{"numero_id": "bm-bmtnabi-1856-12-13-01", "volume": "bmtnabi_1856-12-13_01", "ocr_sha256": "628e591e9b0ec81dca7cd3063f00e2a7f07d99dc5ee0158f7ef71ef26f8d7e28", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1856/12/13_01/bmtnabi_1856-12-13_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1856-12-13-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-12-13_01#c001", "volume": "bmtnabi_1856-12-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "397", "page_fin": "397", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "397", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 268, "texte": "Inhalt.\nFranz Joseph Fetis. I. Von L. Bischof f. Wolfgang Müllers von Königswinter Gedichte. 2. Aufl. Von L. B.\nIn Sachen J. S. Bach's und der Bach-Gesellschafr. Von R. Zimmer. Cosi fan tutie in Dresden. Von W. Tages- und Unter\nbaltungsblatt (Köln Leipzig St. Gallen)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-12-13-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-12-13_01#c002", "volume": "bmtnabi_1856-12-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "397", "page_fin": "399", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.2.2", "titre_corps": "Franz Joseph Fetis.", "titre_sommaire": "Franz Joseph Fetis.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "397", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.1.1", "debut_caractere": 270, "fin_caractere_exclue": 3841, "texte": "Franz Joseph Fetis.\nI.\nFranz Fetis, Capellmeister des Königs der Belgier\nund Director des Conservatoriums in Brüssel, feierte am\n6. October dieses Jahres seine goldene Hochzeit und wirkt\nnach wie vor in unausgesetzter amtlicher und literarischer\nThätigkeit. Ein Mann, der über ein halbes Jahrhundert lang\nsein Leben der Tonkunst, ihrer Wissenschaft und ihrer Ge-\nschichte mit grossem Erfolg und wohlverdientem Ruhme\ngeweiht hat, ist eine so merkwürdige Erscheinung, dass\ndie Ereignisse seines Lebens und die Entwicklung seiner\nBildung und Wirksamkeit nicht bloss die Theilnahme seiner\nLandsleute, sondern der ganzen musicalischen Welt erregen\nmüssen.\nFranz Joseph Fetis ist den 25. März 1784 zu\nMöns in Belgien geboren, wo sein Vater Organist und\nMusiklehrer war und die Concerle dirigirte. Den ersten mu-\nsicalischen Unterricht ertheille der Vater dem Sohne, der\nschon als Kind eine hervorragende Befähigung für die Ton-\nkunst verrieth und fast eher Noten lesen konnte, als Buch-\nstaben. Denn schon in seinem sechsten Jahre traf er alle\nIntervalle in den verschiedenen Schlüsseln. Das erste In-\nstrument, das man ihm in die Hand gab, war die Violine\nein trelflicher Brauch der alten Zeit, den leider die Ty-\nrannei des Pianoforte verdrängt hat, daher das feine Gehör\nselbst bei tüchtigen Musikern abgenommen hat, weil sie\nihre erste musicalische Bildung am Ciavier erhalten haben,\nbei welchem Lehrer und Stimmer zwei verschiedene Per-\nsonen sind und der Schüler sehr gut lernt, wo das auf\nder Claviatur liegt, aber den Ton desselben bald so, bald\nanders vernimmt.\nIm achten Jahre schrieb Fetis sich selbst schon Duette\nfür die Violine. Dann fing er an, Ciavier zu lernen, und\nohne allen theoretischen Unterricht componirte er ein Con-\ncert für Violine und Orchester, das sein Vater in einem\nöffentlichen Concert spielte und welches als Erzeugniss eines\nWunderkindes mit Beifall begrüsst wurde. In seinem zehn-\nten Jahre spielte er die Orgel im adeligen Capitel von\nSainte-Vaudrii und lernte die Kirchen-Compositionen der\nalten deutschen und italiänischen Meister kennen. Er be-\ngann nun auch mit Eifer das Studium der alten Sprachen,\nallein der Krieg und der zweite Einbruch der Franzosen in\nBelgien unterbrachen jede Art von Studien. Glücklicher\nWeise nahm sich ein alter Buchdruckerei-Factor seiner hu-\nmanistischen Bildung wenigstens für das Lateinische an, und\nein Verein von Dilettanten verschaffte ihm Gelegenheit, die\nInstrumental-Compositionen von Haydn und Mozart zu hören.\nDie Werke dieser Meister, damals im ganzen Glänze\nihrer Neuheit, erschlossen dem jugendlich regsamen und\nempfänglichen Gemüthe eine neue Welt von Harmonie, wo-\nvon er keine Ahnung gehabt hatte. Mit dem Feuer einer\nersten Liebe bemächtigte er sich ihrer, athmete und lebte\nnur in ihnen und trachtete nach nichts Anderem, als sich\nin ihren Geist zu versetzen und diesen im Componiren wie-\nder zu erzeugen. In diesem Streben schrieb er mit rast-\nlosem Eifer darauf los, und ehe er noch das fünfzehnte Jahr\nerreicht hatte, war schon eine ganze Reihe von Compositio-\nnen (zwei Clavier-Concerte, eine Sinfonie, Sonate und Phan-\ntasie für Ciavier, Violin-Quartetts u. s. w.) aus seiner Fe-\nder geflossen.\nNun drangen die Freunde des Vaters darauf, den ta-\nlentvollen Knaben auf das Conservatorium nach Paris zu\nschicken. Im October 1800 trat Franz Fetis dort ein. Er\nwurde in der Theorie Schüler von Rey, der damals auch\ndie grosse Oper dirigirte. Rey lehrte genau nach Rameau;\naber gerade in jene Zeit fiel die Erscheinung des Harmonie-\nSystems von Catel, das zum ersten Male in Frankreich der"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "398", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5260, "texte": "Autorität Rameau's schroff entgegentrat, und dieser Mo-\nment war von grossem Einfluss aut den jungen belgischen\nMusiker, der dadurch die Richtung auf das Studium der\nmusicalischen Systeme erhielt, das er späterhin mit so gros-\nsem Eifer verlolgt hat Hauptsächlich um dieser Neigung\nzu ernsten Forschungen über die Theorie der Musik willen\nlernte er Deutsch und Italiänisch, und machte sich an Kirn-\nberger und Sabbatini, die ihm zur Hand waren. Nach drei\nJahren wurde er Repetitor der Rey'schen Gasse, und im\nfolgenden Jahre erhielt er den ersten Preis in der Compo-\nsitions-Lehre. Auf dem Ciavier war erst Boieldieu, und als\ndieser nach Russland ging, Pradher sein Lehrer.\nIm Jahre 1803 verliess er Paris auf anderthalb Jahr,\num zu reisen. In dieser Zeit studirte er besonders die deut-\nschen Theoretiker Marpurg, Kirnberger, Albrechtsberger,\nund vertiefte sich in die Compositionen von J. S. Bach,\nHändel, Haydn und Mozart. Dadurch nahm seine musica-\nlische und ästhetische Bildung eine ganz andere und gründ-\nlichere Richtung, als die pariser Schule sie gab, und nach\nseiner fleissigen und eifrigen Weise arbeitete Fetis diese\nRichtung nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch\ndurch. Alles, was er damals schrieb, zeugte von seiner Vor-\nliebe für die deutsche Schule und von seinem Streben, den\nwahren Geist derselben zu erfassen. Aus dieser Periode\nrühren die Harmoniestücke für acht Blas-Instrumente her,\ndie im Jahre 1818 in Paris als sein Opus 1 erschienen.\nAuch die historischen Studien setzte er mit Eifer fort und\narbeitete unter anderen eine Abhandlung über Guido von\nArezzo und die Geschichte der Notenschrift aus, welche\njedoch, so viel wir wissen, nicht im Druck erschienen ist.\nSeine Vorliebe für die deutsche Schule machte ihn\nnicht blind gegen die Italiäner. Er besuchte die italiänische\nOper lleissig, an welcher eine Strinasacchi, Marianna Sessi,\nferner Noazari, Tacchinardi, Barilli u. s. w. in jener Zeit\nglänzten. Sein unermüdliches Streben nach Bereicherung\nseines Geistes und seines musicalischen Wissens wurde von\neinem natürlichen Hang zur Theilnahme an allem, was auf\ndem Gebiete der Kunst erwuchs, unterstützt. Seine ernste\nArt und Weise, zu studiren, bewahrte ihn aber dabei vor\nder oberflächlichen Vielseitigkeit, zu weicher jener Hang\nallerdings sehr leicht verführt, namentlich in Frankreich.\nSo blieb er denn auch, als er die Italiäner kennen lernte,\nnicht bei ihrer Opern-Musik stehen, sondern angeregt durch\nCherubini, begann er sich in die Traditionen der alten ita-\nliänischen Schule und in die contrapunktischen Lehren der-\nselben zu versenken. Er machte sich hauptsächlich an Pa-\nlestrina und schrieb nach seiner lobenswerthen Weise, die\njedem Kunstjünger nicht genug anempfohlen werden kann,\nwiederum eine Menge Sachen nach diesem Vorbilde. Da-\nnach las er die geschätztesten Theoretiker der Italiäner von\nden ältesten bis auf den Pater Martini und auf Paolucci\nherab und legte den Grund zu den Ideen, die er späterhin\nin seinem Tratte du Contrepoint et de la Fugue verarbeitete.\nAuch über den Choralgesang der katholischen Kirche machte\ner umfassende Quellen-Studien, und verglich zu diesem\nZwecke mehr als zweihundert Handschriften in den Biblio-\ntheken und Kirchen-Archiven von Paris, Cambrai, Arras,\nBrüssel u. s. w..Diese ungeheure Arbeit war auf eine neue\nAusgabe des revidirten und auf seine ursprüngliche Gestalt\nzurückgeführten römischen Choralgesanges berechnet, für\nwelche das Graduale und Antiphonarium auch im Ma-\nnuscripte beendigt wurden; es scheint aber nichts davon\ngedruckt worden zu sein.\nSchon in seinem 22. Jahre (1806) verheiralhete sich\nFetis. Seine Frau, aus einer vornehmen und angesehenen\nFamilie, Enkelin des gelehrten Chevaliers Keralio, war die\neinzige Erbin eines bedeutenden Vermögens. Er bekam\ndurch diese Verbindung eine ganz veränderte Stellung und\nsetzte seine musicalischen Studien als unabhängiger Dilet-\ntant» aber mit demselben Eifer fort. Aber das Schicksal\nspielte ihm einen argen Streich. Der Bankerott eines pa-\nriser Hauses und unglückliche Speculationen einiger Ver-\nwandten seiner Frau brachten diese nicht nur um ihr Ver-\nmögen, sondern trübten auch sein Leben auf eine lange\nBeihe von Jahren, da er sich durch unvorsichtige Gut-\nmüthigkeit hatte hinreissen lassen, drückende Verbindlich-\nkeiten einzugehen, die am Ende den Ruin der Familie doch\nnicht aulhalten konnten. Er musste 1811 Paris verlassen\nund lebte drei Jahre auf dem Lande im Departement der\nArdennen, völlig abgeschnitten von allen musicalischen Hülfs-\nmitteln und Anregungen.\nEr componirte hier eine fünfstimmige Messe mit Be-\ngleitung von Orgel, Violoncells und Contrabässen, die zwar\nnicht im Musikhandel erschienen ist, von Kennern aber für\neines seiner besten Werke gehalten wird. Ausserdem be-\nschäftigten ihn die ernstesten Studien über Philosophie und\nanhaltende Forschungen über die Grundsätze der Harmonie.