{"numero_id": "bm-bmtnabi-1857-04-11-01", "volume": "bmtnabi_1857-04-11_01", "ocr_sha256": "832a1cd858777f7cce9d00f63c4a2d70db8695afcfb726ddaac9c2e6eba00060", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1857/04/11_01/bmtnabi_1857-04-11_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1857-04-11-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-04-11_01#c001", "volume": "bmtnabi_1857-04-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "113", "page_fin": "113", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "113", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 442, "texte": "Inhalt.\nBeethoven, ses Critiques et ses Glossateurs. Par Alexandre OulibichefF. 111. Von L. B. Pariser Briefe (Oberon\nvon Weber Haydn's Jahreszeiten Concerte des Conservatoire der Societe des jeunes Artistes). Von B. P, Tages- und Un-\nterhaltungsblatt (Köln, HI. Soiree für Kammermusik Aurich Wiesbaden, Fräul. Freinsheim Leipzig, Tannhäuser Bre-\nmen Wien, Preise für Ciavierstücke, Nanette Falk, Monument für W. A. 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Der Verfasser sucht\nnachzuweisen, dass diese Musik denselben Impulsen folgte,\nwelche die dramatische Musik umgestalteten, nämlich den\nneuen Ideen, der neuen Weltanschauung, wie sie sich seit\nder französischen Revolution bildete. Die zweite Manier\nBeethoven's erklärt er fnach Schindlers Vorgang) aus dem\nBestreben, einen poetischen Gedanken, eine objeclive Idee\nmit dem musicalischen subjectiven Gedanken, d. i. mit dem\nThema, zu vereinigen. Er sagt darüber unter Anderem:\n„Jedes gute musicalische Werk trägt sein Programm, oder\nvielmehr eine Menge von Programmen, in sich. Der Ein-\ndruck der Musik ruft oft Phantasiebilder in uns hervor,\nwelche gleichsam zu allegorischen Brücken werden, die\nuns zu Vorstellungen und Begriffen führen; aber diese Bil-\nder sind unendlich verschieden, je nach der Individualität\ndes Hörers, nach dem Grade seiner musicalischen Bildung,\nnach der Seelenstimmung, die ihn gerade beherrscht, nach\nder guten oder schlechten Ausführung und vielen anderen\nUmständen, so dass Jeder auf ein anderes Programm kom-\nmen kann, das sich beim Hören wie von selbst bildet. Je-\ndoch findet der Unterschied zwischen der reinen und der\nauf etwas Objectives angewandten Musik Statt, dass in den\nErzeugnissen jener das Programm aus der Musik hervor-\ngeht, in dieser aber die Musik aus dem Programm hervor-\ngehen soll. Man kann es allerdings begreifen, dass der Com-\nponist, der die Absicht hat, eine bestimmte Vorstellung\ndurch Bilder, welche dieser Vorstellung entsprechen, zu\nerzeugen, zu Berechnungen und Combinationen seine Zu-\nflucht nehmen muss, welche die musicalische Kunst an und\nfür sich ihm nicht liefern kann. Allein so lange diese Kunst\nund das Gesetz der reinen Musik so vorwiegend in einem\nInstrumentalsatze herrscht, dass derselbe in allen seinen\nTheilen vollkommen verstanden werden kann, so mag der\nComponist, wenn er will, seinen geheimen Vorbehalt ver-\nschweigen. So viel ist gewiss, die grossen, die wahren Mei-\nsterwerke Beethoven's, seine leuchtenden Tonschöpfun-\ngen, bedürfen eben so wenig der Fackel des Programms,\nals Haydn's und Mozart's Sinfonieen; wäre das nicht, so\nwürden sie jedenfalls hinter diesen zurückstehen müssen.\n„Im Grunde war die Verfolgung eines poetischen Ge-\ndankens in den Werken der Instrumental-Musik das Re-\nsultat jener Bewegung, zu welcher der Zeitgeist den An-\nstoss gab, und die in Cherubini's Opern zuerst sichtbar\nwurde. Man sah darin ein Mittel, die Musik dem Volke\nnäher zu bringen, indem man ihr eine bestimmtere, schär-\nfere, handgreiflichere Charakteristik zu geben suchte; da-\ndurch sollte sie sich der Deutlichkeit des dramatischen Aus-\ndrucks nähern und eben desshalb eine grössere Wirkung\nauf die Masse der Zuhörer machen. Aus der Sphäre der\nEmpfindungen wollte Beethoven in den Kreis der Begriffe\nübergehen, die musicalische Idee mit einer Gefühls- oder\nVernunft-Idee verbinden, das dramatische Element mit dem\nlyrischen vereinigen, kurz: die ideale, unbestimmte und\nwechselnde Deutung, die sich von selbst in der Seele des\nHörers bildet, dazu benutzen, ihn zur Auffassung eines"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "114", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5170, "texte": "bestimmten und vorbedachten Programms zu bringen. In\ndiesem Sinne componirte er die Eroica, mit der Bestim-\nmung, Bonaparte darzustellen, von welchem er die Um-\nwandlung aller Monarchieen in platonische Republiken er-\nwartete. Gewiss war Bonaparte, von diesem Gesichtspunkte\naus betrachtet, eine Idee; allein da das Gefühl des\nHeroischen, das sich daran knüpfte, wesentlich dem Gebiete\nder Musik angehört, so verschmolz das Programm mit dem\nThema des ersten Allegro, und es entstand ein Meisterwerk\nreiner Instrumental-Musik, als wenn gar kein Programm\nda gewesen wäre.\"\nAus der Uebertreibung dieses Strebens nach Objecti-\nvirung erklärt er dann die Entstehung der dritten Ma-\nnier Beethoven's und gibt das, was er darüber sagt, zwar\nnur als Hypothese, aber doch als „eine Hypothese, die an\nEvidenz reicht, weil sie ganz und gar aus Schindlers Buche\nhervorgeht und allein die letzten Werke Beethoven's er-\nklären kann, die man so lange als räthselhaft. bezeichnete,\nbis man darin die Musik der Zukunft entdeckt hatte.\"\nWir sind natürlich ganz anderer Meinung über die\nletzten Werke Beethoven's und halten ihre Entstehung aus\neinem „Kampfe zwischen Irrlhum und Wahrheit\", wie\nUlibischefl' meint, lür keineswegs erwiesen. Die Absonder-\nlichkeiten, von denen sie allerdings nicht frei sind, sind viel\nweniger Erzeugnisse eines Strebens nach Objectivirung, als\nSpiele einer musicalischen Sophistik. Was ihre Verurtei-\nlung in Bausch und Bogen betrifft, so sind wir abge-\nsehen davon, dass sie bei Ulibischeff grossentheils auf ein\nContumacial-Verfahren begründet ist der bescheidenen\nMeinung, dass die höchste Instanz darüber nicht zu Lukino\nund Nischnei im tiefen Russland ihren Sitz habe. Was soll\nman auch für ein Urtheil über jene letzten Thaten Beetho-\nven's von einem Kritiker erwarten, der in einem der voll-\nendetsten Werke der mittleren Periode, in der C-moll-\nSinfonie (Nr. V.), die bewunderte Einleitung aus dem\nScherzo in das letzte Allegro als „voll von Ungereimtheit\nund harmonischer Abscheulichkeit, welche die donnernde\nExplosion herbeiführen,\" charakterisirt? der da meint: „Es\nfindet sich hier eine sonderbare Melodie, welche mit einer\nnoch sonderbareren Harmonie im Bass, in G und in C,\neine Art von abscheulichem Miauen und Missklang hervor-\nbringt, welche selbst das wenigst empfindliche Ohr zer-\nreisst\"? (Mozart, 111. Band der Stuttgarter Ausg., S. 326.)\nWir wollen bei dieser Gelegenheit einen Sprung mit-\nten in den dritten Abschnitt—\nthun, welcher die bedeutendsten Werke Beethoven's aus\njeder der drei Perioden charakterisirt. Die Eigenheiten der\ndritten Periode werden hier als „ grillenhafte Hirngespinste\"\n(chimeres) bezeichnet und ihre Spuren in allen Werken der\nverschiedenen Perioden nachgewiesen. Hören wir nun, wie\nU. sich hier S. 207 über jene Einleitung zu dem Finale\nder lünften Sinfonie ausdrückt. Er lässt 28 Tacte davon\nabdrucken und sagt:\n„Diese Stelle ist nichts Anderes als ein neuer Aus-\ndruck der Chimäre, aber von so chimärischer Gestalt, dass\nkein Mensch jemals auch nur im Traume etwas Aehnliches\ngesehen oder gehört hat. Hier handelt es sich nicht mehr,\nwie in den früheren Beispielen, um einige schnell vorüber-\neilende Noten, die einen kratzen und das Ohr in Ungewiss-\nheit lassen, woher der widrige Eindruck gekommen, den\nes so eben empfunden. Hier haben wir ein Stück von 44\nTacten, in welchen der Componist die Habeas-Corpus-Acte\nder Musik aufgehoben hat und die letztere von allem enl-\nblösst, was irgend einer Art von Melodie, Harmonie oder\nRhythmus ähnlich sehen könnte. Da haben wir zuerst einen\ndoppelten Grundbass, indem zwei Noten lür nichts in der\nHarmonie zählen, was das Ohr nicht zulassen kann; und\nauf dieser wunderlichen Grundlage folgen einander zu-\nfällige, noch wunderlichere Dissonanzen, ohne vorbereitet\nnoch aufgelöst zu werden, und das Ganze wird von Pau-\nkenschlägen, die sich darauf beschränken, den Dreiviertel-\nTact zu schlagen, fortgetrieben. Ist das Musik? Ja oder\nnein? Bei einer Bejahung müsste ich sagen, was Felis viel-\nleicht zu streng von den Werken eines berühmten Com-\nponisten sagt, dass das nicht zu der Kunst gehört, die ich\ngewohnt bin als Musik zu betrachten. Die Chimäre zeigt\nsich also in der C-mo/Z-Sinfonie unter der Form einer\nVorbereitung des Effectes. Jeder Zuhörer, der nur\netwas musicalisch ist, begreift sogleich, dass ein so abscheu-\nlich hässliches Ungeheuer nicht in das Orchester hineinge-\nschleudert worden, um seine schönen Augen bewundern\nzu lassen. Man ahnt den Drachen, der den Waagen einer\nGöttin zieht, und von dem Augenblicke an schlüpft die\nAufmerksamkeit über den gegenwärtigen Augenblick hin-\nweg und spannt sich nur auf den, der da kommen soll.\nDas Ohr lauert auf den verheissenen Effect, wie das Auce\n7 O\nauf die erste Rakete eines Feuerwerks, und wenn nichts\neine bessere Vorbereitung auf ein pyrotechnisches Meister-\nwerk ist, als die Finsterniss, so macht auch die Harmonie\nnichts so fühlbar, als der Contrast des Missklanges. So be-\nrechnete Beethoven ohne Zweifel die Sache, und die Be-\nrechnung hat ihn nicht getäuscht. Der Anfang des Finale\nwürde als Musik geringere Wirkung gemacht und weniger\nüberrascht haben, wenn der Componist ihm nicht eine"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "115", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5005, "texte": "Reihe von Noten, die mit Musik gar nichts zu thun haben,\nvorausgeschickt hätte. Diesmal also findet die Chimäre we-\nnigstens ihre Entschuldigung.\"\nMit solchen Beweisführungen wird Ulibischeff die Aus-\nsprüche über Beethoven in seinem Mozart, die wir miss-\nverstanden haben sollen, schwerlich rechtfertigen. Lies't\nman nun, gegen Stellen, wie die oben übersetzte, gehalten,\nauf der anderen Seite seine enthusiastische Verherrlichung\nBeethoven's und namentlich der fünften Sinfonie, so kann\nman sich nicht enthalten, auf den Mann, der starr an sei-\nnem musicalischen Katechismus hängt, die Worte Faust's\nanzuwenden:\n~Dass diese Ireue, liebe Seele,\nVon ihrem Glauben voll,\nDer ganz allein\nIhr seligmaehend ist, sich quäle,\nDass sie den liebsten Mann verloren halten soll \"\nDer Abschnitt „Production beschäftigt\nsich überhaupt mit der Charakteristik der Clavier-Sonaten,\nzunächst der ersten Periode, aus welcher der Verfasser\nOp. 7, 10, 13, 22, 26, 27, 31 als diejenigen auswählt\nund bespricht, welche bereits das Gepräge einer bedeuten-\nden Originalität tragen.