{"numero_id": "bm-bmtnabi-1857-05-02-01", "volume": "bmtnabi_1857-05-02_01", "ocr_sha256": "7e6f2fb76bfe4199098af31fa66cf81bd59c1cdaab5508c02792a9e4c50c3dcb", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1857/05/02_01/bmtnabi_1857-05-02_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-02-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-02_01#c001", "volume": "bmtnabi_1857-05-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "137", "page_fin": "137", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "137", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 334, "texte": "Inhalt.\nBeethoven, ses Critiques et ses Glossateurs. Par Alexandre Oulibicheff. IV. Von L. B. München er Briefe (111.\nund IV. Odeons-Concert Beethoven's Messe in D Händel's Israel in Aegypten Kammermusik). Von A. Z. M. v. Glinka\n(Nekrolog). Tages- und Unterhaltungsblatt (Crefeld, Aufführung von Haydn's Schöpfung Wien, Oper Hamburg)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-02-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-02_01#c002", "volume": "bmtnabi_1857-05-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "137", "page_fin": "140", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.2.2", "titre_corps": "Beethoven, ses Critiques et ses Glossateurs.", "titre_sommaire": "Beethoven, ses Critiques et ses Glossateurs.", "signature_source": "L. Bischoff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "137", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.1.1", "debut_caractere": 336, "fin_caractere_exclue": 3889, "texte": "Beethoven, ses Critiques et ses Glossateurs.\nPar Alexandre Oulibicheff.\n\nIV.\n(S. I. Nr. 13, 11. Nr. 14, 111. Nr. 15.)\nMit allen späteren Werken Beethoven's verfahrt Uli-\nbischeff sehr summarisch, indem er die bedeutendsten der-\nselben, z. B. die neunte Sinfonie und die grosse Messe in\nD, so wie die grossen Clavier-Sonaten gar nicht in Be-\ntracht zieht, geschweige denn analysirt, und auch aus den\nViolin-Quartetten nur ein paar Mal eine kleine Reihe von\nTacten anführt, um die Verstösse des Meislers gegen die\nGrammatik zu beweisen. Das Letztere ist aber schon hun-\ndert Mal geschehen. Hier, bei den Werken der dritten\nPeriode, hätten wir gerade ausführliche Begründung der\nabsprechenden Urtheile erwartet; wir suchen sie aber\nvergebens. Der ganze Abschnitt darüber fasst nur 30\nSeiten, wozu man allenfalls noch die letzten 15 Seiten\ndes Capitels über die zweite Periode ziehen kann. Allein\nwas sind 45 Seiten gegen mehr als 300 Seiten, wenn\nder Haupt-Aufgabe des Buches nur jene gewidmet sind?\nNun lässt aber der Verfasser noch dazu fast nur andere\nSchriftsteller und Kritiker in diesem Abschnitt reden, na-\nmentlich Fetis und Berlioz, zuletzt auch den „Wohlbe-\nkannten\" ; er selbst fügt aber wenig oder gar nichts wei-\nter zu diesen alten abgedroschenen Schulmeistereien, die\nman in Deutschland schon wieder vergessen hat, hinzu,\nals einige Seitenhiebe gegen Herrn von Lenz und einige\nschlechte Witze über die Deutschen. Das Letztere\nmacht überhaupt in dem ganzen Buche einen störenden\nEindruck; es ist,als wenn ein Schüler, der seinem Lehrer\nalles verdankt, was er weiss, über ihn zu schimpfen an-\nfängt, sobald er ihn nicht mehr versteht. In dieser und\nmancher anderen Beziehung zeigt sich das Gemüth des lie-\nbenswürdigen Mannes, der Mozarl's Biographie geschrie-\nben, auf eine merkwürdige Weise verbittert.\nDen Wegfall einer ausführlicheren Analyse der letz-\nten Werke entschuldigt er mit folgenden Worten (S. 251):\n„Wenn ich trotz der ernstesten Aufmerksamkeit die-\nses Werk (die VIII. Sinfonie in F) nicht auf die Einheit\neiner Idee, eines Gefühls oder irgend eines Bildes der\nPhantasie habe zurückführen können, wenn ich Mühe ge-\nhabt habe, den melodischen Charakter einiger Stellen her-\naus zu finden, so wird man die Schwierigkeit oder viel-\nmehr die Unmöglichkeit [d. h. für Herrn U.J begreifen, die\nWerke der dritten Periode nach ihrer psychologischen oder\nmateriellen Analogie zu analysiren, da in ihnen die Melo-\ndie, die eigentliche Hauptvertreterin des musicalischen In-\nhalts, oft gar nichts sagt, und die Harmonie, die nicht we-\nniger häufig in ihren Grundlehren verletzt ist, uns auch\nkeinen Aufschluss weiter verschaffen kann. Dies wäre\nschon ein Grund, meine Analysen nicht weiter fortzufüh-\nren.\" Quod erat demonstrandum! Denn ohne Beweise\nheisst obiger Satz nichts weiter als: „ Dieser Stoff ist\nschlecht, weil ich seine Bestandteile für schlecht halte;\ndas Letztere zu beweisen ist mir unmöglich, folglich auch\nnicht nöthig!\"\nDen zweiten Grund, sich auf keine Zergliederung wei-\nter einzulassen, findet er in dem „Vortheil\", andere „Au-\ntoritäten\" für sich sprechen zu lassen. Damit können wir,\ndie wir das Unglück haben in Deutschland zu wohnen,\nwo man jene Sterne längst als Nebeldecke erkannt hat,\nnicht zufrieden sein. Wir hofften im Osten einen neuen\naufgehen zu sehen, aber er bringt uns kein neues Licht,\nsondern nur den alten Fluch: „Heutzutage erklären sich\nEinige (?) lür die letzten Werke Beethoven's. Das könnt\nIhr thun, wenn in der That Euer Geschmack so beschaf-\nfen ist, was aber bei Menschen von gesundem Gehör"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "138", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4720, "texte": "schwer vorauszusetzen ist (!). Wenn Ihr aber behauptet,\nAlles schön zu finden und zu bewundern, das Quintett in\nC und die lünf letzten Quartette, die Mondschein-Sonate\nund die Sonate Op. 106, die Sinfonie in C-moll und die\nneunte Sinfonie, so lügt Ihr (vous vraij,\noder Ihr versteht von dem, was Ihr zu lieben und zu\nbewundern vorgebt, kein Wort, oder Ihr seid Adep-\nten.\" (!!) S. 252.\nDie Adepten schreiben sich, nach Ulibischeff, schon\naus früherer Zeit, seit der Erscheinung der Rasumowskv's\nher; die Ausleger (les Glossateurs} sind erst 1848 ent-\nstanden (!). „Durch die Adepten ist Op. 59 der Quar-\ntette bereits über Op. 18 gestellt; eine nahe Zukunft\nsie beginnt schon wird Op. 127, 130, 131, 132,\n135 die grossesten, jene des Op. 59 nur die grossen\nQuartette nennen. Und mit Recht; denn das längste von\nOp. 18 hat in der Partitur 30 Seiten, das längste von\nOp. 59 hat 38 S. und das längste von den fünf letzten\nhat 62 Seiten. Zahlen beweisen.\"\nDer ganze Beweis gegen Op. 59 besteht in Folgen-\ndem: „Diese Quartette sind sehr arm an Melodie, die\nMotive sind weniger wegen ihres Werthes an sich, als im\nInteresse der contrapunktischen Operationen gewählt.\nZwei Beispiele werden diese Behauptung rechtfertigen.\"\nDiese sind die ersten 4 Tacte de Nr. 2 in E-moll\n(2 Tacte E-moll, 1 Tact Pause, 2 Tacte F-dur), worin\nUlibischeff „eine der nichtssagendsten und schwächsten\nAufeinanderfolgen sieht, die auf dem Gebiet der verbote-\nnen Octaven gefunden werden können\" und der An-\nfang des Scherzo's:\nwovon er die 9 ersten Tacte ausschreibt, um im 4. und\n8. Tacte dem Accord d a f gis h den Process zu machen.\nDie Aeusserung, „dass dieses Bruchstück eben so wenig\nin harmonischer, als in melodischer und rhvthmischer Be-\n-7 %J\nziehung angenehm sei\" ist, abgesehen von des Verfas-\nsers subjectivem Urlheil über Rhythmus, in Bezug auf das\nMelodische nicht einmal ehrlich, da die Melodie erst nach\ndiesem Bruchstück beginnt.\nDer Verfasser, der in der Kenntniss der heutigen mu-\nsicalischen Literatur der Deutschen um mehrere Jahre zu-\nrück ist, begründet seine ganze Aesthetik auf Empfindun-\ngen und Gefühle, welche die Musik ausdrücken solle; von\ndem wahren Inhalt der absoluten Musik, der in musica-\nlischen Ideen besteht, die nichts weiter als das sind\nund sein wollen, hat er keine Vorstellung. Er will zwar\nkeine Programm-Musik, aber doch eine Musik, auf welche\nman sich leicht ein Programm machen könne. Daher ist\nihm denn „der psychologische Charakter der Ra-\nsumowsky-Quartette sehr unbesimmt, sehr wenig erkenn-\nbar und erzählbar, weil sie nur wenig Anregungen lür das\nHerz und noch weniger Einschmeichelndes lür das Ohr\nhaben.\" „Reicher an mühsamen Grübeleien als an Eu-\nphonie zeigt Op. 59 bereits jene Ueberladung mit Noten,\nModulationen, Nachahmungen und vielfacher Zeichnung, jene\nPolyphonie, wie die Deutschen es nennen, welche ei-\nnes der unterscheidendsien Zeichen der dritten Manier\nist.\" Endlich darf natürlich auch der Vorwurf der\nSchwierigkeit der Ausführung nicht fehlen, denn Ulibischeff\nist selbst Violinspieler und „findet in Op. 59 schon solche\nUngehörigkeiten, dass die geschicktesten Virtuosen mehr\noder weniger an der Ausführung scheitern.\"\nZuletzt noch dies. Bei Damcke in Petersburg hörte\nunser Veteran (Schreiber dieses ist übrigens auch ein\nSechsziger; es kommt nur darauf an, ob wir mit den\nJahren, oder die Jahre über uns hinweg gehen) eines\nTa ges das Quartett in F,Op. 59, Nr. 1, von dem\ndamals vollkommensten Quartett-Verein L. Maurer's,\nseiner beiden Söhne und des Bratschisten Albrecht.\nAm Schlüsse des Finale's sagte er: „Dieses arme rus-\nsische Thema macht, so wie es hier von Beethoven ge-\nhandhabt und in Fluten von deutscher Gelehrsamkeit er-\nsäuft worden ist, auf mich den Eindruck eines russischen\nBauers, dem man einen Doctor-Mantel angezogen und eine\nPerriicke aufgesetzt, ihm aber seinen struppigen Bart, seine\nHolzschuhe und seine Muschikmütze gelassen hat, die über\ndie Perrücke gestülpt ist. Da ist ja weder Sinn noch Ge-\nschmack darin. Sie kennen alle die Kamarinskaia von\nGlinka; so muss man russische Thema's behandeln.\" (S.\n265.) Ulibischeff fährt fort: „Ich wurde nicht gestei-\nnigt. Im Gegentheil, alle diese Künstler fanden\nmeine Bemerkung richtig.