{"numero_id": "bm-bmtnabi-1857-02-21-01", "volume": "bmtnabi_1857-02-21_01", "ocr_sha256": "d48acfa5e8e836dc482b9fa43ffcad51d26016474b20a710acacd7258e2192bf", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1857/02/21_01/bmtnabi_1857-02-21_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1857-02-21-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-02-21_01#c001", "volume": "bmtnabi_1857-02-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "57", "page_fin": "57", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 425, "texte": "Inhalt.\nDie Weihe des Frühlings [Ver sacrum).Für Soli, Chor und Orchester componirt von F. Hill er. 111. Die\nBedeutung der schönen Kunst. 11. Von A. E. R. Aus dem Holle'schen Verlage. Von DIXI. Tages- und Unterhaltungs-\nblatt (.Berlin, Repertoire des k. Theaters Dresden, Quartett-Akademie Speyer, Liederkranz Wien, Gebrüder Holmes Am-\nsterdam, Concert der Gesellschaft „Felix meritis\" Deutsche Tonhalle, Preis-Aussehreiben)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-02-21-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-02-21_01#c002", "volume": "bmtnabi_1857-02-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "57", "page_fin": "59", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.2.2", "titre_corps": "Die Weihe des Frühlings (Ver sacrum).", "titre_sommaire": "Die Weihe des Frühlings (Ver sacrum).", "signature_source": "L. B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.1.1", "debut_caractere": 427, "fin_caractere_exclue": 3685, "texte": "Die Weihe des Frühlings (Ver sacrum).\nFür Soli, Chor und Orchester componirt\nvon\nFerdinand Hiller.\n\nIII.\n(S. Nr. 5 und 6)\nDie Arie des Priesters, mit welcher der zweiteTheil\nbeginnt, ist zwar in Einem Tempo, aber ohne eigentliche\nWiederholungen geschrieben. Sie bewegt sich zwischen\nGelühlen des Dankes und der Wehmuth hin und her (D-\n-moll und D-dur, Andante mosso, %); als kurzes Zwischen-\nspiel tauchen die Töne einige Mal wieder auf, in welchen\nder Priester zu Anfang die Worte: „Und zwiefach ist die\nSeele mir bewegt\", ausspricht. Sie schliesst als vollständig\nselbstständiges Musikstück ab, das durch seinen einfachen\nund tief empfundenen Ausdruck (besonders in der Stelle:\n„O, zürne nicht, wenn sich ein fühlend Herz in meinem\nBusen regtl\") eine vortreffliche Wirkung macht.\nDen Contrast, den der Text durch die unmittelbare\nFolge des Heranziehens der Hirten und Landleute mit\nihren Opfergaben beabsichtigt, hat der Componist auf sehr\ngelungene Weise dargestellt. Das Haupt-Motiv des Chors:\nwird erst von den Bläsern allein mit Begleitung von Pizzi-\ncati-Accorden der Saiten-Instrumente und einzelnen Trian-\ngelklängen 24 Tacte lang bis zum Schlüsse auf der Domi-\nnante vollständig vorgebracht, worauf dann die Stimmen\neinsetzen. Als einen glücklichen Gedanken müssen wir her-\nvorheben, dass die Gesangbässe in diesem Chor gar nicht\nauftreten. Sopran und Tenor führen die Melodie im Ein-\nklang, und der getheilte Alt füllt die Zwischen-Harmonie.\nMan kann sich nichts einfach Lieblicheres denken, als die-\nses ebenfalls vollkommen abgeschlossene Musikstück;\ndiese zwei ersten Nummern des zweiten Theiles sind, zu-\nmal in ihrer Aufeinanderfolge, so echt musicalisch ergrei-\nfend und erwärmend, wie man sie in der Vocalmusik der\nNeueren seilen findet.\nIm folgenden Recitativ des Priesters macht sich zu-\nnächst nach den Worten, mit welchen er den heiligen Speer\nwieder in den Boden pflanzt, ein kurzes, feierlich kräftiges\nZwischenspiel, dem ein Trompetenruf folgt, vortheilhaft be-\nmerklich, und dann die mysteriösen, dunkeln Harmonieen,\nunter welchen das „ inhaltschwere Wort sich zu befreien\nringt.\" Sie regen das Volk zu dem Chor: „Der Seher\nschweigt!\" an (Andante, C-moll, 2A), der im Ausdruck\nder ängstlichen Demuth und der Ahnung von etwas\nSchmerzlichem trotz seiner Kürze ein bedeutendes Stück\nist; besonders ist der Schluss eindringend, wo zuerst der\nTenor, dann der Alt die Worte aussprechen: „In Freude\nweben die Götter Trauer!\" —-, dann Alle dasselbe Gefühl\nzu lautem Ausbruch bringen und es eben so plötzlich, wie\nüber sich selbst erschrocken, wieder dahin sterben lassen.\nNach dem Recitativ, in welchem der Priester die For-\nderung eines Menschenopfers verkündet, fällt der Chor:\n„Weh! welch ein Spruch!\" mit unwillkürlichen Ausrufun-\ngen des Entsetzens ein, die auf einer stürmisch bewegten\nFigur der Streich-Instrumente (Allegro vivace, G-moll, 4/i)\nzu unregelmässigem Ausbruche kommen, bis bei dem plötz-\nlichen Unisono-Einsatz der Posaunen, Bässe und Geigen\nauf ges zu den Worten: „Ich bin erstarrt!\" die Stimmen\nAnfangs einzeln eintreten, dann sich aber in ergreifender\nModulation zu einem erschütternden Gesammt-Accord stei-\ngern, um wieder leise verhallend mit abgebrochenen Nach-\nklängen der Instrumente nach Dzu verschwinden. Diese"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5007, "texte": "wenigen Tacte dürften leicht eine der hervorragendsten Stellen\ndes ganzen Werkes bilden; es ist darin mit den einfach-\nsten Mitteln eine Wirkung erzielt, die an Gluck erinnert.\nAuch die darauf in D-moll eintretende Wendung des Chors\nzu wehmüthiger Betrachtung: „Ach, es ist hart, das junge\nLeben dahin zu geben!\" trägt den Charakter Gluck'scher\nEinfachheit, zumal wenn sie mit Ausdruck gesungen wird.\nUnmittelbar anschliessend ergreifen die Krieger das Wort:\n„Ja, das ist Fluch!\" in einem Allegro con impeto (G-moll,\n%), welches uns mit der starken Instrumentirung und in\ndieser musicalischen Umgebung etwas zu modern wild und\ntrotzig vorkommt. Der Schluss drückt indess das Eindrin-\ngen auf den Priester prägnant genug aus. Das Recitativ,\nin welchem dieser die Frevler zurückweist, ist durch seine\nZwischenspiele mit den langen Pausen und durch das Nach-\nspiel, das in unregelmässigen Rhythmen vom Fortissimo bis\nins Pianissimozurückweicht, sehr originel; es drückt die\nMischung von Scheu und Groll in den Zurücktretenden\nund die mächtige Wirkung der eifernden Priesterworte auf\ndie Empörer bis zum Verstummen auf wahrhaft dramatisch-\nmalerische Weise aus.\nEs folgt nun die Scene, in welcher sich der junge\nFührer der Albaner (Tenor) und Camilla, seine Ge-\nliebte, zum Opfer darbieten. Die Worte sind in recitativi-\nschen Arioso-Sälzen componirt. Der erste Ruf des Füh-\nrers: „Haltet ein!\" verschwindet mitten in einem steigen-\nden Fortissimo des Orchesters zu sehr; es ist dies eine Si-\ntuation, in welcher es nicht so sehr darauf ankommt, durch\ndie Modulation die Wendung der Handlung auszudrücken,\nals durch die Singstimme, da hier durchaus die Persönlich-\nkeit sich geltend machen muss. Wenn der Tenor unmittel-\nbar nach dem Fortissimo-Tacte des Orchesters (welcher\ndas entschlossene Hervortreten des jungen Helden ganz\ngut schildert) oder wenigstens mit dem letzten Viertel\nzu einer Fermate auf das erste Viertel des folgenden Tac-\ntes aufsteigend einsetzte, so würde das Verständniss und\ndie Wirkung der Stelle bedeutender sein. In den übrigen\ndeclamatorischen Sätzen treten die Worte der Camilla:\n„Die Opferbraut sei du!\" als besonders ausdrucksvoll\nhervor.\nDas nun folgende grosse Terzett zwischen Camilla,\nFührer und Priester ist ein abgeschlossenes Gesangstück in\nzwei Tempi's (G-dar, Andante, %, und Allegro con fuoco,\n4/4). Im ersten Tempo treten der Tenor, der Sopran, der\nBariton einzeln nach einander auf, bis sie sich vereinigt zu\neinem Allegrosatze hin steigern, welcher, gleichsam in der\nMilte anfangend und sich im Tempo und in der bewegteren\nAussprache der Empfindung bis zum Schlüsse antreibend,\nnur unmittelbar vor diesem den Stimmen vergönnt, sich\nnoch einmal in milder Auflösung zu vereinigen. Das Ganze\nbildet ein glänzendes Ensemble, das eben so glänzend, viel-\nleicht zu glänzend, instrumentirt ist.\nDie Musik zum Opferzuge bewegt sich\nin feierlicher Ruhe, die nach der vorhergehenden Aufregung\ndem Ohre willkommen ist, zwischen weichen und energi-\nschen Klängen durch die Tonarten B- und F-dur und D-\nmoll in breiten Rhythmen dahin, auf welche bei der Wie-\nderholung des Haupt-Motivs der Chor sein Mitgefühl mit\ndem Loose der Jungfrau fast halb gesprochen hinhaucht,\nund zwischen deren letzten B—lo Tacten (dem kräftigen\nTheile des Marsches) der Priester im höchsten Pathos die\nWorte singt, die das Zücken des Stahls auf das Opfer\nverkünden.\nIn dem Augenblicke fällt das Orchester mit furchtba-\nrer Klanggewalt ein, die Pauke rollt ihre Donner, die Vio-\nlinen und die kleine Flöte durchzucken die Luft mit ihren\nTriolen-Blitzen, der Chor, theils in Ausrufungen einzelner\nStimmen, theils in vollen vierstimmigen Accorden, begleitet\ndie Erscheinungen des flammenden Wunders, bis sich die\nverschiedenen plastischen Gruppen der Erstaunenden zu\nEiner vereinigen, der sich die Ahnung einer Wendung des\nGeschickes in einem Gebete entringt, welches lösend und\nbefreiend wirkt, getragen von zitternden Accorden des\nGeigen-Quartetts, in denen gleichsam der ängstliche Schlag\ndes Herzens fortklingt\nwährend der Mund\nHoffnung ausspricht.\nDie feierlichen Worte des Priesters, welche die Deu-\ntung des Wunders enthalten, sind pathetisch und nicht im\nGeringsten von den Instrumenten gedeckt behandelt; na-\nmentlich machen die bloss von zwei Accorden der tiefen\nClarinetten und der Fagotte begleiteten Worte: „Du willst\nnicht Tod, du willst die That!\" eine erschütternde Wir-\nkung. Zu den Worten der Weissagung über die Gründung\nRoms: „Von sieben Hügeln hör' ich sieben Ströme rau-\nschen\" u. s. w., beginnt im Orchester ein leises Schwir-\nren [A-moll,3/a), das zu einem grossen anwächst\nund den Priester zu der kräftig rhythmisirten, von kurzen\nViolin-Figuren umsprühten Melodie trägt: „Dort sollt ihr\nMars und Vesta Tempel bauen!\" u. s. w.*)\nBe geistert fällt der Chor ein und lässt namentlich die\nWorte: „Du willst die Kraft, die Leben schafft!\" auf\n\n*) Der Anfang dieses Solos, das in den ersten Aufführungen\netwas zu lang erschien, hat durch eine Verkürzung an Wir-\nkung noch mehr gewonnen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3288, "texte": "wahrhaft kräftige Weise ertönen. Während im Orchester\ndie Haupt-Melodie dieses Chors verklingt, fordert der junge\nFührer seine und Camilla's Altersgenossen auf, ihm zu fol-\ngen. Diesem Aufrufe reiht sich ein zwar kurzes (wie es die\nHandlung hier nicht wohl anders duldet), aber durch\nPrägnanz des Charakteristischen und durch Verschmelzung\nder Klangfarben der Männer- und Frauenstimmen unge-\nmein schönes Stück an, in welchem zuerst die Jünglinge\ndie Verse: „Wir folgen dir, wie einem Göttersohne, dem\nHelden nur gebührt die Königskrone!