{"numero_id": "bm-bmtnabi-1856-10-18-01", "volume": "bmtnabi_1856-10-18_01", "ocr_sha256": "dd1d6b5f94b91881a6b6eefe1b7d942e93464595418fab1bf5b729a6f016b3ec", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1856/10/18_01/bmtnabi_1856-10-18_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1856-10-18-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-10-18_01#c001", "volume": "bmtnabi_1856-10-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "333", "page_fin": "333", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "333", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 346, "texte": "Inhalt.\nDie neuesten Orgelwerke von Merklin-Schütze in Brüssel und Paris. 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Der aufmerksame Besuch, den wir vor eini-\ngen Wochen diesen Anstalten sowohl in Paris als in Brüs-\nsel, so wie den drei Haupt-Orgelwerken, welche zuletzt\ndarin gefertigt worden sind, gewidmet haben, hat uns\nüberzeugt, dass auf dem Continente keine Fabrik musicali-\nscher Instrumente von so grossartigem Maassstabe und so\ngeregeltem Betriebe zu finden sein dürfte, wie diese.\nDamit wollen wir keineswegs weder die Verdienste\nnoch die Werkstätten unserer deutschen Orgelbauer herab-\nsetzen. Erstens sind die Herren Merklin und Schütze selbst\nDeutsche, und Merklins erster Lehrmeister, sein Vater, der\nnoch als Orgelbauer in Freiburg in Baden lebt, kann, so\nwie dessen Vaterstadt, mit Recht stolz sein auf die grossen\nErfolge und den Ruhm seines Sohnes. Zweitens aber müs-\nsen wir nicht vergessen, dass ohne bedeutende materielle\nMittel auf der einen und ehrenvolle Anerkennung und Auf-\nmunterung auf der anderen Seite dergleichen Etablissements\nnicht entstehen und zu grosser Blüthe sich entwickeln\nkönnen. Und hier müssen wir bekennen, dass uns das Aus-\nland in Gewährung beider gar weit überflügelt; und die\nFrage, ob die Herren Merklin und Schütze in ihrem Vater-\nlande die gleiche Unterstützung und die gleiche Förderung\nwie in Belgien gefunden haben würden, kann man leider\nnur aufwerfen, um sie zu verneinen. Beweise dafür sind\ndie Nationalisirung der genannten Künstler, die Gründung\neiner Vereins-Gesellschaft zum ausgedehnten Betriebe der\nFabrication, die Zuerkennung von Preis-Medaillen, die Aus-\nzeichnung des Herrn Merklin durch Verleihung des könig-\nlich belgischen Leopold-Ordens, der Besuch der Werkstät-\nten und Anhörung der neuesten daselbst aufgestellten gros-\nsen Orgel durch die vornehmsten Prälaten, z. B. den Erz-\nbischof von Mecheln mit dem ganzen Metropolitan-Capitel,\nden Cardinal Wiseman aus London, den Bischof von\nChartres, die belgischen Minister, die Generalität von Brüs-\nsel, den Gouverneur der Provinz, den Bürgermeister, end-\nlich durch den Herzog von Brabant und vor einigen Tagen\ndurch den König von Belgien selbst in Begleitung des gan-\nzen Hofes und eines glänzenden Gefolges. Wahrlich, man\nhat dort den Spruch: Honos al sehr wohl begriffen.\nEs liegt überhaupt in den Belgiern, sich das Gute, das\nsie anderswo finden, mit Verstand und praktischem Sinne\nschnell anzueignen und es zu vervollkommnen, und so wie\nihre geographische Lage sie gleichsam zu Vermittlern der\nCivilisation dreier Länder macht, Englands, Frankreichs\nund Deutschlands, so verdankt auch namentlich ihre Indu-\nstrie jenem regen Triebe, das bei den Nachbarn Erfundene\nzu Hause einzuführen, zu concentriren, zu vervollständigen\nund zu verbessern, einen grossen Theil ihres Aufschwungs.\nGanz in demselben Geiste hat Merklin bei der Grün-\ndung und allmählichen Ausdehnung seiner Werkstatt ge-\nhandelt. In Deutschland geboren, auferzogen in der Ver-\nehrung gediegener Musik, genährt mit der Tradition der\nälteren Meister, wie Silbermann, durchdrungen von den\nLehren Töpfer's, bekannt mit den Leistungen Schulze's,\ndurch persönliche Anleitung Walker's eingeweiht in die"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "334", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4973, "texte": "Theorie dieses berühmten Orgelbauers, kam er im Jahre\n1842, nachdem er zuletzt in der Werkstatt des ebenfalls\nsehr tüchtigen Orgelbauers Korfmaker zu Linnich bei Aachen\ngearbeitet hatte, nach Brüssel. Hier führte er mehrere Be-\nstellungen erst allein, dann mit zwei und im nächsten Jahre\nmit vier Arbeitern aus.\nSeine Leistungen fanden Beifall; Männer wie Felis,\nDirector des Conservatoriums, und späterhin F. Kufferath,\nverstanden nicht nur seine Verdienste zu würdigen, son-\ndern unterstützten ihn auch als gediegene Musiker mit\nihrem Rathe.\nMerklin sah aber, umgeben von der regsten Thätigkeit\nin anderen Gattungen der Industrie, sehr bald ein, dass er\ndie grossen Verbesserungen, welche die tüchtigsten Meister\nin England und in Frankreich bei dem Baue der Orgel er-\nfunden und in Anwendung gebracht halten, mit der Theorie\nder Deutschen, die er bereits gründlich kannte und prak-\ntisch zu üben verstand, vereinigen müsse, um in seiner\nKunst auf die Höhe der Zeit zu gelangen, und so entstand\nin ihm das unablässige Streben, durch Nachdenken und fort-\nwährende Versuche es dahin zu bringen, das Gute und\nVorzügliche einer jeden Schule sich anzueignen und ihre\nbesonderen Mängel zu vermeiden. Allerdings gehörte zur\nErreichung dieses hohen Zieles nicht bloss eine unermüd-\nliche Ausdauer, sondern auch eine künstlerische Begeiste-\nrung für sein Fach und eine geniale Nalur-Anlage.\nDie Vervollkommnung des Orgelbaues in England be-\ntrifft vorzüglich die Mechanik. Die Verbesserung des Ge-\nbläses, das Pumpen-System, die horizontalen Faltenbälge,\nder gleiche und kräftige Wind, die Erzeugung desselben\nnach verschiedenen Graden durch verschiedenen Druck,\nendlich die Erfindung des Lufthebels\ndurch Barker, welche die Spielart ganz ausserordentlich\nerleichtert, so dass sich die grössten Orgelwerke selbst bei\ngekoppelten Manualen nicht schwerer als ein Erard'scher\nFlügel spielen—wovon wir uns auf den Claviaturen zweier\n32füssigen Werke, in der Kirche St. Eustache in Paris\nund auf der Orgel für die Kathedrale zu Murcia in Brüs-\nsel, überzeugt haben\nserungen, die wir den Engländern verdanken.\nWenn die Deutschen in Herstellung der Tonfülle und\nKraft der Labialstimmen ihres Gleichen noch nicht gefun-\nden haben, so lässt sich dagegen nicht läugnen, dass die\nFranzosen in Vervollkommnung der Zungenstimmen na-\nmentlich in neuester Zeit ganz ausserordentlich vorange-\nschritten sind. Eben so haben sie die mechanischen Ver-\nbesserungen, die Combinations-Pedale, die Anwendung der\nWindtheilung mit verschiedenem Druck, den pneumatischen\nHebel (der zuerst von Herrn Barker selbst in der Werk-\nstatt von Ducroquet, aus welcher die Orgel in St. Eustache\nhervorgegangen, angewandt worden), die Vorrichtungen\nzum Crescendo u. s. w. benutzt und vervollkommnet, und\nder Name Cavaille-Coll hat unter den Männern vom Fach\nmit Recht eine Berühmtheit erlangt.\nD\nMerklin halte demnach die Aufgabe, die kunstvolle\nMechanik der Engländer, den Wohllaut, die Stärke und\nmannigfache Klangfarbe der französischen Zungenstimmen\nund die Kraft und reiche Tonlülle der Labialstimmen der\nDeutschen in Ein System zu bringen. Abgesehen von sei-\nnem ausgezeichneten persönlichen Talente, konnte er in\nBezug auf die äusseren Bedingungen zur Lösung dieser\nAufgabe keine günstigeren Verhältnisse finden, als in Bel-\ngien. Hier war kein hergebrachter Zwang einer nationalen\nSchule abzuschütteln, keine Tradition, keine Vorurtheile,\nkeine Vorliebe für dieses oder jenes System zu beseitigen\nund zu überwinden; denn der Orgelbau lag noch in seiner\nWiege, es gab keine Autorität, die in diesem Fache zu be-\nkämpfen gewesen, keine Muster, deren Nichtbeachtung dem\nNeuerer als ein Verbrechen angerechnet worden wäre. Im\nGegentheil, die grösste musicalische Autorität Belgiens,\nHerr Felis, hatte seit Jahren die Unfruchtbarkeit des bel-\ngischen Bodens für diesen Zweig der Kunst-Industrie dar-\ngelegt und zur Urbarmachung desselben aufgefordert; aber\nauch seine obwohl mächtige und einflussreiche Stimme ver-\nhallte, bis sie in Merklin's Ideen und Bestrebungen ein\nEcho fand.\nDazu kam die Nähe von Paris und London, welche\ndie eigene Anschauung und die persönliche Kenntnissnahme\nerleichterte, und endlich vollends die Bereitwilligkeit kunst-\nsinniger und patriotisch gesinnter Männer, welche einsahen,\ndass nur durch Association die Mittel zu gewinnen seien,\nin ihr Vaterland einen neuen Zweig einer grossartigen In-\ndustrie zu pflanzen, der Vortheil und Ehre bringe. Dieser\nZweig ist nun durch Merklin's Pflege zum kräftigen Stamme\ngeworden, und welche Früchte er getragen, zeigt vor al-\nlen übrigen die kolossale Orgel für den Dom zu Murcia,\ndie wir unbedingt für ein Meisterstück und für das ausge-\nzeichnetste Werk, das unsere Zeit im Orgelbau geliefert\nhat, erklären müssen.\nZunächst wollen wir jedoch noch eine Skizze von der\nAusdehnung geben, welche die Merklin'sche Unternehmung\ngewonnen hat.\nDie Grundlage des Rufes derselben und des Vertrau-\nens zu ihr bildete die Orgel von 42 Stimmen in der St.-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "335", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4973, "texte": "Bartho'omäus-Kirche zu Lüttich. Um den vielen Bestellun-\ngen, die besonders seit 1847 eingingen, zu genügen,\nmusste Merklin, der sich mit seinem Schwager Schütze\nassociirt hatte, auf Mittel zur Vergrösserung seiner Anstalt\ndenken. Im Jahre 1853 gründete er den Gesellschafts-\nVerein, und das Haus führt von der Zeit an die Firma\nMerklin-Schütze & Comp.\nIn der Vorstadt von Namur in Brüssel, in der Strasse\nder Chaussee de Wavre, steht jetzt ein palastähnliches Ge-\nbäude, welches in den verschiedenen Stockwerken neun-\nzehn Werkstätten für den Bau von Orgeln und Harmo-\nniums umfasst. Die Anfertigung der Harmoniums hat Merk-\nlin seit etwa lünf Jahren mit dem Orgelbau verbunden.\nAusser jenen Werkstätten, in denen alles ohne Ausnahme\ngemacht wird, was zum Orgelbau gehört, enthält das Ge-\nbäude in dem ersten Stocke mehrere grosse Säle als Ma-\ngazine für die fertigen Harmoniums und einen durch alle\nStockwerke gehenden, über sechszig Fuss hohen Saal zur\nAufstellung der Orgeln. Dieser steht vermöge einer Tri-\nbüne, von welcher aus man in das Innere der aufgestellten\nOrgel gelangen kann, mit den Magazin-Sälen in Verbin-\ndung; in beiden Räumen nehmen bei vorkommenden Fällen\ndie Zuhörer Platz. Hier war jetzt denn auch die grosse\nOrgel für Murcia mit ihren 4700 Pfeifen aufgestellt.