\" Das beweis't aller-\ndings etwas: nämlich, dass jene deutschen Künstler sehr\nhöflich waren, und ihre Liebedienerei einem russischen\nGrossen gegenüber diesen leider nach solchen Erfahrungen\nwenigstens einiger Maassen entschuldigt, wenn er über\ndeutsches Wesen spöttelt. Der Freiherr vom Stein trat\nfreilich 1812 selbst an der kaiserlichen Tafel anders\nauf. Nun, jene Herren leben ja noch; sie werden hoffent-\nlich in dieser Veröffentlichung eine Aufforderung sehen,\nder Wahrheit die Ehre zu geben. Ueber Glinka, einen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "139", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4954, "texte": "verdienstvollen russischen Componisten, vergleiche man den\nNekrolog in der heutigen Nummer. In der darin ange-\nführten Stelle (S. 34 unseres UlibischefF) hat Glinka „eine\nAufgabe gelös't, deren Lösung Mozart unmöglich war\",\nund hier (S. 266) wird er Beethoven zum Muster aufge-\nstellt! Da hat denn doch der Russe den Kritiker der-\nmaassen in den Sumpf geritten, dass ihm nur Samiel wie-\nder heraus helfen kann.\nUlibischeff meint, weitere Analysen, als diese, seien\nüberflüssig. Für uns und unsere Leser allerdings auch,\naber in anderem Sinne.\nWie es mit den verheissenen Beweisen für die Ver-\ndammlichkeit der Werke der dritten Periode bei UlibischefF\naussieht, haben wir nun sattsam gesehen. Es bleibt uns\nnoch übrig, der zweiten Verheissung nachzugehen, nämlich\ndem Versuche einer neuen Erklärung der Verirrung Beet-\nhoven's in seinen letzten Werken.\nWir begegnen hier zunächst einer glänzend geschrie-\nbenen Stelle, welche wir zum Beweise unseres allgemeinen\nUrtheils, dass das Buch trotz aller Absonderlichkeiten doch\ndurchweg interessant ist, übersetzen:\n„Setzen wir den Fall, dass alle Werke der letzten Pe-\nriode verloren gegangen und nur das Verzeichniss dersel-\nben auf uns gekommen wäre. Man könnte dann, gestützt\nauf die biographischen Nachrichten, durch eine Reihe von\nInductionen auf folgenden Gedankengang kommen.\n„Ein Mann von 53 Jahren, viel älter als seine Jahre,\nweil der finsterste, misstrauischste, schwarzgalligste, un-\nglücklichste Mensch, konnte die Leidenschaft seiner Jugend\nund die energische und gewaltige Grösse seines reiferen\nAlt ers nicht bewahrt haben. Man würde vermuthen, dass\ndie Werke dieser dritten Periode weit weniger melodiecn-\nreich sein würden, als die früheren; denn die Melodie ist\nbeim Musiker die Jugend des Herzens, die Gluth der Phan-\ntasie, die sinnliche und ideale Poesie, mit Einem Worte:\ndie Liebe, die Ueberfülle der elektrischen oder nervösen\nI\nDurchströmung, das Princip des Lebens. Man würde ferner\nannehmen, dass Beethoven, seit zehn Jahren taub, weniger\nempfänglich für den Reiz des Wohlklangs geworden sei,\nund dass er andererseits, schwächer in der melodischen\nErfindung, die Schöpfungskraft, die ihm noch blieb, auf\nneue und ungewöhnliche harmonische, contrapunktische und\nrhythmische Combinationen verwandt habe, indem er auf\ndiese Weise das, was dem Ohr, das für ihn todt war,\nschmeichelte, durch das ersetzte, was das Auge auf dem\nNotenblatt beschäftigte und interessirte.\n„Zöge man dann die Vereinsamung Beethoven's in\ndieser Periode seines Lebens in Betracht, die sein Neffe\nauf schreckliche Weise verbitterte, so würde man sich fra-\ngen müssen, wo er die Begeisterung schöpfen sollte? Bei\nden Menschen? Er floh sie. Aus der Liebe? Die Zeit dazu\nwar längst vorüber, lür ihn mehr als für jeden Anderen.\nAus der Freundschaft? Er glaubte nicht mehr daran. Aus\nder Natur? Ihre Erscheinungen spiegeln nur unser eigenes\nBild wieder, und Beethoven hatte sich seit der Zeit, wo er\ndie Pastoral-Sinfonie schrieb, sehr verändert. In der trau-\nrigen Wirklichkeit, die ihn umlagerte und niederdrückte,\nhatte Beethoven keine Zuflucht, als die Einsamkeit seines\nIchs, den schrecklichsten Kerker, in welchen die Seele eines\nLebendigen sich einschliessen kann. Er musste sich in die\nTiefen jener trostlosen Metaphysik versenken, aus denen\nunablässig die Frage Hamlet's aufsteigt und von ewigem\nSchweigen zurückgewiesen wird, wenn der Glaube nicht\ndarauf antwortet.\n„Diese inneren Befrachtungen, dieses aufreibende Brü-\nten, das in eine Art von chronischer Seelenkrankheit über-\nging, mussten nothwendig sich in seiner Musik wiederspie-\ngeln und ihr etwas Finsteres und Dürres verleihen. Wahr-\nscheinlich war der Ausdruck nicht mehr darin, und das Un-\nbestimmte herrschte; mühevolle und unfruchtbare Grübe-\nleien traten an die Stelle der Begeisterung, die glückliche\nund unfreiwillige Originalität artete zu einer systematischen\nAbsonderlichkeit aus, und die Ideen des Musikers verloren\nsich allem Anschein nach, während sie Tiefe suchten, ins\nLeere.\"\nUlibischefF meint nun, dass dieser Gedankengang nichts\nGezwungenes habe und der Faden der Ariadne sei, an wel-\nchem die Kritik dahin gelangt sein würde, die letzte Schreib-\nart Beethoven's Zug für Zug zu charakterisiren. Es ist eini-\nges Wahre daran; aber Eines vergisst UlibischefF gänzlich,\ndas ist, die angeborene Kraft des Flügelschlags eines so\nungeheuren Genius in Anschlag y/u bringen, welche in\nStunden der Weihe und des inneren Dranges alle Stricke\nxerreisst, die ihn an die Erde fesseln, und ihn emporhebt\nin Regionen, aus denen er dem Kritiker zuruft:\n„Du gleichst dem Geist, den du begreifst,\nN i c h t mir!\"\nWorin besteht nun aber die neue Erklärung des Ent-\nstehens der Eigenthümlichkeit der letzten Werke? Genau\ngenommen in nichts Anderem als darin, dass UlibischefF\ndie verschiedenen Veranlassungen, welche längst angeführt\nworden sind, als Taubheit, seltsamer Charakter, Verachtung\ndes Hergebrachten und der Kritik, zusammenfasst und zu"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3537, "texte": "einem gewissen Grade von Verrücktheit steigert. Er sagt\ngeradezu (S. 271), „dass nicht die Rede davon sei, ob in\nBeethoven's Verstandes-Functionen eine Störung eingetre-\nten sei oder nicht, sondern davon, die materiellen und mo-\nralischen Ursachen dieser Störung zu entdecken\" und\nS. 272: „Einige Kritiker behaupten, Beethoven habe den\nvollen Gebrauch seiner Vernunft und seiner Fähigkeiten als\nComponist bis zu seinem Tode bewahrt. Diese Meinung\nverdient keine Erörterung. Wenn das gewesen\nwäre, so hätte er nicht vergessen können, was jeder Mu-\nsiker weiss, dass falsche Accorde geradezu nichts aus-\ndrücken\" u. s. w.\nUlibischeff macht nun folgender Weise seine Schlüsse:\n1. Die Taubheit, beginnend seit seinem 27. Jahre, ver-\nwischte bei Beethoven zunächst den grellen Eindruck der\nDissonanz. Er bedurfte nach und nach immer schärferer,\nschneidenderer Accorde, wie ein überreizter Gaumen mehr\nPfeffer und Alkohol bedarf. Hierbei vergisst Ulibischeff\nschon, was er S. 271 sehr richtig gegen diese Annahme\ngesagt hat: „Taub? Als wenn ein Componist Ohren\nbrauchte, um auf dem Papier das Falsche von dem Rich-\ntigen zu unterscheiden!\"\n2. Die Eigenheiten seines Charakters und sein mora-\nlischer Zustand in den letzten Jahren. Hier werden nun\nalle Geschichtchen von Eigensinn und Schroffheit nach\nSchindler wiederholt und daraus auf ziemlich philisterhafte\nWeise geschlossen, nicht etwa, dass Beethoven ein Sonder-\nling, sondern etwas Weniges verrückt gewesen sei.\n3. Mystische Ideen Beethoven's über das Wesen der\nTonkunst müssen ebenfalls als Beweise herhalten.\nEndlich kommt Ulibischeff aber dennoch wieder auf\ndie Taubheit als Hauptgrund zurück, so dass die verheis-\nsene ganz neue Erklärung des räthselhaften Wesens des\ngrossen Genie's nichts bringt, was nicht schon gesagt wäre\nvon allen denen, die Ulibischeff's Ansicht über die letzten\nWerke Beethoven's theilen. Er fährt nämlich im Wesent-\nlichen so fort:\n„Noch nicht ganz taub, gewöhnte sich Beethoven an\nMissklänge; ganz taub, verlor er auch die Erinnerung an\ndie wirklichen Töne (!) und Überhess sich einem eingebil-\ndeten Hören. So gerieth er in die Täuschungen einer idea-\nlen Musik, die in keiner Beziehung mehr zu der wirklichen\nstand (!). Die mystischen Ideen,, in Verbindung mit den\nTäuschungen der Taubheit, konnten nun jene plötzlichen Vi-\nsionen, jenen lebhaften, aber trügerischen Schimmer der\nSeele erzeugen (?), was Symptome oder oft Vorboten der\nVerrücktheit sind, wie Herr Esquiros in einem trefTlichen\nBuche über Philosophie medicalebezeugt (?). Es ging Beet-\nhoven wie einem Astronomen, der die Kehrseite des Mon-\ndes beobachtet zu haben träumt und diese Beobachtungen\nveröffentlicht. Eben so wollte Beethoven die Kehrseite der\nMusik, die keine hat, ausfindig machen. Da er aber nichts\nmehr hörte, die Erinnerung an die klingende Musik verlo-\nren halte und theilweise Schatten seinen Verstand umnach-\nteten, so brachte er Werke hervor, die ihm erhaben in Er-\nfindung und Harmonie schienen, aber lür diejenigen, die\nmit ihren Ohren hörten, ein mit Siegeln verschlossenes\nBuch blieben.\"\nDas sind Beweise, die sich im Kreise drehen und uns\nnicht um ein Jota weiter bringen, und Ulibischeff überragt\ndabei seine Vorgänger um nichts weiter, als dass er einen\ngewissen Grad von Verrücktheit bei Beethoven ganz posi-\ntiv behauptet. Gott vergebe ihm die Sünde! Die Nachahmer\nin unserer Zeit zeigen am besten den himmelweiten Unter-\nschied, der zwischen grillenhaften, chimärischen Productio-\nnen und den letzten Thaten jenes unsterblichen Genie's\nbesteht.\n\nL. Bischoff."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-02-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-02_01#c004", "volume": "bmtnabi_1857-05-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "140", "page_fin": "142", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.2.3", "titre_corps": "Münchener Briefe.", "titre_sommaire": "Münchener Briefe.", "signature_source": "A. Z", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.1.4", "debut_caractere": 3539, "fin_caractere_exclue": 4787, "texte": "Münchener Briefe.\n\n[Abonnemenls-Concerte im Odeon Palmsonntag\nMissa in ü von Beethoven lll. Soiree für Kammer-\nmusik Oratorien -Verein Concert von\nBärmann ]\nDen 23. April 1857.