{"numero_id": "bm-bmtnabi-1857-03-28-01", "volume": "bmtnabi_1857-03-28_01", "ocr_sha256": "2c8231f87a9faed6197521f86952558188189e38dfdc35ea13b3a0bc0e9de326", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1857/03/28_01/bmtnabi_1857-03-28_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1857-03-28-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-03-28_01#c001", "volume": "bmtnabi_1857-03-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "97", "page_fin": "97", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "97", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 478, "texte": "Inhalt.\nBeethoven, ses Critiques et ses Glossateurs. Par Alexandre Oulibicheff. I. Münchener Briefe (Matinee und Composi*\nlionen von Wüllner und Scholz. Der Tenor Dr. Härtinger. Odeons-Concerte. Kammermusik. Aufführung im Conservalorium). Von A. Z.\nDer Riedel'sche Verein in Leipzig. Von ff. Zur Antwort. Von A. Schindler. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln,\nGastspiel von Fräul. Marie Seebach. Clara Novello. „Saul\", Oratorium von F. Hiller. Leipzig Hannover München Brüssel)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-03-28-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-03-28_01#c002", "volume": "bmtnabi_1857-03-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "97", "page_fin": "98", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.2.2", "titre_corps": "Beethoven, ses Critiques et ses Glossateurs.", "titre_sommaire": "Beethoven, ses Critiques et ses Glossateurs.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "97", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.1.1", "debut_caractere": 480, "fin_caractere_exclue": 4132, "texte": "Beethoven, ses Critiques et ses Glossateurs.\nPar Alexandre Oulibicheff.\nI.\nDieses Werk, verlegt von F. A. Brockhaus in Leipzig\nund J. Gavelot in Paris, verdankt seine Entstehung dem\nBuche von W. von Lenz über Beethoven, welches wir\nnach mancherlei Lobhudeleien in französischen und deut-\n• »\nsehen Blättern im Jahrgang 1853, Nr. 16, 18 und 19,\ngehörig beleuchtet und auf seinen sehr geringen Werth\nzurückgeführt haben. Sonderbarer Kreislauf der Fata dieser\nLibelli! Lenz machte ein Buch aus Zorn darüber, dass der\ndurch und durch Mozart'sche Ulibischeff Beethoven ver-\nkannt, und Ulibischeff schreibt ein Buch, weil der soi-disant\nBeethoven'sche Lenz sein Urtheil über Beethoven entstellt\nhat! Das ist die Aehnlichkeit zwischen Beiden in den Mo-\ntiven : in den Sachen aber ist der Unterschied sehr gross.\nUlibischeff regt überall an und gibt zu denken, auch da,\nwo er sich irrt; Lenz aber schwatzt und macht uns im\nganzen Buche um keinen Gedanken reicher.\nUlibischeff ist in diesem neuen Werke noch derselbe,\nwie in seinem trefflichen Buche über Mozart, an Verstand\nund Phantasie, scharfsinnigen und geistreichen Apperfu's,\ninteressanter Darstellung. Doch ist er etwas älter und\netwas russischer geworden. Das Letztere darf man ihm\nfreilich nicht zum Vorwurf machen; aber wo es ihn zu\neinem vornehmen, absprechenden oder mehr spöttelnden\nals witzigen Tone über fremdes, besonders deutsches We-\nsen verleitet, wird man doch unangenehm davon berührt.\nAuch auf das Französische Ulibischeff's hat das russisch (und\ndeutsch) Denken Einfluss gehabt, wiewohl er die fremde\nSprache unendliche Mal besser schreibt als Lenz, der oft\ngeradezu unverständlich ist.\nDer Standpunkt, den Ulibischeff einnimmt, ist in zwei\nDingen begründet, in der Verwahrung gegen die Anschul-\ndigung, als wisse er Beethoven gar nicht zu schätzen, und\nin der Vertheidigung seiner Ansicht über die Werke aus\nder letzten Periode Beethoven's.\nDas Erste, was den würdigen musicalischen Vetera-\nnen, der auf seinem Gute Lukino bei Nischnei Nowgorod\nseit zehn Jahren auf den Lorbern ruhte, die ihm sein Mo-\nzart „der ihm zehn Lebensjahre und viel Geld gekostet\nhatte\" (S. IX.)—errungen, aus dieser Ruhe aufscheuchte,\nwaren die Anschuldigungen seines Landsmannes Lenz, den\ner übrigens nur lür einen Halbrussen erklärt und auf des-\nsen Deutschthum stichelt. Trotzdem wurden die Vorwürfe\ndesselben für ihn doch erst dann wichtig, als Lenz Wie-\nderhall in Deutschland fand. Er sagt im Vorwort (S. X.):\n„Nun wurde die Sache ernsthaft. Es war nicht mehr\ndie hohe Kritik [so hatte Berlioz das Buch von Lenz ge-\nnannt!], sondern die wahre [also die deutsche], welche\nmir musicalische Einsicht zuerkannte, aber mich beschul-\ndigte, Beethoven nicht zu verstehen und nicht zu lieben.\nD 1\nWTas sollte ich thun? Sollte ich öffentlich meine Bewunde-\nrung und Hochachtung lür Beethoven betheuern, für einen\nMann, dessen Charakter eben so gross war, wie sein Genie?\nSollte ich erzählen, dass ich seit meiner Kindheit mit Beet-\nhoven's Musik vertraut gewesen, dass ich von 1805 bis\n1812 in Deutschland mit aller Kraft einer Jünglingsseele\nund einer feurigen Organisation Beethoven's Werke, so wie\nsie nach und nach erschienen, gehört und bewundert habe?\nDass ich später in den Dilettantenkreisen zu St. Petersburg\nmeine besten kleinen Erfolge als Violinspieler den Trio's,\nQuartetten und Quintetten und dem Sextett von Beethoven\nverdankte? ja, dass ich im Hause des Grafen W., wo ich\nHerrn von Lenz traf, der damals sein Buch noch nicht\nherausgegeben, ihm selbst gesagt hatte: „ „Ich bete Beet-\nhoven an und versichere Ihnen, dass bei mir zu Hause in\nNischnei mehr Beethoven'sche Musik als irgend eine andere"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "98", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4429, "texte": "gespielt wird!\" * —lch sah ein, dass das alles zu nichts ge-\nführt haben würde, und dass ich anstatt eines Zeitungs-Arti-\nkels, den der Wind verweht, ein neues Buch schreiben müsse.\"\nEr erzählt uns dann, wie er nun die Beethoven-Lite-\nratur studirt habe und dabei zu der Ansicht gelangt sei,,\n„dass noch Vieles, vielleicht das Wesentlichste, über Beet-\nhoven zu sagen sei.\" So sei er zu dem Entschlüsse ge-\nkommen, über Beethoven und seine Ausleger zu schreiben.\nEr schliesst die Vorrede mit folgenden Zeilen:\n„Warum sollte ich nicht, wie alle Anderen, die ste-\nI\nhende Schiussformel gebrauchen, dass nur die Liebe zur\nWahrheit mir mein Buch dictirt hat, so wie früher dieselbe\nLiebe mir zehn Jahre meines Lebens und das Beste meiner\ngeistigen Kraft genommen hat, um die Geschichte des\nMannes zu schreiben, der in der Tonkunst die Wahrheit\nin ihrem ganzen Umfange und in ihrem ganzen Glänze ver-\ntritt? Heute, wie damals, haben mich dieselben Grundsätze\nzu denselben Schlüssen gelührt. Wenn ich mich nun ge-\nirrt habe, so wird der Leser wenigstens anerkennen, dass\nich aufrichtig, d. h. wahr in Bezug auf mich selbst gewe-\nsen bin. Wenn man so alt ist, wie ich (ein Sechsziger), in\nder Einsamkeit lebt, über alles hinweg ist, was Erforder-\nniss oder Convenienz einer Stellung erheischt, wenn man\nnicht nöthig hat, dem Ruhme und dem Vermögen nach-\nzulaufen, und leider nicht mehr rüstig genug ist, um ande-\nren Dingen nachzulaufen, was soll man denn da anders noch\nlieben und suchen, als Wahrheit!\"\nWer möchte so liebenswürdiger Gemüthlichkeit nicht\n■zustimmen ?\nEtwas Anderes ist es mit dem zweiten Standpunkte\ndes Verfassers, von welchem aus er seine Ansicht über die\nWerke der letzten Periode Beethoven's begründen will.\nHier müssen wir unsererseits sagen: „Jetzt wird die Sache\nernsthaft.\" Ulibischeff will in dieser Beziehung zwei Be-\nhauptungen durchführen. Erstens die Coexistenz der\nso genannten drei Stilarten Beethoven's (die sich im Grunde\nauf zwei reduciren) in den Werken aller Perioden. „Beet-\nhoven hat diese Stilarten in allen Epochen seines Künstler-\nlebens vermischt angewandt, nur nach und nach in mehr\nund mehr ungleichem Verhältnisse. War der Gedanke des\nWerkes von der Art, dass er ihn mit den gewöhnlichen\nKunstmitteln wiedergeben konnte, oder verlangte derselbe\nmehr oder weniger die Anwendung neuer Mittel dies\nbestimmte d.ss Vorherrschen dieser oder jener Stilart. Je\nmehr sittliche Grösse oder metaphysische Tiefe der Ge-\ndanke halte, desto mehr Raum und Wichtigkeit gewann\ndie dritte Schreibart.\"\nDiese Ansicht enthält viel Wahres. Nur reicht man\ndamit bei den letzten Werken auch nicht aus, in denen\nBeethoven mehr als jemals den Contrapunkt und die Fuge\nanwandte, welche doch keineswegs neue Kunstmittel ge-\nnannt werden können.\nDie zweite Behauptung ist, dass die Metamorphosen\ndes Beethoven'schen Stils weit weniger das Ergebniss der\nnatürlichen Entwicklung des Künstlers, als eine Folge\nder Verirrungen des Geistes des Menschen gewesen\nseien. „Wenn wir die Werke des grossen Meisters genau\ndurchgehen werden, so hoffe ich durch Noten-Beispiele zu\nbeweisen, dass die letzten Erzeugnisse Beethoven's das\nEnde eines mehr und mehr ungleichen Kam-\npfes der Wahrheit mit dem Irrthum bezeichnen,\nzwei Wörter, die hier in ihrer strengen und absoluten Be-\ndeutung zu nehmen sind. Der Irrlhum des grossen Künst-\nlers hat nie seines Gleichen gehabt, und noch nie scheint\ner mir auf genügende Weise erklärt worden zu sein. Da-\nher mein Wunsch und, warum sollte ich es nicht gestehen?\nmeine Hoffnung, durch dieses Buch einiges Licht auf einen\nso höchst interessanten Gegenstand zu werfen. Ich\nwerde meine Bemerkungen auf diejenige Gattung von Com-\npositionen beschränken, in denen man heutzutage Beetho-\nven als einen Künstler betrachtet, der Keinen über sich und\nKeinen neben sich hat, ich meine die Sinfonieen und die\nKammermusik (ür Ciavier und für Streich-Instrumente. Von\ndem Standpunkte meines Buches aus war es nicht nöthig,\nvon seiner Oper, seinen Messen und seinem Oratorium zu\nsprechen, weil diese Werke ihn nicht auf die erste Stufe\nder Opern- und Kirchenmusik-Componisten gestellt haben.\"\n(S. 107, 108.)\nAus dem Gesagten geht Ziel und Kern des Buches\nhinlänglich hervor, und schon dieses Wenige dürfte hinrei-\nchen, die Bedeutung desselben namentlich lür unsere Zeit\nins Licht zu stellen. Ob es hält, was es verspricht, das ist\neine andere Frage; an fesselndem Interesse aber fehlt es\nihm nirgends."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-03-28-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-03-28_01#c003", "volume": "bmtnabi_1857-03-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "98", "page_fin": "102", "image_debut": 2, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.2.3", "titre_corps": "Münchener Briefe.", "titre_sommaire": "Münchener Briefe.", "signature_source": "A. 