{"numero_id": "bm-bmtnabi-1857-02-14-01", "volume": "bmtnabi_1857-02-14_01", "ocr_sha256": "2663cc978931dd36d01372eab2d56ee08cae8219e75feaaec07e1c355eabf62c", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1857/02/14_01/bmtnabi_1857-02-14_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1857-02-14-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-02-14_01#c001", "volume": "bmtnabi_1857-02-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "49", "page_fin": "49", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 420, "texte": "Inhalt.\nDie Bedeutung der schönen Kunst. I. Von A. E. K. Berliner Briefe (Ein Tag in Russland, Oper von H. Dorn Opern-\nPersonal Kammermusik Sinfonie-Soireen Sing-Akademie Slern'scher Verein Dom-Chor). Von G. E Sechstes Gesell-\nschafts-Coneert in Köln. Tages- und Unterhaltungsblatt (Mainz, Zweites Abonnements-Concert der Liedertafel - Braun-\nschweig, I. 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Dass aber auch Gutgesinnte, so genannte Gebildete\nund sonst vernünftig Wohlmeinende dem Schönheitsleben\nentfremdet sind, davon zeugen— ausser dem theatralischen\nUnfug, der geduldet, ja, gelördert wird in manchen Kreisen\ndes hohen und höchsten Conservatismus doch wohl auch\ndie mancherlei Sinnes-Aeusserungen selbst kreuzgesinnter\nZeitblätter. Während der Radicalismus Verstand und Witz\ngenug besitzt (s. Lucas 16, 8), um bald die ihm gemässen\nTendenzen, bald die technischen Hülfsmiltel dazu in wohl-\nlautenden Phrasen darzulegen, so findet man dagegen, Gott\nsei's geklagt! in vielen Zeitungen des Kreuzes da, wo es\nKunst oder Kunst-Urtheil gilt, nur zu oft asketische Rhe-\ntorik oder abgestandenes Gewäsch von sehr rationalistischer\nFärbung.\nWie mag solches zugehen? Ist die Kunst etwa radical\ngeworden, also dass sie ihre Jünger aus dem Lager der\nKreuzes-Jünger austriebe? So war es nicht von Anfang.—\nOder ist es ihre Signatur, von Haus aus radical zu\nsein? Zwar wenn man manche Künstler der letzten Tage\nansieht, so möchte man ja sagen: aber die sind auch da-\nnach!— Oder ist das Reich Gottes ur wesentlich schön-\nheitsfeind, abtödterisch, asketisch? Zwar behaupten das\neinige puritanische Pietisten; aber die sind doch nicht das\nReich Gottes.\nGöthe, Schiller und andere grosse Dichter waren auch\nin erster Jugend radical, aber nur in dem, was sie nicht\nverstanden; wie denn auch heute noch die meisten in dem,\nwas sie nicht wissen, links sind, in dem, was sie verstehen\nund selber machen müssen, rechts. Uebrigens war Göthe\nwie alle wahren Genien, von Haus aus wahrheitslie-\nbend, was der echte Radicalismus nicht ist; denn dieser\nsagt vieles, was er nicht weiss, und sagt vieles nicht, was\ner weiss.\nIst die Kunst eine wesentliche Aeusserung des\nGeisteslebens, so muss sie ihren Ehrenstuhl haben in allen\nGebieten und Parteien, sowohl bürgerlichen als staatlichen\nund kirchlichen. Ist sie unwesentlich, ein Ding, das da\nsein kann oder auch nicht: nun, so werfe man sie aus als\nschädlichen Luxus und nehme dafür Kartenspiel und Wür-\nfellust; sie schaden der Seele minder, als das unzüchtige\nBuhlen mit der Schönheit.\nDass aber Kunst und Schönheit sehr wesentliche\nDinge sind zum wahren Leben, das empfindet das unbe-\nfangene Gemüth so gut, wie die Weltweisheit es zu erwei-\nsen trachtet. Die neuere Weltweisheit (seit und nach Kant)\nist bemüht gewesen, sowohl das wesentliche Bedürfniss der\nKunst nachzuweisen, als ihren Lebensgehalt in Gedanken-\nkraft auszulegen. Einige feste Sätze sind gewonnen; man\nbezeichnet das Schönheitsleben im Schattenrisse etwa durch\nfolgende Sät'ze allgemeiner Anerkennung:\n„Schönheit ist die Lebensgestalt, welche Geist und\nNatur versöhnt darstellt. Die Natur geistlich erscheinend,\nder Geist natürlich wirkend, ist schön. Landschaft, Thier,\nMensch u. s. W.ist schön, in welchem das Natürliche ver-\nklärt erscheint und umgekehrt, in welchem der geistige\nInhalt nach Weise bewusstlos wirkender Natur hervortritt.\nK u n s t ist die von Menschen gewirkte Schönheit. Ihre\nnächste Wirkung ist, das Herz unmittelbar zu ergreifen,\nohne Vorurtheil und Nachdenken, ohne Willen und Lehre,\nund durch selbsteigene Kraft die Menschenseele in ver-\nwandte Schwingung zu setzen. Ihre Fern- und Grundwir-\nkung, oder Quelle und Ziel der Kunst steht darin, dass sie"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5073, "texte": "sei ein Spiegel des wirklichen Geistes, ein Bild des Bildes,\nzur Lust, nicht zur Arbeit. Was ein Volk erlebt, erarbei-\ntet, gewonnen, die Blüthe seines Lebens, den Kern seiner\nThaten, das Ergebniss seiner Weltanschauung stellt es\nin Bildern der Schönheit vor die Seele. So ist das Kunst-\nwerk nicht Sittlichkeit an sich, aber sittliches Ergebniss,\nZeugniss und Denkmal der Herrlichkeit verklärter Men-\nschennatur in Höhen und Tiefen, ein menschliches Werk\ngöttlichen Scheins, eine Schöpfung neben der Schöpfung,\ndie flüchtigen Erdenbilder zu dauernder Gestalt verewigend,\nauf dass sie Wahrheit hegen und tragen und die Seele be-\nfruchten mit Lebensathem*).\"\nSo ungefähr die Hauptsätze neuerer Weltweisheit. Und\ndie Gottesweisheit widerspricht nicht, sondern bestätigt den\nGrund der Schönheit. Nicht bloss, dass ihre Worte selbst\nvoll heiliger Schönheit sind, auch die Werke Gottes oft ge-\nnannt werden: gut, gross, heilig, wunderbar was doch\nwohl nicht „hässlich\" bedeuten kann; nein, es sind auch\nbestimmte Zeugnisse des Schönen in Gottes Wort\nvorhanden, wenn der Herr genannt wird „Schönster aller\nMenschenkinder\" (Ps. 45, 3 die Septuaginta 44, 3\nnennt ihn sogar (ogaiog, jugendlich schön über alle\nMenschen), oder wenn es heisst: „Seine Lippen voll hold-\nseliger Anmuth\" (Luc. 4, 22) u. s. w. Nicht unerheb-\nlich ist auch, dass Gut und Schön in alttestamentlicher\nSprache oft einerlei ist, was an mehreren Stellen die Sep-\ntuaginta beweis't, z. B. Genesis 1,10. Hierauf gründet\nsich Lavater's Wort: „Wie kann der fromm sein, der\ndas Schöne nicht liebt, da Frömmigkeit nichts ist als Liebe\ndes Schönsten?\" (s. Geizer: N. deutsche Liter., 2. Ausg.\n2, 86.)\nWir müssen dem Kryptocalviuismus gegenüber, der in\ngar manchen kirchlich philosophischen Systemen hindurch-\nspukt und von dem selbst Hegel nicht frei ist, es hier ganz\nausdrücklich betonen, was schon griechische Weisheit ahnte,\ndass die Welt schön ist vor dem Auge Gottes, der das\nGanze sieht. Wer anders spricht, der macht Gott zum Ur-\nheber der Krankheit, somit auch der Hässlichkeit. „Ist der\nerstgeschaflene Mensch schön oder hässlich gewesen?\" so\nlautet hier die Streitfrage zwischen Rationalismus und Po-\nsitivismus, oder zwischen Weltweisheit und Gottesvveisheit.\nFür die erleuchtete Gottesweisheit ist es zweifellos, dass\ndie erste Natur schön gewesen und dass alle Häss-\nlichkeit aus Krankheit stamme. Die Krankheit aber ist ein\nZweig des Todesbaumes, wie die Schönheit des Lebens-\nbaumes.\nDie wahre Kunstschönheit ist eine Wiederbrin-\ngung der ersten Naturschönheit, wie die wahre Weisheit\neine Wiederbringung ist der ersten ungebrochenen „lau-\nteren Vernunft vor dem Sündenfalle\". Und mit diesem\nWorte des theuren Gottesmannes halten wir jenes andere\nzusammen: „Das Evangelium ist nicht gekommen, die\nKünste zu Boden zu schlagen, sondern sie zu brauchen im\nDienste dess, der sie gemacht hat.\"\nNach diesem allem halten wir für Pflicht, auch hier\nlür das Gute Partei zu ergreifen, Parteilichkeit aber\nzu meiden. Wer die Wahrheit des Schönen tief in der\nSeele empfindet, der nehme Partei und kämpfe dafür mit\nden Waffen des Lichtes. Wer sich aber von Parteilichkeit\nberücken lasst, heisse nun diese Radicalismus, Torvismus,\n7 J 7\nConservatismus, Pietismus, Ultramontanismus, der eilt dem\nIrrenhause der Coterieen zu, um auch den Wahnsinn hei-\nlig zu sprechen zu Gefallen jenes thörichten Esprit de corps,\nin welchem Irrenhäuser, Coterieen und Cliquen von jeher\nausgezeichnet gewesen.\nUebcr jene Grundsätze werden sich wohl alle Beson-\nnenen leicht verständigen, auch wo sie in Worten verschie-\nden sind. Freilich fliegen wohl Idealisten zu hoch, und\nTechniker graben zu tief; aber beide können sich doch\nauf dem wohlgegr'undeten Rechlsboden der Kunst zusam-\nmenfinden. Diesen aber hat der trockene Ten den z 1 er\nverloren, den seine horizontale Richtung von allem Leben-\ndig-Schönen entfernt; denn er sägt die Bahnen des Lebens\nmitten durch, um sein praktisches Ziel zu erreichen; er\nsieht nicht Hügel und Wald, sondern nur den Tunnel, die\ngerade Linie seines Verstandes. Alle Tendenzelei ist leere\nParteilichkeit, sei es für ein selbstgeschaffenes Denkbild oder\nfür ein Stichwort, das von aussen her dictirt ist. Dieser\nSclaverei gegenüber steht die andere, die auf dem Grunde\nplatter Sinnlichkeit sich am Schönen bloss amusirt. Beide,\ndie fendenzer und die Amusablen, gleichen im inneren\nWesen den philosophischen Parteien des Spiritualismus\nund Materialismus, welche wiederum ihre historische Quelle\nhaben in den ältesten Ketzereien der Doketen und Ebioni-\nten. Beide kennen nicht die Schönheit Gottes (Ps. 50, 2,\nVulg.49, Ps. 104,1—2), sondern nur den selbstgewähl-\nten Schein ihrer Weisheit (Col. 2, 23.).\nWo die Natur nicht vergeistet wird im Kunst-\nwerke, da haben wir Amüsement, Illusion, Augenlust, Flei-\nscheslust. Darin sind uns die Franzosen ja leider so oft\nvorangegangen seit dem unseligen Ludwig XIV. Solche\n\n*) Ausführlicher über die sittliche Bedeutung der Kunst in die-\nsem Sinne handelt u. A. Krüger: Beitrage für Leben und\nWissenschaft der Tonkunst (Leipzig, 1847), S. 339, 344, 346, 348."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5235, "texte": "flatterige Reihen von Tableaux ohne ideale Triebkraft, wie\nsie heute in Paris statt dramatischer Poesie verkauft wer-\nden, sind keine Geist-Natur, und wenn irgendwo, so ist hier\nder Beweis geliefert, wie dieses Zeitalter poetisch impotent\nist. Die Tragi-Komödie, die sich zu Paris in die leergewor-\ndene Schablone der so genannt Gluck'schen (!) grossen Oper\neingedrängt hat, ist von der bezeichneten Art. Scribe und\nMeyer Beer haben den Tanz begonnen, dessen Tarantelwin-\ndungen das Symbol unserer blasirten europamüden, galva-\nnismusbedürftigen Zeit geworden. Noch kürzlich sprach ein\nübrigens Hochconservativer, ein germanisch christlicher Ge-\nselle, als man die Bartholomäusnacht in den Hugenotten\ntadelte: „Nun, was wollen Sie? Ist nicht der Fanatismus\ngut geschildert?\" Ja, wohl ist er's. Aber wer das ein\nVerdienst der schönen Kunst nennt, der bezeugt hier-\nmit, was seine Schönheitsliebe sei.\nSolchergestalt geistlose Natur-Copieen oder unver-\ngeistigte Naturbilder für Kunstwerke hinzustellen, diese Ent-\nartung der holländischen Malerei ist kürzlich aus Nachah-\nmung Englands in Frankreich weiter gedrungen und dann,\nwie bräuchlich, bei uns nachgeäfft. Die alten Holländer aus\nder glücklichen Zeit, da sie noch Deutsche waren und hies-\nsen— bevor sie (1648) in Zeiten tiefster Noth das wahre\nVaterland verlassen hatten —, diese altdeutschen Nieder-\nländer gaben auch Wirkliches, aber sie gaben es vergeistet,\nerhoben aus dem Schmutz, wenn auch auf Dreck gebaut.