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Nr. 17.)\nGegen die Chamkteristik von C. F. D. Schubart und\nähnliche traten andere Musiker mit ganz entgegengesetzter\nAnsicht auf.\nWenn man auch (ür die Musik der Griechen mit den\nalten Schriftstellern einen charakteristischen Unterschied\nder Tonarten gelten lassen wolle, wenn ferner den Kir-\nchen-Tonarten aus dem Mittelalter eine gewisse verschie-\ndene Eigentümlichkeit zugestanden werden müsse, so habe\ndoch die neuere Temperatur mit der festen Lage\nder halben Töne und die Beschränkung auf das diatonische\nSystem in Dur und Moll alle charakteristische Bedeutung\nder einzelnen Tonarten verwischt und vertilgt und nur den\nUnterschied zwischen Dur und Moll übrig gelassen; inner-\nhalb dieser stelle sich aber immer dasselbe Verhältniss von\nC-dur und A-mollin allen Tonarten dar, .und aller Unter-\nschied beruhe nur auf der Tonhöhe.\nSo namentlich zuerst K irnberger, dann Zelter\nund Andere. .\nEin Stück in Es-duroder auf zufällig um\neinen halben Ton höher gestimmten Instrumenten gespielt,\nwerde unvermerkt E-duroder da ja ein Normal-\nTon nicht zu fixiren sei und wir kein absolutes, sondern\nnur ein Conventionelles Chaben. Man müsse das Steigen\nder Stimmung im Allgemeinen mit in Anschlag bringen,\nwelche mit dem Reiz des Gehörsinns sich erhöht hat. Ein\nDreiklang von Metall-Glocken, der vor lünfzig oder mehr\nJahren C-dur klang, klingt uns jetzt Was Bach\nund Händel in E-dur dachten und schrieben, tönt uns jetzt\nin Es-dur.Ja, wenn ein Chor ohne Begleitung in langen\nund schwierigen Sätzen sinkt und z. B. in F beginnt und\nin der heterogensten Tonfarbe von E schliesst, wo beginnt\nda die Wahrnehmung eines anderen Charakters der Ton-\nart? mit anderen Worten: wo bleibt da die Charakteristik\nder Tonarten?\nDagegen trat Dr. Ferdinand Hand in seiner\nAesthetik der Tonkunst, Leipzig, 1837, Th. 1., S. 211 IT.,\nwieder auf und meinte, „dass allerdings die neuere Tem-\nperatur Manches umgeändert und eingeschränkt habe; den-\nnoch behaupte sich der Charakter auch jetzt noch als ein\neingeborener.\" Er behauptet, dass eine Reihe von That-\nsachen als Beweise dafür auf erkennbarem Grunde ruhe,\nfügt jedoch hinzu, dass die Existenz des Charakteristischen\ndadurch nicht in Zweifel zu stellen sei, dass wir hier wie\nanderwärts Vieles noch nicht zu durchschauen vermöchten.\nDas Charakteristische beschränke sich nicht auf die Höhe\nund Tiefe, auch nicht allein auf Dur und Moll, sondern die\nTonordnung, in welcher sich Ton an Ton innerlich an-\nschliesst, werde in jeder Tonart zu einer anderen, und\nsei in C-dur ein anderes, als in D-dur.\nHiernach gibt er eine Charakteristik der Tonarten, de-\nren wesentlichen Inhalt wir auszugsweise mittheilen:\nDie Aufstellung einer Charakteristik der einzelnen Ton-\narten hat aus leicht erkennbarem Grunde die grösste Schwie-\nrigkeit, und das Aufgestellte wird nicht auf jedes vorhan-\ndene Werk streng bezogen werden können, weil die Be-\nhandlungsweise als das Entscheidende vor Allem in Rück-\nsicht kommt und man danach zu fragen hat, wie der Künst-\nler die Tonart melodisch behandelte und auf deren Ver-\nwandtschaft mit anderen Tonarten einging. Man kann also\nzugestehen, dass eine theoretische Charakteristik weder\nausreicht, noch die freie Schöpfung jemals binden wird;\ndoch vermag der Tondichter auch nicht die Natur und de-\nren eigenthümliche Ausdrucksweise umzuwandeln, vielmehr\nhat jeder willkürliche Missgriff sich selbst geschadet, indem"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "146", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5130, "texte": "«ntweder die Wahrheit verletzt ward oder man durch\nkünstliche Mittel zu ersetzen versuchte, was die Natur in\nreineren und bestimmteren Formen darbot. —lm Allgemei-\nnen ergibt sich, dass die Tonarten, deren Ordnung sich\ndurch Erhöhung der Töne, bezeichnet durch Kreuze, bil-\ndet, einen helleren, lebendigeren Charakter behaupten, die-\njenigen aber, welche die Töne durch Erniedrigung (durch\nb bezeichnet) gewinnen, bedeckt und minder frei erschei-\nnen, in welcher Eigentümlichkeit sich auch und\nes und dis, wenn auch nicht auf unseren Tast-Instrumen-\nten, unterscheiden. Ueberall aber muss vorausgesetzt wer-\nden, dass jegliches Ding in sein Gegentheil umgewandelt\nwerden kann, und daher selbst das ursprünglich Weiche\nin einer ironischen oder gegenteiligen Anwendung zum\nAusdruck eines Heftigen oder Formlosen dienen kann, wie\nim Moralischen Vieles in sein Gegentheil umschlägt.\nVerfolgen wir nun die Tonarten in der Ordnung des\nQuinten-Cirkels, so ergibt sich Folgendes:\nC-durist in unserer Musik die Grundlage aller weite-\nren Entwicklung und spricht das Menschliche im Gefühle\nrein und sicher aus; daher wählt die Unschuld, die in sich\ngenügliche Einfalt, die reine Natürlichkeit, aber auch der\neinfache Ernst, der bestimmte Entschluss, die Zuversicht\ndiese Tonart, die sich desshalb ausser Anderem sowohl lür\nkindliche Lieder als auch lür den Choral und den Marsch\ndes Kriegers eignet. In C-moll vereint sich die Reinheit\nund Sanftheit der Quinte gmit der Weichheit und inten-\nsiven Beschränkung der Terz, und es wird zum Ausdruck\nder Wehmuth, der Trauer, der Sehnsucht, der schmerz-\nvollen Liebe, des Verlangens nach Trost.\nG-dur stellt ein Bild der Beruhigung auf und kann in\nseiner Durchschaulichkeit bis zum Bedeutungslosen sinken.\nIn dieser Tonart aber spricht sich die Innigkeit der Treue,\nder leidenschaftlosen Liebe, die Ruhe der Betrachtung und\neine sanfte Stimmung aus; einfache Anmuth ist ihr Schmuck.\nDas ländliche Leben spiegelt sich in ihr treulich ab, und\nman kann ihren Charakter oft idyllisch nennen. Doch eignet\nsie sich auch zu jeder Art von leichtfertiger Demonstration\nund selbst lür ironische Spiele und leicht gehaltenen Scherz.\nG-moll kann nicht geradehin nach Schubart durch Miss-\nvergnügen, Groll und Unlust bezeichnet werden. In dieser\nTonart einigt sich Wehmuth und Freude, Schwermuth und\nHeiterkeit; so stellt sie die Grazie, auf deren Blick ein\nZug Schwermuth ruht, das Erhabene in romantischer Fär-\nbung, das Tragisch-Sentimentale dar.\nD-dur nimmt das Prächtige und Grosse in sich auf,\nund in seiner Melle tönt der Triumph, das Halleluja, und\nruft zur Freude und zum Jubel auf. In leichter Bewegung\nstimmt D-durzur aufgeregten Lustigkeit, in ruhiger Be-\nwegung zu dem männlich klaren Blick aufs Leben. Für\ndieses alles bildet D-molleinen Contrast, indem diese Ton-\nart ein von Schwermuth niedergedrücktes Gefühl, die Klage\nder beengten, aber nicht kraftlosen Brust ausspricht, zu-\ngleich aber auch den heftigen, herzzerschneidenden Schmerz\nbehandelt.\nA-dur ist der Ton des Vertrauens und der Hoffnung,\neines der Liebe sich freuenden Herzens und der unbefan-\n\\\ngenen Heiterkeit. An Innigkeit überwiegt diese Tonart alle\nanderen, wenn weder Leidenschaftlichkeit die ruhige Hin-\ngabe stört, noch eine schmerzliche Sehnsucht die Reinheit\ndes Glückes trübt. Was hier mit sicherer Bestimmtheit\ntönt, wird in A-moll zur schwächeren Hingebung, aber\nauch zur zagenden Weichheit. So hat diese Tonart einen\nmehr weiblichen Charakter, der überall nur Hingebung ver-\nrät!], in der Heiterkeit sich anschmiegt und in dem Schmerze\nnicht widerstrebt, noch auch trostlos verzagt. Das Gefühl\nder Busse kann kein mehr entsprechendes Organ finden.\nE-dur,eine der hellsten, stärksten Farben, vielleicht\nvergleichbar mit brennendem Gelb, dient der lachenden\nFreude, dem lebensfrohen Jubel; indem es auch das Präch-\ntige in sich aufnimmt, bezeichnet es das Feierliche in höch-\nster Potenz. Zum schmerzvollen Gefühle, zur versinkenden\nTrauer erscheint sie untauglich; denn ihr ganzes Wesen\nist offen und frei und daher auch für Andacht und Fröm-\nmigkeit nur anwendbar, wo die Freude in Gott lebendig\ngeworden ist oder das Herz vertrauensvoll dem Ewigen\nsich hingibt.\nBeiden gleich ist II an starker Färbung in an\nInnerlichkeit in Moll.ln Dur dient es der heftigen Leiden-\nschaft und drückt ein trotziges, seiner Kraft gewisses Selbst-\ngefühl aus; in Moll ist es ruhige Erwartung und Ergebung.\nDas Angreifende beider Tonarten hat die Erfahrung gelehrt.\nVon einem Violoncellisten Hoffmann in Dresden erzählt\nman, dass er durch ein Spiel in stets krank wurde.\nIn langsamer Bewegung eignet diese Tonart sich vorzüglich\nfür Todtengesänge. Umgesetzt in die Unnatur, gewährt\ndiese Tonart im ironischen Hohn auch Töne der Hölle.\nFis- und Ges-dur, welche sich nur dadurch unterschei-\nden, dass durch seine Beziehung und Entwicklung Fis-dur\nheller lautet, hat einen triumphirenden Charakter und drückt\nfeierlichen Muth und den wohlthuenden Genuss errungener\nRuhe aus; doch wird auch möglich sein, eine noch trotzende,\nauf eigene Kraft stolzirende Leidenschaft damit zu bezeich-\nnen. Fis- oder Gcs-moll wurde mit Recht ein ernster,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4110, "texte": "finsterer Ton genannt, in welchem der tobende Schmerz,\ndie herbe Unlust, der Missmuth, bitterer Ernst und auch\nder Groll spricht. Er lässt nach Auflösung der Pein verlan-\ngen, die entweder im ruhigen A-dur oder im kräftigen D-\ndur erreicht wird.\nCis- (Des-) dur eignet sich nicht für das Scherzhafte,\ndoch eher für das Excentrische, und mischt das Leidvolle\nund Freudvolle in erhöhten Graden. Allein auch einen pa-\nthetischen Schritt kann Des-durannehmen und dann ein\nGefühl des Selbstvertrauens und der keck vorschreitenden\nGravität in sich fassen. Es eignet sich für Darstellung der\nhohen Schönheit, des Prächtigen, des Glanzvollen und trägt\neine grosse Fülle in sich. Nicht minder aber kann das Leid-\nvolle überwiegen, ohne jedoch das Kräftige vermissen zu\nlassen, sei es ein Vertrauen auf eigene Hülfe oder auf Bei-\nstand von oben. Cis- (Des-) moll wird die Wehmuth, die\nseufzende Sehnsucht, die Klage eigener Schuld, aber auch\ndie Innigkeit des Mitgefühls wählen.\nAs-dur ist die Tonart, bei welcher die Seele für ein\nUeberirdisches aufgeht und Ahnungen eines Jenseits oder\neiner höheren Beglückung fasst. Daher schwebt sie über\nden Gräbern, zeichnet den frommen, Frieden Gottes ath-\nmenden Sinn und erhebt zur Unendlichkeit, eines seligen\nGefühls. Es kann aber die bedeutungsvolle Sehnsucht auch\neine dunklere Farbe annehmen oder mit Schwermuth wech-\nseln; daher der Uebergang aus oder in F-moll als zu der\ndunkeln Schwermuth, oder in zu der ernsten\nTrauer.