\nIm December 1813 nahm er die Stelle eines Orga-\nnisten an St. Peter in Douai an, mit welcher das Lehr-\namt für Gesang- und Harmonie-Lehre an der neu errich-\nteten städtischen Musikschule daselbst verbunden war. Fetis\nwidmete sich mit der ihm gewöhnlichen Energie und Thä-\ntigkeit diesem neuen Wirkungskreise. Er übte das Orgel-\nspiel, das er einige Jahre lang ganz vernachlässigt hatte,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "399", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3020, "texte": "mit Eifer, und seine amtliche Wirksamkeit an der Schule\nwurde ihm eine erneute Anregung zu.praktischen und theo-\nretischen Arbeiten. Die Resultate davon waren seine\nfeges progressifs(dritte Ausgabe, Paris, bei Brandus, 1 843),\ndenen ein Expose des prineipeszur Einleitung\ndient, seine Methode elementaire a?-\nment, und eine neue Theorie der Musik, welche er im Ma-\nnuscripte der Akademie der schönen Künste zu Paris ein-\nschickte, deren Druck er aber selbst im Jahre 1819 we-\ngen seines Verhältnisses zu Catel, gegen dessen System das\nneue Werk von Fetis hauptsächlich gerichtet war, sistirte.\nEs erschien später, Paris, 1844, bei Schlesinger, als Traite\ncomplet de la theorie et pratique de l'harmonie, ein Band in\ngr. 8, Die vierte, vermehrte Ausgabe Paris, 1849.\nSeit 1806 hatte Fetis den Plan seines bedeutendsten\nWerkes, der Biographie des Mfestgestellt, und in\nDouai beschäftigte er sich fortwährend mit der Ausführung\ndesselben. Ferner componirte er dort auf den Wunsch der\nBehörden ein Requiem für die Gedächtniss-Feier Ludwig's\nXVI. (aufgeführt den 20. April 1814), ein Sextett (Paris,\nbeiO/,y, Op. 5) für Piano zu vier Händen, zwei Violinen,\nBratsche und Bass, viele Orgelstücke und drei- und vierstim-\nmige Gesänge für die Schule. Das alles leistete er binnen fünft-\nhalb Jahren und ertheilte dabei täglich zehn Stunden\nUnterricht! Wieder ein leuchtendes und hoch zuhalten-\ndes Beispiel für unsere jungen Künstler und Schriftsteller,\ndenen es zu genialen Leistungen leider nur immer an\nZeit fehlt!\nFetis fühlte, dass es an der Zeit sei, sich wieder eine\nStellung in Paris zu schaffen, und mit einem Vertrauen\nauf sich selbst, das wohl selten in vielseitiger Hinsicht\nmehr gerechtfertigt erscheinen dürfte, ging er im Sommer\n1818 dorthin. Er gab mehrere Compositionen für das Cla-\nvier heraus und nahm seine literarisch-musicalischen Arbei-\nten wieder auf. Eine komische Oper, die er zur Aufführung\nbrachte (VAmant et le Mari, 2\nJuni 1820), hatte einen ziemlichen Erfolg. Späterhin\nschrieb er bis zum Jahre 1832 noch fünf Opern:\nsoeurs jumelles{l. Oct. 1843); Marie Stuart en Ecosse\n(3. Oct. 1823); Le Bourgeois de Rheims (1. Oct. 1824,\nGelegenheits-Stück bei der Krönung Karl's X.); La\nVieille (1. Oct. 1826); Le Mannequin de Bergame (1.\nOct. 1832), welche alle zur Aufführung kamen, wie-\nwohl mit sehr ungleichem Erfolge. Auf dem Repertoire er-\nhielt sich keine. x\nDie französische Regierung aber erkannte die hervor-\nragende Persönlichkeit des Mannes an und ernannte ihn im\nJahre 1821 zum Professor der Compositions-Lehre am\nConservalorium zu Paris.\nWie immer, ergriff Felis auch diesen neuen Wirkungs-\nkreis, der seinem Wissen und seiner Neigung ganz ange-\nmessen war, mit ausserordentlichem Eifer. Seine Methode\nerwarb sich sehr bald die ausdrückliche Belobung durch\ndie Prüfungs-Commission, und einige Jahre nachher las\nCherubini in der Akademie der schönen Künste einen höchst\nehrenvollen. Bericht üher den Traite ch Contrepoint etc.,\nwelchen Fetis für den Gebrauch im Conservatoire geschrie-\nben hatte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-12-13-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-12-13_01#c003", "volume": "bmtnabi_1856-12-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "399", "page_fin": "400", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.2.3", "titre_corps": "Gedichte von Wollgang Müller von", "titre_sommaire": "Gedichte von Wollgang Müller von", "signature_source": "L. 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Und dieser Quell zieht in Müller's Ge-\ndichten, wie er aus der vaterländischen deutschen Erde\nentspringt, auch nur aus heimatlichen Bergen und Thälern,\nFluren und Wäldern seine Nahrung und fliesst rein und\nnatürlich dahin, ohne dass ein künstliches Wehr ihn stauet\nund weit herbeigeschleppte Felsstücke ihn zu verblüffendem\nBrausen und Schäumen zwingen. Hier ist von rhetorischem\nPrunk in der Form eben so wenig vorhanden, als von\nWeltschmerz und zerrissenem Gemüth in dem Inhalte. Ge-\nsundheit ist der Haupt-Charakter von Wolfgang Müller's\nMuse. Sie hat kein blasses Mondschein-Gesicht, kein ver-\nhimmelndes Auge; die Frische der Jugend blüht auf ihren\nWangen, ihr Blick ist frei, aber nicht frech, ihr Wesen\neine lautere Natur. Sie spricht gern, mitunter auch wohl\netwas zu viel: aber in Allem, was sie sagt, liegt ihr Her/,\noffen, ein reines Herz, ein Gemüth ohne Falsch, das jede\nRegung menschlich lühlt, nicht nach philosophischen Kate-\ngorieen oder ästhetischem Katechismus. Selten wohl hat ein\nDichter, namentlich unter den Zeitgenossen, mit so vielem\nRecht, als Müller es am Schlüsse der „Weihe\" des ersten\nBandes (geschrieben an seinem vierzigsten Geburtstage den\n5. März 1856) thut, von seinen Gedichten gesagt;\n„Dies Büchlein ist mein Herz.\""}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "400", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2135, "texte": "Und zwar ein gesundes Herz, ein wahrhaftes, von der Na-\ntur geschaffenes, nicht ein gemachtes, aus Reminiscenzen\naller Leidenschaften und aller Literaturen zusammengeflick-\ntes, von erkünsteltem, niemals empfundenem Schmerz zer-\nfetztes und mit dem Blute seiner Nadelstich-Wunden co-\nquettirendes Herz, oder gar eines, das seinen moralischen\nBruch auf Erden mit Werg aus der Flachsspinnerei der\nPietisten zu stopfen sucht. Weg mit allen diesen Carica-\nturen aus der modernen Lyrik! Wolfgang Müller spricht\nFreud' und Leid, Lust und Schmerz, Jugendmuth und Ju-\ngendtäuschung immer so aus, wie er sie empfindet, nicht,\nwie es der Zeitgeist mit sich bringt. Und nicht trotz\ndem, sonderneben desswegen hat er Recht, wenn er sagt:\n„Krittelt nur, Ihr feinen Richter!\nSollt rair's einmal doch bekennen:\nSeht, auch dieser war ein Dichter!\"\n„Heisst es nicht, man soll' am Grabe\nEines lust'gen Spielmanns holpern?\nEi, da soll von euch noch Mancher\nUeber meinen Hügel stolpern!\"\nDer gesunde Musiker, d. h. derjenige, der ein lyrisches\nGedicht in Melodie setzen will, nicht in accentuirte Decla-\nmation, greife getrost nach diesen Liedern, an denen nir-\ngend etwas Krankhaftes klebt. Namentlich wird er unter\nden zweihundert und zwölf Gedichten des ersten Bändchens,\nwelche den Gesammt-Titel tragen: „Mein Herz ist am\nRheine!\" gnr viele Anregung und Ausbeute finden für\nMelodieen des Frühlings und der Liebe. Wer aber in vollem\nChor Vaterland, Wanderlust, Freude und Wein gern feiert,\nder wird ebenfalls Stoff genug haben, und wir empfehlen\nihm besonders den Liederkreis von Nummer XCVI. bis\nCXX., der das Thema behandelt:\n„Wohl ist des Weines Wissenschaft\nVoll selt'ner Tief und Schwere!\"\nDer Dichter weiss sie aber zu lehren, denn:\n„Er hat studirt die Wissenschaft\nBeim Rebensaft!\"\nWer ihn nun, an demselben Begeisterungs-Quell la-\ngernd, componirt, der wird sicher auch die beste Melodie\nsingen zu:\n„Wenn ich in meinen Becher seh',\nDa strahlt mir erst die Sonne:\nWenn ich die Welt als Zecher seh',\nDann liegt die Welt in Wonne.\nWar' nicht im Wein der Wahrheit Licht,\nBei Gott! dann gab' es Klarheit nicht:\nIm Wein, im Wein ist Wahrheit.\"\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-12-13-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-12-13_01#c004", "volume": "bmtnabi_1856-12-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "400", "page_fin": "402", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.2.4", "titre_corps": "In Sachen Joh. Seb. Bach’s und der Herausgabe seiner Werke.", "titre_sommaire": "In Sachen Joh. Seb. Bach’s und der Herausgabe seiner Werke.", "signature_source": "Robert Zimmer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "400", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.1.4", "debut_caractere": 2137, "fin_caractere_exclue": 4573, "texte": "In Sachen Joh. Seb. Bach’s und der Herausgabe\nseiner Werke.\n\nZugleich mit der ersten Lieferung des V. Bandes hat\ndie Bach-Gesellschaft einen Nachtrag zum 111. Bande aus-\ngegeben. Dieser „Nachtrag\" steht zu einem Aufsatze, den\nich unter dem Titel: „Gedanken beim Erscheinen des 111.\nBandes der Bach-Gesellschaft in Leipzig, Berlin, 1854,\"\nhabe drucken lassen, in nächster Beziehung. Wenngleich\nder Aufsatz speciel nur auf den 111. Band einging, fand er\ndoch auch mancherlei an der Ausgabe im Allgemeinen\nauszusetzen. Das Princip des Unternehmens wurde mit\nkeinem Worte angetastet.\nDie nächste Erwiderung, welche mir zu Gesicht ge-\nkommen, war ein kleiner, anonymer Artikel der Leipziger\nIllustrirten Zeitung. Ihn als von dem Directorium der\nBach-Gesellschaft ausgehend zu betrachten, glaubte ich An-\nstand nehmen zu müssen. Daher blieb er unbeantwortet.\nAngesichts des den „Nachtrag\" einleitenden Schreibens ge-\nstehe ich aber ein, seinen Ursprung verkannt zu haben.\nDer von dem Direclorium der Bach-Gesellschaft untern\nzeichnete Nachtrag geht nur in so weit auf den Inhalt mei-\nnes Aufsatzes ein, als derselbe sich auf ein unbenutztes\nAutograph der Inventionen und Sinfonieen bezogen hatte.\nDas Directorium lässt das ihm neue Autograph „umständ-\nlicher, als vielleicht nöthig war,\" durch Herrn W. Bust\nuntersuchen. Dabei bescheidet es sieh. Hätte es doch die\nhier „vielleicht\" zu freigebig verwandte Mühe auch auf die\nAbstellung der übrigen Mängel des 111. Bandes übertragen!\nOb aber die Mitglieder der Bach-Gesellschaft in alle Zukunft\ndie Verballhornisirungen und Druckfehler des 111. Bandes\nals ein ganz besonderes Gewürz Bach'scher Werke mit-\ngeniessen, das macht ihm das Herz nicht schwer! Nur ver-\nstehe ich dieser Sachlage gegenüber nicht recht die Ver-\nsicherungen seines Pflichtgefühls. Eben so wenig vermag ich\ndie Siegesfreude zu fassen, die darüber improvisirt wird,\n„dass die Abweichungen in jedem Fall nur in der Vorrede\nPlatz gefunden haben würden.