{"numero_id": "bm-bmtnabi-1857-03-21-01", "volume": "bmtnabi_1857-03-21_01", "ocr_sha256": "089a0f9f2cb2efcd466e1da15434e00985220de8faf1312f1c5029c59883d150", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1857/03/21_01/bmtnabi_1857-03-21_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1857-03-21-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-03-21_01#c001", "volume": "bmtnabi_1857-03-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "89", "page_fin": "89", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "89", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 302, "texte": "Inhalt.\nLes Prel udes. 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März 1857.)\nAls der genialste Virtuose unserer Zeit, Franz Liszt,\nder Triumphe müde ward, die Europa seiner echten Kunst\nso gern noch länger bereitet hätte, schickte er sich be-\nkanntlich an, durch eigene grosse Schöpfungen die Welt\nzu überraschen. Wer nicht bloss an geistige Thätigkeit,\nsondern eben so sehr daran gewohnt ist, dass ihm der\nLorber auf dem Fusse folge, der vermag den Schauplatz\nder Oeffentlichkeit nicht zu verlassen, er wechselt ihn nur.\nDer Ruhm des Tondichters Liszt sollte den Ruhm\ndes Virtuosen Liszt sofort verdunkeln. Es fanden sich\nenthusiastische Freunde und liessen sich auch gefällige\nSchriftsteller finden, welche diese Transfiguration Liszt's\nals ein Ereigniss von unabsehbarem Gewinne lür die Ent-\nwicklung der Tonkunst darstellten. Wir sind im Gegen-\ntheil der Ansicht, dass die musicalische Welt durch die\nAbdication des Virtuosen Liszt einen Verlust erlitten habe,\nwelcher ihr durch den Componisten nicht entfernt ersetzt\nwird.\nWer die künstlerische Individualität Liszt's während\nder langen Dauer seines Virtuosenthums aufmerksam be-\nobachtet hatte, durfte sich wohl von vorn herein einige\nSchlüsse auf den Charakter seiner neuen Compositions-Tha-\nten erlauben. Die Clavier-Compositionen Liszt's, die be-\nkanntlich einen artigen Stoss bilden, waren durchaus von\nso mitlelmässiger Erfindung und Ausführung, dass man\nauch nicht von Einer daraus hätte behaupten wollen, sie\nwerde sich in der musicalischen Literatur erhalten.\nEine grosse Kenntniss des Clavier-Effectes und hin und\nwieder ein interessantes Apercu sind alles, was sich von\nLiszt's Ciaviersachen rühmen lässt bei einem Virtuosen\nvon Geist selbstverständliche Dinge. Seiner äusserst dürfti-\ngen Erfindungskraft bewusst, pflegte Liszt meistens fremde\nMelodieen in Transscriptionen, Phantasieen u. dgl. zu ver-\narbeiten. In diese Classe gehört ohne Ausnahme alles, was\njemals von Liszt Beliebtheit errang. Ueberall, wo er hin-\ngegen aus eigenen Mitteln arbeitete, brachte Liszt ein wun-\nderliches Gemisch von Gemeinplätzen und Bizarrerieen zu-\nwege; man ertrug diese Compositionen, wenn er sie\nspielte. Noch in seinen letzten Clavier-Compositionen, dem\n„Album de pelerinage\"u. dgl., kann man die ausschliess-\nliche Herrschaft dieser beiden Factoren wahrnehmen, zu-\ngleich das zunehmende Bestreben, durch beigelügte Ge-\ndichte und sogar Bilder die Armuth des musicalischen In-\nhalts zu bemänteln. Schrieb Liszt irgend einen Chor, so\nkonnte man nach den ersten Tacten den Componisten an\nder gequälten Melodie, den unsangbaren Mittelstimmen,\nder zerfallenden Form erkennen.\nSo verhielt es sich an 30 Jahre lang mit Liszt's Com-\npositionen, über die das Urtheil so gut wie einstimmig war.\nNun nahm sich Liszt plötzlich vor, mit grossen, bedeuten-\nden Schöpfungen hervor zu treten. Mit der ihm eigenen\ngeistigen Regsamkeit und beneidenswerthen Energie ging\ner an die Aufgabe. Zu einsichtsvoll, um nicht die auffallend-\nsten Lücken seiner Begabung zu kennen, musste er sich\nder Musik von jener Seite nähern, wo sie, an äussere Ob-\njecte gelehnt, vorzugsweise den vergleichenden Verstand\nbeschäftigt und die poetische oder malerische Phantasie\nanregt.\nEr brachte beinahe mit Einem Wurf neun Sinfonieen\nzur Welt, die er „symphonische Dichtungen\" nannte und\nmit speciellen, den Inhalt dieser Musik erklärenden Pro-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5313, "texte": "grammen versah. Die Titel dieser Stücke sind: „ Ce qu'on\nentend sur lamonlagne\", „Tasso\", \", „ Or-\npheus \", „Mazeppa\", „Prometheus\", „Festklänge\",\nroide funebre\" und „ Hungaria\".\nNimmt man dazu, dass Liszt gegenwärtig an einer\nmusicalischen Uebertragung der „Ideale\" von Schiller, der\n„Göttlichen Komödie\" von Dartle, des Göthe'schen Faust\nund ähnlicher Kleinigkeiten arbeitet, so wird man zugeben,\ndass der Componist geradezu die höchsten Ansprüche\nmacht, die überhaupt in der Musik erhoben werden kön-\nnen. Er achtet seine Musik für fähig, die gewaltigsten Er-\nscheinungen des Mythus und der Geschichte, die tiefsten\nGedanken des Menschengeistes nachzugeigen und nachzu-\nblasen. Den Musiker muss diese Methode von vorn herein\nsehr bedenklich stimmen, indem sie klar genug ausspricht,\ndass es sich hier nur sehr nebenbei um Musik handle.\nHauptsache ist der poetische Stoß', dieser soll durch musi-\ncalische Randzeichnungen geistreich illuslrirt werden.\nDie Berechtigung der deseriptiven Musik überhaupt\nangenommen, ist doch wieder ein grosser Unterschied zwi-\nschen den Stoffen, welche man ihr zumuthet. In der „Mee-\nresstille und glücklichen Fahrt\", im „Sommernachtstraum\",\nim Programm der Pastoral-Symphonie u. dgl. wird Niemand\ndie Ungezwungenheit der musicalischen Anspielung ver-\nkennen: ein Mazeppa aber ist geradezu widermusicalisch;\nCharaktere wie Prometheus sind jeder musicalischen Be-\nziehung so fern, dass solche Ueberschriften von Sinfonieen\nnur den Eindruck einer prahlhaften Spielerei machen können.\nEs ist kaum nöthig, hier die Frage über die Berechti-\ngung der Programm-Musik von Anfang aufzunehmen. Nie-\nmand denkt mehr so engherzig, dem Torisetzer jede poeti-\nsche Anregung versagen zu wollen, welche die Beziehung\nzu einem äusseren Stoffe ihm bietet. Die Musik wird zwar\nnimmermehr im Stande sein, das bestimmte Object auszu-\ndrücken oder dessen wesentliche Merkmale so darzustellen,\ndass man sie ohne die Ueberschrift erkenne allein sie\nmag immerhin die Grundstimmung davon nehmen und mit\nder deutlichen Benennung an der Stirn wenigstens an-\nspielend, wenn auch nicht darstellend wirken. Die Haupt-\nbedingung wird immer bleiben, dass die Musik, allem Titel\nund Programm zum Trotz, denen sie ihre Färbung leiht,\ndoch immer auf ihren eigenen Gesetzen ruhe, specifisch\nmusicalisch bleibe, so dass sie auch ohne Pro-\ngramm einen in sich klaren,' selbstständigen Eindruck\nmache.\nDies nun ist die erste wichtige Einwendung, die man\ngegen Liszt erheben muss, dass er dem Sujet seiner Sin-\nfonieen eine weit grössere missbräuchliche Mission aufer-\nlegt, nämlich den fehlenden musicalischen Inhalt entweder\ngeradezu zu ersetzen oder dessen Alrocitäten zu recht-\nfertigen.\nJeder Mensch mit gesunden Sinnen wird sich von dem\ndissonirenden Geheul, das einen so wesentlichen Tbeil der\n„Mazeppa Symphonie\" bildet, abwenden. Durch diese\nUeberschrift nun soll eben das, was uns an sich musicalisch\nabscheulich dünkt, als treffend und nothwendig aufdisputirt\nwerden. „Der Componist wollte ja die schmerzlichen\nZuckungen des geschleiften Mazeppa schildern\" u. s. f.—\nMan wird zugeben, dass bei solcher Ausdehnung des Pro-\ngramm-Princips es mit der Musik einfach zu Ende ist.\nDen „symphonischen Dichtungen\" sind, wie gesagt,\nerklärende Vorreden von Liszt vorgedruckt, die ganz in\ndem entsetzlichen, schwülstig-sentimentalen Tone Richard\nWagner's abgefasst sind. Ein eben so merkwürdiges Licht,\nwie diese speciellen Vorreden, die gleich einem Ballet-Pro-\ngramm den taubstummen Tanz erklären, wirft die sämmt-\nhchen Partituren vorgedruckte gemeinsame Erklärung auf\ndie falsche Methode Liszt's. „Obschon ich bemüht war,\"\nheisst es darin, „durch genaue Anzeichnungen meine In-\ntentionen zu verdeutlichen, so verhehle ich doch nicht, dass\nManches, ja, sogar das Wesentlichste, sich nicht\nzu Papier bringen lässt.\" Ich überlasse es dem musikkun-\ndigen Leser, zu entscheiden, in wie fern man es noch mit\nTonwerken zu thun habe, wo das „Wesentlichste\" des-\nselben sich nicht in Noten wiedergeben lässt *). Dirigenten\n\n*) Hier thut der Verfasser Liszl Unrecht, wozu freilieh die plumpe\ndeutsche Uebersetzung, welche mit der französisch geschrie-\nbenen Vorrede der Partitur vorgedrnckt ist, leicht verleiten\nkann. Die wörtlichen Aeusserungen Liszt's beziehen sich nur\nauf die Bezeichnung des Vortrages und des Zeitmaasses: „Ich\nhabe mich bemüht, meine Intentionen in Bezug auf\nSchattirungen, auf Beschleunigung und Zurück-\nhaltung des Zeitmaasses u. s. w. durch eine de-\ntaillirte Anwendung der gebräuchlichen Zei-\nchen und Ausdrücke so deutlich wie möglich zu ma-\nchen ; dennoch würde man sich täuschen, wenn man glaubte,\ndasjenige zu Papier bringen zu können, was die ei gent-\nliche Schönheit nnd den Charakter der Ausfüh-\nrung ausmacht.\" Man sieht, dass der weimar'sche\nUebersetzer das von uns Unterstrichene weggelassen und\ndafür im Nachsatze die Worte „ja, sogar das Wesent-\nliche\" zugesetzt hat. Eben so widersinnig ist der\nSchluss der Vorrede übersetzt, wo es im Deutschen heisst:\n„Dem Wohlwollen meiner Kunstgenossen sei es daher über-\nlassen, das Meiste und V o rzüglichste an meinen\nWerken zu vollbringen\"! während Liszt, unmittel-\nbar an die obige Stelle anknüpfend, sagt: „In dem Talente\nund der geistigen Auffassung der dirigirenden und ausführen-\nden Künstler liegt allein das Geheimniss desselben (nämlich"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5071, "texte": "und Spieler müssen demnach für Liszt'sche Compositionen\nmit einem besonderen Ahnungs- Vermögen ausgestattet sein\nvon den Zuhörern versteht sich diese Schuldigkeit von\nselbst.\nEs war zu erwarten, dass Liszt in allen Aeusserlich-\nkeiten neu sein werde. So ist die Form seiner symphoni-\nschen Dichtungen ein Mittelding zwischen der erweiterten\nOuverluren-Form Mendelssohns und der mehrsätzigen Sin-\nfonie. Liszt lässt die drei bis vier im Charakter scharf un-\nterschiedenen Abtheilungen, aus denen seine Symphonieen\nbestehen, wie in freier Phantasie, zwanglos in einander\nübergehen, so dass das Ganze äusserlich als ununterbro-\nchene Einheit aulgelührt wird.\nDas hindert freilich nicht, dass diese Bestandtheile oft\nmosaikartig an einander gereibt, oft chaotisch durch einan-\nder gemengt erscheinen.\nDie Form einsätziger Symphonie kann eine Zukunft\nhaben, wenn sie von echt musicalischen Kräften gepflegt\nwird; man bedarf für Concert-Auflührungen Orchester-\nstücke, deren Ausdehnung etwa die Mitte zwischen der\nOuvertüre und der Symphonie hält. Sämmtliche Liszt'sche\n„Dichtungen\" sind weislich kurz gehalten.