\ni\nAls Gis-dur, dessen ganze Kraft durch die Temperar\ntur wesentlich gemindert wird, indem die Erhöhung um\ndas Komma dem As, die Erniedrigung dem Gis abgeht,\nverändert die Tonart auch den Charakter.\nGis- oder As-moll nannte Schubart einen Griesgram\nund theilte ihm die Jammerklage zu, die im Doppelkreuz\nseufzt. Auch diese Tonart, meist nur in einzelnen Zeich-\nnungen gefunden, drückt dann das Gefühl eines mühselig\nbeladenen, bedrückten Herzens aus.\nEs-durvereinigt einen sehr mannigfaltigen Ausdruck\nin sich und kann die vieldeutigste Tonart heissen. Bald\nspricht sie das feierlich Ernste aus; bald erscheint sie in\nglanzvoller Farbe, geeignet für den kräftigen Aufruf und\ndie Ermuthigung; bald dient sie der Andacht und dem\ngläubigen Vertrauen.\nEs-moll oder Dis-moll hat man eine grässliche Tonart\ngenannt und derselben die Gefühle der Bangigkeit, der hin-\nbrütenden Verzweiflung, der schwärzesten Schwermuth zu-\ngetheilt oder, wie Quanz es that (in seiner Anweisung zur\nFlöte, XIV., 6), zum Ausdruck trauriger Affecte als die\ngeeignetste bezeichnet.\nR-dur,eine offene, helle Tonart, dient zur Aussprache\nheiterer Gefühle, der zuversichtlichen Hoffnung, des glau-\nbensvollen Aufblickes, und vermag die ruhige Betrachtung\nzu beleben. Diese Belebung kann durch Rhythmus und\nMelodie so gesteigert werden, dass auch fröhlicher Jubel\neiner ausgelassenen Freude und einer muthvollen Kraft\ndarin sich darstellt. Wie weitumfassend das Gebiet dieser\nTonart sei, lässt sich bald aus der grossen Zahl der ihr\nzufallenden Producte abnehmen. Auch dem R-moll hat man\noftmals eine zu specielle Bedeutung zugesprochen. In ihm\nliegt ein trübes, ja, finsteres Gefühl, nicht des reinen\nSchmerzes, welcher Thränen vergiesst, sondern des mit\nUnmuth und jener Art von Missvergnügen verbundenen,\nwelche mit Gott und aller Welt murrt und mit sich selbst\nim Streite liegt. Es kann ein heftiger Seelenschmerz darin\ngemalt werden, doch ist meistens etwas beigemischt, was\nden Mangel des inneren Friedens und ein Zerfallen in sich\nselbst beurkundet. Daher haben Künstler sie zur Bezeich-\nnung des ironischen Hohnes, der boshaften Intrigue, der\nfrivolen Ironie gewählt und Mephistopheles' Gefühle darin\ndargestellt.\nF-dur malt Frieden und Freude in vielfacher Form,\nbald als leichten Scherz und gutmüthige Posse, bald als\nkindliche Fröhlichkeit, bald in der Zufriedenheit mit der\nWelt, oder in der Ruhe eines genüglichen Lebens, oder in\nder Innigkeit befriedigender, tröstender Liebe. F-moll ist\ndagegen eine schauerliche Tonart zum Ausdruck schwer-\nmuthsvoller Gefühle, der Trauer und des tiefen Leidens,\naber auch der Bangigkeit, des Schauders und der qual-\nvollen Trauer."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-09-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-09_01#c003", "volume": "bmtnabi_1857-05-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "147", "page_fin": "149", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.2.3", "titre_corps": "Musica divina", "titre_sommaire": "Musica divina", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.1.3", "debut_caractere": 4112, "fin_caractere_exclue": 4664, "texte": "Musica divina\nsive Thesaurus concentuum seleclissimorum cullui divino\nlotius anni inservientium ab superioris aevi musicis\ncompositorum, e codicibus etc. publice offert Caro-\nlus Proske. Tom. 11. L\nFred. Pustet. 1855. 4.\nWir haben den ersten Band dieser schätzbaren Samm-\nlung im 11. Jahrgang dieser Blätter (Nr. 19 vom 13. Mai\n1854) angezeigt. Er enthält zehn Messen und zwei Re-\nquiem. Der zweite bevveis't, dass der gelehrte Herausgeber,\nCanonicus C. Proske in Regensburg, sein mühevolles und\nhöchst verdienstliches Werk mit Eifer fortsetzt. Um eine"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "148", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4995, "texte": "Vorstellung von dem heutzutage fast unerhörten Fleisse\ndesselben zu geben, brauchen wir nur den Umfang der bis\njetzt gedruckt vorliegenden Arbeit anzuführen. Der I. Band\n(Messen) enthält 350 Seiten Musik und 70 Seiten Vorrede\nund Nachrichten über die Componisten und ihre Werke;\nder 11. Band (Motetten) 580 Seiten Musik und 56 Seilen\nRegister und Nachrichten. Beide enthalten nur vierstim-\nmige Compositionen. Der ganze Plan umfasst aber ferner\ndie fünfstimmigen in zwei Bänden, dann die sechs-, acht-,\nzwölf- und sechszehnstimmigen alles das nur Messen und\nMotetten. Darauf sollen noch Litaneien, Lamentationen,\nImproperien u. s. w. folgen.\nDer zweite Band enthält nun 180 vierstimmige Mo-\ntetten von 34 Componisten, unter denen die Namen Pa-\nle stri na, Maren zi o, J. Maria Nani ni, Con st.\nPorta, Felix Anerio, Giov. Croce, Horazio Vec-\nchi, Paolo Agostini, Greg. Allegri, Andr. Ga-\nbrieli, Matthe o Asola, B er na bei, Casini, Aless.\nScarlatti, Thom. de Vittoria, Clemens non\npapa, Orlandus Lassus, Jac. de Kerle, Leo\nHasler, Fux u. s. w. glänzen.\nDie Eintheilung in vier Classen ist nach liturgischer\nund gollesdienstlicher Ordnung lür die bestimmten Fest-\nund Heiligen-Tage gemacht, was lür den kirchlichen Ge-\nbrauch freilich ein Vortheil, in anderer Hinsicht jedoch ein\nNachtheil ist, da es dem Herausgeber dadurch unmöglich\nwurde, die Motetten nach der Zeitfolge und nach den ver-\nschiedenen Schulen zu ordnen. So findet man denn, dass\nauf ein Motett aus dem sechszehnten Jahrhundert eines\naus dem Ende des siebenzehnten oder aus dem Anfange\ndes achtzehnten Jahrhunderts folgt, auf einen römischen\noder venetianischen Meister ein deutscher oder niederlän-\ndischer. Indess lür den Gebrauch entsteht dadurch eine\n*\ngrosse Mannigfaltigkeit, und der historische Forscher wird\ndie kleine Mühe eines zu entwerfenden chronologischen\nRegisters nicht scheuen, zumal da ihm die Sammlung eine\nso bedeutende und unerwartete Ausbeute gibt. Dem Ver-\nnehmen nach hat das Werk in Deutschland 600 Unter-\nzeichner gefunden, in Frankreich 9. Wir machen auf\neinige Stücke der Sammlung von Autoren, die weniger be-\nkannt sind, aufmerksam und wollen überhaupt die Gesang-\nVereine und ihre Dirigenten auf den reichen Schatz von\nMotetten hinweisen, die sich ausser ihrem bedeutenden In-\nhalte auch besonders durch Kürze zu öffentlichen Auflüh-\nrungen empfehlen.\nJohann Joseph Fux (Fuchs) ist mehr als Theore-\ntiker durch seinen Gradus ad denn als Com-\nponisl bekannt. Seine Opern (Elisa, 1714, Costanza e\nfortezza, 1723) sind verschollen, obwohl die erste den\nHol Karl s VI. in Wien und diesen Kaiser selbst so ent-\nzückte, dass er die dritte Vorstellung bei Hole selbst am\nCiavier accompagnirend leitete. Fux, der ihm das Blatt\numwandte, rief aus: „YVie schade, dass Ew. Majestät kein\nCapellmeister geworden sind!\" „Thut nichts!\" antwor-\ntete Karl VI., „ich bin halt mit meiner Stelle zufrieden.\"\nWir finden hier von ihm zwei Motetten, eine grössere:\nAd le, Domine, levavi animam,die zwar etwas trocken,\naber von meisterhafter Stimmführung ist, so dass sie als\nMuster der Polyphonie gelten kann und eine kleinere:\nDicite pusillanimes, die voller Empfindung ist.\nFast ganz unbekannt ist Pompeo Canniciari, wie-\nwohl jünger als Fux; denn er war seit 1709 Capellmei-\nster an St. Maria Major in Rom und starb 1744. Er soll\neine grosse Anzahl trefflicher Werke geschrieben haben.\nDas Ave Maria, gratia plena, welches hier gedruckt er-\nscheint, hat nicht bloss durch correcte Schreibart, sondern\nauch durch natürliche und gelällige Modulationen und sanfte\nLieblichkeit der Melodieen grossen W'erth.\nEinen der ersten Plätze verdient Marenzio aus dem\nsechszehnten Jahrhundert. Er ist originel, ja, in vieler Hin-\nsicht genial, voll Gefühl, das zur Melancholie und zu wehmü-\nthig düsterem Ausdruck hinneigt. Aber der Ausdruck des\nGelühls ist sein Hauptzweck, und darin unterscheidet er\nsich von seinen Zeitgenossen, deren Bahn er in so fern\nverlässt, als er die fesselnden Formen der imitirenden\nSchreibart durchbrach. Sanfte Melodie und eine Modulation,\ndie zuweilen ganz überraschend ist, sind ihm eigen; dabei\nist seine Harmonie sehr rein und schön, nirgends stösst\nman auf gesuchte Combinationen, Alles ist natürlich und\nlieblich. Wir finden 1 4 Motetten von ihm in diesem Bande,\nwelche sich meist durch grosse Schönheit und eigenlhüm-\nliehe Eigenschaften auszeichnen. Die Motette\nStephanum, auf das Fest des ersten Märtyrers geschrieben,\nist tiel melancholisch und zeigt ein Streben nach Modula-\ntionen, die lür jene Zeit sehr merkwürdig sind. Die Him-\nmelfahrts-Motette 0 rex yloriae offenbart einen originellen\nrhythmischen Charakter. Eine andere zum Feste von Maria\nEmplängniss, Conceplio tua,ist der Ausdruck einer sanften\nFreude, der um so eigentümlicher wirkt, als er nur So-\npran-, Alt- und Tenorslimmen anvertraut ist. Ueberall ent-\nspricht die Arbeit Marenzio's dem Texte mehr, als man es\nbei seinen Zeitgenossen findet. Er ist originel, mehr durch\nGefühl als durch Verstand, wie Giovanni Croce, der ihm"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "149", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2126, "texte": "allein den ersten Rang unter den Italiänern Palestrina\nnatürlich ausgenommen streitig machen könnte.\nNicht so originel wie der Italiäner Marenzio, aber aus-\ngezeichnet in edler Melodie und trefflicher polyphoner Füh-\nrung derselhen ist der Spanier Thoma Luis de Vitto-\nria (vgl. Jahrg. 11., 1854, Nr. 18, Lira Sacro-Hispana,\nSammlung von Hilarion Eslava. Madrid, 1853). Unter den\n16 Motetten, welche die Sammlung von Proske bietet, sind\nmehrere von vollendeter Schönheit, z. B.\nslerium, Senex puerum portabat,\nsponsa Christi.\nDie Motetten aus der römischen Schule, z. B. von\nNanini und Anerio, die wir hier finden, sind eben nicht\nbedeutend. Sie leiden namentlich an Armuth der Melodie\nund an Monotonie.\nDagegen sind die acht Motetten von Giovanni\nCroce aus der venetianischen Schule wieder höchst in-\nteressant. Croce gehört den letzten Jahrzehenden des 16.