{"numero_id": "bm-bmtnabi-1857-01-31-01", "volume": "bmtnabi_1857-01-31_01", "ocr_sha256": "534d658bb11affc53a4825463a6b3d27d8bf8ec8dabc67b8d12f2fc8c4c669b8", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1857/01/31_01/bmtnabi_1857-01-31_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570131-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1857-01-31-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-01-31_01#c001", "volume": "bmtnabi_1857-01-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "33", "page_fin": "33", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570131-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570131-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 461, "texte": "Inhalt.\nDie Weihe des Frühlings (Ver sacrum). Für Soli, Chor und Orchester componirt von F. Hiller. Pariser\nBriefe IV. (Schluss der Musterung von 1856 La Reine Topaze von V. Masse Offenbach's Bonffes Parisiennes Kammer- und\nConcertmusik). Von 13. P. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Sonate für Piano und Violine von Ed. Franck, 11. Soiree\nfür Kammermusik Elberfeld, 111. Abonnements-Concert Barmen, 11. Soiree, Concert Essen, Concert Antwerpen, L. 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Sie machen es hier\ngerade so, wie bei allem ihrem musicalischen Musik-Ge-\nschwätz: sie schütten das Kind mit dem Bade aus, und da-\ndurch verwirren sie die Klarheit des Standpunktes und\nhindern mehr die Anerkennung desjenigen Wahren, das\nauch ihrem Raisonnement zu Grunde liegt, als dass sie es\nförderten und verbreiteten.\nWenn man fordert, dass die heutige Oper in dem Ge-\ngenstände der Handlung und in der Entwicklung derselben\nsich dem Drama nähere, ja, meinetwegen ein wirkliches\nDrama sein solle, so haben wir nichts dagegen, sobald nur\ndie Bedingungen, welche die Tonkunst als solche von einem\nTexte zum Zwecke musicalischer Composition verlangt,\ndabei die gebührende Rücksicht finden. Will man aber die\nMusik nur zum Organ machen, durch welches das Drama\nsich ausspreche, so dass die Poesie bis in das einzelne De-\ntail die Hauptsache, die Tonkunst aber Nebensache sei, so\nsind wir mit Hand und Fuss gegen eine solche Verkeh-\nrung aller Grundsätze der Aesthetik, indem in jeder\nKunst das Schöne aus dem ihr eigenthümlichen Wesen\nnach Inhalt und Form sich entwickeln und danach beur-\ntheilt werden muss, während das Anschmiegen einer Kunst\nan eine andere, die gleichsam mathematische Deckung der\neinen durch die andere, im Besonderen hier z. B. des Wor-\ntes durch den Ton, niemals den Maassstab für die Betrach-\ntung und Beurtheilung des Schönen in einer von beiden\nabgeben kann. Die Geltendmachung des Drama's, dessen\nwesentlicher Bestandteil die Sprache (Vers und Wort) ist,\nfällt der Kunst des Vorlesers und des Schauspielers an-\nheim; der Musiker kann dazu gar nichts thun; eine so ge-\nnannte „schöne Sprache\" des Dichters kann als solche\ndurch die Musik eben so wenig zur Geltung gebracht wer-\nden, wie der immer wiederkehrende Rhythmus des Verses,\nwie die Cäsuren desselben, wie die Reime. Man ziehe nur\ndie Consequenzen der neuen Poesie-Musik-Lehre über das\nErwachsen der Melodie aus dem Gedichte, über die Be-\nrechtigung des Wortes u. s. w. bis zum Aeussersten, und\nihre Absurdidät wird auch dem Befangensten einleuchten.\nOder wäre die Composition eines Gedichtes, welche das\njambische oder trochäische Versmaass Tact für Tact durch\neine kurze und eine lange Note oder umgekehrt wiedergäbe,\nwelche jede rhythmische Reihe des Gedichtes durch eine\ngleich lange und gleich gegliederte rhythmische Periode in*,\n\\\nder Musik ausdrückte und den Reim jedesmal durch den\nGleichklang des Accords wäre eine solche Composition\nnoch Musik?\nTragen wir das auf die Vocalmusik, wie sie in den\nOratorien erscheint, über, so werden wir auch hier die\nvolle Berechtigung derer anerkennen müssen, die sich da-\nhin aussprehen, dass für unsere Zeit eine Gattung von\ngrösseren Gesangwerken wünschenswerth sei, denen mo-\nderne Poesie zu Grunde liege, deren Texte nicht aus-\nschliesslich aus der biblischen Geschichte gewählt seien und\nnicht nothwendig eine religiöse Grundfarbe zu haben brau-\nchen. Dass diese Forderung aber keineswegs zur Verban-\nnung der biblischen Oratorien berechtigt, sondern nur zu"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570131-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5095, "texte": "einer dichterischen Bearbeitung ihres Stoffes, haben wir bei\nGelegenheit der Anzeige von Reinthaler's „Jephta und seine\nTochter\" in diesen Blättern (Jahrgang 111., Nr. 21 vom\n26. Mai 1856 u. ff.) besprochen. Hier wollen wir nur\nerwähnen, dass jene Ansicht eine Gattung von Gesangwer-\nken empfiehlt, welche neben den geistlichen als so genannte\nweltliche Oratorien bestehen können, und als solche auch\nfrüher keineswegs unerhört waren, wie z. ß. Händel's\nAlexanderfest und noch mehr Acis und Galathea,\ne Pensiwoso beweisen. Auch Haydn's Jahreszeiten gehören\nihrem, grössten Theile nach eben dahin.\n«•\nDie neueste Zeit hat nun diese Gattung ganz und gar\nvon allem kirchlichen Beisatze losgelös't; Robert Schumann\nhat bekanntlich mit seinem „Paradies und Peri\" diesen\nWeg eingeschlagen, dem er später die „Pilgerfahrt der\nRose\" angeschlossen hal. Andere sind ihm mit mehr oder\nweniger Glück gefolct, z. B. Gade in seiner „Comala\"\nu. s. w. Am glücklichsten war schon vor Schumann Men-\ndelssohn mit seiner „Walpurgisnacht\". Dadurch ist offen-\nbar eine Mittelgattung entstanden, welche, weil sie keinen\nAnspruch auf die, wenn auch nicht zu bestimmter Form\nausgeprägte, Kirchlichkeit des Stils macht, aber auf der\nanderen Seite sich auch nicht für die wirkliche Darstellung\nauf der Bühne bestimmt, zwischen Oratorium und Oper in\nder Mitte steht. Man wird nicht läugnen können, dass dies\nein Fortschritt, ein Gewinn für die Kunst sei.\nWie kommt es nun aber, dass die bisher in dieser\nGattung geschriebenen Werke doch nicht den Boden ge-\nwonnen haben, den man der Gattung wünschen muss?\nDie Schuld scheint uns zum Theil an den Componisten zu\nliegen, welche dem oben widerlegten irrigen Grundsatze\nder Deckung des Wortes durch den Ton, oder mit ande-\nren Worten: der rhetorisch-declamatorischen Musik, allzu\nsehr huldigten und dadurch monoton wurden; zum Theil\nan den Gedichten, die sie ihren Compositionen zum Grunde\nlegten. Sie fühlten allerdings sehr wohl, dass bei dieser\nneuen Gattung die Grundlage der Vocalmusik, der Text,\nein weit wichtigerer Factor zum Gelingen des Ganzen sei,\nals bei den alten Oratorien, bei denen oft eine Zeile, ja,\nein einzelnes Wort (z. B. Amen), hinreichte, musicalisches\nGenie zu entfalten. Desswegen griffen sie nach schönen\nGedichten, wie z. B. „Paradies und Peri\" nach Th. Moore\nund „Der Rose Pilgerfahrt\" von Horn. Allein sie vergas-\nsen, diese Gedichte in ihrer Eigenschaft als Grundlage für\nmusicalische Bearbeitung zu prüfen, weil sie eben in der\nAnsicht befangen waren, dass? die poetische Schönheit\nallein die musicalische bedinge, und sich zutrauten, die\nRichtigkeit dieser Ansicht durch ihre Werke zu beweisen.\nDas musste um so mehr misslingen, je mehr die\nPoesie, die sie componirten, beschreibender und erzählen-\nder Art war, sich also vermöge ihrer Natur schon gegen\ndie Verschmelzung mit der Tonkunst sträubte. Das wirk-\nliche Thema der Vocalmusik kann nur Empfindung sein,\nEmpfindung, die sich von der Stimmung bis zur Leiden-\nschaft ausdehnt und folglich alle Elemente der Lyrik und\nDramatik im Keime in sich trägt und sich im Fühlen und\nHandeln subjectiv ausspricht. Das Objective, das Epische\nkann nicht Stoff der Musik sein.\nWenn es nun wahr ist, dass das Dramatische in dem\nOratorium nur ideal ist, da dessen Haltpunkt nur in der\nPhantasie des Zuhörers liegt, und jenes nicht als lebendige,\ndargestellte Handlung vor seine Sinne tritt, so wird man\nan die neue Gattung grosser Gesangwerke gerade die For-\nderung stellen müssen, dass sich die dalür bestimmten Ge-\ndichte so sehr als möglich den eigentlich dramatischen nä-\nhern müssen. Wir verlangen daher von dem Texte für eine\nsolche Composition, dass er eine Handlung enthalte, dass\ndie Hauptsache dabei Einheit und Steigerung dieser\nHandlung sei, gleichviel, ob sie ein historisches oder roman-\ntisches Gepräge habe. Auch in der Charakteristik der\neinzelnen Personen, die darin auftreten, kann weiter gegan-\ngen werden, als in den bisherigen Oratorien, deren schwa-\nche Seite die Charakteristik des Einzelnen ist, nicht aber\ndie der Massen.\nDas Letztgesagte führt uns auf dasjenige, was das\nUnterscheidende der neuen Gattung von der eigentlichen\nOper sein muss. Es ist dies der Chor. Ihm soll auch jetzt,\nwie im Oratorium, in musicalischer Hinsicht die Hauptrolle\nverbleiben; der Ausdruck der Gefühle, welche den Men-\nschen als Menschen, die Charakteristik der Leidenschaften,\nwelche die Massen, welche ein Volk unter bestimmten Ver-\nhältnissen, in grossen Phasen seiner Geschichte, in ergrei-\nfenden Situationen bewegen das seien seine Aufgaben.\nDer Chor kann bald eingreifend in die Handlung, bald das,\nwas geschieht, betrachtend, wie in der alten Tragödie, auf-\ntreten; immer aber, wo er auch nicht handelt, spiegele\nsich in ihm die Handlung in ihren Motiven oder in ihren\nFolgen ab, immer sei er der Hauptstamm, um den sich\nalles Andere nur wie Zweige und Blüthen gruppirt. Haben\nwir dann einst einmal Theater, welche sich entschliessen,\nsolche Werke mit gehörigen Kräften aufzuführen, nun, so\ndürfte das für die Reinigung der Opernbühne von so man-\nchem Unrath wohl nicht unerspriesslich sein."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570131-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4624, "texte": "Der also behandelte Chor gibt dann auch dem Com-\nponisten dieselbe Gelegenheit, wie der Oratorien-Chor, seine\nMeisterschaft in Anlage und Durchführung polyphoner Ge-\nsangstücke zu zeigen, und wenn auch die Natur des Stoffes\nvielleicht die eigentliche Fuge meist ausschliessen dürfte,\nso wird doch das Vorherrschen des vierstimmigen Chors\nstets ein Anhalt für die ernste Richtung und das gediegene\nWissen des Musikers bleiben und den leichtsinnigen und\nleichtfertigen Opernmachern ein strenges Noli me längere\nzurufen.