\n(Vgl. Hegel's Aesthetik 3, 123 124.) Dagegen unsere\nAllerneuesten! Sie malen im Schlachtenbilde die dicken\nBlutstropfen scheuselig natürlich; solchen Bildern fehlt wei-\nter nichts als der Leichengeruch, den man ja mit Hülfe\neiner todten Ratte hinter den Tapeten wohl anbringen mag.\nDieser Spass wäre nicht schlechter, als jener französische,\nda man zum Chor der Haydn'schen Schöpfung bei den\nWorten: „Und es ward Licht!\" urplötzlich 300 Gasflam-\nmen hervorbrechen liess, damit Bruder Gamin und Epicier\nauch ganz gewisslich an das Licht gläubeten. So verschmäht\nman im Roman und Drama auch nicht den Marktgestank\nmit Modergeruch und Grabesluft; das sei die Wirklichkeit,\nsagen sie. In diesen Grundzügen sind Irving, James und\nBoz Dickens, wenn auch um ein Kleines gesunder, doch\ninnerlich nichts besser als Victor Hugo, Eugen Sue, Alexan-\nder Dumas; überall ist's geistlose Realität, körperliche Geisse-\nlung und Galvanisirung, statt seelhaften Naturlebens. Und der-\ngleichen Unflat ist der haute volee nicht fremder als der demi\nmonde; beide lieben den haut godes verdorbenen Fleisches.\nDie der vorigen entgegengesetzte Verkehrtheit, den\nGeist naturlos darzustellen, ist, obwohl mit sittlichem\nScheine überkleidet, doch nicht minder unschön und un-\nwahr, daher verderblich. Bei einem berühmten Aesthetiker\nfand ich ein kränkliches, asketisches Mönchsgesicht, Braun\nin Schwarz auf goldgelbem Flimmergrunde; das sollte ein\nbyzantinischer Christuskopf sein, sagte er. Ich kenne die\nByzantiner wenig, höre aber von Kennern, dass sie in eige-\nner stiller Schönheit wirken und nicht den Eindruck pro-\nsaischer, marterlicher Tendenzelei machen sollen. Gewiss\nist, dass der eingefleischte naturherrliche Geist in Raphael's\nHeiligenbildern alle diejenigen ergreift, die nicht einer son-\nderlichen Partei verschworen sind. Den Tendenzbildrern\naber sei es gesagt: entweder man werfe alle Bilder fort,\npuritanisch muhamedanisch am abstracten Geiste sich be-\ngnügend, oder: braucht man der Bildlichkeit, so ehre man\nGott nicht durch Fratzen. Solcher Tendenzelei gegen-\nüber ist Geliert noch ein genialer Dichter; denn wie arm\nauch seine Bildkraft sei, er strebt doch nach Schönheit\nim Maasse seiner Begabung. Jener asketische Blutdurst da-\ngegen wirkt auf einfältige Menschen in der Kirche, was der\nwidrige Struwwelpeter in der Kinderstube; gesund Orga-\nnisirte verabscheuen ihn. Aber hier wetteifern hohe und\nniedere Thoren, sich lür Moschusduft zu begeistern. Ein\ntrauriges Zeugniss solcher Zwinglianischen Askese ist aus\nneuester Zeit bekannt, verführerisch durch äusserlichen\nRedeglanz, anwidernd durch innere Naturlosigkeit: es ist\nR e d w i t z' A m ar a nt h wo der Wendepunkt des älte-\nren Liebesbündnisses, das einmal gebrochen werden soll\nwährend die zweite Liebe schon hinter der Thür lauert —,\nin nichts Anderem besteht, als in einer trockenen Katechese\nüber den tridentinischen Katechismus, während 1. Cor. 7,\n12—13 schon längst zeigte, wie echte bräutliche Natur-\nliebe ins Geistleben sich verkläre.\nIn diesen beiden gegensätzlichen Einseitigkeiten, die\ndoch auch gut hegelisch brüderlich verwandt sind, bewe-\ngen sich die meisten Koryphäen dieser poetisch armen Zeit,\nberühren sich der feine Gutzkow und der blutrünstige\nGrabbe. Welche der beiden Richtungen der höheren\nWahrheit näher stehe, ist schwer zu entscheiden. Die Ma-\nterialisten verführen das Volk mit eitler Lust, erhitzen es\nmit brandigem Zunder und nehmen ihm den Glauben an\ndie Wahrheit. Die Spiritualisten verführen die Gelehrten\nmit eitler Weisheit, erhitzen sie mit gespenstigem Witz\nund tödten den Glauben an die Schönheit. Jene begehen\ndie Sünde an der Logik, Widersprechendes für Wahrheit\nzu geben; diese begehen die Sünde an der Natur, Schmerz\nlür Lust, Moralität für Schönheit zu verkaufen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-02-14-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-02-14_01#c003", "volume": "bmtnabi_1857-02-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "52", "page_fin": "55", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01.2.3", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. 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Februar 1857.\nDie königliche Oper brachte als Novität eine komische\nOper von Dorn: „Ein Tag in Russland.\" Das Sujet\nist eine Art Zähmung der Widerspänstigen und wäre an\nsich musicalisch nicht unbrauchbar, wenn der Bearbeiter\nes nur verstanden hätte, die Härten des Stoffes durch ge-\nschickte Motivirung zu mildern und die interessanten Be-\nziehungen, die sich daran anknüpfen lassen, in den Vorder-\ngrund zu stellen. Von jeher haben die Theaterdichter die-\nsen Stoff geliebt und ihn bald ernster und zarter, bald hei-\nterer und drastischer gestaltet; auch die Musik müsste ihn,\nwie uns dünkt, mit Glück benutzen können; denn jede\nHandlung, in der ein kräftiges Empfindungsleben sich regt,\nist. der Musik günstig. Wie nun aber der Text unserer\nOper beschaffen ist, lässt sich nicht viel Günstiges darüber\nsagen. Die Hauptsache, das Verhältniss des russischen Gra-\nfen zu seiner neuvermählten ungarischen Frau, deren Jäh-\nzorn gebrochen werden soll, wird nebenbei behandelt und\ndadurch nicht nur die Gelegenheit zu wirksamen musica-\nlischen Scenen unbenutzt gelassen, sondern es unter-\nbleibt auch, was noch wichtiger ist, die lür Gefühl und Ver-\nständniss nothwendige Motivirung. Man müsste von dem\nHochmuthe der Gräfin, von der Liebe und dem Edelsinne\ndes Grafen viel überzeugter sein, als man es ist, um sich\ndurch das seltsame Mittel, das der Graf ergreift, um seine\nFrau zur Vernunft und zur Unterwürfigkeit zu bringen,\nindem er nämlich nach vollzogener Heirath die Maske eines\nTischlers annimmt, nicht abgestossen zu fühlen. Statt des-\nsen ist viel Mühe auf die Hineinziehung und Ausschmückung\nvon Nebenpersonen verwandt. Tänze von der Dauer einer\nhalben Stunde schliessen die Oper. Fräul. Wagner, die\neigentlich nur eine Nebenrolle gibt, musste genügend be-\nschäftigt werden; und so wurden ganze Scenen erfunden,\ndie mit dem wesentlichen Inhalt der Oper in gar keiner Be-\nziehung stehen. Der Text ist nicht aus Einem Gusse, und\nschon darum muss die Theilnahme des Zuhörers erschlaf-\nfen. Das hiesige Publicum ist so sehr an die Pracht der\ngrossen Oper gewohnt, dass wir es keinem Componisten\nverargen, wenn er ebenfalls dazu seine Zuflucht nimmt.\nUnd Herr Dorn hat wenigstens nicht in einer Weise, die\nman entschieden missbilligen müsste, davon Gebrauch ge-\nmacht. Der erste Act hält sich von jedem äusseren Appa-\nrate gänzlich frei; eigentlich auch der zweite, nur dass hier\neinige Effect-Mittel angewandt werden, die sich nicht ganz\nmit dem höheren Stil der komischen Oper vertragen und\nmehr dem Vaudeville gehören. Es sind folgende: Die Ba-\nronin (Fräul. Wagner) erzählt von einem Maskenbälle, dem\nsie in Paris beigewohnt. Alle die bunten Masken schweben\nin ihrem Geiste auf und nieder; und indem sie den Türken,\nden Mauren, den Polen schildert, stimmt sie oder vielmehr\ndas Orchester die Motive der Haremswächter aus dem\nOberon, des Pedrillo mit seinem maurischen Ständchen aus\ndem Belmonte, der Polonaise aus dem Faust u. s. w. dazu\nan. Das ist also ein einfaches Potpourri, das besser im Vau-\ndeville als in der komischen Oper an der Stelle wäre. Da-\nbei ereignet sich noch Folgendes. Unter den verschiedenen\nMotiven ertönt auch die Cachucha. Dies gab eine Gelegen-\nheit, Fräul. Wagner dem Publicum tanzend vorzuführen.\nIndem die Klänge der Cachucha an dem Geiste der lebens-\nlustigen jungen Dame vorüberziehen, macht sie unwillkür-\nlich die Bewegungen des Tanzes mit. Dies ist ganz natür-\nlich herbeigeführt und doch zugleich äusserlich herbeigezo-\ngen, da es für den übrigen Inhalt des Stückes vollständig\ngleichgültig ist. Fräul. Wagner lös'te ihre Aufgabe übri-\ngens mit Grazie und Tact, indem sie das Zuviel sorgsam\nvermied. Im weiteren Verlaufe des Stückes kommt noch\neine ähnliche Episode vor, die mehr der Posse, als der ko-\nmischen Oper würdig ist. Die Baronin parodirt den Ton,\nin dem sich die Herren und Damen vom Hofe äussern wür-\nden, wenn sie erführen, dass ein Tischler eine Gräfin ge-\nheirathet habe. Der dritte Act ursprünglich als Finale\ndes zweiten Actes gedacht ist fast ganz Ballet. Indess\nist das Ballet durch den dramatischen Zusammenhang voll-\nständig gerechtfertigt, und Herr Dorn hat gute iMusik dazu\ngemacht. Namentlich gebührt ihm das Verdienst, auf einen\noriginellen Gedanken gekommen zu sein. Er hat eine Ballet-\nFuge geschrieben, die musicalisch eben so lebendig erfun-\nden als gut ausgeführt ist. Die Tänzer sind in vier Gruppen\ngetheilt, und mit jedem neuen Eintritt des Thema's tritt\neine neue Gruppe auf. Was im Uebrigen die Musik betrifft,\nso lässt sich ihr nachrühmen, dass sie leicht und fliessend\nist. Der Ton der komischen Oper ist mit Glück getroffen,\nauf die Instrumentation ist unverkennbare Sorgfalt ver-\nwandt. Einzelne Nummern ragen durch ihre charakteristische\nHaltung vortheilhaft hervor, namentlich ein Lied des Iman\nund ein „Frühstücks-Duett\". Ueberhaupt ist der erste Act\nin musicalischer Beziehung am hervortretendsten; zwar ist\nauch er nicht ganz ohne Längen, aber man kommt leichter\ndarüber hinweg, weil man hier und da doch immer durch"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5264, "texte": "gelungene Zuge angeregt wird. Ein grosser Fehler der\nAnlage ist es, dass der zweite Act hinter dem ersten zu-\nrückbleibt. Die Erfindungskraft ist dem Componisten aus-\ngegangen; wo nicht die oben erwähnten äusserlichen Ef-\nfect-Mittel helfen, ist der Inhalt dürftig und uninteressant.\nWenn der Componist mit dem zweiten Acte noch eine\ngründliche Umarbeitung vornehmen wollte und könnte,\nso würde sein Werk mehr Aussicht auf dauernden Er-\nfolg haben.