{"numero_id": "bm-bmtnabi-1857-03-07-01", "volume": "bmtnabi_1857-03-07_01", "ocr_sha256": "00f950a2ffbed8b43f9aed21488e896c31682451b2c8472fa912e33f154f8b05", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1857/03/07_01/bmtnabi_1857-03-07_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1857-03-07-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-03-07_01#c001", "volume": "bmtnabi_1857-03-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "73", "page_fin": "73", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 449, "texte": "Inhalt.\nErinnerungen an Franz Schubert. vier Abtheilungen.) Mitgetheilt von A. Schindler. I. und 11. Siebentes\nliesellschafts-Concert in Köln. Tages-,und Unterhalt ungsblatt (Köln, H. Marschner und Frau, Hans Heiling Bonn,\nConcert -- Bannen, IV. Abonnernents-Concert Braunschweig, Freudenthal's neue Oper Alarich und Melusine Meiningen Leip-\nzig, Concert Hamburg, J. Lachner's Oper Loreley Genf, Adolf Köckert). 3oh. Scb- Bach's samintliche Werke. ."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-03-07-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-03-07_01#c002", "volume": "bmtnabi_1857-03-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "73", "page_fin": "78", "image_debut": 1, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.2.2", "titre_corps": "Erinnerungen au Franz Schubert.", "titre_sommaire": "Erinnerungen au Franz Schubert.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.1.1", "debut_caractere": 451, "fin_caractere_exclue": 3967, "texte": "Erinnerungen au Franz Schubert.\nAufgezeichnet von A. Schindler.\n(In vier Abtheilungen.)\nI.\n„Es ist sehr dankenswerth, wenn die allen\n. Herren zuweilen • ihre Tagebücher über die mu-\nsicalische Vergangenheit aufsehlagen und ein oder\ndas andere Blatt daraus veröffentlichen, zumal, da\nin jene Vergangenheit heutzutage so Manches\nhineingedichtet und hineingefaselt wird, was eher\nallen anderen Zwecken, als der Wahrheit, dient.\"\nDiese von der Redaction dieses Blattes bei Gelegenheit\nder in Nr. 1 jüngst mitgetheilten „historischen Noten zur\nLeonore von Beethoven\" aus der Feder des Dr. L. Sonn-\nleitner (Chef einer Gerichtsstelle in Wien) gethanen Aeusse-\nrungen klingen wie ein Mahnruf auch an mein Ohr. Ich\nwill daher dem Beispiele meines verehrten Herrn Collegen\naus den Hörsälen der wiener Universität, dessgleichen aus\nunzähligen Musik-Aufführungen in der Kaiserstadt, folgen\nund wieder einmal mein wiener Tagebuch aufschlagen.\nDarin stehen aus den ereignissreichen Tagen des zweiten\nund dritten Jahrzehends auch über Franz Schubert Dinse,\no \"\ndie wohl geeignet sein dürften, mehr als ein bloss flüchti-\nges Interesse zu erwecken. Die Musikwelt hat diesen Com-\nponisten nachgerade ihren Lieblingen beigesellt, Musiker\nund Kritik aber haben sich, vornehmlich bei nicht wenigen\nseiner Instrumenlalwerke, in ziemlich aus einander gehen-\nden Urtheilen ausgesprochen, und da zu erwarten steht,\ndass diese Differenz bei vermehrtem Repertorium an grös-\nseren Werken Schubert's sich noch erweitern werde\ndenn noch sind deren viele zurück —, so scheint es mir\nan der Zeit, zuvörderst von einem Ereignisse Kunde zu\ngeben, das unstreitig ein charakteristisches Moment zur\nBeurtheilung Schubert's und vieler seiner Werke abgibt.\nDie schweigsame, in Kunstsachen oft bis zum Uebermaasse\nindolente wiener Presse früherer Zeit im schroffen Ge-\ngensalze zur Gegenwart trägt zumeist die Schuld, dass\ndieses Ereigniss, obwohl es einige Hunderte von Zeugen\ngehabt, noch keinen Mittheiler gefunden. Es mag dessen\nErzählung in gedrängter Kürze gestattet sein.\nWir stehen im Jahre 1826.. Bis zu diesem Zeit-\npunkte waren von Schubert (geb. den 31. Januar 1797}\neine ziemliche Anzahl Lieder und Gesänge, auch einige\nClavier-Compositionen in Druck erschienen. Von grösseren\nArbeiten war sein Melodrama „ Rosamunde\" im Theater\nan der Wien und verschiedene Kirchenwerke auf Vorstadt-\nChören aufgeführt. Kleinen Kreisen war dadurch Gelegen-\nheit gegeben, sich von seiner ausgezeichneten Befähigung\nfür jene Compositions-Gattungen hinreichend zu überzeu-\ngen. Nur ihm näher stehenden Freunden war es nicht un-\nbekannt geblieben, dass auch bereits eine Anzahl den ober-\nsten Gattungen angehörige Werke geschrieben seien; ihre\nChiffre wussle indess Keiner zu nennen. Ohne Schubert's\nConflict mit C. M. von Weber im Spätherbste 1823, der\nSeite 109 u. ff. im zweiten Nachtrag meines Buches über\nBeethoven besprochen wird, hätten wir wahrscheinlich\nnicht erfahren, dass unser stets verschlossener Freund auch\nschon zwei grosse romantische Opern fertig im Pulte\naufbewahre. (Eine dritte, „Die Bürgschaft\", 1816 ge-\nschrieben, blieb unvollendet.)\nIm Jahre 1826 wurde durch Abgang des Capellmei-\nsters Krebs nach Hamburg der Platz eines Novizen am\nDirectionspulte im kaiserlichen Opern-Theater nächst dem\nKärnthnerthore erledigt. Diese Gelegenheit ergriff der hoch-\nberühmte, damals schon in Ruhestand getretene Hof-\nOpernsänger Michael Vogel*), Schubert's nächster\n\n*) M. Vogel führte Schubert's Lieder und Gesänge zuerst in die\nOeffentlichkeit ein."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "74", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5112, "texte": "Freund und Gönner, um den erledigten Platz lür diesen\nzu erobern; denn Bewerber, darunter bereits routinirte\nOrchester-Dirigenten, waren alsbald in Menge angemeldet.\nEs gelang dem Einflüsse Vogel's, die Aufmerksamkeit des\nAdministrators Duport vorzugsweise auf Schubert zu len-\nken; jedoch sollte dessen definitive Anstellung von einer\nfeierlich abgelegten Prüfung abhängig gemacht werden. Da-\nmit war eine so genannte „Audition\" gemeint, wie sie mit\nden Aspiranten lür dramatische Composition in Paris vor-\ngenommen werden. Auch Schubert sollte seine Belähigung\nzum Opern-Componisten darthun, an deren Vorhandensein\nkeiner seiner Freunde gezweifelt hatte. Zu diesem Zwecke\nverfasste der Theater-Secretär Hoffmann ein aus fünf bis\nsechs Nummern bestehendes Libretto. Dem Ganzen sollte\neine Ouvertüre vorausgehen. In die Handlung theilte sich\nein Sopran-Solo und der Chor. Mit welcher Spannung die\nVerehrer des jungen Componisten dem bevorstehenden\nActus entgegen harrten, wie sehr jeder gewünscht, demsel-\nben eine Laufbahn eröffnet zu sehen, auf der er zu hohem\nRuhme aufsteigen könne, ist wohl überflüssig, des Weite-\nren auszuführen. Als vollends die Administration nach ge-\nnommener Einsicht in die Partitur erklärte, dass sie sich\nauf Grund der Vortrefflichkeit dieser Arbeit veranlasst\nfühle, selbe in einer Abend-Vorstellung im Beisein des Pu-\nblicums zur Ausführung zu bringen, schien der günstige\nErfolg wie gesichert, und Jedermann sah schon den zu\ngrossen Hoffnungen berechtigenden Componisten auf dem\nDirigontenstuhle im Opern-Theater.\nDie Solo-Partie war den Stimm-Eigenschaften der\nSchechner angepasst, die eine grosse Verehrerin von\nSchubert's Liedern gewesen. Schon während des Einübens\nihrer Partie mit dem Componisten sah sich diese ausser-\nordentliche Erscheinung in der damaligen Sängerwelt ver-\nanlasst, um Abänderung verschiedener unbequemer Inter-\nvalle zu ersuchen, die ungern zugestanden, dann doch ge-\nmacht wurde. Als aber die Sängerin e9 gewagt, um einige\nKürzungen zu bitten, ward ihr mit einem entschiedenen\nNein geantwortet. Bei fortgesetzten Clavier-Proben und tie-\nferer Einsicht in den darzustellenden Charakter aber er-\nklärte die Schechner alles Ernstes, sie müsse in der gros-\nsen Arie mit Chor erliegen, wenn nicht mehrfache Kürzun-\ngen und Vereinfachungen in der Orchestration vorgenom-\nmen würden. Keinerlei Erwiderung. Der Administrator in-\ntervenirte gleichfalls, aber auch vergeblich. Man bewog nun\nmehrere der intimsten Freunde Schubert's, auf den störri-\ngen Componisten einzuwirken, die gewünschten und im\nInteresse des Werkes lür nothwendig erachteten Abände-\nrungen noch vor der letzten Probe zu machen, zumal es\nsich schon bei der ersten Orchester-Probe gezeigt, wie\nmassenhaft die Instrumentirung stellenweise sei und Al-\nles zu erdrücken drohe. Das Orchester sprach sich da-\nhin aus, dass solche Massenhaftigkeit in der orchestralen\nAufgabe nie da gewesen. Diese und andere Anmerkungen\nvermochten jedoch keineswegs Schubert zu irgend etwas\nzu bewegen.\nSo kam es zur General-Probe, zu welcher die Admi-\nnistration die bei dem Institute in Amt und Würden ge-\nstandenen Capellmeister Weigl, Gyrowetz und Kreutzer,\nder Aspirant Schubert hingegen eine Anzahl specieller\nFreunde und Gönner geladen hatten. Alles ging gut von\nStatten bis zur Arie mit Chor, deren Charakter den Aus-\nbruch der höchsten Leidenschaftlichkeit alhmete. Wie zu\nerwarten, so geschah es; die Sängerin, fast in unausgesetz-\ntem Kampfe mit dem Orchester, vornehmlich mit den Blas-\ninstrumenten, wurde von den auf ihre kolossale Stimme\neindringenden Massen erdrückt. Entkräftet sank sie auf\neinen zur Seite des Prosceniums stehenden Stuhl. Tiefes\nSchweigen im ganzen Hause. Spannung auf allen Gesich-\ntern. Während dessen sah man den Administrator Duport\nzu einer und der anderen der auf der Bühne sich bilden-\nden Gruppen treten, bald wieder mit der Sängerin und\nden Capellmeistern insgeheim sprechen. Schubert seiner-\nseits sass während dieser lür jeden der Anwesenden wahr-\nhaft beängstigenden Scene wie eine plastische Figur auf\nseinem Stuhle, den Blick unverwandt auf die vor ihm auf-\ngeschlagene Partitur geheftet. Nach langer Deliberation\ntrat endlich Duport ans Orchester heran und äusserte in\nhöflichem Tone folgende Worte: „Herr Schubert! Wir\nwollen die Aufführung um einige Tage verschieben, und\nbitte ich Sie, wenigstens in der Arie die nöthigen Abände-\nrungen zu machen und es dem Fräulein Schechner zu er-\nleichtern.\" Mehrere der Künstler im Orchester ersuchten\nnun Schubert ebenfalls, nachzugeben. Dasselbe that auch\nich, ihm dicht zur Seite sitzend. Nachdem unser Mann die-\nsen Vorgang mit sichtbar steigendem Ingrimm angehört,\nrief er mit erhobener Stimme aus: „Ich ändere nichts!\"\nDies ausrufend, schlug er die Partitur laut schallend zu,\nnahm sie untern Arm und ging raschen Schrittes zum\nHause hinaus.