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März 1857.\nIn der stillen Zeit veranstalteten die Herren Franz\nWüllner und Bernhard Scholz eine Matinee im Bi-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5258, "texte": "ber'schen Locale vor einer zahlreichen Versammlung gela-\ndener Zuhörer. Sie führten mehrere ihrer Compositionen\nvor. Zuerst ein Trio in D-dvon Wüllner; es gibt\nZeu gniss von einer schönen Begabung und von ernstem\nStreben; die Themata sind meistens frisch erfunden, z. B.\ngleich das erste; sie sind ferner vielfach interessant verar-\nbeitet und behandelt. Nur ist das Ganze zu breit angelegt,\nund dadurch entstehen Längen und eine gewisse Monoto-\nnie; Manche Motive und deren Behandlung erinnern an\nMendelssohn'sche Weise; das Trio enthält aber, wie ge-\n/\nsagt, des Guten viel, sehr viel, und kann durch einige\nentschiedene Kürzungen am . rechten Fleck bedeutend ge-\nwinnen. Die zweite Nummer waren Variationen über ein\nOriginal-Thema von B. Scholz in Ein Componist,\nder heutzutage wirkliche Variationen schreibt, d. h. musi-\ncalische Veränderungen des Thema's, nicht Potpourri-Ge-\nklingel, erweckt immer schon ein günstiges Vorurtheil bei\nKennern. Herr Scholz hat es sowohl durch die Erfindung\ndes Thema's als durch die Bearbeitung desselben auf be-\nfriedigende Weise gerechtfertigt. Die Variationen athmen\neinen einfachen, wir möchten sagen: classischen Geist, und\neben weil sie keine Ansprüche machen, sprechen sie sehr\nan. Nur die Einleitung ist zu lang und zu reflectirt; einige\nvorbereitende Accorde oder vielleicht am besten gar nichts\nwürde passender scheinen. Einige Lieder von Wüllner,\nwelche Fräul. Ageron sehr schön vortrug, sprachen all-\ngemein an, besonders das letzte: „Nicht mit Engeln im\nblauen Himmelszelt\". Zum Schlüsse kam ein Trio für Cia-\nvier, Violine und Violoncello in F-dur von Scholz, das mit\nallgemeinem Beifalle aufgenommen wurde und mit Recht.\nDas Publicum zeichnete besonders das neckische Intermezzo\nund das lebhaft anregende Finale aus. Die prägnante und\nconcise Form des Ganzen verdient Lob, da es heutzutage\nnur selten vorkommt dass das alte Wort: „Kurz und gut!\"\nsich in musicalischen Dingen bewährt. Abgesehen von die-\nser weisen Selbstbeschränkung des Componisten zeigt Er-\nfindung und Auslührung ein schönes Talent und ein sehr\nlobenswerthes Streben nach reinem Stil, der sich, fern von\naller modernen Coquetterie, den echten Mustern anschliesst.\nEin Concert des Herrn Dr. Härtinger war auch\nbereits in der stillen Saison angekündigt, musste aber bis\nnach dem Fasching verschoben werden. Ihr Referent war\nleider verhindert, dieses Concert zu besuchen, hörte aber\nden hier viel besprochenen Sänger in dem ersten Odeons-\nConcerte, wo er fast dieselben Stücke, wie in seinem eige-\nnen, vortrug. Das erste Abonnements-Concert begann mit\nder 6r-moZ/-Sinfonie von Mozart, welche unter Franz Lach-\nner's Leitung ganz ausgezeichnet schön gespielt wurde.\nDas Orchester executirte zugleich schwungvoll, feurig und\nfein. Darauf sang Herr Dr. Hartinger die grosse Arie aus\n„Joseph in Aegypten\" von Mehul. Ueber diesen Sänger,\nden Liebling des münchener Publicums, hatte sich lebhaf-\nter Zwist erhoben; die vorige Intendanz des königlichen\nTheaters, Dingelstedt, hatte sich mit ihm überworfen und\nseinen Rücktritt von der Bühne veranlasst. Das erzürnte\nPublicum mass damals alle Schuld der königlichen Inten-\ndanz bei; sogleich nach dem Wechsel derselben, als Gene-\nral von Frays wieder an die Spitze des Theaters trat, wur\nden tausend Stimmen laut: „Nun wird Härtinger sogleich\nwieder engagirt!\" Er annoncirte sein Concert, und dies\nbestärkte die öffentliche Meinung in ihrem Glauben. Unter-\nhandlungen wurden auch in Wirklichkeit zwischen der\nneuen Intendanz und dem Sänger angeknüpft, lührten aber\nzu keinem schnellen Resultate, der etwas starken Zumu-\nthungen von Seiten Härtinger's wegen. Ruhigere, einsichts-\nvolle Leute meinten, Härtinger's Stimme reiche durchaus\nnicht mehr aus, um grosse Partieen kräftig durchzuführen.\nDarüber erhob sich nun in der ganzen Stadt ein Zungen-\ngefecht; die Intendanz und Härtinger kamen sich dabei\nnicht näher, sondern schienen sich im Gegentheil immer\nweiter von einander zu entfernen. Dr. Härtinger Jiess sogar\neinige Inserate, welche in einer dunkelen Sprache abgefasst\nwaren, über seine Unterhandlungen mit der Intendanz in\nhiesige Blätter einrücken. Niemand wurde daraus klug:\nganz München war in Aufregung, als er endlich sein Con-\ncert gab. Seine Freunde hatten ihm dort einen fabelhaft\nstürmischen Empfang bereitet, und nun trat er im Abonne-\nments-Concerte zum zweiten Male auf. Wir hatten ihn in\nSalzburg gehört und waren nicht wenig begierig, ihn nun\nwieder zu hören. Er sang seine Arie theilweise recht schön,\naber er süsselte, und diese unartige Manier passt am aller-\nwenigsten zu der einfachen Musik Die Stimme\nschien uns nicht ausreichend zur Durchlührung anstrengen-\nder Rollen in einem so grossen Räume, wie das hiesige\nTheater. Das Publicum gerieth aber in einen wahren Pa-\nroxysmus vor Vergnügen und tobte ganz entsetzlich; wir\nhätten dem Sänger ja gern seinen verdienten Beifall ge-\ngönnt, aber diese Raserei über eine keineswegs eminente\nLeistung hatte für uns etwas Widerliches. Nun folgte\ndie Passacagiia für Orgel von J. S. Bach, li'ir Orchester\neingerichtet von Heinrich Esser. Die Instrumentirung ist\nsehr geschickt und effectvoll gemacht, und das Werk\nmachte Eindruck. Ob aber diese, ich möchte sagen: Trans-\nscriptionen Bach'scher Orgelwerke geeignet sind, das Pu-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5065, "texte": "blicum zum Verständnisse echt Bach'sehen Gei-\nstes zu bilden, dürfte mindestens zweifelhaft sein. Die\ngrössere Menge wird sich an den vielen hübschen Instru-\nmental-Wirkungen, die Esser geschickt anzubringen wusste,\nhalten und den eigentlichen Sinn, die gewaltige Wucht des\ngrossen Meisters viel weniger würdigen. Warum wählt\nman nicht lieber zur Aufführung Original-Compositionen,\nanm Beispiel Suiten Bach's für Orchester, oder auch\neinige seiner vielen herrlichen Clavier-Concerte, die wohl\nsicher durchschlagen dürften?\ndie Passacaglia ausserdem kannten, konnten sich auch an\ndieser Vorführung derselben erfreuen; denn Esser's Instru-\nmentirung war, wie gesagt, recht geschickt gemacht, und\ndas Werk selbst ist eben ein gewaltiges. Wie geschmack-\nlos war es von Herrn Härtinger, darauf „Ade, du lieber\nTannenwald\" von Esser und „Der Bauer und die Tauben\"\nvon Taubert, zwei Lieder, die an ihrem Orte und zu ihrer\nZeit recht schön und gut sind, zu singen! Dabei trug er\ndas erste einfach volksthümliche Liedchen mit einer Ueber-\nschwänglichkeit vor, dass wir uns an eine Säule klammern\nmussten, um nicht von der Erde ganz losgerissen zu wer-\nden. Es fehlte nicht viel, so hätte das ganze weibliche Pu-\nblicum darüber geweint, so rührend kam ihm der Gesang\nvor. Auch ruhte und rastete die Versammlung nicht eher\nmit ihrem Applaus, bis der Sänger noch die Tarantella aus\nden Soirees musicalesvon Rossini zum Besten gab. Er sang\nsie recht hübsch das ist wahr; manchmal klang es frei-\nlich mehr gesprochen als gesungen; die Stimme ist eben\nnicht mehr frisch. Würde sein Engagement dem Theater\nVortheil bringen? Wir glauben es kaum. Das Publicum\nist aber von einem wahren Schwindel ergriffen und wird\ndurch seine energischen Gunstbezeugungen die Intendanz\nvielleicht zum Engagement des Sängers zwingen. Die klei-\nnere Leonoren-Ouverture in C von Beethoven, hier als die\ndritte bezeichnet, obwohl sie unseres Wissens zuerst com-\nponirt ist, riss uns aus unseren Betrachtungen über das\nPublicum und seinen Beifall und söhnte uns einiger Maas-\nsen wieder mit dem eigenen Volke aus, auf das doch\nauch diese Musik ihren Zauber nicht verfehlte.\nDas zweite Odeons-Concert brachte die Schubert'sche\nC-dwr-Sinfonie. Von allen nach Beethoven geschriebenen\nSinfonieen verdiente wohl diese am meisten gespielt zu\nwerden. Das Werk leidet an Längen, an Wiederholungen,\ndas ist wahr: das Andante wird dadurch etwas monoton;\nder Mangel an Gliederung der einzelnen Theile und die\netwas gleichförmige Rhythmik derselben macht sich fühl-\nbar. Auf der anderen Seite bietet aber auch kein neues\nWerk eine solche Fülle von Originalität und Erfindung\nund dabei eine so blühende Instrumentirung, als gerade\ndiese Sinfonie. Der Vergleich mit Mendelssohn drängte\nsich uns auf. Seine Form ist allerdings fast immer rund,\naber in Beziehung auf Kraft und Reichlhum darf er mit\nSchubert, dessen Sinfonie er überdies Manches entlehnt\nhat, gar nicht in die Schranken treten. Die Aufführung der\nSinfonie war schön, nur hätten wir das Andante etwas ra-\nscher und das Wegbleiben mehrerer Repetitionen, z. B.\ndes zweiten Theiles des Scherzo's, wie auch des Trio's ge-\nwünscht. Das Ganze wäre dadurch um ein Gutes weniger\nlang erschienen. Die trotz mancher Mängel prächtige Sin-\nfonie schlug beim Publicum dieses Mal schon viel mehr\ndurch, als vor zwei Jahren, und wird gewiss bei der näch-\nsten Wiederholung immer mehr gefallen.— Dasselbe Con-\ncert brachte Lieder aus Faust vom Fürsten Radziwill,\nwelche uns nicht recht zusagen wollten; uns will bedün-\nken, der Componist habe über dem Ausmalen der Einzel-\nheiten die Einheit und den melodischen Fluss verabsäumt.\nFrau Diez verdient alles Lob für den Vortrag dieser Ge-\nsänge. Frau Horn, eine hiesige Clavierspielerin, trug\nAdagio und Rondo aus HummePs H-moll-Concert vor. Sie\ntrat mit ziemlicher Selbstgefälligkeit auf, uns gefiel ihr Spiel\nnicht besonders; ihr Ton war trocken und klein, ihr Vor-\ntrag ohne Energie, Rhythmus und Tact, so dass das Or-\nchester seine liebe Noth hatte, zu folgen. Die frische\nConcert-Ouverture in A-dur von Rietz bildete einen guten\nAbschluss. Diese Composition ist zwar entschieden Men-\ndelssohn'schen Geistes, aber sie theilt auch Mendelssohn's\nbrillante Seiten und ist jedenfalls eines der besten Werke\nder jüngeren Zeit.