{"numero_id": "bm-bmtnabi-1857-01-03-01", "volume": "bmtnabi_1857-01-03_01", "ocr_sha256": "ee5dcc6f1ec4b02cafac495541132c1a0459a9d87bb5d8c4bc7e459a2514dc8e", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1857/01/03_01/bmtnabi_1857-01-03_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1857-01-03-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-01-03_01#c001", "volume": "bmtnabi_1857-01-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "1", "page_fin": "1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 401, "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe. 11. Von B. P. (Grosse Oper Mad. Borghi-Mamo Medori „Die Rose von Florenz\", Oper von\nde Saint-Georges und Em. Biletta). Der Itiedel'sche Verein in Leipzig. Von +ff. Historische Noten zur „Leo-\nnore\" von Beethoven. Von Dr. H. Son nleithner. Aus Bielefeld. Von s. Der Musicus aus der Fremde.\nTages- und Un ter h alt ungsbla 11 (Köln Elberfeld Mainz Mozart im Jahre 1778 zu Paris)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-01-03-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-01-03_01#c002", "volume": "bmtnabi_1857-01-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "1", "page_fin": "3", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.2.2", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.1.1", "debut_caractere": 403, "fin_caractere_exclue": 2542, "texte": "Pariser Briefe.\nII.\n[Grosse Oper Mad. Borghi-Mamo Medori „Die\nRose von Florenz\", Oper von de Saint-G eorges und\nEm. Biletta.]\nDas kaiserliche Theater der grossen Oper behilft sich\nmit Wiederholungen, denen es durch neue Besetzungen\nneuen Reiz zu verleihen sucht, obwohl nicht überall mit\nGlück. Meyerbeer's Prophet, oder eigentlich Roger, der\nwieder auf mehrere Jahre angestellt ist, spielt dabei die\nHauptrolle. Madame Borghi-Mamo, in den zwei letz-\nten Wintern bei den Italiänern beschäftigt, ist zu den\nFranzosen übergegangen, um die Fides zu singen. Sie ist\nAltistin mit ziemlicher Höhe: die Stimme ist stark, doch\nkeineswegs überall wohllautend, ja, die tieferen Brusttöne\nwerden durch die widrige Manier des breiten Herausquet-\nschens geradezu unschön. Leidenschaftlichen Ausdruck ver-\nmag sie in ihren Gesang zu legen, aber die Grazien haben\nnicht an ihrer Wiege gestanden. Uebrigens ist die Direc-\ntion so sehr auf den Propheten erpicht, dass er sogar dop-\npelt besetzt ist und abwechselnd mit Gueymard als Jo-\nhann und Demoiselle Wertheimber als Fides gegeben\nwird. Leider fällt letztere, ein schöner voller Mezzo-Sopran,\nauch schon nach französischer Art in unnatürliche Ueber-\ntreibungen. In der Ausstattung und Scenerie wird die grosse\nOper sehr nachlässig: sie steht darin gegen die grösseren\nHof-Theater in Deutschland jetzt sehr zurück. Der Krö-\nnungs-Zug im Propheten ist ärmlich, und der mittlere\nPfeiler, der das Gewölbe des Domes trägt, zeigt einen so\nklaffenden Riss von oben bis unten, dass man jeden Augen-\nblick den Einsturz fürchten muss. Wie es bei alledem mög-\nlich ist, dass der Prophet dennoch wöchentlich zwei- bis\ndreimal sein Publicum findet, bleibt auch bei Berücksichti-\ngung der oben angeführten Factoren dennoch ein Räthsel.\nMir ist diese Oper nie widerlicher erschienen, als jetzt, wo\nich ihr pflichtschuldigst einmal wieder ein paar Stunden\nmeines Lebens zum Opfer bringen musste.\nAnfangs October trat die weit her berufene und be-\nrühmte Medori in den Vepres Siciliennes von Verdi auf.\nSie sollte die Cruvelli ersetzen, und diese Erwartung musste\nzum Nachtheile der Debütantin ausschlagen, da man, da-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5130, "texte": "durch verleitet, einen falschen Maassstab an ihre Leistung\nlegte. Der ganze Erfolg der Oper Verdi's beruhte auf zwei\nDingen, auf dem Glänze der Cruvelli als Helene und auf\nder Industrie-Ausstellung. Sobald Beide ihr nicht mehr zu\nHülfe kamen, blieb das Haus leer. Dass das Fremden-Publi-\ncum die Hauptstütze gewesen war, zeigte sich bei der ersten\nWieder-Aufnahme der Oper mit der ebenfalls majestätisch-\nschönen und mit herrlicher Stimme begabten Sängerin\nderen meisterhafte Durchführung der\nHauptrolle zu bald vergessen wurde, weil sich überhaupt\nfür die Vesper kein Publicum mehr fand. Bei so bewandten\nVerhältnissen war die Medori freilich in keiner Hinsicht die-\njenige Künstlerin, welche zu dem Fanatismus hinreissen\nkonnte, Verdi's Musik zu einem Glaubens-Artikel, dessen\nUnhaltbarkeit man nicht weiter anfocht, zu stempeln. Noch\nweniger konnte sie den Vergleich mit der Cruvelli aushal-\nten. Sie ist ein reiner, ausschliesslicher Sopran, ihre Mittel-\ntöne sind schwach, von Tiefe ist gar nicht die Rede, wäh-\nrend Sophie Cruvelli zwar die Register ihrer Stimme nicht\nvollkommen künstlerisch zu verbinden wusste, aber jedes\nderselben doch prachtvoll und in Höhe und Tiefe imponi-\nrend war. Eben so wenig Aehnlichkeit ist im Aeussern und\nim Spiel vorhanden. Es war desshalb von der Direction und\nvon der Sängerin gefehlt, diese Rolle zum Debüt zu be-\nstimmen. Aber auch abgesehen von diesen localen Umstän-\nden ist mir doch der Enthusiasmus unbegreiflich, welchen\ndie Medori in Wien, wie man allgemein hörte, erregt hat*).\nIhre Höhe ist allerdings prachtvoll, aber sie besteht nur\naus etwa lünf Tönen, welche sie noch dazu oft zu grellem\nSchrei missbraucht. (Spasshaft ist die Bemerkung eines hie-\nsigen Blattes über ihre expression\ngeree parfois, suivant l'habilude etrangere qui se corrige\nais&ment ä Paris!!) Im Uebrigen ist ihr Gesang monoton,\nnur die kräftigen Phrasen sind glänzend, das Anmuthige\nund fein Schattirte fehlt ihr ganz und gar. Der Erfolg des\nDebüts war kein glücklicher, die Sängerin konnte in den\nnächsten Tagen wegen Erkrankung nicht wieder auftreten,\nwurde zwar nachher gut empfangen, hat aber doch nicht\ndurchdringen können. Später ist sie auch als „Valentine\"\nin den Hugenotten aufgetreten, aber ebenfalls mit sehr ge-\ntheiltem Beifalle. Die grelle Schärfe war hier noch auffal-\nlender.\nAm 10. November kam endlich in demselben Hause\n„Die Rose von Florenz\", Oper in zwei Acten, Text von\nde Saint-Georges, Musik von Em. Biletta, zur Auf-\nführung. Wie dieser Italiäner, den man nicht einmal dem\nNamen nach kannte, zu der Ehre gekommen ist, nach der\nso viele weit tüchtigere französische Componisten vergebens\ngeizen, eine Arbeit für die grosse Oper in Auftrag zu er-\nhalten, ist vollends nach dem Resultate nicht nur\nmir, sondern allen hiesigen Musikern ein Räthsel. Herr Bi-\nletta lebt in London und soll dort eine ganz hübsche Stel-\nlung haben, wie sie dem geschickten Musiker und geschick-\nten Menschen- oder vielmehr Briten-Kenner dort zu erlan-\ngen nicht schwer fällt. Aber das befähigt doch noch lange\nnicht zu einer solchen Auszeichnung in Paris! Die Musik\ndes Herrn Biletta ist vom allergewöhnlichsten italiänisehen\nSchlage in Erfindung und Form, in so fern von Erfindung\ndie Rede sein kann bei einer Musik, die eigentlich nichts\nals eine lange Reminiscenz ist. Zwar könnte mich der Com-\nponist herausfordern, ihm eine bestimmte Melodie, die er\nirgendwo hergenommen, aufzuweisen, und ich würde viel-\nleicht in Verlegenheit kommen. Dennoch ist das Ganze, wie\nso manches Musikstück, das jetzt erscheint, nichts Anderes,\nals unbewusste Erinnerung an eine Masse von Tönen, die\nman gehört, gespielt, gesungen. Ein heuliger Componist\nmuss vor Allem vergessen, nicht dass er Musiker ist (wie\nGluck), sondern dass er Musik gehört hat. Aber das ist\nnicht leicht; zu einem Trunk aus dem Lethe gehört Muth\nund Charakterstärke, und nur bei dem frisch aufrauschen-\nden Quell genialer oder wenigstens talentvoller Erfindung\nlässt sich das ewige Rieseln der Bäche der Erinnerung, der\nfatalen Gegner des Lethe, überhören. Dass es bei Herrn\nBiletta auch an dem obligaten Orchesterlärm nicht fehlt,\nobschon er hier passt wie die Faust auf das Auge, kann\nich noch ausserdem versichern.\nTrotz alledem muss Herr B. doch ein bedeutender\nMann sein, das lehrt die Geschichte seiner Oper. Angenom-\nmen wurde sie mit drei Acten: darauf erhielt sie noch einen\nAct dazu und war zur Aufführung fertig. Doch halt! man\nbesann sich anders: ein fünfter Act kam hinzu und nach\nachtzehn Monaten unaufhörlicher Flickerei kam sie in zwei\nActe beschnitten zur Geburt! Wahrhaftig, Herr de Saint-\nGeorges ist ein gefälliger Dichter\nwie die France musiralesagt, „ der seine Eigenliebe opfert,\n| um seinen Freunden zu dienen\". Und warum sollte er\nnicht seine Adoptiv-Tochter, die zuerst an der Porte St.\nMartin als „Victorine,oder über Nacht kommt Rath\" sprach,\ndann mit einigen Zuthaten aus G. Sand's Leone Leoni im\n\n*) Nur bei dem grossen Haufen des italiänisehen Opern-Publi-\ncums und bei einigen Blättern, chi han certo il lor perche;\nunbefangene Stimmen der Kritik lauteten auch in Wien nichts\nweniger als enthusiastisch. Die Red."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1261, "texte": "Opernhause als „Das hübsche Mädchen von Gent\" tanzte,\njetzt als „Rose von Florenz\" singen lassen, und das alles\nimmer nach der Pfeife seiner Freunde?\nDie Zurechtmachung des Stoffes für die Oper ist übri-\ngens die schlechteste von allen. Die Spitze besteht nämlich\ndarin, dass ein junges Mädchen vom Bürgerstande, die mit\neinem braven Jungen verlobt ist, durch die Lockungen eines\nReicheren einen Augenblick schwankt, aber, durch einen\nTraum welcher gespielt wird und in welchem sie selbst\nmitspielt! gewarnt, der Tugend und dem ersten Ge-\nlöbniss treu bleibt. Während nun Victorine dem Verführer\nnichts verspricht und mit dem Gebet an ihre verstorbene\nMutter um Rath und Hülfe einschlält, lässt St. Georges die\nAminta in der „Rose von Florenz\" sich verloben, am Vor-\nabend der Trauung die treueste und reinste Gesinnung für\nTebaldo bekunden, und in derselben Nacht dem Herzog von\nPalma versprechen, mit ihm durchzugehen! Im zweiten Act\nist sie dann im Traume Herzogin. Der Gemahl ver-\nliert aber im Spiel sein ganzes Vermögen und zuletzt auch\ndas Pfand ihrer Liebe, eine weisse Rose, gegen Tebaldo.\nAminta erwacht und reicht dem legitimen Bräutigam die\nHand.\nGute Nacht! ich will sehen, ob mich vielleicht auch ein\nTraum belehrt, das alles sei Poesie und Musik!