\nEs scheint, dass Ulibischeff die Sonaten Beethoven's\nerst spät, jedenfalls erst nach Vollendung seiner Arbeit\nüber Mozart, kennen gelernt hat. Er sagt selbst: „Das\nStudium dieser Werke, das ich allein auf dem Lande be-\ngann, war lür einen, der nicht Ciavier spielte und keinen\nClavierspieler bei sich halte, eine mühsame und schwierige\nAufgabe. Allein die Schicksals-Göttin, über die ich mich\nnie sehr zu beklagen gehabt habe, kam mir zu Hülfe und\nsandte mir im Sommer 1854 zwei Pianisten auf einmal\nnach Lukino, Herrn Schifl (einen Virtuosen von Ruf in\nRussland) und einen jungen Dilettanten, wie man deren\nsonst nicht findet, Herrn Emil BalakirefT. Durch sie hörte\nich alle Sonaten von Op. 2 bis Op. 111. Einige davon\nwurden wohl zwanzig und mehr Mal wiederholt. Auch\nsämmtliche Sonaten für Ciavier und Violine spielte ich mit\nBalakirefT durch; Alles wurde von meinen heroischen Pia-\nnisten bezwungen, mit Ausnahme eines einzigen Stückes,\ndas von Natur unbezwinglich ist; denn wie man es auch\nvorträgt, immer lässt es bei dem Hörer die Ueberzeugung\nzurück, dass das, was er gehört habe, keine Musik ist.\nIch meine die Fuga con alcune den letzten Salz\nder Sonate Op. 106.\"\nIm Allgemeinen sagt er über die Sonaten Folgendes:\n„Nirgends zeigt sich der Reichthum von Ideen, wel-\ncher Beelhoven selbst Mozart in Beziehung auf Erfindung\ngleich stellt, so offenbar und so bewundernswert!), als in\nden Clavier-Sonaten. Da aber Beethoven nicht wie Mozart\nein Universal-Musiker, ein Mann lür alle Kunstzweige war,\nso verstand er nicht so gut, wie jener, seine Gedanken\neben so passend zu gebrauchen, weder in Hinsicht auf die\nbesonderen Bedingungen und Gränzen jeder Kunstgattung,\nnoch auf so vortheilhafte Weise in Bezug auf die Summe\nder Mittel zur Auslührung. Ich meine damit, dass Beetho-\nven die Stile und Gattungen vermischte, und dass er dies\nin vielen von seinen Werken, besonders aber in den Sona-\nten, gethan hat. Viele darunter sind wirkliche Clavier-So-\nnaten und könnten nur verlieren, wenn sie etwas Anderes\nwürden. Dahin gehören bei Weitem die Mehrzähl aus der\nersten Periode. Dann aber gibt es einige, in denen man\neinzelne Theile bemerkt, die nichts als Augenmusik im gu-\nten Sinne sind, z. B. Synkopen, die bedauern, auf dem\nCiavier nicht synkopirt werden zu können, und ganze No-\nten, die ohne Bogenstrich nicht ausgehalten werden kön-\nnen. Man hat desshalb auch Violin-Trio's und Quartette\ndaraus gemacht. Andere Sonaten oder Stücke derselben\nsind so symphonisch geschrieben, dass man sie lür Or-\nchester eingerichtet hat; dann finden sich wieder so dra-\nmatische oder geradezu sangbare Stücke, dass man nichts\neiliger zu thun hatte, als ihnen Texte unterzulegen. Mo-\nzart's Werke haben nie dergleichen Metamorphosen erlebt\n[Kennt der Verfasser die Orchester-Bearbeitungen von\nSeyfried nicht?] und vertragen sie auch nicht. Ich bin weit\nentfernt, Beethoven daraus einen Vorwurf zu machen; das\nhiesse ihm gerade das Schönste, was in seinen Sonaten\nliegt, vorwerfen. Vergessen wir aber nicht, dass eine Zeit\nkam, wo Beethoven seine Ciaviersachen nicht mehr schrieb,\num sie selbst zu spielen oder sie von Anderen zu hören,\nsondern nur, um sie zu verkaufen und darin die Ideen aller\nArt niederzulegen, welche ihm Tag lür Tag zuströmten\nund ihren einfachsten Ausdruck und ihre leichteste Gestal-\ntung in der Sonatenform fandet» einer Form, die er je\nnach der Natur und dem wirklichen oder eingebildeten\nWerthe seiner Eingebungen bis ins Unendliche veränderte.\n„So entstand in dem Zeiträume von ungefähr sieben-\nundzwanzig Jahren die Sammlung der Sonaten Beethoven's\nfür das Pianoforte allein ein Schatz, dem in den Archi-\nven der Tonkunst nichts zu vergleichen ist, ein wahres\nZeughaus von Ideen und Formen, aus dem seine Zeitge-\nnossen oft geschöpft haben, aus dem man noch jetzt\nschöpft, immerfort schöpfen und es dennoch als uner-\nschöpflich erkennen wird. Der Raub ist an Beethoven\nnach einem so grossartigen Maassstabe begangen worden,"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3791, "texte": "Dass niemand, der noch etwas von ihm stiehlt, sich für\neinen Dieb hält.\"\nVortrefflich und des Verfassers Bewunderung für Beet-\nhoven wahrhaft rechtfertigend ist auch folgende Stelle über\ndas Largo in Cder Sonate Op. 7in „Der rhyth-\nmische Bau des Thema s in den ersten Tacten gibt ihm\neine fragende Form, welche sich bis zu dem Uebergange\nin As-dur fortsetzt, wo eine Melodie voll sanfter Empfin-\ndung und grossen Charakters beginnt, die sich auf einer\nbreiten und mächtigen Harmonie entwickelt. Diese Melodie\nwechselt in verschiedenen Tonarten mit dem Thema und\nanderen episodischen, daraus hergeleiteten Figuren. Es ist\ngleichsam eine Gewissens-Prüfung, eine Reihe von Fragen,\nwelche den Tiefen der Seele entsteigen, und von unaus-\nsprechlichen Antworten, die das religiöse Gefühl eingibt.\nIn der ganzen Anlage haben die Pausen eine beson-\ndere Wichtigkeit und Bedeutung. Am Ende des Stückes\ngelangt die Seele, die sich in der Stille prüfte, ihres Gottes\nvoll, zu ungetrübter Reinheit, und die grosse Melodie,\nwelche auf Alles geantwortet hatte, kehrt im Bass in C-dur\nwieder, um zu einem mild-feierlichen Schlüsse zu führen,\nder dem Anfange würdig entspricht.\" Als der junge\nBalakireff bemerkte, dass er in diesem Largo nicht die\nBeethoven'sche Originalität fände, dass es ihm mehr mo-\nzartisch vorkomme, erwiderte Ulibischeff: „Das scheint\nIhnen nicht originel, weil es an das Erhabene reicht. Das\nErhabene lässt aber nichts Relatives zu, also auch nicht\ndas Prädicat der Originalität, da diese nur auf einer Ver-\ngleichung beruht, welche eine andere Vergleichung wieder\naufheben kann. Der Eindruck des Erhabenen ist überall\nEiner und derselbe, wie alles Absolute; es ist nur mit sich\nselbst lÄU vergleichen und scheint nicht original zu sein,\nweil es den höchsten Grad der Originalität erreicht. Ich\nfinde auch, dass dieses Largo Mozart sehr ähnlich sieht,\nallein nicht in dem Sinne, als erkännte ich Mozart's Manier\ndarin, denn eine individuelle Manier ist mit dem Erhabe-\nnen durchaus unverträglich; allein aus dem Grunde, weil\nMozart öfter als jeder andere Meister das Erhabene erreicht\nhat, so dass sich dieser transscendentale oder absolute\nCharakter der Musik gleichsam mit dem Namen identificirt\n4\nhat, an den er beim Hören einen Jeden erinnert.\"\nDie Sonaten mit Violine oder Violoncell, die ersten\nIrio's, Quartette u. s. w. berührt der Verfasser kaum und\nspricht sich nur noch kurz über die zwei ersten Sinfonieen\nin Cund Dund über das Quintett in und zwar haupt-\nsächlich über letzteres ausführlich und mit Geist aus.\nEr geht sodann zu den Werken der zweiten Periode\nüber, verbreitet sich aber (mit Ausnahme einiger Bemer-\nkungen über die Clavier-Sonate Op. 81, über\ndas grosse Trio in B-dur und über die Violin-Quartetten\nOp. 59, die, wie sich erwarten liess, schon schlecht genug\nwegkommen) nur über die Sinfonieen, von der dritten\n(Eroica) bis zur achten einschliesslich. Nach der oben ge-\ngebenen Probe über das Coda des Scherzo in der fünften\nkann der Leser wohl schon ahnen, dass trotz mannigfacher\nAnerkennung und enthusiastischer Lobpreisung dieser Com-\npositionen im Ganzen es an katechetischen Rügen der vor-\nkommenden „Grillen\" und „Chimären\" nicht fehlt, welche\nvon dem Des-dur-Accordzwischen und und dem\nbekannten Eintritt des Horns mit dem ersten Motiv des\nThema's in der Eroicaan bis zu der „ Schreckensnote\"\nCis zwischen C-dur und F-dur im Finale der achten eine\nstattliche Reihe bilden. Von der letzten Stelle heisst es:\n„Man plaudert ruhig und heiter mit seinen Freunden. Auf\neinmal springt einer auf, stösst einen Schrei aus, streckt die\nZunge aus, setzt sich wieder und fährt in der Unterhaltung\nfort, als wäre nichts geschehen.\"\nlieberhaupt nennt er das Finale der achten Sinfonie „die\nInauguration der unmöglichen Musik, die Beethoven zu\nträumen anfing.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-04-11-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-04-11_01#c003", "volume": "bmtnabi_1857-04-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "116", "page_fin": "119", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01.2.3", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01.1.4", "debut_caractere": 3793, "fin_caractere_exclue": 4797, "texte": "Pariser Briefe.\n[Oberon von C. M. von Weber J. Haydn's Jahreszeiten im\nConservatoire Concert- und Kammermusik.]\nDen 5. April 1857.\nDie deutsche Musik hat hier wieder einmal zwei Tri-\numphe erlebt, die eine wahre Aufregung in der pariser\nmusicalischen Welt veranlasst haben. Dieses Mal aber hat\ndiese Aufregung nicht, wie zu Gluck's Zeiten, Streit und\nSpaltungen hervorgerufen, sondern sie ist der Ausdruck\neiner einstimmigen Bewunderung aller Musiker und gebil-\ndeten Dilettanten. Am 27. Februar wurde Weber's\nOberon im Theätre lyrique und am 22. März Haydn's\nJahreszeiten von der Soäete des Concerls im Conser-\nvatoire aufgeführt, beide zum ersten Male in Paris!\nBeide Aufführungen waren ganz in der Stille vorberei-\ntet worden; die Veranstalter glaubten mit Recht, dass W7e-\nber und Haydn weder mysteriöser noch pomphafter An-\nkündigungen bedürften. Um so mehr war man überrascht,\nergriffen, entzückt.\nDer Director des Thedlre Herr Carvalho, hat\nsich da 9 grosse Verdienst um die Kunst und um das fran-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "117", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5099, "texte": "zösische Publicum erworben, das letzte Meisterwerk We-\nber's auf seinem Theater vorzuführen und dadurch dem\nAndenken des unübertroffenen Meisters eine Huldigung\ndarzubringen, woran die grossen, vom Staate reichlich un-\nterstützten Opernbühnen seit dreissig Jahren nicht gedacht\nhaben. Man kannte hier vom Oberon nichts als die Ouver-\ntüre, den Elfenchor und das Lied der Meermädchen, die\ndann und wann in den Conservatoire-Conccrten auf das\nProgramm kamen. Um so überwältigender war der Ein-\ndruck der Oper; ich erinnere mich nicht, seitdem ich hier\nbin, einer so anhaltenden Spannung und nach jedem Stücke\neines so rauschenden Beifalles, wie ich sie jetzt in den\nVorstellungen des Oberon erlebt habe, wo nicht die En-\ntrepreneurs du succes mit ihren harthäutigen Fäusten, son-\ndern das wirkliche Publicum vom Orchester bis zu den\nolympischen Galerieen hinauf von Enthusiasmus hingerissen\nwurde. Es war ein rechtes Fest für mich und die deut-\nschen Freunde. Gleich die Ouvertüre wurde stürmisch\ncapo verlangt, und das treffliche, für diese Oper noch be-\nsonders verstärkte Orchester wiederholte unter der siche-\nren Leitung seines Dirigenten Deloffre das ganze Allegro\nmit Feuer und Energie. Und so ging der Beifall immer\nsteigend fort und brach oft wie vulcanisch aus. Selbst die\nverhärteten Gegner der deutschen Musik und alles dessen,\nwas deutsch ist, ergaben sich als überflügelt und besiegt\nund stimmten am Ende in den allgemeinen Jubel ein. Da-\nmit aber die Leser meinen Bericht nicht etwa als einen\nAusfluss von musicalischem Patriotismus betrachten dürf-\nten, theile ich wörtlich mit, was das Journal\nmusicale, welches die Deutschen sonst als Croaten und Bar-\nbaren Iractirt und vor einigen Jahren die Devise\naux Allemands\"auf seine Fahne schrieb, über die erste\nVorstellung sagt:\n„ Wir kommen aus dem Thedtre lyrique, und während\nunser Herz noch voll ist von der Aufregung, die Weber's\nbewunderungswürdige Musik in uns hervorgerufen, unsere\nAugen noch geblendet sind von dem prächtigen Schauspiel,\ndas wir gesehen, schreiben wir diese Zeilen nieder. Welch\nein Meisterwerk! Welche Anmuth, welcher Reiz in dem\nGesänge, welche Tiefe in den Harmonieen! Die Ouvertüre,\nvon dem Orchester vollendet wiedergegeben, mit Feuer\nund erstaunenswerthem Zusammenspiel, der wunderschöne\nElfenchor mit seinem zauberischen Dufte, die Arien Obe-\nron's und der Rezia und das Finale des ersten Actes,\nAlles rief den Ausbruch entzückter Begeisterung hervor.