\nDie Quartett- und Trio-Soireen der Herren Lauter-\nbach und Wüllner verschafften uns bis jetzt zwei sehr\ngenussreiche Abende. In der ersten Soiree hörten wir das\nD-mo/Z-Quartett von Schubert, um dessen Vortrag sich\ndie Spieler das grösste Verdienst erwarben, die Sonate\nfür Violine und Ciavier in Op. 96, von Beethoven,\ndie wie lauter Sonnenschein belebte und erfreute, und zu-\nletzt ein reizendes Quartett von Haydn in Der Vortrag\nder Sonate durch die Herren Lauterbach und Wüllner war\nder schönen Composition vollkommen würdig; auch das\nHayd n'sche Quartett ging recht hübsch, bis im letzten\nSatze ein kleiner Unfall passirte, der jedoch noch gut ge-\nnug vertuscht wurde. Man konnte daraus die weise Lehre\nziehen, dass zum Quartettspiel nicht bloss Streichen, son-\ndern auch gutes Pausiren gehört."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5171, "texte": "Das Programm der zweiten Soiree war: Trio von Mo-\nzart in B-dur,welches sehr gefiel; Sonate für Violoncello\nund Ciavier in A-dur von Beethoven, welche die Herren\nMüller und Wüllner sehr schön spielten (nur das Scherzo\nhätten wir ruhiger gewünscht); Quartett von Cherubini in\nEs, welches einen wahren Enthusiasmus erregte, und mit\nRecht. Es darf als ein wahres Muster dieser Compositions-\nGattung aufgestellt werden; Tiefe der Erfindung geht mit\nder höchsten Form-Vollendung Hand in Hand; kein Nöt-\nchen ist zu viel und überall Reichthum des Gedankens.\nMit dieser zweiten Soiree collidirte ein Concert des\nHerrn Christian Seidel, der sich vorgenommen hat,\ndas münchener Publicum mit neueren, bedeutenden Com-\npositionen bekannt zu machen. Es wäre das ein vortreff-\nliches Unternehmen wenn es ordentlich angefasst würde.\nDa wir in der Lauterbach-Wüllner'schen Soiree waren, so\nkonnten wir uns nicht von der Leistungsfähigkeit des Herrn\nSeidel und seines Orchesters überzeugen. Sein Programm\naber entsprach weder seinen Versprechungen, noch unse-\nren Erwartungen. Er brachte allerdings neuere Composi-\ntionen, d. h. eine Ouvertüre von sich und eine von einem\nanderen hiesigen, recht talentvollen, jungen Componisten,\nHerrn Reinberger, ausserdem aber eine bunte Zusam-\nmenstellung von Namen, wie Donizetti, Servais u. s. w.\nWenn Herr Seidel in diesem Geiste fortfährt, so lässt sich\nseinem Unternehmen kein günstiges Prognostikon stellen.\nAm folgenden Sonntage, den 15. März, veranstaltete\nHerr Max Zenger eine Matinee im Saale des Museums,\nworin er Compositionen von sich im Fache der Kammer-\nmusik aufführen liess. Dieselben bekunden Talent und eine\nbereits recht gewandte Feder; manche Längen und manche\nHärten in der Modulation liessen sich wohl rügen, aber im\nAllgemeinen war das Streben nach Form-Abrundung, das\nVerschmähen aller barocken Pseudo-Originalität zu loben.\nDer junge Componist sollte sich wohl etwas mehr vor zu\ngreifbaren Reminiscenzen hüten. Wir rathen ihm, in seinem\nStreben nach Einfachheit zu beharren und fortzufahren;\nOriginalität muss von selbst kommen. Hoffen wir einstwei-\nlen von der Entwicklung dieses Talentes das Beste.\nWir hatten Gelegenheit, einer Aufführung des könig-\nlichen Conservatoriums für Musik beizuwohnen, welche\nzum Geburtstage des Directors dieses Instituts, Herrn Franz\nHauser, veranstaltet wurde. Wir freuten uns über einige\nschöne, bereits recht gut geschulte Stimmen; zwei noch\nganz junge Bursche spielten schon eine sehr brave Geige;\ndas Clavierspiel dagegen, für welches Fach doch gute Leh-\nrer da sind, war nur mangelhaft vertreten. Entschieden rü-\ngen müssen wir, dass in der Production eines Conserva-\ntoriums die CVs-moW-Sonate von Beethoven auf eine sehr\nunwürdige Weise geradbrecht wurde; kleine Mädchen, die\nnoch so wenig können, wie die Spielerei über diese Sonate,\nsollten noch gar nicht zum öffentlichen Auftreten zugelas-\nsen werden. Dagegen executirte der gesammte Chor und\ndas Streich-Orchester des Conservatoriums mit Orgel-Be-\ngleitung sehr brav die schwere Bach'sche Cantate „Christ\nlag in Todesbanden Wir freuten uns des in Anbetracht\nder grossen Jugend vieler Mitwirkenden sehr gut zu nen-\nnenden Ensembles und des frischen Klanges der Chorstim-\nmen. Schade, dass nicht öfter solche Werke öffentlich auf-\ngeführt werden!\nSollen wir nun Flöten-Ritter's gedenken, der mit sei-\nnem flammenlockigen Sohne von Strasse zu Strasse mit\nConcert-Billets hausiren ging? Wer kennt nicht Flöten-\nRitter? Flöten-Ritter: c'est tout dire! Anfangs hatte er\nein eigenes Concert angekündigt, in dem auch sein genial-\nhaariger Sohn selbstverfasste, begeisterte Dichtungen decla-\nmiren sollte. Zuletzt mussten sich die Inhaber der Ritter'-\nschen Concert-Billets damit begnügen, den Virtuosen im\nphilharmonischen Verein zu hören!\nEs bleibt uns nun noch übrig, einer Gattung Concerte\nund Vorträge zu erwähnen, welche sich noch aus der Ur-\nzeit Münchens, ehe Beethoven und Aehnliche dort gekannt\nwaren, erhalten haben. Man pflegt hier nämlich die Zither.\nZahllose Mägdelein kennen keinen höheren musicalischen\nGenuss, als eine Polka oder einen Walzer zu „zithern\".\nMan findet hier die Zither in fast allen Häusern, von der\nniederen Hütte bis in die Paläste der Grossen; Zitherklang\neinigt alle oberbaierischen Herzen, rührt zu Thränen, rührt\ndie Beine (abwechselnd versteht sich) was Wunder,\ndass die grosse Vorliebe für dieses ausgiebige Instrument\nauch Virtuosen auf demselben gebildet hat! Der grösste\naller aber ist der Hof-Zitherist Sr. K. Hoheit des Herzogs\nMax in Baiern. Dieser berühmte Zitherist führt den gewiss\nbezeichnenden Namen Petzmayr. In „Concerten\"\nträgt er Solo-Piecen vor, oder er wirkt mit bei Duos für\nZither und Guitarre, auf welchem Instrumente ein Herr\nFranz eben so excellirt, wie Herr Petzmayr auf der Zi-\nther. Als Curiosum sei Ihnen noch nachträglich mitgetheilt,\ndass voriges Jahr in Einem und demselben Concerte, in\ndem man Bach'sche Ciaviersachen spielte, Trios für zwei\nZithern und eine Guitarre über beliebte Opern-Motive vor-\ngetragen wurden!! —Bei Zitherklang lässt sich auch dann\nund wann ein Gebirgssänger oder, wie man hier sagt, ein\nNationalsänger hören, dessen Anstrengungen, Kopf-, Kehl-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 548, "texte": "und Brust-Töne mit einem eigentümlichen Glucksen zu\nverbinden, in unserem Lande sehr bewundert und gepriesen\nwerden. Man nennt das „Jodeln\". Andere Leute meinen,\ndas sei recht hübsch im Gebirge, wo es sich vortrefflich\nmache, und wohin es gehöre und passe, wie das Schreien\ndes Lämmergeiers, das Geläute der Herdeglocken und der\nKlang des Alphorns. Echte Oberbaiern dagegen behaupten:\nNein! das sei erst der rechte Kunstgenuss, Jodeln und ein\nZither-Vortrag des Herrn Petzmayr! So hat der Ge-\nschmack eines Jeden seine besondere Liebhaberei.\n\nA. Z."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-03-28-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-03-28_01#c004", "volume": "bmtnabi_1857-03-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "102", "page_fin": "104", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.2.4", "titre_corps": "Der Riedel’sche Verein in Leipzig.", "titre_sommaire": "Der Riedel’sche Verein in Leipzig.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.1.6", "debut_caractere": 550, "fin_caractere_exclue": 5074, "texte": "Der Riedel’sche Verein in Leipzig.\nIhre geschätzte Zeitschrift hat bereits früher mehrere\nMale über den genannten Verein Nachrichten gebracht\n(vgl. Nr. 28, Jahrg. IV., und Nr. 1, Jahrg. V.). In diesen\nvortrefflich geschriebenen Artikeln war die Entstehung, die\nRichtung und die Leistungen desselben mit der verdienten\nAnerkennung besprochen worden, und der Verfasser jener\nBerichte erschien durch eingehende Kritik und feines Ver-\nständniss als durchaus berechtigt und competent zur Be-\nurtheilung einer so eigentümlichen, von der Richtung un-\nseres heutigen Kunstlebens so verschiedenen Erscheinung,\nwie sie dieser Verein für altkirchliche Musik bietet. Um so\nmehr muss es befremden, dass Ihr Correspondent seine\nThätigkeit eingestellt zu haben scheint; denn seit der zu-\nletzt in diesen Blättern erwähnten Aufführung vom 20.\nSeptember vorigen Jahres sind bereits wieder zwei Con-\ncerte gegeben worden, deren Reichthum an interessanten\nund selten gehörten Tonwerken Ihrem früheren Bericht-\nerstatter sicherlich Stoff genug dargeboten hätte, um Ihre\nLeser mit den wiederholten Erfolgen des Riedel'schen Ver-\neins bekannt zu machen. Ohne aber dem Verfasser jener\nfrüheren Nachrichten für ein anderes Mal vorzugreifen, will\nich, um keine gar zu grosse Lücke in der Chronik des Ver-\neins entstehen zu lassen, über die beiden seitdem veran-\nstalteten Aufführungen kurz berichten.\nDie erste derselben fand am 30. November 1856 in\nder Paulinerkirche Statt und brachte zuerst von Tonwer-\nken aus der älteren römischen Schule das hochberühmte\nStabat maier von Palestrina lür Doppelchor und die vier-\nstimmige Motette 0 vos omnesvon Vittoria, dasselbe Werk,\ndas der Verein bereits in einem früheren Concerte zu Ge-\nhör brachte, dessen Wiederholung aber wegen seiner wun-\nderbaren Schönheit und ergreifenden Wirkung allgemein\nerwünscht war. Aus der jüngeren römischen Schule war\nein Salve regina von Bernabei (f 1690) gewählt, welches,\nvon einem Solo-Quartett vorgetragen, inmitten der grösse-\nren Chorwerke einen sehr wohlthuenden Eindruck machte.\nDie altdeutsche Kirchenmusik war im /weiten Theile des\nConcertes durch folgende Werke vertreten: „Jesus Chri-\nstus, unser Heiland\" von J. Steuerlein (f 1613) und „Zion\nklagt mit Angst und Schmerzen\" von Joh. Crüger (-{*\n1622), beides vierstimmige, rhythmische Choräle, die in\nihrer charakteristischen Bearbeitung den alten einfachen\nKernliedern einen ganz vollendeten musicalischen Ausdruck\ngeben. Das herrliche Weihnachtslied von Eccard: „0\nFreude über Freud'\", folgte hierauf, ein wahres Pracht-\nstück voll Klarheit, Glanz und Fülle, durch die Wechsel-\nund Gesammtwirkung zweier Chöre, eines für hohe, des\nandern ft'ir tiefe Stimmen. Nach diesem Werke sang Fräul.\nAuguste Koch ein geistliches Lied lür eine Singstimme\nmit Begleitung der Orgel: „Sei nur still\", von J. W.