\" in einer vierstim-\nmig gesetzten Melodie von entschiedener Farbe singen, zu\nderen Wiederholung aber als Unisono die Jungfrauenstim-\nmen in sehr selbstsländig gelührter Weise auf die WTorte\ntreten: „Ob wir auch nie die Heimat wieder schauen, dem\nneuen Sterne wollen wir vertrauen!\" Es ist dies wieder\neine von denjenigen Stellen, welche für die selbstständige\nMacht der Tonkunst der Poesie gegenüber schlagenden\nBeweis führen; der Musiker überflügelt dabei den Dichter\nbei Weitem.\nHierauf führt das Orchester auf einfache Weise nach\nAs-dur in das Vocal-Quartett der beiden Soprane (Prie-\nslerin und Camilla), des Tenors und des Baritons. Dieses\nGesangstück ohne Instrumental-Begleitung (Andante), mit\nseiner einfach schönen Führung und Verschmelzung der\nMelodieen, welche die beruhigende Empfindung der Ver-\nsöhnung und glücklichen Befreiung aus Gefahren auf in-\nnigste Weise aussprechen, ist, wie der Hymnus an die\nNacht im ersten Theile, eine Perle von echtem, unvergäng-\nlichem Werthe und lür die Sänger sehr dankbar.\nDer Schlusschor des ganzen Werkes schliesst sich un-\nmittelbar an (Andante, E-dur, Während die Flöten\nin den höchsten Höhen schimmern, die Geigen in breiten\nFiguren abwärts fallen, iritonirt der Chor auf einem lange\ngehaltenen H der Bässe die Worte: „Schon lenkt der\nSonnengott an goldnen Zügeln die Rosse hinab ins Meer\nzur Ruh'!\" Nachdem er die zwei folgenden Verse (die\nAufforderung, mit dem anbrechenden Morgen nach der\nneuen Heimat auszuziehen) im Unisono gleichsam recitati-\nvisch gesungen, fällt er in ein /4: » Dort\nsollt ihr Mars und Vesta Tempel bauen!\" u. s. w. Es tritt\nzunächst eine marschartige Melodie ein, die der Chor im\nUnisono bringt; das Orchester nimmt sie auf, und nun ru-\nfen die einzelnen Chorstimmen wie in Aufregung vordrin-\ngende Volksgruppen ihr „Heil! Triumph und Heil!\" da-\nzwischen, bis sich zuletzt Alle wieder zu den kräftigen und\nprachtvollen Schluss-Accorden vereinigen.\nWozu sollen wir noch die Bemerkung hinzufügen, dass\ndiese kurze Analyse nur eine höchst unvollkommene Vor-\nstellung von dem musicalischen Werthe dieses grossartigen\nWerkes geben kann? Das versteht sich ja ohnehin von\nselbst. Allein den Versuch zu machen, wenigstens die For-\nmen des Ganzen in ihren Umrissen und in ihrer Folge dar-\nzulegen, hielten wir einer so hervorleuchtenden Erscheinung\ngegenüber für Pflicht, um so mehr, als sie einer ganz eige-\nnen Gattung angehört und nach unserem Urlheile aus\nneuester Zeit kein Werk vorhanden ist, welches dies, was\ndurch den Fortschritt der Tonkunst an neuen Hülfsmitteln\nzugeführt worden ist, auf so geniale Weise um das gedie-\ngene Gold eines wahren musicalischen Inhalts grup-\npirte und erfahrenes Wissen mit schwunghafter Phantasie\nzu dramatischer Wirkung vereinigte.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-02-21-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-02-21_01#c005", "volume": "bmtnabi_1857-02-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "59", "page_fin": "62", "image_debut": 3, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.2.3", "titre_corps": "Die Bedeutung der schönen Kunst.", "titre_sommaire": "Die Bedeutung der schönen Kunst.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.1.3", "debut_caractere": 3290, "fin_caractere_exclue": 4775, "texte": "Die Bedeutung der schönen Kunst.\nII.\n(S. Nr. 7.)\nUnd dennoch ertragen wir eher die unvergeistete Na-\ntur, als die schönheitleere Geistigkeit. Volk und Gelehrte,\nKünstler und Empfangende, Alle thun im Stillen dieses Be-\nkenntniss, dass im Lande der Schönheit zuerst nach Na-\ntur die Frage sei. Woher dieses? Wahrscheinlich dess-\nhalb, weil die Natur, vom Menschen nachgeschaffen, alle-\nzeit einen leisen Ueberhang zum Geistleben offenbart, wäh-\nrend umgekehrt der Geist, der nicht im Geleite gewaltiger\nNaturgaben auftritt, ganz nothwendig in das Logische oder\nMoralische umschlägt.\nHier nun zeigt sich, wie das einfältige Volk, d. h. das\nnicht von Leithammeln gehänselte und von tendentiösen\nJournalen gerade aus gehetzte, sondern das unbefangen\nschauende und hörende Volk, wo es noch wirklich vor-\nhanden ist, ganz naturgemäss urtheilt, indem es der un-\nvergeisteten Natur den Vorzug gibt vor unschöner Geistig-\nkeit. Daher denn ganz mit Recht die Barcarole, die nicht\nAuber, sondern der italische erfunden, weit leben-\ndiger eingedrungen ist, als die octroyirten Volkslieder von\nRückert und Schumann, die Niemand für Volkslieder gibt,\nals einige nervöse Weiber am Ciavier. Und daher wird\nauch, wie bereits einige Jahrzehende historischer Erfahrung\nzu beweisen scheinen, das leichtfertigste Sinnengebilde z. B.\nvon Bellini, Donizetti, Auber, Verdi, ja, sogar Jakob Meyer\nBeer's (desselben, der sich im Buchhandel Giacomo Meyer-\nbeer nennt) Ungeheuerlichkeiten nebst allen übrigen Ver-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5118, "texte": "tretern halbgeistiger Natur-Prophetie den Vorrang behalten\nvor allen scharfsinnigsten Erdenknissen der Geist-Specu-\nlations-Künstler, mögen diese auch noch so sehr der Zeit-\nmeinung schmeicheln, mögen sie auch hunderttausend Mal\nversichern: der Mensch ist Gott. —ln jenem stillen Zeug-\nnisse für die Leibhaftigkeit des Schönen vernehmen\nwir eine Bestätigung jenes mystischen Satzes: „Leiblichkeit\nist das Ende der Wege Gottes.\"\nVon den äussersten Linken der spiritualistischen Geist-\nTechnik mögen etwa genannt werden: Gutzkow mit sei-\nnen eiskalten, Hebbel mit seinen scheinbar blutigen, in-\nnerlich trockenen und lehrhaften Gestalten, Richard\nWagner mit seinen vollkommen bildlosen, aber freilich\ndurch Blech- und Lampendunst erhitzten Tonbildereien;\ndas sind die heute Bekanntesten, die bei ihrer Partei als\nEröffner der Zukunft gepriesen, von Unbefangenen dage-\ngen als Wiederbringer der zweiten schlesischen Schule er-\nkannt sind. Edlere Naturen, die auch zum Kunst-Spiri-\ntualismus hinneigen, wie z. B. Lessing und Rückert,\nfühlen es doch selber, gleich Klopstock, dass bei ihnen\nder Wille grösser ist als die Nalurgabe. Noch höher hinauf\nmöchte man zusammenstellen Mendelssohn, den Ton-\nsetzer, und Kauibach, den Historienmaler, beide an Ga-\nben die grosse Masse überragend und doch leider mehr\ndidaktisch als prophetisch, mehr kritisch gelehrt nachdich-\ntend, als urkräftig neugestaltend.\nUm alle diese Dinge zu begreifen, dazu bedarf es nicht\nhoher Künste des Gedankens, nicht des Hegel'schen Be-\nwusstseins vom Wissen des Gewussten; sondern wo eine\nSeele der Schönheit bedürftig ist, die findet, wo wahrhaft\ngegeben wird. Und diesem einfältigen Sinne nachzugehen,\ndas wäre Pflicht der Leitenden. Leitende sind theils Regie-\nrende, theils Lehrende. Sehen wir ihre Pflichten näher an,\num zu ermessen, wie weit sie menschlich erfüllbar und\nwirklich erfüllt sind.\nIst das Schönheitleben ein wesentliches Glied des gei-\nstigen Lebens überhaupt, so dürfen es die Waltenden nicht\ngleichgültig beachten. Man nimmt gewöhnlich an, in sol-\nchen Dingen stehe der Regierung mehr zu, das Schädliche\nzu hemmen, als das Bessere zu fördern, da die Besserung\nim geistigen Gebiete eher Sache der freien genialen Schö-\npfung sei. Nun müssen wir zugeben, dass es gesetzlich\nleichter ausführbar ist, Hässliches, Unsittliches und Gefähr-\nliches zurück zu weisen, als in neuen oder gesund vernünf-\ntigen Bahnen voran zu gehen. Demnach verbietet man\nschädliche Bücher, freilich mit der schlimmen Aussicht,\ndurch Verbot den Genuss zu schärfen, wobei dann doch\ndie wirklich giftigen von H. Heine, Eugen Sue, Alex.\nDumas u. s. w. am hellen Tageslichte Aller Augen offen\nliegen und leider von so genannten Conservativen gelesen,\nja, vor unbewachten Jugendseelen nicht verhüllt werden.\nUns scheint aber, dass die bloss negative Thätigkeit,\nanf welche unsere negativen Staatskünstler alle Regierung\nzurück führen möchten, keineswegs die einzige Arbeit der\nWaltenden sei. Vielmehr kann die Regierung auch auf\nwissenschaftlichem und ästhetischem Gebiete mehr wirken\ndurch Position als durch Negation.\nBei öffentlichen Bauten ist schon seit Schinkel ein\nbedeutender Anfang gemacht. Denkmäler, so wenig wir\nauch ihre zeitige Ueberfülle rechtfertigen können, sind doch\nein willkommener Gegenstand für sittlich-ästhetische Ein-\nwirkung. Vor Allem aber kann die öffentliche dramati-\nsche Kunst von oben herab weise geleitet werden, um\nso mehr, als sie heute in tiefem Verfalle sich befindet. Al-\nlerdings hat es auch hier den Schein, dass von oben herab\nmehr hemmend als fördernd einzuwirken sei, weil neue\nSchönheit zu wecken, stille, göttliche Keime fordert, und\nunsere namhaften Dramatiker kaum in Miniatur Theatrali-\nsches, nicht aber im Grossen Dramatisches bis jetzt gelei-\nstet haben. Paul Heyse's edel gebildete „Atalanla\" wird\nsich schwerlich auf die Bühne wagen; was. Ponsard ge-\nleistet, liegt uns fern; Herwegh hat in früher Jugend\nein Drama „ Eulenspiegel\" gebracht, das an poetischer\nKraft weit über seinen gereimten Zeitungs-Artikeln steht,\naber freilich nicht bühnenhaft und obendrein durch fausti-\nsche Plagiate abgeschwächt ist. Von dem verrückten Pro-\npheten der Zukunft Richard Wagner ist in Erwägung\nsolcher dramatischen Misere der sehr zeitgemässe Vorschlag\nerfunden, alle Künste aufzulösen in ein einziges unnennbar\nVerschwommenes, dazu er selbst die Muster geliefert, um\nallen Vernünftigen die Ueberzeugung zu geben, dass seine\nZukunft, seine Allerweltskunst nichts ist als Fanfaronade,\ngleich den welthistorischen Barricaden von Dresden, wo er\nöffentlich „mit der Vergangenheit brach\", wie die leipziger\nPhrase lautet.\nDagegen kann nun freilich nicht bejahend gewirkt wer-\nden, so lange uns schöpferische Genien fehlen, die Bühne\nmit neuen Lebensgestalten zu erfüllen. Hemmung, Umkehr\nthut auch hier noth. Der heutige Zustand der Bühne ver-\nhält sich zum Shakespeare-Schiller'schen fast wie die poli-\ntische Nachblüthe Athens in Demosthenes' Zeitalter gegen\nPerikles' Politik gehalten. Ungeachtet der wachsenden\nTheurung wussten die Demosthenischen Athener mehr\nGeldmittel aufzutreiben, als die Perikleischen, und dennoch"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5064, "texte": "leisteten sie weniger. So unsere Bühnen; welche goldene\nSchatzkammern sind unseren Talenten geöffnet! und was\nleisten sie, verglichen mit Iffland, Schröder, Eckhoff, Gar-\nrick, Talma, Henriette Sontag u. s. w.? Die Sontag erhielt,\nda sie in der Zeit des Ruhmes war, 4000 Fl. Jahresge-\nhalt und unsere Mimen dagegen!