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-01-03-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-01-03_01#c003", "volume": "bmtnabi_1857-01-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "3", "page_fin": "5", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.2.3", "titre_corps": "Der Riedel’sche Verein in Leipzig.", "titre_sommaire": "Der Riedel’sche Verein in Leipzig.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.1.3", "debut_caractere": 1263, "fin_caractere_exclue": 5020, "texte": "Der Riedel’sche Verein in Leipzig.\nSchon früher erstattete diese Zeitung Bericht über den\ngenannten Verein, so dass ich, auf den Aufsatz im IV. Jahr-\ngange Nr. 28 vom 12. Juli 1856 mich zurückbeziehend,\nalles, was das Entstehen und die Richtung desselben an-\nbelangt, als unseren Lesern bekannt voraussetzen kann.\nHerr Riedel ist seitdem auch darauf ausgegangen, dem Ver-\neine ein selbstständiges Orchester zu schaffen, um so die\nMittel zur Ausführung grösserer Werke mit Begleitung\nleichter zur Hand zu haben, und nach und nach auf ein\nsichereres Zusammenwirken hinarbeiten zu können. Die\nerste Frucht dieses, hier am Orte nicht leicht zu realisi-\nrenden Gedankens war eine Privat-Aufführung des\nmaier von Astorga und eine Wiederholung des früher schon\nvorgeführten 130. Psalms vonClari. — Beide Wrerke, mit\nStreich-Instrumenten und Orgel begleitet, wurden, beson-\nders vom Chor, gut ausgeführt; das neue Orchester that\nseine Schuldigkeit nach besten Kräften, und vom Ganzen\naus betrachtet, war auch die Gesammtwirkung befriedigend;\nder Verein wird auch unter den wenig günstigen Verhält-\nNissen, mit welchen er bis jetzt gekämpft hat, eine sichere\nStellung erreichen und behaupten.\nDie Localverhältnisse bedingen bei dieser Aufführung\neine Ersetzung der Orgel durch Physharmonica; in diesem\nFalle ist nichts dagegen zu sagen, im Allgemeinen aber\nVieles. Nur die Orgel einzig und allein, welche schon von\nvorn herein jede in kleinliche Schattirungen eingehenden dy-\nnamischen Veränderungen zurückweiset, ist dem ernsten\nCharakter des Kirchenstils angemessen. Die Physharmonica\npasst für eine träumerische Sentimentalität, deren wir heut-\nzutage schon zu viel haben, als dass wir ihr auch noch die\nThore der Kirche öffnen sollten; wenigstens während der\nMusik wollen wir sie vor jeder sinnlichen Gefühlsreizung\nschön verschlossen halten. In der Kirche erweisen sich ohne-\nhin ins Detail eingehende Vortrags-Nuancen als total nich-\ntig; sowohl im Chor als in der Begleitung bleibt eine Zer-\nsetzung gross und breit ausgesprochener Stimmungen völlig\nmalt und ohne Wirkung nur eine der musicalischen\nAnlage des Werkes ebengemäss in die Breite gehende An-\nwendung der verschiedenen Grade der Kraftwirkungen ist\ndem ernsten Stile entsprechend. Die Haupt-Erfordernisse\neines guten Kirchengesanges sind, natürlich neben dem\nrichtigen Verständniss des Meisters und seines Stiles, Festig-\nkeit und Reinheit, woraus ein klarer und darum eindring-\nlicher Vortrag von selbst entspringt*).\nDas Programm der nächsten Kirchen-Aufführung des\nRiedel'schen Vereins (20. Sept. 1856) enthielt eine Wie-\nderholung des Stabat von Astorga und die Bach'sche Can-\ntate: Bleib' bei uns.\nEhe ich hierauf näher eingehe, sei es gestattet, noch\nzu erwähnen, dass Herr Riedel allen lateinisch componirten\nGesängen eine deutsche Bearbeitung ihrer Texte unterlegt.\nEs geschieht jederzeit nach sorgfältigster Auswahl; über\ndie Zulässigkeit dieser Verdeutschung im Allgemeinen herr-\nschen aber gewiss entgegengesetzte Meinungen.\nHerr Riedel glaubt, jene alten Compositionen unserer\nZeit näher zu rücken, ihnen bei seinen Sängern ein richti-\ngeres Verständniss, beim Publicum eine wärmere Aufnahme\n\n*) Bei aller Anerkennung dieses Grundsatzes möchten wir doch\nvor Uebertreibung desselben in der Anwendung warnen, be-\nsonders da die Uebertreibung in allen kirchlichen Dingen jetzt\nnur allzu sehr an der Tagesordnung ist. Die Sänger in der\nSixtina in Rom haben früher und noch jetzt gerade durch\nden Vortrag die grosse Wirkung mit dem Kirchengesange\na capellaerreicht. Der Ausdruck ist die Seele der Musik:\nwill man diesen nicht als Sinnenreiz, was er keineswegs\nist, so thue man lieber die ganze Kirchenmusik in den Bann,\nweil man alsdann doch keinen Begriff von ihrem Wesen hat.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5111, "texte": "zu sichern, wenn er sie in unserer Muttersprache singen\nlässt. Dem allgemeinen Publicum gegenüber hat diese Mei-\nnung zweifelsohne guten Grund; von einem anderen Ge-\nsichtspunkte aus kann ich ihr aber nur mit einiger Modifi-\ncation beistimmen.\nAuf den stets hervorgehobenen, den Klang unserer\ndeutschen Sprache übertreffenden Wohllaut der vocal- und\ndiphthongenreichen lateinischen lege ich kaum viel Gewicht.\nEin gut geschulter Chor muss Rundung und Weichheit des\nKlanges sowohl als auch Kraft ohne Beihülfe jener, die\nAussprache und Klangbildung erleichternden Mittel zu er-\nlangen suchen.\nEben so wenig ist etwas auf die Prägnanz des Aus-\ndrucks in der lateinischen Sprache zugeben; eine gesunde,\nkernige, den Gedanken phrasenlos scharf und klar wieder-\ngebende Satzbildung, wie sie das Psalmen-und Bibeldeutsch\nin tausendfachen Mustern bietet, steht jener, namentlich für\ndie Composition, wenigstens vollkommen gleichberechtigt\nzur Seite. Ueberdies componiren wir ausserhalb der katho-\nlischen Kirche kaum noch, und im Dienste jener fast nur\nnoch zum Ritual gehörende Messentexte lateinisch. Aus der\nKirchenmusik selbst ist die Stil-Allgemeinheit der alten\nziemlich verschwunden; auch in ihr überwiegt in der heu-\ntigen Zeit bei der Auffassung der Stoffe die subjective In-\nnerlichkeit, welche sich nur sehr schwer der für uns fremd-\nartigen traditionellen Allgemeinheit, welche die lateinische\nSprache in der katholischen Kirche genommen, anbequemen\nkann.\nUnd doch halte ich nicht durchaus und überall eine\nUebersetzung der Kirchentexte für zulässig. Viele der alten\nGesänge können wir kaum verstehen und würdigen, wenn\nwir sie einzig und allein einer rein künstlerischen Betrach-\ntung von unserem heutigen Standpunkte aus unterwerfen\nwollen. So wie wir Gesänge, welche entstanden sind zur\nZeit, als die Musik, noch ganz im Dienste der Kirche, nur\nMitträger der heiligen Handlungen gewesen, losgelös't den-\nken wollen von eben dem Ritual und katholisch-kirchlichen\nLeben, von welchem sie eben ein Theil sind, so ist ihre\nplastische Einheit gestört. Wollten wir Compositionen z. B.\nder Periode Palestrina völlig in unsere Neuzeit als selbst-\nständige Kunstwerke verpflanzen, so könnten sie kaum ge-\ndeihen ; sie stehen zu fest an ihrem Orte, wurzeln zu fest\nin ihrer Zeit und ihrer Religion, und verlangen im Gegen-\ntheil, dass wir, wenn wir sie recht geniessen wollen, den\nBlick zu ihnen, in ihre eigene Entstehungszeit zurücksen-\nden. Die lateinische Sprache ist aber ein vom Ritual der\nkatholischen Kirche unzertrennlicher Theil, und durch die\nVerdeutschung der Texte wird der ganze abgeschlossene\nCharakter jener alten Kirchengesänge angetastet, und an\nihrem engen Zusammenhange mit der alten Kirche und\nderen Ritus gerüttelt.\nBei grösseren Werken der späteren Zeit aber, deren\nMusikstil, uns näher liegend, nicht mehr einzig und allein\nin einer streng kirchlichen Abgeschlossenheit wurzelt; bei\nWerken, wie z. B. die vorliegenden von Clariund Astorga,\ndie von der heiligen Handlung ganz abgesondert auch an\nund für sich als musicalische Kunstwerke berechtigt sind,\nkann ich in einer Text-Verdeutschung nichts Widerrecht-\nliches erblicken. Die Allgemeinheit der Stoffe und die grös-\nsere Biegsamkeit der Kunstformen, welche mitunter schon\nstark auf das Moderne hindeuten, verlangen die strenge\nhistorische Physiognomie und lateinische Sprache nicht mehr.\nDie deutsche Uebersetzung, welche Herr Riedel dem\nStabat materuntergelegt, lässt lür den, der nicht princi-\npieller Gegner der Sache ist, nichts zu wünschen übrig. In\neinfacher, fester Sprache gibt sie Sinn und Wortklang des\nUrtextes nach bester Möglichkeit wieder. Um auf das Mu-\nsikwerk selbst zu kommen, so ist gewiss kein Text häufi-\nger componirt, als dieser; und doch setzt die bis zur Ein-\ntönigkeit traurige Stimmung, welche den ganzen Hymnus\nerfüllt, bedeutende musicalische Bildkraft voraus, wenn nicht\nMonotonie die Eindringlichkeit der Composition verhindern\nsoll. In Astorga ist unbestreitbar eine tiefe Innerlichkeit der\nBoden gewesen, aus welchem eine edle Phantasie die ge-\ngenwärtige Schöpfung hat emporwachsen lassen; dessglei-\nchen hat ihn ein schon bedeutend ausgebildetes, richtiges\nKunstgefühl die Bedingungen erfüllen lassen, welche einem\nKunstwerk allgemeine Geltung verschaffen und erhalten,\nwenn es auch als etwas Selbstständiges, von Zeit und Ort\nabgelös't, betrachtet wird. Ob aber eine seinen Ideen stets\ngleichvermögende Kunstfertigkeit ihm zur Seite gestanden,\nist eine vielleicht nicht sogleich umzustossende Frage. Die\neinfachen, aber stilfesten Solosätze, welche auch der Quan-\ntität. nach überwiegen, sind die Höhepunkte des Werkes;\ndie Chöre im Allgemeinen (nur den ersten nehme ich theil-\nweise aus) erscheinen besser gedacht, als herausgebildet.\nSo z. B. Nr. 7 (virgo virginum); dessgleichen der Schluss-\nchor, dessen bis fast zur Verzückung gesteigerte Empfin-\ndung im Amen mehr durch Effecte, als durch bedeutende\nmusicalische Fassung, auf uns wirkt. Die Solosätze sind,\nwie gesagt, eigene und stilfest ausgesprochene Gedanken,\ndie Chöre leiden unter dem Mangel einer gleichmässig\nkünstlerischen Tüchtigkeit."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5200, "texte": "Die letzte Nummer des Programms war, wie erwähnt,\nBach's wunderbare Cantate: „Bleib' bei uns, denn es will\nAbend werden.\" Der erste Satz und der Schluss-Choral\nsind hier schoi. öfter ausgeführt der Riedel'sche Verein\nhatte das Verdienst, das ganze Werk, wie ich glaube, zum\nersten Male am hiesigen Orte, wenigstens in neuerer Zeit,\ngemacht und seine ziemlich schwere Aulgabe im Ganzen\ngut gelös't zu haben. Der Chor ging gut, bis auf eine Un-\nsicherheit im ersten Satze. Ueber die Begleitung aber ist\nManches zu sagen.