\nDie Anstalt beschäftigt mehr als 150 Arbeiter; aus-\nserdem sind drei Zeichner, sechs Bildhauer und Bildschnitzer,\ndrei Stimmer für die Labialstimmen, ein Hauptstimmer und\nzwei Gehülfen für die Zungenstimmen, zehn Mechaniker\nund ein Organist, Herr Dubois, ein ganz geschickter Mann,\ndabei angestellt.\nDas System der Theilung der Arbeit ist natürlich voll-\nständig in Anwendung gebracht, da ohne dasselbe an keine\nVollkommenheit zu denken ist. Die letztere wird aber aus-\nserdem, namentlich in Rücksicht auf Gleichheit und Ge-\nnauigkeit, bei vielen Bestandteilen durch Maschinen erzielt,\nderen vortreffliche Resultate durch geringe Kraft-An Wen-\ndung erreicht werden. Nichts als die rohen Stoffe, Holz\nund Metall, wird von aussen in die Fabrik eingeführt; die\nBearbeitung dieses Materials aus dem Rohen bis zur voll-\nendeten Feinheit und Einfügung in das Ganze wird inner-\nhalb derselben vollbracht, wovon selbst die kunstvollsten\nSculpturen, Ornamente, Vergoldungen u. s. w. nicht aus-\ngenommen sind.\nAns diesen Werkstätten sind bereits über 70 Orgeln,\nan 400 Harmoniums und eine Anzahl von Orchestriums\n(vergl. Jahrgang 1854, Nr. 38 vom 23. Sept.) hervorge-\ngangen. Von den Harmoniums ist stets eine grosse Aus-\nwähl in allen Formalen in den Magazinen vorbanden, und\nweit über hundert sind immer in Arbeit. Dass die verfüg-\nbaren Mittel, das beste Material in Metall, namentlich\nin Zinn, und in Holz anzuwenden gestatten, ist einer der\nwichtigsten Vortheile eines so ausgedehnten Betriebes;\neine wesentliche Bedingung des schönen To-\nnes der Orgelstimmen ist schon dadurch allein erfüllt.\nFreilich werden auch ganz andere Preise für die Instru-\nmente gezahlt, als unsere deutschen Orgelbauer bekom-\nmen, denen noch manchmal durch Revision und Super-Re-\nvision oder gar durch Verding an den Wenigstfordernden\nder sauer verdiente Lohn verkürzt wird.\nIn dem vorigen Jahre haben nun Merklin-Schütze &\nComp, auch noch die rühmlichst bekannte Werkstätte von\nDucroquet in Paris an sich gebracht und dieselbe nach\ndem Muster der Anstalt in Brüssel durch Neubauten und\ngleiche Einrichtungen vergrössert und vervollständigt. Sie\nbeschäftigen darin ebenfalls über 100 Arbeiter mit dem\nBau von Orgeln und Harmoniums. Am wichtigsten bei die-\nsem Erwerb ist der Gewinn des Herrn Barker für das\ngemeinsame Geschäft. Es ist dies der bereits erwähnte Er-\nfinder des pneumatischen Hebels, und unter seiner Führung\nist ausser mehreren früheren Werken zuletzt auch die\ngrosse 32füssige Orgel von 68 Stimmen in der Kirche\nSt. Eustache in Paris gebaut worden.\nSo dürfte denn wohl durch diese kurze Darstellung\nder Ausspruch, dass auf dem Continente, ja, man kann wohl\nselbst England mit einschliessen, kein grösseres Etablisse-\nment für Orgelbau vorhanden ist, als das Merklin-Schütze'-\nsche in Brüssel und Paris.\nBetrachten wir nun das letzte und grösste Werk, das\ndaraus hervorgegangen, die Orgel für die Kathedrale in\nMurcia.\nDie Kathedrale in Murcia besteht aus zwei Theilen,\neinem Rechteck mit Haupt- und Nebenschiffen und einem\ndaran stossenden Rundbau. Auf das Verbindungs-Chor zwi-\nschen beiden wird die Orgel zu stehen kommen. Sie hat\ndesshalb zwei Prospecte, den einen nach dem rechtwinkeli-\ngen Dome, den anderen nach dem Rundbau hin. Der er-\nstere bildet die Vorderseite und die Haupt-Ansicht. Er ist\nin rein gothischem Styl gearbeitet und gewährt mit seinen\nfünf emporragenden Thurmspitzen und den reichen Verzie-\nrungen einen herrlichen Anblick. Die Höhe von der Sohle\nbis zur mittleren Spitze beträgt ohne das Kreuz, welches\ndie Spitze krönt, 56 Fuss rheinl., die Breite des ganzen\nGehäuses 40 Fuss. Im Prospect stehen 147 Pfeifen senk-\nrecht und 84 ragen wagerecht unter jenen, mit ihrem offe-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "336", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4928, "texte": "neu Trichter nach dem Altäre gerichtet, hervor. Die letz-\nteren enthalten unter Anderem sechs Trompeten-Register.\nEs ist dies eine Eigenthümiichkeit der Orgeln in Spanien,\nund man ist dort so sehr an diese Lage eines Theiles der\nProspect-Pfeifen gewohnt, dass sie bei keiner Orgel feh-\nlen darf.\nDas Instrument hat 64 klingende Stimmen, vier Ma-\nnuale, ein freies Pedal und über demselben 1 5 Pedaltritte,\ndurch welche die verschiedenen Koppelungen, Combina-\ntionen, Absperrungen, Anschwellungen vermittels durch\nleichten Druck zu bewegender Mechanismen bewerkstelligt\nwerden. Der ganze Apparat der fünf Claviere und der Re-\ngisterzüge ist vor dem Prospecte in einem verhältnissmässig\nkleinen Vorbau in Form eines Pultes oder Schreins so an-\ngebracht, dass der Organist mit dem Gesichte nach der\nKirche und dem Altare zu sitzt und dem Prospect den\nRücken 'zukehrt. Die ganze Mechanik geht unter seinen\nFüssen weg in das Innere der Orgel. Sämmtliche Claviere\nspielen sich, selbst bei Koppelungen, durch die Anwendung\ndes pneumatischen Hebels bei jeder Taste auffallend leicht\nund sprechen so leicht und schnell an, wie wir es bis jetzt\nnoch auf keiner Orgel gefunden haben. Von irgend einem\nstörenden Geräusch der Mechanik ist keine Spur da.\nAuf dem ersten Manual stehen zwölf Register: Prin-\ncipal 8 Fuss, Viola di Gamba 8 F., Querflöte 8 F., Bour-\ndon 8 F., Flüte douce4 F., Prestant 4 F., Cornet 4 F.,\nFlageolet 2 F., Euphon 16 F., scharfe Trompete 8 F.,\nsanfte Trompete 8 F., Clairon 4 F.\nAuf dem zweiten Manual sechszehn Register: Princi-\npal 16 F., Bourdon 16 F., Principal 8 F., Salicional 8\nF., Viola 8 F., Bourdon 8 F., grosse Flöte 8 F., Flöte 4\nF. Ferner die Combinations-Register\nnaison): Prestant 4 F., Doublette 2 F., Mixtur vierfach,\nCornet fünffach, Trompette Celesteß F., Euphon (Clarinette)\n8 F., Clairon 4 F., Ophikleide 16 F.\nAuf dem dritten Ciavier dreizehn Register: Bourdon\n16 F., Principal 8 F., Flüte h F., Bourdon 8\nF., Fugara 8 F., Flüte octaviante 4 F., Prestant 4 F., Na-\nsard 3 F., progressive Mixtur, Bombarde (Posaune) 16 F.,\nTrompette bombarde 8 F., Trompette harmonique 8 F.,\nClairon harmonique4 F.\nAuf dem vierten Ciavier eilf Register:\nnique 8 F., Dolciana 8 F., Bourdon 8 F., Voix Celeste 8\nF., Echoflöte 4 F., Vox humanaß F. und die Combi-\nnations-Register: Schalmei 8 F., Cornet vierfach, sanfte\nTrompete 8 F., englisch Horn und Hautbois 8 F., Clai-\nron 4 F.\nAuf dem Pedal-Uävier zwölf Register: Contrabass 32\nF., Subbass 16 F., Conlrabass 16 F., Bourdon 16 F.,\nFlöte 8 F., Violoncell 8 F., Fagott 16 F., Flöte 4 F.\nDazu die Combinations-Register: Posaune 16 F., Trom-\npete 8 F., Clairon 4 F., Posaune 32 Fuss.\nüie Combinations-Register begreifen diejenigen Stim-\nmen, welche man durch den betreffenden Pedaltritt zusam-\nmen mitwirken lassen oder absperren kann. So vereinigt\nz. B. ein Tritt die acht Gombinotions-Stimmen des zweiten\nClaviers, ein anderer die Posaunen und Trompeten des drit-\nten, ein dritter die fünf letzten Register des vierten Cla-\nviers, ein vierter die gewaltigen vier Posaunen- und Trom-\npeten-Register des freien Pedals. Vermöge dieser Mecha-\nnismen ist der Spieler im Stande, augenblicklich die man-\nnigfachsten Abwechslungen in den Klangfarben hervorzu-\nrufen, die mächtigsten Contraste zwischen sanften Harmo-\nnieen oder Solostimmen und dem vollen Orchester zu er-\nzeugen, und z.B. durch das Einschlagen der gewaltigen\nZungenstimmen, jener Sechszehn- und Zweiunddreissig-\nFüssler, deren Riesentritt Alles erbeben macht, in einzelnen\nvollen Accorden, die urplötzlich zwischen den übrigen Ge-\nsang einfallen, oder in ganzen Tutti's Effecte zu erzielen,\ndie früher unerreichbar waren. Eine wahrhaft erschütternde\nWirkung macht es vollends, wenn durch den Tritt Nr. 15\nausserdem noch vierzehn Stimmen der drei ersten Claviere\nmit den Combinations-Registern des Pedals verbunden\nwerden.\nEinen Effect anderer Art erreicht man durch den Pe-\ndaltritt Nr. 12 [Pedale d 'expresston), welcher einen sehr\nvervollkommneten Mechanismus in Bewegung setzt, durch\nwelchen der Ausdruck des An- und Abschwellens des To-\nnes in den Stimmen des vierten Claviers nach Willkür des\nSpielenden bewirkt werden kann. Dass für das erste und\nvierte Ciavier Tritte vorhanden sind, welche den so genann-\nten Tremulant hervorbringen, ist eine Zugabe, deren An-\nwendung im Belieben des Organisten steht; doch müssen\nwir bemerken, dass dieser Tremulant sich vortheilhaft vor\nseinen älteren Collegen auszeichnet. Etwas Aehnliches und\nganz Eigentümliches finden wir in der Voix Celeste (8 F.)\nauf dem vierten Manual; dieses Register hat nämlich auf\njeden Ton zwei Pfeifen, deren eine um ein fast unmerk-\nliches Komma tiefer intonirt ist, als die anderen, wodurch\ndenn ein natürliches Beben des Tones erzeugt wird, wel-\nches, sparsam angewandt, wie beim Gesänge eine schöne\nWirkung macht.\nDer Pedaltritte für Koppelung sind sieben: Nr. 1 kop-\npelt das erste Ciavier mit dem zweiten; Nr. 2 das zweite"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "337", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5206, "texte": "mit dem dritten; Nr. 3 das dritte mit dem vierten; Nr. 4\ndas zweite mit dem vierten. Nr. 5 verbindet die Octaven\nder linken Hand des ersten Manuals mit dem Pedal, Nr. 6\nund 7 eben so für das zweite und dritte Manual.\nDass ein besonderes Studium und eine angestrengte\nUebung dazu gehört, als Spieler ein solches Instrument in\nallen seinen Tbeilen gründlich kennen und handhaben zu\nlernen, es mit Händen und Füssen zu bewältigen und aller\nMittel, die es darbietet, Herr und Meister zu werden, leuch-\ntet ein. Hat man es darauf aber so weit gebracht, dass\nman es beherrscht, so kann es wahrlich kein dankbareres\nfür den Tonkünstler geben. Davon haben wir uns durch\ndie herrlichen Leistungen des Herrn F. Kufferath in\nBrüssel überzeugt, der uns stundenlang bei Vorführung des\ngigantischen Werkes in allen seinen Eigenthümlichkeiten\nund glänzenden Vorzügen (während nur der ehrenwerthe\nSenior der belgischen Musiker, Herr Felis, Herr Mailly,\nein tüchtiger Organist aus der Schule des Conservatoires,\nund Herr Merklin mit uns gegenwärtig waren) durch den\necht künstlerischen Vortrag von Werken alter und neuer\nMeister und eigener Compositionen und freier Phantasie\nzur Bewunderung hinriss, indem er bald durch die unge-\nheure Macht des vollen Werkes einen erschütternden Ein-\ndruck hervorrief, bald durch die zauberischen Klänge der\nsanfteren Register in Verbindung mit allen Combinationen\nder feineren Nuancen im Contrast zu der überwältigenden\nTonfülle der Massen die Zuhörer entzückte.