{"numero_id": "bm-bmtnabi-1857-04-18-01", "volume": "bmtnabi_1857-04-18_01", "ocr_sha256": "5daf03e7e07e00e58f318804516bf95fd6065d52806e33b0d089d9dc9a5d2422", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1857/04/18_01/bmtnabi_1857-04-18_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1857-04-18-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-04-18_01#c001", "volume": "bmtnabi_1857-04-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "121", "page_fin": "121", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "121", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 435, "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe (Schluss: Orchester-Concerle Kammermusik— Einzel-Concerle— Debain's Harmonichord). Von ß.\nUeber Verzierungen. Von L. Nitzsche. Charfreitags-Musik in Dessau (Buch's Passion). Von L. Kindscher. Die Rheini-\nsche Musikschule zu Köln. Von L. B. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Theater Bielefeld, Rossini's Stabat Mater\nFräul. Auguste («ebler Meiningen, Ilof-Capcllmeisler Jean Bott Bordeaux, Preis-Ausschreiben)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-04-18-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-04-18_01#c002", "volume": "bmtnabi_1857-04-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "121", "page_fin": "123", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.2.2", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "B. 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Da nun\ndas Local der älteren Conservatoire-Gesellschaft zu be-\nschränkt ist, um alle Liebhaber ernster Concerl-Musik zu\nfassen, so schätzt sich die ausgeschlossene Hälfte glücklich,\nwenn sie Plätze in den Concerten des jüngeren Vereins\nbekommen kann, der ja doch auch das Zauberwort Conser-\nvatoire in seinem Titel hat. So wird es nach und nach Ton,\ndie neue Gesellschaft zu besuchen, und dann ist natürlich\nAlles gewonnen. Desswegen wirft man den Abonnenten\ndann und wann als Lockspeise die beliebtesten Stücke und\nKunststücke der älteren Gesellschaft hin, damit der Ruf\nsich verbreite, man höre hier wie dort dasselbe.\nDas lünfte Concert brachte wieder eine Sinfonie von\nGounod, die zweite, in Es-dur.Sie wurde schon vor zwei\nJahren mit Beifall gehört, dieses Mal jedoch etwas kälter\naufgenommen. Gounod colorirt zu viel und wird dadurch\nleicht eintönig. Uebrigens ist das Publicum dieser Concerte\nauch noch weit von der geschulten Aufmerksamkeit ent-\nfernt, die man im Conservatoire findet. Das brillante Violin-\nSolo von Alard, von Herrn Lancien brillant gespielt,\nhatte alle Köpfe so eingenommen, dass in ihnen kein Raum\nmehr lür eine so lange Sinfonie war. Die Einleitung und\neinige Fragmente aus G I u c k' s Alceste verunglückten durch\ndie ungenügenden Mittel der Ausführung. Man erzählte\nmir dabei eine Anekdote aus der Zeit der ersten Auflüh-\nrung der Alceste. ,Unseliger Gluck! Du reissest mir die\nOhren ah!\" schrie ein Piccinisl im Parterre.— „Ein Glück\nlür S ie,\" rief ein Gluckist, „wenn Sie dadurch ein Paar\nandere bekommen !*\nDie Vereine für Kammermusik vermehren sich,\nund das ist, wenn auch nicht überall und ausschliesslich in\nihnen der classischen Musik gehuldigt und nur Ganzes ge-\ngeben wird, doch immer ein gutes Gegengift gegen die\nVerführung und Verderbung des Geschmacks durch Vir-\ntuosen-Concerte. Die Sache ist im Grunde genommen noch\nneu in Paris; denn Deutschland hatte längst seine berühm-\nten und unberühmten Quartett-Vereine, als Alard und\nFranchomme hier vor etwa acht Jahren mit dem ihrigen\nhervortraten. Ihnen folgten bekanntlich Maurin und Che-\nvillard, und seit vorigem Jahre haben wir noch die Vereine\nvon Dancia, Armingaud und Jacquard, Lebouc, Alies und\nLee, den Damen Pfeiffer, Malleville; in diesem Jahre sind\nFelicien David und Paulin, Graf Stainlein und Genossen\nhinzugekommen.\nDer Graf Louis von Stainlein, für Deutschland\nkein neuer, sondern ehrenvoll genannter Name auf dem\nGebiete der Musik, als Componist und trefllicher Violon-\ncellspieler anerkannt, hat eine Gesellschaft lür Kammer-\nmusik gegründet, zu welcher er ausgezeichnete Künstler\nvereinigt hat, nämlich Sivori (I. Viol.), Viault (II.), Ca-\nsimir Ney und van Gelder, mit welchem er selbst im\nVortrage der Violoncell-Partie abwechselt. Als Pianist ist\nLübeck dabei belheiligt. Der Graf, der lür die Kunst\nlebt und webt und daneben einen höchst edeln Gebrauch\nvon seinem Vermögen macht, das ihm die unabhängigste"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5140, "texte": "Lage verstattet, hat den Ertrag der Sitzungen den Armen\nseines Arrondissements überwiesen. In welchem Geiste er\nsie leitet, zeigen die Programme. In der I.Sitzung am 20.\nFebruar, im Pleyel'schen Saale: Quartett in von\nL.v.Stainlein; Clavier-Trio von Mendelssohn; Andante mit\nVariationen aus dem D-wo/Z-Quartett von F. Schubert;\nQuartett in Es, Nr. 10, von Beethoven. ll. Trio in C-\nmoll lür Piano, Violine und Violoncell von L. v. Stainlein;\nSonate in A-moll von Beethoven lür Piano und Violine;\nViolin-Quartett in Dvon Mendelssohn. lll. Violin-Quar-\ntett in C-durvon L. v. Stainlein; Sonate lür Piano und\nVioloncell von F. Mendelssohn; Violin-Quartett in\nNr. 8, von Beethoven.\nSivori, bisher nur als glücklicher Nachfolger Paganini's\n(in so fern dieser einen haben kann) in Ueberwindung von\nSchwierigkeiten, in glänzendem und blendendem Spiel und\nallerlei Hexereien berühmt, hat in diesem Vereine bewie-\nsen, dass er auch classische Musik der ernstesten Gattung\naufzufassen versteht, obgleich er nach meinem Urtheil Mau-\nrin, der nichts Blendendes hat, darin nicht gleichkommt.\nAber dass Sivori auch zu dieser Gattung von Musik einen\nherrlichen Ton und eine vollendete Technik mitbringt, ge-\nreicht ihrer Ausführung allerdings zum Vortheil. Nach ihm\nist unter den Genossen des Vereins der Pianist Lübeck\nder Bedeutendste. Die grosse Beethoven-Kreutzer-Sonate\nspielten Beide freilich theilweise nicht in einem Tempo, son-\ndern im Fluge: ils l'enleverentim wahren Sinne des Wor-\ntes. Das Ensemble in den Violin-Quartetten ist sehr gut.\nStainlein's Compositionen haben unter den Kennern und\nFreunden deutscher Musik nicht bloss Beifall, sondern Auf-\nsehen erregt, besonders das Quartett in C-dur und das An-\ndante und der letzte Satz des Clavier-Trio's. Man rühmt\nmit vollem Rechte die Einfachheit, Correctheit und Klarheit\ndes Stils, der sich den be«ten Mustern, die Haydn gegeben,\nanschliesst, ohne neue Harmonieen zu verschmähen und\nder Originalität zu ermangeln. Das Publicum findet sich\ntrotz der hohen Eintrilts-Preise sehr zahlreich ein und be-\nsteht aus den gewähltesten Kreisen der künstlerischen und\naller anderen Aristokratieen.\nDer Verein Maurin, Chevillard, Mas und Sa-\nbatier setzt seine Sitzungen fort. Die Reisen in Deutsch-\nland haben nicht bloss seinem Rufe, sondern auch der Aus-\nführung selbst gut gethan. Man kann sich keine vollende-\ntere Einheit des Zusammenspiels denken, als diese vier\nKünstler, besonders beim Vortrage von Beethoven's Quar-\ntetten, offenbaren. Keiner denkt daran, auf Kosten des An-\nderen zu glänzen oder auch nur anzudeuten: „Seht, ich\nbin der erste Virtuose von uns Vieren!\" Wie bescheiden,\nwie ernst und geistig tritt der Cellist Chevillard auf, und\nwer hätte wohl weniger um Entschuldigung zu bitten, wie\ner, wenn er einmal zufällig etwas mehr an den herrlichen\nTon, den er seinem Stradivarius entlockt, dächte, als an\nden Componisten? Und Maurin mit seinem Silbertone und\ndessen entzückender Reinheit! Kurz: wenn man hören will,\nwie ein einziges Gefühl, eine einzige Seele vier Instrumente\nzu Einem macht, so muss man diesen Verein hören.\nDie Matineen von Felicien David und Paul in\nsind von anderer, man kann sagen: von entgegengesetzter\nArt. Da wird viel Modernes aufgetischt (denn die paar alten\nStücke von Lully u. s. w. werden nur der Mode wegen,\ndie retrospective Brocken haben will, hineingeworfen), be-\nsonders Compositionen von F. David selbst, und man hul-\ndigt vor Allem der Abwechselung. Selbst Vocal-Musik fehlt\nnicht, und Herr Paulin ist ein guter Sänger. Die ausfüh-\nrenden Instrumentalisten sind die Herren Dancia, Altes,\nLee und Bailly; F. David schreibt für sie Quintette, beti-\ntelt: Soirees d'liiver et de prinim Stil der Wüste\nund des Columbus. In der letzten Matinee spielte Lübeck,\nder unter den Pianisten auf der Höhe der ist, da\nfast nichts ohne ihn sein kann, einige Lieder ohne Worte\nvon Mendelssohn und Weber's Aufforderung zum Tanze\nmit stürmischem Beifall. Die Wahl war gut; mit einer\nBeethoven'schen Sonate würde er in diesem Cirkel wenig\nGlück gemacht haben. Desto lobenswerther war es, dass\ner sich trotzdem nicht zu gehaltlosen Klimpereien im Mode-\ntone herabliess. Uebrigens muss ich doch zur Steuer der\nWahrheit sagen, dass er in der ersten Matinee die Cis-moll-\nSonate quasi fantasiagespielt, aber nur nachher mit dem\nImpromptu von Chopin und der Taranteile von St. Heller\nrasenden Applaus erhalten hat. Bei Gelegenheit dieser Ma-\ntineen habe ich denn auch aus der Revue et Gazette musi-\ncale erfahren, dass Felicien David wegen der Vortrefllich-\nkeit seiner Lieder in Deutschland der französische\nSchubert genannt werde. Das war mir ganz neu. [Uns\nauch.]\nDie Menge der Einzel-Concerte hat diesen Winter seit\nJanuar wieder bedeutend zugenommen. Es kommen aller-\nlei Curiosa darin vor, wie z. B. in dem Concerte der Ge-\nschwister Binfield ein Trio für Harfe, Ciavier und Harmo-\nnium, „der Armee in der Krim gewidmet\" ! Ob es dort\nauch so sanft hergegangen sei, wie in diesem Trio, dürfte\nman bezweifeln. Auszuzeichnen sind die Concerte von Louis\nLacombe und Henri Herz. Letzterer spielte in dem seinigen\nein Clavier-Concert mit Orchester, das auch als Compo-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1801, "texte": "sition sich über das Gewöhnliche erhob. machte er\nnatürlich nicht damit, sondern mit der Phantasie „Die Re-\ngimentstochter\" und mit einem Bravour-Galopp.\nEinen neuen und sehr schönen Concertsaal hat Herr\nA. Debain an der Place Lafayette eröflnet, der am 28.\nFebruar eingeweiht wurde. Natürlich spielte auch das neue\nInstrument, das Harmonie hör d (Vharmonicorde) eine\nHauptrolle dabei, da der Eigenthümer des Saales dessen\nErfinder ist. Debain ist ein mechanisch-akustisches Genie.