{"numero_id": "bm-bmtnabi-1856-12-27-01", "volume": "bmtnabi_1856-12-27_01", "ocr_sha256": "6414cbe00f3316500038f01bd8b4117b4acd7354baf1673b39b6fbdf9c2d16c6", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1856/12/27_01/bmtnabi_1856-12-27_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1856-12-27-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-12-27_01#c001", "volume": "bmtnabi_1856-12-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "413", "page_fin": "413", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "413", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 308, "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe. I. Von B. P. (Geschmack - komische Oper italienische Oper, M. Piccolomini). Münchener\nBriefe. Von A. Z. (Oper Odeon-Concerte Kammermusik). Aus Greifswald (Musicalische Zustände). Von H. Bemer-\nkungen eines Engländers über die Musiker in Deutschland. IV. Gesellschafts-Concert in Köln."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-12-27-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-12-27_01#c002", "volume": "bmtnabi_1856-12-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "413", "page_fin": "415", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.2.2", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "413", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.1.1", "debut_caractere": 310, "fin_caractere_exclue": 2470, "texte": "Pariser Briefe.\nI.\n[Pariser Geschmack. - Musterung der Musik im Sep-\ntember, October, November, December. Komische\nOper: Zampa. Italienische Oper: La Traviata,\nMarie Piceolomini.]\nVor dem Schlüsse des Jahres muss ich doch wohl eine\nübersichtliche Musterung der musicalischen Ereignisse der\nersten vier Winter-Monate in Paris anstellen und absenden,\nsonst werde ich am Ende der Trägheit beschuldigt. Ereig-\nnisse, sagte ich ? Nun, davon kann eigentlich nicht die Rede\nsein die Zeit der Evenementsund der ist\nvorbei: wir machen sehr viel in Credit, aber wenn es so\nfort geht, werden wir noch mehr Mühe haben, unseren mu-\nsicalischen Credit aufrecht zu erhalten, als den pecuniären.\nWie kann es auch anders sein, wenn das Publicum mehr\nwie je von der Sucht nach Neuem verzehrt wird und selbst\ngute Componisten verzweifelnd in die Worte ausbrechen:\n„Man weiss nicht mehr, was man aufstecken soll, um die\nLeute zu amusiren!\"\nAmusiren! Ja wohl, damit ist Alles gesagt, wenn man\nnämlich auch den Nervenreiz zum Amüsement rechnet. Zer-\nstreuung und Erschütterung der Nerven, das ist jetzt das\nZiel der Kunstbestrebungen. Von einem Geniessen mit der\nSeele, mit dem Gefühl, oder gar mit dem Nachdenken des\nVerstandes beim sinnlichen Eindruck des Kunstwerkes, ist\nnicht mehr die Rede. So wird denn auch die kurze Le-\nbensdauer selbst guter musicalisch-dramatischer Werke er-\nklärlich : sie verschwinden von der Bühne bald nach ihrer\nGeburt und werden vergessen. Die ganze Theilnahme daran\nist nur Neugier: ist diese gesättigt, so hört jene auf. Auch\nMeyerbeer's Opern machen davon nur eine scheinbare Aus-\nnahme. Ich werde gewiss dem Robert und den Hugenotten\nihre grossen Schönheiten nicht absprechen; dennoch aber\nhat der Reiz neuer Besetzungen der Haupt-Parlieen we-\nnigstens eben so viel Einfluss auf ihre Dauer auf dem Re-\npertoire, als der Werth der Musik. Dass aber der Prophet\nund vollends der Nordstern so lange leben, liegt erstens an\nder Macht des Namens, von deren Zauber bei den Franzo-\nsen ja noch weit grossartigere Beispiele nicht lehlen, und\nzweitens an dem ewig wechselnden Publicum der Fremden,\nvon denen Keiner Paris verlassen will, ohne eine Oper von"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "414", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5136, "texte": "Meyerbeer gesehen zu haben. Was ist aber z. B. von\nAuber's vierzig Opern, von Halevy's fast eben so zahlreichen\nnoch auf der Bühne? Von Gluck, Mozart, Sacchini, Cheru-\nbini, Mehul, Boieldieu, Spontini will ich gar nicht reden!\nDie wahren Kunstfreunde müssen specu-\nliren, und es scheint, dass die Armuth an Genies und die\nNoth der Zeit ihnen zu Hülfe kommen will. Denn nur diese,\nnicht Kunstsinn und bessere Einsicht, haben z. B. die Di-\nrection der Opera comiquebewogen, einige ältere Opern\nwieder hervor zu holen, wie Herold's Zampa und Boiel-\ndieu's Johann von Paris.\nErfreulich war es, dass „Zampa\" am 1. September\nwirklich ein zahlreiches, sehr aufmerksames und empfäng-\nliches, ja, enthusiastisches Publicum fand. Herold\nmachte zuerst mit der Oper „Marie\" in den zwanziger\nJahren unseres Jahrhunderts Aufsehen. Es dauerte etwas\nlange, ehe er ein neues Werk lieferte; aber „Zampa\", am\n3. Mai 1831 'zum ersten Male gegeben, bewies, dass er\ndie Fundgrube seines Talentes keineswegs erschöpft hatte.\nEtwa zwanzig Monate später erschien sein „Pre aux\n(Die Schreiber wiese)\", und wenige Tage darauf raffte ihn\nder Tod in der besten Kraft der Mannesjahre dahin. Von\ndiesen drei Partituren ist „Zampa\" jedenfalls die beste;\ndennoch hatte die „Schreiberwiese\" grösseren Erfolg auf\ndie Dauer, denn sie erlebte beinahe 700 Vorstellungen in\nParis; „Marie\" 350, und „Zampa\" bis zu der Wieder-\nAufnahme in diesem Jahre nur 200.\nDie Ursache dieses Missverhältnisses der Zahl der Auf-\nführungen zu dem relativen Werthe der Composition ist\nwohl hauptsächlich in dem Libretto zu suchen, dessen Ver-\nfasser den Don Juan auf plumpe Weise copirte und Situa-\ntionen auf das Theater der komischen Oper brachte, welche\nman damals, und mit Recht, auf die Theater der Boulevards\nverwies. Denn so weit war der Geschmack des Publicums\nder komischen Oper noch nicht verkommen, dass es auf\ndieser Scene eine Manon Lescaut in der Wüste mit Ver-\ngnügen dahinsterben sah, wie das zu unseren Tagen ge-\nschieht. Ein drittes Moment für die Erklärung der Zurück-\nsetzung Zampa's findet der Berichterstatter der\nmusicale darin, dass Herold die Haupt-Parlieen für be-\nstimmte Sänger geschrieben habe, namentlich den Zampa\nfür Chollet, der einen ausserordentlichen Stimm-Umfang\nbesass und als Bariton ein Falset hatte, wie man es fast nie\nfindet, und die Ritta für Mad. Boulanger, welche damals\nschon bei Jahren war und eben desshalb durch ihren im-\nmer noch trefflichen Gesang diese Rolle, die gar sehr ver-\nliert, wenn sie von einer gewöhnlichen Soubrette gegeben\nwird, in ihr eigentliches Relief stellte. Diese Bemerkung ist\nsehr richtig: auch des unsterblichen Mozart Entführung\naus dem Serail hat später weniger Aufführungen, als sie\nverdient, erlebt, weil die Individualitäten, für Welche Con-\nstanze und Osmin geschrieben waren, sich selten wieder\nfänden.\nDie jetzigen Aufführungen von „Zampa\" sind im Or-\nchester ganz vorzüglich. Die Besetzung auf der Bühne lässt\nManches zu wünschen übrig. Barbot (Zampa) hilft sich\ndurch, weiter auch nichts: die Partie liegt ihm zu tief. Mad.\nUgalde ist keine Camilla, das Sentimentale geht ihr ab.\nMademoiselle Lemercier (Ritta) singt und spielt fein und\neinnehmend, aber als niedliche, jugendliche Soubrette, was\ndem Charakter der Rolle widerspricht. Sainte-Foy (Dan-\ndolo) ist mit seiner Komik und seinem drastischen Gesänge\nunübertrefflich. Am Schlüsse der ersten Vorstellung wurde\nHerold's Büste unter allgemeinem Beifalle des gefüllten\nHauses bekränzt. Die Oper wird auch jetzt noch gegeben;\ndie ersten vier bis sechs Wochen hindurch wöchentlich\nzwei bis drei Mal.\nDas Theätre lyrique eröffnete den 2. September. Wo-\nmit? Mit Clapisson's „Fanchonnette\", aus Dankbarkeit\nfür die Einträglichkeit dieser Oper in der vorigen Saison.\nMit Recht! Auch jetzt wurde sie mit rauschendem Applaus\nwiederaufgenommen. Seid Ihr denn jetzt in Deutschland\nso reich an komischen Opern, dass Ihr gar nichts mehr von\nuns haben wollt? Ich versichere Euch, dass eine Menge\nWaare viel geringeren Werthes auf die deutseben Bühnen\nverpflanzt worden ist: warum denn nicht die „Fanchon-\nnette\", die wirklich allerliebst ist?*)\nDie Italiäner eröffneten mit Rossini's Cenerentola. Als\nliebliches, verfolgtes Kind, als reizendes Aschenbrödel er-\nschien die kolossale Maschine, genannt Alboni, welche\nkeine Crenoline und kein Stahlgestelle braucht, um den\nUmfang zu erheucheln, den ihr Mutter Natur gegeben. Da\nhaben wir wieder die Macht des Namens! In Deutschland\nwäre eine solche Cendrillon, eine solcheZerline unmöglich:\nund doch will das pariser Publicum der erste Richter im\nDramatischen der Öpern-Darstellungen sein! Eine Figur,\n\n*) Wir sind nach eigener Anhörung der Oper in Paris aller-\ndings ebenfalls der Meinung unseres Correspondenlen. Nur\nhaben wir Eins zu bemerken: wo ist eine Sängerin, wie Mad.\nMiolan-Ca rvalho, in Deutschland, die mit der lieblichsten\nStimme eine so vollendete Kunstfertigkeit verbindet, eine Cor-\nrectheit, Feinheit, Anmuth, Zierlichkeit, die sich alle zu dem\nglänzenden Golorit vereinigen, das sie ihrer Fanchonnette gibt?\nWir halten sie unbedingt für die beste Sängerin, welche Paris\njetzt besitzt. Die Redaction."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "415", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5025, "texte": "wie diese Alboni, wirft ja alles Dramatische über den Hau- i\nfen. Von Spiel ist bei ihr gar nicht die Rede, und das ist\nauch am Ende recht gut, sonst würde das Missverhältniss\nnoch lächerlicher. Allein die herrliche Stimme fängt auch\nan, der Zeit ihren Zoll abzutragen: gar viele Stellen schie-\nnen die Sängerin zu geniren, und die Vorsicht beim Dahin-\ngleiten über schmalen oder schlüpfrigen Boden war sehr\nbemerkbar. Trotzdem fehlte es am Schlüsse nicht an einem\nLorberkranze, mit goldenen Blättern gespickt. O Cäsar, der\ndu von allen Ehren, die dir der römische Senat gespendet,\nauf nichts stolzer warst- als auf das Recht, einen Lorber- j\nkränz zu tragen, der dann auch zugleich den Mondschein\nauf deinem Haupte überschattete, was wirst du in den\nelysäischen Gefilden für Augen machen, wenn nach und\nnach alle die Sänger, Tonkünstler und Componisten ankom-\nmen, welche die Krone der Welteroberung spielend er-\nrungen haben!