\nund den ersten des 17. Jahrhunderts an. Geboren zu\nChioggia, ist er vielleicht durch die Gesänge der Seeleute\nund Fischer zu den scharf accentuirten Rhythmen angeregt\nworden, die seine Sachen charakterisiren, und in denen er\noriginel und Schöpfer einer Uebergangs-Epoche ist. Es\nfehlt ihm keineswegs an Phantasie, allein wohl an der ern-\nsten Würde Palestrina's und dessen bester Schüler. Dage-\ngen ist er lebhafter und feuriger als seine Vorgänger, und\nwurde bei den Zeitgenossen, die ihn Chiozzotto nannten,\nbesonders auch durch seine Madrigale sehr beliebt.\nVon Orlandus Lassus, dem berühmten Niederlän-\nder, befinden sich 19 Motetten in der Sammlung. Den\nanderen höchst merkwürdigen Niederländer, Jacobus\nClemens non papa, den Vorgänger von Lassus und einen\nder grössten Musiker der Periode von 1530 —1550,\nlernt man besser aus Franz Co mm er's\nMusicorum Batavorumkennen, in welche 21 Motetten\nvon ihm aufgenommen sind.\nVon deutschen Meistern Gallus (Händel), Aichin-\nger, Leo Hasler stehen unter den aufgenommenen\nMotetten die zwei von Hasler (Quia vidisti me Thoma\nund Beata es virgo Maria) oben an. Nichts bei den gröss-\nten italienischen Meistern übertrifft die Vollendung des\nStils und die natürliche polyphone Stimmführung in diesen\nvortrefflichen Arbeiten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-09-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-09_01#c004", "volume": "bmtnabi_1857-05-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "149", "page_fin": "151", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.2.4", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "B. 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Mai 1857.\nEs ist nicht viel Gutes über die Opern-Theater wäh-\nrend dieses Zeitraumes zu berichten; an Neuem ist nur\ndas kleine Theater von Jakob Offenbach, die Bouffes Pari-\nsiennes, fruchtbar gewesen, allein dieses Neue war auch bei\nWeitem nicht immer gut.\nDie kaiserliche grosse Oper greift nach Ausländischem\nund lässt es für ihre Verhältnisse zurecht machen immer\nschon ein schlimmes Zeichen für das erste Theater in der\nWelt, dessen Kunst-Epochen die Originalwerke von Gluck,\nSpontini, Meyerbeer bezeichnen. So hat es sich denn jetzt\nohne zu errölhen Verdi's Trovatore (noch dazu schlecht\ngenug) übersetzen lassen und diese Oper, die Spitze der\nmodernen Musik, in Scene gesetzt. Mein früherer Bericht\nüber die Oper überhebt mich der unangenehmen Mühe,\njetzt ausführlich zu sein. [Vgl. 111. Jahrg., Nr. 6 vom 10.\nFebr. 1855.] Nur das will ich noch zur Ehre des Publi-\ncums bemerken, dass die Erbärmlichkeit des Buches, die\nZerrissenheit und grasse Abenteuerlichkeit des Gegenstan-\ndes und der Handlung jetzt durch den französischen Text\nauch denjenigen unerquicklich, ja, unerträglich erscheint, die\nbei den Italiänern sich nicht darum gekümmert oder daran\ngestört hatten, aus dem einfachen Grunde, weil sie den\nText nicht verstanden und so gutmüthig waren, die Un-\nwahrscheinlichkeiten und den Mangel au Zusammenhang\nauf ihre Unkenntniss der Sprache zu schieben. Jetzt gehen\nihnen die Augen auf; man sieht ein, dass man sich hier\nallein an die Oberfläche halten muss; denn sobald man nur\netwas tiefer gräbt, stösst man auf Abgeschmacktes und,\nwas noch schlimmer ist, auf Lächerliches. Geändert ist in\nder Bearbeitung für die französische Oper gar nichts.\nDie Aufführung am 12. Januar war nichts weniger\nals gut, nicht einmal genügend. Mad. Borghi-Mamo sang\ndie Zigeuner-Mutter geradezu schlecht; ob italiänisch oder\nfranzösisch, blieb zweifelhaft, da kein Zuhörer einen Eid\nauf irgend ein Wort schwören kann, das er deutlich ver-\nstanden hätte. Gueymard war nicht bei Stimme. Nur Mad.\nLauters, die vom Thedtre lyrian die grosse Oper ge-\nzogen worden ist, entfaltete eine prächtige Stimme, sang\nund spielte die Leonore so vortrefflich, dass sie alle Welt\nfreudig überraschte und allein das Ganze hielt. Ihre Mittel\nsind ausgezeichnet—es ist Zeit, dass sich auf diesen Bret-\ntern einmal wiedfr eine bedeutende dramatische Sängerin"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "150", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5147, "texte": "zeigt, und Mad. Lauters hat alle Anlage, es zu werden.\nDa es gegenwärtig mit dem Trouvere schon längst wieder\naus ist, so wird Alice im Robert ihre zweite Rolle sein.\nKurz darauf, am 19. Januar, gab die italiänische Oper\nVerdi's Rigoletto zum ersten Male. Diese Oper, die seit\n1851 existirt (zum ersten Male Venedig, den 11. März),\nhat ziemlich gefallen. Sie scheint mir auch • ich habe sie\njedoch nur Ein Mal gehört mehr wirkliche Musik zu\nenthalten, als ich in Verdi'schen Opern sonst entdecken\nkann. Die Verehrer des Componisten behaupten, darin einen\nungeheuren Fortschritt desselben zu finden, und datiren\nyom Rigoletto an die dritte Epoche seiner Schreibart, in\nwelche dann natürlich auch der zwei Jahre später geschrie-\nbene Trovatore gehört. Ich kann diesen Fortschritt nicht\nentdecken, gestehe aber gern, dass ich mich mit dem Stu-\ndium Verdi'scher Partituren nicht beschäftigt habe. Damit\nwill ich indess keineswegs sagen, dass jene Verehrer sich\ndieser Mühe unterzogen haben—so etwas ist ja heutzutage\nnicht nöthig, um über Musik zu schreiben! Dass die Auf-\nführung des Rigoletto, dessen Text nach Victor Hugo's\nLe roi s'atnuse gemacht ist, eine gerichtliche Klage des\nletzteren veranlasste, die jedoch in letzter Instanz unbe-\ngründet erfunden wurde, ist aus den Zeitungen bekannt.\nEndlich brachte der Januar noch eine wirkliche Neuig-\nkeit am Theater der Opera comnämlich „Psyche\",\nOper in 3 Acten, Text von J. Barbier und M. Carre,\nMusik von Ambroise Thomas, zum ersten Male den\n26. Januar. Eine Neuigkeit? In Bezug auf die Musik, ja;\naber die alte, zwar recht schöne, aber überall und beson-\nders auf der französischen Bühne seit La Fontaine und Mo-\nliere todt gesprochene, todt gesungene, todt getanzte Fabel\nvon Amor und Psyche hätte wohl lieber begraben bleiben\nkönnen, wenn sie nicht durch eine Art Wunder einen\nganz neuen Zauber erhielt. Das ist aber keineswegs der\nFall; die Dichter haben auch nicht das Geringste, was neu\nerfunden wäre, hinzu gethan. Auch die Schwestern der\nPsyche mit ihren Männern, obwohl ganz unbedeutende und\nlächerliche Personen, sind schon bei Moliere da. Venus, die\nVerfolgerin der Psyche, erscheint nicht; Mercur ist der\nMaschinist der Intrigue gegen die arrne Gattin Amor's.\nGlücklicher Weise lässt sich am Ende, nachdem die be-\nstrafte Neugierde ihr viele Thränen gekostet, Jupiter er-\nweichen und versetzt sie in den Olymp.\nDie Musik hat allerdings einige Stücke, die als hüb-\nsche Einfälle gelten können— wer aber unter den jetzigen\nComponisten hat die nicht? und wer wird derartige Ein-\nfälle gleich Inspirationen nennen? zumal da mit jedem Jahre\ndie Controle der Originalität schwerer wird und man in\nGefahr ist, durch die Masse von Erinnerungen, die man\nhört, das Gedächtniss für einzelne zu verlieren! Im Ganzen\nleidet sie an Monotonie, die bei dem Mangel an Handlung\nfreilich nur durch eminentes Genie zu vermeiden gewesen\nwäre. Ein Musiker, der uns drei Acte lang durch den Ge-\nsang von zwei Sopranen und einem wenig beschäftigten\nBariton in Spannung halten will, dürfte unter den Zeitge-\nnossen schwer zu finden sein. Mad. Ugalde singt den Eros\noder Amor, Demoiselle Lefebvre die Psyche beide rei-\nzend genug, aber toujours perdrix hält man nun einmal\nnicht aus. So hat man denn zu den Kunstgriffen der gros-\nsen Oper gegriffen und den Chor, das Ballet, die Maschi-\nnerie aufgeboten auf eine Weise, wie es nie in der Opera\ncomique geschehen, um das Ganze zu halten. Es hält sich\ndenn auch, ä defaut de mieux, so ziemlich.\nEtwas Interessantes für Deutsche und besonders für\nden kölner Männergesang-Verein findet sich in\ndieser Psyche. Eros darf sich, wie man weiss, vor Psyche\nnicht sehen lassen; er singt desshalb zuweilen hinter den\nCoulissen, theils allein, theils sogar mit Psyche, die\nauf der Scene ist! So singt er (oder eigentlich sie, Mad.\nUgalde) denn auch im ersten Acte eine hübsche Melodie\nhinter der Scene, die von Brummstimmen und ausser-\ndem nur von der Harfe und einem Horn begleitet wird.\nHerr Thomas hat sich also, wie es scheint, die Aeusserung\ngemerkt, die Rossini Eurem Männergesang-Vereine ge-\ngenüber im September 1855 that, als er die Brummstim-\nmen zum ersten Male hörte:\nl'avais connu, je Vaurais employe au ihealre.\"\nVon älteren Opern hat dasselbe Theater Halevy's\n„Blit z\" wieder aufgenommen. Seit der ersten Aufführung\nam 1 6. December 1835, nach welcher sie lange auf dem\nRepertoire blieb, namentlich durch den Tenor Chollet ge-\nhalten, ging sie 1847 mit Roger, 1850 mit Boulo wieder\nin Scene. Sie erfordert zwei gute Tenöre und zwei gute\nSoprane. Die gegenwärtige Besetzung durch Barbot und\nJourdan und die Damen Duprez und Boulart ist recht gut.\nNoch weiter zurück griff die Direction Ende Aprils mit\nJoconde von Etienne und Nicolo. Diese reizend me-\nlodiöse Oper aus der älteren französischen Schule erschien\nzuerst am 28. Februar 1814, vier Wochen vor der Be-\nsetzung von Paris durch die Alliirten*), und hielt sich fast\n\n*) Etienne galt damals für den ersten Librettisten der komi-\nschen Oper, und >\"ico!o hatte als Componist nur Boieldieu\nzum Nebenbuhler. Beide hatten durch ihre Oper Cendrillon\ndiese Höhe erreicht. Während unseres Aufenthaltes in Paris"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "151", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2490, "texte": "Dreissig Jahre ununterbrochen auf dem Repertoire. Erst\nals Chollet die Bühne vor etwa zwölf Jahren verliess, legte\nman sie zurück. Ihre Gesangstücke wurden beispiellos po-\npulär; Nicolo, der zugleich Componist und Musik-Verleger\nwar, soll eine lange Zeit hindurch jährlich 60,000 Frcs.\nan dem Verkaufe der einzelnen Nummern des Clavier-Aus-\nzugs verdient haben. Noch jetzt bewährt diese Musik für\njedes unverdorbene Ohr ihren einschmeichelnden Reiz. De-\nmoiselle Lefebvre singt das Rosenmädchen Jeannette aller-\nliebst, und der Bariton Faure ist in der Hauptrolle vortreff-\nlich. Diese wäre auch für Stockhausen sehr passend gewe-\nsen, aber seine Unbeholfenheit im Spiel hindert seine Ver-\nwendung auf der Bühne.