\n„Und so ging es bei allen Nummern der folgenden\nActe fori. Wir können nicht alle jeden Hervorrnf,\nkurz: alle die Formen erwähnen, welche die Kundgebung\ndes Beifalls bei diesem unerhörten Erfolge annahm. Eben\nso wenig können wir alle Stücke einzeln aufzählen, und\nmüssen uns heute nur auf die Constatirung der Thatsachen\nan jenem Abende beschränken. Möge uns das Publicum\nund der Schatten Weber's die Flüchtigkeit dieses Berichtes\nverzeihen\" u. s. w. u. s. w.\nDie Bearbeitung der Oper für die französische Bühne\nist ganz geschickt gemacht. Die Herren Nuitter (ein\nDeutscher?), Beaumont und de Chazot haben sie ge-\nfertigt; der Zettel lautete: Oberon, opcra fantaslique en 3\nactes, musique de Weber, poeme arrange d'apres Wieland\npar etc. Die traurigen Erfahrungen, die man am Frei-\nschütz gemacht halte, scheinen nicht unbeachtet geblieben\nzu sein; denn man hat die Musik von Anfang bis zu Ende\nunangetastet gelassen, und die Uebersetzung der Gesänge\n(meistens dem ursprünglichen englischen Texte von Planche\nfolgend) ist gut, an vielen Stellen meisterhaft. Die Verlags-\nhandlung G. Brandus, Dufour & Comp, hat sogleich zwei\nAusgaben des Clavier-Auszugs (20 Nummern ohne die\nOuvertüre) veranstaltet, die eine mit französischem Text in\n8., netto BFr., die andere mit deutschem und italiänischem\nText in 4., netto 10 Fr. Ich muss gestehen, dass der\nfranzösische Text fast überall das Geschraubte des deut-\nschen, so weit es mir in der Erinnerung ist, zum Vortheil\ndes Gesanges verwischt hat; man vergleiche z. B. „Ocean,\ndu Ungeheuer\" mit „0 toi qui ceins la terre»Abge-\nstorbner Baum\" mit „Pleure, mon coeur, ton bonheur\"\nu. s. w. Die Bearbeiter haben zwei kleine komische\nRollen hinzugefügt, von denen der Aga der Eunuchen gut\ngelungen ist. Mit der Musik haben sie nichts zu schaffen.\nDie Ausstattung ist prachtvoll und wirklich feenhaft,\ndas Schluss-Tableau bezaubernd schön. Die Ausführung\nwar im Ganzen genau und gewissenhaft der Composition\ngegenüber, die Sänger und Darsteller recht gut. Madame\nRossi-Caccia (Rezia) ist eine sehr brave Sängerin, allein sie\nist nicht mehr jung, und das reizende Ideal, das ihrem\nRitter im Traume vorschwebt, muss man durch die Phan-\ntasie ergänzen. Davon abgesehen, verdiente sie durch Auf-\nfassung der Partie und technische Sicherheit Lob. Die De-\nmoisellen Borghese (Puck) und Girard (Fatime) befriedigten\nsehr; das Lied: „Arabien, mein Heimatsland\"\nArabie, heureux sejour wurde gerufen. Der\nRitter Hüon, über dessen unharmonischen Namen man sich\närgert, hatte in einem jungen Tenoristen von Bordeaux,\nHerrn Michot, einen wackeren Vertreter gefunden; er be-\nsitzt eine von jenen Tenorstimmen, die überall frisch an-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5069, "texte": "sprechen und bei stetem Wohllaut eben so gut im Zarten\nals im Kräftigen ausgiebig sind. Dergleichen Stimmen sind\nin Frankreich und jetzt überall selten, und das Lobenswer-\ntheste an dem Manne ist, dass er rein intonirt und zu sin-\ngen versteht. Bis jetzt ist er kein Schreier: möge Paris ihn\nnicht verderben! Auch die Rolle des Scherasmin war durch\nGrillon vortrefflich besetzt. Der Chor gab sich viele Mühe,\nund einige feinere Nuancen gelangen ihm recht gut. Das\nOrchester war in jeder Hinsicht vortrefflich. Bei der Auf-\nführung ist die Partitur, welche die Bibliothek des Conser-\nvatoires besitzt, zu Grunde gelegt worden. Ich weiss nicht,\nwie sie sich zu der Schlesinger'schen verhält.\nDas zweite Ereigniss in der pariser Kunstwelt war die\nAufführung von J. Haydn's Jahreszeiten im Conser-\nvatoire. Ein Oratorium, ein ganzes Oratorium auf dem\nProgramm der Concert-Gesellschaft des Conservatoires\nunerhört, unmöglich! Und doch! Wenn das kein Fort-\nschritt ist, und zwar zum Guten, dann gibt es keinen. Das\nVerdienst der Anregung und beharrlichen Durchsetzung\nder Sache gebührt Herrn Roger, und wenn sein wieder-\nholter Aufenthalt in Deutschland und seine Anwesenheit\nbei dem Jubelfeste der Maatscha\nTonkunst zu Rotterdam (wo er den Lucas sang) seinem\nVaterlande auch weiter keinen Vortheil gebracht hätte, als\ndiesen, so erwüchse ihm schon daraus ein grosser Anspruch\nauf dessen Dankbarkeit. Seine französische Uebersetzung des\nTextes wird noch in diesem Monate in Druck erscheinen.\nDiese Aufführung überraschte noch mehr als der Obe-\nron; kein Mensch ahnte etwas davon. Und welch ein Ein-\ndruck in dem Concert am 22. März! Man konnte sich ein-\nbilden, das Publicum vom Jahre 1800, welches die erste\nAufführung der „Schöpfung\" in Paris mit unendlichem\nJubel begrüssle und eine Denkmünze auf dieses Ereigniss\nzu Ehren Haydn's schlagen liess, sei wieder erstanden.\nDas Conservatoire hat einmal wieder unter seiner alten\nFahne, auf welcher die Namen Haydn, Mozart, Beethoven\nprangen, einen vollständigen und gewiss auch folgenreichen\nSieg erfochten, der ihm und dem dirigirenden Feldherrn\nGirard, der sonst eben nicht gar reich an Lorbern ist, einen\nechten Kranz des Ruhmes erworben hat. Wären doch\nLiszt und Wagner hier gewesen! Ein Werk, vor einem\nhalben Jahrhundert geschrieben, jetzt zum ersten Male in\nParis mit Orchester gegeben, ohne Reclame, ohne Vor-\nrede, ohne Programm, versetzt die Franzosen in Entzücken,\nin Begeisterung! In allen musicalischen Kreisen von nichts\ndie Rede, als von den vier Jahreszeiten Haydn's und von\ndem letzten „verblassten Sprössling der deutschen Oper\nder überwundenen Periode\"! Welch ein Schlag lür die\nZukunftsmusik! Wenn man solche Geister aus den Grä-\nbern weckt, werden sie sagen, oder vielmehr aus dem\nHimmel wieder zur Erde herabruft, was soll dann aus uns\nwerden? Ja, das weiss ich auch nicht; aber das weiss\nich, dass hier kein Boden für euch ist, selbst nicht lür\nHector Berlioz, dem es übrigens doch mehr Ernst um die\nKunst zu sein scheint, als euch!\nDie hiesigen Blätter preisen die Erscheinung der „Jah-\nreszeiten\" in den Conservatoire-Concerten als eine Offen-\nbarung im Reiche der Musik. Nur mehr solcher Versuche,\ndie man früher lür zweifelhafte Wagnisse, lür gefährliche\nSchritte auf dem glatten Parquet von Paris hielt, und sie\nwerden gelingen und herrliche Früchte tragen. „DieTheil-\nnahme, die Sympathieen, die Bewunderung der musicali-\nschen Welt werden sich an diese Versuche heften!\" ruft\nauch hier dasselbe Blatt aus, das vor einigen Jahren noch\nMort aux Allemands!rief. Das Genie ist eine Goldmine:\nbaut nur auf Gold, suchet, grabt tief, und jeder Schritt\nweiter wird euch noch unentdeckte Adern zeigen. Die\nMusik der Vergangenheit hat wahrlich noch nicht ihr letz-\ntes Wort gesprochen; es können aus ihr noch eine Menge\nvon genialen Erzeugnissen zu Tage gelördert werden, die\nden vollen Reiz der Neuheit und Jugend haben. Und das\ndürfte eine der würdigsten Aufgaben des Conservatoires\nsein. Der erste Schritt dazu ist geschehen und hat die Er-\nwartungen derer, die ihn gethan, weitaus übertroflen. Es\nwar ein wahres musicalisches Fest.\nDie Soli, Roger selbst (Lucas), Bonnehee (Simon),\ndie Damen Boulart und Ribault (die sich in die Partie\ndes Hannchen getheilt hatten), waren ausgezeichnet und\nwurden natürlich mit rauschendem Beifalle belohnt. Aber\ndennoch, und das will hier zu Lande viel sagen! wurden\nsie oft über der Pracht der Chöre vergessen, die mit gros-\nser Präcision und feinen Schattirungen gesungen und en-\nthusiastisch aufgenommen wurden. Was würde nicht erst\ngeschehen sein, wenn der Chor die jugendliche Frische,\ndie Klangfarbe und die Klangfülle der deutschen, beson-\nders der rheinischen Stimmen gehabt hätte! Von der voll-\nendeten Leistung des Orchesters zu sprechen, ist über-\nflüssig; der Name Orchestre du sagt\ngenug. Nur das muss ich doch noch bemerken, dass dieses\nOrchester gerade in der Ausführung Haydn'scher Musik\nseine grössle Meisterschaft bewährt. Man sieht einer Wie-\nderholung mit Verlangen entgegen. Die Aufführung in\neinem Hof-Concerte in den Tuilerieen, welche schon he-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3255, "texte": "stimmt war, ist durch die Trauer über den Tod einer\nPrinzessin von Würtemberg aufgeschoben worden.\nUebrigens war es Zeit, dass die Concert-Gesellschaft\nder Veteranen einmal wieder ihre Ueberlegenheit zeigte;\ndenn sie hat in der Societe des jeunes Artistes du Conser-\nvatoire eine rüstig vorwärts schreitende Nebenbuhlerin.\nIch füge die wesentlichsten Stücke aus den Program-\nmen der übrigen Conservatoire-Concerte hier an und be-\nmerke dabei, dass in dem Programme des ersten in Nr. 5\ndieser Blätter zu berichtigen ist, dass die Nuit de Sabbat\nvon Mendelssohn hier „Die erste Walpurgisnacht\" bedeu-\ntet, nicht den „Sommernachtstraum14. An Sinfonieen\nsind gemacht worden: Haydn in Es und G, Beethoven\nneunte Sinfonie, die vierte in Pastoral-Sinfonie, eine\nneue von Heber. Bekanntlich bringt es ein neuerer Com-\nponist nur sehr selten dahin, dass sich die ehernen Pforten\ndes conservativen Kunsttempels vor ihm erschliessen.\nHenri Reber's Sinfonie wurde jedoch eingelassen und\nim vierten Concerte am 22. Februar sehr günstig vom Pu-\nblicum aufgenommen. Sie verdient es vollkommen durch\nErfindung, interessante und feine, überall klare Arbeit, in\nwelcher das Muster Haydn's nicht zu verkennen ist. Die\nHaupt-Tonart ist G-dur.Der erste Satz ist mehr lieblich\nals gross, da* Adagio in C-moll recht schön, obwohl es\nsich etwas in die Länge zieht, das Scherzo vortrefflich und\ndas Finale lobenswerth. Das Adagio und besonders das\nScherzo wurden mit dem lebhaftesten Beifalle begrüsst. Es\nwar überhaupt mehr als ein S\nVon Ouvertüren kamen nur Ruy Blas und Oberon\nvor. Von Gesangstücken Einiges aus Enryanthe, die So-\npran-Arie aus Fidelio (Madem. Rey), das Finale aus dem\ndritten Acte des Moses von Rossini, eine Sopran-Arie aus\nFigaro, 0 flii, Chor a capella von Leisring, eine Motette\nfür Doppelchor von Bach, der Elfenchor aus Oberon, In-\ntroduetion zum Samson (Chor und Sopran-Arie), der un-\nvermeidliche Chor aus Castor und Pollux von Rameau, eine\nBass-Arie von Gr&ry. Auf diese Musterkarte von Gesang-\nFragmenten nun auf einmal sämmtliche vier Theile der\nJahreszeiten an Einem Abende! Das Kunststück der\nQuartett-Aufführung durch alle Streich-Instrumente des\nOrchesters kommt natürlich auch noch immer vor, und auch\ndie Societe des jeunes Artistes macht es nach.