\nEr hat bekanntlich das Harmonium gar sehr vervollkomm-\nnet, namentlich durch die Anbringung verschiedener Regi-\nster und die Stellung derselben über, nicht neben der Cla-\nviatur. Ein ander Mal hat er mechanische Pianoforle's ge-\nmacht, die von selbst spielen, d. h. wenn ihre Kurbel, wie\nbeim Leierkasten, gedreht wird. Jetzt ist nun sein Harmo-\nnichord an der Tagesordnung und das Lieblings-Instrument\nder eleganten musicalischen Salons. Es ist dies ein Har-\nmonium, welches zugleich mit den Metallzungen und ihren\nverschiedenen Registern einen vollständigen Bezug von Me-\ntall saiten hat, die perpendiculär, wie bei einem\ndroit, gespannt sind, nur dass jeder Ton nur Eine Saite\nhat, wie bei der Harfe. Die Tastatur ist so eingerichtet,\ndass auf den Niederdruck der Taste sich das Ventil, das\nder Metallzunge den Wind zum Schwingen zuführt, öffnet\nund zugleich ein Hammer an die Saite schlägt. Durch einen\nMechanismus, der mit den Knieen bewegt wird (denn die\nFüsse haben schon genug mit dem Blasebalgtreten zu thun),\nkann das Zungen- und Saitenspiel gesondert und jedes eben\nso gut allein, als beide verbunden gebraucht werden.\ncharmant, wie die Franzosen sagen, und weiter weiss ich\nauch nichts davon zu sagen. Es klingt etwa wie Harfen-\nbegleitung zu einem Blas-Inslrumente.\nUeber die Operntheater nächstens.\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-04-18-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-04-18_01#c003", "volume": "bmtnabi_1857-04-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "123", "page_fin": "125", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.2.3", "titre_corps": "Ueber Verzierungen.", "titre_sommaire": "Ueber Verzierungen.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.1.3", "debut_caractere": 1803, "fin_caractere_exclue": 4956, "texte": "Ueber Verzierungen.\nWas eine Verzierung sein soll, erklärt sich schon von\nselbst. Um so mehr muss es befremden, wenn so viele\nVerstösse dagegen begangen werden. Hiernach lässt sich\nvermuthen, dass die Begriffe über diese ästhetische Ange-\nlegenheit nicht genug geläutert sind; denn man hält ge-\nwöhnlich jeden delicat ausgeführten Zusatz schon lür eine\nVerzierung, ganz abgesehen von der Art, wie er gebildet\nund wo er angebracht ist.\nDie Verzierung an einem Kunstwerke sei es nun\nplastisch, architektonisch oder musicalisch ist zu dem\nWesen desselben keineswegs nöth ig; ein Kunstwerk\nerreicht den Zweck durch sich allein. Die Verzierung als\nsolche ist eine Zuthat des Geschmackes, ein Geschenk der\nAnmuth, eine willkommene Umgebung; sie dient zur Aus-\nschmückung. Die Verzierung verhält sich also zum Kunst-\nwerke, wie eine Nebensache zur Hauptsache; sie kann den\neigentlichen Werth nie erhöhen, wohl aber Reiz anlügen,\ndie Ausstattung vollenden und so lür das Kunstwerk, zu\ndem sie wirklich passt, bedeutend werden. Hierin liegt nun\ndie eigenthümliche und schwierige Aufgabe, die man nur\nselten lös't und gewöhnlich gar nicht kennt: die äusseren\nZuthaten dem fertigen Ganzen dermaassen anzupassen,\ndass dieselben sich ausnehmen, wie durch Einen Guss ent-\nstanden, wie aus übervoller Triebkraft mit entsprossen.\nSolche Zuthaten sind alsdann wirklich Verzierungen; denn\nsie stimmen genau zu dem Charakter und beweisen trium-\nphirend Einheit und Reinheit des Stils vom Grunde bis in\ndie äussersten Spitzen. Muster von Verzierungen finden\nsich an den Mustern jeder Kunst, so auch in der Musik,\nund immer erscheinen sie mit dem Charakter des Werkes\nund des Ausdrucks in der engsten Beziehung. Bach'sche\nund Händel'sche Compositionen, welche in ihrem ganzen\nBaue mit jenen steinernen Wundern verglichen werden, die\nman gothischeDome nennt, tragen eben so, wie diese, nur\nRococo-Floskeln an sich; das Strenge, säulenfest Canoni-\nsche duldet bloss streng abgepasste Zierathen, selbst wenn\ndieselben bisweilen ins Wunderliche spielen sollten. In Mo-\nzart's, auch Haydn's Schöpfungen sind die Verzierungen,\nso klein oder gross sie sein mögen, stets am Platze und\ndadurch bedeutungsvoll. Wie reizend stehen der Ariette\nZerlina's: „Wenn du fein fromm bist\", die doppelten Vor-\nschläge! wie heroisch und treffend spricht dagegen das\nStaccato von der Königin der Nacht aus ihrem Rachege-\nlühle. In der Arie der Despina verdeutlichen\ndie kurzen Triller allerliebst eine graziöse Leichtfertigkeit.\nAuch Aenncheri im Freischütz dürfte nur ungern bei ihrem\nGesänge die neckischen und kleidsamen Zuthaten vermissen\nlassen. Selbst Bellini zeigt z. B. in dem Gesänge derNorma\nzum Chor der Priesterinnen (Casta diva) Geschmack durch\ndie umgebende Verzierung; das Solo spielt hier um die\ngetragenen Harmonieen, wie eine Opferflamme auf dem\nAlt are. In dem Schlusssatze der von Beet-\nhoven tritt plötzlich ein hoher Triller der kleinen Flöte wie\nein Stern über den Jubel des gesammten Orchesters, der\nbis in den Himmel reicht. Nur so dürfen Verzierungen auf-\ntreten, wie es diese wenigen Beispiele sagen: stets von der\nHauptsache abhängig, von der Gesammtheit inspirirt, als"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5238, "texte": "etwas Aparies und doch Zusammenhangendes, frei und\ndoch vom Charakter gelrieben, gerade so wie die Rebe am\nWeinstocke oder wie die Perlen auf dem Champagner. Es\ngehört Studium und feines Gefühl dazu, um wirkliche Aus-\nschmückungen zu schaffen; schon wer die Schwierigkeit\nbloss ermisst, welche darin liegt, dass die Verzierung,\ndie den Eindruck machen muss, als hätte sie der Zu-\nfall eben erst herbeigeführt, und die vor allen Dingen doch\ndem Charakter entsprechen soll , darauf hin berechnet und\nerdacht sein will gibt dadurch ein Zeichen von künstle-\nrischer Einsicht ab. Componisten, Virtuosen und Lehrer,\nwelche es hiermit ,nicht so genau nehmen\", verrathen,\ndass sie noch ziemlich entfernt vom Parnassus sind, auf\nwelchem Musen und Grazien, Idee und Geschmack sich\naufs beste verlragen. Die brillanteste Ausführung einer un-\npassenden Zuthat kann durchaus nicht für eine passende\nentschädigen, und gebildete Ohren sind keineswegs durch\nbloss äussere Bravour zu bestechen. Leider gedeiht aber\ndas Unkraut der Anti-Verzicrungen üppig genug, und es\nzeigt sich an der Ueberladung des Vortrages im Allgemei-\nnen und an dem Missbrauche der Fermaten im Besonderen.\ncnn Verzierungen die Haupt-Idee überwuchern,\nwerden sie zum Gegenthei! von dem, was sie haben vor-\nstellen sollen. Nichts fkarin das ästhetische Behagen schnel-\nler verscheuchen und den Charakter eines Werkes mehr\nverpfuschen, als wenn die Verzierungssucht darüber her-\ngefallen ist und beziehungslose Anhängsel hinein gezwun-\ngen hat. Sofort ist der ganze Ausdruck entstellt, die Ur-\nsprünglichkeit erstickt, der Stil verunehrt. So ungemein die\npassende Verzierung an richtiger Stelle anzieht, muss sie\ndurch maassloses Hervortreten abstossen. Meistens werden\ngediegene Sachen, und gerade oft die classischen, von Bor-\nnirtheit und Profanität verfolgt, welche in der Meinung, die-\nselben sangbarer, moderner, gefälliger zu machen, ihre\nOpfer dermaassen frisiren, schminken und ankränkeln, dass\ndas Original ganz zu Grunde geht. Verzierungen, die eine\nDonizetti'sche Arie putzen, können doch z. 8., auf den Stil\nGluck's verwandt, dafür bloss eine Beleidigung sein; der\nAufwand und Luxus, in welchem Rossini gefällt, ist doch\nkein Schmuck für Mozart, Haydn und Beetheven. Ge-\nschmacklosigkeiten von dieser Probe arten manchmal zu\nwahrhaft barbarischem Frevel aus. Wenn das Virtuosen-\n-4\nthum, seiner Natur nach der Liebling und\nauserwählte Begleiter der Muse, dem ihre grössten Schätze\nzu Gebote stehen, sich ähnliche sinnlose Anwendungen er-\nlaubt, bricht sofort das ganze V<-rhältniss; denn die echte\nKunst ist ausgeschieden. Durch Jahrhunderte schon geht\nder Brauch, dass Virtuosen, unter ihnen besonders die\nSänger, jede Fermate zum Spielraum für Verzierungen be-\nnutzen. Man ist allgemein darüber einverstanden, den Halt-\npunkt für eine Stelle anzusehen, auf welcher der Compo-\nnist sich plötzlich passiv verhält und dem Vortragenden er-\nlaubt, Selbstständigkeit zu entfalten. Wir wollen jetzt nicht\nweiter untersuchen, ob man überhaupt zu dieser Annahme\nberechtigt ist, dafür aber einige andere Bemerkungen hin-\nzufügen. Die Fermate oder der Haltpunkt steht gewöhn-\nlich da, wo eine vorherrschend gewesene Empfindung zum\nAhschlusse kommt und zugleich der Eintritt einer anderen\nvorbereitet wird. Der gehaltene Ton, welcher passend zu-\nund abnimmt, das Crescendo und Decrescendo schön heraus-\nstellt, malt ganz von selbst schon den Uebergang von der Lei-\ndenschaft zur Ruhe oder umgekehrl. Die auf der Fermate\nfussende Cadenz ist also eigentlich bloss eine verlängerte\nUmschreibung oder detaillirte Schilderung, und es ist der\nCadenz vor Allem nöthig, dass sie auch in der breitesten\nEntfaltung dem treu bleibt, was die Fermate hat aus-\ndrücken wollen. Der Componist verstummt gleichsam, der\nTactstab hemmt seine gesetzmässige Bewegung—aber der\nVortragende muss den Haltepunkt jedes Mal wie einen be-\ndeutsamen Blick betrachten, in welchem künstlerische An-\nforderung zu lesen ist, und den er nicht einen Moment\naus dem Auge lassen darf. Die Fermate ist nicht e:n Tum-\nmelplatz für beliebige Tonfiguren oder eine Veranlassung\nzu bunten und willkürlichen Aeusserungen. Gerade da, wo\nder Virtuose sich die Freiheit nimmt, seine Selbstständig-\nkeit im Verein mit dem schon Gesagten und noch Rom-\nmenden geltend zu machen, muss er den Genius ganz be-\nsonders anrufen. Nur dann wird es möglich, dass die Ca-\ndenz, ein leicht ausgeführter Irissprung oder farbenreich\nzusammengestellter Bogen, zugleich wieder auf festen Grund\nund' Boden trifft, von dem er ausgegangen war; dann ist\ndie Verbindungsbrücke leicht, brillant geworden und den-\nnoch sicher geblieben.\nVirtuosen, welche es verstehen, bei grösster Freiheit\nim Vortrage dennoch dem Gesammt-Charakter treu zu blei-\nben, beweisen hiermit glänzend ihren guten Geschmack.