\nAusser der Alboni ist weiter nichts Ausgezeichnetes\nbei der italiänischen Oper, als der Dirigent Bottesini,\nder bekannte Contrabass-Virtuose. Von Bellini hat man\nBeatrice di Tenda wieder hervorgeholt, bloss auf Verlangen\nder F r e z z o 1 i n i, welche die Haupt-Rolle dem gegenwär-\ntigen Zustande ihrer Stimme für angemessen hält: der\nGeist ist willig, aber die Natur ist schwach. Es thut s halt\nnicht mehr. Im Trovatore sah man sie in dem ersten Re-\ncitativ singen: von einem Tone war aber nichts zu hören.\nNichts ergötzlicher in solchen Fällen, als die Kritik der\npariser Blätter : „Ein Herbstnebel umschleierte ihre Stimme,\nbis sie sich strahlend zu den Höhen emporschwang, wo sie\nnoch immer glänzt.\" „Ist nicht der Kampl dieser Künst-\nlerin gegen das Hinwelken ihres Organs ein wahres Wun-\nder? Hat die Kunst jemals auf kühnere Weise die Natur\nherausgefordert?\" Ein neuer Tenor, Mathieu, Fran-\nzose von Geburt, hat eine starke, aber sehr monotone\nStimme: er trat als Trovatore zum ersten Male auf. Ein\nanderer, Ballestra, ein eigentlicher Tenore di forza, trat\nin I due Foscari auf, imponirte zwar, liess aber doch am\nEnde kalt. Wir haben aber auch den guten alten Mario\nwieder, der am 15. November im „Barbier\" wieder er-\nschien : jedenfalls ist er in dem „ kühnen Kampfe der Kunst\nmit der Natur\" glücklicher, als Mad. Frezzoüni.\nAm 6. December kam dann Verdi's Traviata auf die\nScene, und zugleich mit ihr Marie Piccolomini. Die\nTraviata ist bekanntlich aus der Dame aux Camelias des\nAI. Dumas jun. gemacht, welche dann wiederum nichts An-\nderes ist, als eine von den zwanzig Variationen der alten\nGeschichte von der Courli sane im Gewände der\nheutigen Loretten-Wirtschaft. Welch eine Abgeschmackt-\nheit, ein Mädchen, das an der Lungen-Schwindsucht\ndahin siecht, zur Heldin einer Oper zu machen! Eine\nOper und ein Krankenzimmer! eine Sängerin, die von\nAnfang an hustet und an dem Brustkrampf stirbt! noch\nmehr, der es vorgeschrieben ist, den letzten Gesang\nnur mit einem „filo di voce\"wiederzugeben gemäss der\nverrückten neueren Wahrheits-Lehre in der dramatischen\nKunst, nach welcher wir nächstens auch das Erbrechen und\nAehnliches auf der Bühne werden zu sehen bekommen]\nDer Stoff dieser Oper von Verdi ist in der italiänischen\nBearbeitung vollends abscheulich ; die Musik gibt ihm nichts\nnach, sie ist seiner würdig. Dem pariser Publicum, das in\ndie dreihundert Vorstellungen der Dame aux Camelias wie\ntoll gelaufen ist, selbst diesem mundet doch die Oper kei-\nneswegs, und sie ist mehr durchgefallen, als dass sie Er-\nfolg gehabt hat. Das Mittelchen, durch Musik hinter der\nScene Gontrast zu machen gegen den Gesang auf derselben,\nkommt natürlich, da es im Trovatore gewirkt hat, auch\nhier wieder ein paar Mal vor, am widerlichsten im letzten\nAct, wo ein Garnevals-Bachanal mitten in das Sterbe-Duett\nder Violetta und ihres Alfredo drein schlägt. Mit Einem\nWorte, wer das musicalische Drama in seiner tiefsten Er-\nniedrigung kennen lernen will, der sehe die Traviata.\nDie beiden Hauptrollen sangen Mario und Marie Picco-\nlomini, die aus einer „fürstlichen Familie stammt, welche\nSchiller verherrlicht hat\", wie ein hiesiges Blatt sagt. Es\nist möglich, dass ihre Ahnen bis auf Kar! den Grossen oder\naul den Longobarden-König Desiderius hinaufreichen, es ist\nsogar wahr, dass ihr Onkel ein Cardinal ist; allein ei»e Fürstin\ndes Gesanges ist sie nicht, wiewohl es immer ein merkwür-\ndiges Zeichen der Zeit ist, dass eine Prinzessin aus Liebe\nzum Theater eine Lorette spielt. Diese Italiänerin ist\nhübsch, sehr hübsch, allein nichts weniger als eine aristo-\nkratische Schönheit: Alles an ihr ist niedlich und klein, Figur,\nStimme und Talent. Es ist ein Naturkind in Gesang\nund Spiel: mit der Kunst hat sie sich noch nicht viel be-\nfasst, hat vielleicht vor lauter Triumphen noch nicht Zeit\ndazu gehabt. Die Pariser haben aber nun einmal den Eigen-\nsinn, beim Gesang eben so viel, wo nicht fast mehr, auf die\nKunst zu geben, als auf die Natur. Doch genug von\nder italiänischen Oper: die, Arme ist schlimm daran sie\nhat keine Componisten, und bald auch keine Sänger mehr.\n(Fortsetzung folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-12-27-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-12-27_01#c003", "volume": "bmtnabi_1856-12-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "416", "page_fin": "417", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.2.3", "titre_corps": "Münchener Briefe.", "titre_sommaire": "Münchener Briefe.", "signature_source": "A. 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Es ist dies um so anerkennenswerther, als\nandere grosse Bühnen gar zu sehr der Mode huldigen und\ndas arme Publicum fortwährend mit Werken von Meyer-\nbeer, Wagner, Verdi und dergleichen Helden des Getöses\nabspeisen. Allerdings kommt hier und da auch hier eine\nsolche Oper aul die Bühne, allein die Zahl der Vorstellun-\ngen guter Opern ist bei Weitem überwiegend. Wir müs-\nsen namentlich einer Aufführung erwähnen, welche ganz\nbesonders gelungen war: „Die Hochzeit des Figaro\" von\nMozart. Dieses herrliche Werk wurde ausserordentlich\nschön gegeben, und in dieser Leistung dürfte die hiesige\nBühne von keiner anderen in Deutschland übertroflen wer-\nden. Der Graf des Herrn Kindermann, der Figaro des\nHerrn Lindemann waren vortrefflich, Frau Diez war ein\nköstlicher Page, die Susanne des Frl. Schwarzbach recht\ngut, vor Allen aber zeichnete sich Frau Maximilien als\nGräfin aus. Sie sang mit einer Einfachheit und Correctheit,\nund dabei mit einer Wärme und Innigkeit, dass sie jeden\nempfängücheu Zuhörer hinreissen musste. Frau Maximilien\nist eine nicht genug zu schätzende Acquisition für unsere\nOper. Ihre Stimme ist zwar nicht gross, aber ungemein\nwohlklingend und durchweg schön ausgebildet, ihr Spiel\nwürde- und ausdrucksvoll. Ihr Sextus (im Titus) und ihre\nJessonda sind grosse künstlerische Leistungen.\nTitus ist eine Oper, die auf allen grossen Bühnen\nwieder aufgenommen werden sollte. Sie enthält mit das\nSchönste, was Mozart geschrieben hat. Welch ein wunder-\nbarer Reichthum an Melodie! Wie reizend sind die beiden\nArien mit Clarinette und Basselhorn (welche in der hiesi-\ngen Aufführung Herr Bärmann meisterhaft begleitete)!\nWie erschütternd ist das Finale des ersten Actes! Auch\nJessonda verdiente öfter gegeben zu werden. Es ist eine\nliebenswürdige, klare Oper, die wir in unserer Zeit der Miss-\nklänse erst recht werden schätzen lernen. Wie schön, ein-\no\nheitlich und dabei frisch in der Erfindung ist z. B. die\nOpferscene im Tempel zu Anfang des ersten Actes, und\nwie anmuthig ist das Duett der Amazili und Jessonda im\nzweiten Acte! Die ganze Oper ist die Schöpfung eines\nweichen, aber harmonischen, heiteren und freundlichen Ge-\nmüthes!\nDie Odeon-Concerte brachten uns die ~4-diir-Sinfonie\nvon Beethoven. Dies ist eine der bedeutendsten Leistungen\nder hiesigen Hofcapelle. Die Sinfonie wird ausgezeichnet fein\ngespielt, und ganz besonders haben uns die Tempi, welche\nLachner nahm, gefallen. Es ist hier auch Styl geworden,\nden da capozu verlangen; ob es eine löbliche\nSitte ist, wollen wir dahin gestellt sein lassen; jedenfalls\nist es ein Zeichen, dass die Sinfonie ungemein gefällt. In\ndemselben Concerte spielte Herr Lauterbach das Violin-\nConcert von Mendelssohn mit schönem Ton, sicherer Tech-\nnik und vielem Geschmack. Das Concert hatte nach Beet-\nhoven's Sinfonie einen harten Stand; aber das Werk selbst,\njedenfalls eines der besseren von Mendelssohn, und Lau-\nterbach's vortreffliches Spiel sprachen dennoch allgemein an.\nFrl. Heinlein sang die Beelhoven'sche Arie „Ah perfido\",\njedoch mit deutschem Text. Sie trug manche Stelle der\nCantilene recht hübsch vor, aber es ist der jungen Künst-\nlerin 7<u rathen, sich noch sehr ernst aufs Studiren zu ver-\nlegen, denn ihr Gesang lässt noch viel zu wünschen übrig;\nso war ihr Recitativ äusserst mangelhaft und unsicher. Die\nArie „Cujus animamgementem\" aus Rossini's\nvon Herrn Young recht brav gesungen, war in diesem\nConcerte wohl nicht am Platz. Das ist aller-\ndings, wenn wir von seinem kirchlichen Zwecke abstrahi-\nren, recht hübsche Musik, reich an frischen Melodieen und\nklangvollen, prächtig rhythmisirten und harmonisirten Chö-\nren; das Quando corpus ist z. B. ein ganz merkwürdiger\nSatz; allein in demselben Concerte mit einer Beethoven'-\nschen Sinfonie macht sich eine einzelne Arie daraus gewiss\nnicht gut, und besonders wenn noch darauf die Coriolan-\nOuverture folgt. Welch ein Schwung ist in diesem Werke!\nDas dritte Concert im Odeon brachte nur Composi-\ntionen der jüngeren Zeit. Zuerst eine Sinfonie in D-moll\nvon Franz Lachner. Dieser Name hat einen guten Klang\nund wird immer rühmlich unter denen genannt werden, die\ngewissenhaft nach Kräften an dem Dome ausbauen, den\nunsere Väter gegründet und gewölbt haben. Solchen Stre-\nbens wird man noch gedenken, wenn die neue, bunt be-\nmalte Bude der „ Neuhochromantiker\" längst vom Sturm\nzertrümmert liegt. Lachner's Sinfonie zeugt von grosser\nGewandtheit in Anordnung und Bau und ist meistens sehr\nschön instrumentirt; doch könnten die Themata und Mo-\ntive zu einer symphonischen Verarbeitung breiter und bedeu-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "417", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4306, "texte": "tender sein; dieser Vorwurf gilt namentlich dem ersten\nSatze. Das Scherzo ist recht fein; nur der Anfang, ein Ein-\nsetzen alla fuga der Geigen und Bratschen im pp„ ist bei\nseinem rnschen Tempo ganz unverständlich, und die Bässe\nfangen gleich darauf ein schreckliches Gepolter an, von dem\nman auch nichts versteht; erst wann das Orchester das Thema\nforte wiederholt, begreift man dasselbe, wird dann aber\nauch während des ganzen Scherzo durch seine Frische und\nLebendigkeit in Spannung erhalten; das Trio dürfte etwas\nweniger walzerartig sein. Ein Andante mit drei Pauken,\nwelche recht originel benutzt sind, ist der beste Satz in\nder Sinfonie; er enthält viel Schönes, interessante Durch-\nführungen, überraschende Klangeffecte, doch leidet er an\neiniger Länge. Das Finale entspricht dem ersten Satze.