{"numero_id": "bm-bmtnabi-1857-05-16-01", "volume": "bmtnabi_1857-05-16_01", "ocr_sha256": "17c73aee462f095c0a2e86f7213b8d764f72d9d33b99668a8145b589c2042a4a", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1857/05/16_01/bmtnabi_1857-05-16_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-16-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-16_01#c001", "volume": "bmtnabi_1857-05-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "153", "page_fin": "153", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "153", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 388, "texte": "Inhalt.\nDie musicalischen AufTührungen und Zustände Düsseldorfs im Winter 1856—1887. Von —6—. Zur Geschichte des\nMännergesanges.— Musicalische Preis-Aufgabe. Tages- und Unterhaltungsblatt (Weimar, Dr. Dingelstedt— Dresden, A.\nAuerbach Altona, C. Ileinthaler's Jephta Hamburg, Herr Ander und Fräul. Wildauer Wien, Verdi's Giovanna d'Arco Ira\nAldridgc Brüssel, F. 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Ein Rückblick auf dieselbe\nund eine Beleuchtung unserer Zustände im Allgemeinen\nerscheint uns um so wünschenswerter, als die Factoren\nunserer musicalischen Aufführungen durch die Gründung\neines Instrumental-Vereins eine wesentliche Ergänzung ge-\nfunden haben. Wir werden unsere Kritik von jeder Partei-\nnahme frei zu halten suchen, aber unserem Princip treu\nbleiben, da, wo es die Sache fordert, auch die persönlichen\nEinflüsse in das wahre Licht zu stellen.\nWir geben zunächst einen Ueberblick der Concert-\nProgramme.\nErstes Concert: Ouvertüre zu Genovefa von Schu-\nmann; „Beim Abschied zu singen\", Lied lür vier Solo-\nstimmen, Chor und Orchester von Schumann; Sinfonie Nr.\n4 von demselben; Requiem von Cherubini.\nZweites Concert: Ouvertüre zu Coriolan von Beethoven;\nConcert (A-moll)(ür Violine von Molique (Concertmeister\nRicciusaus Köln); Arie aus Don Juan „Ich grausam\" (Frau\naus Köln); „Erlkönig\", Ballade von Schu-\nbert (Frau Mampe); Lobgesang, Sinfonie-Cantate von Men-\ndelssohn (Soli: Frau Mampe, Fräul. Louise Thelen, Herr\nWild vom hiesigen Theater).\nDrittes Concert: Ouvertüre (E-dur) von F. Messer;\nArie aus Hans Heiling (Fräul. Louise Thelen); Ouvertüre\nund Finale des ersten Actes aus Euryanthe (Euryanthe:\nFräul. Thelen); Sinfonie Nr. 4 (B-dur) von Beethoven.\nViertes Concert: Ouvertüre zu Joseph von Mehul;\nAlt-Arie mit Chor aus Samson von Händel (Fräul. Schreck\naus Erfurt); Suite lür Orchester von J. Seb. Bach; Sce-\nnen aus dem zweiten Acte des Orpheus von Gluck (Or-\npheus: Fräul. Schreck); Sinfonie Nr. 5 (D-dur) von Mozart.\nFünftes Concert: Jephta und seine Tochter, Oratorium\nvon Reinthaler, unter Leitung des Componisten (Soli: Frau\nMampe-Babnigg, Fräul. Schreck, Herr Göbbels und Herr\nSchiffer aus Köln).\nSechstes Concert: Ouvertüre zu Hero und Leander\nvon Rietz; der 125. Psalm für Tenor-Solo, Chor und Or-\nchester von Hiller (Tenor-Solo: Herr Wild); Sinfonie Nr.\n1 (C-dur)von Beethoven; „Die erste Walpurgisnacht\"\nvon Mendelssohn (Bariton-Solo: Herr Remmertz).\nSiebentes Concert: Der Messias, Oratorium von Hän-\ndel (Soli: Fräul. Thelen, Fräul. Schreck, Herr Göbbels,\nHerr Remmertz).\n8. Concert: Concert-Ouverture (C-dur) von Tausch;\nSopran-Arie aus Haydn's Schöpfung (Fräul. Ida Dannemann\naus Elberfeld); Concertstück von Weber (Herr\nTausch); „Der Hidalgo\", Lied mitPianoforte-Begleitung von\nSchumann (Fräul. Dannemann); Musik zu Kotzebue's Rui-\nnen von Athen von Beethoven; Pastoral-Sinfonie von\nBeethoven.\nIn diesen Programmen spricht sich zwar das anerken-\nnenswerthe Streben aus, die classische Richtung vorwalten\nzu lassen; indess genügt damit eineDirectionnicht, welche\njährlich eine grössere Reihe von Concerten veranstaltet. Sie\nhat die Aufgabe, durch die Zusammenstellung der Form\nund dem Gehalt nach verwandter, in ihrer Stimmung sich\nnicht widerstrebender Musikstücke jedem Concerte einen\neinheitlichen Charakter zu geben und in der ganzen Reihe\nderselben einen Plan consequent durchzuführen, wonach\nsie die bedeutenden Tonschöpfungen der Vergangenheit\nund Gegenwart in einer das Publicum bildenden Weise\nvorzuführen im Stande ist. Diese zwiefache Aufgabe ist\nunerfüllt geblieben. Die letzten Jahre brachten oft das"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "154", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5083, "texte": "• I\nheterogenste Durcheinander im einzelnen Concerte, und in\nder Folge derselben vermögen wir nicht einen geordneten,\ndurchdachten Zusammenhang zu erkennen. Sodann ver-\nmissten wir jede künstlerisch gewissenhafte Berücksichti-\ngung der Kräfte der Ausführung im Verhältniss zu den\nSchwierigkeiten des Auszuführenden, und somit alles das,\nwodurch einer Concert-Direction die nächste Gelegenheit\ngeboten wird, künstlerischen Sinn und Geschmack zu be-\nkunden.\nDie Auslührung der Musikstücke blieb im Wesent-\nlichen auf der unbefriedigenden, niedrigen Stufe der beiden\nvorhergehenden Jahre, so dass wir uns auf das beziehen\nkönnen, was wir in Nr. 14 des vorigen Jahrgangs dieser\nBlätter darüber sagten. Wir hörten keine einzige Nummer,\ndie völlig rein, sicher und präcis ausgeführt worden wäre;\nan Feinheit, Frische, geistiges Leben und Wärme des Vor-\ntrags war somit nicht zu denken. Als das gelungenste der\nConcerte ist das vierte, als das unbefriedigendste das dritte\nzu bezeichnen. Die Begleitung der Arie aus Hans Heiling\nwir bemerkten nur zwei erste Geigen, vermuthlich weil\nnur Eine Stimme ausgeschrieben war —, Chor und Orchester\nim Finale der Euryanthe erinnerten so lebhaft an die Auf-\nführungen kleiner Provincial-Bühnen, dass ein Theil des\nPublicums in eine für den Dirigenten und die Ausführen-\nden eben nicht schmeichelhafte Heiterkeit versetzt wurde.\nWir erinnern uns keiner Aufführung aus den drei letzten\nJahren, die so auffallend das Gepräge der Nachlässigkeit\ngetragen hätte, als diese.\nWir übergehen weitere Details, um dagegen nachzu-\nweisen, dass das Herabsinken unserer Auflührungen und\nunseres ganzen musicalischen Lebens als nothwendige Folge\nder Art und Weise zu betrachien ist, wie Herr Tausch\ndie einzelnen Factoren desselben behandelt, und um uns\nvor dem Vorwurf zu wahren, dass wir mit unseren An-\nsprüchen über das hier Mögliche hinausgehen. Zu diesem\nEnde müssen wir zunächst die Zustände der Periode ent-\nwickeln, in welcher Herr Tausch als städtischer Musik-Di-\nrector an die Spitze der hiesigen Verhältnisse trat.