\nEine beglaubte Uebersicht bei Küstner (Die deut-\nschen Theater) weis't ein Gesammt-Deficit von 1,056,500\nThlrn. nach, welches im Jahre 1853 —54 von 32 grös-\nseren Bühnen in Deutschland gemacht ist. Von jenem De-\nficit fallen 946,678 Thlr., also über neun Zehntel, auf\nvierzehn Hoftheater, während von den übrigen doch zehn\nBilanz der Einnahme und Ausgabe darstellen. Diese Ueber-\nsicht beweis't unzweideutig, dass mindestens jene Hoftheater\neinem volksthümlichen Kunstbedürfnisse nicht\nentsprechen.\nDeutlicher als jene Zahlen spricht die Stimme des\nVolkes selbst, welches seit einigen Jahren in bekannten\nHauptstädten die Garten-Concerte und Sommer-Theater\nden Kunst-Instiiuten offenherzig vorzuziehen anfängt. Wo\nman, wie schon 1850 in Berlin, im Garten-Concerte für\n5 Sgr. Eintrittspreis eine Beethoven'sche Sinfonie gut spie-\nlen hört, ohne Beigabe des theuren Virtuosen-Luxus und\nanderen Flittergoldes; oder wo wie in einer anderen kunst-\nliebenden Residenz der Barbier von Sevilla auf dem Som-\nmer-Theeter für 2Vi Sgr. besser dargestellt wird [?], als\nvon überfütterten Nachtigallen der königlichen Bühne —da\nist doch wohl keine Frage, dass jene theuren Geldsummen\nin theurer Zeit unnütz vergeudet werden. Auch in Paris\nschon heisst es, wie in Weimar, heutzutage, dass man in\nPrivat-Cirkeln bessere Musik und besser gespielt hört, als\nauf der kaiserlichen Bühne und im Conservatoire.\nDer schlimmste Krebsschaden aber sind die gänzlich\nnichtswürdigen Ballette, welche ja leider von manchem\nhohen Herrn gefördert werden. Für diese kindische Affen-\nKomödie, dieses geist- und naturlose Sprüngeln und Tän-\nzeln mit rechtwinkeliger Beinverrenkung werden Tausende\nverschleudert; high tories und germanische Namen-Christen\nsehen es an und amusiren sich, auch solche, die den Tanz\nsonst für sündlich halten —gegen Luther's Spruch: „Einen\nTanz in Ehren soll Niemand wehren.\"—An etwa fünfzig\nKomödianten in Deutschland wird je 2400 6OOO Thlr.\nJahresgehalt gezahlt, also ungefähr im Ganzen 200,000\nThlr.; dazu die Hüpfer und Springer, die weder Geist noch\nNatur „vertreten\" —macht eine Jahres-Ausgabe, die nicht\nfür Lust und Schönheit, sondern für sündliche Albernheit\nvergeudet wird.\nWas wir von jener Thorheits-Steuer abziehen für ein-\nzelne vernünftig geleitete Bühnen, die wirklich einzel-\nnes Gutes leisten, das wird wieder aufgewogen durch die\nunselige Einrichtung des täglichen Theaters und der\nerhöhten Preise. Um Beide möglich zu machen, sind\nwiederum die den Parisern entlehnten Freibillets und\nClaqueurs leider in das deutsche Bühnenwesen gedrun-\ngen wie denn schon 1830 ein Hoftheater-Inten-\ndant einer deutschen Residenz dergleichen neronisches\nKunstgift nicht Welcher deutsche\nFürst zuerst den verderblichen Luxus der Affen-Komödie\nund die Trödelei der fahrenden Schülerzunft abschaffte\nnun, der wird zwar Anfangs „isolirt\" stehen. Aber durch\nsolche Isolation wird Raum gewonnen für bessere That,\nund am Ende wird Niemand isolirt stehen, als die Lügen-\nPropheten der Kunst. Dem Luxus der Theater wird\nnächst dem Zahlenbeweise zunehmender Bühnen-Bankerotte\nauch die riesenhaft schwellende Langeweile Einhalt thun,\nwelche ganz natürlich sich bildet, wo Jahr aus, Jahr ein\nTheater ist eine zu Sophokles', Shakespeare's, Göthe's\nund Schillers Zeiten noch unbekannte Einrichtung. Damals\nklagte man nicht, wie heute, bei allem Ueberflusse der Zei-\ntungen, Cigarren und Liqueure, über Armuth und theure\nZeit ; desshalb war weniger Langeweile, Neid und Hoch-\nmuth, mehr Vergnüglichkeit, Liebes- und Kunst-Schwär-\nmerei; damals hatte der Idiote mehr Genuss, als heute in\ndieser genussarmen Zeit selbst gefeierte Künstler kennen.\nWären die täglichen Theater abgeschafft oder einge-\nschränkt auf die allergrössten Städte, dann würde immer\nRaum bleiben für die Darstellung lebenspendender Kunst-\nwerke, und es würde bei massigeren Preisen dem Kunst-\nsinne Genüge gethan mit dem Besten, was geblieben ist\naus schöneren Zeiten. Das altdeutsche Theater hat noch\nverborgene Schätze, reich genug, um die Gegenwart zu\nerfreuen und Keime lür die Zukunft zu säen. Arnim hat\nvorbereitet, so viel ihm von Quellen zugänglich war, dem\ngemeinen Verständnisse zu öffnen; wollte Simrock in\ndiesem dankwerthen Werke fortfahren, so bäten wir ihn, auch\ndahin zu sehen, dass seine Uebertragungen mehr volksfass-\nlich als gelehrt erklängen; jenes ist das Verdienst seiner\nNibelungen-Uebertragung, dieses, die Gelehrsamkeit, ist der\nschwarze Schatten, der seinen sonst treu gearbeiteten Par-\ncival verdunkelt. Gänzlich verkehrt lautet der Rathschluss\nder Germanisten vom reinsten Wasser, die da verlangen,\njeder wohlgeborene Deutsche solle von nun an die Nibe-\nlungen in der Grundsprache lesen. Eben so gut könnte ich\nverlangen, dass jeder anständige Mensch Bach'sche Parti"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4636, "texte": "turen zu lesen verstehe. Mit solchen grimmigen Grund-\nsätzen werden die Schatzkammern unseres Volksthums\nverschlossen, statt sie neuwirkend dem Leben zu öffnen.\nUmgekehrt aber: wer neue Dichter lediglich um der Neu-\nheit willen vorzieht, der lasse sich von Römern und Grie-\nchen belehren. Die waren in diesem Punkte vernünftiger,\nals wir; sie sangen und dichteten zwar noch, als die Ader\nder Jugend versiegt war; aber niemals haben sie dieThor-\nheit begangen, ihre alexandrinische und quintilianische Zeit,\nihre Menander und Lykophron, Lukan und Statius den\ngoldenen Früchten der Vergangenheit, dem Homer, So-\nphokles, Horaz, Virgil und Ovid vorzuziehen*). Freilich\nhatten sie damals noch keine Literatur-Zeitungen, keine\nRecensenten-Coterieen und Lobräucherungs-Associations-\nGesellschaften der „Neuzeit\".\nJene Wiederbelebung vaterländischer Schauspiele wäre\nein positives Förderniss von oben herab, das minde-\nstens den Versuch lohnte, so gut wie die Aufführung der\nAntigone in Berlin. Und die verneinende Thätigkeit der\nwaltenden Behörden müsste sich dann auf Abwehr aller\ndenkbaren Leichtfertigkeiten aus dem sittlichen, geselligen\nund politischen Leben richten. Statt dessen begnügen sich\neinige norddeutsche Magistrate mit dem Verbote der\nJudenspottspiele, „um Aufregung und Intoleranz zu\nverhüten\"!! während man jede parisische Unsitllichkeit mit\nWeib und Kind lustig begafft.\nZur bejahend fördernden Thätigkeit pflegt man auch\nzu zählen die Förderung tüchtiger Künstler, die Belohnung\naufstrebender Dichter, die Tantieme der Tonsetzer und\nDramatiker aus den Erträgnissen der Aufführung ihrer\nWerke. Künstlerschulen sind meist nur den Malern, Bild-\nhauern und Architekten in grösserem Maasse aus Staats-\nmitteln gewährt. Für die Tonkunst wäre doch, zumal bei\nüberwuchernder Ausbreitung dieses Gebietes, von oben\nherab mehr zu thun, als geschieht. Eine künftige deutsche\nHochschule der Tonkunst würde vom pariser Conservato-\nrium mit Bescheidenheit entlehnen, was dort lür mechani-\nsche Technik geleistet wird; aber sie müsste breiter und\ntiefer ins Historische und Ideale eindringen, als man bisher\nsowohl in Paris als in Leipzig versucht hat, damit die\nQuellpunkte wahren Tonlebens, seine zeit- und volksthüm-\nliehe Gestaltung, endlich die lebendige Fortbildung und\nfruchtbare Ausübung in Kirche, Haus und Welt durch\nChoral, Kammermusik und Volkslied innig erkannt würden,\num das elende, Zeit und Gesundheit zerstörende Gequike\nund Gedudel endlich zu überwinden. Eine Haupt-Aufgabe\nsolcher Tonschule wäre auch, der kunstauflösenden, schön-\nheitzerstörenden Weise der R. Wagner'schen Zukünftelei\neinen Damm entgegen zu setzen verneinend, indem die-\nsem rationalistischen Hegelthume seine Nichtigkeit erwie-\nsen, bejahend, indem die ursprüngliche Schönheit des Ton-\nlebens in einlältiger Wirklichkeit dargestellt, aufgeführt,\nerlebt würde.\nWie schwer es ist, obrigkeitliche Einwirkung in das\nKunstleben hinein zu führen, haben wir kürzlich an zwei\nentgegengesetzten Erscheinungen erlebt. Vor einem Jahre\nist in einer norddeutschen Residenz dem Regierungsblatte\nverboten worden, Missliebiges über die Hof-Schauspieler,\nden Hof-Capellmeister u. s. w. drucken zu lassen. Nach\ndem, was unseren Staatsmännern und Ministern geschehen\nist, wie sie gehechelt und gestriegelt und ihre Beleidiger\nvon allen Schwurgerichten freigesprochen sind, sollte man\ndoch mindestens erwarten, dass einem übermüthigen Künst-\nler den Nagel aus dem Kopfe zu treiben erlaubt wäre.\nAber dieser hohle Künstlerstolz findet es ganz recht und\nbillig, wenn man ihn beklatscht und versilbert und vergol-\ndet, dagegen die Kritik des Pfeifens und Zischens policei-\nlich straft. Gewiss sehr löblich ob zwar eine schwere\nBeleidigung der untrüglichen Pöbel-Souverainetät war\nder Grundsatz eines verstorbenen Fürsten (das ist unsere\nzweite Erfahrung),alles Klatschen zu verbieten. Ge-\nwiss, wer nicht in grossen Städten es selbst gesehen, der\nglaubt es nicht, was lür Sünde und Schande mit allen\nBeifallszeichen getrieben wird, wie sie das gesunde Urtheil\nvergiften, wie sie längst aufgehört haben, wahre Liebes-\nzeichen der Begeisterung zu sein. Auch ist dieser demo-\nkratische Spuk dem Deutschen ursprünglich fremd, eine\nErrungenschaft aus wälschrömischer Bildung.\n*) Hier nebenbei ein Vorschlag zur Güte: Warum wird von den\naltgriechischen Trauerspielen nicht, anstatt der unserer Ge-\nsinnung ziemlich entfernten Antigone, lieber der ewig uner-\nreichte König Oedipus neu belebt, da hier ein allgemein\nmenschliches Pathos in Kampf und Sühne und ein ergreifend\nschönes Gleichniss der Erbsünde erscheint? Wie Antigone\ndie Gelehrten, so würde Oedipus das Volk entzücken."