\nZwei Terzette von F. Lachner für Frauenstimmen mit Or-\nchesterbegleitung sprachen sehr an, deren eines: Libellen-\ntanz, musste auf stürmisches Verlangen wiederholt werden.\nDiese Terzette verdienen auch vollkommen den Beifall,\nden sie fanden. Frau Diez sang die Mendelssohn'sche\nConcertarie in Bganz vortrefflich; ihre klare, wohlklin-\ngende Stimme, ihr einfacher, geschmackvoller Gesang ver-\nfehlen nie ihre Wirkung auf das Publicum. Herr Müller,\nunser tüchtiger Violoncellist, ärntete Beifall für den Vor-\ntrag des ersten Satzes eines Concertes von Molique. Die\nletzte Nummer des Concertes war eine Ouvertüre zu Phadra\nvon Hiller, eine Composition, die hier durchaus nicht\nansprach.\nIn einem eigenen Concerle im Odeon-Saale lührte Herr\nP. Moralt, dirigirendeg Mitglied der Hofcapelle, sein „neue-\nstes Werk\" Nadeshda, musicalisch-declamatorische Compo-\nsition, und einige kleinere Sachen auf. Mehrere junge Leute\nsollen nahe daran gewesen sein, Krämpfe zu bekommen,\nweil sie bei Anhörung der Nadeshda ihre Beine allzu ge-\nwaltsam im Zaume halten mussten. Einum unverbürgten\nGerüchte zufolge haben dieselben den Coroponisten er-\nsucht, das Werk nächstens bei ausgeräumtem Saale zu\nwiederholen.\nDie Rammermusik-Soireen der Herren Wüllner und\nLauterbach brachten wieder viel des Guten: zwei wunder-\nvolle Haydn'sche Quartetts (Es-dur und F-moll), das\nC-dur-Quartett von Mozart mit den Querständen, das\ngrosse C-dwr-Quartett und eine Wiederholung des\nmoZ/-Quartetts von Beethoven; von Ciavierwerken: die So-\nnate mit Cello in B von Mendelssohn, die H-moll-Sonate\nvon Bach für Ciavier und Violine, das kleine Es-dur-Tr\\o\nvon Beethoven, das Trio desselben Op. 11. mit Clarinette,\nendlich ein Präludium und Fuge in aus den Suiten\nvon Händel. Die Quartettspieler nehmen ihre Aufgabe ernst\nund bieten uns last immer schöne, abgerundete Leistungen;\nso war der Vortrag des Beethoven'schen Quartetts\nganz besonders gelungen; bei dem präcisesten Zusammen-\nwirken erwarb sich jeder Einzelne Anspruch auf beson-\ndere Anerkennung; Herr Lauterbach, dem das schwerste\nTheil dabei zufiel, spielte mit Verständniss und grosser\nLiebe; dabei entwickelte er einen prächtigen Ton und bril-\nlante Technik; die Wiederholung des\ndagegen war nicht so rund, als die erste Aulführung des-\nselben. Herrn Wüllner's Leistungen tragen alle den Stem-\npel eines streng künstlerischen Ernstes, eine leider seltene\nund desshalb doppelt schätzbare Eigenschaft bei einem Pia-\nnisten. Er versteht es, auf den Geist der verschiedenen\nCompositionen einzugehen, ist im Besitz einer schönen\nTechnik und hat einen kräftigen, markigen Ton. Wenn\ner uns nun in der Mendelssohn'schen Sonate mit Cello nicht\nganz befriedigte (sie wurde etwas überjagt und desshalb\nhier und da unklar), so heben wir um so mehr sein Spiel\nin der Sonate von Bach hervor, die er mit Lauterbach sehr\nernst und würdig vortrug. Ferner zeichnete er sich in dem\nTrio von Beethoven mit Clarinette neben den Herren Bär-\nmann und Müller aus; und das Präludium und die Fuge\nvon Händel gestatteten ihm, seine Hauptvorzüge recht zur\nGeltung zu bringen.\nLiszt war ungefähr vierzehn Tage lang hier, erschien\nin mehreren Concerten und beehrte auch die Vorstellung\ndes Titus mit seiner Gegenwart. Sollte das erste Finale\nwirklich spurlos an ihm vorüber gegangen sein? Es gibt\nfreilich unverbesserliche Menschen, und so hat Liszt denn\nauch den Entschluss kund gegeben, München im kommen-\nden April mit einer Aufführung von einigen seiner Sinfonie-\nDichtungen heimzusuchen. Walt's Gott!\n\nA. Z."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-12-27-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-12-27_01#c004", "volume": "bmtnabi_1856-12-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "417", "page_fin": "418", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.2.4", "titre_corps": "Aus Greifswald.", "titre_sommaire": "Aus Greifswald.", "signature_source": "H", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "417", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.1.5", "debut_caractere": 4308, "fin_caractere_exclue": 4895, "texte": "Aus Greifswald.\n\nDen 1. November 1856*).\nVielleicht ist dieser Bericht der erste, der aus unserer\nguten Stadt in Ihre Blätter seinen Weg findet, vielleicht\nder erste, der überhaupt von dem musicalischen Leben\n\n*) Ist uns erst am 20. December zugekommen! Gestützt auf die\nLiberalität der ehrenwerthen Verlagshandlung, ersuchen wir\nwiederholt, alle brieflichen Sendungen an uns unter\nAdresse der M. DuMont-Schauberg'sehen Buchhandlung mi?\ndem Zusatze: „Für die Redaction der Niederrheinischen Musik\nZeitung\", auf dem kürzesten Wege durch die Post hieher ge\nlangen zu lassen. D*e Redaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "418", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4474, "texte": "bei uns Kunde gibt. Es bedurfte eines Festes, wie das,\nwelches wir so eben gefeiert haben, der Jubelfeier des\nvierhundertjährigen Bestehens der Universität, um, wie in\nso mancher anderen, auch in musicalischer Hinsicht einmal\nein wenig von uns reden zu machen.\nNeu-Vorpommern ist bis zum Jahre 181 5 eine schwe-\ndische Provinz gewesen, noch jetzt erinnert Unzähliges an\nden alten Zusammenhang des Landes mit Schweden. Aber\nmit Riesenschritten schreitet das deutsche Wesen vor-\nwärts, mit jedem Jahre erobert die höhere Gultur neuen\nBoden, und die pommer'sche Universität wird in immer\nhöherem Aufschwuuge immer mehr zu dem Mittelpunkte\neines völlig neuen Lebens.\nHier kann nur von der Kunst, von der Tonkunst ins-\nbesondere, die Rede sein. Greilswald gehört zu dem Bunde\ndes norddeutschen Kunstvereins; bereits zählt die Maierkunst\npommer'sche Namen unter ihren würdigsten Vertretern, den\ngenialen Friedrich, den talentvollen Stever, den treff-\nlichen Heyden, welchem die Universität Greifswald in einem\ngrossen Bilde, das die Stiftung der Universität durch Herzog\nWratisla v IX. und R u beno w darstellt, ein eben\nso schönes als in reinster Uneigennützigkeit dargebrachtes\nJubel-Geschenk verdankt. Durch die Professoren U r 1 i c h s\nund Hertz sind erfreuliche Anfänge eines Cabinets von\nGypsabgüssen antiker Meisterwerke der Sculptur begrün-\ndet worden es ist nicht mehr zu früh, auch von\nder Tonkunst und ihrer Pflege bei den Pommern zu reden.\nIch beschränke mich auf Greifswald. Schon früher\nhatten Jahn, Schede, Namen von gutem Klange, hier-\nselbst der ernsteren Muse einen stillen Sitz bereitet. An\nder Spitze der öffentlichen musicalisclien Angelegenheiten\nstand bis vor Kurzem Musik-Director Wö hier, der talent-\nvolle Lieder-Componist, jetzt Lehrer am Conservalorium in\nPesth. Die neue Wahl fiel auf Musik-Director Bern mann,\nbis dahin in Prerszlau. Die Wahl erfolgte kurz vor dem\nJubelfeste der Universität, und der neue Musik-Director\nfand solort Gelegenheit, zu zeigen, dass er dem ihm ge-\nwordenen Rufe Ehre zu machen vermöge.\nAm 15. October, dem Geburtstage Sr. Majestät des\nKönigs, trat Herr Bern mann aum ersten Mal als Com-\nponist und Dirigent öffentlich bei uns auf. Ein dreistimmi-\nges Salvum fac regem für Männerchor mit Orchester zeigte\nden gewandten, erfahrenen und geschmackvollen Compo-\nnisten, den sicheren Dirigenten. Am ersten Tage des\nFestes wurde die kirchliche Feier in der herrlichen Nicolai-\nKirche durch das utrechter von Händel einge-\nleitet, von dem greifswalder Singvereine unter Herrn\nBern man n's Leitung tadellos executirt. Se. Majestät der\nKönig, der Prinz von Preussen und der Prinz Friedrich\nWilhelm von Preussen wohnten der kirchlichen Feier bei.\nAm zweiten Festtage dienten zur Einleitung und zum\nSchlüsse der akademischen Festrede in derselben Kirche\nzwei Chöre aus dem Messias: „Hoch thut euch auf\" und\ndas „ Hallelujah \", von demselben Verein unter Herrn Be m-\nmann's Leitung trefflichst ausgeführt.\nDen Glanzpunkt des musicalischen Theiles der Feier\nbildete ein Concert in dem schönen, zu dem Feste pracht-\nvoll geschmückten Buckow'schen Saale, welcher über 1000\nZuhörer zu lassen vermag. Der greifswalder Singverein\ngab Josua von Händel, unter Leitung des Geheimen Re-\ngierungsrathes Baumstark, Directors der Staats- und\nlandwirtschaftlichen Akademie Eldena, welcher sich nach\nWöhler's Abgang der Leitung des Singvereins und der\nEinübung dieses grossen Werkes in der aufopferndsten\nWeise unterzogen hatte.\nDie Ausführung des Josua war eine in jeder Be-\nziehung gelungene, und sie bildete nicht den kleinsten\nSchmuck des wahrhaft grossartigen Festes. Die trefflich\neinstudirten, mit Feuer und Leben ausgeführten Chöre,\nvorgetragen von ungefähr 80 Sängern, die rühmliche Exe-\ncution der Orchester-Partie durch die städtische Capelle\ndes Herrn Malchow, die von Dilettanten grösstentheils\nvortrefflich ausgeführten Soli, vor Allem die sichere und\numsichtige Leitung des Herrn Baumstark, eines der\ngründlichsten Kenner der grossen Meister aus der italiäni-\nschen und deutschen Schule, vor allen Hä ndel's Alles\nvereinigte sich, um das grosse Werk in einer würdigen\nForm darzustellen. Nicht geringen Antheil hatte an dem\nschönen Gelingen die Führung des Orchesters durch Musik-\nDirector Bern mann, in welchem wir zugleich einen treff-\nlichen Violinisten gewonnen haben.\nSo hat auch in künstlerischer Beziehung für uns mit\ndem Jubelfeste eine neue Zeit begonnen. Möge sie viele,\nvor Allem aber reiche und schöne Früchte bringen!\n\nH."