\nDie „Präludien\" erscheinen charakteristisch durch die\nMethode, wie die Musik zu dem fertigen Programm rein\nauf dem Wege der Reflexion hinzugebracht wird. Es ist\nkaum mehr als ein witziger Gedanke, was den ganzen Stoff\nder Symphonie bildet: die Vergleichung des Menschenlebens\nmit einem „Präludium\" zu einem unbekannten jenseitigen\nGesänge. Die musicalische Bedeutung vom „Präludium''\nliefert nun dem Componisten die nöthigen Guirlanden von\nHarfen-Arpeggien u. dgl.\nIn der Lamartine'schen Dichtung werden „ Liebesglück\",\n„Sturm\", „Ländliche Einsamkeit\" und „Siegreicher\nKampf\" als rasch in einander fliessende Nebelbilder vorge-\nführt. Welche materielle Ueberstopfung damit in den engen\nRahmen eines Musikstückes gebracht wird, ergibt sich von\nselbst, so wie die Unvermeidlichkeit einer Zerstreuung,\nwelche das gerade Widerspiel jener geistigen Sammlung\nist, die das echte Kunstwerk beabsichtigt.\nVom rein musicalischen Standpunkte sind die „Prä-\nludien\" die klarste und gefälligste aus der Reihe der Liszt'-\nschen metaphysischen Abhandlungen. Wir finden zwar kein\nThema darin, das 3n sich originel oder bedeutend heissen\nkönnte, vielmehr unterlaufen sowohl in den pathetischen\nals in den sentimentalen Theilen Anklänge von bedenklicher\nTrivialität; noch weniger entdecken wir in diesem poeti-\nschen Vagabundiren der Phantasie jene musicalische Gedan-\nken-Entwicklung, die wir als „thematische Arbeit\" in je-\nder grösseren Composition finden und finden wollen. Der\nehrgeizige Drang, jeden Augenblick mit etwas Neuem, Un-\nerhörtem, Genialem zu überraschen, bringt vielmehr eine\nUnruhe in das Ganze, welcher geradezu etwas Dilettanti-\nsches anklebt. Dessen ungeachtet vermögen die „Preludes\"\nden Hörer interessant anzuregen. Es zeigt sich darin ein\nsehr lebhafter Sinn für Zusammenstellung der Klangfarben;\nwir erinnern nur an die Instrumentirung des an sich ziem-\nlich gewöhnlichen Thema's in E-dur, das (Seite 21 der\nPartitur), von vier Hörnern und gelheilten Bratschen breit\nvorgetragen, von Violinen und Harfen-Accorden leicht um-\nspielt, von reizender Wirkung ist.\nEben so bringen (S. 32) die aufsteigenden chromati-\nschen Sextengänge des Streich-Quartetts, Anfangs nur von\nFagotts und Clarinetten in der Tiefe, dann durch Oboen\nund Flöten verstärkt, eine wahrhafte Windsbraut hervor.\nDer letzte Satz ist nicht viel mehr als ein Parademarsch,\nmit allem Glänze lärmender Janitscharenmusik ausgestattet.\nDarauf verzichtet Liszt niemals; er weiss zu gut, wie solch\nrein sinnlicher Eindruck beim grossen Publicum immer\nseine Schuldigkeit thut; die „guten Freunde\" sorgen schon\ndalür, dass auch dieser Janitscharen-Lärm für reine Erha-\nbenheit ausgelegt werde.\nLiszt bringt ihn aber nicht bloss in den „Preludes\"\nan, etwa um den „Kampf\" zu illustriren; auch im „Tasso\",\nim „Prometheus\", in den „Festklängen\" begegnen wir\ndiesen Soldatenfreuden; sogar der arme „Mazeppa\" wird\nunter Begleitung von Triangel, grosser Trommel und Becken\ngeschleift.\nNächst diesem Talente lür Instrumentirung fällt in den\nPreludes auch mitunter ein feiner Sinn lür Figurirung auf\n(S. 24 u. m. a.), so wie endlich unter hässliche Accorden-\nfolgen sich mitunter auch eine glückliche Entdeckung mischt.\nDie Hauptsache, an der die Kritik festhalten muss,\nbleibt aber doch immer, dass alles, was an den Liszt'schen\nSymphonieen das Publicum fesselt und den Musiker interes-\nsirt, nicht aus dem reinen Quell der Musik fliesst, sondern\nkünstlich gebranntes Wasser ist. Die musicalische Schöpfung\ndrängt sich bei Liszt nicht frei und ursprünglich ans Licht,\ner setzt sie auf dem Wege der Reflexion zusammen. Wer\nje über unsere Kunst nachgedacht hat, weiss, dass ein\n\ndessen, was zu schöner und charakteristischer Ausführung\ngehört), und der Grad von Sympathie, welchen sie meinen\nWerken freundlich zuwenden wollen, wird für diese die beste\nBürgschaft des Erfolgs sein.\" Nun, Liszt muss es wohl\nschon gewohnt sein, dass seine gegenwärtigen deutschen\nFreunde seine Gedanken übertölpeln. Die Redaction."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5037, "texte": "geistreicher und phantasiebegabter Mensch, der sich das\nAeusserliche der musicalischen Technik vollständig ange-\neignet hat, noch kein schöpferischer Tondichter ist.\nDenken wir uns einen Dichter wie V. Hugo, oder einen\nMaler wie Gallait im Besitze aller musicalischen Kenntnisse\nund gepeinigt von dem Drange, zu componiren ihre Ton-\nwerke würden ohne Zweifel den „ symphonischen Dichtun-\ngen\" sehr ähnlich sein. Es wäre Geist, Poesie, Bilderpracht,\nAlles vielleicht beisammen, nur kein musicalischer Kern.\nLiszt gehört zu jenen genialen, aber unfruchtbaren Natu-\nren, welche, von künstlerischem Ehrgeiz getrieben, Be-\ndürfniss mit Beruf verwechseln. Wenn es ihm heute\neinfiele, als Tragödien-Dichter aufzutreten, so würde er\nwahrscheinlich auch in dieser Eigenschaft Geist und Bildung\nverrathen, ohne dass es desshalb Jemandem einfiele, ihn\nneben Shakespeare zu stellen. Oder vielmehr auch dazu\nwürde sich einer oder der andere jener literarischen Lohn-\ndiener bereit finden, welche Macaulay „ein Mittelding zwi-\nschen Mensch und Pavian\" nennt, und die leider überall\nvertreten sind. Für einen musicalischen Entdecker oder Re-\nformator kann Liszt nur von Leuten gehalten werden,\nwelche mit Berlioz' und R. Wagner's Werken nicht be-\nkannt sind. Diese beiden Componisten sind für Liszt gera-\ndezu Vorbilder gewesen, und kaum dürfte sich bei diesem\nirgend ein Effect finden, dem nicht Aehnliches in den Wer-\nken jener bereits vorausgegangen wäre.\nWo die guten wie die schlechten Seiten so auffällig\nvorliegen, wie es uns bei Liszt's Symphonie der Fall zu\nsein scheint, dünkt uns auch die künstlerische Bilanz nicht\nschwierig. Das Interesse, welches geistreiche Einzelheiten,\nbrillante Technik und das energische Verfolgen eines be-\nstimmten Princips allzeit einflössen werden, sichert den\nCompositionen Liszt's eine höhere Stelle, als zahllosen\nSchularbeiten, die eine gleiche Ohnmacht regelrecht, aber\nohne Geist ausarbeiten, namentlich also einen Vorrang vor\nden Werken seiner zahlreichen Clavier-Collegen. Diese re-\nlative Höhe jedoch zur absoluten zu erheben und Liszt's\nSymphonieen als wahre musicalische Kunstschöpfungen, als\nMeisterwerke oder gar als Ausgangspunkte einer neuen\nVerjüngung der Tonkunst hinzustellen, kann nur gelingen,\nwenn wir zuvor jeden Begriff von reiner Instrumentalmusik\nund jede Erinnerung an das, was ein Haydn, Mozart, Beet-\nhoven und Mendelssohn darin geleistet haben, vollständig\nund für immer abthun.\nlieber die Aufnahme der „Preludes\" können wir nicht\nendgültig berichten, da dieselbe in einem langen und unent-\nschiedenen Kampfe zwischen Zischen und Klatschen sich\näusserte. Die Aufführung war eine vortreffliche. Wer, wie\nwir, bei den Proben Zeuge war, mit welcher Unermüd-\nlichkeit Director Hellmesberger dieses schwierige Werk\neinstudirte, muss sich zur öffentlichen Anerkennung dieser\nLeistung doppelt verpflichtet fühlen.\nWir schliessen hier die Hauptsätze aus der ästhetischen\nund kunsthistorischen Würdigung der Liszt'schen „Dich-\ntungen\" durch F. Brendel in der Neuen Zeitschrift für\nMusik, Nr. 10 vom 6. d. Mts., an, und überlassen den Le-\nsern das Urtheil, ob diese Sätze eine wirkliche Begründung\ndes Werthes jener Compositionen oder ein schlagendes\nBeispiel zu der Aeusserung von Ed. H. im dritten Absätze\nvom Ende des obigen Aufsatzes sind.\nHerr Brendel stellt fünf „Fragen0 oder „Gesichts-\npunkte\" auf, die bei Liszt's symphonischen Dichtungen in\nBetracht kommen. Wir geben überall nur seine eigenen\nWorte:\n„1. Die erste Frage ist die nach dem unmittelbaren\nEindrucke der Listz'schen Werke, und dies der einzig\nrichtige Weg, um zu einer gründlichen Orientirung zu\ngelangen. Was nun diesen Eindruck betrifft, so ist zu sa-\ngen, dass er ein grosser und gewaltiger ist, wie ihn nur\ndie Werke ersten Ranges hervorbringen. Wir fühlen uns\nberührt von dem Hauche des Genius; es ist der Schauer\nund das innerliche Entzücken, welches wir empfinden,\nwenn uns eine neue Offenbarung im Bereiche\ndes Schönen wird. Ein ganzer, grosser und herrlicher\nMensch tritt uns entgegen, eine wunderbare Indivi-\ndualität, wie sie in unserer Kunst noch nicht\nzum Ausdruck gelangt ist. Wenn die Haupt-Gegen-\nsätze in Liszt's Wesen, die Kraft, das Titanische einerseits\nund eine unendliche Weichheit und Zartheit andererseits,\nin früheren Jahren noch aus einander fielen, unvermittelt\neinander gegenüber standen, so sehen wir dieselben jetzt\nzusammengefasst in der höheren Einheit des Charakters.\nDer Sturm und Drang ist vorüber, und fertige, in sich ab-\ngeschlossene Gestaltungen geben Zeugniss von tief-inner-\nlicher Sammlung. Entsprechend dieser inneren Reife, er-\nscheinen die Werke durchans maassvoll, plastisch in ihrer\nGestaltung, und eine Klarheit ist darüber ergossen, wie sie\nnur die Schöpfungen ersten Ranges besitzen.\n„2. Ist dieser Eindruck festgestellt, und er ist es für\njeden, dessen Inneres nicht gänzlich in früheren Anschauun-\ngen und Gefühlen befangen erscheint, für jeden, der inner-\nlich der Entwicklung der Kunst bis auf die Gegenwart ge-\nfolgt ist, so ergibt sich als die zweite Frage die nach"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4988, "texte": "der formellen Gestallung. In dieser Beziehung ist zunächst\ndaran zu erinnern, dass die Form nicht etwas für sich Be-\n•»\nstehendes, ein- für allemal Fertiges ist. Mit jedem neuen\nSchönheits-Ideal wechselt auch die Form, wie dies durch\ndie bisherigen grossen Epochen in der Geschichte der Ton-\nkunst bestätigt wird; und unter diesem Gesichtspunkte\nist daher diese Frage zu entscheiden. Ist der Inhalt\nschön, ist das Werk im Stande, den ersten Be-\ndingungen aller Kunst zu genügen, einen rei-\nnen Kunst-Eindruck hervorzubringen, so ist\ndie Form gerechtfertigt, sie sei, welche sie\nwolle. Dies ist in Liszt's Werken der Fall, und die Auf-\ngabe ist daher nicht die, vom Standpunkte der reinen Form\naus über Zulässigkeit oder Unzulässigkeit angebahnter\nNeuerungen zu streiten, oder wohl gar vom alten Stand-\npunkte aus gegen das Neue zu polemisiren, sondern\naus dem Inhalt und unter H.inblick auf die ge-\nschichtlichen Voraussetzungen die neue Form\nzu begreifen. ...\n„3. In diesen Werken ist der Weg betreten, der ein-\nzig noch übrig war, der Weg aus den bisherigen for-\nmellen Schranken der Instrumentalmusik heraus zu freier\nDichtung in Tönen; es ist darin mit Bestimmtheit je-\nnes Ziel ergriffen und verwirklicht, welches auch R. Schu-\nmann in der ersten Epoche seines Schaffens ahnte, dem er\nsich aber später, als er das Gebiet der Pianoforte-Compo-\nsition verliess, entfremdete. Schumann hatte ganz bestimmt\nin früheren Jahren ein solches Ziel vor Augen, aber die\nZeit war noch nicht reif, die Entwicklung der Kunst\nnoch nicht so weit gediehen, um das solcher Gestalt Ge-\nschaute auf das Orchester übertragen zu können. Schu-\nmann erschrak vor den Consequenzen und that daher\neinen Schritt rückwärts.