\nNun noch ein paar Worte über das kleine Theater in\nder Passage Clioiseul. Unser Landsmann J. Offenbach\nentwickelt dabei nicht nur als Director, sondern auch als\nComponist eine grosse Thätigkeit— seit Januar hat er wie-\nder zu drei einactigen Operetten eine recht artige und un-\nterhaltende Musik geliefert, wenn schon die Textbücher\nund mithin der Erfolg der Stücke sehr ungleich waren.\nAnfangs April ist dann auch die Preis-Oper Le Docteur Mi-\nracle gegeben worden, heute mit Musik von Lecoq, mor-\ngen mit Musik von Bizet, beide Male durch dieselben Dar-\nsteller. Die Richter hatten nämlich den Offenbach'schen\nPreis diesen beiden Bewerbern ex aequo zuerkannt. Das\nPublicum hat jedoch mehr Partei für den achtzehnjährigen\nBizet genommen, dessen Musik ganz hübsch ist, nur zuwei-\nlen etwas zu gedehnt. Das Stück selbst ist eine Posse, wie\nman deren Hunderte hat; eine Schein-Vergiftung spielt da-\nbei die Hauptrolle: ein Officier bewirkt sie als Bedienter\nund rettet als Doctor den Alten, natürlich um den Preis\nseiner Tochter.\n\nB. P.\n\nin den Monaten April und Mai 1814 wechselten Joconde,\nJean de Paris lind Chcrubini's Wasserträger in der komischen\nOp er ab alles vollendete Vorstellungen in Gesang, Spiel\nund Orchester, wie wir sie in dieser Gattung nicht wieder\ngehört haben. Der Wasserträger wurde damals mit einem\nimprovisirten Schlüsse gegeben, der uns viel zu lachen gab.\nDer Retter des Grafen Armand stürzte athemlos auf die Scene\nund rief: Les allies sont entre dans Paris, tout est pardonne,\nvivent les Souverains allies, vivent les Bourbons! und darauf\nwurden Couplets auf die Kaiser Alexander und Franz und\nauf den König Friedrich Wilhelm 111. gesungen. Im Wasser-\nträger und in Joconde war Martin die Hauptperson, neben\nihm Mad. Boulanger und Mad. Gavaudan.\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-09-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-09_01#c005", "volume": "bmtnabi_1857-05-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "151", "page_fin": "152", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.2.5", "titre_corps": "Drittes Abonnements-Concert Des kölner Männergesang-Vereins.", "titre_sommaire": "Drittes Abonnements-Concert Des kölner Männergesang-Vereins.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "151", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.1.7", "debut_caractere": 2492, "fin_caractere_exclue": 6164, "texte": "Drittes Abonnements-Concert\nDes kölner Männergesang-Vereins.\nMittwoch, den 6. Mai.\nDas letzte Concert des Männergesang-Vereins unter Leitung des\nk. Musik-Directors F. Weber war sowohl durch sein Programm\nwie durch die Ausführung desselben eines der bedeutendsten der\ndiesjährigen Saison. Aufgeführt wurden die Musik von F. Men-\ndelssohn zur Antigone, die Dithyrambe von Jul. Rietz,\nbeide mit vollständigem Orchester, und eine neue Composition von\nF. Hill er für Männerchor ohne Begleitung: „Meine Göttin\",\nvon Göthe (Drei Gedichte von Göthe für vierstimmigen Män-\nnerchor. Op. 63. Mainz, bei B. Schott's Söhnen).\nDer Chor war stark besetzt; an 100 kräftige Stimmen (der Ver-\nein zählt jetzt 136 active Mitglieder) drangen überall vortrefflich\ndurch und schieden sich auch in den Doppelchören sehr deutlich.\nDas letztere trug ausserordentlich viel zur Erhöhung der Wirkung\nder Antigone-Musik bei. C. 0. Stern au sprach mit Ausdruck das\nvon ihm verfasste verbindende Gedicht, in welches die melodrama-\ntisch behandelten Stellen der Tragödie auf geschickte und unge-\nzwungene Weise aufgenommen waren. So machte denn das Ganze\ndurch den ernsten und hohen Geist der Sophokleischen Dichtung,\ndurch die innere Kraft der Composition und die grossartige Aus-\nführung einen tiefen Eindruck, von welchem namentlich von\ndem Bacchuschor an bis zum Schluss die ganze Zuhörerschaft\nsichtbar ergriffen war.\nDiese Musik füllte die erste Abtheilung des Concerts. Diezweite\nbegann mit einer guten Ausführung der Ouvertüre zur Zau-\nberflöte, deren Allegro nicht etwa abgehetzt, sondern von dem\nDirigenten in sehr richtigem Tempo, bei welchem keine einzige\nder zahlreichen Detail-Schönheiten verloren ging, genommen wurde.\nHierauf folgte Hill er's Composition „Meine Göttin\". Hiller hat\ndie oben erwähnte Ausgabe mit folgender Bemerkung begleitet:\n„Bei der grossen Ausdehnung, welche der Männergesang heutiges\nTages gewonnen, ist es eine auffallende Erscheinung, dass er nach\neiner Seite hin so wenig benutzt worden, welche seiner Natur vor-\nzugsweise angemessen erscheint, nach der nämlich des declama-\ntorischen Gesanges mit Benutzung ernster, bedeutungsvoller\nTexte, wie sie eines Chors von Männern würdig sind. Der Com-\nponist hat im anliegenden Hefte (namentlich den ersten beiden\nNummern: „Meine Göttin\" und „Gränzen der Menschheit\") einige\nVersuche gemacht, welchen er mehr um ihrer Richtung als um\nihrer selbst willen eine beachtende Theilnahme wünscht.\" Wir\nsind in Bezug auf den ersten Salz ganz mit dem Componisten ein-\nverstanden, den letzten aber müssen wir berichtigen. Was seine\nBescheidenheit Versuche nennt, hat sich unter seiner kunstge-\nwandten Hand zu feinen Cabinelsstücken gestaltet, die Meisterwerke\neiner neuen Gattung sind. Man würde sehr irren, wenn man in\ndiesen Compositionen einen trockenen, rein declamatorischen Stil,\ngleichsam nur eine wörtliche Uebersetzung des Gedichtes in Noten\nvermuthete. Dem ist nicht so, und das war auch von Hiller, der\nnie vergisst, dass alles für Gesang Geschriebene Musik sein muss,\nnicht zu erwarten. Die Declamation hat nur die Form bestimmt;\ndiese ist frei, wie sie es auch in den Gedichten bei Göthe ist, und\nfolgt nicht den Regeln einer festen miusicalischen Form, sondern\ndem Gange des Gedichtes, nur hält sie, so wie dieses, eine einheit-\nliche Stimmung, auch eine Haupt-Tonart (in Nr. 1 D-dur mit\nG- und B-dur) fest. In allem Uebrigen folgt der Musiker wie der\nDichter „seiner Göttin\", der Phantasie. Und sie hat ihn nicht im\nSticii gelassen; denn alles, was wir hören, ist Musik, ist schön de-\nclamirter Gesang, der die Worte beflügelt und hebt, nicht aber das\nBleigewicht psalmodirender Monotonie daran hängt und sie herab-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "152", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1227, "texte": "zieht. Darum hat sich der Componist und das mit vollem Recht\nauch keineswegs gescheut, einzelne Verse zu wiederholen, wo\nes die Emphase (z. B. gleich zu Anfang, dann bei „Lasst uns den\nVater preisen44 u. s. w.) oder eine anderweitige Charakteristik des\nrausicalischen Ausdrucks fordert, wie z. B. bei der lieblich flüstern-\nden Stelle: „dass die alte Schwiegermutter Weisheit das zarte Seel-\nchen ja nicht beleidige!44 Die Ausführung ist durch den Wech-\nsel des Rhythmus und des Tempo's nicht leicht, verlangt aber, da\nalles sangbar ist, nur ein genaues Studium. Der Verein und sein\nDirigent haben durch den Vortrag dieser Composition ihre Meister-\nschaft von neuem bewährt; denn es ist wahrlich etwas Ausserge-\nwöhnliches, wenn hundert Sänger ein so fein gezeichnetes Tonbild\nin seinen wahren Farben zur Erscheinung bringen, was schon für\nvierStimmen allein eine schwierige Aufgabe ist. Das Publicum zeich-\nnete die Composition und den Vortrag durch lebhaften Beifall aus.\nDen Schluss machte eine recht schwungvolle Ausführung der\nSchiller'schen Dithyrambe von Ju 1. Rietz, in welcher wir uns\nnoch besonders freuten, die Tenorstimme des Herrn A. Pütz nach\nlanger Pause wieder in ihrer vollen Frische und Lieblichkeit zu\nhören."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-09-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-09_01#c006", "volume": "bmtnabi_1857-05-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "152", "page_fin": "152", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "152", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.1.8", "debut_caractere": 1229, "fin_caractere_exclue": 3778, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nfco Ii». Am 1. Mai veranstaltete die Sing-Akademie unter\nLeitung des k. Musik-Directors F. Weber eine öffentliche Ver-\nsammlung im grossen Casinosaale vor einer eingeladenen zahlrei-\nchen Zuhörerschaft. Es wurden mit Clavier-Begleitung sehr präcis\nund mit einem besonders schönen Gesammt-Tone gesungen einige\nChöre und Soli aus Hiller's Zerstörung von Jerusalem und aus\nMendelssohn's 95. Psalm. Dann eine neue Composition (Manu-\nscript) von Max Bruch: „Horch! die Vesperhymne klingt\", Ge-\ndicht von Th. Moore, übersetzt von F. Freiiigrath ein\nkurzes, durch schöne Auffassung und melodische Anmuth recht\nansprechendes Gesangstück für eine Sopranstimine, welche die Em-\npfindungen beim Anhören eines Chorgesanges „Jubüate! Amen!\"\njenseits des Wassers ausspricht. Die Verbindung beider, der Solo-\nstimmen und des Chors, ist recht gut gelungen. Die zweite Ab-\ntheilung tüllten die meisten Nummern aus dem ersten und zweiten\nTheile von Fr. Schneide r's Weltgericht. Die Composition ist zu\nsehr auf die Mitwirkung des Orchesters berechnet, als dass sie am\nCiavier von Effect sein könnte. Die Sicherheit und Tonfülle des\nzahlreichen Chors der Akademie zeigte sich in allen Stücken auf\ndas erfreulichste und erwarb ihrem Dirigenten Fr. Weber, der\nauch diesen Verein wie den Männergesang-Verein seit einer lan-\ngen Reihe von Jahren leitet, ein neues Blatt in den Kranz seiner\nVerdienste um den musicalischen Aufschwung Kölns.\nü<mii. Herr Emil Naumann, k. Kirchen-Musik-Director,\nwird sich einen Theil der Sommerzeit hier in seiner Vaterstadt\naufhalten und eine grosse Oper . Judith44, zu welcher auch das Ge-\ndicht von ihm selbst verfasst ist, hier vollenden.\nDas Programm zu dem Aachener Musikfeste ist nun fest-\ngestellt. Es enthält die Musikstücke, welche wir bereits in Nr. 17\nnamhaft gemacht haben, nur dass man sich noch nachträglich ent-\nschlossen hat, den Namen Beethoven bei der Feier eines Festes,\nwelches wenigstens dem Titel nach die lange Reihe der nieder-\nrheinischen Musikfeste fortsetzt, nicht völlig zu ignoriren. Man\nwird die Ouvertüre Op. 124 vor dem Messias aufführen. Con-\ngruenter mit dem Programm des zweiten Tages, auf welchem J.