\nWas nun den Ton an und für sich betrifft, so sind\nnicht nur die verschiedenen Gruppen der verwandten Re-\ngister trefflich charakterisirt, sondern auch die einzelnen\nStimmen derselben haben nicht bloss verschiedene Namen\nund Einen und denselben Klang, wie man das wohl bei Or-\ngeln von grosser Registerzahl antrifft, sondern auch in der\nThat verschiedenen Klang und Ton; es sind wirkliche Stimmen.\nDie Zungen-Register sind, ohne kreischend zu werden,\nvon einer so merkwürdigen Kraft und Fülle, dass sie al-\nlein, ohne Hinzufügung irgend einer Labialstimme, eine\nTonmacht entfalten, wie wir sie noch bei keiner Orgel ge-\nhört haben. Die tieferen Octaven derselben kommen in den\nPosaunen, dem Ophikleide, den Fagotten, dem englischen\nHorn u. s. w. dem Klange der Labialstimmen trotz ihrer\nmächtigen Stärke an Rundung und Weichheit so nahe,\ndass es zum Erstaunen ist, während die höheren Octaven\nin den Oboen und Trompeten an Glanz den besten Blech-\nmusik-Chören nichts nachgeben.\nDa in Spanien wie in Frankreich vorzugsweise viel auf\ndie Zungenstimmen gegeben wird, so hat Merklin diesen\nallerdings eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Allein\nwas seinem Werke einen grossen Vorzug vor den franzö-\nsischen, auch den besten, gibt, das ist das deutsche Ele-\nment, welches in dem Bau der Labial-Register vorwaltet.\nDurch die Sorgfalt, welche darauf verwandt worden, ist ein\nEnsemble entstanden, das einen ausgezeichneten Fort-\nschritt bekundet und die Orgel auf einen Höhepunkt ge-\nbracht hat, auf welchem sie dem vollständigen Orchester\nnicht nur ebenbürtig und als die würdigste Stellvertreterin\ndesselben erscheint, sondern an Kraftentwicklung und mas-\nsenhafter Tonfülle dasselbe noch bedeutend übertrifft.\nWas dann ferner dieser Orgel einen hohen Vorzug\ngibt, ist die vollendete Gleichheit der Ansprache und\nKlangfarbe aller Töne in Einem und demselben Re-\ngister. Es lässt sich nicht läugnen, dass die deutschen\nOrgeln (geschweige denn die früheren französischen und\nbelgischen) meistens kein richtiges Verhältniss der Klang-\nfarbe und Toristärke zwischen den Tönen der unteren und\noberen Octaven Eines und desselben Registers zu Stande\nbrachten. Bei den Labial-Stimmen sind die tieferen Octaven\nim Verhältniss zu den höheren gewöhnlich zu dumpf und\nzu schwach; ja, je höher der Ton, desto auffallender das\nMissverhältniss seiner wachsenden Intensität zu der man-\ngelnden in der Tiefe. Bei den Zungen-Registern findet man\ndie umgekehrte Erscheinung. Diesen Unvollkommenheiten\nist durch die Wirkung des verschiedenen Luftdruckes,\ndurch die neue Construction der Windladen, durch die\noctavirenden und harmonischen Stimmen (Flöten, Trompe-\nten) vollständig abgeholfen. Vergessen wir aber dabei nicht,\ndass dies nur durch die Erfindung des Herrn Barker mög-\nlich geworden ist. Denn da bei dem für Labial- und Zun-\ngenstimmen, für verschiedene Octaven und für octavirende\n(überblasende) Stimmen gesonderten Winddruck Ein\nTon die Oeffnung nicht Eines, sondern mehrerer Ventile\nfordert, so wäre es ohne den pneumatischen Hebel der Fin-\ngerkraft des Spielers nur sehr schwer, ja, für längere\nStücke unmöglich gewesen, den Widerstand von drei bis\nvier Ventilen zu bewältigen, während jetzt der anschlagende\nFinger vermöge jener sinnreichen Vorrichtung überall nur\ndie Kraft braucht, welche nöthig ist, das eine, unmittelbar\nmit der Taste in Verbindung stehende Ventil zu öffnen,\ndie mechanische Vorrichtung aber (der kleine, mit cornpri-\nmirter Luft gefüllte Tastenbalg) die Ventile der Windladen\nvon selbst öffnet. Was der talentvolle pariser Orgelbauer\nCavaille-Coll in Beziehung auf die erwähnte Gleichheit der\nTonreihen, ermöglicht durch die Barker'sche Erfindung,\ngeleistet hat, verdient die vollste Anerkennung; Merklin aber"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "338", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2020, "texte": "hat einen neuen Beweis seines Scharfblickes in richtiger\nWürdigung der wesentlichen Verbesserungen seiner Kunst\ndadurch geliefert, dass er dasselbe System adoptirte, dessen\nAnwendung vervollkommnete und die Interessen und die\nThätigkeit des ersten Erfinders an seine Anstalt knüpfte.\nEs ist unmöglich, über die Gruppen der Principal-Stim-\nmen, der offenen, meist octavirenden Flöten-Register, der\nBourdons, über die Mixturen, die kräftigen Familien der\nPosaunen und Trompeten und die sanfter gestimmten der\nGamba-, Fugara-, Salicional- und Dolciana-Register, ferner\nüber die Harmonieen der Oboe, Clarinette (Euphon), Fa-\ngott und Horn (in dem Register der Ophikleide), so wie\nüber die Stammhalter und Grundstimmen der tiefen Bässe\nhier ins Einzelne zu gehen. Eben so wenig können wir die\nmannigfachen Combinationen der einzelnen Register auf\nEinem und auf verschiedenen Manualen anführen und be-\nschreiben, welche der gründlich gebildete und geschmack-\nvolle Spieler auf diesem herrlichen Instrumente anwenden\nund durch Versuche in allerlei Zusammenstellungen neu\nauffinden und vermehren kann.\nWir fassen unser Urlheil nur noch einmal darin zu-\nsammen, dass dieses neueste Werk von Merklin-Schütze\nan Genauigkeit, Egalität, Feinheit und Schönheit der Ar-\nbeit in sämmtlichen Stücken und Theilen alles übertrifft,\nwas wir bisher an grossen und mit Recht berühmten Or-\ngeln gesehen haben; dass das Gebläse vier grosse Re-\nservoires zu je zwei Pumpen Sir vier Balgzieher höchst\nzweckmässig construirt, die Spielart wunderbar leicht und\ndie Mechanik völlig geräuschlos und leicht beweglich ist.\nDie Aehnlichkeit der Solostimmen mit den entsprechenden\nOrchester-Instrumenten dürfte vollendeter herzustellen kaum\nmöglich sein, und der Eindruck des vollen Werkes ist, zu-\nmal in den ersten Augenblicken, wo der ganze Reichthum\neiner kaum geahnten Tonfülle auf uns ausströmt, ein wahr-\nhaft überwältigender.\nAuf die Orgeln in den Kirchen St. Eustache und St.\nEugenius in Paris werden wir gelegentlich zurückkommen.\n\nL. Bischoff."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-10-18-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-10-18_01#c003", "volume": "bmtnabi_1856-10-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "338", "page_fin": "340", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01.2.3", "titre_corps": "Aus Frankfurt am Main.", "titre_sommaire": "Aus Frankfurt am Main.", "signature_source": "A. Schindler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "338", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01.1.6", "debut_caractere": 2022, "fin_caractere_exclue": 4999, "texte": "Aus Frankfurt am Main.\n\n[II. Vieuxtemps und Theodor Ritter.]\nDen Reigen unserer Winter-Concerte führte diesmal\nHerr Vieuxtemps im grossen Saale des Weidenbusches,\nnicht, wie man erwartete, mit Begleitung eines Orchesters,\nsondern bloss des Pianoforte. Es kamen demnach nur Sa-\nlonstücke zur Ausführung, und zwar, wie sich das bei Vir-\ntuosen ersten Ranges von selbst versteht, aus eigener Fe-\nder. In allen bekundete Herr Vieuxtemps die bei ihm im-\nmer mit Recht gerühmte Schönheit und Fülle des Tones\nnebst denkbarster Vollendung im Ueberwinden der capri-\nciösesten Schwierigkeiten, denen jedoch wie in der Re-\ngel bei den modernen Violinspielern das Prädicat schön\nnur in geringem Grade oder gar nicht zuerkannt werden\ndarf, weil ihr Wesen lediglich auf Künstelei beruht.\nBestände die Grösse eines Violinspielers bloss in aus-\nsergewöhnlicher Schönheit des Tones und vollendeter Tech-\nnik, so möchte man Herrn Vieuxtemps immerhin den Kö-\nnig der Geiger nennen: es würde kein Widerspruch laut\nwerden. Da sich jedoch die obersten Vorzüge des executi-\nrenden Künstlers in der Reinheit des Stils, in richtiger\nAuffassung und Darstellung aller Charaktere eigener wie\nfremder Composilionen bekunden sollen, die Technik aber\nerst in zweiter Linie steht, so tritt wegen dieses Incidenz-\nPunktes dem Beurtheiler Vieuxtemps' eine so grosse Klippe\nentgegen, welche die oben genannten Eigenschaften seines\nSpiels fast übersehen macht. Schon die der Theresa Mila-\nnoilo von Vieuxtemps eingelernten Stücke seiner Compo-\nsition zeugten von einer Manierirtheit und Stillosigkeit im\nVortrage, die in der charakterarmen belgischen Violinschule\nkaum ihres Gleichen gefunden. Man durfte indess zweifeln,\nob der vorherrschende Ausdruck des Hyper-Sentimentalen,\nder sich fast über alle diese Tonslücke ausgebreitet ob\nüberhaupt das unaufhörliche Zerreissen des Rhythmus in\nbekannten Cantilenen bei der Milanollo wirklich nach Vor-\nschrift des Componisten geschehe oder das Resultat ihrer\nSubjectivität sei. Da kommt nun Herr Vieuxtemps und be-\nseitigt alle Zweifel. Er selber spielt diese ohnehin ganz ge-\nhaltlosen Stücke (Fanlaisie-Caprice, nebst einem\nneueren: Les Arpeges) und steigert in den beiden ersteren\ndie Manierirtheit bis zur Caricatur. Das thut ein Künstler,\nden die lärmenden Majoritäten von der Seine bis zur Newa\nden König der Geiger tituliren und damit das erhaben-\nste Muster bezeichnen! Mag die Muse der Tonkunst es\nihm verzeihen, wir unsererseits können es nicht und erhe-\nben laut die Stimme dagegen mit der Versicherung, dass\nunter Frankfurts gebildeten Musikern und Musikfreunden,\nwelche Zeugen dieser Vorträge waren, keiner zu finden,\nder ein Wort zur Verteidigung solch beklagenswerther\nVerirrung auszusprechen wagte; wohl aber ist die Anklage\neine allgemeine. Es wurde in diesem Kreise gefragt, ob so\neclatante Beweise von Mangel an Schönheitsgefühl in der\nDarstellung, wie der Virtuose am 4. October hier zu hö-\nren gab, in anderen, höheren Compositions-Gattungen nicht"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "339", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5030, "texte": "auch, wenngleich in minderem Grade, bei ihm zum Vor-\nschein kommen. Anwesende beim darmstädter Musikfeste\nwussten darauf zu antworten. 