\nAus allem Gesagten geht schliesslich auf ganz natür-\nlichem Wege die Endforderung hervor, dass der Text spe-\nciel für ein solches Gesangwerk verfasst sein muss, dass der\nDichter, eben so wie bei einem Opern-Texte, die Rück-\nsicht auf die Musik, auf die Erfordernisse der Compositions-\niehre im Grossen, auf die musicalischen Formen, auf den\nWechsel derselben u. s. w. nie aus den Augen verlieren\ndürfe. Das Eintheilen eines schon vorhandenen Gedichtes\nzum Zwecke der Composition in Soli, Ensemble-Stücke,\nChöre, oder das Herausnehmen eines einzelnen Stückes aus\neinem Gedichte (wie z. B. Mendelssohn aus Schiller's Ge-\ndicht „Die Künstler\" gethan und Liszt nach ihm noch ein-\nmal, während dem Ersteren Göthe's „Erste Walpurgis-\nnacht\" gerade desshalb so vortrefflich gelungen ist, weil\ndas Gedicht schon dramatisch war) führt zu nichts und wird\nnie zu einem wirklichen musicalischen Kunstwerke sich ge-\nstalten lassen.\nIn dem Gedichte „Die Weihe des Frühlings Ver\nsacrum— \" ist nun ein Versuch gemacht worden, den aus-\ngesprochenen Grundsätzen nach Möglichkeit zu genügen\nund einen Text für musicalischc Composition, und zwar\nfür ein Gesangwerk der oben charakterisirten Gattung zu\nliefern. Eine etwas ausführlichere Betrachtung des Gedich-\ntes, als sie sonst bei Vocal-Compositionen gewöhnlich,\ndürfte desshalb hier gerechtfertigt erscheinen. Die erste\nVeranlassung zu dem Texte gab Hiller selbst nach Durch-\nlesung der Ballade „ Ver sacrumvon Uhland.\nDie Kunde von der Opferweihe aller Erzeugnisse des\nFrühlings, welche die alten Italier in grossen Gefahren den\nGöttern gelobten, ist aus einer Nachricht bei dem römi-\nschen Geschichtschreiber Livius (XXII. 10.) geschöpft.\nAuch die Schlusswendung der Uhland'schen Ballade und\ndes vorliegenden dramatischen Gedichtes beruht auf der\nAndeutung in derselben Stelle, „dass man die Kinder, die\nin dem geweihten Frühling geboren, nicht opferte, sondern,\nwenn sie herangewachsen, mit verhülltem Haupte über die\nGränze geführt habe.\".\nDas Gedicht zerlällt in zwei Theile: „Das Gelübde\"\nund „Das Opfer\". Der Ort der Handlung ist die Stadt\nAlba Longa in Latium, die Zeit das Jahr der Gründung\nvon Rom.\nDie Albaner wehklagen über ihre Niederlage durch\ndie Etrusker (Chor). Der Priester des Mars, der in dem\nSymbol eines Speers im heiligen Haine verehrt wird, wirft\ndem Volke seinen Kleinmuth vor und erinnert an die Ver-\nheissung des Gottes, dass „die Herrscherin der Erde\" aus\nihm hervorgehen solle. Das Volk beugt sich in Demuth\nund erstarkt im Glauben (Chor 2). Der Priester fordert\nzum Gelübde des ganzen Frühlings auf; die Albaner be-\nschliessen das Opfer und vertrauen mit neuem Muthe dem\nMavors (Chor 3). Der Priester verkündet seinen Entschluss,\nmit dem heiligen Speer selbst dem Heere voran zu ziehen\ner weiht die Etrusker-Scharen den unterirdischen Göt-\ntern und weissagt den Sieg:\n„Ha! welch ein Rauschen in den Lüften!\nEs schwingt sich vom Gebirg' ins Thal.\nIn den Staub, ihr Krieger allzumal!\nDann reisst die Schwerter von den Hüften!\nSeht droben ihr die Adler fliegen?\nWohlauf, Albanervolk, zum Siegen!\"\nBegeistert zu Sieg und Tod ziehen sie von dannen (Chor 4).\nDer kriegerische Chor und Marsch verklingen. Die\nPriest er in der Vesta und die albanischen Jungfrauen\nbeten zur Nacht, dass sie ihre Schwingen schützend über\nden Heereszug breite, und zur Vesta:\n„ sieh uns niedersinken\nVor dir, die aus der heil'gen Flamme spricht;\nWenn keine Sterne mehr am Himmel blinken.\nSo wahr' uns du der Freiheit ew'ges Licht!\"\n(Sopran-Solo und Chor 5).\nEin Instrumentalsatz folgt: Stille der Nacht und An-\nbruch des Tages. Die Priesterin begrüsst die Morgen-\nröthe, bei deren Scheine das Herz sich gern zur Hoffnung\nwendet. Ein junger Krieger, Führer einer Heer-Abthei-\nlung, sprengt daher: er verkündet den gelungenen Ueber-\nfall der Etrusker, ihr Lager steht in Flammen, der gefan-\ngene König hat ewigen Friedensbund beschworen. Schon\nnahet das rückkehrende Heer:\n„Der Adler Flug,\n. ..Er war kein Trug.. ...\nDen Sieg zu bringen,\nMavors gebot;\nAuf ihren Schwingen\nKauschte der Tod.\nIn ihren Klauen\nBlitzte der Strahl,\nDurcb Nacht und Grauen\nZu leuchten der Wahl!\""}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570131-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4578, "texte": "(Männerchor 6). Dem Heere jauchzen die Triumphgesänge\ndes Volkes entgegen:\n,Verherrlichet vom Meer zu Meere\nMars, den Erretter!44 u. s. vv.\nDie Jungfrauen fordern die Sieger auf, den Lorber zu\nempfangen, und indem sich Alle zum Preise des Mars ver-\neinigen, „ziehen sie ein in den heiligen Hain\" (Chor 7).\nIm zweiten Theile ist dieser Hain der Ort der Hand-\nlung. Der Priest er ist allein; er dankt dem Gölte für den\nSieg, aber sein Herz ist bewegt, und er lieht:\n„Gib mir die Kraft, das Opfer zu vollenden,\nUnd wolle du den Fluch zum Segen wenden.\"\nDa ziehen die Hirten und Landleute fröhlich herein (Chor\n8) und bringen, „was Flur und Garten, Trift und Hürde\nhegt, das ganze junge Leben des Frühlings\" zum Opfer dar.\nDer Priester pflanzt den heiligen Speer von Neuem in\nden geweihten Boden ein;\n„Doch ruht ein dunkles Wort noch inhaltschwer\nIn seiner Brust und ringt, sich zu befrei'n.\"\nDas Volk „durchbeben der Ahnung Schauer\" (Chor 9),\nund als der Priester die furchtbare Forderung des Gottes\nverkündet:\n„ —So wahr\nFreiheit das edelste Gut, -\nSo wahr ziemt heute dem Altar\nDas edelste Blut!44\nals er ein Menschenpaar in der Blüthe der Jugend als\n„ höchstes Frühlingsopfer\" verlangt, da ergreift erstarren-\nder Schmerz das Volk (Chor 10), ja, bei den Kriegern\nbricht der Unwille in tobendem Vorwurf aus.\nAber der Priester tritt ihnen entschlossen entgegen\nund zügelt den Aufruhr sie schrecken vor dem Frevel\ngegen den Ausspruch des Gottes zurück , und Jener ge-\nbietet: „Auf! werft das Loos! Die Wahl ruht in der Göt-\nter Schooss.\"\n„Weg mit dem Loos!\" ertönt da die Stimme des\njungen Führers einer Heer-Abtheilung der Albaner, wel-\ncher im ersten Theile der Siegesbote war:\n„Habt ihr nur Muth. um in der Schlacht zu sterben,\nWo Sieg und Leben um die Palme werben?\nNur der vermag Unsterblichkeit zu erben,\nDer sich zum Opfer weiht\nUnd freudig in dem Feierkleid\nDer Freiheit wagt zu sterben!\"'\nMit dem Rufe: „Nicht ohne mich!\" stürzt Camilla her-\nvor, stolz aul ihre Liebe und freudig sich mit ihm dem\nlode weihend. Der Priester nimmt das Opfer mit be-\nwegtem Herzen an, und in einem Terzett spreel en alle\nDrei au«, was sie in diesem entscheidenden Augenblicke\nfühlen.\nEs beginnt der Opferreigen, während das Volk das\nLoos der Jungfrau beklagt (Chor 11). Der Priester zückt\nden Opferstahl da fällt Feuer vom Himmel und llammt\nempor am heiligen Speer (Chor 12): „Der Stahl entsinkt\ndes Priesters Hand\", das Volk wendet sich zur Hoffnung.\nFeierlich verkündet nach einer Pause der Priester den\nWillen des Gottes: Mars fordert „die ganze Jugend von\nEinem Jahr\"\n„Doch Leben sei ihr Hochgewinn!\nEr will nicht Tod, er will die That/4\nDann weiht er das Heldenpaar zum Führer jener Jugend:\n„Ihr sollt die Heimat mit der Fremde tauschen,\nEin neues Vaterland\nEuch gründen an der Tiber Strand44\nund erhebt sich begeistert zu der Weissagung:\n„Von sieben Hügeln hör' ich sieben Ströme rauschen,\nDie brausen mächtig um der Erde Rand;\nDort sollt ihr Mars und Vesta Tempel bauen,\nDie Adler tragen auf der Lanzen Spitzen ;\nUnd eure Stadt, umflammt von Jovis Blitzen,\nWird man als Königin der Erde schauen !44\nDas Volk jauchzt diesem Götterspruche zu (Chor 13);\ndie Altersgenossen und Genossinnen der Camilla und des\nFührers reihen sich mit Freude und Vertrauen auf die\nZukunft um den Altar (Chor 14). Die Priesterin, Camilla,\nder Führer und der Priester sprechen vereint, der Situation\ngemäss, ihre Gefühle aus (Quartett); dann fallt der Schluss-\nchor (1 5) ein :\n„Schon lenkt der Sonnengott an goldnen Zügeln\nDie Rosse hinab ins Meer zur Ruh';\nDoch mit dem Morgen eilt den sieben Hügeln\nAm Tiberstrande freudig zu!44\nund indem das ganze Volk die Worte der Weissagung des\nPriesters wiederholt, ruft es der geweihten Schar der Ju-\ngend Heil und Triumph zu.\nDies ist die Skizze des Gedichtes, das wohl nicht bloss\nder Form, sondern auch dem Inhalte nach mit Recht ein\ndramatisches genannt werden dürfte, indem von Anfang bis\nzu Ende eine wirkliche Handlung spannt, in welche nur\nlyrische Ergüsse, die durch dieselbe hervorgerufen oder in\nihr begründet sind, verflochten werden. Die handelnden\nPersonen sind zwei Soprane—die Priesterin der Vesta und\nCamilla, ein Tenor der Führer, und ein Bariton der\nPriester des Mars, letztere die bedeutendste Partie. Wie\nreichlich der Chor bedacht ist, geht aus dem Obigen her-\nvor; jedoch müssen wir, wie es sich indess schon aus dem\nZusammenhange des Ganzen von selbst ergibt, bemerken,\ndass die fünfzehn Chöre von sehr ungleicher Länge sind,\nindem der Componist mit richtigem Tacte da, wo die Masse\ndes Volkes handelnd eingreift, die musicalische Ausführung"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570131-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 511, "texte": "aufgegeben hat, und nur da, wo die Handlung weniger zu\nschnellem Fortschreiten drängt, eine längere Durehlührung\nund, wie namentlich in den beiden Finalen, eine grossartige\nund prachtvolle Breite der musicalischen Bearbeitung wal-\nten lässt. Dies führt uns auf die Besprechung der Musik\nüberhaupt, die ein neues und nach dem Urlheile aller\nKunstverständigen sehr glänzendes Blatt dem Kranze des\nRuhmes hinzufügt, den die musicalische Welt dem Com-\nponisten der ,Zerstörung von Jerusalemu längst zuer-\nkannt hat."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-01-31-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-01-31_01#c003", "volume": "bmtnabi_1857-01-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "37", "page_fin": "39", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570131-01.2.3", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "B. 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Der Ort der Handlung\nist Venedig, die Nobili auf der einen und die Zigeuner auf\nder anderen Seite starren von Gold und Silber und Schmelz\nund Steinen, sie amalgamiren sich und contrastiren mit\neinander je nach Bedürfniss des Effects, und was die Bra-\nvour betrifft, so ist Alles gesagt, wenn ich Dir melde, dass\ndie Miolan im zweiten Acte den bekannten Carneval von\nVenedig singt, und Paganini, Ernst, Sivori und Consorten\ns ch vergebens dem Teufel ergeben haben, da sie nie ahnen\nkonnten, dass ihre Geigen-Hexereien von der Kehle dieser\nkleinen, reizenden Teufelin verdunkelt werden würden.\nWelch ein glücklicher Gedanke der Dichter und des Com-\nponisten! Ganz Paris ist ausser sich warum hat ihn\nMeyerbeer nicht gehabt! Für die lünfzehnte Vorstellung\nwar am Sylvester-Abend schon kein Billet mehr zu haben.\nIn der That, der neue Director Carvalho hat Glück.\nClapisson's Fanchonnetle, Aime Maillard's Les Dragons de\nVillars und zuletzt Masse's Reine Topaze sind drei voll-\nständige Erfolge, wie man hier zu sagen pllegt, d. h. sie\nwerden fort und fort gegeben und bringen viel Geld ein.