— Liszt nun hat diesen Schritt\nvollbracht, er hat den Faden der Entwicklung da aufge-\nnommen, wo ihn seine Vorgänger fallen liessen; er ist ein-\ngetreten in den geschichtlichen Process als ein ganzer\nDeutscher, und hiernach wäre also die Idee der sym-\nphonischen Dichtungen historisch gerechtfertigt. [Wir\nübergehen die Stellen, in denen Brendel sich als Schöpfer\nder neuen Richtung überhaupt darstellt, , Wagner hat nur\nals Künstler gestaltet, was ich (Brendel) als Aesthetiker\nerfasst hatte\" u. s. w.]\n,4. Ein vierter Gesichtspunkt, den ich aufzustellen\nhabe, betrifft das Wesen der Programm-Musik. Die\nProgramm-Musik der neuesten Zeit ist motivirt durch die\nGeschichte der Kunst, und Beethoven hat derselben zuerst\ndie volle Berechtigung erkämpft. —ln solcher Bestimmtheit\ndes Ausdrucks besteht zwar nicht ganz allein nur das We-\nsen der Instrumentalmusik; denn gerade das in Worten\nUnfassbare, das Unsagbare zu sagen, ist die andere grosse\nSeite derselben. Aber eben so berechtigt ist jene, ja, in\nder Gegenwart vorzugsweise am Orte, und ich\nmuss gestehen, dass es mich schmerzt, wenn ich sehe, wie\nfort und fort alte Ammenmärchen wieder aufgefrischt wer-\nden; wenn ich in Erfahrung bringe, wie jene Vorurtheile\ndie Köpfe so sehr verfinstern, dass man unemplänglich ist\nfür jede bessere Einsicht. Nur das Eine ist im Auge zu be-\nhalten, dass die schildernde, malende Musik keine bloss\näusserliche und auf Aeusserliches gerichtete sei,\nim Gegentheil, dass darin zugleich eine tiefere geistige Be-\ndeutung sich kund gebe. Ist aber diese Bedingung erfüllt,\nso bezeichnet eine solche Richtung keinen Abweg, son-\ndern eine Erweiterung.\n„5. Einen fünften Gesichtspunkt gewinnen wir,\nwenn wir das Gesetz betrachten, welches die Musik des\nletzten Jahrhunderts gestaltet hat. Es ist, wenn wir bei\nSeb. Bach beginnen, den Weg durch Haydn, Mozart\nund Beethoven fortsetzen und bei Mendelssohn,\nSchumann, Berlioz, Ciszt ankommen, der Gang\nvom Uebergewichte des Verstandes zur all-\nmählichen Entfesselung der Phantasie, der\nGang vom Object zum Subject, von der Hingebung\ndes Künstlers an ein Allgemeines zu jener Wendung, wel-\nche die künstlerische Subjectivität zum Mittelpunkte macht.\nSo sind wir zur Spitze der Subjectivität in neu-\nester Zeit gelangt, und dieser Gesichtspunkt führt uns\nzugleich jetzt aus der Allgemeinheit heraus zu concreterer\nErfassung der Aufgabe. Man hat gesagt, Liszt spiele auf\ndem Orchester, wie früher auf dem Pianoforte. Dieser Satz\nist zugleich sehr richtig und zugleich sehr falsch. Das Letz-\ntere, wenn damit gesagt ist, dass Liszt das Orchester zu\nZwecken der Virtuosität gebrauche oder missbrauche.\nRichtig dagegen ist der Satz, wenn er bedeuten soll, dass\ndas Orchester und die Formen der Orchester-Composition\nnicht mehr eine objective Macht sind, welcher der Künst-\nler gegenübersteht, sondern Beide sich wie ein leichtes Ge-\nwand allen Regungen der Persönlichkeit anschmiegen. Das\nist der Schlüssel zum Wesen dieser Compo-\nsition (!!), zugleich zu der Art des Orchester-Vortrags\nund der Liszt'sehen Direction. Die Tondichtung ist jetzt\nder Spiegel, der treueste Ausdruck einer von den früheren\nSchranken nicht mehr eingeengten Individualität, die jetzt\nfrei und ungehindert sich ergeht, und das ist zugleich, wie\nJeder zugestehen wird, eine nothwendige Conse*"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1199, "texte": "quenz des Bisherigen, es ist darin die Verfolgung des\nWeges bis zum Zielpunkte und zugleich ein neuer grosser\nSchritt vorwärts enthalten.\nSo weit Herr Brendel zur Aufhellung der „Verfinste-\nrung\" in unseren Köpfen. Ob aber Liszt selbst, durch sol-\nchen Dunst von ästhetischem Haarrauch wie ein zweiter Jo-\nhann von Leyden benebelt, auf die Stufen des Tempels\ntreten und flüstern werde: „Ja, es ist wahr, ich bin Pro-\nphet\", ich bin „die Spitze der Subjectivität, die Offenba-\nrung des Schönen, die freie Individualität, die nothwendige\nConsequenz, bin der Einzige, der nach Bach, Haydn, Mo-\nzart, Beethoven, Mendelssohn, Schumann, Berlioz kommen\nmusste\" das möchten wir doch sehr bezweifeln! Vor\neinem Irrenhause selbander angekommen, würde Liszt je-\ndenfalls dem Verkünder seiner Herrlichkeit aufs freundlich-\nste zuflüstern: „Gehen Sie nur gefälligst voran: ich habe\nnoch bei den Vernünftigen zu thun.\" Wer dieses zu\nstark findet, dem sagen wir, dass wir unserer Entrüstung\nüber einen Lehrer der Geschichte der Musik, der Mozart\nund Beethoven zu Stufen für Liszt macht, in ganz\nanderen Ausdrücken Luft machen würden, wenn wir nicht\nannehmen müssten, dass er sich auf dem angedeuteten\nWege befände."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-03-21-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-03-21_01#c003", "volume": "bmtnabi_1857-03-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "94", "page_fin": "95", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.2.3", "titre_corps": "Aus Heidelberg.", "titre_sommaire": "Aus Heidelberg.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.1.6", "debut_caractere": 1201, "fin_caractere_exclue": 5009, "texte": "Aus Heidelberg.\nEine Correspondenz aus dem unmusikalischen Heidei-\nberg in einer Musik-Zeitung dürfte sich ungefähr wie Saul\nunter den Propheten ausnehmen und zur Frage auffordern,\nob seit Thibaut's Ableben in unserer Stadt wohl noch Mu-\nsik cultivirt werde. Ach, lieber Leser, es wären gar\nwunderliche Dinge in rebus aus unserer Mu-\nsenstadt zu berichten; aber du weisst vielleicht, vielleicht\nauch nicht, dass alle die kleinen Städte mit Universitäten\nin musicalischer Hinsicht in die Kategorie jener gehören,\nderen bekannteste „Ultima Tbenannt ist. Woher\ndas kommt? Einfach daher, weil die hohe Aristokratie der\nWissenschaft, welche hier und anderwärts die Creme der\nGesellschaft bildet, in der Regel ihre Steckenpferde reitet\nund mit vornehmer Miene auf alle Kunst, insbesondere auf\nMusik, herabsieht, für welche sie weder Empfänglichkeit\nnoch Sinn besitzt. Auf die Bürgerschaft bezüglich, lässt\nsich hier wie anderwärts dem bekannten Satze: „Je näher\nan Rom, desto schlechterer Christ\", ein ähnlicher zur Seite\nstellen, der ungefähr so formulirt werden könnte: Je näher\ndem Sitze der Wissenschaft, desto entfernter das Verlan-\ngen nach Bildung. Wo der Gerstensaft das dringendste\nder materiellen Bedürfnisse und socialen Bindemittel aus-\nmacht, da herrscht feiner Sinn nicht, am allerwenigsten\nunter der studirenden Jugend. Aber die heidelberger\nDamenwelt, findet sich denn darin kein hervordrängender\nSinn für Tonkunst in höherem Stile, nicht bloss lür Ge-\nklimper zwischen vier Wänden? Unsere Damenwelt be-\nschäftigte bislang fast ausschliesslich der Cohu-Bohu einiger\nSalons, nebenbei die schonen Spazirgänge aufs Schloss\nund nach dem Wolfsbrunnen; wie hätte sie da zur Buhe\nkommen können, um über die Vortheile nachzudenken,\nwelche die Cultivirung der Musik in ihren obersten Gattun-\ngen in geistiger und socialer Hinsicht dem sonst gebildeten\nWeibe zu bieten vermag! Und ohne feste Leitung, ohne\ngute Beispiele im Grossen und Kleinen darf ja von dieser\nSeite der Gesellschaft nichts, was einem höheren Kunst-\nzwecke entsprechen soll, erwartet werden.\nZur Zeit, als Herr Musik-Director Iletsch die Leitung\nin Händen gehabt, da rührte sich noch etwas in der Be-\nvölkerung, das sich sporadisch zur gemeinschaftlichen Zu-\nsammenvvirkung vereinigen liess. Freilich lebte noch in Vie-\nlen die Tradition der Thibaut'schen Verfahrungsweise, der\nErfolge u. s. w. Auch war Herr Hetsch selbst kein uner-\nfahrener Dirigent und hatte nebenbei eine hübsche Portion\nEnergie. Seinem Nachfolger Winkelmeier mangelten diese\nunerlässlichen Postulate, wiewohl er seinen Vordermann\nan kunstwissenschaftlicher Bildung übersehen mochte. In\nsolchem Wirkungskreise entscheidet jedoch nicht das Wis-\nsen, sondern die praktische Geschicklichkeit, die Boutine.\nWer den jetzt fungirenden Musik-Director Schletterer,\neinen ziemlich guten Geiger, in das unmusicalische Heidel-\nberg gezogen, hat es gegen das kleine Häuflein der besser\nOrganisirten, aber auch gegen die Indolenz der Masse zu\nverantworten. Violinspieler taugen in der Begel noch we-\nniger zur Leitung von Chor- und Orchester-Vereinen, als\nPaukenschläger und diiettantisirende Strumpfwirker.\nDas Häuflein der besser Organisirten, auch besser Ge-\nsinnten, welche zum Theil den Vorstand des Instrumental-\nVereins bilden, hat denn endlich den heroischen Entschluss\ngefasst, der tief verkommenen Sache wieder in etwa auf\ndie Beine zu helfen und versuchsweise den Leuten einen\nbesseren Geist einzuflössen. Es wurden drei Concerte ver-\nanstaltet, die Leitung in die Hände eines mannheimer Mu-\nsikers, Namens Boch, gegeben (Organist in der dortigen\nSynagoge), noch andere Musiker aus Mannheim dem Or-\nchester als Verstärkung zugesellt, und siehe da, man hat\nErfolge erreicht, die erfreulich genannt werden dürfen. Im\nletzten Concerte am 9. März wagte man sich sogar an die"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2079, "texte": "C-mollS'u\\(on\\e. Transeal! Man lud noch aus Frankfurt\ndie Opern-Novize, Frau!. Zirndorfer, ein, die uns die grosse\nArie aus Freischütz und einige Lieder recht sinnig und mit\nvielem Beifaile gesungen. Unser bescheidener Gesangchor\ntrug zwei Lieder von Mendelssohn gut vor. Ein junger.\nViolinspieler, Herr N;st aus München, liess sich mit vielem\nBeifalle auf der Geige hören. Kurz, das Auditorium stellte\nsich, als wäre es mit dem Geleisteten wohl zufrieden und\nals dürfte der Instrumental-Verein im kommenden Jahre\nmit frischem Muthe und vielleicht noch grösserem Erfolge\nein ähnliches Unternehmen wagen wahrscheinlich aber\nwiederum unter fremder Leitung.\nBei dieser Gelegenheit soll die deutsche Musikwelt\nauch erfahren, dass seit April vorigen Jahres sich in unse-\nrer Musenstadt auch eine Musikschule etablirt hat, und\nzwar unter Direction einer Frau Emma Seiler, geb. Di-\nruf. Der ausgegebene Prospectus besagt: „I. Clavier-Un-\nterricht, verbunden mit Harmonielehre nach Mendelssohn-\nWieck'scher Methode.\" (Hört!) 11. Gesang-Unterricht.