\nS. Bach mit 11. Berlioz und F. Liszt zusammengestellt ist,\nwürde Wagner s Tannhäuser- oder Faust-Ouverture neben Hän-\ndel figurirt haben, wenn denn doch einmal das alle ehrwürdige\nniederrheinische Fest zum Experimentiren benutzt werden soll.\nBerichtigung. In dem „Münchener Briefe44 in Nr. 18 ist S.\n141, Sp. 1, Z. 19 statt „Frau Diez44 zu lesen „Fräulein\nHefner4\\ , A. Z."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "145", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nZur Geschichte der Charakteristik der Tonarten. 11. Musica divina. Pariser Briefe (Die Opern-Theater Lc Trou-\nverc und Bigoletto von Verdi Psyche von A. Thomas Bouftes Parisiennes: Preis-Operetten u. s. w.). Von B. P. Drittes Abon-\nnements-Concert des kölner Männergesang-Vereins. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Sing-Akademie Bonn, Entil\nNaumann Das Aachener Musikfest). ,\n\nZur Geschichte der Charakteristik der Tonarten.\nII.\n(I. s. Nr. 17.)\nGegen die Chamkteristik von C. F. D. Schubart und\nähnliche traten andere Musiker mit ganz entgegengesetzter\nAnsicht auf.\nWenn man auch (ür die Musik der Griechen mit den\nalten Schriftstellern einen charakteristischen Unterschied\nder Tonarten gelten lassen wolle, wenn ferner den Kir-\nchen-Tonarten aus dem Mittelalter eine gewisse verschie-\ndene Eigentümlichkeit zugestanden werden müsse, so habe\ndoch die neuere Temperatur mit der festen Lage\nder halben Töne und die Beschränkung auf das diatonische\nSystem in Dur und Moll alle charakteristische Bedeutung\nder einzelnen Tonarten verwischt und vertilgt und nur den\nUnterschied zwischen Dur und Moll übrig gelassen; inner-\nhalb dieser stelle sich aber immer dasselbe Verhältniss von\nC-dur und A-mollin allen Tonarten dar, .und aller Unter-\nschied beruhe nur auf der Tonhöhe.\nSo namentlich zuerst K irnberger, dann Zelter\nund Andere. .\nEin Stück in Es-duroder auf zufällig um\neinen halben Ton höher gestimmten Instrumenten gespielt,\nwerde unvermerkt E-duroder da ja ein Normal-\nTon nicht zu fixiren sei und wir kein absolutes, sondern\nnur ein Conventionelles Chaben. Man müsse das Steigen\nder Stimmung im Allgemeinen mit in Anschlag bringen,\nwelche mit dem Reiz des Gehörsinns sich erhöht hat. Ein\nDreiklang von Metall-Glocken, der vor lünfzig oder mehr\nJahren C-dur klang, klingt uns jetzt Was Bach\nund Händel in E-dur dachten und schrieben, tönt uns jetzt\nin Es-dur.Ja, wenn ein Chor ohne Begleitung in langen\nund schwierigen Sätzen sinkt und z. B. in F beginnt und\nin der heterogensten Tonfarbe von E schliesst, wo beginnt\nda die Wahrnehmung eines anderen Charakters der Ton-\nart? mit anderen Worten: wo bleibt da die Charakteristik\nder Tonarten?\nDagegen trat Dr. Ferdinand Hand in seiner\nAesthetik der Tonkunst, Leipzig, 1837, Th. 1., S. 211 IT.,\nwieder auf und meinte, „dass allerdings die neuere Tem-\nperatur Manches umgeändert und eingeschränkt habe; den-\nnoch behaupte sich der Charakter auch jetzt noch als ein\neingeborener.\" Er behauptet, dass eine Reihe von That-\nsachen als Beweise dafür auf erkennbarem Grunde ruhe,\nfügt jedoch hinzu, dass die Existenz des Charakteristischen\ndadurch nicht in Zweifel zu stellen sei, dass wir hier wie\nanderwärts Vieles noch nicht zu durchschauen vermöchten.\nDas Charakteristische beschränke sich nicht auf die Höhe\nund Tiefe, auch nicht allein auf Dur und Moll, sondern die\nTonordnung, in welcher sich Ton an Ton innerlich an-\nschliesst, werde in jeder Tonart zu einer anderen, und\nsei in C-dur ein anderes, als in D-dur.\nHiernach gibt er eine Charakteristik der Tonarten, de-\nren wesentlichen Inhalt wir auszugsweise mittheilen:\nDie Aufstellung einer Charakteristik der einzelnen Ton-\narten hat aus leicht erkennbarem Grunde die grösste Schwie-\nrigkeit, und das Aufgestellte wird nicht auf jedes vorhan-\ndene Werk streng bezogen werden können, weil die Be-\nhandlungsweise als das Entscheidende vor Allem in Rück-\nsicht kommt und man danach zu fragen hat, wie der Künst-\nler die Tonart melodisch behandelte und auf deren Ver-\nwandtschaft mit anderen Tonarten einging. Man kann also\nzugestehen, dass eine theoretische Charakteristik weder\nausreicht, noch die freie Schöpfung jemals binden wird;\ndoch vermag der Tondichter auch nicht die Natur und de-\nren eigenthümliche Ausdrucksweise umzuwandeln, vielmehr\nhat jeder willkürliche Missgriff sich selbst geschadet, indem"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "146", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.1.2", "texte": "«ntweder die Wahrheit verletzt ward oder man durch\nkünstliche Mittel zu ersetzen versuchte, was die Natur in\nreineren und bestimmteren Formen darbot. —lm Allgemei-\nnen ergibt sich, dass die Tonarten, deren Ordnung sich\ndurch Erhöhung der Töne, bezeichnet durch Kreuze, bil-\ndet, einen helleren, lebendigeren Charakter behaupten, die-\njenigen aber, welche die Töne durch Erniedrigung (durch\nb bezeichnet) gewinnen, bedeckt und minder frei erschei-\nnen, in welcher Eigentümlichkeit sich auch und\nes und dis, wenn auch nicht auf unseren Tast-Instrumen-\nten, unterscheiden. Ueberall aber muss vorausgesetzt wer-\nden, dass jegliches Ding in sein Gegentheil umgewandelt\nwerden kann, und daher selbst das ursprünglich Weiche\nin einer ironischen oder gegenteiligen Anwendung zum\nAusdruck eines Heftigen oder Formlosen dienen kann, wie\nim Moralischen Vieles in sein Gegentheil umschlägt.\nVerfolgen wir nun die Tonarten in der Ordnung des\nQuinten-Cirkels, so ergibt sich Folgendes:\nC-durist in unserer Musik die Grundlage aller weite-\nren Entwicklung und spricht das Menschliche im Gefühle\nrein und sicher aus; daher wählt die Unschuld, die in sich\ngenügliche Einfalt, die reine Natürlichkeit, aber auch der\neinfache Ernst, der bestimmte Entschluss, die Zuversicht\ndiese Tonart, die sich desshalb ausser Anderem sowohl lür\nkindliche Lieder als auch lür den Choral und den Marsch\ndes Kriegers eignet. In C-moll vereint sich die Reinheit\nund Sanftheit der Quinte gmit der Weichheit und inten-\nsiven Beschränkung der Terz, und es wird zum Ausdruck\nder Wehmuth, der Trauer, der Sehnsucht, der schmerz-\nvollen Liebe, des Verlangens nach Trost.\nG-dur stellt ein Bild der Beruhigung auf und kann in\nseiner Durchschaulichkeit bis zum Bedeutungslosen sinken.\nIn dieser Tonart aber spricht sich die Innigkeit der Treue,\nder leidenschaftlosen Liebe, die Ruhe der Betrachtung und\neine sanfte Stimmung aus; einfache Anmuth ist ihr Schmuck.\nDas ländliche Leben spiegelt sich in ihr treulich ab, und\nman kann ihren Charakter oft idyllisch nennen. Doch eignet\nsie sich auch zu jeder Art von leichtfertiger Demonstration\nund selbst lür ironische Spiele und leicht gehaltenen Scherz.\nG-moll kann nicht geradehin nach Schubart durch Miss-\nvergnügen, Groll und Unlust bezeichnet werden. In dieser\nTonart einigt sich Wehmuth und Freude, Schwermuth und\nHeiterkeit; so stellt sie die Grazie, auf deren Blick ein\nZug Schwermuth ruht, das Erhabene in romantischer Fär-\nbung, das Tragisch-Sentimentale dar.\nD-dur nimmt das Prächtige und Grosse in sich auf,\nund in seiner Melle tönt der Triumph, das Halleluja, und\nruft zur Freude und zum Jubel auf. In leichter Bewegung\nstimmt D-durzur aufgeregten Lustigkeit, in ruhiger Be-\nwegung zu dem männlich klaren Blick aufs Leben. Für\ndieses alles bildet D-molleinen Contrast, indem diese Ton-\nart ein von Schwermuth niedergedrücktes Gefühl, die Klage\nder beengten, aber nicht kraftlosen Brust ausspricht, zu-\ngleich aber auch den heftigen, herzzerschneidenden Schmerz\nbehandelt.\nA-dur ist der Ton des Vertrauens und der Hoffnung,\neines der Liebe sich freuenden Herzens und der unbefan-\n\\\ngenen Heiterkeit. An Innigkeit überwiegt diese Tonart alle\nanderen, wenn weder Leidenschaftlichkeit die ruhige Hin-\ngabe stört, noch eine schmerzliche Sehnsucht die Reinheit\ndes Glückes trübt. Was hier mit sicherer Bestimmtheit\ntönt, wird in A-moll zur schwächeren Hingebung, aber\nauch zur zagenden Weichheit. So hat diese Tonart einen\nmehr weiblichen Charakter, der überall nur Hingebung ver-\nrät!], in der Heiterkeit sich anschmiegt und in dem Schmerze\nnicht widerstrebt, noch auch trostlos verzagt. Das Gefühl\nder Busse kann kein mehr entsprechendes Organ finden.\nE-dur,eine der hellsten, stärksten Farben, vielleicht\nvergleichbar mit brennendem Gelb, dient der lachenden\nFreude, dem lebensfrohen Jubel; indem es auch das Präch-\ntige in sich aufnimmt, bezeichnet es das Feierliche in höch-\nster Potenz. Zum schmerzvollen Gefühle, zur versinkenden\nTrauer erscheint sie untauglich; denn ihr ganzes Wesen\nist offen und frei und daher auch für Andacht und Fröm-\nmigkeit nur anwendbar, wo die Freude in Gott lebendig\ngeworden ist oder das Herz vertrauensvoll dem Ewigen\nsich hingibt.\nBeiden gleich ist II an starker Färbung in an\nInnerlichkeit in Moll.ln Dur dient es der heftigen Leiden-\nschaft und drückt ein trotziges, seiner Kraft gewisses Selbst-\ngefühl aus; in Moll ist es ruhige Erwartung und Ergebung.\nDas Angreifende beider Tonarten hat die Erfahrung gelehrt.\nVon einem Violoncellisten Hoffmann in Dresden erzählt\nman, dass er durch ein Spiel in stets krank wurde.\nIn langsamer Bewegung eignet diese Tonart sich vorzüglich\nfür Todtengesänge. Umgesetzt in die Unnatur, gewährt\ndiese Tonart im ironischen Hohn auch Töne der Hölle.\nFis- und Ges-dur, welche sich nur dadurch unterschei-\nden, dass durch seine Beziehung und Entwicklung Fis-dur\nheller lautet, hat einen triumphirenden Charakter und drückt\nfeierlichen Muth und den wohlthuenden Genuss errungener\nRuhe aus; doch wird auch möglich sein, eine noch trotzende,\nauf eigene Kraft stolzirende Leidenschaft damit zu bezeich-\nnen. Fis- oder Gcs-moll wurde mit Recht ein ernster,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.1.3", "texte": "finsterer Ton genannt, in welchem der tobende Schmerz,\ndie herbe Unlust, der Missmuth, bitterer Ernst und auch\nder Groll spricht. Er lässt nach Auflösung der Pein verlan-\ngen, die entweder im ruhigen A-dur oder im kräftigen D-\ndur erreicht wird.