\nSonst ist in Betreff des Repertoires der königlichen\nOper nichts Besonderes zu erwähnen. Nur hinsichtlich des\nPersonals ist y.u berichten, dass ausser Fräul. Mandl auch\nFräul. Baur, über deren Gastspiel ich in meinem letzten\nBriefe schrieb, auf drei Jahre engagirt ist. Einige ihrer Lei-\nstungen, seitdem sie engagirt ist, sind besser gewesen, als\nihre Gastrollen; namentlich ist die Reinheit der Intonation\nsicherer geworden. Ob indess diese Sängerin trotz mancher\nunläugbaren Vorzüge eine feste Stütze des Repertoires\nwerden kann, steht noch immer sehr in Frage. Bis jetzt\ngelingen ihr Einzelheiten, aber sie ist noch nicht im Stande,\nein abgerundetes Ganzes zu geben. Frau Köster, deren\nContract Ostern zu Ende geht, ist aufs Neue engagirt wor-\nden, und zwar, wie verlautet, auf so lange Zeit, als sie\nüberhaupt bei der Bühne bleiben will. Der Abgang dieser\nSängerin würde eine auf längere Zeit unauslüllbare Lücke\nhervorgebracht haben. Sie ist die wesentlichste Stütze des\nclassischen Repertoires, da Fräul. Wagner schon durch\nihre Stimmlage von den meisten classischen Rollen ausge-\nschlossen ist, und wir kennen keine Sängerin in Deutsch-\nland, die ihr in ihrem Fache an geistiger Begabung, drama-\ntischem Feuer, fein gebildetem Geschmncke und tüchtiger\nSchule gleich käme. Selbst Jenny Ney mit ihrer pracht-\nvollen Stimme würde sie nicht ersetzen können, wenigstens\nin den Beziehungen nicht, die uns wichtiger sind, als der\nblosse äussere Klang. Frau Köster reisst die grossen Mas-\nsen seltener hin, weil ihr die üppige Naturkraft fehlt, die\nam ersten blendet; aber je länger man sie kennen lernt,\ndesto mehr erkennt man, von wie hohem Werthe ihre Lei-\nstungen sind. Wie lange Fräul. Wagner unserer Bühne\nnoch erhalten bleiben wird, darüber hat man in letzter\nZeit nichts gehört. Herr Mantius hat sich definitiv ent-\nschlossen, Ostern die Bühne zu verlassen; Herr Krüger,\nder in der letzten Zeit erfreuliche Fortschritte machte, ist\nseit Anfang dieses Jahres Mitglied der dresdener Oper;\nHerr Hoffmann hatte sich an eine Aufgabe gewagt, die\nihm bei dem barilonartigen Klange seines Organs zu lösen\nunmöglich war (Achill in der Iphigenie in Aulis) und krän-\nkelt seitdem. So ist der Tenor fast allein durch Herrn\nForm es vertreten; und da auch dieser letzthin heiser\nwar, so ereignete es sich, dass der Tannhäuser trotz eines\nAllerhöchsten Befehles nicht gegeben werden konnte.\nDas interessanteste Ereigniss dieses Winters war die\nAnwesenheit des pariser Quartettes. Wenn ich auch nicht\nunbedingt dem Beifalle mich anschliessen kann, den das-\nselbe bei Ihnen am Rheine und grossentheils auch in Ber-\nlin gefunden hat, so kann doch darüber kein Zweifel sein,\ndass es eine ungewöhnlich hohe Stelle einnimmt. Aber ich\nfinde nicht, dass sich in der Auffassung Beethoven's das\nfranzösische Element ganz verläugnet. Die Technik ist be-\nwundernswert!], die Sicherheit und Feinheit des Zusam-\nmenspiels, die gleichmässige Abwägung der Kräfte erreicht\noder übertrifft die kühnsten Erwartungen; die Auffassung\nist überall geistreich und lebendig; aber jene deutsche Fülle\ndes Gemüthes und der Leidenschaft, die gerade in Beetko-\nven so mächtig hervortritt, wird, wie uns scheint, von den\nFranzosen nicht wiedergegeben. Im Aeusseren spiegelt sich\ndas Innere; und so müssten wir vor allen Dingen, in vie-\nlen Fällen wenigstens, einen grösseren Ton verlangen,\nals das pariser Quartett ihn besitzt. Namentlich hat der\nerste Violinist einen etwas spitzen und kurzen Ton, der\nmitunter, namentlich im Scherzo, ganz an rechter Stelle\nist, aber doch überall da nicht ausreicht, wo es darauf an-\nkommt, Empfindungen auszudrücken, die aus dem tiefsten\nInnern der Seele hervorquellen. Ferner haben die Franzo-\nsen in rhythmischer Beziehung eine grössere Neigung,\nscharf abzusetzen, als zu binden und zu verschmelzen, und\nauch dies entspricht nicht immer dem deutschen Geiste. Die\nWirkung wird pikanter, als sie beabsichtigt war; an die\nStelle des Kühnen und Schwungvollen tritt das geistreich\nVerständige. Ich möchte sagen, das pariser Quartett macht\ndie letzten Werke von Beethoven salonfähig; es trägt sie\nmit so viel Klarheit und Geschmack vor, dass ein grösseres\nPublicum, als bisher, dafür gewonnen wird; aber die ganze\nTiefe, die darin liegt, wird nicht erschöpft. Leider war der\nAufenthalt unserer Gäste zu beschränkt. Es gehört Zeit\ndazu, um in Berlin bekannt zu werden, überdies auf dem\nGebiete der Quartett-Musik, die bei uns nur eine kleine\nZahl von Freunden hat. Erst in der letzten Soiree, welche\ndie Pariser gaben, war der Besuch so zahlreich, als wir es\nim Interesse der Sache und ihrer selbst wünschen müss-\nten; jetzt, als das Publicum aufmerksam geworden war\nund ihnen den rauschendsten Beifall spendete, mussten sie\nfort. Sie werden hoffentlich Berlin bald wieder berühren;\ndann finden sie einen geebneten Boden."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5228, "texte": "Ueberoaupt gab dieser Winter vielfache Gelegenheit,\nsieh an vollendeter Ausführung von Quartetten zu erfreuen.\nUeber die Anwesenheit der jüngeren Gebrüder Müller\nschrieb ich Ihnen in meinem letzten Briefe. Das Zimmer-\nmann'sehe Quartett besteht in gewohnter Weise und lei-\nstet in seinen Aufführungen Vorzügliches, namentlich was\ndie Correctheit des Spiels betrifft. Das Quartett der Herren\nLaub, Radecke, Wurst und Dr. Bruns hat sich\nschnell eine genügende Zahl von Freunden gewonnen. Von\nbesonderem Interesse war die letzte Soiree dieser Herren,\nin der ausschliesslich Beethoven, und zwar nach seinen drei\nPerioden (A-dur, F-dur, A-moll),vertreten war. Auch das\nOertling'sehe Quartett setzt lür einen geringeren Ein-\ntrittspreis seine Bemühungen fort.\nDie Kammermusik war ferner durch die Trio-Soireen\nder Herren v. Bülow, Laub und Wohlers, deren bis\njetzt drei Statt gefunden haben, durch die Trio-Soireen der\nHerren Löschhorn und Gebr. Stahl knecht und durch\ndie Soireen der Herren Rad ecke und Grünwald ver-\ntreten. Die Soireen der Herren v. Bülow und Genossen\nwaren in mehrfacher Beziehung sehr interessant, und es\nist namentlich hervorzuheben, dass die Concertgeber so\nviel Entsagung haben, die neueste Musik nur mit Maass in\nihre Programme aufzunehmen. In der ersten Soiree hörten\nwir ausser dem B-dur-Trio von Schubert die berühmten\n•33 Variationen von Beethoven, die freilich für denjenigen,\nder sie in Einem Zuge hören soll, etwas ermüdend sind\nund auch schwerlich die Bestimmung haben, hinter einan-\nder gespielt zu werden, und ein Trio von Frank,\ndas zwar keineswegs ein gleichmässig vollendetes, reifes\nKunstwerk ist, aber doch eine reich begabte, empfindungs-\nvolle, edel geartete Phantasie verräth. Die zweite Soiree\nbegann mit einer Sonate lür Ciavier und Violine von Bach,\ndarauf folgte ein Trio von Mozart, dann die namentlich in\nihrem Adagio so tief empfundene Sonate von Beet-\nhoven für Ciavier und Cello; den Beschluss machte das\nD-moll-T rio von Schumann, das mit Ausnahme des Adagio\nallgemein einen sehr wohlthuenden Eindruck machte. Wie\nSie sehen, war diese Soiree ganz historisch angelegt. Die\ndritte Soiree begann mit einem schon in früherer Zeit hier\naufgeführten phantasiereichen Trio von Volkmann; daran\nschloss sich die H-moll-Sonaie von Liszt, ein excentrisches\nund dabei, mit Ausnahme sehr weniger Abschnitte, auch\nnicht einmal leidenschaftliche Stimmungen hervorrufendes\nWerk; den Beschluss machte das von Beet-\nhoven. In den Soireen der Herren Stahlknecht kam ein\nTrio von Marschner (F-dur) zur Aufführung, das zwar\nnicht durch die Bedeutung seines Inhalts hervorragt, aber\nmit Geschmack und Gewandtheit geschrieben ist; nament-\nlich ist das Scherzo leicht, gewandt und charakteristisch.\nIn der vorletzten Soiree der Herren Radecke und Grün-\nwald kam ein Trio (für Ciavier und Violine, F-rnoll) von\nBargiel zur Aufführung, das jedenfalls von Phantasie,\nedelm Sinne und technischer Gewandtheit Zeugniss gab.\nDer Componist hat nicht das Höchste erreicht, dazu fehlt\nes ihm an Einfachheit und natürlicher Frische und an der\nKraft, den Grundgedanken, den er aufstellt, in demselben\nGeiste fortzuführen, in dem er ihn ursprünglich erfasste;\naber es ist ein Talent in ihm, welches das Recht hat, sich\nzur Geltung zu bringen, und ein Sinn, der, wie wir hoffen,\nan der wahren Bestimmung der Kunst nicht irre werden\nwird. In alter Zeit drückte man dies so aus, dass die Ein-\nbildungskraft unter der Zucht des Verstandes stehen müsse,\num ein wahrhaftes Kunstwerk hervorzubringen, und damit\nist Alles gesagt. Der Künstler, der mit Mühe und Anstren-\ngung neue Combinationen und Effecte hervorsucht, ist es\nüberhaupt nicht; die Kraft der Phantasie muss dem gebo-\nrenen Künstler freiwillig sich darbieten: und nur jenes An-\ndere hat er mit Mühe und Fleiss zu suchen, dass seine Ge-\ndanken zur Klarheit durchdringen, dass die mannigfaltigen\nGestalten der schöpferischen Phantasie sich zur Einheit und\nHarmonie zusammenschliessen. Die letzte Soiree der Herren\nRadecke und Grünwald war eine Gedächtnissfeier lür Ro-\nbert Schumann bis jetzt die einzige, die in Berlin Statt\ngefunden. Schumann ist erst in den letzten Jahren hier be-\nkannter geworden, und verehrt und bewundert wird er\nauch jetzt nur in kleinen Kreisen. Doch war es wohl eine\nPflicht der Pietät, seiner, der so viel Schönes geschaffen,\ndurch eine besondere Aufführung zu gedenken. Ausser dem\nelegischen Gesänge von Beelhoven, der die Feier eröffnete,\nhörten wir das Clavier-Quintett, das spanische Liederspiel,\nzwei Sopran-Lieder, die S.üeke im Volkstone für Ciavier\nund Violine und die symphonischen Etüden. Es waren so-\nmit alle Perioden vertreten. Die Aufführung war sehr ge-\nlungen. Namentlich heben wir das treffiiehe Ciavierspiel des\nHerrn Badecke, der mit eben so sicherer Technik als feu-\nriger Auffassung den Gegenstand beherrschte, und den von\nwahrem künstlerischem Gefühle getragenen Gesang der\nFrau Wü r s t hervor, welche zu den wenigen Sängerinnen ge-\nhört, die das Geistige in der Kunst zur Herrschaft bringen.\nIn den Symphonie-Soireen der königlichen Capelle, die\nin den letzten Jahren ihre schon in früherer Zeit so mei-\nsterhaften Leistungen noch zu überbieten vermag, trug\nHerr P auer aus London das Es-dur-Concert von Beetho-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2953, "texte": "ven vor und bewährte sich darin als einen sehr gediegenen\nSpieler, der mit trefflicher Tecknik eine geschmackvolle,\ngebildete Auffassung vereinigt. In einem der Gustav-Adolf-\nConcerte trat die Concertsängerin Frau Förster aus Dres-\nden auf, über deren schätzens wer the Leistungen ich schon\nin früheren Jahren berichtete. Sie blieb diesmal hinter den\nErwartungen zurück, die man von ihrem Gesänge hegen\nkonnte; doch wäre es unbillig, bei einem Sänger, der mehr\nals jeder andere Künstler von der Gunst des Augenblickes\nabhängt, allzu absprechend zu sein.\nIn dem zweiten Concerte des Stern'schen Orchester-\nVereins, dem Referent nicht beiwohnte, trat der Violin-\nVirtuose Herr Singer aus Weimar auf und fand durch\ndie Schönheit seines Tones und die Trefflichkeit der Tech-\nnik allgemeinen Beifall; eben so allgemein wird aber die\nWahl der Stücke gemissbilligt.