\nDas dritte Abonnements-Concert im Odeon begann\nmit der Sinfonie mililairevon Haydn, welche mit aller Fein-\nheit gespielt wurde. Fräul. Schwarzbach sang darauf eine\nConcert-Arie von Mozart; uns wollte die Wahl dieses\nStückes nicht recht zusagen. Das Recilativ der Arie ist\nschön, auch enthält dieselbe anziehend Melodisches ist\nsie ja doch von Mozart! Aber das Ganze erschien uns nicht\nrund, sondern etwas zerrissen, und machte auch keinen be-\nfriedigenden Eindruck. Nun folgte als erste Nummer der\nzweiten Abiheilung eine Ouvertüre des königlichen Capell-\nmeisters Stuntz, von ihm selbst dirigirt eine Composition,\nwelche hier und da eine recht geschickte Mache, aber auch\nein gutes Theil Geschmacklosigkeit verräth; es findet sich\nunter Anderem darin die Combination eines Chorals mit\neinem ganz trivialen Tanz-Rhythmus. Ein komisches Duett\nvon Cirnarosa lür zwei Bässe wurde von den Herren Kin-\ndermann und Sigl leidlich vorgetragen, war aber eigentlich\nlür den Concertsaal nicht geeignet. Die Herren Kahl sen.\nund jun. spielten sodann ein Concertant von Spohr lür zwei"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "141", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5136, "texte": "Violinen mit kleinem Ton und vermochten die Composi-\ntion, die wie alle Spohr'schen einen markigen, kühnen Bo-\ngenstrich erfordert, nicht zur Geltung zu bringen. So war\nim Ganzen dieses Concert kein erquickliches, und wir wa-\nren froh, dass die frische Ouvertüre zu den Abenceragen\nvon Cherubini die etwas gesunkene Stimmung am Schlüsse\ndes Concerts wieder hob.\nDas letzte Abonnements-Concert brachte die erste\nSinfonie von Beethoven, die hier selten gemacht wird. Das\nComite, welches die Programme festsetzt, liebt es überhaupt\nsehr, sich nur an einige wenige von den Sinfonieen von\nBeethoven, Mozart und Haydn zu halten und immer wieder\ndieselben vorzuführen; es ist dies ein Unrecht, das am\nPublicum begangen wird; die Ursache davon mag theilweise\nBequemlichkeit sein, indem man die bereits oft gespielten\nSinfonieen wenig zu probiren braucht. Die C-(2wr-Sinfonie\nwurde im Ganzen recht fein executirt; man konnte jedoch\nmerken, dass das Orchester noch nicht so ganz damit ver-\ntraut war. Frau Diez erfreute uns darauf durch den schö-\nnen, einfachen, doch seelenvollen Vortrag der bekannten\nArie aus Rinaido von Händel. Man hatte zur Begleitung\nstatt der ursprünglichen Instrumentation*) die von Meyer-\nbeer gewählt, und so sehr wir sonst gegen dergleichen Ar-\nrangements eifern möchten, konnten wir nicht umhin, zu\ngestehen, dass die Bearbeitung von Meyerbeer sehr ge-\nschmackvoll, geschickt und dabei discret gemacht ist.\nDas folgende Stück war Lachner's Festchor zur Mozart-\nSäcularfeier für Männerstimmen mit Begleitung von Blech-\nmusik. Es war ein unglücklicher Gedanke, diese Compo-\nsition, welche in Salzburg, von grossen Massen, in gehobe-\nner Stimmung, bei Fackelschein um Mozart's Standbild ge-\nsungen, bedeutende Wirkung machte, nun in den Odeon-\nsaal zu verpflanzen; denn hier ermüdete sie durch ihre\nLänge und die häufige Verwendung lärmender Instrumente,\nwelche im Freien sehr gut klangen. Es freut uns, be-\nrichten zu können, dass unser neulich geäusserter Wunsch\nBetreffs Vorführung Bach'scher Original-Compositionen tür\nOrchester bereits in Erlüllung gegangen ist. Wer vermag\ndie Wirkung zu beschreiben, welche die mit massenhafter\nBesetzung executirte Orchester-Suite in des ehrwür-\ndigen Joh. Seb. Bach auf alle empfänglichen Hörer machte!\nDiese Aufführung war wieder einmal ein Fest für alle Ver-\nehrer des grossen Meisters; denn namentlich durch den\nletzten Satz der Suite wurde das ganze Publicum von Stau-\nnen ergriffen und zur Bewunderung fortgerissen, die sich\nam Schlüsse durch donnernden Applaus kund gab. Unsere\nCapelle und ihr Generalissimus Lachner haben sich dabei\naber auch wieder durch eine meisterhafte Leistung ausge-\nzeichnet; Alle waren sichtlich selbst von der Aufgabe be-\ngeistert. Ein zweiter Männerchor mit Harmonie-Beglei-\ntung von Lachner, „Die Hermannschlacht\", Text von Klop-\nstock, fand vielen Beifall. Wir fanden in diesem Chor viel\nSchönes und Würdiges; doch will uns bedünken, die Piano-\nStellen, in denen die Tenöre bis in und fistuliren müs-\nsen, passten ihrer Weichlichkeit halber schlecht zu dem\nersten kräftigen Motiv und überhaupt nicht zu einem\nSchlacht- und Siegesgesange. Die Ruy-Blas-Ouverture von\nMendelssohn war die letzte Nummer des Abends und wurde\ngut gespielt.\nAm Palmsonntage wurde die grosse Messe in\nvon Beethoven aufgeführt, das Werk, wozu der Meister\nnach seinem eigenen Geständnisse sein Bestes verwandt. Es\nenthält auch gewiss das Erhabenste und Grösste, das Beet-\nhoven gedacht. Das Kyrie,das und sind\nSätze von überwältigender Schönheit; in jedem Theile der\nMesse finden sich Stellen, welche wundervoll sind. In wel-\nche Mystik ist das „Et incarnatus gehüllt! Klingt es\nnicht wie Offenbarung des Unbegreiflichsten durch Engel-\nstimmen? Wie ernst und düster ist dann wieder das „Pas-\nsus et sepullus est\"gehalten! Ist es nicht, wenn die Solo-\nVioline im Benedictus auf dem hohen G einsetzt und dann,\nvon luftigen Harmonieen getragen, abwärts geht, als komme\nuns hoch vom Himmel die Botschaft des Heils? Kann es\nein inniger Dankgebet geben, als den Einsatz der Singstim-\nmen: „Benedictus, qui venit\"? Wir können freilich nicht\ndie Ansicht derer theilen, welche Alles in dieser Messe\ngläubig hinnehmen, und werden weder die oft zu Tage tre-\ntende Ungeschicklichkeit in Handhabung contrapunktischer\nFormen, noch die häufigen Excentricitäten in der Modu-\nlation, noch die entsetzlichen Zumuthungen an die Sing-\nstimmen, noch das Schlachtgelümmel und die dramatischet»\nBecitative im Agnus Deirechtfertigen. Aber wir wollen\nuns auch durch diese Mängel nicht in der Anerkennung\nund im Genüsse des herrlichen Werkes beirren lassen. Die\nAufführung war im Ganzen eine sehr gute. Chor und Or-\nchester waren tüchtig; die Solostimmen liessen freilich zu\nwünschen übrig, allein man darf mit den Sängern bei die-\nser Messe nicht zu streng rechten. Das Solo-Quartett war\nan manchen Stellen doppelt besetzt, und dies that gute\nWirkung. Lassen Sie mich noch des meisterhaften Vortra-\nges des Violin-Solo's durch Lauterbach erwähnen; seine\nLeistung war eine wesentliche Zierde der ganzen Auffüh-\n\n*) Unseres Wissens hat die Original-Parlitur nur einen Grund-\nbass. Die ltedaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4174, "texte": "rung. Leider hatte das herrliche Wetter viele Leute abge-\nhalten, das Concert zu besuchen, und wir bedauern von\nHerzen, dass der Odeonsaal nicht gelüllter war.\nWir waren leider verhindert, ein Extra-Concert der\nköniglichen Capelle am Ostersonntag zu besuchen. Alle\nWelt spricht entzückt von Lauterbach's Spiel. Er hatte ein\nConcert von Kreutzer gewählt, und Kenner versichern, er\nhabe sich nie so glänzend ausgezeichnet, wie an diesem\nAbende. Ausserdem wurde Beethovens Musik zu Prome-\ntheus aufgeführt.\nDie dritte Soiree lür Kammermusik von Lauterbach\nund Wüllner brachte das Trio lür Streich-Instrumente in\nG-durvon Beethoven, welches die Herren Lauterbach, E.\nMoralt und Müller sehr schön vortrugen; darauf spielte\nHerr Wüllner die e, Op. 111, von Beetho-\nven; der erste Salz gelang ihm nicht recht; er klang un-\nruhig und hier und da unklar. Die Variationen dagegen\nspielte Herr Wüllner ganz vortrefflich; der lange Triller\nam Schlüsse war musterhaft. Das Es-dur-Quarlett von Mo-\nzart, welches recht wacker durchgeführt wurde, sprach all-\ngemein an. Das Programm der letzten Soiree war: das\nSchumann'sche Quintett, ein Trio in von Haydn und\ndas Quartett in F-dur, Op. 59, von Beethoven. Das erste\nWerk, eines der besten und klarsten von Schumann, wurde\nhier zum zweiten Male aufgeführt und gefiel besser, als\ndas erste Mal. Wir müssen auch allen Mitwirkenden, den\nHerren Wüllner, Laulerbach, E. Moralt, Kahl und Müller,\nbesonderen Dank für ihr priieises Zusammenspiel, für die\nmit Einem Worte sehr gelungene Aufführung zollen.\nGefiel das Quintett, so entzückte das Trio von Haydn, des-\nsen ewige Jugendfrische immer aufs Neue überrascht. Um\nden Cyklus der Soireen würdig zu schliessen, zeichneten\nsich die Quartettspieler noch durch den Vortrag des Bcet-\nhoven'schen Werkes aus; zu loben war, dass sie das\nScherzo sehr ruhig nahmen; es kann dadurch nur gewin-\nnen. Die Kammermusik-Soireen haben in diesem Winter\nsehr Schönes gebracht, und die Theilnahme des Publicums\nan denselben war eine grosse. Mögen die Herren Lauter-\nbach und Wüllner uns künftigen Winter wieder eben solche\nGenüsse bieten.\nDer Oratorien-Verein hat sich am 20. d. Mts. durch\neine schöne Aufführung des Israel in Aegypten hervorge-\nthan. Mit Freuden bezeugen wir, dass der Verein grosse\nFortschritte gemacht hat. Die Chöre waren durch den Di-\nrigenten, Herrn von Perfall, sehr sorgfällig einstudirt wor-\nden unu gingen recht präcis. Besonders schön klang der\nmächtige Chor: „Das hören die Völker und sind erstaunt.\"\nHier und da hätten wir noch etwas mehr Feuer gewünscht,\naber das wird sich wohl bei zunehmender Sicherheit noch\nfinden. Frau von Mangstl-Hetzenecker sang die Recitative\nund zwei Arien ganz vortrefflich; auch das Duett für zwei\nBässe ging recht gut. Wir hoffen und wünschen, dass der\nVerein, der über so schöne Kräfte verfügt, auf dem ein-\ngeschlagenen Wege bleiben und in seinem Streben nicht\nermüden und ermatten werde.\nWir haben nun noch eines Concertes zu erwähnen,\ndas Herr Bärmann gestern im Odeon gab. Er bewährte\nsich als hervorragender Clarinett-Virtuose, wie auch Herr\nLauterbach in einem von ihm selbst componirten Stücke\nseine ganze Virtuosität auf der Geige entwickelte. Herr\nBärmann behandelt die Clarinette mit ausgezeichnetem Ge-\nschick. Er bewältigt alle technischen Schwierigkeiten mit\nLeichtigkeit und versteht es, seinem Instrumente die ver-\nschiedenartigsten Klangfarben und Tonstärken zu ent-\nlocken. Grösseres Lob, wenigstens gediegeneres als Be-\nwunderung seiner Kunststückchen, glauben wir ihm da-\ndurch zu zollen, dass wir ihn als vortrefflichen Musiker\nrühmen, der im Ensemble und im Orchester unschätzbar\nist, der seine Soli immer mit dem grössten Versländnisse\nfür jede Composition vorträgt. Wir hatten schon Gelegen-\nheit, sein Spiel in dem Beelhoven'sehen Trio Op. 11 u. s.