1842 befand sich der Re-\nferent im Saale der itaiiänisehen Oper zu Paris unter der\nZahl freudig erregter Zuhörer bei erster Pro-\nduetion seines E-dur-Concerlcs. Nicht die Meisterschaft im\nTechnischen allein hatte diese erregte Stimmung hervorge-\nrufen: der reine, mannhafte Stil im Werke wie in des-\nsen Ausführung war es zumeist, was Jedermann an dem\nnoch jugendlichen Künstler bewundert hat. Wo sind denn\ndie Gründe au seiner Metamorphose aufzusuchen?\nDie tägliche Erfahrung zeigt, wie das in sich wahrhaft\nGrosse, das Tüchtige überhaupt, das Mindere, in der Er-\nkenntniss tiefer Stehende, stets gern zu sich emporhebt.\nDie Bestätigung dessen erhalten wir bei dem Ueberblick\ndes künstlerischen Wrandeis eines Spohr, Mayseder und\nLipinsky, um Herrn Vieuxtemps noch lebende Kunstgrös-\nsen seines Instrumentes vor Augen zu führen. Herr Vieux-\ntemps geniesst des zweifelhaften Glückes, zu den verwöhn-\nten Schoosskindern der Zeit zu zählen, die zumeist von\nder unverständigen Menge und der gesinnungslosen, oft\nauch feilen Kritik getragen werden, darum aus Dankbar-\nkeit sich fast immer tief herablassen, um ja verstanden zu\nwerden, darum aber auch die gröbsten Vergehen gegen\nden guten Geschmack sich erlauben*). Dass die Warnungs-\nstimme der pflichtgetreuen Kritik in allen diesen Fällen\nunbeachtet im Winde verhallt, zeigt die tägliche Erfahrung\ngleichfalls. Aus diesen Gründen wollen wir uns keineswegs\neinbilden, dass unsere Stimme bei Vieuxtemps Gehör fin-\nden werde; wir wünschen mit Gegenwärtigem bloss eine\nThatsache von kläglicher Art zu registriren und selbe\ngleich anderen ähnlichen dem Schicksale Preis zu geben.\nEine Frage wollen wir uns aber erlauben: Wie kommt es,\ndass Herr Vieuxtemps ausschliesslich seine Compositionen\nvon meist sehr untergeordnetem Werthe zum Solo-Vor-\ntrage wählt und die tausendmal besseren von Componisten\naus der—auch im Violinspiel—classischen Epoche gänz-\nlich ignorirt?\nDie Ausführung der Beethoven'schen Sonate mit Vio-\nline, Op. 12, in Es-dur, vom Concertgeber und dem Pia-\nnisten Herrn Theodor Ritter aus Paris, verdient we-\ngen des Abjagens des ersten und dritten Satzes eine Rüge.\nKonnte Herr Vieuxtemps die Verletzung des Charakteristi-\nschen in diesen Sätzen nicht bloss zulassen, sogar das Seine\nnoch bestens beitragen, so will Referent fernerhin nicht\nmehr lüstern sein, den berühmten Geiger in Beethoven's\nQuartett-Musik zu hören. Herr Ritter hat mir bereits frü-\nher mit dein Beethoven'schen Beweise von ar-\ngem Missverständniss des Charakteristischen gegeben, so\nwiederum in dieser Sonate. Indess sind dies doch nur Klei-\nnigkeiten gegen den Vortrag eines Präludiums und Fuge\nin B-durvon Bach im obigen Concerte. Beide Sätze wur-\nden in einem Allegro con brio—heruntergefegt. Ein derlei\nVerfahren mit Bach'scher Musik muss mit Fug und Recht\nals ein Scandal bezeichnet werden, dessen sich nur franzö-\nsische und belgische Musiker schuldig machen können;\ndenn diesen Herren ist der Geist des erhabenen Altmei-\nsters deutscher Tonkunst immer noch nicht erschienen;\nauch scheint ihnen der richtige Begriff vom Ernsten und\nWürdevollen immer noch fern zu liegen.\nIm Jahre 1823 übersandte Ferd. Ries unserem Beet-\nhoven sein neuestes Werk, „A benannt.\nIn seinem Antwortschreiben vom 16. Juli desselben Jahres\nerklärte Beethoven offen, dass er ihr Freund nicht\nsei, weil sie den Mechanismus gar zu sehr be-\nfördern; überhaupt sprach Beethoven oft die Befürchtung\naus, dass der stets zunehmende Mechanismus im Clavier-\nspiel alle Wahrheit der Empfindung aus der M-\nusik verbannen werde*). Sind wir nicht in unseren Ta-\ngen schon weit über die Gränzlinie zwischen Wahrheit und\nLüge im Ausdruck der Empfindung hinaus? Nicht bloss\nbeweisen das die meisten Clavierspieler und ein namhafter\nTheil der Violinspieler, auch die meisten Orchester-Directo-\nren beweisen, dass die Belürchtung des grossen Meisters\nund Propheten sich bereits über sämmtliche Zweige der\nTonkunst erstreckt. Der entbrannte Kampf um die Tempi\nin allen classischen Werken entfaltet dieses jammervolle\nZeitbild vollends.\nSchliesslich wird es am rechten Orte sein, einen viel-\nerfahrenen Kunstrichter über den gegenwärtigen Zustand\ndes Ciavierspiels in Bezug auf das Geistige urtheilen zu hö-\nren. Bei Gelegenheit der kritischen Besprechung des Bu-\nches „Beethoven et ses trois Stiles\" von dem russischen\nStaatsrathe von Lenz (Journal des Debats, 11. Aug. 1852)\nsagt Berlioz, dass er unter den Koryphäen des Ciavier-\nspiels, die er sämmtlich genau zu kennen glaube, nicht\nsechs zu nennen wüsste, die eine Beethoven'sche Sonate\nim Geiste des Autors vorzutragen verständen, in deren\nVorträgen er überhaupt ein vorwiegend geistiges Element\nwahrgenommen. Auch dieser französische Kritiker, der alle\n\n*) Dagegen empfehlen wir, die Kritik in der Didaskalia vom 8.\nOetober nachzulesen, die dem Virtuosen einen begeisterten\nTusch ausbringt.\n*) Sieh mein Buch über Beethoven, Seile 221 und 222."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "340", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 192, "texte": "Sammelplätze musicaliseher Capacitäten unseres Welttheils\nbeobachtet hat, findet den Hauptgrund des berührten Zu-\nstandes in dem alles Geistige überwältigenden Mecha-\nnismus *),\n\nA. Schindler."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-10-18-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-10-18_01#c004", "volume": "bmtnabi_1856-10-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "340", "page_fin": "340", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "340", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01.1.8", "debut_caractere": 194, "fin_caractere_exclue": 5223, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMeli». Die Abonneinents-Concerte, veranstaltet von der Con-\ncert-Gesellschaft und dirigirt vom städtischen Gapellmeister\nHerrn F. Hiller, werden Dinstag den 21. Octob er beginnen-\nDie drei nächstfolgenden finden am 11. November, am 2. nnd am\n23. December Statt.\nj Crefeld. Sonntag den 5. d. Mts. fand hier in der Tonhalle\nauf dem Driessenhof ein Concert der Gesang-Vereine Lieder-\ntafel, Kirchlicher Männergesang-Verein, Männergesang-Verein, Lie-\nderhalle, Sängerbund, Cäcilia und Goncordia Statt; die Orchester-\nmusik und die Gesammt-Vorträge dirigirte Musik-Director Wil-\nhelm. Aufgeführt wurden die Ouvertüren zu Titus und zum Was-\nserträger, ein Choral „Nun danket Alle Gott\" von Joh. Krüger mit\nOrchester, der Psalm „Herr, unser Gott\" von Schnabel, „An das\nVaterland\" von C. Kreutzer, Jägers Abschied von Mendelssohn mit\nInstrumental-Begleitung, Die Wacht am Rhein von Wilhelm, Lie-\ndesfreiheit von Marschner, Gesang der Jünglinge von C. Kreutzer\nund zum Schluss Mendelssohn's Doppelchor aus Oedipus mit Or-\nchester. Dazwischen wurden noch zehn Stücke von fünf einzelnen\nVereinen gesungen. Die Einnahme war zum Baufonds für eine\nneue katholische Kirche bestimmt, und war der Netto-Betrag\nderselben über 700 Thaler ein sehr ehrenwerthes Resultat. Ob\nSie dasselbe von einer Kritik und Anti-Kritik in einem hiesigen\nBlatte sagen würden, weiss ich nicht.\n** Barmen, Am 9. d. Mts. hat Arthur Napoleon hier\nim grossen Saale der Concordia eine Soiree gegeben. Der kleine\nVirtuose hat natürlich Alles zu allgemeiner Bewunderung hinge-\nrissen. Er spielte Sonate pastorale von Beethoven, Notturno von\nChopin, Allegro scherzoso von A. Schmitt, Rondo capriccioso von F.\nMendelssohn und die Moses-Phantasie von Thalberg. Nach letzterer\nwurde er hervorgerufen. Als Zwischennummern sang ein Dilettant\nLieder von Mendelssohn und die Romanze „Unter blüh'nden Man-\ndelbäumen\" aus Euryanthe. Die Liedertafel trug „An den Mond\"\nund „Brod und Wein\" von F. Hiller, „Frühling ohne Ende\" von\nC. Reinecke und den „frohen Wandersmann\" von Mendelssohn mit\nBeifall vor.\n*** Arfurt, 16. Oct, Ueber die gestrige Aufführung von C.\nReinthaler's Oratorium „Jephta und seine Tochter\" kann ich Ihnen\nheute nur so viel schreiben, dass der Zudrang zur Billetnahme\nausserordentlich gross war und die Meldungen zu Eintrittskarten\ndie Zahl von 2000 weit überstieg. Da das Thealer nicht so viele\nMenschen fasst und die Composition und Aufführung enthusiastisch\naufgenommen wurde, so musste eine Wiederholung zugesagt wer-\nden, welche heute Abends Statt finden wird. Die Haupt-Soli san-\ngen Herr M. DuMont-Fier aus Köln und Fräul. Aug. Bren-\nken aus Soest. Morgen mehr.\nAnekdote/In der letzten londoner Saison erhielt ein dort le-\nbender und sehr geschätzter deutscher Clavier-Virluose den Besuch\neines englischen Geistlichen, der ungefähr in den vierziger Lebens-\njahren stehen mochte. Die Absicht des Besuchers war, sich den\nUnterricht des Künstlers zu erbitten. Nach erfolgter Erkundigung\ndes Letzteren über bereits erlangte Fähigkeiten händigte ihm der\ngeistliche Herr ein Papier ein, auf dem er zu leichterer Uebersicht\ndes Lehrers das in seinem Spiele Mangelhafte, zugleich auch An-\nfragen über dessen Abhülfe, aufgezeichnet haben wollte. Der In-\nhalt lautet getreulich :\n„1. Mangelhaft im Triller.\n2. Mangelhaft in der Execution im Allgemeinen.\n3. Sehr mangelhaft in Ausführung der Tonleitern, sowohl dia-\ntonisch als chromatisch.\n4. Mangelhaft in der Egalität des Anschlags.\n5. Vierter Finger sehr schwach.\n6. Mangel an liapidität der Finger.\n7. Ausserordentliche Befangenheit im öffentlichen Vortrage.\nAnfragen.\n1. Welche Gattung Musik soll ich üben?\n2 Wie viel Stunden Uebung (per Tag) werden nothwendig sein ?\"\nDer Unterricht wurde abgeschlagen, indem der Künstler schon\nmehrere Versuche mit derlei englischen Originalen gemacht hatte\nund demnach wusste, dass mit ihnen in keiner Weise fertig zu\nwerden ist, theils aus Mangel an Talent, theils aus Zweifelsucht\nund einem Uebermaass von Selbstkritik.\n*} Auch der „Frankfurter Anzeiger\" spricht sich in fol-\ngender Weise über dasselbe Concert aus: „Leider ging die\nHoffnung der Kunstfreunde, welche Herr Vieuxtemps beim\nMusikfeste in Darmstadt durch eines seiner neuesten Violin-\nConeerte mit Orchester-Begleitung entzückte, nicht in\nErfüllung. Damals von seinem herrlichen, grossartigen Spiel\nwahrhaft hingerissen, erwartete man, derselbe würde hier\nebenfalls eine seiner Compositionen mit Orchester-Begleitung\nexecutiren; statt dessen bot das Programm einige dem heuti-\ngen blasirten Geschmack huldigende Salonstücke ohne inne-\nren Gehalt —• namentlich was die s, g. Fantaisie oder Pot-\npourri über „Lucia\" betrifft —, eines Vieuxtemps wahrlich\nnicht würdig; ferner die Sonate in Es mit Violine von Beet-\nhoven, welche viel zu hastig und falsch accentuirt vorgetragen\nwürde; endlich etwas mitlelmässigen Gesang und einiges gu-\ntes Clavierspiel von dem jungen Ritter, dem wir indessen\ndie Fuge von Bach in einem breiteren, minder raschen Tempo\nzu spielan empfehlen möchten.