\nManche erreichen sogar durch entsprechende nnd wohl an-\ngebrachte Verzierungen den Triumph, einzelne Stellen aus\nden Composilionen ganz besonders ins Licht zu setzen. Als\nFormes vor mehreren Jahren auf der dresdener Hofbühne\nin der Partie des Lysiart zum Adolar sang: „Die Liebe\ndeiner Braut gewann' ich mir, trotz deiner Rosenwang'\nund goldnen Zither\", liess er auf die ersteSylbe des letz-\nten Wortes einen Triller fallen, welcher ausgezeichnet den"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1582, "texte": "Hohn und Groll verdeutlichte, den Lysiart in diesem Mo-\nmente zu verrathen hat. Die Sontag, welche sich in ihrer\nzweiten Künstler-Epoche zwar fast ausschliesslich der ita-\nliänischen Oper zuwandte, wusste doch>ganz vorzüglich die\npassenden Gelegenheiten zu benutzen, um die Feinheit und\nEleganz ihres Geschmackes zu offenbaren. Unvergesshch\nwird auch allen, die in neuerer Zeit jene Mozart'sche So-\npran-Arie mit obligater Violine von Frau Lind-Goldschmidt\nsingen hörten, die Ausfüllung und Ausführung der Fermate\nbleiben, worin sich eclatant die Künstlerin zeigte, die nicht\neine blosse Virluosin ist. Endlich erwähnen wir auch noch\nFrau Bürde-Ney in dieser Beziehung. Ausser ihren herr-\nlichen Stimmmitteln, die in Staunen versetzen, ausser ihrer\ngrossen Virtuosität in der Gestaltung des Tones tritt auch\nder seelische Vortrag immer reicher heraus. Die ästhetische\nGewalt, welche mehr und mehr zur Herrschaft über diese\ngrosse Stimme gekommen ist, dictirt die meisten Verzie-\nrungen und momentanen Aenderungen, und lässt auch je-\nden kühnen Wurf gelingen.\nGewiss lassen sich zu diesen wenigen, aber glänzenden\nBeispielen auch manche andere aus Gegenwart und Ver-\ngangenheil auffinden. Alle beweisen aber, dass nur wahr-\nhafte Künstler das Geheimniss errathen, wie man frei auf-\ntreten und doch sireng im Stil bleiben kann und muss, um\ndurch Verzierungen wirklich zu schmücken. Alle diejeni-\ngen, welche nicht darin eingeweiht sind, erfüllen auch als\nVirtuosen ihre Pflicht weit besser, wenn sie genau bei den\nvorgeschriebenen Noten bleiben.\nDresden. L. Nitzsche, geb. Kind scher."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-04-18-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-04-18_01#c004", "volume": "bmtnabi_1857-04-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "125", "page_fin": "126", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.2.4", "titre_corps": "Charfreitags-Musik in Dessau.", "titre_sommaire": "Charfreitags-Musik in Dessau.", "signature_source": "Louis Kindscher", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.1.5", "debut_caractere": 1584, "fin_caractere_exclue": 5025, "texte": "Charfreitags-Musik in Dessau.\nJoh. Seb. Bach’s Passionsmusik.\n\nWenn in der Gegenwart auf dem Felde der Kirchen-\nmusik an Produetion von wirklich dahin gehörigen würdi-\ngen Tonschöpfungen Mangel ist und dieser Mangel sich\nauch schon immer fühlbar gemacht hat, so ist demselben\ndurch nichts wieder als durch Vorführung classischer Ton-\nwerke der Vergangenheit zu begegnen. Bach und Händel\nsind so ein Paar vorhundertjährige Classiker-Grössen, auf\ndie man immer wieder zurückkommt, die sich auch in der\nHinsicht als genial bewährt haben, in so fern das Wesen\ndes Genius nicht nur seine Gegenwart (die ihn oft kaum\nbegreift), sondern auch noch die fernste Zukunft überragt.\nAusserdem findet man neben Schönheit und Fülle des\nKlanges auch in ihnen die grösste Tiefe des Ausdrucks.\nIn Bach's Passionsmusik, die allerdings neu zu nennen ist,\nin so fern sie noch lange nicht allgemein und NB. nach\nVerdienst bekannt, so auch in Dessau zum ersten Male\nzur Aufführung gekommen ist, fühlt man nun so etwas,\ndas einem allmächtigen Flügelschlage des Genius gleicht,\nund man weiss in der That nicht, ob man mehr über die\nPlastik des kühnen Harmonie-Baumeisters in den Chören\noder über die hohe Dramatik des Seelen-Malers in den Re-\ncitaliven und Arien*) staunen soll. Wenngleich in den letz-\nleren Manches für die Gegenwart als veraltet erscheint, so\nist dennoch über diese uns vielleicht und in Folge ander-\nweitiger kunstwidriger Verhältnisse fern liegende Form\noft eine solche Geistesfülle ausgegossen, dass man sich, und\nresp. bei näherem wirklichem Verständnisse mit Macht\ngebannt und hingezogen fühlt. Aber ein ganz besonderes\nKennzeichen dieser Musik ist ihr religiöser Stempel; sie ist\naus lief religiösem Gefühle, aus dem innersten Glauben ent-\nsprungen, und an ihr bewährt sich denn auch wieder recht\ndas alte Sprüchwort: „Was von Herzen kommt, geht wie-\nder zu Herzen.\" Während aber in Bach eine echte De-\nmuth, gepaart mit besonnener Buhe und einer sich selbst\nbewusslen Menschenwürde, sich ausspricht, und zwar dies\nreel und kernig, grossartig und naturwahr, mit den wesent-\nlichen, obwohl oft nur geringen Mitteln, durch welches\nalles man sich, summarisch genommen, nur erhoben\nlühlt, nimmt die Demuth bei den Neueren in ihrem Aus-\ndrucke eine mehr künstliche, romantische Färbung an; es\nist nur eine zerflossene, weichliche Stimmung, ein\nSchein, hier in der Wirkung zu spüren, weniger ein wirk-\nliches Wesen. Da wir eben mehr und mehr hierin befan-\ngen sind, eben darum verstehen Bach auch noch zu We-\nnige, und müssen sich überhaupt erst an seine veral-\ntete (?!) Musik gewöhnen.\nDie Aufführung dieses kolossalen Werkes, welche Herr\nMusik-Director Thiele zur diesjährigen Charfreitags-Feier\nzum Vorwurf genommen, bewährte durch den Erfolg die\ndarauf verwandte unermüdliche Thätigkeit und Sorgfalt\nbeim Einstudiren der Chor-, so wie der Solo-Partieen. Der\nzweite Chor der mit dem ersten entweder wechselt oder\n\n*) Hier auch hinsichtlich der Chöre anzuführen der sich stei-\ngernde Fanatismus in: „Ja nicht auf das Fest\" u. s. w.,\n„Weissage uns, Christe\" u. s. w., „Lass ihn kreuzigen\";\nden Ausdruck der Innigkeit und Liehe im Schlusschor und\ndem vorangehenden „Mein Jesu, gule Nacht.\" Ferner die\nWehmuths-Klage im. grossartigen Doppelchor Nr. 1 (mit Cho-\nral-Melodie also neun stimmig und ausserdem noch\nDoppel-Orchester) und der mächtige Zorn-üewittersturm im\nDoppelchor: „Sind Bütze, sind Donner in Wolken verschwun-\nden\" u. s. w. u. s. w."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2685, "texte": "sich gleichzeitig verbindet, oder auch unmittelbar in den-\nselben hineingreift war der durch Herrn R. Magnus in\nCöthen gegründeten Sing-Akademie zugetheilt. Beide Chöre,\nderen jeder mit bedeutenden Schwierigkeiten zu kämpfen\nhat, vereinigten sich nun zu einem kräftigen Ganzen, und\ndie hieraus entspringende geistige Zusammenwirkung feu-\nerte wiederum jeden einzelnen Sänger fast sichtlich an, zur\nmöglichst vollendeten Darstellung auch das Seinige beizu-\ntragen. Die Partie des Christus (Bass) bemühte sich Herr\nKammersänger Krüger mit dem ihr zukommenden wür-\ndigen Ausdruck charakteristisch wiederzugeben. Der (im\nRecitativ erzählende) Evangelist war im ersten Theile dem\nTenor Herrn Kammersänger Pielke, im zweiten Herrn\nKühn zugetheilt, welche beide mit Fleiss ihrer Anforde-\nrung zu genügen strebten. Mit Letztgenanntem war noch\nvom herzoglichen Hoftheater betheiligt Fräul. Michalesi,\nwelche die seelenvolle, rührende H-moll-Arie :„Erbarme\nDich, mein Gott, um meiner Thränen willen\" (obligate\nViolin-Begleitung durch Herrn Concertmeister Appel) mit\nschönem Tone und passendem Vortrage sang. Ausser dem\ndurch Fräul. Viert haier vertretenen Sopran muss noch\ndie Alt-Partie erwähnt werden, lür welche Bach (wie Hän-\ndel auch im Samson) vorzugsweise seine meisten, auch be-\nsten Arien schrieb, deren namhafte Schwierigkeiten Fräul.\nGrunow mit ihrer schönen, klangreichen Stimme glücklich\nüberwand. Die übrigen Solostimmen treten durch ihre ge-\nringere Betheiligung mehr zurück.\nJe mehr nun überhaupt die Musik ein flüchtiges Kind\nder Gegenwart ist und ihr wirklicher Genuss, ihr Verständ-\nniss nicht immer aus dem einmaligen Anhören hervorgeht;\nje mehr ferner Bach, auf festem Boden der Wirklichkeit\nstehend, als ein tüchtiges Gegenmittel gegen die vielfältigen\nmodern-romantischen, auch mehr krankhaften Bestrebungen\nin der Kunst anzusehen ist: desto mehr wird auch der\nWunsch nach Wiederholung dieses hohen Kunstwerkes\nrege. Er sei denn hiermit nachdrücklich ausgesprochen, wie\nder überhaupt, dass mehr von Bach dem Publicum vorge-\nlührt und bekannt werde. Da ist z. B. die grosse, berühmte\nH-moll-Messe,- da sind eine grosse Menge von Kirchen-\nCantaten lür alle Sonn- und Festtage des Jahres, lür das\nganze Kirchenjahr also, welches noch dazu nicht bloss ein-\nmal, sondern zweimal componirt ist.\nNachschrift. Möchte endlich auch jenes hochbe-\nrühmte classische Instrumentalwerk von Joh. Seb. Bach:\n„Das wohltemperirte Ciavierdas einst von Robert Schu-\nmann das „tägliche Brod für Ciavierspieler\" genannt wurde,\nsich mehr und mehr mit seinem Segen ausbreiten, und in\ndem jetzt so ausgebreiteten Ciavierspiel der musicalischen\nWelt recht allgemein werden!\nCöthen.\n\nLouis Kindscher."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-04-18-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-04-18_01#c005", "volume": "bmtnabi_1857-04-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "126", "page_fin": "128", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.2.5", "titre_corps": "Die Rheinische Musikschule zu Köln.", "titre_sommaire": "Die Rheinische Musikschule zu Köln.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.1.6", "debut_caractere": 2687, "fin_caractere_exclue": 4972, "texte": "Die Rheinische Musikschule zu Köln.\nDiese Anstalt hat zu Ostern wiederum einen Jahres-\nCursus vollendet und über die Fortschritte der Schüler\ndurch dreilätige Prüfungen und ein Prülungs-Concert (am\n6. d. Mts.) öffentliche Rechenschaft gegeben. Es freut uns,\nbezeugen zu können, dass die Resultate einen blühenden\nZustand und bedeutende Fortschritte bekunden, was der\numsichtigen Leitung der Schule durch ihren Director, Ca-\npellmeister F. Hill er, und den trefflichen Lehrkräften, die\nihm zur Seile stehen, zu danken ist. Dass eine Anstalt,\nwelche weder auf Staats-Unterstützung noch auf eigenen\nFonds beruht, sondern nur durch die Beiträge der Kunst-\nfreunde, die sie vor sieben Jahren gründeten, und durch\nden Ertrag des Schulgeldes besteht, zu ihrer Vervollstän-\ndigung noch Einiges zu wünschen übrig lässt, ist natürlich.\nAllein nicht bloss relativ, sondern abgesehen von diesen\näusseren Verhältnissen, leistet sie so Vorzügliches, dass sie\nkeineswegs das Künstler-Proletariat, sondern die wahre\nKunst und deren gediegene Lehre fördert. Der Geist, der\nin der Anstalt herrscht, die übereinstimmenden Ansichten\nsämmtlicher Lehrer über das Wesen der Musik und die\nkünstlerische Ausbildung lür die Tonkunst, die auf den rich-\ntigsten ästhetischen Grundsätzen beruhen und jedem über\ndie eigentliche Kunst Sphäre hinaus schreitenden Theorem\neben so abhold sind, wie allem Charlatanismus der Vir-\ntuosität, haben sich durch siebenjährige Wirksamkeit be-\nwährt. Die Anstalt hat die schwierigste Aufgabe einer\nKunstschule, neben der Ausbildung hervorragender\nTalente ihre sämmtlichen Schüler auf eine ziemlich\ngleiche Stufe gründlich musicalischer Bildung zu bringen,\nauf höchst befriedigende Weise gelös't, und dies ist jeden-\nfalls das grösste Verdienst einer Schule als solcher, da bei\ndem Ruhme, den ihr glänzende Talente verschaffen, doch\nin der Regel die Natur das Meiste thut.