\nWeiter lesen wir darin :\n„Für solche, welche eine höhere Ausbildung in der\nMusik wünschen, so wie für diejenigen, welche mit der er-\nforderlichen Befähigung sich für den Unterricht in der Mu-\nsik ansbilden wollen, sind die Bedingungen folgende: Sie\nerhalten vollständigen Unterricht im Clavierspiel, im Ge-\nsänge, in der Musik- und Compositions-Lehre (!?) und al-\nlem Dahingehörigen, in der Musikgeschichte und in der\nästhetischen Würdigung (!?) der Musik, zu einem halbjäh-\nrigen Preise von 50 Gulden. Wenn sie sich aber lür\neine bestimmte Zeit verbindlich machen, einige Lehrstun-\nden wöchentlich in der Musikschule zu ertheilen, so tritt\neine bedeutende Ermässigung des Preises bis zu 15 und\n10 Gulden ein.\" (Hört! hört!)\nDas alles in Heidelberg! Wer wagt noch, zu sagen:\n„Das unmusikalische Heidelberg\"?! Wir wollen hoffen und\nwünschen, in wenig Jahren der Musikwelt von Gründung\neines Conservatoriums hier Nachricht geben zu können,\ndas einem dringenden Bedürfnisse nach einem solchen In-\nstitute in Deutschland endlich abhelfen wird."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-03-21-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-03-21_01#c004", "volume": "bmtnabi_1857-03-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "95", "page_fin": "95", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.2.4", "titre_corps": "Aus Lille.", "titre_sommaire": "Aus Lille.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.1.7", "debut_caractere": 2081, "fin_caractere_exclue": 5169, "texte": "Aus Lille.\nAm 30. Januar veranstaltete der Cäcilien-Verein unter\nLeitung seines Dirigenten, des Herrn Emil Steinkühler, eine\ngrössere Aufführung von ernster Musik. Das Programm hatte gar\nsehr für Abwechslung gesorgt, was hier durchaus nöthig ist, um\nden Dilettanten Geschmack an der gediegenen Gattung der Vocal-\nmusik beizubringen. Es wurde von J. Haydn ein Credo, von Mo-\nzart ein Sanctus, von Neukomm ein Hymnus an die Nacht, von\nRossini ein Chor aus Moses und ein Stück aus dem Siabai mater,\nvon Burgmüllcr ein Ave Maria, von Mendelssohn und E. Stein-\nkühler einige kleinere Gesangstücke vorgetragen, und im Ganzen\nauf sehr befriedigende Weise. Dennoch hegen wir nur schwache\nHoffnung, dass die Liebe zu dieser Art von Musik hier in Lille\nUFKI überhaupt in Frankreich auf solche Weise Wurzel schlagen\nwerde, dass sich zu ihrem Studium und ihrer öffentlichen Pro-\nduetion Dilettanten-Vereine von dauerndem Bestände, wie in\nDeutschland, bilden. Der Reiz der Neuheit kann eine augenblick-\nliche Theilnahme allerdings ins Leben rufen, und eine so tactvolle,\nentsagende und ausdauernde Thätigkeit und Liebe zur Sache, wie\nsie der hiesige Dirigent bewahrt, vermag auch diese Theilnahme\nzu fesseln; allein sie bis zu dem Entschlüsse, sich an grössere\nWerke, die ein Ganzes bilden, zu wagen, und bis zu der Beharr-\nlichkeit eines jahrelangen Einstudirens und Wiederholens zu stei-\ngern, das dürfte für jetzt wenigstens wohl Keinem gelingen. Noch\nweniger ist an das Aufgehen eines lebendigen Gefühls für solche\nMusik bei dem grossen Publicum zu denken! Der Sinn dafür ist\neinmal nicht vorhanden, und Nationalitäten lassen sich nicht refor-\nmiren. Wir wissen ganz bestimmt, dass Herr Steinkühler den Plan\nhatte, in der Societe choralc nach und nach Handels Oratorium\nJudas Maccabäus einzustudiren, allein er hat ihn wieder aufgeben\nmüssen; namentlich die Recitative, Arien und Duette will Niemand\nsingen so etwas ist zu langweilig und zu undankbar. Betrach-\nten Sie das obige Programm, so werden Sie es, Ihren deutschen\nAnsichten gemäss, sehr bunt finden; hier aber musste man bei\naller Anerkennung der Leistungen durch die Kritik doch auch\nPhrasen lesen von einer gar zu düsteren Farbe der ganzen Soiree,\nvon Morceaux mystiques u. dgl. mit dem Zusätze: que le bon goüt\nn'est pas tout entier dans la musique severe. Der letzte Zusatz be-\nweist sattsam, dass der Schreiber gar keine Idee von der Bestim-\nmung eines Gesang-Vereins hat. W7enn dies nun auch eine verein-\nzelte Stimme ist, so spricht sie doch aus, was Viele denken, aber\nsich zu sagen scheuen, wie denn auch derselbe Kritiker nicht um-\nhin kann, zu äussern, dass der Verein un precieux noyau pour l'en-\ntrelien (?) du goüt de la banne et saine musique sei, gleich darauf\naber wieder den Rath gibt, ä satisfaire tous les goüts!\nAuch die grosse Association musicale, welche ihrem kölner\nMännergesang-Vereine bei seiner letzten Rückkehr aus England ein\nso heiteres Fest veranstaltete, sieht sich aus financiellen Rücksich-\nten genöthigt, sich Ende Mai aufzulösen. Was an die Stelle der-\nselben treten wird, lässt sich noch nicht sagen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-03-21-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-03-21_01#c005", "volume": "bmtnabi_1857-03-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "95", "page_fin": "96", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.2.5", "titre_corps": "Achtes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale, unter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn Ferdinand Hiller.", "titre_sommaire": "Achtes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale, unter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn Ferdinand Hiller.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.1.7", "debut_caractere": 5171, "fin_caractere_exclue": 6119, "texte": "Achtes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn\nFerdinand Hiller.\nDinstag, den 17. März 1857.\nProgramm: I. 1) Trauerspiel-Ouverlure von Ed. Franck (neu);\n2) Concert für Pianoforte in G-moll von F. Men de lss oh n, ge-\nspielt von Frau Clara Schumann; 3) Scene für Alt mit Chor\naus Gluck's Orpheus, das Solo gesungen von Fräul. Schreck;\n4) Schlummerlied (Albumblätter, Op. 124) von R. Schumann,\nNr. 3 aus Op. 94 von F. Schubert, Impromptu in As-dur, Op.\n29, von F. Chopin für Pianoforte, gespielt von Clara Schu-\nmann. ll. Die neunte Sinfonie von L. van Beethoven.\nSoli: die Damen Mampe-Bab ni gg und Schreck, die Herren\nGöbbels und DuMont-Fier.\nDie Ouvertüre von Ed. Franck ist ein Werk, das sowohl in\nHinsicht auf die Erfindung der Motive als auf die Factur grosse\nAnerkennung verdient und das wie alles, was Franck in den letz-\nten Jahren geschrieben, einen Kern hat, nicht bloss eine glatte"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4270, "texte": "oder gar slachelichte Schale. Trotzdem schien sie keinen schlagen-\nden Eindruck zu machen, was wir uns dadurch erklären, dass der\nCharakter derselben mehr düster als tragisch ist,\nFräul. Schreck ist im Besitze einer bedeutenden Stimme, die\njedoch eher als Mezzo-Sopran, denn als Contra-Alt zu bezeichnen\nsein dürfte; wenigstens liegen ihre eigentlich klangvollen und schö-\nnen Töne nicht in dem tiefen Brust-Register des Alts, sondern in\nder Mittellage zwischen Alt und Sopran, und dies ist gerade eine\nlobenswerthe Eigentümlichkeit der Stimme des Fräul. Schreck,\nweil ein so voller Timbre der Mittellage sehr selten ist. Auch die\nTonbildung istuntadelhaft; allein der Vortrag reisst nicht hin, er\ndringt nicht mit orphe'ischer Gewalt in die Seele. Wenn die ge-\nschätzte Künstlerin mehr Wärme in ihren Gesang legt, was ihr ja\nbei dem vorzüglichen Material, das ihr zur Verfügung steht, nicht\nschwer werden kann, so wird sie den Aufführungen gar vieler\nclassischen Werke einen oft vermissten Glanz verleihen.\nFreilich war es, was wir nicht verhehlen wollen, in diesem\nConcerte überhaupt schwer, gegen den Eindruck aufzukommen, den\ngleich von vorn herein das Spiel von Clara Schumann auf die\nganze Zuhörerschaft machte. Ihr Vortrag des Concerts von Men-\ndelssohn— auf einem Erard' sehen Flügel aus J. M. Heimann's\nDepot, wie wir noch keinen trefflicheren gehört haben übte\neinen solchen Zauber aus, dass es in der That schwer war, sich\nihm wieder zu entziehen, um anderen Tönen gerecht zu werden.\nWir haben von Frau Schumann noch nie eine so vollendete Lei-\nstung gehört, wie diese, da in derselben sich alles vereinigte, was\nman bei den grössten Ansprüchen an die Reproduction\neines musicalischen Kunstwerkes verlangen kann. Wir haben früher\nbei aller Bewunderung der genialen Natur und der Virtuosität die-\nser Künstlerin doch bisweilen jene Ruhe und jenes classische Eben-\nmaass vermisst, welche, überall vom eigentlichen Kunstbewusstsein\ngetragen, auch in der Darstellung der Leidenschaft das Schöne zum\nHauptziele macht; auch aus Frankfurt, WTien und London wurden\nähnliche Bemerkungen mitgethcilt. Allein gegenwärtig ist alles ver-\nschwunden, was einen solchen Tadel rechtfertigen könnte; in dem\nVortrage sämmtlicher Stücke am 17. d. Mts. (sie gab auch, als sie\ngerufen wurde, noch die Obertasten-Etude von Chopin zu) war\nkeine Spur von der unheilvollen Sucht der neueren Virtuosen, alle\nTempi zu übertreiben, vorhanden. Zu der Correctheit und vollen-\ndeten Technik der gediegensten Schule, die sich besonders auch in\nder vollkommenen Abrundung und Egalität der Tonleitern und\naller ähnlichen Figuren mit beiden Händen zeigte, wobei es den\nPassagen keineswegs an dynamischer Färbung fehlte, gesellte sich\neine Ruhe, Ebenmässigkeit und Klarheit, welche neben dem Geiste\nund Charakter der Composition alle Virtuosen-Eigenschaften um so\nmehr hervorleuchten Hessen, als diese es nicht waren, die am mei-\nsten hervorleuchten sollten. Dabei wurde den melodiösen Stellen\nein vortrefflicher Ausdruck kurz, wir halten es für unmöglich,\ndass das Mendelssohn'sche Concert je besser gespielt werden kann.\nVon den kleineren Solostücken, von deren Vortrag dasselbe gilt,\nentzückte besonders das „Schlummerlied44 von R. Schurhann wie\nder Duft einer wunderlieblichen Blüthe.\nDer zweite Theil des Concertes brachte uns einmal wieder die\nneunte Sinfonie von Beethoven, und sie regte, wie immer\nhier am Rheine, das Publicum zu der lebhaftesten Theilnahme und\nlauten Aeusserung derselben am Schlüsse jedes Satzes an. Doch\nwurde mit Recht das Adagio ausgezeichnet, welches am besten aus-\ngeführt wurde, während die übrigen Sätze an Präcision Manches,\nan Energie und Kraft, so wie an Schattirung und Ausdruck Vieles\nvermissen Hessen. Trotz alledem schlug der grosse Inhalt des Wer-\nkes durch. Den wenigsten Erfolg hatte jedoch dieses Mal der letzte\nSatz, der nur stellenweise so wie sonst imponirte. Die Soli wurden\nvon Frau Mampe-Babnigg, Fräul. Schreck und den Herren Göb-\nbels und DuMont-Fier gesungen. FrauMampe sprach kein einziges\nTextwort aus und schien die Sache mit einiger Nonchalance zu\nbehandeln; Einklang der Stimmen und Einheit des Vortrags waren\nnicht vorhanden. Jm Orchester hörten wir mit Vergnügen lobens-\nwerthe Fortschritte bei dem Horn, dem Fagott und der Clarinette."