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-12-27-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-12-27_01#c005", "volume": "bmtnabi_1856-12-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "418", "page_fin": "419", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.2.5", "titre_corps": "Bemerkungen eines Engländers über musicalische Zustände in Deutschland.", "titre_sommaire": "Bemerkungen eines Engländers über musicalische Zustände in Deutschland.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "418", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.1.6", "debut_caractere": 4476, "fin_caractere_exclue": 4679, "texte": "Bemerkungen eines Engländers über musicalische\nZustände in Deutschland.\nVor einiger Zeit brachte die „Musical World\" in London\ndas Schreiben eines Engländers, aus welchem wir folgende\nStellen mittheilen:"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "419", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4792, "texte": "„ Mein Herr! Ein Kunstfreund, der die Musik um ihrer\nselbst willen liebt, fand Vieles, was ihm missfällt, und noch\nmehr, was ihn verblüfft, als er im Aufsuchen neuer That-\nsachen und Erscheinungen, die mit seinen Lieblings-For-\nschungen zusammenhangen, einen Reise-Ausflug durch ge-\nwisse Gegenden Deutschlands unternahm.\n„Das jetzige System ist: viel mehr über Musik zu\nschwatzen, als Musik zu machen, und dieses System herrscht\nin einer Ausdehnung vor, dass man, wo man sich immer\nhinbegeben mag, sicher ist, jungen Leuten zu begegnen,\ndie, anstatt besser contrapunktische Uebungen vorzuneh-\nmen, sich in leere Abstractionen verlieren und über Dinge\nsophistisiren, die entweder in der Natur gegründet sind\noder nicht, und im ersteren Falle keiner Theorie bedürfen,\ndie sie auseinandersetzt.\n„Wie die Dinge jetzt stehen, wird die mechanische\nGrundlage, die zur Erkenntniss der Kunst führt, und die\nMethode ihrer Anwendung vernachlässigt oder ganz bei\nSeite gesetzt.\n„Die gefährliche Lehre einer Parteigänger-Schar, die\nman mit Unrecht Musiker nennen würde, giesst nach allen\nRichtungen Gift über das musicalische Deutschland aus.\nIch sage absichtlich: das musicalische Deutschland, da\nman in England nicht glauben soll, dass die Erzeugnisse\ndieser sich zu ihren eigenen Richtern aufwerfenden Schar\nvolksthümlich seien. Im Gegentheil das Volk fragt diese\nmarktschreierischen Prahler nach den Früchten.\n„Einer der Wege, auf dem die „„Zukunft\"\" ihre An-\nsichten durchzubringen sucht, ist der Angriff auf grosse\nMänner, welche das Ohr und die Sympathieen der gebil-\ndeten Welt errungen haben - Männer, die unter ihnen\nselbst gelebt haben und der Ansteckung entgangen sind.\nUnter diesen ist Mendelssohn einer der ersten auf der\nZielscheibe.\n„Als Antwort auf die Behauptung, tlass Mendelssohn kein\nGenie sei und nichts Neues in seiner Kunst hervorgebracht\nhabe, weisen wir Englander auf die Musik zum Sommcr-\nnachtsiraum und die Scherzi hin. „„Der Sommernachts-\ntraum ist gut, aber er ist nicht shakespearisch. (Die Deut-\nschen von der „„Zukunft\"\" kennen Shakespeare besser,\nals wir Engländer, die wir Mendelssohn's Musik ausgezeich-\nnet shakespearisch finden.) Shakespeare'* Sprösslinge sind,\nsagen sie, mehr körperlich u. s. w. Die Scherzi sind nichts\nNeues, weil Beethoven diese Form erschöpft, und Men-\ndelssohn lediglich anstatt des Dreiviertel- den Vierviertel-\ntact angewandt hat.\"\" So geht es ins Endlose fort, bis der\nin Sophismen nicht Bewanderte, der glaubt, dass Musik ge-\nfühlt und geliebt werden müsse, ohne viel nach dem Wie\nund Warum zu fragen, von solchen neuen Kundgebungen\nzurückgescheucht, den Gegenstand der Erörterung mit\nAchselzucken verlässt. Die beklagenswertheste Folge dieses\nmodernen Standes musicalischer Misskennungist der Ein-\nfluss, den sie auf das von Natur nachdenkliche Gemüth der\njungen Deutschen übt, die in manch anderen Beziehungen\nProben ablegen, dass sie zu einer gesunderen Geschmacks-\nrichtung geboren sind. Wie die Sachen jetzt stehen, brin-\ngen sie ihre besten Jahre, anstatt sie den Studien und der\npraktischen Entwicklung zu widmen, in Betrachtungen zu\nund sprechen immer, anstatt zu handeln, zu wirken. Ein\nStreifen Musikpapier, wohl bedeckt mit contrapunktischen\nUebungen, würde mehr Werth haben, als jahrelanges Wie-\nderkäuen der Faseleien über die „„Posthumus-Quartette\"\",\nüber Liszt und Robert Schumann. Indessen ist noch Zeit\nfür einen oder zwei, die anders begannen, zu ihren premiers\namourszurückzukehren und die Talente, womit sie begabt\nsind, besser zu ehren. Sie werden dann bald dahin gelan-\ngen, zu sehen und anzuerkennen, dass das Aburtheilen von\n„„Neu-Weimar\"\" besser seinen Absichten gedient hätte,\nwenn es logisch gewesen wäre, anstatt als die wahre Wun-\nder-Essenz von Caprice aufzutreten. Wo die Folgerungen\nden Voraussetzungen in der Art widersprechen, wie es\nbei der „„Zukunft\"\" der Fall ist, kann die Stellung nicht\nlange behauptet werden.\n„Wenn immer eine falsche Beredsamkeit durch einige\nZeit vorhalten, wenn immer eine affeclirte Abgeschlossenheit\nund ein mysteriöses Wesen für Tiefe gelten mag, wird doch\nder Tag bald kommen, wo das Trugbild weicht. Eines hat\nsich bereits erwiesen: die „„Zukunft\"\" vermag nichts, als\nzu predigen; ihre Anhänger sind unvermögend, Musik zu\nschreiben. Wie bedauerlich ist es aber für ein Land, wel-\nches Händel, Mozart und Beethoven erzeugte, auch nur\nvorübergehend der Schauplatz eines solchen Treibens zu\nsein! Es ist jedes aufrichtigen Musikers Pflicht, gegen die-\nsen Unfug Stand zu halten nicht bloss um die Bekann-\ntesten der „„Zukunftpartei\"\" in ihr rechtes Licht zu stel-\nlen, sondern um mit. Ernst.auf alle jungen Künstler einzu-\nwirken, die aus Uebermaass von Bescheidenheit oder durch\neine augenblickliche Verblendung ihres geistigen Gesichtes\ndie Opfer dieser Sophisterei werden.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-12-27-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-12-27_01#c006", "volume": "bmtnabi_1856-12-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "420", "page_fin": "420", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.2.6", "titre_corps": "Viertes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale, unter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn Ferdinand Hiller.", "titre_sommaire": "Viertes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale, unter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn Ferdinand Hiller.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "420", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4800, "texte": "Viertes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn\nFerdinand Hiller.\nDinstag, den 23. December 1856.\ny\nProgramm. I. 1) Sinfonie Nr. 11. in F-dur von Theodor\nG o u v y (unter Leitung des Componisten). 2) Zwei Weihnachls-\nLieder für Chor von Leonhard Schroeter (1587). 3) Sinfo-\nnie-Concert Nr. IV. für Pianoforte und Orchester von Henry\nLi toi ff, vorgetragen vom Componisten.\n11. 4) Mirjam's Siegsgesang, Gedicht von Grillparzer,\nfür Sopran-Solo und Chor, componirt von Franz Schubert, in-\nstrumentirt von van Eycken. 5) Spinner-Lied für Pianoforte von\nH. Li toi ff. 6) Ouvertüre zum Freischütz von C. M. v. Weber.\nDie Sinfonie von Gouvy ist ein melodieenreiches Werk, das in\nEinem Fluss der Gedanken hinströmt, welche, wenn auch nicht\ndurch originelle Tiefe, doch durchweg durch den Reiz der Anmuth\nund Lieblichkeit fesseln und dem Ganzen eine Einheit des Cha-\nrakters geben, die ausserordentlich wohlthuend ist. Obwohl die Be-\nkanntschaft mit Mendelssohn's und Gade's Orchesterwerken hier und j\nda deutlich hervortritt, so kann man doch keineswegs von bestimm-\nter Nachahmung ihres Stils sprechen: im GegentheiJ, es leuchtet\naus der ganzen trefflichen Arbeit hervor, dass Gouvy ein echter\nVerehrer der Grundsätze ist, nach denen Haydn, Mozart und Beet-\nhoven geschaffen haben. Bei der Anspruchslosigkeit der Motive,\ndie nichts wollen, als der Empfindung einen einfachen musicali-\nschen Ausdruck verleihen, ohne durch Bizarrerie und schroffe Eckig-\nkeit wer weiss was für Deutungen ahnen zu lassen, ist dann auch\nvor Allem die Klarheit der künstlerischen Behandlung, die Durch-\nsichtigkeit der Arbeit zu loben. Das Werk wurde unter der ruhi-\ngen und sicheren Leitung des Componisten gut ausgeführt, und\nwurde mit lebhaftem Beifalle und, was eigentlich, besonders bei\nunserem hiesigen Publicum, noch mehr als lauter Beifall ist, mit\nvoller Befriedigung und mit freudiger Anerkennung des grossen\nTalentes des französischen Componisten aufgenommen ein Be-\nweis, wie sehr wir auch hier das Neue zu schätzen wissen, wenn\nes schön ist.\nHenry Litolff hatten wir lange nicht gehört, und vielleicht\nder grösste Theil des anwesenden Publieums hörte ihn überhaupt\nzum ersten Male. Dass sein eminentes Spiel Erstaunen und Be-\nwunderung erregte, versteht sich von selbst: eine solche Kraft, ver-\nbunden mit so viel Ausdruck und einer so fabelhaften Technik\nnamentlich in Doppelgriffen und in allem, was die Spannkraft des\nGelenkes und die Ausdauer in Anspruch nimmt, macht ihn zu\neiner ganz besonderen Individualität unter den Pianisten. Er ärn-\ntete natürlich ausserordentlichen Beifall, wurde nach dem Vortrage\ndes Concertes und des Spinnerliedes gerufen und gab dann noch\nseinen gewaltigen Bravour-Walzer als Zugabe. Das Sinfonie-Concert\nist unstreitig eine bedeutende Composition, wiewohl es nicht frei\nvon den Mängeln ist, die auch bei LitolfFs früheren Werken dieser\nGattung nicht unbemerkt geblieben sind. Durch die Länge des\nersten Satzes und die Ausdehnung der gleichen Behandlung der\nThemata erzeugt sich leicht eine Art von Monotonie, während da-\ngegen das genial sprudelnde Scherzo, das einfache, aber in seinen\nKlangwirkungen sehr ansprechende Adagio und das feurige Finale\nden geist- und phantasiereichen Componisten bekunden.\nDie Weihnachtslieder von L. Schroeter, eine sehr lieb-\nliche Composition, was man nicht von allen Musikstücken sagen\nkann, die heutzutage ihren Zutritt in den Concertsaal oft bloss ihrem\nehrwürdigen Alter zu verdanken haben, fanden angemessenen Aus-\ndruck; wir haben sie jedoch früher von unserem Chor schon bes-\nser gehört.