\" Mein Aufsatz halte aus-\ndrücklich nur dieses verlangt.\nDie übrigen Angriffe meines Aufsatzes werden durch\nfolgende Phrase abgefertigt: „Auf das genannte Pamphlet\nzu antworten, verbot ihm (dem Directorium nämlich) bei\ndem Ton, der dort angeschlagen ist, die gebührende Rück-\nsicht auf die Würde der Gesellschaft.\"\nSelbst zugegeben, dass die Ausdrucksweise meines\nAufsatzes eine unpassende war, musste sich dem Directo-\nrium immer noch die Alternative stellen: entweder wir"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "401", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5034, "texte": "tragen der Gesellschaft den Inhalt des ~Pamphlets\" in\neinem anderen Tone vor, oder wir verschweigen ihr die\nSchwächen ihrer Ausgabe. Das Directorium hat das Letztere\ngewählt und seine Wahl durch „die gebührende Rücksicht\nauf die Wurde der Bach-Gesellschaft\" motivirt. Es ist mir\nvöllig unbewusst, dem Directorium das Autograph in einem\nanderen Ton empfohlen zu haben, als die übrigen Punkte\nmeines Aufsatzes. Ging dasselbe auf den einen, und noch\ndazu „umständlicher, als vielleicht nöthig war\", ein, so durfte\nes gegen die anderen nicht mehr die Würde der Bach-Gesell-\nschaft vorschützen. Worauf beruht die Würde der Bach-\nGesellschaft? Auf ihrer edlen Absicht, vor der Welt ein\ndauerndes Zeugniss abzulegen, wie hoch sie Bach unser\naller Stolz und Freude halte. Es gibt nur eine Mög-\nlichkeit, diese Würde zu verletzen. Die Mitglieder des Di-\nrectoriums haben sie in ihrer Hand, Anderen ist sie versagt.\nSie heisst: mangelhafte Herausgabe der Werke Bach's.\nVielleicht ist das Epitheton „mangelhaft\" noch zu\nmilde für eine Ausgabe, deren Vorzug fast ausschliesslich\nin dem schönen Stich und Druck zu suchen ist, deren An-\nordnung von keinem leitenden Gedanken bedingt wird, de-\nren Vorreden zum Theil in einer höchst ungebildeten\nSprache geschrieben sind, deren Vorreden Thatsachen ver-\ndrehen oder geradezu fälschen, für eine Ausgabe, die, wie\nmein früherer Aufsatz bewiesen, nicht einmal den Text un-\nangetastet gelassen.\nSo lässt sich Herr W. Rust V. Band, 2. Lieferung,\nVorwort p. I in folgendem, nichts weniger als mustergül-\ntigem Deutsch vernehmen:\nAusdruck des Jubels und der Freude, den das\nschönste Fest der Christenheit beanspracht, von Anfang\nbis zu Ende des Werkes mit Meisterhand glücklich\nemp o r geh all en.\" Ein ähnlicher Bombast die na-\ntürliche Sprache einer künstlichen Begeisterung kenn-\nzeichnet alle Vorreden dieses Herausgebers. Weitere Be-\nweise einer unzureichenden Bildung gibt Herr W. Rust\ndurch den falschen Gebrauch von Fremdwörtern. Er octroyirt\nz. B. dem Worte „Hexameron\" ein genus masculinum.\nSiehe dieselbe Seite. Aber selbst Thatsachen sind vor sei-\nnem genialen Styl nicht sicher. „Nach Forkel hatte sich\naber Friedemann Bach von den Cantaten den Löwenantheil\nzugeeignet, der später durch seinen unordentlichen, oft\ngeldbedürftigen Besitzer, zumal nach Verlust der Organisten-\nStelle in Halle, einzeln verkauft wurde, und somit in alle\nWinde zerstob.\" Die citirte Stelle lautet wörtlich: „Die\nmeisten Werke sind aber nun zerstreut. Die Jahrgänge\nwurden nach des Verfassers Tode unter die älteren Söhne\nvertheilt, und zwar so, dassW. Fr. Bach das Meiste davon\nbekam, weil er in seiner damaligen Stelle zu Halle den\nmeisten Gebrauch davon machen konnte.\" Hier stand der\nliterarische Hercules am Scheidewege: rechts die Wahr-\nheit in schlichten Worten, links die geistreiche Phrase von\ndem „Löwenantheil, der einzeln\" und dahinter die Ver-\ndächtigung des Fr. Bach. —— In vollem Glanz aber zeigt\nsich Herr W. Rust erst Seite XIX desselben Vorwortes,\nwo er einen älteren Anonymus der „Faselei\" (ein Wort,\ndas meines Erachtens einer würdigen Ausgabe ganz fremd\nsein müssle) beschuldigt, weil er das Geburtsjahr Bach's\num zehn Jahre zu spät (nämlich 1694) angegeben. Bach\nsei bekannter Weise Anno 1684 geboren. Der Beweis\ndafür, dass seine Angabe die richtige, die übereinstimmende\nanderer Autoren (1685) die falsche sei, bleibt Herr W.\nRust schuldig. Er scheint das schmeichelhafte Bewusstsein\nzu hegen, dass die Welt nicht Misstrauen in seine Gelehr-\nsamkeit zu setzen wagt. Man lese die zehn Bogen Vor-\nwort zu den beiden Bänden des fünften Jahrganges und\nsage uns dann: was enthalten sie?!\nDie Ausdrucksweise meines Aufsatzes gegen den Re-\ndacteur des 111. Bandes, Herrn C. F.Becker, hat von meh-\nreren Seiten (so auch von dieser Zeitung) Missbilligung er-\nfahren. Ist Herr Becker durch sie in besseren Gefühlen,\nals in seinem literarischen Bewusstsein, verletzt worden,\nso bedaure ich aufrichtig, nicht eine andere gewählt zu\nhaben.\nDas Directorium der Bach-Gesellschaft hat in diesem Jahre\naus eigenem Antriebe das Gegen theil hätte die Gerechtig-\nkeitsliebe zu bekennen geboten den ersten Schritt zur\nBeschleunigung der Herausgabe gethan, indem es statt des\nbisher üblichen einen Bandes zwei Bände erscheinenliess.\nAuch hat es ein Anzeichen gegeben, dass es den „Concur-\nrenz-Nachdruck\", wo irgend thunlich, in Zukunft vermeiden\nwill. So ist, glaube ich wenigstens, der Passus der Vorrede\nder 1. Lieferung des V. Bandes p. XV zu verstehen: Die\nCantate: „Eine feste Burg ist unser Gott\", sei nicht mit\naufgenommen worden, weil sie schon seit langer Zeit durch\nBreitkopf und Härtel gedruckt und bekannt ist.\nWenigstens das wird man mir jetzt zugestehen, dass\nich mich nicht mit thörichten Reformplanen getragen habe.\nHerr W. Rust, der im Auftrage des Direetoriums das\nberliner Autograph der Inventionen und Sinfonieen unter-\nsucht hat, bezeichnet viele der Manieren desselben als un-\necht. Für seine Competenz in dieser Angelegenheit bringt\ner gleich in der Vorrede der ersten Lieferung des V. Ban-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "402", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 460, "texte": "des die Beweise bei. Die Titel zu den Original-Partituren\nder 27. und 29; Cantate (beide befinden sich in Berlin)\nsind nicht, wie Herr Rust behauptet, von Seb. Bach's\nHand, sondern, wie sich Jeder durch Vergleichung leicht\nüberzeugen kann, von der seines Sohnes Ph. Emanuel.\nNun fragt sich, ob demjenigen ein Urtheil in solchen Din-\ngen zustand* der so unterschiedliche Schriftzüge nicht aus\neinander zu halten vermag!\nBerlin, im November 1856.\n\nRobert Zimmer."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-12-13-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-12-13_01#c005", "volume": "bmtnabi_1856-12-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "402", "page_fin": "404", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.2.5", "titre_corps": "Die Darstellung von Mozart’s „Cosi fan tutte“ am dresdener Hoftheater.", "titre_sommaire": "Die Darstellung von Mozart’s „Cosi fan tutte“ am dresdener Hoftheater.", "signature_source": "W", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "402", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.1.6", "debut_caractere": 462, "fin_caractere_exclue": 4868, "texte": "Die Darstellung von Mozart’s „Cosi fan tutte“\nam dresdener Hoftheater.\n\nIhr geschätztes Blatt brachte, unlängst einen Aufsatz\naus Dresden, in welchem Text und Musik des oben ge-\nnannten Werkes bei Gelegenheit Wiederaufnahme des-\nselben in Dresden einer ausführlichen Betrachtung unter-\nzogen wurde. Der Aufführung, selbst ward jedoch\nmit keinem Worte erwähnt*). Erlauben Sie mir daher,\nnachdem ich dieser Aufführung dreimal beigewohnt, Ihnen\neine gedrängte Schilderung davon mitzutheilen.\nEinen grossen, entscheidenden Antheil an dem gewiss\nkaum erwarteten bedeutenden Erfolge des „Cosl fan tutte\"\nin Dresden hatte jedenfalls Herr Reissiger, der von\nseinem Pulte aus nicht nur das Orchester, sondern die\nganze Vorstellung leitete. Das ist doch noch ein echter\nDirigent, ein gründlich geschulter Capellmeister, der seine\nSache vom Grunde aus versteht und nicht etwa, wie es\nan anderen Orten der Fall ist, von jeder ungewöhnlichen\nAufgabe überwältigt, sich von den Mitwirkenden leiten\nlässt. Allerdings ist auch in Dresden mancher moderne\nUebelstand eingerissen, so z.B. die Vorliebe für übereilte\nTempi, wozu auch in „Cosl zahlreiche Belege\nzu finden Wären. Allein der bestimmt ausgedrückte Tact-\nschlag, das genaue Einstudiren und die Autorität über die\nSänger, das sind Eigenschaften, welche meines Wissens\nfast nirgends, selbst nicht in grossen und berühmten .Hof-\ntheatern, in so schönem Vereine anzutreffen sind, als bei\nHerrn Reissiger und seinem Collegen Herrn Krebs.\nIn Folge dessen besitzt aber auch Dresden ein Orchester,\nmit welchem sich weder das berliner, noch das freilich weit\nmehr in Anspruch genommene wiener Orchester messen kann,\nund ist Dresden der fast einzige Ort, wo die Oper, selbst\nbei oft sehr mangelhafter Besetzung einzelner Partieen, ein\nfast immer gutes, oft ausgezeichnetes Ensemble und eine\nnatürliche, nach Kräften einheitlich wirkende Vor-\ntragsart Aller aufzuweisen hat. Diese Eigenschaften sind\nes, durch welche auch die Aufführung des\nsich auszeichnet. Denn wenn man sich durch den wohl-\nthu enden Gesammt-Ein druck nicht von der Beach-\ntung des Einzelnen abwenden lässt, so muss man vorerst\ngestehen, dass die Partieen des Ferrando, des Alfonso und\nder Dorabella zum Theil ungenügend ausgeführt werden.