\nDie Sing-Akademie lührte das Requiem von Cherubini\n(am Todtenfeste, lür das es wie geschaffen scheint), die\nH-moll-Messe von Bach (zum zweiten Male in diesem Win-\nter) und die Jahreszeiten, der Stern'sche Verein die Wal-\npurgisnacht und den Radziwill'schen Faust auf. Die meisten\ndieser Aufführungen gelangen sehr gut; nur in der Bach'-\nschen Messe liessen die Solostimmen und das Orchester\nviel zu wünschen übrig. Ja, es ereignete sich sogar der\nUnfall, dass in der einen Bass-Arie das obligate Horn con-\nsequent um etwa einen Viertel-Ton zu tief stimmte. Das\ngrosse Publicum, das sich nur an Aeusserlichkeiten zu hal-\nten pflegt, macht mehr Wesens daraus, als die Sache ver-\ndienst, und lässt es auch die Chöre entgelten, die zwar nicht\nausgezeichnet, aber, wenn man die Schwierigkeiten des\nWerkes erwägt, recht tüchtig waren. Die Sing-Akademie\nhat übrigens ihre beste Solosängerin, Frau Hahnemann,\ndurch einen frühen und schmerzlichen Tod verloren. Sie\nhatte eine der lieblichsten Sopranstimmen und, obgleich\nDilettantin, eine sehr achtungswerthe Technik.\nDie Domchor-Concerte haben Altes und Neues, d. h.\nUnbekanntes aus alter Zeit gebracht. In die erste Katego-\nrie gehört ein Sanclusvon Palestrina (aus der Marcellus-\nMesse), Magnißcatvon Gabrieli, von Orlando Lasso,\n„Nun hab' ich überwunden\" von J. M. Bach, „Ich lasse\ndich nicht\" von J. C. Bach und das Ave verum von Mo-\nzart. Folgende Stücke waren hier noch nicht öffentlich ge-\nhört worden: ein Vere languores,angeblich von Lotti, ein\nKyiie und der kurze Satz aus dem Requiem: „Inter oves\",\nbeide von Lotti. Alle drei Sätze sind als meisterhaft zu be-\nzeichnen: den höchsten Rang aber nimmt das\nmit seinen kühnen und ausdrucksvollen Accord-Folgen ein.\nFerner ein Christus [actus est von Fioroni, etwas modern,\naber ansprechend, ein Gloria von Durante, das wir nicht\nfür bedeutend halten, und ein von Palestrina,\ndas etwa in dem Stile der Improperien von Vitloria ge-\nschrieben ist, mehr homophon und melodiös, leicht anspre-\nchend und sehr innig. Endlich mehrere Choräle von Eccard\nund Seb. Bach und ein Ave M von Mendelssohn.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-02-14-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-02-14_01#c004", "volume": "bmtnabi_1857-02-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "55", "page_fin": "56", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01.2.4", "titre_corps": "Sechstes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale, unter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn Ferdinand Hiller.", "titre_sommaire": "Sechstes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale, unter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn Ferdinand Hiller.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01.1.7", "debut_caractere": 2955, "fin_caractere_exclue": 5367, "texte": "Sechstes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn\nFerdinand Hiller.\nDinstag, den 10. Februar 1857.\nProgramm. I. 1) Sinfonie in D-dur von W. A. Mozart;— 2)\n„Gesang der Geister über den Wassern\" von Göthe, tür Chor\nund Orchester componirt von F. Hiller; 3) Violin-Concert Nr.\n11 (G-dur) von L. Spohr, gespielt von Herrn August Kömpel,\nKammermusiker und Solospieler des königlichen Hof-Orchesters in\nHannover.\n11. 4) Ouverlure zu Calderon's „Dame Kobold\", von\nKarl Reinecke (zum ersten Male); 5) Variationen für die\nVioline von H. Vieuxtemps, gespielt von Herrn A. Kömpel;\n6) Hymnus tür Chor und Orchester zur Krönungsfeier Georg's\n11. (1727) von G. F. Händel; 7) Ouvertüre Nr. 3 zur Oper\nLeonore von L. van Beethoven.\nMozart's Sinfonie in D-dur (in vier Sätzen) ging von den\nOrchesterwerken des heutigen Abends am besten. Hill er's „Ge-\nsang der Geister44 ist ein liebliches und doch einer tiefen Anschau-\nung durchaus nicht entbehrendes Gesangslück. So kurz es ist, so\nzeigt es doch die vorzüglichen Eigenschaften der Hiiler'schen Muse\nalle vereinigt: poetische Auffassung, eigentümlich melodischen\nSchwung und treffliche Anwendung des Orchesters besonders zu\nmalerischer (keineswegs aber decorativer) Schilderung. Der Cha-\nrakter Hiller'scher Malerei ist eben der feine Pinsel, im Gegensatz\nzu den Klatsch-Effecten mit musicalischem Copal.\nHerr August Kömpel spielte das Concert von Spohr in je-\nder Hinsicht vortrefflich und mit ganz ausserordentlichem Erfolge.\nSein Ton, wie sein Strich sind schön, der Uebergang von einer\nSaite auf die andere ganz vorzüglich und der Vortrag namentlich\nim Piano des Adagio voll des innigsten Ausdrucks. Wir haben in\nihm einen echten Schüler Spohr s schätzen lernen, der die schöne,\ndas Gemüth überall ansprechende Composition seines Meisters in\ndemjenigen Geiste und mit demjenigen Gefühle vortrug, die Spohr's\nEigenthümlichkeit verlangt. Herr Kömpel hat drei Jahre (von 1844\nbis 1847) unter Spohr's Leitung studirt und war dann noch bis\n1851 Mitglied der Capelle in Kassel. Seit 1852 ist er in Hannover.\nK. Rein ecke's Ouvertüre zu „Dame Kobold44 ist ein fein er-\ndachtes und fein gearbeitetes Orchesterstück. Der Charakter eines\nPrologs zu einem Lustspiele ist sehr gut festgehalten; ob gerade\nzu dem genannten von Calderon, können wir nicht beurtheilen, da\nwir jene Dame nicht kennen. Das zuerst Remerkte ist aber die"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1165, "texte": "Hauptsache. Der nahe liegenden Verleitung zu Nachahmung des\nAusdrucks des Neckischen und Pikanten, wie er bereits da gewe-\nsen, hat Reinecke auf lobenswerthe Weise widerstanden. Motive\nund Ausführung haben das Verdienst, originel zu sein, wenn wir\nsie auch gerade nicht als genial bezeichnen können. Die Instru-\nmentirung ist lobenswerth und zeigt den gewandten Meister. Die\nOuvertüre ist als Op. 51 bei Breitkopf & Härtel erschienen. Wie\nkommt aber die berühmte Verlagshandlung zu solcher überdruck-\nlich verschwommenen Partitur? Sollen uns vielleicht jetzt die Par-\ntituren zugleich als Facsimile der Handschriften des Componisten\nverkauft werden? Man sehe dagegen die Mozart'schen Sinfonie-\nPartituren aus derselben Officin an!\nDie Krönungs-Hymne von Händel nahm sich nach der Dame\nKobold und den Variationen von Vieuxtemps etwas curios aus; sie\nwurde aber gut gesungen.\nDie wundervolle Leonoren-Ouverture aber konnte den gewohn-\nten Eindruck dieses Mal nicht machen; die Ausführung war ohne\nSchwung und an manchen Stellen sehr mangelhaft. Es gibt gewisse\nDinge, welche der Dirigent nicht voraussehen, und andere, die er\nzwar voraussieht, aber nicht ändern kann."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-02-14-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-02-14_01#c005", "volume": "bmtnabi_1857-02-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "56", "page_fin": "56", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01.1.8", "debut_caractere": 1167, "fin_caractere_exclue": 6177, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMainz. Das zweite Abonnements-Concert der Liedertafel, wel-\nches am 27. Januar Statt fand, brachte die liebliche Es-dur-Sin-\nfonie Haydn's, Psalm mit Tenor-Solo von F. Hiller, Coriolan-\nOuverture, Crucifixus von Lotti und Ave verum von Mozart und\nzum Schlüsse die prachtvolle Walpurgisnacht von Mendelssohn.\nVerdient die Zusammenstellung des Programms unsere vollste An-\nerkennung, so dürfen wir auch der Ausführung lobend gedenken.\nMit Ausnahme des Cmcifixus, einer welche\nihrer difficilen Intonation und vielfachen harmonischen Verwechs-\nlungen halber einem aus Dilettanten hestehenden Vereine kaum zu\nbewältigende Schwierigkeiten auferlegt und vollkommen nur von\nlangjährig in derartigen kirchlichen Chören geübten Sängern vor-\ngetragen werden kann, liess der Vortrag der übrigen fnstrumental-\nunJ Yocal-Piecen nichts zu wünschen übrig. Das Orchester execu-\ntirte die Sinfonie und die herrliche Coriolan-Ouverture mit Präci-\nsion und Sauberkeit, und die Liedertafel leistete gleichfalls Vor-\ntreffliches in dem Vortrage der beiden Compositionen, dem Ave\nverum und der Walpurgisnacht, welche ihrem Charakter nach so\nverschieden sind, und von denen doch jedes in seiner Gattung ein\nMeisterwerk ist. Interessant war für uns die Nebeneinanderstellung\ndes Cmcifixus und des Ave verum, zweier kirchlichen Chöre, in de-\nnen sich der Unterschied zwischen der einfachen, strengen Weise\ndes Mittelalters und der weichen, schmelzenden, Geist und Sinn\nfesselnden kirchlichen Musik des vorigen Jahrhunderts prägnant\nausspricht. Bekanntlich wird in neuester Zeit die letztere Richtung\nals zu sinnlich von der Kirche verpönt und der strenge A-capella-\nStil wieder einzuführen gesucht. liecht deutlich wurde uns hierbei,\nwie wenig dieser Versuch von dem Geiste unserer Zeit begünstigt\nwird. Die Soli sangen Herr Meffert, Tenorist unserer Oper, und\nzwei tüchtige Mitglieder des Vereins, Frau Schmidt und Herr\nWal lau, recht brav. , (S.-D. M.-Z.)\nBraun§cliwei{v, Im ersten Symphonie-Concerte der herzog-\nlichen Hofcapelle kam eine Haydn'sche Sinfonie, Mendelssohn's\nMusik zum Sommernachtslraum und der 23. Psalm für Frauenchor\nund Orchester von Franz Schubert zur Aufrührung. Die Chöre\nwurden von der Sing-Akademie gesungen. Herr A. Kömpel, er-\nster Solospieler der hannoverschen Hofcapelle, spielte Spohrs Ge~\nsangs-Scene und entzückte allgemein durch seinen eben so seelen-\nvollen als brillanten Vortrag.\nIn einem Benefiz-Concerte des Hof-Capellmeisters Abt hörten\nwir eine Suite in H-moll für Orchester von Seb. Bach, Mendels-\nsohn's Meeresstille und Weber's Oberon-Ouverture in vortrefflich-\nster Ausführung. Herr A. Zizold, Mitglied der dresdener Hof-\ncapelle, Sohn und Schüler des ersten Flötisten unserer Capelle, ärn-\ntete für den Vortrag einer Flöten-Phantasie von Briccialdi stürmi-\nschen Beifall. Die Hof-Opernsängerinnen Fräul. Ferrari und Frau\nKreyssel, so wie der liof-Opernsänger Bölken hatten die Ge-\nsanges-Vorträge übernommen.\nJedes der vier Gewandhaus-Concerte seit Neujahr\nführte uns einen namhaften Gast vor: das erste Frau Dr. Schu-\nmann (Mozart's D-moll-Concert, Beethoven's Es-dur-Variationen\nmit Fuge). Im zweiten hörten wir die ehrenwerthe Künstlerin aber-\nmals (Schumann's A-moll-Conccrt, „Schlummerlied'4 aus den Al-\nbumblättern von Schumann, zwei ungarische „musicalische Mo-\nmente44 von Schubert, Lied ohne Worte, A-dur, von Mendelssohn),\nneben ihr einen äusserst tüchtigen Violinisten, Concertmeister\nLauterbach aus München (5. Concert von Beriot), welcher ver-\ndienter Maassen durch Hervorruf ausgezeichnet wurde; sein Ton\nund sein charaktervolles, solides Spiel waren wirklich dieser Ehre\nwerth. Im dritten Abonnements-Concerte trat der wiener, jetzt in\nLondon lebende Pianist E. Pauer auf und wunderbar ist's zu\nsagen drang selbst nach einer Vorgängerin wie Frau Dr. Schu-\nmann, nachdem unser Publicum Fräul. Stau dach aus Wien, den\nHofpianisten der Königin von England Cusino und eine Schü-\nlerin unseres Wenzel, Fräul. Hauffc, nach der Reihe gehört und\ngewürdigt hatte, dermaassen durch, dass er gerufen und durch das\nin solchen Fällen übliche drittmalige Applaudiren zu einer Zugabe\ngenöthigt wurde (auf dem Programme standen Beethoven's viertes\nGW/wr-Concert und die Solostücke Cascade und Taranteile von ihm\nselbst). Das jüngste, vierte, Concert führte den Tenor Rudolph\nOtto aus Berlin vor; er trug eine Arie aus der Schöpfung und\ndie Tenor-Partie in Mendelssohn's Lobgesang vor, in dein er zwar\nnur massig mit Beifall gelohnt wurde, in der That aber mehr ver-\ndiente. Er weiss ein gesundes und biegsames Organ in zumeist\nglücklicher, geschmack-geläuterter Weise zu handhaben. Frau Nis-\nsen-Saloman wirkte in den drei letzten Aufführungen, am 8.,\n15. und 22. Januar, mit, grösstentheils reichlich mi^Beifall ge-\nlohnt; ihre Leistungen lassen aber ihre grossartige, nur im\nPunkte des Trillers zu wünschen übrig lassende Schule in Ehren\nkalt. Orchestrale Lichtpunkte waren Schubert s C-dwr-Sinfonie\nund Beethoven's erste Leonoren- und Coriolan-Ouverturen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie Bedeutung der schönen Kunst. I. Von A. E. K. Berliner Briefe (Ein Tag in Russland, Oper von H. Dorn Opern-\nPersonal Kammermusik Sinfonie-Soireen Sing-Akademie Slern'scher Verein Dom-Chor). Von G. E Sechstes Gesell-\nschafts-Coneert in Köln. Tages- und Unterhaltungsblatt (Mainz, Zweites Abonnements-Concert der Liedertafel - Braun-\nschweig, I. Symphonie-Concert, Benefiz-Concert Leipzig, Gewandhaus-Concerte).