\nBach verwendet im Gegensatze zu unserer heutigen In-\nstrumentation überaus geringe Mittel, aber es geschieht mit\nso feinem und tiefem Gefühl und solcher Kunstreinheit, dass\ndieser grösste Idealist aller Zeiten mit eben jenen einfachen\nMitteln das Wundervollste, Unübertroffene bewirkt. Die bei\nihm sehr häufige Anwendung von drei Oboen gibt, so auch\nin dieser Cantate dem ersten Satze eine überaus keusche\nund ideale Klangfärbung. Die imgrossen Räume der Kirche\nsanft zerfliessenden Oboen-Accorde schweben wie ein gött-\nlicher Lichtglanz über dem Gesänge und umweben die\nmenschliche Stimme mit einem poetischen Schleier von\nüberirdischer Reinheit. Die dritte Oboe (di caccia), welche\nsich am ersten durch unser englisches Horn darstellen lässt,\nmussle, da am Abend der Aufführung keines zu haben war,\nwie auch schon sonst geschehen, durch ß-Clarinette ersetzt\nwerden. Der sinnlich-leidenschaftliche Toncharakter der Cla-\nrinette verträgt sich aber schlecht mit der klaren Oboe;\ngute Oboen sind übrigens nicht leicht zu haben so auch\nhier, ein Mangel an Reinheit machte sich öfters fühlbar. Die\nAlt-Arie Nr. 2 mit Oboe di mussle gleichfalls aus\nobigem Grunde mit der Viole (wie übrigens Bach es selbst\ngestattet) begleitet werden, obgleich auch hier, wie ein Ver-\nsuch in der Probe bestätigte, dem englischen Horn bei\nweitem der Vorzug zu geben ist. Im Sopran-Choral Nr. 3\nmit Cello piccolo oblig. wurde, da jenes Instrument nicht\nmehr existirt, statt dessen ein gewöhnliches Cello ange-\nwandt; ich glaube aber bestimmt, dass eine Viole hier besser\nam Ort gewesen wäre, wenngleich auch die für sie in der\nTiefe nicht mehr zu habenden Töne in die höhere Octave\ngelegt werden müssen, was auch ohne besondere Störung\nder Figuration ganz gut angeht. Unser Cello bewegt sich\ndagegen nur unangenehm fistulirend und tonlos in der ihm\nunbequemen Lage und noch unbequemeren, obenein schnell\nauszuführenden Figuration.\nBei aller Einfachheit bereitet uns also die Bach'sche\nInstrumentation manche Schwierigkeiten, da wir die alten\nInstrumente nicht mehr besitzen; nichts desto weniger\nscheint mir eine Modernisirung gerade der Bach'schen In-\nstrumentation, aus dem ganzen Stil seiner Musik heraus,\nundenkbar man hat sich nur zu bemühen, seiner Vor-\nschrift stets so nahe wie irgend möglich zu kommen.\nIm Ganzen zeigten die Leistungen des aus vielen ver-\nschiedenen Elementen, Musikern und Dilettanten bestehen-\nden Orchesters des Riedel'schen Vereins, dass die Sache\nallezeit ihren guten Fortschritt machen wird. Zwischen bei-\nden eben besprochenen Werken standen altdeutsche Ge-\nsänge („O Traurigkeit\", rhythmischer Choral von Joh.\nSchop, und ein siebenstimmiger Dialog von Joh. Stob)\nauf dem Programm. Vom vorhergehenden Programme habe\nich noch zwei Choräle; „Da Jesus an dem Kreuze hing\",\nund „0 Lamm Gottes unschuldig\" von Eccard. Sämmt-\nliche Stücke wurden vom Chore ganz vortreff-\nlich, mit Sicherheit und Reinheit ausgeführt. Die altdeutsche\nMusik liegt uns unendlich näher, als die italiänische gleicher\nZeitalter. Besonders bei Eccard, und namentlich wenn er\nals Melodie-Erfinder auftritt, ist Alles licht, warm und far-\nbenreich. Kein geheimnissvoller Vorhang verbirgt uns, wie\nbei der italiänischen Musik, einen religiösen Mysticismus,\nsondern eine freie und natürlich heitere Religiosität, die das\nLeben selbst zur Offenbarung macht, und eine einfache Innig-\nkeit sprechen uns unmittelbar tief ins Gemüth. Alles ist mensch-\nlicher, desshalb auch der Stil frischer und eindringlicher,\nund es ist eben so leicht erklärlich, wie aus einer solchen\nkräftigen Saat Eichen wie Bach und Händel emporwachsen\nkonnten, wie dass jener übersinnliche Religions-Mysticis-\nmus der Italiäner bei dem später entarteten Volke völlig\nden ohnehin unsicheren Boden verlieren und in bloss sinn-\nliche Gewohnheits-Empfindelei sich abschweifen musste.\nDie Gesammt-Folgerung, welche man nun aus diesen\nAufführungen für den Riedel'schen Verein ziehen kann, ist,\ndass derselbe im Gesänge a cap bereits eine hohe Stufe\nerreicht hat. Kann man nun das vom Gesänge mit Be-\ngleitung, resp. der letzteren allein, nicht allemal sagen, so\nliegt es eben daran, dass es bis jetzt dem neuen Orchester\nan Gesangstücken mildem Chore gefehlt hat. Da der Verein\nstets in der besten Thätigkeit und im Wachsen begriffen\nist, auch bereits eine grosse Anzahl nicht mitwirkender\nMitglieder zählt, welche durch Beiträge seine Geldverhält-\nnisse verbessern, so bin ich überzeugt, dass derselbe einer\nmöglichen Vollkommenheit auch in Ausführung grosser\nWerke nach und nach entgegen gehen wird. Der Dirigent\nund die Mitglieder scheuen weder Zeit noch Anstrengung,\num zur Vervollkommnung ihrer Studien und Leistungen\nzu gelangen. ff f"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-01-03-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-01-03_01#c004", "volume": "bmtnabi_1857-01-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "6", "page_fin": "7", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.2.4", "titre_corps": "Historische Noten zur „Leonore“ von Beethoven", "titre_sommaire": "Historische Noten zur „Leonore“ von Beethoven", "signature_source": "L. Sonnleithner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5303, "texte": "Historische Noten zur „Leonore“ von Beethoven\nVon Dr. L. Sonnleithner.\n*)•\nSchon oft ist die Frage besprochen worden, in wie\nfern es vom Standpunkte der Kunst aus zulässig sei, das\nPrivatleben wirklicher Personen, insbesondere hervorragen-\nder Künstler, in den Bereich des Romanes und der Novelle\nzu ziehen. Da jedoch die Weltgeschichte selbst von den\nRomanschreibern bereits als gute Beute in Besitz genom-\nmen ist, da wir die grössten Helden, Staatsmänner und\nKünstler täglich über die Bretter der Schaubühne schreiten\nsehen, so darf man es auch mit den Novellisten nicht zu\nstreng nehmen. So viel kann und muss man aber fordern,\ndass die Dichtung nicht in geradem Widerspruche mit der\nWirklichkeit stehe, dass nicht der Charakter der vorgeführ-\nten Personen, die Periode ihrer Leistungen oder die äusse-\nren Verhältnisse derselben geradezu falsch dargestellt und\nso nicht die Kenntniss und Beurtheilung der Welt muth-\nvvillig verwirrt und in Irrthum geführt werden. Diese Be-\ntrachlungen drängten sich mir wieder auf, als ich in Nr.\n96 der „Blätter für Musik\" u. s. w. den Anfang der No-\nvelle: EineLeonore, von E1 ise Po 1 ko, las, wovon\njede Zeile die aulfallendsten Unwahrheiten enthält, und die\ngänzliche Unbekanntschaft der Verfasserin mit Beethoven's\nLebensverhältnissen und Kunstleistungen beweis't. Ich sehe\nganz davon ab, dass Beethoven gleich Anfangs als ein hoch-\ngewachsener Mann eingeführt wird, während er doch eine\ngedrungene Gestalt, beinahe unter Mittelgrösse, war. Höchst\nauffallend ist aber die Behauptung, dass er eine Oper\n„Leonore\" im Jahre 1822 beendet habe, dass die Auf-\nführung durch den Abgang einer geeigneten Sängerin für\ndie Hauptpartie verzögert, und dass hierzu Wilhelmine\nSchröder vorgeschlagen worden sei.\nDer wahre Sachverhalt ist nun, dass die Oper: „Fi-\ndelio, oder die eheliche Liebe\", in der ersten Bearbeitung\nin drei Acten, schon am 20. November 1805 (zu einer\nZeit, da Wien von dem französischen Heere besetzt war)\nim Theater an der Wien gegeben, nach dreimaliger Auf-\nführung zurückgelegt, und im Jahre 1806 (29. März)\nunter dem Titel „Leonore\", in zwei Acte zusammengezo-\ngen, wieder in Scene gesetzt wurde. Am 10. April 1806\nfand damals die letzte Aufführung Statt. Die erste Vor-\nstellung des sowohl in der Musik als auch im Texte (durch\nFriedrich Treitschke) umgearbeiteten „Fidelio\" fand im\nKärnthnerthor-Theater am 23. Mai 1814 Statt. Bei allen\ndiesen Vorstellungen in den Jahren 1805, 1806 und\n1814 wurde die Rolle der Leonore von Frau Anna\nMilder gesungen, für welche dieselbe componirt war.\nAusser ihr war aber auch noch Frau Antonia Campi\nengagirt, welche in späteren Jahren diese Rolle öfters sang.\nEs fehlte somit keineswegs an Sängerinnen für diese Partie.\nWilhelmine Schröder ist am 6. October 1805 zu\nHamburg geboren, und war gerade einen Monat und 14\nTage alt, als Beethoven's Oper zum ersten Male gegeben\nwurde. Es ist daher nicht zu verwundern, dass er damals\nnicht daran dachte, ihr die Hauptpartie anzuvertrauen, welche\nsie erst am 22. November 1822 zum ersten Male darstellte.\nDiese Irrthümer in Thatsachen sind so grell, dass man\nAnstand nehmen könnte, sie ernsthaft zu besprechen. Sie\nerscheinen aber für das Publicum, welches derlei Angaben\nselten näher untersucht, nicht gleichgültig, wenn man den\nungeheuren Weg betrachtet, welchen Beethoven in seiner\nKunstentwicklung vom Jahre 1805 bis zum Jahre 1822\nzurückgelegt hat, in welchem letzteren er bereits mit der\nComposition seiner neunten Sinfonie und der zweiten Messe\n(beide zuerst am 7. Mai 1824 aufgeführt) beschäftigt war.\nSeine Kunstanschauung war damals von jener im Jahre\n1805 himmelweit verschieden; und diese beiden Perioden\nzu vermengen, ist ein Frevel an dem grossen Meister und\nan der Kunstgeschichte überhaupt.\nDa ich schon für „Fidelio\" die Feder ergriffen habe,\nso mag noch eine minder bekannte Notiz über die ander-\nweitigen Bearbeitungen des nämlichen Stoffes hier Platz\nfinden. Im Jahre 1798 wurde zu Paris gegeben:\nnore, ou l'amour conjugal, opera en Irois uctes, paroles de\nJ. N. Bouilly, musique de GaveaDiese Oper gefiel, und\nder Text wurde nach einigen Jahren von dem damaligen\nHoftheater-Secretär Joseph Sonnleithner für Beethoven ins\nDeutsche, und von einem Ungenannten für Fernando Paer\nins Italiänische übersetzt. Paer's Oper: Lconora, ossia\nl'amore conjugale, wurde zu Dresden im Jahre 1805 (also\ngleichzeitig mit Beethoven's Fidelio) und später am 8. Fe-\n\n*) Herr Dr. L. Sonnleithner, dem die musicalische Welt\nvor Kurzem die historischen Berichtigungen über die Musik\nBeethoven's zu dem Ballet „Prometheus\" verdankte (siehe\nJahrg. IV. Nr. 47 vom 22. Nov. v. J.), veröffentlicht in den\n„Wiener Blättern für Musik44, indem er der talentvollen No-\nvellistin Elise Polko einen mehr als kühnen Griff in Beetho-\nven's Leben mit liebenswürdigem Zorne vorwirft, obige Notizen\nüber das Historische der Oper Fidelio, welche das allgemeine\nInteresse in Anspruch nehmen und desshalb von uns eben-\nfalls mitgetheilt würden. Es ist sehr dankenswrerth, wenn die\nalten Herren zuweilen ihre Tagebücher über die musicaali-\nsche Vergangenheit aufschlagen und ein oder das andere\nBlatt daraus veröffentlichen, zumal da in jene Vergangenheit\nheut zu Tage so manches hineingedichtet und hineingefaselt\nwird, was eher allen anderen Zwecken, als der Wahrheit,\ndient. Die Red."