\nDiese letztere Gesellschaft brachte in ihrem dritten\nConcerte die Sinfonie von Gouvy in F, von Gounod eine\nSinfonie in D-dur und ein Präludium von J. S. Bach, lür\nChor und Orchester arrangirt. Das letztgenannte Curiosum\nkonnte ich nicht abwarten. Die Sinfonieen gefielen. Im\nvierten Concerte wagte der Dirigent Pasdeloup die Sinfo-\nnie in Es von Robert Schumann zum ersten Male dem\npariser Auditorium vorzuführen, was alle Anerkennung ver-\ndient. Die Zuhörer waren gut gestimmt; denn Schumann\ngehört ja zu den Todten und kann in Paris Niemandem\nmehr Concurrenz machen. Die Kenner von Profession hiel-\nten ihr Urtheil zurück, wünschten eine Wiederholung; das\nPublicum beklatschte hauptsächlich das Scherzo. Im All-\ngemeinen fand man in der Composition Beweise von künst-\nlerischem Berufe und poetischer Inspiration, aber im Gan-\nzen mehr schöne Arbeit als Genie. Meiner Meinung nach\nwar es nicht gut gewählt, mit dieser Sinfonie der Musik\nSchumann's hier Bahn brechen zu wollen.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-04-11-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-04-11_01#c004", "volume": "bmtnabi_1857-04-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "119", "page_fin": "120", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01.1.7", "debut_caractere": 3257, "fin_caractere_exclue": 5753, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n14 öl li, Am Dinstag den 7. April fand die dritte diesjährige\nSoiree für Kammermusik im Hotel Disch Statt. Die Herren\nGrunwald, Derckum, Peters und Breuer trugen ein Quar-\ntett von J. Haydn in G-dur und eines von F. Mendelssohn,\nOp. 44, in D-dur recht brav vor. Dazwischen hörten wir die neue\nSonate für Pianoforte und Violine von Ed. Franck (Manuscript),\nderen wir schon vor einiger Zeit als einer recht gelungenen Com-\nposition in diesen Blättern erwähnt haben. Sie wurde von dem\nComponisten und Herr« Concertmeister Grunwald vortrefflich aus-\ngeführt. Die Soiree war übrigens nicht so zahlreich besucht, wie\ndie früheren. Das Frühlingswetter und das bereits längere Tages-\nlicht sind den Musen der Salons nicht günstig.\nUeber die Prüfungen und das Prüfungs-Concert der Musikschule\nberichten wir in nächster Nummer.\nAnrieh* Der hiesige Sing-Verein, unter Leitung des Herrn\nDr. Ed. Krüger, hat am 24. März Haydn's Jahreszeiten mit Or-\nchester zu rechter Freude, reicher Belehrung und wahrem Genüsse\nder Ausführenden und Hörenden recht wacker aufgeführt.\nWiesbaden. Fräul. Freinsheim von hier, die sich meh-\nrere Jahre hindurch für Gesang in Mailand ausgebildet hat, trat\nhier, nachdem sie in einem Concerte bei Hofe sich den Beifall der\nAllerhöchsten Herrschaften erworben hatte, als Gräfin in Figaro's\nHochzeit zum ersten Male auf. Ihr Debüt war von überraschend\ngünstigem Erfolge begleitet. Die angehende Künstlerin ist unzwei-\nfelhaft ganz in den Charakter ihrer Rolle eingedrungen, durchlebte\nin ihrem Innern die Leiden und Schmerzen der unglücklichen\nGattin, „einst angebetet, nun verabsäumt\", und liess das Echo der-\nselben in sympathetischen Klängen zu unseren Herzen zurücktönen,\neinen leisen Anflug von einstiger jugendlicher Munterkeit und Co-\nquetterie beimischend. Ihrem Mienenspiele und ihren Bewegungen\nwar, einige leicht zu beseitigende Kleinigkeiten abgerechnet, jener\nAdel aufgedrückt, der die Gräfin kennzeichnet. Die Stimme gab\nsich, wenn man die Befangenheit eines ersten Auftretens in Be-\ntracht zieht, leicht ansprechend, wohllautend und gut ausgebildet,\ndie Höhe von besonders angenehmem Klange. Das Publicum, wel-\nches in grosser Anzahl sich eingefunden hatte, begleitete die Lei-\nstung des Fräuleins, welche durch den Umstand, dass es eine ge-\nborene Wiesbadenerin ist, an Interesse gewinnt, mit anhaltendem\nBeifalle und rief die jugendliche Künstlerin wiederholt hervor. Man\nkann nach dem Erfolge dieses Abends mit Recht hoffen, dass der"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7349, "texte": "deutschen Opernbühne eine frische, hoffnungsvolle Kraft gewonnen\nwurde. Dem Vernehmen nach soll demnächst „Agathe\" als zweites\nGastspiel folgen.\nLeipzig-, 13. März. Am 4. d. Mts. führte man zum Benefiz\ndes Opern-Regisseurs Behr den „Tannhäuser\" von Richard Wag-\nner auf. Capellmeister Dr. Franz Liszt dirigirte. Sein Stab hatte,\nwenn man die sonstigen leeren Häuser bei Tannhäuser-Aufführun-\ngen bedenkt, diesmal Wunder gewirkt; es war an dem beregten\nAbende so voll, wie nie im Theater. Dazu kommt noch, dass Behr\nerhöhte Preise anzusetzen die Erlaubniss erhalten hatte. Liszt war\naber nicht der einzige Anziehungs-Factor; es war ja bekannt, dass\ndie Hauptrollen von den gepriesenen Weimarer Hof-Opernsängern,\nBariton von Milde und Frau und Tenor Caspary, dargestellt werden\nsollten. Diese Aussicht zog ebenfalls. Nun aber der Erfolg. Je nun,\nder war glänzend genug. Die Oper ging am Schnürchen. Sie zeugte\nvon der ganz eigentümlichen Auflassung des diesmaligen Dirigen-\nten, welche durch die ganze Vorstellung hindurch vorherrschend\nblieb: es waren die langsamen Tempi, unter denen Niemand mehr\nals die armen Bläser zu leiden hatte. Späterhin wurde einem das\nDehnen zu viel, und das Langsame war langweilig. Mit kernigem\nBeifall wurden Wolfram von Eschenbach und Prinzessin Elisabeth\nüberschüttet; das Künstler-Ehepaar von Milde war in der That\nnach allen Seiten hin höchst vortrefflich und rechtfertigte den ihm\nvorausgehenden Ruf als Wagner-Interpreten. Caspary, der unselige\nTannhäuser, erregte dagegen bei uns den unchristlichen Wunsch,\ndass er doch lieber, zum Schaden seiner Moral freilich, doch der\nKunst und uns zu Liebe, im Venusberg oder daheim geblieben sein\nmöchte. Unbegreiflich, wie ein solcher Saul unter die Weimarer\nPropheten kommt! Von einem natürlichen Gesang und Spiel war\nkeine Rede; seine Mundstellung war zum Erbarmen schlecht, seine\nTöne durch fortwährenden Kinnbackenkrampf' und unablässiges\n„Schleifen\" im höchsten Grade widerlich. Liszt reis'te Donners-\ntag wieder ab. Im Ganzen kann er mit seinem Empfange in Leip-\nzig wohl zufrieden sein. Er hat ein Publicum gefunden, das seine\nBestrebungen ruhig gewürdigt und seine Bereitwilligkeit, edeln\nZwecken aufs uneigennützigste zu dienen, gebührend anerkannt hat.\nDass er keine bessere Musik schreibt, dafür kann er nicht; dass\nseine Musik aber eben nicht im Geiste und Charakter der wahren\nmusicalischen Schönheit geschrieben ist, darüber ist die Kritik un-\nserer Stadt, mit alleiniger Ausnahme der Wagner-Liszt'schen Or-\ngane, einig. Wir sind neugierig, im nächsten „Fliegenden Blatte\"\nunseren Lobe noch abzuhören.\n** Bremen. Die hiesige Sing-Akademic unter des würdigen\nRiem Leitung führt am Charfreitag dessen Oratorium „Der Er-\nlöser\" auf. Das Werk ist schon vor längerer Zeit geschrieben,\naber eine höchst achtungswerthe Composition, die sich in der Form\nund dem Stile der Chöre Bach anschliesst. Ausserdem hat die Aka-\ndemie diesen Winter Israel in Aegypten von Händel aufgeführt.\nDer Cäcilien-Verein, unter Leitung des verdienten Musik-Direc-\ntors und geschätzten Componisten Georg Schmidt hat Men-\ndelssohns Walpurgisnacht, zwei Theile der Jahreszeiten und\ndie Schöpfung von Haydn gebracht und wird nach Ostern eine\nAufführung von R. Schumann s Paradies und Peri veranstalten.\nG. Schmidt hat ein Septett für Violine, Viola, Violoncell, Bass,\nClarinetle, Fagott und Horn' geschrieben, welches zwei Mal hier\n(im Künstler-Verein und in Herrn Schmidl's Concert) mit grossem\nBeifall gehört worden ist.\nWien, Die Verlagshandlung von Franz Glöggl&Sohn\nhat für zwei Salon-Piecen für Pianoforte, welche von den Preis-\nrichtern als die besten anerkannt werden, für jede einen Preis von\nzehn Ducaten in Gold bestimmt. Die Compositionen sollen 6—lo\nDruckseiten stark, in nicht zu schwerem Stile, Unterhaltung des\ngeübteren Pianisten und angenehme Weiterbildung der lernenden\nJugend im Auge haben. Die Preis-Compositionen bleiben Eigen-\nthum der Verlagshandlung und müssen längstens bis 1. Juni d. J.f\nohne Namens-Angabe des Componisten, jedoch mit einem Motto\nversehen, unter Beifügung eines versiegelten Zettels, mit gleichem\nMotto bezeichnet, welches im Einschlüsse den Namen und Wohn-\nort des Componisten enthält, unter der Adresse F. Glöggl & Sohn,\nKunst- und Musicalienhandlung in Wien, franco eingesandt werden.\nDas Preisrichter-Amt haben die Herren Theodor Kullack, könig-\nlicher Hof-Pianist zu Berlin, Ignaz Moscheies, Director und Pro-\nfessor am Conservatorium zu Leipzig, Simon Sechter, k. k. Hof-\nOrganist und Professor, J. A. Pacher, Pianist und Composileur in\nWien, mit achtungswerther Bereitwilligkeit übernommen.\nDas zweite Concert der Pianistin Na nette Falk, welches am\n17. März Abends im Saale der Musikfreunde Statt fand, war von\neinem ziemlich zahlreichen Publicum besucht, das die schönen\nVorzüge der Künstlerin anerkennend würdigte. Nebst der Sonate\nvon Beethoven (Op. 53) trug sie die F-mo//-Phantasie von Chopin,\ndas Rondo capriccioso von Mendelssohn, eine ungarische Rhapsodie\nvon Franz Liszt und drei Nummern aus den Kinder-Scenen von\nSchumann vor, nämlich: 1. „Bittendes Kind\", 2. „Glückes genug\"\nund 3. „Haschemann\", welche anmuthige, charakteristische Ton-\nstücke sehr gefielen. Die meiste Wirkung machte aber der treff-\nliche Vortrag des Mendelssohn'schen Rondo.\nMonument für W. A. Mozart auf dem St. Marxer\nFriedhofe. Der akademische Bildhauer Hans Gasser hat ein\nModell des Monumentes eingesandt, welches zur Erinnerung an\nW. A. Mozart am St. Marxer Friedhofe hergestellt werden soll.\nDasselbe erscheint zur Ausführung geeignet und die von ihm ge-\nstellten Bedingungen annehmbar. Der Herr Bürgermeister wurde\ndesshalb in der Gemeinderaths-Sitzung ermächtigt, im Einverständ-\nnisse mit einem Comite von Sachverständigen alle bezüglich der\nAusführung nöthigen Verfügungen zu treffen.\nDas Liszt-Concert in Wien. Auch die Neue WTiener\nMusik-Zeitung berichtigt jetzt in ihrer Nr. 12 die Falschmünzerei\neines anderen wiener Blattes mit folgenden Worten:\n„Wahrhaft empörend und ekelerregend aber ist es, wenn eine\nbefangene Kritik kein Mittel scheut, um ihre Götzenbilder der Ver-\nehrung der Welt aufzudringen; wenn sie sich nicht damit begnügt,\nsie unablässig zu beräuchern, sondern sogar die Thatsachen fälsch\nmünzt, um die Welt glauben zu machen, dass auch das Publicum\nbereits bekehrt sei und zu den Fratzenbildern, die sie vergöttert,\nmit gleicher Verehrung emporblicke; wenn sie in ihrer Parteilich-\nkeit so weit geht, alle jene, die nicht zu ihr hallen, für gehässig,\nneidisch, aufgeblasen, bornirt zu erklären. W7o die Gemeinheit\neinen Grad erreicht hat, um zu solchen Mitteln zu greifen, wird\nsie zum Selbstverräther der eigenen inneren Hohlheit, so wie der\nOhnmacht ihrer Sache, und man kann sie getrost ihrem Schicksale\nüberlassen. Aehnliehes haben wir jüngst aus Anlass der Liszt'schen\n„Preludes\" und seines Clavier-Concertes hier erlebt, indem eines\nder hiesigen Blätter den Beifall, welcher dem meisterhaften Vor-\ntrage des Liszt'schen Conccrtes durch Herrn Pruckner zu Theil\nwurde, und die durch überwiegende Zeichen des Missfallens para-\nlysirten krampfhaften Anstrengungen des Beifalls einer Clique nach\nden unerquicklichen „Preludes\" für eine unfehlbare und glänzende\nAnerkennung der Grösse Liszt's durch d<»s hiesige Publicum er-\nklärte und die gosammte hiesige Kritik, die sich einstimmig gegen\ndas Werk aussprach, mit Koth bewarf.