\n„Mirjam's Siegsgesang\" nach dem Auszug der Israeliten\naus Aegypten und dem Untergang Pharao's „im Abgrund schwarz\nwie seine Brust\" (Grillparzer), trägt zwar Fr. Schub er t's Namen\nan der Spitze, aber wer hier Melodie und Gesang, wie man von\nihm gewohnt ist, zu finden erwartet, wird sich täuschen. Der Haupt-\nfehler des Werkchens, das übrigens doch eine geraume Zeit füllt,\nist der gänzliche Mangel an Styl und an Einheit des musicali-\nschen Charakters, indem zwischen die Nachahmungen von Hän-\ndel sehr auffallende Beethoven'sche Anklänge treten. Die Instru-\nmentirung für Orchester ist von van Eycken geschickt gemacht,\ndoch scheint sie etwas zu rauschend und desshalb auch noch das\nIhrige zum Aneinander von Mannigfaltigem, nicht aber zum In-\neinander desselben beizutragen. Fräulein Catharina Deutz, eine\njugendliche Sängerin, die bei Herrn E. Koch ihre Studien macht,\nsang die Solopartie. Wir hätten ihr eine dankbarere Aufgabe zum\nDebüt in den Gesellschafts-Concerten gewünscht, zumal da diese\nPartie den ganzen mittleren Satz hindurch viel zu tief für sie liegt.\nDie Stellen, welche für die eigentliche Region ihrer wohllautenden,\nvollen Sopranstimme geeignet waren, sang sie ganz gut."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "413", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe. I. Von B. P. (Geschmack - komische Oper italienische Oper, M. Piccolomini). Münchener\nBriefe. Von A. Z. (Oper Odeon-Concerte Kammermusik). Aus Greifswald (Musicalische Zustände). Von H. Bemer-\nkungen eines Engländers über die Musiker in Deutschland. IV. Gesellschafts-Concert in Köln.\n\nPariser Briefe.\nI.\n[Pariser Geschmack. - Musterung der Musik im Sep-\ntember, October, November, December. Komische\nOper: Zampa. Italienische Oper: La Traviata,\nMarie Piceolomini.]\nVor dem Schlüsse des Jahres muss ich doch wohl eine\nübersichtliche Musterung der musicalischen Ereignisse der\nersten vier Winter-Monate in Paris anstellen und absenden,\nsonst werde ich am Ende der Trägheit beschuldigt. Ereig-\nnisse, sagte ich ? Nun, davon kann eigentlich nicht die Rede\nsein die Zeit der Evenementsund der ist\nvorbei: wir machen sehr viel in Credit, aber wenn es so\nfort geht, werden wir noch mehr Mühe haben, unseren mu-\nsicalischen Credit aufrecht zu erhalten, als den pecuniären.\nWie kann es auch anders sein, wenn das Publicum mehr\nwie je von der Sucht nach Neuem verzehrt wird und selbst\ngute Componisten verzweifelnd in die Worte ausbrechen:\n„Man weiss nicht mehr, was man aufstecken soll, um die\nLeute zu amusiren!\"\nAmusiren! Ja wohl, damit ist Alles gesagt, wenn man\nnämlich auch den Nervenreiz zum Amüsement rechnet. Zer-\nstreuung und Erschütterung der Nerven, das ist jetzt das\nZiel der Kunstbestrebungen. Von einem Geniessen mit der\nSeele, mit dem Gefühl, oder gar mit dem Nachdenken des\nVerstandes beim sinnlichen Eindruck des Kunstwerkes, ist\nnicht mehr die Rede. So wird denn auch die kurze Le-\nbensdauer selbst guter musicalisch-dramatischer Werke er-\nklärlich : sie verschwinden von der Bühne bald nach ihrer\nGeburt und werden vergessen. Die ganze Theilnahme daran\nist nur Neugier: ist diese gesättigt, so hört jene auf. Auch\nMeyerbeer's Opern machen davon nur eine scheinbare Aus-\nnahme. Ich werde gewiss dem Robert und den Hugenotten\nihre grossen Schönheiten nicht absprechen; dennoch aber\nhat der Reiz neuer Besetzungen der Haupt-Parlieen we-\nnigstens eben so viel Einfluss auf ihre Dauer auf dem Re-\npertoire, als der Werth der Musik. Dass aber der Prophet\nund vollends der Nordstern so lange leben, liegt erstens an\nder Macht des Namens, von deren Zauber bei den Franzo-\nsen ja noch weit grossartigere Beispiele nicht lehlen, und\nzweitens an dem ewig wechselnden Publicum der Fremden,\nvon denen Keiner Paris verlassen will, ohne eine Oper von"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "414", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.1.2", "texte": "Meyerbeer gesehen zu haben. Was ist aber z. B. von\nAuber's vierzig Opern, von Halevy's fast eben so zahlreichen\nnoch auf der Bühne? Von Gluck, Mozart, Sacchini, Cheru-\nbini, Mehul, Boieldieu, Spontini will ich gar nicht reden!\nDie wahren Kunstfreunde müssen specu-\nliren, und es scheint, dass die Armuth an Genies und die\nNoth der Zeit ihnen zu Hülfe kommen will. Denn nur diese,\nnicht Kunstsinn und bessere Einsicht, haben z. B. die Di-\nrection der Opera comiquebewogen, einige ältere Opern\nwieder hervor zu holen, wie Herold's Zampa und Boiel-\ndieu's Johann von Paris.\nErfreulich war es, dass „Zampa\" am 1. September\nwirklich ein zahlreiches, sehr aufmerksames und empfäng-\nliches, ja, enthusiastisches Publicum fand. Herold\nmachte zuerst mit der Oper „Marie\" in den zwanziger\nJahren unseres Jahrhunderts Aufsehen. Es dauerte etwas\nlange, ehe er ein neues Werk lieferte; aber „Zampa\", am\n3. Mai 1831 'zum ersten Male gegeben, bewies, dass er\ndie Fundgrube seines Talentes keineswegs erschöpft hatte.\nEtwa zwanzig Monate später erschien sein „Pre aux\n(Die Schreiber wiese)\", und wenige Tage darauf raffte ihn\nder Tod in der besten Kraft der Mannesjahre dahin. Von\ndiesen drei Partituren ist „Zampa\" jedenfalls die beste;\ndennoch hatte die „Schreiberwiese\" grösseren Erfolg auf\ndie Dauer, denn sie erlebte beinahe 700 Vorstellungen in\nParis; „Marie\" 350, und „Zampa\" bis zu der Wieder-\nAufnahme in diesem Jahre nur 200.\nDie Ursache dieses Missverhältnisses der Zahl der Auf-\nführungen zu dem relativen Werthe der Composition ist\nwohl hauptsächlich in dem Libretto zu suchen, dessen Ver-\nfasser den Don Juan auf plumpe Weise copirte und Situa-\ntionen auf das Theater der komischen Oper brachte, welche\nman damals, und mit Recht, auf die Theater der Boulevards\nverwies. Denn so weit war der Geschmack des Publicums\nder komischen Oper noch nicht verkommen, dass es auf\ndieser Scene eine Manon Lescaut in der Wüste mit Ver-\ngnügen dahinsterben sah, wie das zu unseren Tagen ge-\nschieht. Ein drittes Moment für die Erklärung der Zurück-\nsetzung Zampa's findet der Berichterstatter der\nmusicale darin, dass Herold die Haupt-Parlieen für be-\nstimmte Sänger geschrieben habe, namentlich den Zampa\nfür Chollet, der einen ausserordentlichen Stimm-Umfang\nbesass und als Bariton ein Falset hatte, wie man es fast nie\nfindet, und die Ritta für Mad. Boulanger, welche damals\nschon bei Jahren war und eben desshalb durch ihren im-\nmer noch trefflichen Gesang diese Rolle, die gar sehr ver-\nliert, wenn sie von einer gewöhnlichen Soubrette gegeben\nwird, in ihr eigentliches Relief stellte. Diese Bemerkung ist\nsehr richtig: auch des unsterblichen Mozart Entführung\naus dem Serail hat später weniger Aufführungen, als sie\nverdient, erlebt, weil die Individualitäten, für Welche Con-\nstanze und Osmin geschrieben waren, sich selten wieder\nfänden.\nDie jetzigen Aufführungen von „Zampa\" sind im Or-\nchester ganz vorzüglich. Die Besetzung auf der Bühne lässt\nManches zu wünschen übrig. Barbot (Zampa) hilft sich\ndurch, weiter auch nichts: die Partie liegt ihm zu tief. Mad.\nUgalde ist keine Camilla, das Sentimentale geht ihr ab.\nMademoiselle Lemercier (Ritta) singt und spielt fein und\neinnehmend, aber als niedliche, jugendliche Soubrette, was\ndem Charakter der Rolle widerspricht. Sainte-Foy (Dan-\ndolo) ist mit seiner Komik und seinem drastischen Gesänge\nunübertrefflich. Am Schlüsse der ersten Vorstellung wurde\nHerold's Büste unter allgemeinem Beifalle des gefüllten\nHauses bekränzt. Die Oper wird auch jetzt noch gegeben;\ndie ersten vier bis sechs Wochen hindurch wöchentlich\nzwei bis drei Mal.\nDas Theätre lyrique eröffnete den 2. September. Wo-\nmit? Mit Clapisson's „Fanchonnette\", aus Dankbarkeit\nfür die Einträglichkeit dieser Oper in der vorigen Saison.\nMit Recht! Auch jetzt wurde sie mit rauschendem Applaus\nwiederaufgenommen. Seid Ihr denn jetzt in Deutschland\nso reich an komischen Opern, dass Ihr gar nichts mehr von\nuns haben wollt? Ich versichere Euch, dass eine Menge\nWaare viel geringeren Werthes auf die deutseben Bühnen\nverpflanzt worden ist: warum denn nicht die „Fanchon-\nnette\", die wirklich allerliebst ist?*)\nDie Italiäner eröffneten mit Rossini's Cenerentola. Als\nliebliches, verfolgtes Kind, als reizendes Aschenbrödel er-\nschien die kolossale Maschine, genannt Alboni, welche\nkeine Crenoline und kein Stahlgestelle braucht, um den\nUmfang zu erheucheln, den ihr Mutter Natur gegeben. Da\nhaben wir wieder die Macht des Namens! In Deutschland\nwäre eine solche Cendrillon, eine solcheZerline unmöglich:\nund doch will das pariser Publicum der erste Richter im\nDramatischen der Öpern-Darstellungen sein! Eine Figur,\n\n*) Wir sind nach eigener Anhörung der Oper in Paris aller-\ndings ebenfalls der Meinung unseres Correspondenlen. Nur\nhaben wir Eins zu bemerken: wo ist eine Sängerin, wie Mad.\nMiolan-Ca rvalho, in Deutschland, die mit der lieblichsten\nStimme eine so vollendete Kunstfertigkeit verbindet, eine Cor-\nrectheit, Feinheit, Anmuth, Zierlichkeit, die sich alle zu dem\nglänzenden Golorit vereinigen, das sie ihrer Fanchonnette gibt?\nWir halten sie unbedingt für die beste Sängerin, welche Paris\njetzt besitzt. Die Redaction."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "415", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.1.3", "texte": "wie diese Alboni, wirft ja alles Dramatische über den Hau- i\nfen. Von Spiel ist bei ihr gar nicht die Rede, und das ist\nauch am Ende recht gut, sonst würde das Missverhältniss\nnoch lächerlicher. Allein die herrliche Stimme fängt auch\nan, der Zeit ihren Zoll abzutragen: gar viele Stellen schie-\nnen die Sängerin zu geniren, und die Vorsicht beim Dahin-\ngleiten über schmalen oder schlüpfrigen Boden war sehr\nbemerkbar. Trotzdem fehlte es am Schlüsse nicht an einem\nLorberkranze, mit goldenen Blättern gespickt. O Cäsar, der\ndu von allen Ehren, die dir der römische Senat gespendet,\nauf nichts stolzer warst- als auf das Recht, einen Lorber- j\nkränz zu tragen, der dann auch zugleich den Mondschein\nauf deinem Haupte überschattete, was wirst du in den\nelysäischen Gefilden für Augen machen, wenn nach und\nnach alle die Sänger, Tonkünstler und Componisten ankom-\nmen, welche die Krone der Welteroberung spielend er-\nrungen haben!