\""}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "333", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie neuesten Orgelwerke von Merklin-Schütze in Brüssel und Paris. Yon L. Bisch off. Aus Frankfurt am Main (H.\nVieuxtemps und Theodor Ritter). Von A. Schindler. Tages- und Un terh a-Itungsbla'tt (Köln, Beginn der Abonnements-Con-\neerte Crefeld, Concert Barmen, Arthur Napoleon Erfurt, Aufführung des Oratoriums „Jephta und seine Tochter\").\n\nDie neuesten Orgelwerke\nvon Merklin-Schütze in Brüssel und Paris.\n\nDie Kunst-Werkstätlen von Merklin-Schütze in Brüs-\nsel, deren in früheren Jahrgängen dieser Zeitschrift be-\nreits rühmend Erwähnung geschehen, haben in den letzten\nJahren, namentlich in Bezug auf den Orgelbau, einen so\nausserordentlichen Aufschwung genommen, dass es gar\nsehr der Mühe werth ist, ihre Einrichtung und die Resul-\ntate derselben, welche aus der fortwährend vervollkomm-\nneten Vereinigung von Theorie und Praxis unter der kunst-\nverständigen Leitung ihres Directors, des Herrn Merklin,\nhervorgegangen sind, kennen zu lernen und ausführlicher\nzu besprechen. Der aufmerksame Besuch, den wir vor eini-\ngen Wochen diesen Anstalten sowohl in Paris als in Brüs-\nsel, so wie den drei Haupt-Orgelwerken, welche zuletzt\ndarin gefertigt worden sind, gewidmet haben, hat uns\nüberzeugt, dass auf dem Continente keine Fabrik musicali-\nscher Instrumente von so grossartigem Maassstabe und so\ngeregeltem Betriebe zu finden sein dürfte, wie diese.\nDamit wollen wir keineswegs weder die Verdienste\nnoch die Werkstätten unserer deutschen Orgelbauer herab-\nsetzen. Erstens sind die Herren Merklin und Schütze selbst\nDeutsche, und Merklins erster Lehrmeister, sein Vater, der\nnoch als Orgelbauer in Freiburg in Baden lebt, kann, so\nwie dessen Vaterstadt, mit Recht stolz sein auf die grossen\nErfolge und den Ruhm seines Sohnes. Zweitens aber müs-\nsen wir nicht vergessen, dass ohne bedeutende materielle\nMittel auf der einen und ehrenvolle Anerkennung und Auf-\nmunterung auf der anderen Seite dergleichen Etablissements\nnicht entstehen und zu grosser Blüthe sich entwickeln\nkönnen. Und hier müssen wir bekennen, dass uns das Aus-\nland in Gewährung beider gar weit überflügelt; und die\nFrage, ob die Herren Merklin und Schütze in ihrem Vater-\nlande die gleiche Unterstützung und die gleiche Förderung\nwie in Belgien gefunden haben würden, kann man leider\nnur aufwerfen, um sie zu verneinen. Beweise dafür sind\ndie Nationalisirung der genannten Künstler, die Gründung\neiner Vereins-Gesellschaft zum ausgedehnten Betriebe der\nFabrication, die Zuerkennung von Preis-Medaillen, die Aus-\nzeichnung des Herrn Merklin durch Verleihung des könig-\nlich belgischen Leopold-Ordens, der Besuch der Werkstät-\nten und Anhörung der neuesten daselbst aufgestellten gros-\nsen Orgel durch die vornehmsten Prälaten, z. B. den Erz-\nbischof von Mecheln mit dem ganzen Metropolitan-Capitel,\nden Cardinal Wiseman aus London, den Bischof von\nChartres, die belgischen Minister, die Generalität von Brüs-\nsel, den Gouverneur der Provinz, den Bürgermeister, end-\nlich durch den Herzog von Brabant und vor einigen Tagen\ndurch den König von Belgien selbst in Begleitung des gan-\nzen Hofes und eines glänzenden Gefolges. Wahrlich, man\nhat dort den Spruch: Honos al sehr wohl begriffen.\nEs liegt überhaupt in den Belgiern, sich das Gute, das\nsie anderswo finden, mit Verstand und praktischem Sinne\nschnell anzueignen und es zu vervollkommnen, und so wie\nihre geographische Lage sie gleichsam zu Vermittlern der\nCivilisation dreier Länder macht, Englands, Frankreichs\nund Deutschlands, so verdankt auch namentlich ihre Indu-\nstrie jenem regen Triebe, das bei den Nachbarn Erfundene\nzu Hause einzuführen, zu concentriren, zu vervollständigen\nund zu verbessern, einen grossen Theil ihres Aufschwungs.\nGanz in demselben Geiste hat Merklin bei der Grün-\ndung und allmählichen Ausdehnung seiner Werkstatt ge-\nhandelt. In Deutschland geboren, auferzogen in der Ver-\nehrung gediegener Musik, genährt mit der Tradition der\nälteren Meister, wie Silbermann, durchdrungen von den\nLehren Töpfer's, bekannt mit den Leistungen Schulze's,\ndurch persönliche Anleitung Walker's eingeweiht in die"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "334", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01.1.2", "texte": "Theorie dieses berühmten Orgelbauers, kam er im Jahre\n1842, nachdem er zuletzt in der Werkstatt des ebenfalls\nsehr tüchtigen Orgelbauers Korfmaker zu Linnich bei Aachen\ngearbeitet hatte, nach Brüssel. Hier führte er mehrere Be-\nstellungen erst allein, dann mit zwei und im nächsten Jahre\nmit vier Arbeitern aus.\nSeine Leistungen fanden Beifall; Männer wie Felis,\nDirector des Conservatoriums, und späterhin F. Kufferath,\nverstanden nicht nur seine Verdienste zu würdigen, son-\ndern unterstützten ihn auch als gediegene Musiker mit\nihrem Rathe.\nMerklin sah aber, umgeben von der regsten Thätigkeit\nin anderen Gattungen der Industrie, sehr bald ein, dass er\ndie grossen Verbesserungen, welche die tüchtigsten Meister\nin England und in Frankreich bei dem Baue der Orgel er-\nfunden und in Anwendung gebracht halten, mit der Theorie\nder Deutschen, die er bereits gründlich kannte und prak-\ntisch zu üben verstand, vereinigen müsse, um in seiner\nKunst auf die Höhe der Zeit zu gelangen, und so entstand\nin ihm das unablässige Streben, durch Nachdenken und fort-\nwährende Versuche es dahin zu bringen, das Gute und\nVorzügliche einer jeden Schule sich anzueignen und ihre\nbesonderen Mängel zu vermeiden. Allerdings gehörte zur\nErreichung dieses hohen Zieles nicht bloss eine unermüd-\nliche Ausdauer, sondern auch eine künstlerische Begeiste-\nrung für sein Fach und eine geniale Nalur-Anlage.\nDie Vervollkommnung des Orgelbaues in England be-\ntrifft vorzüglich die Mechanik. Die Verbesserung des Ge-\nbläses, das Pumpen-System, die horizontalen Faltenbälge,\nder gleiche und kräftige Wind, die Erzeugung desselben\nnach verschiedenen Graden durch verschiedenen Druck,\nendlich die Erfindung des Lufthebels\ndurch Barker, welche die Spielart ganz ausserordentlich\nerleichtert, so dass sich die grössten Orgelwerke selbst bei\ngekoppelten Manualen nicht schwerer als ein Erard'scher\nFlügel spielen—wovon wir uns auf den Claviaturen zweier\n32füssigen Werke, in der Kirche St. Eustache in Paris\nund auf der Orgel für die Kathedrale zu Murcia in Brüs-\nsel, überzeugt haben\nserungen, die wir den Engländern verdanken.\nWenn die Deutschen in Herstellung der Tonfülle und\nKraft der Labialstimmen ihres Gleichen noch nicht gefun-\nden haben, so lässt sich dagegen nicht läugnen, dass die\nFranzosen in Vervollkommnung der Zungenstimmen na-\nmentlich in neuester Zeit ganz ausserordentlich vorange-\nschritten sind. Eben so haben sie die mechanischen Ver-\nbesserungen, die Combinations-Pedale, die Anwendung der\nWindtheilung mit verschiedenem Druck, den pneumatischen\nHebel (der zuerst von Herrn Barker selbst in der Werk-\nstatt von Ducroquet, aus welcher die Orgel in St. Eustache\nhervorgegangen, angewandt worden), die Vorrichtungen\nzum Crescendo u. s. w. benutzt und vervollkommnet, und\nder Name Cavaille-Coll hat unter den Männern vom Fach\nmit Recht eine Berühmtheit erlangt.\nD\nMerklin halte demnach die Aufgabe, die kunstvolle\nMechanik der Engländer, den Wohllaut, die Stärke und\nmannigfache Klangfarbe der französischen Zungenstimmen\nund die Kraft und reiche Tonlülle der Labialstimmen der\nDeutschen in Ein System zu bringen. Abgesehen von sei-\nnem ausgezeichneten persönlichen Talente, konnte er in\nBezug auf die äusseren Bedingungen zur Lösung dieser\nAufgabe keine günstigeren Verhältnisse finden, als in Bel-\ngien. Hier war kein hergebrachter Zwang einer nationalen\nSchule abzuschütteln, keine Tradition, keine Vorurtheile,\nkeine Vorliebe für dieses oder jenes System zu beseitigen\nund zu überwinden; denn der Orgelbau lag noch in seiner\nWiege, es gab keine Autorität, die in diesem Fache zu be-\nkämpfen gewesen, keine Muster, deren Nichtbeachtung dem\nNeuerer als ein Verbrechen angerechnet worden wäre. Im\nGegentheil, die grösste musicalische Autorität Belgiens,\nHerr Felis, hatte seit Jahren die Unfruchtbarkeit des bel-\ngischen Bodens für diesen Zweig der Kunst-Industrie dar-\ngelegt und zur Urbarmachung desselben aufgefordert; aber\nauch seine obwohl mächtige und einflussreiche Stimme ver-\nhallte, bis sie in Merklin's Ideen und Bestrebungen ein\nEcho fand.\nDazu kam die Nähe von Paris und London, welche\ndie eigene Anschauung und die persönliche Kenntnissnahme\nerleichterte, und endlich vollends die Bereitwilligkeit kunst-\nsinniger und patriotisch gesinnter Männer, welche einsahen,\ndass nur durch Association die Mittel zu gewinnen seien,\nin ihr Vaterland einen neuen Zweig einer grossartigen In-\ndustrie zu pflanzen, der Vortheil und Ehre bringe. Dieser\nZweig ist nun durch Merklin's Pflege zum kräftigen Stamme\ngeworden, und welche Früchte er getragen, zeigt vor al-\nlen übrigen die kolossale Orgel für den Dom zu Murcia,\ndie wir unbedingt für ein Meisterstück und für das ausge-\nzeichnetste Werk, das unsere Zeit im Orgelbau geliefert\nhat, erklären müssen.\nZunächst wollen wir jedoch noch eine Skizze von der\nAusdehnung geben, welche die Merklin'sche Unternehmung\ngewonnen hat.\nDie Grundlage des Rufes derselben und des Vertrau-\nens zu ihr bildete die Orgel von 42 Stimmen in der St.-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "335", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01.1.3", "texte": "Bartho'omäus-Kirche zu Lüttich. Um den vielen Bestellun-\ngen, die besonders seit 1847 eingingen, zu genügen,\nmusste Merklin, der sich mit seinem Schwager Schütze\nassociirt hatte, auf Mittel zur Vergrösserung seiner Anstalt\ndenken. Im Jahre 1853 gründete er den Gesellschafts-\nVerein, und das Haus führt von der Zeit an die Firma\nMerklin-Schütze & Comp.