\nUebrigens muss man nicht vergessen, dass der Herr Di-\nrector, indem er die Sängerin Miolan an sich selbst fesselte,\nzugleich die Fortuna ehecontractlich an seine Unterneh-\nmung band. Denn wahrlich, wenn irgend etwas im Stande\nist, einen Liebhaber von sprühendem Coloratur-Feuerwerk\nverrückt zu machen und einem catonischen Hasser der\nsinnlichen Klingelei wider Willen ein schmunzelndes Lä-\ncheln abzugewinnen, so ist es der Gesang dieser Dame.\nSie ist die vollkommenste Schülerin von Duprez, eine voll-\nendete Gesangskünstlerin und dabei im Vortrage der Me-\nlodie voll Anmuth des Stils und voll Seele. Diese krystall-\nglockenartige, unverslimmbare Reinheit, auch bei den ge-\nwagtesten Einsätzen und chromatischen Figuren, und dabei\ndie anspruchsloseste Leichtigkeit, mit welcher sie die fabel-\nhaftesten Schwierigkeiten nicht überwindet, sondern mit\ngrösster Deutlichkeit wie einen Springquell von Tönen her-\nvorsprudeln lässt, sind bewundernswert!). Man vergisst\nseine strengen Grundsätze über diese rollenden und per-\nlenden Tonleitern, über diese Harpeggien, diese Staccalo's,\nwelche man versucht wird Pizzicato's zu nennen, diese\nMordente und Triller, und was weiss ich alles! Freilich\nnur auf Augenblicke aber man kann doch, wenn man\nehrlich sein will, nicht läugnen, dass diese Augenblicke\neinen grossen Genuss gewähren.\nDas Buch, das die Herren Lockroy und L6on\nBat tu zu Verfassern hat, ist nicht ohne Phantasie und\nmit grosser Bühnenkenntniss geschrieben. Der Stoff ist\nnichts weniger als neu, es spuken namentlich die deutsche\n„Preciosa\" und die französischen , Krondiamanien\" darin.\nAber das ist gleich: ein Jeder sieht ein, dass die Dichter\nnur lür den Decorationsmaler, den Regisseur, den Garde-\nrobier oder Costumier oder vulgo Theater-Schneider, aber\nund das ist das Beste bei den Texten der Franzosen!\nauch (ür den Musiker gearbeitet haben. Ist ihnen das\ngelungen, so kommt es auf ein paar Unwahrscheinlichkei-\nten oder auf einige Diebstähle mehr oder weniger nicht an\npourvu qu'on nous amuse!Und das thut diese Königin\nTopaze allerdings, quoiqueoder vielmehr sie keine\nwirkliche Königin, sondern nur eine Zigeuner-Königin ist.\nDass übrigens am Ende, um den Stammbaum zu retten,\nzwei Zigeuner im trunkenen Zustande (wer kann heutzu-\ntage eine pariser komische Oper ohne eine Scene von Be-\ntrunkenen schreiben?) verrathen, dass Topaze geraubt und\nvornehmer Eltern Kind sei, das ist bei allen Zigeuner-Ge-\nschichten in der Ordnung, eben so wie der Schluss, dass\nsie den Annibal laufen lässt und ihren theuren Raphael,\neinen Condoltiere, heiralhet, nicht bloss bei den Zigeunern\nvorkommt.\nVictor Masse ist ein bedeutendes Talent (ür leichte,\nanmuthige, geschmackvolle Musik, wie sie der komischen\nOper ziemt. Wenn er in der Partie der Topaze etwas zu\nviel Flitter aufträgt, so muss man bedenken, dass er in\nParis schreibt und dass er bei der Gesanges-Könisin ohne\no D\neinige neu Perlenschnüre nicht zur Cour gelas-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570131-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4969, "texte": "sen wird. Abgesehen davon, wiewohl auch diese Colora-\nturen mit Geist und Geschick geschrieben sind, ist die\nOper doch reich an recht hübschen Musikstücken. Die Par-\ntitur zeigt dieselbe melodiöse Erfindung in der leichten\nGattung, dieselbe feine Behandlung der Motive, dieselbe\nKlarheit der Instrumentirung, wie seine Partituren der\n„Galathee\" und der köstlichen. Ob\ndie Aufführung der Musik zu Preciosa, welche vor zwei\nJahren in den Concerten der Ste. Cecile, wie ich-damals\nberichtete, Furore machte und noch in derselben Saison\nwiederholt werden musste, Einfluss auf die Entstehung der\nReine Topaze gehabt habe, muss ich dahin gestellt sein\nlassen. Wahrscheinlich ist es bei der Stoffjägerei der hiesi-\ngen Faiseurs im Fache der dramatischen Poesie allerdings;\ndie Musik ist jedoch selbstständig gearbeitet.\nDie ursprüngliche Bestimmung des\njungen Componisten Gelegenheit zu geben, ihre Sporen zu\nverdienen, ist bereits antiquirt. Man führt jetzt schon nichts\nals grössere Werke, die einen ganzen Abend füllen, auf,\nund zwar von bereits berühmten oder doch wenigstens mit\nEhren genannten Meistern, wie Adam, Halevy, Masse,\nMaillard u. s. w. Es ist immer so gewesen; sobald man\nein Theater lür junge Componisten gründet, werden alle\nComponisten wieder jung!\nDie einzige Zuflucht der wirklich jungen sind denn\njetzt die Bouffes Parisiennes, wo Jakob Offenbach\nihnen mit Liberalität die Pforten öffnet, ohne jedoch sich\nselbst dabei zu vergessen, da er aus eigener Werkstatt in\ndem vergangenen Jahre ein halbes Dutzend Operetten ge-\nliefert hat, welche keineswegs zu den schlechtesten des\nRepertoires dieses Volkstheaters gehören, das übrigens\nauch diesen Winter von ausgesuchter Gesellschaft besucht\nwird. Offenbach hat mit Errichlung dieser kleinen Bühne\neinen glücklichen Wurf gethan; sie war ein wirkliches\nBedürfniss für die Pariser. Sein Wahlspruch ist: Neues\nund immer Neues! So lange er diesem treu bleiben kann,\nwird er immer gute Geschäfte machen. Hat doch dieses\nMiniatur-Theater im vorigen Jahre zwischen zwanzig\nund dreissig neue Operetten gebracht!\nNoch deutlicher hat Offenbach bekanntlich seine Ab-\nsicht, junge Talente aufzumuntern, durch die Preisbewer-\nbung um die beste Composition einer Operette bekundet.\nAm 20. December v. J. war die entscheidende Sitzung\nder Preisrichter (unter ihnen Halevy, Scribe, Thomas, Ba-\nzin, Mass£, Gounod u. s. vv.) unter Auber's Vorsitz. Von\n25 —3O Bewerbern waren sechs zur definitiven Bewer-\nbung, d. h. zur Composition des Textes [Le\nracle) zugelassen worden. Dieser Text, verfasst von Leon\nBattu und Ludovic Halevy, war für Alle derselbe. Nach\nlanger Berathung glaubten die Richter den Preis theilen\nzu müssen, und so wurden einstimmig George Bizet\nund Charles Lecocq lür würdig erklärt. Jeder erhielt\n600 Francs und eine goldene Denkmünze von 150 Francs\nWerth.\nDas meiste Neue und unstreitig auch das beste haben\ndemnach im vergangenen Jahre die Theater für die komi-\nsche Oper gebracht. Das ist ein gutes Zeichen, und nach\nden Operetten in den Bouffes und nach einigen grösseren\nOpern im Theatre lyriquesollte man glauben, dass Hoff-\nnung vorhanden sei, die Franzosen würden allmählich zu\nder ihnen eigentümlichen Gattung und zu der alten Ein-\nfachheit derselben zurückkehren. Dass sie dafür noch im-\nmer das meiste Talent haben, ist sicher. Die Romantik ist\nnur aufgepfropfter Zweig und nicht einmal auf gesunden\nStamm. Dazu kommt fördernd, dass das Publicum in den\nkomischen Opern strenger ist, weil es eben französischer\nist; es will dort wirkliche Schauspieler, die aber auch ge-\nschickte und gebildete Sänger sind, haben. Was verlangt\nman aber in der grossen Oper? Orchesterlärm, Schreier\nund schöne Tänzerinnen. Und bei den Italiänern? Nun ja,\nda leiert sich Alles von selber ab, im ausgefahrenen Ge-\nleise gehen die Opern eben so wie die Schieb-Coulissen,\ndas Publicum vornehm ä l'exces schläft oder, wie\nneulich ein Witzbold sagte:\nOn y fait plus: on n'y fait nulle chose.\nDie Logen sind voll, der Saal eben nicht glänzend erleuch-\ntet. Das Orchester spielt eine Art Ouvertüre: kein Mensch\nachtet darauf. Endlich kommen die Veteranen, die Legiti-\nmisten der Oper, die Sänger vom ancien regime, etwa\nMario, die Grisi, Alboni u. s. w. Sie singen man ist zufrieden.\nWas sie singen, darauf kommt gar nichts an. Man ver-\nsteht kein Wort, weder von der Sprache noch von der\nMusik; thut nichts, man ist zufrieden. Chor und Scenerie\nsind hässlich, die Decorationen altfränkisch, die Paläste\nräucherig, die Landschaften durchsichtig, d. h. fadenschei-\nnig, die Wolken von Kohlenstaub geschwärzt Alles\ngleich: man ist zufrieden!\nWenden wir uns nun zur Concertmusik, so bestätigte\nsich auch in diesem Winter wieder, was ich früher bereits\ngemeldet habe, dass die übermässige Flut der Virtuosen-\nConcerte sich mehr und mehr verläuft, und dass im Gan-\nzen, namentlich in den engeren musicalischen Kreisen, der\nGeschmack an guter Musik zunimmt, die seichten und\nsüssen Salonstücke bei Weitem nicht mehr so sehr vor-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570131-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4126, "texte": "herrschen, wie vor einigen Jahren. Freilich spielt auch\nhier die Mode mit hinein, besonders beim Hervorholen der\nCiaviermusik von J. S. Bach, bei welcher sich neun Zehn-\ntel der jedesmaligen Zuhörer entsetzlich langweilen, aber\nmit gewohnter Salonbildung das Gähnen unterdrücken.\nDie erste Soiree lür Kammermusik eröffnete dieses\nMal Gouffe, der trefiliche Contrabassist und Verehrer\nclassischer Musik, in seinen neuen Salons in der Rue la\nBruyere. Wir hörten drei Quartette von Haydn, Mozart,\nBeethoven und das 26. Quintett von Onslow, das Herrn\nGouffe gewidmet ist, auf ausgezeichnete Weise vortragen.\nDie anderen Quartett-Vereine beginnen erst nach Neujahr.\nDas Beethoven-Quartett von Maurin und Genossen war\nbekanntlich in Deutschland und wird bei der ehrenvollen\nAnerkennung, die es bei Euch gefunden, deren Echo auch\nin hiesigen Blättern wiederhallte, hoffentlich. in diesem\nWinter mit erhöhter Theilnahme besucht werden. Unter\nden Pianisten ragen Krüger und Lübeck hervor; über-\nhaupt aber ist daran immer noch Ueberfluss, und man\nkönnte von Paris aus eine ganze Colonie davon ausführen,\nbei welcher wenigstens hundert Paare ganz stattlich figu-\nriren würden. Eine junge Deutsche, Leonie Bleymann,\nhat unter dieser Menge dennoch Aufmerksamkeit erregt;\nsie spielt die grössten Ciaviersachen der classischen Meister\nauswendig und trägt sie in edler und ernster Weise vor.\nAuch ein neuer Violin-Virtuose, Henry Herwyn, ist\naufgetaucht; welches Landes Kind? Ich weiss es nicht;\ngewesen ist er aber schon überall, in Nord- und Süd-Ame-\nrica, sogar in Australien. Das merkt man auch seinem\nSpiel an und besonders seinem Geschmack. Seine „bur-\nlesken\" Variationen über „Marlborough\" sind auf den\nIransallantischen Kunstsinn berechnet.