\n\nDie Bedeutung der schönen Kunst.\nI.\nDie Bedeutung der schönen Kunst ist vielen unserer\nZeitgenossen verloren gegangen,weil wir eben alle in der Einen\nZeit-Lebensluft athmen, welche der Schönheit nicht gün-\nstig ist. Dass aber auch Gutgesinnte, so genannte Gebildete\nund sonst vernünftig Wohlmeinende dem Schönheitsleben\nentfremdet sind, davon zeugen— ausser dem theatralischen\nUnfug, der geduldet, ja, gelördert wird in manchen Kreisen\ndes hohen und höchsten Conservatismus doch wohl auch\ndie mancherlei Sinnes-Aeusserungen selbst kreuzgesinnter\nZeitblätter. Während der Radicalismus Verstand und Witz\ngenug besitzt (s. Lucas 16, 8), um bald die ihm gemässen\nTendenzen, bald die technischen Hülfsmiltel dazu in wohl-\nlautenden Phrasen darzulegen, so findet man dagegen, Gott\nsei's geklagt! in vielen Zeitungen des Kreuzes da, wo es\nKunst oder Kunst-Urtheil gilt, nur zu oft asketische Rhe-\ntorik oder abgestandenes Gewäsch von sehr rationalistischer\nFärbung.\nWie mag solches zugehen? Ist die Kunst etwa radical\ngeworden, also dass sie ihre Jünger aus dem Lager der\nKreuzes-Jünger austriebe? So war es nicht von Anfang.—\nOder ist es ihre Signatur, von Haus aus radical zu\nsein? Zwar wenn man manche Künstler der letzten Tage\nansieht, so möchte man ja sagen: aber die sind auch da-\nnach!— Oder ist das Reich Gottes ur wesentlich schön-\nheitsfeind, abtödterisch, asketisch? Zwar behaupten das\neinige puritanische Pietisten; aber die sind doch nicht das\nReich Gottes.\nGöthe, Schiller und andere grosse Dichter waren auch\nin erster Jugend radical, aber nur in dem, was sie nicht\nverstanden; wie denn auch heute noch die meisten in dem,\nwas sie nicht wissen, links sind, in dem, was sie verstehen\nund selber machen müssen, rechts. Uebrigens war Göthe\nwie alle wahren Genien, von Haus aus wahrheitslie-\nbend, was der echte Radicalismus nicht ist; denn dieser\nsagt vieles, was er nicht weiss, und sagt vieles nicht, was\ner weiss.\nIst die Kunst eine wesentliche Aeusserung des\nGeisteslebens, so muss sie ihren Ehrenstuhl haben in allen\nGebieten und Parteien, sowohl bürgerlichen als staatlichen\nund kirchlichen. Ist sie unwesentlich, ein Ding, das da\nsein kann oder auch nicht: nun, so werfe man sie aus als\nschädlichen Luxus und nehme dafür Kartenspiel und Wür-\nfellust; sie schaden der Seele minder, als das unzüchtige\nBuhlen mit der Schönheit.\nDass aber Kunst und Schönheit sehr wesentliche\nDinge sind zum wahren Leben, das empfindet das unbe-\nfangene Gemüth so gut, wie die Weltweisheit es zu erwei-\nsen trachtet. Die neuere Weltweisheit (seit und nach Kant)\nist bemüht gewesen, sowohl das wesentliche Bedürfniss der\nKunst nachzuweisen, als ihren Lebensgehalt in Gedanken-\nkraft auszulegen. Einige feste Sätze sind gewonnen; man\nbezeichnet das Schönheitsleben im Schattenrisse etwa durch\nfolgende Sät'ze allgemeiner Anerkennung:\n„Schönheit ist die Lebensgestalt, welche Geist und\nNatur versöhnt darstellt. Die Natur geistlich erscheinend,\nder Geist natürlich wirkend, ist schön. Landschaft, Thier,\nMensch u. s. W.ist schön, in welchem das Natürliche ver-\nklärt erscheint und umgekehrt, in welchem der geistige\nInhalt nach Weise bewusstlos wirkender Natur hervortritt.\nK u n s t ist die von Menschen gewirkte Schönheit. Ihre\nnächste Wirkung ist, das Herz unmittelbar zu ergreifen,\nohne Vorurtheil und Nachdenken, ohne Willen und Lehre,\nund durch selbsteigene Kraft die Menschenseele in ver-\nwandte Schwingung zu setzen. Ihre Fern- und Grundwir-\nkung, oder Quelle und Ziel der Kunst steht darin, dass sie"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01.1.2", "texte": "sei ein Spiegel des wirklichen Geistes, ein Bild des Bildes,\nzur Lust, nicht zur Arbeit. Was ein Volk erlebt, erarbei-\ntet, gewonnen, die Blüthe seines Lebens, den Kern seiner\nThaten, das Ergebniss seiner Weltanschauung stellt es\nin Bildern der Schönheit vor die Seele. So ist das Kunst-\nwerk nicht Sittlichkeit an sich, aber sittliches Ergebniss,\nZeugniss und Denkmal der Herrlichkeit verklärter Men-\nschennatur in Höhen und Tiefen, ein menschliches Werk\ngöttlichen Scheins, eine Schöpfung neben der Schöpfung,\ndie flüchtigen Erdenbilder zu dauernder Gestalt verewigend,\nauf dass sie Wahrheit hegen und tragen und die Seele be-\nfruchten mit Lebensathem*).\"\nSo ungefähr die Hauptsätze neuerer Weltweisheit. Und\ndie Gottesweisheit widerspricht nicht, sondern bestätigt den\nGrund der Schönheit. Nicht bloss, dass ihre Worte selbst\nvoll heiliger Schönheit sind, auch die Werke Gottes oft ge-\nnannt werden: gut, gross, heilig, wunderbar was doch\nwohl nicht „hässlich\" bedeuten kann; nein, es sind auch\nbestimmte Zeugnisse des Schönen in Gottes Wort\nvorhanden, wenn der Herr genannt wird „Schönster aller\nMenschenkinder\" (Ps. 45, 3 die Septuaginta 44, 3\nnennt ihn sogar (ogaiog, jugendlich schön über alle\nMenschen), oder wenn es heisst: „Seine Lippen voll hold-\nseliger Anmuth\" (Luc. 4, 22) u. s. w. Nicht unerheb-\nlich ist auch, dass Gut und Schön in alttestamentlicher\nSprache oft einerlei ist, was an mehreren Stellen die Sep-\ntuaginta beweis't, z. B. Genesis 1,10. Hierauf gründet\nsich Lavater's Wort: „Wie kann der fromm sein, der\ndas Schöne nicht liebt, da Frömmigkeit nichts ist als Liebe\ndes Schönsten?\" (s. Geizer: N. deutsche Liter., 2. Ausg.\n2, 86.)\nWir müssen dem Kryptocalviuismus gegenüber, der in\ngar manchen kirchlich philosophischen Systemen hindurch-\nspukt und von dem selbst Hegel nicht frei ist, es hier ganz\nausdrücklich betonen, was schon griechische Weisheit ahnte,\ndass die Welt schön ist vor dem Auge Gottes, der das\nGanze sieht. Wer anders spricht, der macht Gott zum Ur-\nheber der Krankheit, somit auch der Hässlichkeit. „Ist der\nerstgeschaflene Mensch schön oder hässlich gewesen?\" so\nlautet hier die Streitfrage zwischen Rationalismus und Po-\nsitivismus, oder zwischen Weltweisheit und Gottesvveisheit.\nFür die erleuchtete Gottesweisheit ist es zweifellos, dass\ndie erste Natur schön gewesen und dass alle Häss-\nlichkeit aus Krankheit stamme. Die Krankheit aber ist ein\nZweig des Todesbaumes, wie die Schönheit des Lebens-\nbaumes.\nDie wahre Kunstschönheit ist eine Wiederbrin-\ngung der ersten Naturschönheit, wie die wahre Weisheit\neine Wiederbringung ist der ersten ungebrochenen „lau-\nteren Vernunft vor dem Sündenfalle\". Und mit diesem\nWorte des theuren Gottesmannes halten wir jenes andere\nzusammen: „Das Evangelium ist nicht gekommen, die\nKünste zu Boden zu schlagen, sondern sie zu brauchen im\nDienste dess, der sie gemacht hat.\"\nNach diesem allem halten wir für Pflicht, auch hier\nlür das Gute Partei zu ergreifen, Parteilichkeit aber\nzu meiden. Wer die Wahrheit des Schönen tief in der\nSeele empfindet, der nehme Partei und kämpfe dafür mit\nden Waffen des Lichtes. Wer sich aber von Parteilichkeit\nberücken lasst, heisse nun diese Radicalismus, Torvismus,\n7 J 7\nConservatismus, Pietismus, Ultramontanismus, der eilt dem\nIrrenhause der Coterieen zu, um auch den Wahnsinn hei-\nlig zu sprechen zu Gefallen jenes thörichten Esprit de corps,\nin welchem Irrenhäuser, Coterieen und Cliquen von jeher\nausgezeichnet gewesen.\nUebcr jene Grundsätze werden sich wohl alle Beson-\nnenen leicht verständigen, auch wo sie in Worten verschie-\nden sind. Freilich fliegen wohl Idealisten zu hoch, und\nTechniker graben zu tief; aber beide können sich doch\nauf dem wohlgegr'undeten Rechlsboden der Kunst zusam-\nmenfinden. Diesen aber hat der trockene Ten den z 1 er\nverloren, den seine horizontale Richtung von allem Leben-\ndig-Schönen entfernt; denn er sägt die Bahnen des Lebens\nmitten durch, um sein praktisches Ziel zu erreichen; er\nsieht nicht Hügel und Wald, sondern nur den Tunnel, die\ngerade Linie seines Verstandes. Alle Tendenzelei ist leere\nParteilichkeit, sei es für ein selbstgeschaffenes Denkbild oder\nfür ein Stichwort, das von aussen her dictirt ist. Dieser\nSclaverei gegenüber steht die andere, die auf dem Grunde\nplatter Sinnlichkeit sich am Schönen bloss amusirt. Beide,\ndie fendenzer und die Amusablen, gleichen im inneren\nWesen den philosophischen Parteien des Spiritualismus\nund Materialismus, welche wiederum ihre historische Quelle\nhaben in den ältesten Ketzereien der Doketen und Ebioni-\nten. Beide kennen nicht die Schönheit Gottes (Ps. 50, 2,\nVulg.49, Ps. 104,1—2), sondern nur den selbstgewähl-\nten Schein ihrer Weisheit (Col. 2, 23.).\nWo die Natur nicht vergeistet wird im Kunst-\nwerke, da haben wir Amüsement, Illusion, Augenlust, Flei-\nscheslust. Darin sind uns die Franzosen ja leider so oft\nvorangegangen seit dem unseligen Ludwig XIV. Solche\n\n*) Ausführlicher über die sittliche Bedeutung der Kunst in die-\nsem Sinne handelt u. A. Krüger: Beitrage für Leben und\nWissenschaft der Tonkunst (Leipzig, 1847), S. 339, 344, 346, 348."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01.1.3", "texte": "flatterige Reihen von Tableaux ohne ideale Triebkraft, wie\nsie heute in Paris statt dramatischer Poesie verkauft wer-\nden, sind keine Geist-Natur, und wenn irgendwo, so ist hier\nder Beweis geliefert, wie dieses Zeitalter poetisch impotent\nist. Die Tragi-Komödie, die sich zu Paris in die leergewor-\ndene Schablone der so genannt Gluck'schen (!) grossen Oper\neingedrängt hat, ist von der bezeichneten Art. Scribe und\nMeyer Beer haben den Tanz begonnen, dessen Tarantelwin-\ndungen das Symbol unserer blasirten europamüden, galva-\nnismusbedürftigen Zeit geworden. Noch kürzlich sprach ein\nübrigens Hochconservativer, ein germanisch christlicher Ge-\nselle, als man die Bartholomäusnacht in den Hugenotten\ntadelte: „Nun, was wollen Sie? Ist nicht der Fanatismus\ngut geschildert?