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 311, "texte": "bruar 1809 in Wien im Kärnthnerthor-Theater in deut-\nscher Uebersetzung aufgeführt. Paer's Musik missfiel auch\nin Wien (nach Beethoven) nicht, denn sie wurde noch 1810\neinige Male gegeben. Von da verschwand aber „Leonore\"\nganz von der Bühne, währen! „Fidelio\" hoffentlich noch\nlange seinen Platz behaupten wird."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-01-03-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-01-03_01#c005", "volume": "bmtnabi_1857-01-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "7", "page_fin": "7", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.2.5", "titre_corps": "Aus Bielefeld.", "titre_sommaire": "Aus Bielefeld.", "signature_source": "s", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.1.7", "debut_caractere": 313, "fin_caractere_exclue": 4787, "texte": "Aus Bielefeld.\n.....s.\nDecember 1856.\nWer die Zerfahrenheit unserer musicalischen Zustände der letz-\nten Jahre, die endlosen Reibereien und Streitigkeiten unter Musi-\nkern wie Dilettanten, überhaupt das Chaos, in welches unsere sonst\nso friedliche Stadt in dieser Beziehung hineingeralhen war, nur in\netwa gekannt hat, der wird mit Freude die im Herbste endlich von\nden drei hiesigen musicalischen Haupt-Vereinen: der Liedertafel,\ndem Gesang- und dem Orchester-Vereine, erfolgte Wahl eines neuen\nMusik-Directors in der Person des Componisten Herrn Herrn.\nWich mann aus Berlin begrüsst, der wird mit uns zu der Ein-\nstimmigkeit dieser Wahl einen eben so erfreulichen als ernsten An-\nknüpfungspunkt an eine neue, eine endlich bessere Zukunft erblickt\nhaben. Gewiss, es bedurfte hier vor Allem eines Mannes, der\nzunächst mit unerbittlicher Consequenz, dabei aber mit grosster\nHumanität und Gentilität durchzugreifen, der den Gegensätzen über-\nhaupt zu imponiren verstand, die sich hier nur zu schroff auszu-\nbilden Gelegenheit genug gehabt hatten. Und den scheint man in\nHerrn Wichmann gefunden zu haben! Sohn des berühmten ber-\nliner Bildhauers, und als solcher durch Erziehung, wie Lebens-\nstellung überhaupt schon früh mit Kunst und Künstlern aller Art\nbekannt und vertraut geworden; vor Allem selbst Künstler mit\nLeib und Seele; dabei ein durch jahrelange Reisen in Italien und\nFrankreich auf die beneidenswertheste Weise für sein Fach wie\nfür sein Leben vor- und durchgebildeter äusserst liebenswürdiger\nMann: musste es ihm nicht gelingen, sich hier bald die Ach-\ntung aller Parteien und die Liebe derer zu gewinnen, die mit ihm\ngemeinsam jetzt ihre Kräfte verdoppeln, um Bielefeld auch in sei-\nnem öffentlichen musicalischen Leben wieder zu dem zu machen,\nwas es früher war, zu einer Zierde unserer Provinz? Wenn die\nhier so glücklich angehäuften Kräfte sich jetzt nicht mehr aus-\nschliesslich auf Privatkreise zurückziehen, so hat auch das Publi-\ncum seinen Theil des Verdienstes dabei, und die ausserordentliche\nBetheiligung desselben an den seither Statt gehabten grösseren\nConcerten und den Matineen für Kammermusik lässt zu\nseiner Ehre wenigstens ein Bedürfniss nach öffentlicher guter Musik\nvoraussetzen, welches wir als einen gewiss bedeutenden Mit-Factor\nzum Gedeihen des Ganzen hoch zu schätzen haben.\nEine ganz besondere Zierde Bielefelds ist seine jahrelang und\nunter allen Umständen treu zusammenhaltende, meist aus gereifte-\nren, tüchtigen Männern bestehende und auch in weiteren Kreisen,\nnamentlich durch ihre Leistungen auf den norddeutschen Sänger-\nfesten, bekannt gewordene Liedertafel. In dem bekannten Tenor\nHerrn Langenbach besitzt sie aber, wie das Concert-Institut über-\nhaupt, einen seltenen Schatz. Ueberhaupt wird Gesang in Bielefeld\nvorzugsweise cultivirt, und so blüht denn neben den älteren und\nbewährten sehr tüchtigen Solisten in allen Stimmen eine jüngere\nGeneration heran, der neben jener aufs bereitwilligste auch ihr\nTheil der Arena eingeräumt wird, und die den Chor zu einem sehr\nwirksamen vervollständigt.\nSo haben wir denn u. A. im zweiten Concerte das so überaus\nschwierige Vocal-Quartett a capella aus Rossini's Stabat mater:\n„Quando corpus morieturvon Dilettanten so fein und rein in den\nchromatischen Gängen und schwierigen Modulationen, so zart im\nGanzen und doch so schwungreich in dem „paradisigloria\" gehört,\nund sind ferner in dem am selbigen Abend gegebenen ersten Theile\ndes Händel'schen Judas Maccabäus durch den Wettkampf der Soli\nunter einander, wie durch die präcisen und feurigen Chöre so freu-\ndig überrascht worden, dass wir gern das dem Orchester, nament-\nlich aber den Blas-Instrumenten darin noch Fehlende und aller-\ndings durch den Director allein nicht zu Ersetzende übersehen ha-\nben, wiewohl der Vortrag der Mozart'schen />-</wr-Sinfonie mit\ndem Octaven-Sprung-Anfange und die Wasserträger-Ouverture mit\nihren schwierigen Einsätzen im ersten Satze gewiss von tüchtigem\nStreben, von fleissigem Einsludiren zeugten und Anerkennung ver-\ndienen. Mit dem Vorhandenen das Möglichste zu leisten, das\nbleibt hier zunächst die Aufgabe.\nWir bedauern, dem ersten Concerte, durch Abwesenheit verhin-\ndert, nicht haben beiwohnen zu können, in welchem die Ouvertüre\nzu Oberon und die G-dwr-Sinfonie von Haydn gemacht wurden.\nNichts desto weniger haben wir uns das Vergnügen nicht versagen\nmögen, mit diesen Zeilen wenigstens den erwachten ersten Früh-\nlingshauch nach so langem eisigem Winter doppelt willkommen zu\nHeissen,"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-01-03-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-01-03_01#c006", "volume": "bmtnabi_1857-01-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "7", "page_fin": "7", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.2.6", "titre_corps": "Der Musicus aus der Fremde.", "titre_sommaire": "Der Musicus aus der Fremde.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.1.7", "debut_caractere": 4789, "fin_caractere_exclue": 5812, "texte": "Der Musicus aus der Fremde.\nScherzo\naus der Neujahrs-Sinfonie für 1857.\nIn einem Saal bei reichen Wirthen\nErschien mit jedem neuen Jahr,\nSobald die ersten Geigen schwirrten,\nEin Musenherold wunderbar.\nEr war nicht in dem Saal geboren,\nMan wusste nicht, woher er kam,\nUnd schnell war seine Spur verloren,\nNoch eh r oft, als er Abschied nahm.\nBehelligend war seine Nähe,\nEr machte sich vor Allen breit,\nUnd seine Würde, seine Höhe\nBestand in Selbstbeschaulichkeit.\nEr brachte neue Tongedichte,\nGereift auf einer anderen Flur:\nEs waren, leider! herbe Früchte\nUnmusicalischer Natur.\nEr theilte Jedem eine Gabe,\nDem Fantasie'n, dem Fugen aus,\nVon seinem Dirigentenstabe\nBerührt, ging Jeder froh nach Haus.\nBewirthet wurden alle Gäste:\nDoch naht' ein Journalistenpaar,\nDem reichte er der Gaben beste,\nDer goldnen Klänge schönsten, dar*).\n*) Es bedarf wohl kaum der Bemerkung, dass hier nicht von\nPersonen, sondern nur von Zuständen in Lissabon und Peters-\nburg und mehreren dazwischen liegenden Orten die Rede ist.\nDer Einsender."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-01-03-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-01-03_01#c007", "volume": "bmtnabi_1857-01-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "8", "page_fin": "8", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.2.7", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4002, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n14ölii. Die vier folgenden Gesellschafts-Concerte wer-\nden Statt finden Dinstag den 13. Januar, den 11. Februar,\nden 3. März, den 17. März d. J. Am 13. Januar wird dem\nVernehmen nach Haydn's Schöpfung zur Auflührung kommen :\nFräulein Franzisca Veith vom frankfurter Theater wird die\nSopran-Partie singen.\n** Elberfeld. Am 20. Dec. v. J. fand unser zweites Abon-\nnements-Concert Statt. Nach einer Ouvertüre (welcher?) von Beet-\nhoven trug Fräul. Schreck aus Erfurt eine Alt-Arie von C. R ein-\nthaler: „0 madre di virtutei(, Text von Dante Alighieri, vor; Herr\nL. B rassin aus Leipzig spielte das D-moll-Concevl von Mendels-\nsohn für Pianoforte und Orchester und ein paar glänzende Salon-\nstücke; Fräul. Schreck trug zwischen den beiden Clavier-Soli zwei\nLieder von F. Schubert vor. Beide Concertisten ärnteten reichen\nBeifall. Der IL Theil des Concerts begann mit einer Motette von\nJ. S. Bach, worauf Beethoven's Eroica folgte.\nBEainz. Das erste Abonnements-Concert der Liedertafel, wel-\nches am 15. Dec. Statt fand, brachte im 1. Theil Ouvertüre zur\nZauberflöte, Fantasie für Piano, Chor und Orchester von Beetho-\nven, Fantasie-Caprice von Vieuxtemps, Finale der Loreley. Frau\nStradiot-Mende von Wiesbaden sang die Loreley. Sämmtliche Num-\nmern wurden in gelungener Weise vorgeführt. Besonders hervorgeho-\nben zu werden verdient die treflliche Executirung der Vieuxtemps'-\nschen, nur etwas zu lang gedehnten Caprice durch Herrn Balden-\neckcr, Concertmeister in Wiesbaden, und die Ausführung der gew al-\ntigen Loreley-Chöre durch die Gesangeskräfte der Liedertafel und\ndes Damengesang-Vereins. Nicht dasselbe lässt sich von der Exe-\ncutirung der 8. Sinfonie von Beethoven sagen, welche manches zu\nwünschen übrig liess. Unsere Orchesterkräfte haben sich bisher\nfreilich so selten an derartigen Aufgaben versucht, dass wir hoffen\ndürfen, die späteren Concerte werden auch in dieser Beziehung\nganz befriedigen.\nDie Wiener Blätter für Musik, Theater und Kunst,\nredigirt und herausgegeben von L. A. Zellner (Musicalienhand-\nlung von C. Haslinger in Wien), werden auch in diesem Jahre\nforterscheinen Abonnementspreis für Deutschland jährlich öf Thlr.\noder 10 Gulden.