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-02-21-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-02-21_01#c006", "volume": "bmtnabi_1857-02-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "62", "page_fin": "63", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.2.4", "titre_corps": "Aus dem Holle’schen Verlage", "titre_sommaire": "Aus dem Holle’schen Verlage", "signature_source": "DIXI", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.1.6", "debut_caractere": 4638, "fin_caractere_exclue": 5053, "texte": "Aus dem Holle’schen Verlage\n\nsind wiederum zwei werthvolle Stücke hervorgegangen, die\nwir, wie die früher erwähnten, mit gutem Gewissen em-\npfehlen dürfen. Erstlich der zweite Theil von Clementi's\nSonaten, der den Anfängern besonders zu empfehlen, aber\nauch Fortgeschrittenen manche tüchtige Uebung gewähren\nwird. Es sind 21 Sonaten, Nr. 23 43, und es werden\nnoch zwei Hefte folgen, deren letztes vierhändige Sachen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3592, "texte": "enthält. Clementi (175*2 geboren zu Rom, 1832 gestor-\nben in London, Blüthezeit 1780—1800) war einer der\nBahnbrecher, namentlich in der neueren Sonaten-\nComposition, deren Form durch ihn in die jetzt beliebte\nund seit Beethoven gewöhnliche geordnet ist. Vor ihm wa-\nren die Suitenform (S.Bach), die Phantasie- und die Rondo-\nForm (Seb. und Ph. Emanuel Bach) die üblichen. Eigen-\nthümlich ist der neueren Clementi-Beethoven'schen Form\ndie geschlossene grössere Einheit, während alle\nfrüheren Instrumentalformen entweder einheitlose\nVielheit boten, wie die älteren Suiten denen selbst\nSeb. Bach nicht immer strenge Einheit gab —, oder es\nwaren gegensatzlose Einheiten: Toccaten, Phanta-\nsieen, Rondo's, Ouvertüren, Präludien, Divertimentos. Die\nneue Einheitsform gründet sich auf die logische Gliederung\nvon Satz, Gegensatz, Vermittlung. Diese Dreitheiligkeit er-\nscheint ideal in dem Gehalte der Sätze, deren erster\nmeist in breiter Fülle rauschend, der zweite mild und zärt-\nlich oder melancholisch schwärmerisch, der dritte aufflam-\nmend, witzig, überraschend, leidenschaftlich gestaltet ist;\nund der reale oder technische Ausdruck dieses Gehaltes\nlegt sich dar durch die Gegensätzlichkeit der Tonarten und\nRhythmen. Die spätere Fünftheiligkeitist eine ähnliche Er-\nweiterung des Dreilheiligen, wie im Drama die altrömischen\nfünf Acte, statt der altgriechischen Trilogie.\nBei diesem zweiten Theile der Clementi'schen Sonaten\nist übrigens wiederholt zu bemerken, dass sie deutlich auf\nstarkem, hellem Papier gedruckt und sehr wohlfeil sind,\nauch jede Sonate einzeln zu haben ist für einen Preis, wie\nihn bisher keine andere Buchhandlung so billig gegeben.\nAls Anfrage an den wackeren Verleger möchten wir\nnoch diese stellen: Ob wir auch des verdienten Tonsetzers\nGradus ad Parnassumerwarten dürfen?\nDas andere neueste Verlagswerk ist das unvergäng-\nliche wohltemperirte Ciavier von Seb. Bach, diese\nFundgrube aller musicalischen Weisheit voll Einfalt und\nTiefsinn, Schönheit und Strenge, Witz und Mystik, Mo-\nzart's Liebling und Beethoven's Kleinod.— Dnss auch dies\nhier die erste wohlfeile Ausgabe ist, brauchen wir nach\ndem Vorigen nicht besonders zu versichern; die Peters'-\nsche kostet 5 Thlr., die neueste Breitkopf sehe 6 Thlr.,\ndie Holle'sehe *2Thlr. Daneben hat aber diese Ilolle'-\nsche einen wissenschaftlichen Werth, indem ihr ein Anhang\nbeigegeben ist, der die Varianten enthält. Dem ver-\ndienstvollen Herausgeber, Chrysander in Schwerin, ge-\nbührt dafür unser Dank. Nur um Eines möchten wir ihn\nnoch bitten, nachträglich festzustellen durch historische Be-\nweise, dass die von ihm angenommene Ordnung der zwei\nTheile die richtige sei. Es ist bekanntlich das temperirte\nCiavier in zwei Theilen erschienen, deren erster 1722,\nder andere 1740 zuerst gedruckt ward. Forkel sagt, der\nerste sei weit schwächer als der zweite, jener zeige Spuren\nunreifer Jugend (! obwohl Bach 1722 schon 38 Jahre\nzählte), dieser sei durchaus vollendet. Nun ist die Benennung\nPars I.und ll.in den älteren Ausgaben allerdings die bei\nChrysander inne gehaltene; dagegen existirt eine Peters'-\nsche Ausgabe, die nicht ohne Werth ist (wahrscheinlich\n1806— 16 gedruckt), welche die Ordnung gerade\numkehrt, so dass der üblich erste zum zweiten Theile\nwird und umgekehrt. Aus inneren Gründen zu entschei-\nden, ist schwierig und gewagt, und es sind uns zwei Ken-\nner bekannt, die jeder auf seine Ausgabe schwören. Also\nthue Chrysander ein Uebriges und beweise aus histori-\nschen Documenten die Priorität seines ersten Thei-\nles, so wird er sich manches Forschers und Musikfreundes\ndoppelten Dank erwerben.\n\nDIXI."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-02-21-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-02-21_01#c007", "volume": "bmtnabi_1857-02-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "63", "page_fin": "64", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.1.7", "debut_caractere": 3594, "fin_caractere_exclue": 5670, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nUSerlin. Die Berl. Musik-Ztg. schreibt: „Das Repertoire des\nk. Theaters weis't im verflossenen Jahre folgende neue Opern nach :\n„Tannhäuser\" und „Ein Tag in PtussJand\" von Dorn. Neu einstu-\ndirt wurden „Cortez\" und „Carlo Broschi\". Das Repertoire umfasst,\neinschliesslich der voraufgeführten, 45 verschiedene Opern. Es fin-\nden sich darauf: Gluck mit den beiden Iphigenien, mit Armide\nund Orpheus; Beethoven mit seinem Fidelio; Mozart mit Don\nJuan, Hochzeit des Figaro, Titus, Zauberflöte, Idomeneo; Cherubini\nmit dem Wasserträger; Spontini mit Cortez, Yestalin und Olym-\npia; Weber mit Freischütz, mit Oberon und Euryanthe; Rossini\nmit dem Barbier und Tancredj Halevy mit der Jüdin; Meyerbeer\nmit dem Robert, den Hugenotten, dem Propheten und dem Feld-\nlager; Boieldieu mit Johann von Paris und der Weissen Dame;\nWagner mit dem Tannhäuser; Auber mit der Stummen, mit Fra\nDiavolo, Carlo Broschi, dem Maurer, den Krondiamanten; Bellini\nmit Norma, der Nachtwandlerin, den Capuletti und Montecchi; Do-\nnizetti mit Lucrezia Borgia, Liebestrank, Regimentstochter. Die va-\nterländische (?) Musik war vertreten durch Martha und Stradella\nvon Flotow, Nibelungen und Ein Tag in Russland von Dorn, Czaar\nund Zimmermann von Loiizing, Die lustigen Weiber von Nicolai,\nAdlers Horst von Gläser.\" (Weder Marschner, noch Spohr, noch\nKreutzer sind vertreten, obwohl sich deren Hauptwerke: Vampyr,\nTempler, Heiling, Faust, Jessonda und Nachtlager wohl neben Do-\nnizetti und Bellini sehen lassen können.)\nUresden, 7. Februar. Eine derjenigen Traditionen, welche\nfast alle Märchen- und Sagenbücher durchspukt, unter Anderem\nauch in der herrlichen Novelle „Isabella\" von Achim von Arnim\nbenutzt wurde, ist die vom Galgenmännlein, jenem winzigen Un-\nholde, welcher im „Goldschmied von Ulm\" von Mosenthal sein\nWesen treibt. Der bunte Blumenstrauss, den uns der Verfasser in\ndiesem Stücke bietet, ist theils aus dem heiteren Garten des Mär-\nchens, theils von dem ernsten Felde der Geschichte gepflückt und\ngeschickt geordnet und gewunden, Obgleich das Stück nicht, wie"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5474, "texte": "Manche wollen, ohne allen dramatischen Werth ist, so ist der-\nselbe doch nicht bedeutend genug, um ihm ein günstigeres Loos\nals vielen seiner ephemeren Brüder zu verschaffen, wenn nicht die\ntreffliche Besetzung und prächtige Ausstattung dasselbe über Was-\nser hielten. Die darin enthaltenen Rollen sind meistens sehr dank-\nbar und, die des Altgesellen Heinrich ausgenommen, nicht allzu\nschwierig. Der musicalische Theil (von H. Mar sehn er) ist durch-\nweg melodiös und anmulhig. In der vorgestrigen Aufführung zeich-\nnete sich besonders Herr Liebe (Heinrich) und Fräul. M. Michalesi\n(Katharina) aus.\nAm 5. Februar fand die erste Quartett-Akademie der Herren\nC. Lipinski, k. Concertmeister, Fr. Hüllweck, C. Göring und F. A.\nKummer, Mitglieder der k. Capelle, im Saale des Hotel de Saxe\nStatt. Die Tonstücke waren: 1) Quartett von Mozart, Es-dur, 2)\nQuartett von Beethoven, A-moll, Op. 132, und 3) Quartett von\nHaydn, D-dur, Op. 49. Wie wohlthuend bleibt es, wenn uns,\nwie hier, Gelegenheit gegeben wird, einmal aus der ringenden\nGegenwart wegflüchten zu können zu den Meistern, deren Schö-\npfungen so ganz und ausgeprägt den Stempel des Bewussten tragen !\nDiese glückliche Stimmung wurde festgehalten und gehoben durch\ndie meisterhafte Ausführung des Programms, vorzugsweise möchten\nwir das Andante con moto von Mozart, das Dankgebet eines Wie-\ndergenesenen von Beethoven und das Menuet von Haydn als die-\njenigen Piecen bezeichnen, in welchen die Einheit des Gedankens\nder vortragenden Instrumente unter sich sowohl, wie mit dem\nComponisten zu einem Eindruck gelangt, dessen Wahrheit und\nWärme nicht inniger gedacht werden kann.\nSpeyer. Der hiesige Liederkranz feierte am 31. Januar sein\nStiftungsfest. Dasselbe wurde mit einem inhaltreichen Vortrage über\nden Männergesang eingeleitet, welcher folgender Maassen schloss:\n„Worin sind die Erfolge begründet, die der Männergesang in\nder kurzen Zeit seines Bestehens errungen hat, und was sichert\nihm eine schöne, herrliche Zukunft? Es ist zunächst die sittliche\nKraft, die ihm innewohnt, die das Gemeine, Niedrige fern hält,\nedle Empfindungen erweckt, bildet, bessert und Tausende vom\nPfade des Irrthums und des Lasters in die Arme der Tugend\nlührt; es ist seine religiöse Kraft, die das Gemüth entflammt zur\nAndacht; es ist seine einigende und versöhnende Kraft, die das\nGetrennte verbindet, Gelühle der Freundschaft und Liebe erzeugt\nund ein Band schlingt um die Stämme des deutschen Volkes; es\nist die Gewalt, mit der das kräftige Wort, geeint mit der beleben-\nden Melodie und Harmonie, das Herz erfasst, es stimmt zu Lust\nund Schmerz, und es zu begeistern vermag zu Kampf und Tod.\nDamit ist zugleich die Mission angedeutet, die der Männergesang\nzu erfüllen hat, die Aufgabe, an deren Lösung auch wir mit zn\narbeiten haben. Aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, wird uns\nder Männergesang mehr sein als eine blosse gesellschaftliche Unter-\nhaltung, er wird zu einem Wirken im Dienste der Menschheit. In\nunserem Streben nach diesem Ziele leite auch uns der Wahlspruch\nder kölner Sänger: „„Durch das Schöne zum Guten!44\"\nWien« Am 18. Januar in den Abendstunden Hessen die Brü-\nder Alfred (19 Jahre alt) und Henry Holmes (17 Jahre) aus\nLondon sich hören. Sie spielten zusammen ein „Grand Duo Con-\ncertant\" für zwei Violinen von L. Spohr, dann eines von M. Haupt-\nmann und den Marsch aus Mendelssohn's Sommernachtstraum, für\n«\nzwei Violinen arrangirt; ferner trug Alfred Holmes ein von ihm\ncomponirtes Violin-Solo, „Variations de Co?icert\" und Henry Hol-\nmes „Nocturne et Morceau romantiqne pour le Violon6ly ebenfalls\nvon eigener Composition, allein vor. Die Concertgeber fanden Bei-\nfall, namentlich im Zusammenspiel und wegen ihrer ausserordent-\nlichen Technik.\nEin Büchlein der Madame Mainville-Fodor heisst „/ie-\nflexions et conseils sur l'art du chant\" und hat 15 Seiten in Octav.\nMeyer beer s Prophet darf in Bologna auf höheren Befehl\nnicht gegeben werden.\nVieuxtemps weilte auch eine Zeit lang in Nizza, das der\nRendezvous-Platz der europäischen Virtuosen geworden war.