\nFranck*); die geschätzte Künstlerin brachte durch ihren\nschönen Vortrag die ganze tiefe Innigkeit dieses Liedes zur\nGeltung. Den Schluss des Concertes bildete der 24. Psalm,\nAdvent-Cantate für zwei Chöre von Arrey von\nDommer. Herr Riedel hatte bereits durch die Vorführung\nder Kirchen-Compositionen von Rob. Franz und\nPsalm 117) den Beweis gegeben, dass er nicht exclusive\nbei der Auswahl seiner Werke verfahren will, sondern dass\ner das Gute nimmt, wo er es findet. Freilich dürfte die\nGelegenheit nicht so oft in unseren Tagen geboten sein,\nein so vortreffliches Werk zum Studium und zur Einfüh-\nrung in die Oeffentlichkeit wählen zu können. Unter den\nwenigen namhaften Werken, welche in der jetzigen Zeit\nseit jenen genannten von Rob. Franz erschienen sind,\nnimmt diese Schöpfung eines jungen, in Leipzig lebenden\nComponisten eine bedeutende Stellung ein. Es ist dieser\nPsalm ein durchaus selbstständiges Werk, das ohne den\njetzt beinahe unvermeidlichen speciellen Einfluss Mendels-\nsohn's und Schumann's, als die Frucht ernster Studien von\nseltener Tiefe, die Schöpfung hoher Begeisterung eines ge-\nreiften Geistes aufgetreten ist. Sichere Herrschaft über die\nschwierigsten polyphonen Formen, grosse Klangschönheit\nneben Einheit und Kraft des Stils und eine wahrhaft künst-\nlerische Conception des ganzen Werkes verschafften dem-\nselben einen sichtlich allgemeinen und entschiedenen Erfolg.\n\n*) Herr Musik-Direclor Engel in Merseburg hat vor Kurzem\nbei Breitkopf & Härtel eine treffliche Auswahl von Franek's\ngeistlichen Liedern mit neuen Text-Bearbeitungen von W.\nOsterwald herausgegeben, welche ungetheilte Anerkennung\nverdient. Obiges Lied ist indessen der alten Original-Ausgabe\nvom Jahre 1687 entnommen."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5143, "texte": "Es wäre sowohl für das Werk, als auch namentlich für\ngrössere Institute wünschenswerth, dasselbe in weiteren\nKreisen zur Aufführung gebracht zu sehen. Es bedarf grös-\nserer Kräfte und grösserer Anstrengungen, lohnt aber\nsicherlich,, wie hier in Leipzig, alle Mühe, die man auf sein\nStudium wendet, reichlich durch den gewaltigen Eindruck,\nden es überall hinterlassen wird.\nDie Ausführung dieses schwierigen Werkes sowohl,\nals auch der früheren war vortrefflich ; eine ganz besonders\nwohlthuende Erscheinung ist der schwungvolle Vortrag,\nder alle Leistungen des Riedel'schen Vereins charakterisirt\nund den man wohl nächst der eigenen Liebe der Ausfüh-\nrenden zur Sache auch der VortrefTlichkeit und Beseiste-\nc?\nrung seines Dirigenten zu danken hat.\nGleich erfreuliche Resultate kann ich von dem letzten\nConcerte dieses strebsamen Vereins melden, welches am\n22. Februar d. J. Statt fand. Das Programm bestand dies-\nmal nur aus zwei Werken, von denen aber das eine durch\nSchönheit, Grösse und Seltenheit allein genügt hätte, das\nhöchste Interesse zu erregen. Es war dies das Stabat ma-\nter von Giov. Mar. Clari. Die Werke dieses bedeutendsten\nVertreters der bolognesischen Schule sind beinahe ganz in\nVergessenheit gerathen. Die Compositionen desselben Lie-\ndes von Astorga und Palestrina (von denen der Riedel'sche\nVerein das erstere schon früher zweimal aufgeführt hat)\nsind wenigstens dem Namen nach allgemein gekannt; um\nso mehr ist es erfreulich, dass Herr Riedel mit diesem\nStabat mater bereits das zweite Werk Clari's aus dem rei-\nchen Schatze des erstaunlich productiven Meisters der un-\nverdienten Vergessenheit entzogen hat. Schon früher war\nder 130. Psalm desselben, De profundis, aufgeführt wor-\nden, der eben so wie das Stabat mater mit Begleitung des\nStreich-Quartetts und der Orgel gesetzt ist. Beide Werke\nmachen grossen Eindruck durch einen ernsten und einfa-\nchen Stil, verbunden mit tiefer Innigkeit des Ausdrucks.\nNeben dem letzteren umfangreichen Werke, welches aus\n8 Arien, 5 Solo-Ensemblesätzen und 5 Chor-Nummern\nbesteht, die durch charaktervolle Abwechslung jede Mono-\ntonie glücklich vermeiden, wurde noch ein vierstimmiger\nrhythmischer Choral von Hans Leo Hassler (1608) aufge-\nführt, der durch seine schroffen und kühnen Harmonieen\nund seine lebendige Rhythmik dem hohen protestantischen\nStreitliede eine ganz eigentümliche Macht verleiht, welche\ndurch den lebendigen Vortrag, vornehmlich der zweiten\nStrophe, und den breiten, imposanten Schluss: „Dasßeich\nmuss uns doch bleiben\", bedeutsam hervorgehoben wurde.\nEs wurde bei der Vortrefflichkeit der gewählten Werke\nund ihrer durchaus tüchtigen Ausführung auch dieses Con-\ncert allgemein als ein hoher Genuss begrüsst, und die Fort-\nschritte, die das junge Institut in seinen Leistungen in so\nerfreulich sichtbarer Weise macht, verdienen auch die An-\nerkennung des leipziger Publicums, welche sich demselben\nin unverkennbarer Weise immer mehr zuwendet und hof-\nfentlich durch andauernde Betheiligung als active oder in-\nactive Mitglieder dem Vereine eine mehr als bloss zeitwei-\nlige Dauer, eine fest gesicherte Grundlage verleihen wird.\nDieser Erfolg ist ein öffentlicher Beweis der Anerken-\nnung für den Dirigenten des Vereins, den er durch seine\nunermüdliche Thätigkeit redlich verdient hat. In einer mu-\nsicalischen Zeitung möge aber auch noch auf die künstleri-\nsche Auswahl der Werke und auf die übersichtliche, meist\nhistorische Anordnung und musicalische Abrundung der\nProgramme aufmerksam gemacht werden. Die Auswahl der\nWerke geschieht grösstentheils aus den Originalquellen mit\ndem ursprünglichen Texte oder eigens dazu gefertigter\nUebersetzung, worüber schon in Ihrem vorigen Berichte\ngeschrieben ward. Die gewählten Werke selbst bedürfen\ndann freilich wieder im Einzelnen noch einer besonderen\nVorbereitung, indem bekanntlich in den meisten alten\nDrucken und Handschriften jede dynamische Vortrags-Be-\nzeichnung fehlt, auch die Text-Unterlage der Uebersetzung\nstets dem verschiedenen musicalischen Charakter der Werke\nangepasst werden muss, und nicht z. B. eine fertige Ueber-\nsetzung des Stabat mater zu allen verschiedenen Compo-\nsitionen passt, sondern bei jeder einzelnen zur Wieder-\ngabe im richtigen Geiste mehr oder minder umgearbeitet\nwerden muss. Auf den Programmen werden ferner aus-\nführliche Notizen über den Dichter und Componisten, über\nseine Zeit und den Charakter der vorzuführenden Werke\nbeigegeben, so dass dieselben den Laien und den Musiker\neigentlich erst recht befähigen, mit der nöthigen Vorberei-\ntung an diese Werke zu treten, ohne welche dieselben bei\nder grossen Verschiedenheit unserer heutigen Kunst dem\nallgemeinen Verständnisse ungleich schwerer zugänglich\nsein würden.\nZum Schlüsse dieses Berichtes will ich noch der Or-\nchester-Leistungen des Vereins gedenken. Es hat sich in\ndieser Beziehung ein grosser Fortschritt gegen die frühe-\nren Aufführungen herausgestellt. Das Orchester des Ver-\neins ist sowohl qualitativ als quantitativ durchaus befähigt,\ndie künstlerischen Aufgaben zu erfüllen, welche ihm nach\nder Tendenz des Vereins geboten werden. Die Bildung des\nOrchesters war in unseren hiesigen Verhältnissen mit un-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 509, "texte": "endlichen Schwierigkeiten verknüpft, die sich immer und\nimmer wieder erneuern, so dass keine geringe Widerstands-\nkraft und Energie dazu gehört, alle diese Hindernisse zu\nbesiegen. Der Gewinn eines eigenen Orchesters ist dem\nRiedel'schen Vereine glücklich gelungen, und in dem Maasse,\nals sich die Gesammt-Uebungen von Chor und Orchester\nvermehrt haben, hoben sich auch die Leistungen zu einem\nimmer höheren Grade von VortrefTlichkeit, wie wir es ganz\nbesonders von dieser letzten Aufführung rühmen können.\nii"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-03-28-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-03-28_01#c005", "volume": "bmtnabi_1857-03-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "104", "page_fin": "104", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.2.5", "titre_corps": "Zur Antwort.", "titre_sommaire": "Zur Antwort.", "signature_source": "L. 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Redactionen politischer Zeitungen auch hinsichtlich der\nBeiblätter vorsichtiger werden, darum Einsendungen, selbst von be-\nkannter Hand, früher durchlesen, bevor sie dieselben in die Drucke-\nrei schicken und sie daselbst lediglich der Besorgung der Factoren\nüberlassen. Dies ist gegenwärtig der bequeme Modus mit Beiblät-\ntern. Die augsburger Allg. Ztg. hat sich in einer ihrer letzten\nBeilagen des abgewichenen Jahres gleichfalls des Escudier'schen\nAusfalles im Journal de VEmpire erinnert, aber nicht ohne eine\ntreffende Anmerkung beizusetzen.\nDie Gelegenheit lässt mich hier sagen, dass die Gebrüder Escu-\ndier gleich nach Gründung ihrer France Musicale —um 1840\nbegonnen haben, deutsche Musik und deutsche Musiker herabzu-\nsetzen und zu verfolgen. In ihrem Kampfe mit der Schlesinger'schen\nMusikhandlung 1842 sprachen sie offen die Absicht aus, nicht eher\nruhen zu wollen, als bis sie sämmtliche deutsche i\\lusiker aus Paris\nvertrieben haben würden. Damit hat es freilich gute Wege; aber\ndie Gesinnungen dieser Herren gegen alles Deutsche sind doch bis\nheute dieselben geblieben. A. Schindler.\nNachschrift der Redaction. Nicht allein unser Correspon-\ndent B. P. in Paris, sondern auch wir selbst haben das Verfahren\njener Herren öfter ins gehörige Licht gesetzt, schon in der Rheini-\nschen Musik-Zeitung vom 3. Januar 1852. 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Fräul. Marie Seebach setzt ihr Gastspiel bei stets\nübertülltem Hause fort.\nFrau Clara Novello wird nach ihren Triumphen in Berlin\nund Hamburg heute hier erwartet, um am D i ns t a g den 31. d.\nMts. die Sopran-Partie im Messias zu singen.\nFerdinand Hiller hat sein grosses Oratorium „S a u 1\",\nText von Moriz Hartmann, ganz vollendet.\nIieipzig-. Fräul. Auguste Brenken ist am 18. d. Mts. als\nAmine in der Nachtwandlerin aufgetreten. Es war ein glänzendes\nDebüt. Als Concertsängerin hatte sie die Gewandbaus-Concerte in\ndiesem Winter geziert und sich dadurch und durch ihre Leistun-\ngen am Rheine, namentlich in den Gesellschafts-Concerten zu Köln,\nund in Westfalen bereits einen Namen gemacht. Da sie nun in\nihrer Antrittsrolle auch Spieltalent offenbarte, so kann man bei der\nherrlichen, vollen Sopranstimme und der guten Gesangs-Methode\ndiese Rolle nicht als ersten theatralischen Versuch bezeichnen,\nsondern man muss ihn bereits als eine vielversprechende künstle-\nrische Leistung betrachten. Dieses Urtheil sprach denn auch das\nPublicum durch den lebhaftesten Beifall wiederholt aus, und der\njungen Sängerin, die sich auch durch ein sehr anmuthiges Aeus-\nseres empfiehlt, wurde dreimaliger Hervorruf zu Theil.