\" Ja, wohl ist er's. Aber wer das ein\nVerdienst der schönen Kunst nennt, der bezeugt hier-\nmit, was seine Schönheitsliebe sei.\nSolchergestalt geistlose Natur-Copieen oder unver-\ngeistigte Naturbilder für Kunstwerke hinzustellen, diese Ent-\nartung der holländischen Malerei ist kürzlich aus Nachah-\nmung Englands in Frankreich weiter gedrungen und dann,\nwie bräuchlich, bei uns nachgeäfft. Die alten Holländer aus\nder glücklichen Zeit, da sie noch Deutsche waren und hies-\nsen— bevor sie (1648) in Zeiten tiefster Noth das wahre\nVaterland verlassen hatten —, diese altdeutschen Nieder-\nländer gaben auch Wirkliches, aber sie gaben es vergeistet,\nerhoben aus dem Schmutz, wenn auch auf Dreck gebaut.\n(Vgl. Hegel's Aesthetik 3, 123 124.) Dagegen unsere\nAllerneuesten! Sie malen im Schlachtenbilde die dicken\nBlutstropfen scheuselig natürlich; solchen Bildern fehlt wei-\nter nichts als der Leichengeruch, den man ja mit Hülfe\neiner todten Ratte hinter den Tapeten wohl anbringen mag.\nDieser Spass wäre nicht schlechter, als jener französische,\nda man zum Chor der Haydn'schen Schöpfung bei den\nWorten: „Und es ward Licht!\" urplötzlich 300 Gasflam-\nmen hervorbrechen liess, damit Bruder Gamin und Epicier\nauch ganz gewisslich an das Licht gläubeten. So verschmäht\nman im Roman und Drama auch nicht den Marktgestank\nmit Modergeruch und Grabesluft; das sei die Wirklichkeit,\nsagen sie. In diesen Grundzügen sind Irving, James und\nBoz Dickens, wenn auch um ein Kleines gesunder, doch\ninnerlich nichts besser als Victor Hugo, Eugen Sue, Alexan-\nder Dumas; überall ist's geistlose Realität, körperliche Geisse-\nlung und Galvanisirung, statt seelhaften Naturlebens. Und der-\ngleichen Unflat ist der haute volee nicht fremder als der demi\nmonde; beide lieben den haut godes verdorbenen Fleisches.\nDie der vorigen entgegengesetzte Verkehrtheit, den\nGeist naturlos darzustellen, ist, obwohl mit sittlichem\nScheine überkleidet, doch nicht minder unschön und un-\nwahr, daher verderblich. Bei einem berühmten Aesthetiker\nfand ich ein kränkliches, asketisches Mönchsgesicht, Braun\nin Schwarz auf goldgelbem Flimmergrunde; das sollte ein\nbyzantinischer Christuskopf sein, sagte er. Ich kenne die\nByzantiner wenig, höre aber von Kennern, dass sie in eige-\nner stiller Schönheit wirken und nicht den Eindruck pro-\nsaischer, marterlicher Tendenzelei machen sollen. Gewiss\nist, dass der eingefleischte naturherrliche Geist in Raphael's\nHeiligenbildern alle diejenigen ergreift, die nicht einer son-\nderlichen Partei verschworen sind. Den Tendenzbildrern\naber sei es gesagt: entweder man werfe alle Bilder fort,\npuritanisch muhamedanisch am abstracten Geiste sich be-\ngnügend, oder: braucht man der Bildlichkeit, so ehre man\nGott nicht durch Fratzen. Solcher Tendenzelei gegen-\nüber ist Geliert noch ein genialer Dichter; denn wie arm\nauch seine Bildkraft sei, er strebt doch nach Schönheit\nim Maasse seiner Begabung. Jener asketische Blutdurst da-\ngegen wirkt auf einfältige Menschen in der Kirche, was der\nwidrige Struwwelpeter in der Kinderstube; gesund Orga-\nnisirte verabscheuen ihn. Aber hier wetteifern hohe und\nniedere Thoren, sich lür Moschusduft zu begeistern. Ein\ntrauriges Zeugniss solcher Zwinglianischen Askese ist aus\nneuester Zeit bekannt, verführerisch durch äusserlichen\nRedeglanz, anwidernd durch innere Naturlosigkeit: es ist\nR e d w i t z' A m ar a nt h wo der Wendepunkt des älte-\nren Liebesbündnisses, das einmal gebrochen werden soll\nwährend die zweite Liebe schon hinter der Thür lauert —,\nin nichts Anderem besteht, als in einer trockenen Katechese\nüber den tridentinischen Katechismus, während 1. Cor. 7,\n12—13 schon längst zeigte, wie echte bräutliche Natur-\nliebe ins Geistleben sich verkläre.\nIn diesen beiden gegensätzlichen Einseitigkeiten, die\ndoch auch gut hegelisch brüderlich verwandt sind, bewe-\ngen sich die meisten Koryphäen dieser poetisch armen Zeit,\nberühren sich der feine Gutzkow und der blutrünstige\nGrabbe. Welche der beiden Richtungen der höheren\nWahrheit näher stehe, ist schwer zu entscheiden. Die Ma-\nterialisten verführen das Volk mit eitler Lust, erhitzen es\nmit brandigem Zunder und nehmen ihm den Glauben an\ndie Wahrheit. Die Spiritualisten verführen die Gelehrten\nmit eitler Weisheit, erhitzen sie mit gespenstigem Witz\nund tödten den Glauben an die Schönheit. Jene begehen\ndie Sünde an der Logik, Widersprechendes für Wahrheit\nzu geben; diese begehen die Sünde an der Natur, Schmerz\nlür Lust, Moralität für Schönheit zu verkaufen."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01.1.4", "texte": "Berliner Briefe.\n\n|H. Dom s Oper: Ein Tag in Russland Personal der\nk. Oper Kammermusik fremder und einheimischer\nTonkünstler: Ä1 aurin, Zimmermann, Laub, Löschhorn,\nIL von Bülow, Radecke Sinfonie-Soireen Sing-\nAkademie Stern'scher Verein - Dom-Chor.]\nDen 4. Februar 1857.\nDie königliche Oper brachte als Novität eine komische\nOper von Dorn: „Ein Tag in Russland.\" Das Sujet\nist eine Art Zähmung der Widerspänstigen und wäre an\nsich musicalisch nicht unbrauchbar, wenn der Bearbeiter\nes nur verstanden hätte, die Härten des Stoffes durch ge-\nschickte Motivirung zu mildern und die interessanten Be-\nziehungen, die sich daran anknüpfen lassen, in den Vorder-\ngrund zu stellen. Von jeher haben die Theaterdichter die-\nsen Stoff geliebt und ihn bald ernster und zarter, bald hei-\nterer und drastischer gestaltet; auch die Musik müsste ihn,\nwie uns dünkt, mit Glück benutzen können; denn jede\nHandlung, in der ein kräftiges Empfindungsleben sich regt,\nist. der Musik günstig. Wie nun aber der Text unserer\nOper beschaffen ist, lässt sich nicht viel Günstiges darüber\nsagen. Die Hauptsache, das Verhältniss des russischen Gra-\nfen zu seiner neuvermählten ungarischen Frau, deren Jäh-\nzorn gebrochen werden soll, wird nebenbei behandelt und\ndadurch nicht nur die Gelegenheit zu wirksamen musica-\nlischen Scenen unbenutzt gelassen, sondern es unter-\nbleibt auch, was noch wichtiger ist, die lür Gefühl und Ver-\nständniss nothwendige Motivirung. Man müsste von dem\nHochmuthe der Gräfin, von der Liebe und dem Edelsinne\ndes Grafen viel überzeugter sein, als man es ist, um sich\ndurch das seltsame Mittel, das der Graf ergreift, um seine\nFrau zur Vernunft und zur Unterwürfigkeit zu bringen,\nindem er nämlich nach vollzogener Heirath die Maske eines\nTischlers annimmt, nicht abgestossen zu fühlen. Statt des-\nsen ist viel Mühe auf die Hineinziehung und Ausschmückung\nvon Nebenpersonen verwandt. Tänze von der Dauer einer\nhalben Stunde schliessen die Oper. Fräul. Wagner, die\neigentlich nur eine Nebenrolle gibt, musste genügend be-\nschäftigt werden; und so wurden ganze Scenen erfunden,\ndie mit dem wesentlichen Inhalt der Oper in gar keiner Be-\nziehung stehen. Der Text ist nicht aus Einem Gusse, und\nschon darum muss die Theilnahme des Zuhörers erschlaf-\nfen. Das hiesige Publicum ist so sehr an die Pracht der\ngrossen Oper gewohnt, dass wir es keinem Componisten\nverargen, wenn er ebenfalls dazu seine Zuflucht nimmt.\nUnd Herr Dorn hat wenigstens nicht in einer Weise, die\nman entschieden missbilligen müsste, davon Gebrauch ge-\nmacht. Der erste Act hält sich von jedem äusseren Appa-\nrate gänzlich frei; eigentlich auch der zweite, nur dass hier\neinige Effect-Mittel angewandt werden, die sich nicht ganz\nmit dem höheren Stil der komischen Oper vertragen und\nmehr dem Vaudeville gehören. Es sind folgende: Die Ba-\nronin (Fräul. Wagner) erzählt von einem Maskenbälle, dem\nsie in Paris beigewohnt. Alle die bunten Masken schweben\nin ihrem Geiste auf und nieder; und indem sie den Türken,\nden Mauren, den Polen schildert, stimmt sie oder vielmehr\ndas Orchester die Motive der Haremswächter aus dem\nOberon, des Pedrillo mit seinem maurischen Ständchen aus\ndem Belmonte, der Polonaise aus dem Faust u. s. w. dazu\nan. Das ist also ein einfaches Potpourri, das besser im Vau-\ndeville als in der komischen Oper an der Stelle wäre. Da-\nbei ereignet sich noch Folgendes. Unter den verschiedenen\nMotiven ertönt auch die Cachucha. Dies gab eine Gelegen-\nheit, Fräul. Wagner dem Publicum tanzend vorzuführen.\nIndem die Klänge der Cachucha an dem Geiste der lebens-\nlustigen jungen Dame vorüberziehen, macht sie unwillkür-\nlich die Bewegungen des Tanzes mit. Dies ist ganz natür-\nlich herbeigeführt und doch zugleich äusserlich herbeigezo-\ngen, da es für den übrigen Inhalt des Stückes vollständig\ngleichgültig ist. Fräul. Wagner lös'te ihre Aufgabe übri-\ngens mit Grazie und Tact, indem sie das Zuviel sorgsam\nvermied. Im weiteren Verlaufe des Stückes kommt noch\neine ähnliche Episode vor, die mehr der Posse, als der ko-\nmischen Oper würdig ist. Die Baronin parodirt den Ton,\nin dem sich die Herren und Damen vom Hofe äussern wür-\nden, wenn sie erführen, dass ein Tischler eine Gräfin ge-\nheirathet habe. Der dritte Act ursprünglich als Finale\ndes zweiten Actes gedacht ist fast ganz Ballet. Indess\nist das Ballet durch den dramatischen Zusammenhang voll-\nständig gerechtfertigt, und Herr Dorn hat gute iMusik dazu\ngemacht. Namentlich gebührt ihm das Verdienst, auf einen\noriginellen Gedanken gekommen zu sein. Er hat eine Ballet-\nFuge geschrieben, die musicalisch eben so lebendig erfun-\nden als gut ausgeführt ist. Die Tänzer sind in vier Gruppen\ngetheilt, und mit jedem neuen Eintritt des Thema's tritt\neine neue Gruppe auf. Was im Uebrigen die Musik betrifft,\nso lässt sich ihr nachrühmen, dass sie leicht und fliessend\nist. Der Ton der komischen Oper ist mit Glück getroffen,\nauf die Instrumentation ist unverkennbare Sorgfalt ver-\nwandt. Einzelne Nummern ragen durch ihre charakteristische\nHaltung vortheilhaft hervor, namentlich ein Lied des Iman\nund ein „Frühstücks-Duett\". Ueberhaupt ist der erste Act\nin musicalischer Beziehung am hervortretendsten; zwar ist\nauch er nicht ganz ohne Längen, aber man kommt leichter\ndarüber hinweg, weil man hier und da doch immer durch"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01.1.5", "texte": "gelungene Zuge angeregt wird. Ein grosser Fehler der\nAnlage ist es, dass der zweite Act hinter dem ersten zu-\nrückbleibt. Die Erfindungskraft ist dem Componisten aus-\ngegangen; wo nicht die oben erwähnten äusserlichen Ef-\nfect-Mittel helfen, ist der Inhalt dürftig und uninteressant.\nWenn der Componist mit dem zweiten Acte noch eine\ngründliche Umarbeitung vornehmen wollte und könnte,\nso würde sein Werk mehr Aussicht auf dauernden Er-\nfolg haben.