\nDie Vertreterin der letztgenannten Rolle ist eine fein ge-\nbildete Künstlerin, deren Vorzüge in Rollen, die ihrem\njetzigen sehr beschränkten Stimmumfang entsprechen, an-\nerkannt sind; allein Dorabella liegt bereits ausserhalb die-\nser Sphäre, diese Partie liegt der geschätzten Sängerin zu\nhoch und nöthigt sie zuweilen zu einem unschönen Heraus-\npressen der Töne. Die Intonation ist allerdings durchaus\nrein, und ihr Gesangsausdruck ein natürlicher überall, wo\ndie Stimme ausreicht; doch ist eben Letzteres nur selten\nder Fall. Im Spiele schien mir diese Dame zuweilen etwas\nzu heroische Armbewegungen zu machen. Doch bekundete\nsie in vielen Momenten eine wohlthuende Feinheit und\nRuhe der Darstellung, und einige andere Leistungen, welche\nich von ihr sah, z. B. die Nancy in „Martha\", die Englän-\nderin in „Fra Diavolo\", die Rahel in der „Jüdin\", bestä-\ntigten die gute Meinung, welche ich von dem Talente\nund der Bildung jener Künstlerin habe. Dem Tenoristen,\ndem in dieser auch für Dresden tenorarmen Zeit die zwar\ndankbare, aber auch höchst schwierige Partie des Ferrando\nanvertraut ist, kann man einen ziemlich angenehmen, oder\ndoch wenigstens das Ohr nicht grell verletzenden Stimm-\nTimbre, einen natürlichen, gesunden Gesangsausdruck, ein\nanspruchsloses, angemessenes Spiel und vielen Eifer zu-\nerkennen, daher derselbe auch bei guter Stimmdisposition\nminder schwierige Partieen, wie z. B. den Lyonel in\n„ Martha\", ganz befriedigend gibt. Doch besitzt seine Stimme\nzu wenig Ausdauer und klangvolle Festigkeit; dieselbe\nunterliegt häufigen Intonations-Schwankungen, und ausser-\ndem erfordern viele Stellen der genannten Partie eine\nKraft, eine Weichheit, stellenweise Coloratur-Fertigkeit,\nund überhaupt eine künstlerische Durchbildung des Vor-\ntrages, von welchen jener bescheidene und fleissige Sänger\nim Augenblicke noch weit entfernt ist. Ganz ungenügend\nist der Repräsentant des Alfonso. Ein paar hübsche Bass-\n\n*) Wie natürlich, da eine Besprechung derselben ganz ausser\nder Absicht der Verfasserin jenes Aufsatzes lag, die auch\nsehr wohl weiss, dass uns musicalischc Artikel, welche mehr\ndie Sachen als die Personen betreffen, am willkommensten\nD. Red."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "403", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5153, "texte": "löne, die er von der Natur mitbekommen, mag derselbe\nallenfalls in anderen Partieen zur Geltung bringen. Allein\nseine Ton- und Wortbildung ist, namentlich in höherer\nStimmlage, so entschieden unrichtig, dass, so lange\nnicht eine bessere Einsicht sich Bahn bricht und eine totale\nAenderung erzielt, von einem befriedigenden Vortrage gar\nnicht die Rede sein kann, und seine Darstellung so eintönig,\ntrocken und, wenn nicht störend, doch so völlig humorlos,\ndass bei einem weniger guten Ensemble und einer weniger\ngewichtigen Unterstützung durch die drei noch nicht er-\nwähnten Mitwirkenden das Mangelhafte dieser Leistungen\nnoch weit mehr ins Auge fallen müsste.\nDiese drei Mitwirkenden sind: Fr. Bürde-Ney, Frl.\nKrall und Herr Mitterwurzer. Erstere ist als die\nstimmbegabteste, fleissigste und vielseitigste\ndeutsche Sängerin bekannt. Mit seltener Geschmeidigkeit\nweiss sich die Künstlerin in die verschiedensten Aufgaben\nhineinzufinden und sich jedwedes Wirkungsmittel mit kla-\nrem* Verständniss und lobenswerther Mässigung anzueignen.\nIhr Fiordiligi ist eine Leistung, an welcher man schwerlich\nWesentliches aussetzen könnte. Sie spricht deutlich und\ncorrect, ihr Spiel ist immer der Situation angemessen, und\ndie komische Seile des Charakters nicht ohne Humor be-\nsonders hervorgehoben. Ihre musicalische Leistung zeichnet\nsich durch ähnliche Eigenschaften aus. Am wirksamsten\nist Fr. Ney in der B-dur-Arie, weniger befriedigte mich\nihre Mitwirkung im schönen F-dur-Quintett, wo ich eine\ngleichmässigere Betonung und poetischere Auffassung ge-\nwünscht hätte. Viele Coloraturstellen wurden mit ladelloser\nReinheit und Geschmack ausgeführt, über andere glitt\ndie Stimme zu leicht hinweg. Die Künstlerin vermied übri-\ngens, wie absichtlich, jede Kraftentfaltung, wozu\ndiese Partie doch auch manche Gelegenheit bietet. Wahr-\nscheinlich wollte sie dem jetzt in die Mode gekommenen\nVorwurf gegen das Forciren der Stimme ausweichen und\ngerieth dadurch in den entgegengesetzten Fehler, dass einige\nStellen ganz tonlos und kaum hörbar gegeben wurden.\nEine Leistung von ganz eigentümlichem Reize ist die\nDespina des Frl. Krall. Wessen Auge und Ohr durch die\ntonlosen oder kreischende i Stimmen, durch das freche oder\ngezierte Wesen der zahllosen Opern-Soubretten (welche\nmeist kaum zur Posse ausreichen) oft gequält worden ist,\nder muss bei einer solchen Leistung tief aufathmen. Ich\nhatte Gelegenheit, Frl. Krall als Martha, in einer schau-\nspielerisch betrachtet weit schwierigeren Rolle, ein sehr\nfeines, bemerkenswert!! originelles Darstellungs-Talent und\n,a Alice eine aus dem Innern kommende Leidenschaftlich-\nkeit entwickeln zu sehen. Ihre Despina spielt und singt sie\nmit einer Frische, einer Unbefangenheit, einem Verzichten\nauf jeden rohen Effect, wie man es, Angesichts der so häufig\nuns begegnenden Ziererei und Wichtigthuerei, nicht genug\nloben kann. Manche patentirte „Soubrette\" würde viel-\nleicht an einzelnen Stellen komischer wirken; dafür ent-\nschädigt hier die einfache Grazie, das frische Talent einer\nzu bedeutenden Aufgaben berufenen Künstlerin.\nGanz ausgezeichnet ist auch Herr Mitterwurzer. Sein\nGugliemo, mit dem feinsten Humor und der anständigsten\nLaune gespielt und gesungen, gehört ohne Zweifel zu den\nvortrefflichsten Leistungen dieses Künstlers. Ich kenne\nkeinen deutschen Bariton, der im Stande wäre, eine Spiel-\npartie mit solcher Leichtigkeit und Feinheit des Aus-\ndruckes wiederzugeben.\nDie erwähnten drei vorzüglich gelungenen Leistun-\ngen und der sichtliche Fleiss aller Darsteller soll uns\njedoch die bereits berührten Verdienste des trefflichen Or-\nchesters und die ausgezeichnete Leitung des Ganzen nicht\nvergessen lassen. Eine zartere, feiner nuancirte Begleitung\nlässt sich kaum denken. Einzelne Gesangsstellen, nament-\nlich im ersten Finale, könnten übrigens bei weniger\nübereiltem Zeitmaasse noch viel wirksamer\nhervortreten. Dies ist aber auch der einzige Vorwurf,\nder Herrn Reissiger gemacht werden kann. Im richtigen\nTactiren, im Festhalten des einmal gewählten Tempo's, im\nunerbittlich strengen Z u sam menh alten nicht nur des\nOrchesters, sondern auch der Sänger und im musterhaft\ngenauen Einstudiren sucht er seines Gleichen.\nDie günstige Aufnahme \\on „Cosi fan tutte\" in Dres-\nden lässt sich nur aus dem ungewöhnlich starken Besuch\nder ölteren Wiederholungen schliessen; denn an lebhafte\nBeifallsbezeugungen, wie sie der ausübende Künstler, wenn\ner Gelungenes leistet, mit Recht beanspruchen kann,\ndenkt man hier nicht. Ein stilleres, apathischeres Publicum\nals das dresdener gibt es nirgends. An jenen drei Vorstel-\nlungen des „Cosi fan tutte'\\ denen ich beiwohnte, wurde\nFr. Ney nach ihrer Arie mit spärlichem, aus dem Hinter-\ngrunde des Parterres kommendem Applause gerufen, die\nbeiden Arien des Frl. Krall wurden mit warmem, aber\nnicht anhaltendem Beifalle begleitet. Herr Mitterwurzer\nerhielt an einem Abende, trotzdem er vortrefflich sang,\ngar keinen Applaus. Die so vorzüglich gesungenen mehr-\nstimmigen Nummern werden durchgehends mit eisigem\nStillschweigen aufgenommen. Am Schlüsse werden\ngewöhnlich mit harter Mühe von einigen „Enthusiasten\"\nalle Mitwirkenden hervorgerufen, von denen selbst die we-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "404", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 102, "texte": "Niger genügenden nach meinem Dafürhalten mehr Lob\nverdienen, als das gute dresdener Publicum*). W.\n\nW."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-12-13-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-12-13_01#c006", "volume": "bmtnabi_1856-12-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "404", "page_fin": "404", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "404", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.1.8", "debut_caractere": 104, "fin_caractere_exclue": 4048, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHL&IH. Am Montag den 8. d. fand das erste von den Winter-\nAbonnements-Concerten des Männergesang-Vereins, unter\nLeitung des königl. Musik-Directors Franz Weber, im Casino-\nSaale Statt. Es war zahlreich besucht. Am besten wurden „Die\nLotosblume\" von R. Schumann, „Frühlingsnahen44 von C. Kreu-\ntzer, und „Die Gondelfahrt44 von Gade gesungen. Der Vortrag\nder zwei Volkslieder von Silcher erreichte nicht die Vollendung\nfrüherer Leistungen. „Der 66. Psalm44 von V. Lachner und „Das\ndeutsche Lied14 von Schnyder (v. W.) sprachen wenig an. Besser\ngefiel „Der Gesang im Grünen44 von H. Esser und besonders auch\n„Die Maienzeit44 von J. Rietz. Zu bedauern war, dass die Horn-\nbläser nicht erschienen; durch Mangel derselben verlor natürlich\nF. Schubert's „Nachtgesang im Walde44, trotz des guten Gesang-\nVortrages, viel. Herr Louis Brassin spielte mit grossem Beifalle\nLiszt's Transscription des Hochzeits-Marsches u. s. w. von Men-\ndelssohn und einige Salonstücke, von denen Schulhoffs Bravour-\nGalopp am meisten gefiel.\nDer geschätzte Sinfonieen-Componist, Herr Gouvy aus Paris\nweilt seit einigen Tagen hier. Wir werden eine seiner Sinfonieen\nunter seiner Leitung im nächsten Gesellschafts-Concerte (den\n23. Dec.) hören, welches auch noch durch die Vorträge des genialen\nPianisten und Componisten H. Litolff sehr anziehend werden wird.\nDie Soireen für Kammer-Musik beginnen am Dinstag\nden 16. im Hotel Disch. In der dritten Matinee, welche der\nCapellmeister Hiller Sonntag den 14. in seinen Salons gibt, wird\ndie komische Oper von Göthe: „Scherz, List und Rache44, Musik\nvon Max Bruch, am Pianoforte aufgeführt werden.\nIm Anfang des November starb in Breslau der Sänger\nKeller, ein persönlicher Freund C. M. v. Weber's, der für ihn\nden Oberförster Kuno im Freischütz geschrieben hat.\nLeipzig Eine neue Sinfonie (Nr. III.) von Gouvy ist in\ndem letzten Gewandhaus-Concerte, unter Leitung des Componisten,\naufgeführt worden. Sie erhielt Beifall; einstimmig lobt man beson-\nders die Factur und die Richtung auf klare, solide Arbeit.\nJenny Lind-G oldschmid t lebt seit einigen Wochen wie-\nder still und zurückgezogen in Dresden. Dessgleichen Frau\nNissen-Saloman.\nIn der Neuen Wiener Musik-Zeitung kritisirt ein Cor-\nrespondent aus Pesth die Musik-Zustände in dieser Hauptstadt\nvon Ungarn ziemlich schart, was mit den Alles rühmenden Berich-\nten eines anderen Blattes in Wien einen starken Gontrast bildet.\nSo wird z. B. eine Oper „Maria Tudor\", nach dem Englischen (?)