\nvv. u. s. w. hervor zu heben, und müssen noch ausserdem\nseiner schönen Leistungen in Sinfonieen u. s. w. gedenken;\nda weiss er immer seine Stimme am rechten Orte zur Gel-\nlung zu bringen, ohne jemals sich auf Kosten des Zusam-\nmenspiels und der Gesammtwirkung vorzudrängen. L7m\nwie Vieles besser stände es mit der Tonkunst, könnte man\nvon jedem Virtuosen dasselbe sagen*)!\n\nA. Z."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-02-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-02_01#c005", "volume": "bmtnabi_1857-05-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "142", "page_fin": "144", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.2.4", "titre_corps": "Michael von Glinka.", "titre_sommaire": "Michael von Glinka.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.1.6", "debut_caractere": 4176, "fin_caractere_exclue": 4877, "texte": "Michael von Glinka.\n[Nekrolog.]\nAm Sonntag den 15. Februar 1857, früh, schied in\nBerlin ein berühmter Musiker aus dem Leben, welcher seit\nJahr und Tag zwar in Berlin anwesend war, doch in so\ntiefer Zurückge/.ogenheit verweilte, dass Wenige nur von\nseinem Dasein wussten. Es war der kaiserlich russische\nIlof-Capellmeister, Director der Oper und des Hof-Kirchen-\nchors zu St. Petersburg, Michael von Glinka. Geboren\nbei Smolensk im Jahre 1804, ging der Künstler, nachdem\n\n*) Im „Münchener Briefe4* in Nr, 13 d. 81. soll es S. 101, Sp.\n2, Z. 4 von oben heissen: Kleine Madchen, die noch so\nwenig können, wie die Spielerin dieser Sonate.\" S. 100,\nSp. 2, Z. 21 von unten lies statt Frau Horn, Fräul. Horn."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5112, "texte": "sich seine Anlagen schon im Vaterlande vielfach bethätigt\nhatten, im Jahre 1830 nach Italien. Hier studirte er un-\nter Andrea Nozzari in Neapel hauplsächlich den Gesang,\nfür den er später vielfach geschrieben, sich auch selbst als\ntrefflicher Tenor ausgezeichnet und den berühmten Teno-\nristen Iwanoff gebildet hat. Er hielt sich einige Jahre in\nItalien auf, vorzüglich in Mailand. Im Jahre 1833 kam er\nnach Berlin und machte hier ein volles Jahr hindurch con-\ntrapunktische Studien bei dem Prof. Dehn.\nNach Russland zurückgekehrt, schrieb er viele grössere\nWerke für Orchester und Gesang, auch mehrere Opern,\nunter denen eine in fünf Acten, „ Das Leben für den Czaar!\"\nausserordentlichen Erfolg halte und noch heute in Russ-\nland mit grossem Antheil gegeben wird. Die Partitur der-\nselben, so wie die vieler seiner anderen Gesangs- und Or-\nchester-Arbeiten, befindet sich auf der königlichen Biblio-\nthek in Berlin.\nIn den vierziger Jahren lebto Glinka zu Paris und\nging auch nach Spanien, wo er sich hauptsächlich in Se-\nvilla aufhielt.\nErst im verwichenen Jahre 1856 kam er wieder nach\nBerlin, um die Composition in den alten Kirchen-Tonarten\nbei seinem früheren Lehrer zu studiren. In dieser Gattung\nhat er bis in seine letzten Tage, trotz schwerer Krankheits-\nZuslände, mit unermüdlichem Eifer gearbeitet. Diese Ihä-\ntigkeit hatte vorzüglich zum Zwecke, eine dem russischen\nRitus entsprechende Volksmesse, dreistimmig, wie dies der\ndortige kirchliche Gebrauch bestimmt, zu schreiben. Er hat\ndieses Ziel nicht erreicht: nur einige Sätze der Arbeit sind\nfertig geworden. Die Eugen, die er in den Kirchen-Tonar-\nten gesetzt, werden im Stich erscheinen, unter der aus-\ndrücklichen Bemerkung des Componisten, er wolle seinen\nLandsleuten damit zeigen, dass man bis an das Ende seines\nLebens in dieser strengen Gattung fort studiren müsse.\nGlinka ist der erste National-Russe, der eine grosse\nOper geschrieben hat. Auch viele Gedichte Göthe's, ins\nRussische übersetzt, hat er componirt. Im letzten Winter\nist noch in einem grossen Hof-Concerte zu Berlin ein Ter-\nzett, ein mit fünf obligaten Celli's, ein Fi-\nnale der Oper „Das Leben für den Czaar\" in des Compo-\nnisten Gegenwart ausgeführt worden. Von jenem Tage ab\nhielt ihn die Krankheit an Zimmer und Bett gefesselt.\nUlibischeff sagt von Glinka in seinem neuesten Werke\nüber Beethoven Folgendes:\n„ Weber's Freischütz wurde überall, selbst in den rus-\nsischen Provincialstädten, einheimisch; überall machte er\ngrosse Einnahmen, mochten nun Sänger und ein Orchester\nzur Aufführung vorhanden sein oder nicht. Im letzteren,\nbei Weitem dem häufigsten Falle ersetzten Samiel und die\nEule Alles. Nur Italien wollte nichts vom Freischütz wissen,\naus dem Grunde, weil die Extreme sich nicht immer be-\nrühren; zwischen Rossini und Weber lag eine Kluft, welche\nitaliänische Ohren nicht überspringen konnten.\n„Dagegen weckte Weber's Leier bei meinen Lands-\nleuten mächtige und fruchtbare Sympathieen, denen die\nlyrisch-dramatische Composition und die musicalische Kritik\nzugleich ihre Entstehung in Russland verdankten. Unsere\njungen Musiker begeisterten sich am Freischütz, und un-\nsere ersten Opern, ein Gemisch von Teufeleien und Volks-\nMelodieen, waren die Vorläufer des Meisterwerkes von\nMichael Glinka: „Das Leben für den Czaar\". Diese\nOper ist eine der grössten Schöpfungen unseres Jahrhun-\nderts und, wie ich zu glauben wage, einer der bedeutend-\nsten Fortschritte in der dramatischen Musik im Allgemei-\nnen. In diesem W'erke handelte es sich nicht bloss darum,\nden dramatischen Gesang mit dem Volksliede zu verbinden,\nwie Weber gethan, sondern zwei verschiedene Nationali-\ntäten zu charaklerisiren. Es kam darauf an, den Melodieen\ndie russische und die polnische Färbung von Anfang bis zu\nEnde zu geben und überall fest zu halten, selbst in den\nergreifendsten und tragischsten Situationen eine Aufgabe,\ndie ich, als ich meine Beographie Mozart's schrieb, für un-\nlösbar hielt, die Glinka aber mit um so bewunderungswür-\ndigerem Talente und Glück gelös't hat, als es ihm ganz\nund gar an Vorbildern dazu fehlte. Das Werk ist also eine\nOriginal-Schöpfung und sein Urheber ein Genie. Unser\nLandsmann ist nicht dadurch, dass er die Spuren Weigls\nin der „ Schweizerfamilie\" aufnahm und verfolgte, zu so\nschönem Ergebnisse gelangt. Kleine Mittel waren mit sei-\nner Künstlernatur unverträglich, und kleinliche Dinge wür-\nden in den erhabenen Rahmen, den er gewählt halte, nicht\ngepasst haben. Im Gegenlheil: er wandte die breitesten\nProportionen der neueren Musik an, bewährte sich als ein\neben so grosser Melodist und Instrumentalist als Contra-\npunktist, und bei allem dem mehr als Russe, als es jemals\nauf unseren Bühnen erlebt worden war. Zum ersten Maie\nentsprach unsere vaterländische Musik durch seine Feder\nden historischen Grössen des Landes und der moralischen\nGrösse der Nation.\"\nWir begreifen nicht recht, wie die „Schweizerfamilie'■\nin diesen patriotisch-musicalischen Panegyrikus hinein-\nkommt; es scheint, als wenn russische Kritiker den Stif\nder Glinka'sehen Oper mit etwas anderen Augen betrach-\ntet hätten, als Ulibischeff, der hier den Mund doch gar zu"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 913, "texte": "voll nimmt. Wie ist es denn gekommen, dass „eine der\ngrössten Schöpfungen des Jahrhunderts\", eine Urkunde\n„bedeutendsten Fortschrittes in der dramatischen Musik\"\nu. s. w. nicht über die russischen Gränzen hinaus gekom-\nmen ist, zumal da wir in Deutschland gar zu gern nicht\netwa bloss das Gute, sondern oft auch das Mittelmässige\nund Schlechte in der Kunst aus der Fremde herüberneh-\nmen? Eine Aufführung in Berlin würde gewiss Rellstab,\nvon dem die obigen biographischen Notizen herrühren, nicht\nmit Stillschweigen übergangen haben. Trotz alledem wäre\nes wünschenswert!), jene Oper einmal in Deutschland auf\ndie Scene zu bringen. Vielleicht trägt die Lobrede Ulibi-\nscheff's dazu bei. Freilich können wir uns kaum denken,\ndass so etwas gana Neues, wie eine gelungene russische\nNational-Oper, nicht eine gründliche Prüfung an der in\nBerlin vorhandenen Partitur bereits vor längerer Zeit ver-\nanlasst haben sollte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-02-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-02_01#c006", "volume": "bmtnabi_1857-05-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "144", "page_fin": "144", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.1.8", "debut_caractere": 915, "fin_caractere_exclue": 4041, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n** Crefeld. Am Sonnabend den 25. April wohnten wir hier\neiner Aufführung von J. Haydn's „Schöpfung\" bei, die durch\ndie Präcision, Frische und Vollstimmigkeit des Chors und durch\ndie Solo-Vorträge eine sehr gelungene genannt werden muss. Herr\nMusik-Director Wolf leitete dieselbe. Der Chor, obwohl viele\njunge Mitglieder zählend, welche den Abgang an älteren Theilneh-\nmern, die sich zurückgezogen, ersetzten, bewährte sich ganz so\ngut, wie man das immer in Crefeld gewohnt gewesen. Die Solo-\nSopran-Partie war durch Fräul. Louise Thelen aus Düsseldorf\nund die Tenor-Partie durch Herrn Göbbels aus Aachen ausge-\nzeichnet gut besetzt, und auch der Bassist, Herr It., befriedigte\ndurch schöne und klangvolle Mittel. Fräul. Thelen gebührt indess\nder Preis; ihre Silberstimme drang mit dem ihr eigentümlichen\nsympathischen Wohllaut zu Herzen, und sie trug die schwierige\nPartie vollkommen sicher, correct und mit jenem Hauche der Poesie\nvor, den nur ein inniges Auffassen der heiteren und lichtvollen\nGefühls-Seligkeit der zauberischen Melodieen Haydn's erzeugen\nkann, Fräul. Thelen hat freilich nichts Imposantes in ihrer Stimme,\naber dafür ist auch jeder Ton Gesang, und das wiegt für den wah-\nren Ausdruck die oft erzwungene, oft übertriebene Kraft bei wei-1\ntem auf. Herr Göbbels gefiel ebenfalls ausserordentlich und theilte\nmit vollem Verdienste den Beifall des dankbaren Publicums.\nWien. Für die nächste deutsche Opern-Saison sind wie\nder Wanderer berichtet folgende neue Opern in Vorschlag ge-\nbracht: Die sicilianische Vesper von Verdi; Fanchonette von Cla-\npison und der Feensee von Auber. Neu in Scene sollen gesetzt\nwerden: Iphigenie in Aulis (nach Richard Wagners Einrichtung);\nDas Pferd von Erz von Auber (in den Damen-Rollen besetzt durch\ndie Fräulein Wildauer, Liebhart und Hoffmann) und mit Recita-\ntiven von Proch; Templer und Jüdin von Marschner mit Fräulein\nMeyer und Hrn. Beck in den Haupt-Rollen; Faust von Spohr (mit\nneuem Finale) Cosi fan tutte und vielleicht Idomeneus von Mozart;\nendlich Herold's Zampa, Halevy's Musketiere der Königin, nach\nder pariser Ausführung mit zwei Sopranen und zwei Tenoren,\nSommernachtstraum von A. Thomas und Die Vestalin von Spon-\ntini mit Fräulein Meyer als Julie. Also wieder keine Miene, an\nRichard Wagners Tannhäuser zu gehen!