\nIn Hannover wurde am 4. d. Mts. die Oper „Jose Ri-\ncardo4* von A. Schäfer zum ersten Male gegeben, ein Potpourri\nvon tausend und einer Oper, jedoch von einem Theile des Publi-\ncums möglichst angestrengt applaudirt. Ein Orchester-Mitglied soll\nbei einer gewissen Stelle in der Probe geäussert haben: „Im Er-\nnani haben wir diese Stelle immer forte spielen müssen; soll sie\ndenn hier piano sein ?\"\nMünchen» Fräul. Hefner ist wieder bei dem Hoftheater\nengagirt und trat als Rosine in Rossini's Barbier mit grossem Bei-\nfalle auf.\n/ vr A\nBrüssel. Der junge Pianist Herr Louis Brassin findet\nhier, eben so wie in Antwerpen und Gent, ausserordentlichen Beifall.\n%"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "97", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nBeethoven, ses Critiques et ses Glossateurs. Par Alexandre Oulibicheff. I. Münchener Briefe (Matinee und Composi*\nlionen von Wüllner und Scholz. Der Tenor Dr. Härtinger. Odeons-Concerte. Kammermusik. Aufführung im Conservalorium). Von A. Z.\nDer Riedel'sche Verein in Leipzig. Von ff. Zur Antwort. Von A. Schindler. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln,\nGastspiel von Fräul. Marie Seebach. Clara Novello. „Saul\", Oratorium von F. Hiller. Leipzig Hannover München Brüssel).\n\nBeethoven, ses Critiques et ses Glossateurs.\nPar Alexandre Oulibicheff.\nI.\nDieses Werk, verlegt von F. A. Brockhaus in Leipzig\nund J. Gavelot in Paris, verdankt seine Entstehung dem\nBuche von W. von Lenz über Beethoven, welches wir\nnach mancherlei Lobhudeleien in französischen und deut-\n• »\nsehen Blättern im Jahrgang 1853, Nr. 16, 18 und 19,\ngehörig beleuchtet und auf seinen sehr geringen Werth\nzurückgeführt haben. Sonderbarer Kreislauf der Fata dieser\nLibelli! Lenz machte ein Buch aus Zorn darüber, dass der\ndurch und durch Mozart'sche Ulibischeff Beethoven ver-\nkannt, und Ulibischeff schreibt ein Buch, weil der soi-disant\nBeethoven'sche Lenz sein Urtheil über Beethoven entstellt\nhat! Das ist die Aehnlichkeit zwischen Beiden in den Mo-\ntiven : in den Sachen aber ist der Unterschied sehr gross.\nUlibischeff regt überall an und gibt zu denken, auch da,\nwo er sich irrt; Lenz aber schwatzt und macht uns im\nganzen Buche um keinen Gedanken reicher.\nUlibischeff ist in diesem neuen Werke noch derselbe,\nwie in seinem trefflichen Buche über Mozart, an Verstand\nund Phantasie, scharfsinnigen und geistreichen Apperfu's,\ninteressanter Darstellung. Doch ist er etwas älter und\netwas russischer geworden. Das Letztere darf man ihm\nfreilich nicht zum Vorwurf machen; aber wo es ihn zu\neinem vornehmen, absprechenden oder mehr spöttelnden\nals witzigen Tone über fremdes, besonders deutsches We-\nsen verleitet, wird man doch unangenehm davon berührt.\nAuch auf das Französische Ulibischeff's hat das russisch (und\ndeutsch) Denken Einfluss gehabt, wiewohl er die fremde\nSprache unendliche Mal besser schreibt als Lenz, der oft\ngeradezu unverständlich ist.\nDer Standpunkt, den Ulibischeff einnimmt, ist in zwei\nDingen begründet, in der Verwahrung gegen die Anschul-\ndigung, als wisse er Beethoven gar nicht zu schätzen, und\nin der Vertheidigung seiner Ansicht über die Werke aus\nder letzten Periode Beethoven's.\nDas Erste, was den würdigen musicalischen Vetera-\nnen, der auf seinem Gute Lukino bei Nischnei Nowgorod\nseit zehn Jahren auf den Lorbern ruhte, die ihm sein Mo-\nzart „der ihm zehn Lebensjahre und viel Geld gekostet\nhatte\" (S. IX.)—errungen, aus dieser Ruhe aufscheuchte,\nwaren die Anschuldigungen seines Landsmannes Lenz, den\ner übrigens nur lür einen Halbrussen erklärt und auf des-\nsen Deutschthum stichelt. Trotzdem wurden die Vorwürfe\ndesselben für ihn doch erst dann wichtig, als Lenz Wie-\nderhall in Deutschland fand. Er sagt im Vorwort (S. X.):\n„Nun wurde die Sache ernsthaft. Es war nicht mehr\ndie hohe Kritik [so hatte Berlioz das Buch von Lenz ge-\nnannt!], sondern die wahre [also die deutsche], welche\nmir musicalische Einsicht zuerkannte, aber mich beschul-\ndigte, Beethoven nicht zu verstehen und nicht zu lieben.\nD 1\nWTas sollte ich thun? Sollte ich öffentlich meine Bewunde-\nrung und Hochachtung lür Beethoven betheuern, für einen\nMann, dessen Charakter eben so gross war, wie sein Genie?\nSollte ich erzählen, dass ich seit meiner Kindheit mit Beet-\nhoven's Musik vertraut gewesen, dass ich von 1805 bis\n1812 in Deutschland mit aller Kraft einer Jünglingsseele\nund einer feurigen Organisation Beethoven's Werke, so wie\nsie nach und nach erschienen, gehört und bewundert habe?\nDass ich später in den Dilettantenkreisen zu St. Petersburg\nmeine besten kleinen Erfolge als Violinspieler den Trio's,\nQuartetten und Quintetten und dem Sextett von Beethoven\nverdankte? ja, dass ich im Hause des Grafen W., wo ich\nHerrn von Lenz traf, der damals sein Buch noch nicht\nherausgegeben, ihm selbst gesagt hatte: „ „Ich bete Beet-\nhoven an und versichere Ihnen, dass bei mir zu Hause in\nNischnei mehr Beethoven'sche Musik als irgend eine andere"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "98", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.1.2", "texte": "gespielt wird!\" * —lch sah ein, dass das alles zu nichts ge-\nführt haben würde, und dass ich anstatt eines Zeitungs-Arti-\nkels, den der Wind verweht, ein neues Buch schreiben müsse.\"\nEr erzählt uns dann, wie er nun die Beethoven-Lite-\nratur studirt habe und dabei zu der Ansicht gelangt sei,,\n„dass noch Vieles, vielleicht das Wesentlichste, über Beet-\nhoven zu sagen sei.\" So sei er zu dem Entschlüsse ge-\nkommen, über Beethoven und seine Ausleger zu schreiben.\nEr schliesst die Vorrede mit folgenden Zeilen:\n„Warum sollte ich nicht, wie alle Anderen, die ste-\nI\nhende Schiussformel gebrauchen, dass nur die Liebe zur\nWahrheit mir mein Buch dictirt hat, so wie früher dieselbe\nLiebe mir zehn Jahre meines Lebens und das Beste meiner\ngeistigen Kraft genommen hat, um die Geschichte des\nMannes zu schreiben, der in der Tonkunst die Wahrheit\nin ihrem ganzen Umfange und in ihrem ganzen Glänze ver-\ntritt? Heute, wie damals, haben mich dieselben Grundsätze\nzu denselben Schlüssen gelührt. Wenn ich mich nun ge-\nirrt habe, so wird der Leser wenigstens anerkennen, dass\nich aufrichtig, d. h. wahr in Bezug auf mich selbst gewe-\nsen bin. Wenn man so alt ist, wie ich (ein Sechsziger), in\nder Einsamkeit lebt, über alles hinweg ist, was Erforder-\nniss oder Convenienz einer Stellung erheischt, wenn man\nnicht nöthig hat, dem Ruhme und dem Vermögen nach-\nzulaufen, und leider nicht mehr rüstig genug ist, um ande-\nren Dingen nachzulaufen, was soll man denn da anders noch\nlieben und suchen, als Wahrheit!\"\nWer möchte so liebenswürdiger Gemüthlichkeit nicht\n■zustimmen ?\nEtwas Anderes ist es mit dem zweiten Standpunkte\ndes Verfassers, von welchem aus er seine Ansicht über die\nWerke der letzten Periode Beethoven's begründen will.\nHier müssen wir unsererseits sagen: „Jetzt wird die Sache\nernsthaft.\" Ulibischeff will in dieser Beziehung zwei Be-\nhauptungen durchführen. Erstens die Coexistenz der\nso genannten drei Stilarten Beethoven's (die sich im Grunde\nauf zwei reduciren) in den Werken aller Perioden. „Beet-\nhoven hat diese Stilarten in allen Epochen seines Künstler-\nlebens vermischt angewandt, nur nach und nach in mehr\nund mehr ungleichem Verhältnisse. War der Gedanke des\nWerkes von der Art, dass er ihn mit den gewöhnlichen\nKunstmitteln wiedergeben konnte, oder verlangte derselbe\nmehr oder weniger die Anwendung neuer Mittel dies\nbestimmte d.ss Vorherrschen dieser oder jener Stilart. Je\nmehr sittliche Grösse oder metaphysische Tiefe der Ge-\ndanke halte, desto mehr Raum und Wichtigkeit gewann\ndie dritte Schreibart.\"\nDiese Ansicht enthält viel Wahres. Nur reicht man\ndamit bei den letzten Werken auch nicht aus, in denen\nBeethoven mehr als jemals den Contrapunkt und die Fuge\nanwandte, welche doch keineswegs neue Kunstmittel ge-\nnannt werden können.\nDie zweite Behauptung ist, dass die Metamorphosen\ndes Beethoven'schen Stils weit weniger das Ergebniss der\nnatürlichen Entwicklung des Künstlers, als eine Folge\nder Verirrungen des Geistes des Menschen gewesen\nseien. „Wenn wir die Werke des grossen Meisters genau\ndurchgehen werden, so hoffe ich durch Noten-Beispiele zu\nbeweisen, dass die letzten Erzeugnisse Beethoven's das\nEnde eines mehr und mehr ungleichen Kam-\npfes der Wahrheit mit dem Irrthum bezeichnen,\nzwei Wörter, die hier in ihrer strengen und absoluten Be-\ndeutung zu nehmen sind. Der Irrlhum des grossen Künst-\nlers hat nie seines Gleichen gehabt, und noch nie scheint\ner mir auf genügende Weise erklärt worden zu sein. Da-\nher mein Wunsch und, warum sollte ich es nicht gestehen?\nmeine Hoffnung, durch dieses Buch einiges Licht auf einen\nso höchst interessanten Gegenstand zu werfen. Ich\nwerde meine Bemerkungen auf diejenige Gattung von Com-\npositionen beschränken, in denen man heutzutage Beetho-\nven als einen Künstler betrachtet, der Keinen über sich und\nKeinen neben sich hat, ich meine die Sinfonieen und die\nKammermusik (ür Ciavier und für Streich-Instrumente. Von\ndem Standpunkte meines Buches aus war es nicht nöthig,\nvon seiner Oper, seinen Messen und seinem Oratorium zu\nsprechen, weil diese Werke ihn nicht auf die erste Stufe\nder Opern- und Kirchenmusik-Componisten gestellt haben.\"\n(S. 107, 108.)\nAus dem Gesagten geht Ziel und Kern des Buches\nhinlänglich hervor, und schon dieses Wenige dürfte hinrei-\nchen, die Bedeutung desselben namentlich lür unsere Zeit\nins Licht zu stellen. Ob es hält, was es verspricht, das ist\neine andere Frage; an fesselndem Interesse aber fehlt es\nihm nirgends.\n\nMünchener Briefe.\n\n[Matinee und Compositionen von Wüllner und Scholz. Der\nTenor Dr. Härtinger. I. Odeons-Concert; Bachs Passacaglia für\nOrchester von Esser. 11. Concert; F. Schuber t's Sinfonie in C.\nSoireen für Kammermusik von Lauterb ach und Wüllner.\nConcerte und Compositionen von C. Seidel, Reinherger, M. Zenger.\nAufführung im Conservatorium. Flöten-Ritter. Nationale Musik.]\nDen 16. März 1857.\nIn der stillen Zeit veranstalteten die Herren Franz\nWüllner und Bernhard Scholz eine Matinee im Bi-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.1.3", "texte": "ber'schen Locale vor einer zahlreichen Versammlung gela-\ndener Zuhörer. Sie führten mehrere ihrer Compositionen\nvor. Zuerst ein Trio in D-dvon Wüllner; es gibt\nZeu gniss von einer schönen Begabung und von ernstem\nStreben; die Themata sind meistens frisch erfunden, z. B.