\nSonst ist in Betreff des Repertoires der königlichen\nOper nichts Besonderes zu erwähnen. Nur hinsichtlich des\nPersonals ist y.u berichten, dass ausser Fräul. Mandl auch\nFräul. Baur, über deren Gastspiel ich in meinem letzten\nBriefe schrieb, auf drei Jahre engagirt ist. Einige ihrer Lei-\nstungen, seitdem sie engagirt ist, sind besser gewesen, als\nihre Gastrollen; namentlich ist die Reinheit der Intonation\nsicherer geworden. Ob indess diese Sängerin trotz mancher\nunläugbaren Vorzüge eine feste Stütze des Repertoires\nwerden kann, steht noch immer sehr in Frage. Bis jetzt\ngelingen ihr Einzelheiten, aber sie ist noch nicht im Stande,\nein abgerundetes Ganzes zu geben. Frau Köster, deren\nContract Ostern zu Ende geht, ist aufs Neue engagirt wor-\nden, und zwar, wie verlautet, auf so lange Zeit, als sie\nüberhaupt bei der Bühne bleiben will. Der Abgang dieser\nSängerin würde eine auf längere Zeit unauslüllbare Lücke\nhervorgebracht haben. Sie ist die wesentlichste Stütze des\nclassischen Repertoires, da Fräul. Wagner schon durch\nihre Stimmlage von den meisten classischen Rollen ausge-\nschlossen ist, und wir kennen keine Sängerin in Deutsch-\nland, die ihr in ihrem Fache an geistiger Begabung, drama-\ntischem Feuer, fein gebildetem Geschmncke und tüchtiger\nSchule gleich käme. Selbst Jenny Ney mit ihrer pracht-\nvollen Stimme würde sie nicht ersetzen können, wenigstens\nin den Beziehungen nicht, die uns wichtiger sind, als der\nblosse äussere Klang. Frau Köster reisst die grossen Mas-\nsen seltener hin, weil ihr die üppige Naturkraft fehlt, die\nam ersten blendet; aber je länger man sie kennen lernt,\ndesto mehr erkennt man, von wie hohem Werthe ihre Lei-\nstungen sind. Wie lange Fräul. Wagner unserer Bühne\nnoch erhalten bleiben wird, darüber hat man in letzter\nZeit nichts gehört. Herr Mantius hat sich definitiv ent-\nschlossen, Ostern die Bühne zu verlassen; Herr Krüger,\nder in der letzten Zeit erfreuliche Fortschritte machte, ist\nseit Anfang dieses Jahres Mitglied der dresdener Oper;\nHerr Hoffmann hatte sich an eine Aufgabe gewagt, die\nihm bei dem barilonartigen Klange seines Organs zu lösen\nunmöglich war (Achill in der Iphigenie in Aulis) und krän-\nkelt seitdem. So ist der Tenor fast allein durch Herrn\nForm es vertreten; und da auch dieser letzthin heiser\nwar, so ereignete es sich, dass der Tannhäuser trotz eines\nAllerhöchsten Befehles nicht gegeben werden konnte.\nDas interessanteste Ereigniss dieses Winters war die\nAnwesenheit des pariser Quartettes. Wenn ich auch nicht\nunbedingt dem Beifalle mich anschliessen kann, den das-\nselbe bei Ihnen am Rheine und grossentheils auch in Ber-\nlin gefunden hat, so kann doch darüber kein Zweifel sein,\ndass es eine ungewöhnlich hohe Stelle einnimmt. Aber ich\nfinde nicht, dass sich in der Auffassung Beethoven's das\nfranzösische Element ganz verläugnet. Die Technik ist be-\nwundernswert!], die Sicherheit und Feinheit des Zusam-\nmenspiels, die gleichmässige Abwägung der Kräfte erreicht\noder übertrifft die kühnsten Erwartungen; die Auffassung\nist überall geistreich und lebendig; aber jene deutsche Fülle\ndes Gemüthes und der Leidenschaft, die gerade in Beetko-\nven so mächtig hervortritt, wird, wie uns scheint, von den\nFranzosen nicht wiedergegeben. Im Aeusseren spiegelt sich\ndas Innere; und so müssten wir vor allen Dingen, in vie-\nlen Fällen wenigstens, einen grösseren Ton verlangen,\nals das pariser Quartett ihn besitzt. Namentlich hat der\nerste Violinist einen etwas spitzen und kurzen Ton, der\nmitunter, namentlich im Scherzo, ganz an rechter Stelle\nist, aber doch überall da nicht ausreicht, wo es darauf an-\nkommt, Empfindungen auszudrücken, die aus dem tiefsten\nInnern der Seele hervorquellen. Ferner haben die Franzo-\nsen in rhythmischer Beziehung eine grössere Neigung,\nscharf abzusetzen, als zu binden und zu verschmelzen, und\nauch dies entspricht nicht immer dem deutschen Geiste. Die\nWirkung wird pikanter, als sie beabsichtigt war; an die\nStelle des Kühnen und Schwungvollen tritt das geistreich\nVerständige. Ich möchte sagen, das pariser Quartett macht\ndie letzten Werke von Beethoven salonfähig; es trägt sie\nmit so viel Klarheit und Geschmack vor, dass ein grösseres\nPublicum, als bisher, dafür gewonnen wird; aber die ganze\nTiefe, die darin liegt, wird nicht erschöpft. Leider war der\nAufenthalt unserer Gäste zu beschränkt. Es gehört Zeit\ndazu, um in Berlin bekannt zu werden, überdies auf dem\nGebiete der Quartett-Musik, die bei uns nur eine kleine\nZahl von Freunden hat. Erst in der letzten Soiree, welche\ndie Pariser gaben, war der Besuch so zahlreich, als wir es\nim Interesse der Sache und ihrer selbst wünschen müss-\nten; jetzt, als das Publicum aufmerksam geworden war\nund ihnen den rauschendsten Beifall spendete, mussten sie\nfort. Sie werden hoffentlich Berlin bald wieder berühren;\ndann finden sie einen geebneten Boden."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01.1.6", "texte": "Ueberoaupt gab dieser Winter vielfache Gelegenheit,\nsieh an vollendeter Ausführung von Quartetten zu erfreuen.\nUeber die Anwesenheit der jüngeren Gebrüder Müller\nschrieb ich Ihnen in meinem letzten Briefe. Das Zimmer-\nmann'sehe Quartett besteht in gewohnter Weise und lei-\nstet in seinen Aufführungen Vorzügliches, namentlich was\ndie Correctheit des Spiels betrifft. Das Quartett der Herren\nLaub, Radecke, Wurst und Dr. Bruns hat sich\nschnell eine genügende Zahl von Freunden gewonnen. Von\nbesonderem Interesse war die letzte Soiree dieser Herren,\nin der ausschliesslich Beethoven, und zwar nach seinen drei\nPerioden (A-dur, F-dur, A-moll),vertreten war. Auch das\nOertling'sehe Quartett setzt lür einen geringeren Ein-\ntrittspreis seine Bemühungen fort.\nDie Kammermusik war ferner durch die Trio-Soireen\nder Herren v. Bülow, Laub und Wohlers, deren bis\njetzt drei Statt gefunden haben, durch die Trio-Soireen der\nHerren Löschhorn und Gebr. Stahl knecht und durch\ndie Soireen der Herren Rad ecke und Grünwald ver-\ntreten. Die Soireen der Herren v. Bülow und Genossen\nwaren in mehrfacher Beziehung sehr interessant, und es\nist namentlich hervorzuheben, dass die Concertgeber so\nviel Entsagung haben, die neueste Musik nur mit Maass in\nihre Programme aufzunehmen. In der ersten Soiree hörten\nwir ausser dem B-dur-Trio von Schubert die berühmten\n•33 Variationen von Beethoven, die freilich für denjenigen,\nder sie in Einem Zuge hören soll, etwas ermüdend sind\nund auch schwerlich die Bestimmung haben, hinter einan-\nder gespielt zu werden, und ein Trio von Frank,\ndas zwar keineswegs ein gleichmässig vollendetes, reifes\nKunstwerk ist, aber doch eine reich begabte, empfindungs-\nvolle, edel geartete Phantasie verräth. Die zweite Soiree\nbegann mit einer Sonate lür Ciavier und Violine von Bach,\ndarauf folgte ein Trio von Mozart, dann die namentlich in\nihrem Adagio so tief empfundene Sonate von Beet-\nhoven für Ciavier und Cello; den Beschluss machte das\nD-moll-T rio von Schumann, das mit Ausnahme des Adagio\nallgemein einen sehr wohlthuenden Eindruck machte. Wie\nSie sehen, war diese Soiree ganz historisch angelegt. Die\ndritte Soiree begann mit einem schon in früherer Zeit hier\naufgeführten phantasiereichen Trio von Volkmann; daran\nschloss sich die H-moll-Sonaie von Liszt, ein excentrisches\nund dabei, mit Ausnahme sehr weniger Abschnitte, auch\nnicht einmal leidenschaftliche Stimmungen hervorrufendes\nWerk; den Beschluss machte das von Beet-\nhoven. In den Soireen der Herren Stahlknecht kam ein\nTrio von Marschner (F-dur) zur Aufführung, das zwar\nnicht durch die Bedeutung seines Inhalts hervorragt, aber\nmit Geschmack und Gewandtheit geschrieben ist; nament-\nlich ist das Scherzo leicht, gewandt und charakteristisch.\nIn der vorletzten Soiree der Herren Radecke und Grün-\nwald kam ein Trio (für Ciavier und Violine, F-rnoll) von\nBargiel zur Aufführung, das jedenfalls von Phantasie,\nedelm Sinne und technischer Gewandtheit Zeugniss gab.\nDer Componist hat nicht das Höchste erreicht, dazu fehlt\nes ihm an Einfachheit und natürlicher Frische und an der\nKraft, den Grundgedanken, den er aufstellt, in demselben\nGeiste fortzuführen, in dem er ihn ursprünglich erfasste;\naber es ist ein Talent in ihm, welches das Recht hat, sich\nzur Geltung zu bringen, und ein Sinn, der, wie wir hoffen,\nan der wahren Bestimmung der Kunst nicht irre werden\nwird. In alter Zeit drückte man dies so aus, dass die Ein-\nbildungskraft unter der Zucht des Verstandes stehen müsse,\num ein wahrhaftes Kunstwerk hervorzubringen, und damit\nist Alles gesagt. Der Künstler, der mit Mühe und Anstren-\ngung neue Combinationen und Effecte hervorsucht, ist es\nüberhaupt nicht; die Kraft der Phantasie muss dem gebo-\nrenen Künstler freiwillig sich darbieten: und nur jenes An-\ndere hat er mit Mühe und Fleiss zu suchen, dass seine Ge-\ndanken zur Klarheit durchdringen, dass die mannigfaltigen\nGestalten der schöpferischen Phantasie sich zur Einheit und\nHarmonie zusammenschliessen. Die letzte Soiree der Herren\nRadecke und Grünwald war eine Gedächtnissfeier lür Ro-\nbert Schumann bis jetzt die einzige, die in Berlin Statt\ngefunden. Schumann ist erst in den letzten Jahren hier be-\nkannter geworden, und verehrt und bewundert wird er\nauch jetzt nur in kleinen Kreisen. Doch war es wohl eine\nPflicht der Pietät, seiner, der so viel Schönes geschaffen,\ndurch eine besondere Aufführung zu gedenken. Ausser dem\nelegischen Gesänge von Beelhoven, der die Feier eröffnete,\nhörten wir das Clavier-Quintett, das spanische Liederspiel,\nzwei Sopran-Lieder, die S.üeke im Volkstone für Ciavier\nund Violine und die symphonischen Etüden. Es waren so-\nmit alle Perioden vertreten. Die Aufführung war sehr ge-\nlungen. Namentlich heben wir das treffiiehe Ciavierspiel des\nHerrn Badecke, der mit eben so sicherer Technik als feu-\nriger Auffassung den Gegenstand beherrschte, und den von\nwahrem künstlerischem Gefühle getragenen Gesang der\nFrau Wü r s t hervor, welche zu den wenigen Sängerinnen ge-\nhört, die das Geistige in der Kunst zur Herrschaft bringen.\nIn den Symphonie-Soireen der königlichen Capelle, die\nin den letzten Jahren ihre schon in früherer Zeit so mei-\nsterhaften Leistungen noch zu überbieten vermag, trug\nHerr P auer aus London das Es-dur-Concert von Beetho-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01.1.7", "texte": "ven vor und bewährte sich darin als einen sehr gediegenen\nSpieler, der mit trefflicher Tecknik eine geschmackvolle,\ngebildete Auffassung vereinigt. In einem der Gustav-Adolf-\nConcerte trat die Concertsängerin Frau Förster aus Dres-\nden auf, über deren schätzens wer the Leistungen ich schon\nin früheren Jahren berichtete. Sie blieb diesmal hinter den\nErwartungen zurück, die man von ihrem Gesänge hegen\nkonnte; doch wäre es unbillig, bei einem Sänger, der mehr\nals jeder andere Künstler von der Gunst des Augenblickes\nabhängt, allzu absprechend zu sein.\nIn dem zweiten Concerte des Stern'schen Orchester-\nVereins, dem Referent nicht beiwohnte, trat der Violin-\nVirtuose Herr Singer aus Weimar auf und fand durch\ndie Schönheit seines Tones und die Trefflichkeit der Tech-\nnik allgemeinen Beifall; eben so allgemein wird aber die\nWahl der Stücke gemissbilligt.