\nSeit dem 15. Januar d. J. erscheint in ii amburg eine Zei-\ntung für Gesang-Vereine und Lieder-Tafeln, herausgegeben von J.\nF. Kaiser. Der Herausgeber, der dadurch einem dringenden Be-\ndürfnisse abzuhelfen beabsichtigt, richtet in dem der ersten Num-\nmer vorangeschickten Programme an alle Vorstände der in Deutsch-\nland existirenden Gesang-Vereine und Lieder-Tafeln die dringende\nBitte um geeignete Mittheilungen für das Blatt, namentlich: a.\nhistorische Notizen in Bezug auf die Begründung der Vereine und\nihre Begründer, ihre Organisation, Statuten, Mitglieder-Anzahl,\nWirksamkeit; b. um Beiträge zur Verwirklichung des Zweckes:\ndurch Veröffentlichung besonders gelungener Composilionen einen\nAustausch des vorzüglichsten Neuen, was die verschiedenen Ge-\nsangs-Vereine und Lieder-Tafeln besitzen, zu vermitteln."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "137", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nBeethoven, ses Critiques et ses Glossateurs. Par Alexandre Oulibicheff. IV. Von L. B. München er Briefe (111.\nund IV. Odeons-Concert Beethoven's Messe in D Händel's Israel in Aegypten Kammermusik). Von A. Z. M. v. Glinka\n(Nekrolog). Tages- und Unterhaltungsblatt (Crefeld, Aufführung von Haydn's Schöpfung Wien, Oper Hamburg).\n\nBeethoven, ses Critiques et ses Glossateurs.\nPar Alexandre Oulibicheff.\n\nIV.\n(S. I. Nr. 13, 11. Nr. 14, 111. Nr. 15.)\nMit allen späteren Werken Beethoven's verfahrt Uli-\nbischeff sehr summarisch, indem er die bedeutendsten der-\nselben, z. B. die neunte Sinfonie und die grosse Messe in\nD, so wie die grossen Clavier-Sonaten gar nicht in Be-\ntracht zieht, geschweige denn analysirt, und auch aus den\nViolin-Quartetten nur ein paar Mal eine kleine Reihe von\nTacten anführt, um die Verstösse des Meislers gegen die\nGrammatik zu beweisen. Das Letztere ist aber schon hun-\ndert Mal geschehen. Hier, bei den Werken der dritten\nPeriode, hätten wir gerade ausführliche Begründung der\nabsprechenden Urtheile erwartet; wir suchen sie aber\nvergebens. Der ganze Abschnitt darüber fasst nur 30\nSeiten, wozu man allenfalls noch die letzten 15 Seiten\ndes Capitels über die zweite Periode ziehen kann. Allein\nwas sind 45 Seiten gegen mehr als 300 Seiten, wenn\nder Haupt-Aufgabe des Buches nur jene gewidmet sind?\nNun lässt aber der Verfasser noch dazu fast nur andere\nSchriftsteller und Kritiker in diesem Abschnitt reden, na-\nmentlich Fetis und Berlioz, zuletzt auch den „Wohlbe-\nkannten\" ; er selbst fügt aber wenig oder gar nichts wei-\nter zu diesen alten abgedroschenen Schulmeistereien, die\nman in Deutschland schon wieder vergessen hat, hinzu,\nals einige Seitenhiebe gegen Herrn von Lenz und einige\nschlechte Witze über die Deutschen. Das Letztere\nmacht überhaupt in dem ganzen Buche einen störenden\nEindruck; es ist,als wenn ein Schüler, der seinem Lehrer\nalles verdankt, was er weiss, über ihn zu schimpfen an-\nfängt, sobald er ihn nicht mehr versteht. In dieser und\nmancher anderen Beziehung zeigt sich das Gemüth des lie-\nbenswürdigen Mannes, der Mozarl's Biographie geschrie-\nben, auf eine merkwürdige Weise verbittert.\nDen Wegfall einer ausführlicheren Analyse der letz-\nten Werke entschuldigt er mit folgenden Worten (S. 251):\n„Wenn ich trotz der ernstesten Aufmerksamkeit die-\nses Werk (die VIII. Sinfonie in F) nicht auf die Einheit\neiner Idee, eines Gefühls oder irgend eines Bildes der\nPhantasie habe zurückführen können, wenn ich Mühe ge-\nhabt habe, den melodischen Charakter einiger Stellen her-\naus zu finden, so wird man die Schwierigkeit oder viel-\nmehr die Unmöglichkeit [d. h. für Herrn U.J begreifen, die\nWerke der dritten Periode nach ihrer psychologischen oder\nmateriellen Analogie zu analysiren, da in ihnen die Melo-\ndie, die eigentliche Hauptvertreterin des musicalischen In-\nhalts, oft gar nichts sagt, und die Harmonie, die nicht we-\nniger häufig in ihren Grundlehren verletzt ist, uns auch\nkeinen Aufschluss weiter verschaffen kann. Dies wäre\nschon ein Grund, meine Analysen nicht weiter fortzufüh-\nren.\" Quod erat demonstrandum! Denn ohne Beweise\nheisst obiger Satz nichts weiter als: „ Dieser Stoff ist\nschlecht, weil ich seine Bestandteile für schlecht halte;\ndas Letztere zu beweisen ist mir unmöglich, folglich auch\nnicht nöthig!\"\nDen zweiten Grund, sich auf keine Zergliederung wei-\nter einzulassen, findet er in dem „Vortheil\", andere „Au-\ntoritäten\" für sich sprechen zu lassen. Damit können wir,\ndie wir das Unglück haben in Deutschland zu wohnen,\nwo man jene Sterne längst als Nebeldecke erkannt hat,\nnicht zufrieden sein. Wir hofften im Osten einen neuen\naufgehen zu sehen, aber er bringt uns kein neues Licht,\nsondern nur den alten Fluch: „Heutzutage erklären sich\nEinige (?) lür die letzten Werke Beethoven's. Das könnt\nIhr thun, wenn in der That Euer Geschmack so beschaf-\nfen ist, was aber bei Menschen von gesundem Gehör"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "138", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.1.2", "texte": "schwer vorauszusetzen ist (!). Wenn Ihr aber behauptet,\nAlles schön zu finden und zu bewundern, das Quintett in\nC und die lünf letzten Quartette, die Mondschein-Sonate\nund die Sonate Op. 106, die Sinfonie in C-moll und die\nneunte Sinfonie, so lügt Ihr (vous vraij,\noder Ihr versteht von dem, was Ihr zu lieben und zu\nbewundern vorgebt, kein Wort, oder Ihr seid Adep-\nten.\" (!!) S. 252.\nDie Adepten schreiben sich, nach Ulibischeff, schon\naus früherer Zeit, seit der Erscheinung der Rasumowskv's\nher; die Ausleger (les Glossateurs} sind erst 1848 ent-\nstanden (!). „Durch die Adepten ist Op. 59 der Quar-\ntette bereits über Op. 18 gestellt; eine nahe Zukunft\nsie beginnt schon wird Op. 127, 130, 131, 132,\n135 die grossesten, jene des Op. 59 nur die grossen\nQuartette nennen. Und mit Recht; denn das längste von\nOp. 18 hat in der Partitur 30 Seiten, das längste von\nOp. 59 hat 38 S. und das längste von den fünf letzten\nhat 62 Seiten. Zahlen beweisen.\"\nDer ganze Beweis gegen Op. 59 besteht in Folgen-\ndem: „Diese Quartette sind sehr arm an Melodie, die\nMotive sind weniger wegen ihres Werthes an sich, als im\nInteresse der contrapunktischen Operationen gewählt.\nZwei Beispiele werden diese Behauptung rechtfertigen.\"\nDiese sind die ersten 4 Tacte de Nr. 2 in E-moll\n(2 Tacte E-moll, 1 Tact Pause, 2 Tacte F-dur), worin\nUlibischeff „eine der nichtssagendsten und schwächsten\nAufeinanderfolgen sieht, die auf dem Gebiet der verbote-\nnen Octaven gefunden werden können\" und der An-\nfang des Scherzo's:\nwovon er die 9 ersten Tacte ausschreibt, um im 4. und\n8. Tacte dem Accord d a f gis h den Process zu machen.\nDie Aeusserung, „dass dieses Bruchstück eben so wenig\nin harmonischer, als in melodischer und rhvthmischer Be-\n-7 %J\nziehung angenehm sei\" ist, abgesehen von des Verfas-\nsers subjectivem Urlheil über Rhythmus, in Bezug auf das\nMelodische nicht einmal ehrlich, da die Melodie erst nach\ndiesem Bruchstück beginnt.\nDer Verfasser, der in der Kenntniss der heutigen mu-\nsicalischen Literatur der Deutschen um mehrere Jahre zu-\nrück ist, begründet seine ganze Aesthetik auf Empfindun-\ngen und Gefühle, welche die Musik ausdrücken solle; von\ndem wahren Inhalt der absoluten Musik, der in musica-\nlischen Ideen besteht, die nichts weiter als das sind\nund sein wollen, hat er keine Vorstellung. Er will zwar\nkeine Programm-Musik, aber doch eine Musik, auf welche\nman sich leicht ein Programm machen könne. Daher ist\nihm denn „der psychologische Charakter der Ra-\nsumowsky-Quartette sehr unbesimmt, sehr wenig erkenn-\nbar und erzählbar, weil sie nur wenig Anregungen lür das\nHerz und noch weniger Einschmeichelndes lür das Ohr\nhaben.\" „Reicher an mühsamen Grübeleien als an Eu-\nphonie zeigt Op. 59 bereits jene Ueberladung mit Noten,\nModulationen, Nachahmungen und vielfacher Zeichnung, jene\nPolyphonie, wie die Deutschen es nennen, welche ei-\nnes der unterscheidendsien Zeichen der dritten Manier\nist.\" Endlich darf natürlich auch der Vorwurf der\nSchwierigkeit der Ausführung nicht fehlen, denn Ulibischeff\nist selbst Violinspieler und „findet in Op. 59 schon solche\nUngehörigkeiten, dass die geschicktesten Virtuosen mehr\noder weniger an der Ausführung scheitern.\"\nZuletzt noch dies. Bei Damcke in Petersburg hörte\nunser Veteran (Schreiber dieses ist übrigens auch ein\nSechsziger; es kommt nur darauf an, ob wir mit den\nJahren, oder die Jahre über uns hinweg gehen) eines\nTa ges das Quartett in F,Op. 59, Nr. 1, von dem\ndamals vollkommensten Quartett-Verein L. Maurer's,\nseiner beiden Söhne und des Bratschisten Albrecht.\nAm Schlüsse des Finale's sagte er: „Dieses arme rus-\nsische Thema macht, so wie es hier von Beethoven ge-\nhandhabt und in Fluten von deutscher Gelehrsamkeit er-\nsäuft worden ist, auf mich den Eindruck eines russischen\nBauers, dem man einen Doctor-Mantel angezogen und eine\nPerriicke aufgesetzt, ihm aber seinen struppigen Bart, seine\nHolzschuhe und seine Muschikmütze gelassen hat, die über\ndie Perrücke gestülpt ist. Da ist ja weder Sinn noch Ge-\nschmack darin. Sie kennen alle die Kamarinskaia von\nGlinka; so muss man russische Thema's behandeln.\" (S.\n265.) Ulibischeff fährt fort: „Ich wurde nicht gestei-\nnigt. Im Gegentheil, alle diese Künstler fanden\nmeine Bemerkung richtig.