\nDies der Anfang und zugleich das Ende der Laufbahn\nFranz Schubert's als Opern-Dirigent. Noch leben in Wien\nmehrere Zeugen dieses Vorfalles, und auch im Orchester\ndes dortigen Opern-Theaters wirken heute noch, wie mir\nwohl bekannt, einige der ausgezeichneten Künstler an der-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5014, "texte": "seihen Stelle, die sie damals occupirt: Herr Zierer (Flöte),\nHerr Klein (Clarinette), Herr Hirt (Fagott) und andere noch.\nMit welchen peinlichen Gefühlen die wahrhaften Mu-\nsikfreunde die Kunde von diesem Vorfalle aufgenommen,\nwäre überflüssig, zu sagen; nicht wenige, unserem Schu-\nbert fernstehende, bemühten sich, eine Wiederanknüpfung\nder gestörten Verhältnisse zu bewirken; allein nach so\neclatanten Beweisen von Störrigkeit wies die Administration\njeden Begress zurück, zumal es ihr nicht unbekannt geblie-\nben, dass Schubert selber bei diesen Vermittlungs-Versu-\nchen sich ganz, passiv verhalten halte.\nFindet sich wohl eine Verwandtschaft zwischen die-\nsem und dem Vorfalle mit Beethoven und seinen Sängern\nin der neunten Sinfonie, von mir aufgezeichnet in seinem\nLeben? Gewiss. Aber wie verschieden sind die Gründe, die\nbeide Fälle nur zwei Jahre aus einander liegend er-\nzeugt! Hat sich Beethoven, der vollendete Künstler,\ngleichwohl gegen die Bitten der Sontag und Unger taub\nbewiesen (konnte er jedoch nachgeben, ohne den Aufge-\nführten Bau stellenweise zu zerstören ?), so hat er doch\ndem Bassisten Seipelt das Becilativ im viertenSatze sei-\nner tiefen Stimmlage angepasst, weil es in der Möglichkeit\ngelegen*). Parallelen, zwischen dem jungen und dem al-\nten Componisten gezogen, zwischen dem in seinen Le-\nbenstagen auf dem höchsten Gipfel des Buhmes Stehenden\nund dem dahin Strebenden, dürften ziemlich naheliegende\nKriterien zu richtiger Beurlheilung dieser beiden ver-\nwandten Fälle an die Hand geben. Dies möge jedoch das\nGeschäft Anderer sein. Mir aber, der ich dem Alten sehr\nnahe, dem Jungen ziemlich nahe gestanden, scheint es ge-\nrathener, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen,\nohne mich bei Parallelen aufzuhalten.\nSchubert's obstinates Benehmen gegen wohlgemeinten\nBath in dem unstreitig wichtigsten Momente seines Künst-\nlerlebens, der ihn der Verborgenheit entziehen, seinem Ta-\nlente aber eine ergiebige und ruhmreiche Zukunft anbah-\nnen sollte, war der Ausfluss seiner Charakter-Eigenheiten.\nFreiheit und Unabhängigkeit nach jeglicher Bichtung hin\nwar die Devise seines Thuns und Lassens, der\nnato seines künstlerischen Denk-Vermögens. Gestützt auf\nein Minimum materieller Bedürfnisse im besten Verhält-\nnisse zu dem Maximum seines Unabhängigkeits-Bedürfnis*\nses —, sprachen sich diese Eigenheiten in nicht wenigen\nFällen des gesellschaftlichen Verkehrs in einem hohen\nGrade von Eigensinn aus, der oftmals in Starrsinn ausge-\nartet ist. Man würde aber diesem Charakterwesen sehr ir-\nrig ein Uebermaass künstlerischen Selbstgefühls oder gar\nUeberschätzung unterstellen. Seine bei allen Gelegenheiten\nbewiesene Pietät für die Classiker, sein rastloses Streben\nliefern Beweise genug gegen solche Unterstellung. Eigen-\nsüchtiges Interesse, Ruhmsucht, die nicht wenig Künstler\nzur Thätigkeit anspornen, waren für unseren Schubert un-\ngekannte Begriffe; seine so viel nur möglich behauptete\nVerborgenheit, sein Wandel überhaupt zeugen für die\nReinheit seiner Gesinnungen zur Genüge.\nAber, höre ich fragen: sollen denn diese Charakter-\nEigenschaften auch als bestimmende Gründe zur Gestaltung\nseiner Ton werke—im Allgemeinen oder Speciellen— an-\ngenommen werden? Darf demnach wohl die ungebührliche\nAusdehnung vieler Sätze in Folge zu öfter Wiederho-\nlung der Haupt-Motive, einzelner Perioden und episodischer\nPhrasen ebenfalls daraus hergeleitet werden? Sind über-\nhaupt die der Schubert'schen Instrumental-Musik von der\nwohlmeinenden Kritik gemachten Vorwürfe, als: „öde\nStrecken\" „häufiges Wiederkäuen\" „Geklapper\", für\nbegründet hinzunehmen?*)\nII.\nGleichgültigkeit gegen Lob und Tadel ist\nkeine Tugend, wohl aber eine Untugend.\nDie Untersuchung dieser drei Fragepunkte würde vom\nBoden der Thatsachen weit ableiten, weil sie ohne specielle\nNachweise nicht geführt werden kann. Die Mittheilung\naber von Vorkommnissen im vertraulichen Kreise, mit dem\nerzählten Ereignisse im kaiserlichen Opern-Theater nahe\nverwandt, dürfte eine solche Untersuchung überflüssig ma-\nchen, weil sie Gelegenheit zu sicheren Schlüssen, resp. zur\nBeantwortung dieser Fragepunkle, bieten wird.\nZu Schubert's vertrautesten Freunden und Gönnern\nzählten der oft genannte Kunst-Veteran Michael Vogel,\nferner der allgemein geachtete« Kunstfreund Pinterics\n(man kennt den Namen aus Beethoven's Biographie), dann\nnoch Frau von Lacsny-Buchwieser, die ehedem aus-\n\n*) Die Monatschrift für Theater und Musik äussert sich im\nJanuar-Hefte gelegentlich der Aufführung der neunten Sinfo-\nnie am 14. December in Wien in Bezug auf dieses Recilativ,\nüberhaupt auf die Aufgabe der Solosänger: „Es wäre freilich\nbesser gewesen, wenn man einen Bassisten gehabt hätte, dem\ndas Fisnicht versagt .... schön wird auch die beste Aus-\nführung nicht klingen, und das Misslingcn einer so undank-\nbaren, unsangbaren Aufgabe ist kein Beweis der Unfähigkeit.\"\n*) Z. B. Berliner Musik-Zeitung, 30. Januar 1850: „Auch in\nSchubert's schönsten sinfonischen, sonatischen und Trio-Sätzen\nsind öde Strecken voll Geklapper und Geschrei\" u. s. w."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5334, "texte": "gezeichnete Opernsängerin. In diesen drei Familien fand\nSchubert's Genius wohl an zehn Jahre hindurch nicht nur\nsorgsame Pflege und Aufmunterung in-so fern er letz-\nterer zuweilen bedurfte —, zugleich auch offenherzige Be-\nurtheiler seiner Compositionen. Auch dem Miltheiler dieser\nErinnerungen, dessgleichen dem als Componisten und Cla-\nvierspieler sehr geschätzten Herrn Joh. Horzalka waren\ndiese drei Familien eine lange Reihe von Jahren nahe be-\nfreundet. In ihrem Kreise fanden wir drei fast in gleichem\nLebensalter stehenden jungen Leute einen Sammelplatz,\nder für andere Musiker unzugänglich gewesen*); denn zur\nAusführung von Gesang- und Clavier-Musik sammt Beglei-\ntung waren wir an Zahl genug. Horzalka (er lebt in Wien),\nwie auch Schubert brachten regelmässig neue Compositio-\nnen, mit deren Ausführung man sich sofort beschäftigte.\nDa geschah es nicht selten, dass Schubert bei Sonaten und\nsonstigen Ciavierwerken eindringliche Ermahnungen gegen\nallzu lange Ausdehnung einzelner Sätze anhören musste,\ndie, in so lern sie nur allgemeinhin ausgesprochen waren,\nmeist stillschweigend hingenommen wurden. Hatten wir\nuns aber erlaubt, diese oder jene Stelle als zu oft wieder-\nkehrend oder nicht neu und interessant genug zu bezeich-\nnen, da lief es bei unserem Freunde alsogleich so stark\nüber, dass seine Verstimmung lür den ganzen Abend nicht\nmehr wich. Die Herren Vogel und Pinterics aber\nbeachteten solche Verstimmung nicht im Geringsten ; bei\nder nächsten Zusammenkunft ertönte wieder dieselbe Kri-\ntik. Welche Wirkung sie auf Schubert gemacht, wie er sie\nöfters, noch nicht ausgesprochen, zu schwächen gewusst,\nergab sich aus gewissen Redensarten, sobald er sich ans\nCiavier setzte, z. B.: „Nun, heute wird's wieder über mich\nhergehen!\" „Schimpft nur drauf los!\" u. dgl.**)\nUnter den F. Schubert mangelnden Naturgaben steht\ndie der Rede oder, schärfer bezeichnet, die Gabe der ruhi-\ngen Expectoraiion über streitige Punkte in erster Reihe;\ndaher konnte es zu keinem Austausche von Gründen und\nGegengründen mit ihm kommen. Wortkarg, in gereiztem\nZustande kurz angebunden, schnitt er jedes Eingehen in\nden fraglichen Gegenstand „würz\" ab oder begegnete,\nwenn ein Grund zur Rücksicht für den Gegner vorhanden\nwar, mit einem Sarkasmus im wiener Gewände. Sehen wir\nden eigenthümlichen Mann gegen jeden sogar vorsichtig\nüberzuckerten Tadel Kehrt machen, so ging er doch in der\nGleichgültigkeit gegen Lobes-Aeusserungen fast noch wei-\nter. Ich entsinne mich nicht, jemals gesehen zu haben, dass\ner nur eine Miene verzogen hätte, wenn über eines seiner\nWerke ein verdientes Lob aus Herzensgrunde laut wurde.\nSo stark gepanzert gegen ein lobendes Wort war selbst\nBeethoven nicht, nur musste es sehr vorsichtig und im\npassenden Momente angebracht sein. Schubert stellte die\nhohen Anforderungen an sich selbst und die Werke der\nClassiker dem ihm gespendeten Lobe gegenüber, und da-\nmit war der Faden der Discussion entzwei geschnitten.\nSeyfried berührt in Schilling's Lexikon der Tonkunst\ndiesen Punkt also: „Beinahe einen allzu geringen Werth\nlegte Schubert auf die von der Menge gespendeten Beifalls-\nAeusserungen, so dass er meistens, aus Grundsätzen und\nmit festem Entschlüsse, den ersten Productionen gar nicht\neinmal persönlich beiwohnte. \"\nPer parenlhesin darf wohl gefragt werden: War ein\nso gearteter Charakter wohl zur Ausübung capellmeister-\nücher Functionen geeignet? Sicherlich nicht. Was sollte\nwohl Schubert's gemessener Ernst und oft plastische Ruhe,\nwas vollends seine Wortkargheit, sein Widerwille gegen\njede Discussion im amtlichen Verkehr mit Theater-Künst-\nlern und ihren häufig hochfahrenden Eitelkeiten? Was\nsollte der geniale, von einer neuen Schöpfung zur anderen\ngedrängte Künstler, dem die bürgerliche Geradheit und\nSchlichtheit so wohl anstand, in einer Stellung, in welcher\nder Kampf mit der Intrigue nicht aufhört, in welcher er\nselber oft gezwungen die Rolle eines Intriganten spielen\nmuss, will er mit seinen redlichen Absichten der Kunst\nwahrhaft erspriessliche Dienste leisten? In keiner Stellung\nist die reine Gesinnung, ist sie ja vorhanden, mehr gefähr-\ndet, vollständig zu Grunde zu gehen, als beim Thealer; in\nkeiner Stellung ist der innere Kampf zwischen künstleri-\nscher Ueberzeugung, ist sie ja vorhanden, und gewissen-\nhafter Erfüllung übernommener Pflichlen peinigender, als\nin der eines 1 heater-Capellmeisters. Selbst die hochgestell-\nten Herren Hof Capellmeister sind nicht zu beneiden; sie\ndrückt gleichfalls dieselbe oft unsichtbare Last darnieder,\nwie die an kleinen Dülmen. Denken wir uns Franz Schu-\nbert, den von der Muse geweihten Priester, als Opern-Di-\nrigenten mit der Partitur der 6 und anderem\nmodernem Opern-Graus beschäftigt. Nein, nein, für diese\n\n*) Diesem Kreise gehörte ich von 1821 bis incl. 1827 an.