\nAmsterdam. Im achten Concerte der Gesellschaft „Felix\nmeritis\", das am 23. Januar Statt hatte, enthusiasmirte Madame\nBock holz-Fal con i die Zuhörerschaft. Sie sang die grosse Arie\naus „Oberon\", eine „Sicilienne\" von Pergolese und die für die Ma-\nlibran componirten Variationen von Hummel. Der Pianist Schau-\nseil aus Köln trug ein Concert von Mendelssohn, eine „Nocturne\"\nvon Chopin und ein „Impromptu\" von Hiller mit Beifall vor. Un-\nter den Instrumentalstücken gefiel am meisten das Septett von\nBeethoven.\n19 e u t s c Ii e Tonhalle.\nDer Verein setzt hiermit einen Preis von fünfzehn Ducaten aus\nfür eine Sonate in den üblichen vier Sätzen für Ciavier allein\n(zweihändig), welche zum Zwecke des allgemeineren Gebrauches in\nder Ausführung nicht schwieriger ist als z. B. Mozart's bekannte\nPhantasie und Sonate in C-moll und die leichteren Sonaten von\nBeethoven.\nDie Preisbewerbungen sind im Monat Juli d. J. „der deut-\nschen Tonhalle\" hieher frei und in der bis jetzt üblichen Weise,\nwie solche die Vereins-Satzungen andeuten, einzusenden.\nWann demnächst die zu erwählenden drei Herren Preisrichter\ndie eingekommenen Werke beurtheilt haben, werden wir den Er-\nfolg anzeigen und dem Verfasser des preisgekrönten Werkes die-\nses sein Eigenthum, so wie den Preis zusenden; die übrigen Be-\nwerbungen aber nur auf unmittelbares Einfordern im Verlauf\nvon sechs Monaten nach dieser Erfolg-Anzeige verabfolgen lassen.\nMannheim, Februar 1857.\nDer Vorstand."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie Weihe des Frühlings [Ver sacrum).Für Soli, Chor und Orchester componirt von F. Hill er. 111. Die\nBedeutung der schönen Kunst. 11. Von A. E. R. Aus dem Holle'schen Verlage. Von DIXI. Tages- und Unterhaltungs-\nblatt (.Berlin, Repertoire des k. Theaters Dresden, Quartett-Akademie Speyer, Liederkranz Wien, Gebrüder Holmes Am-\nsterdam, Concert der Gesellschaft „Felix meritis\" Deutsche Tonhalle, Preis-Aussehreiben).\n\nDie Weihe des Frühlings (Ver sacrum).\nFür Soli, Chor und Orchester componirt\nvon\nFerdinand Hiller.\n\nIII.\n(S. Nr. 5 und 6)\nDie Arie des Priesters, mit welcher der zweiteTheil\nbeginnt, ist zwar in Einem Tempo, aber ohne eigentliche\nWiederholungen geschrieben. Sie bewegt sich zwischen\nGelühlen des Dankes und der Wehmuth hin und her (D-\n-moll und D-dur, Andante mosso, %); als kurzes Zwischen-\nspiel tauchen die Töne einige Mal wieder auf, in welchen\nder Priester zu Anfang die Worte: „Und zwiefach ist die\nSeele mir bewegt\", ausspricht. Sie schliesst als vollständig\nselbstständiges Musikstück ab, das durch seinen einfachen\nund tief empfundenen Ausdruck (besonders in der Stelle:\n„O, zürne nicht, wenn sich ein fühlend Herz in meinem\nBusen regtl\") eine vortreffliche Wirkung macht.\nDen Contrast, den der Text durch die unmittelbare\nFolge des Heranziehens der Hirten und Landleute mit\nihren Opfergaben beabsichtigt, hat der Componist auf sehr\ngelungene Weise dargestellt. Das Haupt-Motiv des Chors:\nwird erst von den Bläsern allein mit Begleitung von Pizzi-\ncati-Accorden der Saiten-Instrumente und einzelnen Trian-\ngelklängen 24 Tacte lang bis zum Schlüsse auf der Domi-\nnante vollständig vorgebracht, worauf dann die Stimmen\neinsetzen. Als einen glücklichen Gedanken müssen wir her-\nvorheben, dass die Gesangbässe in diesem Chor gar nicht\nauftreten. Sopran und Tenor führen die Melodie im Ein-\nklang, und der getheilte Alt füllt die Zwischen-Harmonie.\nMan kann sich nichts einfach Lieblicheres denken, als die-\nses ebenfalls vollkommen abgeschlossene Musikstück;\ndiese zwei ersten Nummern des zweiten Theiles sind, zu-\nmal in ihrer Aufeinanderfolge, so echt musicalisch ergrei-\nfend und erwärmend, wie man sie in der Vocalmusik der\nNeueren seilen findet.\nIm folgenden Recitativ des Priesters macht sich zu-\nnächst nach den Worten, mit welchen er den heiligen Speer\nwieder in den Boden pflanzt, ein kurzes, feierlich kräftiges\nZwischenspiel, dem ein Trompetenruf folgt, vortheilhaft be-\nmerklich, und dann die mysteriösen, dunkeln Harmonieen,\nunter welchen das „ inhaltschwere Wort sich zu befreien\nringt.\" Sie regen das Volk zu dem Chor: „Der Seher\nschweigt!\" an (Andante, C-moll, 2A), der im Ausdruck\nder ängstlichen Demuth und der Ahnung von etwas\nSchmerzlichem trotz seiner Kürze ein bedeutendes Stück\nist; besonders ist der Schluss eindringend, wo zuerst der\nTenor, dann der Alt die Worte aussprechen: „In Freude\nweben die Götter Trauer!\" —-, dann Alle dasselbe Gefühl\nzu lautem Ausbruch bringen und es eben so plötzlich, wie\nüber sich selbst erschrocken, wieder dahin sterben lassen.\nNach dem Recitativ, in welchem der Priester die For-\nderung eines Menschenopfers verkündet, fällt der Chor:\n„Weh! welch ein Spruch!\" mit unwillkürlichen Ausrufun-\ngen des Entsetzens ein, die auf einer stürmisch bewegten\nFigur der Streich-Instrumente (Allegro vivace, G-moll, 4/i)\nzu unregelmässigem Ausbruche kommen, bis bei dem plötz-\nlichen Unisono-Einsatz der Posaunen, Bässe und Geigen\nauf ges zu den Worten: „Ich bin erstarrt!\" die Stimmen\nAnfangs einzeln eintreten, dann sich aber in ergreifender\nModulation zu einem erschütternden Gesammt-Accord stei-\ngern, um wieder leise verhallend mit abgebrochenen Nach-\nklängen der Instrumente nach Dzu verschwinden. Diese"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.1.2", "texte": "wenigen Tacte dürften leicht eine der hervorragendsten Stellen\ndes ganzen Werkes bilden; es ist darin mit den einfach-\nsten Mitteln eine Wirkung erzielt, die an Gluck erinnert.\nAuch die darauf in D-moll eintretende Wendung des Chors\nzu wehmüthiger Betrachtung: „Ach, es ist hart, das junge\nLeben dahin zu geben!\" trägt den Charakter Gluck'scher\nEinfachheit, zumal wenn sie mit Ausdruck gesungen wird.\nUnmittelbar anschliessend ergreifen die Krieger das Wort:\n„Ja, das ist Fluch!\" in einem Allegro con impeto (G-moll,\n%), welches uns mit der starken Instrumentirung und in\ndieser musicalischen Umgebung etwas zu modern wild und\ntrotzig vorkommt. Der Schluss drückt indess das Eindrin-\ngen auf den Priester prägnant genug aus. Das Recitativ,\nin welchem dieser die Frevler zurückweist, ist durch seine\nZwischenspiele mit den langen Pausen und durch das Nach-\nspiel, das in unregelmässigen Rhythmen vom Fortissimo bis\nins Pianissimozurückweicht, sehr originel; es drückt die\nMischung von Scheu und Groll in den Zurücktretenden\nund die mächtige Wirkung der eifernden Priesterworte auf\ndie Empörer bis zum Verstummen auf wahrhaft dramatisch-\nmalerische Weise aus.\nEs folgt nun die Scene, in welcher sich der junge\nFührer der Albaner (Tenor) und Camilla, seine Ge-\nliebte, zum Opfer darbieten. Die Worte sind in recitativi-\nschen Arioso-Sälzen componirt. Der erste Ruf des Füh-\nrers: „Haltet ein!\" verschwindet mitten in einem steigen-\nden Fortissimo des Orchesters zu sehr; es ist dies eine Si-\ntuation, in welcher es nicht so sehr darauf ankommt, durch\ndie Modulation die Wendung der Handlung auszudrücken,\nals durch die Singstimme, da hier durchaus die Persönlich-\nkeit sich geltend machen muss. Wenn der Tenor unmittel-\nbar nach dem Fortissimo-Tacte des Orchesters (welcher\ndas entschlossene Hervortreten des jungen Helden ganz\ngut schildert) oder wenigstens mit dem letzten Viertel\nzu einer Fermate auf das erste Viertel des folgenden Tac-\ntes aufsteigend einsetzte, so würde das Verständniss und\ndie Wirkung der Stelle bedeutender sein. In den übrigen\ndeclamatorischen Sätzen treten die Worte der Camilla:\n„Die Opferbraut sei du!\" als besonders ausdrucksvoll\nhervor.\nDas nun folgende grosse Terzett zwischen Camilla,\nFührer und Priester ist ein abgeschlossenes Gesangstück in\nzwei Tempi's (G-dar, Andante, %, und Allegro con fuoco,\n4/4). Im ersten Tempo treten der Tenor, der Sopran, der\nBariton einzeln nach einander auf, bis sie sich vereinigt zu\neinem Allegrosatze hin steigern, welcher, gleichsam in der\nMilte anfangend und sich im Tempo und in der bewegteren\nAussprache der Empfindung bis zum Schlüsse antreibend,\nnur unmittelbar vor diesem den Stimmen vergönnt, sich\nnoch einmal in milder Auflösung zu vereinigen. Das Ganze\nbildet ein glänzendes Ensemble, das eben so glänzend, viel-\nleicht zu glänzend, instrumentirt ist.\nDie Musik zum Opferzuge bewegt sich\nin feierlicher Ruhe, die nach der vorhergehenden Aufregung\ndem Ohre willkommen ist, zwischen weichen und energi-\nschen Klängen durch die Tonarten B- und F-dur und D-\nmoll in breiten Rhythmen dahin, auf welche bei der Wie-\nderholung des Haupt-Motivs der Chor sein Mitgefühl mit\ndem Loose der Jungfrau fast halb gesprochen hinhaucht,\nund zwischen deren letzten B—lo Tacten (dem kräftigen\nTheile des Marsches) der Priester im höchsten Pathos die\nWorte singt, die das Zücken des Stahls auf das Opfer\nverkünden.\nIn dem Augenblicke fällt das Orchester mit furchtba-\nrer Klanggewalt ein, die Pauke rollt ihre Donner, die Vio-\nlinen und die kleine Flöte durchzucken die Luft mit ihren\nTriolen-Blitzen, der Chor, theils in Ausrufungen einzelner\nStimmen, theils in vollen vierstimmigen Accorden, begleitet\ndie Erscheinungen des flammenden Wunders, bis sich die\nverschiedenen plastischen Gruppen der Erstaunenden zu\nEiner vereinigen, der sich die Ahnung einer Wendung des\nGeschickes in einem Gebete entringt, welches lösend und\nbefreiend wirkt, getragen von zitternden Accorden des\nGeigen-Quartetts, in denen gleichsam der ängstliche Schlag\ndes Herzens fortklingt\nwährend der Mund\nHoffnung ausspricht.\nDie feierlichen Worte des Priesters, welche die Deu-\ntung des Wunders enthalten, sind pathetisch und nicht im\nGeringsten von den Instrumenten gedeckt behandelt; na-\nmentlich machen die bloss von zwei Accorden der tiefen\nClarinetten und der Fagotte begleiteten Worte: „Du willst\nnicht Tod, du willst die That!\" eine erschütternde Wir-\nkung. Zu den Worten der Weissagung über die Gründung\nRoms: „Von sieben Hügeln hör' ich sieben Ströme rau-\nschen\" u. s. w., beginnt im Orchester ein leises Schwir-\nren [A-moll,3/a), das zu einem grossen anwächst\nund den Priester zu der kräftig rhythmisirten, von kurzen\nViolin-Figuren umsprühten Melodie trägt: „Dort sollt ihr\nMars und Vesta Tempel bauen!\" u. s. w.*)\nBe geistert fällt der Chor ein und lässt namentlich die\nWorte: „Du willst die Kraft, die Leben schafft!\" auf\n\n*) Der Anfang dieses Solos, das in den ersten Aufführungen\netwas zu lang erschien, hat durch eine Verkürzung an Wir-\nkung noch mehr gewonnen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.1.3", "texte": "wahrhaft kräftige Weise ertönen. Während im Orchester\ndie Haupt-Melodie dieses Chors verklingt, fordert der junge\nFührer seine und Camilla's Altersgenossen auf, ihm zu fol-\ngen. Diesem Aufrufe reiht sich ein zwar kurzes (wie es die\nHandlung hier nicht wohl anders duldet), aber durch\nPrägnanz des Charakteristischen und durch Verschmelzung\nder Klangfarben der Männer- und Frauenstimmen unge-\nmein schönes Stück an, in welchem zuerst die Jünglinge\ndie Verse: „Wir folgen dir, wie einem Göttersohne, dem\nHelden nur gebührt die Königskrone!