\nFür Orchestermusik besteht ausser der alten\nSociete des Concerts du Conservaloire nur noch die neue\nSociete des jeunes Ar ti st es du Conservaloire, welche\ndie erfreulichsten Fortschritte macht und sich hoffentlich\nlänger hallen wird, als die Societe de Ste. Cecile, welche,\nwie so viele andere ähnliche Orchester-Vereine, nicht von\nBestand gewesen ist. Sie ist jetzt in ihr fünftes Jahr getre-\nten. Die Mitglieder des Orchesters sind junge Musiker,\nwelche das Conservatoire absolvirt haben, meist gekrönte\noder sonst ehrenvoll von der Anstalt Entlassene. Der Diri-\ngent Pasdeloup leitet sie ganz vortrefflich und weiss\ndas jugendliche Feuer eben sowohl zu dämpfen als ge-\nschickt zu benutzen. Das erste Concert fand am 7. De-\ncember v. J. Statt und brachte für Paris zwei Neuigkeiten,\ndie durchschlugen: Mendelssohn's und\nzehn Nummern aus Mozart's „Entführung aus dem Se-\nrail*. Mozart's Musik versetzte die zahlreiche Zuhörerschaft\nim Herz'schen Saale in ein entzücktes Staunen Niemand\nkannte diese Töne, und namentlich die komischen Duette,\nin denen Osmin die Hauptrolle spielt, machten einen Ein-\ndruck auf die Franzosen, wie ich ihn selten in einem Con-\ncerte beim Vortrage von Opernmusik gehört habe. Ba-\ntail le sang den Osmin, Jourdan den Belmonte und den\nPedrillo, Demoiselle l'Heritier die Constanze, Demoiselle\nDupuy das Blondchen. Es. ist nur Eine Stimme im Publi-\ncum und in den öffentlichen Blättern über die natürliche\nFrische und die charakteristische Farbe dieser Musik, der\nWunsch einer Wiederholung ist allgemein, und mehrere\nBlätter fordern die komische Oper oder das Theätre lyrique\nauf, sich derselben zu „bemächtigen\". Eines derselben\nfügt sehr naiv hinzu: „ Cette piece ne serait pas deplacee ä\ncöte de Celles de nos faiseurs les\nAusserdem trugen zwei tüchtige Violinisten die\nfonie concertante Nr. 3 von Alard mit Beifall vor. Weni-\nger gelang, wie das fast immer bei Chören in hiesigen\nConcerten der Fall ist, der Elfenchor aus Weber's Oberon.\nDas Programm des ersten Conservatoire-Concertes am\n11. Januar (um dies gleich hier anzuschliessen) enthielt:\nSinfonie in C von Mozart Choeurs d'une Nuit de\nSabbat vou Mendelssohn (Sommernachtslraum) Va-\nriationen für Flöte von Böhm (über das Thema: Steh' nur\nauf, du Schweizerbub!), vorgetragen von Dorus\nreligieuse et choeur d'Olympie von Spontini Sinfonie\nNr. 7 in A-durvon Beethoven.\nParis, den 13. Januar 1857.\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-01-31-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-01-31_01#c004", "volume": "bmtnabi_1857-01-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "39", "page_fin": "40", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570131-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570131-01.1.7", "debut_caractere": 4128, "fin_caractere_exclue": 5267, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\na&öln. In einem Privatcirkel hörten wir neulich eine neue\nSonate lür Pianoforte und Violine von Ed. Franc k, vortrefflich\nvorgetragen von ihm selbst und Herrn Grunwald, welche alle\nZuhörer ausserordentlich ansprach. Franck hat in allen seinen Com-\npositionen der letzten Jahre dasjenige, was man in der Kunst über-\nhaupt Styl nennt, und dies macht den Haupt-Vorzug seiner Sachen\naus. Auch diese Sonate gibt wieder einen schönen Beweis davon;\nsie ist aus Einem Guss und zeichnet sich auch noch besonders\ndurch etwas aus, das wir so seltsam es auch bei einem Duö\nklingen mag die Instrumentirung nennen möchten, nämlich die\ntrio-ähnliche Behandlung des Ganzen, wobei die linke Hand eben-\nfalls eine durchaus obligate Stimme vertritt und, während sie öfter\ndie Passagen der Violine aufnimmt und mit ihr rlialogisirt, das\nMonotone Einer und derselben Tonregion in Ciavier und Violine\nvermeidet und dabei dem Pianoforte, das zugleich auch als Vio-\nloncell fungirt, eine günstigere Stellung gegen die feine und klang-\nvolle Sopranistin gibt, mit der es doch nun einmal in gleicher\nTonregion nicht rivalisiren kann."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570131-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7413, "texte": "In der zweiten Soiree für Kammermusik am 27. Januar,\ndem Geburtslage Mozart's, hörten wir, wie recht und billig, nur\nMusik von Mozart: das Streich-Quartett in D-moll, das Quintett\nin C-dur, die Clavier-Phantasie zu vier Händen in F-moll, die Va-\nriationen in G-dur für Ciavier zu vier Händen und das Clavier-\nQuartett in G-moll. Die Ciavier-Partie führten die Herren F. Hil-\nler und F. Breu nung aus: die erste Violine in dem Quartelt\nund Quintett spielte Herr Riccius, dem besonders der Vortrag\ndes Quintetts gelang. Im Ganzen aber liess die Egalität des Spiels\nin den vier oder tünf Stimmen gar Manches zu wünschen übrig,\nwas sich selbst bis auf die Ungleichheit von Triolen und Zwei-\nachteln, und auf Ligato und Staccalo erstreckte. Ein wirkliches\nQuartett ist ohne fortwährende Uebung derselben Milglieder\nnicht denkbar; nur durch diese ist das Einverständniss, das durch-\naus erfordert wird, zu erreichen, zumal wenn keine dominirende\nAutorität, wie sie einst F. Hartmann halte, vorhanden ist. Beim\nWechsel der Principalstimme kann wohl ein ziemlich gutes Quar-\ntelt herauskommen, aber kein vollendetes Zusammenspiel.\nff Elfoerfeld. Unser drittes Abonnements-Concert fand am\n19, Januar unter Leitung des Musik-Directors Schornstein vor\neiner so zahlreichen Versammhing Statt, dass der grosse Saal die-\nselbe kaum aufnehmen konnte. Das Programm war ein ausgewähl-\ntes; wir hörten im ersten Theile eine Sinfonie für grosses Orchester\n(Op. 5) von Niels W. Gade und das Concert für die Violine\nvon Mendelssohn. Im zweiten Theile Ouvertüre zu Leonore\nvon Beethoven und den zweiten Act der Vestalin von Spon-\ntini. Die Ausführung sämmtlicher Musikstücke entsprach den ge-\ndiegenen Leistungen, die unseren Concerten einen so ehrenvollen\nNamen erworben haben, und lieferten besonders die Sinfonie und\ndie Ouvertüre den Beweis, dass unser Orchester, dessen Kern aus\nder rühmlichst bekannten Johannisberger Capelle besteht, wohl mit\njedem anderen wetteifern kann. Herr Posse spielte das Violin-\nConcert mit eben so viel Geschmack als Fertigkeit; wir hoffen, ihn\nöfter zu hören. In dem zweiten Acte der Vestalin hatte Fräul.\nIda Dannemann Gelegenheit, ihre schönen Stirnmmittel zu ent-\nfalten nnd von ihrer fortschreitenden musicalischen Bildung den\nerfreulichsten Beweis abzulegen. Die übrigen Solo-Partieen, beson-\nders die Partie des Licinius, waren gut vertreten. Ein anhaltender\nApplaus bekundete die grosse Zufriedenheit der Zuhörer mit den\nLeistungen des Abends.\n** Barmen, 25. Januar. Am 10. Jan. fand die zweite Soiree\nder Herren C. Reinecke, Franz Seiss und Friedr. Forberg\nStatt. Wir hörten ein Trio in Es-dur von J. Haydn, das Trio\nOp. 70, Nr. IL, ebenfalls in Es-dur, von Beelhoven und die\n„Novelletten44 von Niels W. Gade.\nAm 24. d. Mts. fand das Jahres-Concert des Herrn Musik-Di-\nrectors C. Rein ecke Statt. Es hatte ein reiches Programm und\nwar zahlreich besucht. Im I. Theile spielte der Concertgeber mit\nbekannter Meisterschaft das grosse Quintett lür Pianoforte, Violine,\nViola, Violoncell und Contrabass von Franz Schubert und zum\nSchlüsse der Abtheilung ein Notturno eigener Composition und\neinen Walzer von Chopin. Fräul. Dannemann, welche man\nhier sehr gern hört, sang die grosse Arie aus dem Vampyr von\nIL Marschner: Heiter lacht die Frühlingssonne44, die Romanze\nvon F. Hiller aus dem „Advoeaten44: „Weine nicht\" mit dem\nvorhergehenden Recitativ, und im 11. Theile noch zwei Lieder von\nC. Reinecke. Sie gefiel ausserordentlich, besonders im Vortrage der\nRomanze und der Lieder. Ausserdem hörten wir im I. Theile noch\nden 23. Psalm für Frauenstimmen von Fr. Schubert. Im 11. Theile\nwurden die Novelletten von Gade, welche in der Soiree sehr an-\ngesprochen hatten, wiederholt. Herr Seiss spielte nach Mendels-\n«ohn's Ave Maria für Tenor-Solo und achtstimmigen Chor eine Ro-\nmanze für Violine von Reinecke, und zum Schlüsse hörten wir\nVariationen über Webers „Lützow's wilde Jagd4' (Manuscript) von\nF. lii 11 er. Das Publicum verliess sehr befriedigt den Saal.\nIn meinem letzten Berichte habe ich vergessen, mitzutheilen,\ndass unseren tüchtigen Orgelbauern, den Gebrüdern Adolf\nIbach Söhne, für ihre Leistungen an der grossen Orgel der Ba-\nsilica in Trier der Ausdruck der allergnädigsten „beifälligen An-\nerkennung'4 Sr. Maj. des Königs durch den Herrn General-\nLieutenant von Wussow, königlichen Commissarius des Restaura-\ntionsbaues der Basilica, mitgetheilt worden ist.\n*l* Kssen, 22. Januar. Am 4. d. Mts. gab der hiesige Ge-\nsang-Verein in Verbindung mit dem Instrumental-Vereine das IL\nAbonnements-Concert, zu welchem Herr Musik-Director Reinecke\naus Barmen die Direction übernommen hatte. Wir hatten hierbei\nzugleich Gelegenheit, Herrn Reinecke als Clavier-Virtuosen zu be-\nwundern. Seine Vorträge, bestehend in dem Clavier-Concert von\nC. M. von Weber, Notturno von Chopin und „Auf Flügeln de?«\nGesanges44, übertragen von Stephen Heller, erregten grossen En-\nthusiasmus und rissen das Publicum zu stürmischem Beifall hin.\nAusserdem wurde aufgeführt sein „geistliches Abendlied4', eine ge-\ndiegene Composition, welche allgemein ansprach. Zum Schlüsse\ndirigirte er die zweite Sinfonie von Beethoven, welche wir hier nie\nso exaet gehört hatten. Herr Reinecke sprach sich über die Lei-\nstungen des Chors und Orchesters befriedigend aus, wobei wir be-\nmerken, dass die Leitung der betreffenden Vereine in den Händen\ndes Herrn Ernst Helfer hier ist. Das Orchester war verstärkt\ndurch Herrn Violin-Virtuosen Seiss und Herrn Musik-Director\nEngels aus Mülheim a. d. R. Wir bedauern, von Herrn Seiss\nkeinen Solo-Vorlrag gehört zu haben, und hoffen, ihn in Verbin-\ndung mit Herrn Reinecke bald wieder in unseren Mauern zu sehen.\nLetzterem glauben wir im Namen sämmtlicher Zuhörer unseren\nDank aussprechen zu müssen.\nEben so erwähnen wir noch das zweite Abonnements-Concert\ndes hiesigen Männergesang-Verein s, welches am 18. Januar\nStatt fand. Der rühmlichst bekannte Tenorist aus Bielefeld, Herr\nLangenbach, war einer freundlichen Einladung gefolgt und erfreute\ndie Zuhörer durch einige Gesangs-Vorträge. Er sang eine Ballade\nvon Netz er, „Die Schifferin\", und „Der Winter44 von Kücken.\nWenn er in der Ballade durch feine Nuancirung und richtige Auf-\nfassung, verbunden mit seelenvollem Vortrage, allgemeinen Beifall\närntete, so imponirte er in letzterem Liede durch die bedeutende\nKraftfülle seiner Stimme. Sehr lobenswerth fanden wir die\nDeutlichkeit und Schärfe der Aussprache beim Singen. Vom Ver-\neine selbst hörten wir zwei Lieder von H. Marsch ner: „O schö-\nner Frühling, kommst du wieder44 und „Ich liebe, was fein ist44, mit\nPräcision vortragen. Ausserdem kamen zur Aufführung „Meeres-\nstille44 von Fischer und einige Lieder heiteren Inhalts. Sämmt-\nliche Lieder wurden sehr beifällig aufgenommen. Auch Herrn Lan-\ngenbach sagen wir schliesslich im Namen des Publicums Dank. E.