\nDie Sing-Akademie lührte das Requiem von Cherubini\n(am Todtenfeste, lür das es wie geschaffen scheint), die\nH-moll-Messe von Bach (zum zweiten Male in diesem Win-\nter) und die Jahreszeiten, der Stern'sche Verein die Wal-\npurgisnacht und den Radziwill'schen Faust auf. Die meisten\ndieser Aufführungen gelangen sehr gut; nur in der Bach'-\nschen Messe liessen die Solostimmen und das Orchester\nviel zu wünschen übrig. Ja, es ereignete sich sogar der\nUnfall, dass in der einen Bass-Arie das obligate Horn con-\nsequent um etwa einen Viertel-Ton zu tief stimmte. Das\ngrosse Publicum, das sich nur an Aeusserlichkeiten zu hal-\nten pflegt, macht mehr Wesens daraus, als die Sache ver-\ndienst, und lässt es auch die Chöre entgelten, die zwar nicht\nausgezeichnet, aber, wenn man die Schwierigkeiten des\nWerkes erwägt, recht tüchtig waren. Die Sing-Akademie\nhat übrigens ihre beste Solosängerin, Frau Hahnemann,\ndurch einen frühen und schmerzlichen Tod verloren. Sie\nhatte eine der lieblichsten Sopranstimmen und, obgleich\nDilettantin, eine sehr achtungswerthe Technik.\nDie Domchor-Concerte haben Altes und Neues, d. h.\nUnbekanntes aus alter Zeit gebracht. In die erste Katego-\nrie gehört ein Sanclusvon Palestrina (aus der Marcellus-\nMesse), Magnißcatvon Gabrieli, von Orlando Lasso,\n„Nun hab' ich überwunden\" von J. M. Bach, „Ich lasse\ndich nicht\" von J. C. Bach und das Ave verum von Mo-\nzart. Folgende Stücke waren hier noch nicht öffentlich ge-\nhört worden: ein Vere languores,angeblich von Lotti, ein\nKyiie und der kurze Satz aus dem Requiem: „Inter oves\",\nbeide von Lotti. Alle drei Sätze sind als meisterhaft zu be-\nzeichnen: den höchsten Rang aber nimmt das\nmit seinen kühnen und ausdrucksvollen Accord-Folgen ein.\nFerner ein Christus [actus est von Fioroni, etwas modern,\naber ansprechend, ein Gloria von Durante, das wir nicht\nfür bedeutend halten, und ein von Palestrina,\ndas etwa in dem Stile der Improperien von Vitloria ge-\nschrieben ist, mehr homophon und melodiös, leicht anspre-\nchend und sehr innig. Endlich mehrere Choräle von Eccard\nund Seb. Bach und ein Ave M von Mendelssohn.\n\nG. E.\n\nSechstes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn\nFerdinand Hiller.\nDinstag, den 10. Februar 1857.\nProgramm. I. 1) Sinfonie in D-dur von W. A. Mozart;— 2)\n„Gesang der Geister über den Wassern\" von Göthe, tür Chor\nund Orchester componirt von F. Hiller; 3) Violin-Concert Nr.\n11 (G-dur) von L. Spohr, gespielt von Herrn August Kömpel,\nKammermusiker und Solospieler des königlichen Hof-Orchesters in\nHannover.\n11. 4) Ouverlure zu Calderon's „Dame Kobold\", von\nKarl Reinecke (zum ersten Male); 5) Variationen für die\nVioline von H. Vieuxtemps, gespielt von Herrn A. Kömpel;\n6) Hymnus tür Chor und Orchester zur Krönungsfeier Georg's\n11. (1727) von G. F. Händel; 7) Ouvertüre Nr. 3 zur Oper\nLeonore von L. van Beethoven.\nMozart's Sinfonie in D-dur (in vier Sätzen) ging von den\nOrchesterwerken des heutigen Abends am besten. Hill er's „Ge-\nsang der Geister44 ist ein liebliches und doch einer tiefen Anschau-\nung durchaus nicht entbehrendes Gesangslück. So kurz es ist, so\nzeigt es doch die vorzüglichen Eigenschaften der Hiiler'schen Muse\nalle vereinigt: poetische Auffassung, eigentümlich melodischen\nSchwung und treffliche Anwendung des Orchesters besonders zu\nmalerischer (keineswegs aber decorativer) Schilderung. Der Cha-\nrakter Hiller'scher Malerei ist eben der feine Pinsel, im Gegensatz\nzu den Klatsch-Effecten mit musicalischem Copal.\nHerr August Kömpel spielte das Concert von Spohr in je-\nder Hinsicht vortrefflich und mit ganz ausserordentlichem Erfolge.\nSein Ton, wie sein Strich sind schön, der Uebergang von einer\nSaite auf die andere ganz vorzüglich und der Vortrag namentlich\nim Piano des Adagio voll des innigsten Ausdrucks. Wir haben in\nihm einen echten Schüler Spohr s schätzen lernen, der die schöne,\ndas Gemüth überall ansprechende Composition seines Meisters in\ndemjenigen Geiste und mit demjenigen Gefühle vortrug, die Spohr's\nEigenthümlichkeit verlangt. Herr Kömpel hat drei Jahre (von 1844\nbis 1847) unter Spohr's Leitung studirt und war dann noch bis\n1851 Mitglied der Capelle in Kassel. Seit 1852 ist er in Hannover.\nK. Rein ecke's Ouvertüre zu „Dame Kobold44 ist ein fein er-\ndachtes und fein gearbeitetes Orchesterstück. Der Charakter eines\nPrologs zu einem Lustspiele ist sehr gut festgehalten; ob gerade\nzu dem genannten von Calderon, können wir nicht beurtheilen, da\nwir jene Dame nicht kennen. Das zuerst Remerkte ist aber die"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570214-01.1.8", "texte": "Hauptsache. Der nahe liegenden Verleitung zu Nachahmung des\nAusdrucks des Neckischen und Pikanten, wie er bereits da gewe-\nsen, hat Reinecke auf lobenswerthe Weise widerstanden. Motive\nund Ausführung haben das Verdienst, originel zu sein, wenn wir\nsie auch gerade nicht als genial bezeichnen können. Die Instru-\nmentirung ist lobenswerth und zeigt den gewandten Meister. Die\nOuvertüre ist als Op. 51 bei Breitkopf & Härtel erschienen. Wie\nkommt aber die berühmte Verlagshandlung zu solcher überdruck-\nlich verschwommenen Partitur? Sollen uns vielleicht jetzt die Par-\ntituren zugleich als Facsimile der Handschriften des Componisten\nverkauft werden? Man sehe dagegen die Mozart'schen Sinfonie-\nPartituren aus derselben Officin an!\nDie Krönungs-Hymne von Händel nahm sich nach der Dame\nKobold und den Variationen von Vieuxtemps etwas curios aus; sie\nwurde aber gut gesungen.\nDie wundervolle Leonoren-Ouverture aber konnte den gewohn-\nten Eindruck dieses Mal nicht machen; die Ausführung war ohne\nSchwung und an manchen Stellen sehr mangelhaft. Es gibt gewisse\nDinge, welche der Dirigent nicht voraussehen, und andere, die er\nzwar voraussieht, aber nicht ändern kann.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMainz. Das zweite Abonnements-Concert der Liedertafel, wel-\nches am 27. Januar Statt fand, brachte die liebliche Es-dur-Sin-\nfonie Haydn's, Psalm mit Tenor-Solo von F. Hiller, Coriolan-\nOuverture, Crucifixus von Lotti und Ave verum von Mozart und\nzum Schlüsse die prachtvolle Walpurgisnacht von Mendelssohn.\nVerdient die Zusammenstellung des Programms unsere vollste An-\nerkennung, so dürfen wir auch der Ausführung lobend gedenken.\nMit Ausnahme des Cmcifixus, einer welche\nihrer difficilen Intonation und vielfachen harmonischen Verwechs-\nlungen halber einem aus Dilettanten hestehenden Vereine kaum zu\nbewältigende Schwierigkeiten auferlegt und vollkommen nur von\nlangjährig in derartigen kirchlichen Chören geübten Sängern vor-\ngetragen werden kann, liess der Vortrag der übrigen fnstrumental-\nunJ Yocal-Piecen nichts zu wünschen übrig. Das Orchester execu-\ntirte die Sinfonie und die herrliche Coriolan-Ouverture mit Präci-\nsion und Sauberkeit, und die Liedertafel leistete gleichfalls Vor-\ntreffliches in dem Vortrage der beiden Compositionen, dem Ave\nverum und der Walpurgisnacht, welche ihrem Charakter nach so\nverschieden sind, und von denen doch jedes in seiner Gattung ein\nMeisterwerk ist. Interessant war für uns die Nebeneinanderstellung\ndes Cmcifixus und des Ave verum, zweier kirchlichen Chöre, in de-\nnen sich der Unterschied zwischen der einfachen, strengen Weise\ndes Mittelalters und der weichen, schmelzenden, Geist und Sinn\nfesselnden kirchlichen Musik des vorigen Jahrhunderts prägnant\nausspricht. Bekanntlich wird in neuester Zeit die letztere Richtung\nals zu sinnlich von der Kirche verpönt und der strenge A-capella-\nStil wieder einzuführen gesucht. liecht deutlich wurde uns hierbei,\nwie wenig dieser Versuch von dem Geiste unserer Zeit begünstigt\nwird. Die Soli sangen Herr Meffert, Tenorist unserer Oper, und\nzwei tüchtige Mitglieder des Vereins, Frau Schmidt und Herr\nWal lau, recht brav. , (S.-D. M.-Z.)\nBraun§cliwei{v, Im ersten Symphonie-Concerte der herzog-\nlichen Hofcapelle kam eine Haydn'sche Sinfonie, Mendelssohn's\nMusik zum Sommernachtslraum und der 23. Psalm für Frauenchor\nund Orchester von Franz Schubert zur Aufrührung. Die Chöre\nwurden von der Sing-Akademie gesungen. Herr A. Kömpel, er-\nster Solospieler der hannoverschen Hofcapelle, spielte Spohrs Ge~\nsangs-Scene und entzückte allgemein durch seinen eben so seelen-\nvollen als brillanten Vortrag.\nIn einem Benefiz-Concerte des Hof-Capellmeisters Abt hörten\nwir eine Suite in H-moll für Orchester von Seb. Bach, Mendels-\nsohn's Meeresstille und Weber's Oberon-Ouverture in vortrefflich-\nster Ausführung. Herr A. Zizold, Mitglied der dresdener Hof-\ncapelle, Sohn und Schüler des ersten Flötisten unserer Capelle, ärn-\ntete für den Vortrag einer Flöten-Phantasie von Briccialdi stürmi-\nschen Beifall. Die Hof-Opernsängerinnen Fräul. Ferrari und Frau\nKreyssel, so wie der liof-Opernsänger Bölken hatten die Ge-\nsanges-Vorträge übernommen.\nJedes der vier Gewandhaus-Concerte seit Neujahr\nführte uns einen namhaften Gast vor: das erste Frau Dr. Schu-\nmann (Mozart's D-moll-Concert, Beethoven's Es-dur-Variationen\nmit Fuge). Im zweiten hörten wir die ehrenwerthe Künstlerin aber-\nmals (Schumann's A-moll-Conccrt, „Schlummerlied'4 aus den Al-\nbumblättern von Schumann, zwei ungarische „musicalische Mo-\nmente44 von Schubert, Lied ohne Worte, A-dur, von Mendelssohn),\nneben ihr einen äusserst tüchtigen Violinisten, Concertmeister\nLauterbach aus München (5. Concert von Beriot), welcher ver-\ndienter Maassen durch Hervorruf ausgezeichnet wurde; sein Ton\nund sein charaktervolles, solides Spiel waren wirklich dieser Ehre\nwerth. Im dritten Abonnements-Concerte trat der wiener, jetzt in\nLondon lebende Pianist E. Pauer auf und wunderbar ist's zu\nsagen drang selbst nach einer Vorgängerin wie Frau Dr. Schu-\nmann, nachdem unser Publicum Fräul. Stau dach aus Wien, den\nHofpianisten der Königin von England Cusino und eine Schü-\nlerin unseres Wenzel, Fräul. Hauffc, nach der Reihe gehört und\ngewürdigt hatte, dermaassen durch, dass er gerufen und durch das\nin solchen Fällen übliche drittmalige Applaudiren zu einer Zugabe\ngenöthigt wurde (auf dem Programme standen Beethoven's viertes\nGW/wr-Concert und die Solostücke Cascade und Taranteile von ihm\nselbst). Das jüngste, vierte, Concert führte den Tenor Rudolph\nOtto aus Berlin vor; er trug eine Arie aus der Schöpfung und\ndie Tenor-Partie in Mendelssohn's Lobgesang vor, in dein er zwar\nnur massig mit Beifall gelohnt wurde, in der That aber mehr ver-\ndiente. Er weiss ein gesundes und biegsames Organ in zumeist\nglücklicher, geschmack-geläuterter Weise zu handhaben. Frau Nis-\nsen-Saloman wirkte in den drei letzten Aufführungen, am 8.,\n15. und 22. Januar, mit, grösstentheils reichlich mi^Beifall ge-\nlohnt; ihre Leistungen lassen aber ihre grossartige, nur im\nPunkte des Trillers zu wünschen übrig lassende Schule in Ehren\nkalt. Orchestrale Lichtpunkte waren Schubert s C-dwr-Sinfonie\nund Beethoven's erste Leonoren- und Coriolan-Ouverturen."}]}