\nAusser der Alboni ist weiter nichts Ausgezeichnetes\nbei der italiänischen Oper, als der Dirigent Bottesini,\nder bekannte Contrabass-Virtuose. Von Bellini hat man\nBeatrice di Tenda wieder hervorgeholt, bloss auf Verlangen\nder F r e z z o 1 i n i, welche die Haupt-Rolle dem gegenwär-\ntigen Zustande ihrer Stimme für angemessen hält: der\nGeist ist willig, aber die Natur ist schwach. Es thut s halt\nnicht mehr. Im Trovatore sah man sie in dem ersten Re-\ncitativ singen: von einem Tone war aber nichts zu hören.\nNichts ergötzlicher in solchen Fällen, als die Kritik der\npariser Blätter : „Ein Herbstnebel umschleierte ihre Stimme,\nbis sie sich strahlend zu den Höhen emporschwang, wo sie\nnoch immer glänzt.\" „Ist nicht der Kampl dieser Künst-\nlerin gegen das Hinwelken ihres Organs ein wahres Wun-\nder? Hat die Kunst jemals auf kühnere Weise die Natur\nherausgefordert?\" Ein neuer Tenor, Mathieu, Fran-\nzose von Geburt, hat eine starke, aber sehr monotone\nStimme: er trat als Trovatore zum ersten Male auf. Ein\nanderer, Ballestra, ein eigentlicher Tenore di forza, trat\nin I due Foscari auf, imponirte zwar, liess aber doch am\nEnde kalt. Wir haben aber auch den guten alten Mario\nwieder, der am 15. November im „Barbier\" wieder er-\nschien : jedenfalls ist er in dem „ kühnen Kampfe der Kunst\nmit der Natur\" glücklicher, als Mad. Frezzoüni.\nAm 6. December kam dann Verdi's Traviata auf die\nScene, und zugleich mit ihr Marie Piccolomini. Die\nTraviata ist bekanntlich aus der Dame aux Camelias des\nAI. Dumas jun. gemacht, welche dann wiederum nichts An-\nderes ist, als eine von den zwanzig Variationen der alten\nGeschichte von der Courli sane im Gewände der\nheutigen Loretten-Wirtschaft. Welch eine Abgeschmackt-\nheit, ein Mädchen, das an der Lungen-Schwindsucht\ndahin siecht, zur Heldin einer Oper zu machen! Eine\nOper und ein Krankenzimmer! eine Sängerin, die von\nAnfang an hustet und an dem Brustkrampf stirbt! noch\nmehr, der es vorgeschrieben ist, den letzten Gesang\nnur mit einem „filo di voce\"wiederzugeben gemäss der\nverrückten neueren Wahrheits-Lehre in der dramatischen\nKunst, nach welcher wir nächstens auch das Erbrechen und\nAehnliches auf der Bühne werden zu sehen bekommen]\nDer Stoff dieser Oper von Verdi ist in der italiänischen\nBearbeitung vollends abscheulich ; die Musik gibt ihm nichts\nnach, sie ist seiner würdig. Dem pariser Publicum, das in\ndie dreihundert Vorstellungen der Dame aux Camelias wie\ntoll gelaufen ist, selbst diesem mundet doch die Oper kei-\nneswegs, und sie ist mehr durchgefallen, als dass sie Er-\nfolg gehabt hat. Das Mittelchen, durch Musik hinter der\nScene Gontrast zu machen gegen den Gesang auf derselben,\nkommt natürlich, da es im Trovatore gewirkt hat, auch\nhier wieder ein paar Mal vor, am widerlichsten im letzten\nAct, wo ein Garnevals-Bachanal mitten in das Sterbe-Duett\nder Violetta und ihres Alfredo drein schlägt. Mit Einem\nWorte, wer das musicalische Drama in seiner tiefsten Er-\nniedrigung kennen lernen will, der sehe die Traviata.\nDie beiden Hauptrollen sangen Mario und Marie Picco-\nlomini, die aus einer „fürstlichen Familie stammt, welche\nSchiller verherrlicht hat\", wie ein hiesiges Blatt sagt. Es\nist möglich, dass ihre Ahnen bis auf Kar! den Grossen oder\naul den Longobarden-König Desiderius hinaufreichen, es ist\nsogar wahr, dass ihr Onkel ein Cardinal ist; allein ei»e Fürstin\ndes Gesanges ist sie nicht, wiewohl es immer ein merkwür-\ndiges Zeichen der Zeit ist, dass eine Prinzessin aus Liebe\nzum Theater eine Lorette spielt. Diese Italiänerin ist\nhübsch, sehr hübsch, allein nichts weniger als eine aristo-\nkratische Schönheit: Alles an ihr ist niedlich und klein, Figur,\nStimme und Talent. Es ist ein Naturkind in Gesang\nund Spiel: mit der Kunst hat sie sich noch nicht viel be-\nfasst, hat vielleicht vor lauter Triumphen noch nicht Zeit\ndazu gehabt. Die Pariser haben aber nun einmal den Eigen-\nsinn, beim Gesang eben so viel, wo nicht fast mehr, auf die\nKunst zu geben, als auf die Natur. Doch genug von\nder italiänischen Oper: die, Arme ist schlimm daran sie\nhat keine Componisten, und bald auch keine Sänger mehr.\n(Fortsetzung folgt.)"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "416", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.1.4", "texte": "Münchener Briefe.\n\n[Oper Odeons-Concerte (Sinfonie von F. Lachner)\nSoireen für Kammermusik von Wüllner und\nLauterbach.]\nDen 15. Deceraber 1856.\nDie königliche Theater-Intendant hat sich das Verdienst\nerworben, einige lang' vermisste und in der jetzigen knap-\npen Zeit sehr erwünschte Opern wieder aufs Repertoire zu\nbringen. „Doctor und Apotheker\" wird manchmal gegeben,\nund jüngst wurden wir durch Weigl's „ Schweizerfamilie\",\ndurch Spohr's „Jessonda\" und vor Allem durch „Ti-\ntus\" erfreut! Es ist dies um so anerkennenswerther, als\nandere grosse Bühnen gar zu sehr der Mode huldigen und\ndas arme Publicum fortwährend mit Werken von Meyer-\nbeer, Wagner, Verdi und dergleichen Helden des Getöses\nabspeisen. Allerdings kommt hier und da auch hier eine\nsolche Oper aul die Bühne, allein die Zahl der Vorstellun-\ngen guter Opern ist bei Weitem überwiegend. Wir müs-\nsen namentlich einer Aufführung erwähnen, welche ganz\nbesonders gelungen war: „Die Hochzeit des Figaro\" von\nMozart. Dieses herrliche Werk wurde ausserordentlich\nschön gegeben, und in dieser Leistung dürfte die hiesige\nBühne von keiner anderen in Deutschland übertroflen wer-\nden. Der Graf des Herrn Kindermann, der Figaro des\nHerrn Lindemann waren vortrefflich, Frau Diez war ein\nköstlicher Page, die Susanne des Frl. Schwarzbach recht\ngut, vor Allen aber zeichnete sich Frau Maximilien als\nGräfin aus. Sie sang mit einer Einfachheit und Correctheit,\nund dabei mit einer Wärme und Innigkeit, dass sie jeden\nempfängücheu Zuhörer hinreissen musste. Frau Maximilien\nist eine nicht genug zu schätzende Acquisition für unsere\nOper. Ihre Stimme ist zwar nicht gross, aber ungemein\nwohlklingend und durchweg schön ausgebildet, ihr Spiel\nwürde- und ausdrucksvoll. Ihr Sextus (im Titus) und ihre\nJessonda sind grosse künstlerische Leistungen.\nTitus ist eine Oper, die auf allen grossen Bühnen\nwieder aufgenommen werden sollte. Sie enthält mit das\nSchönste, was Mozart geschrieben hat. Welch ein wunder-\nbarer Reichthum an Melodie! Wie reizend sind die beiden\nArien mit Clarinette und Basselhorn (welche in der hiesi-\ngen Aufführung Herr Bärmann meisterhaft begleitete)!\nWie erschütternd ist das Finale des ersten Actes! Auch\nJessonda verdiente öfter gegeben zu werden. Es ist eine\nliebenswürdige, klare Oper, die wir in unserer Zeit der Miss-\nklänse erst recht werden schätzen lernen. Wie schön, ein-\no\nheitlich und dabei frisch in der Erfindung ist z. B. die\nOpferscene im Tempel zu Anfang des ersten Actes, und\nwie anmuthig ist das Duett der Amazili und Jessonda im\nzweiten Acte! Die ganze Oper ist die Schöpfung eines\nweichen, aber harmonischen, heiteren und freundlichen Ge-\nmüthes!\nDie Odeon-Concerte brachten uns die ~4-diir-Sinfonie\nvon Beethoven. Dies ist eine der bedeutendsten Leistungen\nder hiesigen Hofcapelle. Die Sinfonie wird ausgezeichnet fein\ngespielt, und ganz besonders haben uns die Tempi, welche\nLachner nahm, gefallen. Es ist hier auch Styl geworden,\nden da capozu verlangen; ob es eine löbliche\nSitte ist, wollen wir dahin gestellt sein lassen; jedenfalls\nist es ein Zeichen, dass die Sinfonie ungemein gefällt. In\ndemselben Concerte spielte Herr Lauterbach das Violin-\nConcert von Mendelssohn mit schönem Ton, sicherer Tech-\nnik und vielem Geschmack. Das Concert hatte nach Beet-\nhoven's Sinfonie einen harten Stand; aber das Werk selbst,\njedenfalls eines der besseren von Mendelssohn, und Lau-\nterbach's vortreffliches Spiel sprachen dennoch allgemein an.\nFrl. Heinlein sang die Beelhoven'sche Arie „Ah perfido\",\njedoch mit deutschem Text. Sie trug manche Stelle der\nCantilene recht hübsch vor, aber es ist der jungen Künst-\nlerin 7<u rathen, sich noch sehr ernst aufs Studiren zu ver-\nlegen, denn ihr Gesang lässt noch viel zu wünschen übrig;\nso war ihr Recitativ äusserst mangelhaft und unsicher. Die\nArie „Cujus animamgementem\" aus Rossini's\nvon Herrn Young recht brav gesungen, war in diesem\nConcerte wohl nicht am Platz. Das ist aller-\ndings, wenn wir von seinem kirchlichen Zwecke abstrahi-\nren, recht hübsche Musik, reich an frischen Melodieen und\nklangvollen, prächtig rhythmisirten und harmonisirten Chö-\nren; das Quando corpus ist z. B. ein ganz merkwürdiger\nSatz; allein in demselben Concerte mit einer Beethoven'-\nschen Sinfonie macht sich eine einzelne Arie daraus gewiss\nnicht gut, und besonders wenn noch darauf die Coriolan-\nOuverture folgt. Welch ein Schwung ist in diesem Werke!