\n*** Antwerpen. Der Precurseur schreibt in seiner Nummer\nvom 26. Januar d. J.: „Die Matinee, welche gestern die Socieie\nd'Harmonie gab, erhielt durch die Mitwirkung eines ausgezeichneten\njungen Künstlers, des Herrn Louis Brassin aus Leipzig, ein\nganz besonderes Interesse. Sowohl die technische Fertigkeit, als der\nAusdruck seines Spiels erregten den grössten Beifall und erinner-\nten an Künstler, welche das Pianoforte am meisten verherrlicht\nhaben. Herr Brassin hat auf die an ihn ergangene Einladung seine\nMitwirkung in dem Wohlthätigkeits-Concerte für das Louisen-Ho-\nspital auf das bereitwilligste zugesagt.44"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570131-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie Weihe des Frühlings (Ver sacrum). Für Soli, Chor und Orchester componirt von F. Hiller. Pariser\nBriefe IV. (Schluss der Musterung von 1856 La Reine Topaze von V. Masse Offenbach's Bonffes Parisiennes Kammer- und\nConcertmusik). Von 13. P. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Sonate für Piano und Violine von Ed. Franck, 11. Soiree\nfür Kammermusik Elberfeld, 111. Abonnements-Concert Barmen, 11. Soiree, Concert Essen, Concert Antwerpen, L. Brassin).\n\nDie Weihe des Frühlings (Ver sacrum).\nFür Soli, Chor und Orchester componirt\nvon\nFerdinand Hiller.\nI.\nDie neuere Zeit hat bekanntlich dem biblischen Ora-\ntorium den Krieg erklärt, und ihre vorlautesten Wortfüh-\nrer werfen es in die allgemeine Rumpelkammer des Ver-\nalteten, Abgestandenen, oder wenigstens doch des Ueber-\nwundenen, das allerdings einmal da gewesen sein müsse,\num eine historische Entwicklungsstufe auszufüllen, jetzt\naber sich vollständig überlebt habe. Sie machen es hier\ngerade so, wie bei allem ihrem musicalischen Musik-Ge-\nschwätz: sie schütten das Kind mit dem Bade aus, und da-\ndurch verwirren sie die Klarheit des Standpunktes und\nhindern mehr die Anerkennung desjenigen Wahren, das\nauch ihrem Raisonnement zu Grunde liegt, als dass sie es\nförderten und verbreiteten.\nWenn man fordert, dass die heutige Oper in dem Ge-\ngenstände der Handlung und in der Entwicklung derselben\nsich dem Drama nähere, ja, meinetwegen ein wirkliches\nDrama sein solle, so haben wir nichts dagegen, sobald nur\ndie Bedingungen, welche die Tonkunst als solche von einem\nTexte zum Zwecke musicalischer Composition verlangt,\ndabei die gebührende Rücksicht finden. Will man aber die\nMusik nur zum Organ machen, durch welches das Drama\nsich ausspreche, so dass die Poesie bis in das einzelne De-\ntail die Hauptsache, die Tonkunst aber Nebensache sei, so\nsind wir mit Hand und Fuss gegen eine solche Verkeh-\nrung aller Grundsätze der Aesthetik, indem in jeder\nKunst das Schöne aus dem ihr eigenthümlichen Wesen\nnach Inhalt und Form sich entwickeln und danach beur-\ntheilt werden muss, während das Anschmiegen einer Kunst\nan eine andere, die gleichsam mathematische Deckung der\neinen durch die andere, im Besonderen hier z. B. des Wor-\ntes durch den Ton, niemals den Maassstab für die Betrach-\ntung und Beurtheilung des Schönen in einer von beiden\nabgeben kann. Die Geltendmachung des Drama's, dessen\nwesentlicher Bestandteil die Sprache (Vers und Wort) ist,\nfällt der Kunst des Vorlesers und des Schauspielers an-\nheim; der Musiker kann dazu gar nichts thun; eine so ge-\nnannte „schöne Sprache\" des Dichters kann als solche\ndurch die Musik eben so wenig zur Geltung gebracht wer-\nden, wie der immer wiederkehrende Rhythmus des Verses,\nwie die Cäsuren desselben, wie die Reime. Man ziehe nur\ndie Consequenzen der neuen Poesie-Musik-Lehre über das\nErwachsen der Melodie aus dem Gedichte, über die Be-\nrechtigung des Wortes u. s. w. bis zum Aeussersten, und\nihre Absurdidät wird auch dem Befangensten einleuchten.\nOder wäre die Composition eines Gedichtes, welche das\njambische oder trochäische Versmaass Tact für Tact durch\neine kurze und eine lange Note oder umgekehrt wiedergäbe,\nwelche jede rhythmische Reihe des Gedichtes durch eine\ngleich lange und gleich gegliederte rhythmische Periode in*,\n\\\nder Musik ausdrückte und den Reim jedesmal durch den\nGleichklang des Accords wäre eine solche Composition\nnoch Musik?\nTragen wir das auf die Vocalmusik, wie sie in den\nOratorien erscheint, über, so werden wir auch hier die\nvolle Berechtigung derer anerkennen müssen, die sich da-\nhin aussprehen, dass für unsere Zeit eine Gattung von\ngrösseren Gesangwerken wünschenswerth sei, denen mo-\nderne Poesie zu Grunde liege, deren Texte nicht aus-\nschliesslich aus der biblischen Geschichte gewählt seien und\nnicht nothwendig eine religiöse Grundfarbe zu haben brau-\nchen. Dass diese Forderung aber keineswegs zur Verban-\nnung der biblischen Oratorien berechtigt, sondern nur zu"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570131-01.1.2", "texte": "einer dichterischen Bearbeitung ihres Stoffes, haben wir bei\nGelegenheit der Anzeige von Reinthaler's „Jephta und seine\nTochter\" in diesen Blättern (Jahrgang 111., Nr. 21 vom\n26. Mai 1856 u. ff.) besprochen. Hier wollen wir nur\nerwähnen, dass jene Ansicht eine Gattung von Gesangwer-\nken empfiehlt, welche neben den geistlichen als so genannte\nweltliche Oratorien bestehen können, und als solche auch\nfrüher keineswegs unerhört waren, wie z. ß. Händel's\nAlexanderfest und noch mehr Acis und Galathea,\ne Pensiwoso beweisen. Auch Haydn's Jahreszeiten gehören\nihrem, grössten Theile nach eben dahin.\n«•\nDie neueste Zeit hat nun diese Gattung ganz und gar\nvon allem kirchlichen Beisatze losgelös't; Robert Schumann\nhat bekanntlich mit seinem „Paradies und Peri\" diesen\nWeg eingeschlagen, dem er später die „Pilgerfahrt der\nRose\" angeschlossen hal. Andere sind ihm mit mehr oder\nweniger Glück gefolct, z. B. Gade in seiner „Comala\"\nu. s. w. Am glücklichsten war schon vor Schumann Men-\ndelssohn mit seiner „Walpurgisnacht\". Dadurch ist offen-\nbar eine Mittelgattung entstanden, welche, weil sie keinen\nAnspruch auf die, wenn auch nicht zu bestimmter Form\nausgeprägte, Kirchlichkeit des Stils macht, aber auf der\nanderen Seite sich auch nicht für die wirkliche Darstellung\nauf der Bühne bestimmt, zwischen Oratorium und Oper in\nder Mitte steht. Man wird nicht läugnen können, dass dies\nein Fortschritt, ein Gewinn für die Kunst sei.\nWie kommt es nun aber, dass die bisher in dieser\nGattung geschriebenen Werke doch nicht den Boden ge-\nwonnen haben, den man der Gattung wünschen muss?\nDie Schuld scheint uns zum Theil an den Componisten zu\nliegen, welche dem oben widerlegten irrigen Grundsatze\nder Deckung des Wortes durch den Ton, oder mit ande-\nren Worten: der rhetorisch-declamatorischen Musik, allzu\nsehr huldigten und dadurch monoton wurden; zum Theil\nan den Gedichten, die sie ihren Compositionen zum Grunde\nlegten. Sie fühlten allerdings sehr wohl, dass bei dieser\nneuen Gattung die Grundlage der Vocalmusik, der Text,\nein weit wichtigerer Factor zum Gelingen des Ganzen sei,\nals bei den alten Oratorien, bei denen oft eine Zeile, ja,\nein einzelnes Wort (z. B. Amen), hinreichte, musicalisches\nGenie zu entfalten. Desswegen griffen sie nach schönen\nGedichten, wie z. B. „Paradies und Peri\" nach Th. Moore\nund „Der Rose Pilgerfahrt\" von Horn. Allein sie vergas-\nsen, diese Gedichte in ihrer Eigenschaft als Grundlage für\nmusicalische Bearbeitung zu prüfen, weil sie eben in der\nAnsicht befangen waren, dass? die poetische Schönheit\nallein die musicalische bedinge, und sich zutrauten, die\nRichtigkeit dieser Ansicht durch ihre Werke zu beweisen.\nDas musste um so mehr misslingen, je mehr die\nPoesie, die sie componirten, beschreibender und erzählen-\nder Art war, sich also vermöge ihrer Natur schon gegen\ndie Verschmelzung mit der Tonkunst sträubte. Das wirk-\nliche Thema der Vocalmusik kann nur Empfindung sein,\nEmpfindung, die sich von der Stimmung bis zur Leiden-\nschaft ausdehnt und folglich alle Elemente der Lyrik und\nDramatik im Keime in sich trägt und sich im Fühlen und\nHandeln subjectiv ausspricht. Das Objective, das Epische\nkann nicht Stoff der Musik sein.\nWenn es nun wahr ist, dass das Dramatische in dem\nOratorium nur ideal ist, da dessen Haltpunkt nur in der\nPhantasie des Zuhörers liegt, und jenes nicht als lebendige,\ndargestellte Handlung vor seine Sinne tritt, so wird man\nan die neue Gattung grosser Gesangwerke gerade die For-\nderung stellen müssen, dass sich die dalür bestimmten Ge-\ndichte so sehr als möglich den eigentlich dramatischen nä-\nhern müssen. Wir verlangen daher von dem Texte für eine\nsolche Composition, dass er eine Handlung enthalte, dass\ndie Hauptsache dabei Einheit und Steigerung dieser\nHandlung sei, gleichviel, ob sie ein historisches oder roman-\ntisches Gepräge habe. Auch in der Charakteristik der\neinzelnen Personen, die darin auftreten, kann weiter gegan-\ngen werden, als in den bisherigen Oratorien, deren schwa-\nche Seite die Charakteristik des Einzelnen ist, nicht aber\ndie der Massen.\nDas Letztgesagte führt uns auf dasjenige, was das\nUnterscheidende der neuen Gattung von der eigentlichen\nOper sein muss. Es ist dies der Chor. Ihm soll auch jetzt,\nwie im Oratorium, in musicalischer Hinsicht die Hauptrolle\nverbleiben; der Ausdruck der Gefühle, welche den Men-\nschen als Menschen, die Charakteristik der Leidenschaften,\nwelche die Massen, welche ein Volk unter bestimmten Ver-\nhältnissen, in grossen Phasen seiner Geschichte, in ergrei-\nfenden Situationen bewegen das seien seine Aufgaben.\nDer Chor kann bald eingreifend in die Handlung, bald das,\nwas geschieht, betrachtend, wie in der alten Tragödie, auf-\ntreten; immer aber, wo er auch nicht handelt, spiegele\nsich in ihm die Handlung in ihren Motiven oder in ihren\nFolgen ab, immer sei er der Hauptstamm, um den sich\nalles Andere nur wie Zweige und Blüthen gruppirt. Haben\nwir dann einst einmal Theater, welche sich entschliessen,\nsolche Werke mit gehörigen Kräften aufzuführen, nun, so\ndürfte das für die Reinigung der Opernbühne von so man-\nchem Unrath wohl nicht unerspriesslich sein."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570131-01.1.3", "texte": "Der also behandelte Chor gibt dann auch dem Com-\nponisten dieselbe Gelegenheit, wie der Oratorien-Chor, seine\nMeisterschaft in Anlage und Durchführung polyphoner Ge-\nsangstücke zu zeigen, und wenn auch die Natur des Stoffes\nvielleicht die eigentliche Fuge meist ausschliessen dürfte,\nso wird doch das Vorherrschen des vierstimmigen Chors\nstets ein Anhalt für die ernste Richtung und das gediegene\nWissen des Musikers bleiben und den leichtsinnigen und\nleichtfertigen Opernmachern ein strenges Noli me längere\nzurufen.