\nIn der Vorstadt von Namur in Brüssel, in der Strasse\nder Chaussee de Wavre, steht jetzt ein palastähnliches Ge-\nbäude, welches in den verschiedenen Stockwerken neun-\nzehn Werkstätten für den Bau von Orgeln und Harmo-\nniums umfasst. Die Anfertigung der Harmoniums hat Merk-\nlin seit etwa lünf Jahren mit dem Orgelbau verbunden.\nAusser jenen Werkstätten, in denen alles ohne Ausnahme\ngemacht wird, was zum Orgelbau gehört, enthält das Ge-\nbäude in dem ersten Stocke mehrere grosse Säle als Ma-\ngazine für die fertigen Harmoniums und einen durch alle\nStockwerke gehenden, über sechszig Fuss hohen Saal zur\nAufstellung der Orgeln. Dieser steht vermöge einer Tri-\nbüne, von welcher aus man in das Innere der aufgestellten\nOrgel gelangen kann, mit den Magazin-Sälen in Verbin-\ndung; in beiden Räumen nehmen bei vorkommenden Fällen\ndie Zuhörer Platz. Hier war jetzt denn auch die grosse\nOrgel für Murcia mit ihren 4700 Pfeifen aufgestellt.\nDie Anstalt beschäftigt mehr als 150 Arbeiter; aus-\nserdem sind drei Zeichner, sechs Bildhauer und Bildschnitzer,\ndrei Stimmer für die Labialstimmen, ein Hauptstimmer und\nzwei Gehülfen für die Zungenstimmen, zehn Mechaniker\nund ein Organist, Herr Dubois, ein ganz geschickter Mann,\ndabei angestellt.\nDas System der Theilung der Arbeit ist natürlich voll-\nständig in Anwendung gebracht, da ohne dasselbe an keine\nVollkommenheit zu denken ist. Die letztere wird aber aus-\nserdem, namentlich in Rücksicht auf Gleichheit und Ge-\nnauigkeit, bei vielen Bestandteilen durch Maschinen erzielt,\nderen vortreffliche Resultate durch geringe Kraft-An Wen-\ndung erreicht werden. Nichts als die rohen Stoffe, Holz\nund Metall, wird von aussen in die Fabrik eingeführt; die\nBearbeitung dieses Materials aus dem Rohen bis zur voll-\nendeten Feinheit und Einfügung in das Ganze wird inner-\nhalb derselben vollbracht, wovon selbst die kunstvollsten\nSculpturen, Ornamente, Vergoldungen u. s. w. nicht aus-\ngenommen sind.\nAns diesen Werkstätten sind bereits über 70 Orgeln,\nan 400 Harmoniums und eine Anzahl von Orchestriums\n(vergl. Jahrgang 1854, Nr. 38 vom 23. Sept.) hervorge-\ngangen. Von den Harmoniums ist stets eine grosse Aus-\nwähl in allen Formalen in den Magazinen vorbanden, und\nweit über hundert sind immer in Arbeit. Dass die verfüg-\nbaren Mittel, das beste Material in Metall, namentlich\nin Zinn, und in Holz anzuwenden gestatten, ist einer der\nwichtigsten Vortheile eines so ausgedehnten Betriebes;\neine wesentliche Bedingung des schönen To-\nnes der Orgelstimmen ist schon dadurch allein erfüllt.\nFreilich werden auch ganz andere Preise für die Instru-\nmente gezahlt, als unsere deutschen Orgelbauer bekom-\nmen, denen noch manchmal durch Revision und Super-Re-\nvision oder gar durch Verding an den Wenigstfordernden\nder sauer verdiente Lohn verkürzt wird.\nIn dem vorigen Jahre haben nun Merklin-Schütze &\nComp, auch noch die rühmlichst bekannte Werkstätte von\nDucroquet in Paris an sich gebracht und dieselbe nach\ndem Muster der Anstalt in Brüssel durch Neubauten und\ngleiche Einrichtungen vergrössert und vervollständigt. Sie\nbeschäftigen darin ebenfalls über 100 Arbeiter mit dem\nBau von Orgeln und Harmoniums. Am wichtigsten bei die-\nsem Erwerb ist der Gewinn des Herrn Barker für das\ngemeinsame Geschäft. Es ist dies der bereits erwähnte Er-\nfinder des pneumatischen Hebels, und unter seiner Führung\nist ausser mehreren früheren Werken zuletzt auch die\ngrosse 32füssige Orgel von 68 Stimmen in der Kirche\nSt. Eustache in Paris gebaut worden.\nSo dürfte denn wohl durch diese kurze Darstellung\nder Ausspruch, dass auf dem Continente, ja, man kann wohl\nselbst England mit einschliessen, kein grösseres Etablisse-\nment für Orgelbau vorhanden ist, als das Merklin-Schütze'-\nsche in Brüssel und Paris.\nBetrachten wir nun das letzte und grösste Werk, das\ndaraus hervorgegangen, die Orgel für die Kathedrale in\nMurcia.\nDie Kathedrale in Murcia besteht aus zwei Theilen,\neinem Rechteck mit Haupt- und Nebenschiffen und einem\ndaran stossenden Rundbau. Auf das Verbindungs-Chor zwi-\nschen beiden wird die Orgel zu stehen kommen. Sie hat\ndesshalb zwei Prospecte, den einen nach dem rechtwinkeli-\ngen Dome, den anderen nach dem Rundbau hin. Der er-\nstere bildet die Vorderseite und die Haupt-Ansicht. Er ist\nin rein gothischem Styl gearbeitet und gewährt mit seinen\nfünf emporragenden Thurmspitzen und den reichen Verzie-\nrungen einen herrlichen Anblick. Die Höhe von der Sohle\nbis zur mittleren Spitze beträgt ohne das Kreuz, welches\ndie Spitze krönt, 56 Fuss rheinl., die Breite des ganzen\nGehäuses 40 Fuss. Im Prospect stehen 147 Pfeifen senk-\nrecht und 84 ragen wagerecht unter jenen, mit ihrem offe-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "336", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01.1.4", "texte": "neu Trichter nach dem Altäre gerichtet, hervor. Die letz-\nteren enthalten unter Anderem sechs Trompeten-Register.\nEs ist dies eine Eigenthümiichkeit der Orgeln in Spanien,\nund man ist dort so sehr an diese Lage eines Theiles der\nProspect-Pfeifen gewohnt, dass sie bei keiner Orgel feh-\nlen darf.\nDas Instrument hat 64 klingende Stimmen, vier Ma-\nnuale, ein freies Pedal und über demselben 1 5 Pedaltritte,\ndurch welche die verschiedenen Koppelungen, Combina-\ntionen, Absperrungen, Anschwellungen vermittels durch\nleichten Druck zu bewegender Mechanismen bewerkstelligt\nwerden. Der ganze Apparat der fünf Claviere und der Re-\ngisterzüge ist vor dem Prospecte in einem verhältnissmässig\nkleinen Vorbau in Form eines Pultes oder Schreins so an-\ngebracht, dass der Organist mit dem Gesichte nach der\nKirche und dem Altare zu sitzt und dem Prospect den\nRücken 'zukehrt. Die ganze Mechanik geht unter seinen\nFüssen weg in das Innere der Orgel. Sämmtliche Claviere\nspielen sich, selbst bei Koppelungen, durch die Anwendung\ndes pneumatischen Hebels bei jeder Taste auffallend leicht\nund sprechen so leicht und schnell an, wie wir es bis jetzt\nnoch auf keiner Orgel gefunden haben. Von irgend einem\nstörenden Geräusch der Mechanik ist keine Spur da.\nAuf dem ersten Manual stehen zwölf Register: Prin-\ncipal 8 Fuss, Viola di Gamba 8 F., Querflöte 8 F., Bour-\ndon 8 F., Flüte douce4 F., Prestant 4 F., Cornet 4 F.,\nFlageolet 2 F., Euphon 16 F., scharfe Trompete 8 F.,\nsanfte Trompete 8 F., Clairon 4 F.\nAuf dem zweiten Manual sechszehn Register: Princi-\npal 16 F., Bourdon 16 F., Principal 8 F., Salicional 8\nF., Viola 8 F., Bourdon 8 F., grosse Flöte 8 F., Flöte 4\nF. Ferner die Combinations-Register\nnaison): Prestant 4 F., Doublette 2 F., Mixtur vierfach,\nCornet fünffach, Trompette Celesteß F., Euphon (Clarinette)\n8 F., Clairon 4 F., Ophikleide 16 F.\nAuf dem dritten Ciavier dreizehn Register: Bourdon\n16 F., Principal 8 F., Flüte h F., Bourdon 8\nF., Fugara 8 F., Flüte octaviante 4 F., Prestant 4 F., Na-\nsard 3 F., progressive Mixtur, Bombarde (Posaune) 16 F.,\nTrompette bombarde 8 F., Trompette harmonique 8 F.,\nClairon harmonique4 F.\nAuf dem vierten Ciavier eilf Register:\nnique 8 F., Dolciana 8 F., Bourdon 8 F., Voix Celeste 8\nF., Echoflöte 4 F., Vox humanaß F. und die Combi-\nnations-Register: Schalmei 8 F., Cornet vierfach, sanfte\nTrompete 8 F., englisch Horn und Hautbois 8 F., Clai-\nron 4 F.\nAuf dem Pedal-Uävier zwölf Register: Contrabass 32\nF., Subbass 16 F., Conlrabass 16 F., Bourdon 16 F.,\nFlöte 8 F., Violoncell 8 F., Fagott 16 F., Flöte 4 F.\nDazu die Combinations-Register: Posaune 16 F., Trom-\npete 8 F., Clairon 4 F., Posaune 32 Fuss.\nüie Combinations-Register begreifen diejenigen Stim-\nmen, welche man durch den betreffenden Pedaltritt zusam-\nmen mitwirken lassen oder absperren kann. So vereinigt\nz. B. ein Tritt die acht Gombinotions-Stimmen des zweiten\nClaviers, ein anderer die Posaunen und Trompeten des drit-\nten, ein dritter die fünf letzten Register des vierten Cla-\nviers, ein vierter die gewaltigen vier Posaunen- und Trom-\npeten-Register des freien Pedals. Vermöge dieser Mecha-\nnismen ist der Spieler im Stande, augenblicklich die man-\nnigfachsten Abwechslungen in den Klangfarben hervorzu-\nrufen, die mächtigsten Contraste zwischen sanften Harmo-\nnieen oder Solostimmen und dem vollen Orchester zu er-\nzeugen, und z.B. durch das Einschlagen der gewaltigen\nZungenstimmen, jener Sechszehn- und Zweiunddreissig-\nFüssler, deren Riesentritt Alles erbeben macht, in einzelnen\nvollen Accorden, die urplötzlich zwischen den übrigen Ge-\nsang einfallen, oder in ganzen Tutti's Effecte zu erzielen,\ndie früher unerreichbar waren. Eine wahrhaft erschütternde\nWirkung macht es vollends, wenn durch den Tritt Nr. 15\nausserdem noch vierzehn Stimmen der drei ersten Claviere\nmit den Combinations-Registern des Pedals verbunden\nwerden.\nEinen Effect anderer Art erreicht man durch den Pe-\ndaltritt Nr. 12 [Pedale d 'expresston), welcher einen sehr\nvervollkommneten Mechanismus in Bewegung setzt, durch\nwelchen der Ausdruck des An- und Abschwellens des To-\nnes in den Stimmen des vierten Claviers nach Willkür des\nSpielenden bewirkt werden kann. Dass für das erste und\nvierte Ciavier Tritte vorhanden sind, welche den so genann-\nten Tremulant hervorbringen, ist eine Zugabe, deren An-\nwendung im Belieben des Organisten steht; doch müssen\nwir bemerken, dass dieser Tremulant sich vortheilhaft vor\nseinen älteren Collegen auszeichnet. Etwas Aehnliches und\nganz Eigentümliches finden wir in der Voix Celeste (8 F.)\nauf dem vierten Manual; dieses Register hat nämlich auf\njeden Ton zwei Pfeifen, deren eine um ein fast unmerk-\nliches Komma tiefer intonirt ist, als die anderen, wodurch\ndenn ein natürliches Beben des Tones erzeugt wird, wel-\nches, sparsam angewandt, wie beim Gesänge eine schöne\nWirkung macht.\nDer Pedaltritte für Koppelung sind sieben: Nr. 1 kop-\npelt das erste Ciavier mit dem zweiten; Nr. 2 das zweite"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "337", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01.1.5", "texte": "mit dem dritten; Nr. 3 das dritte mit dem vierten; Nr. 4\ndas zweite mit dem vierten. Nr. 5 verbindet die Octaven\nder linken Hand des ersten Manuals mit dem Pedal, Nr. 6\nund 7 eben so für das zweite und dritte Manual.