\nvon Cseki, Musik von Ignaz Bognar, die im ungarischen\nTheater aufgeführt worden, als ein erbärmliches Machwerk bezeich-\nnet. Ueber ein Concert der Philharmonischen GesellscbaU heisst es\nu. A.: „Was Schümanns Ouvertüre zu Manfred und Liszt's\nPreludes anbelangt, so glauben wir, dass der Dirigent Herr Erkel\nsie nicht aus Freundschaft für Beide mit der Pastorale von Beet-\nhoven zusammenbrachte; denn einen Dienst hat er ihnen damit\nnicht erwiesen, da sich ausser dem winzigen dunkeln Häullein nach\nden Preludes keine Hand rührte.44 Die Soireen für Kammer-\nMusik kommen noch schlechter weg.\nSt. Gratllen. Das dritte Abonnements-Concert zeichnete sieh\ndurch die Anwesenheit Liszt's und R. Wagner's aus, welcher\nerstere seinen Orpheus und seine Preludes, letzterer die Sinfonia\neroica von Beethoven dirigirte. Die Aufführung war eine vortreff-\nliche und bot den hiesigen Musikfreunden einen höchst seltenen\nGenuss.\nDer Pianist Alfred Jaell macht eine Reise durch Italien und\nwird Venedig, Mailand, Florenz, Bologna u. Rom besuchen.\nAnton Rubinstein, der bei den Krönungs-Feierlichkeiten in\nMoskau war, soll sich gegenwärtig in Nizza befinden.\n*) Die Verantwortung für diesen Passus müssen wir dem Herrn\nEinsender überlassen. Uns dünkt, ein Publicum, bei welchem\nIdomeneo und Cosi fan lutte wiederholt volle Häuser machen,\nkönne doch so übel nicht sein, und der Hervorruf Aller\nbestätigt ja, was der Verf. über den G esammt-Eindruck\nselbst gesagt hat. D« Red."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "397", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nFranz Joseph Fetis. I. Von L. Bischof f. Wolfgang Müllers von Königswinter Gedichte. 2. Aufl. Von L. B.\nIn Sachen J. S. Bach's und der Bach-Gesellschafr. Von R. Zimmer. Cosi fan tutie in Dresden. Von W. Tages- und Unter\nbaltungsblatt (Köln Leipzig St. Gallen).\n\nFranz Joseph Fetis.\nI.\nFranz Fetis, Capellmeister des Königs der Belgier\nund Director des Conservatoriums in Brüssel, feierte am\n6. October dieses Jahres seine goldene Hochzeit und wirkt\nnach wie vor in unausgesetzter amtlicher und literarischer\nThätigkeit. Ein Mann, der über ein halbes Jahrhundert lang\nsein Leben der Tonkunst, ihrer Wissenschaft und ihrer Ge-\nschichte mit grossem Erfolg und wohlverdientem Ruhme\ngeweiht hat, ist eine so merkwürdige Erscheinung, dass\ndie Ereignisse seines Lebens und die Entwicklung seiner\nBildung und Wirksamkeit nicht bloss die Theilnahme seiner\nLandsleute, sondern der ganzen musicalischen Welt erregen\nmüssen.\nFranz Joseph Fetis ist den 25. März 1784 zu\nMöns in Belgien geboren, wo sein Vater Organist und\nMusiklehrer war und die Concerle dirigirte. Den ersten mu-\nsicalischen Unterricht ertheille der Vater dem Sohne, der\nschon als Kind eine hervorragende Befähigung für die Ton-\nkunst verrieth und fast eher Noten lesen konnte, als Buch-\nstaben. Denn schon in seinem sechsten Jahre traf er alle\nIntervalle in den verschiedenen Schlüsseln. Das erste In-\nstrument, das man ihm in die Hand gab, war die Violine\nein trelflicher Brauch der alten Zeit, den leider die Ty-\nrannei des Pianoforte verdrängt hat, daher das feine Gehör\nselbst bei tüchtigen Musikern abgenommen hat, weil sie\nihre erste musicalische Bildung am Ciavier erhalten haben,\nbei welchem Lehrer und Stimmer zwei verschiedene Per-\nsonen sind und der Schüler sehr gut lernt, wo das auf\nder Claviatur liegt, aber den Ton desselben bald so, bald\nanders vernimmt.\nIm achten Jahre schrieb Fetis sich selbst schon Duette\nfür die Violine. Dann fing er an, Ciavier zu lernen, und\nohne allen theoretischen Unterricht componirte er ein Con-\ncert für Violine und Orchester, das sein Vater in einem\nöffentlichen Concert spielte und welches als Erzeugniss eines\nWunderkindes mit Beifall begrüsst wurde. In seinem zehn-\nten Jahre spielte er die Orgel im adeligen Capitel von\nSainte-Vaudrii und lernte die Kirchen-Compositionen der\nalten deutschen und italiänischen Meister kennen. Er be-\ngann nun auch mit Eifer das Studium der alten Sprachen,\nallein der Krieg und der zweite Einbruch der Franzosen in\nBelgien unterbrachen jede Art von Studien. Glücklicher\nWeise nahm sich ein alter Buchdruckerei-Factor seiner hu-\nmanistischen Bildung wenigstens für das Lateinische an, und\nein Verein von Dilettanten verschaffte ihm Gelegenheit, die\nInstrumental-Compositionen von Haydn und Mozart zu hören.\nDie Werke dieser Meister, damals im ganzen Glänze\nihrer Neuheit, erschlossen dem jugendlich regsamen und\nempfänglichen Gemüthe eine neue Welt von Harmonie, wo-\nvon er keine Ahnung gehabt hatte. Mit dem Feuer einer\nersten Liebe bemächtigte er sich ihrer, athmete und lebte\nnur in ihnen und trachtete nach nichts Anderem, als sich\nin ihren Geist zu versetzen und diesen im Componiren wie-\nder zu erzeugen. In diesem Streben schrieb er mit rast-\nlosem Eifer darauf los, und ehe er noch das fünfzehnte Jahr\nerreicht hatte, war schon eine ganze Reihe von Compositio-\nnen (zwei Clavier-Concerte, eine Sinfonie, Sonate und Phan-\ntasie für Ciavier, Violin-Quartetts u. s. w.) aus seiner Fe-\nder geflossen.\nNun drangen die Freunde des Vaters darauf, den ta-\nlentvollen Knaben auf das Conservatorium nach Paris zu\nschicken. Im October 1800 trat Franz Fetis dort ein. Er\nwurde in der Theorie Schüler von Rey, der damals auch\ndie grosse Oper dirigirte. Rey lehrte genau nach Rameau;\naber gerade in jene Zeit fiel die Erscheinung des Harmonie-\nSystems von Catel, das zum ersten Male in Frankreich der"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "398", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.1.2", "texte": "Autorität Rameau's schroff entgegentrat, und dieser Mo-\nment war von grossem Einfluss aut den jungen belgischen\nMusiker, der dadurch die Richtung auf das Studium der\nmusicalischen Systeme erhielt, das er späterhin mit so gros-\nsem Eifer verlolgt hat Hauptsächlich um dieser Neigung\nzu ernsten Forschungen über die Theorie der Musik willen\nlernte er Deutsch und Italiänisch, und machte sich an Kirn-\nberger und Sabbatini, die ihm zur Hand waren. Nach drei\nJahren wurde er Repetitor der Rey'schen Gasse, und im\nfolgenden Jahre erhielt er den ersten Preis in der Compo-\nsitions-Lehre. Auf dem Ciavier war erst Boieldieu, und als\ndieser nach Russland ging, Pradher sein Lehrer.\nIm Jahre 1803 verliess er Paris auf anderthalb Jahr,\num zu reisen. In dieser Zeit studirte er besonders die deut-\nschen Theoretiker Marpurg, Kirnberger, Albrechtsberger,\nund vertiefte sich in die Compositionen von J. S. Bach,\nHändel, Haydn und Mozart. Dadurch nahm seine musica-\nlische und ästhetische Bildung eine ganz andere und gründ-\nlichere Richtung, als die pariser Schule sie gab, und nach\nseiner fleissigen und eifrigen Weise arbeitete Fetis diese\nRichtung nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch\ndurch. Alles, was er damals schrieb, zeugte von seiner Vor-\nliebe für die deutsche Schule und von seinem Streben, den\nwahren Geist derselben zu erfassen. Aus dieser Periode\nrühren die Harmoniestücke für acht Blas-Instrumente her,\ndie im Jahre 1818 in Paris als sein Opus 1 erschienen.\nAuch die historischen Studien setzte er mit Eifer fort und\narbeitete unter anderen eine Abhandlung über Guido von\nArezzo und die Geschichte der Notenschrift aus, welche\njedoch, so viel wir wissen, nicht im Druck erschienen ist.\nSeine Vorliebe für die deutsche Schule machte ihn\nnicht blind gegen die Italiäner. Er besuchte die italiänische\nOper lleissig, an welcher eine Strinasacchi, Marianna Sessi,\nferner Noazari, Tacchinardi, Barilli u. s. w. in jener Zeit\nglänzten. Sein unermüdliches Streben nach Bereicherung\nseines Geistes und seines musicalischen Wissens wurde von\neinem natürlichen Hang zur Theilnahme an allem, was auf\ndem Gebiete der Kunst erwuchs, unterstützt. Seine ernste\nArt und Weise, zu studiren, bewahrte ihn aber dabei vor\nder oberflächlichen Vielseitigkeit, zu weicher jener Hang\nallerdings sehr leicht verführt, namentlich in Frankreich.\nSo blieb er denn auch, als er die Italiäner kennen lernte,\nnicht bei ihrer Opern-Musik stehen, sondern angeregt durch\nCherubini, begann er sich in die Traditionen der alten ita-\nliänischen Schule und in die contrapunktischen Lehren der-\nselben zu versenken. Er machte sich hauptsächlich an Pa-\nlestrina und schrieb nach seiner lobenswerthen Weise, die\njedem Kunstjünger nicht genug anempfohlen werden kann,\nwiederum eine Menge Sachen nach diesem Vorbilde. Da-\nnach las er die geschätztesten Theoretiker der Italiäner von\nden ältesten bis auf den Pater Martini und auf Paolucci\nherab und legte den Grund zu den Ideen, die er späterhin\nin seinem Tratte du Contrepoint et de la Fugue verarbeitete.\nAuch über den Choralgesang der katholischen Kirche machte\ner umfassende Quellen-Studien, und verglich zu diesem\nZwecke mehr als zweihundert Handschriften in den Biblio-\ntheken und Kirchen-Archiven von Paris, Cambrai, Arras,\nBrüssel u. s. w..Diese ungeheure Arbeit war auf eine neue\nAusgabe des revidirten und auf seine ursprüngliche Gestalt\nzurückgeführten römischen Choralgesanges berechnet, für\nwelche das Graduale und Antiphonarium auch im Ma-\nnuscripte beendigt wurden; es scheint aber nichts davon\ngedruckt worden zu sein.\nSchon in seinem 22. Jahre (1806) verheiralhete sich\nFetis. Seine Frau, aus einer vornehmen und angesehenen\nFamilie, Enkelin des gelehrten Chevaliers Keralio, war die\neinzige Erbin eines bedeutenden Vermögens. Er bekam\ndurch diese Verbindung eine ganz veränderte Stellung und\nsetzte seine musicalischen Studien als unabhängiger Dilet-\ntant» aber mit demselben Eifer fort. Aber das Schicksal\nspielte ihm einen argen Streich. Der Bankerott eines pa-\nriser Hauses und unglückliche Speculationen einiger Ver-\nwandten seiner Frau brachten diese nicht nur um ihr Ver-\nmögen, sondern trübten auch sein Leben auf eine lange\nBeihe von Jahren, da er sich durch unvorsichtige Gut-\nmüthigkeit hatte hinreissen lassen, drückende Verbindlich-\nkeiten einzugehen, die am Ende den Ruin der Familie doch\nnicht aulhalten konnten. Er musste 1811 Paris verlassen\nund lebte drei Jahre auf dem Lande im Departement der\nArdennen, völlig abgeschnitten von allen musicalischen Hülfs-\nmitteln und Anregungen.