\nUnsere rheinischen Chöre zeichnen sich bekanntlich\ndurch Frische und schönen Klang , der Stimmen, durch\nLeichtigkeit musicalischer Auffassung von Seiten der Sän-\nger und durch die Freudigkeit aus, mit der sie sich an\nöffentlichen Aufführungen betheiligen. Als Mendelssohn zu\nuns berufen wurde, wusste er daher sehr bald einen Chor\nzu bilden, der unter den rheinischen stets mit Auszeich-\nnung genannt wurde. Wo Mendelssohn schöne Stimmen\nund Talent entdeckte, wandte er ihnen besondere Aufmerk-\nsamkeit und Pflege zu, um sie für den Sologesang auszu-\nbilden, und in dem musicalischen Leben, das er um sich\nweckte, wurde reiche Gelegenheit geboten, die Stufe von\nSicherheit und Unbefangenheit vorzubereiten, welche für\nöffentliches Auftreten unentbehrlich ist. Für die Besetzung\nvon Solo-Partieen in unseren Concerten bildeten sich all-\nmählich tüchtige, zum Theil hervorragende Dilettanten, und\nRietz sowohl wie Hiller, in- ähnlicher Weise wie Mendels-\nsohn den Mittelpunkt unseres musicalischen Lebens bildend,\nerhielten diese Gesangkräfte auf gleicher Höhe.\nDas Orchester unserer Abonnements-Concerte ist von\nje her aus dem des Theaters, unter Zuziehung hier leben-\nder oder garnisonirender Musiker und einiger Dilettanten\ngebildet worden. Bei dieser zum Theil dem Wechsel un-\nterworfenen Zusammensetzung bedurfte es so bedeutender,\nanregender und imponirender Persönlichkeiten, so gewissen-\nhafter Dirigenten, wie die genannten es waren, um in un-\nseren Concerten mit wenig Proben so gelungene Auffüh-\nrungen zu erreichen, wie wir sie erlebten. Unter Rietz,\nder durch die Direction der Oper fast täglich mit dem Or-\nchester beschäftigt war, erreichten die Leistungen dessel-\nben den Höhepunkt.\nAls die Schumann'sche Periode folgte, zeigte sich gar\nbald nach allen Richtungen hin der Rückschritt. Schumann,\nausschliesslich seinen Tonschöpfungen lebend und der Zeit\nentgegengehend, in welcher sein Geist unterliegen sollte,\nverlor immer mehr an praktischer Befähigung, und die Ver-\nsuche, ein fruchtbringendes musicalisches Leben zu erhal-\nten, scheiterten schon nach dem ersten Winter. Aus dem\nGesang-Vereine schieden die tüchtigeren Mitglieder in dem\nMaasse aus, wie die Leitung unbefriedigender wurde, wäh-\nrend neue ohne Prüfung ihrer musicalischen Vorkenntnisse\nAufnahme fanden; in denConcert-Aufführungen wurde der\nMangel belebender Kraft, Muthlosigkeit, Gleichgültigkeit,\ndas Schwinden jeder Disciplin in Chor und Orchester im-\nmer fühlbarer.\nHerr Tausch, als er an Schumann's Stelle trat, kannte\ndiese Verhältnisse aus eigener Anschauung und Erfahrung;\nman musste daher voraussetzen, dass er, als junger Musi-\nker, dem der Wirkungskreis anvertraut wurde, in welchem\nMendelssohn, Rietz, Hiller und Schumann ihm vorangegan-\ngen waren, den ganzen Ernst seiner Aufgabe erkennen, die\nMittel, sie würdig zu lösen, erforschen und gewissenhaft\nund energisch durchführen werde.\nWir erwarteten zunächst eine Reorganisation des Ge-\nsang-Vereins, um dadurch die schwächeren Mitglieder\nheranzubilden, besondere Uebungen für dieselben, das Stu-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "155", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5166, "texte": "dium der einzelnen Stimmen, bis jeder Mitwirkende der\n# «\nNoten sicher ist, vor den Gesammt-Uebungen. Erst dann\nkann ja das Verständniss eines Werkes eröffnet, die Auf-\nfassungsweise des Dirigenten zu Grunde gelegt, der Vor-\ntrag einheitlich, geistig belebt, erwärmt und erwärmend\nentwickelt werden. Herr Tausch dagegen Hess Alles beim\nAlten, d. h. einer wöchentlichen Uebung und einigen Concert-\nProben, wie wenn er über einen vortrefflich geschulten\nChor verfüge. Aber auch für einen solchen sind zwei grosse\nOratorien, wovon eines neu, sechs Cantaten und grössere\nBruchstücke aus Opern, dazu Kirchenmusik von Palestrina,\nVittoria und Lotti in einer Saison eine anstrengende Auf-\ngabe, die von unseren Kräften in der verflossenen nicht\nanders als höchst ungenügend gelös't werden konnte. Die\nUnsicherheit ging mitunter so weit, dass ein Theil der Mit-\nwirkenden ganz zu verstummen schien, während der andere\ndurch übermässiges Loslegen das Gleichgewicht herzustel-\nlen suchte. Das Unbefriedigende der Leistungen, das Ent-\nmutigende für die musicalischen Mitglieder des Gesang-\nVereins, die eisige Kälte des Publicums lichteten die Reihen\ndes Chors so sehr, dass in der Aufführung des Messias\nnur zwölf Damen im Alt, kaum mehr Herren im Tenor,\ndagegen siebenzig bis achtzig Mitwirkende in Sopran und\nBass vereinigt waren. Allein eines solchen Missverhältnisses\nwegen hätte die Aufführung unterbleiben sollen, die im\nAllgemeinen einen höchst traurigen Vergleich mit unseren\nfrüheren darbot. Dass Alles gleich einen anderen Charakter\ngewinnt, wenn nur eine belebende Persönlichkeit an die\nSpitze tritt, bewies die Aufführung des Jephta. Herr Rein-\nthaler leistete, nachdem er die letzten vier bis fünf Proben\npersönlich dirigirt, relativ so Vortreffliches, dass uns unsere\nKräfte wie umgewandelt erschienen.\nOb Herr Tausch die angedeuteten Reformen des Ge-\nsang-Vereins für überflüssig oder für unausführbar hält,\nwissen wir nicht. Gegen das Letztere spricht die Organi-\nsation vieler Vereine an anderen Orten in der von uns an-\ngedeuteten Weise, und so lange Herr Tausch keinen dahin\nzielenden Versuch gemacht und durchzuführen sich bemüht\nhat, fehlt ihm jedenfalls das Recht der Berufung auf Un-\nausführbarkeit.\nIn der Besetzung der Solo-Partieen wird unsere zu-\nnehmende Armuth an gebildeten Dilettanten fühlbar, und\ndie wenigen tüchtigen, welche wir besitzen, sind für die\nConcerte in ihrem jetzigen Zustande nicht zu gewinnen.\nGute Stimmen und musicalisches Talent finden offenbar\nnicht die frühere Beachtung und Pflege; es fehlt uns an\neiner geistigen Kraft, welche unsere zerstreuten Mittel in\neinem bildenden musicalischen Leben zu vereinigen ver-\nmöchte, und desshalb sind fast alle Versuche des Herrn\nTausch, Solo-Partieen durch Dilettanten zu besetzen, höchst\nunglücklich gewesen. Es bleibt demnach kein anderes Mit-\ntel, als für die Soli sich an Sänger von Fach zu wenden.\nMan würde indess sehr irren, wenn man diese Notwen-\ndigkeit durch gestiegene Ansprüche desPublicums erklären\nwollte*). Unsere Dilettanten studirten früher sorgfältig ihre\nPartieen mit dem Dirigenten, suchten sie im Geiste des\nWerkes vorzutragen und leisteten dadurch, namentlich im\nEnsemble, meist mehr, als die unserer und benachbarten\nBühnen angehörigen Sänger, welche wir jetzt zu hören\npflegen, und die im Concertsaale, besonders im Oratorium,\nnur selten am Platze sind.\nHält man den Herren von der Concert-Direction die\nerwähnten ungünstigen Erscheinungen vor, so klagen sie,\nman könne nicht mehr leisten, weil sich die besseren Kräfte\nzurückzögen, man habe nun einmal wenig Alt-, wenig Te-\nnorstimmen, und damit glauben sie sich gerechtfertigt. Füh-\nlen die Herren denn nicht, dass sie die besseren Kräfte\ndurch das Unerquickliche der Aufführungen verscheuchen?