\n*i Zum \\ erständnisse der letzteren Redensart diene die Erklä-\nrung, dass das Wort „Kritik\" in Wien kaum gekannt war,\ndafür aber „Recension\".. Dieser Terminus führte fast aus-\nschliesslich den Begriff von Tadel, im Künstlervolke mit\nSchimpf übersetzt, mit sich. Zu richtiger Auffassung öster-\nreichischer Kunstbegriffe, wie sie wahrscheinlich heute noch\nim Allgemeinen sich erhalten haben, dürfte die Kenntniss\ndieser dort synonymen Bedeutung nicht unnütz sein. Da-\nnach lässt sich der Grad von Achtung ermessen, den die\nbessere Kunstkritik dort immerhin genossen."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5051, "texte": "schön übertünchte Künstler-Galeere war dieser Priester\nnicht geschaffen! Darum wollen wir das Schicksal preisen,\ndass Anfang und Ende von Schubert's Theater-Carriere in\nEinem und demselben Momente zusammenfielen. Wie viele\nWerke besässe wohl die Kunstwelt weniger von ihm, wäre\nes nicht so gekommen, wie wir es kennen!\nEs verdient bemerkt zu werden, dass Pinterics der\nEinzige war, der gegen die Bewerbung um den vacanten\nPlatz im Kärnthnerlhor-Theater gesprochen, weil er das\nschwere Bündel von Charakter-Eigenheiten, überhaupt die\ngeistigen Bedürfnisse unseres Freundes am besten abzuwä-\ngen verstand. Eben so erklärte sich Pinterics entschieden\ngegen die um 1824 von Anderen empfohlene und von\nSchubert wirklich beabsichtigte Vornahme eines Cursus im\nConlrapunkt mit Sechter, darin der alte Führer Salieri\nfühlbare Lücken offen gelassen hatte, wie Haydn einstens\nbei Beethoven. Pinterics fand die Vornahme dieser Studien\nzu spät; aus diesem Grunde befürchtete er auch den Wi-\nderspruch des bereits Meister gewordenen Schülers den\ntrockenen Regeln gegenüber. Das Project unterblieb somit,\nwurde aber 1828 wieder aufgegriffen; da erschien plötz-\nlich die Parze und machte dem jungen und doch so über-\nreichen Leben ein schnelles Ende.\nIn die Bahn der Thatsachen wieder einbiegend, wie\nsich diese im vertraulichen Kreise und auch ausser demsel-\nben ergeben, ist zunächst anzuführen, dass, um unsere den\nSchubert'schen Compositionen entgegengestellten Einwen-\ndungen fester zu begründen, es einstmals versucht worden,\ndem hartnäckigen Componisten einige Manuscripte von\nBeethoven vorzulegen. Diese Zeugnisse seltener Selbstkritik\nvermochten wohl ein Interesse in Schubert zu erregen, je-\ndoch ist von diesem bis zur Selbstübung noch ein sehr\nweiter Schritt von einer Nacheiferung haben wir nie-\nmals etwas wahrgenommen. Bald nach Beethoven's Tode\nwünschte er das Manuscript von Fidelio einzusehen. Nach-\ndem er lange damit beschäftigt war und viele von den Ver-\nänderungen in Harmonie, Instrumentirung und rhythmischer\nGliederung am Ciavier geprüft hatte, äusserte er, zu sol-\ncher Robot (Frohndienst) würde er sich unter keiner Be-\ndingung verstehen, und finde er übrigens das zuerst Nie-\ndergeschriebene eben so gut, als dessen Verbesserung.\nEr wollte nicht gellen lassen, dass dem Schöpfer des Wer-\nkes vornehmlich wenn es ein Beethoven ist allein die\nEntscheidung zustehe, ob seine Verbesserung wirklich eine\nsolche sei, nicht etwa eine Laune, ob sie im Allgemeinen\nwie Speciellen dem Werke förderlich oder gleichgültig sei.\nDie Discussion erreichte ihr Ende damit, dass Schubert\nkurz und bündig erklärte, zu solchen Correcturen wie\nsie vor uns lagen habe er keine Zeit.\nAlle diese Erfahrungen schienen mir genügend zu be-\nweisen, dass dem so erfindungsreichen Schubert ganz oder\ndoch im erforderlichen Maasse abgehe, was man in der\nAutoren-Welt die Kunst der Feile nennt, die das Ken-\nnerauge in allen Werken der Classiker in so hohem Grade\nbewundern muss. Dieser speciellen Kunst, aus keinem Lehr-\nbuche zu erlernen, verdanken nicht nur die in der Musik-\nwelt für classisch anerkannten Werke einen wesentlichen\nGrund ihres dauernden Werthes, auch andere Producte\naus jedem Zweige der Künste und Wissenschaften. Es ist\nbekannt, dass Alexander von Humboldt gemeiniglich so\nviele Aenderungen und Verbesserungen macht, dass man-\ncher Druckbogen drei bis vier Mal umgesetzt werden muss.\nHätte Schubert diesfalls nur ungefähr Gleiches gethan, wie\nBeethoven, und wie wir ganz Aehnliches erst in jüngster\nZeit bei Mozart kennen gelernt, sein Katalog wäre um\neinige Nummern weniger reich, aber immer noch überreich,\num jede andere Künstler-Thätigkeit, die stets Neues aus\neigenem Borne schöpft, zu überbieten, wenn man die kurze\nSpanne Zeit von 16, höchstens 18 Jahren zur Hervor-\nbringung aller der vorhandenen Werke in Erwägung zieht.\nIm Jahre 1831, mit einzelnen Werken aus Schubert's\nNachlass literarisch für Diabelli beschäftigt, machte ich ne-\nbenbei auch die nähere Bekanntschaft mit verschiedenen\nder grossen Werke, mit der Oper Fierabras u. A. Bei\ndieser Rundschau fanden sich Anstösse genug, mich des\nVorfalles von 1826 im Hof-Operntheater und der anderen\nhier erzählten Erlebnisse zu erinnern. Da hörte ich einst-\nmals Herrn Diabelli äussern, er sei gesonnen, hier und da\nKürzungen vorzunehmen, wenn es zur Veröffentlichung des\nbetreffenden Werkes kommen werde. Dass dieser löbliche\nVorsatz nicht zur Ausführung gelangte, ist sehr zu be-\ndauern, zumal Diabelli der geeignete Mann gewesen, um\neine zweckmässigem Abrundung einzelner Sätze zu be-\nwirken. Würde wohl die Sinfonie in (componirt im\nzwanzigsten Lebensjahre) an Interesse gewonnen haben,\nwenn zunächst ihr zweiter und vierter Satz, die bis zur\nErmüdung ausgedehnt sind, wesentliche Kürzungen erlitten\nhätten? Wenn ja die Vorwürfe der Xritik auf festem Grunde\nund Boden fussen, in diesem sinfonischen Ungeheuer ist er\nallein schon in weitester Ausdehnung zu treffen, was auch\ndessen Lobredner zu Leipzig, an ihrer Spitze Mendelssohn,\nzu seinem Ruhme vorgebracht haben. Mit Fug und Recht"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 226, "texte": "ist ihnen zu erwidern, dass sie das zu häufige Wiederholen\nder Haupt- und anderer Motive, das ununterbrochene Ab-\nhetzen einer und derselben Tongruppe zur Rechtfertigung\nihrer eigenen Bravouren in diesem Genre benutzt haben*)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-03-07-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-03-07_01#c003", "volume": "bmtnabi_1857-03-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "78", "page_fin": "78", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.2.3", "titre_corps": "Siebentes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale, unter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn Ferdinand Hiller.", "titre_sommaire": "Siebentes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale, unter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn Ferdinand Hiller.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.1.6", "debut_caractere": 228, "fin_caractere_exclue": 3347, "texte": "Siebentes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn\nFerdinand Hiller.\nDinstag, den 3. März 1857.\nProgramm: I. 1) Ouvertüre zur Oper Genovefa von Robert\nSchumann; 2) Tenebrae factae sunt, Chor ohne Begleitung von\nMichael Haydn; 3) Scene und Arie Ah perfido von L. van\nBeethoven mit Orchester, gesungen von Frau Dr. Mampe-\nBabnigg; 4) Sinfonie A-dur, Nr. 4, von F. Mendelssohn-\nBar tholdy. 11. 5) Comala, dramatisches Gedicht nach Os-\nsian für Soli, Chor und Orchester componirt von N. W. Gade.\nDas wirklich Erfreuende und das Publicum sichtbar Befrie-\ndigende war in diesem Concerte die Sinfonie von Mendels-\nsohn. Als das frische Thema des ersten Satzes wie ein heiterer\nMaitag mit vollem Sonnenschein hereinbrach, zeigte sich plötzlich\nein neues Leben in Theilnahme und Anregung; denn auch die\nschöne, im Mozart'schen Stile geschriebene Scene Beethoven's, eine\nGattung, in deren Vortrag die sonst treffliche Sängerin nicht gerade\nexcellirte, konnte namentlich bei den gar zu langsam genommenen\nTempi's nicht allgemein ansprechen. Der kleine Chor von M. Haydn\nging gut, war aber doch gar zu bald vorüber, um eine Stimmung\nhervorzurufen, und R. Schümanns Ouvertüre, welche hier schon\nein paar Mal gleichgültig aufgenommen worden ist, konnte bei\nder diesmaligen mangelhaften Ausführung natürlich noch weniger\nwirken, als sonst. Die Sinfonie wurde dagegen gut gespielt, der\nerste und der letzte Satz mit Lebendigkeit und Feuer, die gar\nlieblichen beiden Mittelsätze mit genauem und zartem Ausdrucke,\nder seine Wirkung im Einklänge mit der einfachen Schönheit der\nComposition nicht verfehlte. Das Tempo wurde nirgends übertrie-\nben; gut ausgeführt, wird diese Sinfonie, trotz einiger schwachen\nStellen des ersten Satzes, stets zahlreiche Freunde finden.\nGade's Comala, vor einigen Jahren schon kalt von dem hiesi-\ngen Publicum aufgenommen, konnte uns auch diesmal nicht er-\nwärmen. Eine Stimmung erzeugt das Werk allerdings durch die\nKlang-Effecte und die wunderbar schöne Instrumentirung; allein es\nist kaum möglich, diese Stimmung des ewigen Verschwimmens in\nNebel und Klage auf die Dauer zu ertragen; die Einheit schlägt\nzur Eintönigkeit um. Wir haben uns schon früher in der Rheini-\nschen Musik-Zeitung (Jahrg. 1., Nr. 23 vom 7. December 1850) aus-\nführlich über das Werk ausgesprochen, und sind durch die jetzige\nganz gelungene Aufführung nur in unserer Ansicht bestärkt wor-\nden. Ueberall Farbe, glänzende Farbe, wahre Farbe, aber nirgends?\nGestalt, nirgends charakteristische Zeichnung.\n*) In den frankfurter Museums-Concerten wird diese Sinfonie\nseit 1850 mit bedeutenden Abkürzungen aufgeführt ad ma-\njorem Autoris gloriam. Habeneck's Versuch 1842 mit dieser\nSinfonie, dem ich beigewohnt, endigte schon mit dem ersten\nSatze. Das Orchester des Conservatoires war in keiner Weise\nzu bewegen, nur noch den zweiten zu spielen. Damit war\ndas Schicksal des Werkes für alle Zeit entschieden. Ich hatte\nnicht unterlassen, Habeneck auf die notwendigen Kürzungen\naufmerksam zu machen; allein er mochte wohl auch keine\nZeit dazu gehabt haben, wie einstens der Componist."