\nAusgezeichnet müssen wir die Resultate nennen, welche\nim C lavier-, Orgel- und Vi ol in spiel erreicht wor-\nden sind.\nDas Ciavierspiel charakterisirl sich als Erfolg einer ge-\ndiegenen Schule, die durch die Einheit der Unterrichts-Me-\nthode von der untersten bis zur höchsten Stufe begründet\nist. Ihre Vorzüge haben sich bei allen Schülern, auch den\nwenig begabten, so wie bei denen, deren Haupt-Instrument"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5245, "texte": "das Pianoforte nicht ist, durch die Grundlagen einer treff-\nlichen Haltung der Hand, eines guten Anschlags und eines\nreinlichen, correcten Spiels offenbart. In dem Prüfungs-\nConcerte traten diese Vorzüge bei allen Clavierislen: Moriz\nPohl aus Köln (Rondo von C. Kreutzer mit Orchester),\nAnna Seil aus Bonn (Sonate mit Violine von Beethoven),\nEmilie Garthe aus Deutz (Lieder ohne Worte von Mendels-\nsohn), Hub. Greis aus Neuwied (Capriccio von Mendelssohn),\nKaty Foster aus Ypsvvich in England (Sonate in C, Op. 2,\nvon Beethoven), Louise Schieren berg aus Ehrenbreit-\nstein (Rondo in A von Hummel mit Orchester), Johann\nVV eingärtner aus Köln (Ciavierstücke eigener Compo-\nsition und Allegro der grossen C-dur-Sonale von Beetho-\nven), Theodor Fraritzen aus Köln (das grosse Capriccio\nvon Mendelssohn) sichtbar hervor, während Einige von\nihnen in Technik und Vortrag Bedeutendes leisteten.\nEben so Vorzügliches bot die Prüfung der Orgel-\nclasse dar. Es dürfte kaum ein Musik-Institut in Deutsch-\nland geben, in welchem dieser hochwichlige Zweig des mu-\nsicalischen Unterrichts mit solcher Theilnahme von Seiten\nder Schüler und mit solchem Erfolg cultivirt würde. Einige\njunge Leute zeigten sich zugleich auf dem Ciavier, der\nVioline und der Orgel gewandt; selbst Schülerinnen spiel-\nten ganz artig Orgel. Bereits sind mehrere Organisten-\nStellen in der Rheinprovinz mit Zöglingen der Rheinischen\nMusikschule besetzt.\nDie Violinschule, in der noch der Geist des Un-\nterrichts der zu früh dahingeschiedenen F. Hartmann und\nTh. Pixis waltet, bewährte sich ebenfalls ganz vorzüglich.\nDie Violin-Classen zählen vielversprechende Talente, wie\nGeorg Krill aus Köln (Variationen von David), Oskar Jäckel\naus Schweidnitz (Taranteile eigener Composition), Aug. Grü-\nters aus Uerdingen, der auch Orgel- und Clavierspieler ist,\nund Karl Mathes aus Köln (Variationen für zwei Violinen\nvon Kalliwoda) und vor allen Ferdinand Bach aus Bonn\n(Sonate von Beethoven mit Ciavier, Variationen von Vieux-\ntemps), der, von seinem zwölften Jahre an auf der hiesigen\nMusikschule gebildet, bereits einen grossen Schritt auf der\nKünstler-Laufbahn gethan hat, und jetzt durch die Lehre\nund das Vorbild Joachim's, dessen unschätzbare Anerken-\nnung und Theilnahme er sich erworben, dem höchsten\nZiele gewiss mit Erfolg nachstreben wird.\nFür den Gesang muss freilich die Natur das Meiste\nthun, da sie hierbei sogar das Instrument selbst verleihen\nmuss und kein Amati und kein Stradivarius zu Hülfe kom-\nmen kann. Die Resultate des Unterrichts sind daher in die-\nsem Fache mehr als in den anderen nur relativ. Volle An-\nErkennung verdient Fräul. Emilie Garthe aus Deutz,\nüberhaupt eine der begabtesten Schülerinnen der Anstalt.\nIhre allgemeine musicalische Bildung lässt nichts zu wün-\nschen übrig, da die Grundlage derselben auf einer musica-\nlischen Natur und einem sehr fleissigen Studium beruht.\nSie trug einige Lieder eigener Composition vor, welche ein\nrecht hübsches Talent verriethen. Ihre Stimme ist freilich\nnur schwach, allein in kleinen Localen ganz lieblich anzu-\nhören, zumal da sie dieselbe mit gebildetem Vortrage in\nStücken, die ihr angemessen sind, zu gebrauchen weiss.\nDarüber hinauszugehen, müssen wir aber entschieden ab-\nrathen. Es ist auffallend und kein gutes Zeichen für die Ge-\ngenwart, dass man häufig auch bei sonst gut musicalisch\nGebildeten, Lehrern und Schülern, keine Achtung vor den\nSchwierigkeiten hat, die bei dem colorirten Gesänge, den\ngraziösen Verzierungen, dem Triller u. s. w. überwunden\nwerden müssen. Die wahre Grundlage zum Gelingen aller\ndieser Dinge ist die vollendete Bildung des Tones—\nton qui fall la musique, ist überall, aber am meisten beim.\nGesänge wahr—: das ist ein Studium, dessen Aussetzung\noder Ueberspringung sich stets rächt. Daher denn die\ntadelnswürdigen Erscheinungen von zwar reinem Einsätze\ndes Grundtones und doch unreiner Folge der Tonleiter na-\nmentlich im Absteigen, von Stossen und Schreien statt des\nkunstgemässen Tonansatzes in jeder Nuance der Stärke,\nvon Verschlucken der Noten zwischen Anfang- und End-\npunkt der Läufer, von Trillern in Terzen, von Portamento,\ndas den Ton über alle Zwischen-Intervalle hinwegschleift\nu. dgl. m., wie sie jetzt besonders auf den Theatern vor-\nkommen.— Fräul. Laura Marschalk, mit einer schönen,\nin der Höhe auch recht ausgiebigen Stimme, hat in dem\nletzten Jahre relativ grosse Fortschritte gemacht, besonders\nwas Reinheit und Sicherheit der Intonation betrifft. Vielleicht\nwird die Bühnen-Routine manches, was ihr noch fehlt,\nschneller ergänzen, als die Schule. Das beste Talent für\nGesang zeigte Herr Theodor Göbbels aus Aachen. Be-\ngabt mit einer echten Tenorstimme, die jugendlich frisch\nund ausgiebig ist, wird er durch fortgesetztes (leissiges Stu-\ndium bald alles beseitigen, was noch hier und da den An-\nsatz und das volle Ausklingen des Tones hemmt, der die\nerforderliche Gleichmässigkeit noch nicht überall erreicht\nhat. Trotzdem, dass Herr Göbbels durch die Durchlührung\ngrosser Partieen in Oratorieen und Concert-Musiken hier\nund in den anderen rheinischen Städten, kürzlich auch in\nHamburg, grossen und verdienten Beifall geärntet hat, kön-\nnen wir es doch nicht lür eine eigentliche Förderung halten,\ndass er so früh schon so sehr in Anspruch genommen wird."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1438, "texte": "Allerdings leistet er auch jetzt schon mehr als sehr viele\nseines Zeichens; aber wir wünschen doch, dass er nach\ndem Musikfeste in Aachen den ganzen Sommer in Müsse\nzu fortgesetzten Studien benutze. Dann wird er die Künst-\nler-Laufbahn mit grossem Erfolg betreten können.\nDie allgemeine musicalische Ausbildung der Schüler ist,\nwie schon oben gesagt, sehr befriedigend. Mehrere zeigten\nin den Prüfungs-Arbeiten schon eine tüchtige harmonische\nund contrapunktische Gewandtheit, Sicherheit im Spielen\neines bezifferten Basses (selbst Schülerinnen) und ziem-\nliche Fertigkeit im Partiturspielen a visla. Eben so war\nauch das Zusammenspiel, theils von Ciavier und begleiten-\nden Instrumenten, theils im Geigen-Quartett, präcis und\nermangelte nicht des musicalischen Gefühls und des richti-\ngen Ausdrucks.\nDas Lehrer-Personal der Rheinischen Musikschule ist\ngegenwärtig folgender Maassen zusammengesetzt: Capell-\nmeister F. Hill er (Direclor; Compositionslehre, Ciavier),\nK. Musik-Director F. Weber (stellvertretender Director;\nOrgel), B. Breuer (Violoncell, Zusammenspiel), F. Breu-\nnung (Ciavier), F. Derckum (Harmonielehre, Violine),\nA. Ergmann (Ciavier), K. Musik-Director Ed. Franck\n(Ciavier), Concerlmeister Grunwald (Violine), N. Hom-\npesch (Ciavier), Dr. VV. Müller (Declamation,Literatur),\nConcerlmeister Riccius (Violine), K. Musik-Director K.\nReinthale r (Gesang), Dr. E. Weyden (Italiänisch).—\nSecretariat: Marzellenstrasse Nr. 35."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-04-18-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-04-18_01#c006", "volume": "bmtnabi_1857-04-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "128", "page_fin": "128", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.1.8", "debut_caractere": 1440, "fin_caractere_exclue": 4885, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKioiii, Nachd em Fr'äul. Marie Seebach in zehn Gast-Vorstel-\nlungen die Theilnahrne des Publicums unausgesetzt und in steigen-\ndem Maasse für das Schauspiel in Anspruch genommen, sucht die\nTheater-Direction iür den letzten Monat der Saison die Oper auch\ndurch Gastrollen zu heben. Frau Jag eis-Roth und Frau von\nS trad iot - M e n d e, beide beim Hofthealer zu Wiesbaden, sind in\ndiesen Tagen mit Erfolg vor unserem Publicum aufgetreten, erstere\nals Martha und Isabel'a im Robert, letzlere als Fidelio lind Fides.\nFrau Jagels-Roth zeichnet sich durch eine reine, bis in die äus-\nserste Stimm-Begion leicht ansprechende Höhe und eine gute Tech-\nnik aus; Frau Mende ist im Besitz schöner Mittel, die sie aber zu-\nweilen missbraucht, wenn sie sieh da, wo ein inniger, aus der Tiefe\ndes Herzens quellender Vortrag verlangt wird, wie z. B. im Adagio\nder grossen Scene der Leonore, zu accentuirten Tönen, die mehr\nSchrei als Gesang sind, verleiten lässt. Im Ganzen war ihre Auf-\nfassung der Leonore etwas zu männlich; Einzelnes gelang ihr in-\ndess, besonders im zweiten Acte, in Gesang und Spiel recht gut.\nFräul. Louise Meyer von Wien ist auch bereits eingetroffen.\nFr'äul« A uguste Gebler, deren Debüts als Coloratursängerin\nvoriges Jahr in Köln mit Aufmunterung aufgenommen wurden, ist\nvon Paris, wo sie ihre Gesang-Studien fortgesetzt hat, zurückge-\nkehrt und ist am 8. April in Braunschweig aufgetreten.\nBielefeld. Am Charfreitage hat der hiesige Musik-Verein\nunter Herrn. Wichmanns Leitung das Stabat Mater von Ros-\nsini aufgeführt. Das Sopran-Solo sang Frl. Düringer aus Berlin.\nitleiiiifiigeii, 10. April. Am 7. d. Mts. wurde das hiesige Ilof-\ntheater mit der Oper Zampa bis zum Herbste geschlossen. Dieselbe\ndirigirte unser neue Hof-Capellmeistcr Jean Bott, der Anfangs\nFebruar, als er ein paar Tage hier war, schwer erkrankte und da-\ndurch seine Kunstreise die er trotz seiner Anstellung hätte voll-\nenden können aufgeben musste. Bott bewährte sich als ein aus-\ngezeichneter Dirigent, und wenn wir bedenken, dass er einer der\ngrössten jetzt lebenden Violin-Virtuosen und dabei ein tüchtiger\nPianist undComponist ist, so können wir uns zu dieser Acquisition\nwirklich Glück wünschen. Dabei soll er \\iel Eifer und Energie\nbesitzen, welche letztere er allerdings wohl dadurch am meisten\nbewiesen hat, dass er in Kassel lieber seine Stellung aufgab, als\nsich Dinge zumulhen liess, die sein künstlerisches Ehrgefühl nicht\nduldete. Wie wir vernehmen, ist er jetzt ausser seiner Function als\nCapellmeister, die sich im Augenblicke auf das Dirigiren der Hof-\nGoncerlc beschränkt, mit der Composilion einer neuen Oper be-\nschäftigt. Hoffentlich werden wir im nächsten Winter seine erste\nOper, „Der Unbekannte44, auch zu hören bekommen.