\nDass nichts geschieht, um tüchtige Alt- und Tenorstimmen\naufzufinden und für den Gesang-Verein und die Concerte\nzu gewinnen? Leitet Herr Tausch etwa die Künstler-Lie-\ndertafel so, dass sich in ihr ein reger musicalischer Sinn\nentwickeln kann, und dadurch aus der grossen Zahl hier\nlebender junger Künstler die gesanglustigen angezogen\nwerden? Was war die Künstler-Liedertafel unter Rietz\nund Müller, und was ist sie jetzt? Uns eben so wenig wie\nElberfeld, Crefeld und Barmen fehlen die Stimmen, wohl\naber anregende, bildende und verbindende Kraft für die-\nselben.\nDie Zusammensetzung unseres Concert-Orchesters ha-\nben wir bereits angegeben. Wenn man erwägt, dass der\nTheater-Unternehmer fast in jedem Winter einen neuen\nMusik-Director engagirt, dass ihm nur daran liegt, mög-\nlichst viele Opern fertig zu machen, dass viele Orchester-\nMitglieder zum Tanz spielen müssen, im Sommer fast aus-\nschliesslich auf Garten- und Tanzmusik angewiesen sind,\ndass die Dilettanten, welche im Streich-Quartett mitwirken,\nzum Theil wohl nur in Proben und Concert die Geige in\ndie Hand nehmen— so wird man begreifen, wie notwen-\ndig es ist, das Zusammenspiel methodisch auszubilden. Das\nQuartett, auf sieben bis acht erste Geigen zusammenge-\n\n*) Unser Theater-Publicum beweis't sogar, dass trotz der Iraraer-\nmann'schen Periode seine Ansprüche in stetem, fast unerklär-\nlichem Sinken geblieben sind. [Tout comme che& nous. D. R.]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "156", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5252, "texte": "schmolzen, darunter die Hälfte Dilettanten, bedarf, da es\nnicht vermag, den kleinsten Mordent einheitlich auszufüh-\nren, besonderer Vorübungen, um nur einiger Maassen zu\nReinheit und Gleichmässigkeit zu gelangen; und eben so\nerforderlich ist es, nicht eher nachzulassen, bis die Bläser\nihre Schuldigkeit thun, namentlich aber ihre Instrumente\neiner Revision zu unterwerfen, um festsetzen zu können,\nwas an Unreinheit der Intonation den letzteren oder der\nNachlässigkeit der Bläser zuzuschreiben ist. Danach ist das\nYerständniss des Werkes bis ins kleinste Detail zu eröff-\nnen, jedem Spieler zu erklären, wo sein Instrument hervor-\ntreten, wo und welchen anderen es sich unterordnen, wo\nes mit den übrigen zu gleicher Massenwirkung sich verbin-\nden soll; erst dann ist der Vortrag der einzelnen Mo-\ntive vorzuschreiben, die musicalischen Phrasen nach dy-\nnamischen Gesetzen und Proportionen abzurunden und\nSchatten und Licht in gehörige Vertheilung zu bringen.\nWenn selbst ein aus Virtuosen bestehendes Orchester nur\nauf diesem Wege zu künstlerisch bewusstem Zusammen-\nspiel zu erheben ist, um wie viel mehr bedarf dann das\nunsrige einer solchen Anleitung!\nIm vorigen Herbste erliess nun Herr Tausch einen\nAufruf an die hiesigen Musikfreunde zur Bildung eines aus\nmitwirkenden und zuhörenden Mitgliedern bestehenden In-\nstrumental-Vereins, worin er auf die Notwendigkeit öfte-\nrer Uebungen für unsere Orchesterkräfte verwies. Es\nzeigte sich eine genügende Theilnahme, der Verein trat ins\nLeben, und in seinen wöchentlichen Uebungen vereinigen\nsich die Kräfte unseres Concert-Orchesters, einige Musiker\nweniger, einige Dilettanten mehr. Wir erwarteten daher,\ndass Herr Tausch den Verein zu einer Orchesterschule\nausbilden und namentlich die für die Concerte bestimmten\nMusikstücke dem sorgfältigsten Studium unterwerfen würde,\nweil er selbst das Ungenügende von zwei Concert-Proben\nfür unsere Kräfte zu erkennen schien. Wir sahen uns in-\ndess nur zu bald enttäuscht; denn die Programme des In-\nstrumental-Vereins sind ohne allen Zusammenhang mit de-\nnen der Concerte geblieben. In seinen Uebungen wird ge-\nwöhnlich eine Ouvertüre und eine Sinfonie, dazwischen zu-\nweilen ein Instrumental- oder Vocaf-Solo nicht etwa stu-\ndirt, nein, sondern mit wenigen Wiederholungen und Be-\nmerkungen, unter stetem Wechsel des Programms in jeder\nUebung, vom Blatt gespielt! Da, wo das Orchester\ndurch Musiker gebildet wird, mögen sich Dilettanten in\nähnlicher Weise vereinigen, um neue Compositionen ken-\nnen zu lernen, sich an älteren zu erfreuen und sich durch\nMitwirkung im Orchester zu unterhalten; in unseren Ver-\nhältnissen aber wird ein solcher Verein zur Schule für\nFlüchtigkeit und Rohheit der Ausführung, in der im gün-\nstigsten Falle nur eine handwerksmässige Routine niedri-\nger Art erworben werden kann. Wenn man in der ange-\ndeuteten Weise die grössten Ton werke, die technisch\nschwierigsten Sinfonieen und Ouvertüren von Schubert,\nSchumann, Gade und Anderen bebandelt, so wird der gute\nmusicalische Sinn, wie systematisch, bei Mitwirkenden und\nZuhörern untergraben. So zeigt es sich schon jetzt in un-\nserem Instrumental-Vereine; denn die ersteren sprechen\nvon ihren Leistungen wie von genialen Siegen über die\nhöchsten Schwierigkeiten, und die letzteren nehmen sie als\nsolche mit enthusiastischem Beifalle auf. Ein Theil der zu-\nhörenden Mitglieder, darunter viele junge Maler, die doch\nwissen sollten, dass jede Kunst Ernst des Studiums er-\nheischt, schwärmt so für den Verein, dass er den Concert-\nbesuch für überflüssig zu halten anfängt, der überdies den\nVerzicht auf Cigarre und Schoppen fordert.\nWir wissen nicht, wie wir es erklären sollen, dass\nHerrn Tausch jede Einsicht über das Unbefriedigende sei-\nner Leistungen und das Nachtheilige seiner Einwirkung zu\nfehlen scheint. Ist es Mangel an ästhetischem Sinne, den\nwir in unseren früheren Berichten nachwiesen? Sind es\ndie Wünsche der mitwirkenden Dilettanten, denen er sich\nunbewusst fügt? oder ist es der Einfluss stets zum Lobe\nbereiter Freunde? Herr Tausch erfreut in der Künstler-\nLiedertafel und Künstler-Gesellschaft „Malkasten\" häufig\ndurch seine ausgezeichneten Pianoforte-Vorträge, er unter-\nzieht sich allen Anforderungen, die an ihn für die Leitung\nder eigenthümlichen kleinen musicalischen Aufführungen\ndieser Gesellschaft Schwänke von Hans Sachs und An-\nderen, mit Mozart'schen und Beethoven'schen Melodieen zu-\ngestutzt gestellt werden und erwirbt sich dadurch eine\ngrosse Zahl von dankbaren Freunden. Wir neigen zu der\nAnsicht, dass die Art von Coterie, die sich dadurch um\nHerrn Tausch bildet, ihn über sich selbst in die Irre führt.\nSeine Freunde verehren ihn mit Recht als ausgezeichneten\nPianisten. Sollten sie aber so weit gehen, sein ausserge-\nwöhnliches, frappirendes musicalisches Gedächtniss, die sel-\ntene Sicherheit, mit welcher er die schwierigsten Clavier-\nCompositionen vom Blatt spielt, als Beweise künstlerischer\nGenialität zu bewundern? Sollte Herr Tausch sich dadurch\netwa irre leiten lassen, gewissenhaftes, methodisches Stu-\ndium mit Chor und Orchester für pedantisch zu halten?