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-03-07-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-03-07_01#c004", "volume": "bmtnabi_1857-03-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "78", "page_fin": "80", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.1.6", "debut_caractere": 3349, "fin_caractere_exclue": 6535, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Am Sonntag den 1. März wurde die Oper Hans\nHeiling von H. Marschner unter dessen eigener Direction wie-\nderholt. Trotz der bei beiden Aufführungen erhöhten Preise waren\nauch für diese Vorstellung alle Logen- und Parquet-Plätze schon\nTags vorher verkauft. Die zweite Aufführung war in manchen\nStücken noch gelungener als die erste; es war zu bewundern, was\nEin Mann lür einen Geist in das ganze Bühnen-Personal zu brin-\ngen vermag, wenn er die Aufgabe eines Dirigenten so fasst und\nzu ihrer Lösung eine solche intellectuelle und technische Meister-\nschaft besitzt, wie Marschner. Dass unser Orchester in jeder Hin-\nsicht die geringste Andeutung des Componisten über Ausdruck\nund Vortrag mit augenblicklichem Verständnisse trefflich ausführte,\nwar nicht anders zu erwarten. Nur die paar Regiments-Musiker\nauf der Bühne hatten die Anleitung des Meisters nicht begriffen\nund spielten die Rolle der Dorfmusicanten im dritten Acte auf gar\nzu natürliche Weise. Frau Marschner, die am Freitag vorher auch\ndie Rosine in Rossini's Barbier gegeben und besonders durch die\nerste Arie und den reizenden Vortrag einiger Lieder am Cfavier\ngrossen Beifall geärntet hatte, spielte, sprach und sang als Gertrud\ndie wunderbar ergreifende melodramatische Scene am Schlüsse des\nzweiten Actes von Hans Heiling ganz vortrefflich.\n-j- Bonn, den 28. Februar. Es drängt mich, Ihnen von einem\nmusicalischen Genüsse zu berichten, der auch die kühnsten Erwar-\ntungen weit überboten hat. Es war die von dem Besitzer des Jo-\nhannesberges in Elberfeld unterhaltene Capelle, welche unter Lei-\ntung ihres Dirigenten Herrn Langenbach am 9. Februar hier\nim Saale des Gasthofes zum goldenen Stern ein Instrumental-Con-\ncert ohne anderweitige Mitwirkung gab. Das treffliche Programm\nlautete: 1) Ouvertüre, Scherzo, Notturno und Hochzeitsmarsch aus\ndem Sommernachtstraum von Mendelssohn; 2) Ouvertüre zur Leo-\nnore (mit dem Trompeten-Solo) von Beethoven; 3) Concertante für\nvier Violinen von Maurer; 4) Ouvertüre zum Tannhäuser von R.\nWagner; 5) Sinfonia eroica. Die Ausführung dieser sämmtlichen\nWerke war so vollendet und tadellos und in jeder Beziehung so\nmeisterhaft, dass Referent gesteht, nur selten einen so ganz reinen\nund durch keine Makel getrübten Kunstgenuss empfangen zu ha-\nben. Freilich findet sich hier auch ein Zusammentreffen von Um-\nständen und Bedingungen, die nicht so leicht anderswo vorkommen.\nZweiunddreissig tüchtige Musiker, die unter Leitung eines ausge-\nzeichneten Directors Jahr aus, Jahr ein im Sommer täglich, im\nWinter wöchentlich mehrere Male öffentlich zusammen spielen,\nmüssen es allerdings zu einem ungleich höheren Grade der Voll-\nkommenheit in der Darstellung bringen, als viel grössere Massen,\nunter denen sich nicht nur (wie namentlich bei Musikfesten) man-\ncher schwache Dilettant befindet, sondern die auch mit einigen we-\nnigen Proben, in denen kaum das Notdürftigste zu erreichen ist,\nfertig sein müssen, daher denn die Präcision, Abrundung, Feinheit\nund Gleichheit der Auffassung, die bei der Johannesberger Capelle\nunsere Bewunderung unausgesetzt in Anspruch nehmen, bei so vie-\nlen anderen Orchestern im günstigsten Falle nur unter die Aus-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7143, "texte": "nahmen gehören. Unser Publicum, dem den Vorwurf der Heissbl-\nütigkeit zu machen, eine offenbare Ungerechtigkeit wäre, habe ich\nkaum jemals so entzückt und dankbar gesehen, wie an jenem\nAbende, und insbesondere wollte nach der Beethoven'schen Ouver-\ntüre der Beifallssturm gar kein Ende nehmen. Allgemein sprach\nsich der Wunsch aus, dass diesem Concerte noch mehrere andere\nnachfolgen möchten, was nun leider bei der nicht geringen Entfer-\nnung seine grossen Schwierigkeiten haben mag. Eine bedeutende\nTheilnahme von Seiten unseres Publicums wäre aber nicht zu be-\nzweifeln, zumal viele sind, die es bedauern, die Gelegenheit, ein-\nmal etwas in seiner Art so Vollkommenes zu hören, versäumt zu\nhaben.\n•j-j- Barmen* Samstag, den 21. Februar, hatten wir unser\nviertes Abonnements-Concert, in dem Frau Dr. Mampe - Bab-\nnigg die Arie der Vitellia aus Titus mit obligater Clarinette (eigent-\nlich Bassethorn), eine Arie aus Herold's Zweikampf mit obligater\nVioline, so wie einige Lieder ganz vortrefflich und unter rauschend-\nstem Beifalle sang. Auch in der Sinfonie-Caniate „Lobgesang\" von\nMendelssohn sang dieselbe die Sopran-Partie mit trefflicher Auf-\nfassung und frischer, glockenheller Stimme. Letzteres Werk ging\nüberhaupt so schwungvoll, dass wohl ein Nachlässigkeits-Versehen\nder Tenöre im Schlusschor zu verzeihen war, um der übrigens so\ngelungenen Ausführung willen. Auch die Tenor-Partie ward durch\nunseren tüchtigen Dilettanten recht anerkennenswerth durchgeführt,\nwährend es Fräul. Mann gelang, sich in dem schönen Duett mit\nChor: „Ich harrete des Herrn\", neben Frau Dr. Mampe-Babnigg\nwürdig zu behaupten. Ausser einigen kleineren Chorsachen ward\nnoch eine effectvolle Ouvertüre von van Eyken zu dem hol-\nländischen Trauerspiel „Lucifer\" unter Direction des Componisten\naufgeführt und mit lebhaftem Beifalle aufgenommen.\n13ravmscliweig> den 26. Februar. Zum bevorstehenden Stif-\ntungsfeste des hiesigen Kunst-Clubs wird auch das neueste Product\nder komischen Muse J. Fr e uden t ha I's, die Carnevals-Oper\n„Alarich und Melusine\", zuerst in die Welt treten und ohne Zwei-\nfel eben so rasche wie allseitige Verbreitung, als sein Vorläufer,\n„Die Barden\", finden, welchem Werke diese Arbeit in mancher\nHinsicht überlegen ist. Denn war die Tendenz der Barden zunächst\ndie Persiflage moderner Compositions- und Sänger-Manieren, die\nnach Art der Aristophanischen Komödie die Geissei des Spottes\nüber den Ungeschmack der Gegenwart schwingt und in täuschen-\nder Nachahmung ihrer Unarten ihr den Spiegel der Lächerlichkeit\nentgegenhält, so stützt sich „Alarich und Melusine\" auf seine eigene\nkomische Kraft und wirkt hauptsächlich durch die drastischen Ge-\ngensätze in Situation und musicalischer Behandlung, in Charakter,\nGesang und Instrumentation eine Art der Komik, die der Com-\nponist mit entschiedenem Glück ausübt und womit er stets die un-\nwiderstehlichste Wirkung auf die Stimmung seines Publicums er-\nreicht. Daneben kann er doch dem Aristophanischen Spotte nicht\nentsagen, nur richtet er ihn dieses Mal nicht auf locale Einzelhei-\nten, sondern auf wesentlichere Bestandteile des modernen Opern-\nDrama's, ja, des Drama's überhaupt, was durch die unterbrechende\nTrompete, welche dreimal die Katastrophe stört und zuletzt durch\nihr Ausbleiben dieselbe doppelt ins Komische verkehrt, bewahrhei-\ntet wird, in so fern eine an sich einfache Handlung dadurch auf\ngewaltsame Weise zu einer weitläufigen Verknüpfung von Umstän-\nden und Verwicklungen aus einander gezerrt wird.\nDen musicalischen Theil der vom Componisten mit vielem Ge-\nschick entworfenen und auch metrisch gut eingekleideten Hand-\nlung anlangend, so ist namentlich hervorzuheben, dass die Vocal-\nstücke durchaus sangbar, melodiös und fliessend, ja, einige Num-\nmern, wohin wir namentlich das Spuk-Duett und die Ballade aus\ndem ersten Acte rechnen, durchaus gelungen zu nennen sind, dass\ndas gewagte Problem, einen Stotterer singend einzuführen, vorzüg-\nlich gelös't und die Charakteristik des Orchesters jeder Situation\nund Stimmung gewandt angepasst ist.\nAusführlicheres über das Ganze werden wir nach der Auffüh-\nrung des Werkes, welche von den Mitgliedern des Kunst-Clubs\nunter Leitung des Componisten mit grossem Eifer und mit immer\nneuem Amüsement betrieben wird, mitzutheilen Gelegenheit haben.\nX.\nDer Violin-Virtuose J. J. Bo 11 aus Kassel ist zum Hof-Capell-\nmeister in Meiningen ernannt worden, nachdem der bisherige Ca-\npellmeister Grund, welcher seit 37 Jahren im Amte ist, um seine\nVersetzung in den Ruhestand nachgesucht hat. Herr Bott ist mit\nlebenslänglichem, auch im Falle einer Pensionirung ungeschmälert\nzu beziehendem Gehalte von jetzt ab angestellt worden, wird aber\nerst im Herbste in Thätigkeit treten.\nlieipzig-. Den 26. Februar fand das Concert zum Besten des\nOrchester-Pensions-Instituts im Gewandhause zu Leipzig Statt.\nJ. Ritz dirigirte den ersten Theil: Ouvertüre zu Göthes Hermann\nund Dorothea von R. Schumann, hinterlassenes Werk, Op. 136;\nFrau von Milde aus Weimar sang das Gebet aus Genovefa; Grün\naus Pesth spielte das Adagio und Rondo für Violine von Vieux-\ntemps. Liszt dirigirte den zweiten Theil: Les Preludes, sympho-\nnische Dichtung; Duo aus dem fliegenden Holländer (Herr und\nFrau von Milde); 1. Es-dur-Pianoforte-Concert, vorgetragen von\nHans v. Bülow; Lieder (Herr und Frau von Milde), Mazeppa, sym-\nphonische Dichtung. Sämmtliche Piecen des zweiten Theiles, mit\nAusnahme des Duo, sind von Liszt. (Der Bericht über dieses\nConcert ist uns zu spät für diese Nummer zugegangen. Er wird in\nder nächsten Nummer erscheinen. Die Redaction.)\nJ. Lachner's Oper „Loreley\" kam bereits in Hamburg, wie\ndortige Journale behaupten, mit Beifall zur Aufführung. Dieses\nWrerk steht weder in textlicher, geschweige in musicalischer Hin-\nsicht mit dem Mendelssohn schen gleichnamigen Fragmente in ir-\ngend welcher Beziehung.\nEine neue deutsche Oper hat so eben Richard Genee, Ca-\npellmeister in Danzig, vollendet. Auch der Text ist von ihm ge-\ndichtet und der Stoff aus dem Leben Jacob Stainer's, des berühm-\nten Geigenbauers und Virtuosen, entnommen. Die Oper führt den\nTitel: „Der Geiger aus Tyrol\".\nGenf, den 2. März. Es wird Ihnen Vergnügen machen, zu\nerfahren, dass Ihr Landsmann, Herr Adolf Köckert, in unse-\nrem schweizerischen Paris, welches seinem vortrefflichen Violin-\nspiel schon im vorigen Winter so aufmerksam lauschte und seine\nSolo-Vorträge mit Enthusiasmus aufnahm, dem Geschmack an der\ngediegensten Gattung der deutschen Tonkunst, der Quartett-\nMusik, eine solche Bahn gebrochen hat, dass seine acht Soireen\nfür Kammermusik dermaassen besucht waren, dass stets eine Menge\nvon Zuhörern nicht in den Saal gelangen konnte. Sie werden viel-\nleicht denken, er werde sich wohl dem französischen Geschmacke\nan brillanten Salonstücken gefügt und eine Anzahl von Solosachen\neingestreut, auch wohl durch einigen Romanzengesang gelockt ha-\nben, um der classischen Musik Eingang zu verschaffen. Keines-\nwegs; mit solchen Gedanken würden Sie Herrn Köckert und un-\nserem Publicum Unrecht thun. Der ausgezeichnete Künstler hat\nnur in der letzten Soiree (am 27. Februar) ein Solo gespielt, den\nTrauermarsch von F. Chopin aus der Clavier-Sonate, Op. 35,"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1077, "texte": "den er lür Violine und Clavicr eingerichlet hat; sonst sind in allen\nSitzungen nur Quartette und Quintette gemacht worden; nicht ein-\nmal das unvermeidliche Piano ist in Anspruch genommen worden,\nund Niemand hat es vermisst. Wir haben in den acht Soireen ge-\nhört: 5 Quartette von J. Haydn 4 von Mozart (darunter die\nPerle derselben, das Quartett in D-moll, in herrlicher Ausführung)\n6 von Beethoven (darunter auch Nr. 10, jene wundervolle,\nphantasiereiche Composition) 4 von F. M ende Iss o hn -Bar-\nthol dy 1 von L. Spohr 1 von F. Schubert (in D-moll)\n1 von Veit (in D-moll) 2 Quintette von Mozart 1 Sex-\ntett (mit zwei Hörnern) von Beethoven.