\nDass ein besonderes Studium und eine angestrengte\nUebung dazu gehört, als Spieler ein solches Instrument in\nallen seinen Tbeilen gründlich kennen und handhaben zu\nlernen, es mit Händen und Füssen zu bewältigen und aller\nMittel, die es darbietet, Herr und Meister zu werden, leuch-\ntet ein. Hat man es darauf aber so weit gebracht, dass\nman es beherrscht, so kann es wahrlich kein dankbareres\nfür den Tonkünstler geben. Davon haben wir uns durch\ndie herrlichen Leistungen des Herrn F. Kufferath in\nBrüssel überzeugt, der uns stundenlang bei Vorführung des\ngigantischen Werkes in allen seinen Eigenthümlichkeiten\nund glänzenden Vorzügen (während nur der ehrenwerthe\nSenior der belgischen Musiker, Herr Felis, Herr Mailly,\nein tüchtiger Organist aus der Schule des Conservatoires,\nund Herr Merklin mit uns gegenwärtig waren) durch den\necht künstlerischen Vortrag von Werken alter und neuer\nMeister und eigener Compositionen und freier Phantasie\nzur Bewunderung hinriss, indem er bald durch die unge-\nheure Macht des vollen Werkes einen erschütternden Ein-\ndruck hervorrief, bald durch die zauberischen Klänge der\nsanfteren Register in Verbindung mit allen Combinationen\nder feineren Nuancen im Contrast zu der überwältigenden\nTonfülle der Massen die Zuhörer entzückte.\nWas nun den Ton an und für sich betrifft, so sind\nnicht nur die verschiedenen Gruppen der verwandten Re-\ngister trefflich charakterisirt, sondern auch die einzelnen\nStimmen derselben haben nicht bloss verschiedene Namen\nund Einen und denselben Klang, wie man das wohl bei Or-\ngeln von grosser Registerzahl antrifft, sondern auch in der\nThat verschiedenen Klang und Ton; es sind wirkliche Stimmen.\nDie Zungen-Register sind, ohne kreischend zu werden,\nvon einer so merkwürdigen Kraft und Fülle, dass sie al-\nlein, ohne Hinzufügung irgend einer Labialstimme, eine\nTonmacht entfalten, wie wir sie noch bei keiner Orgel ge-\nhört haben. Die tieferen Octaven derselben kommen in den\nPosaunen, dem Ophikleide, den Fagotten, dem englischen\nHorn u. s. w. dem Klange der Labialstimmen trotz ihrer\nmächtigen Stärke an Rundung und Weichheit so nahe,\ndass es zum Erstaunen ist, während die höheren Octaven\nin den Oboen und Trompeten an Glanz den besten Blech-\nmusik-Chören nichts nachgeben.\nDa in Spanien wie in Frankreich vorzugsweise viel auf\ndie Zungenstimmen gegeben wird, so hat Merklin diesen\nallerdings eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Allein\nwas seinem Werke einen grossen Vorzug vor den franzö-\nsischen, auch den besten, gibt, das ist das deutsche Ele-\nment, welches in dem Bau der Labial-Register vorwaltet.\nDurch die Sorgfalt, welche darauf verwandt worden, ist ein\nEnsemble entstanden, das einen ausgezeichneten Fort-\nschritt bekundet und die Orgel auf einen Höhepunkt ge-\nbracht hat, auf welchem sie dem vollständigen Orchester\nnicht nur ebenbürtig und als die würdigste Stellvertreterin\ndesselben erscheint, sondern an Kraftentwicklung und mas-\nsenhafter Tonfülle dasselbe noch bedeutend übertrifft.\nWas dann ferner dieser Orgel einen hohen Vorzug\ngibt, ist die vollendete Gleichheit der Ansprache und\nKlangfarbe aller Töne in Einem und demselben Re-\ngister. Es lässt sich nicht läugnen, dass die deutschen\nOrgeln (geschweige denn die früheren französischen und\nbelgischen) meistens kein richtiges Verhältniss der Klang-\nfarbe und Toristärke zwischen den Tönen der unteren und\noberen Octaven Eines und desselben Registers zu Stande\nbrachten. Bei den Labial-Stimmen sind die tieferen Octaven\nim Verhältniss zu den höheren gewöhnlich zu dumpf und\nzu schwach; ja, je höher der Ton, desto auffallender das\nMissverhältniss seiner wachsenden Intensität zu der man-\ngelnden in der Tiefe. Bei den Zungen-Registern findet man\ndie umgekehrte Erscheinung. Diesen Unvollkommenheiten\nist durch die Wirkung des verschiedenen Luftdruckes,\ndurch die neue Construction der Windladen, durch die\noctavirenden und harmonischen Stimmen (Flöten, Trompe-\nten) vollständig abgeholfen. Vergessen wir aber dabei nicht,\ndass dies nur durch die Erfindung des Herrn Barker mög-\nlich geworden ist. Denn da bei dem für Labial- und Zun-\ngenstimmen, für verschiedene Octaven und für octavirende\n(überblasende) Stimmen gesonderten Winddruck Ein\nTon die Oeffnung nicht Eines, sondern mehrerer Ventile\nfordert, so wäre es ohne den pneumatischen Hebel der Fin-\ngerkraft des Spielers nur sehr schwer, ja, für längere\nStücke unmöglich gewesen, den Widerstand von drei bis\nvier Ventilen zu bewältigen, während jetzt der anschlagende\nFinger vermöge jener sinnreichen Vorrichtung überall nur\ndie Kraft braucht, welche nöthig ist, das eine, unmittelbar\nmit der Taste in Verbindung stehende Ventil zu öffnen,\ndie mechanische Vorrichtung aber (der kleine, mit cornpri-\nmirter Luft gefüllte Tastenbalg) die Ventile der Windladen\nvon selbst öffnet. Was der talentvolle pariser Orgelbauer\nCavaille-Coll in Beziehung auf die erwähnte Gleichheit der\nTonreihen, ermöglicht durch die Barker'sche Erfindung,\ngeleistet hat, verdient die vollste Anerkennung; Merklin aber"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "338", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01.1.6", "texte": "hat einen neuen Beweis seines Scharfblickes in richtiger\nWürdigung der wesentlichen Verbesserungen seiner Kunst\ndadurch geliefert, dass er dasselbe System adoptirte, dessen\nAnwendung vervollkommnete und die Interessen und die\nThätigkeit des ersten Erfinders an seine Anstalt knüpfte.\nEs ist unmöglich, über die Gruppen der Principal-Stim-\nmen, der offenen, meist octavirenden Flöten-Register, der\nBourdons, über die Mixturen, die kräftigen Familien der\nPosaunen und Trompeten und die sanfter gestimmten der\nGamba-, Fugara-, Salicional- und Dolciana-Register, ferner\nüber die Harmonieen der Oboe, Clarinette (Euphon), Fa-\ngott und Horn (in dem Register der Ophikleide), so wie\nüber die Stammhalter und Grundstimmen der tiefen Bässe\nhier ins Einzelne zu gehen. Eben so wenig können wir die\nmannigfachen Combinationen der einzelnen Register auf\nEinem und auf verschiedenen Manualen anführen und be-\nschreiben, welche der gründlich gebildete und geschmack-\nvolle Spieler auf diesem herrlichen Instrumente anwenden\nund durch Versuche in allerlei Zusammenstellungen neu\nauffinden und vermehren kann.\nWir fassen unser Urlheil nur noch einmal darin zu-\nsammen, dass dieses neueste Werk von Merklin-Schütze\nan Genauigkeit, Egalität, Feinheit und Schönheit der Ar-\nbeit in sämmtlichen Stücken und Theilen alles übertrifft,\nwas wir bisher an grossen und mit Recht berühmten Or-\ngeln gesehen haben; dass das Gebläse vier grosse Re-\nservoires zu je zwei Pumpen Sir vier Balgzieher höchst\nzweckmässig construirt, die Spielart wunderbar leicht und\ndie Mechanik völlig geräuschlos und leicht beweglich ist.\nDie Aehnlichkeit der Solostimmen mit den entsprechenden\nOrchester-Instrumenten dürfte vollendeter herzustellen kaum\nmöglich sein, und der Eindruck des vollen Werkes ist, zu-\nmal in den ersten Augenblicken, wo der ganze Reichthum\neiner kaum geahnten Tonfülle auf uns ausströmt, ein wahr-\nhaft überwältigender.\nAuf die Orgeln in den Kirchen St. Eustache und St.\nEugenius in Paris werden wir gelegentlich zurückkommen.\n\nL. Bischoff.\n\nAus Frankfurt am Main.\n\n[II. Vieuxtemps und Theodor Ritter.]\nDen Reigen unserer Winter-Concerte führte diesmal\nHerr Vieuxtemps im grossen Saale des Weidenbusches,\nnicht, wie man erwartete, mit Begleitung eines Orchesters,\nsondern bloss des Pianoforte. Es kamen demnach nur Sa-\nlonstücke zur Ausführung, und zwar, wie sich das bei Vir-\ntuosen ersten Ranges von selbst versteht, aus eigener Fe-\nder. In allen bekundete Herr Vieuxtemps die bei ihm im-\nmer mit Recht gerühmte Schönheit und Fülle des Tones\nnebst denkbarster Vollendung im Ueberwinden der capri-\nciösesten Schwierigkeiten, denen jedoch wie in der Re-\ngel bei den modernen Violinspielern das Prädicat schön\nnur in geringem Grade oder gar nicht zuerkannt werden\ndarf, weil ihr Wesen lediglich auf Künstelei beruht.\nBestände die Grösse eines Violinspielers bloss in aus-\nsergewöhnlicher Schönheit des Tones und vollendeter Tech-\nnik, so möchte man Herrn Vieuxtemps immerhin den Kö-\nnig der Geiger nennen: es würde kein Widerspruch laut\nwerden. Da sich jedoch die obersten Vorzüge des executi-\nrenden Künstlers in der Reinheit des Stils, in richtiger\nAuffassung und Darstellung aller Charaktere eigener wie\nfremder Composilionen bekunden sollen, die Technik aber\nerst in zweiter Linie steht, so tritt wegen dieses Incidenz-\nPunktes dem Beurtheiler Vieuxtemps' eine so grosse Klippe\nentgegen, welche die oben genannten Eigenschaften seines\nSpiels fast übersehen macht. Schon die der Theresa Mila-\nnoilo von Vieuxtemps eingelernten Stücke seiner Compo-\nsition zeugten von einer Manierirtheit und Stillosigkeit im\nVortrage, die in der charakterarmen belgischen Violinschule\nkaum ihres Gleichen gefunden. Man durfte indess zweifeln,\nob der vorherrschende Ausdruck des Hyper-Sentimentalen,\nder sich fast über alle diese Tonslücke ausgebreitet ob\nüberhaupt das unaufhörliche Zerreissen des Rhythmus in\nbekannten Cantilenen bei der Milanollo wirklich nach Vor-\nschrift des Componisten geschehe oder das Resultat ihrer\nSubjectivität sei. Da kommt nun Herr Vieuxtemps und be-\nseitigt alle Zweifel. Er selber spielt diese ohnehin ganz ge-\nhaltlosen Stücke (Fanlaisie-Caprice, nebst einem\nneueren: Les Arpeges) und steigert in den beiden ersteren\ndie Manierirtheit bis zur Caricatur. Das thut ein Künstler,\nden die lärmenden Majoritäten von der Seine bis zur Newa\nden König der Geiger tituliren und damit das erhaben-\nste Muster bezeichnen! Mag die Muse der Tonkunst es\nihm verzeihen, wir unsererseits können es nicht und erhe-\nben laut die Stimme dagegen mit der Versicherung, dass\nunter Frankfurts gebildeten Musikern und Musikfreunden,\nwelche Zeugen dieser Vorträge waren, keiner zu finden,\nder ein Wort zur Verteidigung solch beklagenswerther\nVerirrung auszusprechen wagte; wohl aber ist die Anklage\neine allgemeine. Es wurde in diesem Kreise gefragt, ob so\neclatante Beweise von Mangel an Schönheitsgefühl in der\nDarstellung, wie der Virtuose am 4. October hier zu hö-\nren gab, in anderen, höheren Compositions-Gattungen nicht"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "339", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01.1.7", "texte": "auch, wenngleich in minderem Grade, bei ihm zum Vor-\nschein kommen. Anwesende beim darmstädter Musikfeste\nwussten darauf zu antworten. 