\nErscheinen ihm vielleicht desshalb seine Auflührungen, je\nunvorbereiteter, je künstlerischer? Findet er es etwa genial\nkühn, wenn er Dilettanten und Künstlern in einzelnen Fällen"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "157", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2854, "texte": "sogar gestattet, ohne Probe in den Concerten mit zu\ngeigen? Herr Tausch scheint es zu verkennen, dass ihm\ndas geistige Uebergewicht, der Reichthum individueller Be-\ngabung seiner Vorgänger Mendelssohn, Rietz und Hiller\nmangelt, wodurch sie die von ihnen geleiteten Kräfte em-\npor zu heben, zu spannen und zu durchgeistigen vermoch-\nten, dass er selbst nur durch Sorgfalt und Ernst des Stu-\ndiums, durch Ausdauer und Energie wirken kann und dass\nihm der Instrumental-Verein ein glückliches Mittel dazu an\ndie Hand gab, das seinen Vorgängern fehlte. Nachdem\nHerr Tausch dieses Mittel so gänzlich verkannt hat, können\nwir die Ueberzeugung nicht länger zurückdrängen, dass\nwir auf eine günstigere Entwicklung der Zustände durch\nihn nicht mehr hoffen dürfen.\nDer Vorstand des allgemeinen Musik-Vereins, unsere\nConcert-Direction der überwiegenden Mehrzahl nach, ver-\nhält sich allen Missgriffen des Herrn Tausch gegenüber\nvöllig passiv, einige von den Herren sanetioniren sogar die\nArt der Leitung des Instrumental-Vereins durch eifriges\nMitgeigen. Wir würden daher an einer Wendung der Dinge\nverzweifeln müssen, wenn nicht die Theilnahmlosigkeit des\nPublicums dem allgemeinen Musik-Vereine und seinen Con-\ncerten gegenüber immer mehr die pecuniären Mittel in\nFrage stellte, wovon die letzteren gegeben werden. Aus\nFurcht vor einem Deficit hat man im vorigen Herbste die\nConcert-Preise erhöht und dadurch die Calamität vergrös-\nsert. Wir glauben uns nicht zu täuschen, wenn wir die\nZahl der Abonnenten, im Vergleich zu früheren Jahren,\nfast um die Hälfte vermindert schätzen. Aus ökonomischen\nRücksichten scheint in diesem Jahre die so nothwendige\nVerstärkung des Streich-Quartetts unterblieben zu sein,\nund wenn auch in der letzten Saison die Kosten gedeckt\nwerden sollten, so wird man doch zu ferneren Ersparnissen\nübergehen müssen, um den Concerten das Leben zu fristen,\nwenn sich die Herren von der Direction nicht zu persön-\nlichen Zuschüssen entschliessen. Vielleicht würde das mehr\nEindruck auf sie machen, als der Vorwurf, durch ihre Pas-\nsivität, einer Reihe von nachlässigen, ungenügenden Auf-\nführungen gegenüber, sich an den bedeutendsten Tonwer-\nken vergangen, das Publicum über deren Werth irre ge-\nführt, den edleren Sinn und Geschmack für Tonkunst un-\ntergraben und eine Lauheit und Theilnahmlosigkeit hervor-\ngerufen zu haben, welche bei einer durch den Wechsel der\nleitenden Persönlichkeifen etwa eintretenden Wendung zum\nBesseren noch lange fühlbar und hemmend bleiben wird.\nWir sehen diesem Wechsel erwartungsvoll entgegen;\ndenn er allein kann uns einer Epoche zuführen, in der wir\nauf unsere frühere Blüthezeit der Tonkunst nicht mit Be-\ntrübnisszurückblicken müssen; nicht mit Beschämung, wenn\nwir bedenken, dass Düsseldorf vor allen übrigen Städten\ndes Rheinlandes berufen erscheint, jeder Kunst einsichts-\nvolle Pflege zuzuwenden. —6 —."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-16-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-16_01#c003", "volume": "bmtnabi_1857-05-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "157", "page_fin": "159", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.2.3", "titre_corps": "Zur Geschichte des Männergesanges.", "titre_sommaire": "Zur Geschichte des Männergesanges.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "157", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.1.5", "debut_caractere": 2856, "fin_caractere_exclue": 4963, "texte": "Zur Geschichte des Männergesanges.\n(Wir entnehmen das Folgende einer Schrift von J. Fr.\nTaeglichsbeck, Gymnasiallehrer und Musik-Director\nan der St.-Katharinen- und St.-Pauli-Kirche zu Branden-\nburg: „Die musicalischen Schätze der St.-Ka-\ntharinen-Kirche. Ein Beitrag zur musicalischen Lite-\nratur des 16. und 1 7. Jahrhunderts. Brandenburg, 1857.\nVerlag von Ad. Müller.u 4. Wir werden später auf die-\nselbe zurückkommen.)\nDie Meisterwerke eines Palestrina, Lotti, Gabrieli u. s.\nw. fanden in der berliner Sing-Akademie ihre schöne Pflege.\nTrotzdem aber muss die Kenntniss von jener Glanz-Periode\ndes Kirchen-Stils aus dem 16. Jahrhundert selbst unter\nZelter in Berlin noch lücken- und mangelhaft gewesen\nsein, was aus den Vorgängen, welche die Veranlassung zur\nGründung der Liedertafel (24. Januar 1809) wurden,\nhervorgeht.\nBekanntlich gab unseres Hochseligen Königs Majestät\nwährend seines Aufenthaltes zu Memel, wohin er in Folge\nder denkwürdigen Schlachten bei Preussisch-Eylau am 7.\nund S.Februar 1807 und des tilsiter Friedens seine einst-\nweilige Residenz verlegt hatte, den ersten Anstoss dazu,\ndadurch, dass er nach Anhörung eines vierstimmigen Män-\nnergesanges, welchen russische Soldaten, in einer Gondel\nauf der Dange, dem russischen Gränzflüsschen, fahrend, zu\ngrossem Wohlgefallen des Königs angestimmt hatten, gegen\nden späterenGenerai-Lotterie-Director Bornemann sen.*)\nden Wunsch aussprach, in seinem Heere künftighin einen\nähnlichen Gesang eingeführt zu sehen. Nach Berlin zurück-\ngekehrt, machte Bornemann dem Prof. Zelter von dem, was\nan der russischen Gränze zur Sprache gekommen, Mitthei-\nlung. „Gern theilte Zelter\" —wir lassen den Verfasser der\nangeführten Schrift S. VII. mit seinen eigenen Worten fort-\no o\nfahren „meinen Wunsch, dem Könige vermittels der\nSing-Akademie entgegen zu kommen; aber diese, nur der\nPflege des ernsten, strengen Kirchen-Stils gewidmet, liess\nsich mit der vorliegenden Aufgabe, die bloss auf eine För-\nderung allgemeiner militärischer Sangfertigkeit hinzudeuten\n\n*) S. Bornemann, W., sen., die Zeltersche Liedertafel in Ocr-\nlin. Berlin, 1851, bei Decker."