\nDie Genossen, welche sich mit Herrn Köckert zu diesen echt\nkünstlerischen Productionen vereinigt hatten, sind die Herren Ver-\ncellesi (11. Violine), Müller (Alto I.), Malifaux (Alto II.)\nund Battanchon (Violoncello). Die Ausführung zeichnete sich\ndurchweg durch intelligente und poetische Auffassung, reinste In-\ntonation in allen Instrumenten, gewissenhafte Treue gegen den\nComponisten und künstlerischen Ausdruck im Vortrage aus."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nErinnerungen an Franz Schubert. vier Abtheilungen.) Mitgetheilt von A. Schindler. I. und 11. Siebentes\nliesellschafts-Concert in Köln. Tages-,und Unterhalt ungsblatt (Köln, H. Marschner und Frau, Hans Heiling Bonn,\nConcert -- Bannen, IV. Abonnernents-Concert Braunschweig, Freudenthal's neue Oper Alarich und Melusine Meiningen Leip-\nzig, Concert Hamburg, J. Lachner's Oper Loreley Genf, Adolf Köckert). 3oh. Scb- Bach's samintliche Werke. .\n\nErinnerungen au Franz Schubert.\nAufgezeichnet von A. Schindler.\n(In vier Abtheilungen.)\nI.\n„Es ist sehr dankenswerth, wenn die allen\n. Herren zuweilen • ihre Tagebücher über die mu-\nsicalische Vergangenheit aufsehlagen und ein oder\ndas andere Blatt daraus veröffentlichen, zumal, da\nin jene Vergangenheit heutzutage so Manches\nhineingedichtet und hineingefaselt wird, was eher\nallen anderen Zwecken, als der Wahrheit, dient.\"\nDiese von der Redaction dieses Blattes bei Gelegenheit\nder in Nr. 1 jüngst mitgetheilten „historischen Noten zur\nLeonore von Beethoven\" aus der Feder des Dr. L. Sonn-\nleitner (Chef einer Gerichtsstelle in Wien) gethanen Aeusse-\nrungen klingen wie ein Mahnruf auch an mein Ohr. Ich\nwill daher dem Beispiele meines verehrten Herrn Collegen\naus den Hörsälen der wiener Universität, dessgleichen aus\nunzähligen Musik-Aufführungen in der Kaiserstadt, folgen\nund wieder einmal mein wiener Tagebuch aufschlagen.\nDarin stehen aus den ereignissreichen Tagen des zweiten\nund dritten Jahrzehends auch über Franz Schubert Dinse,\no \"\ndie wohl geeignet sein dürften, mehr als ein bloss flüchti-\nges Interesse zu erwecken. Die Musikwelt hat diesen Com-\nponisten nachgerade ihren Lieblingen beigesellt, Musiker\nund Kritik aber haben sich, vornehmlich bei nicht wenigen\nseiner Instrumenlalwerke, in ziemlich aus einander gehen-\nden Urtheilen ausgesprochen, und da zu erwarten steht,\ndass diese Differenz bei vermehrtem Repertorium an grös-\nseren Werken Schubert's sich noch erweitern werde\ndenn noch sind deren viele zurück —, so scheint es mir\nan der Zeit, zuvörderst von einem Ereignisse Kunde zu\ngeben, das unstreitig ein charakteristisches Moment zur\nBeurtheilung Schubert's und vieler seiner Werke abgibt.\nDie schweigsame, in Kunstsachen oft bis zum Uebermaasse\nindolente wiener Presse früherer Zeit im schroffen Ge-\ngensalze zur Gegenwart trägt zumeist die Schuld, dass\ndieses Ereigniss, obwohl es einige Hunderte von Zeugen\ngehabt, noch keinen Mittheiler gefunden. Es mag dessen\nErzählung in gedrängter Kürze gestattet sein.\nWir stehen im Jahre 1826.. Bis zu diesem Zeit-\npunkte waren von Schubert (geb. den 31. Januar 1797}\neine ziemliche Anzahl Lieder und Gesänge, auch einige\nClavier-Compositionen in Druck erschienen. Von grösseren\nArbeiten war sein Melodrama „ Rosamunde\" im Theater\nan der Wien und verschiedene Kirchenwerke auf Vorstadt-\nChören aufgeführt. Kleinen Kreisen war dadurch Gelegen-\nheit gegeben, sich von seiner ausgezeichneten Befähigung\nfür jene Compositions-Gattungen hinreichend zu überzeu-\ngen. Nur ihm näher stehenden Freunden war es nicht un-\nbekannt geblieben, dass auch bereits eine Anzahl den ober-\nsten Gattungen angehörige Werke geschrieben seien; ihre\nChiffre wussle indess Keiner zu nennen. Ohne Schubert's\nConflict mit C. M. von Weber im Spätherbste 1823, der\nSeite 109 u. ff. im zweiten Nachtrag meines Buches über\nBeethoven besprochen wird, hätten wir wahrscheinlich\nnicht erfahren, dass unser stets verschlossener Freund auch\nschon zwei grosse romantische Opern fertig im Pulte\naufbewahre. (Eine dritte, „Die Bürgschaft\", 1816 ge-\nschrieben, blieb unvollendet.)\nIm Jahre 1826 wurde durch Abgang des Capellmei-\nsters Krebs nach Hamburg der Platz eines Novizen am\nDirectionspulte im kaiserlichen Opern-Theater nächst dem\nKärnthnerthore erledigt. Diese Gelegenheit ergriff der hoch-\nberühmte, damals schon in Ruhestand getretene Hof-\nOpernsänger Michael Vogel*), Schubert's nächster\n\n*) M. Vogel führte Schubert's Lieder und Gesänge zuerst in die\nOeffentlichkeit ein."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "74", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.1.2", "texte": "Freund und Gönner, um den erledigten Platz lür diesen\nzu erobern; denn Bewerber, darunter bereits routinirte\nOrchester-Dirigenten, waren alsbald in Menge angemeldet.\nEs gelang dem Einflüsse Vogel's, die Aufmerksamkeit des\nAdministrators Duport vorzugsweise auf Schubert zu len-\nken; jedoch sollte dessen definitive Anstellung von einer\nfeierlich abgelegten Prüfung abhängig gemacht werden. Da-\nmit war eine so genannte „Audition\" gemeint, wie sie mit\nden Aspiranten lür dramatische Composition in Paris vor-\ngenommen werden. Auch Schubert sollte seine Belähigung\nzum Opern-Componisten darthun, an deren Vorhandensein\nkeiner seiner Freunde gezweifelt hatte. Zu diesem Zwecke\nverfasste der Theater-Secretär Hoffmann ein aus fünf bis\nsechs Nummern bestehendes Libretto. Dem Ganzen sollte\neine Ouvertüre vorausgehen. In die Handlung theilte sich\nein Sopran-Solo und der Chor. Mit welcher Spannung die\nVerehrer des jungen Componisten dem bevorstehenden\nActus entgegen harrten, wie sehr jeder gewünscht, demsel-\nben eine Laufbahn eröffnet zu sehen, auf der er zu hohem\nRuhme aufsteigen könne, ist wohl überflüssig, des Weite-\nren auszuführen. Als vollends die Administration nach ge-\nnommener Einsicht in die Partitur erklärte, dass sie sich\nauf Grund der Vortrefflichkeit dieser Arbeit veranlasst\nfühle, selbe in einer Abend-Vorstellung im Beisein des Pu-\nblicums zur Ausführung zu bringen, schien der günstige\nErfolg wie gesichert, und Jedermann sah schon den zu\ngrossen Hoffnungen berechtigenden Componisten auf dem\nDirigontenstuhle im Opern-Theater.\nDie Solo-Partie war den Stimm-Eigenschaften der\nSchechner angepasst, die eine grosse Verehrerin von\nSchubert's Liedern gewesen. Schon während des Einübens\nihrer Partie mit dem Componisten sah sich diese ausser-\nordentliche Erscheinung in der damaligen Sängerwelt ver-\nanlasst, um Abänderung verschiedener unbequemer Inter-\nvalle zu ersuchen, die ungern zugestanden, dann doch ge-\nmacht wurde. Als aber die Sängerin e9 gewagt, um einige\nKürzungen zu bitten, ward ihr mit einem entschiedenen\nNein geantwortet. Bei fortgesetzten Clavier-Proben und tie-\nferer Einsicht in den darzustellenden Charakter aber er-\nklärte die Schechner alles Ernstes, sie müsse in der gros-\nsen Arie mit Chor erliegen, wenn nicht mehrfache Kürzun-\ngen und Vereinfachungen in der Orchestration vorgenom-\nmen würden. Keinerlei Erwiderung. Der Administrator in-\ntervenirte gleichfalls, aber auch vergeblich. Man bewog nun\nmehrere der intimsten Freunde Schubert's, auf den störri-\ngen Componisten einzuwirken, die gewünschten und im\nInteresse des Werkes lür nothwendig erachteten Abände-\nrungen noch vor der letzten Probe zu machen, zumal es\nsich schon bei der ersten Orchester-Probe gezeigt, wie\nmassenhaft die Instrumentirung stellenweise sei und Al-\nles zu erdrücken drohe. Das Orchester sprach sich da-\nhin aus, dass solche Massenhaftigkeit in der orchestralen\nAufgabe nie da gewesen. Diese und andere Anmerkungen\nvermochten jedoch keineswegs Schubert zu irgend etwas\nzu bewegen.\nSo kam es zur General-Probe, zu welcher die Admi-\nnistration die bei dem Institute in Amt und Würden ge-\nstandenen Capellmeister Weigl, Gyrowetz und Kreutzer,\nder Aspirant Schubert hingegen eine Anzahl specieller\nFreunde und Gönner geladen hatten. Alles ging gut von\nStatten bis zur Arie mit Chor, deren Charakter den Aus-\nbruch der höchsten Leidenschaftlichkeit alhmete. Wie zu\nerwarten, so geschah es; die Sängerin, fast in unausgesetz-\ntem Kampfe mit dem Orchester, vornehmlich mit den Blas-\ninstrumenten, wurde von den auf ihre kolossale Stimme\neindringenden Massen erdrückt. Entkräftet sank sie auf\neinen zur Seite des Prosceniums stehenden Stuhl. Tiefes\nSchweigen im ganzen Hause. Spannung auf allen Gesich-\ntern. Während dessen sah man den Administrator Duport\nzu einer und der anderen der auf der Bühne sich bilden-\nden Gruppen treten, bald wieder mit der Sängerin und\nden Capellmeistern insgeheim sprechen. Schubert seiner-\nseits sass während dieser lür jeden der Anwesenden wahr-\nhaft beängstigenden Scene wie eine plastische Figur auf\nseinem Stuhle, den Blick unverwandt auf die vor ihm auf-\ngeschlagene Partitur geheftet. Nach langer Deliberation\ntrat endlich Duport ans Orchester heran und äusserte in\nhöflichem Tone folgende Worte: „Herr Schubert! Wir\nwollen die Aufführung um einige Tage verschieben, und\nbitte ich Sie, wenigstens in der Arie die nöthigen Abände-\nrungen zu machen und es dem Fräulein Schechner zu er-\nleichtern.\" Mehrere der Künstler im Orchester ersuchten\nnun Schubert ebenfalls, nachzugeben. Dasselbe that auch\nich, ihm dicht zur Seite sitzend. Nachdem unser Mann die-\nsen Vorgang mit sichtbar steigendem Ingrimm angehört,\nrief er mit erhobener Stimme aus: „Ich ändere nichts!\"\nDies ausrufend, schlug er die Partitur laut schallend zu,\nnahm sie untern Arm und ging raschen Schrittes zum\nHause hinaus.