1842 befand sich der Re-\nferent im Saale der itaiiänisehen Oper zu Paris unter der\nZahl freudig erregter Zuhörer bei erster Pro-\nduetion seines E-dur-Concerlcs. Nicht die Meisterschaft im\nTechnischen allein hatte diese erregte Stimmung hervorge-\nrufen: der reine, mannhafte Stil im Werke wie in des-\nsen Ausführung war es zumeist, was Jedermann an dem\nnoch jugendlichen Künstler bewundert hat. Wo sind denn\ndie Gründe au seiner Metamorphose aufzusuchen?\nDie tägliche Erfahrung zeigt, wie das in sich wahrhaft\nGrosse, das Tüchtige überhaupt, das Mindere, in der Er-\nkenntniss tiefer Stehende, stets gern zu sich emporhebt.\nDie Bestätigung dessen erhalten wir bei dem Ueberblick\ndes künstlerischen Wrandeis eines Spohr, Mayseder und\nLipinsky, um Herrn Vieuxtemps noch lebende Kunstgrös-\nsen seines Instrumentes vor Augen zu führen. Herr Vieux-\ntemps geniesst des zweifelhaften Glückes, zu den verwöhn-\nten Schoosskindern der Zeit zu zählen, die zumeist von\nder unverständigen Menge und der gesinnungslosen, oft\nauch feilen Kritik getragen werden, darum aus Dankbar-\nkeit sich fast immer tief herablassen, um ja verstanden zu\nwerden, darum aber auch die gröbsten Vergehen gegen\nden guten Geschmack sich erlauben*). Dass die Warnungs-\nstimme der pflichtgetreuen Kritik in allen diesen Fällen\nunbeachtet im Winde verhallt, zeigt die tägliche Erfahrung\ngleichfalls. Aus diesen Gründen wollen wir uns keineswegs\neinbilden, dass unsere Stimme bei Vieuxtemps Gehör fin-\nden werde; wir wünschen mit Gegenwärtigem bloss eine\nThatsache von kläglicher Art zu registriren und selbe\ngleich anderen ähnlichen dem Schicksale Preis zu geben.\nEine Frage wollen wir uns aber erlauben: Wie kommt es,\ndass Herr Vieuxtemps ausschliesslich seine Compositionen\nvon meist sehr untergeordnetem Werthe zum Solo-Vor-\ntrage wählt und die tausendmal besseren von Componisten\naus der—auch im Violinspiel—classischen Epoche gänz-\nlich ignorirt?\nDie Ausführung der Beethoven'schen Sonate mit Vio-\nline, Op. 12, in Es-dur, vom Concertgeber und dem Pia-\nnisten Herrn Theodor Ritter aus Paris, verdient we-\ngen des Abjagens des ersten und dritten Satzes eine Rüge.\nKonnte Herr Vieuxtemps die Verletzung des Charakteristi-\nschen in diesen Sätzen nicht bloss zulassen, sogar das Seine\nnoch bestens beitragen, so will Referent fernerhin nicht\nmehr lüstern sein, den berühmten Geiger in Beethoven's\nQuartett-Musik zu hören. Herr Ritter hat mir bereits frü-\nher mit dein Beethoven'schen Beweise von ar-\ngem Missverständniss des Charakteristischen gegeben, so\nwiederum in dieser Sonate. Indess sind dies doch nur Klei-\nnigkeiten gegen den Vortrag eines Präludiums und Fuge\nin B-durvon Bach im obigen Concerte. Beide Sätze wur-\nden in einem Allegro con brio—heruntergefegt. Ein derlei\nVerfahren mit Bach'scher Musik muss mit Fug und Recht\nals ein Scandal bezeichnet werden, dessen sich nur franzö-\nsische und belgische Musiker schuldig machen können;\ndenn diesen Herren ist der Geist des erhabenen Altmei-\nsters deutscher Tonkunst immer noch nicht erschienen;\nauch scheint ihnen der richtige Begriff vom Ernsten und\nWürdevollen immer noch fern zu liegen.\nIm Jahre 1823 übersandte Ferd. Ries unserem Beet-\nhoven sein neuestes Werk, „A benannt.\nIn seinem Antwortschreiben vom 16. Juli desselben Jahres\nerklärte Beethoven offen, dass er ihr Freund nicht\nsei, weil sie den Mechanismus gar zu sehr be-\nfördern; überhaupt sprach Beethoven oft die Befürchtung\naus, dass der stets zunehmende Mechanismus im Clavier-\nspiel alle Wahrheit der Empfindung aus der M-\nusik verbannen werde*). Sind wir nicht in unseren Ta-\ngen schon weit über die Gränzlinie zwischen Wahrheit und\nLüge im Ausdruck der Empfindung hinaus? Nicht bloss\nbeweisen das die meisten Clavierspieler und ein namhafter\nTheil der Violinspieler, auch die meisten Orchester-Directo-\nren beweisen, dass die Belürchtung des grossen Meisters\nund Propheten sich bereits über sämmtliche Zweige der\nTonkunst erstreckt. Der entbrannte Kampf um die Tempi\nin allen classischen Werken entfaltet dieses jammervolle\nZeitbild vollends.\nSchliesslich wird es am rechten Orte sein, einen viel-\nerfahrenen Kunstrichter über den gegenwärtigen Zustand\ndes Ciavierspiels in Bezug auf das Geistige urtheilen zu hö-\nren. Bei Gelegenheit der kritischen Besprechung des Bu-\nches „Beethoven et ses trois Stiles\" von dem russischen\nStaatsrathe von Lenz (Journal des Debats, 11. Aug. 1852)\nsagt Berlioz, dass er unter den Koryphäen des Ciavier-\nspiels, die er sämmtlich genau zu kennen glaube, nicht\nsechs zu nennen wüsste, die eine Beethoven'sche Sonate\nim Geiste des Autors vorzutragen verständen, in deren\nVorträgen er überhaupt ein vorwiegend geistiges Element\nwahrgenommen. Auch dieser französische Kritiker, der alle\n\n*) Dagegen empfehlen wir, die Kritik in der Didaskalia vom 8.\nOetober nachzulesen, die dem Virtuosen einen begeisterten\nTusch ausbringt.\n*) Sieh mein Buch über Beethoven, Seile 221 und 222."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "340", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561018-01.1.8", "texte": "Sammelplätze musicaliseher Capacitäten unseres Welttheils\nbeobachtet hat, findet den Hauptgrund des berührten Zu-\nstandes in dem alles Geistige überwältigenden Mecha-\nnismus *),\n\nA. Schindler.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMeli». Die Abonneinents-Concerte, veranstaltet von der Con-\ncert-Gesellschaft und dirigirt vom städtischen Gapellmeister\nHerrn F. Hiller, werden Dinstag den 21. Octob er beginnen-\nDie drei nächstfolgenden finden am 11. November, am 2. nnd am\n23. December Statt.\nj Crefeld. Sonntag den 5. d. Mts. fand hier in der Tonhalle\nauf dem Driessenhof ein Concert der Gesang-Vereine Lieder-\ntafel, Kirchlicher Männergesang-Verein, Männergesang-Verein, Lie-\nderhalle, Sängerbund, Cäcilia und Goncordia Statt; die Orchester-\nmusik und die Gesammt-Vorträge dirigirte Musik-Director Wil-\nhelm. Aufgeführt wurden die Ouvertüren zu Titus und zum Was-\nserträger, ein Choral „Nun danket Alle Gott\" von Joh. Krüger mit\nOrchester, der Psalm „Herr, unser Gott\" von Schnabel, „An das\nVaterland\" von C. Kreutzer, Jägers Abschied von Mendelssohn mit\nInstrumental-Begleitung, Die Wacht am Rhein von Wilhelm, Lie-\ndesfreiheit von Marschner, Gesang der Jünglinge von C. Kreutzer\nund zum Schluss Mendelssohn's Doppelchor aus Oedipus mit Or-\nchester. Dazwischen wurden noch zehn Stücke von fünf einzelnen\nVereinen gesungen. Die Einnahme war zum Baufonds für eine\nneue katholische Kirche bestimmt, und war der Netto-Betrag\nderselben über 700 Thaler ein sehr ehrenwerthes Resultat. Ob\nSie dasselbe von einer Kritik und Anti-Kritik in einem hiesigen\nBlatte sagen würden, weiss ich nicht.\n** Barmen, Am 9. d. Mts. hat Arthur Napoleon hier\nim grossen Saale der Concordia eine Soiree gegeben. Der kleine\nVirtuose hat natürlich Alles zu allgemeiner Bewunderung hinge-\nrissen. Er spielte Sonate pastorale von Beethoven, Notturno von\nChopin, Allegro scherzoso von A. Schmitt, Rondo capriccioso von F.\nMendelssohn und die Moses-Phantasie von Thalberg. Nach letzterer\nwurde er hervorgerufen. Als Zwischennummern sang ein Dilettant\nLieder von Mendelssohn und die Romanze „Unter blüh'nden Man-\ndelbäumen\" aus Euryanthe. Die Liedertafel trug „An den Mond\"\nund „Brod und Wein\" von F. Hiller, „Frühling ohne Ende\" von\nC. Reinecke und den „frohen Wandersmann\" von Mendelssohn mit\nBeifall vor.\n*** Arfurt, 16. Oct, Ueber die gestrige Aufführung von C.\nReinthaler's Oratorium „Jephta und seine Tochter\" kann ich Ihnen\nheute nur so viel schreiben, dass der Zudrang zur Billetnahme\nausserordentlich gross war und die Meldungen zu Eintrittskarten\ndie Zahl von 2000 weit überstieg. Da das Thealer nicht so viele\nMenschen fasst und die Composition und Aufführung enthusiastisch\naufgenommen wurde, so musste eine Wiederholung zugesagt wer-\nden, welche heute Abends Statt finden wird. Die Haupt-Soli san-\ngen Herr M. DuMont-Fier aus Köln und Fräul. Aug. Bren-\nken aus Soest. Morgen mehr.\nAnekdote/In der letzten londoner Saison erhielt ein dort le-\nbender und sehr geschätzter deutscher Clavier-Virluose den Besuch\neines englischen Geistlichen, der ungefähr in den vierziger Lebens-\njahren stehen mochte. Die Absicht des Besuchers war, sich den\nUnterricht des Künstlers zu erbitten. Nach erfolgter Erkundigung\ndes Letzteren über bereits erlangte Fähigkeiten händigte ihm der\ngeistliche Herr ein Papier ein, auf dem er zu leichterer Uebersicht\ndes Lehrers das in seinem Spiele Mangelhafte, zugleich auch An-\nfragen über dessen Abhülfe, aufgezeichnet haben wollte. Der In-\nhalt lautet getreulich :\n„1. Mangelhaft im Triller.\n2. Mangelhaft in der Execution im Allgemeinen.\n3. Sehr mangelhaft in Ausführung der Tonleitern, sowohl dia-\ntonisch als chromatisch.\n4. Mangelhaft in der Egalität des Anschlags.\n5. Vierter Finger sehr schwach.\n6. Mangel an liapidität der Finger.\n7. Ausserordentliche Befangenheit im öffentlichen Vortrage.\nAnfragen.\n1. Welche Gattung Musik soll ich üben?\n2 Wie viel Stunden Uebung (per Tag) werden nothwendig sein ?\"\nDer Unterricht wurde abgeschlagen, indem der Künstler schon\nmehrere Versuche mit derlei englischen Originalen gemacht hatte\nund demnach wusste, dass mit ihnen in keiner Weise fertig zu\nwerden ist, theils aus Mangel an Talent, theils aus Zweifelsucht\nund einem Uebermaass von Selbstkritik.\n*} Auch der „Frankfurter Anzeiger\" spricht sich in fol-\ngender Weise über dasselbe Concert aus: „Leider ging die\nHoffnung der Kunstfreunde, welche Herr Vieuxtemps beim\nMusikfeste in Darmstadt durch eines seiner neuesten Violin-\nConeerte mit Orchester-Begleitung entzückte, nicht in\nErfüllung. Damals von seinem herrlichen, grossartigen Spiel\nwahrhaft hingerissen, erwartete man, derselbe würde hier\nebenfalls eine seiner Compositionen mit Orchester-Begleitung\nexecutiren; statt dessen bot das Programm einige dem heuti-\ngen blasirten Geschmack huldigende Salonstücke ohne inne-\nren Gehalt —• namentlich was die s, g. Fantaisie oder Pot-\npourri über „Lucia\" betrifft —, eines Vieuxtemps wahrlich\nnicht würdig; ferner die Sonate in Es mit Violine von Beet-\nhoven, welche viel zu hastig und falsch accentuirt vorgetragen\nwürde; endlich etwas mitlelmässigen Gesang und einiges gu-\ntes Clavierspiel von dem jungen Ritter, dem wir indessen\ndie Fuge von Bach in einem breiteren, minder raschen Tempo\nzu spielan empfehlen möchten.\""}]}