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "158", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5326, "texte": "schien, nicht wohl in Einklang bringen. Ihm, dem Zelter,\nwie mir, war damals auch noch nicht das Geringste von den\ngrossartigen russischen Gesang-Instituten bekannt, gestiftet\nzur gesanglichen Erhebung gottesdienstlicher Feier in der\ngriechischen Kirche, aus welcher gleichsam von selbst schon\nallgemeine Gesangfertigkeit sich erbildete und namentlich\nauch in das Militärwesen überging. Unbezweifelt hatte der\nKönig, vertraut mit jenen Instituten, ein Gleiches für die\ngesangliche Erhebung in der evangelischen Kirche vor\nAugen, ohne jedoch auch nur entfernt sich darüber zu\näussern. Zelter wollte überhaupt nicht einmal die tonfeste\nDurchführung eines nur von Männerstimmen ohne alle In-\nstrumental-Begleitung vorgetragenen Gesanges oder gar\neines längeren Liedes zugeben. Selbst bei geübten Sängern\nwerde das Herabsinken nicht ausbleiben. Gelegentliche Ver-\nsuche mit eigens dazu componirten Liedern seien noch erst\nzu machen\" u. s. w. Weiterhin heisst es bei Beschreibung\neines Abschiedsmahles für den Bank-Beamten Otto Grell\n(Vater des jetzigen verdienstvollen Directors der Sing-Aka-\ndemie und gründlichen Kenners des Palestrina-Stiles, Edu-\nard Grell zu Berlin), bei welcher Gelegenheit dem oben\ngenannten Verfasser des Werkes über Entstehung der ber-\nliner Liedertafel die Anordnung und Beschaffung frohsinni-\nger Tafellieder überlassen war: „So war nun die Gelegen-\nheit gekommen, es mit Liedern, gesetzt für geübte Männer-\nstimmen, zu versuchen. Einen Cyklus von sechs Liedern\nlegte ich dazu vor, in deren Tonsetzungen sich Zelter mit\nLud. Hellwig, Wollanck und Flemming theilte, unter dem\ngemeinsamen Uebereinkommen, die unterstützenden Klänge\ndes Flügels dabei nicht fehlen zu lassen. Aber für die Auf-\nstellung des Instrumentes fand sich in dem damals noch\nsehr beschränkten, mit bis siebenzig Gedecken schon über-\nvoll besetzten Hauptsaale jenes Hauses kein Raum mehr.\nDa sollte die Guitarre stellvertretend aushelfen und wurde\nschnell herbeigeholt. Die Saiten schlugen vor, kräftig frische\nMännerstimmen setzten ein, und das ärmliche Geklimper\nverschwand in den Massen, die sich selber goldrein tonfest\nhielten, was von einem durch mehrere Strophen hin ohne\nInstrumental-Begleitung geführten Chor vielseitig war be-\nzweifelt worden. Da wurde die Guitarre beseitigt.\"\nSo wenig wir nun auch gewillt sind, dem alten ehren-\nfesten Zelter, dem wir als Musiker und Dirigenten unsere\naufrichtigste Hochachtung zollen, durch Anführung dieser\nallerdings etwas sehr naiven Vorgänge irgendwie zu nahe\nzu treten im Gegentheil, es stellt sich ja sein Verdienst\nals Schöpfer des modernen geselligen Männergesanges da-\ndurch nur um so deutlicher ans Licht —, so muss es uns\ndoch erlaubt sein, aus diesen Vorgängen den Schluss zu\n♦ 1\nziehen, dass es damals in Berlin überhaupt um die wissen-\nschaftliche Kenntniss dessen, was frühere Jahrhunderte im\nFache der Gesang-Composition geleistet haben, ziemlich\nschlecht gestanden haben mag, wenn man nicht einmal eine\nAhnung davon hatte, dass die Praxis des Männergesanges\nüberhaupt schon seit Jahrhunderten feststand. Ja, was noch\nmehr ist, diese Unkenntniss der Leistungen früherer Kunst-\nEpochen geht so weit, dass man selbst noch in neuerer\nZeit den Satz aufstellte, die Alten hätten reinen Männerge-\nsang gar nicht gekannt. Dies behauptet z. B. G. Doering\nin Elbing in seinem historisch-kritischen Versuche: „Zur Ge-\nschichte der Musik in Preussen\"(S. 178). Ferner nennt der\ngeachtete Kunstkritiker L. Rellstab in Berlin (s. Vossische\nZeitung, 1843, vom 10. Juli) seinen Freund Bernhard\nKlein geradezu den Erfinder des religiösen Männergesan-\nges im Gegensatz zum weltlichen, der unter Zelter aller-\ndings schon existirte, während B. Klein selbst recht wohl\nwissen musste, dass eine grosse Menge von Compositionen\nfür Männergesang vor ihm bereits existirte, da er ja in Rom\neine reichhaltige Sammlung solcher Compositionen ange-\nlegt und daran seine Studien gemacht hatte, wobei er frei-\nlich ganz übersehen zu haben scheint, dass sogar schon von\nPalestrina ganze Bände solcher Arbeiten vorliegen, z. B.\nLamentationen für 4 und 5 Männerstimmen, ferner viele\ndergleichen Arbeiten von Benevoli, Vittoria, Cyprian de\nRore, Ivo de Vento, Jac. Regnart, Joh. Walter, Mich. Prae-\ntorius, Jac. Handl, Melchior Frank und Anderen, die alle\nin Italien und Deutschland zu haben gewesen wären. Mi-\nchael Praetorius unterrichtet uns, dass selbst die vielen für\nKnabenstimmen geschriebenen Stücke von ihm und Ande-\nren gewöhnlich auch für Männerstimmen allein zu gebrau-\nchen seien. Sei hier und da eine Abänderung zu machen,\nso bedinge er sich nur eine geschickte Hand. Um endlich\ndarzuthun, dass solche Männersachen bereits vielfach exi-\nstirt haben, bedarf es bloss der Erwähnung, dass der kö-\nnigliche Dom-Chor in Berlin Compositionen der Art von\nPalestrina, Vittoria, Menegali, Lotti, Cordans u. s. w. öfter\nschon zum öffentlichen Vortrage gebracht hat. Auch in\nneueren Sammlungen finden sich derlei Gesänge für Män-\nnerstimmen von alten Meistern; z. B. enthält der zweite\nBand von Franz Commer's lauter Compo-\nsitionen für 2, 3 und 4 Männerstimmen; ferner liefert auch\nWilh. Greef (Geistliche Männerchöre, alte und neue, für\nFreunde des ernsten Männergesanges. Erstes Heft. Essen,\n1851) einzelne Figuralsätze von Palestrina, Orlandus de\nLassus, Lotti, Händel und Gluck. Dem in der Gesang-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1498, "texte": "Literatur des 16. Jahrhunderts Bewanderten brauchen wir\nbei dieser Gelegenheit nicht erst in Erinnerung zu bringen,\ndass man sich durch den in den Stimmbüchern der alten\nTonsetzer lür hohen Tenor fast allgemein gebräuchlichen\nAltschlüssel nicht darf beirren lassen, worauf schon F. J.\nFetis in seiner Chorgesang-Schule mehrfach aufmerksam\ngemacht hat. Die hohen Tenöre wurden sogar häufig ge-\nradezu Altisten genannt, wie dies aus der dresdener Can-\ntorei-Ordnung vom 14. April 1592 (Herzogs Friedrich\nWilhelm zu Sachsen) zu ersehen ist, wo es unter Anderem\nheisst: „Mit der Mutation der Knaben soll es wie zuvor\nalso gehalten werden. Do ein Knabe eine Stimme verendern\nnnd zum Discant nicht mehr dienstlich seyn wirdt, wollen\nwir ihn in der Fürstenschulen einer mit 5 thlr. abfertigen,\nund darinnen 2 oder 3 Jahre unterhalten lassen. Doch\ndass er zum wenigsten 3 oder 4 Jahr in der Hofcapell\nI\naussgestanden und sich wohl verhalten. Befinden wir denn\naus seiner Praeceptoren Zeugniss oder fruchtbarlicher Be-\nweisung seines Studirens, dass etwas hoffentliches von ihm\nzu erwartert, wollen wir ihm 2 oder 3 Jahr zu Leipzig\noder Wittenberg jährlich mit 25 Gulden aus der Kammer\noder sonst unserer Gelegenheit noch verlegen lassen, doch\ndass er sich verpflichte oder Versicherung mache, wo er\nnach Ausgang dieser Zeit zu einem Altisten oder Te-\nnoristen in der Cantorei oder zu andern Aemtern tüch-\ntig seyn würde, dass er sich dazu brauchen lassen und der\nHerrschaft dienen wolle und solle\" u. s. w."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-16-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-16_01#c004", "volume": "bmtnabi_1857-05-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "159", "page_fin": "159", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.2.4", "titre_corps": "Musicalische Preis-Aufgabe.", "titre_sommaire": "Musicalische Preis-Aufgabe.