\n„Mozart im Jahre 1778 zu Paris.44 Ein Auszug aus einem\nArtikel unter dieser Aufschrift wird uns aus der Revue\nmitgetheilt. Er enthält über den Tod von Mozart's Mutter folgen-\ndes Document aus dem Kirchenbuche der Pfarrei St. Eustache,\nwelches auf Deutsch also lautet:\n„Sonnabend den 4, Juli 1778. An besagtem Tage wurde Anna\nMarie Pertl, 57 Jahre alt, Ehefrau von Leopold Mozart, Capell-\nmeister zu Salzburg in Baiern, welche gestern Rue de Groschenet\nstarb, auf dem Kirchhofe in Gegenwart ihres Sohnes Wolffgand\nAmade Mozart und des Francois Heina, Trompeter der\nChevauxlegers der königlichen Garde, begraben. Gezeichnet: Mo-\nzart. Heina. Trisson.44\nDie Angabe der Sirasse stimmt genau mit Mozart's eigener Be-\nzeichnung: „Rue du gros chenet, vis-ä-vis celle du croissant, ä l'hö-\ntel des quatre fils aimons\" (der vier Heimonskinder), bei 0. Jahn,\nMozart 11., S. 536. Auch den Namen Heina erwähnt Mozart in\nseinem Briefe an Bullinger (ebendaselbst S. 536, Z. 2): „Es war\nNiemand bei ihrem Tode, als ich, ein guter Freund von uns, den\nmein Vater kennt, Herr Heina, und die Wächterin.\"— Nach der\nAngabe ihres Alters in obigem Documente wäre mithin Mozart's\nMutter im Jahre 1721 geboren und bei ihrer Verheirathung 1747\nsechsundzwanzig Jahre alt gewesen, was mit der Stelle in einem\nBriefe Leopold Mozart's (Nissen S. 267, Jahn 1., S. 24) überein-\nzustimmen scheint, welche auf eine langjährige Verlobung oder\nBekanntschaft hinweist. Wenn Jahn (I. S. 24) im Text den Fa-\nmiliennamen der Mutter Mozart's „P e rtlin (oder Berti in\")\nschreibt, so geht sowohl aus dem Kirchenbuche in Salzburg (bei\nJahn selbst), als aus dem in Paris hervor, dass der Name „Pertl\"\n(oder „Berti\") lautete. Die Anhängung der weiblichen Endung\n„in44 nach der alten Sprachsitte könnte bei heutigen Lesern leicht\neinen Irrthum veranlassen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe. 11. Von B. P. (Grosse Oper Mad. Borghi-Mamo Medori „Die Rose von Florenz\", Oper von\nde Saint-Georges und Em. Biletta). Der Itiedel'sche Verein in Leipzig. Von +ff. Historische Noten zur „Leo-\nnore\" von Beethoven. Von Dr. H. Son nleithner. Aus Bielefeld. Von s. Der Musicus aus der Fremde.\nTages- und Un ter h alt ungsbla 11 (Köln Elberfeld Mainz Mozart im Jahre 1778 zu Paris).\n\nPariser Briefe.\nII.\n[Grosse Oper Mad. Borghi-Mamo Medori „Die\nRose von Florenz\", Oper von de Saint-G eorges und\nEm. Biletta.]\nDas kaiserliche Theater der grossen Oper behilft sich\nmit Wiederholungen, denen es durch neue Besetzungen\nneuen Reiz zu verleihen sucht, obwohl nicht überall mit\nGlück. Meyerbeer's Prophet, oder eigentlich Roger, der\nwieder auf mehrere Jahre angestellt ist, spielt dabei die\nHauptrolle. Madame Borghi-Mamo, in den zwei letz-\nten Wintern bei den Italiänern beschäftigt, ist zu den\nFranzosen übergegangen, um die Fides zu singen. Sie ist\nAltistin mit ziemlicher Höhe: die Stimme ist stark, doch\nkeineswegs überall wohllautend, ja, die tieferen Brusttöne\nwerden durch die widrige Manier des breiten Herausquet-\nschens geradezu unschön. Leidenschaftlichen Ausdruck ver-\nmag sie in ihren Gesang zu legen, aber die Grazien haben\nnicht an ihrer Wiege gestanden. Uebrigens ist die Direc-\ntion so sehr auf den Propheten erpicht, dass er sogar dop-\npelt besetzt ist und abwechselnd mit Gueymard als Jo-\nhann und Demoiselle Wertheimber als Fides gegeben\nwird. Leider fällt letztere, ein schöner voller Mezzo-Sopran,\nauch schon nach französischer Art in unnatürliche Ueber-\ntreibungen. In der Ausstattung und Scenerie wird die grosse\nOper sehr nachlässig: sie steht darin gegen die grösseren\nHof-Theater in Deutschland jetzt sehr zurück. Der Krö-\nnungs-Zug im Propheten ist ärmlich, und der mittlere\nPfeiler, der das Gewölbe des Domes trägt, zeigt einen so\nklaffenden Riss von oben bis unten, dass man jeden Augen-\nblick den Einsturz fürchten muss. Wie es bei alledem mög-\nlich ist, dass der Prophet dennoch wöchentlich zwei- bis\ndreimal sein Publicum findet, bleibt auch bei Berücksichti-\ngung der oben angeführten Factoren dennoch ein Räthsel.\nMir ist diese Oper nie widerlicher erschienen, als jetzt, wo\nich ihr pflichtschuldigst einmal wieder ein paar Stunden\nmeines Lebens zum Opfer bringen musste.\nAnfangs October trat die weit her berufene und be-\nrühmte Medori in den Vepres Siciliennes von Verdi auf.\nSie sollte die Cruvelli ersetzen, und diese Erwartung musste\nzum Nachtheile der Debütantin ausschlagen, da man, da-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.1.2", "texte": "durch verleitet, einen falschen Maassstab an ihre Leistung\nlegte. Der ganze Erfolg der Oper Verdi's beruhte auf zwei\nDingen, auf dem Glänze der Cruvelli als Helene und auf\nder Industrie-Ausstellung. Sobald Beide ihr nicht mehr zu\nHülfe kamen, blieb das Haus leer. Dass das Fremden-Publi-\ncum die Hauptstütze gewesen war, zeigte sich bei der ersten\nWieder-Aufnahme der Oper mit der ebenfalls majestätisch-\nschönen und mit herrlicher Stimme begabten Sängerin\nderen meisterhafte Durchführung der\nHauptrolle zu bald vergessen wurde, weil sich überhaupt\nfür die Vesper kein Publicum mehr fand. Bei so bewandten\nVerhältnissen war die Medori freilich in keiner Hinsicht die-\njenige Künstlerin, welche zu dem Fanatismus hinreissen\nkonnte, Verdi's Musik zu einem Glaubens-Artikel, dessen\nUnhaltbarkeit man nicht weiter anfocht, zu stempeln. Noch\nweniger konnte sie den Vergleich mit der Cruvelli aushal-\nten. Sie ist ein reiner, ausschliesslicher Sopran, ihre Mittel-\ntöne sind schwach, von Tiefe ist gar nicht die Rede, wäh-\nrend Sophie Cruvelli zwar die Register ihrer Stimme nicht\nvollkommen künstlerisch zu verbinden wusste, aber jedes\nderselben doch prachtvoll und in Höhe und Tiefe imponi-\nrend war. Eben so wenig Aehnlichkeit ist im Aeussern und\nim Spiel vorhanden. Es war desshalb von der Direction und\nvon der Sängerin gefehlt, diese Rolle zum Debüt zu be-\nstimmen. Aber auch abgesehen von diesen localen Umstän-\nden ist mir doch der Enthusiasmus unbegreiflich, welchen\ndie Medori in Wien, wie man allgemein hörte, erregt hat*).\nIhre Höhe ist allerdings prachtvoll, aber sie besteht nur\naus etwa lünf Tönen, welche sie noch dazu oft zu grellem\nSchrei missbraucht. (Spasshaft ist die Bemerkung eines hie-\nsigen Blattes über ihre expression\ngeree parfois, suivant l'habilude etrangere qui se corrige\nais&ment ä Paris!!) Im Uebrigen ist ihr Gesang monoton,\nnur die kräftigen Phrasen sind glänzend, das Anmuthige\nund fein Schattirte fehlt ihr ganz und gar. Der Erfolg des\nDebüts war kein glücklicher, die Sängerin konnte in den\nnächsten Tagen wegen Erkrankung nicht wieder auftreten,\nwurde zwar nachher gut empfangen, hat aber doch nicht\ndurchdringen können. Später ist sie auch als „Valentine\"\nin den Hugenotten aufgetreten, aber ebenfalls mit sehr ge-\ntheiltem Beifalle. Die grelle Schärfe war hier noch auffal-\nlender.\nAm 10. November kam endlich in demselben Hause\n„Die Rose von Florenz\", Oper in zwei Acten, Text von\nde Saint-Georges, Musik von Em. Biletta, zur Auf-\nführung. Wie dieser Italiäner, den man nicht einmal dem\nNamen nach kannte, zu der Ehre gekommen ist, nach der\nso viele weit tüchtigere französische Componisten vergebens\ngeizen, eine Arbeit für die grosse Oper in Auftrag zu er-\nhalten, ist vollends nach dem Resultate nicht nur\nmir, sondern allen hiesigen Musikern ein Räthsel. Herr Bi-\nletta lebt in London und soll dort eine ganz hübsche Stel-\nlung haben, wie sie dem geschickten Musiker und geschick-\nten Menschen- oder vielmehr Briten-Kenner dort zu erlan-\ngen nicht schwer fällt. Aber das befähigt doch noch lange\nnicht zu einer solchen Auszeichnung in Paris! Die Musik\ndes Herrn Biletta ist vom allergewöhnlichsten italiänisehen\nSchlage in Erfindung und Form, in so fern von Erfindung\ndie Rede sein kann bei einer Musik, die eigentlich nichts\nals eine lange Reminiscenz ist. Zwar könnte mich der Com-\nponist herausfordern, ihm eine bestimmte Melodie, die er\nirgendwo hergenommen, aufzuweisen, und ich würde viel-\nleicht in Verlegenheit kommen. Dennoch ist das Ganze, wie\nso manches Musikstück, das jetzt erscheint, nichts Anderes,\nals unbewusste Erinnerung an eine Masse von Tönen, die\nman gehört, gespielt, gesungen. Ein heuliger Componist\nmuss vor Allem vergessen, nicht dass er Musiker ist (wie\nGluck), sondern dass er Musik gehört hat. Aber das ist\nnicht leicht; zu einem Trunk aus dem Lethe gehört Muth\nund Charakterstärke, und nur bei dem frisch aufrauschen-\nden Quell genialer oder wenigstens talentvoller Erfindung\nlässt sich das ewige Rieseln der Bäche der Erinnerung, der\nfatalen Gegner des Lethe, überhören. Dass es bei Herrn\nBiletta auch an dem obligaten Orchesterlärm nicht fehlt,\nobschon er hier passt wie die Faust auf das Auge, kann\nich noch ausserdem versichern.\nTrotz alledem muss Herr B. doch ein bedeutender\nMann sein, das lehrt die Geschichte seiner Oper. Angenom-\nmen wurde sie mit drei Acten: darauf erhielt sie noch einen\nAct dazu und war zur Aufführung fertig. Doch halt! man\nbesann sich anders: ein fünfter Act kam hinzu und nach\nachtzehn Monaten unaufhörlicher Flickerei kam sie in zwei\nActe beschnitten zur Geburt! Wahrhaftig, Herr de Saint-\nGeorges ist ein gefälliger Dichter\nwie die France musiralesagt, „ der seine Eigenliebe opfert,\n| um seinen Freunden zu dienen\". Und warum sollte er\nnicht seine Adoptiv-Tochter, die zuerst an der Porte St.\nMartin als „Victorine,oder über Nacht kommt Rath\" sprach,\ndann mit einigen Zuthaten aus G. Sand's Leone Leoni im\n\n*) Nur bei dem grossen Haufen des italiänisehen Opern-Publi-\ncums und bei einigen Blättern, chi han certo il lor perche;\nunbefangene Stimmen der Kritik lauteten auch in Wien nichts\nweniger als enthusiastisch. Die Red."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.1.3", "texte": "Opernhause als „Das hübsche Mädchen von Gent\" tanzte,\njetzt als „Rose von Florenz\" singen lassen, und das alles\nimmer nach der Pfeife seiner Freunde?\nDie Zurechtmachung des Stoffes für die Oper ist übri-\ngens die schlechteste von allen. Die Spitze besteht nämlich\ndarin, dass ein junges Mädchen vom Bürgerstande, die mit\neinem braven Jungen verlobt ist, durch die Lockungen eines\nReicheren einen Augenblick schwankt, aber, durch einen\nTraum welcher gespielt wird und in welchem sie selbst\nmitspielt! gewarnt, der Tugend und dem ersten Ge-\nlöbniss treu bleibt. Während nun Victorine dem Verführer\nnichts verspricht und mit dem Gebet an ihre verstorbene\nMutter um Rath und Hülfe einschlält, lässt St. Georges die\nAminta in der „Rose von Florenz\" sich verloben, am Vor-\nabend der Trauung die treueste und reinste Gesinnung für\nTebaldo bekunden, und in derselben Nacht dem Herzog von\nPalma versprechen, mit ihm durchzugehen! Im zweiten Act\nist sie dann im Traume Herzogin. Der Gemahl ver-\nliert aber im Spiel sein ganzes Vermögen und zuletzt auch\ndas Pfand ihrer Liebe, eine weisse Rose, gegen Tebaldo.