\""}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "113", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nBeethoven, ses Critiques et ses Glossateurs. Par Alexandre OulibichefF. 111. Von L. B. Pariser Briefe (Oberon\nvon Weber Haydn's Jahreszeiten Concerte des Conservatoire der Societe des jeunes Artistes). Von B. P, Tages- und Un-\nterhaltungsblatt (Köln, HI. Soiree für Kammermusik Aurich Wiesbaden, Fräul. Freinsheim Leipzig, Tannhäuser Bre-\nmen Wien, Preise für Ciavierstücke, Nanette Falk, Monument für W. A. Mozart Das Liszt-Concert).\n\nBeethoven, ses Critiques et ses Glossateurs.\nPar Alexandre Oulibicheff.\nIII.\nDer erste Abschnitt, Etüde biographique, stützt sich\nganz und gar auf Schindler, bringt einige Anekdoten und\nAeusserungen Beethoven's aus Seyfried, Wegeier, Ries\nwieder vor und enthält nichts Neues über Beethoven als\nMenschen, was freilich auch von Russland her nicht zu er-\nwarten war.\nDer zweite Abschnitt, Les trois manieres de Beethoven,\nknüpft wieder an die Einleitung (Resume etc.) an und be-\nspricht die Entwicklung der Instrumental-Musik bis zu\nBeethoven und hauptsächlich durch ihn. Der Verfasser sucht\nnachzuweisen, dass diese Musik denselben Impulsen folgte,\nwelche die dramatische Musik umgestalteten, nämlich den\nneuen Ideen, der neuen Weltanschauung, wie sie sich seit\nder französischen Revolution bildete. Die zweite Manier\nBeethoven's erklärt er fnach Schindlers Vorgang) aus dem\nBestreben, einen poetischen Gedanken, eine objeclive Idee\nmit dem musicalischen subjectiven Gedanken, d. i. mit dem\nThema, zu vereinigen. Er sagt darüber unter Anderem:\n„Jedes gute musicalische Werk trägt sein Programm, oder\nvielmehr eine Menge von Programmen, in sich. Der Ein-\ndruck der Musik ruft oft Phantasiebilder in uns hervor,\nwelche gleichsam zu allegorischen Brücken werden, die\nuns zu Vorstellungen und Begriffen führen; aber diese Bil-\nder sind unendlich verschieden, je nach der Individualität\ndes Hörers, nach dem Grade seiner musicalischen Bildung,\nnach der Seelenstimmung, die ihn gerade beherrscht, nach\nder guten oder schlechten Ausführung und vielen anderen\nUmständen, so dass Jeder auf ein anderes Programm kom-\nmen kann, das sich beim Hören wie von selbst bildet. Je-\ndoch findet der Unterschied zwischen der reinen und der\nauf etwas Objectives angewandten Musik Statt, dass in den\nErzeugnissen jener das Programm aus der Musik hervor-\ngeht, in dieser aber die Musik aus dem Programm hervor-\ngehen soll. Man kann es allerdings begreifen, dass der Com-\nponist, der die Absicht hat, eine bestimmte Vorstellung\ndurch Bilder, welche dieser Vorstellung entsprechen, zu\nerzeugen, zu Berechnungen und Combinationen seine Zu-\nflucht nehmen muss, welche die musicalische Kunst an und\nfür sich ihm nicht liefern kann. Allein so lange diese Kunst\nund das Gesetz der reinen Musik so vorwiegend in einem\nInstrumentalsatze herrscht, dass derselbe in allen seinen\nTheilen vollkommen verstanden werden kann, so mag der\nComponist, wenn er will, seinen geheimen Vorbehalt ver-\nschweigen. So viel ist gewiss, die grossen, die wahren Mei-\nsterwerke Beethoven's, seine leuchtenden Tonschöpfun-\ngen, bedürfen eben so wenig der Fackel des Programms,\nals Haydn's und Mozart's Sinfonieen; wäre das nicht, so\nwürden sie jedenfalls hinter diesen zurückstehen müssen.\n„Im Grunde war die Verfolgung eines poetischen Ge-\ndankens in den Werken der Instrumental-Musik das Re-\nsultat jener Bewegung, zu welcher der Zeitgeist den An-\nstoss gab, und die in Cherubini's Opern zuerst sichtbar\nwurde. Man sah darin ein Mittel, die Musik dem Volke\nnäher zu bringen, indem man ihr eine bestimmtere, schär-\nfere, handgreiflichere Charakteristik zu geben suchte; da-\ndurch sollte sie sich der Deutlichkeit des dramatischen Aus-\ndrucks nähern und eben desshalb eine grössere Wirkung\nauf die Masse der Zuhörer machen. Aus der Sphäre der\nEmpfindungen wollte Beethoven in den Kreis der Begriffe\nübergehen, die musicalische Idee mit einer Gefühls- oder\nVernunft-Idee verbinden, das dramatische Element mit dem\nlyrischen vereinigen, kurz: die ideale, unbestimmte und\nwechselnde Deutung, die sich von selbst in der Seele des\nHörers bildet, dazu benutzen, ihn zur Auffassung eines"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "114", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01.1.2", "texte": "bestimmten und vorbedachten Programms zu bringen. In\ndiesem Sinne componirte er die Eroica, mit der Bestim-\nmung, Bonaparte darzustellen, von welchem er die Um-\nwandlung aller Monarchieen in platonische Republiken er-\nwartete. Gewiss war Bonaparte, von diesem Gesichtspunkte\naus betrachtet, eine Idee; allein da das Gefühl des\nHeroischen, das sich daran knüpfte, wesentlich dem Gebiete\nder Musik angehört, so verschmolz das Programm mit dem\nThema des ersten Allegro, und es entstand ein Meisterwerk\nreiner Instrumental-Musik, als wenn gar kein Programm\nda gewesen wäre.\"\nAus der Uebertreibung dieses Strebens nach Objecti-\nvirung erklärt er dann die Entstehung der dritten Ma-\nnier Beethoven's und gibt das, was er darüber sagt, zwar\nnur als Hypothese, aber doch als „eine Hypothese, die an\nEvidenz reicht, weil sie ganz und gar aus Schindlers Buche\nhervorgeht und allein die letzten Werke Beethoven's er-\nklären kann, die man so lange als räthselhaft. bezeichnete,\nbis man darin die Musik der Zukunft entdeckt hatte.\"\nWir sind natürlich ganz anderer Meinung über die\nletzten Werke Beethoven's und halten ihre Entstehung aus\neinem „Kampfe zwischen Irrlhum und Wahrheit\", wie\nUlibischefl' meint, lür keineswegs erwiesen. Die Absonder-\nlichkeiten, von denen sie allerdings nicht frei sind, sind viel\nweniger Erzeugnisse eines Strebens nach Objectivirung, als\nSpiele einer musicalischen Sophistik. Was ihre Verurtei-\nlung in Bausch und Bogen betrifft, so sind wir abge-\nsehen davon, dass sie bei Ulibischeff grossentheils auf ein\nContumacial-Verfahren begründet ist der bescheidenen\nMeinung, dass die höchste Instanz darüber nicht zu Lukino\nund Nischnei im tiefen Russland ihren Sitz habe. Was soll\nman auch für ein Urtheil über jene letzten Thaten Beetho-\nven's von einem Kritiker erwarten, der in einem der voll-\nendetsten Werke der mittleren Periode, in der C-moll-\nSinfonie (Nr. V.), die bewunderte Einleitung aus dem\nScherzo in das letzte Allegro als „voll von Ungereimtheit\nund harmonischer Abscheulichkeit, welche die donnernde\nExplosion herbeiführen,\" charakterisirt? der da meint: „Es\nfindet sich hier eine sonderbare Melodie, welche mit einer\nnoch sonderbareren Harmonie im Bass, in G und in C,\neine Art von abscheulichem Miauen und Missklang hervor-\nbringt, welche selbst das wenigst empfindliche Ohr zer-\nreisst\"? (Mozart, 111. Band der Stuttgarter Ausg., S. 326.)\nWir wollen bei dieser Gelegenheit einen Sprung mit-\nten in den dritten Abschnitt—\nthun, welcher die bedeutendsten Werke Beethoven's aus\njeder der drei Perioden charakterisirt. Die Eigenheiten der\ndritten Periode werden hier als „ grillenhafte Hirngespinste\"\n(chimeres) bezeichnet und ihre Spuren in allen Werken der\nverschiedenen Perioden nachgewiesen. Hören wir nun, wie\nU. sich hier S. 207 über jene Einleitung zu dem Finale\nder lünften Sinfonie ausdrückt. Er lässt 28 Tacte davon\nabdrucken und sagt:\n„Diese Stelle ist nichts Anderes als ein neuer Aus-\ndruck der Chimäre, aber von so chimärischer Gestalt, dass\nkein Mensch jemals auch nur im Traume etwas Aehnliches\ngesehen oder gehört hat. Hier handelt es sich nicht mehr,\nwie in den früheren Beispielen, um einige schnell vorüber-\neilende Noten, die einen kratzen und das Ohr in Ungewiss-\nheit lassen, woher der widrige Eindruck gekommen, den\nes so eben empfunden. Hier haben wir ein Stück von 44\nTacten, in welchen der Componist die Habeas-Corpus-Acte\nder Musik aufgehoben hat und die letztere von allem enl-\nblösst, was irgend einer Art von Melodie, Harmonie oder\nRhythmus ähnlich sehen könnte. Da haben wir zuerst einen\ndoppelten Grundbass, indem zwei Noten lür nichts in der\nHarmonie zählen, was das Ohr nicht zulassen kann; und\nauf dieser wunderlichen Grundlage folgen einander zu-\nfällige, noch wunderlichere Dissonanzen, ohne vorbereitet\nnoch aufgelöst zu werden, und das Ganze wird von Pau-\nkenschlägen, die sich darauf beschränken, den Dreiviertel-\nTact zu schlagen, fortgetrieben. Ist das Musik? Ja oder\nnein? Bei einer Bejahung müsste ich sagen, was Felis viel-\nleicht zu streng von den Werken eines berühmten Com-\nponisten sagt, dass das nicht zu der Kunst gehört, die ich\ngewohnt bin als Musik zu betrachten. Die Chimäre zeigt\nsich also in der C-mo/Z-Sinfonie unter der Form einer\nVorbereitung des Effectes. Jeder Zuhörer, der nur\netwas musicalisch ist, begreift sogleich, dass ein so abscheu-\nlich hässliches Ungeheuer nicht in das Orchester hineinge-\nschleudert worden, um seine schönen Augen bewundern\nzu lassen. Man ahnt den Drachen, der den Waagen einer\nGöttin zieht, und von dem Augenblicke an schlüpft die\nAufmerksamkeit über den gegenwärtigen Augenblick hin-\nweg und spannt sich nur auf den, der da kommen soll.\nDas Ohr lauert auf den verheissenen Effect, wie das Auce\n7 O\nauf die erste Rakete eines Feuerwerks, und wenn nichts\neine bessere Vorbereitung auf ein pyrotechnisches Meister-\nwerk ist, als die Finsterniss, so macht auch die Harmonie\nnichts so fühlbar, als der Contrast des Missklanges. So be-\nrechnete Beethoven ohne Zweifel die Sache, und die Be-\nrechnung hat ihn nicht getäuscht. Der Anfang des Finale\nwürde als Musik geringere Wirkung gemacht und weniger\nüberrascht haben, wenn der Componist ihm nicht eine"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "115", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01.1.3", "texte": "Reihe von Noten, die mit Musik gar nichts zu thun haben,\nvorausgeschickt hätte. Diesmal also findet die Chimäre we-\nnigstens ihre Entschuldigung.\"\nMit solchen Beweisführungen wird Ulibischeff die Aus-\nsprüche über Beethoven in seinem Mozart, die wir miss-\nverstanden haben sollen, schwerlich rechtfertigen. Lies't\nman nun, gegen Stellen, wie die oben übersetzte, gehalten,\nauf der anderen Seite seine enthusiastische Verherrlichung\nBeethoven's und namentlich der fünften Sinfonie, so kann\nman sich nicht enthalten, auf den Mann, der starr an sei-\nnem musicalischen Katechismus hängt, die Worte Faust's\nanzuwenden:\n~Dass diese Ireue, liebe Seele,\nVon ihrem Glauben voll,\nDer ganz allein\nIhr seligmaehend ist, sich quäle,\nDass sie den liebsten Mann verloren halten soll \"\nDer Abschnitt „Production beschäftigt\nsich überhaupt mit der Charakteristik der Clavier-Sonaten,\nzunächst der ersten Periode, aus welcher der Verfasser\nOp. 7, 10, 13, 22, 26, 27, 31 als diejenigen auswählt\nund bespricht, welche bereits das Gepräge einer bedeuten-\nden Originalität tragen.