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.1.7", "debut_caractere": 1500, "fin_caractere_exclue": 6060, "texte": "Musicalische Preis-Aufgabe.\nEin frankfurter Musikfreund, hoch entzückt von dem bekannten\nMozart'schen und einigen ähnlichen Tonstücken der\nKammermusik, hat einen Betrag von 27 Ducaten für Prämien\nausgesetzt und bei dem Banquierhause Herren Joh. Göll &\nSöhne in Frankfurt am Main deponirt. Er stellt dafür fol-\ngende Bedingungen:\n§. 1. Nur neue, noch nirgends bekannte Compositionen für\nClarinette und mindestens zwei, bis höchstens vier\nStreich-Instrumente können concurriren.\n§. 2. Allzu grosse technische Schwierigkeiten sollen möglichst\nvermieden werden, damit ein genügender Vortrag auch für Dilet-\ntanten erreichbar ist.\n§. 3. Jeder Bewerber schickt die Partitur nebst den ausge-\nschriebenen Stimmen seiner Composition, welche keinen Namen\noder Wohnort tragen darf, aber unter Beifügung seiner Adresse\nauf einem getrennten Blatte, an Herrn Dr. C. F. A. Giar, Notar\nder freien Stadt Frankfurt am Main.\n§. 4. Herr Dr. Giar wird alle so eingehenden Compositionen\nnach der Reihenfolge des Empfanges numeriren und unter streng-\nster Verschweigung des Namens des Componisten an die Herren\nSachverständigen (§. 5) zur Prüfung befördern.\ng. 5. Herr Capellmeister V. Lachner in Mannheim, Herr\nMusik-Dircctor F. Messer in Frankfurt am Main und Herr Gene-\nral-Musik-Director Dr. L. Spohr in Kassel hatten die Güte, sich\nzur Uebernahme dieser Prüfung als Sachverständige bereit zu er-\nklären; jeder von ihnen wird sein Urtheil versiegelt bei den Herren\nJoh. Göll & Söhne niederlegen.\n§. 6. Zur schiedsrichterlichen Vertheilung der Preise haben die\nHerren Stadtgerichtsrath Dr. Mumm, Dr. Schlemmer und Dr.\nG. A. Spiess in Frankfurt am Main sich bereit zu erklären die\nGefälligkeit gehabt; diese Vertheilung geschieht ausschliesslich auf\nGrund der von ihnen in gemeinschaftlicher Sitzung zu entsiegeln-\nden Urtheile der Herren Sachverständigen (§. 5).\n§. 7. Um seine Ansichten und Wünsche klar zu stellen, propo-\nnirt der Preissteller:\neinen ersten Preis von 12 Ducaten für diejenige Compo-\nsition, welche sich neben gediegener Arbeit vor Allem durch\npoetischen Schwung auszeichnet, also an keiner Stelle als\nkünstliches „Machwerk44 erscheint, sondern durchgehends als\nEin Erguss genialer Empfindung;\neinen zweiten Preis von 9 Ducaten für besonders lieb-\nlichen Melodieen-Reichthum neben sonst untadelhafter Ar-\nbeit, und ' .\neinen dritten Preis von 6 Ducaten für diejenige Compo-\nsition, welche die Herren Sachverständigen, gleichviel, wess-\nhalb, dafür empfehlen werden.\nDoch soll dieser Vorschlag nicht unbedingt maassgebend\nsein, vielmehr sind die Herren Sachverständigen (§. 5) befugt, anch\neine Aenderung in der Eintheilung der Summen vorzunehmen; ja,\nauf ihren einmüthigen V orschlag kann sogar Eine ganz hervorra-\ngende, in jeder Beziehung meisterhafte Composition sämmtliche\n27 Ducaten erhalten.\n§. 8. Wenn aber gegen Verhoffen die einlaufenden Compositio-\nnen der Art sein sollten, dass die Herren Sachverständigen nicht\nfür alle Preise wirklich kronungswerthe Arbeiten darunter finden,\nso wird für die dadurch jetzt frei bleibenden Preise eine neue\nConcurrenz ausgeschrieben.\ng. 9. Sollten die Urtheile der Herren Sachverständigen (§. 5) so\nweit aus einander gehen, dass nicht mindestens zwrei der Herren\nSchiedsrichter (g. 6) sich über einen Spruch darauf einigen könn-\nten, dann werden jedem der Herren Sachverständigen die Urtheile\nseiner beiden Herren Collegen mitgetheilt, zur Erleichterung einer\nEinigung unter ihnen. Falls einer der drei Herren Sachverstän-\ndigen oder der drei Herren Schiedsrichter austreten sollte, wählen\nseine bleibenden Herren Collegen einen Ersatzmann.\ng. 10. Die Preisvertheilung wird vorgenommen, sobald minde-\nstens zwölf Compositionen eingetroffen sind; doch soll in keinem\nFalle länger als bis Ende 1857 gewartet werden. Alle Compositio-\nnen, welche zu den zwölf zuerst anlangenden gehören und\nvor Jahresschluss eintreffen, müssen angenommen werden; spä-\ntere können noch zugelassen werden, wenn daraus keine zu grosse\nVerzögerung erwächst, worüber der Preisstefler zu entscheiden\nbefugt ist.\n§. 11. Nach geschehener Preisvertheilung werden die Compo-\nnisten der gekrönten Werke genannt, alle anderen bleiben streng\nverschwiegen.\ng. 12. Der Preissteller hat das Recht, sich die ausgeschriebenen\nStimmen derjenigen Werke, welche concurrirt haben werden, aus-\nliefern zu lassen und für sich zu behalten, darf aber keinerlei Du-\nplicate oder Vervielfältigungen davon fertigen oder fertigen lassen.\nDie Partituren gehen sämmtlich an ihre Einsender zurück,\nderen freies Eigenthum sie bleiben.\nFrankfurt am Main, den 9. Mai 1857."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-16-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-16_01#c005", "volume": "bmtnabi_1857-05-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "160", "page_fin": "160", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "160", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4807, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nWeimar. Dr. Dingelstedt, vom Grossherzog zum Inten-\ndanten des Hoftheaters ernannt, wird mit dem 1. October d. J.\nsein Amt antreten. Man ist neugierig darauf, wie sich das Ver-\nhältniss zwischen ihm und dem Hof-Capellmeister F. Liszt gestalten\nwerde; hoffentlich zum Vortheil der wahren Kunst und nicht ein-\nseitiger Bichtungen derselben.\nlörestlesß. Der ausgezeichnete Tenorist Adolf Auerbach\nvon der k. k. Hofoper zu Wien, wo er indess nur noch wenig be-\nschäftigt worden ist, erregt Bewunderung. Er ist ein Helden-Tenor\nvom reinsten Metall. Auch sein Spiel ist lobenswerth und wird\nsich den Anlagen des jungen Künstlers nach sehr bald zu einem\nhohen Grade der Vollkommenheit erheben. Er ist als Masaniello\nin der Stummen, als Bobert, Eleazar und Prophet aufgetreten.\nAltona. Am 30, April ist C. Beinthaler's „Jephta und\nseine Tochter\" in der hiesigen Hauptkirche unter der Direction\ndes Herrn Musik-Directors J. BÖie von einem Personal von 150\nMitwirkenden aufgeführt worden. Die Chöre wurden von Anfang\nbis Ende mit grosser Präcision gesungen; es kam nirgends ein\nSchwanken oder eine Unsicherheit im Einsetzen vor. Auch die\nSoli, wenn auch nicht so glänzend wie in Hamburg besetzt, wur-\nden recht brav ausgeführt; besonders zeigte sich Herr Schulz\naus Hamburg als einen sehr guten Vertreter des Jephta. Die Kir-\nche war gedrängt voll, und das schöne Werk wurde von den Mit-\nwirkenden und Zuhörern mit sichtbarer Begeisterung aufgenommen.\nIn Hamburg macht das Gastspiel von Ander und der Fräul.\nWildau er aus Wien überfüllte Häuser. In der Lucia di Lammer-\nmoor, wo sie zwei Mal beide zusammen (Lucia und Edgar) auf-\ntraten, war das Haus zu um die Hälfte erhöhten Preisen ausver-\nkauft. Fräul. Johanna W7agner wird erwartet.