\nEr componirte hier eine fünfstimmige Messe mit Be-\ngleitung von Orgel, Violoncells und Contrabässen, die zwar\nnicht im Musikhandel erschienen ist, von Kennern aber für\neines seiner besten Werke gehalten wird. Ausserdem be-\nschäftigten ihn die ernstesten Studien über Philosophie und\nanhaltende Forschungen über die Grundsätze der Harmonie.\nIm December 1813 nahm er die Stelle eines Orga-\nnisten an St. Peter in Douai an, mit welcher das Lehr-\namt für Gesang- und Harmonie-Lehre an der neu errich-\nteten städtischen Musikschule daselbst verbunden war. Fetis\nwidmete sich mit der ihm gewöhnlichen Energie und Thä-\ntigkeit diesem neuen Wirkungskreise. Er übte das Orgel-\nspiel, das er einige Jahre lang ganz vernachlässigt hatte,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "399", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.1.3", "texte": "mit Eifer, und seine amtliche Wirksamkeit an der Schule\nwurde ihm eine erneute Anregung zu.praktischen und theo-\nretischen Arbeiten. Die Resultate davon waren seine\nfeges progressifs(dritte Ausgabe, Paris, bei Brandus, 1 843),\ndenen ein Expose des prineipeszur Einleitung\ndient, seine Methode elementaire a?-\nment, und eine neue Theorie der Musik, welche er im Ma-\nnuscripte der Akademie der schönen Künste zu Paris ein-\nschickte, deren Druck er aber selbst im Jahre 1819 we-\ngen seines Verhältnisses zu Catel, gegen dessen System das\nneue Werk von Fetis hauptsächlich gerichtet war, sistirte.\nEs erschien später, Paris, 1844, bei Schlesinger, als Traite\ncomplet de la theorie et pratique de l'harmonie, ein Band in\ngr. 8, Die vierte, vermehrte Ausgabe Paris, 1849.\nSeit 1806 hatte Fetis den Plan seines bedeutendsten\nWerkes, der Biographie des Mfestgestellt, und in\nDouai beschäftigte er sich fortwährend mit der Ausführung\ndesselben. Ferner componirte er dort auf den Wunsch der\nBehörden ein Requiem für die Gedächtniss-Feier Ludwig's\nXVI. (aufgeführt den 20. April 1814), ein Sextett (Paris,\nbeiO/,y, Op. 5) für Piano zu vier Händen, zwei Violinen,\nBratsche und Bass, viele Orgelstücke und drei- und vierstim-\nmige Gesänge für die Schule. Das alles leistete er binnen fünft-\nhalb Jahren und ertheilte dabei täglich zehn Stunden\nUnterricht! Wieder ein leuchtendes und hoch zuhalten-\ndes Beispiel für unsere jungen Künstler und Schriftsteller,\ndenen es zu genialen Leistungen leider nur immer an\nZeit fehlt!\nFetis fühlte, dass es an der Zeit sei, sich wieder eine\nStellung in Paris zu schaffen, und mit einem Vertrauen\nauf sich selbst, das wohl selten in vielseitiger Hinsicht\nmehr gerechtfertigt erscheinen dürfte, ging er im Sommer\n1818 dorthin. Er gab mehrere Compositionen für das Cla-\nvier heraus und nahm seine literarisch-musicalischen Arbei-\nten wieder auf. Eine komische Oper, die er zur Aufführung\nbrachte (VAmant et le Mari, 2\nJuni 1820), hatte einen ziemlichen Erfolg. Späterhin\nschrieb er bis zum Jahre 1832 noch fünf Opern:\nsoeurs jumelles{l. Oct. 1843); Marie Stuart en Ecosse\n(3. Oct. 1823); Le Bourgeois de Rheims (1. Oct. 1824,\nGelegenheits-Stück bei der Krönung Karl's X.); La\nVieille (1. Oct. 1826); Le Mannequin de Bergame (1.\nOct. 1832), welche alle zur Aufführung kamen, wie-\nwohl mit sehr ungleichem Erfolge. Auf dem Repertoire er-\nhielt sich keine. x\nDie französische Regierung aber erkannte die hervor-\nragende Persönlichkeit des Mannes an und ernannte ihn im\nJahre 1821 zum Professor der Compositions-Lehre am\nConservalorium zu Paris.\nWie immer, ergriff Felis auch diesen neuen Wirkungs-\nkreis, der seinem Wissen und seiner Neigung ganz ange-\nmessen war, mit ausserordentlichem Eifer. Seine Methode\nerwarb sich sehr bald die ausdrückliche Belobung durch\ndie Prüfungs-Commission, und einige Jahre nachher las\nCherubini in der Akademie der schönen Künste einen höchst\nehrenvollen. Bericht üher den Traite ch Contrepoint etc.,\nwelchen Fetis für den Gebrauch im Conservatoire geschrie-\nben hatte.\n\nGedichte von Wollgang Müller von Königs-\nwinter. Zweite, sehr vermehrte und verbesserte\nAullage. Hannover, 1857, bei C. Rümpler. II\nBände kl. 8«\nDie Gedichte des gemüth- und gesinnungsreichen rhei-\nnischen Dichters liegen uns in einer neuen, schön ausge-\nstatteten Auflage vor, und wir heissen sie auch in diesen\nder Tonkunst gewidmeten Blättern willkommen, weil sie\ndasjenige Element, das beiden Künsten, der lyrischen Poesie\nund der Musik, gemeinsam ist, die Empfindung, den Wie-\nderklang der Erscheinungen der Natur und des Seelenle-\nbens im erregten und fühlenden Herzen, zum ursprüngli-\nchen Quell haben. Und dieser Quell zieht in Müller's Ge-\ndichten, wie er aus der vaterländischen deutschen Erde\nentspringt, auch nur aus heimatlichen Bergen und Thälern,\nFluren und Wäldern seine Nahrung und fliesst rein und\nnatürlich dahin, ohne dass ein künstliches Wehr ihn stauet\nund weit herbeigeschleppte Felsstücke ihn zu verblüffendem\nBrausen und Schäumen zwingen. Hier ist von rhetorischem\nPrunk in der Form eben so wenig vorhanden, als von\nWeltschmerz und zerrissenem Gemüth in dem Inhalte. Ge-\nsundheit ist der Haupt-Charakter von Wolfgang Müller's\nMuse. Sie hat kein blasses Mondschein-Gesicht, kein ver-\nhimmelndes Auge; die Frische der Jugend blüht auf ihren\nWangen, ihr Blick ist frei, aber nicht frech, ihr Wesen\neine lautere Natur. Sie spricht gern, mitunter auch wohl\netwas zu viel: aber in Allem, was sie sagt, liegt ihr Her/,\noffen, ein reines Herz, ein Gemüth ohne Falsch, das jede\nRegung menschlich lühlt, nicht nach philosophischen Kate-\ngorieen oder ästhetischem Katechismus. Selten wohl hat ein\nDichter, namentlich unter den Zeitgenossen, mit so vielem\nRecht, als Müller es am Schlüsse der „Weihe\" des ersten\nBandes (geschrieben an seinem vierzigsten Geburtstage den\n5. März 1856) thut, von seinen Gedichten gesagt;\n„Dies Büchlein ist mein Herz.\""}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "400", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.1.4", "texte": "Und zwar ein gesundes Herz, ein wahrhaftes, von der Na-\ntur geschaffenes, nicht ein gemachtes, aus Reminiscenzen\naller Leidenschaften und aller Literaturen zusammengeflick-\ntes, von erkünsteltem, niemals empfundenem Schmerz zer-\nfetztes und mit dem Blute seiner Nadelstich-Wunden co-\nquettirendes Herz, oder gar eines, das seinen moralischen\nBruch auf Erden mit Werg aus der Flachsspinnerei der\nPietisten zu stopfen sucht. Weg mit allen diesen Carica-\nturen aus der modernen Lyrik! Wolfgang Müller spricht\nFreud' und Leid, Lust und Schmerz, Jugendmuth und Ju-\ngendtäuschung immer so aus, wie er sie empfindet, nicht,\nwie es der Zeitgeist mit sich bringt. Und nicht trotz\ndem, sonderneben desswegen hat er Recht, wenn er sagt:\n„Krittelt nur, Ihr feinen Richter!\nSollt rair's einmal doch bekennen:\nSeht, auch dieser war ein Dichter!\"\n„Heisst es nicht, man soll' am Grabe\nEines lust'gen Spielmanns holpern?\nEi, da soll von euch noch Mancher\nUeber meinen Hügel stolpern!\"\nDer gesunde Musiker, d. h. derjenige, der ein lyrisches\nGedicht in Melodie setzen will, nicht in accentuirte Decla-\nmation, greife getrost nach diesen Liedern, an denen nir-\ngend etwas Krankhaftes klebt. Namentlich wird er unter\nden zweihundert und zwölf Gedichten des ersten Bändchens,\nwelche den Gesammt-Titel tragen: „Mein Herz ist am\nRheine!\" gnr viele Anregung und Ausbeute finden für\nMelodieen des Frühlings und der Liebe. Wer aber in vollem\nChor Vaterland, Wanderlust, Freude und Wein gern feiert,\nder wird ebenfalls Stoff genug haben, und wir empfehlen\nihm besonders den Liederkreis von Nummer XCVI. bis\nCXX., der das Thema behandelt:\n„Wohl ist des Weines Wissenschaft\nVoll selt'ner Tief und Schwere!\"\nDer Dichter weiss sie aber zu lehren, denn:\n„Er hat studirt die Wissenschaft\nBeim Rebensaft!\"\nWer ihn nun, an demselben Begeisterungs-Quell la-\ngernd, componirt, der wird sicher auch die beste Melodie\nsingen zu:\n„Wenn ich in meinen Becher seh',\nDa strahlt mir erst die Sonne:\nWenn ich die Welt als Zecher seh',\nDann liegt die Welt in Wonne.\nWar' nicht im Wein der Wahrheit Licht,\nBei Gott! dann gab' es Klarheit nicht:\nIm Wein, im Wein ist Wahrheit.\"\n\nL. B.\n\nIn Sachen Joh. Seb. Bach’s und der Herausgabe\nseiner Werke.\n\nZugleich mit der ersten Lieferung des V. Bandes hat\ndie Bach-Gesellschaft einen Nachtrag zum 111. Bande aus-\ngegeben. Dieser „Nachtrag\" steht zu einem Aufsatze, den\nich unter dem Titel: „Gedanken beim Erscheinen des 111.\nBandes der Bach-Gesellschaft in Leipzig, Berlin, 1854,\"\nhabe drucken lassen, in nächster Beziehung. Wenngleich\nder Aufsatz speciel nur auf den 111. Band einging, fand er\ndoch auch mancherlei an der Ausgabe im Allgemeinen\nauszusetzen. Das Princip des Unternehmens wurde mit\nkeinem Worte angetastet.\nDie nächste Erwiderung, welche mir zu Gesicht ge-\nkommen, war ein kleiner, anonymer Artikel der Leipziger\nIllustrirten Zeitung. Ihn als von dem Directorium der\nBach-Gesellschaft ausgehend zu betrachten, glaubte ich An-\nstand nehmen zu müssen. Daher blieb er unbeantwortet.\nAngesichts des den „Nachtrag\" einleitenden Schreibens ge-\nstehe ich aber ein, seinen Ursprung verkannt zu haben.\nDer von dem Direclorium der Bach-Gesellschaft untern\nzeichnete Nachtrag geht nur in so weit auf den Inhalt mei-\nnes Aufsatzes ein, als derselbe sich auf ein unbenutztes\nAutograph der Inventionen und Sinfonieen bezogen hatte.\nDas Directorium lässt das ihm neue Autograph „umständ-\nlicher, als vielleicht nöthig war,\" durch Herrn W. Bust\nuntersuchen. Dabei bescheidet es sieh. Hätte es doch die\nhier „vielleicht\" zu freigebig verwandte Mühe auch auf die\nAbstellung der übrigen Mängel des 111. Bandes übertragen!\nOb aber die Mitglieder der Bach-Gesellschaft in alle Zukunft\ndie Verballhornisirungen und Druckfehler des 111. Bandes\nals ein ganz besonderes Gewürz Bach'scher Werke mit-\ngeniessen, das macht ihm das Herz nicht schwer! Nur ver-\nstehe ich dieser Sachlage gegenüber nicht recht die Ver-\nsicherungen seines Pflichtgefühls. Eben so wenig vermag ich\ndie Siegesfreude zu fassen, die darüber improvisirt wird,\n„dass die Abweichungen in jedem Fall nur in der Vorrede\nPlatz gefunden haben würden.\" Mein Aufsatz halte aus-\ndrücklich nur dieses verlangt.