurückweisen musste.\nParis* Es heisst, dass Herold's Oper Zampa auch für die\ngrosse Oper eingerichtet werden soll, und dass Auber den Auftrag\nerhalten, die Recitative zu diesem Zwecke zu componircn.\nRoger ist von einer Reise in die Provinzen nach Paris zurück-\ngekehrt, wo er zum Besten der Ueberschwemmten Coneerte gege-\nben. Der Ertrag dieser Coneerte belauft sich auf die Summe von\nzwanzigtausend Francs."}]}