\nW ö. Mai. Verdi s „Giovanna d'Arcodie erste neue\nOper dieser Stagione, hatte sich nur eines halben Erfolgs zu er-\nfreuen. Sie gehört noch ganz in jene Periode der Verdi'schen\nWirksamkeit, aus welcher Ernani als die beliebteste und am wei-\ntesten verbreitete Oper hervorragt. Auch theilt sie in der That alle\ntehler und Vorzüge dieser Periode; nebst gewaltigem Instrumen-\ntenlärm, Anhäufung von Unisono's und trivialen Stretta's manches\nweiche, flüssige Gesangs-Element, manche sinnige Arabeske der Be-\ngleitung. Ist übrigens Giovanna d'Arco minder reich an prägnanten,\nsinnlich packenden Motiven als Ernani, so treffen wir dagegen auch\nmanche Momente echten, wahren Gefühls-Ausdrucks darin. Das\nBuch von Solera fasst die Geschichte der Johanna d'Arc in einem\nProloge und drei Acten so einfach als möglich zusammen. Es tre-\nten nur drei Hauptpersonen auf: König Karl VII., Johanna und\nihr \\ater. Die beiderseitigen Heerführer Frankreichs und Eng-\nlands haben jeder kaum ein paar Tacte zu singen. In der Oper\nist es König Karl selbst, welcher der gottbegeisterten Jungfrau ein\nllüchtiges Gefühl irdischer Liebe einflösst. Der Vater klagt die\niochter an, wie in Schiller's Tragödie, und führt sie vom könig-\nlichen Hoflager fort; er erkennt später ihre tinschuld und lös't ihre\nFesseln; sie stürzt zum Kampfe, wird leblos aus demselben ge-\nbracht, erholt sich aber wieder zum Bewusstsein, und nachdem\nman ihr die heilige Fahne gereicht hat, schwebt ihre Seele in Ver-\nklärung zum Himmel empor. Es fehlt nicht an modernem Opern-\nBeiwerk aller Art. Der grosse Aufzug im zweiten Acte mit einem\nTriumphmarsch, fernes Kriegsgetön, ein Trauermarsch, ein Chor\nguter und böser Geister, Chor der Engel das sind Hebel, um\nEffecte anzubringen, die nie ganz fehl gehen.\nEine Erklärung im 8. Hefte von Lobe's Fliegenden Blättern\nmacht Front gegen eine dem Herausgeber durch die Verlagshand-\nlung zugegangene anonyme Anschuldigung. In jenem Briefe wird\nLobe's Besprechung der Liszt'schen Sinfonie „Tasso\" als ein Ver-\nrath an der guten Sache angesehen und bedauert. Lobe erklärt\nsich nun als Unparteiischer. Er habe nie einer Partei angehört.\nAlso könne auch von einem Uebergange ins Lager der Zukunfts-\nPartei keine Bede sein. Er gehe allein seinen Weg; wo er etwas\nGutes finde, da sage er es der Welt, kümmere sich nicht um Na-\nmen und Coterieen. „Also nichts von Partei, nichts von Einsei-\ntigkeit in der Kunst!44 Wir referiren hier, theilen aber Lobe's An-\nsicht nicht. Er vergisst, dass auch ein gewisser Muth dazu ge-\nhört, bei einer Partei auszuhalten, dass er sich der Gefahr aussetzt,\ndafür angesehen zu werden, als coquellire er mit allen Parteien\naus Schwäche. (N. W. M.-Z.)\nDer Neger Ira Aldridge, durch sein dramatisches Talent\nauch in Deutschland bekannt, soll bei einem Eisenbahn-Unglück in\nEngland umgekommen sein.\nUriissel. Am 10. Mai wurde in dem letzten Conservatoire-\nConcerte unter der Direction des Herrn Fetis die -E-mo/Z-Sinfonie\nvon F. Hill er mit grossem Beifalle aufgeführt; besonders die drei\nersten Sätze halten ausgezeichneten Erfolg."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "153", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie musicalischen AufTührungen und Zustände Düsseldorfs im Winter 1856—1887. Von —6—. Zur Geschichte des\nMännergesanges.— Musicalische Preis-Aufgabe. Tages- und Unterhaltungsblatt (Weimar, Dr. Dingelstedt— Dresden, A.\nAuerbach Altona, C. Ileinthaler's Jephta Hamburg, Herr Ander und Fräul. Wildauer Wien, Verdi's Giovanna d'Arco Ira\nAldridgc Brüssel, F. Hiller's E-moll-Sinfonie).\n\nDie musicalischen Aufführungen und Zustände\nDüsseldorfs im Winter 1856—1857.\nUnsere musicalische Saison ist nach dem letzten der\nacht Abonnements-Concerte des allgemeinen Musik-Vereins\nals geschlossen zu betrachten. Ein Rückblick auf dieselbe\nund eine Beleuchtung unserer Zustände im Allgemeinen\nerscheint uns um so wünschenswerter, als die Factoren\nunserer musicalischen Aufführungen durch die Gründung\neines Instrumental-Vereins eine wesentliche Ergänzung ge-\nfunden haben. Wir werden unsere Kritik von jeder Partei-\nnahme frei zu halten suchen, aber unserem Princip treu\nbleiben, da, wo es die Sache fordert, auch die persönlichen\nEinflüsse in das wahre Licht zu stellen.\nWir geben zunächst einen Ueberblick der Concert-\nProgramme.\nErstes Concert: Ouvertüre zu Genovefa von Schu-\nmann; „Beim Abschied zu singen\", Lied lür vier Solo-\nstimmen, Chor und Orchester von Schumann; Sinfonie Nr.\n4 von demselben; Requiem von Cherubini.\nZweites Concert: Ouvertüre zu Coriolan von Beethoven;\nConcert (A-moll)(ür Violine von Molique (Concertmeister\nRicciusaus Köln); Arie aus Don Juan „Ich grausam\" (Frau\naus Köln); „Erlkönig\", Ballade von Schu-\nbert (Frau Mampe); Lobgesang, Sinfonie-Cantate von Men-\ndelssohn (Soli: Frau Mampe, Fräul. Louise Thelen, Herr\nWild vom hiesigen Theater).\nDrittes Concert: Ouvertüre (E-dur) von F. Messer;\nArie aus Hans Heiling (Fräul. Louise Thelen); Ouvertüre\nund Finale des ersten Actes aus Euryanthe (Euryanthe:\nFräul. Thelen); Sinfonie Nr. 4 (B-dur) von Beethoven.\nViertes Concert: Ouvertüre zu Joseph von Mehul;\nAlt-Arie mit Chor aus Samson von Händel (Fräul. Schreck\naus Erfurt); Suite lür Orchester von J. Seb. Bach; Sce-\nnen aus dem zweiten Acte des Orpheus von Gluck (Or-\npheus: Fräul. Schreck); Sinfonie Nr. 5 (D-dur) von Mozart.\nFünftes Concert: Jephta und seine Tochter, Oratorium\nvon Reinthaler, unter Leitung des Componisten (Soli: Frau\nMampe-Babnigg, Fräul. Schreck, Herr Göbbels und Herr\nSchiffer aus Köln).\nSechstes Concert: Ouvertüre zu Hero und Leander\nvon Rietz; der 125. Psalm für Tenor-Solo, Chor und Or-\nchester von Hiller (Tenor-Solo: Herr Wild); Sinfonie Nr.\n1 (C-dur)von Beethoven; „Die erste Walpurgisnacht\"\nvon Mendelssohn (Bariton-Solo: Herr Remmertz).\nSiebentes Concert: Der Messias, Oratorium von Hän-\ndel (Soli: Fräul. Thelen, Fräul. Schreck, Herr Göbbels,\nHerr Remmertz).\n8. Concert: Concert-Ouverture (C-dur) von Tausch;\nSopran-Arie aus Haydn's Schöpfung (Fräul. Ida Dannemann\naus Elberfeld); Concertstück von Weber (Herr\nTausch); „Der Hidalgo\", Lied mitPianoforte-Begleitung von\nSchumann (Fräul. Dannemann); Musik zu Kotzebue's Rui-\nnen von Athen von Beethoven; Pastoral-Sinfonie von\nBeethoven.