\nCis- (Des-) dur eignet sich nicht für das Scherzhafte,\ndoch eher für das Excentrische, und mischt das Leidvolle\nund Freudvolle in erhöhten Graden. Allein auch einen pa-\nthetischen Schritt kann Des-durannehmen und dann ein\nGefühl des Selbstvertrauens und der keck vorschreitenden\nGravität in sich fassen. Es eignet sich für Darstellung der\nhohen Schönheit, des Prächtigen, des Glanzvollen und trägt\neine grosse Fülle in sich. Nicht minder aber kann das Leid-\nvolle überwiegen, ohne jedoch das Kräftige vermissen zu\nlassen, sei es ein Vertrauen auf eigene Hülfe oder auf Bei-\nstand von oben. Cis- (Des-) moll wird die Wehmuth, die\nseufzende Sehnsucht, die Klage eigener Schuld, aber auch\ndie Innigkeit des Mitgefühls wählen.\nAs-dur ist die Tonart, bei welcher die Seele für ein\nUeberirdisches aufgeht und Ahnungen eines Jenseits oder\neiner höheren Beglückung fasst. Daher schwebt sie über\nden Gräbern, zeichnet den frommen, Frieden Gottes ath-\nmenden Sinn und erhebt zur Unendlichkeit, eines seligen\nGefühls. Es kann aber die bedeutungsvolle Sehnsucht auch\neine dunklere Farbe annehmen oder mit Schwermuth wech-\nseln; daher der Uebergang aus oder in F-moll als zu der\ndunkeln Schwermuth, oder in zu der ernsten\nTrauer.\ni\nAls Gis-dur, dessen ganze Kraft durch die Temperar\ntur wesentlich gemindert wird, indem die Erhöhung um\ndas Komma dem As, die Erniedrigung dem Gis abgeht,\nverändert die Tonart auch den Charakter.\nGis- oder As-moll nannte Schubart einen Griesgram\nund theilte ihm die Jammerklage zu, die im Doppelkreuz\nseufzt. Auch diese Tonart, meist nur in einzelnen Zeich-\nnungen gefunden, drückt dann das Gefühl eines mühselig\nbeladenen, bedrückten Herzens aus.\nEs-durvereinigt einen sehr mannigfaltigen Ausdruck\nin sich und kann die vieldeutigste Tonart heissen. Bald\nspricht sie das feierlich Ernste aus; bald erscheint sie in\nglanzvoller Farbe, geeignet für den kräftigen Aufruf und\ndie Ermuthigung; bald dient sie der Andacht und dem\ngläubigen Vertrauen.\nEs-moll oder Dis-moll hat man eine grässliche Tonart\ngenannt und derselben die Gefühle der Bangigkeit, der hin-\nbrütenden Verzweiflung, der schwärzesten Schwermuth zu-\ngetheilt oder, wie Quanz es that (in seiner Anweisung zur\nFlöte, XIV., 6), zum Ausdruck trauriger Affecte als die\ngeeignetste bezeichnet.\nR-dur,eine offene, helle Tonart, dient zur Aussprache\nheiterer Gefühle, der zuversichtlichen Hoffnung, des glau-\nbensvollen Aufblickes, und vermag die ruhige Betrachtung\nzu beleben. Diese Belebung kann durch Rhythmus und\nMelodie so gesteigert werden, dass auch fröhlicher Jubel\neiner ausgelassenen Freude und einer muthvollen Kraft\ndarin sich darstellt. Wie weitumfassend das Gebiet dieser\nTonart sei, lässt sich bald aus der grossen Zahl der ihr\nzufallenden Producte abnehmen. Auch dem R-moll hat man\noftmals eine zu specielle Bedeutung zugesprochen. In ihm\nliegt ein trübes, ja, finsteres Gefühl, nicht des reinen\nSchmerzes, welcher Thränen vergiesst, sondern des mit\nUnmuth und jener Art von Missvergnügen verbundenen,\nwelche mit Gott und aller Welt murrt und mit sich selbst\nim Streite liegt. Es kann ein heftiger Seelenschmerz darin\ngemalt werden, doch ist meistens etwas beigemischt, was\nden Mangel des inneren Friedens und ein Zerfallen in sich\nselbst beurkundet. Daher haben Künstler sie zur Bezeich-\nnung des ironischen Hohnes, der boshaften Intrigue, der\nfrivolen Ironie gewählt und Mephistopheles' Gefühle darin\ndargestellt.\nF-dur malt Frieden und Freude in vielfacher Form,\nbald als leichten Scherz und gutmüthige Posse, bald als\nkindliche Fröhlichkeit, bald in der Zufriedenheit mit der\nWelt, oder in der Ruhe eines genüglichen Lebens, oder in\nder Innigkeit befriedigender, tröstender Liebe. F-moll ist\ndagegen eine schauerliche Tonart zum Ausdruck schwer-\nmuthsvoller Gefühle, der Trauer und des tiefen Leidens,\naber auch der Bangigkeit, des Schauders und der qual-\nvollen Trauer.\n\nMusica divina\nsive Thesaurus concentuum seleclissimorum cullui divino\nlotius anni inservientium ab superioris aevi musicis\ncompositorum, e codicibus etc. publice offert Caro-\nlus Proske. Tom. 11. L\nFred. Pustet. 1855. 4.\nWir haben den ersten Band dieser schätzbaren Samm-\nlung im 11. Jahrgang dieser Blätter (Nr. 19 vom 13. Mai\n1854) angezeigt. Er enthält zehn Messen und zwei Re-\nquiem. Der zweite bevveis't, dass der gelehrte Herausgeber,\nCanonicus C. Proske in Regensburg, sein mühevolles und\nhöchst verdienstliches Werk mit Eifer fortsetzt. Um eine"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "148", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.1.4", "texte": "Vorstellung von dem heutzutage fast unerhörten Fleisse\ndesselben zu geben, brauchen wir nur den Umfang der bis\njetzt gedruckt vorliegenden Arbeit anzuführen. Der I. Band\n(Messen) enthält 350 Seiten Musik und 70 Seiten Vorrede\nund Nachrichten über die Componisten und ihre Werke;\nder 11. Band (Motetten) 580 Seiten Musik und 56 Seilen\nRegister und Nachrichten. Beide enthalten nur vierstim-\nmige Compositionen. Der ganze Plan umfasst aber ferner\ndie fünfstimmigen in zwei Bänden, dann die sechs-, acht-,\nzwölf- und sechszehnstimmigen alles das nur Messen und\nMotetten. Darauf sollen noch Litaneien, Lamentationen,\nImproperien u. s. w. folgen.\nDer zweite Band enthält nun 180 vierstimmige Mo-\ntetten von 34 Componisten, unter denen die Namen Pa-\nle stri na, Maren zi o, J. Maria Nani ni, Con st.\nPorta, Felix Anerio, Giov. Croce, Horazio Vec-\nchi, Paolo Agostini, Greg. Allegri, Andr. Ga-\nbrieli, Matthe o Asola, B er na bei, Casini, Aless.\nScarlatti, Thom. de Vittoria, Clemens non\npapa, Orlandus Lassus, Jac. de Kerle, Leo\nHasler, Fux u. s. w. glänzen.\nDie Eintheilung in vier Classen ist nach liturgischer\nund gollesdienstlicher Ordnung lür die bestimmten Fest-\nund Heiligen-Tage gemacht, was lür den kirchlichen Ge-\nbrauch freilich ein Vortheil, in anderer Hinsicht jedoch ein\nNachtheil ist, da es dem Herausgeber dadurch unmöglich\nwurde, die Motetten nach der Zeitfolge und nach den ver-\nschiedenen Schulen zu ordnen. So findet man denn, dass\nauf ein Motett aus dem sechszehnten Jahrhundert eines\naus dem Ende des siebenzehnten oder aus dem Anfange\ndes achtzehnten Jahrhunderts folgt, auf einen römischen\noder venetianischen Meister ein deutscher oder niederlän-\ndischer. Indess lür den Gebrauch entsteht dadurch eine\n*\ngrosse Mannigfaltigkeit, und der historische Forscher wird\ndie kleine Mühe eines zu entwerfenden chronologischen\nRegisters nicht scheuen, zumal da ihm die Sammlung eine\nso bedeutende und unerwartete Ausbeute gibt. Dem Ver-\nnehmen nach hat das Werk in Deutschland 600 Unter-\nzeichner gefunden, in Frankreich 9. Wir machen auf\neinige Stücke der Sammlung von Autoren, die weniger be-\nkannt sind, aufmerksam und wollen überhaupt die Gesang-\nVereine und ihre Dirigenten auf den reichen Schatz von\nMotetten hinweisen, die sich ausser ihrem bedeutenden In-\nhalte auch besonders durch Kürze zu öffentlichen Auflüh-\nrungen empfehlen.\nJohann Joseph Fux (Fuchs) ist mehr als Theore-\ntiker durch seinen Gradus ad denn als Com-\nponisl bekannt. Seine Opern (Elisa, 1714, Costanza e\nfortezza, 1723) sind verschollen, obwohl die erste den\nHol Karl s VI. in Wien und diesen Kaiser selbst so ent-\nzückte, dass er die dritte Vorstellung bei Hole selbst am\nCiavier accompagnirend leitete. Fux, der ihm das Blatt\numwandte, rief aus: „YVie schade, dass Ew. Majestät kein\nCapellmeister geworden sind!\" „Thut nichts!\" antwor-\ntete Karl VI., „ich bin halt mit meiner Stelle zufrieden.\"\nWir finden hier von ihm zwei Motetten, eine grössere:\nAd le, Domine, levavi animam,die zwar etwas trocken,\naber von meisterhafter Stimmführung ist, so dass sie als\nMuster der Polyphonie gelten kann und eine kleinere:\nDicite pusillanimes, die voller Empfindung ist.\nFast ganz unbekannt ist Pompeo Canniciari, wie-\nwohl jünger als Fux; denn er war seit 1709 Capellmei-\nster an St. Maria Major in Rom und starb 1744. Er soll\neine grosse Anzahl trefflicher Werke geschrieben haben.\nDas Ave Maria, gratia plena, welches hier gedruckt er-\nscheint, hat nicht bloss durch correcte Schreibart, sondern\nauch durch natürliche und gelällige Modulationen und sanfte\nLieblichkeit der Melodieen grossen W'erth.\nEinen der ersten Plätze verdient Marenzio aus dem\nsechszehnten Jahrhundert. Er ist originel, ja, in vieler Hin-\nsicht genial, voll Gefühl, das zur Melancholie und zu wehmü-\nthig düsterem Ausdruck hinneigt. Aber der Ausdruck des\nGelühls ist sein Hauptzweck, und darin unterscheidet er\nsich von seinen Zeitgenossen, deren Bahn er in so fern\nverlässt, als er die fesselnden Formen der imitirenden\nSchreibart durchbrach. Sanfte Melodie und eine Modulation,\ndie zuweilen ganz überraschend ist, sind ihm eigen; dabei\nist seine Harmonie sehr rein und schön, nirgends stösst\nman auf gesuchte Combinationen, Alles ist natürlich und\nlieblich. Wir finden 1 4 Motetten von ihm in diesem Bande,\nwelche sich meist durch grosse Schönheit und eigenlhüm-\nliehe Eigenschaften auszeichnen. Die Motette\nStephanum, auf das Fest des ersten Märtyrers geschrieben,\nist tiel melancholisch und zeigt ein Streben nach Modula-\ntionen, die lür jene Zeit sehr merkwürdig sind. Die Him-\nmelfahrts-Motette 0 rex yloriae offenbart einen originellen\nrhythmischen Charakter. Eine andere zum Feste von Maria\nEmplängniss, Conceplio tua,ist der Ausdruck einer sanften\nFreude, der um so eigentümlicher wirkt, als er nur So-\npran-, Alt- und Tenorslimmen anvertraut ist. Ueberall ent-\nspricht die Arbeit Marenzio's dem Texte mehr, als man es\nbei seinen Zeitgenossen findet. Er ist originel, mehr durch\nGefühl als durch Verstand, wie Giovanni Croce, der ihm"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "149", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.1.5", "texte": "allein den ersten Rang unter den Italiänern Palestrina\nnatürlich ausgenommen streitig machen könnte.