\" Das beweis't aller-\ndings etwas: nämlich, dass jene deutschen Künstler sehr\nhöflich waren, und ihre Liebedienerei einem russischen\nGrossen gegenüber diesen leider nach solchen Erfahrungen\nwenigstens einiger Maassen entschuldigt, wenn er über\ndeutsches Wesen spöttelt. Der Freiherr vom Stein trat\nfreilich 1812 selbst an der kaiserlichen Tafel anders\nauf. Nun, jene Herren leben ja noch; sie werden hoffent-\nlich in dieser Veröffentlichung eine Aufforderung sehen,\nder Wahrheit die Ehre zu geben. Ueber Glinka, einen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "139", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.1.3", "texte": "verdienstvollen russischen Componisten, vergleiche man den\nNekrolog in der heutigen Nummer. In der darin ange-\nführten Stelle (S. 34 unseres UlibischefF) hat Glinka „eine\nAufgabe gelös't, deren Lösung Mozart unmöglich war\",\nund hier (S. 266) wird er Beethoven zum Muster aufge-\nstellt! Da hat denn doch der Russe den Kritiker der-\nmaassen in den Sumpf geritten, dass ihm nur Samiel wie-\nder heraus helfen kann.\nUlibischeff meint, weitere Analysen, als diese, seien\nüberflüssig. Für uns und unsere Leser allerdings auch,\naber in anderem Sinne.\nWie es mit den verheissenen Beweisen für die Ver-\ndammlichkeit der Werke der dritten Periode bei UlibischefF\naussieht, haben wir nun sattsam gesehen. Es bleibt uns\nnoch übrig, der zweiten Verheissung nachzugehen, nämlich\ndem Versuche einer neuen Erklärung der Verirrung Beet-\nhoven's in seinen letzten Werken.\nWir begegnen hier zunächst einer glänzend geschrie-\nbenen Stelle, welche wir zum Beweise unseres allgemeinen\nUrtheils, dass das Buch trotz aller Absonderlichkeiten doch\ndurchweg interessant ist, übersetzen:\n„Setzen wir den Fall, dass alle Werke der letzten Pe-\nriode verloren gegangen und nur das Verzeichniss dersel-\nben auf uns gekommen wäre. Man könnte dann, gestützt\nauf die biographischen Nachrichten, durch eine Reihe von\nInductionen auf folgenden Gedankengang kommen.\n„Ein Mann von 53 Jahren, viel älter als seine Jahre,\nweil der finsterste, misstrauischste, schwarzgalligste, un-\nglücklichste Mensch, konnte die Leidenschaft seiner Jugend\nund die energische und gewaltige Grösse seines reiferen\nAlt ers nicht bewahrt haben. Man würde vermuthen, dass\ndie Werke dieser dritten Periode weit weniger melodiecn-\nreich sein würden, als die früheren; denn die Melodie ist\nbeim Musiker die Jugend des Herzens, die Gluth der Phan-\ntasie, die sinnliche und ideale Poesie, mit Einem Worte:\ndie Liebe, die Ueberfülle der elektrischen oder nervösen\nI\nDurchströmung, das Princip des Lebens. Man würde ferner\nannehmen, dass Beethoven, seit zehn Jahren taub, weniger\nempfänglich für den Reiz des Wohlklangs geworden sei,\nund dass er andererseits, schwächer in der melodischen\nErfindung, die Schöpfungskraft, die ihm noch blieb, auf\nneue und ungewöhnliche harmonische, contrapunktische und\nrhythmische Combinationen verwandt habe, indem er auf\ndiese Weise das, was dem Ohr, das für ihn todt war,\nschmeichelte, durch das ersetzte, was das Auge auf dem\nNotenblatt beschäftigte und interessirte.\n„Zöge man dann die Vereinsamung Beethoven's in\ndieser Periode seines Lebens in Betracht, die sein Neffe\nauf schreckliche Weise verbitterte, so würde man sich fra-\ngen müssen, wo er die Begeisterung schöpfen sollte? Bei\nden Menschen? Er floh sie. Aus der Liebe? Die Zeit dazu\nwar längst vorüber, lür ihn mehr als für jeden Anderen.\nAus der Freundschaft? Er glaubte nicht mehr daran. Aus\nder Natur? Ihre Erscheinungen spiegeln nur unser eigenes\nBild wieder, und Beethoven hatte sich seit der Zeit, wo er\ndie Pastoral-Sinfonie schrieb, sehr verändert. In der trau-\nrigen Wirklichkeit, die ihn umlagerte und niederdrückte,\nhatte Beethoven keine Zuflucht, als die Einsamkeit seines\nIchs, den schrecklichsten Kerker, in welchen die Seele eines\nLebendigen sich einschliessen kann. Er musste sich in die\nTiefen jener trostlosen Metaphysik versenken, aus denen\nunablässig die Frage Hamlet's aufsteigt und von ewigem\nSchweigen zurückgewiesen wird, wenn der Glaube nicht\ndarauf antwortet.\n„Diese inneren Befrachtungen, dieses aufreibende Brü-\nten, das in eine Art von chronischer Seelenkrankheit über-\nging, mussten nothwendig sich in seiner Musik wiederspie-\ngeln und ihr etwas Finsteres und Dürres verleihen. Wahr-\nscheinlich war der Ausdruck nicht mehr darin, und das Un-\nbestimmte herrschte; mühevolle und unfruchtbare Grübe-\nleien traten an die Stelle der Begeisterung, die glückliche\nund unfreiwillige Originalität artete zu einer systematischen\nAbsonderlichkeit aus, und die Ideen des Musikers verloren\nsich allem Anschein nach, während sie Tiefe suchten, ins\nLeere.\"\nUlibischefF meint nun, dass dieser Gedankengang nichts\nGezwungenes habe und der Faden der Ariadne sei, an wel-\nchem die Kritik dahin gelangt sein würde, die letzte Schreib-\nart Beethoven's Zug für Zug zu charakterisiren. Es ist eini-\nges Wahre daran; aber Eines vergisst UlibischefF gänzlich,\ndas ist, die angeborene Kraft des Flügelschlags eines so\nungeheuren Genius in Anschlag y/u bringen, welche in\nStunden der Weihe und des inneren Dranges alle Stricke\nxerreisst, die ihn an die Erde fesseln, und ihn emporhebt\nin Regionen, aus denen er dem Kritiker zuruft:\n„Du gleichst dem Geist, den du begreifst,\nN i c h t mir!\"\nWorin besteht nun aber die neue Erklärung des Ent-\nstehens der Eigenthümlichkeit der letzten Werke? Genau\ngenommen in nichts Anderem als darin, dass UlibischefF\ndie verschiedenen Veranlassungen, welche längst angeführt\nworden sind, als Taubheit, seltsamer Charakter, Verachtung\ndes Hergebrachten und der Kritik, zusammenfasst und zu"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.1.4", "texte": "einem gewissen Grade von Verrücktheit steigert. Er sagt\ngeradezu (S. 271), „dass nicht die Rede davon sei, ob in\nBeethoven's Verstandes-Functionen eine Störung eingetre-\nten sei oder nicht, sondern davon, die materiellen und mo-\nralischen Ursachen dieser Störung zu entdecken\" und\nS. 272: „Einige Kritiker behaupten, Beethoven habe den\nvollen Gebrauch seiner Vernunft und seiner Fähigkeiten als\nComponist bis zu seinem Tode bewahrt. Diese Meinung\nverdient keine Erörterung. Wenn das gewesen\nwäre, so hätte er nicht vergessen können, was jeder Mu-\nsiker weiss, dass falsche Accorde geradezu nichts aus-\ndrücken\" u. s. w.\nUlibischeff macht nun folgender Weise seine Schlüsse:\n1. Die Taubheit, beginnend seit seinem 27. Jahre, ver-\nwischte bei Beethoven zunächst den grellen Eindruck der\nDissonanz. Er bedurfte nach und nach immer schärferer,\nschneidenderer Accorde, wie ein überreizter Gaumen mehr\nPfeffer und Alkohol bedarf. Hierbei vergisst Ulibischeff\nschon, was er S. 271 sehr richtig gegen diese Annahme\ngesagt hat: „Taub? Als wenn ein Componist Ohren\nbrauchte, um auf dem Papier das Falsche von dem Rich-\ntigen zu unterscheiden!\"\n2. Die Eigenheiten seines Charakters und sein mora-\nlischer Zustand in den letzten Jahren. Hier werden nun\nalle Geschichtchen von Eigensinn und Schroffheit nach\nSchindler wiederholt und daraus auf ziemlich philisterhafte\nWeise geschlossen, nicht etwa, dass Beethoven ein Sonder-\nling, sondern etwas Weniges verrückt gewesen sei.\n3. Mystische Ideen Beethoven's über das Wesen der\nTonkunst müssen ebenfalls als Beweise herhalten.\nEndlich kommt Ulibischeff aber dennoch wieder auf\ndie Taubheit als Hauptgrund zurück, so dass die verheis-\nsene ganz neue Erklärung des räthselhaften Wesens des\ngrossen Genie's nichts bringt, was nicht schon gesagt wäre\nvon allen denen, die Ulibischeff's Ansicht über die letzten\nWerke Beethoven's theilen. Er fährt nämlich im Wesent-\nlichen so fort:\n„Noch nicht ganz taub, gewöhnte sich Beethoven an\nMissklänge; ganz taub, verlor er auch die Erinnerung an\ndie wirklichen Töne (!) und Überhess sich einem eingebil-\ndeten Hören. So gerieth er in die Täuschungen einer idea-\nlen Musik, die in keiner Beziehung mehr zu der wirklichen\nstand (!). Die mystischen Ideen,, in Verbindung mit den\nTäuschungen der Taubheit, konnten nun jene plötzlichen Vi-\nsionen, jenen lebhaften, aber trügerischen Schimmer der\nSeele erzeugen (?), was Symptome oder oft Vorboten der\nVerrücktheit sind, wie Herr Esquiros in einem trefTlichen\nBuche über Philosophie medicalebezeugt (?). Es ging Beet-\nhoven wie einem Astronomen, der die Kehrseite des Mon-\ndes beobachtet zu haben träumt und diese Beobachtungen\nveröffentlicht. Eben so wollte Beethoven die Kehrseite der\nMusik, die keine hat, ausfindig machen. Da er aber nichts\nmehr hörte, die Erinnerung an die klingende Musik verlo-\nren halte und theilweise Schatten seinen Verstand umnach-\nteten, so brachte er Werke hervor, die ihm erhaben in Er-\nfindung und Harmonie schienen, aber lür diejenigen, die\nmit ihren Ohren hörten, ein mit Siegeln verschlossenes\nBuch blieben.\"\nDas sind Beweise, die sich im Kreise drehen und uns\nnicht um ein Jota weiter bringen, und Ulibischeff überragt\ndabei seine Vorgänger um nichts weiter, als dass er einen\ngewissen Grad von Verrücktheit bei Beethoven ganz posi-\ntiv behauptet. Gott vergebe ihm die Sünde! Die Nachahmer\nin unserer Zeit zeigen am besten den himmelweiten Unter-\nschied, der zwischen grillenhaften, chimärischen Productio-\nnen und den letzten Thaten jenes unsterblichen Genie's\nbesteht.\n\nL. Bischoff.\n\nMünchener Briefe.\n\n[Abonnemenls-Concerte im Odeon Palmsonntag\nMissa in ü von Beethoven lll. Soiree für Kammer-\nmusik Oratorien -Verein Concert von\nBärmann ]\nDen 23. April 1857.\nDas dritte Abonnements-Concert im Odeon begann\nmit der Sinfonie mililairevon Haydn, welche mit aller Fein-\nheit gespielt wurde. Fräul. Schwarzbach sang darauf eine\nConcert-Arie von Mozart; uns wollte die Wahl dieses\nStückes nicht recht zusagen. Das Recilativ der Arie ist\nschön, auch enthält dieselbe anziehend Melodisches ist\nsie ja doch von Mozart! Aber das Ganze erschien uns nicht\nrund, sondern etwas zerrissen, und machte auch keinen be-\nfriedigenden Eindruck. Nun folgte als erste Nummer der\nzweiten Abiheilung eine Ouvertüre des königlichen Capell-\nmeisters Stuntz, von ihm selbst dirigirt eine Composition,\nwelche hier und da eine recht geschickte Mache, aber auch\nein gutes Theil Geschmacklosigkeit verräth; es findet sich\nunter Anderem darin die Combination eines Chorals mit\neinem ganz trivialen Tanz-Rhythmus. Ein komisches Duett\nvon Cirnarosa lür zwei Bässe wurde von den Herren Kin-\ndermann und Sigl leidlich vorgetragen, war aber eigentlich\nlür den Concertsaal nicht geeignet. Die Herren Kahl sen.