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-03-21-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-03-21_01#c006", "volume": "bmtnabi_1857-03-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "96", "page_fin": "96", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.1.8", "debut_caractere": 4272, "fin_caractere_exclue": 5259, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nttöln« Der Hof-Capellmeister Henri Li toi ff hat ein paar\nTage in unserer Stadt verweilt. Er kam von einer Kunstreise durch\ndie nördlichen Provinzen von Holland, die an Beifall und Ein-\nnahmen sehr einträglich war, zurück und ging von hier mit seiner\nGattin nach Brüssel. Eine Zeitlang war der ausgezeichnete Violinist\nWieniawski sein Begleiter in Holland.\nDonnerstag den 19. d. Mts. eröffnete Fräul. Marie Seebach,\nunsere geniale Landsmännin, mit dem „Gretchen\" im Faust einen\nKreis von Gast-Darstellungen am hiesigen Stadttheater. Auch in\nder Musik-Zeitung müssen wir die Scene mit der Ballade: „Es\nwar ein König in Thüle\" erwähnen. Unterstützt von einer ange-\nnehmen Stimme, war der Vortrag der Ballade nach einer einfachen\nMelodie der Situation und dem Charakter des einfachen Bürger-\nmädchens so trefflich angemessen, dass die Kunst des Schwankens\nzwischen Gesang und Declamation bewundernswert!) war und man-\nche grosse Sängerin davon lernen könnte."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "89", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nLes Prel udes. Symphonische Dichtung von F. Liszt in Wien. Von Ed. Hanslick F. Brendel über Liszt.\nAus Heidelberg (Musik-Zuslände). Aus Lille (Concert). Achtes Gesellschafts-Concert in Köln. Tages- und Unterhal-\ntungsblatt (Köln, Henri Litolff, Erste Gasl-Darstellung von Fräul. Marie Seebach).\n\n„Les Préludes.“\nSymphonische Dichtung für grosses Orchester von\nFranz Liszt.\nVon Eduard Hanslick.\n(Aufgeführt von der Gesellschaft der Musikfreunde zu Wien am\n8. März 1857.)\nAls der genialste Virtuose unserer Zeit, Franz Liszt,\nder Triumphe müde ward, die Europa seiner echten Kunst\nso gern noch länger bereitet hätte, schickte er sich be-\nkanntlich an, durch eigene grosse Schöpfungen die Welt\nzu überraschen. Wer nicht bloss an geistige Thätigkeit,\nsondern eben so sehr daran gewohnt ist, dass ihm der\nLorber auf dem Fusse folge, der vermag den Schauplatz\nder Oeffentlichkeit nicht zu verlassen, er wechselt ihn nur.\nDer Ruhm des Tondichters Liszt sollte den Ruhm\ndes Virtuosen Liszt sofort verdunkeln. Es fanden sich\nenthusiastische Freunde und liessen sich auch gefällige\nSchriftsteller finden, welche diese Transfiguration Liszt's\nals ein Ereigniss von unabsehbarem Gewinne lür die Ent-\nwicklung der Tonkunst darstellten. Wir sind im Gegen-\ntheil der Ansicht, dass die musicalische Welt durch die\nAbdication des Virtuosen Liszt einen Verlust erlitten habe,\nwelcher ihr durch den Componisten nicht entfernt ersetzt\nwird.\nWer die künstlerische Individualität Liszt's während\nder langen Dauer seines Virtuosenthums aufmerksam be-\nobachtet hatte, durfte sich wohl von vorn herein einige\nSchlüsse auf den Charakter seiner neuen Compositions-Tha-\nten erlauben. Die Clavier-Compositionen Liszt's, die be-\nkanntlich einen artigen Stoss bilden, waren durchaus von\nso mitlelmässiger Erfindung und Ausführung, dass man\nauch nicht von Einer daraus hätte behaupten wollen, sie\nwerde sich in der musicalischen Literatur erhalten.\nEine grosse Kenntniss des Clavier-Effectes und hin und\nwieder ein interessantes Apercu sind alles, was sich von\nLiszt's Ciaviersachen rühmen lässt bei einem Virtuosen\nvon Geist selbstverständliche Dinge. Seiner äusserst dürfti-\ngen Erfindungskraft bewusst, pflegte Liszt meistens fremde\nMelodieen in Transscriptionen, Phantasieen u. dgl. zu ver-\narbeiten. In diese Classe gehört ohne Ausnahme alles, was\njemals von Liszt Beliebtheit errang. Ueberall, wo er hin-\ngegen aus eigenen Mitteln arbeitete, brachte Liszt ein wun-\nderliches Gemisch von Gemeinplätzen und Bizarrerieen zu-\nwege; man ertrug diese Compositionen, wenn er sie\nspielte. Noch in seinen letzten Clavier-Compositionen, dem\n„Album de pelerinage\"u. dgl., kann man die ausschliess-\nliche Herrschaft dieser beiden Factoren wahrnehmen, zu-\ngleich das zunehmende Bestreben, durch beigelügte Ge-\ndichte und sogar Bilder die Armuth des musicalischen In-\nhalts zu bemänteln. Schrieb Liszt irgend einen Chor, so\nkonnte man nach den ersten Tacten den Componisten an\nder gequälten Melodie, den unsangbaren Mittelstimmen,\nder zerfallenden Form erkennen.\nSo verhielt es sich an 30 Jahre lang mit Liszt's Com-\npositionen, über die das Urtheil so gut wie einstimmig war.\nNun nahm sich Liszt plötzlich vor, mit grossen, bedeuten-\nden Schöpfungen hervor zu treten. Mit der ihm eigenen\ngeistigen Regsamkeit und beneidenswerthen Energie ging\ner an die Aufgabe. Zu einsichtsvoll, um nicht die auffallend-\nsten Lücken seiner Begabung zu kennen, musste er sich\nder Musik von jener Seite nähern, wo sie, an äussere Ob-\njecte gelehnt, vorzugsweise den vergleichenden Verstand\nbeschäftigt und die poetische oder malerische Phantasie\nanregt.\nEr brachte beinahe mit Einem Wurf neun Sinfonieen\nzur Welt, die er „symphonische Dichtungen\" nannte und\nmit speciellen, den Inhalt dieser Musik erklärenden Pro-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.1.2", "texte": "grammen versah. Die Titel dieser Stücke sind: „ Ce qu'on\nentend sur lamonlagne\", „Tasso\", \", „ Or-\npheus \", „Mazeppa\", „Prometheus\", „Festklänge\",\nroide funebre\" und „ Hungaria\".\nNimmt man dazu, dass Liszt gegenwärtig an einer\nmusicalischen Uebertragung der „Ideale\" von Schiller, der\n„Göttlichen Komödie\" von Dartle, des Göthe'schen Faust\nund ähnlicher Kleinigkeiten arbeitet, so wird man zugeben,\ndass der Componist geradezu die höchsten Ansprüche\nmacht, die überhaupt in der Musik erhoben werden kön-\nnen. Er achtet seine Musik für fähig, die gewaltigsten Er-\nscheinungen des Mythus und der Geschichte, die tiefsten\nGedanken des Menschengeistes nachzugeigen und nachzu-\nblasen. Den Musiker muss diese Methode von vorn herein\nsehr bedenklich stimmen, indem sie klar genug ausspricht,\ndass es sich hier nur sehr nebenbei um Musik handle.\nHauptsache ist der poetische Stoß', dieser soll durch musi-\ncalische Randzeichnungen geistreich illuslrirt werden.\nDie Berechtigung der deseriptiven Musik überhaupt\nangenommen, ist doch wieder ein grosser Unterschied zwi-\nschen den Stoffen, welche man ihr zumuthet. In der „Mee-\nresstille und glücklichen Fahrt\", im „Sommernachtstraum\",\nim Programm der Pastoral-Symphonie u. dgl. wird Niemand\ndie Ungezwungenheit der musicalischen Anspielung ver-\nkennen: ein Mazeppa aber ist geradezu widermusicalisch;\nCharaktere wie Prometheus sind jeder musicalischen Be-\nziehung so fern, dass solche Ueberschriften von Sinfonieen\nnur den Eindruck einer prahlhaften Spielerei machen können.\nEs ist kaum nöthig, hier die Frage über die Berechti-\ngung der Programm-Musik von Anfang aufzunehmen. Nie-\nmand denkt mehr so engherzig, dem Torisetzer jede poeti-\nsche Anregung versagen zu wollen, welche die Beziehung\nzu einem äusseren Stoffe ihm bietet. Die Musik wird zwar\nnimmermehr im Stande sein, das bestimmte Object auszu-\ndrücken oder dessen wesentliche Merkmale so darzustellen,\ndass man sie ohne die Ueberschrift erkenne allein sie\nmag immerhin die Grundstimmung davon nehmen und mit\nder deutlichen Benennung an der Stirn wenigstens an-\nspielend, wenn auch nicht darstellend wirken. Die Haupt-\nbedingung wird immer bleiben, dass die Musik, allem Titel\nund Programm zum Trotz, denen sie ihre Färbung leiht,\ndoch immer auf ihren eigenen Gesetzen ruhe, specifisch\nmusicalisch bleibe, so dass sie auch ohne Pro-\ngramm einen in sich klaren,' selbstständigen Eindruck\nmache.\nDies nun ist die erste wichtige Einwendung, die man\ngegen Liszt erheben muss, dass er dem Sujet seiner Sin-\nfonieen eine weit grössere missbräuchliche Mission aufer-\nlegt, nämlich den fehlenden musicalischen Inhalt entweder\ngeradezu zu ersetzen oder dessen Alrocitäten zu recht-\nfertigen.\nJeder Mensch mit gesunden Sinnen wird sich von dem\ndissonirenden Geheul, das einen so wesentlichen Tbeil der\n„Mazeppa Symphonie\" bildet, abwenden. Durch diese\nUeberschrift nun soll eben das, was uns an sich musicalisch\nabscheulich dünkt, als treffend und nothwendig aufdisputirt\nwerden. „Der Componist wollte ja die schmerzlichen\nZuckungen des geschleiften Mazeppa schildern\" u. s. f.—\nMan wird zugeben, dass bei solcher Ausdehnung des Pro-\ngramm-Princips es mit der Musik einfach zu Ende ist.\nDen „symphonischen Dichtungen\" sind, wie gesagt,\nerklärende Vorreden von Liszt vorgedruckt, die ganz in\ndem entsetzlichen, schwülstig-sentimentalen Tone Richard\nWagner's abgefasst sind. Ein eben so merkwürdiges Licht,\nwie diese speciellen Vorreden, die gleich einem Ballet-Pro-\ngramm den taubstummen Tanz erklären, wirft die sämmt-\nhchen Partituren vorgedruckte gemeinsame Erklärung auf\ndie falsche Methode Liszt's. „Obschon ich bemüht war,\"\nheisst es darin, „durch genaue Anzeichnungen meine In-\ntentionen zu verdeutlichen, so verhehle ich doch nicht, dass\nManches, ja, sogar das Wesentlichste, sich nicht\nzu Papier bringen lässt.\" Ich überlasse es dem musikkun-\ndigen Leser, zu entscheiden, in wie fern man es noch mit\nTonwerken zu thun habe, wo das „Wesentlichste\" des-\nselben sich nicht in Noten wiedergeben lässt *). Dirigenten\n\n*) Hier thut der Verfasser Liszl Unrecht, wozu freilieh die plumpe\ndeutsche Uebersetzung, welche mit der französisch geschrie-\nbenen Vorrede der Partitur vorgedrnckt ist, leicht verleiten\nkann. Die wörtlichen Aeusserungen Liszt's beziehen sich nur\nauf die Bezeichnung des Vortrages und des Zeitmaasses: „Ich\nhabe mich bemüht, meine Intentionen in Bezug auf\nSchattirungen, auf Beschleunigung und Zurück-\nhaltung des Zeitmaasses u. s. w. durch eine de-\ntaillirte Anwendung der gebräuchlichen Zei-\nchen und Ausdrücke so deutlich wie möglich zu ma-\nchen ; dennoch würde man sich täuschen, wenn man glaubte,\ndasjenige zu Papier bringen zu können, was die ei gent-\nliche Schönheit nnd den Charakter der Ausfüh-\nrung ausmacht.\" Man sieht, dass der weimar'sche\nUebersetzer das von uns Unterstrichene weggelassen und\ndafür im Nachsatze die Worte „ja, sogar das Wesent-\nliche\" zugesetzt hat. Eben so widersinnig ist der\nSchluss der Vorrede übersetzt, wo es im Deutschen heisst:\n„Dem Wohlwollen meiner Kunstgenossen sei es daher über-\nlassen, das Meiste und V o rzüglichste an meinen\nWerken zu vollbringen\"! während Liszt, unmittel-\nbar an die obige Stelle anknüpfend, sagt: „In dem Talente\nund der geistigen Auffassung der dirigirenden und ausführen-\nden Künstler liegt allein das Geheimniss desselben (nämlich"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.1.3", "texte": "und Spieler müssen demnach für Liszt'sche Compositionen\nmit einem besonderen Ahnungs- Vermögen ausgestattet sein\nvon den Zuhörern versteht sich diese Schuldigkeit von\nselbst.