\nNicht so originel wie der Italiäner Marenzio, aber aus-\ngezeichnet in edler Melodie und trefflicher polyphoner Füh-\nrung derselhen ist der Spanier Thoma Luis de Vitto-\nria (vgl. Jahrg. 11., 1854, Nr. 18, Lira Sacro-Hispana,\nSammlung von Hilarion Eslava. Madrid, 1853). Unter den\n16 Motetten, welche die Sammlung von Proske bietet, sind\nmehrere von vollendeter Schönheit, z. B.\nslerium, Senex puerum portabat,\nsponsa Christi.\nDie Motetten aus der römischen Schule, z. B. von\nNanini und Anerio, die wir hier finden, sind eben nicht\nbedeutend. Sie leiden namentlich an Armuth der Melodie\nund an Monotonie.\nDagegen sind die acht Motetten von Giovanni\nCroce aus der venetianischen Schule wieder höchst in-\nteressant. Croce gehört den letzten Jahrzehenden des 16.\nund den ersten des 17. Jahrhunderts an. Geboren zu\nChioggia, ist er vielleicht durch die Gesänge der Seeleute\nund Fischer zu den scharf accentuirten Rhythmen angeregt\nworden, die seine Sachen charakterisiren, und in denen er\noriginel und Schöpfer einer Uebergangs-Epoche ist. Es\nfehlt ihm keineswegs an Phantasie, allein wohl an der ern-\nsten Würde Palestrina's und dessen bester Schüler. Dage-\ngen ist er lebhafter und feuriger als seine Vorgänger, und\nwurde bei den Zeitgenossen, die ihn Chiozzotto nannten,\nbesonders auch durch seine Madrigale sehr beliebt.\nVon Orlandus Lassus, dem berühmten Niederlän-\nder, befinden sich 19 Motetten in der Sammlung. Den\nanderen höchst merkwürdigen Niederländer, Jacobus\nClemens non papa, den Vorgänger von Lassus und einen\nder grössten Musiker der Periode von 1530 —1550,\nlernt man besser aus Franz Co mm er's\nMusicorum Batavorumkennen, in welche 21 Motetten\nvon ihm aufgenommen sind.\nVon deutschen Meistern Gallus (Händel), Aichin-\nger, Leo Hasler stehen unter den aufgenommenen\nMotetten die zwei von Hasler (Quia vidisti me Thoma\nund Beata es virgo Maria) oben an. Nichts bei den gröss-\nten italienischen Meistern übertrifft die Vollendung des\nStils und die natürliche polyphone Stimmführung in diesen\nvortrefflichen Arbeiten.\n\nPariser Briefe.\n\n[Die Opern-Theater von Januar bis April 1857 und\nRigoletto von Verdi Psyche von Ambr. Thoraas Bouffes\nParisiennes: Preis-Operetten u. s. w.]\nDen 2. Mai 1857.\nEs ist nicht viel Gutes über die Opern-Theater wäh-\nrend dieses Zeitraumes zu berichten; an Neuem ist nur\ndas kleine Theater von Jakob Offenbach, die Bouffes Pari-\nsiennes, fruchtbar gewesen, allein dieses Neue war auch bei\nWeitem nicht immer gut.\nDie kaiserliche grosse Oper greift nach Ausländischem\nund lässt es für ihre Verhältnisse zurecht machen immer\nschon ein schlimmes Zeichen für das erste Theater in der\nWelt, dessen Kunst-Epochen die Originalwerke von Gluck,\nSpontini, Meyerbeer bezeichnen. So hat es sich denn jetzt\nohne zu errölhen Verdi's Trovatore (noch dazu schlecht\ngenug) übersetzen lassen und diese Oper, die Spitze der\nmodernen Musik, in Scene gesetzt. Mein früherer Bericht\nüber die Oper überhebt mich der unangenehmen Mühe,\njetzt ausführlich zu sein. [Vgl. 111. Jahrg., Nr. 6 vom 10.\nFebr. 1855.] Nur das will ich noch zur Ehre des Publi-\ncums bemerken, dass die Erbärmlichkeit des Buches, die\nZerrissenheit und grasse Abenteuerlichkeit des Gegenstan-\ndes und der Handlung jetzt durch den französischen Text\nauch denjenigen unerquicklich, ja, unerträglich erscheint, die\nbei den Italiänern sich nicht darum gekümmert oder daran\ngestört hatten, aus dem einfachen Grunde, weil sie den\nText nicht verstanden und so gutmüthig waren, die Un-\nwahrscheinlichkeiten und den Mangel au Zusammenhang\nauf ihre Unkenntniss der Sprache zu schieben. Jetzt gehen\nihnen die Augen auf; man sieht ein, dass man sich hier\nallein an die Oberfläche halten muss; denn sobald man nur\netwas tiefer gräbt, stösst man auf Abgeschmacktes und,\nwas noch schlimmer ist, auf Lächerliches. Geändert ist in\nder Bearbeitung für die französische Oper gar nichts.\nDie Aufführung am 12. Januar war nichts weniger\nals gut, nicht einmal genügend. Mad. Borghi-Mamo sang\ndie Zigeuner-Mutter geradezu schlecht; ob italiänisch oder\nfranzösisch, blieb zweifelhaft, da kein Zuhörer einen Eid\nauf irgend ein Wort schwören kann, das er deutlich ver-\nstanden hätte. Gueymard war nicht bei Stimme. Nur Mad.\nLauters, die vom Thedtre lyrian die grosse Oper ge-\nzogen worden ist, entfaltete eine prächtige Stimme, sang\nund spielte die Leonore so vortrefflich, dass sie alle Welt\nfreudig überraschte und allein das Ganze hielt. Ihre Mittel\nsind ausgezeichnet—es ist Zeit, dass sich auf diesen Bret-\ntern einmal wiedfr eine bedeutende dramatische Sängerin"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "150", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.1.6", "texte": "zeigt, und Mad. Lauters hat alle Anlage, es zu werden.\nDa es gegenwärtig mit dem Trouvere schon längst wieder\naus ist, so wird Alice im Robert ihre zweite Rolle sein.\nKurz darauf, am 19. Januar, gab die italiänische Oper\nVerdi's Rigoletto zum ersten Male. Diese Oper, die seit\n1851 existirt (zum ersten Male Venedig, den 11. März),\nhat ziemlich gefallen. Sie scheint mir auch • ich habe sie\njedoch nur Ein Mal gehört mehr wirkliche Musik zu\nenthalten, als ich in Verdi'schen Opern sonst entdecken\nkann. Die Verehrer des Componisten behaupten, darin einen\nungeheuren Fortschritt desselben zu finden, und datiren\nyom Rigoletto an die dritte Epoche seiner Schreibart, in\nwelche dann natürlich auch der zwei Jahre später geschrie-\nbene Trovatore gehört. Ich kann diesen Fortschritt nicht\nentdecken, gestehe aber gern, dass ich mich mit dem Stu-\ndium Verdi'scher Partituren nicht beschäftigt habe. Damit\nwill ich indess keineswegs sagen, dass jene Verehrer sich\ndieser Mühe unterzogen haben—so etwas ist ja heutzutage\nnicht nöthig, um über Musik zu schreiben! Dass die Auf-\nführung des Rigoletto, dessen Text nach Victor Hugo's\nLe roi s'atnuse gemacht ist, eine gerichtliche Klage des\nletzteren veranlasste, die jedoch in letzter Instanz unbe-\ngründet erfunden wurde, ist aus den Zeitungen bekannt.\nEndlich brachte der Januar noch eine wirkliche Neuig-\nkeit am Theater der Opera comnämlich „Psyche\",\nOper in 3 Acten, Text von J. Barbier und M. Carre,\nMusik von Ambroise Thomas, zum ersten Male den\n26. Januar. Eine Neuigkeit? In Bezug auf die Musik, ja;\naber die alte, zwar recht schöne, aber überall und beson-\nders auf der französischen Bühne seit La Fontaine und Mo-\nliere todt gesprochene, todt gesungene, todt getanzte Fabel\nvon Amor und Psyche hätte wohl lieber begraben bleiben\nkönnen, wenn sie nicht durch eine Art Wunder einen\nganz neuen Zauber erhielt. Das ist aber keineswegs der\nFall; die Dichter haben auch nicht das Geringste, was neu\nerfunden wäre, hinzu gethan. Auch die Schwestern der\nPsyche mit ihren Männern, obwohl ganz unbedeutende und\nlächerliche Personen, sind schon bei Moliere da. Venus, die\nVerfolgerin der Psyche, erscheint nicht; Mercur ist der\nMaschinist der Intrigue gegen die arrne Gattin Amor's.\nGlücklicher Weise lässt sich am Ende, nachdem die be-\nstrafte Neugierde ihr viele Thränen gekostet, Jupiter er-\nweichen und versetzt sie in den Olymp.\nDie Musik hat allerdings einige Stücke, die als hüb-\nsche Einfälle gelten können— wer aber unter den jetzigen\nComponisten hat die nicht? und wer wird derartige Ein-\nfälle gleich Inspirationen nennen? zumal da mit jedem Jahre\ndie Controle der Originalität schwerer wird und man in\nGefahr ist, durch die Masse von Erinnerungen, die man\nhört, das Gedächtniss für einzelne zu verlieren! Im Ganzen\nleidet sie an Monotonie, die bei dem Mangel an Handlung\nfreilich nur durch eminentes Genie zu vermeiden gewesen\nwäre. Ein Musiker, der uns drei Acte lang durch den Ge-\nsang von zwei Sopranen und einem wenig beschäftigten\nBariton in Spannung halten will, dürfte unter den Zeitge-\nnossen schwer zu finden sein. Mad. Ugalde singt den Eros\noder Amor, Demoiselle Lefebvre die Psyche beide rei-\nzend genug, aber toujours perdrix hält man nun einmal\nnicht aus. So hat man denn zu den Kunstgriffen der gros-\nsen Oper gegriffen und den Chor, das Ballet, die Maschi-\nnerie aufgeboten auf eine Weise, wie es nie in der Opera\ncomique geschehen, um das Ganze zu halten. Es hält sich\ndenn auch, ä defaut de mieux, so ziemlich.\nEtwas Interessantes für Deutsche und besonders für\nden kölner Männergesang-Verein findet sich in\ndieser Psyche. Eros darf sich, wie man weiss, vor Psyche\nnicht sehen lassen; er singt desshalb zuweilen hinter den\nCoulissen, theils allein, theils sogar mit Psyche, die\nauf der Scene ist! So singt er (oder eigentlich sie, Mad.\nUgalde) denn auch im ersten Acte eine hübsche Melodie\nhinter der Scene, die von Brummstimmen und ausser-\ndem nur von der Harfe und einem Horn begleitet wird.\nHerr Thomas hat sich also, wie es scheint, die Aeusserung\ngemerkt, die Rossini Eurem Männergesang-Vereine ge-\ngenüber im September 1855 that, als er die Brummstim-\nmen zum ersten Male hörte:\nl'avais connu, je Vaurais employe au ihealre.\"\nVon älteren Opern hat dasselbe Theater Halevy's\n„Blit z\" wieder aufgenommen. Seit der ersten Aufführung\nam 1 6. December 1835, nach welcher sie lange auf dem\nRepertoire blieb, namentlich durch den Tenor Chollet ge-\nhalten, ging sie 1847 mit Roger, 1850 mit Boulo wieder\nin Scene. Sie erfordert zwei gute Tenöre und zwei gute\nSoprane. Die gegenwärtige Besetzung durch Barbot und\nJourdan und die Damen Duprez und Boulart ist recht gut.\nNoch weiter zurück griff die Direction Ende Aprils mit\nJoconde von Etienne und Nicolo. Diese reizend me-\nlodiöse Oper aus der älteren französischen Schule erschien\nzuerst am 28. Februar 1814, vier Wochen vor der Be-\nsetzung von Paris durch die Alliirten*), und hielt sich fast\n\n*) Etienne galt damals für den ersten Librettisten der komi-\nschen Oper, und >\"ico!o hatte als Componist nur Boieldieu\nzum Nebenbuhler. Beide hatten durch ihre Oper Cendrillon\ndiese Höhe erreicht. Während unseres Aufenthaltes in Paris"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "151", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.1.7", "texte": "Dreissig Jahre ununterbrochen auf dem Repertoire. Erst\nals Chollet die Bühne vor etwa zwölf Jahren verliess, legte\nman sie zurück. Ihre Gesangstücke wurden beispiellos po-\npulär; Nicolo, der zugleich Componist und Musik-Verleger\nwar, soll eine lange Zeit hindurch jährlich 60,000 Frcs.