\nSJordeaiix. Ein Preis (eine goldene Medaille, 300 Francs\nwerth) ist hier ausgeschrieben worden für das beste Streich-Quar-\ntett. Es müssen nebst der Partitur auch die vier Stimmen einge-\nsandt werden. Ein versiegeltes Billel soll Namen und Adresse des\nEinsenders sammt einem Motto enthalten, welch letzteres auf dem\nManuscript anzugeben ist. In jenem Billet soll der Componist er-\nklären, dass sein Werk noch nicht aufgelegt und noch bei keiner\nPreisbewerbung eingereicht worden sei. Die Adresse lür die Ein-\nsender (welche übrigens das volle Eigenthumsrecht bewahren), ist:\nä la Societe de sainte Cecile ä Bordeaux, rue de Vobservatoire, 6.\nDer Termin ist der 1. Juni dieses Jahres."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "121", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe (Schluss: Orchester-Concerle Kammermusik— Einzel-Concerle— Debain's Harmonichord). Von ß.\nUeber Verzierungen. Von L. Nitzsche. Charfreitags-Musik in Dessau (Buch's Passion). Von L. Kindscher. Die Rheini-\nsche Musikschule zu Köln. Von L. B. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Theater Bielefeld, Rossini's Stabat Mater\nFräul. Auguste («ebler Meiningen, Ilof-Capcllmeisler Jean Bott Bordeaux, Preis-Ausschreiben).\n\nPariser Briefe.\n\n[Orchester-Concerte Kammermusik Einzel-Con-\ncerte Debain's H ar monichord.]\n(Schluss. S. Nr. 15.)\nMan kann freilich der neuen Societe des jeunes Artistes\ndu Conservatoire den Vorwurf machen, dass sie sich zu\nwenig von ihrer älteren Schwester in Bezug auf die Pro-\ngramme lossagt; denn neben der lobenswerthen Neuerung,\nCompositionen von Zeitgenossen aufzuführen, bringt sie\nauch schon wieder Bruchstücke von Sinfonieen, ja, von\nQuartetten oder Quintetten, vom Chor sämmtlicher Streich-\nInstrumente vorgetragen, Antiquitäten, wie den Chor aus\nCastor und Pollux von Rameau u. dgl. m. Allein wenn sie\ngedeihen soll, muss sie gute Einnahmen machen. Da nun\ndas Local der älteren Conservatoire-Gesellschaft zu be-\nschränkt ist, um alle Liebhaber ernster Concerl-Musik zu\nfassen, so schätzt sich die ausgeschlossene Hälfte glücklich,\nwenn sie Plätze in den Concerten des jüngeren Vereins\nbekommen kann, der ja doch auch das Zauberwort Conser-\nvatoire in seinem Titel hat. So wird es nach und nach Ton,\ndie neue Gesellschaft zu besuchen, und dann ist natürlich\nAlles gewonnen. Desswegen wirft man den Abonnenten\ndann und wann als Lockspeise die beliebtesten Stücke und\nKunststücke der älteren Gesellschaft hin, damit der Ruf\nsich verbreite, man höre hier wie dort dasselbe.\nDas lünfte Concert brachte wieder eine Sinfonie von\nGounod, die zweite, in Es-dur.Sie wurde schon vor zwei\nJahren mit Beifall gehört, dieses Mal jedoch etwas kälter\naufgenommen. Gounod colorirt zu viel und wird dadurch\nleicht eintönig. Uebrigens ist das Publicum dieser Concerte\nauch noch weit von der geschulten Aufmerksamkeit ent-\nfernt, die man im Conservatoire findet. Das brillante Violin-\nSolo von Alard, von Herrn Lancien brillant gespielt,\nhatte alle Köpfe so eingenommen, dass in ihnen kein Raum\nmehr lür eine so lange Sinfonie war. Die Einleitung und\neinige Fragmente aus G I u c k' s Alceste verunglückten durch\ndie ungenügenden Mittel der Ausführung. Man erzählte\nmir dabei eine Anekdote aus der Zeit der ersten Auflüh-\nrung der Alceste. ,Unseliger Gluck! Du reissest mir die\nOhren ah!\" schrie ein Piccinisl im Parterre.— „Ein Glück\nlür S ie,\" rief ein Gluckist, „wenn Sie dadurch ein Paar\nandere bekommen !*\nDie Vereine für Kammermusik vermehren sich,\nund das ist, wenn auch nicht überall und ausschliesslich in\nihnen der classischen Musik gehuldigt und nur Ganzes ge-\ngeben wird, doch immer ein gutes Gegengift gegen die\nVerführung und Verderbung des Geschmacks durch Vir-\ntuosen-Concerte. Die Sache ist im Grunde genommen noch\nneu in Paris; denn Deutschland hatte längst seine berühm-\nten und unberühmten Quartett-Vereine, als Alard und\nFranchomme hier vor etwa acht Jahren mit dem ihrigen\nhervortraten. Ihnen folgten bekanntlich Maurin und Che-\nvillard, und seit vorigem Jahre haben wir noch die Vereine\nvon Dancia, Armingaud und Jacquard, Lebouc, Alies und\nLee, den Damen Pfeiffer, Malleville; in diesem Jahre sind\nFelicien David und Paulin, Graf Stainlein und Genossen\nhinzugekommen.\nDer Graf Louis von Stainlein, für Deutschland\nkein neuer, sondern ehrenvoll genannter Name auf dem\nGebiete der Musik, als Componist und trefllicher Violon-\ncellspieler anerkannt, hat eine Gesellschaft lür Kammer-\nmusik gegründet, zu welcher er ausgezeichnete Künstler\nvereinigt hat, nämlich Sivori (I. Viol.), Viault (II.), Ca-\nsimir Ney und van Gelder, mit welchem er selbst im\nVortrage der Violoncell-Partie abwechselt. Als Pianist ist\nLübeck dabei belheiligt. Der Graf, der lür die Kunst\nlebt und webt und daneben einen höchst edeln Gebrauch\nvon seinem Vermögen macht, das ihm die unabhängigste"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.1.2", "texte": "Lage verstattet, hat den Ertrag der Sitzungen den Armen\nseines Arrondissements überwiesen. In welchem Geiste er\nsie leitet, zeigen die Programme. In der I.Sitzung am 20.\nFebruar, im Pleyel'schen Saale: Quartett in von\nL.v.Stainlein; Clavier-Trio von Mendelssohn; Andante mit\nVariationen aus dem D-wo/Z-Quartett von F. Schubert;\nQuartett in Es, Nr. 10, von Beethoven. ll. Trio in C-\nmoll lür Piano, Violine und Violoncell von L. v. Stainlein;\nSonate in A-moll von Beethoven lür Piano und Violine;\nViolin-Quartett in Dvon Mendelssohn. lll. Violin-Quar-\ntett in C-durvon L. v. Stainlein; Sonate lür Piano und\nVioloncell von F. Mendelssohn; Violin-Quartett in\nNr. 8, von Beethoven.\nSivori, bisher nur als glücklicher Nachfolger Paganini's\n(in so fern dieser einen haben kann) in Ueberwindung von\nSchwierigkeiten, in glänzendem und blendendem Spiel und\nallerlei Hexereien berühmt, hat in diesem Vereine bewie-\nsen, dass er auch classische Musik der ernstesten Gattung\naufzufassen versteht, obgleich er nach meinem Urtheil Mau-\nrin, der nichts Blendendes hat, darin nicht gleichkommt.\nAber dass Sivori auch zu dieser Gattung von Musik einen\nherrlichen Ton und eine vollendete Technik mitbringt, ge-\nreicht ihrer Ausführung allerdings zum Vortheil. Nach ihm\nist unter den Genossen des Vereins der Pianist Lübeck\nder Bedeutendste. Die grosse Beethoven-Kreutzer-Sonate\nspielten Beide freilich theilweise nicht in einem Tempo, son-\ndern im Fluge: ils l'enleverentim wahren Sinne des Wor-\ntes. Das Ensemble in den Violin-Quartetten ist sehr gut.\nStainlein's Compositionen haben unter den Kennern und\nFreunden deutscher Musik nicht bloss Beifall, sondern Auf-\nsehen erregt, besonders das Quartett in C-dur und das An-\ndante und der letzte Satz des Clavier-Trio's. Man rühmt\nmit vollem Rechte die Einfachheit, Correctheit und Klarheit\ndes Stils, der sich den be«ten Mustern, die Haydn gegeben,\nanschliesst, ohne neue Harmonieen zu verschmähen und\nder Originalität zu ermangeln. Das Publicum findet sich\ntrotz der hohen Eintrilts-Preise sehr zahlreich ein und be-\nsteht aus den gewähltesten Kreisen der künstlerischen und\naller anderen Aristokratieen.\nDer Verein Maurin, Chevillard, Mas und Sa-\nbatier setzt seine Sitzungen fort. Die Reisen in Deutsch-\nland haben nicht bloss seinem Rufe, sondern auch der Aus-\nführung selbst gut gethan. Man kann sich keine vollende-\ntere Einheit des Zusammenspiels denken, als diese vier\nKünstler, besonders beim Vortrage von Beethoven's Quar-\ntetten, offenbaren. Keiner denkt daran, auf Kosten des An-\nderen zu glänzen oder auch nur anzudeuten: „Seht, ich\nbin der erste Virtuose von uns Vieren!\" Wie bescheiden,\nwie ernst und geistig tritt der Cellist Chevillard auf, und\nwer hätte wohl weniger um Entschuldigung zu bitten, wie\ner, wenn er einmal zufällig etwas mehr an den herrlichen\nTon, den er seinem Stradivarius entlockt, dächte, als an\nden Componisten? Und Maurin mit seinem Silbertone und\ndessen entzückender Reinheit! Kurz: wenn man hören will,\nwie ein einziges Gefühl, eine einzige Seele vier Instrumente\nzu Einem macht, so muss man diesen Verein hören.\nDie Matineen von Felicien David und Paul in\nsind von anderer, man kann sagen: von entgegengesetzter\nArt. Da wird viel Modernes aufgetischt (denn die paar alten\nStücke von Lully u. s. w. werden nur der Mode wegen,\ndie retrospective Brocken haben will, hineingeworfen), be-\nsonders Compositionen von F. David selbst, und man hul-\ndigt vor Allem der Abwechselung. Selbst Vocal-Musik fehlt\nnicht, und Herr Paulin ist ein guter Sänger. Die ausfüh-\nrenden Instrumentalisten sind die Herren Dancia, Altes,\nLee und Bailly; F. David schreibt für sie Quintette, beti-\ntelt: Soirees d'liiver et de prinim Stil der Wüste\nund des Columbus. In der letzten Matinee spielte Lübeck,\nder unter den Pianisten auf der Höhe der ist, da\nfast nichts ohne ihn sein kann, einige Lieder ohne Worte\nvon Mendelssohn und Weber's Aufforderung zum Tanze\nmit stürmischem Beifall. Die Wahl war gut; mit einer\nBeethoven'schen Sonate würde er in diesem Cirkel wenig\nGlück gemacht haben. Desto lobenswerther war es, dass\ner sich trotzdem nicht zu gehaltlosen Klimpereien im Mode-\ntone herabliess. Uebrigens muss ich doch zur Steuer der\nWahrheit sagen, dass er in der ersten Matinee die Cis-moll-\nSonate quasi fantasiagespielt, aber nur nachher mit dem\nImpromptu von Chopin und der Taranteile von St. Heller\nrasenden Applaus erhalten hat. Bei Gelegenheit dieser Ma-\ntineen habe ich denn auch aus der Revue et Gazette musi-\ncale erfahren, dass Felicien David wegen der Vortrefllich-\nkeit seiner Lieder in Deutschland der französische\nSchubert genannt werde. Das war mir ganz neu. [Uns\nauch.]\nDie Menge der Einzel-Concerte hat diesen Winter seit\nJanuar wieder bedeutend zugenommen. Es kommen aller-\nlei Curiosa darin vor, wie z. B. in dem Concerte der Ge-\nschwister Binfield ein Trio für Harfe, Ciavier und Harmo-\nnium, „der Armee in der Krim gewidmet\" ! Ob es dort\nauch so sanft hergegangen sei, wie in diesem Trio, dürfte\nman bezweifeln. Auszuzeichnen sind die Concerte von Louis\nLacombe und Henri Herz. Letzterer spielte in dem seinigen\nein Clavier-Concert mit Orchester, das auch als Compo-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.1.3", "texte": "sition sich über das Gewöhnliche erhob. machte er\nnatürlich nicht damit, sondern mit der Phantasie „Die Re-\ngimentstochter\" und mit einem Bravour-Galopp.