\nEs war zu erwarten, dass Liszt in allen Aeusserlich-\nkeiten neu sein werde. So ist die Form seiner symphoni-\nschen Dichtungen ein Mittelding zwischen der erweiterten\nOuverluren-Form Mendelssohns und der mehrsätzigen Sin-\nfonie. Liszt lässt die drei bis vier im Charakter scharf un-\nterschiedenen Abtheilungen, aus denen seine Symphonieen\nbestehen, wie in freier Phantasie, zwanglos in einander\nübergehen, so dass das Ganze äusserlich als ununterbro-\nchene Einheit aulgelührt wird.\nDas hindert freilich nicht, dass diese Bestandtheile oft\nmosaikartig an einander gereibt, oft chaotisch durch einan-\nder gemengt erscheinen.\nDie Form einsätziger Symphonie kann eine Zukunft\nhaben, wenn sie von echt musicalischen Kräften gepflegt\nwird; man bedarf für Concert-Auflührungen Orchester-\nstücke, deren Ausdehnung etwa die Mitte zwischen der\nOuvertüre und der Symphonie hält. Sämmtliche Liszt'sche\n„Dichtungen\" sind weislich kurz gehalten.\nDie „Präludien\" erscheinen charakteristisch durch die\nMethode, wie die Musik zu dem fertigen Programm rein\nauf dem Wege der Reflexion hinzugebracht wird. Es ist\nkaum mehr als ein witziger Gedanke, was den ganzen Stoff\nder Symphonie bildet: die Vergleichung des Menschenlebens\nmit einem „Präludium\" zu einem unbekannten jenseitigen\nGesänge. Die musicalische Bedeutung vom „Präludium''\nliefert nun dem Componisten die nöthigen Guirlanden von\nHarfen-Arpeggien u. dgl.\nIn der Lamartine'schen Dichtung werden „ Liebesglück\",\n„Sturm\", „Ländliche Einsamkeit\" und „Siegreicher\nKampf\" als rasch in einander fliessende Nebelbilder vorge-\nführt. Welche materielle Ueberstopfung damit in den engen\nRahmen eines Musikstückes gebracht wird, ergibt sich von\nselbst, so wie die Unvermeidlichkeit einer Zerstreuung,\nwelche das gerade Widerspiel jener geistigen Sammlung\nist, die das echte Kunstwerk beabsichtigt.\nVom rein musicalischen Standpunkte sind die „Prä-\nludien\" die klarste und gefälligste aus der Reihe der Liszt'-\nschen metaphysischen Abhandlungen. Wir finden zwar kein\nThema darin, das 3n sich originel oder bedeutend heissen\nkönnte, vielmehr unterlaufen sowohl in den pathetischen\nals in den sentimentalen Theilen Anklänge von bedenklicher\nTrivialität; noch weniger entdecken wir in diesem poeti-\nschen Vagabundiren der Phantasie jene musicalische Gedan-\nken-Entwicklung, die wir als „thematische Arbeit\" in je-\nder grösseren Composition finden und finden wollen. Der\nehrgeizige Drang, jeden Augenblick mit etwas Neuem, Un-\nerhörtem, Genialem zu überraschen, bringt vielmehr eine\nUnruhe in das Ganze, welcher geradezu etwas Dilettanti-\nsches anklebt. Dessen ungeachtet vermögen die „Preludes\"\nden Hörer interessant anzuregen. Es zeigt sich darin ein\nsehr lebhafter Sinn für Zusammenstellung der Klangfarben;\nwir erinnern nur an die Instrumentirung des an sich ziem-\nlich gewöhnlichen Thema's in E-dur, das (Seite 21 der\nPartitur), von vier Hörnern und gelheilten Bratschen breit\nvorgetragen, von Violinen und Harfen-Accorden leicht um-\nspielt, von reizender Wirkung ist.\nEben so bringen (S. 32) die aufsteigenden chromati-\nschen Sextengänge des Streich-Quartetts, Anfangs nur von\nFagotts und Clarinetten in der Tiefe, dann durch Oboen\nund Flöten verstärkt, eine wahrhafte Windsbraut hervor.\nDer letzte Satz ist nicht viel mehr als ein Parademarsch,\nmit allem Glänze lärmender Janitscharenmusik ausgestattet.\nDarauf verzichtet Liszt niemals; er weiss zu gut, wie solch\nrein sinnlicher Eindruck beim grossen Publicum immer\nseine Schuldigkeit thut; die „guten Freunde\" sorgen schon\ndalür, dass auch dieser Janitscharen-Lärm für reine Erha-\nbenheit ausgelegt werde.\nLiszt bringt ihn aber nicht bloss in den „Preludes\"\nan, etwa um den „Kampf\" zu illustriren; auch im „Tasso\",\nim „Prometheus\", in den „Festklängen\" begegnen wir\ndiesen Soldatenfreuden; sogar der arme „Mazeppa\" wird\nunter Begleitung von Triangel, grosser Trommel und Becken\ngeschleift.\nNächst diesem Talente lür Instrumentirung fällt in den\nPreludes auch mitunter ein feiner Sinn lür Figurirung auf\n(S. 24 u. m. a.), so wie endlich unter hässliche Accorden-\nfolgen sich mitunter auch eine glückliche Entdeckung mischt.\nDie Hauptsache, an der die Kritik festhalten muss,\nbleibt aber doch immer, dass alles, was an den Liszt'schen\nSymphonieen das Publicum fesselt und den Musiker interes-\nsirt, nicht aus dem reinen Quell der Musik fliesst, sondern\nkünstlich gebranntes Wasser ist. Die musicalische Schöpfung\ndrängt sich bei Liszt nicht frei und ursprünglich ans Licht,\ner setzt sie auf dem Wege der Reflexion zusammen. Wer\nje über unsere Kunst nachgedacht hat, weiss, dass ein\n\ndessen, was zu schöner und charakteristischer Ausführung\ngehört), und der Grad von Sympathie, welchen sie meinen\nWerken freundlich zuwenden wollen, wird für diese die beste\nBürgschaft des Erfolgs sein.\" Nun, Liszt muss es wohl\nschon gewohnt sein, dass seine gegenwärtigen deutschen\nFreunde seine Gedanken übertölpeln. Die Redaction."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.1.4", "texte": "geistreicher und phantasiebegabter Mensch, der sich das\nAeusserliche der musicalischen Technik vollständig ange-\neignet hat, noch kein schöpferischer Tondichter ist.\nDenken wir uns einen Dichter wie V. Hugo, oder einen\nMaler wie Gallait im Besitze aller musicalischen Kenntnisse\nund gepeinigt von dem Drange, zu componiren ihre Ton-\nwerke würden ohne Zweifel den „ symphonischen Dichtun-\ngen\" sehr ähnlich sein. Es wäre Geist, Poesie, Bilderpracht,\nAlles vielleicht beisammen, nur kein musicalischer Kern.\nLiszt gehört zu jenen genialen, aber unfruchtbaren Natu-\nren, welche, von künstlerischem Ehrgeiz getrieben, Be-\ndürfniss mit Beruf verwechseln. Wenn es ihm heute\neinfiele, als Tragödien-Dichter aufzutreten, so würde er\nwahrscheinlich auch in dieser Eigenschaft Geist und Bildung\nverrathen, ohne dass es desshalb Jemandem einfiele, ihn\nneben Shakespeare zu stellen. Oder vielmehr auch dazu\nwürde sich einer oder der andere jener literarischen Lohn-\ndiener bereit finden, welche Macaulay „ein Mittelding zwi-\nschen Mensch und Pavian\" nennt, und die leider überall\nvertreten sind. Für einen musicalischen Entdecker oder Re-\nformator kann Liszt nur von Leuten gehalten werden,\nwelche mit Berlioz' und R. Wagner's Werken nicht be-\nkannt sind. Diese beiden Componisten sind für Liszt gera-\ndezu Vorbilder gewesen, und kaum dürfte sich bei diesem\nirgend ein Effect finden, dem nicht Aehnliches in den Wer-\nken jener bereits vorausgegangen wäre.\nWo die guten wie die schlechten Seiten so auffällig\nvorliegen, wie es uns bei Liszt's Symphonie der Fall zu\nsein scheint, dünkt uns auch die künstlerische Bilanz nicht\nschwierig. Das Interesse, welches geistreiche Einzelheiten,\nbrillante Technik und das energische Verfolgen eines be-\nstimmten Princips allzeit einflössen werden, sichert den\nCompositionen Liszt's eine höhere Stelle, als zahllosen\nSchularbeiten, die eine gleiche Ohnmacht regelrecht, aber\nohne Geist ausarbeiten, namentlich also einen Vorrang vor\nden Werken seiner zahlreichen Clavier-Collegen. Diese re-\nlative Höhe jedoch zur absoluten zu erheben und Liszt's\nSymphonieen als wahre musicalische Kunstschöpfungen, als\nMeisterwerke oder gar als Ausgangspunkte einer neuen\nVerjüngung der Tonkunst hinzustellen, kann nur gelingen,\nwenn wir zuvor jeden Begriff von reiner Instrumentalmusik\nund jede Erinnerung an das, was ein Haydn, Mozart, Beet-\nhoven und Mendelssohn darin geleistet haben, vollständig\nund für immer abthun.\nlieber die Aufnahme der „Preludes\" können wir nicht\nendgültig berichten, da dieselbe in einem langen und unent-\nschiedenen Kampfe zwischen Zischen und Klatschen sich\näusserte. Die Aufführung war eine vortreffliche. Wer, wie\nwir, bei den Proben Zeuge war, mit welcher Unermüd-\nlichkeit Director Hellmesberger dieses schwierige Werk\neinstudirte, muss sich zur öffentlichen Anerkennung dieser\nLeistung doppelt verpflichtet fühlen.\nWir schliessen hier die Hauptsätze aus der ästhetischen\nund kunsthistorischen Würdigung der Liszt'schen „Dich-\ntungen\" durch F. Brendel in der Neuen Zeitschrift für\nMusik, Nr. 10 vom 6. d. Mts., an, und überlassen den Le-\nsern das Urtheil, ob diese Sätze eine wirkliche Begründung\ndes Werthes jener Compositionen oder ein schlagendes\nBeispiel zu der Aeusserung von Ed. H. im dritten Absätze\nvom Ende des obigen Aufsatzes sind.\nHerr Brendel stellt fünf „Fragen0 oder „Gesichts-\npunkte\" auf, die bei Liszt's symphonischen Dichtungen in\nBetracht kommen. Wir geben überall nur seine eigenen\nWorte:\n„1. Die erste Frage ist die nach dem unmittelbaren\nEindrucke der Listz'schen Werke, und dies der einzig\nrichtige Weg, um zu einer gründlichen Orientirung zu\ngelangen. Was nun diesen Eindruck betrifft, so ist zu sa-\ngen, dass er ein grosser und gewaltiger ist, wie ihn nur\ndie Werke ersten Ranges hervorbringen. Wir fühlen uns\nberührt von dem Hauche des Genius; es ist der Schauer\nund das innerliche Entzücken, welches wir empfinden,\nwenn uns eine neue Offenbarung im Bereiche\ndes Schönen wird. Ein ganzer, grosser und herrlicher\nMensch tritt uns entgegen, eine wunderbare Indivi-\ndualität, wie sie in unserer Kunst noch nicht\nzum Ausdruck gelangt ist. Wenn die Haupt-Gegen-\nsätze in Liszt's Wesen, die Kraft, das Titanische einerseits\nund eine unendliche Weichheit und Zartheit andererseits,\nin früheren Jahren noch aus einander fielen, unvermittelt\neinander gegenüber standen, so sehen wir dieselben jetzt\nzusammengefasst in der höheren Einheit des Charakters.\nDer Sturm und Drang ist vorüber, und fertige, in sich ab-\ngeschlossene Gestaltungen geben Zeugniss von tief-inner-\nlicher Sammlung. Entsprechend dieser inneren Reife, er-\nscheinen die Werke durchans maassvoll, plastisch in ihrer\nGestaltung, und eine Klarheit ist darüber ergossen, wie sie\nnur die Schöpfungen ersten Ranges besitzen.\n„2. Ist dieser Eindruck festgestellt, und er ist es für\njeden, dessen Inneres nicht gänzlich in früheren Anschauun-\ngen und Gefühlen befangen erscheint, für jeden, der inner-\nlich der Entwicklung der Kunst bis auf die Gegenwart ge-\nfolgt ist, so ergibt sich als die zweite Frage die nach"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.1.5", "texte": "der formellen Gestallung. In dieser Beziehung ist zunächst\ndaran zu erinnern, dass die Form nicht etwas für sich Be-\n•»\nstehendes, ein- für allemal Fertiges ist. Mit jedem neuen\nSchönheits-Ideal wechselt auch die Form, wie dies durch\ndie bisherigen grossen Epochen in der Geschichte der Ton-\nkunst bestätigt wird; und unter diesem Gesichtspunkte\nist daher diese Frage zu entscheiden. Ist der Inhalt\nschön, ist das Werk im Stande, den ersten Be-\ndingungen aller Kunst zu genügen, einen rei-\nnen Kunst-Eindruck hervorzubringen, so ist\ndie Form gerechtfertigt, sie sei, welche sie\nwolle. Dies ist in Liszt's Werken der Fall, und die Auf-\ngabe ist daher nicht die, vom Standpunkte der reinen Form\naus über Zulässigkeit oder Unzulässigkeit angebahnter\nNeuerungen zu streiten, oder wohl gar vom alten Stand-\npunkte aus gegen das Neue zu polemisiren, sondern\naus dem Inhalt und unter H.inblick auf die ge-\nschichtlichen Voraussetzungen die neue Form\nzu begreifen. ...