\nAminta erwacht und reicht dem legitimen Bräutigam die\nHand.\nGute Nacht! ich will sehen, ob mich vielleicht auch ein\nTraum belehrt, das alles sei Poesie und Musik!\n\nDer Riedel’sche Verein in Leipzig.\nSchon früher erstattete diese Zeitung Bericht über den\ngenannten Verein, so dass ich, auf den Aufsatz im IV. Jahr-\ngange Nr. 28 vom 12. Juli 1856 mich zurückbeziehend,\nalles, was das Entstehen und die Richtung desselben an-\nbelangt, als unseren Lesern bekannt voraussetzen kann.\nHerr Riedel ist seitdem auch darauf ausgegangen, dem Ver-\neine ein selbstständiges Orchester zu schaffen, um so die\nMittel zur Ausführung grösserer Werke mit Begleitung\nleichter zur Hand zu haben, und nach und nach auf ein\nsichereres Zusammenwirken hinarbeiten zu können. Die\nerste Frucht dieses, hier am Orte nicht leicht zu realisi-\nrenden Gedankens war eine Privat-Aufführung des\nmaier von Astorga und eine Wiederholung des früher schon\nvorgeführten 130. Psalms vonClari. — Beide Wrerke, mit\nStreich-Instrumenten und Orgel begleitet, wurden, beson-\nders vom Chor, gut ausgeführt; das neue Orchester that\nseine Schuldigkeit nach besten Kräften, und vom Ganzen\naus betrachtet, war auch die Gesammtwirkung befriedigend;\nder Verein wird auch unter den wenig günstigen Verhält-\nNissen, mit welchen er bis jetzt gekämpft hat, eine sichere\nStellung erreichen und behaupten.\nDie Localverhältnisse bedingen bei dieser Aufführung\neine Ersetzung der Orgel durch Physharmonica; in diesem\nFalle ist nichts dagegen zu sagen, im Allgemeinen aber\nVieles. Nur die Orgel einzig und allein, welche schon von\nvorn herein jede in kleinliche Schattirungen eingehenden dy-\nnamischen Veränderungen zurückweiset, ist dem ernsten\nCharakter des Kirchenstils angemessen. Die Physharmonica\npasst für eine träumerische Sentimentalität, deren wir heut-\nzutage schon zu viel haben, als dass wir ihr auch noch die\nThore der Kirche öffnen sollten; wenigstens während der\nMusik wollen wir sie vor jeder sinnlichen Gefühlsreizung\nschön verschlossen halten. In der Kirche erweisen sich ohne-\nhin ins Detail eingehende Vortrags-Nuancen als total nich-\ntig; sowohl im Chor als in der Begleitung bleibt eine Zer-\nsetzung gross und breit ausgesprochener Stimmungen völlig\nmalt und ohne Wirkung nur eine der musicalischen\nAnlage des Werkes ebengemäss in die Breite gehende An-\nwendung der verschiedenen Grade der Kraftwirkungen ist\ndem ernsten Stile entsprechend. Die Haupt-Erfordernisse\neines guten Kirchengesanges sind, natürlich neben dem\nrichtigen Verständniss des Meisters und seines Stiles, Festig-\nkeit und Reinheit, woraus ein klarer und darum eindring-\nlicher Vortrag von selbst entspringt*).\nDas Programm der nächsten Kirchen-Aufführung des\nRiedel'schen Vereins (20. Sept. 1856) enthielt eine Wie-\nderholung des Stabat von Astorga und die Bach'sche Can-\ntate: Bleib' bei uns.\nEhe ich hierauf näher eingehe, sei es gestattet, noch\nzu erwähnen, dass Herr Riedel allen lateinisch componirten\nGesängen eine deutsche Bearbeitung ihrer Texte unterlegt.\nEs geschieht jederzeit nach sorgfältigster Auswahl; über\ndie Zulässigkeit dieser Verdeutschung im Allgemeinen herr-\nschen aber gewiss entgegengesetzte Meinungen.\nHerr Riedel glaubt, jene alten Compositionen unserer\nZeit näher zu rücken, ihnen bei seinen Sängern ein richti-\ngeres Verständniss, beim Publicum eine wärmere Aufnahme\n\n*) Bei aller Anerkennung dieses Grundsatzes möchten wir doch\nvor Uebertreibung desselben in der Anwendung warnen, be-\nsonders da die Uebertreibung in allen kirchlichen Dingen jetzt\nnur allzu sehr an der Tagesordnung ist. Die Sänger in der\nSixtina in Rom haben früher und noch jetzt gerade durch\nden Vortrag die grosse Wirkung mit dem Kirchengesange\na capellaerreicht. Der Ausdruck ist die Seele der Musik:\nwill man diesen nicht als Sinnenreiz, was er keineswegs\nist, so thue man lieber die ganze Kirchenmusik in den Bann,\nweil man alsdann doch keinen Begriff von ihrem Wesen hat.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.1.4", "texte": "zu sichern, wenn er sie in unserer Muttersprache singen\nlässt. Dem allgemeinen Publicum gegenüber hat diese Mei-\nnung zweifelsohne guten Grund; von einem anderen Ge-\nsichtspunkte aus kann ich ihr aber nur mit einiger Modifi-\ncation beistimmen.\nAuf den stets hervorgehobenen, den Klang unserer\ndeutschen Sprache übertreffenden Wohllaut der vocal- und\ndiphthongenreichen lateinischen lege ich kaum viel Gewicht.\nEin gut geschulter Chor muss Rundung und Weichheit des\nKlanges sowohl als auch Kraft ohne Beihülfe jener, die\nAussprache und Klangbildung erleichternden Mittel zu er-\nlangen suchen.\nEben so wenig ist etwas auf die Prägnanz des Aus-\ndrucks in der lateinischen Sprache zugeben; eine gesunde,\nkernige, den Gedanken phrasenlos scharf und klar wieder-\ngebende Satzbildung, wie sie das Psalmen-und Bibeldeutsch\nin tausendfachen Mustern bietet, steht jener, namentlich für\ndie Composition, wenigstens vollkommen gleichberechtigt\nzur Seite. Ueberdies componiren wir ausserhalb der katho-\nlischen Kirche kaum noch, und im Dienste jener fast nur\nnoch zum Ritual gehörende Messentexte lateinisch. Aus der\nKirchenmusik selbst ist die Stil-Allgemeinheit der alten\nziemlich verschwunden; auch in ihr überwiegt in der heu-\ntigen Zeit bei der Auffassung der Stoffe die subjective In-\nnerlichkeit, welche sich nur sehr schwer der für uns fremd-\nartigen traditionellen Allgemeinheit, welche die lateinische\nSprache in der katholischen Kirche genommen, anbequemen\nkann.\nUnd doch halte ich nicht durchaus und überall eine\nUebersetzung der Kirchentexte für zulässig. Viele der alten\nGesänge können wir kaum verstehen und würdigen, wenn\nwir sie einzig und allein einer rein künstlerischen Betrach-\ntung von unserem heutigen Standpunkte aus unterwerfen\nwollen. So wie wir Gesänge, welche entstanden sind zur\nZeit, als die Musik, noch ganz im Dienste der Kirche, nur\nMitträger der heiligen Handlungen gewesen, losgelös't den-\nken wollen von eben dem Ritual und katholisch-kirchlichen\nLeben, von welchem sie eben ein Theil sind, so ist ihre\nplastische Einheit gestört. Wollten wir Compositionen z. B.\nder Periode Palestrina völlig in unsere Neuzeit als selbst-\nständige Kunstwerke verpflanzen, so könnten sie kaum ge-\ndeihen ; sie stehen zu fest an ihrem Orte, wurzeln zu fest\nin ihrer Zeit und ihrer Religion, und verlangen im Gegen-\ntheil, dass wir, wenn wir sie recht geniessen wollen, den\nBlick zu ihnen, in ihre eigene Entstehungszeit zurücksen-\nden. Die lateinische Sprache ist aber ein vom Ritual der\nkatholischen Kirche unzertrennlicher Theil, und durch die\nVerdeutschung der Texte wird der ganze abgeschlossene\nCharakter jener alten Kirchengesänge angetastet, und an\nihrem engen Zusammenhange mit der alten Kirche und\nderen Ritus gerüttelt.\nBei grösseren Werken der späteren Zeit aber, deren\nMusikstil, uns näher liegend, nicht mehr einzig und allein\nin einer streng kirchlichen Abgeschlossenheit wurzelt; bei\nWerken, wie z. B. die vorliegenden von Clariund Astorga,\ndie von der heiligen Handlung ganz abgesondert auch an\nund für sich als musicalische Kunstwerke berechtigt sind,\nkann ich in einer Text-Verdeutschung nichts Widerrecht-\nliches erblicken. Die Allgemeinheit der Stoffe und die grös-\nsere Biegsamkeit der Kunstformen, welche mitunter schon\nstark auf das Moderne hindeuten, verlangen die strenge\nhistorische Physiognomie und lateinische Sprache nicht mehr.\nDie deutsche Uebersetzung, welche Herr Riedel dem\nStabat materuntergelegt, lässt lür den, der nicht princi-\npieller Gegner der Sache ist, nichts zu wünschen übrig. In\neinfacher, fester Sprache gibt sie Sinn und Wortklang des\nUrtextes nach bester Möglichkeit wieder. Um auf das Mu-\nsikwerk selbst zu kommen, so ist gewiss kein Text häufi-\nger componirt, als dieser; und doch setzt die bis zur Ein-\ntönigkeit traurige Stimmung, welche den ganzen Hymnus\nerfüllt, bedeutende musicalische Bildkraft voraus, wenn nicht\nMonotonie die Eindringlichkeit der Composition verhindern\nsoll. In Astorga ist unbestreitbar eine tiefe Innerlichkeit der\nBoden gewesen, aus welchem eine edle Phantasie die ge-\ngenwärtige Schöpfung hat emporwachsen lassen; dessglei-\nchen hat ihn ein schon bedeutend ausgebildetes, richtiges\nKunstgefühl die Bedingungen erfüllen lassen, welche einem\nKunstwerk allgemeine Geltung verschaffen und erhalten,\nwenn es auch als etwas Selbstständiges, von Zeit und Ort\nabgelös't, betrachtet wird. Ob aber eine seinen Ideen stets\ngleichvermögende Kunstfertigkeit ihm zur Seite gestanden,\nist eine vielleicht nicht sogleich umzustossende Frage. Die\neinfachen, aber stilfesten Solosätze, welche auch der Quan-\ntität. nach überwiegen, sind die Höhepunkte des Werkes;\ndie Chöre im Allgemeinen (nur den ersten nehme ich theil-\nweise aus) erscheinen besser gedacht, als herausgebildet.\nSo z. B. Nr. 7 (virgo virginum); dessgleichen der Schluss-\nchor, dessen bis fast zur Verzückung gesteigerte Empfin-\ndung im Amen mehr durch Effecte, als durch bedeutende\nmusicalische Fassung, auf uns wirkt. Die Solosätze sind,\nwie gesagt, eigene und stilfest ausgesprochene Gedanken,\ndie Chöre leiden unter dem Mangel einer gleichmässig\nkünstlerischen Tüchtigkeit."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.1.5", "texte": "Die letzte Nummer des Programms war, wie erwähnt,\nBach's wunderbare Cantate: „Bleib' bei uns, denn es will\nAbend werden.\" Der erste Satz und der Schluss-Choral\nsind hier schoi. öfter ausgeführt der Riedel'sche Verein\nhatte das Verdienst, das ganze Werk, wie ich glaube, zum\nersten Male am hiesigen Orte, wenigstens in neuerer Zeit,\ngemacht und seine ziemlich schwere Aulgabe im Ganzen\ngut gelös't zu haben. Der Chor ging gut, bis auf eine Un-\nsicherheit im ersten Satze. Ueber die Begleitung aber ist\nManches zu sagen.