\nEs scheint, dass Ulibischeff die Sonaten Beethoven's\nerst spät, jedenfalls erst nach Vollendung seiner Arbeit\nüber Mozart, kennen gelernt hat. Er sagt selbst: „Das\nStudium dieser Werke, das ich allein auf dem Lande be-\ngann, war lür einen, der nicht Ciavier spielte und keinen\nClavierspieler bei sich halte, eine mühsame und schwierige\nAufgabe. Allein die Schicksals-Göttin, über die ich mich\nnie sehr zu beklagen gehabt habe, kam mir zu Hülfe und\nsandte mir im Sommer 1854 zwei Pianisten auf einmal\nnach Lukino, Herrn Schifl (einen Virtuosen von Ruf in\nRussland) und einen jungen Dilettanten, wie man deren\nsonst nicht findet, Herrn Emil BalakirefT. Durch sie hörte\nich alle Sonaten von Op. 2 bis Op. 111. Einige davon\nwurden wohl zwanzig und mehr Mal wiederholt. Auch\nsämmtliche Sonaten für Ciavier und Violine spielte ich mit\nBalakirefT durch; Alles wurde von meinen heroischen Pia-\nnisten bezwungen, mit Ausnahme eines einzigen Stückes,\ndas von Natur unbezwinglich ist; denn wie man es auch\nvorträgt, immer lässt es bei dem Hörer die Ueberzeugung\nzurück, dass das, was er gehört habe, keine Musik ist.\nIch meine die Fuga con alcune den letzten Salz\nder Sonate Op. 106.\"\nIm Allgemeinen sagt er über die Sonaten Folgendes:\n„Nirgends zeigt sich der Reichthum von Ideen, wel-\ncher Beelhoven selbst Mozart in Beziehung auf Erfindung\ngleich stellt, so offenbar und so bewundernswert!), als in\nden Clavier-Sonaten. Da aber Beethoven nicht wie Mozart\nein Universal-Musiker, ein Mann lür alle Kunstzweige war,\nso verstand er nicht so gut, wie jener, seine Gedanken\neben so passend zu gebrauchen, weder in Hinsicht auf die\nbesonderen Bedingungen und Gränzen jeder Kunstgattung,\nnoch auf so vortheilhafte Weise in Bezug auf die Summe\nder Mittel zur Auslührung. Ich meine damit, dass Beetho-\nven die Stile und Gattungen vermischte, und dass er dies\nin vielen von seinen Werken, besonders aber in den Sona-\nten, gethan hat. Viele darunter sind wirkliche Clavier-So-\nnaten und könnten nur verlieren, wenn sie etwas Anderes\nwürden. Dahin gehören bei Weitem die Mehrzähl aus der\nersten Periode. Dann aber gibt es einige, in denen man\neinzelne Theile bemerkt, die nichts als Augenmusik im gu-\nten Sinne sind, z. B. Synkopen, die bedauern, auf dem\nCiavier nicht synkopirt werden zu können, und ganze No-\nten, die ohne Bogenstrich nicht ausgehalten werden kön-\nnen. Man hat desshalb auch Violin-Trio's und Quartette\ndaraus gemacht. Andere Sonaten oder Stücke derselben\nsind so symphonisch geschrieben, dass man sie lür Or-\nchester eingerichtet hat; dann finden sich wieder so dra-\nmatische oder geradezu sangbare Stücke, dass man nichts\neiliger zu thun hatte, als ihnen Texte unterzulegen. Mo-\nzart's Werke haben nie dergleichen Metamorphosen erlebt\n[Kennt der Verfasser die Orchester-Bearbeitungen von\nSeyfried nicht?] und vertragen sie auch nicht. Ich bin weit\nentfernt, Beethoven daraus einen Vorwurf zu machen; das\nhiesse ihm gerade das Schönste, was in seinen Sonaten\nliegt, vorwerfen. Vergessen wir aber nicht, dass eine Zeit\nkam, wo Beethoven seine Ciaviersachen nicht mehr schrieb,\num sie selbst zu spielen oder sie von Anderen zu hören,\nsondern nur, um sie zu verkaufen und darin die Ideen aller\nArt niederzulegen, welche ihm Tag lür Tag zuströmten\nund ihren einfachsten Ausdruck und ihre leichteste Gestal-\ntung in der Sonatenform fandet» einer Form, die er je\nnach der Natur und dem wirklichen oder eingebildeten\nWerthe seiner Eingebungen bis ins Unendliche veränderte.\n„So entstand in dem Zeiträume von ungefähr sieben-\nundzwanzig Jahren die Sammlung der Sonaten Beethoven's\nfür das Pianoforte allein ein Schatz, dem in den Archi-\nven der Tonkunst nichts zu vergleichen ist, ein wahres\nZeughaus von Ideen und Formen, aus dem seine Zeitge-\nnossen oft geschöpft haben, aus dem man noch jetzt\nschöpft, immerfort schöpfen und es dennoch als uner-\nschöpflich erkennen wird. Der Raub ist an Beethoven\nnach einem so grossartigen Maassstabe begangen worden,"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01.1.4", "texte": "Dass niemand, der noch etwas von ihm stiehlt, sich für\neinen Dieb hält.\"\nVortrefflich und des Verfassers Bewunderung für Beet-\nhoven wahrhaft rechtfertigend ist auch folgende Stelle über\ndas Largo in Cder Sonate Op. 7in „Der rhyth-\nmische Bau des Thema s in den ersten Tacten gibt ihm\neine fragende Form, welche sich bis zu dem Uebergange\nin As-dur fortsetzt, wo eine Melodie voll sanfter Empfin-\ndung und grossen Charakters beginnt, die sich auf einer\nbreiten und mächtigen Harmonie entwickelt. Diese Melodie\nwechselt in verschiedenen Tonarten mit dem Thema und\nanderen episodischen, daraus hergeleiteten Figuren. Es ist\ngleichsam eine Gewissens-Prüfung, eine Reihe von Fragen,\nwelche den Tiefen der Seele entsteigen, und von unaus-\nsprechlichen Antworten, die das religiöse Gefühl eingibt.\nIn der ganzen Anlage haben die Pausen eine beson-\ndere Wichtigkeit und Bedeutung. Am Ende des Stückes\ngelangt die Seele, die sich in der Stille prüfte, ihres Gottes\nvoll, zu ungetrübter Reinheit, und die grosse Melodie,\nwelche auf Alles geantwortet hatte, kehrt im Bass in C-dur\nwieder, um zu einem mild-feierlichen Schlüsse zu führen,\nder dem Anfange würdig entspricht.\" Als der junge\nBalakireff bemerkte, dass er in diesem Largo nicht die\nBeethoven'sche Originalität fände, dass es ihm mehr mo-\nzartisch vorkomme, erwiderte Ulibischeff: „Das scheint\nIhnen nicht originel, weil es an das Erhabene reicht. Das\nErhabene lässt aber nichts Relatives zu, also auch nicht\ndas Prädicat der Originalität, da diese nur auf einer Ver-\ngleichung beruht, welche eine andere Vergleichung wieder\naufheben kann. Der Eindruck des Erhabenen ist überall\nEiner und derselbe, wie alles Absolute; es ist nur mit sich\nselbst lÄU vergleichen und scheint nicht original zu sein,\nweil es den höchsten Grad der Originalität erreicht. Ich\nfinde auch, dass dieses Largo Mozart sehr ähnlich sieht,\nallein nicht in dem Sinne, als erkännte ich Mozart's Manier\ndarin, denn eine individuelle Manier ist mit dem Erhabe-\nnen durchaus unverträglich; allein aus dem Grunde, weil\nMozart öfter als jeder andere Meister das Erhabene erreicht\nhat, so dass sich dieser transscendentale oder absolute\nCharakter der Musik gleichsam mit dem Namen identificirt\n4\nhat, an den er beim Hören einen Jeden erinnert.\"\nDie Sonaten mit Violine oder Violoncell, die ersten\nIrio's, Quartette u. s. w. berührt der Verfasser kaum und\nspricht sich nur noch kurz über die zwei ersten Sinfonieen\nin Cund Dund über das Quintett in und zwar haupt-\nsächlich über letzteres ausführlich und mit Geist aus.\nEr geht sodann zu den Werken der zweiten Periode\nüber, verbreitet sich aber (mit Ausnahme einiger Bemer-\nkungen über die Clavier-Sonate Op. 81, über\ndas grosse Trio in B-dur und über die Violin-Quartetten\nOp. 59, die, wie sich erwarten liess, schon schlecht genug\nwegkommen) nur über die Sinfonieen, von der dritten\n(Eroica) bis zur achten einschliesslich. Nach der oben ge-\ngebenen Probe über das Coda des Scherzo in der fünften\nkann der Leser wohl schon ahnen, dass trotz mannigfacher\nAnerkennung und enthusiastischer Lobpreisung dieser Com-\npositionen im Ganzen es an katechetischen Rügen der vor-\nkommenden „Grillen\" und „Chimären\" nicht fehlt, welche\nvon dem Des-dur-Accordzwischen und und dem\nbekannten Eintritt des Horns mit dem ersten Motiv des\nThema's in der Eroicaan bis zu der „ Schreckensnote\"\nCis zwischen C-dur und F-dur im Finale der achten eine\nstattliche Reihe bilden. Von der letzten Stelle heisst es:\n„Man plaudert ruhig und heiter mit seinen Freunden. Auf\neinmal springt einer auf, stösst einen Schrei aus, streckt die\nZunge aus, setzt sich wieder und fährt in der Unterhaltung\nfort, als wäre nichts geschehen.\"\nlieberhaupt nennt er das Finale der achten Sinfonie „die\nInauguration der unmöglichen Musik, die Beethoven zu\nträumen anfing.\"\n\nPariser Briefe.\n[Oberon von C. M. von Weber J. Haydn's Jahreszeiten im\nConservatoire Concert- und Kammermusik.]\nDen 5. April 1857.\nDie deutsche Musik hat hier wieder einmal zwei Tri-\numphe erlebt, die eine wahre Aufregung in der pariser\nmusicalischen Welt veranlasst haben. Dieses Mal aber hat\ndiese Aufregung nicht, wie zu Gluck's Zeiten, Streit und\nSpaltungen hervorgerufen, sondern sie ist der Ausdruck\neiner einstimmigen Bewunderung aller Musiker und gebil-\ndeten Dilettanten. Am 27. Februar wurde Weber's\nOberon im Theätre lyrique und am 22. März Haydn's\nJahreszeiten von der Soäete des Concerls im Conser-\nvatoire aufgeführt, beide zum ersten Male in Paris!\nBeide Aufführungen waren ganz in der Stille vorberei-\ntet worden; die Veranstalter glaubten mit Recht, dass W7e-\nber und Haydn weder mysteriöser noch pomphafter An-\nkündigungen bedürften. Um so mehr war man überrascht,\nergriffen, entzückt.\nDer Director des Thedlre Herr Carvalho, hat\nsich da 9 grosse Verdienst um die Kunst und um das fran-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "117", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01.1.5", "texte": "zösische Publicum erworben, das letzte Meisterwerk We-\nber's auf seinem Theater vorzuführen und dadurch dem\nAndenken des unübertroffenen Meisters eine Huldigung\ndarzubringen, woran die grossen, vom Staate reichlich un-\nterstützten Opernbühnen seit dreissig Jahren nicht gedacht\nhaben. Man kannte hier vom Oberon nichts als die Ouver-\ntüre, den Elfenchor und das Lied der Meermädchen, die\ndann und wann in den Conservatoire-Conccrten auf das\nProgramm kamen. Um so überwältigender war der Ein-\ndruck der Oper; ich erinnere mich nicht, seitdem ich hier\nbin, einer so anhaltenden Spannung und nach jedem Stücke\neines so rauschenden Beifalles, wie ich sie jetzt in den\nVorstellungen des Oberon erlebt habe, wo nicht die En-\ntrepreneurs du succes mit ihren harthäutigen Fäusten, son-\ndern das wirkliche Publicum vom Orchester bis zu den\nolympischen Galerieen hinauf von Enthusiasmus hingerissen\nwurde. Es war ein rechtes Fest für mich und die deut-\nschen Freunde. Gleich die Ouvertüre wurde stürmisch\ncapo verlangt, und das treffliche, für diese Oper noch be-\nsonders verstärkte Orchester wiederholte unter der siche-\nren Leitung seines Dirigenten Deloffre das ganze Allegro\nmit Feuer und Energie. Und so ging der Beifall immer\nsteigend fort und brach oft wie vulcanisch aus. Selbst die\nverhärteten Gegner der deutschen Musik und alles dessen,\nwas deutsch ist, ergaben sich als überflügelt und besiegt\nund stimmten am Ende in den allgemeinen Jubel ein. Da-\nmit aber die Leser meinen Bericht nicht etwa als einen\nAusfluss von musicalischem Patriotismus betrachten dürf-\nten, theile ich wörtlich mit, was das Journal\nmusicale, welches die Deutschen sonst als Croaten und Bar-\nbaren Iractirt und vor einigen Jahren die Devise\naux Allemands\"auf seine Fahne schrieb, über die erste\nVorstellung sagt:\n„ Wir kommen aus dem Thedtre lyrique, und während\nunser Herz noch voll ist von der Aufregung, die Weber's\nbewunderungswürdige Musik in uns hervorgerufen, unsere\nAugen noch geblendet sind von dem prächtigen Schauspiel,\ndas wir gesehen, schreiben wir diese Zeilen nieder. Welch\nein Meisterwerk! Welche Anmuth, welcher Reiz in dem\nGesänge, welche Tiefe in den Harmonieen! Die Ouvertüre,\nvon dem Orchester vollendet wiedergegeben, mit Feuer\nund erstaunenswerthem Zusammenspiel, der wunderschöne\nElfenchor mit seinem zauberischen Dufte, die Arien Obe-\nron's und der Rezia und das Finale des ersten Actes,\nAlles rief den Ausbruch entzückter Begeisterung hervor.