\nEinen neuen und sehr schönen Concertsaal hat Herr\nA. Debain an der Place Lafayette eröflnet, der am 28.\nFebruar eingeweiht wurde. Natürlich spielte auch das neue\nInstrument, das Harmonie hör d (Vharmonicorde) eine\nHauptrolle dabei, da der Eigenthümer des Saales dessen\nErfinder ist. Debain ist ein mechanisch-akustisches Genie.\nEr hat bekanntlich das Harmonium gar sehr vervollkomm-\nnet, namentlich durch die Anbringung verschiedener Regi-\nster und die Stellung derselben über, nicht neben der Cla-\nviatur. Ein ander Mal hat er mechanische Pianoforle's ge-\nmacht, die von selbst spielen, d. h. wenn ihre Kurbel, wie\nbeim Leierkasten, gedreht wird. Jetzt ist nun sein Harmo-\nnichord an der Tagesordnung und das Lieblings-Instrument\nder eleganten musicalischen Salons. Es ist dies ein Har-\nmonium, welches zugleich mit den Metallzungen und ihren\nverschiedenen Registern einen vollständigen Bezug von Me-\ntall saiten hat, die perpendiculär, wie bei einem\ndroit, gespannt sind, nur dass jeder Ton nur Eine Saite\nhat, wie bei der Harfe. Die Tastatur ist so eingerichtet,\ndass auf den Niederdruck der Taste sich das Ventil, das\nder Metallzunge den Wind zum Schwingen zuführt, öffnet\nund zugleich ein Hammer an die Saite schlägt. Durch einen\nMechanismus, der mit den Knieen bewegt wird (denn die\nFüsse haben schon genug mit dem Blasebalgtreten zu thun),\nkann das Zungen- und Saitenspiel gesondert und jedes eben\nso gut allein, als beide verbunden gebraucht werden.\ncharmant, wie die Franzosen sagen, und weiter weiss ich\nauch nichts davon zu sagen. Es klingt etwa wie Harfen-\nbegleitung zu einem Blas-Inslrumente.\nUeber die Operntheater nächstens.\n\nB. P.\n\nUeber Verzierungen.\nWas eine Verzierung sein soll, erklärt sich schon von\nselbst. Um so mehr muss es befremden, wenn so viele\nVerstösse dagegen begangen werden. Hiernach lässt sich\nvermuthen, dass die Begriffe über diese ästhetische Ange-\nlegenheit nicht genug geläutert sind; denn man hält ge-\nwöhnlich jeden delicat ausgeführten Zusatz schon lür eine\nVerzierung, ganz abgesehen von der Art, wie er gebildet\nund wo er angebracht ist.\nDie Verzierung an einem Kunstwerke sei es nun\nplastisch, architektonisch oder musicalisch ist zu dem\nWesen desselben keineswegs nöth ig; ein Kunstwerk\nerreicht den Zweck durch sich allein. Die Verzierung als\nsolche ist eine Zuthat des Geschmackes, ein Geschenk der\nAnmuth, eine willkommene Umgebung; sie dient zur Aus-\nschmückung. Die Verzierung verhält sich also zum Kunst-\nwerke, wie eine Nebensache zur Hauptsache; sie kann den\neigentlichen Werth nie erhöhen, wohl aber Reiz anlügen,\ndie Ausstattung vollenden und so lür das Kunstwerk, zu\ndem sie wirklich passt, bedeutend werden. Hierin liegt nun\ndie eigenthümliche und schwierige Aufgabe, die man nur\nselten lös't und gewöhnlich gar nicht kennt: die äusseren\nZuthaten dem fertigen Ganzen dermaassen anzupassen,\ndass dieselben sich ausnehmen, wie durch Einen Guss ent-\nstanden, wie aus übervoller Triebkraft mit entsprossen.\nSolche Zuthaten sind alsdann wirklich Verzierungen; denn\nsie stimmen genau zu dem Charakter und beweisen trium-\nphirend Einheit und Reinheit des Stils vom Grunde bis in\ndie äussersten Spitzen. Muster von Verzierungen finden\nsich an den Mustern jeder Kunst, so auch in der Musik,\nund immer erscheinen sie mit dem Charakter des Werkes\nund des Ausdrucks in der engsten Beziehung. Bach'sche\nund Händel'sche Compositionen, welche in ihrem ganzen\nBaue mit jenen steinernen Wundern verglichen werden, die\nman gothischeDome nennt, tragen eben so, wie diese, nur\nRococo-Floskeln an sich; das Strenge, säulenfest Canoni-\nsche duldet bloss streng abgepasste Zierathen, selbst wenn\ndieselben bisweilen ins Wunderliche spielen sollten. In Mo-\nzart's, auch Haydn's Schöpfungen sind die Verzierungen,\nso klein oder gross sie sein mögen, stets am Platze und\ndadurch bedeutungsvoll. Wie reizend stehen der Ariette\nZerlina's: „Wenn du fein fromm bist\", die doppelten Vor-\nschläge! wie heroisch und treffend spricht dagegen das\nStaccato von der Königin der Nacht aus ihrem Rachege-\nlühle. In der Arie der Despina verdeutlichen\ndie kurzen Triller allerliebst eine graziöse Leichtfertigkeit.\nAuch Aenncheri im Freischütz dürfte nur ungern bei ihrem\nGesänge die neckischen und kleidsamen Zuthaten vermissen\nlassen. Selbst Bellini zeigt z. B. in dem Gesänge derNorma\nzum Chor der Priesterinnen (Casta diva) Geschmack durch\ndie umgebende Verzierung; das Solo spielt hier um die\ngetragenen Harmonieen, wie eine Opferflamme auf dem\nAlt are. In dem Schlusssatze der von Beet-\nhoven tritt plötzlich ein hoher Triller der kleinen Flöte wie\nein Stern über den Jubel des gesammten Orchesters, der\nbis in den Himmel reicht. Nur so dürfen Verzierungen auf-\ntreten, wie es diese wenigen Beispiele sagen: stets von der\nHauptsache abhängig, von der Gesammtheit inspirirt, als"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.1.4", "texte": "etwas Aparies und doch Zusammenhangendes, frei und\ndoch vom Charakter gelrieben, gerade so wie die Rebe am\nWeinstocke oder wie die Perlen auf dem Champagner. Es\ngehört Studium und feines Gefühl dazu, um wirkliche Aus-\nschmückungen zu schaffen; schon wer die Schwierigkeit\nbloss ermisst, welche darin liegt, dass die Verzierung,\ndie den Eindruck machen muss, als hätte sie der Zu-\nfall eben erst herbeigeführt, und die vor allen Dingen doch\ndem Charakter entsprechen soll , darauf hin berechnet und\nerdacht sein will gibt dadurch ein Zeichen von künstle-\nrischer Einsicht ab. Componisten, Virtuosen und Lehrer,\nwelche es hiermit ,nicht so genau nehmen\", verrathen,\ndass sie noch ziemlich entfernt vom Parnassus sind, auf\nwelchem Musen und Grazien, Idee und Geschmack sich\naufs beste verlragen. Die brillanteste Ausführung einer un-\npassenden Zuthat kann durchaus nicht für eine passende\nentschädigen, und gebildete Ohren sind keineswegs durch\nbloss äussere Bravour zu bestechen. Leider gedeiht aber\ndas Unkraut der Anti-Verzicrungen üppig genug, und es\nzeigt sich an der Ueberladung des Vortrages im Allgemei-\nnen und an dem Missbrauche der Fermaten im Besonderen.\ncnn Verzierungen die Haupt-Idee überwuchern,\nwerden sie zum Gegenthei! von dem, was sie haben vor-\nstellen sollen. Nichts fkarin das ästhetische Behagen schnel-\nler verscheuchen und den Charakter eines Werkes mehr\nverpfuschen, als wenn die Verzierungssucht darüber her-\ngefallen ist und beziehungslose Anhängsel hinein gezwun-\ngen hat. Sofort ist der ganze Ausdruck entstellt, die Ur-\nsprünglichkeit erstickt, der Stil verunehrt. So ungemein die\npassende Verzierung an richtiger Stelle anzieht, muss sie\ndurch maassloses Hervortreten abstossen. Meistens werden\ngediegene Sachen, und gerade oft die classischen, von Bor-\nnirtheit und Profanität verfolgt, welche in der Meinung, die-\nselben sangbarer, moderner, gefälliger zu machen, ihre\nOpfer dermaassen frisiren, schminken und ankränkeln, dass\ndas Original ganz zu Grunde geht. Verzierungen, die eine\nDonizetti'sche Arie putzen, können doch z. 8., auf den Stil\nGluck's verwandt, dafür bloss eine Beleidigung sein; der\nAufwand und Luxus, in welchem Rossini gefällt, ist doch\nkein Schmuck für Mozart, Haydn und Beetheven. Ge-\nschmacklosigkeiten von dieser Probe arten manchmal zu\nwahrhaft barbarischem Frevel aus. Wenn das Virtuosen-\n-4\nthum, seiner Natur nach der Liebling und\nauserwählte Begleiter der Muse, dem ihre grössten Schätze\nzu Gebote stehen, sich ähnliche sinnlose Anwendungen er-\nlaubt, bricht sofort das ganze V<-rhältniss; denn die echte\nKunst ist ausgeschieden. Durch Jahrhunderte schon geht\nder Brauch, dass Virtuosen, unter ihnen besonders die\nSänger, jede Fermate zum Spielraum für Verzierungen be-\nnutzen. Man ist allgemein darüber einverstanden, den Halt-\npunkt für eine Stelle anzusehen, auf welcher der Compo-\nnist sich plötzlich passiv verhält und dem Vortragenden er-\nlaubt, Selbstständigkeit zu entfalten. Wir wollen jetzt nicht\nweiter untersuchen, ob man überhaupt zu dieser Annahme\nberechtigt ist, dafür aber einige andere Bemerkungen hin-\nzufügen. Die Fermate oder der Haltpunkt steht gewöhn-\nlich da, wo eine vorherrschend gewesene Empfindung zum\nAhschlusse kommt und zugleich der Eintritt einer anderen\nvorbereitet wird. Der gehaltene Ton, welcher passend zu-\nund abnimmt, das Crescendo und Decrescendo schön heraus-\nstellt, malt ganz von selbst schon den Uebergang von der Lei-\ndenschaft zur Ruhe oder umgekehrl. Die auf der Fermate\nfussende Cadenz ist also eigentlich bloss eine verlängerte\nUmschreibung oder detaillirte Schilderung, und es ist der\nCadenz vor Allem nöthig, dass sie auch in der breitesten\nEntfaltung dem treu bleibt, was die Fermate hat aus-\ndrücken wollen. Der Componist verstummt gleichsam, der\nTactstab hemmt seine gesetzmässige Bewegung—aber der\nVortragende muss den Haltepunkt jedes Mal wie einen be-\ndeutsamen Blick betrachten, in welchem künstlerische An-\nforderung zu lesen ist, und den er nicht einen Moment\naus dem Auge lassen darf. Die Fermate ist nicht e:n Tum-\nmelplatz für beliebige Tonfiguren oder eine Veranlassung\nzu bunten und willkürlichen Aeusserungen. Gerade da, wo\nder Virtuose sich die Freiheit nimmt, seine Selbstständig-\nkeit im Verein mit dem schon Gesagten und noch Rom-\nmenden geltend zu machen, muss er den Genius ganz be-\nsonders anrufen. Nur dann wird es möglich, dass die Ca-\ndenz, ein leicht ausgeführter Irissprung oder farbenreich\nzusammengestellter Bogen, zugleich wieder auf festen Grund\nund' Boden trifft, von dem er ausgegangen war; dann ist\ndie Verbindungsbrücke leicht, brillant geworden und den-\nnoch sicher geblieben.\nVirtuosen, welche es verstehen, bei grösster Freiheit\nim Vortrage dennoch dem Gesammt-Charakter treu zu blei-\nben, beweisen hiermit glänzend ihren guten Geschmack.