\nDas dritte Concert im Odeon brachte nur Composi-\ntionen der jüngeren Zeit. Zuerst eine Sinfonie in D-moll\nvon Franz Lachner. Dieser Name hat einen guten Klang\nund wird immer rühmlich unter denen genannt werden, die\ngewissenhaft nach Kräften an dem Dome ausbauen, den\nunsere Väter gegründet und gewölbt haben. Solchen Stre-\nbens wird man noch gedenken, wenn die neue, bunt be-\nmalte Bude der „ Neuhochromantiker\" längst vom Sturm\nzertrümmert liegt. Lachner's Sinfonie zeugt von grosser\nGewandtheit in Anordnung und Bau und ist meistens sehr\nschön instrumentirt; doch könnten die Themata und Mo-\ntive zu einer symphonischen Verarbeitung breiter und bedeu-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "417", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.1.5", "texte": "tender sein; dieser Vorwurf gilt namentlich dem ersten\nSatze. Das Scherzo ist recht fein; nur der Anfang, ein Ein-\nsetzen alla fuga der Geigen und Bratschen im pp„ ist bei\nseinem rnschen Tempo ganz unverständlich, und die Bässe\nfangen gleich darauf ein schreckliches Gepolter an, von dem\nman auch nichts versteht; erst wann das Orchester das Thema\nforte wiederholt, begreift man dasselbe, wird dann aber\nauch während des ganzen Scherzo durch seine Frische und\nLebendigkeit in Spannung erhalten; das Trio dürfte etwas\nweniger walzerartig sein. Ein Andante mit drei Pauken,\nwelche recht originel benutzt sind, ist der beste Satz in\nder Sinfonie; er enthält viel Schönes, interessante Durch-\nführungen, überraschende Klangeffecte, doch leidet er an\neiniger Länge. Das Finale entspricht dem ersten Satze.\nZwei Terzette von F. Lachner für Frauenstimmen mit Or-\nchesterbegleitung sprachen sehr an, deren eines: Libellen-\ntanz, musste auf stürmisches Verlangen wiederholt werden.\nDiese Terzette verdienen auch vollkommen den Beifall,\nden sie fanden. Frau Diez sang die Mendelssohn'sche\nConcertarie in Bganz vortrefflich; ihre klare, wohlklin-\ngende Stimme, ihr einfacher, geschmackvoller Gesang ver-\nfehlen nie ihre Wirkung auf das Publicum. Herr Müller,\nunser tüchtiger Violoncellist, ärntete Beifall für den Vor-\ntrag des ersten Satzes eines Concertes von Molique. Die\nletzte Nummer des Concertes war eine Ouvertüre zu Phadra\nvon Hiller, eine Composition, die hier durchaus nicht\nansprach.\nIn einem eigenen Concerle im Odeon-Saale lührte Herr\nP. Moralt, dirigirendeg Mitglied der Hofcapelle, sein „neue-\nstes Werk\" Nadeshda, musicalisch-declamatorische Compo-\nsition, und einige kleinere Sachen auf. Mehrere junge Leute\nsollen nahe daran gewesen sein, Krämpfe zu bekommen,\nweil sie bei Anhörung der Nadeshda ihre Beine allzu ge-\nwaltsam im Zaume halten mussten. Einum unverbürgten\nGerüchte zufolge haben dieselben den Coroponisten er-\nsucht, das Werk nächstens bei ausgeräumtem Saale zu\nwiederholen.\nDie Rammermusik-Soireen der Herren Wüllner und\nLauterbach brachten wieder viel des Guten: zwei wunder-\nvolle Haydn'sche Quartetts (Es-dur und F-moll), das\nC-dur-Quartett von Mozart mit den Querständen, das\ngrosse C-dwr-Quartett und eine Wiederholung des\nmoZ/-Quartetts von Beethoven; von Ciavierwerken: die So-\nnate mit Cello in B von Mendelssohn, die H-moll-Sonate\nvon Bach für Ciavier und Violine, das kleine Es-dur-Tr\\o\nvon Beethoven, das Trio desselben Op. 11. mit Clarinette,\nendlich ein Präludium und Fuge in aus den Suiten\nvon Händel. Die Quartettspieler nehmen ihre Aufgabe ernst\nund bieten uns last immer schöne, abgerundete Leistungen;\nso war der Vortrag des Beethoven'schen Quartetts\nganz besonders gelungen; bei dem präcisesten Zusammen-\nwirken erwarb sich jeder Einzelne Anspruch auf beson-\ndere Anerkennung; Herr Lauterbach, dem das schwerste\nTheil dabei zufiel, spielte mit Verständniss und grosser\nLiebe; dabei entwickelte er einen prächtigen Ton und bril-\nlante Technik; die Wiederholung des\ndagegen war nicht so rund, als die erste Aulführung des-\nselben. Herrn Wüllner's Leistungen tragen alle den Stem-\npel eines streng künstlerischen Ernstes, eine leider seltene\nund desshalb doppelt schätzbare Eigenschaft bei einem Pia-\nnisten. Er versteht es, auf den Geist der verschiedenen\nCompositionen einzugehen, ist im Besitz einer schönen\nTechnik und hat einen kräftigen, markigen Ton. Wenn\ner uns nun in der Mendelssohn'schen Sonate mit Cello nicht\nganz befriedigte (sie wurde etwas überjagt und desshalb\nhier und da unklar), so heben wir um so mehr sein Spiel\nin der Sonate von Bach hervor, die er mit Lauterbach sehr\nernst und würdig vortrug. Ferner zeichnete er sich in dem\nTrio von Beethoven mit Clarinette neben den Herren Bär-\nmann und Müller aus; und das Präludium und die Fuge\nvon Händel gestatteten ihm, seine Hauptvorzüge recht zur\nGeltung zu bringen.\nLiszt war ungefähr vierzehn Tage lang hier, erschien\nin mehreren Concerten und beehrte auch die Vorstellung\ndes Titus mit seiner Gegenwart. Sollte das erste Finale\nwirklich spurlos an ihm vorüber gegangen sein? Es gibt\nfreilich unverbesserliche Menschen, und so hat Liszt denn\nauch den Entschluss kund gegeben, München im kommen-\nden April mit einer Aufführung von einigen seiner Sinfonie-\nDichtungen heimzusuchen. Walt's Gott!\n\nA. Z.\n\nAus Greifswald.\n\nDen 1. November 1856*).\nVielleicht ist dieser Bericht der erste, der aus unserer\nguten Stadt in Ihre Blätter seinen Weg findet, vielleicht\nder erste, der überhaupt von dem musicalischen Leben\n\n*) Ist uns erst am 20. December zugekommen! Gestützt auf die\nLiberalität der ehrenwerthen Verlagshandlung, ersuchen wir\nwiederholt, alle brieflichen Sendungen an uns unter\nAdresse der M. DuMont-Schauberg'sehen Buchhandlung mi?\ndem Zusatze: „Für die Redaction der Niederrheinischen Musik\nZeitung\", auf dem kürzesten Wege durch die Post hieher ge\nlangen zu lassen. D*e Redaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "418", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.1.6", "texte": "bei uns Kunde gibt. Es bedurfte eines Festes, wie das,\nwelches wir so eben gefeiert haben, der Jubelfeier des\nvierhundertjährigen Bestehens der Universität, um, wie in\nso mancher anderen, auch in musicalischer Hinsicht einmal\nein wenig von uns reden zu machen.\nNeu-Vorpommern ist bis zum Jahre 181 5 eine schwe-\ndische Provinz gewesen, noch jetzt erinnert Unzähliges an\nden alten Zusammenhang des Landes mit Schweden. Aber\nmit Riesenschritten schreitet das deutsche Wesen vor-\nwärts, mit jedem Jahre erobert die höhere Gultur neuen\nBoden, und die pommer'sche Universität wird in immer\nhöherem Aufschwuuge immer mehr zu dem Mittelpunkte\neines völlig neuen Lebens.\nHier kann nur von der Kunst, von der Tonkunst ins-\nbesondere, die Rede sein. Greilswald gehört zu dem Bunde\ndes norddeutschen Kunstvereins; bereits zählt die Maierkunst\npommer'sche Namen unter ihren würdigsten Vertretern, den\ngenialen Friedrich, den talentvollen Stever, den treff-\nlichen Heyden, welchem die Universität Greifswald in einem\ngrossen Bilde, das die Stiftung der Universität durch Herzog\nWratisla v IX. und R u beno w darstellt, ein eben\nso schönes als in reinster Uneigennützigkeit dargebrachtes\nJubel-Geschenk verdankt. Durch die Professoren U r 1 i c h s\nund Hertz sind erfreuliche Anfänge eines Cabinets von\nGypsabgüssen antiker Meisterwerke der Sculptur begrün-\ndet worden es ist nicht mehr zu früh, auch von\nder Tonkunst und ihrer Pflege bei den Pommern zu reden.\nIch beschränke mich auf Greifswald. Schon früher\nhatten Jahn, Schede, Namen von gutem Klange, hier-\nselbst der ernsteren Muse einen stillen Sitz bereitet. An\nder Spitze der öffentlichen musicalisclien Angelegenheiten\nstand bis vor Kurzem Musik-Director Wö hier, der talent-\nvolle Lieder-Componist, jetzt Lehrer am Conservalorium in\nPesth. Die neue Wahl fiel auf Musik-Director Bern mann,\nbis dahin in Prerszlau. Die Wahl erfolgte kurz vor dem\nJubelfeste der Universität, und der neue Musik-Director\nfand solort Gelegenheit, zu zeigen, dass er dem ihm ge-\nwordenen Rufe Ehre zu machen vermöge.\nAm 15. October, dem Geburtstage Sr. Majestät des\nKönigs, trat Herr Bern mann aum ersten Mal als Com-\nponist und Dirigent öffentlich bei uns auf. Ein dreistimmi-\nges Salvum fac regem für Männerchor mit Orchester zeigte\nden gewandten, erfahrenen und geschmackvollen Compo-\nnisten, den sicheren Dirigenten. Am ersten Tage des\nFestes wurde die kirchliche Feier in der herrlichen Nicolai-\nKirche durch das utrechter von Händel einge-\nleitet, von dem greifswalder Singvereine unter Herrn\nBern man n's Leitung tadellos executirt. Se. Majestät der\nKönig, der Prinz von Preussen und der Prinz Friedrich\nWilhelm von Preussen wohnten der kirchlichen Feier bei.\nAm zweiten Festtage dienten zur Einleitung und zum\nSchlüsse der akademischen Festrede in derselben Kirche\nzwei Chöre aus dem Messias: „Hoch thut euch auf\" und\ndas „ Hallelujah \", von demselben Verein unter Herrn Be m-\nmann's Leitung trefflichst ausgeführt.\nDen Glanzpunkt des musicalischen Theiles der Feier\nbildete ein Concert in dem schönen, zu dem Feste pracht-\nvoll geschmückten Buckow'schen Saale, welcher über 1000\nZuhörer zu lassen vermag. Der greifswalder Singverein\ngab Josua von Händel, unter Leitung des Geheimen Re-\ngierungsrathes Baumstark, Directors der Staats- und\nlandwirtschaftlichen Akademie Eldena, welcher sich nach\nWöhler's Abgang der Leitung des Singvereins und der\nEinübung dieses grossen Werkes in der aufopferndsten\nWeise unterzogen hatte.\nDie Ausführung des Josua war eine in jeder Be-\nziehung gelungene, und sie bildete nicht den kleinsten\nSchmuck des wahrhaft grossartigen Festes. Die trefflich\neinstudirten, mit Feuer und Leben ausgeführten Chöre,\nvorgetragen von ungefähr 80 Sängern, die rühmliche Exe-\ncution der Orchester-Partie durch die städtische Capelle\ndes Herrn Malchow, die von Dilettanten grösstentheils\nvortrefflich ausgeführten Soli, vor Allem die sichere und\numsichtige Leitung des Herrn Baumstark, eines der\ngründlichsten Kenner der grossen Meister aus der italiäni-\nschen und deutschen Schule, vor allen Hä ndel's Alles\nvereinigte sich, um das grosse Werk in einer würdigen\nForm darzustellen. Nicht geringen Antheil hatte an dem\nschönen Gelingen die Führung des Orchesters durch Musik-\nDirector Bern mann, in welchem wir zugleich einen treff-\nlichen Violinisten gewonnen haben.\nSo hat auch in künstlerischer Beziehung für uns mit\ndem Jubelfeste eine neue Zeit begonnen. Möge sie viele,\nvor Allem aber reiche und schöne Früchte bringen!\n\nH.\n\nBemerkungen eines Engländers über musicalische\nZustände in Deutschland.