\" in einer vierstim-\nmig gesetzten Melodie von entschiedener Farbe singen, zu\nderen Wiederholung aber als Unisono die Jungfrauenstim-\nmen in sehr selbstsländig gelührter Weise auf die WTorte\ntreten: „Ob wir auch nie die Heimat wieder schauen, dem\nneuen Sterne wollen wir vertrauen!\" Es ist dies wieder\neine von denjenigen Stellen, welche für die selbstständige\nMacht der Tonkunst der Poesie gegenüber schlagenden\nBeweis führen; der Musiker überflügelt dabei den Dichter\nbei Weitem.\nHierauf führt das Orchester auf einfache Weise nach\nAs-dur in das Vocal-Quartett der beiden Soprane (Prie-\nslerin und Camilla), des Tenors und des Baritons. Dieses\nGesangstück ohne Instrumental-Begleitung (Andante), mit\nseiner einfach schönen Führung und Verschmelzung der\nMelodieen, welche die beruhigende Empfindung der Ver-\nsöhnung und glücklichen Befreiung aus Gefahren auf in-\nnigste Weise aussprechen, ist, wie der Hymnus an die\nNacht im ersten Theile, eine Perle von echtem, unvergäng-\nlichem Werthe und lür die Sänger sehr dankbar.\nDer Schlusschor des ganzen Werkes schliesst sich un-\nmittelbar an (Andante, E-dur, Während die Flöten\nin den höchsten Höhen schimmern, die Geigen in breiten\nFiguren abwärts fallen, iritonirt der Chor auf einem lange\ngehaltenen H der Bässe die Worte: „Schon lenkt der\nSonnengott an goldnen Zügeln die Rosse hinab ins Meer\nzur Ruh'!\" Nachdem er die zwei folgenden Verse (die\nAufforderung, mit dem anbrechenden Morgen nach der\nneuen Heimat auszuziehen) im Unisono gleichsam recitati-\nvisch gesungen, fällt er in ein /4: » Dort\nsollt ihr Mars und Vesta Tempel bauen!\" u. s. w. Es tritt\nzunächst eine marschartige Melodie ein, die der Chor im\nUnisono bringt; das Orchester nimmt sie auf, und nun ru-\nfen die einzelnen Chorstimmen wie in Aufregung vordrin-\ngende Volksgruppen ihr „Heil! Triumph und Heil!\" da-\nzwischen, bis sich zuletzt Alle wieder zu den kräftigen und\nprachtvollen Schluss-Accorden vereinigen.\nWozu sollen wir noch die Bemerkung hinzufügen, dass\ndiese kurze Analyse nur eine höchst unvollkommene Vor-\nstellung von dem musicalischen Werthe dieses grossartigen\nWerkes geben kann? Das versteht sich ja ohnehin von\nselbst. Allein den Versuch zu machen, wenigstens die For-\nmen des Ganzen in ihren Umrissen und in ihrer Folge dar-\nzulegen, hielten wir einer so hervorleuchtenden Erscheinung\ngegenüber für Pflicht, um so mehr, als sie einer ganz eige-\nnen Gattung angehört und nach unserem Urlheile aus\nneuester Zeit kein Werk vorhanden ist, welches dies, was\ndurch den Fortschritt der Tonkunst an neuen Hülfsmitteln\nzugeführt worden ist, auf so geniale Weise um das gedie-\ngene Gold eines wahren musicalischen Inhalts grup-\npirte und erfahrenes Wissen mit schwunghafter Phantasie\nzu dramatischer Wirkung vereinigte.\n\nL. B.\n\nDie Bedeutung der schönen Kunst.\nII.\n(S. Nr. 7.)\nUnd dennoch ertragen wir eher die unvergeistete Na-\ntur, als die schönheitleere Geistigkeit. Volk und Gelehrte,\nKünstler und Empfangende, Alle thun im Stillen dieses Be-\nkenntniss, dass im Lande der Schönheit zuerst nach Na-\ntur die Frage sei. Woher dieses? Wahrscheinlich dess-\nhalb, weil die Natur, vom Menschen nachgeschaffen, alle-\nzeit einen leisen Ueberhang zum Geistleben offenbart, wäh-\nrend umgekehrt der Geist, der nicht im Geleite gewaltiger\nNaturgaben auftritt, ganz nothwendig in das Logische oder\nMoralische umschlägt.\nHier nun zeigt sich, wie das einfältige Volk, d. h. das\nnicht von Leithammeln gehänselte und von tendentiösen\nJournalen gerade aus gehetzte, sondern das unbefangen\nschauende und hörende Volk, wo es noch wirklich vor-\nhanden ist, ganz naturgemäss urtheilt, indem es der un-\nvergeisteten Natur den Vorzug gibt vor unschöner Geistig-\nkeit. Daher denn ganz mit Recht die Barcarole, die nicht\nAuber, sondern der italische erfunden, weit leben-\ndiger eingedrungen ist, als die octroyirten Volkslieder von\nRückert und Schumann, die Niemand für Volkslieder gibt,\nals einige nervöse Weiber am Ciavier. Und daher wird\nauch, wie bereits einige Jahrzehende historischer Erfahrung\nzu beweisen scheinen, das leichtfertigste Sinnengebilde z. B.\nvon Bellini, Donizetti, Auber, Verdi, ja, sogar Jakob Meyer\nBeer's (desselben, der sich im Buchhandel Giacomo Meyer-\nbeer nennt) Ungeheuerlichkeiten nebst allen übrigen Ver-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.1.4", "texte": "tretern halbgeistiger Natur-Prophetie den Vorrang behalten\nvor allen scharfsinnigsten Erdenknissen der Geist-Specu-\nlations-Künstler, mögen diese auch noch so sehr der Zeit-\nmeinung schmeicheln, mögen sie auch hunderttausend Mal\nversichern: der Mensch ist Gott. —ln jenem stillen Zeug-\nnisse für die Leibhaftigkeit des Schönen vernehmen\nwir eine Bestätigung jenes mystischen Satzes: „Leiblichkeit\nist das Ende der Wege Gottes.\"\nVon den äussersten Linken der spiritualistischen Geist-\nTechnik mögen etwa genannt werden: Gutzkow mit sei-\nnen eiskalten, Hebbel mit seinen scheinbar blutigen, in-\nnerlich trockenen und lehrhaften Gestalten, Richard\nWagner mit seinen vollkommen bildlosen, aber freilich\ndurch Blech- und Lampendunst erhitzten Tonbildereien;\ndas sind die heute Bekanntesten, die bei ihrer Partei als\nEröffner der Zukunft gepriesen, von Unbefangenen dage-\ngen als Wiederbringer der zweiten schlesischen Schule er-\nkannt sind. Edlere Naturen, die auch zum Kunst-Spiri-\ntualismus hinneigen, wie z. B. Lessing und Rückert,\nfühlen es doch selber, gleich Klopstock, dass bei ihnen\nder Wille grösser ist als die Nalurgabe. Noch höher hinauf\nmöchte man zusammenstellen Mendelssohn, den Ton-\nsetzer, und Kauibach, den Historienmaler, beide an Ga-\nben die grosse Masse überragend und doch leider mehr\ndidaktisch als prophetisch, mehr kritisch gelehrt nachdich-\ntend, als urkräftig neugestaltend.\nUm alle diese Dinge zu begreifen, dazu bedarf es nicht\nhoher Künste des Gedankens, nicht des Hegel'schen Be-\nwusstseins vom Wissen des Gewussten; sondern wo eine\nSeele der Schönheit bedürftig ist, die findet, wo wahrhaft\ngegeben wird. Und diesem einfältigen Sinne nachzugehen,\ndas wäre Pflicht der Leitenden. Leitende sind theils Regie-\nrende, theils Lehrende. Sehen wir ihre Pflichten näher an,\num zu ermessen, wie weit sie menschlich erfüllbar und\nwirklich erfüllt sind.\nIst das Schönheitleben ein wesentliches Glied des gei-\nstigen Lebens überhaupt, so dürfen es die Waltenden nicht\ngleichgültig beachten. Man nimmt gewöhnlich an, in sol-\nchen Dingen stehe der Regierung mehr zu, das Schädliche\nzu hemmen, als das Bessere zu fördern, da die Besserung\nim geistigen Gebiete eher Sache der freien genialen Schö-\npfung sei. Nun müssen wir zugeben, dass es gesetzlich\nleichter ausführbar ist, Hässliches, Unsittliches und Gefähr-\nliches zurück zu weisen, als in neuen oder gesund vernünf-\ntigen Bahnen voran zu gehen. Demnach verbietet man\nschädliche Bücher, freilich mit der schlimmen Aussicht,\ndurch Verbot den Genuss zu schärfen, wobei dann doch\ndie wirklich giftigen von H. Heine, Eugen Sue, Alex.\nDumas u. s. w. am hellen Tageslichte Aller Augen offen\nliegen und leider von so genannten Conservativen gelesen,\nja, vor unbewachten Jugendseelen nicht verhüllt werden.\nUns scheint aber, dass die bloss negative Thätigkeit,\nanf welche unsere negativen Staatskünstler alle Regierung\nzurück führen möchten, keineswegs die einzige Arbeit der\nWaltenden sei. Vielmehr kann die Regierung auch auf\nwissenschaftlichem und ästhetischem Gebiete mehr wirken\ndurch Position als durch Negation.\nBei öffentlichen Bauten ist schon seit Schinkel ein\nbedeutender Anfang gemacht. Denkmäler, so wenig wir\nauch ihre zeitige Ueberfülle rechtfertigen können, sind doch\nein willkommener Gegenstand für sittlich-ästhetische Ein-\nwirkung. Vor Allem aber kann die öffentliche dramati-\nsche Kunst von oben herab weise geleitet werden, um\nso mehr, als sie heute in tiefem Verfalle sich befindet. Al-\nlerdings hat es auch hier den Schein, dass von oben herab\nmehr hemmend als fördernd einzuwirken sei, weil neue\nSchönheit zu wecken, stille, göttliche Keime fordert, und\nunsere namhaften Dramatiker kaum in Miniatur Theatrali-\nsches, nicht aber im Grossen Dramatisches bis jetzt gelei-\nstet haben. Paul Heyse's edel gebildete „Atalanla\" wird\nsich schwerlich auf die Bühne wagen; was. Ponsard ge-\nleistet, liegt uns fern; Herwegh hat in früher Jugend\nein Drama „ Eulenspiegel\" gebracht, das an poetischer\nKraft weit über seinen gereimten Zeitungs-Artikeln steht,\naber freilich nicht bühnenhaft und obendrein durch fausti-\nsche Plagiate abgeschwächt ist. Von dem verrückten Pro-\npheten der Zukunft Richard Wagner ist in Erwägung\nsolcher dramatischen Misere der sehr zeitgemässe Vorschlag\nerfunden, alle Künste aufzulösen in ein einziges unnennbar\nVerschwommenes, dazu er selbst die Muster geliefert, um\nallen Vernünftigen die Ueberzeugung zu geben, dass seine\nZukunft, seine Allerweltskunst nichts ist als Fanfaronade,\ngleich den welthistorischen Barricaden von Dresden, wo er\nöffentlich „mit der Vergangenheit brach\", wie die leipziger\nPhrase lautet.\nDagegen kann nun freilich nicht bejahend gewirkt wer-\nden, so lange uns schöpferische Genien fehlen, die Bühne\nmit neuen Lebensgestalten zu erfüllen. Hemmung, Umkehr\nthut auch hier noth. Der heutige Zustand der Bühne ver-\nhält sich zum Shakespeare-Schiller'schen fast wie die poli-\ntische Nachblüthe Athens in Demosthenes' Zeitalter gegen\nPerikles' Politik gehalten. Ungeachtet der wachsenden\nTheurung wussten die Demosthenischen Athener mehr\nGeldmittel aufzutreiben, als die Perikleischen, und dennoch"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.1.5", "texte": "leisteten sie weniger. So unsere Bühnen; welche goldene\nSchatzkammern sind unseren Talenten geöffnet! und was\nleisten sie, verglichen mit Iffland, Schröder, Eckhoff, Gar-\nrick, Talma, Henriette Sontag u. s. w.? Die Sontag erhielt,\nda sie in der Zeit des Ruhmes war, 4000 Fl. Jahresge-\nhalt und unsere Mimen dagegen!\nEine beglaubte Uebersicht bei Küstner (Die deut-\nschen Theater) weis't ein Gesammt-Deficit von 1,056,500\nThlrn. nach, welches im Jahre 1853 —54 von 32 grös-\nseren Bühnen in Deutschland gemacht ist. Von jenem De-\nficit fallen 946,678 Thlr., also über neun Zehntel, auf\nvierzehn Hoftheater, während von den übrigen doch zehn\nBilanz der Einnahme und Ausgabe darstellen. Diese Ueber-\nsicht beweis't unzweideutig, dass mindestens jene Hoftheater\neinem volksthümlichen Kunstbedürfnisse nicht\nentsprechen.