\nDie übrigen Angriffe meines Aufsatzes werden durch\nfolgende Phrase abgefertigt: „Auf das genannte Pamphlet\nzu antworten, verbot ihm (dem Directorium nämlich) bei\ndem Ton, der dort angeschlagen ist, die gebührende Rück-\nsicht auf die Würde der Gesellschaft.\"\nSelbst zugegeben, dass die Ausdrucksweise meines\nAufsatzes eine unpassende war, musste sich dem Directo-\nrium immer noch die Alternative stellen: entweder wir"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "401", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.1.5", "texte": "tragen der Gesellschaft den Inhalt des ~Pamphlets\" in\neinem anderen Tone vor, oder wir verschweigen ihr die\nSchwächen ihrer Ausgabe. Das Directorium hat das Letztere\ngewählt und seine Wahl durch „die gebührende Rücksicht\nauf die Wurde der Bach-Gesellschaft\" motivirt. Es ist mir\nvöllig unbewusst, dem Directorium das Autograph in einem\nanderen Ton empfohlen zu haben, als die übrigen Punkte\nmeines Aufsatzes. Ging dasselbe auf den einen, und noch\ndazu „umständlicher, als vielleicht nöthig war\", ein, so durfte\nes gegen die anderen nicht mehr die Würde der Bach-Gesell-\nschaft vorschützen. Worauf beruht die Würde der Bach-\nGesellschaft? Auf ihrer edlen Absicht, vor der Welt ein\ndauerndes Zeugniss abzulegen, wie hoch sie Bach unser\naller Stolz und Freude halte. Es gibt nur eine Mög-\nlichkeit, diese Würde zu verletzen. Die Mitglieder des Di-\nrectoriums haben sie in ihrer Hand, Anderen ist sie versagt.\nSie heisst: mangelhafte Herausgabe der Werke Bach's.\nVielleicht ist das Epitheton „mangelhaft\" noch zu\nmilde für eine Ausgabe, deren Vorzug fast ausschliesslich\nin dem schönen Stich und Druck zu suchen ist, deren An-\nordnung von keinem leitenden Gedanken bedingt wird, de-\nren Vorreden zum Theil in einer höchst ungebildeten\nSprache geschrieben sind, deren Vorreden Thatsachen ver-\ndrehen oder geradezu fälschen, für eine Ausgabe, die, wie\nmein früherer Aufsatz bewiesen, nicht einmal den Text un-\nangetastet gelassen.\nSo lässt sich Herr W. Rust V. Band, 2. Lieferung,\nVorwort p. I in folgendem, nichts weniger als mustergül-\ntigem Deutsch vernehmen:\nAusdruck des Jubels und der Freude, den das\nschönste Fest der Christenheit beanspracht, von Anfang\nbis zu Ende des Werkes mit Meisterhand glücklich\nemp o r geh all en.\" Ein ähnlicher Bombast die na-\ntürliche Sprache einer künstlichen Begeisterung kenn-\nzeichnet alle Vorreden dieses Herausgebers. Weitere Be-\nweise einer unzureichenden Bildung gibt Herr W. Rust\ndurch den falschen Gebrauch von Fremdwörtern. Er octroyirt\nz. B. dem Worte „Hexameron\" ein genus masculinum.\nSiehe dieselbe Seite. Aber selbst Thatsachen sind vor sei-\nnem genialen Styl nicht sicher. „Nach Forkel hatte sich\naber Friedemann Bach von den Cantaten den Löwenantheil\nzugeeignet, der später durch seinen unordentlichen, oft\ngeldbedürftigen Besitzer, zumal nach Verlust der Organisten-\nStelle in Halle, einzeln verkauft wurde, und somit in alle\nWinde zerstob.\" Die citirte Stelle lautet wörtlich: „Die\nmeisten Werke sind aber nun zerstreut. Die Jahrgänge\nwurden nach des Verfassers Tode unter die älteren Söhne\nvertheilt, und zwar so, dassW. Fr. Bach das Meiste davon\nbekam, weil er in seiner damaligen Stelle zu Halle den\nmeisten Gebrauch davon machen konnte.\" Hier stand der\nliterarische Hercules am Scheidewege: rechts die Wahr-\nheit in schlichten Worten, links die geistreiche Phrase von\ndem „Löwenantheil, der einzeln\" und dahinter die Ver-\ndächtigung des Fr. Bach. —— In vollem Glanz aber zeigt\nsich Herr W. Rust erst Seite XIX desselben Vorwortes,\nwo er einen älteren Anonymus der „Faselei\" (ein Wort,\ndas meines Erachtens einer würdigen Ausgabe ganz fremd\nsein müssle) beschuldigt, weil er das Geburtsjahr Bach's\num zehn Jahre zu spät (nämlich 1694) angegeben. Bach\nsei bekannter Weise Anno 1684 geboren. Der Beweis\ndafür, dass seine Angabe die richtige, die übereinstimmende\nanderer Autoren (1685) die falsche sei, bleibt Herr W.\nRust schuldig. Er scheint das schmeichelhafte Bewusstsein\nzu hegen, dass die Welt nicht Misstrauen in seine Gelehr-\nsamkeit zu setzen wagt. Man lese die zehn Bogen Vor-\nwort zu den beiden Bänden des fünften Jahrganges und\nsage uns dann: was enthalten sie?!\nDie Ausdrucksweise meines Aufsatzes gegen den Re-\ndacteur des 111. Bandes, Herrn C. F.Becker, hat von meh-\nreren Seiten (so auch von dieser Zeitung) Missbilligung er-\nfahren. Ist Herr Becker durch sie in besseren Gefühlen,\nals in seinem literarischen Bewusstsein, verletzt worden,\nso bedaure ich aufrichtig, nicht eine andere gewählt zu\nhaben.\nDas Directorium der Bach-Gesellschaft hat in diesem Jahre\naus eigenem Antriebe das Gegen theil hätte die Gerechtig-\nkeitsliebe zu bekennen geboten den ersten Schritt zur\nBeschleunigung der Herausgabe gethan, indem es statt des\nbisher üblichen einen Bandes zwei Bände erscheinenliess.\nAuch hat es ein Anzeichen gegeben, dass es den „Concur-\nrenz-Nachdruck\", wo irgend thunlich, in Zukunft vermeiden\nwill. So ist, glaube ich wenigstens, der Passus der Vorrede\nder 1. Lieferung des V. Bandes p. XV zu verstehen: Die\nCantate: „Eine feste Burg ist unser Gott\", sei nicht mit\naufgenommen worden, weil sie schon seit langer Zeit durch\nBreitkopf und Härtel gedruckt und bekannt ist.\nWenigstens das wird man mir jetzt zugestehen, dass\nich mich nicht mit thörichten Reformplanen getragen habe.\nHerr W. Rust, der im Auftrage des Direetoriums das\nberliner Autograph der Inventionen und Sinfonieen unter-\nsucht hat, bezeichnet viele der Manieren desselben als un-\necht. Für seine Competenz in dieser Angelegenheit bringt\ner gleich in der Vorrede der ersten Lieferung des V. Ban-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "402", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.1.6", "texte": "des die Beweise bei. Die Titel zu den Original-Partituren\nder 27. und 29; Cantate (beide befinden sich in Berlin)\nsind nicht, wie Herr Rust behauptet, von Seb. Bach's\nHand, sondern, wie sich Jeder durch Vergleichung leicht\nüberzeugen kann, von der seines Sohnes Ph. Emanuel.\nNun fragt sich, ob demjenigen ein Urtheil in solchen Din-\ngen zustand* der so unterschiedliche Schriftzüge nicht aus\neinander zu halten vermag!\nBerlin, im November 1856.\n\nRobert Zimmer.\n\nDie Darstellung von Mozart’s „Cosi fan tutte“\nam dresdener Hoftheater.\n\nIhr geschätztes Blatt brachte, unlängst einen Aufsatz\naus Dresden, in welchem Text und Musik des oben ge-\nnannten Werkes bei Gelegenheit Wiederaufnahme des-\nselben in Dresden einer ausführlichen Betrachtung unter-\nzogen wurde. Der Aufführung, selbst ward jedoch\nmit keinem Worte erwähnt*). Erlauben Sie mir daher,\nnachdem ich dieser Aufführung dreimal beigewohnt, Ihnen\neine gedrängte Schilderung davon mitzutheilen.\nEinen grossen, entscheidenden Antheil an dem gewiss\nkaum erwarteten bedeutenden Erfolge des „Cosl fan tutte\"\nin Dresden hatte jedenfalls Herr Reissiger, der von\nseinem Pulte aus nicht nur das Orchester, sondern die\nganze Vorstellung leitete. Das ist doch noch ein echter\nDirigent, ein gründlich geschulter Capellmeister, der seine\nSache vom Grunde aus versteht und nicht etwa, wie es\nan anderen Orten der Fall ist, von jeder ungewöhnlichen\nAufgabe überwältigt, sich von den Mitwirkenden leiten\nlässt. Allerdings ist auch in Dresden mancher moderne\nUebelstand eingerissen, so z.B. die Vorliebe für übereilte\nTempi, wozu auch in „Cosl zahlreiche Belege\nzu finden Wären. Allein der bestimmt ausgedrückte Tact-\nschlag, das genaue Einstudiren und die Autorität über die\nSänger, das sind Eigenschaften, welche meines Wissens\nfast nirgends, selbst nicht in grossen und berühmten .Hof-\ntheatern, in so schönem Vereine anzutreffen sind, als bei\nHerrn Reissiger und seinem Collegen Herrn Krebs.\nIn Folge dessen besitzt aber auch Dresden ein Orchester,\nmit welchem sich weder das berliner, noch das freilich weit\nmehr in Anspruch genommene wiener Orchester messen kann,\nund ist Dresden der fast einzige Ort, wo die Oper, selbst\nbei oft sehr mangelhafter Besetzung einzelner Partieen, ein\nfast immer gutes, oft ausgezeichnetes Ensemble und eine\nnatürliche, nach Kräften einheitlich wirkende Vor-\ntragsart Aller aufzuweisen hat. Diese Eigenschaften sind\nes, durch welche auch die Aufführung des\nsich auszeichnet. Denn wenn man sich durch den wohl-\nthu enden Gesammt-Ein druck nicht von der Beach-\ntung des Einzelnen abwenden lässt, so muss man vorerst\ngestehen, dass die Partieen des Ferrando, des Alfonso und\nder Dorabella zum Theil ungenügend ausgeführt werden.\nDie Vertreterin der letztgenannten Rolle ist eine fein ge-\nbildete Künstlerin, deren Vorzüge in Rollen, die ihrem\njetzigen sehr beschränkten Stimmumfang entsprechen, an-\nerkannt sind; allein Dorabella liegt bereits ausserhalb die-\nser Sphäre, diese Partie liegt der geschätzten Sängerin zu\nhoch und nöthigt sie zuweilen zu einem unschönen Heraus-\npressen der Töne. Die Intonation ist allerdings durchaus\nrein, und ihr Gesangsausdruck ein natürlicher überall, wo\ndie Stimme ausreicht; doch ist eben Letzteres nur selten\nder Fall. Im Spiele schien mir diese Dame zuweilen etwas\nzu heroische Armbewegungen zu machen. Doch bekundete\nsie in vielen Momenten eine wohlthuende Feinheit und\nRuhe der Darstellung, und einige andere Leistungen, welche\nich von ihr sah, z. B. die Nancy in „Martha\", die Englän-\nderin in „Fra Diavolo\", die Rahel in der „Jüdin\", bestä-\ntigten die gute Meinung, welche ich von dem Talente\nund der Bildung jener Künstlerin habe. Dem Tenoristen,\ndem in dieser auch für Dresden tenorarmen Zeit die zwar\ndankbare, aber auch höchst schwierige Partie des Ferrando\nanvertraut ist, kann man einen ziemlich angenehmen, oder\ndoch wenigstens das Ohr nicht grell verletzenden Stimm-\nTimbre, einen natürlichen, gesunden Gesangsausdruck, ein\nanspruchsloses, angemessenes Spiel und vielen Eifer zu-\nerkennen, daher derselbe auch bei guter Stimmdisposition\nminder schwierige Partieen, wie z. B. den Lyonel in\n„ Martha\", ganz befriedigend gibt. Doch besitzt seine Stimme\nzu wenig Ausdauer und klangvolle Festigkeit; dieselbe\nunterliegt häufigen Intonations-Schwankungen, und ausser-\ndem erfordern viele Stellen der genannten Partie eine\nKraft, eine Weichheit, stellenweise Coloratur-Fertigkeit,\nund überhaupt eine künstlerische Durchbildung des Vor-\ntrages, von welchen jener bescheidene und fleissige Sänger\nim Augenblicke noch weit entfernt ist. Ganz ungenügend\nist der Repräsentant des Alfonso. Ein paar hübsche Bass-\n\n*) Wie natürlich, da eine Besprechung derselben ganz ausser\nder Absicht der Verfasserin jenes Aufsatzes lag, die auch\nsehr wohl weiss, dass uns musicalischc Artikel, welche mehr\ndie Sachen als die Personen betreffen, am willkommensten\nD. Red."