\n„Und so ging es bei allen Nummern der folgenden\nActe fori. Wir können nicht alle jeden Hervorrnf,\nkurz: alle die Formen erwähnen, welche die Kundgebung\ndes Beifalls bei diesem unerhörten Erfolge annahm. Eben\nso wenig können wir alle Stücke einzeln aufzählen, und\nmüssen uns heute nur auf die Constatirung der Thatsachen\nan jenem Abende beschränken. Möge uns das Publicum\nund der Schatten Weber's die Flüchtigkeit dieses Berichtes\nverzeihen\" u. s. w. u. s. w.\nDie Bearbeitung der Oper für die französische Bühne\nist ganz geschickt gemacht. Die Herren Nuitter (ein\nDeutscher?), Beaumont und de Chazot haben sie ge-\nfertigt; der Zettel lautete: Oberon, opcra fantaslique en 3\nactes, musique de Weber, poeme arrange d'apres Wieland\npar etc. Die traurigen Erfahrungen, die man am Frei-\nschütz gemacht halte, scheinen nicht unbeachtet geblieben\nzu sein; denn man hat die Musik von Anfang bis zu Ende\nunangetastet gelassen, und die Uebersetzung der Gesänge\n(meistens dem ursprünglichen englischen Texte von Planche\nfolgend) ist gut, an vielen Stellen meisterhaft. Die Verlags-\nhandlung G. Brandus, Dufour & Comp, hat sogleich zwei\nAusgaben des Clavier-Auszugs (20 Nummern ohne die\nOuvertüre) veranstaltet, die eine mit französischem Text in\n8., netto BFr., die andere mit deutschem und italiänischem\nText in 4., netto 10 Fr. Ich muss gestehen, dass der\nfranzösische Text fast überall das Geschraubte des deut-\nschen, so weit es mir in der Erinnerung ist, zum Vortheil\ndes Gesanges verwischt hat; man vergleiche z. B. „Ocean,\ndu Ungeheuer\" mit „0 toi qui ceins la terre»Abge-\nstorbner Baum\" mit „Pleure, mon coeur, ton bonheur\"\nu. s. w. Die Bearbeiter haben zwei kleine komische\nRollen hinzugefügt, von denen der Aga der Eunuchen gut\ngelungen ist. Mit der Musik haben sie nichts zu schaffen.\nDie Ausstattung ist prachtvoll und wirklich feenhaft,\ndas Schluss-Tableau bezaubernd schön. Die Ausführung\nwar im Ganzen genau und gewissenhaft der Composition\ngegenüber, die Sänger und Darsteller recht gut. Madame\nRossi-Caccia (Rezia) ist eine sehr brave Sängerin, allein sie\nist nicht mehr jung, und das reizende Ideal, das ihrem\nRitter im Traume vorschwebt, muss man durch die Phan-\ntasie ergänzen. Davon abgesehen, verdiente sie durch Auf-\nfassung der Partie und technische Sicherheit Lob. Die De-\nmoisellen Borghese (Puck) und Girard (Fatime) befriedigten\nsehr; das Lied: „Arabien, mein Heimatsland\"\nArabie, heureux sejour wurde gerufen. Der\nRitter Hüon, über dessen unharmonischen Namen man sich\närgert, hatte in einem jungen Tenoristen von Bordeaux,\nHerrn Michot, einen wackeren Vertreter gefunden; er be-\nsitzt eine von jenen Tenorstimmen, die überall frisch an-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01.1.6", "texte": "sprechen und bei stetem Wohllaut eben so gut im Zarten\nals im Kräftigen ausgiebig sind. Dergleichen Stimmen sind\nin Frankreich und jetzt überall selten, und das Lobenswer-\ntheste an dem Manne ist, dass er rein intonirt und zu sin-\ngen versteht. Bis jetzt ist er kein Schreier: möge Paris ihn\nnicht verderben! Auch die Rolle des Scherasmin war durch\nGrillon vortrefflich besetzt. Der Chor gab sich viele Mühe,\nund einige feinere Nuancen gelangen ihm recht gut. Das\nOrchester war in jeder Hinsicht vortrefflich. Bei der Auf-\nführung ist die Partitur, welche die Bibliothek des Conser-\nvatoires besitzt, zu Grunde gelegt worden. Ich weiss nicht,\nwie sie sich zu der Schlesinger'schen verhält.\nDas zweite Ereigniss in der pariser Kunstwelt war die\nAufführung von J. Haydn's Jahreszeiten im Conser-\nvatoire. Ein Oratorium, ein ganzes Oratorium auf dem\nProgramm der Concert-Gesellschaft des Conservatoires\nunerhört, unmöglich! Und doch! Wenn das kein Fort-\nschritt ist, und zwar zum Guten, dann gibt es keinen. Das\nVerdienst der Anregung und beharrlichen Durchsetzung\nder Sache gebührt Herrn Roger, und wenn sein wieder-\nholter Aufenthalt in Deutschland und seine Anwesenheit\nbei dem Jubelfeste der Maatscha\nTonkunst zu Rotterdam (wo er den Lucas sang) seinem\nVaterlande auch weiter keinen Vortheil gebracht hätte, als\ndiesen, so erwüchse ihm schon daraus ein grosser Anspruch\nauf dessen Dankbarkeit. Seine französische Uebersetzung des\nTextes wird noch in diesem Monate in Druck erscheinen.\nDiese Aufführung überraschte noch mehr als der Obe-\nron; kein Mensch ahnte etwas davon. Und welch ein Ein-\ndruck in dem Concert am 22. März! Man konnte sich ein-\nbilden, das Publicum vom Jahre 1800, welches die erste\nAufführung der „Schöpfung\" in Paris mit unendlichem\nJubel begrüssle und eine Denkmünze auf dieses Ereigniss\nzu Ehren Haydn's schlagen liess, sei wieder erstanden.\nDas Conservatoire hat einmal wieder unter seiner alten\nFahne, auf welcher die Namen Haydn, Mozart, Beethoven\nprangen, einen vollständigen und gewiss auch folgenreichen\nSieg erfochten, der ihm und dem dirigirenden Feldherrn\nGirard, der sonst eben nicht gar reich an Lorbern ist, einen\nechten Kranz des Ruhmes erworben hat. Wären doch\nLiszt und Wagner hier gewesen! Ein Werk, vor einem\nhalben Jahrhundert geschrieben, jetzt zum ersten Male in\nParis mit Orchester gegeben, ohne Reclame, ohne Vor-\nrede, ohne Programm, versetzt die Franzosen in Entzücken,\nin Begeisterung! In allen musicalischen Kreisen von nichts\ndie Rede, als von den vier Jahreszeiten Haydn's und von\ndem letzten „verblassten Sprössling der deutschen Oper\nder überwundenen Periode\"! Welch ein Schlag lür die\nZukunftsmusik! Wenn man solche Geister aus den Grä-\nbern weckt, werden sie sagen, oder vielmehr aus dem\nHimmel wieder zur Erde herabruft, was soll dann aus uns\nwerden? Ja, das weiss ich auch nicht; aber das weiss\nich, dass hier kein Boden für euch ist, selbst nicht lür\nHector Berlioz, dem es übrigens doch mehr Ernst um die\nKunst zu sein scheint, als euch!\nDie hiesigen Blätter preisen die Erscheinung der „Jah-\nreszeiten\" in den Conservatoire-Concerten als eine Offen-\nbarung im Reiche der Musik. Nur mehr solcher Versuche,\ndie man früher lür zweifelhafte Wagnisse, lür gefährliche\nSchritte auf dem glatten Parquet von Paris hielt, und sie\nwerden gelingen und herrliche Früchte tragen. „DieTheil-\nnahme, die Sympathieen, die Bewunderung der musicali-\nschen Welt werden sich an diese Versuche heften!\" ruft\nauch hier dasselbe Blatt aus, das vor einigen Jahren noch\nMort aux Allemands!rief. Das Genie ist eine Goldmine:\nbaut nur auf Gold, suchet, grabt tief, und jeder Schritt\nweiter wird euch noch unentdeckte Adern zeigen. Die\nMusik der Vergangenheit hat wahrlich noch nicht ihr letz-\ntes Wort gesprochen; es können aus ihr noch eine Menge\nvon genialen Erzeugnissen zu Tage gelördert werden, die\nden vollen Reiz der Neuheit und Jugend haben. Und das\ndürfte eine der würdigsten Aufgaben des Conservatoires\nsein. Der erste Schritt dazu ist geschehen und hat die Er-\nwartungen derer, die ihn gethan, weitaus übertroflen. Es\nwar ein wahres musicalisches Fest.\nDie Soli, Roger selbst (Lucas), Bonnehee (Simon),\ndie Damen Boulart und Ribault (die sich in die Partie\ndes Hannchen getheilt hatten), waren ausgezeichnet und\nwurden natürlich mit rauschendem Beifalle belohnt. Aber\ndennoch, und das will hier zu Lande viel sagen! wurden\nsie oft über der Pracht der Chöre vergessen, die mit gros-\nser Präcision und feinen Schattirungen gesungen und en-\nthusiastisch aufgenommen wurden. Was würde nicht erst\ngeschehen sein, wenn der Chor die jugendliche Frische,\ndie Klangfarbe und die Klangfülle der deutschen, beson-\nders der rheinischen Stimmen gehabt hätte! Von der voll-\nendeten Leistung des Orchesters zu sprechen, ist über-\nflüssig; der Name Orchestre du sagt\ngenug. Nur das muss ich doch noch bemerken, dass dieses\nOrchester gerade in der Ausführung Haydn'scher Musik\nseine grössle Meisterschaft bewährt. Man sieht einer Wie-\nderholung mit Verlangen entgegen. Die Aufführung in\neinem Hof-Concerte in den Tuilerieen, welche schon he-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01.1.7", "texte": "stimmt war, ist durch die Trauer über den Tod einer\nPrinzessin von Würtemberg aufgeschoben worden.\nUebrigens war es Zeit, dass die Concert-Gesellschaft\nder Veteranen einmal wieder ihre Ueberlegenheit zeigte;\ndenn sie hat in der Societe des jeunes Artistes du Conser-\nvatoire eine rüstig vorwärts schreitende Nebenbuhlerin.\nIch füge die wesentlichsten Stücke aus den Program-\nmen der übrigen Conservatoire-Concerte hier an und be-\nmerke dabei, dass in dem Programme des ersten in Nr. 5\ndieser Blätter zu berichtigen ist, dass die Nuit de Sabbat\nvon Mendelssohn hier „Die erste Walpurgisnacht\" bedeu-\ntet, nicht den „Sommernachtstraum14. An Sinfonieen\nsind gemacht worden: Haydn in Es und G, Beethoven\nneunte Sinfonie, die vierte in Pastoral-Sinfonie, eine\nneue von Heber. Bekanntlich bringt es ein neuerer Com-\nponist nur sehr selten dahin, dass sich die ehernen Pforten\ndes conservativen Kunsttempels vor ihm erschliessen.\nHenri Reber's Sinfonie wurde jedoch eingelassen und\nim vierten Concerte am 22. Februar sehr günstig vom Pu-\nblicum aufgenommen. Sie verdient es vollkommen durch\nErfindung, interessante und feine, überall klare Arbeit, in\nwelcher das Muster Haydn's nicht zu verkennen ist. Die\nHaupt-Tonart ist G-dur.Der erste Satz ist mehr lieblich\nals gross, da* Adagio in C-moll recht schön, obwohl es\nsich etwas in die Länge zieht, das Scherzo vortrefflich und\ndas Finale lobenswerth. Das Adagio und besonders das\nScherzo wurden mit dem lebhaftesten Beifalle begrüsst. Es\nwar überhaupt mehr als ein S\nVon Ouvertüren kamen nur Ruy Blas und Oberon\nvor. Von Gesangstücken Einiges aus Enryanthe, die So-\npran-Arie aus Fidelio (Madem. Rey), das Finale aus dem\ndritten Acte des Moses von Rossini, eine Sopran-Arie aus\nFigaro, 0 flii, Chor a capella von Leisring, eine Motette\nfür Doppelchor von Bach, der Elfenchor aus Oberon, In-\ntroduetion zum Samson (Chor und Sopran-Arie), der un-\nvermeidliche Chor aus Castor und Pollux von Rameau, eine\nBass-Arie von Gr&ry. Auf diese Musterkarte von Gesang-\nFragmenten nun auf einmal sämmtliche vier Theile der\nJahreszeiten an Einem Abende! Das Kunststück der\nQuartett-Aufführung durch alle Streich-Instrumente des\nOrchesters kommt natürlich auch noch immer vor, und auch\ndie Societe des jeunes Artistes macht es nach.