\nAus allem Gesagten geht schliesslich auf ganz natür-\nlichem Wege die Endforderung hervor, dass der Text spe-\nciel für ein solches Gesangwerk verfasst sein muss, dass der\nDichter, eben so wie bei einem Opern-Texte, die Rück-\nsicht auf die Musik, auf die Erfordernisse der Compositions-\niehre im Grossen, auf die musicalischen Formen, auf den\nWechsel derselben u. s. w. nie aus den Augen verlieren\ndürfe. Das Eintheilen eines schon vorhandenen Gedichtes\nzum Zwecke der Composition in Soli, Ensemble-Stücke,\nChöre, oder das Herausnehmen eines einzelnen Stückes aus\neinem Gedichte (wie z. B. Mendelssohn aus Schiller's Ge-\ndicht „Die Künstler\" gethan und Liszt nach ihm noch ein-\nmal, während dem Ersteren Göthe's „Erste Walpurgis-\nnacht\" gerade desshalb so vortrefflich gelungen ist, weil\ndas Gedicht schon dramatisch war) führt zu nichts und wird\nnie zu einem wirklichen musicalischen Kunstwerke sich ge-\nstalten lassen.\nIn dem Gedichte „Die Weihe des Frühlings Ver\nsacrum— \" ist nun ein Versuch gemacht worden, den aus-\ngesprochenen Grundsätzen nach Möglichkeit zu genügen\nund einen Text für musicalischc Composition, und zwar\nfür ein Gesangwerk der oben charakterisirten Gattung zu\nliefern. Eine etwas ausführlichere Betrachtung des Gedich-\ntes, als sie sonst bei Vocal-Compositionen gewöhnlich,\ndürfte desshalb hier gerechtfertigt erscheinen. Die erste\nVeranlassung zu dem Texte gab Hiller selbst nach Durch-\nlesung der Ballade „ Ver sacrumvon Uhland.\nDie Kunde von der Opferweihe aller Erzeugnisse des\nFrühlings, welche die alten Italier in grossen Gefahren den\nGöttern gelobten, ist aus einer Nachricht bei dem römi-\nschen Geschichtschreiber Livius (XXII. 10.) geschöpft.\nAuch die Schlusswendung der Uhland'schen Ballade und\ndes vorliegenden dramatischen Gedichtes beruht auf der\nAndeutung in derselben Stelle, „dass man die Kinder, die\nin dem geweihten Frühling geboren, nicht opferte, sondern,\nwenn sie herangewachsen, mit verhülltem Haupte über die\nGränze geführt habe.\".\nDas Gedicht zerlällt in zwei Theile: „Das Gelübde\"\nund „Das Opfer\". Der Ort der Handlung ist die Stadt\nAlba Longa in Latium, die Zeit das Jahr der Gründung\nvon Rom.\nDie Albaner wehklagen über ihre Niederlage durch\ndie Etrusker (Chor). Der Priester des Mars, der in dem\nSymbol eines Speers im heiligen Haine verehrt wird, wirft\ndem Volke seinen Kleinmuth vor und erinnert an die Ver-\nheissung des Gottes, dass „die Herrscherin der Erde\" aus\nihm hervorgehen solle. Das Volk beugt sich in Demuth\nund erstarkt im Glauben (Chor 2). Der Priester fordert\nzum Gelübde des ganzen Frühlings auf; die Albaner be-\nschliessen das Opfer und vertrauen mit neuem Muthe dem\nMavors (Chor 3). Der Priester verkündet seinen Entschluss,\nmit dem heiligen Speer selbst dem Heere voran zu ziehen\ner weiht die Etrusker-Scharen den unterirdischen Göt-\ntern und weissagt den Sieg:\n„Ha! welch ein Rauschen in den Lüften!\nEs schwingt sich vom Gebirg' ins Thal.\nIn den Staub, ihr Krieger allzumal!\nDann reisst die Schwerter von den Hüften!\nSeht droben ihr die Adler fliegen?\nWohlauf, Albanervolk, zum Siegen!\"\nBegeistert zu Sieg und Tod ziehen sie von dannen (Chor 4).\nDer kriegerische Chor und Marsch verklingen. Die\nPriest er in der Vesta und die albanischen Jungfrauen\nbeten zur Nacht, dass sie ihre Schwingen schützend über\nden Heereszug breite, und zur Vesta:\n„ sieh uns niedersinken\nVor dir, die aus der heil'gen Flamme spricht;\nWenn keine Sterne mehr am Himmel blinken.\nSo wahr' uns du der Freiheit ew'ges Licht!\"\n(Sopran-Solo und Chor 5).\nEin Instrumentalsatz folgt: Stille der Nacht und An-\nbruch des Tages. Die Priesterin begrüsst die Morgen-\nröthe, bei deren Scheine das Herz sich gern zur Hoffnung\nwendet. Ein junger Krieger, Führer einer Heer-Abthei-\nlung, sprengt daher: er verkündet den gelungenen Ueber-\nfall der Etrusker, ihr Lager steht in Flammen, der gefan-\ngene König hat ewigen Friedensbund beschworen. Schon\nnahet das rückkehrende Heer:\n„Der Adler Flug,\n. ..Er war kein Trug.. ...\nDen Sieg zu bringen,\nMavors gebot;\nAuf ihren Schwingen\nKauschte der Tod.\nIn ihren Klauen\nBlitzte der Strahl,\nDurcb Nacht und Grauen\nZu leuchten der Wahl!\""}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570131-01.1.4", "texte": "(Männerchor 6). Dem Heere jauchzen die Triumphgesänge\ndes Volkes entgegen:\n,Verherrlichet vom Meer zu Meere\nMars, den Erretter!44 u. s. vv.\nDie Jungfrauen fordern die Sieger auf, den Lorber zu\nempfangen, und indem sich Alle zum Preise des Mars ver-\neinigen, „ziehen sie ein in den heiligen Hain\" (Chor 7).\nIm zweiten Theile ist dieser Hain der Ort der Hand-\nlung. Der Priest er ist allein; er dankt dem Gölte für den\nSieg, aber sein Herz ist bewegt, und er lieht:\n„Gib mir die Kraft, das Opfer zu vollenden,\nUnd wolle du den Fluch zum Segen wenden.\"\nDa ziehen die Hirten und Landleute fröhlich herein (Chor\n8) und bringen, „was Flur und Garten, Trift und Hürde\nhegt, das ganze junge Leben des Frühlings\" zum Opfer dar.\nDer Priester pflanzt den heiligen Speer von Neuem in\nden geweihten Boden ein;\n„Doch ruht ein dunkles Wort noch inhaltschwer\nIn seiner Brust und ringt, sich zu befrei'n.\"\nDas Volk „durchbeben der Ahnung Schauer\" (Chor 9),\nund als der Priester die furchtbare Forderung des Gottes\nverkündet:\n„ —So wahr\nFreiheit das edelste Gut, -\nSo wahr ziemt heute dem Altar\nDas edelste Blut!44\nals er ein Menschenpaar in der Blüthe der Jugend als\n„ höchstes Frühlingsopfer\" verlangt, da ergreift erstarren-\nder Schmerz das Volk (Chor 10), ja, bei den Kriegern\nbricht der Unwille in tobendem Vorwurf aus.\nAber der Priester tritt ihnen entschlossen entgegen\nund zügelt den Aufruhr sie schrecken vor dem Frevel\ngegen den Ausspruch des Gottes zurück , und Jener ge-\nbietet: „Auf! werft das Loos! Die Wahl ruht in der Göt-\nter Schooss.\"\n„Weg mit dem Loos!\" ertönt da die Stimme des\njungen Führers einer Heer-Abtheilung der Albaner, wel-\ncher im ersten Theile der Siegesbote war:\n„Habt ihr nur Muth. um in der Schlacht zu sterben,\nWo Sieg und Leben um die Palme werben?\nNur der vermag Unsterblichkeit zu erben,\nDer sich zum Opfer weiht\nUnd freudig in dem Feierkleid\nDer Freiheit wagt zu sterben!\"'\nMit dem Rufe: „Nicht ohne mich!\" stürzt Camilla her-\nvor, stolz aul ihre Liebe und freudig sich mit ihm dem\nlode weihend. Der Priester nimmt das Opfer mit be-\nwegtem Herzen an, und in einem Terzett spreel en alle\nDrei au«, was sie in diesem entscheidenden Augenblicke\nfühlen.\nEs beginnt der Opferreigen, während das Volk das\nLoos der Jungfrau beklagt (Chor 11). Der Priester zückt\nden Opferstahl da fällt Feuer vom Himmel und llammt\nempor am heiligen Speer (Chor 12): „Der Stahl entsinkt\ndes Priesters Hand\", das Volk wendet sich zur Hoffnung.\nFeierlich verkündet nach einer Pause der Priester den\nWillen des Gottes: Mars fordert „die ganze Jugend von\nEinem Jahr\"\n„Doch Leben sei ihr Hochgewinn!\nEr will nicht Tod, er will die That/4\nDann weiht er das Heldenpaar zum Führer jener Jugend:\n„Ihr sollt die Heimat mit der Fremde tauschen,\nEin neues Vaterland\nEuch gründen an der Tiber Strand44\nund erhebt sich begeistert zu der Weissagung:\n„Von sieben Hügeln hör' ich sieben Ströme rauschen,\nDie brausen mächtig um der Erde Rand;\nDort sollt ihr Mars und Vesta Tempel bauen,\nDie Adler tragen auf der Lanzen Spitzen ;\nUnd eure Stadt, umflammt von Jovis Blitzen,\nWird man als Königin der Erde schauen !44\nDas Volk jauchzt diesem Götterspruche zu (Chor 13);\ndie Altersgenossen und Genossinnen der Camilla und des\nFührers reihen sich mit Freude und Vertrauen auf die\nZukunft um den Altar (Chor 14). Die Priesterin, Camilla,\nder Führer und der Priester sprechen vereint, der Situation\ngemäss, ihre Gefühle aus (Quartett); dann fallt der Schluss-\nchor (1 5) ein :\n„Schon lenkt der Sonnengott an goldnen Zügeln\nDie Rosse hinab ins Meer zur Ruh';\nDoch mit dem Morgen eilt den sieben Hügeln\nAm Tiberstrande freudig zu!44\nund indem das ganze Volk die Worte der Weissagung des\nPriesters wiederholt, ruft es der geweihten Schar der Ju-\ngend Heil und Triumph zu.\nDies ist die Skizze des Gedichtes, das wohl nicht bloss\nder Form, sondern auch dem Inhalte nach mit Recht ein\ndramatisches genannt werden dürfte, indem von Anfang bis\nzu Ende eine wirkliche Handlung spannt, in welche nur\nlyrische Ergüsse, die durch dieselbe hervorgerufen oder in\nihr begründet sind, verflochten werden. Die handelnden\nPersonen sind zwei Soprane—die Priesterin der Vesta und\nCamilla, ein Tenor der Führer, und ein Bariton der\nPriester des Mars, letztere die bedeutendste Partie. Wie\nreichlich der Chor bedacht ist, geht aus dem Obigen her-\nvor; jedoch müssen wir, wie es sich indess schon aus dem\nZusammenhange des Ganzen von selbst ergibt, bemerken,\ndass die fünfzehn Chöre von sehr ungleicher Länge sind,\nindem der Componist mit richtigem Tacte da, wo die Masse\ndes Volkes handelnd eingreift, die musicalische Ausführung"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570131-01.1.5", "texte": "aufgegeben hat, und nur da, wo die Handlung weniger zu\nschnellem Fortschreiten drängt, eine längere Durehlührung\nund, wie namentlich in den beiden Finalen, eine grossartige\nund prachtvolle Breite der musicalischen Bearbeitung wal-\nten lässt. Dies führt uns auf die Besprechung der Musik\nüberhaupt, die ein neues und nach dem Urlheile aller\nKunstverständigen sehr glänzendes Blatt dem Kranze des\nRuhmes hinzufügt, den die musicalische Welt dem Com-\nponisten der ,Zerstörung von Jerusalemu längst zuer-\nkannt hat.\n\nPariser Briefe.\n\nIV.\n(S. Nr. 52 v. v. 3.und Nr. 1 und 3 von 1857.)\n[Schluss der musicalischen Musterung von 1856.\nLa Reine Topaze, komische Oper von V. Masse.\nB ouff es Parisienne* - Kammer-und Coiicerlrausik.]\nKurz vor Thorschluss des Jahres 1856 hat das\nTheälre lyriqueam 27. December noch eine glänzende\nNeuigkeit gebracht, glänzend im wahren Sinne des Wortes,\nsn Üecorationen, an Costumen, an Situationen, an musica-\nlischen Bravouren! Wie anders? Der Ort der Handlung\nist Venedig, die Nobili auf der einen und die Zigeuner auf\nder anderen Seite starren von Gold und Silber und Schmelz\nund Steinen, sie amalgamiren sich und contrastiren mit\neinander je nach Bedürfniss des Effects, und was die Bra-\nvour betrifft, so ist Alles gesagt, wenn ich Dir melde, dass\ndie Miolan im zweiten Acte den bekannten Carneval von\nVenedig singt, und Paganini, Ernst, Sivori und Consorten\ns ch vergebens dem Teufel ergeben haben, da sie nie ahnen\nkonnten, dass ihre Geigen-Hexereien von der Kehle dieser\nkleinen, reizenden Teufelin verdunkelt werden würden.\nWelch ein glücklicher Gedanke der Dichter und des Com-\nponisten! Ganz Paris ist ausser sich warum hat ihn\nMeyerbeer nicht gehabt! Für die lünfzehnte Vorstellung\nwar am Sylvester-Abend schon kein Billet mehr zu haben.\nIn der That, der neue Director Carvalho hat Glück.