\nBach verwendet im Gegensatze zu unserer heutigen In-\nstrumentation überaus geringe Mittel, aber es geschieht mit\nso feinem und tiefem Gefühl und solcher Kunstreinheit, dass\ndieser grösste Idealist aller Zeiten mit eben jenen einfachen\nMitteln das Wundervollste, Unübertroffene bewirkt. Die bei\nihm sehr häufige Anwendung von drei Oboen gibt, so auch\nin dieser Cantate dem ersten Satze eine überaus keusche\nund ideale Klangfärbung. Die imgrossen Räume der Kirche\nsanft zerfliessenden Oboen-Accorde schweben wie ein gött-\nlicher Lichtglanz über dem Gesänge und umweben die\nmenschliche Stimme mit einem poetischen Schleier von\nüberirdischer Reinheit. Die dritte Oboe (di caccia), welche\nsich am ersten durch unser englisches Horn darstellen lässt,\nmussle, da am Abend der Aufführung keines zu haben war,\nwie auch schon sonst geschehen, durch ß-Clarinette ersetzt\nwerden. Der sinnlich-leidenschaftliche Toncharakter der Cla-\nrinette verträgt sich aber schlecht mit der klaren Oboe;\ngute Oboen sind übrigens nicht leicht zu haben so auch\nhier, ein Mangel an Reinheit machte sich öfters fühlbar. Die\nAlt-Arie Nr. 2 mit Oboe di mussle gleichfalls aus\nobigem Grunde mit der Viole (wie übrigens Bach es selbst\ngestattet) begleitet werden, obgleich auch hier, wie ein Ver-\nsuch in der Probe bestätigte, dem englischen Horn bei\nweitem der Vorzug zu geben ist. Im Sopran-Choral Nr. 3\nmit Cello piccolo oblig. wurde, da jenes Instrument nicht\nmehr existirt, statt dessen ein gewöhnliches Cello ange-\nwandt; ich glaube aber bestimmt, dass eine Viole hier besser\nam Ort gewesen wäre, wenngleich auch die für sie in der\nTiefe nicht mehr zu habenden Töne in die höhere Octave\ngelegt werden müssen, was auch ohne besondere Störung\nder Figuration ganz gut angeht. Unser Cello bewegt sich\ndagegen nur unangenehm fistulirend und tonlos in der ihm\nunbequemen Lage und noch unbequemeren, obenein schnell\nauszuführenden Figuration.\nBei aller Einfachheit bereitet uns also die Bach'sche\nInstrumentation manche Schwierigkeiten, da wir die alten\nInstrumente nicht mehr besitzen; nichts desto weniger\nscheint mir eine Modernisirung gerade der Bach'schen In-\nstrumentation, aus dem ganzen Stil seiner Musik heraus,\nundenkbar man hat sich nur zu bemühen, seiner Vor-\nschrift stets so nahe wie irgend möglich zu kommen.\nIm Ganzen zeigten die Leistungen des aus vielen ver-\nschiedenen Elementen, Musikern und Dilettanten bestehen-\nden Orchesters des Riedel'schen Vereins, dass die Sache\nallezeit ihren guten Fortschritt machen wird. Zwischen bei-\nden eben besprochenen Werken standen altdeutsche Ge-\nsänge („O Traurigkeit\", rhythmischer Choral von Joh.\nSchop, und ein siebenstimmiger Dialog von Joh. Stob)\nauf dem Programm. Vom vorhergehenden Programme habe\nich noch zwei Choräle; „Da Jesus an dem Kreuze hing\",\nund „0 Lamm Gottes unschuldig\" von Eccard. Sämmt-\nliche Stücke wurden vom Chore ganz vortreff-\nlich, mit Sicherheit und Reinheit ausgeführt. Die altdeutsche\nMusik liegt uns unendlich näher, als die italiänische gleicher\nZeitalter. Besonders bei Eccard, und namentlich wenn er\nals Melodie-Erfinder auftritt, ist Alles licht, warm und far-\nbenreich. Kein geheimnissvoller Vorhang verbirgt uns, wie\nbei der italiänischen Musik, einen religiösen Mysticismus,\nsondern eine freie und natürlich heitere Religiosität, die das\nLeben selbst zur Offenbarung macht, und eine einfache Innig-\nkeit sprechen uns unmittelbar tief ins Gemüth. Alles ist mensch-\nlicher, desshalb auch der Stil frischer und eindringlicher,\nund es ist eben so leicht erklärlich, wie aus einer solchen\nkräftigen Saat Eichen wie Bach und Händel emporwachsen\nkonnten, wie dass jener übersinnliche Religions-Mysticis-\nmus der Italiäner bei dem später entarteten Volke völlig\nden ohnehin unsicheren Boden verlieren und in bloss sinn-\nliche Gewohnheits-Empfindelei sich abschweifen musste.\nDie Gesammt-Folgerung, welche man nun aus diesen\nAufführungen für den Riedel'schen Verein ziehen kann, ist,\ndass derselbe im Gesänge a cap bereits eine hohe Stufe\nerreicht hat. Kann man nun das vom Gesänge mit Be-\ngleitung, resp. der letzteren allein, nicht allemal sagen, so\nliegt es eben daran, dass es bis jetzt dem neuen Orchester\nan Gesangstücken mildem Chore gefehlt hat. Da der Verein\nstets in der besten Thätigkeit und im Wachsen begriffen\nist, auch bereits eine grosse Anzahl nicht mitwirkender\nMitglieder zählt, welche durch Beiträge seine Geldverhält-\nnisse verbessern, so bin ich überzeugt, dass derselbe einer\nmöglichen Vollkommenheit auch in Ausführung grosser\nWerke nach und nach entgegen gehen wird. Der Dirigent\nund die Mitglieder scheuen weder Zeit noch Anstrengung,\num zur Vervollkommnung ihrer Studien und Leistungen\nzu gelangen. ff f"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.1.6", "texte": "Historische Noten zur „Leonore“ von Beethoven\nVon Dr. L. Sonnleithner.\n*)•\nSchon oft ist die Frage besprochen worden, in wie\nfern es vom Standpunkte der Kunst aus zulässig sei, das\nPrivatleben wirklicher Personen, insbesondere hervorragen-\nder Künstler, in den Bereich des Romanes und der Novelle\nzu ziehen. Da jedoch die Weltgeschichte selbst von den\nRomanschreibern bereits als gute Beute in Besitz genom-\nmen ist, da wir die grössten Helden, Staatsmänner und\nKünstler täglich über die Bretter der Schaubühne schreiten\nsehen, so darf man es auch mit den Novellisten nicht zu\nstreng nehmen. So viel kann und muss man aber fordern,\ndass die Dichtung nicht in geradem Widerspruche mit der\nWirklichkeit stehe, dass nicht der Charakter der vorgeführ-\nten Personen, die Periode ihrer Leistungen oder die äusse-\nren Verhältnisse derselben geradezu falsch dargestellt und\nso nicht die Kenntniss und Beurtheilung der Welt muth-\nvvillig verwirrt und in Irrthum geführt werden. Diese Be-\ntrachlungen drängten sich mir wieder auf, als ich in Nr.\n96 der „Blätter für Musik\" u. s. w. den Anfang der No-\nvelle: EineLeonore, von E1 ise Po 1 ko, las, wovon\njede Zeile die aulfallendsten Unwahrheiten enthält, und die\ngänzliche Unbekanntschaft der Verfasserin mit Beethoven's\nLebensverhältnissen und Kunstleistungen beweis't. Ich sehe\nganz davon ab, dass Beethoven gleich Anfangs als ein hoch-\ngewachsener Mann eingeführt wird, während er doch eine\ngedrungene Gestalt, beinahe unter Mittelgrösse, war. Höchst\nauffallend ist aber die Behauptung, dass er eine Oper\n„Leonore\" im Jahre 1822 beendet habe, dass die Auf-\nführung durch den Abgang einer geeigneten Sängerin für\ndie Hauptpartie verzögert, und dass hierzu Wilhelmine\nSchröder vorgeschlagen worden sei.\nDer wahre Sachverhalt ist nun, dass die Oper: „Fi-\ndelio, oder die eheliche Liebe\", in der ersten Bearbeitung\nin drei Acten, schon am 20. November 1805 (zu einer\nZeit, da Wien von dem französischen Heere besetzt war)\nim Theater an der Wien gegeben, nach dreimaliger Auf-\nführung zurückgelegt, und im Jahre 1806 (29. März)\nunter dem Titel „Leonore\", in zwei Acte zusammengezo-\ngen, wieder in Scene gesetzt wurde. Am 10. April 1806\nfand damals die letzte Aufführung Statt. Die erste Vor-\nstellung des sowohl in der Musik als auch im Texte (durch\nFriedrich Treitschke) umgearbeiteten „Fidelio\" fand im\nKärnthnerthor-Theater am 23. Mai 1814 Statt. Bei allen\ndiesen Vorstellungen in den Jahren 1805, 1806 und\n1814 wurde die Rolle der Leonore von Frau Anna\nMilder gesungen, für welche dieselbe componirt war.\nAusser ihr war aber auch noch Frau Antonia Campi\nengagirt, welche in späteren Jahren diese Rolle öfters sang.\nEs fehlte somit keineswegs an Sängerinnen für diese Partie.\nWilhelmine Schröder ist am 6. October 1805 zu\nHamburg geboren, und war gerade einen Monat und 14\nTage alt, als Beethoven's Oper zum ersten Male gegeben\nwurde. Es ist daher nicht zu verwundern, dass er damals\nnicht daran dachte, ihr die Hauptpartie anzuvertrauen, welche\nsie erst am 22. November 1822 zum ersten Male darstellte.\nDiese Irrthümer in Thatsachen sind so grell, dass man\nAnstand nehmen könnte, sie ernsthaft zu besprechen. Sie\nerscheinen aber für das Publicum, welches derlei Angaben\nselten näher untersucht, nicht gleichgültig, wenn man den\nungeheuren Weg betrachtet, welchen Beethoven in seiner\nKunstentwicklung vom Jahre 1805 bis zum Jahre 1822\nzurückgelegt hat, in welchem letzteren er bereits mit der\nComposition seiner neunten Sinfonie und der zweiten Messe\n(beide zuerst am 7. Mai 1824 aufgeführt) beschäftigt war.\nSeine Kunstanschauung war damals von jener im Jahre\n1805 himmelweit verschieden; und diese beiden Perioden\nzu vermengen, ist ein Frevel an dem grossen Meister und\nan der Kunstgeschichte überhaupt.\nDa ich schon für „Fidelio\" die Feder ergriffen habe,\nso mag noch eine minder bekannte Notiz über die ander-\nweitigen Bearbeitungen des nämlichen Stoffes hier Platz\nfinden. Im Jahre 1798 wurde zu Paris gegeben:\nnore, ou l'amour conjugal, opera en Irois uctes, paroles de\nJ. N. Bouilly, musique de GaveaDiese Oper gefiel, und\nder Text wurde nach einigen Jahren von dem damaligen\nHoftheater-Secretär Joseph Sonnleithner für Beethoven ins\nDeutsche, und von einem Ungenannten für Fernando Paer\nins Italiänische übersetzt. Paer's Oper: Lconora, ossia\nl'amore conjugale, wurde zu Dresden im Jahre 1805 (also\ngleichzeitig mit Beethoven's Fidelio) und später am 8. Fe-\n\n*) Herr Dr. L. Sonnleithner, dem die musicalische Welt\nvor Kurzem die historischen Berichtigungen über die Musik\nBeethoven's zu dem Ballet „Prometheus\" verdankte (siehe\nJahrg. IV. Nr. 47 vom 22. Nov. v. J.), veröffentlicht in den\n„Wiener Blättern für Musik44, indem er der talentvollen No-\nvellistin Elise Polko einen mehr als kühnen Griff in Beetho-\nven's Leben mit liebenswürdigem Zorne vorwirft, obige Notizen\nüber das Historische der Oper Fidelio, welche das allgemeine\nInteresse in Anspruch nehmen und desshalb von uns eben-\nfalls mitgetheilt würden. Es ist sehr dankenswrerth, wenn die\nalten Herren zuweilen ihre Tagebücher über die musicaali-\nsche Vergangenheit aufschlagen und ein oder das andere\nBlatt daraus veröffentlichen, zumal da in jene Vergangenheit\nheut zu Tage so manches hineingedichtet und hineingefaselt\nwird, was eher allen anderen Zwecken, als der Wahrheit,\ndient. Die Red."