\nDies der Anfang und zugleich das Ende der Laufbahn\nFranz Schubert's als Opern-Dirigent. Noch leben in Wien\nmehrere Zeugen dieses Vorfalles, und auch im Orchester\ndes dortigen Opern-Theaters wirken heute noch, wie mir\nwohl bekannt, einige der ausgezeichneten Künstler an der-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.1.3", "texte": "seihen Stelle, die sie damals occupirt: Herr Zierer (Flöte),\nHerr Klein (Clarinette), Herr Hirt (Fagott) und andere noch.\nMit welchen peinlichen Gefühlen die wahrhaften Mu-\nsikfreunde die Kunde von diesem Vorfalle aufgenommen,\nwäre überflüssig, zu sagen; nicht wenige, unserem Schu-\nbert fernstehende, bemühten sich, eine Wiederanknüpfung\nder gestörten Verhältnisse zu bewirken; allein nach so\neclatanten Beweisen von Störrigkeit wies die Administration\njeden Begress zurück, zumal es ihr nicht unbekannt geblie-\nben, dass Schubert selber bei diesen Vermittlungs-Versu-\nchen sich ganz, passiv verhalten halte.\nFindet sich wohl eine Verwandtschaft zwischen die-\nsem und dem Vorfalle mit Beethoven und seinen Sängern\nin der neunten Sinfonie, von mir aufgezeichnet in seinem\nLeben? Gewiss. Aber wie verschieden sind die Gründe, die\nbeide Fälle nur zwei Jahre aus einander liegend er-\nzeugt! Hat sich Beethoven, der vollendete Künstler,\ngleichwohl gegen die Bitten der Sontag und Unger taub\nbewiesen (konnte er jedoch nachgeben, ohne den Aufge-\nführten Bau stellenweise zu zerstören ?), so hat er doch\ndem Bassisten Seipelt das Becilativ im viertenSatze sei-\nner tiefen Stimmlage angepasst, weil es in der Möglichkeit\ngelegen*). Parallelen, zwischen dem jungen und dem al-\nten Componisten gezogen, zwischen dem in seinen Le-\nbenstagen auf dem höchsten Gipfel des Buhmes Stehenden\nund dem dahin Strebenden, dürften ziemlich naheliegende\nKriterien zu richtiger Beurlheilung dieser beiden ver-\nwandten Fälle an die Hand geben. Dies möge jedoch das\nGeschäft Anderer sein. Mir aber, der ich dem Alten sehr\nnahe, dem Jungen ziemlich nahe gestanden, scheint es ge-\nrathener, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen,\nohne mich bei Parallelen aufzuhalten.\nSchubert's obstinates Benehmen gegen wohlgemeinten\nBath in dem unstreitig wichtigsten Momente seines Künst-\nlerlebens, der ihn der Verborgenheit entziehen, seinem Ta-\nlente aber eine ergiebige und ruhmreiche Zukunft anbah-\nnen sollte, war der Ausfluss seiner Charakter-Eigenheiten.\nFreiheit und Unabhängigkeit nach jeglicher Bichtung hin\nwar die Devise seines Thuns und Lassens, der\nnato seines künstlerischen Denk-Vermögens. Gestützt auf\nein Minimum materieller Bedürfnisse im besten Verhält-\nnisse zu dem Maximum seines Unabhängigkeits-Bedürfnis*\nses —, sprachen sich diese Eigenheiten in nicht wenigen\nFällen des gesellschaftlichen Verkehrs in einem hohen\nGrade von Eigensinn aus, der oftmals in Starrsinn ausge-\nartet ist. Man würde aber diesem Charakterwesen sehr ir-\nrig ein Uebermaass künstlerischen Selbstgefühls oder gar\nUeberschätzung unterstellen. Seine bei allen Gelegenheiten\nbewiesene Pietät für die Classiker, sein rastloses Streben\nliefern Beweise genug gegen solche Unterstellung. Eigen-\nsüchtiges Interesse, Ruhmsucht, die nicht wenig Künstler\nzur Thätigkeit anspornen, waren für unseren Schubert un-\ngekannte Begriffe; seine so viel nur möglich behauptete\nVerborgenheit, sein Wandel überhaupt zeugen für die\nReinheit seiner Gesinnungen zur Genüge.\nAber, höre ich fragen: sollen denn diese Charakter-\nEigenschaften auch als bestimmende Gründe zur Gestaltung\nseiner Ton werke—im Allgemeinen oder Speciellen— an-\ngenommen werden? Darf demnach wohl die ungebührliche\nAusdehnung vieler Sätze in Folge zu öfter Wiederho-\nlung der Haupt-Motive, einzelner Perioden und episodischer\nPhrasen ebenfalls daraus hergeleitet werden? Sind über-\nhaupt die der Schubert'schen Instrumental-Musik von der\nwohlmeinenden Kritik gemachten Vorwürfe, als: „öde\nStrecken\" „häufiges Wiederkäuen\" „Geklapper\", für\nbegründet hinzunehmen?*)\nII.\nGleichgültigkeit gegen Lob und Tadel ist\nkeine Tugend, wohl aber eine Untugend.\nDie Untersuchung dieser drei Fragepunkte würde vom\nBoden der Thatsachen weit ableiten, weil sie ohne specielle\nNachweise nicht geführt werden kann. Die Mittheilung\naber von Vorkommnissen im vertraulichen Kreise, mit dem\nerzählten Ereignisse im kaiserlichen Opern-Theater nahe\nverwandt, dürfte eine solche Untersuchung überflüssig ma-\nchen, weil sie Gelegenheit zu sicheren Schlüssen, resp. zur\nBeantwortung dieser Fragepunkle, bieten wird.\nZu Schubert's vertrautesten Freunden und Gönnern\nzählten der oft genannte Kunst-Veteran Michael Vogel,\nferner der allgemein geachtete« Kunstfreund Pinterics\n(man kennt den Namen aus Beethoven's Biographie), dann\nnoch Frau von Lacsny-Buchwieser, die ehedem aus-\n\n*) Die Monatschrift für Theater und Musik äussert sich im\nJanuar-Hefte gelegentlich der Aufführung der neunten Sinfo-\nnie am 14. December in Wien in Bezug auf dieses Recilativ,\nüberhaupt auf die Aufgabe der Solosänger: „Es wäre freilich\nbesser gewesen, wenn man einen Bassisten gehabt hätte, dem\ndas Fisnicht versagt .... schön wird auch die beste Aus-\nführung nicht klingen, und das Misslingcn einer so undank-\nbaren, unsangbaren Aufgabe ist kein Beweis der Unfähigkeit.\"\n*) Z. B. Berliner Musik-Zeitung, 30. Januar 1850: „Auch in\nSchubert's schönsten sinfonischen, sonatischen und Trio-Sätzen\nsind öde Strecken voll Geklapper und Geschrei\" u. s. w."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.1.4", "texte": "gezeichnete Opernsängerin. In diesen drei Familien fand\nSchubert's Genius wohl an zehn Jahre hindurch nicht nur\nsorgsame Pflege und Aufmunterung in-so fern er letz-\nterer zuweilen bedurfte —, zugleich auch offenherzige Be-\nurtheiler seiner Compositionen. Auch dem Miltheiler dieser\nErinnerungen, dessgleichen dem als Componisten und Cla-\nvierspieler sehr geschätzten Herrn Joh. Horzalka waren\ndiese drei Familien eine lange Reihe von Jahren nahe be-\nfreundet. In ihrem Kreise fanden wir drei fast in gleichem\nLebensalter stehenden jungen Leute einen Sammelplatz,\nder für andere Musiker unzugänglich gewesen*); denn zur\nAusführung von Gesang- und Clavier-Musik sammt Beglei-\ntung waren wir an Zahl genug. Horzalka (er lebt in Wien),\nwie auch Schubert brachten regelmässig neue Compositio-\nnen, mit deren Ausführung man sich sofort beschäftigte.\nDa geschah es nicht selten, dass Schubert bei Sonaten und\nsonstigen Ciavierwerken eindringliche Ermahnungen gegen\nallzu lange Ausdehnung einzelner Sätze anhören musste,\ndie, in so lern sie nur allgemeinhin ausgesprochen waren,\nmeist stillschweigend hingenommen wurden. Hatten wir\nuns aber erlaubt, diese oder jene Stelle als zu oft wieder-\nkehrend oder nicht neu und interessant genug zu bezeich-\nnen, da lief es bei unserem Freunde alsogleich so stark\nüber, dass seine Verstimmung lür den ganzen Abend nicht\nmehr wich. Die Herren Vogel und Pinterics aber\nbeachteten solche Verstimmung nicht im Geringsten ; bei\nder nächsten Zusammenkunft ertönte wieder dieselbe Kri-\ntik. Welche Wirkung sie auf Schubert gemacht, wie er sie\nöfters, noch nicht ausgesprochen, zu schwächen gewusst,\nergab sich aus gewissen Redensarten, sobald er sich ans\nCiavier setzte, z. B.: „Nun, heute wird's wieder über mich\nhergehen!\" „Schimpft nur drauf los!\" u. dgl.**)\nUnter den F. Schubert mangelnden Naturgaben steht\ndie der Rede oder, schärfer bezeichnet, die Gabe der ruhi-\ngen Expectoraiion über streitige Punkte in erster Reihe;\ndaher konnte es zu keinem Austausche von Gründen und\nGegengründen mit ihm kommen. Wortkarg, in gereiztem\nZustande kurz angebunden, schnitt er jedes Eingehen in\nden fraglichen Gegenstand „würz\" ab oder begegnete,\nwenn ein Grund zur Rücksicht für den Gegner vorhanden\nwar, mit einem Sarkasmus im wiener Gewände. Sehen wir\nden eigenthümlichen Mann gegen jeden sogar vorsichtig\nüberzuckerten Tadel Kehrt machen, so ging er doch in der\nGleichgültigkeit gegen Lobes-Aeusserungen fast noch wei-\nter. Ich entsinne mich nicht, jemals gesehen zu haben, dass\ner nur eine Miene verzogen hätte, wenn über eines seiner\nWerke ein verdientes Lob aus Herzensgrunde laut wurde.\nSo stark gepanzert gegen ein lobendes Wort war selbst\nBeethoven nicht, nur musste es sehr vorsichtig und im\npassenden Momente angebracht sein. Schubert stellte die\nhohen Anforderungen an sich selbst und die Werke der\nClassiker dem ihm gespendeten Lobe gegenüber, und da-\nmit war der Faden der Discussion entzwei geschnitten.\nSeyfried berührt in Schilling's Lexikon der Tonkunst\ndiesen Punkt also: „Beinahe einen allzu geringen Werth\nlegte Schubert auf die von der Menge gespendeten Beifalls-\nAeusserungen, so dass er meistens, aus Grundsätzen und\nmit festem Entschlüsse, den ersten Productionen gar nicht\neinmal persönlich beiwohnte. \"\nPer parenlhesin darf wohl gefragt werden: War ein\nso gearteter Charakter wohl zur Ausübung capellmeister-\nücher Functionen geeignet? Sicherlich nicht. Was sollte\nwohl Schubert's gemessener Ernst und oft plastische Ruhe,\nwas vollends seine Wortkargheit, sein Widerwille gegen\njede Discussion im amtlichen Verkehr mit Theater-Künst-\nlern und ihren häufig hochfahrenden Eitelkeiten? Was\nsollte der geniale, von einer neuen Schöpfung zur anderen\ngedrängte Künstler, dem die bürgerliche Geradheit und\nSchlichtheit so wohl anstand, in einer Stellung, in welcher\nder Kampf mit der Intrigue nicht aufhört, in welcher er\nselber oft gezwungen die Rolle eines Intriganten spielen\nmuss, will er mit seinen redlichen Absichten der Kunst\nwahrhaft erspriessliche Dienste leisten? In keiner Stellung\nist die reine Gesinnung, ist sie ja vorhanden, mehr gefähr-\ndet, vollständig zu Grunde zu gehen, als beim Thealer; in\nkeiner Stellung ist der innere Kampf zwischen künstleri-\nscher Ueberzeugung, ist sie ja vorhanden, und gewissen-\nhafter Erfüllung übernommener Pflichlen peinigender, als\nin der eines 1 heater-Capellmeisters. Selbst die hochgestell-\nten Herren Hof Capellmeister sind nicht zu beneiden; sie\ndrückt gleichfalls dieselbe oft unsichtbare Last darnieder,\nwie die an kleinen Dülmen. Denken wir uns Franz Schu-\nbert, den von der Muse geweihten Priester, als Opern-Di-\nrigenten mit der Partitur der 6 und anderem\nmodernem Opern-Graus beschäftigt. Nein, nein, für diese\n\n*) Diesem Kreise gehörte ich von 1821 bis incl. 1827 an.