\ngleich das erste; sie sind ferner vielfach interessant verar-\nbeitet und behandelt. Nur ist das Ganze zu breit angelegt,\nund dadurch entstehen Längen und eine gewisse Monoto-\nnie; Manche Motive und deren Behandlung erinnern an\nMendelssohn'sche Weise; das Trio enthält aber, wie ge-\n/\nsagt, des Guten viel, sehr viel, und kann durch einige\nentschiedene Kürzungen am . rechten Fleck bedeutend ge-\nwinnen. Die zweite Nummer waren Variationen über ein\nOriginal-Thema von B. Scholz in Ein Componist,\nder heutzutage wirkliche Variationen schreibt, d. h. musi-\ncalische Veränderungen des Thema's, nicht Potpourri-Ge-\nklingel, erweckt immer schon ein günstiges Vorurtheil bei\nKennern. Herr Scholz hat es sowohl durch die Erfindung\ndes Thema's als durch die Bearbeitung desselben auf be-\nfriedigende Weise gerechtfertigt. Die Variationen athmen\neinen einfachen, wir möchten sagen: classischen Geist, und\neben weil sie keine Ansprüche machen, sprechen sie sehr\nan. Nur die Einleitung ist zu lang und zu reflectirt; einige\nvorbereitende Accorde oder vielleicht am besten gar nichts\nwürde passender scheinen. Einige Lieder von Wüllner,\nwelche Fräul. Ageron sehr schön vortrug, sprachen all-\ngemein an, besonders das letzte: „Nicht mit Engeln im\nblauen Himmelszelt\". Zum Schlüsse kam ein Trio für Cia-\nvier, Violine und Violoncello in F-dur von Scholz, das mit\nallgemeinem Beifalle aufgenommen wurde und mit Recht.\nDas Publicum zeichnete besonders das neckische Intermezzo\nund das lebhaft anregende Finale aus. Die prägnante und\nconcise Form des Ganzen verdient Lob, da es heutzutage\nnur selten vorkommt dass das alte Wort: „Kurz und gut!\"\nsich in musicalischen Dingen bewährt. Abgesehen von die-\nser weisen Selbstbeschränkung des Componisten zeigt Er-\nfindung und Auslührung ein schönes Talent und ein sehr\nlobenswerthes Streben nach reinem Stil, der sich, fern von\naller modernen Coquetterie, den echten Mustern anschliesst.\nEin Concert des Herrn Dr. Härtinger war auch\nbereits in der stillen Saison angekündigt, musste aber bis\nnach dem Fasching verschoben werden. Ihr Referent war\nleider verhindert, dieses Concert zu besuchen, hörte aber\nden hier viel besprochenen Sänger in dem ersten Odeons-\nConcerte, wo er fast dieselben Stücke, wie in seinem eige-\nnen, vortrug. Das erste Abonnements-Concert begann mit\nder 6r-moZ/-Sinfonie von Mozart, welche unter Franz Lach-\nner's Leitung ganz ausgezeichnet schön gespielt wurde.\nDas Orchester executirte zugleich schwungvoll, feurig und\nfein. Darauf sang Herr Dr. Hartinger die grosse Arie aus\n„Joseph in Aegypten\" von Mehul. Ueber diesen Sänger,\nden Liebling des münchener Publicums, hatte sich lebhaf-\nter Zwist erhoben; die vorige Intendanz des königlichen\nTheaters, Dingelstedt, hatte sich mit ihm überworfen und\nseinen Rücktritt von der Bühne veranlasst. Das erzürnte\nPublicum mass damals alle Schuld der königlichen Inten-\ndanz bei; sogleich nach dem Wechsel derselben, als Gene-\nral von Frays wieder an die Spitze des Theaters trat, wur\nden tausend Stimmen laut: „Nun wird Härtinger sogleich\nwieder engagirt!\" Er annoncirte sein Concert, und dies\nbestärkte die öffentliche Meinung in ihrem Glauben. Unter-\nhandlungen wurden auch in Wirklichkeit zwischen der\nneuen Intendanz und dem Sänger angeknüpft, lührten aber\nzu keinem schnellen Resultate, der etwas starken Zumu-\nthungen von Seiten Härtinger's wegen. Ruhigere, einsichts-\nvolle Leute meinten, Härtinger's Stimme reiche durchaus\nnicht mehr aus, um grosse Partieen kräftig durchzuführen.\nDarüber erhob sich nun in der ganzen Stadt ein Zungen-\ngefecht; die Intendanz und Härtinger kamen sich dabei\nnicht näher, sondern schienen sich im Gegentheil immer\nweiter von einander zu entfernen. Dr. Härtinger Jiess sogar\neinige Inserate, welche in einer dunkelen Sprache abgefasst\nwaren, über seine Unterhandlungen mit der Intendanz in\nhiesige Blätter einrücken. Niemand wurde daraus klug:\nganz München war in Aufregung, als er endlich sein Con-\ncert gab. Seine Freunde hatten ihm dort einen fabelhaft\nstürmischen Empfang bereitet, und nun trat er im Abonne-\nments-Concerte zum zweiten Male auf. Wir hatten ihn in\nSalzburg gehört und waren nicht wenig begierig, ihn nun\nwieder zu hören. Er sang seine Arie theilweise recht schön,\naber er süsselte, und diese unartige Manier passt am aller-\nwenigsten zu der einfachen Musik Die Stimme\nschien uns nicht ausreichend zur Durchlührung anstrengen-\nder Rollen in einem so grossen Räume, wie das hiesige\nTheater. Das Publicum gerieth aber in einen wahren Pa-\nroxysmus vor Vergnügen und tobte ganz entsetzlich; wir\nhätten dem Sänger ja gern seinen verdienten Beifall ge-\ngönnt, aber diese Raserei über eine keineswegs eminente\nLeistung hatte für uns etwas Widerliches. Nun folgte\ndie Passacagiia für Orgel von J. S. Bach, li'ir Orchester\neingerichtet von Heinrich Esser. Die Instrumentirung ist\nsehr geschickt und effectvoll gemacht, und das Werk\nmachte Eindruck. Ob aber diese, ich möchte sagen: Trans-\nscriptionen Bach'scher Orgelwerke geeignet sind, das Pu-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.1.4", "texte": "blicum zum Verständnisse echt Bach'sehen Gei-\nstes zu bilden, dürfte mindestens zweifelhaft sein. Die\ngrössere Menge wird sich an den vielen hübschen Instru-\nmental-Wirkungen, die Esser geschickt anzubringen wusste,\nhalten und den eigentlichen Sinn, die gewaltige Wucht des\ngrossen Meisters viel weniger würdigen. Warum wählt\nman nicht lieber zur Aufführung Original-Compositionen,\nanm Beispiel Suiten Bach's für Orchester, oder auch\neinige seiner vielen herrlichen Clavier-Concerte, die wohl\nsicher durchschlagen dürften?\ndie Passacaglia ausserdem kannten, konnten sich auch an\ndieser Vorführung derselben erfreuen; denn Esser's Instru-\nmentirung war, wie gesagt, recht geschickt gemacht, und\ndas Werk selbst ist eben ein gewaltiges. Wie geschmack-\nlos war es von Herrn Härtinger, darauf „Ade, du lieber\nTannenwald\" von Esser und „Der Bauer und die Tauben\"\nvon Taubert, zwei Lieder, die an ihrem Orte und zu ihrer\nZeit recht schön und gut sind, zu singen! Dabei trug er\ndas erste einfach volksthümliche Liedchen mit einer Ueber-\nschwänglichkeit vor, dass wir uns an eine Säule klammern\nmussten, um nicht von der Erde ganz losgerissen zu wer-\nden. Es fehlte nicht viel, so hätte das ganze weibliche Pu-\nblicum darüber geweint, so rührend kam ihm der Gesang\nvor. Auch ruhte und rastete die Versammlung nicht eher\nmit ihrem Applaus, bis der Sänger noch die Tarantella aus\nden Soirees musicalesvon Rossini zum Besten gab. Er sang\nsie recht hübsch das ist wahr; manchmal klang es frei-\nlich mehr gesprochen als gesungen; die Stimme ist eben\nnicht mehr frisch. Würde sein Engagement dem Theater\nVortheil bringen? Wir glauben es kaum. Das Publicum\nist aber von einem wahren Schwindel ergriffen und wird\ndurch seine energischen Gunstbezeugungen die Intendanz\nvielleicht zum Engagement des Sängers zwingen. Die klei-\nnere Leonoren-Ouverture in C von Beethoven, hier als die\ndritte bezeichnet, obwohl sie unseres Wissens zuerst com-\nponirt ist, riss uns aus unseren Betrachtungen über das\nPublicum und seinen Beifall und söhnte uns einiger Maas-\nsen wieder mit dem eigenen Volke aus, auf das doch\nauch diese Musik ihren Zauber nicht verfehlte.\nDas zweite Odeons-Concert brachte die Schubert'sche\nC-dwr-Sinfonie. Von allen nach Beethoven geschriebenen\nSinfonieen verdiente wohl diese am meisten gespielt zu\nwerden. Das Werk leidet an Längen, an Wiederholungen,\ndas ist wahr: das Andante wird dadurch etwas monoton;\nder Mangel an Gliederung der einzelnen Theile und die\netwas gleichförmige Rhythmik derselben macht sich fühl-\nbar. Auf der anderen Seite bietet aber auch kein neues\nWerk eine solche Fülle von Originalität und Erfindung\nund dabei eine so blühende Instrumentirung, als gerade\ndiese Sinfonie. Der Vergleich mit Mendelssohn drängte\nsich uns auf. Seine Form ist allerdings fast immer rund,\naber in Beziehung auf Kraft und Reichlhum darf er mit\nSchubert, dessen Sinfonie er überdies Manches entlehnt\nhat, gar nicht in die Schranken treten. Die Aufführung der\nSinfonie war schön, nur hätten wir das Andante etwas ra-\nscher und das Wegbleiben mehrerer Repetitionen, z. B.\ndes zweiten Theiles des Scherzo's, wie auch des Trio's ge-\nwünscht. Das Ganze wäre dadurch um ein Gutes weniger\nlang erschienen. Die trotz mancher Mängel prächtige Sin-\nfonie schlug beim Publicum dieses Mal schon viel mehr\ndurch, als vor zwei Jahren, und wird gewiss bei der näch-\nsten Wiederholung immer mehr gefallen.— Dasselbe Con-\ncert brachte Lieder aus Faust vom Fürsten Radziwill,\nwelche uns nicht recht zusagen wollten; uns will bedün-\nken, der Componist habe über dem Ausmalen der Einzel-\nheiten die Einheit und den melodischen Fluss verabsäumt.\nFrau Diez verdient alles Lob für den Vortrag dieser Ge-\nsänge. Frau Horn, eine hiesige Clavierspielerin, trug\nAdagio und Rondo aus HummePs H-moll-Concert vor. Sie\ntrat mit ziemlicher Selbstgefälligkeit auf, uns gefiel ihr Spiel\nnicht besonders; ihr Ton war trocken und klein, ihr Vor-\ntrag ohne Energie, Rhythmus und Tact, so dass das Or-\nchester seine liebe Noth hatte, zu folgen. Die frische\nConcert-Ouverture in A-dur von Rietz bildete einen guten\nAbschluss. Diese Composition ist zwar entschieden Men-\ndelssohn'schen Geistes, aber sie theilt auch Mendelssohn's\nbrillante Seiten und ist jedenfalls eines der besten Werke\nder jüngeren Zeit.\nDie Quartett- und Trio-Soireen der Herren Lauter-\nbach und Wüllner verschafften uns bis jetzt zwei sehr\ngenussreiche Abende. In der ersten Soiree hörten wir das\nD-mo/Z-Quartett von Schubert, um dessen Vortrag sich\ndie Spieler das grösste Verdienst erwarben, die Sonate\nfür Violine und Ciavier in Op. 96, von Beethoven,\ndie wie lauter Sonnenschein belebte und erfreute, und zu-\nletzt ein reizendes Quartett von Haydn in Der Vortrag\nder Sonate durch die Herren Lauterbach und Wüllner war\nder schönen Composition vollkommen würdig; auch das\nHayd n'sche Quartett ging recht hübsch, bis im letzten\nSatze ein kleiner Unfall passirte, der jedoch noch gut ge-\nnug vertuscht wurde. Man konnte daraus die weise Lehre\nziehen, dass zum Quartettspiel nicht bloss Streichen, son-\ndern auch gutes Pausiren gehört."