\nDeutlicher als jene Zahlen spricht die Stimme des\nVolkes selbst, welches seit einigen Jahren in bekannten\nHauptstädten die Garten-Concerte und Sommer-Theater\nden Kunst-Instiiuten offenherzig vorzuziehen anfängt. Wo\nman, wie schon 1850 in Berlin, im Garten-Concerte für\n5 Sgr. Eintrittspreis eine Beethoven'sche Sinfonie gut spie-\nlen hört, ohne Beigabe des theuren Virtuosen-Luxus und\nanderen Flittergoldes; oder wo wie in einer anderen kunst-\nliebenden Residenz der Barbier von Sevilla auf dem Som-\nmer-Theeter für 2Vi Sgr. besser dargestellt wird [?], als\nvon überfütterten Nachtigallen der königlichen Bühne —da\nist doch wohl keine Frage, dass jene theuren Geldsummen\nin theurer Zeit unnütz vergeudet werden. Auch in Paris\nschon heisst es, wie in Weimar, heutzutage, dass man in\nPrivat-Cirkeln bessere Musik und besser gespielt hört, als\nauf der kaiserlichen Bühne und im Conservatoire.\nDer schlimmste Krebsschaden aber sind die gänzlich\nnichtswürdigen Ballette, welche ja leider von manchem\nhohen Herrn gefördert werden. Für diese kindische Affen-\nKomödie, dieses geist- und naturlose Sprüngeln und Tän-\nzeln mit rechtwinkeliger Beinverrenkung werden Tausende\nverschleudert; high tories und germanische Namen-Christen\nsehen es an und amusiren sich, auch solche, die den Tanz\nsonst für sündlich halten —gegen Luther's Spruch: „Einen\nTanz in Ehren soll Niemand wehren.\"—An etwa fünfzig\nKomödianten in Deutschland wird je 2400 6OOO Thlr.\nJahresgehalt gezahlt, also ungefähr im Ganzen 200,000\nThlr.; dazu die Hüpfer und Springer, die weder Geist noch\nNatur „vertreten\" —macht eine Jahres-Ausgabe, die nicht\nfür Lust und Schönheit, sondern für sündliche Albernheit\nvergeudet wird.\nWas wir von jener Thorheits-Steuer abziehen für ein-\nzelne vernünftig geleitete Bühnen, die wirklich einzel-\nnes Gutes leisten, das wird wieder aufgewogen durch die\nunselige Einrichtung des täglichen Theaters und der\nerhöhten Preise. Um Beide möglich zu machen, sind\nwiederum die den Parisern entlehnten Freibillets und\nClaqueurs leider in das deutsche Bühnenwesen gedrun-\ngen wie denn schon 1830 ein Hoftheater-Inten-\ndant einer deutschen Residenz dergleichen neronisches\nKunstgift nicht Welcher deutsche\nFürst zuerst den verderblichen Luxus der Affen-Komödie\nund die Trödelei der fahrenden Schülerzunft abschaffte\nnun, der wird zwar Anfangs „isolirt\" stehen. Aber durch\nsolche Isolation wird Raum gewonnen für bessere That,\nund am Ende wird Niemand isolirt stehen, als die Lügen-\nPropheten der Kunst. Dem Luxus der Theater wird\nnächst dem Zahlenbeweise zunehmender Bühnen-Bankerotte\nauch die riesenhaft schwellende Langeweile Einhalt thun,\nwelche ganz natürlich sich bildet, wo Jahr aus, Jahr ein\nTheater ist eine zu Sophokles', Shakespeare's, Göthe's\nund Schillers Zeiten noch unbekannte Einrichtung. Damals\nklagte man nicht, wie heute, bei allem Ueberflusse der Zei-\ntungen, Cigarren und Liqueure, über Armuth und theure\nZeit ; desshalb war weniger Langeweile, Neid und Hoch-\nmuth, mehr Vergnüglichkeit, Liebes- und Kunst-Schwär-\nmerei; damals hatte der Idiote mehr Genuss, als heute in\ndieser genussarmen Zeit selbst gefeierte Künstler kennen.\nWären die täglichen Theater abgeschafft oder einge-\nschränkt auf die allergrössten Städte, dann würde immer\nRaum bleiben für die Darstellung lebenspendender Kunst-\nwerke, und es würde bei massigeren Preisen dem Kunst-\nsinne Genüge gethan mit dem Besten, was geblieben ist\naus schöneren Zeiten. Das altdeutsche Theater hat noch\nverborgene Schätze, reich genug, um die Gegenwart zu\nerfreuen und Keime lür die Zukunft zu säen. Arnim hat\nvorbereitet, so viel ihm von Quellen zugänglich war, dem\ngemeinen Verständnisse zu öffnen; wollte Simrock in\ndiesem dankwerthen Werke fortfahren, so bäten wir ihn, auch\ndahin zu sehen, dass seine Uebertragungen mehr volksfass-\nlich als gelehrt erklängen; jenes ist das Verdienst seiner\nNibelungen-Uebertragung, dieses, die Gelehrsamkeit, ist der\nschwarze Schatten, der seinen sonst treu gearbeiteten Par-\ncival verdunkelt. Gänzlich verkehrt lautet der Rathschluss\nder Germanisten vom reinsten Wasser, die da verlangen,\njeder wohlgeborene Deutsche solle von nun an die Nibe-\nlungen in der Grundsprache lesen. Eben so gut könnte ich\nverlangen, dass jeder anständige Mensch Bach'sche Parti"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.1.6", "texte": "turen zu lesen verstehe. Mit solchen grimmigen Grund-\nsätzen werden die Schatzkammern unseres Volksthums\nverschlossen, statt sie neuwirkend dem Leben zu öffnen.\nUmgekehrt aber: wer neue Dichter lediglich um der Neu-\nheit willen vorzieht, der lasse sich von Römern und Grie-\nchen belehren. Die waren in diesem Punkte vernünftiger,\nals wir; sie sangen und dichteten zwar noch, als die Ader\nder Jugend versiegt war; aber niemals haben sie dieThor-\nheit begangen, ihre alexandrinische und quintilianische Zeit,\nihre Menander und Lykophron, Lukan und Statius den\ngoldenen Früchten der Vergangenheit, dem Homer, So-\nphokles, Horaz, Virgil und Ovid vorzuziehen*). Freilich\nhatten sie damals noch keine Literatur-Zeitungen, keine\nRecensenten-Coterieen und Lobräucherungs-Associations-\nGesellschaften der „Neuzeit\".\nJene Wiederbelebung vaterländischer Schauspiele wäre\nein positives Förderniss von oben herab, das minde-\nstens den Versuch lohnte, so gut wie die Aufführung der\nAntigone in Berlin. Und die verneinende Thätigkeit der\nwaltenden Behörden müsste sich dann auf Abwehr aller\ndenkbaren Leichtfertigkeiten aus dem sittlichen, geselligen\nund politischen Leben richten. Statt dessen begnügen sich\neinige norddeutsche Magistrate mit dem Verbote der\nJudenspottspiele, „um Aufregung und Intoleranz zu\nverhüten\"!! während man jede parisische Unsitllichkeit mit\nWeib und Kind lustig begafft.\nZur bejahend fördernden Thätigkeit pflegt man auch\nzu zählen die Förderung tüchtiger Künstler, die Belohnung\naufstrebender Dichter, die Tantieme der Tonsetzer und\nDramatiker aus den Erträgnissen der Aufführung ihrer\nWerke. Künstlerschulen sind meist nur den Malern, Bild-\nhauern und Architekten in grösserem Maasse aus Staats-\nmitteln gewährt. Für die Tonkunst wäre doch, zumal bei\nüberwuchernder Ausbreitung dieses Gebietes, von oben\nherab mehr zu thun, als geschieht. Eine künftige deutsche\nHochschule der Tonkunst würde vom pariser Conservato-\nrium mit Bescheidenheit entlehnen, was dort lür mechani-\nsche Technik geleistet wird; aber sie müsste breiter und\ntiefer ins Historische und Ideale eindringen, als man bisher\nsowohl in Paris als in Leipzig versucht hat, damit die\nQuellpunkte wahren Tonlebens, seine zeit- und volksthüm-\nliehe Gestaltung, endlich die lebendige Fortbildung und\nfruchtbare Ausübung in Kirche, Haus und Welt durch\nChoral, Kammermusik und Volkslied innig erkannt würden,\num das elende, Zeit und Gesundheit zerstörende Gequike\nund Gedudel endlich zu überwinden. Eine Haupt-Aufgabe\nsolcher Tonschule wäre auch, der kunstauflösenden, schön-\nheitzerstörenden Weise der R. Wagner'schen Zukünftelei\neinen Damm entgegen zu setzen verneinend, indem die-\nsem rationalistischen Hegelthume seine Nichtigkeit erwie-\nsen, bejahend, indem die ursprüngliche Schönheit des Ton-\nlebens in einlältiger Wirklichkeit dargestellt, aufgeführt,\nerlebt würde.\nWie schwer es ist, obrigkeitliche Einwirkung in das\nKunstleben hinein zu führen, haben wir kürzlich an zwei\nentgegengesetzten Erscheinungen erlebt. Vor einem Jahre\nist in einer norddeutschen Residenz dem Regierungsblatte\nverboten worden, Missliebiges über die Hof-Schauspieler,\nden Hof-Capellmeister u. s. w. drucken zu lassen. Nach\ndem, was unseren Staatsmännern und Ministern geschehen\nist, wie sie gehechelt und gestriegelt und ihre Beleidiger\nvon allen Schwurgerichten freigesprochen sind, sollte man\ndoch mindestens erwarten, dass einem übermüthigen Künst-\nler den Nagel aus dem Kopfe zu treiben erlaubt wäre.\nAber dieser hohle Künstlerstolz findet es ganz recht und\nbillig, wenn man ihn beklatscht und versilbert und vergol-\ndet, dagegen die Kritik des Pfeifens und Zischens policei-\nlich straft. Gewiss sehr löblich ob zwar eine schwere\nBeleidigung der untrüglichen Pöbel-Souverainetät war\nder Grundsatz eines verstorbenen Fürsten (das ist unsere\nzweite Erfahrung),alles Klatschen zu verbieten. Ge-\nwiss, wer nicht in grossen Städten es selbst gesehen, der\nglaubt es nicht, was lür Sünde und Schande mit allen\nBeifallszeichen getrieben wird, wie sie das gesunde Urtheil\nvergiften, wie sie längst aufgehört haben, wahre Liebes-\nzeichen der Begeisterung zu sein. Auch ist dieser demo-\nkratische Spuk dem Deutschen ursprünglich fremd, eine\nErrungenschaft aus wälschrömischer Bildung.\n*) Hier nebenbei ein Vorschlag zur Güte: Warum wird von den\naltgriechischen Trauerspielen nicht, anstatt der unserer Ge-\nsinnung ziemlich entfernten Antigone, lieber der ewig uner-\nreichte König Oedipus neu belebt, da hier ein allgemein\nmenschliches Pathos in Kampf und Sühne und ein ergreifend\nschönes Gleichniss der Erbsünde erscheint? Wie Antigone\ndie Gelehrten, so würde Oedipus das Volk entzücken.\n\nAus dem Holle’schen Verlage\n\nsind wiederum zwei werthvolle Stücke hervorgegangen, die\nwir, wie die früher erwähnten, mit gutem Gewissen em-\npfehlen dürfen. Erstlich der zweite Theil von Clementi's\nSonaten, der den Anfängern besonders zu empfehlen, aber\nauch Fortgeschrittenen manche tüchtige Uebung gewähren\nwird. Es sind 21 Sonaten, Nr. 23 43, und es werden\nnoch zwei Hefte folgen, deren letztes vierhändige Sachen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.1.7", "texte": "enthält. Clementi (175*2 geboren zu Rom, 1832 gestor-\nben in London, Blüthezeit 1780—1800) war einer der\nBahnbrecher, namentlich in der neueren Sonaten-\nComposition, deren Form durch ihn in die jetzt beliebte\nund seit Beethoven gewöhnliche geordnet ist. Vor ihm wa-\nren die Suitenform (S.Bach), die Phantasie- und die Rondo-\nForm (Seb. und Ph. Emanuel Bach) die üblichen. Eigen-\nthümlich ist der neueren Clementi-Beethoven'schen Form\ndie geschlossene grössere Einheit, während alle\nfrüheren Instrumentalformen entweder einheitlose\nVielheit boten, wie die älteren Suiten denen selbst\nSeb. Bach nicht immer strenge Einheit gab —, oder es\nwaren gegensatzlose Einheiten: Toccaten, Phanta-\nsieen, Rondo's, Ouvertüren, Präludien, Divertimentos. Die\nneue Einheitsform gründet sich auf die logische Gliederung\nvon Satz, Gegensatz, Vermittlung. Diese Dreitheiligkeit er-\nscheint ideal in dem Gehalte der Sätze, deren erster\nmeist in breiter Fülle rauschend, der zweite mild und zärt-\nlich oder melancholisch schwärmerisch, der dritte aufflam-\nmend, witzig, überraschend, leidenschaftlich gestaltet ist;\nund der reale oder technische Ausdruck dieses Gehaltes\nlegt sich dar durch die Gegensätzlichkeit der Tonarten und\nRhythmen. Die spätere Fünftheiligkeitist eine ähnliche Er-\nweiterung des Dreilheiligen, wie im Drama die altrömischen\nfünf Acte, statt der altgriechischen Trilogie.