\nClapisson's Fanchonnetle, Aime Maillard's Les Dragons de\nVillars und zuletzt Masse's Reine Topaze sind drei voll-\nständige Erfolge, wie man hier zu sagen pllegt, d. h. sie\nwerden fort und fort gegeben und bringen viel Geld ein.\nUebrigens muss man nicht vergessen, dass der Herr Di-\nrector, indem er die Sängerin Miolan an sich selbst fesselte,\nzugleich die Fortuna ehecontractlich an seine Unterneh-\nmung band. Denn wahrlich, wenn irgend etwas im Stande\nist, einen Liebhaber von sprühendem Coloratur-Feuerwerk\nverrückt zu machen und einem catonischen Hasser der\nsinnlichen Klingelei wider Willen ein schmunzelndes Lä-\ncheln abzugewinnen, so ist es der Gesang dieser Dame.\nSie ist die vollkommenste Schülerin von Duprez, eine voll-\nendete Gesangskünstlerin und dabei im Vortrage der Me-\nlodie voll Anmuth des Stils und voll Seele. Diese krystall-\nglockenartige, unverslimmbare Reinheit, auch bei den ge-\nwagtesten Einsätzen und chromatischen Figuren, und dabei\ndie anspruchsloseste Leichtigkeit, mit welcher sie die fabel-\nhaftesten Schwierigkeiten nicht überwindet, sondern mit\ngrösster Deutlichkeit wie einen Springquell von Tönen her-\nvorsprudeln lässt, sind bewundernswert!). Man vergisst\nseine strengen Grundsätze über diese rollenden und per-\nlenden Tonleitern, über diese Harpeggien, diese Staccalo's,\nwelche man versucht wird Pizzicato's zu nennen, diese\nMordente und Triller, und was weiss ich alles! Freilich\nnur auf Augenblicke aber man kann doch, wenn man\nehrlich sein will, nicht läugnen, dass diese Augenblicke\neinen grossen Genuss gewähren.\nDas Buch, das die Herren Lockroy und L6on\nBat tu zu Verfassern hat, ist nicht ohne Phantasie und\nmit grosser Bühnenkenntniss geschrieben. Der Stoff ist\nnichts weniger als neu, es spuken namentlich die deutsche\n„Preciosa\" und die französischen , Krondiamanien\" darin.\nAber das ist gleich: ein Jeder sieht ein, dass die Dichter\nnur lür den Decorationsmaler, den Regisseur, den Garde-\nrobier oder Costumier oder vulgo Theater-Schneider, aber\nund das ist das Beste bei den Texten der Franzosen!\nauch (ür den Musiker gearbeitet haben. Ist ihnen das\ngelungen, so kommt es auf ein paar Unwahrscheinlichkei-\nten oder auf einige Diebstähle mehr oder weniger nicht an\npourvu qu'on nous amuse!Und das thut diese Königin\nTopaze allerdings, quoiqueoder vielmehr sie keine\nwirkliche Königin, sondern nur eine Zigeuner-Königin ist.\nDass übrigens am Ende, um den Stammbaum zu retten,\nzwei Zigeuner im trunkenen Zustande (wer kann heutzu-\ntage eine pariser komische Oper ohne eine Scene von Be-\ntrunkenen schreiben?) verrathen, dass Topaze geraubt und\nvornehmer Eltern Kind sei, das ist bei allen Zigeuner-Ge-\nschichten in der Ordnung, eben so wie der Schluss, dass\nsie den Annibal laufen lässt und ihren theuren Raphael,\neinen Condoltiere, heiralhet, nicht bloss bei den Zigeunern\nvorkommt.\nVictor Masse ist ein bedeutendes Talent (ür leichte,\nanmuthige, geschmackvolle Musik, wie sie der komischen\nOper ziemt. Wenn er in der Partie der Topaze etwas zu\nviel Flitter aufträgt, so muss man bedenken, dass er in\nParis schreibt und dass er bei der Gesanges-Könisin ohne\no D\neinige neu Perlenschnüre nicht zur Cour gelas-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570131-01.1.6", "texte": "sen wird. Abgesehen davon, wiewohl auch diese Colora-\nturen mit Geist und Geschick geschrieben sind, ist die\nOper doch reich an recht hübschen Musikstücken. Die Par-\ntitur zeigt dieselbe melodiöse Erfindung in der leichten\nGattung, dieselbe feine Behandlung der Motive, dieselbe\nKlarheit der Instrumentirung, wie seine Partituren der\n„Galathee\" und der köstlichen. Ob\ndie Aufführung der Musik zu Preciosa, welche vor zwei\nJahren in den Concerten der Ste. Cecile, wie ich-damals\nberichtete, Furore machte und noch in derselben Saison\nwiederholt werden musste, Einfluss auf die Entstehung der\nReine Topaze gehabt habe, muss ich dahin gestellt sein\nlassen. Wahrscheinlich ist es bei der Stoffjägerei der hiesi-\ngen Faiseurs im Fache der dramatischen Poesie allerdings;\ndie Musik ist jedoch selbstständig gearbeitet.\nDie ursprüngliche Bestimmung des\njungen Componisten Gelegenheit zu geben, ihre Sporen zu\nverdienen, ist bereits antiquirt. Man führt jetzt schon nichts\nals grössere Werke, die einen ganzen Abend füllen, auf,\nund zwar von bereits berühmten oder doch wenigstens mit\nEhren genannten Meistern, wie Adam, Halevy, Masse,\nMaillard u. s. w. Es ist immer so gewesen; sobald man\nein Theater lür junge Componisten gründet, werden alle\nComponisten wieder jung!\nDie einzige Zuflucht der wirklich jungen sind denn\njetzt die Bouffes Parisiennes, wo Jakob Offenbach\nihnen mit Liberalität die Pforten öffnet, ohne jedoch sich\nselbst dabei zu vergessen, da er aus eigener Werkstatt in\ndem vergangenen Jahre ein halbes Dutzend Operetten ge-\nliefert hat, welche keineswegs zu den schlechtesten des\nRepertoires dieses Volkstheaters gehören, das übrigens\nauch diesen Winter von ausgesuchter Gesellschaft besucht\nwird. Offenbach hat mit Errichlung dieser kleinen Bühne\neinen glücklichen Wurf gethan; sie war ein wirkliches\nBedürfniss für die Pariser. Sein Wahlspruch ist: Neues\nund immer Neues! So lange er diesem treu bleiben kann,\nwird er immer gute Geschäfte machen. Hat doch dieses\nMiniatur-Theater im vorigen Jahre zwischen zwanzig\nund dreissig neue Operetten gebracht!\nNoch deutlicher hat Offenbach bekanntlich seine Ab-\nsicht, junge Talente aufzumuntern, durch die Preisbewer-\nbung um die beste Composition einer Operette bekundet.\nAm 20. December v. J. war die entscheidende Sitzung\nder Preisrichter (unter ihnen Halevy, Scribe, Thomas, Ba-\nzin, Mass£, Gounod u. s. vv.) unter Auber's Vorsitz. Von\n25 —3O Bewerbern waren sechs zur definitiven Bewer-\nbung, d. h. zur Composition des Textes [Le\nracle) zugelassen worden. Dieser Text, verfasst von Leon\nBattu und Ludovic Halevy, war für Alle derselbe. Nach\nlanger Berathung glaubten die Richter den Preis theilen\nzu müssen, und so wurden einstimmig George Bizet\nund Charles Lecocq lür würdig erklärt. Jeder erhielt\n600 Francs und eine goldene Denkmünze von 150 Francs\nWerth.\nDas meiste Neue und unstreitig auch das beste haben\ndemnach im vergangenen Jahre die Theater für die komi-\nsche Oper gebracht. Das ist ein gutes Zeichen, und nach\nden Operetten in den Bouffes und nach einigen grösseren\nOpern im Theatre lyriquesollte man glauben, dass Hoff-\nnung vorhanden sei, die Franzosen würden allmählich zu\nder ihnen eigentümlichen Gattung und zu der alten Ein-\nfachheit derselben zurückkehren. Dass sie dafür noch im-\nmer das meiste Talent haben, ist sicher. Die Romantik ist\nnur aufgepfropfter Zweig und nicht einmal auf gesunden\nStamm. Dazu kommt fördernd, dass das Publicum in den\nkomischen Opern strenger ist, weil es eben französischer\nist; es will dort wirkliche Schauspieler, die aber auch ge-\nschickte und gebildete Sänger sind, haben. Was verlangt\nman aber in der grossen Oper? Orchesterlärm, Schreier\nund schöne Tänzerinnen. Und bei den Italiänern? Nun ja,\nda leiert sich Alles von selber ab, im ausgefahrenen Ge-\nleise gehen die Opern eben so wie die Schieb-Coulissen,\ndas Publicum vornehm ä l'exces schläft oder, wie\nneulich ein Witzbold sagte:\nOn y fait plus: on n'y fait nulle chose.\nDie Logen sind voll, der Saal eben nicht glänzend erleuch-\ntet. Das Orchester spielt eine Art Ouvertüre: kein Mensch\nachtet darauf. Endlich kommen die Veteranen, die Legiti-\nmisten der Oper, die Sänger vom ancien regime, etwa\nMario, die Grisi, Alboni u. s. w. Sie singen man ist zufrieden.\nWas sie singen, darauf kommt gar nichts an. Man ver-\nsteht kein Wort, weder von der Sprache noch von der\nMusik; thut nichts, man ist zufrieden. Chor und Scenerie\nsind hässlich, die Decorationen altfränkisch, die Paläste\nräucherig, die Landschaften durchsichtig, d. h. fadenschei-\nnig, die Wolken von Kohlenstaub geschwärzt Alles\ngleich: man ist zufrieden!\nWenden wir uns nun zur Concertmusik, so bestätigte\nsich auch in diesem Winter wieder, was ich früher bereits\ngemeldet habe, dass die übermässige Flut der Virtuosen-\nConcerte sich mehr und mehr verläuft, und dass im Gan-\nzen, namentlich in den engeren musicalischen Kreisen, der\nGeschmack an guter Musik zunimmt, die seichten und\nsüssen Salonstücke bei Weitem nicht mehr so sehr vor-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570131-01.1.7", "texte": "herrschen, wie vor einigen Jahren. Freilich spielt auch\nhier die Mode mit hinein, besonders beim Hervorholen der\nCiaviermusik von J. S. Bach, bei welcher sich neun Zehn-\ntel der jedesmaligen Zuhörer entsetzlich langweilen, aber\nmit gewohnter Salonbildung das Gähnen unterdrücken.\nDie erste Soiree lür Kammermusik eröffnete dieses\nMal Gouffe, der trefiliche Contrabassist und Verehrer\nclassischer Musik, in seinen neuen Salons in der Rue la\nBruyere. Wir hörten drei Quartette von Haydn, Mozart,\nBeethoven und das 26. Quintett von Onslow, das Herrn\nGouffe gewidmet ist, auf ausgezeichnete Weise vortragen.\nDie anderen Quartett-Vereine beginnen erst nach Neujahr.\nDas Beethoven-Quartett von Maurin und Genossen war\nbekanntlich in Deutschland und wird bei der ehrenvollen\nAnerkennung, die es bei Euch gefunden, deren Echo auch\nin hiesigen Blättern wiederhallte, hoffentlich. in diesem\nWinter mit erhöhter Theilnahme besucht werden. Unter\nden Pianisten ragen Krüger und Lübeck hervor; über-\nhaupt aber ist daran immer noch Ueberfluss, und man\nkönnte von Paris aus eine ganze Colonie davon ausführen,\nbei welcher wenigstens hundert Paare ganz stattlich figu-\nriren würden. Eine junge Deutsche, Leonie Bleymann,\nhat unter dieser Menge dennoch Aufmerksamkeit erregt;\nsie spielt die grössten Ciaviersachen der classischen Meister\nauswendig und trägt sie in edler und ernster Weise vor.\nAuch ein neuer Violin-Virtuose, Henry Herwyn, ist\naufgetaucht; welches Landes Kind? Ich weiss es nicht;\ngewesen ist er aber schon überall, in Nord- und Süd-Ame-\nrica, sogar in Australien. Das merkt man auch seinem\nSpiel an und besonders seinem Geschmack. Seine „bur-\nlesken\" Variationen über „Marlborough\" sind auf den\nIransallantischen Kunstsinn berechnet.