\nManche erreichen sogar durch entsprechende nnd wohl an-\ngebrachte Verzierungen den Triumph, einzelne Stellen aus\nden Composilionen ganz besonders ins Licht zu setzen. Als\nFormes vor mehreren Jahren auf der dresdener Hofbühne\nin der Partie des Lysiart zum Adolar sang: „Die Liebe\ndeiner Braut gewann' ich mir, trotz deiner Rosenwang'\nund goldnen Zither\", liess er auf die ersteSylbe des letz-\nten Wortes einen Triller fallen, welcher ausgezeichnet den"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.1.5", "texte": "Hohn und Groll verdeutlichte, den Lysiart in diesem Mo-\nmente zu verrathen hat. Die Sontag, welche sich in ihrer\nzweiten Künstler-Epoche zwar fast ausschliesslich der ita-\nliänischen Oper zuwandte, wusste doch>ganz vorzüglich die\npassenden Gelegenheiten zu benutzen, um die Feinheit und\nEleganz ihres Geschmackes zu offenbaren. Unvergesshch\nwird auch allen, die in neuerer Zeit jene Mozart'sche So-\npran-Arie mit obligater Violine von Frau Lind-Goldschmidt\nsingen hörten, die Ausfüllung und Ausführung der Fermate\nbleiben, worin sich eclatant die Künstlerin zeigte, die nicht\neine blosse Virluosin ist. Endlich erwähnen wir auch noch\nFrau Bürde-Ney in dieser Beziehung. Ausser ihren herr-\nlichen Stimmmitteln, die in Staunen versetzen, ausser ihrer\ngrossen Virtuosität in der Gestaltung des Tones tritt auch\nder seelische Vortrag immer reicher heraus. Die ästhetische\nGewalt, welche mehr und mehr zur Herrschaft über diese\ngrosse Stimme gekommen ist, dictirt die meisten Verzie-\nrungen und momentanen Aenderungen, und lässt auch je-\nden kühnen Wurf gelingen.\nGewiss lassen sich zu diesen wenigen, aber glänzenden\nBeispielen auch manche andere aus Gegenwart und Ver-\ngangenheil auffinden. Alle beweisen aber, dass nur wahr-\nhafte Künstler das Geheimniss errathen, wie man frei auf-\ntreten und doch sireng im Stil bleiben kann und muss, um\ndurch Verzierungen wirklich zu schmücken. Alle diejeni-\ngen, welche nicht darin eingeweiht sind, erfüllen auch als\nVirtuosen ihre Pflicht weit besser, wenn sie genau bei den\nvorgeschriebenen Noten bleiben.\nDresden. L. Nitzsche, geb. Kind scher.\n\nCharfreitags-Musik in Dessau.\nJoh. Seb. Bach’s Passionsmusik.\n\nWenn in der Gegenwart auf dem Felde der Kirchen-\nmusik an Produetion von wirklich dahin gehörigen würdi-\ngen Tonschöpfungen Mangel ist und dieser Mangel sich\nauch schon immer fühlbar gemacht hat, so ist demselben\ndurch nichts wieder als durch Vorführung classischer Ton-\nwerke der Vergangenheit zu begegnen. Bach und Händel\nsind so ein Paar vorhundertjährige Classiker-Grössen, auf\ndie man immer wieder zurückkommt, die sich auch in der\nHinsicht als genial bewährt haben, in so fern das Wesen\ndes Genius nicht nur seine Gegenwart (die ihn oft kaum\nbegreift), sondern auch noch die fernste Zukunft überragt.\nAusserdem findet man neben Schönheit und Fülle des\nKlanges auch in ihnen die grösste Tiefe des Ausdrucks.\nIn Bach's Passionsmusik, die allerdings neu zu nennen ist,\nin so fern sie noch lange nicht allgemein und NB. nach\nVerdienst bekannt, so auch in Dessau zum ersten Male\nzur Aufführung gekommen ist, fühlt man nun so etwas,\ndas einem allmächtigen Flügelschlage des Genius gleicht,\nund man weiss in der That nicht, ob man mehr über die\nPlastik des kühnen Harmonie-Baumeisters in den Chören\noder über die hohe Dramatik des Seelen-Malers in den Re-\ncitaliven und Arien*) staunen soll. Wenngleich in den letz-\nleren Manches für die Gegenwart als veraltet erscheint, so\nist dennoch über diese uns vielleicht und in Folge ander-\nweitiger kunstwidriger Verhältnisse fern liegende Form\noft eine solche Geistesfülle ausgegossen, dass man sich, und\nresp. bei näherem wirklichem Verständnisse mit Macht\ngebannt und hingezogen fühlt. Aber ein ganz besonderes\nKennzeichen dieser Musik ist ihr religiöser Stempel; sie ist\naus lief religiösem Gefühle, aus dem innersten Glauben ent-\nsprungen, und an ihr bewährt sich denn auch wieder recht\ndas alte Sprüchwort: „Was von Herzen kommt, geht wie-\nder zu Herzen.\" Während aber in Bach eine echte De-\nmuth, gepaart mit besonnener Buhe und einer sich selbst\nbewusslen Menschenwürde, sich ausspricht, und zwar dies\nreel und kernig, grossartig und naturwahr, mit den wesent-\nlichen, obwohl oft nur geringen Mitteln, durch welches\nalles man sich, summarisch genommen, nur erhoben\nlühlt, nimmt die Demuth bei den Neueren in ihrem Aus-\ndrucke eine mehr künstliche, romantische Färbung an; es\nist nur eine zerflossene, weichliche Stimmung, ein\nSchein, hier in der Wirkung zu spüren, weniger ein wirk-\nliches Wesen. Da wir eben mehr und mehr hierin befan-\ngen sind, eben darum verstehen Bach auch noch zu We-\nnige, und müssen sich überhaupt erst an seine veral-\ntete (?!) Musik gewöhnen.\nDie Aufführung dieses kolossalen Werkes, welche Herr\nMusik-Director Thiele zur diesjährigen Charfreitags-Feier\nzum Vorwurf genommen, bewährte durch den Erfolg die\ndarauf verwandte unermüdliche Thätigkeit und Sorgfalt\nbeim Einstudiren der Chor-, so wie der Solo-Partieen. Der\nzweite Chor der mit dem ersten entweder wechselt oder\n\n*) Hier auch hinsichtlich der Chöre anzuführen der sich stei-\ngernde Fanatismus in: „Ja nicht auf das Fest\" u. s. w.,\n„Weissage uns, Christe\" u. s. w., „Lass ihn kreuzigen\";\nden Ausdruck der Innigkeit und Liehe im Schlusschor und\ndem vorangehenden „Mein Jesu, gule Nacht.\" Ferner die\nWehmuths-Klage im. grossartigen Doppelchor Nr. 1 (mit Cho-\nral-Melodie also neun stimmig und ausserdem noch\nDoppel-Orchester) und der mächtige Zorn-üewittersturm im\nDoppelchor: „Sind Bütze, sind Donner in Wolken verschwun-\nden\" u. s. w. u. s. w."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.1.6", "texte": "sich gleichzeitig verbindet, oder auch unmittelbar in den-\nselben hineingreift war der durch Herrn R. Magnus in\nCöthen gegründeten Sing-Akademie zugetheilt. Beide Chöre,\nderen jeder mit bedeutenden Schwierigkeiten zu kämpfen\nhat, vereinigten sich nun zu einem kräftigen Ganzen, und\ndie hieraus entspringende geistige Zusammenwirkung feu-\nerte wiederum jeden einzelnen Sänger fast sichtlich an, zur\nmöglichst vollendeten Darstellung auch das Seinige beizu-\ntragen. Die Partie des Christus (Bass) bemühte sich Herr\nKammersänger Krüger mit dem ihr zukommenden wür-\ndigen Ausdruck charakteristisch wiederzugeben. Der (im\nRecitativ erzählende) Evangelist war im ersten Theile dem\nTenor Herrn Kammersänger Pielke, im zweiten Herrn\nKühn zugetheilt, welche beide mit Fleiss ihrer Anforde-\nrung zu genügen strebten. Mit Letztgenanntem war noch\nvom herzoglichen Hoftheater betheiligt Fräul. Michalesi,\nwelche die seelenvolle, rührende H-moll-Arie :„Erbarme\nDich, mein Gott, um meiner Thränen willen\" (obligate\nViolin-Begleitung durch Herrn Concertmeister Appel) mit\nschönem Tone und passendem Vortrage sang. Ausser dem\ndurch Fräul. Viert haier vertretenen Sopran muss noch\ndie Alt-Partie erwähnt werden, lür welche Bach (wie Hän-\ndel auch im Samson) vorzugsweise seine meisten, auch be-\nsten Arien schrieb, deren namhafte Schwierigkeiten Fräul.\nGrunow mit ihrer schönen, klangreichen Stimme glücklich\nüberwand. Die übrigen Solostimmen treten durch ihre ge-\nringere Betheiligung mehr zurück.\nJe mehr nun überhaupt die Musik ein flüchtiges Kind\nder Gegenwart ist und ihr wirklicher Genuss, ihr Verständ-\nniss nicht immer aus dem einmaligen Anhören hervorgeht;\nje mehr ferner Bach, auf festem Boden der Wirklichkeit\nstehend, als ein tüchtiges Gegenmittel gegen die vielfältigen\nmodern-romantischen, auch mehr krankhaften Bestrebungen\nin der Kunst anzusehen ist: desto mehr wird auch der\nWunsch nach Wiederholung dieses hohen Kunstwerkes\nrege. Er sei denn hiermit nachdrücklich ausgesprochen, wie\nder überhaupt, dass mehr von Bach dem Publicum vorge-\nlührt und bekannt werde. Da ist z. B. die grosse, berühmte\nH-moll-Messe,- da sind eine grosse Menge von Kirchen-\nCantaten lür alle Sonn- und Festtage des Jahres, lür das\nganze Kirchenjahr also, welches noch dazu nicht bloss ein-\nmal, sondern zweimal componirt ist.\nNachschrift. Möchte endlich auch jenes hochbe-\nrühmte classische Instrumentalwerk von Joh. Seb. Bach:\n„Das wohltemperirte Ciavierdas einst von Robert Schu-\nmann das „tägliche Brod für Ciavierspieler\" genannt wurde,\nsich mehr und mehr mit seinem Segen ausbreiten, und in\ndem jetzt so ausgebreiteten Ciavierspiel der musicalischen\nWelt recht allgemein werden!\nCöthen.\n\nLouis Kindscher.\n\nDie Rheinische Musikschule zu Köln.\nDiese Anstalt hat zu Ostern wiederum einen Jahres-\nCursus vollendet und über die Fortschritte der Schüler\ndurch dreilätige Prüfungen und ein Prülungs-Concert (am\n6. d. Mts.) öffentliche Rechenschaft gegeben. Es freut uns,\nbezeugen zu können, dass die Resultate einen blühenden\nZustand und bedeutende Fortschritte bekunden, was der\numsichtigen Leitung der Schule durch ihren Director, Ca-\npellmeister F. Hill er, und den trefflichen Lehrkräften, die\nihm zur Seile stehen, zu danken ist. Dass eine Anstalt,\nwelche weder auf Staats-Unterstützung noch auf eigenen\nFonds beruht, sondern nur durch die Beiträge der Kunst-\nfreunde, die sie vor sieben Jahren gründeten, und durch\nden Ertrag des Schulgeldes besteht, zu ihrer Vervollstän-\ndigung noch Einiges zu wünschen übrig lässt, ist natürlich.\nAllein nicht bloss relativ, sondern abgesehen von diesen\näusseren Verhältnissen, leistet sie so Vorzügliches, dass sie\nkeineswegs das Künstler-Proletariat, sondern die wahre\nKunst und deren gediegene Lehre fördert. Der Geist, der\nin der Anstalt herrscht, die übereinstimmenden Ansichten\nsämmtlicher Lehrer über das Wesen der Musik und die\nkünstlerische Ausbildung lür die Tonkunst, die auf den rich-\ntigsten ästhetischen Grundsätzen beruhen und jedem über\ndie eigentliche Kunst Sphäre hinaus schreitenden Theorem\neben so abhold sind, wie allem Charlatanismus der Vir-\ntuosität, haben sich durch siebenjährige Wirksamkeit be-\nwährt. Die Anstalt hat die schwierigste Aufgabe einer\nKunstschule, neben der Ausbildung hervorragender\nTalente ihre sämmtlichen Schüler auf eine ziemlich\ngleiche Stufe gründlich musicalischer Bildung zu bringen,\nauf höchst befriedigende Weise gelös't, und dies ist jeden-\nfalls das grösste Verdienst einer Schule als solcher, da bei\ndem Ruhme, den ihr glänzende Talente verschaffen, doch\nin der Regel die Natur das Meiste thut.\nAusgezeichnet müssen wir die Resultate nennen, welche\nim C lavier-, Orgel- und Vi ol in spiel erreicht wor-\nden sind.