\nDiese letztere Gesellschaft brachte in ihrem dritten\nConcerte die Sinfonie von Gouvy in F, von Gounod eine\nSinfonie in D-dur und ein Präludium von J. S. Bach, lür\nChor und Orchester arrangirt. Das letztgenannte Curiosum\nkonnte ich nicht abwarten. Die Sinfonieen gefielen. Im\nvierten Concerte wagte der Dirigent Pasdeloup die Sinfo-\nnie in Es von Robert Schumann zum ersten Male dem\npariser Auditorium vorzuführen, was alle Anerkennung ver-\ndient. Die Zuhörer waren gut gestimmt; denn Schumann\ngehört ja zu den Todten und kann in Paris Niemandem\nmehr Concurrenz machen. Die Kenner von Profession hiel-\nten ihr Urtheil zurück, wünschten eine Wiederholung; das\nPublicum beklatschte hauptsächlich das Scherzo. Im All-\ngemeinen fand man in der Composition Beweise von künst-\nlerischem Berufe und poetischer Inspiration, aber im Gan-\nzen mehr schöne Arbeit als Genie. Meiner Meinung nach\nwar es nicht gut gewählt, mit dieser Sinfonie der Musik\nSchumann's hier Bahn brechen zu wollen.\n(Schluss folgt.)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n14 öl li, Am Dinstag den 7. April fand die dritte diesjährige\nSoiree für Kammermusik im Hotel Disch Statt. Die Herren\nGrunwald, Derckum, Peters und Breuer trugen ein Quar-\ntett von J. Haydn in G-dur und eines von F. Mendelssohn,\nOp. 44, in D-dur recht brav vor. Dazwischen hörten wir die neue\nSonate für Pianoforte und Violine von Ed. Franck (Manuscript),\nderen wir schon vor einiger Zeit als einer recht gelungenen Com-\nposition in diesen Blättern erwähnt haben. Sie wurde von dem\nComponisten und Herr« Concertmeister Grunwald vortrefflich aus-\ngeführt. Die Soiree war übrigens nicht so zahlreich besucht, wie\ndie früheren. Das Frühlingswetter und das bereits längere Tages-\nlicht sind den Musen der Salons nicht günstig.\nUeber die Prüfungen und das Prüfungs-Concert der Musikschule\nberichten wir in nächster Nummer.\nAnrieh* Der hiesige Sing-Verein, unter Leitung des Herrn\nDr. Ed. Krüger, hat am 24. März Haydn's Jahreszeiten mit Or-\nchester zu rechter Freude, reicher Belehrung und wahrem Genüsse\nder Ausführenden und Hörenden recht wacker aufgeführt.\nWiesbaden. Fräul. Freinsheim von hier, die sich meh-\nrere Jahre hindurch für Gesang in Mailand ausgebildet hat, trat\nhier, nachdem sie in einem Concerte bei Hofe sich den Beifall der\nAllerhöchsten Herrschaften erworben hatte, als Gräfin in Figaro's\nHochzeit zum ersten Male auf. Ihr Debüt war von überraschend\ngünstigem Erfolge begleitet. Die angehende Künstlerin ist unzwei-\nfelhaft ganz in den Charakter ihrer Rolle eingedrungen, durchlebte\nin ihrem Innern die Leiden und Schmerzen der unglücklichen\nGattin, „einst angebetet, nun verabsäumt\", und liess das Echo der-\nselben in sympathetischen Klängen zu unseren Herzen zurücktönen,\neinen leisen Anflug von einstiger jugendlicher Munterkeit und Co-\nquetterie beimischend. Ihrem Mienenspiele und ihren Bewegungen\nwar, einige leicht zu beseitigende Kleinigkeiten abgerechnet, jener\nAdel aufgedrückt, der die Gräfin kennzeichnet. Die Stimme gab\nsich, wenn man die Befangenheit eines ersten Auftretens in Be-\ntracht zieht, leicht ansprechend, wohllautend und gut ausgebildet,\ndie Höhe von besonders angenehmem Klange. Das Publicum, wel-\nches in grosser Anzahl sich eingefunden hatte, begleitete die Lei-\nstung des Fräuleins, welche durch den Umstand, dass es eine ge-\nborene Wiesbadenerin ist, an Interesse gewinnt, mit anhaltendem\nBeifalle und rief die jugendliche Künstlerin wiederholt hervor. Man\nkann nach dem Erfolge dieses Abends mit Recht hoffen, dass der"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570411-01.1.8", "texte": "deutschen Opernbühne eine frische, hoffnungsvolle Kraft gewonnen\nwurde. Dem Vernehmen nach soll demnächst „Agathe\" als zweites\nGastspiel folgen.\nLeipzig-, 13. März. Am 4. d. Mts. führte man zum Benefiz\ndes Opern-Regisseurs Behr den „Tannhäuser\" von Richard Wag-\nner auf. Capellmeister Dr. Franz Liszt dirigirte. Sein Stab hatte,\nwenn man die sonstigen leeren Häuser bei Tannhäuser-Aufführun-\ngen bedenkt, diesmal Wunder gewirkt; es war an dem beregten\nAbende so voll, wie nie im Theater. Dazu kommt noch, dass Behr\nerhöhte Preise anzusetzen die Erlaubniss erhalten hatte. Liszt war\naber nicht der einzige Anziehungs-Factor; es war ja bekannt, dass\ndie Hauptrollen von den gepriesenen Weimarer Hof-Opernsängern,\nBariton von Milde und Frau und Tenor Caspary, dargestellt werden\nsollten. Diese Aussicht zog ebenfalls. Nun aber der Erfolg. Je nun,\nder war glänzend genug. Die Oper ging am Schnürchen. Sie zeugte\nvon der ganz eigentümlichen Auflassung des diesmaligen Dirigen-\nten, welche durch die ganze Vorstellung hindurch vorherrschend\nblieb: es waren die langsamen Tempi, unter denen Niemand mehr\nals die armen Bläser zu leiden hatte. Späterhin wurde einem das\nDehnen zu viel, und das Langsame war langweilig. Mit kernigem\nBeifall wurden Wolfram von Eschenbach und Prinzessin Elisabeth\nüberschüttet; das Künstler-Ehepaar von Milde war in der That\nnach allen Seiten hin höchst vortrefflich und rechtfertigte den ihm\nvorausgehenden Ruf als Wagner-Interpreten. Caspary, der unselige\nTannhäuser, erregte dagegen bei uns den unchristlichen Wunsch,\ndass er doch lieber, zum Schaden seiner Moral freilich, doch der\nKunst und uns zu Liebe, im Venusberg oder daheim geblieben sein\nmöchte. Unbegreiflich, wie ein solcher Saul unter die Weimarer\nPropheten kommt! Von einem natürlichen Gesang und Spiel war\nkeine Rede; seine Mundstellung war zum Erbarmen schlecht, seine\nTöne durch fortwährenden Kinnbackenkrampf' und unablässiges\n„Schleifen\" im höchsten Grade widerlich. Liszt reis'te Donners-\ntag wieder ab. Im Ganzen kann er mit seinem Empfange in Leip-\nzig wohl zufrieden sein. Er hat ein Publicum gefunden, das seine\nBestrebungen ruhig gewürdigt und seine Bereitwilligkeit, edeln\nZwecken aufs uneigennützigste zu dienen, gebührend anerkannt hat.\nDass er keine bessere Musik schreibt, dafür kann er nicht; dass\nseine Musik aber eben nicht im Geiste und Charakter der wahren\nmusicalischen Schönheit geschrieben ist, darüber ist die Kritik un-\nserer Stadt, mit alleiniger Ausnahme der Wagner-Liszt'schen Or-\ngane, einig. Wir sind neugierig, im nächsten „Fliegenden Blatte\"\nunseren Lobe noch abzuhören.\n** Bremen. Die hiesige Sing-Akademic unter des würdigen\nRiem Leitung führt am Charfreitag dessen Oratorium „Der Er-\nlöser\" auf. Das Werk ist schon vor längerer Zeit geschrieben,\naber eine höchst achtungswerthe Composition, die sich in der Form\nund dem Stile der Chöre Bach anschliesst. Ausserdem hat die Aka-\ndemie diesen Winter Israel in Aegypten von Händel aufgeführt.\nDer Cäcilien-Verein, unter Leitung des verdienten Musik-Direc-\ntors und geschätzten Componisten Georg Schmidt hat Men-\ndelssohns Walpurgisnacht, zwei Theile der Jahreszeiten und\ndie Schöpfung von Haydn gebracht und wird nach Ostern eine\nAufführung von R. Schumann s Paradies und Peri veranstalten.\nG. Schmidt hat ein Septett für Violine, Viola, Violoncell, Bass,\nClarinetle, Fagott und Horn' geschrieben, welches zwei Mal hier\n(im Künstler-Verein und in Herrn Schmidl's Concert) mit grossem\nBeifall gehört worden ist.\nWien, Die Verlagshandlung von Franz Glöggl&Sohn\nhat für zwei Salon-Piecen für Pianoforte, welche von den Preis-\nrichtern als die besten anerkannt werden, für jede einen Preis von\nzehn Ducaten in Gold bestimmt. Die Compositionen sollen 6—lo\nDruckseiten stark, in nicht zu schwerem Stile, Unterhaltung des\ngeübteren Pianisten und angenehme Weiterbildung der lernenden\nJugend im Auge haben. Die Preis-Compositionen bleiben Eigen-\nthum der Verlagshandlung und müssen längstens bis 1. Juni d. J.f\nohne Namens-Angabe des Componisten, jedoch mit einem Motto\nversehen, unter Beifügung eines versiegelten Zettels, mit gleichem\nMotto bezeichnet, welches im Einschlüsse den Namen und Wohn-\nort des Componisten enthält, unter der Adresse F. Glöggl & Sohn,\nKunst- und Musicalienhandlung in Wien, franco eingesandt werden.\nDas Preisrichter-Amt haben die Herren Theodor Kullack, könig-\nlicher Hof-Pianist zu Berlin, Ignaz Moscheies, Director und Pro-\nfessor am Conservatorium zu Leipzig, Simon Sechter, k. k. Hof-\nOrganist und Professor, J. A. Pacher, Pianist und Composileur in\nWien, mit achtungswerther Bereitwilligkeit übernommen.\nDas zweite Concert der Pianistin Na nette Falk, welches am\n17. März Abends im Saale der Musikfreunde Statt fand, war von\neinem ziemlich zahlreichen Publicum besucht, das die schönen\nVorzüge der Künstlerin anerkennend würdigte. Nebst der Sonate\nvon Beethoven (Op. 53) trug sie die F-mo//-Phantasie von Chopin,\ndas Rondo capriccioso von Mendelssohn, eine ungarische Rhapsodie\nvon Franz Liszt und drei Nummern aus den Kinder-Scenen von\nSchumann vor, nämlich: 1. „Bittendes Kind\", 2. „Glückes genug\"\nund 3. „Haschemann\", welche anmuthige, charakteristische Ton-\nstücke sehr gefielen. Die meiste Wirkung machte aber der treff-\nliche Vortrag des Mendelssohn'schen Rondo.\nMonument für W. A. Mozart auf dem St. Marxer\nFriedhofe. Der akademische Bildhauer Hans Gasser hat ein\nModell des Monumentes eingesandt, welches zur Erinnerung an\nW. A. Mozart am St. Marxer Friedhofe hergestellt werden soll.\nDasselbe erscheint zur Ausführung geeignet und die von ihm ge-\nstellten Bedingungen annehmbar. Der Herr Bürgermeister wurde\ndesshalb in der Gemeinderaths-Sitzung ermächtigt, im Einverständ-\nnisse mit einem Comite von Sachverständigen alle bezüglich der\nAusführung nöthigen Verfügungen zu treffen.\nDas Liszt-Concert in Wien. Auch die Neue WTiener\nMusik-Zeitung berichtigt jetzt in ihrer Nr. 12 die Falschmünzerei\neines anderen wiener Blattes mit folgenden Worten:\n„Wahrhaft empörend und ekelerregend aber ist es, wenn eine\nbefangene Kritik kein Mittel scheut, um ihre Götzenbilder der Ver-\nehrung der Welt aufzudringen; wenn sie sich nicht damit begnügt,\nsie unablässig zu beräuchern, sondern sogar die Thatsachen fälsch\nmünzt, um die Welt glauben zu machen, dass auch das Publicum\nbereits bekehrt sei und zu den Fratzenbildern, die sie vergöttert,\nmit gleicher Verehrung emporblicke; wenn sie in ihrer Parteilich-\nkeit so weit geht, alle jene, die nicht zu ihr hallen, für gehässig,\nneidisch, aufgeblasen, bornirt zu erklären. W7o die Gemeinheit\neinen Grad erreicht hat, um zu solchen Mitteln zu greifen, wird\nsie zum Selbstverräther der eigenen inneren Hohlheit, so wie der\nOhnmacht ihrer Sache, und man kann sie getrost ihrem Schicksale\nüberlassen. Aehnliehes haben wir jüngst aus Anlass der Liszt'schen\n„Preludes\" und seines Clavier-Concertes hier erlebt, indem eines\nder hiesigen Blätter den Beifall, welcher dem meisterhaften Vor-\ntrage des Liszt'schen Conccrtes durch Herrn Pruckner zu Theil\nwurde, und die durch überwiegende Zeichen des Missfallens para-\nlysirten krampfhaften Anstrengungen des Beifalls einer Clique nach\nden unerquicklichen „Preludes\" für eine unfehlbare und glänzende\nAnerkennung der Grösse Liszt's durch d<»s hiesige Publicum er-\nklärte und die gosammte hiesige Kritik, die sich einstimmig gegen\ndas Werk aussprach, mit Koth bewarf.\""}]}