\nFür Orchestermusik besteht ausser der alten\nSociete des Concerts du Conservaloire nur noch die neue\nSociete des jeunes Ar ti st es du Conservaloire, welche\ndie erfreulichsten Fortschritte macht und sich hoffentlich\nlänger hallen wird, als die Societe de Ste. Cecile, welche,\nwie so viele andere ähnliche Orchester-Vereine, nicht von\nBestand gewesen ist. Sie ist jetzt in ihr fünftes Jahr getre-\nten. Die Mitglieder des Orchesters sind junge Musiker,\nwelche das Conservatoire absolvirt haben, meist gekrönte\noder sonst ehrenvoll von der Anstalt Entlassene. Der Diri-\ngent Pasdeloup leitet sie ganz vortrefflich und weiss\ndas jugendliche Feuer eben sowohl zu dämpfen als ge-\nschickt zu benutzen. Das erste Concert fand am 7. De-\ncember v. J. Statt und brachte für Paris zwei Neuigkeiten,\ndie durchschlugen: Mendelssohn's und\nzehn Nummern aus Mozart's „Entführung aus dem Se-\nrail*. Mozart's Musik versetzte die zahlreiche Zuhörerschaft\nim Herz'schen Saale in ein entzücktes Staunen Niemand\nkannte diese Töne, und namentlich die komischen Duette,\nin denen Osmin die Hauptrolle spielt, machten einen Ein-\ndruck auf die Franzosen, wie ich ihn selten in einem Con-\ncerte beim Vortrage von Opernmusik gehört habe. Ba-\ntail le sang den Osmin, Jourdan den Belmonte und den\nPedrillo, Demoiselle l'Heritier die Constanze, Demoiselle\nDupuy das Blondchen. Es. ist nur Eine Stimme im Publi-\ncum und in den öffentlichen Blättern über die natürliche\nFrische und die charakteristische Farbe dieser Musik, der\nWunsch einer Wiederholung ist allgemein, und mehrere\nBlätter fordern die komische Oper oder das Theätre lyrique\nauf, sich derselben zu „bemächtigen\". Eines derselben\nfügt sehr naiv hinzu: „ Cette piece ne serait pas deplacee ä\ncöte de Celles de nos faiseurs les\nAusserdem trugen zwei tüchtige Violinisten die\nfonie concertante Nr. 3 von Alard mit Beifall vor. Weni-\nger gelang, wie das fast immer bei Chören in hiesigen\nConcerten der Fall ist, der Elfenchor aus Weber's Oberon.\nDas Programm des ersten Conservatoire-Concertes am\n11. Januar (um dies gleich hier anzuschliessen) enthielt:\nSinfonie in C von Mozart Choeurs d'une Nuit de\nSabbat vou Mendelssohn (Sommernachtslraum) Va-\nriationen für Flöte von Böhm (über das Thema: Steh' nur\nauf, du Schweizerbub!), vorgetragen von Dorus\nreligieuse et choeur d'Olympie von Spontini Sinfonie\nNr. 7 in A-durvon Beethoven.\nParis, den 13. Januar 1857.\n\nB. P.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\na&öln. In einem Privatcirkel hörten wir neulich eine neue\nSonate lür Pianoforte und Violine von Ed. Franc k, vortrefflich\nvorgetragen von ihm selbst und Herrn Grunwald, welche alle\nZuhörer ausserordentlich ansprach. Franck hat in allen seinen Com-\npositionen der letzten Jahre dasjenige, was man in der Kunst über-\nhaupt Styl nennt, und dies macht den Haupt-Vorzug seiner Sachen\naus. Auch diese Sonate gibt wieder einen schönen Beweis davon;\nsie ist aus Einem Guss und zeichnet sich auch noch besonders\ndurch etwas aus, das wir so seltsam es auch bei einem Duö\nklingen mag die Instrumentirung nennen möchten, nämlich die\ntrio-ähnliche Behandlung des Ganzen, wobei die linke Hand eben-\nfalls eine durchaus obligate Stimme vertritt und, während sie öfter\ndie Passagen der Violine aufnimmt und mit ihr rlialogisirt, das\nMonotone Einer und derselben Tonregion in Ciavier und Violine\nvermeidet und dabei dem Pianoforte, das zugleich auch als Vio-\nloncell fungirt, eine günstigere Stellung gegen die feine und klang-\nvolle Sopranistin gibt, mit der es doch nun einmal in gleicher\nTonregion nicht rivalisiren kann."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570131-01.1.8", "texte": "In der zweiten Soiree für Kammermusik am 27. Januar,\ndem Geburtslage Mozart's, hörten wir, wie recht und billig, nur\nMusik von Mozart: das Streich-Quartett in D-moll, das Quintett\nin C-dur, die Clavier-Phantasie zu vier Händen in F-moll, die Va-\nriationen in G-dur für Ciavier zu vier Händen und das Clavier-\nQuartett in G-moll. Die Ciavier-Partie führten die Herren F. Hil-\nler und F. Breu nung aus: die erste Violine in dem Quartelt\nund Quintett spielte Herr Riccius, dem besonders der Vortrag\ndes Quintetts gelang. Im Ganzen aber liess die Egalität des Spiels\nin den vier oder tünf Stimmen gar Manches zu wünschen übrig,\nwas sich selbst bis auf die Ungleichheit von Triolen und Zwei-\nachteln, und auf Ligato und Staccalo erstreckte. Ein wirkliches\nQuartett ist ohne fortwährende Uebung derselben Milglieder\nnicht denkbar; nur durch diese ist das Einverständniss, das durch-\naus erfordert wird, zu erreichen, zumal wenn keine dominirende\nAutorität, wie sie einst F. Hartmann halte, vorhanden ist. Beim\nWechsel der Principalstimme kann wohl ein ziemlich gutes Quar-\ntelt herauskommen, aber kein vollendetes Zusammenspiel.\nff Elfoerfeld. Unser drittes Abonnements-Concert fand am\n19, Januar unter Leitung des Musik-Directors Schornstein vor\neiner so zahlreichen Versammhing Statt, dass der grosse Saal die-\nselbe kaum aufnehmen konnte. Das Programm war ein ausgewähl-\ntes; wir hörten im ersten Theile eine Sinfonie für grosses Orchester\n(Op. 5) von Niels W. Gade und das Concert für die Violine\nvon Mendelssohn. Im zweiten Theile Ouvertüre zu Leonore\nvon Beethoven und den zweiten Act der Vestalin von Spon-\ntini. Die Ausführung sämmtlicher Musikstücke entsprach den ge-\ndiegenen Leistungen, die unseren Concerten einen so ehrenvollen\nNamen erworben haben, und lieferten besonders die Sinfonie und\ndie Ouvertüre den Beweis, dass unser Orchester, dessen Kern aus\nder rühmlichst bekannten Johannisberger Capelle besteht, wohl mit\njedem anderen wetteifern kann. Herr Posse spielte das Violin-\nConcert mit eben so viel Geschmack als Fertigkeit; wir hoffen, ihn\nöfter zu hören. In dem zweiten Acte der Vestalin hatte Fräul.\nIda Dannemann Gelegenheit, ihre schönen Stirnmmittel zu ent-\nfalten nnd von ihrer fortschreitenden musicalischen Bildung den\nerfreulichsten Beweis abzulegen. Die übrigen Solo-Partieen, beson-\nders die Partie des Licinius, waren gut vertreten. Ein anhaltender\nApplaus bekundete die grosse Zufriedenheit der Zuhörer mit den\nLeistungen des Abends.\n** Barmen, 25. Januar. Am 10. Jan. fand die zweite Soiree\nder Herren C. Reinecke, Franz Seiss und Friedr. Forberg\nStatt. Wir hörten ein Trio in Es-dur von J. Haydn, das Trio\nOp. 70, Nr. IL, ebenfalls in Es-dur, von Beelhoven und die\n„Novelletten44 von Niels W. Gade.\nAm 24. d. Mts. fand das Jahres-Concert des Herrn Musik-Di-\nrectors C. Rein ecke Statt. Es hatte ein reiches Programm und\nwar zahlreich besucht. Im I. Theile spielte der Concertgeber mit\nbekannter Meisterschaft das grosse Quintett lür Pianoforte, Violine,\nViola, Violoncell und Contrabass von Franz Schubert und zum\nSchlüsse der Abtheilung ein Notturno eigener Composition und\neinen Walzer von Chopin. Fräul. Dannemann, welche man\nhier sehr gern hört, sang die grosse Arie aus dem Vampyr von\nIL Marschner: Heiter lacht die Frühlingssonne44, die Romanze\nvon F. Hiller aus dem „Advoeaten44: „Weine nicht\" mit dem\nvorhergehenden Recitativ, und im 11. Theile noch zwei Lieder von\nC. Reinecke. Sie gefiel ausserordentlich, besonders im Vortrage der\nRomanze und der Lieder. Ausserdem hörten wir im I. Theile noch\nden 23. Psalm für Frauenstimmen von Fr. Schubert. Im 11. Theile\nwurden die Novelletten von Gade, welche in der Soiree sehr an-\ngesprochen hatten, wiederholt. Herr Seiss spielte nach Mendels-\n«ohn's Ave Maria für Tenor-Solo und achtstimmigen Chor eine Ro-\nmanze für Violine von Reinecke, und zum Schlüsse hörten wir\nVariationen über Webers „Lützow's wilde Jagd4' (Manuscript) von\nF. lii 11 er. Das Publicum verliess sehr befriedigt den Saal.\nIn meinem letzten Berichte habe ich vergessen, mitzutheilen,\ndass unseren tüchtigen Orgelbauern, den Gebrüdern Adolf\nIbach Söhne, für ihre Leistungen an der grossen Orgel der Ba-\nsilica in Trier der Ausdruck der allergnädigsten „beifälligen An-\nerkennung'4 Sr. Maj. des Königs durch den Herrn General-\nLieutenant von Wussow, königlichen Commissarius des Restaura-\ntionsbaues der Basilica, mitgetheilt worden ist.\n*l* Kssen, 22. Januar. Am 4. d. Mts. gab der hiesige Ge-\nsang-Verein in Verbindung mit dem Instrumental-Vereine das IL\nAbonnements-Concert, zu welchem Herr Musik-Director Reinecke\naus Barmen die Direction übernommen hatte. Wir hatten hierbei\nzugleich Gelegenheit, Herrn Reinecke als Clavier-Virtuosen zu be-\nwundern. Seine Vorträge, bestehend in dem Clavier-Concert von\nC. M. von Weber, Notturno von Chopin und „Auf Flügeln de?«\nGesanges44, übertragen von Stephen Heller, erregten grossen En-\nthusiasmus und rissen das Publicum zu stürmischem Beifall hin.\nAusserdem wurde aufgeführt sein „geistliches Abendlied4', eine ge-\ndiegene Composition, welche allgemein ansprach. Zum Schlüsse\ndirigirte er die zweite Sinfonie von Beethoven, welche wir hier nie\nso exaet gehört hatten. Herr Reinecke sprach sich über die Lei-\nstungen des Chors und Orchesters befriedigend aus, wobei wir be-\nmerken, dass die Leitung der betreffenden Vereine in den Händen\ndes Herrn Ernst Helfer hier ist. Das Orchester war verstärkt\ndurch Herrn Violin-Virtuosen Seiss und Herrn Musik-Director\nEngels aus Mülheim a. d. R. Wir bedauern, von Herrn Seiss\nkeinen Solo-Vorlrag gehört zu haben, und hoffen, ihn in Verbin-\ndung mit Herrn Reinecke bald wieder in unseren Mauern zu sehen.\nLetzterem glauben wir im Namen sämmtlicher Zuhörer unseren\nDank aussprechen zu müssen.\nEben so erwähnen wir noch das zweite Abonnements-Concert\ndes hiesigen Männergesang-Verein s, welches am 18. Januar\nStatt fand. Der rühmlichst bekannte Tenorist aus Bielefeld, Herr\nLangenbach, war einer freundlichen Einladung gefolgt und erfreute\ndie Zuhörer durch einige Gesangs-Vorträge. Er sang eine Ballade\nvon Netz er, „Die Schifferin\", und „Der Winter44 von Kücken.\nWenn er in der Ballade durch feine Nuancirung und richtige Auf-\nfassung, verbunden mit seelenvollem Vortrage, allgemeinen Beifall\närntete, so imponirte er in letzterem Liede durch die bedeutende\nKraftfülle seiner Stimme. Sehr lobenswerth fanden wir die\nDeutlichkeit und Schärfe der Aussprache beim Singen. Vom Ver-\neine selbst hörten wir zwei Lieder von H. Marsch ner: „O schö-\nner Frühling, kommst du wieder44 und „Ich liebe, was fein ist44, mit\nPräcision vortragen. Ausserdem kamen zur Aufführung „Meeres-\nstille44 von Fischer und einige Lieder heiteren Inhalts. Sämmt-\nliche Lieder wurden sehr beifällig aufgenommen. Auch Herrn Lan-\ngenbach sagen wir schliesslich im Namen des Publicums Dank. E.\n*** Antwerpen. Der Precurseur schreibt in seiner Nummer\nvom 26. Januar d. J.: „Die Matinee, welche gestern die Socieie\nd'Harmonie gab, erhielt durch die Mitwirkung eines ausgezeichneten\njungen Künstlers, des Herrn Louis Brassin aus Leipzig, ein\nganz besonderes Interesse. Sowohl die technische Fertigkeit, als der\nAusdruck seines Spiels erregten den grössten Beifall und erinner-\nten an Künstler, welche das Pianoforte am meisten verherrlicht\nhaben. Herr Brassin hat auf die an ihn ergangene Einladung seine\nMitwirkung in dem Wohlthätigkeits-Concerte für das Louisen-Ho-\nspital auf das bereitwilligste zugesagt.44"}]}