\n„3. In diesen Werken ist der Weg betreten, der ein-\nzig noch übrig war, der Weg aus den bisherigen for-\nmellen Schranken der Instrumentalmusik heraus zu freier\nDichtung in Tönen; es ist darin mit Bestimmtheit je-\nnes Ziel ergriffen und verwirklicht, welches auch R. Schu-\nmann in der ersten Epoche seines Schaffens ahnte, dem er\nsich aber später, als er das Gebiet der Pianoforte-Compo-\nsition verliess, entfremdete. Schumann hatte ganz bestimmt\nin früheren Jahren ein solches Ziel vor Augen, aber die\nZeit war noch nicht reif, die Entwicklung der Kunst\nnoch nicht so weit gediehen, um das solcher Gestalt Ge-\nschaute auf das Orchester übertragen zu können. Schu-\nmann erschrak vor den Consequenzen und that daher\neinen Schritt rückwärts.— Liszt nun hat diesen Schritt\nvollbracht, er hat den Faden der Entwicklung da aufge-\nnommen, wo ihn seine Vorgänger fallen liessen; er ist ein-\ngetreten in den geschichtlichen Process als ein ganzer\nDeutscher, und hiernach wäre also die Idee der sym-\nphonischen Dichtungen historisch gerechtfertigt. [Wir\nübergehen die Stellen, in denen Brendel sich als Schöpfer\nder neuen Richtung überhaupt darstellt, , Wagner hat nur\nals Künstler gestaltet, was ich (Brendel) als Aesthetiker\nerfasst hatte\" u. s. w.]\n,4. Ein vierter Gesichtspunkt, den ich aufzustellen\nhabe, betrifft das Wesen der Programm-Musik. Die\nProgramm-Musik der neuesten Zeit ist motivirt durch die\nGeschichte der Kunst, und Beethoven hat derselben zuerst\ndie volle Berechtigung erkämpft. —ln solcher Bestimmtheit\ndes Ausdrucks besteht zwar nicht ganz allein nur das We-\nsen der Instrumentalmusik; denn gerade das in Worten\nUnfassbare, das Unsagbare zu sagen, ist die andere grosse\nSeite derselben. Aber eben so berechtigt ist jene, ja, in\nder Gegenwart vorzugsweise am Orte, und ich\nmuss gestehen, dass es mich schmerzt, wenn ich sehe, wie\nfort und fort alte Ammenmärchen wieder aufgefrischt wer-\nden; wenn ich in Erfahrung bringe, wie jene Vorurtheile\ndie Köpfe so sehr verfinstern, dass man unemplänglich ist\nfür jede bessere Einsicht. Nur das Eine ist im Auge zu be-\nhalten, dass die schildernde, malende Musik keine bloss\näusserliche und auf Aeusserliches gerichtete sei,\nim Gegentheil, dass darin zugleich eine tiefere geistige Be-\ndeutung sich kund gebe. Ist aber diese Bedingung erfüllt,\nso bezeichnet eine solche Richtung keinen Abweg, son-\ndern eine Erweiterung.\n„5. Einen fünften Gesichtspunkt gewinnen wir,\nwenn wir das Gesetz betrachten, welches die Musik des\nletzten Jahrhunderts gestaltet hat. Es ist, wenn wir bei\nSeb. Bach beginnen, den Weg durch Haydn, Mozart\nund Beethoven fortsetzen und bei Mendelssohn,\nSchumann, Berlioz, Ciszt ankommen, der Gang\nvom Uebergewichte des Verstandes zur all-\nmählichen Entfesselung der Phantasie, der\nGang vom Object zum Subject, von der Hingebung\ndes Künstlers an ein Allgemeines zu jener Wendung, wel-\nche die künstlerische Subjectivität zum Mittelpunkte macht.\nSo sind wir zur Spitze der Subjectivität in neu-\nester Zeit gelangt, und dieser Gesichtspunkt führt uns\nzugleich jetzt aus der Allgemeinheit heraus zu concreterer\nErfassung der Aufgabe. Man hat gesagt, Liszt spiele auf\ndem Orchester, wie früher auf dem Pianoforte. Dieser Satz\nist zugleich sehr richtig und zugleich sehr falsch. Das Letz-\ntere, wenn damit gesagt ist, dass Liszt das Orchester zu\nZwecken der Virtuosität gebrauche oder missbrauche.\nRichtig dagegen ist der Satz, wenn er bedeuten soll, dass\ndas Orchester und die Formen der Orchester-Composition\nnicht mehr eine objective Macht sind, welcher der Künst-\nler gegenübersteht, sondern Beide sich wie ein leichtes Ge-\nwand allen Regungen der Persönlichkeit anschmiegen. Das\nist der Schlüssel zum Wesen dieser Compo-\nsition (!!), zugleich zu der Art des Orchester-Vortrags\nund der Liszt'sehen Direction. Die Tondichtung ist jetzt\nder Spiegel, der treueste Ausdruck einer von den früheren\nSchranken nicht mehr eingeengten Individualität, die jetzt\nfrei und ungehindert sich ergeht, und das ist zugleich, wie\nJeder zugestehen wird, eine nothwendige Conse*"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.1.6", "texte": "quenz des Bisherigen, es ist darin die Verfolgung des\nWeges bis zum Zielpunkte und zugleich ein neuer grosser\nSchritt vorwärts enthalten.\nSo weit Herr Brendel zur Aufhellung der „Verfinste-\nrung\" in unseren Köpfen. Ob aber Liszt selbst, durch sol-\nchen Dunst von ästhetischem Haarrauch wie ein zweiter Jo-\nhann von Leyden benebelt, auf die Stufen des Tempels\ntreten und flüstern werde: „Ja, es ist wahr, ich bin Pro-\nphet\", ich bin „die Spitze der Subjectivität, die Offenba-\nrung des Schönen, die freie Individualität, die nothwendige\nConsequenz, bin der Einzige, der nach Bach, Haydn, Mo-\nzart, Beethoven, Mendelssohn, Schumann, Berlioz kommen\nmusste\" das möchten wir doch sehr bezweifeln! Vor\neinem Irrenhause selbander angekommen, würde Liszt je-\ndenfalls dem Verkünder seiner Herrlichkeit aufs freundlich-\nste zuflüstern: „Gehen Sie nur gefälligst voran: ich habe\nnoch bei den Vernünftigen zu thun.\" Wer dieses zu\nstark findet, dem sagen wir, dass wir unserer Entrüstung\nüber einen Lehrer der Geschichte der Musik, der Mozart\nund Beethoven zu Stufen für Liszt macht, in ganz\nanderen Ausdrücken Luft machen würden, wenn wir nicht\nannehmen müssten, dass er sich auf dem angedeuteten\nWege befände.\n\nAus Heidelberg.\nEine Correspondenz aus dem unmusikalischen Heidei-\nberg in einer Musik-Zeitung dürfte sich ungefähr wie Saul\nunter den Propheten ausnehmen und zur Frage auffordern,\nob seit Thibaut's Ableben in unserer Stadt wohl noch Mu-\nsik cultivirt werde. Ach, lieber Leser, es wären gar\nwunderliche Dinge in rebus aus unserer Mu-\nsenstadt zu berichten; aber du weisst vielleicht, vielleicht\nauch nicht, dass alle die kleinen Städte mit Universitäten\nin musicalischer Hinsicht in die Kategorie jener gehören,\nderen bekannteste „Ultima Tbenannt ist. Woher\ndas kommt? Einfach daher, weil die hohe Aristokratie der\nWissenschaft, welche hier und anderwärts die Creme der\nGesellschaft bildet, in der Regel ihre Steckenpferde reitet\nund mit vornehmer Miene auf alle Kunst, insbesondere auf\nMusik, herabsieht, für welche sie weder Empfänglichkeit\nnoch Sinn besitzt. Auf die Bürgerschaft bezüglich, lässt\nsich hier wie anderwärts dem bekannten Satze: „Je näher\nan Rom, desto schlechterer Christ\", ein ähnlicher zur Seite\nstellen, der ungefähr so formulirt werden könnte: Je näher\ndem Sitze der Wissenschaft, desto entfernter das Verlan-\ngen nach Bildung. Wo der Gerstensaft das dringendste\nder materiellen Bedürfnisse und socialen Bindemittel aus-\nmacht, da herrscht feiner Sinn nicht, am allerwenigsten\nunter der studirenden Jugend. Aber die heidelberger\nDamenwelt, findet sich denn darin kein hervordrängender\nSinn für Tonkunst in höherem Stile, nicht bloss lür Ge-\nklimper zwischen vier Wänden? Unsere Damenwelt be-\nschäftigte bislang fast ausschliesslich der Cohu-Bohu einiger\nSalons, nebenbei die schonen Spazirgänge aufs Schloss\nund nach dem Wolfsbrunnen; wie hätte sie da zur Buhe\nkommen können, um über die Vortheile nachzudenken,\nwelche die Cultivirung der Musik in ihren obersten Gattun-\ngen in geistiger und socialer Hinsicht dem sonst gebildeten\nWeibe zu bieten vermag! Und ohne feste Leitung, ohne\ngute Beispiele im Grossen und Kleinen darf ja von dieser\nSeite der Gesellschaft nichts, was einem höheren Kunst-\nzwecke entsprechen soll, erwartet werden.\nZur Zeit, als Herr Musik-Director Iletsch die Leitung\nin Händen gehabt, da rührte sich noch etwas in der Be-\nvölkerung, das sich sporadisch zur gemeinschaftlichen Zu-\nsammenvvirkung vereinigen liess. Freilich lebte noch in Vie-\nlen die Tradition der Thibaut'schen Verfahrungsweise, der\nErfolge u. s. w. Auch war Herr Hetsch selbst kein uner-\nfahrener Dirigent und hatte nebenbei eine hübsche Portion\nEnergie. Seinem Nachfolger Winkelmeier mangelten diese\nunerlässlichen Postulate, wiewohl er seinen Vordermann\nan kunstwissenschaftlicher Bildung übersehen mochte. In\nsolchem Wirkungskreise entscheidet jedoch nicht das Wis-\nsen, sondern die praktische Geschicklichkeit, die Boutine.\nWer den jetzt fungirenden Musik-Director Schletterer,\neinen ziemlich guten Geiger, in das unmusicalische Heidel-\nberg gezogen, hat es gegen das kleine Häuflein der besser\nOrganisirten, aber auch gegen die Indolenz der Masse zu\nverantworten. Violinspieler taugen in der Begel noch we-\nniger zur Leitung von Chor- und Orchester-Vereinen, als\nPaukenschläger und diiettantisirende Strumpfwirker.\nDas Häuflein der besser Organisirten, auch besser Ge-\nsinnten, welche zum Theil den Vorstand des Instrumental-\nVereins bilden, hat denn endlich den heroischen Entschluss\ngefasst, der tief verkommenen Sache wieder in etwa auf\ndie Beine zu helfen und versuchsweise den Leuten einen\nbesseren Geist einzuflössen. Es wurden drei Concerte ver-\nanstaltet, die Leitung in die Hände eines mannheimer Mu-\nsikers, Namens Boch, gegeben (Organist in der dortigen\nSynagoge), noch andere Musiker aus Mannheim dem Or-\nchester als Verstärkung zugesellt, und siehe da, man hat\nErfolge erreicht, die erfreulich genannt werden dürfen. Im\nletzten Concerte am 9. März wagte man sich sogar an die"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.1.7", "texte": "C-mollS'u\\(on\\e. Transeal! Man lud noch aus Frankfurt\ndie Opern-Novize, Frau!. Zirndorfer, ein, die uns die grosse\nArie aus Freischütz und einige Lieder recht sinnig und mit\nvielem Beifaile gesungen. Unser bescheidener Gesangchor\ntrug zwei Lieder von Mendelssohn gut vor. Ein junger.\nViolinspieler, Herr N;st aus München, liess sich mit vielem\nBeifalle auf der Geige hören. Kurz, das Auditorium stellte\nsich, als wäre es mit dem Geleisteten wohl zufrieden und\nals dürfte der Instrumental-Verein im kommenden Jahre\nmit frischem Muthe und vielleicht noch grösserem Erfolge\nein ähnliches Unternehmen wagen wahrscheinlich aber\nwiederum unter fremder Leitung.\nBei dieser Gelegenheit soll die deutsche Musikwelt\nauch erfahren, dass seit April vorigen Jahres sich in unse-\nrer Musenstadt auch eine Musikschule etablirt hat, und\nzwar unter Direction einer Frau Emma Seiler, geb. Di-\nruf. Der ausgegebene Prospectus besagt: „I. Clavier-Un-\nterricht, verbunden mit Harmonielehre nach Mendelssohn-\nWieck'scher Methode.