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.1.5", "texte": "Das Programm der zweiten Soiree war: Trio von Mo-\nzart in B-dur,welches sehr gefiel; Sonate für Violoncello\nund Ciavier in A-dur von Beethoven, welche die Herren\nMüller und Wüllner sehr schön spielten (nur das Scherzo\nhätten wir ruhiger gewünscht); Quartett von Cherubini in\nEs, welches einen wahren Enthusiasmus erregte, und mit\nRecht. Es darf als ein wahres Muster dieser Compositions-\nGattung aufgestellt werden; Tiefe der Erfindung geht mit\nder höchsten Form-Vollendung Hand in Hand; kein Nöt-\nchen ist zu viel und überall Reichthum des Gedankens.\nMit dieser zweiten Soiree collidirte ein Concert des\nHerrn Christian Seidel, der sich vorgenommen hat,\ndas münchener Publicum mit neueren, bedeutenden Com-\npositionen bekannt zu machen. Es wäre das ein vortreff-\nliches Unternehmen wenn es ordentlich angefasst würde.\nDa wir in der Lauterbach-Wüllner'schen Soiree waren, so\nkonnten wir uns nicht von der Leistungsfähigkeit des Herrn\nSeidel und seines Orchesters überzeugen. Sein Programm\naber entsprach weder seinen Versprechungen, noch unse-\nren Erwartungen. Er brachte allerdings neuere Composi-\ntionen, d. h. eine Ouvertüre von sich und eine von einem\nanderen hiesigen, recht talentvollen, jungen Componisten,\nHerrn Reinberger, ausserdem aber eine bunte Zusam-\nmenstellung von Namen, wie Donizetti, Servais u. s. w.\nWenn Herr Seidel in diesem Geiste fortfährt, so lässt sich\nseinem Unternehmen kein günstiges Prognostikon stellen.\nAm folgenden Sonntage, den 15. März, veranstaltete\nHerr Max Zenger eine Matinee im Saale des Museums,\nworin er Compositionen von sich im Fache der Kammer-\nmusik aufführen liess. Dieselben bekunden Talent und eine\nbereits recht gewandte Feder; manche Längen und manche\nHärten in der Modulation liessen sich wohl rügen, aber im\nAllgemeinen war das Streben nach Form-Abrundung, das\nVerschmähen aller barocken Pseudo-Originalität zu loben.\nDer junge Componist sollte sich wohl etwas mehr vor zu\ngreifbaren Reminiscenzen hüten. Wir rathen ihm, in seinem\nStreben nach Einfachheit zu beharren und fortzufahren;\nOriginalität muss von selbst kommen. Hoffen wir einstwei-\nlen von der Entwicklung dieses Talentes das Beste.\nWir hatten Gelegenheit, einer Aufführung des könig-\nlichen Conservatoriums für Musik beizuwohnen, welche\nzum Geburtstage des Directors dieses Instituts, Herrn Franz\nHauser, veranstaltet wurde. Wir freuten uns über einige\nschöne, bereits recht gut geschulte Stimmen; zwei noch\nganz junge Bursche spielten schon eine sehr brave Geige;\ndas Clavierspiel dagegen, für welches Fach doch gute Leh-\nrer da sind, war nur mangelhaft vertreten. Entschieden rü-\ngen müssen wir, dass in der Production eines Conserva-\ntoriums die CVs-moW-Sonate von Beethoven auf eine sehr\nunwürdige Weise geradbrecht wurde; kleine Mädchen, die\nnoch so wenig können, wie die Spielerei über diese Sonate,\nsollten noch gar nicht zum öffentlichen Auftreten zugelas-\nsen werden. Dagegen executirte der gesammte Chor und\ndas Streich-Orchester des Conservatoriums mit Orgel-Be-\ngleitung sehr brav die schwere Bach'sche Cantate „Christ\nlag in Todesbanden Wir freuten uns des in Anbetracht\nder grossen Jugend vieler Mitwirkenden sehr gut zu nen-\nnenden Ensembles und des frischen Klanges der Chorstim-\nmen. Schade, dass nicht öfter solche Werke öffentlich auf-\ngeführt werden!\nSollen wir nun Flöten-Ritter's gedenken, der mit sei-\nnem flammenlockigen Sohne von Strasse zu Strasse mit\nConcert-Billets hausiren ging? Wer kennt nicht Flöten-\nRitter? Flöten-Ritter: c'est tout dire! Anfangs hatte er\nein eigenes Concert angekündigt, in dem auch sein genial-\nhaariger Sohn selbstverfasste, begeisterte Dichtungen decla-\nmiren sollte. Zuletzt mussten sich die Inhaber der Ritter'-\nschen Concert-Billets damit begnügen, den Virtuosen im\nphilharmonischen Verein zu hören!\nEs bleibt uns nun noch übrig, einer Gattung Concerte\nund Vorträge zu erwähnen, welche sich noch aus der Ur-\nzeit Münchens, ehe Beethoven und Aehnliche dort gekannt\nwaren, erhalten haben. Man pflegt hier nämlich die Zither.\nZahllose Mägdelein kennen keinen höheren musicalischen\nGenuss, als eine Polka oder einen Walzer zu „zithern\".\nMan findet hier die Zither in fast allen Häusern, von der\nniederen Hütte bis in die Paläste der Grossen; Zitherklang\neinigt alle oberbaierischen Herzen, rührt zu Thränen, rührt\ndie Beine (abwechselnd versteht sich) was Wunder,\ndass die grosse Vorliebe für dieses ausgiebige Instrument\nauch Virtuosen auf demselben gebildet hat! Der grösste\naller aber ist der Hof-Zitherist Sr. K. Hoheit des Herzogs\nMax in Baiern. Dieser berühmte Zitherist führt den gewiss\nbezeichnenden Namen Petzmayr. In „Concerten\"\nträgt er Solo-Piecen vor, oder er wirkt mit bei Duos für\nZither und Guitarre, auf welchem Instrumente ein Herr\nFranz eben so excellirt, wie Herr Petzmayr auf der Zi-\nther. Als Curiosum sei Ihnen noch nachträglich mitgetheilt,\ndass voriges Jahr in Einem und demselben Concerte, in\ndem man Bach'sche Ciaviersachen spielte, Trios für zwei\nZithern und eine Guitarre über beliebte Opern-Motive vor-\ngetragen wurden!! —Bei Zitherklang lässt sich auch dann\nund wann ein Gebirgssänger oder, wie man hier sagt, ein\nNationalsänger hören, dessen Anstrengungen, Kopf-, Kehl-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.1.6", "texte": "und Brust-Töne mit einem eigentümlichen Glucksen zu\nverbinden, in unserem Lande sehr bewundert und gepriesen\nwerden. Man nennt das „Jodeln\". Andere Leute meinen,\ndas sei recht hübsch im Gebirge, wo es sich vortrefflich\nmache, und wohin es gehöre und passe, wie das Schreien\ndes Lämmergeiers, das Geläute der Herdeglocken und der\nKlang des Alphorns. Echte Oberbaiern dagegen behaupten:\nNein! das sei erst der rechte Kunstgenuss, Jodeln und ein\nZither-Vortrag des Herrn Petzmayr! So hat der Ge-\nschmack eines Jeden seine besondere Liebhaberei.\n\nA. Z.\n\nDer Riedel’sche Verein in Leipzig.\nIhre geschätzte Zeitschrift hat bereits früher mehrere\nMale über den genannten Verein Nachrichten gebracht\n(vgl. Nr. 28, Jahrg. IV., und Nr. 1, Jahrg. V.). In diesen\nvortrefflich geschriebenen Artikeln war die Entstehung, die\nRichtung und die Leistungen desselben mit der verdienten\nAnerkennung besprochen worden, und der Verfasser jener\nBerichte erschien durch eingehende Kritik und feines Ver-\nständniss als durchaus berechtigt und competent zur Be-\nurtheilung einer so eigentümlichen, von der Richtung un-\nseres heutigen Kunstlebens so verschiedenen Erscheinung,\nwie sie dieser Verein für altkirchliche Musik bietet. Um so\nmehr muss es befremden, dass Ihr Correspondent seine\nThätigkeit eingestellt zu haben scheint; denn seit der zu-\nletzt in diesen Blättern erwähnten Aufführung vom 20.\nSeptember vorigen Jahres sind bereits wieder zwei Con-\ncerte gegeben worden, deren Reichthum an interessanten\nund selten gehörten Tonwerken Ihrem früheren Bericht-\nerstatter sicherlich Stoff genug dargeboten hätte, um Ihre\nLeser mit den wiederholten Erfolgen des Riedel'schen Ver-\neins bekannt zu machen. Ohne aber dem Verfasser jener\nfrüheren Nachrichten für ein anderes Mal vorzugreifen, will\nich, um keine gar zu grosse Lücke in der Chronik des Ver-\neins entstehen zu lassen, über die beiden seitdem veran-\nstalteten Aufführungen kurz berichten.\nDie erste derselben fand am 30. November 1856 in\nder Paulinerkirche Statt und brachte zuerst von Tonwer-\nken aus der älteren römischen Schule das hochberühmte\nStabat maier von Palestrina lür Doppelchor und die vier-\nstimmige Motette 0 vos omnesvon Vittoria, dasselbe Werk,\ndas der Verein bereits in einem früheren Concerte zu Ge-\nhör brachte, dessen Wiederholung aber wegen seiner wun-\nderbaren Schönheit und ergreifenden Wirkung allgemein\nerwünscht war. Aus der jüngeren römischen Schule war\nein Salve regina von Bernabei (f 1690) gewählt, welches,\nvon einem Solo-Quartett vorgetragen, inmitten der grösse-\nren Chorwerke einen sehr wohlthuenden Eindruck machte.\nDie altdeutsche Kirchenmusik war im /weiten Theile des\nConcertes durch folgende Werke vertreten: „Jesus Chri-\nstus, unser Heiland\" von J. Steuerlein (f 1613) und „Zion\nklagt mit Angst und Schmerzen\" von Joh. Crüger (-{*\n1622), beides vierstimmige, rhythmische Choräle, die in\nihrer charakteristischen Bearbeitung den alten einfachen\nKernliedern einen ganz vollendeten musicalischen Ausdruck\ngeben. Das herrliche Weihnachtslied von Eccard: „0\nFreude über Freud'\", folgte hierauf, ein wahres Pracht-\nstück voll Klarheit, Glanz und Fülle, durch die Wechsel-\nund Gesammtwirkung zweier Chöre, eines für hohe, des\nandern ft'ir tiefe Stimmen. Nach diesem Werke sang Fräul.\nAuguste Koch ein geistliches Lied lür eine Singstimme\nmit Begleitung der Orgel: „Sei nur still\", von J. W.\nFranck*); die geschätzte Künstlerin brachte durch ihren\nschönen Vortrag die ganze tiefe Innigkeit dieses Liedes zur\nGeltung. Den Schluss des Concertes bildete der 24. Psalm,\nAdvent-Cantate für zwei Chöre von Arrey von\nDommer. Herr Riedel hatte bereits durch die Vorführung\nder Kirchen-Compositionen von Rob. Franz und\nPsalm 117) den Beweis gegeben, dass er nicht exclusive\nbei der Auswahl seiner Werke verfahren will, sondern dass\ner das Gute nimmt, wo er es findet. Freilich dürfte die\nGelegenheit nicht so oft in unseren Tagen geboten sein,\nein so vortreffliches Werk zum Studium und zur Einfüh-\nrung in die Oeffentlichkeit wählen zu können. Unter den\nwenigen namhaften Werken, welche in der jetzigen Zeit\nseit jenen genannten von Rob. Franz erschienen sind,\nnimmt diese Schöpfung eines jungen, in Leipzig lebenden\nComponisten eine bedeutende Stellung ein. Es ist dieser\nPsalm ein durchaus selbstständiges Werk, das ohne den\njetzt beinahe unvermeidlichen speciellen Einfluss Mendels-\nsohn's und Schumann's, als die Frucht ernster Studien von\nseltener Tiefe, die Schöpfung hoher Begeisterung eines ge-\nreiften Geistes aufgetreten ist. Sichere Herrschaft über die\nschwierigsten polyphonen Formen, grosse Klangschönheit\nneben Einheit und Kraft des Stils und eine wahrhaft künst-\nlerische Conception des ganzen Werkes verschafften dem-\nselben einen sichtlich allgemeinen und entschiedenen Erfolg.