\nan dem Verkaufe der einzelnen Nummern des Clavier-Aus-\nzugs verdient haben. Noch jetzt bewährt diese Musik für\njedes unverdorbene Ohr ihren einschmeichelnden Reiz. De-\nmoiselle Lefebvre singt das Rosenmädchen Jeannette aller-\nliebst, und der Bariton Faure ist in der Hauptrolle vortreff-\nlich. Diese wäre auch für Stockhausen sehr passend gewe-\nsen, aber seine Unbeholfenheit im Spiel hindert seine Ver-\nwendung auf der Bühne.\nNun noch ein paar Worte über das kleine Theater in\nder Passage Clioiseul. Unser Landsmann J. Offenbach\nentwickelt dabei nicht nur als Director, sondern auch als\nComponist eine grosse Thätigkeit— seit Januar hat er wie-\nder zu drei einactigen Operetten eine recht artige und un-\nterhaltende Musik geliefert, wenn schon die Textbücher\nund mithin der Erfolg der Stücke sehr ungleich waren.\nAnfangs April ist dann auch die Preis-Oper Le Docteur Mi-\nracle gegeben worden, heute mit Musik von Lecoq, mor-\ngen mit Musik von Bizet, beide Male durch dieselben Dar-\nsteller. Die Richter hatten nämlich den Offenbach'schen\nPreis diesen beiden Bewerbern ex aequo zuerkannt. Das\nPublicum hat jedoch mehr Partei für den achtzehnjährigen\nBizet genommen, dessen Musik ganz hübsch ist, nur zuwei-\nlen etwas zu gedehnt. Das Stück selbst ist eine Posse, wie\nman deren Hunderte hat; eine Schein-Vergiftung spielt da-\nbei die Hauptrolle: ein Officier bewirkt sie als Bedienter\nund rettet als Doctor den Alten, natürlich um den Preis\nseiner Tochter.\n\nB. P.\n\nin den Monaten April und Mai 1814 wechselten Joconde,\nJean de Paris lind Chcrubini's Wasserträger in der komischen\nOp er ab alles vollendete Vorstellungen in Gesang, Spiel\nund Orchester, wie wir sie in dieser Gattung nicht wieder\ngehört haben. Der Wasserträger wurde damals mit einem\nimprovisirten Schlüsse gegeben, der uns viel zu lachen gab.\nDer Retter des Grafen Armand stürzte athemlos auf die Scene\nund rief: Les allies sont entre dans Paris, tout est pardonne,\nvivent les Souverains allies, vivent les Bourbons! und darauf\nwurden Couplets auf die Kaiser Alexander und Franz und\nauf den König Friedrich Wilhelm 111. gesungen. Im Wasser-\nträger und in Joconde war Martin die Hauptperson, neben\nihm Mad. Boulanger und Mad. Gavaudan.\nL. B.\n\nDrittes Abonnements-Concert\nDes kölner Männergesang-Vereins.\nMittwoch, den 6. Mai.\nDas letzte Concert des Männergesang-Vereins unter Leitung des\nk. Musik-Directors F. Weber war sowohl durch sein Programm\nwie durch die Ausführung desselben eines der bedeutendsten der\ndiesjährigen Saison. Aufgeführt wurden die Musik von F. Men-\ndelssohn zur Antigone, die Dithyrambe von Jul. Rietz,\nbeide mit vollständigem Orchester, und eine neue Composition von\nF. Hill er für Männerchor ohne Begleitung: „Meine Göttin\",\nvon Göthe (Drei Gedichte von Göthe für vierstimmigen Män-\nnerchor. Op. 63. Mainz, bei B. Schott's Söhnen).\nDer Chor war stark besetzt; an 100 kräftige Stimmen (der Ver-\nein zählt jetzt 136 active Mitglieder) drangen überall vortrefflich\ndurch und schieden sich auch in den Doppelchören sehr deutlich.\nDas letztere trug ausserordentlich viel zur Erhöhung der Wirkung\nder Antigone-Musik bei. C. 0. Stern au sprach mit Ausdruck das\nvon ihm verfasste verbindende Gedicht, in welches die melodrama-\ntisch behandelten Stellen der Tragödie auf geschickte und unge-\nzwungene Weise aufgenommen waren. So machte denn das Ganze\ndurch den ernsten und hohen Geist der Sophokleischen Dichtung,\ndurch die innere Kraft der Composition und die grossartige Aus-\nführung einen tiefen Eindruck, von welchem namentlich von\ndem Bacchuschor an bis zum Schluss die ganze Zuhörerschaft\nsichtbar ergriffen war.\nDiese Musik füllte die erste Abtheilung des Concerts. Diezweite\nbegann mit einer guten Ausführung der Ouvertüre zur Zau-\nberflöte, deren Allegro nicht etwa abgehetzt, sondern von dem\nDirigenten in sehr richtigem Tempo, bei welchem keine einzige\nder zahlreichen Detail-Schönheiten verloren ging, genommen wurde.\nHierauf folgte Hill er's Composition „Meine Göttin\". Hiller hat\ndie oben erwähnte Ausgabe mit folgender Bemerkung begleitet:\n„Bei der grossen Ausdehnung, welche der Männergesang heutiges\nTages gewonnen, ist es eine auffallende Erscheinung, dass er nach\neiner Seite hin so wenig benutzt worden, welche seiner Natur vor-\nzugsweise angemessen erscheint, nach der nämlich des declama-\ntorischen Gesanges mit Benutzung ernster, bedeutungsvoller\nTexte, wie sie eines Chors von Männern würdig sind. Der Com-\nponist hat im anliegenden Hefte (namentlich den ersten beiden\nNummern: „Meine Göttin\" und „Gränzen der Menschheit\") einige\nVersuche gemacht, welchen er mehr um ihrer Richtung als um\nihrer selbst willen eine beachtende Theilnahme wünscht.\" Wir\nsind in Bezug auf den ersten Salz ganz mit dem Componisten ein-\nverstanden, den letzten aber müssen wir berichtigen. Was seine\nBescheidenheit Versuche nennt, hat sich unter seiner kunstge-\nwandten Hand zu feinen Cabinelsstücken gestaltet, die Meisterwerke\neiner neuen Gattung sind. Man würde sehr irren, wenn man in\ndiesen Compositionen einen trockenen, rein declamatorischen Stil,\ngleichsam nur eine wörtliche Uebersetzung des Gedichtes in Noten\nvermuthete. Dem ist nicht so, und das war auch von Hiller, der\nnie vergisst, dass alles für Gesang Geschriebene Musik sein muss,\nnicht zu erwarten. Die Declamation hat nur die Form bestimmt;\ndiese ist frei, wie sie es auch in den Gedichten bei Göthe ist, und\nfolgt nicht den Regeln einer festen miusicalischen Form, sondern\ndem Gange des Gedichtes, nur hält sie, so wie dieses, eine einheit-\nliche Stimmung, auch eine Haupt-Tonart (in Nr. 1 D-dur mit\nG- und B-dur) fest. In allem Uebrigen folgt der Musiker wie der\nDichter „seiner Göttin\", der Phantasie. Und sie hat ihn nicht im\nSticii gelassen; denn alles, was wir hören, ist Musik, ist schön de-\nclamirter Gesang, der die Worte beflügelt und hebt, nicht aber das\nBleigewicht psalmodirender Monotonie daran hängt und sie herab-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "152", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570509-01.1.8", "texte": "zieht. Darum hat sich der Componist und das mit vollem Recht\nauch keineswegs gescheut, einzelne Verse zu wiederholen, wo\nes die Emphase (z. B. gleich zu Anfang, dann bei „Lasst uns den\nVater preisen44 u. s. w.) oder eine anderweitige Charakteristik des\nrausicalischen Ausdrucks fordert, wie z. B. bei der lieblich flüstern-\nden Stelle: „dass die alte Schwiegermutter Weisheit das zarte Seel-\nchen ja nicht beleidige!44 Die Ausführung ist durch den Wech-\nsel des Rhythmus und des Tempo's nicht leicht, verlangt aber, da\nalles sangbar ist, nur ein genaues Studium. Der Verein und sein\nDirigent haben durch den Vortrag dieser Composition ihre Meister-\nschaft von neuem bewährt; denn es ist wahrlich etwas Ausserge-\nwöhnliches, wenn hundert Sänger ein so fein gezeichnetes Tonbild\nin seinen wahren Farben zur Erscheinung bringen, was schon für\nvierStimmen allein eine schwierige Aufgabe ist. Das Publicum zeich-\nnete die Composition und den Vortrag durch lebhaften Beifall aus.\nDen Schluss machte eine recht schwungvolle Ausführung der\nSchiller'schen Dithyrambe von Ju 1. Rietz, in welcher wir uns\nnoch besonders freuten, die Tenorstimme des Herrn A. Pütz nach\nlanger Pause wieder in ihrer vollen Frische und Lieblichkeit zu\nhören.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nfco Ii». Am 1. Mai veranstaltete die Sing-Akademie unter\nLeitung des k. Musik-Directors F. Weber eine öffentliche Ver-\nsammlung im grossen Casinosaale vor einer eingeladenen zahlrei-\nchen Zuhörerschaft. Es wurden mit Clavier-Begleitung sehr präcis\nund mit einem besonders schönen Gesammt-Tone gesungen einige\nChöre und Soli aus Hiller's Zerstörung von Jerusalem und aus\nMendelssohn's 95. Psalm. Dann eine neue Composition (Manu-\nscript) von Max Bruch: „Horch! die Vesperhymne klingt\", Ge-\ndicht von Th. Moore, übersetzt von F. Freiiigrath ein\nkurzes, durch schöne Auffassung und melodische Anmuth recht\nansprechendes Gesangstück für eine Sopranstimine, welche die Em-\npfindungen beim Anhören eines Chorgesanges „Jubüate! Amen!\"\njenseits des Wassers ausspricht. Die Verbindung beider, der Solo-\nstimmen und des Chors, ist recht gut gelungen. Die zweite Ab-\ntheilung tüllten die meisten Nummern aus dem ersten und zweiten\nTheile von Fr. Schneide r's Weltgericht. Die Composition ist zu\nsehr auf die Mitwirkung des Orchesters berechnet, als dass sie am\nCiavier von Effect sein könnte. Die Sicherheit und Tonfülle des\nzahlreichen Chors der Akademie zeigte sich in allen Stücken auf\ndas erfreulichste und erwarb ihrem Dirigenten Fr. Weber, der\nauch diesen Verein wie den Männergesang-Verein seit einer lan-\ngen Reihe von Jahren leitet, ein neues Blatt in den Kranz seiner\nVerdienste um den musicalischen Aufschwung Kölns.\nü<mii. Herr Emil Naumann, k. Kirchen-Musik-Director,\nwird sich einen Theil der Sommerzeit hier in seiner Vaterstadt\naufhalten und eine grosse Oper . Judith44, zu welcher auch das Ge-\ndicht von ihm selbst verfasst ist, hier vollenden.\nDas Programm zu dem Aachener Musikfeste ist nun fest-\ngestellt. Es enthält die Musikstücke, welche wir bereits in Nr. 17\nnamhaft gemacht haben, nur dass man sich noch nachträglich ent-\nschlossen hat, den Namen Beethoven bei der Feier eines Festes,\nwelches wenigstens dem Titel nach die lange Reihe der nieder-\nrheinischen Musikfeste fortsetzt, nicht völlig zu ignoriren. Man\nwird die Ouvertüre Op. 124 vor dem Messias aufführen. Con-\ngruenter mit dem Programm des zweiten Tages, auf welchem J.\nS. Bach mit 11. Berlioz und F. Liszt zusammengestellt ist,\nwürde Wagner s Tannhäuser- oder Faust-Ouverture neben Hän-\ndel figurirt haben, wenn denn doch einmal das alle ehrwürdige\nniederrheinische Fest zum Experimentiren benutzt werden soll.\nBerichtigung. In dem „Münchener Briefe44 in Nr. 18 ist S.\n141, Sp. 1, Z. 19 statt „Frau Diez44 zu lesen „Fräulein\nHefner4\\ , A. Z."}]}