\nDas Ciavierspiel charakterisirl sich als Erfolg einer ge-\ndiegenen Schule, die durch die Einheit der Unterrichts-Me-\nthode von der untersten bis zur höchsten Stufe begründet\nist. Ihre Vorzüge haben sich bei allen Schülern, auch den\nwenig begabten, so wie bei denen, deren Haupt-Instrument"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.1.7", "texte": "das Pianoforte nicht ist, durch die Grundlagen einer treff-\nlichen Haltung der Hand, eines guten Anschlags und eines\nreinlichen, correcten Spiels offenbart. In dem Prüfungs-\nConcerte traten diese Vorzüge bei allen Clavierislen: Moriz\nPohl aus Köln (Rondo von C. Kreutzer mit Orchester),\nAnna Seil aus Bonn (Sonate mit Violine von Beethoven),\nEmilie Garthe aus Deutz (Lieder ohne Worte von Mendels-\nsohn), Hub. Greis aus Neuwied (Capriccio von Mendelssohn),\nKaty Foster aus Ypsvvich in England (Sonate in C, Op. 2,\nvon Beethoven), Louise Schieren berg aus Ehrenbreit-\nstein (Rondo in A von Hummel mit Orchester), Johann\nVV eingärtner aus Köln (Ciavierstücke eigener Compo-\nsition und Allegro der grossen C-dur-Sonale von Beetho-\nven), Theodor Fraritzen aus Köln (das grosse Capriccio\nvon Mendelssohn) sichtbar hervor, während Einige von\nihnen in Technik und Vortrag Bedeutendes leisteten.\nEben so Vorzügliches bot die Prüfung der Orgel-\nclasse dar. Es dürfte kaum ein Musik-Institut in Deutsch-\nland geben, in welchem dieser hochwichlige Zweig des mu-\nsicalischen Unterrichts mit solcher Theilnahme von Seiten\nder Schüler und mit solchem Erfolg cultivirt würde. Einige\njunge Leute zeigten sich zugleich auf dem Ciavier, der\nVioline und der Orgel gewandt; selbst Schülerinnen spiel-\nten ganz artig Orgel. Bereits sind mehrere Organisten-\nStellen in der Rheinprovinz mit Zöglingen der Rheinischen\nMusikschule besetzt.\nDie Violinschule, in der noch der Geist des Un-\nterrichts der zu früh dahingeschiedenen F. Hartmann und\nTh. Pixis waltet, bewährte sich ebenfalls ganz vorzüglich.\nDie Violin-Classen zählen vielversprechende Talente, wie\nGeorg Krill aus Köln (Variationen von David), Oskar Jäckel\naus Schweidnitz (Taranteile eigener Composition), Aug. Grü-\nters aus Uerdingen, der auch Orgel- und Clavierspieler ist,\nund Karl Mathes aus Köln (Variationen für zwei Violinen\nvon Kalliwoda) und vor allen Ferdinand Bach aus Bonn\n(Sonate von Beethoven mit Ciavier, Variationen von Vieux-\ntemps), der, von seinem zwölften Jahre an auf der hiesigen\nMusikschule gebildet, bereits einen grossen Schritt auf der\nKünstler-Laufbahn gethan hat, und jetzt durch die Lehre\nund das Vorbild Joachim's, dessen unschätzbare Anerken-\nnung und Theilnahme er sich erworben, dem höchsten\nZiele gewiss mit Erfolg nachstreben wird.\nFür den Gesang muss freilich die Natur das Meiste\nthun, da sie hierbei sogar das Instrument selbst verleihen\nmuss und kein Amati und kein Stradivarius zu Hülfe kom-\nmen kann. Die Resultate des Unterrichts sind daher in die-\nsem Fache mehr als in den anderen nur relativ. Volle An-\nErkennung verdient Fräul. Emilie Garthe aus Deutz,\nüberhaupt eine der begabtesten Schülerinnen der Anstalt.\nIhre allgemeine musicalische Bildung lässt nichts zu wün-\nschen übrig, da die Grundlage derselben auf einer musica-\nlischen Natur und einem sehr fleissigen Studium beruht.\nSie trug einige Lieder eigener Composition vor, welche ein\nrecht hübsches Talent verriethen. Ihre Stimme ist freilich\nnur schwach, allein in kleinen Localen ganz lieblich anzu-\nhören, zumal da sie dieselbe mit gebildetem Vortrage in\nStücken, die ihr angemessen sind, zu gebrauchen weiss.\nDarüber hinauszugehen, müssen wir aber entschieden ab-\nrathen. Es ist auffallend und kein gutes Zeichen für die Ge-\ngenwart, dass man häufig auch bei sonst gut musicalisch\nGebildeten, Lehrern und Schülern, keine Achtung vor den\nSchwierigkeiten hat, die bei dem colorirten Gesänge, den\ngraziösen Verzierungen, dem Triller u. s. w. überwunden\nwerden müssen. Die wahre Grundlage zum Gelingen aller\ndieser Dinge ist die vollendete Bildung des Tones—\nton qui fall la musique, ist überall, aber am meisten beim.\nGesänge wahr—: das ist ein Studium, dessen Aussetzung\noder Ueberspringung sich stets rächt. Daher denn die\ntadelnswürdigen Erscheinungen von zwar reinem Einsätze\ndes Grundtones und doch unreiner Folge der Tonleiter na-\nmentlich im Absteigen, von Stossen und Schreien statt des\nkunstgemässen Tonansatzes in jeder Nuance der Stärke,\nvon Verschlucken der Noten zwischen Anfang- und End-\npunkt der Läufer, von Trillern in Terzen, von Portamento,\ndas den Ton über alle Zwischen-Intervalle hinwegschleift\nu. dgl. m., wie sie jetzt besonders auf den Theatern vor-\nkommen.— Fräul. Laura Marschalk, mit einer schönen,\nin der Höhe auch recht ausgiebigen Stimme, hat in dem\nletzten Jahre relativ grosse Fortschritte gemacht, besonders\nwas Reinheit und Sicherheit der Intonation betrifft. Vielleicht\nwird die Bühnen-Routine manches, was ihr noch fehlt,\nschneller ergänzen, als die Schule. Das beste Talent für\nGesang zeigte Herr Theodor Göbbels aus Aachen. Be-\ngabt mit einer echten Tenorstimme, die jugendlich frisch\nund ausgiebig ist, wird er durch fortgesetztes (leissiges Stu-\ndium bald alles beseitigen, was noch hier und da den An-\nsatz und das volle Ausklingen des Tones hemmt, der die\nerforderliche Gleichmässigkeit noch nicht überall erreicht\nhat. Trotzdem, dass Herr Göbbels durch die Durchlührung\ngrosser Partieen in Oratorieen und Concert-Musiken hier\nund in den anderen rheinischen Städten, kürzlich auch in\nHamburg, grossen und verdienten Beifall geärntet hat, kön-\nnen wir es doch nicht lür eine eigentliche Förderung halten,\ndass er so früh schon so sehr in Anspruch genommen wird."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570418-01.1.8", "texte": "Allerdings leistet er auch jetzt schon mehr als sehr viele\nseines Zeichens; aber wir wünschen doch, dass er nach\ndem Musikfeste in Aachen den ganzen Sommer in Müsse\nzu fortgesetzten Studien benutze. Dann wird er die Künst-\nler-Laufbahn mit grossem Erfolg betreten können.\nDie allgemeine musicalische Ausbildung der Schüler ist,\nwie schon oben gesagt, sehr befriedigend. Mehrere zeigten\nin den Prüfungs-Arbeiten schon eine tüchtige harmonische\nund contrapunktische Gewandtheit, Sicherheit im Spielen\neines bezifferten Basses (selbst Schülerinnen) und ziem-\nliche Fertigkeit im Partiturspielen a visla. Eben so war\nauch das Zusammenspiel, theils von Ciavier und begleiten-\nden Instrumenten, theils im Geigen-Quartett, präcis und\nermangelte nicht des musicalischen Gefühls und des richti-\ngen Ausdrucks.\nDas Lehrer-Personal der Rheinischen Musikschule ist\ngegenwärtig folgender Maassen zusammengesetzt: Capell-\nmeister F. Hill er (Direclor; Compositionslehre, Ciavier),\nK. Musik-Director F. Weber (stellvertretender Director;\nOrgel), B. Breuer (Violoncell, Zusammenspiel), F. Breu-\nnung (Ciavier), F. Derckum (Harmonielehre, Violine),\nA. Ergmann (Ciavier), K. Musik-Director Ed. Franck\n(Ciavier), Concerlmeister Grunwald (Violine), N. Hom-\npesch (Ciavier), Dr. VV. Müller (Declamation,Literatur),\nConcerlmeister Riccius (Violine), K. Musik-Director K.\nReinthale r (Gesang), Dr. E. Weyden (Italiänisch).—\nSecretariat: Marzellenstrasse Nr. 35.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKioiii, Nachd em Fr'äul. Marie Seebach in zehn Gast-Vorstel-\nlungen die Theilnahrne des Publicums unausgesetzt und in steigen-\ndem Maasse für das Schauspiel in Anspruch genommen, sucht die\nTheater-Direction iür den letzten Monat der Saison die Oper auch\ndurch Gastrollen zu heben. Frau Jag eis-Roth und Frau von\nS trad iot - M e n d e, beide beim Hofthealer zu Wiesbaden, sind in\ndiesen Tagen mit Erfolg vor unserem Publicum aufgetreten, erstere\nals Martha und Isabel'a im Robert, letzlere als Fidelio lind Fides.\nFrau Jagels-Roth zeichnet sich durch eine reine, bis in die äus-\nserste Stimm-Begion leicht ansprechende Höhe und eine gute Tech-\nnik aus; Frau Mende ist im Besitz schöner Mittel, die sie aber zu-\nweilen missbraucht, wenn sie sieh da, wo ein inniger, aus der Tiefe\ndes Herzens quellender Vortrag verlangt wird, wie z. B. im Adagio\nder grossen Scene der Leonore, zu accentuirten Tönen, die mehr\nSchrei als Gesang sind, verleiten lässt. Im Ganzen war ihre Auf-\nfassung der Leonore etwas zu männlich; Einzelnes gelang ihr in-\ndess, besonders im zweiten Acte, in Gesang und Spiel recht gut.\nFräul. Louise Meyer von Wien ist auch bereits eingetroffen.\nFr'äul« A uguste Gebler, deren Debüts als Coloratursängerin\nvoriges Jahr in Köln mit Aufmunterung aufgenommen wurden, ist\nvon Paris, wo sie ihre Gesang-Studien fortgesetzt hat, zurückge-\nkehrt und ist am 8. April in Braunschweig aufgetreten.\nBielefeld. Am Charfreitage hat der hiesige Musik-Verein\nunter Herrn. Wichmanns Leitung das Stabat Mater von Ros-\nsini aufgeführt. Das Sopran-Solo sang Frl. Düringer aus Berlin.\nitleiiiifiigeii, 10. April. Am 7. d. Mts. wurde das hiesige Ilof-\ntheater mit der Oper Zampa bis zum Herbste geschlossen. Dieselbe\ndirigirte unser neue Hof-Capellmeistcr Jean Bott, der Anfangs\nFebruar, als er ein paar Tage hier war, schwer erkrankte und da-\ndurch seine Kunstreise die er trotz seiner Anstellung hätte voll-\nenden können aufgeben musste. Bott bewährte sich als ein aus-\ngezeichneter Dirigent, und wenn wir bedenken, dass er einer der\ngrössten jetzt lebenden Violin-Virtuosen und dabei ein tüchtiger\nPianist undComponist ist, so können wir uns zu dieser Acquisition\nwirklich Glück wünschen. Dabei soll er \\iel Eifer und Energie\nbesitzen, welche letztere er allerdings wohl dadurch am meisten\nbewiesen hat, dass er in Kassel lieber seine Stellung aufgab, als\nsich Dinge zumulhen liess, die sein künstlerisches Ehrgefühl nicht\nduldete. Wie wir vernehmen, ist er jetzt ausser seiner Function als\nCapellmeister, die sich im Augenblicke auf das Dirigiren der Hof-\nGoncerlc beschränkt, mit der Composilion einer neuen Oper be-\nschäftigt. Hoffentlich werden wir im nächsten Winter seine erste\nOper, „Der Unbekannte44, auch zu hören bekommen.\nSJordeaiix. Ein Preis (eine goldene Medaille, 300 Francs\nwerth) ist hier ausgeschrieben worden für das beste Streich-Quar-\ntett. Es müssen nebst der Partitur auch die vier Stimmen einge-\nsandt werden. Ein versiegeltes Billel soll Namen und Adresse des\nEinsenders sammt einem Motto enthalten, welch letzteres auf dem\nManuscript anzugeben ist. In jenem Billet soll der Componist er-\nklären, dass sein Werk noch nicht aufgelegt und noch bei keiner\nPreisbewerbung eingereicht worden sei. Die Adresse lür die Ein-\nsender (welche übrigens das volle Eigenthumsrecht bewahren), ist:\nä la Societe de sainte Cecile ä Bordeaux, rue de Vobservatoire, 6.\nDer Termin ist der 1. Juni dieses Jahres."}]}