\nund jun. spielten sodann ein Concertant von Spohr lür zwei"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "141", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.1.5", "texte": "Violinen mit kleinem Ton und vermochten die Composi-\ntion, die wie alle Spohr'schen einen markigen, kühnen Bo-\ngenstrich erfordert, nicht zur Geltung zu bringen. So war\nim Ganzen dieses Concert kein erquickliches, und wir wa-\nren froh, dass die frische Ouvertüre zu den Abenceragen\nvon Cherubini die etwas gesunkene Stimmung am Schlüsse\ndes Concerts wieder hob.\nDas letzte Abonnements-Concert brachte die erste\nSinfonie von Beethoven, die hier selten gemacht wird. Das\nComite, welches die Programme festsetzt, liebt es überhaupt\nsehr, sich nur an einige wenige von den Sinfonieen von\nBeethoven, Mozart und Haydn zu halten und immer wieder\ndieselben vorzuführen; es ist dies ein Unrecht, das am\nPublicum begangen wird; die Ursache davon mag theilweise\nBequemlichkeit sein, indem man die bereits oft gespielten\nSinfonieen wenig zu probiren braucht. Die C-(2wr-Sinfonie\nwurde im Ganzen recht fein executirt; man konnte jedoch\nmerken, dass das Orchester noch nicht so ganz damit ver-\ntraut war. Frau Diez erfreute uns darauf durch den schö-\nnen, einfachen, doch seelenvollen Vortrag der bekannten\nArie aus Rinaido von Händel. Man hatte zur Begleitung\nstatt der ursprünglichen Instrumentation*) die von Meyer-\nbeer gewählt, und so sehr wir sonst gegen dergleichen Ar-\nrangements eifern möchten, konnten wir nicht umhin, zu\ngestehen, dass die Bearbeitung von Meyerbeer sehr ge-\nschmackvoll, geschickt und dabei discret gemacht ist.\nDas folgende Stück war Lachner's Festchor zur Mozart-\nSäcularfeier für Männerstimmen mit Begleitung von Blech-\nmusik. Es war ein unglücklicher Gedanke, diese Compo-\nsition, welche in Salzburg, von grossen Massen, in gehobe-\nner Stimmung, bei Fackelschein um Mozart's Standbild ge-\nsungen, bedeutende Wirkung machte, nun in den Odeon-\nsaal zu verpflanzen; denn hier ermüdete sie durch ihre\nLänge und die häufige Verwendung lärmender Instrumente,\nwelche im Freien sehr gut klangen. Es freut uns, be-\nrichten zu können, dass unser neulich geäusserter Wunsch\nBetreffs Vorführung Bach'scher Original-Compositionen tür\nOrchester bereits in Erlüllung gegangen ist. Wer vermag\ndie Wirkung zu beschreiben, welche die mit massenhafter\nBesetzung executirte Orchester-Suite in des ehrwür-\ndigen Joh. Seb. Bach auf alle empfänglichen Hörer machte!\nDiese Aufführung war wieder einmal ein Fest für alle Ver-\nehrer des grossen Meisters; denn namentlich durch den\nletzten Satz der Suite wurde das ganze Publicum von Stau-\nnen ergriffen und zur Bewunderung fortgerissen, die sich\nam Schlüsse durch donnernden Applaus kund gab. Unsere\nCapelle und ihr Generalissimus Lachner haben sich dabei\naber auch wieder durch eine meisterhafte Leistung ausge-\nzeichnet; Alle waren sichtlich selbst von der Aufgabe be-\ngeistert. Ein zweiter Männerchor mit Harmonie-Beglei-\ntung von Lachner, „Die Hermannschlacht\", Text von Klop-\nstock, fand vielen Beifall. Wir fanden in diesem Chor viel\nSchönes und Würdiges; doch will uns bedünken, die Piano-\nStellen, in denen die Tenöre bis in und fistuliren müs-\nsen, passten ihrer Weichlichkeit halber schlecht zu dem\nersten kräftigen Motiv und überhaupt nicht zu einem\nSchlacht- und Siegesgesange. Die Ruy-Blas-Ouverture von\nMendelssohn war die letzte Nummer des Abends und wurde\ngut gespielt.\nAm Palmsonntage wurde die grosse Messe in\nvon Beethoven aufgeführt, das Werk, wozu der Meister\nnach seinem eigenen Geständnisse sein Bestes verwandt. Es\nenthält auch gewiss das Erhabenste und Grösste, das Beet-\nhoven gedacht. Das Kyrie,das und sind\nSätze von überwältigender Schönheit; in jedem Theile der\nMesse finden sich Stellen, welche wundervoll sind. In wel-\nche Mystik ist das „Et incarnatus gehüllt! Klingt es\nnicht wie Offenbarung des Unbegreiflichsten durch Engel-\nstimmen? Wie ernst und düster ist dann wieder das „Pas-\nsus et sepullus est\"gehalten! Ist es nicht, wenn die Solo-\nVioline im Benedictus auf dem hohen G einsetzt und dann,\nvon luftigen Harmonieen getragen, abwärts geht, als komme\nuns hoch vom Himmel die Botschaft des Heils? Kann es\nein inniger Dankgebet geben, als den Einsatz der Singstim-\nmen: „Benedictus, qui venit\"? Wir können freilich nicht\ndie Ansicht derer theilen, welche Alles in dieser Messe\ngläubig hinnehmen, und werden weder die oft zu Tage tre-\ntende Ungeschicklichkeit in Handhabung contrapunktischer\nFormen, noch die häufigen Excentricitäten in der Modu-\nlation, noch die entsetzlichen Zumuthungen an die Sing-\nstimmen, noch das Schlachtgelümmel und die dramatischet»\nBecitative im Agnus Deirechtfertigen. Aber wir wollen\nuns auch durch diese Mängel nicht in der Anerkennung\nund im Genüsse des herrlichen Werkes beirren lassen. Die\nAufführung war im Ganzen eine sehr gute. Chor und Or-\nchester waren tüchtig; die Solostimmen liessen freilich zu\nwünschen übrig, allein man darf mit den Sängern bei die-\nser Messe nicht zu streng rechten. Das Solo-Quartett war\nan manchen Stellen doppelt besetzt, und dies that gute\nWirkung. Lassen Sie mich noch des meisterhaften Vortra-\nges des Violin-Solo's durch Lauterbach erwähnen; seine\nLeistung war eine wesentliche Zierde der ganzen Auffüh-\n\n*) Unseres Wissens hat die Original-Parlitur nur einen Grund-\nbass. Die ltedaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.1.6", "texte": "rung. Leider hatte das herrliche Wetter viele Leute abge-\nhalten, das Concert zu besuchen, und wir bedauern von\nHerzen, dass der Odeonsaal nicht gelüllter war.\nWir waren leider verhindert, ein Extra-Concert der\nköniglichen Capelle am Ostersonntag zu besuchen. Alle\nWelt spricht entzückt von Lauterbach's Spiel. Er hatte ein\nConcert von Kreutzer gewählt, und Kenner versichern, er\nhabe sich nie so glänzend ausgezeichnet, wie an diesem\nAbende. Ausserdem wurde Beethovens Musik zu Prome-\ntheus aufgeführt.\nDie dritte Soiree lür Kammermusik von Lauterbach\nund Wüllner brachte das Trio lür Streich-Instrumente in\nG-durvon Beethoven, welches die Herren Lauterbach, E.\nMoralt und Müller sehr schön vortrugen; darauf spielte\nHerr Wüllner die e, Op. 111, von Beetho-\nven; der erste Salz gelang ihm nicht recht; er klang un-\nruhig und hier und da unklar. Die Variationen dagegen\nspielte Herr Wüllner ganz vortrefflich; der lange Triller\nam Schlüsse war musterhaft. Das Es-dur-Quarlett von Mo-\nzart, welches recht wacker durchgeführt wurde, sprach all-\ngemein an. Das Programm der letzten Soiree war: das\nSchumann'sche Quintett, ein Trio in von Haydn und\ndas Quartett in F-dur, Op. 59, von Beethoven. Das erste\nWerk, eines der besten und klarsten von Schumann, wurde\nhier zum zweiten Male aufgeführt und gefiel besser, als\ndas erste Mal. Wir müssen auch allen Mitwirkenden, den\nHerren Wüllner, Laulerbach, E. Moralt, Kahl und Müller,\nbesonderen Dank für ihr priieises Zusammenspiel, für die\nmit Einem Worte sehr gelungene Aufführung zollen.\nGefiel das Quintett, so entzückte das Trio von Haydn, des-\nsen ewige Jugendfrische immer aufs Neue überrascht. Um\nden Cyklus der Soireen würdig zu schliessen, zeichneten\nsich die Quartettspieler noch durch den Vortrag des Bcet-\nhoven'schen Werkes aus; zu loben war, dass sie das\nScherzo sehr ruhig nahmen; es kann dadurch nur gewin-\nnen. Die Kammermusik-Soireen haben in diesem Winter\nsehr Schönes gebracht, und die Theilnahme des Publicums\nan denselben war eine grosse. Mögen die Herren Lauter-\nbach und Wüllner uns künftigen Winter wieder eben solche\nGenüsse bieten.\nDer Oratorien-Verein hat sich am 20. d. Mts. durch\neine schöne Aufführung des Israel in Aegypten hervorge-\nthan. Mit Freuden bezeugen wir, dass der Verein grosse\nFortschritte gemacht hat. Die Chöre waren durch den Di-\nrigenten, Herrn von Perfall, sehr sorgfällig einstudirt wor-\nden unu gingen recht präcis. Besonders schön klang der\nmächtige Chor: „Das hören die Völker und sind erstaunt.\"\nHier und da hätten wir noch etwas mehr Feuer gewünscht,\naber das wird sich wohl bei zunehmender Sicherheit noch\nfinden. Frau von Mangstl-Hetzenecker sang die Recitative\nund zwei Arien ganz vortrefflich; auch das Duett für zwei\nBässe ging recht gut. Wir hoffen und wünschen, dass der\nVerein, der über so schöne Kräfte verfügt, auf dem ein-\ngeschlagenen Wege bleiben und in seinem Streben nicht\nermüden und ermatten werde.\nWir haben nun noch eines Concertes zu erwähnen,\ndas Herr Bärmann gestern im Odeon gab. Er bewährte\nsich als hervorragender Clarinett-Virtuose, wie auch Herr\nLauterbach in einem von ihm selbst componirten Stücke\nseine ganze Virtuosität auf der Geige entwickelte. Herr\nBärmann behandelt die Clarinette mit ausgezeichnetem Ge-\nschick. Er bewältigt alle technischen Schwierigkeiten mit\nLeichtigkeit und versteht es, seinem Instrumente die ver-\nschiedenartigsten Klangfarben und Tonstärken zu ent-\nlocken. Grösseres Lob, wenigstens gediegeneres als Be-\nwunderung seiner Kunststückchen, glauben wir ihm da-\ndurch zu zollen, dass wir ihn als vortrefflichen Musiker\nrühmen, der im Ensemble und im Orchester unschätzbar\nist, der seine Soli immer mit dem grössten Versländnisse\nfür jede Composition vorträgt. Wir hatten schon Gelegen-\nheit, sein Spiel in dem Beelhoven'sehen Trio Op. 11 u. s.\nvv. u. s. w. hervor zu heben, und müssen noch ausserdem\nseiner schönen Leistungen in Sinfonieen u. s. w. gedenken;\nda weiss er immer seine Stimme am rechten Orte zur Gel-\nlung zu bringen, ohne jemals sich auf Kosten des Zusam-\nmenspiels und der Gesammtwirkung vorzudrängen. L7m\nwie Vieles besser stände es mit der Tonkunst, könnte man\nvon jedem Virtuosen dasselbe sagen*)!\n\nA. Z.\n\nMichael von Glinka.\n[Nekrolog.]