\n\n*) Herr Musik-Direclor Engel in Merseburg hat vor Kurzem\nbei Breitkopf & Härtel eine treffliche Auswahl von Franek's\ngeistlichen Liedern mit neuen Text-Bearbeitungen von W.\nOsterwald herausgegeben, welche ungetheilte Anerkennung\nverdient. Obiges Lied ist indessen der alten Original-Ausgabe\nvom Jahre 1687 entnommen."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.1.7", "texte": "Es wäre sowohl für das Werk, als auch namentlich für\ngrössere Institute wünschenswerth, dasselbe in weiteren\nKreisen zur Aufführung gebracht zu sehen. Es bedarf grös-\nserer Kräfte und grösserer Anstrengungen, lohnt aber\nsicherlich,, wie hier in Leipzig, alle Mühe, die man auf sein\nStudium wendet, reichlich durch den gewaltigen Eindruck,\nden es überall hinterlassen wird.\nDie Ausführung dieses schwierigen Werkes sowohl,\nals auch der früheren war vortrefflich ; eine ganz besonders\nwohlthuende Erscheinung ist der schwungvolle Vortrag,\nder alle Leistungen des Riedel'schen Vereins charakterisirt\nund den man wohl nächst der eigenen Liebe der Ausfüh-\nrenden zur Sache auch der VortrefTlichkeit und Beseiste-\nc?\nrung seines Dirigenten zu danken hat.\nGleich erfreuliche Resultate kann ich von dem letzten\nConcerte dieses strebsamen Vereins melden, welches am\n22. Februar d. J. Statt fand. Das Programm bestand dies-\nmal nur aus zwei Werken, von denen aber das eine durch\nSchönheit, Grösse und Seltenheit allein genügt hätte, das\nhöchste Interesse zu erregen. Es war dies das Stabat ma-\nter von Giov. Mar. Clari. Die Werke dieses bedeutendsten\nVertreters der bolognesischen Schule sind beinahe ganz in\nVergessenheit gerathen. Die Compositionen desselben Lie-\ndes von Astorga und Palestrina (von denen der Riedel'sche\nVerein das erstere schon früher zweimal aufgeführt hat)\nsind wenigstens dem Namen nach allgemein gekannt; um\nso mehr ist es erfreulich, dass Herr Riedel mit diesem\nStabat mater bereits das zweite Werk Clari's aus dem rei-\nchen Schatze des erstaunlich productiven Meisters der un-\nverdienten Vergessenheit entzogen hat. Schon früher war\nder 130. Psalm desselben, De profundis, aufgeführt wor-\nden, der eben so wie das Stabat mater mit Begleitung des\nStreich-Quartetts und der Orgel gesetzt ist. Beide Werke\nmachen grossen Eindruck durch einen ernsten und einfa-\nchen Stil, verbunden mit tiefer Innigkeit des Ausdrucks.\nNeben dem letzteren umfangreichen Werke, welches aus\n8 Arien, 5 Solo-Ensemblesätzen und 5 Chor-Nummern\nbesteht, die durch charaktervolle Abwechslung jede Mono-\ntonie glücklich vermeiden, wurde noch ein vierstimmiger\nrhythmischer Choral von Hans Leo Hassler (1608) aufge-\nführt, der durch seine schroffen und kühnen Harmonieen\nund seine lebendige Rhythmik dem hohen protestantischen\nStreitliede eine ganz eigentümliche Macht verleiht, welche\ndurch den lebendigen Vortrag, vornehmlich der zweiten\nStrophe, und den breiten, imposanten Schluss: „Dasßeich\nmuss uns doch bleiben\", bedeutsam hervorgehoben wurde.\nEs wurde bei der Vortrefflichkeit der gewählten Werke\nund ihrer durchaus tüchtigen Ausführung auch dieses Con-\ncert allgemein als ein hoher Genuss begrüsst, und die Fort-\nschritte, die das junge Institut in seinen Leistungen in so\nerfreulich sichtbarer Weise macht, verdienen auch die An-\nerkennung des leipziger Publicums, welche sich demselben\nin unverkennbarer Weise immer mehr zuwendet und hof-\nfentlich durch andauernde Betheiligung als active oder in-\nactive Mitglieder dem Vereine eine mehr als bloss zeitwei-\nlige Dauer, eine fest gesicherte Grundlage verleihen wird.\nDieser Erfolg ist ein öffentlicher Beweis der Anerken-\nnung für den Dirigenten des Vereins, den er durch seine\nunermüdliche Thätigkeit redlich verdient hat. In einer mu-\nsicalischen Zeitung möge aber auch noch auf die künstleri-\nsche Auswahl der Werke und auf die übersichtliche, meist\nhistorische Anordnung und musicalische Abrundung der\nProgramme aufmerksam gemacht werden. Die Auswahl der\nWerke geschieht grösstentheils aus den Originalquellen mit\ndem ursprünglichen Texte oder eigens dazu gefertigter\nUebersetzung, worüber schon in Ihrem vorigen Berichte\ngeschrieben ward. Die gewählten Werke selbst bedürfen\ndann freilich wieder im Einzelnen noch einer besonderen\nVorbereitung, indem bekanntlich in den meisten alten\nDrucken und Handschriften jede dynamische Vortrags-Be-\nzeichnung fehlt, auch die Text-Unterlage der Uebersetzung\nstets dem verschiedenen musicalischen Charakter der Werke\nangepasst werden muss, und nicht z. B. eine fertige Ueber-\nsetzung des Stabat mater zu allen verschiedenen Compo-\nsitionen passt, sondern bei jeder einzelnen zur Wieder-\ngabe im richtigen Geiste mehr oder minder umgearbeitet\nwerden muss. Auf den Programmen werden ferner aus-\nführliche Notizen über den Dichter und Componisten, über\nseine Zeit und den Charakter der vorzuführenden Werke\nbeigegeben, so dass dieselben den Laien und den Musiker\neigentlich erst recht befähigen, mit der nöthigen Vorberei-\ntung an diese Werke zu treten, ohne welche dieselben bei\nder grossen Verschiedenheit unserer heutigen Kunst dem\nallgemeinen Verständnisse ungleich schwerer zugänglich\nsein würden.\nZum Schlüsse dieses Berichtes will ich noch der Or-\nchester-Leistungen des Vereins gedenken. Es hat sich in\ndieser Beziehung ein grosser Fortschritt gegen die frühe-\nren Aufführungen herausgestellt. Das Orchester des Ver-\neins ist sowohl qualitativ als quantitativ durchaus befähigt,\ndie künstlerischen Aufgaben zu erfüllen, welche ihm nach\nder Tendenz des Vereins geboten werden. Die Bildung des\nOrchesters war in unseren hiesigen Verhältnissen mit un-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570328-01.1.8", "texte": "endlichen Schwierigkeiten verknüpft, die sich immer und\nimmer wieder erneuern, so dass keine geringe Widerstands-\nkraft und Energie dazu gehört, alle diese Hindernisse zu\nbesiegen. Der Gewinn eines eigenen Orchesters ist dem\nRiedel'schen Vereine glücklich gelungen, und in dem Maasse,\nals sich die Gesammt-Uebungen von Chor und Orchester\nvermehrt haben, hoben sich auch die Leistungen zu einem\nimmer höheren Grade von VortrefTlichkeit, wie wir es ganz\nbesonders von dieser letzten Aufführung rühmen können.\nii\n\nZur Antwort.\nL. B.\nDie Redaction dieses Blattes fragt beigehend in Nr. 11, S. 84,\nwelche deutsche Blätter den Escudier'schen Schimpf auf die deut-\nsche Nation—von mir in dem Aufsatze über Franz Schubert wört-\nlich angeführt ohne Anmerkung weiter verbreitet haben. Badi-\nsche Blätter waren es, in denen ich 1855 jenen Ausfall, in einer\nArt von Novelle verflochten, selber gelesen. Aus Rücksicht für die\nbetreffende Redaction werde der Name nicht genannt. Wird in\nDeutschland einstens, wie dermalen in Frankreich, die Verfügung\ngetroffen, dass jeder Aufsatz unterzeichnet sein muss, dann werden\ndie resp. Redactionen politischer Zeitungen auch hinsichtlich der\nBeiblätter vorsichtiger werden, darum Einsendungen, selbst von be-\nkannter Hand, früher durchlesen, bevor sie dieselben in die Drucke-\nrei schicken und sie daselbst lediglich der Besorgung der Factoren\nüberlassen. Dies ist gegenwärtig der bequeme Modus mit Beiblät-\ntern. Die augsburger Allg. Ztg. hat sich in einer ihrer letzten\nBeilagen des abgewichenen Jahres gleichfalls des Escudier'schen\nAusfalles im Journal de VEmpire erinnert, aber nicht ohne eine\ntreffende Anmerkung beizusetzen.\nDie Gelegenheit lässt mich hier sagen, dass die Gebrüder Escu-\ndier gleich nach Gründung ihrer France Musicale —um 1840\nbegonnen haben, deutsche Musik und deutsche Musiker herabzu-\nsetzen und zu verfolgen. In ihrem Kampfe mit der Schlesinger'schen\nMusikhandlung 1842 sprachen sie offen die Absicht aus, nicht eher\nruhen zu wollen, als bis sie sämmtliche deutsche i\\lusiker aus Paris\nvertrieben haben würden. Damit hat es freilich gute Wege; aber\ndie Gesinnungen dieser Herren gegen alles Deutsche sind doch bis\nheute dieselben geblieben. A. Schindler.\nNachschrift der Redaction. Nicht allein unser Correspon-\ndent B. P. in Paris, sondern auch wir selbst haben das Verfahren\njener Herren öfter ins gehörige Licht gesetzt, schon in der Rheini-\nschen Musik-Zeitung vom 3. Januar 1852. Siehe daselbst den Auf-\nSatz: „Eine französische Unverschämtheit.44\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Fräul. Marie Seebach setzt ihr Gastspiel bei stets\nübertülltem Hause fort.\nFrau Clara Novello wird nach ihren Triumphen in Berlin\nund Hamburg heute hier erwartet, um am D i ns t a g den 31. d.\nMts. die Sopran-Partie im Messias zu singen.\nFerdinand Hiller hat sein grosses Oratorium „S a u 1\",\nText von Moriz Hartmann, ganz vollendet.\nIieipzig-. Fräul. Auguste Brenken ist am 18. d. Mts. als\nAmine in der Nachtwandlerin aufgetreten. Es war ein glänzendes\nDebüt. Als Concertsängerin hatte sie die Gewandbaus-Concerte in\ndiesem Winter geziert und sich dadurch und durch ihre Leistun-\ngen am Rheine, namentlich in den Gesellschafts-Concerten zu Köln,\nund in Westfalen bereits einen Namen gemacht. Da sie nun in\nihrer Antrittsrolle auch Spieltalent offenbarte, so kann man bei der\nherrlichen, vollen Sopranstimme und der guten Gesangs-Methode\ndiese Rolle nicht als ersten theatralischen Versuch bezeichnen,\nsondern man muss ihn bereits als eine vielversprechende künstle-\nrische Leistung betrachten. Dieses Urtheil sprach denn auch das\nPublicum durch den lebhaftesten Beifall wiederholt aus, und der\njungen Sängerin, die sich auch durch ein sehr anmuthiges Aeus-\nseres empfiehlt, wurde dreimaliger Hervorruf zu Theil.\nIn Hannover wurde am 4. d. Mts. die Oper „Jose Ri-\ncardo4* von A. Schäfer zum ersten Male gegeben, ein Potpourri\nvon tausend und einer Oper, jedoch von einem Theile des Publi-\ncums möglichst angestrengt applaudirt. Ein Orchester-Mitglied soll\nbei einer gewissen Stelle in der Probe geäussert haben: „Im Er-\nnani haben wir diese Stelle immer forte spielen müssen; soll sie\ndenn hier piano sein ?\"\nMünchen» Fräul. Hefner ist wieder bei dem Hoftheater\nengagirt und trat als Rosine in Rossini's Barbier mit grossem Bei-\nfalle auf.\n/ vr A\nBrüssel. Der junge Pianist Herr Louis Brassin findet\nhier, eben so wie in Antwerpen und Gent, ausserordentlichen Beifall.\n%"}]}