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "403", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.1.7", "texte": "löne, die er von der Natur mitbekommen, mag derselbe\nallenfalls in anderen Partieen zur Geltung bringen. Allein\nseine Ton- und Wortbildung ist, namentlich in höherer\nStimmlage, so entschieden unrichtig, dass, so lange\nnicht eine bessere Einsicht sich Bahn bricht und eine totale\nAenderung erzielt, von einem befriedigenden Vortrage gar\nnicht die Rede sein kann, und seine Darstellung so eintönig,\ntrocken und, wenn nicht störend, doch so völlig humorlos,\ndass bei einem weniger guten Ensemble und einer weniger\ngewichtigen Unterstützung durch die drei noch nicht er-\nwähnten Mitwirkenden das Mangelhafte dieser Leistungen\nnoch weit mehr ins Auge fallen müsste.\nDiese drei Mitwirkenden sind: Fr. Bürde-Ney, Frl.\nKrall und Herr Mitterwurzer. Erstere ist als die\nstimmbegabteste, fleissigste und vielseitigste\ndeutsche Sängerin bekannt. Mit seltener Geschmeidigkeit\nweiss sich die Künstlerin in die verschiedensten Aufgaben\nhineinzufinden und sich jedwedes Wirkungsmittel mit kla-\nrem* Verständniss und lobenswerther Mässigung anzueignen.\nIhr Fiordiligi ist eine Leistung, an welcher man schwerlich\nWesentliches aussetzen könnte. Sie spricht deutlich und\ncorrect, ihr Spiel ist immer der Situation angemessen, und\ndie komische Seile des Charakters nicht ohne Humor be-\nsonders hervorgehoben. Ihre musicalische Leistung zeichnet\nsich durch ähnliche Eigenschaften aus. Am wirksamsten\nist Fr. Ney in der B-dur-Arie, weniger befriedigte mich\nihre Mitwirkung im schönen F-dur-Quintett, wo ich eine\ngleichmässigere Betonung und poetischere Auffassung ge-\nwünscht hätte. Viele Coloraturstellen wurden mit ladelloser\nReinheit und Geschmack ausgeführt, über andere glitt\ndie Stimme zu leicht hinweg. Die Künstlerin vermied übri-\ngens, wie absichtlich, jede Kraftentfaltung, wozu\ndiese Partie doch auch manche Gelegenheit bietet. Wahr-\nscheinlich wollte sie dem jetzt in die Mode gekommenen\nVorwurf gegen das Forciren der Stimme ausweichen und\ngerieth dadurch in den entgegengesetzten Fehler, dass einige\nStellen ganz tonlos und kaum hörbar gegeben wurden.\nEine Leistung von ganz eigentümlichem Reize ist die\nDespina des Frl. Krall. Wessen Auge und Ohr durch die\ntonlosen oder kreischende i Stimmen, durch das freche oder\ngezierte Wesen der zahllosen Opern-Soubretten (welche\nmeist kaum zur Posse ausreichen) oft gequält worden ist,\nder muss bei einer solchen Leistung tief aufathmen. Ich\nhatte Gelegenheit, Frl. Krall als Martha, in einer schau-\nspielerisch betrachtet weit schwierigeren Rolle, ein sehr\nfeines, bemerkenswert!! originelles Darstellungs-Talent und\n,a Alice eine aus dem Innern kommende Leidenschaftlich-\nkeit entwickeln zu sehen. Ihre Despina spielt und singt sie\nmit einer Frische, einer Unbefangenheit, einem Verzichten\nauf jeden rohen Effect, wie man es, Angesichts der so häufig\nuns begegnenden Ziererei und Wichtigthuerei, nicht genug\nloben kann. Manche patentirte „Soubrette\" würde viel-\nleicht an einzelnen Stellen komischer wirken; dafür ent-\nschädigt hier die einfache Grazie, das frische Talent einer\nzu bedeutenden Aufgaben berufenen Künstlerin.\nGanz ausgezeichnet ist auch Herr Mitterwurzer. Sein\nGugliemo, mit dem feinsten Humor und der anständigsten\nLaune gespielt und gesungen, gehört ohne Zweifel zu den\nvortrefflichsten Leistungen dieses Künstlers. Ich kenne\nkeinen deutschen Bariton, der im Stande wäre, eine Spiel-\npartie mit solcher Leichtigkeit und Feinheit des Aus-\ndruckes wiederzugeben.\nDie erwähnten drei vorzüglich gelungenen Leistun-\ngen und der sichtliche Fleiss aller Darsteller soll uns\njedoch die bereits berührten Verdienste des trefflichen Or-\nchesters und die ausgezeichnete Leitung des Ganzen nicht\nvergessen lassen. Eine zartere, feiner nuancirte Begleitung\nlässt sich kaum denken. Einzelne Gesangsstellen, nament-\nlich im ersten Finale, könnten übrigens bei weniger\nübereiltem Zeitmaasse noch viel wirksamer\nhervortreten. Dies ist aber auch der einzige Vorwurf,\nder Herrn Reissiger gemacht werden kann. Im richtigen\nTactiren, im Festhalten des einmal gewählten Tempo's, im\nunerbittlich strengen Z u sam menh alten nicht nur des\nOrchesters, sondern auch der Sänger und im musterhaft\ngenauen Einstudiren sucht er seines Gleichen.\nDie günstige Aufnahme \\on „Cosi fan tutte\" in Dres-\nden lässt sich nur aus dem ungewöhnlich starken Besuch\nder ölteren Wiederholungen schliessen; denn an lebhafte\nBeifallsbezeugungen, wie sie der ausübende Künstler, wenn\ner Gelungenes leistet, mit Recht beanspruchen kann,\ndenkt man hier nicht. Ein stilleres, apathischeres Publicum\nals das dresdener gibt es nirgends. An jenen drei Vorstel-\nlungen des „Cosi fan tutte'\\ denen ich beiwohnte, wurde\nFr. Ney nach ihrer Arie mit spärlichem, aus dem Hinter-\ngrunde des Parterres kommendem Applause gerufen, die\nbeiden Arien des Frl. Krall wurden mit warmem, aber\nnicht anhaltendem Beifalle begleitet. Herr Mitterwurzer\nerhielt an einem Abende, trotzdem er vortrefflich sang,\ngar keinen Applaus. Die so vorzüglich gesungenen mehr-\nstimmigen Nummern werden durchgehends mit eisigem\nStillschweigen aufgenommen. Am Schlüsse werden\ngewöhnlich mit harter Mühe von einigen „Enthusiasten\"\nalle Mitwirkenden hervorgerufen, von denen selbst die we-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "404", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561213-01.1.8", "texte": "Niger genügenden nach meinem Dafürhalten mehr Lob\nverdienen, als das gute dresdener Publicum*). W.\n\nW.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHL&IH. Am Montag den 8. d. fand das erste von den Winter-\nAbonnements-Concerten des Männergesang-Vereins, unter\nLeitung des königl. Musik-Directors Franz Weber, im Casino-\nSaale Statt. Es war zahlreich besucht. Am besten wurden „Die\nLotosblume\" von R. Schumann, „Frühlingsnahen44 von C. Kreu-\ntzer, und „Die Gondelfahrt44 von Gade gesungen. Der Vortrag\nder zwei Volkslieder von Silcher erreichte nicht die Vollendung\nfrüherer Leistungen. „Der 66. Psalm44 von V. Lachner und „Das\ndeutsche Lied14 von Schnyder (v. W.) sprachen wenig an. Besser\ngefiel „Der Gesang im Grünen44 von H. Esser und besonders auch\n„Die Maienzeit44 von J. Rietz. Zu bedauern war, dass die Horn-\nbläser nicht erschienen; durch Mangel derselben verlor natürlich\nF. Schubert's „Nachtgesang im Walde44, trotz des guten Gesang-\nVortrages, viel. Herr Louis Brassin spielte mit grossem Beifalle\nLiszt's Transscription des Hochzeits-Marsches u. s. w. von Men-\ndelssohn und einige Salonstücke, von denen Schulhoffs Bravour-\nGalopp am meisten gefiel.\nDer geschätzte Sinfonieen-Componist, Herr Gouvy aus Paris\nweilt seit einigen Tagen hier. Wir werden eine seiner Sinfonieen\nunter seiner Leitung im nächsten Gesellschafts-Concerte (den\n23. Dec.) hören, welches auch noch durch die Vorträge des genialen\nPianisten und Componisten H. Litolff sehr anziehend werden wird.\nDie Soireen für Kammer-Musik beginnen am Dinstag\nden 16. im Hotel Disch. In der dritten Matinee, welche der\nCapellmeister Hiller Sonntag den 14. in seinen Salons gibt, wird\ndie komische Oper von Göthe: „Scherz, List und Rache44, Musik\nvon Max Bruch, am Pianoforte aufgeführt werden.\nIm Anfang des November starb in Breslau der Sänger\nKeller, ein persönlicher Freund C. M. v. Weber's, der für ihn\nden Oberförster Kuno im Freischütz geschrieben hat.\nLeipzig Eine neue Sinfonie (Nr. III.) von Gouvy ist in\ndem letzten Gewandhaus-Concerte, unter Leitung des Componisten,\naufgeführt worden. Sie erhielt Beifall; einstimmig lobt man beson-\nders die Factur und die Richtung auf klare, solide Arbeit.\nJenny Lind-G oldschmid t lebt seit einigen Wochen wie-\nder still und zurückgezogen in Dresden. Dessgleichen Frau\nNissen-Saloman.\nIn der Neuen Wiener Musik-Zeitung kritisirt ein Cor-\nrespondent aus Pesth die Musik-Zustände in dieser Hauptstadt\nvon Ungarn ziemlich schart, was mit den Alles rühmenden Berich-\nten eines anderen Blattes in Wien einen starken Gontrast bildet.\nSo wird z. B. eine Oper „Maria Tudor\", nach dem Englischen (?)\nvon Cseki, Musik von Ignaz Bognar, die im ungarischen\nTheater aufgeführt worden, als ein erbärmliches Machwerk bezeich-\nnet. Ueber ein Concert der Philharmonischen GesellscbaU heisst es\nu. A.: „Was Schümanns Ouvertüre zu Manfred und Liszt's\nPreludes anbelangt, so glauben wir, dass der Dirigent Herr Erkel\nsie nicht aus Freundschaft für Beide mit der Pastorale von Beet-\nhoven zusammenbrachte; denn einen Dienst hat er ihnen damit\nnicht erwiesen, da sich ausser dem winzigen dunkeln Häullein nach\nden Preludes keine Hand rührte.44 Die Soireen für Kammer-\nMusik kommen noch schlechter weg.\nSt. Gratllen. Das dritte Abonnements-Concert zeichnete sieh\ndurch die Anwesenheit Liszt's und R. Wagner's aus, welcher\nerstere seinen Orpheus und seine Preludes, letzterer die Sinfonia\neroica von Beethoven dirigirte. Die Aufführung war eine vortreff-\nliche und bot den hiesigen Musikfreunden einen höchst seltenen\nGenuss.\nDer Pianist Alfred Jaell macht eine Reise durch Italien und\nwird Venedig, Mailand, Florenz, Bologna u. Rom besuchen.\nAnton Rubinstein, der bei den Krönungs-Feierlichkeiten in\nMoskau war, soll sich gegenwärtig in Nizza befinden.\n*) Die Verantwortung für diesen Passus müssen wir dem Herrn\nEinsender überlassen. Uns dünkt, ein Publicum, bei welchem\nIdomeneo und Cosi fan lutte wiederholt volle Häuser machen,\nkönne doch so übel nicht sein, und der Hervorruf Aller\nbestätigt ja, was der Verf. über den G esammt-Eindruck\nselbst gesagt hat. D« Red."}]}