\nAm Sonntag den 15. Februar 1857, früh, schied in\nBerlin ein berühmter Musiker aus dem Leben, welcher seit\nJahr und Tag zwar in Berlin anwesend war, doch in so\ntiefer Zurückge/.ogenheit verweilte, dass Wenige nur von\nseinem Dasein wussten. Es war der kaiserlich russische\nIlof-Capellmeister, Director der Oper und des Hof-Kirchen-\nchors zu St. Petersburg, Michael von Glinka. Geboren\nbei Smolensk im Jahre 1804, ging der Künstler, nachdem\n\n*) Im „Münchener Briefe4* in Nr, 13 d. 81. soll es S. 101, Sp.\n2, Z. 4 von oben heissen: Kleine Madchen, die noch so\nwenig können, wie die Spielerin dieser Sonate.\" S. 100,\nSp. 2, Z. 21 von unten lies statt Frau Horn, Fräul. Horn."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.1.7", "texte": "sich seine Anlagen schon im Vaterlande vielfach bethätigt\nhatten, im Jahre 1830 nach Italien. Hier studirte er un-\nter Andrea Nozzari in Neapel hauplsächlich den Gesang,\nfür den er später vielfach geschrieben, sich auch selbst als\ntrefflicher Tenor ausgezeichnet und den berühmten Teno-\nristen Iwanoff gebildet hat. Er hielt sich einige Jahre in\nItalien auf, vorzüglich in Mailand. Im Jahre 1833 kam er\nnach Berlin und machte hier ein volles Jahr hindurch con-\ntrapunktische Studien bei dem Prof. Dehn.\nNach Russland zurückgekehrt, schrieb er viele grössere\nWerke für Orchester und Gesang, auch mehrere Opern,\nunter denen eine in fünf Acten, „ Das Leben für den Czaar!\"\nausserordentlichen Erfolg halte und noch heute in Russ-\nland mit grossem Antheil gegeben wird. Die Partitur der-\nselben, so wie die vieler seiner anderen Gesangs- und Or-\nchester-Arbeiten, befindet sich auf der königlichen Biblio-\nthek in Berlin.\nIn den vierziger Jahren lebto Glinka zu Paris und\nging auch nach Spanien, wo er sich hauptsächlich in Se-\nvilla aufhielt.\nErst im verwichenen Jahre 1856 kam er wieder nach\nBerlin, um die Composition in den alten Kirchen-Tonarten\nbei seinem früheren Lehrer zu studiren. In dieser Gattung\nhat er bis in seine letzten Tage, trotz schwerer Krankheits-\nZuslände, mit unermüdlichem Eifer gearbeitet. Diese Ihä-\ntigkeit hatte vorzüglich zum Zwecke, eine dem russischen\nRitus entsprechende Volksmesse, dreistimmig, wie dies der\ndortige kirchliche Gebrauch bestimmt, zu schreiben. Er hat\ndieses Ziel nicht erreicht: nur einige Sätze der Arbeit sind\nfertig geworden. Die Eugen, die er in den Kirchen-Tonar-\nten gesetzt, werden im Stich erscheinen, unter der aus-\ndrücklichen Bemerkung des Componisten, er wolle seinen\nLandsleuten damit zeigen, dass man bis an das Ende seines\nLebens in dieser strengen Gattung fort studiren müsse.\nGlinka ist der erste National-Russe, der eine grosse\nOper geschrieben hat. Auch viele Gedichte Göthe's, ins\nRussische übersetzt, hat er componirt. Im letzten Winter\nist noch in einem grossen Hof-Concerte zu Berlin ein Ter-\nzett, ein mit fünf obligaten Celli's, ein Fi-\nnale der Oper „Das Leben für den Czaar\" in des Compo-\nnisten Gegenwart ausgeführt worden. Von jenem Tage ab\nhielt ihn die Krankheit an Zimmer und Bett gefesselt.\nUlibischeff sagt von Glinka in seinem neuesten Werke\nüber Beethoven Folgendes:\n„ Weber's Freischütz wurde überall, selbst in den rus-\nsischen Provincialstädten, einheimisch; überall machte er\ngrosse Einnahmen, mochten nun Sänger und ein Orchester\nzur Aufführung vorhanden sein oder nicht. Im letzteren,\nbei Weitem dem häufigsten Falle ersetzten Samiel und die\nEule Alles. Nur Italien wollte nichts vom Freischütz wissen,\naus dem Grunde, weil die Extreme sich nicht immer be-\nrühren; zwischen Rossini und Weber lag eine Kluft, welche\nitaliänische Ohren nicht überspringen konnten.\n„Dagegen weckte Weber's Leier bei meinen Lands-\nleuten mächtige und fruchtbare Sympathieen, denen die\nlyrisch-dramatische Composition und die musicalische Kritik\nzugleich ihre Entstehung in Russland verdankten. Unsere\njungen Musiker begeisterten sich am Freischütz, und un-\nsere ersten Opern, ein Gemisch von Teufeleien und Volks-\nMelodieen, waren die Vorläufer des Meisterwerkes von\nMichael Glinka: „Das Leben für den Czaar\". Diese\nOper ist eine der grössten Schöpfungen unseres Jahrhun-\nderts und, wie ich zu glauben wage, einer der bedeutend-\nsten Fortschritte in der dramatischen Musik im Allgemei-\nnen. In diesem W'erke handelte es sich nicht bloss darum,\nden dramatischen Gesang mit dem Volksliede zu verbinden,\nwie Weber gethan, sondern zwei verschiedene Nationali-\ntäten zu charaklerisiren. Es kam darauf an, den Melodieen\ndie russische und die polnische Färbung von Anfang bis zu\nEnde zu geben und überall fest zu halten, selbst in den\nergreifendsten und tragischsten Situationen eine Aufgabe,\ndie ich, als ich meine Beographie Mozart's schrieb, für un-\nlösbar hielt, die Glinka aber mit um so bewunderungswür-\ndigerem Talente und Glück gelös't hat, als es ihm ganz\nund gar an Vorbildern dazu fehlte. Das Werk ist also eine\nOriginal-Schöpfung und sein Urheber ein Genie. Unser\nLandsmann ist nicht dadurch, dass er die Spuren Weigls\nin der „ Schweizerfamilie\" aufnahm und verfolgte, zu so\nschönem Ergebnisse gelangt. Kleine Mittel waren mit sei-\nner Künstlernatur unverträglich, und kleinliche Dinge wür-\nden in den erhabenen Rahmen, den er gewählt halte, nicht\ngepasst haben. Im Gegenlheil: er wandte die breitesten\nProportionen der neueren Musik an, bewährte sich als ein\neben so grosser Melodist und Instrumentalist als Contra-\npunktist, und bei allem dem mehr als Russe, als es jemals\nauf unseren Bühnen erlebt worden war. Zum ersten Maie\nentsprach unsere vaterländische Musik durch seine Feder\nden historischen Grössen des Landes und der moralischen\nGrösse der Nation.\"\nWir begreifen nicht recht, wie die „Schweizerfamilie'■\nin diesen patriotisch-musicalischen Panegyrikus hinein-\nkommt; es scheint, als wenn russische Kritiker den Stif\nder Glinka'sehen Oper mit etwas anderen Augen betrach-\ntet hätten, als Ulibischeff, der hier den Mund doch gar zu"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570502-01.1.8", "texte": "voll nimmt. Wie ist es denn gekommen, dass „eine der\ngrössten Schöpfungen des Jahrhunderts\", eine Urkunde\n„bedeutendsten Fortschrittes in der dramatischen Musik\"\nu. s. w. nicht über die russischen Gränzen hinaus gekom-\nmen ist, zumal da wir in Deutschland gar zu gern nicht\netwa bloss das Gute, sondern oft auch das Mittelmässige\nund Schlechte in der Kunst aus der Fremde herüberneh-\nmen? Eine Aufführung in Berlin würde gewiss Rellstab,\nvon dem die obigen biographischen Notizen herrühren, nicht\nmit Stillschweigen übergangen haben. Trotz alledem wäre\nes wünschenswert!), jene Oper einmal in Deutschland auf\ndie Scene zu bringen. Vielleicht trägt die Lobrede Ulibi-\nscheff's dazu bei. Freilich können wir uns kaum denken,\ndass so etwas gana Neues, wie eine gelungene russische\nNational-Oper, nicht eine gründliche Prüfung an der in\nBerlin vorhandenen Partitur bereits vor längerer Zeit ver-\nanlasst haben sollte.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n** Crefeld. Am Sonnabend den 25. April wohnten wir hier\neiner Aufführung von J. Haydn's „Schöpfung\" bei, die durch\ndie Präcision, Frische und Vollstimmigkeit des Chors und durch\ndie Solo-Vorträge eine sehr gelungene genannt werden muss. Herr\nMusik-Director Wolf leitete dieselbe. Der Chor, obwohl viele\njunge Mitglieder zählend, welche den Abgang an älteren Theilneh-\nmern, die sich zurückgezogen, ersetzten, bewährte sich ganz so\ngut, wie man das immer in Crefeld gewohnt gewesen. Die Solo-\nSopran-Partie war durch Fräul. Louise Thelen aus Düsseldorf\nund die Tenor-Partie durch Herrn Göbbels aus Aachen ausge-\nzeichnet gut besetzt, und auch der Bassist, Herr It., befriedigte\ndurch schöne und klangvolle Mittel. Fräul. Thelen gebührt indess\nder Preis; ihre Silberstimme drang mit dem ihr eigentümlichen\nsympathischen Wohllaut zu Herzen, und sie trug die schwierige\nPartie vollkommen sicher, correct und mit jenem Hauche der Poesie\nvor, den nur ein inniges Auffassen der heiteren und lichtvollen\nGefühls-Seligkeit der zauberischen Melodieen Haydn's erzeugen\nkann, Fräul. Thelen hat freilich nichts Imposantes in ihrer Stimme,\naber dafür ist auch jeder Ton Gesang, und das wiegt für den wah-\nren Ausdruck die oft erzwungene, oft übertriebene Kraft bei wei-1\ntem auf. Herr Göbbels gefiel ebenfalls ausserordentlich und theilte\nmit vollem Verdienste den Beifall des dankbaren Publicums.\nWien. Für die nächste deutsche Opern-Saison sind wie\nder Wanderer berichtet folgende neue Opern in Vorschlag ge-\nbracht: Die sicilianische Vesper von Verdi; Fanchonette von Cla-\npison und der Feensee von Auber. Neu in Scene sollen gesetzt\nwerden: Iphigenie in Aulis (nach Richard Wagners Einrichtung);\nDas Pferd von Erz von Auber (in den Damen-Rollen besetzt durch\ndie Fräulein Wildauer, Liebhart und Hoffmann) und mit Recita-\ntiven von Proch; Templer und Jüdin von Marschner mit Fräulein\nMeyer und Hrn. Beck in den Haupt-Rollen; Faust von Spohr (mit\nneuem Finale) Cosi fan tutte und vielleicht Idomeneus von Mozart;\nendlich Herold's Zampa, Halevy's Musketiere der Königin, nach\nder pariser Ausführung mit zwei Sopranen und zwei Tenoren,\nSommernachtstraum von A. Thomas und Die Vestalin von Spon-\ntini mit Fräulein Meyer als Julie. Also wieder keine Miene, an\nRichard Wagners Tannhäuser zu gehen!\nSeit dem 15. Januar d. J. erscheint in ii amburg eine Zei-\ntung für Gesang-Vereine und Lieder-Tafeln, herausgegeben von J.\nF. Kaiser. Der Herausgeber, der dadurch einem dringenden Be-\ndürfnisse abzuhelfen beabsichtigt, richtet in dem der ersten Num-\nmer vorangeschickten Programme an alle Vorstände der in Deutsch-\nland existirenden Gesang-Vereine und Lieder-Tafeln die dringende\nBitte um geeignete Mittheilungen für das Blatt, namentlich: a.\nhistorische Notizen in Bezug auf die Begründung der Vereine und\nihre Begründer, ihre Organisation, Statuten, Mitglieder-Anzahl,\nWirksamkeit; b. um Beiträge zur Verwirklichung des Zweckes:\ndurch Veröffentlichung besonders gelungener Composilionen einen\nAustausch des vorzüglichsten Neuen, was die verschiedenen Ge-\nsangs-Vereine und Lieder-Tafeln besitzen, zu vermitteln."}]}