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.1.7", "texte": "bruar 1809 in Wien im Kärnthnerthor-Theater in deut-\nscher Uebersetzung aufgeführt. Paer's Musik missfiel auch\nin Wien (nach Beethoven) nicht, denn sie wurde noch 1810\neinige Male gegeben. Von da verschwand aber „Leonore\"\nganz von der Bühne, währen! „Fidelio\" hoffentlich noch\nlange seinen Platz behaupten wird.\n\nAus Bielefeld.\n.....s.\nDecember 1856.\nWer die Zerfahrenheit unserer musicalischen Zustände der letz-\nten Jahre, die endlosen Reibereien und Streitigkeiten unter Musi-\nkern wie Dilettanten, überhaupt das Chaos, in welches unsere sonst\nso friedliche Stadt in dieser Beziehung hineingeralhen war, nur in\netwa gekannt hat, der wird mit Freude die im Herbste endlich von\nden drei hiesigen musicalischen Haupt-Vereinen: der Liedertafel,\ndem Gesang- und dem Orchester-Vereine, erfolgte Wahl eines neuen\nMusik-Directors in der Person des Componisten Herrn Herrn.\nWich mann aus Berlin begrüsst, der wird mit uns zu der Ein-\nstimmigkeit dieser Wahl einen eben so erfreulichen als ernsten An-\nknüpfungspunkt an eine neue, eine endlich bessere Zukunft erblickt\nhaben. Gewiss, es bedurfte hier vor Allem eines Mannes, der\nzunächst mit unerbittlicher Consequenz, dabei aber mit grosster\nHumanität und Gentilität durchzugreifen, der den Gegensätzen über-\nhaupt zu imponiren verstand, die sich hier nur zu schroff auszu-\nbilden Gelegenheit genug gehabt hatten. Und den scheint man in\nHerrn Wichmann gefunden zu haben! Sohn des berühmten ber-\nliner Bildhauers, und als solcher durch Erziehung, wie Lebens-\nstellung überhaupt schon früh mit Kunst und Künstlern aller Art\nbekannt und vertraut geworden; vor Allem selbst Künstler mit\nLeib und Seele; dabei ein durch jahrelange Reisen in Italien und\nFrankreich auf die beneidenswertheste Weise für sein Fach wie\nfür sein Leben vor- und durchgebildeter äusserst liebenswürdiger\nMann: musste es ihm nicht gelingen, sich hier bald die Ach-\ntung aller Parteien und die Liebe derer zu gewinnen, die mit ihm\ngemeinsam jetzt ihre Kräfte verdoppeln, um Bielefeld auch in sei-\nnem öffentlichen musicalischen Leben wieder zu dem zu machen,\nwas es früher war, zu einer Zierde unserer Provinz? Wenn die\nhier so glücklich angehäuften Kräfte sich jetzt nicht mehr aus-\nschliesslich auf Privatkreise zurückziehen, so hat auch das Publi-\ncum seinen Theil des Verdienstes dabei, und die ausserordentliche\nBetheiligung desselben an den seither Statt gehabten grösseren\nConcerten und den Matineen für Kammermusik lässt zu\nseiner Ehre wenigstens ein Bedürfniss nach öffentlicher guter Musik\nvoraussetzen, welches wir als einen gewiss bedeutenden Mit-Factor\nzum Gedeihen des Ganzen hoch zu schätzen haben.\nEine ganz besondere Zierde Bielefelds ist seine jahrelang und\nunter allen Umständen treu zusammenhaltende, meist aus gereifte-\nren, tüchtigen Männern bestehende und auch in weiteren Kreisen,\nnamentlich durch ihre Leistungen auf den norddeutschen Sänger-\nfesten, bekannt gewordene Liedertafel. In dem bekannten Tenor\nHerrn Langenbach besitzt sie aber, wie das Concert-Institut über-\nhaupt, einen seltenen Schatz. Ueberhaupt wird Gesang in Bielefeld\nvorzugsweise cultivirt, und so blüht denn neben den älteren und\nbewährten sehr tüchtigen Solisten in allen Stimmen eine jüngere\nGeneration heran, der neben jener aufs bereitwilligste auch ihr\nTheil der Arena eingeräumt wird, und die den Chor zu einem sehr\nwirksamen vervollständigt.\nSo haben wir denn u. A. im zweiten Concerte das so überaus\nschwierige Vocal-Quartett a capella aus Rossini's Stabat mater:\n„Quando corpus morieturvon Dilettanten so fein und rein in den\nchromatischen Gängen und schwierigen Modulationen, so zart im\nGanzen und doch so schwungreich in dem „paradisigloria\" gehört,\nund sind ferner in dem am selbigen Abend gegebenen ersten Theile\ndes Händel'schen Judas Maccabäus durch den Wettkampf der Soli\nunter einander, wie durch die präcisen und feurigen Chöre so freu-\ndig überrascht worden, dass wir gern das dem Orchester, nament-\nlich aber den Blas-Instrumenten darin noch Fehlende und aller-\ndings durch den Director allein nicht zu Ersetzende übersehen ha-\nben, wiewohl der Vortrag der Mozart'schen />-</wr-Sinfonie mit\ndem Octaven-Sprung-Anfange und die Wasserträger-Ouverture mit\nihren schwierigen Einsätzen im ersten Satze gewiss von tüchtigem\nStreben, von fleissigem Einsludiren zeugten und Anerkennung ver-\ndienen. Mit dem Vorhandenen das Möglichste zu leisten, das\nbleibt hier zunächst die Aufgabe.\nWir bedauern, dem ersten Concerte, durch Abwesenheit verhin-\ndert, nicht haben beiwohnen zu können, in welchem die Ouvertüre\nzu Oberon und die G-dwr-Sinfonie von Haydn gemacht wurden.\nNichts desto weniger haben wir uns das Vergnügen nicht versagen\nmögen, mit diesen Zeilen wenigstens den erwachten ersten Früh-\nlingshauch nach so langem eisigem Winter doppelt willkommen zu\nHeissen,\n\nDer Musicus aus der Fremde.\nScherzo\naus der Neujahrs-Sinfonie für 1857.\nIn einem Saal bei reichen Wirthen\nErschien mit jedem neuen Jahr,\nSobald die ersten Geigen schwirrten,\nEin Musenherold wunderbar.\nEr war nicht in dem Saal geboren,\nMan wusste nicht, woher er kam,\nUnd schnell war seine Spur verloren,\nNoch eh r oft, als er Abschied nahm.\nBehelligend war seine Nähe,\nEr machte sich vor Allen breit,\nUnd seine Würde, seine Höhe\nBestand in Selbstbeschaulichkeit.\nEr brachte neue Tongedichte,\nGereift auf einer anderen Flur:\nEs waren, leider! herbe Früchte\nUnmusicalischer Natur.\nEr theilte Jedem eine Gabe,\nDem Fantasie'n, dem Fugen aus,\nVon seinem Dirigentenstabe\nBerührt, ging Jeder froh nach Haus.\nBewirthet wurden alle Gäste:\nDoch naht' ein Journalistenpaar,\nDem reichte er der Gaben beste,\nDer goldnen Klänge schönsten, dar*).\n*) Es bedarf wohl kaum der Bemerkung, dass hier nicht von\nPersonen, sondern nur von Zuständen in Lissabon und Peters-\nburg und mehreren dazwischen liegenden Orten die Rede ist.\nDer Einsender."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570103-01.1.8", "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n14ölii. Die vier folgenden Gesellschafts-Concerte wer-\nden Statt finden Dinstag den 13. Januar, den 11. Februar,\nden 3. März, den 17. März d. J. Am 13. Januar wird dem\nVernehmen nach Haydn's Schöpfung zur Auflührung kommen :\nFräulein Franzisca Veith vom frankfurter Theater wird die\nSopran-Partie singen.\n** Elberfeld. Am 20. Dec. v. J. fand unser zweites Abon-\nnements-Concert Statt. Nach einer Ouvertüre (welcher?) von Beet-\nhoven trug Fräul. Schreck aus Erfurt eine Alt-Arie von C. R ein-\nthaler: „0 madre di virtutei(, Text von Dante Alighieri, vor; Herr\nL. B rassin aus Leipzig spielte das D-moll-Concevl von Mendels-\nsohn für Pianoforte und Orchester und ein paar glänzende Salon-\nstücke; Fräul. Schreck trug zwischen den beiden Clavier-Soli zwei\nLieder von F. Schubert vor. Beide Concertisten ärnteten reichen\nBeifall. Der IL Theil des Concerts begann mit einer Motette von\nJ. S. Bach, worauf Beethoven's Eroica folgte.\nBEainz. Das erste Abonnements-Concert der Liedertafel, wel-\nches am 15. Dec. Statt fand, brachte im 1. Theil Ouvertüre zur\nZauberflöte, Fantasie für Piano, Chor und Orchester von Beetho-\nven, Fantasie-Caprice von Vieuxtemps, Finale der Loreley. Frau\nStradiot-Mende von Wiesbaden sang die Loreley. Sämmtliche Num-\nmern wurden in gelungener Weise vorgeführt. Besonders hervorgeho-\nben zu werden verdient die treflliche Executirung der Vieuxtemps'-\nschen, nur etwas zu lang gedehnten Caprice durch Herrn Balden-\neckcr, Concertmeister in Wiesbaden, und die Ausführung der gew al-\ntigen Loreley-Chöre durch die Gesangeskräfte der Liedertafel und\ndes Damengesang-Vereins. Nicht dasselbe lässt sich von der Exe-\ncutirung der 8. Sinfonie von Beethoven sagen, welche manches zu\nwünschen übrig liess. Unsere Orchesterkräfte haben sich bisher\nfreilich so selten an derartigen Aufgaben versucht, dass wir hoffen\ndürfen, die späteren Concerte werden auch in dieser Beziehung\nganz befriedigen.\nDie Wiener Blätter für Musik, Theater und Kunst,\nredigirt und herausgegeben von L. A. Zellner (Musicalienhand-\nlung von C. Haslinger in Wien), werden auch in diesem Jahre\nforterscheinen Abonnementspreis für Deutschland jährlich öf Thlr.\noder 10 Gulden.\n„Mozart im Jahre 1778 zu Paris.44 Ein Auszug aus einem\nArtikel unter dieser Aufschrift wird uns aus der Revue\nmitgetheilt. Er enthält über den Tod von Mozart's Mutter folgen-\ndes Document aus dem Kirchenbuche der Pfarrei St. Eustache,\nwelches auf Deutsch also lautet:\n„Sonnabend den 4, Juli 1778. An besagtem Tage wurde Anna\nMarie Pertl, 57 Jahre alt, Ehefrau von Leopold Mozart, Capell-\nmeister zu Salzburg in Baiern, welche gestern Rue de Groschenet\nstarb, auf dem Kirchhofe in Gegenwart ihres Sohnes Wolffgand\nAmade Mozart und des Francois Heina, Trompeter der\nChevauxlegers der königlichen Garde, begraben. Gezeichnet: Mo-\nzart. Heina. Trisson.44\nDie Angabe der Sirasse stimmt genau mit Mozart's eigener Be-\nzeichnung: „Rue du gros chenet, vis-ä-vis celle du croissant, ä l'hö-\ntel des quatre fils aimons\" (der vier Heimonskinder), bei 0. Jahn,\nMozart 11., S. 536. Auch den Namen Heina erwähnt Mozart in\nseinem Briefe an Bullinger (ebendaselbst S. 536, Z. 2): „Es war\nNiemand bei ihrem Tode, als ich, ein guter Freund von uns, den\nmein Vater kennt, Herr Heina, und die Wächterin.\"— Nach der\nAngabe ihres Alters in obigem Documente wäre mithin Mozart's\nMutter im Jahre 1721 geboren und bei ihrer Verheirathung 1747\nsechsundzwanzig Jahre alt gewesen, was mit der Stelle in einem\nBriefe Leopold Mozart's (Nissen S. 267, Jahn 1., S. 24) überein-\nzustimmen scheint, welche auf eine langjährige Verlobung oder\nBekanntschaft hinweist. Wenn Jahn (I. S. 24) im Text den Fa-\nmiliennamen der Mutter Mozart's „P e rtlin (oder Berti in\")\nschreibt, so geht sowohl aus dem Kirchenbuche in Salzburg (bei\nJahn selbst), als aus dem in Paris hervor, dass der Name „Pertl\"\n(oder „Berti\") lautete. Die Anhängung der weiblichen Endung\n„in44 nach der alten Sprachsitte könnte bei heutigen Lesern leicht\neinen Irrthum veranlassen."}]}