\nVor einiger Zeit brachte die „Musical World\" in London\ndas Schreiben eines Engländers, aus welchem wir folgende\nStellen mittheilen:"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "419", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.1.7", "texte": "„ Mein Herr! Ein Kunstfreund, der die Musik um ihrer\nselbst willen liebt, fand Vieles, was ihm missfällt, und noch\nmehr, was ihn verblüfft, als er im Aufsuchen neuer That-\nsachen und Erscheinungen, die mit seinen Lieblings-For-\nschungen zusammenhangen, einen Reise-Ausflug durch ge-\nwisse Gegenden Deutschlands unternahm.\n„Das jetzige System ist: viel mehr über Musik zu\nschwatzen, als Musik zu machen, und dieses System herrscht\nin einer Ausdehnung vor, dass man, wo man sich immer\nhinbegeben mag, sicher ist, jungen Leuten zu begegnen,\ndie, anstatt besser contrapunktische Uebungen vorzuneh-\nmen, sich in leere Abstractionen verlieren und über Dinge\nsophistisiren, die entweder in der Natur gegründet sind\noder nicht, und im ersteren Falle keiner Theorie bedürfen,\ndie sie auseinandersetzt.\n„Wie die Dinge jetzt stehen, wird die mechanische\nGrundlage, die zur Erkenntniss der Kunst führt, und die\nMethode ihrer Anwendung vernachlässigt oder ganz bei\nSeite gesetzt.\n„Die gefährliche Lehre einer Parteigänger-Schar, die\nman mit Unrecht Musiker nennen würde, giesst nach allen\nRichtungen Gift über das musicalische Deutschland aus.\nIch sage absichtlich: das musicalische Deutschland, da\nman in England nicht glauben soll, dass die Erzeugnisse\ndieser sich zu ihren eigenen Richtern aufwerfenden Schar\nvolksthümlich seien. Im Gegentheil das Volk fragt diese\nmarktschreierischen Prahler nach den Früchten.\n„Einer der Wege, auf dem die „„Zukunft\"\" ihre An-\nsichten durchzubringen sucht, ist der Angriff auf grosse\nMänner, welche das Ohr und die Sympathieen der gebil-\ndeten Welt errungen haben - Männer, die unter ihnen\nselbst gelebt haben und der Ansteckung entgangen sind.\nUnter diesen ist Mendelssohn einer der ersten auf der\nZielscheibe.\n„Als Antwort auf die Behauptung, tlass Mendelssohn kein\nGenie sei und nichts Neues in seiner Kunst hervorgebracht\nhabe, weisen wir Englander auf die Musik zum Sommcr-\nnachtsiraum und die Scherzi hin. „„Der Sommernachts-\ntraum ist gut, aber er ist nicht shakespearisch. (Die Deut-\nschen von der „„Zukunft\"\" kennen Shakespeare besser,\nals wir Engländer, die wir Mendelssohn's Musik ausgezeich-\nnet shakespearisch finden.) Shakespeare'* Sprösslinge sind,\nsagen sie, mehr körperlich u. s. w. Die Scherzi sind nichts\nNeues, weil Beethoven diese Form erschöpft, und Men-\ndelssohn lediglich anstatt des Dreiviertel- den Vierviertel-\ntact angewandt hat.\"\" So geht es ins Endlose fort, bis der\nin Sophismen nicht Bewanderte, der glaubt, dass Musik ge-\nfühlt und geliebt werden müsse, ohne viel nach dem Wie\nund Warum zu fragen, von solchen neuen Kundgebungen\nzurückgescheucht, den Gegenstand der Erörterung mit\nAchselzucken verlässt. Die beklagenswertheste Folge dieses\nmodernen Standes musicalischer Misskennungist der Ein-\nfluss, den sie auf das von Natur nachdenkliche Gemüth der\njungen Deutschen übt, die in manch anderen Beziehungen\nProben ablegen, dass sie zu einer gesunderen Geschmacks-\nrichtung geboren sind. Wie die Sachen jetzt stehen, brin-\ngen sie ihre besten Jahre, anstatt sie den Studien und der\npraktischen Entwicklung zu widmen, in Betrachtungen zu\nund sprechen immer, anstatt zu handeln, zu wirken. Ein\nStreifen Musikpapier, wohl bedeckt mit contrapunktischen\nUebungen, würde mehr Werth haben, als jahrelanges Wie-\nderkäuen der Faseleien über die „„Posthumus-Quartette\"\",\nüber Liszt und Robert Schumann. Indessen ist noch Zeit\nfür einen oder zwei, die anders begannen, zu ihren premiers\namourszurückzukehren und die Talente, womit sie begabt\nsind, besser zu ehren. Sie werden dann bald dahin gelan-\ngen, zu sehen und anzuerkennen, dass das Aburtheilen von\n„„Neu-Weimar\"\" besser seinen Absichten gedient hätte,\nwenn es logisch gewesen wäre, anstatt als die wahre Wun-\nder-Essenz von Caprice aufzutreten. Wo die Folgerungen\nden Voraussetzungen in der Art widersprechen, wie es\nbei der „„Zukunft\"\" der Fall ist, kann die Stellung nicht\nlange behauptet werden.\n„Wenn immer eine falsche Beredsamkeit durch einige\nZeit vorhalten, wenn immer eine affeclirte Abgeschlossenheit\nund ein mysteriöses Wesen für Tiefe gelten mag, wird doch\nder Tag bald kommen, wo das Trugbild weicht. Eines hat\nsich bereits erwiesen: die „„Zukunft\"\" vermag nichts, als\nzu predigen; ihre Anhänger sind unvermögend, Musik zu\nschreiben. Wie bedauerlich ist es aber für ein Land, wel-\nches Händel, Mozart und Beethoven erzeugte, auch nur\nvorübergehend der Schauplatz eines solchen Treibens zu\nsein! Es ist jedes aufrichtigen Musikers Pflicht, gegen die-\nsen Unfug Stand zu halten nicht bloss um die Bekann-\ntesten der „„Zukunftpartei\"\" in ihr rechtes Licht zu stel-\nlen, sondern um mit. Ernst.auf alle jungen Künstler einzu-\nwirken, die aus Uebermaass von Bescheidenheit oder durch\neine augenblickliche Verblendung ihres geistigen Gesichtes\ndie Opfer dieser Sophisterei werden.\""}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "420", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18561227-01.1.8", "texte": "Viertes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn\nFerdinand Hiller.\nDinstag, den 23. December 1856.\ny\nProgramm. I. 1) Sinfonie Nr. 11. in F-dur von Theodor\nG o u v y (unter Leitung des Componisten). 2) Zwei Weihnachls-\nLieder für Chor von Leonhard Schroeter (1587). 3) Sinfo-\nnie-Concert Nr. IV. für Pianoforte und Orchester von Henry\nLi toi ff, vorgetragen vom Componisten.\n11. 4) Mirjam's Siegsgesang, Gedicht von Grillparzer,\nfür Sopran-Solo und Chor, componirt von Franz Schubert, in-\nstrumentirt von van Eycken. 5) Spinner-Lied für Pianoforte von\nH. Li toi ff. 6) Ouvertüre zum Freischütz von C. M. v. Weber.\nDie Sinfonie von Gouvy ist ein melodieenreiches Werk, das in\nEinem Fluss der Gedanken hinströmt, welche, wenn auch nicht\ndurch originelle Tiefe, doch durchweg durch den Reiz der Anmuth\nund Lieblichkeit fesseln und dem Ganzen eine Einheit des Cha-\nrakters geben, die ausserordentlich wohlthuend ist. Obwohl die Be-\nkanntschaft mit Mendelssohn's und Gade's Orchesterwerken hier und j\nda deutlich hervortritt, so kann man doch keineswegs von bestimm-\nter Nachahmung ihres Stils sprechen: im GegentheiJ, es leuchtet\naus der ganzen trefflichen Arbeit hervor, dass Gouvy ein echter\nVerehrer der Grundsätze ist, nach denen Haydn, Mozart und Beet-\nhoven geschaffen haben. Bei der Anspruchslosigkeit der Motive,\ndie nichts wollen, als der Empfindung einen einfachen musicali-\nschen Ausdruck verleihen, ohne durch Bizarrerie und schroffe Eckig-\nkeit wer weiss was für Deutungen ahnen zu lassen, ist dann auch\nvor Allem die Klarheit der künstlerischen Behandlung, die Durch-\nsichtigkeit der Arbeit zu loben. Das Werk wurde unter der ruhi-\ngen und sicheren Leitung des Componisten gut ausgeführt, und\nwurde mit lebhaftem Beifalle und, was eigentlich, besonders bei\nunserem hiesigen Publicum, noch mehr als lauter Beifall ist, mit\nvoller Befriedigung und mit freudiger Anerkennung des grossen\nTalentes des französischen Componisten aufgenommen ein Be-\nweis, wie sehr wir auch hier das Neue zu schätzen wissen, wenn\nes schön ist.\nHenry Litolff hatten wir lange nicht gehört, und vielleicht\nder grösste Theil des anwesenden Publieums hörte ihn überhaupt\nzum ersten Male. Dass sein eminentes Spiel Erstaunen und Be-\nwunderung erregte, versteht sich von selbst: eine solche Kraft, ver-\nbunden mit so viel Ausdruck und einer so fabelhaften Technik\nnamentlich in Doppelgriffen und in allem, was die Spannkraft des\nGelenkes und die Ausdauer in Anspruch nimmt, macht ihn zu\neiner ganz besonderen Individualität unter den Pianisten. Er ärn-\ntete natürlich ausserordentlichen Beifall, wurde nach dem Vortrage\ndes Concertes und des Spinnerliedes gerufen und gab dann noch\nseinen gewaltigen Bravour-Walzer als Zugabe. Das Sinfonie-Concert\nist unstreitig eine bedeutende Composition, wiewohl es nicht frei\nvon den Mängeln ist, die auch bei LitolfFs früheren Werken dieser\nGattung nicht unbemerkt geblieben sind. Durch die Länge des\nersten Satzes und die Ausdehnung der gleichen Behandlung der\nThemata erzeugt sich leicht eine Art von Monotonie, während da-\ngegen das genial sprudelnde Scherzo, das einfache, aber in seinen\nKlangwirkungen sehr ansprechende Adagio und das feurige Finale\nden geist- und phantasiereichen Componisten bekunden.\nDie Weihnachtslieder von L. Schroeter, eine sehr lieb-\nliche Composition, was man nicht von allen Musikstücken sagen\nkann, die heutzutage ihren Zutritt in den Concertsaal oft bloss ihrem\nehrwürdigen Alter zu verdanken haben, fanden angemessenen Aus-\ndruck; wir haben sie jedoch früher von unserem Chor schon bes-\nser gehört.\n„Mirjam's Siegsgesang\" nach dem Auszug der Israeliten\naus Aegypten und dem Untergang Pharao's „im Abgrund schwarz\nwie seine Brust\" (Grillparzer), trägt zwar Fr. Schub er t's Namen\nan der Spitze, aber wer hier Melodie und Gesang, wie man von\nihm gewohnt ist, zu finden erwartet, wird sich täuschen. Der Haupt-\nfehler des Werkchens, das übrigens doch eine geraume Zeit füllt,\nist der gänzliche Mangel an Styl und an Einheit des musicali-\nschen Charakters, indem zwischen die Nachahmungen von Hän-\ndel sehr auffallende Beethoven'sche Anklänge treten. Die Instru-\nmentirung für Orchester ist von van Eycken geschickt gemacht,\ndoch scheint sie etwas zu rauschend und desshalb auch noch das\nIhrige zum Aneinander von Mannigfaltigem, nicht aber zum In-\neinander desselben beizutragen. Fräulein Catharina Deutz, eine\njugendliche Sängerin, die bei Herrn E. Koch ihre Studien macht,\nsang die Solopartie. Wir hätten ihr eine dankbarere Aufgabe zum\nDebüt in den Gesellschafts-Concerten gewünscht, zumal da diese\nPartie den ganzen mittleren Satz hindurch viel zu tief für sie liegt.\nDie Stellen, welche für die eigentliche Region ihrer wohllautenden,\nvollen Sopranstimme geeignet waren, sang sie ganz gut."}]}