\n*i Zum \\ erständnisse der letzteren Redensart diene die Erklä-\nrung, dass das Wort „Kritik\" in Wien kaum gekannt war,\ndafür aber „Recension\".. Dieser Terminus führte fast aus-\nschliesslich den Begriff von Tadel, im Künstlervolke mit\nSchimpf übersetzt, mit sich. Zu richtiger Auffassung öster-\nreichischer Kunstbegriffe, wie sie wahrscheinlich heute noch\nim Allgemeinen sich erhalten haben, dürfte die Kenntniss\ndieser dort synonymen Bedeutung nicht unnütz sein. Da-\nnach lässt sich der Grad von Achtung ermessen, den die\nbessere Kunstkritik dort immerhin genossen."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.1.5", "texte": "schön übertünchte Künstler-Galeere war dieser Priester\nnicht geschaffen! Darum wollen wir das Schicksal preisen,\ndass Anfang und Ende von Schubert's Theater-Carriere in\nEinem und demselben Momente zusammenfielen. Wie viele\nWerke besässe wohl die Kunstwelt weniger von ihm, wäre\nes nicht so gekommen, wie wir es kennen!\nEs verdient bemerkt zu werden, dass Pinterics der\nEinzige war, der gegen die Bewerbung um den vacanten\nPlatz im Kärnthnerlhor-Theater gesprochen, weil er das\nschwere Bündel von Charakter-Eigenheiten, überhaupt die\ngeistigen Bedürfnisse unseres Freundes am besten abzuwä-\ngen verstand. Eben so erklärte sich Pinterics entschieden\ngegen die um 1824 von Anderen empfohlene und von\nSchubert wirklich beabsichtigte Vornahme eines Cursus im\nConlrapunkt mit Sechter, darin der alte Führer Salieri\nfühlbare Lücken offen gelassen hatte, wie Haydn einstens\nbei Beethoven. Pinterics fand die Vornahme dieser Studien\nzu spät; aus diesem Grunde befürchtete er auch den Wi-\nderspruch des bereits Meister gewordenen Schülers den\ntrockenen Regeln gegenüber. Das Project unterblieb somit,\nwurde aber 1828 wieder aufgegriffen; da erschien plötz-\nlich die Parze und machte dem jungen und doch so über-\nreichen Leben ein schnelles Ende.\nIn die Bahn der Thatsachen wieder einbiegend, wie\nsich diese im vertraulichen Kreise und auch ausser demsel-\nben ergeben, ist zunächst anzuführen, dass, um unsere den\nSchubert'schen Compositionen entgegengestellten Einwen-\ndungen fester zu begründen, es einstmals versucht worden,\ndem hartnäckigen Componisten einige Manuscripte von\nBeethoven vorzulegen. Diese Zeugnisse seltener Selbstkritik\nvermochten wohl ein Interesse in Schubert zu erregen, je-\ndoch ist von diesem bis zur Selbstübung noch ein sehr\nweiter Schritt von einer Nacheiferung haben wir nie-\nmals etwas wahrgenommen. Bald nach Beethoven's Tode\nwünschte er das Manuscript von Fidelio einzusehen. Nach-\ndem er lange damit beschäftigt war und viele von den Ver-\nänderungen in Harmonie, Instrumentirung und rhythmischer\nGliederung am Ciavier geprüft hatte, äusserte er, zu sol-\ncher Robot (Frohndienst) würde er sich unter keiner Be-\ndingung verstehen, und finde er übrigens das zuerst Nie-\ndergeschriebene eben so gut, als dessen Verbesserung.\nEr wollte nicht gellen lassen, dass dem Schöpfer des Wer-\nkes vornehmlich wenn es ein Beethoven ist allein die\nEntscheidung zustehe, ob seine Verbesserung wirklich eine\nsolche sei, nicht etwa eine Laune, ob sie im Allgemeinen\nwie Speciellen dem Werke förderlich oder gleichgültig sei.\nDie Discussion erreichte ihr Ende damit, dass Schubert\nkurz und bündig erklärte, zu solchen Correcturen wie\nsie vor uns lagen habe er keine Zeit.\nAlle diese Erfahrungen schienen mir genügend zu be-\nweisen, dass dem so erfindungsreichen Schubert ganz oder\ndoch im erforderlichen Maasse abgehe, was man in der\nAutoren-Welt die Kunst der Feile nennt, die das Ken-\nnerauge in allen Werken der Classiker in so hohem Grade\nbewundern muss. Dieser speciellen Kunst, aus keinem Lehr-\nbuche zu erlernen, verdanken nicht nur die in der Musik-\nwelt für classisch anerkannten Werke einen wesentlichen\nGrund ihres dauernden Werthes, auch andere Producte\naus jedem Zweige der Künste und Wissenschaften. Es ist\nbekannt, dass Alexander von Humboldt gemeiniglich so\nviele Aenderungen und Verbesserungen macht, dass man-\ncher Druckbogen drei bis vier Mal umgesetzt werden muss.\nHätte Schubert diesfalls nur ungefähr Gleiches gethan, wie\nBeethoven, und wie wir ganz Aehnliches erst in jüngster\nZeit bei Mozart kennen gelernt, sein Katalog wäre um\neinige Nummern weniger reich, aber immer noch überreich,\num jede andere Künstler-Thätigkeit, die stets Neues aus\neigenem Borne schöpft, zu überbieten, wenn man die kurze\nSpanne Zeit von 16, höchstens 18 Jahren zur Hervor-\nbringung aller der vorhandenen Werke in Erwägung zieht.\nIm Jahre 1831, mit einzelnen Werken aus Schubert's\nNachlass literarisch für Diabelli beschäftigt, machte ich ne-\nbenbei auch die nähere Bekanntschaft mit verschiedenen\nder grossen Werke, mit der Oper Fierabras u. A. Bei\ndieser Rundschau fanden sich Anstösse genug, mich des\nVorfalles von 1826 im Hof-Operntheater und der anderen\nhier erzählten Erlebnisse zu erinnern. Da hörte ich einst-\nmals Herrn Diabelli äussern, er sei gesonnen, hier und da\nKürzungen vorzunehmen, wenn es zur Veröffentlichung des\nbetreffenden Werkes kommen werde. Dass dieser löbliche\nVorsatz nicht zur Ausführung gelangte, ist sehr zu be-\ndauern, zumal Diabelli der geeignete Mann gewesen, um\neine zweckmässigem Abrundung einzelner Sätze zu be-\nwirken. Würde wohl die Sinfonie in (componirt im\nzwanzigsten Lebensjahre) an Interesse gewonnen haben,\nwenn zunächst ihr zweiter und vierter Satz, die bis zur\nErmüdung ausgedehnt sind, wesentliche Kürzungen erlitten\nhätten? Wenn ja die Vorwürfe der Xritik auf festem Grunde\nund Boden fussen, in diesem sinfonischen Ungeheuer ist er\nallein schon in weitester Ausdehnung zu treffen, was auch\ndessen Lobredner zu Leipzig, an ihrer Spitze Mendelssohn,\nzu seinem Ruhme vorgebracht haben. Mit Fug und Recht"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.1.6", "texte": "ist ihnen zu erwidern, dass sie das zu häufige Wiederholen\nder Haupt- und anderer Motive, das ununterbrochene Ab-\nhetzen einer und derselben Tongruppe zur Rechtfertigung\nihrer eigenen Bravouren in diesem Genre benutzt haben*).\n\nSiebentes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn\nFerdinand Hiller.\nDinstag, den 3. März 1857.\nProgramm: I. 1) Ouvertüre zur Oper Genovefa von Robert\nSchumann; 2) Tenebrae factae sunt, Chor ohne Begleitung von\nMichael Haydn; 3) Scene und Arie Ah perfido von L. van\nBeethoven mit Orchester, gesungen von Frau Dr. Mampe-\nBabnigg; 4) Sinfonie A-dur, Nr. 4, von F. Mendelssohn-\nBar tholdy. 11. 5) Comala, dramatisches Gedicht nach Os-\nsian für Soli, Chor und Orchester componirt von N. W. Gade.\nDas wirklich Erfreuende und das Publicum sichtbar Befrie-\ndigende war in diesem Concerte die Sinfonie von Mendels-\nsohn. Als das frische Thema des ersten Satzes wie ein heiterer\nMaitag mit vollem Sonnenschein hereinbrach, zeigte sich plötzlich\nein neues Leben in Theilnahme und Anregung; denn auch die\nschöne, im Mozart'schen Stile geschriebene Scene Beethoven's, eine\nGattung, in deren Vortrag die sonst treffliche Sängerin nicht gerade\nexcellirte, konnte namentlich bei den gar zu langsam genommenen\nTempi's nicht allgemein ansprechen. Der kleine Chor von M. Haydn\nging gut, war aber doch gar zu bald vorüber, um eine Stimmung\nhervorzurufen, und R. Schümanns Ouvertüre, welche hier schon\nein paar Mal gleichgültig aufgenommen worden ist, konnte bei\nder diesmaligen mangelhaften Ausführung natürlich noch weniger\nwirken, als sonst. Die Sinfonie wurde dagegen gut gespielt, der\nerste und der letzte Satz mit Lebendigkeit und Feuer, die gar\nlieblichen beiden Mittelsätze mit genauem und zartem Ausdrucke,\nder seine Wirkung im Einklänge mit der einfachen Schönheit der\nComposition nicht verfehlte. Das Tempo wurde nirgends übertrie-\nben; gut ausgeführt, wird diese Sinfonie, trotz einiger schwachen\nStellen des ersten Satzes, stets zahlreiche Freunde finden.\nGade's Comala, vor einigen Jahren schon kalt von dem hiesi-\ngen Publicum aufgenommen, konnte uns auch diesmal nicht er-\nwärmen. Eine Stimmung erzeugt das Werk allerdings durch die\nKlang-Effecte und die wunderbar schöne Instrumentirung; allein es\nist kaum möglich, diese Stimmung des ewigen Verschwimmens in\nNebel und Klage auf die Dauer zu ertragen; die Einheit schlägt\nzur Eintönigkeit um. Wir haben uns schon früher in der Rheini-\nschen Musik-Zeitung (Jahrg. 1., Nr. 23 vom 7. December 1850) aus-\nführlich über das Werk ausgesprochen, und sind durch die jetzige\nganz gelungene Aufführung nur in unserer Ansicht bestärkt wor-\nden. Ueberall Farbe, glänzende Farbe, wahre Farbe, aber nirgends?\nGestalt, nirgends charakteristische Zeichnung.\n*) In den frankfurter Museums-Concerten wird diese Sinfonie\nseit 1850 mit bedeutenden Abkürzungen aufgeführt ad ma-\njorem Autoris gloriam. Habeneck's Versuch 1842 mit dieser\nSinfonie, dem ich beigewohnt, endigte schon mit dem ersten\nSatze. Das Orchester des Conservatoires war in keiner Weise\nzu bewegen, nur noch den zweiten zu spielen. Damit war\ndas Schicksal des Werkes für alle Zeit entschieden. Ich hatte\nnicht unterlassen, Habeneck auf die notwendigen Kürzungen\naufmerksam zu machen; allein er mochte wohl auch keine\nZeit dazu gehabt haben, wie einstens der Componist.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Am Sonntag den 1. März wurde die Oper Hans\nHeiling von H. Marschner unter dessen eigener Direction wie-\nderholt. Trotz der bei beiden Aufführungen erhöhten Preise waren\nauch für diese Vorstellung alle Logen- und Parquet-Plätze schon\nTags vorher verkauft. Die zweite Aufführung war in manchen\nStücken noch gelungener als die erste; es war zu bewundern, was\nEin Mann lür einen Geist in das ganze Bühnen-Personal zu brin-\ngen vermag, wenn er die Aufgabe eines Dirigenten so fasst und\nzu ihrer Lösung eine solche intellectuelle und technische Meister-\nschaft besitzt, wie Marschner. Dass unser Orchester in jeder Hin-\nsicht die geringste Andeutung des Componisten über Ausdruck\nund Vortrag mit augenblicklichem Verständnisse trefflich ausführte,\nwar nicht anders zu erwarten. Nur die paar Regiments-Musiker\nauf der Bühne hatten die Anleitung des Meisters nicht begriffen\nund spielten die Rolle der Dorfmusicanten im dritten Acte auf gar\nzu natürliche Weise. Frau Marschner, die am Freitag vorher auch\ndie Rosine in Rossini's Barbier gegeben und besonders durch die\nerste Arie und den reizenden Vortrag einiger Lieder am Cfavier\ngrossen Beifall geärntet hatte, spielte, sprach und sang als Gertrud\ndie wunderbar ergreifende melodramatische Scene am Schlüsse des\nzweiten Actes von Hans Heiling ganz vortrefflich.