\nBei diesem zweiten Theile der Clementi'schen Sonaten\nist übrigens wiederholt zu bemerken, dass sie deutlich auf\nstarkem, hellem Papier gedruckt und sehr wohlfeil sind,\nauch jede Sonate einzeln zu haben ist für einen Preis, wie\nihn bisher keine andere Buchhandlung so billig gegeben.\nAls Anfrage an den wackeren Verleger möchten wir\nnoch diese stellen: Ob wir auch des verdienten Tonsetzers\nGradus ad Parnassumerwarten dürfen?\nDas andere neueste Verlagswerk ist das unvergäng-\nliche wohltemperirte Ciavier von Seb. Bach, diese\nFundgrube aller musicalischen Weisheit voll Einfalt und\nTiefsinn, Schönheit und Strenge, Witz und Mystik, Mo-\nzart's Liebling und Beethoven's Kleinod.— Dnss auch dies\nhier die erste wohlfeile Ausgabe ist, brauchen wir nach\ndem Vorigen nicht besonders zu versichern; die Peters'-\nsche kostet 5 Thlr., die neueste Breitkopf sehe 6 Thlr.,\ndie Holle'sehe *2Thlr. Daneben hat aber diese Ilolle'-\nsche einen wissenschaftlichen Werth, indem ihr ein Anhang\nbeigegeben ist, der die Varianten enthält. Dem ver-\ndienstvollen Herausgeber, Chrysander in Schwerin, ge-\nbührt dafür unser Dank. Nur um Eines möchten wir ihn\nnoch bitten, nachträglich festzustellen durch historische Be-\nweise, dass die von ihm angenommene Ordnung der zwei\nTheile die richtige sei. Es ist bekanntlich das temperirte\nCiavier in zwei Theilen erschienen, deren erster 1722,\nder andere 1740 zuerst gedruckt ward. Forkel sagt, der\nerste sei weit schwächer als der zweite, jener zeige Spuren\nunreifer Jugend (! obwohl Bach 1722 schon 38 Jahre\nzählte), dieser sei durchaus vollendet. Nun ist die Benennung\nPars I.und ll.in den älteren Ausgaben allerdings die bei\nChrysander inne gehaltene; dagegen existirt eine Peters'-\nsche Ausgabe, die nicht ohne Werth ist (wahrscheinlich\n1806— 16 gedruckt), welche die Ordnung gerade\numkehrt, so dass der üblich erste zum zweiten Theile\nwird und umgekehrt. Aus inneren Gründen zu entschei-\nden, ist schwierig und gewagt, und es sind uns zwei Ken-\nner bekannt, die jeder auf seine Ausgabe schwören. Also\nthue Chrysander ein Uebriges und beweise aus histori-\nschen Documenten die Priorität seines ersten Thei-\nles, so wird er sich manches Forschers und Musikfreundes\ndoppelten Dank erwerben.\n\nDIXI.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nUSerlin. Die Berl. Musik-Ztg. schreibt: „Das Repertoire des\nk. Theaters weis't im verflossenen Jahre folgende neue Opern nach :\n„Tannhäuser\" und „Ein Tag in PtussJand\" von Dorn. Neu einstu-\ndirt wurden „Cortez\" und „Carlo Broschi\". Das Repertoire umfasst,\neinschliesslich der voraufgeführten, 45 verschiedene Opern. Es fin-\nden sich darauf: Gluck mit den beiden Iphigenien, mit Armide\nund Orpheus; Beethoven mit seinem Fidelio; Mozart mit Don\nJuan, Hochzeit des Figaro, Titus, Zauberflöte, Idomeneo; Cherubini\nmit dem Wasserträger; Spontini mit Cortez, Yestalin und Olym-\npia; Weber mit Freischütz, mit Oberon und Euryanthe; Rossini\nmit dem Barbier und Tancredj Halevy mit der Jüdin; Meyerbeer\nmit dem Robert, den Hugenotten, dem Propheten und dem Feld-\nlager; Boieldieu mit Johann von Paris und der Weissen Dame;\nWagner mit dem Tannhäuser; Auber mit der Stummen, mit Fra\nDiavolo, Carlo Broschi, dem Maurer, den Krondiamanten; Bellini\nmit Norma, der Nachtwandlerin, den Capuletti und Montecchi; Do-\nnizetti mit Lucrezia Borgia, Liebestrank, Regimentstochter. Die va-\nterländische (?) Musik war vertreten durch Martha und Stradella\nvon Flotow, Nibelungen und Ein Tag in Russland von Dorn, Czaar\nund Zimmermann von Loiizing, Die lustigen Weiber von Nicolai,\nAdlers Horst von Gläser.\" (Weder Marschner, noch Spohr, noch\nKreutzer sind vertreten, obwohl sich deren Hauptwerke: Vampyr,\nTempler, Heiling, Faust, Jessonda und Nachtlager wohl neben Do-\nnizetti und Bellini sehen lassen können.)\nUresden, 7. Februar. Eine derjenigen Traditionen, welche\nfast alle Märchen- und Sagenbücher durchspukt, unter Anderem\nauch in der herrlichen Novelle „Isabella\" von Achim von Arnim\nbenutzt wurde, ist die vom Galgenmännlein, jenem winzigen Un-\nholde, welcher im „Goldschmied von Ulm\" von Mosenthal sein\nWesen treibt. Der bunte Blumenstrauss, den uns der Verfasser in\ndiesem Stücke bietet, ist theils aus dem heiteren Garten des Mär-\nchens, theils von dem ernsten Felde der Geschichte gepflückt und\ngeschickt geordnet und gewunden, Obgleich das Stück nicht, wie"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570221-01.1.8", "texte": "Manche wollen, ohne allen dramatischen Werth ist, so ist der-\nselbe doch nicht bedeutend genug, um ihm ein günstigeres Loos\nals vielen seiner ephemeren Brüder zu verschaffen, wenn nicht die\ntreffliche Besetzung und prächtige Ausstattung dasselbe über Was-\nser hielten. Die darin enthaltenen Rollen sind meistens sehr dank-\nbar und, die des Altgesellen Heinrich ausgenommen, nicht allzu\nschwierig. Der musicalische Theil (von H. Mar sehn er) ist durch-\nweg melodiös und anmulhig. In der vorgestrigen Aufführung zeich-\nnete sich besonders Herr Liebe (Heinrich) und Fräul. M. Michalesi\n(Katharina) aus.\nAm 5. Februar fand die erste Quartett-Akademie der Herren\nC. Lipinski, k. Concertmeister, Fr. Hüllweck, C. Göring und F. A.\nKummer, Mitglieder der k. Capelle, im Saale des Hotel de Saxe\nStatt. Die Tonstücke waren: 1) Quartett von Mozart, Es-dur, 2)\nQuartett von Beethoven, A-moll, Op. 132, und 3) Quartett von\nHaydn, D-dur, Op. 49. Wie wohlthuend bleibt es, wenn uns,\nwie hier, Gelegenheit gegeben wird, einmal aus der ringenden\nGegenwart wegflüchten zu können zu den Meistern, deren Schö-\npfungen so ganz und ausgeprägt den Stempel des Bewussten tragen !\nDiese glückliche Stimmung wurde festgehalten und gehoben durch\ndie meisterhafte Ausführung des Programms, vorzugsweise möchten\nwir das Andante con moto von Mozart, das Dankgebet eines Wie-\ndergenesenen von Beethoven und das Menuet von Haydn als die-\njenigen Piecen bezeichnen, in welchen die Einheit des Gedankens\nder vortragenden Instrumente unter sich sowohl, wie mit dem\nComponisten zu einem Eindruck gelangt, dessen Wahrheit und\nWärme nicht inniger gedacht werden kann.\nSpeyer. Der hiesige Liederkranz feierte am 31. Januar sein\nStiftungsfest. Dasselbe wurde mit einem inhaltreichen Vortrage über\nden Männergesang eingeleitet, welcher folgender Maassen schloss:\n„Worin sind die Erfolge begründet, die der Männergesang in\nder kurzen Zeit seines Bestehens errungen hat, und was sichert\nihm eine schöne, herrliche Zukunft? Es ist zunächst die sittliche\nKraft, die ihm innewohnt, die das Gemeine, Niedrige fern hält,\nedle Empfindungen erweckt, bildet, bessert und Tausende vom\nPfade des Irrthums und des Lasters in die Arme der Tugend\nlührt; es ist seine religiöse Kraft, die das Gemüth entflammt zur\nAndacht; es ist seine einigende und versöhnende Kraft, die das\nGetrennte verbindet, Gelühle der Freundschaft und Liebe erzeugt\nund ein Band schlingt um die Stämme des deutschen Volkes; es\nist die Gewalt, mit der das kräftige Wort, geeint mit der beleben-\nden Melodie und Harmonie, das Herz erfasst, es stimmt zu Lust\nund Schmerz, und es zu begeistern vermag zu Kampf und Tod.\nDamit ist zugleich die Mission angedeutet, die der Männergesang\nzu erfüllen hat, die Aufgabe, an deren Lösung auch wir mit zn\narbeiten haben. Aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, wird uns\nder Männergesang mehr sein als eine blosse gesellschaftliche Unter-\nhaltung, er wird zu einem Wirken im Dienste der Menschheit. In\nunserem Streben nach diesem Ziele leite auch uns der Wahlspruch\nder kölner Sänger: „„Durch das Schöne zum Guten!44\"\nWien« Am 18. Januar in den Abendstunden Hessen die Brü-\nder Alfred (19 Jahre alt) und Henry Holmes (17 Jahre) aus\nLondon sich hören. Sie spielten zusammen ein „Grand Duo Con-\ncertant\" für zwei Violinen von L. Spohr, dann eines von M. Haupt-\nmann und den Marsch aus Mendelssohn's Sommernachtstraum, für\n«\nzwei Violinen arrangirt; ferner trug Alfred Holmes ein von ihm\ncomponirtes Violin-Solo, „Variations de Co?icert\" und Henry Hol-\nmes „Nocturne et Morceau romantiqne pour le Violon6ly ebenfalls\nvon eigener Composition, allein vor. Die Concertgeber fanden Bei-\nfall, namentlich im Zusammenspiel und wegen ihrer ausserordent-\nlichen Technik.\nEin Büchlein der Madame Mainville-Fodor heisst „/ie-\nflexions et conseils sur l'art du chant\" und hat 15 Seiten in Octav.\nMeyer beer s Prophet darf in Bologna auf höheren Befehl\nnicht gegeben werden.\nVieuxtemps weilte auch eine Zeit lang in Nizza, das der\nRendezvous-Platz der europäischen Virtuosen geworden war.\nAmsterdam. Im achten Concerte der Gesellschaft „Felix\nmeritis\", das am 23. Januar Statt hatte, enthusiasmirte Madame\nBock holz-Fal con i die Zuhörerschaft. Sie sang die grosse Arie\naus „Oberon\", eine „Sicilienne\" von Pergolese und die für die Ma-\nlibran componirten Variationen von Hummel. Der Pianist Schau-\nseil aus Köln trug ein Concert von Mendelssohn, eine „Nocturne\"\nvon Chopin und ein „Impromptu\" von Hiller mit Beifall vor. Un-\nter den Instrumentalstücken gefiel am meisten das Septett von\nBeethoven.\n19 e u t s c Ii e Tonhalle.\nDer Verein setzt hiermit einen Preis von fünfzehn Ducaten aus\nfür eine Sonate in den üblichen vier Sätzen für Ciavier allein\n(zweihändig), welche zum Zwecke des allgemeineren Gebrauches in\nder Ausführung nicht schwieriger ist als z. B. Mozart's bekannte\nPhantasie und Sonate in C-moll und die leichteren Sonaten von\nBeethoven.\nDie Preisbewerbungen sind im Monat Juli d. J. „der deut-\nschen Tonhalle\" hieher frei und in der bis jetzt üblichen Weise,\nwie solche die Vereins-Satzungen andeuten, einzusenden.\nWann demnächst die zu erwählenden drei Herren Preisrichter\ndie eingekommenen Werke beurtheilt haben, werden wir den Er-\nfolg anzeigen und dem Verfasser des preisgekrönten Werkes die-\nses sein Eigenthum, so wie den Preis zusenden; die übrigen Be-\nwerbungen aber nur auf unmittelbares Einfordern im Verlauf\nvon sechs Monaten nach dieser Erfolg-Anzeige verabfolgen lassen.\nMannheim, Februar 1857.\nDer Vorstand."}]}