\" (Hört!) 11. Gesang-Unterricht.\nWeiter lesen wir darin :\n„Für solche, welche eine höhere Ausbildung in der\nMusik wünschen, so wie für diejenigen, welche mit der er-\nforderlichen Befähigung sich für den Unterricht in der Mu-\nsik ansbilden wollen, sind die Bedingungen folgende: Sie\nerhalten vollständigen Unterricht im Clavierspiel, im Ge-\nsänge, in der Musik- und Compositions-Lehre (!?) und al-\nlem Dahingehörigen, in der Musikgeschichte und in der\nästhetischen Würdigung (!?) der Musik, zu einem halbjäh-\nrigen Preise von 50 Gulden. Wenn sie sich aber lür\neine bestimmte Zeit verbindlich machen, einige Lehrstun-\nden wöchentlich in der Musikschule zu ertheilen, so tritt\neine bedeutende Ermässigung des Preises bis zu 15 und\n10 Gulden ein.\" (Hört! hört!)\nDas alles in Heidelberg! Wer wagt noch, zu sagen:\n„Das unmusikalische Heidelberg\"?! Wir wollen hoffen und\nwünschen, in wenig Jahren der Musikwelt von Gründung\neines Conservatoriums hier Nachricht geben zu können,\ndas einem dringenden Bedürfnisse nach einem solchen In-\nstitute in Deutschland endlich abhelfen wird.\n\nAus Lille.\nAm 30. Januar veranstaltete der Cäcilien-Verein unter\nLeitung seines Dirigenten, des Herrn Emil Steinkühler, eine\ngrössere Aufführung von ernster Musik. Das Programm hatte gar\nsehr für Abwechslung gesorgt, was hier durchaus nöthig ist, um\nden Dilettanten Geschmack an der gediegenen Gattung der Vocal-\nmusik beizubringen. Es wurde von J. Haydn ein Credo, von Mo-\nzart ein Sanctus, von Neukomm ein Hymnus an die Nacht, von\nRossini ein Chor aus Moses und ein Stück aus dem Siabai mater,\nvon Burgmüllcr ein Ave Maria, von Mendelssohn und E. Stein-\nkühler einige kleinere Gesangstücke vorgetragen, und im Ganzen\nauf sehr befriedigende Weise. Dennoch hegen wir nur schwache\nHoffnung, dass die Liebe zu dieser Art von Musik hier in Lille\nUFKI überhaupt in Frankreich auf solche Weise Wurzel schlagen\nwerde, dass sich zu ihrem Studium und ihrer öffentlichen Pro-\nduetion Dilettanten-Vereine von dauerndem Bestände, wie in\nDeutschland, bilden. Der Reiz der Neuheit kann eine augenblick-\nliche Theilnahme allerdings ins Leben rufen, und eine so tactvolle,\nentsagende und ausdauernde Thätigkeit und Liebe zur Sache, wie\nsie der hiesige Dirigent bewahrt, vermag auch diese Theilnahme\nzu fesseln; allein sie bis zu dem Entschlüsse, sich an grössere\nWerke, die ein Ganzes bilden, zu wagen, und bis zu der Beharr-\nlichkeit eines jahrelangen Einstudirens und Wiederholens zu stei-\ngern, das dürfte für jetzt wenigstens wohl Keinem gelingen. Noch\nweniger ist an das Aufgehen eines lebendigen Gefühls für solche\nMusik bei dem grossen Publicum zu denken! Der Sinn dafür ist\neinmal nicht vorhanden, und Nationalitäten lassen sich nicht refor-\nmiren. Wir wissen ganz bestimmt, dass Herr Steinkühler den Plan\nhatte, in der Societe choralc nach und nach Handels Oratorium\nJudas Maccabäus einzustudiren, allein er hat ihn wieder aufgeben\nmüssen; namentlich die Recitative, Arien und Duette will Niemand\nsingen so etwas ist zu langweilig und zu undankbar. Betrach-\nten Sie das obige Programm, so werden Sie es, Ihren deutschen\nAnsichten gemäss, sehr bunt finden; hier aber musste man bei\naller Anerkennung der Leistungen durch die Kritik doch auch\nPhrasen lesen von einer gar zu düsteren Farbe der ganzen Soiree,\nvon Morceaux mystiques u. dgl. mit dem Zusätze: que le bon goüt\nn'est pas tout entier dans la musique severe. Der letzte Zusatz be-\nweist sattsam, dass der Schreiber gar keine Idee von der Bestim-\nmung eines Gesang-Vereins hat. W7enn dies nun auch eine verein-\nzelte Stimme ist, so spricht sie doch aus, was Viele denken, aber\nsich zu sagen scheuen, wie denn auch derselbe Kritiker nicht um-\nhin kann, zu äussern, dass der Verein un precieux noyau pour l'en-\ntrelien (?) du goüt de la banne et saine musique sei, gleich darauf\naber wieder den Rath gibt, ä satisfaire tous les goüts!\nAuch die grosse Association musicale, welche ihrem kölner\nMännergesang-Vereine bei seiner letzten Rückkehr aus England ein\nso heiteres Fest veranstaltete, sieht sich aus financiellen Rücksich-\nten genöthigt, sich Ende Mai aufzulösen. Was an die Stelle der-\nselben treten wird, lässt sich noch nicht sagen.\n\nAchtes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn\nFerdinand Hiller.\nDinstag, den 17. März 1857.\nProgramm: I. 1) Trauerspiel-Ouverlure von Ed. Franck (neu);\n2) Concert für Pianoforte in G-moll von F. Men de lss oh n, ge-\nspielt von Frau Clara Schumann; 3) Scene für Alt mit Chor\naus Gluck's Orpheus, das Solo gesungen von Fräul. Schreck;\n4) Schlummerlied (Albumblätter, Op. 124) von R. Schumann,\nNr. 3 aus Op. 94 von F. Schubert, Impromptu in As-dur, Op.\n29, von F. Chopin für Pianoforte, gespielt von Clara Schu-\nmann. ll. Die neunte Sinfonie von L. van Beethoven.\nSoli: die Damen Mampe-Bab ni gg und Schreck, die Herren\nGöbbels und DuMont-Fier.\nDie Ouvertüre von Ed. Franck ist ein Werk, das sowohl in\nHinsicht auf die Erfindung der Motive als auf die Factur grosse\nAnerkennung verdient und das wie alles, was Franck in den letz-\nten Jahren geschrieben, einen Kern hat, nicht bloss eine glatte"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570321-01.1.8", "texte": "oder gar slachelichte Schale. Trotzdem schien sie keinen schlagen-\nden Eindruck zu machen, was wir uns dadurch erklären, dass der\nCharakter derselben mehr düster als tragisch ist,\nFräul. Schreck ist im Besitze einer bedeutenden Stimme, die\njedoch eher als Mezzo-Sopran, denn als Contra-Alt zu bezeichnen\nsein dürfte; wenigstens liegen ihre eigentlich klangvollen und schö-\nnen Töne nicht in dem tiefen Brust-Register des Alts, sondern in\nder Mittellage zwischen Alt und Sopran, und dies ist gerade eine\nlobenswerthe Eigentümlichkeit der Stimme des Fräul. Schreck,\nweil ein so voller Timbre der Mittellage sehr selten ist. Auch die\nTonbildung istuntadelhaft; allein der Vortrag reisst nicht hin, er\ndringt nicht mit orphe'ischer Gewalt in die Seele. Wenn die ge-\nschätzte Künstlerin mehr Wärme in ihren Gesang legt, was ihr ja\nbei dem vorzüglichen Material, das ihr zur Verfügung steht, nicht\nschwer werden kann, so wird sie den Aufführungen gar vieler\nclassischen Werke einen oft vermissten Glanz verleihen.\nFreilich war es, was wir nicht verhehlen wollen, in diesem\nConcerte überhaupt schwer, gegen den Eindruck aufzukommen, den\ngleich von vorn herein das Spiel von Clara Schumann auf die\nganze Zuhörerschaft machte. Ihr Vortrag des Concerts von Men-\ndelssohn— auf einem Erard' sehen Flügel aus J. M. Heimann's\nDepot, wie wir noch keinen trefflicheren gehört haben übte\neinen solchen Zauber aus, dass es in der That schwer war, sich\nihm wieder zu entziehen, um anderen Tönen gerecht zu werden.\nWir haben von Frau Schumann noch nie eine so vollendete Lei-\nstung gehört, wie diese, da in derselben sich alles vereinigte, was\nman bei den grössten Ansprüchen an die Reproduction\neines musicalischen Kunstwerkes verlangen kann. Wir haben früher\nbei aller Bewunderung der genialen Natur und der Virtuosität die-\nser Künstlerin doch bisweilen jene Ruhe und jenes classische Eben-\nmaass vermisst, welche, überall vom eigentlichen Kunstbewusstsein\ngetragen, auch in der Darstellung der Leidenschaft das Schöne zum\nHauptziele macht; auch aus Frankfurt, WTien und London wurden\nähnliche Bemerkungen mitgethcilt. Allein gegenwärtig ist alles ver-\nschwunden, was einen solchen Tadel rechtfertigen könnte; in dem\nVortrage sämmtlicher Stücke am 17. d. Mts. (sie gab auch, als sie\ngerufen wurde, noch die Obertasten-Etude von Chopin zu) war\nkeine Spur von der unheilvollen Sucht der neueren Virtuosen, alle\nTempi zu übertreiben, vorhanden. Zu der Correctheit und vollen-\ndeten Technik der gediegensten Schule, die sich besonders auch in\nder vollkommenen Abrundung und Egalität der Tonleitern und\naller ähnlichen Figuren mit beiden Händen zeigte, wobei es den\nPassagen keineswegs an dynamischer Färbung fehlte, gesellte sich\neine Ruhe, Ebenmässigkeit und Klarheit, welche neben dem Geiste\nund Charakter der Composition alle Virtuosen-Eigenschaften um so\nmehr hervorleuchten Hessen, als diese es nicht waren, die am mei-\nsten hervorleuchten sollten. Dabei wurde den melodiösen Stellen\nein vortrefflicher Ausdruck kurz, wir halten es für unmöglich,\ndass das Mendelssohn'sche Concert je besser gespielt werden kann.\nVon den kleineren Solostücken, von deren Vortrag dasselbe gilt,\nentzückte besonders das „Schlummerlied44 von R. Schurhann wie\nder Duft einer wunderlieblichen Blüthe.\nDer zweite Theil des Concertes brachte uns einmal wieder die\nneunte Sinfonie von Beethoven, und sie regte, wie immer\nhier am Rheine, das Publicum zu der lebhaftesten Theilnahme und\nlauten Aeusserung derselben am Schlüsse jedes Satzes an. Doch\nwurde mit Recht das Adagio ausgezeichnet, welches am besten aus-\ngeführt wurde, während die übrigen Sätze an Präcision Manches,\nan Energie und Kraft, so wie an Schattirung und Ausdruck Vieles\nvermissen Hessen. Trotz alledem schlug der grosse Inhalt des Wer-\nkes durch. Den wenigsten Erfolg hatte jedoch dieses Mal der letzte\nSatz, der nur stellenweise so wie sonst imponirte. Die Soli wurden\nvon Frau Mampe-Babnigg, Fräul. Schreck und den Herren Göb-\nbels und DuMont-Fier gesungen. FrauMampe sprach kein einziges\nTextwort aus und schien die Sache mit einiger Nonchalance zu\nbehandeln; Einklang der Stimmen und Einheit des Vortrags waren\nnicht vorhanden. Jm Orchester hörten wir mit Vergnügen lobens-\nwerthe Fortschritte bei dem Horn, dem Fagott und der Clarinette.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nttöln« Der Hof-Capellmeister Henri Li toi ff hat ein paar\nTage in unserer Stadt verweilt. Er kam von einer Kunstreise durch\ndie nördlichen Provinzen von Holland, die an Beifall und Ein-\nnahmen sehr einträglich war, zurück und ging von hier mit seiner\nGattin nach Brüssel. Eine Zeitlang war der ausgezeichnete Violinist\nWieniawski sein Begleiter in Holland.\nDonnerstag den 19. d. Mts. eröffnete Fräul. Marie Seebach,\nunsere geniale Landsmännin, mit dem „Gretchen\" im Faust einen\nKreis von Gast-Darstellungen am hiesigen Stadttheater. Auch in\nder Musik-Zeitung müssen wir die Scene mit der Ballade: „Es\nwar ein König in Thüle\" erwähnen. Unterstützt von einer ange-\nnehmen Stimme, war der Vortrag der Ballade nach einer einfachen\nMelodie der Situation und dem Charakter des einfachen Bürger-\nmädchens so trefflich angemessen, dass die Kunst des Schwankens\nzwischen Gesang und Declamation bewundernswert!) war und man-\nche grosse Sängerin davon lernen könnte."}]}