\n-j- Bonn, den 28. Februar. Es drängt mich, Ihnen von einem\nmusicalischen Genüsse zu berichten, der auch die kühnsten Erwar-\ntungen weit überboten hat. Es war die von dem Besitzer des Jo-\nhannesberges in Elberfeld unterhaltene Capelle, welche unter Lei-\ntung ihres Dirigenten Herrn Langenbach am 9. Februar hier\nim Saale des Gasthofes zum goldenen Stern ein Instrumental-Con-\ncert ohne anderweitige Mitwirkung gab. Das treffliche Programm\nlautete: 1) Ouvertüre, Scherzo, Notturno und Hochzeitsmarsch aus\ndem Sommernachtstraum von Mendelssohn; 2) Ouvertüre zur Leo-\nnore (mit dem Trompeten-Solo) von Beethoven; 3) Concertante für\nvier Violinen von Maurer; 4) Ouvertüre zum Tannhäuser von R.\nWagner; 5) Sinfonia eroica. Die Ausführung dieser sämmtlichen\nWerke war so vollendet und tadellos und in jeder Beziehung so\nmeisterhaft, dass Referent gesteht, nur selten einen so ganz reinen\nund durch keine Makel getrübten Kunstgenuss empfangen zu ha-\nben. Freilich findet sich hier auch ein Zusammentreffen von Um-\nständen und Bedingungen, die nicht so leicht anderswo vorkommen.\nZweiunddreissig tüchtige Musiker, die unter Leitung eines ausge-\nzeichneten Directors Jahr aus, Jahr ein im Sommer täglich, im\nWinter wöchentlich mehrere Male öffentlich zusammen spielen,\nmüssen es allerdings zu einem ungleich höheren Grade der Voll-\nkommenheit in der Darstellung bringen, als viel grössere Massen,\nunter denen sich nicht nur (wie namentlich bei Musikfesten) man-\ncher schwache Dilettant befindet, sondern die auch mit einigen we-\nnigen Proben, in denen kaum das Notdürftigste zu erreichen ist,\nfertig sein müssen, daher denn die Präcision, Abrundung, Feinheit\nund Gleichheit der Auffassung, die bei der Johannesberger Capelle\nunsere Bewunderung unausgesetzt in Anspruch nehmen, bei so vie-\nlen anderen Orchestern im günstigsten Falle nur unter die Aus-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.1.7", "texte": "nahmen gehören. Unser Publicum, dem den Vorwurf der Heissbl-\nütigkeit zu machen, eine offenbare Ungerechtigkeit wäre, habe ich\nkaum jemals so entzückt und dankbar gesehen, wie an jenem\nAbende, und insbesondere wollte nach der Beethoven'schen Ouver-\ntüre der Beifallssturm gar kein Ende nehmen. Allgemein sprach\nsich der Wunsch aus, dass diesem Concerte noch mehrere andere\nnachfolgen möchten, was nun leider bei der nicht geringen Entfer-\nnung seine grossen Schwierigkeiten haben mag. Eine bedeutende\nTheilnahme von Seiten unseres Publicums wäre aber nicht zu be-\nzweifeln, zumal viele sind, die es bedauern, die Gelegenheit, ein-\nmal etwas in seiner Art so Vollkommenes zu hören, versäumt zu\nhaben.\n•j-j- Barmen* Samstag, den 21. Februar, hatten wir unser\nviertes Abonnements-Concert, in dem Frau Dr. Mampe - Bab-\nnigg die Arie der Vitellia aus Titus mit obligater Clarinette (eigent-\nlich Bassethorn), eine Arie aus Herold's Zweikampf mit obligater\nVioline, so wie einige Lieder ganz vortrefflich und unter rauschend-\nstem Beifalle sang. Auch in der Sinfonie-Caniate „Lobgesang\" von\nMendelssohn sang dieselbe die Sopran-Partie mit trefflicher Auf-\nfassung und frischer, glockenheller Stimme. Letzteres Werk ging\nüberhaupt so schwungvoll, dass wohl ein Nachlässigkeits-Versehen\nder Tenöre im Schlusschor zu verzeihen war, um der übrigens so\ngelungenen Ausführung willen. Auch die Tenor-Partie ward durch\nunseren tüchtigen Dilettanten recht anerkennenswerth durchgeführt,\nwährend es Fräul. Mann gelang, sich in dem schönen Duett mit\nChor: „Ich harrete des Herrn\", neben Frau Dr. Mampe-Babnigg\nwürdig zu behaupten. Ausser einigen kleineren Chorsachen ward\nnoch eine effectvolle Ouvertüre von van Eyken zu dem hol-\nländischen Trauerspiel „Lucifer\" unter Direction des Componisten\naufgeführt und mit lebhaftem Beifalle aufgenommen.\n13ravmscliweig> den 26. Februar. Zum bevorstehenden Stif-\ntungsfeste des hiesigen Kunst-Clubs wird auch das neueste Product\nder komischen Muse J. Fr e uden t ha I's, die Carnevals-Oper\n„Alarich und Melusine\", zuerst in die Welt treten und ohne Zwei-\nfel eben so rasche wie allseitige Verbreitung, als sein Vorläufer,\n„Die Barden\", finden, welchem Werke diese Arbeit in mancher\nHinsicht überlegen ist. Denn war die Tendenz der Barden zunächst\ndie Persiflage moderner Compositions- und Sänger-Manieren, die\nnach Art der Aristophanischen Komödie die Geissei des Spottes\nüber den Ungeschmack der Gegenwart schwingt und in täuschen-\nder Nachahmung ihrer Unarten ihr den Spiegel der Lächerlichkeit\nentgegenhält, so stützt sich „Alarich und Melusine\" auf seine eigene\nkomische Kraft und wirkt hauptsächlich durch die drastischen Ge-\ngensätze in Situation und musicalischer Behandlung, in Charakter,\nGesang und Instrumentation eine Art der Komik, die der Com-\nponist mit entschiedenem Glück ausübt und womit er stets die un-\nwiderstehlichste Wirkung auf die Stimmung seines Publicums er-\nreicht. Daneben kann er doch dem Aristophanischen Spotte nicht\nentsagen, nur richtet er ihn dieses Mal nicht auf locale Einzelhei-\nten, sondern auf wesentlichere Bestandteile des modernen Opern-\nDrama's, ja, des Drama's überhaupt, was durch die unterbrechende\nTrompete, welche dreimal die Katastrophe stört und zuletzt durch\nihr Ausbleiben dieselbe doppelt ins Komische verkehrt, bewahrhei-\ntet wird, in so fern eine an sich einfache Handlung dadurch auf\ngewaltsame Weise zu einer weitläufigen Verknüpfung von Umstän-\nden und Verwicklungen aus einander gezerrt wird.\nDen musicalischen Theil der vom Componisten mit vielem Ge-\nschick entworfenen und auch metrisch gut eingekleideten Hand-\nlung anlangend, so ist namentlich hervorzuheben, dass die Vocal-\nstücke durchaus sangbar, melodiös und fliessend, ja, einige Num-\nmern, wohin wir namentlich das Spuk-Duett und die Ballade aus\ndem ersten Acte rechnen, durchaus gelungen zu nennen sind, dass\ndas gewagte Problem, einen Stotterer singend einzuführen, vorzüg-\nlich gelös't und die Charakteristik des Orchesters jeder Situation\nund Stimmung gewandt angepasst ist.\nAusführlicheres über das Ganze werden wir nach der Auffüh-\nrung des Werkes, welche von den Mitgliedern des Kunst-Clubs\nunter Leitung des Componisten mit grossem Eifer und mit immer\nneuem Amüsement betrieben wird, mitzutheilen Gelegenheit haben.\nX.\nDer Violin-Virtuose J. J. Bo 11 aus Kassel ist zum Hof-Capell-\nmeister in Meiningen ernannt worden, nachdem der bisherige Ca-\npellmeister Grund, welcher seit 37 Jahren im Amte ist, um seine\nVersetzung in den Ruhestand nachgesucht hat. Herr Bott ist mit\nlebenslänglichem, auch im Falle einer Pensionirung ungeschmälert\nzu beziehendem Gehalte von jetzt ab angestellt worden, wird aber\nerst im Herbste in Thätigkeit treten.\nlieipzig-. Den 26. Februar fand das Concert zum Besten des\nOrchester-Pensions-Instituts im Gewandhause zu Leipzig Statt.\nJ. Ritz dirigirte den ersten Theil: Ouvertüre zu Göthes Hermann\nund Dorothea von R. Schumann, hinterlassenes Werk, Op. 136;\nFrau von Milde aus Weimar sang das Gebet aus Genovefa; Grün\naus Pesth spielte das Adagio und Rondo für Violine von Vieux-\ntemps. Liszt dirigirte den zweiten Theil: Les Preludes, sympho-\nnische Dichtung; Duo aus dem fliegenden Holländer (Herr und\nFrau von Milde); 1. Es-dur-Pianoforte-Concert, vorgetragen von\nHans v. Bülow; Lieder (Herr und Frau von Milde), Mazeppa, sym-\nphonische Dichtung. Sämmtliche Piecen des zweiten Theiles, mit\nAusnahme des Duo, sind von Liszt. (Der Bericht über dieses\nConcert ist uns zu spät für diese Nummer zugegangen. Er wird in\nder nächsten Nummer erscheinen. Die Redaction.)\nJ. Lachner's Oper „Loreley\" kam bereits in Hamburg, wie\ndortige Journale behaupten, mit Beifall zur Aufführung. Dieses\nWrerk steht weder in textlicher, geschweige in musicalischer Hin-\nsicht mit dem Mendelssohn schen gleichnamigen Fragmente in ir-\ngend welcher Beziehung.\nEine neue deutsche Oper hat so eben Richard Genee, Ca-\npellmeister in Danzig, vollendet. Auch der Text ist von ihm ge-\ndichtet und der Stoff aus dem Leben Jacob Stainer's, des berühm-\nten Geigenbauers und Virtuosen, entnommen. Die Oper führt den\nTitel: „Der Geiger aus Tyrol\".\nGenf, den 2. März. Es wird Ihnen Vergnügen machen, zu\nerfahren, dass Ihr Landsmann, Herr Adolf Köckert, in unse-\nrem schweizerischen Paris, welches seinem vortrefflichen Violin-\nspiel schon im vorigen Winter so aufmerksam lauschte und seine\nSolo-Vorträge mit Enthusiasmus aufnahm, dem Geschmack an der\ngediegensten Gattung der deutschen Tonkunst, der Quartett-\nMusik, eine solche Bahn gebrochen hat, dass seine acht Soireen\nfür Kammermusik dermaassen besucht waren, dass stets eine Menge\nvon Zuhörern nicht in den Saal gelangen konnte. Sie werden viel-\nleicht denken, er werde sich wohl dem französischen Geschmacke\nan brillanten Salonstücken gefügt und eine Anzahl von Solosachen\neingestreut, auch wohl durch einigen Romanzengesang gelockt ha-\nben, um der classischen Musik Eingang zu verschaffen. Keines-\nwegs; mit solchen Gedanken würden Sie Herrn Köckert und un-\nserem Publicum Unrecht thun. Der ausgezeichnete Künstler hat\nnur in der letzten Soiree (am 27. Februar) ein Solo gespielt, den\nTrauermarsch von F. Chopin aus der Clavier-Sonate, Op. 35,"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570307-01.1.8", "texte": "den er lür Violine und Clavicr eingerichlet hat; sonst sind in allen\nSitzungen nur Quartette und Quintette gemacht worden; nicht ein-\nmal das unvermeidliche Piano ist in Anspruch genommen worden,\nund Niemand hat es vermisst. Wir haben in den acht Soireen ge-\nhört: 5 Quartette von J. Haydn 4 von Mozart (darunter die\nPerle derselben, das Quartett in D-moll, in herrlicher Ausführung)\n6 von Beethoven (darunter auch Nr. 10, jene wundervolle,\nphantasiereiche Composition) 4 von F. M ende Iss o hn -Bar-\nthol dy 1 von L. Spohr 1 von F. Schubert (in D-moll)\n1 von Veit (in D-moll) 2 Quintette von Mozart 1 Sex-\ntett (mit zwei Hörnern) von Beethoven.\nDie Genossen, welche sich mit Herrn Köckert zu diesen echt\nkünstlerischen Productionen vereinigt hatten, sind die Herren Ver-\ncellesi (11. Violine), Müller (Alto I.), Malifaux (Alto II.)\nund Battanchon (Violoncello). Die Ausführung zeichnete sich\ndurchweg durch intelligente und poetische Auffassung, reinste In-\ntonation in allen Instrumenten, gewissenhafte Treue gegen den\nComponisten und künstlerischen Ausdruck im Vortrage aus."}]}