\nIn diesen Programmen spricht sich zwar das anerken-\nnenswerthe Streben aus, die classische Richtung vorwalten\nzu lassen; indess genügt damit eineDirectionnicht, welche\njährlich eine grössere Reihe von Concerten veranstaltet. Sie\nhat die Aufgabe, durch die Zusammenstellung der Form\nund dem Gehalt nach verwandter, in ihrer Stimmung sich\nnicht widerstrebender Musikstücke jedem Concerte einen\neinheitlichen Charakter zu geben und in der ganzen Reihe\nderselben einen Plan consequent durchzuführen, wonach\nsie die bedeutenden Tonschöpfungen der Vergangenheit\nund Gegenwart in einer das Publicum bildenden Weise\nvorzuführen im Stande ist. Diese zwiefache Aufgabe ist\nunerfüllt geblieben. Die letzten Jahre brachten oft das"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "154", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.1.2", "texte": "• I\nheterogenste Durcheinander im einzelnen Concerte, und in\nder Folge derselben vermögen wir nicht einen geordneten,\ndurchdachten Zusammenhang zu erkennen. Sodann ver-\nmissten wir jede künstlerisch gewissenhafte Berücksichti-\ngung der Kräfte der Ausführung im Verhältniss zu den\nSchwierigkeiten des Auszuführenden, und somit alles das,\nwodurch einer Concert-Direction die nächste Gelegenheit\ngeboten wird, künstlerischen Sinn und Geschmack zu be-\nkunden.\nDie Auslührung der Musikstücke blieb im Wesent-\nlichen auf der unbefriedigenden, niedrigen Stufe der beiden\nvorhergehenden Jahre, so dass wir uns auf das beziehen\nkönnen, was wir in Nr. 14 des vorigen Jahrgangs dieser\nBlätter darüber sagten. Wir hörten keine einzige Nummer,\ndie völlig rein, sicher und präcis ausgeführt worden wäre;\nan Feinheit, Frische, geistiges Leben und Wärme des Vor-\ntrags war somit nicht zu denken. Als das gelungenste der\nConcerte ist das vierte, als das unbefriedigendste das dritte\nzu bezeichnen. Die Begleitung der Arie aus Hans Heiling\nwir bemerkten nur zwei erste Geigen, vermuthlich weil\nnur Eine Stimme ausgeschrieben war —, Chor und Orchester\nim Finale der Euryanthe erinnerten so lebhaft an die Auf-\nführungen kleiner Provincial-Bühnen, dass ein Theil des\nPublicums in eine für den Dirigenten und die Ausführen-\nden eben nicht schmeichelhafte Heiterkeit versetzt wurde.\nWir erinnern uns keiner Aufführung aus den drei letzten\nJahren, die so auffallend das Gepräge der Nachlässigkeit\ngetragen hätte, als diese.\nWir übergehen weitere Details, um dagegen nachzu-\nweisen, dass das Herabsinken unserer Auflührungen und\nunseres ganzen musicalischen Lebens als nothwendige Folge\nder Art und Weise zu betrachien ist, wie Herr Tausch\ndie einzelnen Factoren desselben behandelt, und um uns\nvor dem Vorwurf zu wahren, dass wir mit unseren An-\nsprüchen über das hier Mögliche hinausgehen. Zu diesem\nEnde müssen wir zunächst die Zustände der Periode ent-\nwickeln, in welcher Herr Tausch als städtischer Musik-Di-\nrector an die Spitze der hiesigen Verhältnisse trat.\nUnsere rheinischen Chöre zeichnen sich bekanntlich\ndurch Frische und schönen Klang , der Stimmen, durch\nLeichtigkeit musicalischer Auffassung von Seiten der Sän-\nger und durch die Freudigkeit aus, mit der sie sich an\nöffentlichen Aufführungen betheiligen. Als Mendelssohn zu\nuns berufen wurde, wusste er daher sehr bald einen Chor\nzu bilden, der unter den rheinischen stets mit Auszeich-\nnung genannt wurde. Wo Mendelssohn schöne Stimmen\nund Talent entdeckte, wandte er ihnen besondere Aufmerk-\nsamkeit und Pflege zu, um sie für den Sologesang auszu-\nbilden, und in dem musicalischen Leben, das er um sich\nweckte, wurde reiche Gelegenheit geboten, die Stufe von\nSicherheit und Unbefangenheit vorzubereiten, welche für\nöffentliches Auftreten unentbehrlich ist. Für die Besetzung\nvon Solo-Partieen in unseren Concerten bildeten sich all-\nmählich tüchtige, zum Theil hervorragende Dilettanten, und\nRietz sowohl wie Hiller, in- ähnlicher Weise wie Mendels-\nsohn den Mittelpunkt unseres musicalischen Lebens bildend,\nerhielten diese Gesangkräfte auf gleicher Höhe.\nDas Orchester unserer Abonnements-Concerte ist von\nje her aus dem des Theaters, unter Zuziehung hier leben-\nder oder garnisonirender Musiker und einiger Dilettanten\ngebildet worden. Bei dieser zum Theil dem Wechsel un-\nterworfenen Zusammensetzung bedurfte es so bedeutender,\nanregender und imponirender Persönlichkeiten, so gewissen-\nhafter Dirigenten, wie die genannten es waren, um in un-\nseren Concerten mit wenig Proben so gelungene Auffüh-\nrungen zu erreichen, wie wir sie erlebten. Unter Rietz,\nder durch die Direction der Oper fast täglich mit dem Or-\nchester beschäftigt war, erreichten die Leistungen dessel-\nben den Höhepunkt.\nAls die Schumann'sche Periode folgte, zeigte sich gar\nbald nach allen Richtungen hin der Rückschritt. Schumann,\nausschliesslich seinen Tonschöpfungen lebend und der Zeit\nentgegengehend, in welcher sein Geist unterliegen sollte,\nverlor immer mehr an praktischer Befähigung, und die Ver-\nsuche, ein fruchtbringendes musicalisches Leben zu erhal-\nten, scheiterten schon nach dem ersten Winter. Aus dem\nGesang-Vereine schieden die tüchtigeren Mitglieder in dem\nMaasse aus, wie die Leitung unbefriedigender wurde, wäh-\nrend neue ohne Prüfung ihrer musicalischen Vorkenntnisse\nAufnahme fanden; in denConcert-Aufführungen wurde der\nMangel belebender Kraft, Muthlosigkeit, Gleichgültigkeit,\ndas Schwinden jeder Disciplin in Chor und Orchester im-\nmer fühlbarer.\nHerr Tausch, als er an Schumann's Stelle trat, kannte\ndiese Verhältnisse aus eigener Anschauung und Erfahrung;\nman musste daher voraussetzen, dass er, als junger Musi-\nker, dem der Wirkungskreis anvertraut wurde, in welchem\nMendelssohn, Rietz, Hiller und Schumann ihm vorangegan-\ngen waren, den ganzen Ernst seiner Aufgabe erkennen, die\nMittel, sie würdig zu lösen, erforschen und gewissenhaft\nund energisch durchführen werde.\nWir erwarteten zunächst eine Reorganisation des Ge-\nsang-Vereins, um dadurch die schwächeren Mitglieder\nheranzubilden, besondere Uebungen für dieselben, das Stu-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "155", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.1.3", "texte": "dium der einzelnen Stimmen, bis jeder Mitwirkende der\n# «\nNoten sicher ist, vor den Gesammt-Uebungen. Erst dann\nkann ja das Verständniss eines Werkes eröffnet, die Auf-\nfassungsweise des Dirigenten zu Grunde gelegt, der Vor-\ntrag einheitlich, geistig belebt, erwärmt und erwärmend\nentwickelt werden. Herr Tausch dagegen Hess Alles beim\nAlten, d. h. einer wöchentlichen Uebung und einigen Concert-\nProben, wie wenn er über einen vortrefflich geschulten\nChor verfüge. Aber auch für einen solchen sind zwei grosse\nOratorien, wovon eines neu, sechs Cantaten und grössere\nBruchstücke aus Opern, dazu Kirchenmusik von Palestrina,\nVittoria und Lotti in einer Saison eine anstrengende Auf-\ngabe, die von unseren Kräften in der verflossenen nicht\nanders als höchst ungenügend gelös't werden konnte. Die\nUnsicherheit ging mitunter so weit, dass ein Theil der Mit-\nwirkenden ganz zu verstummen schien, während der andere\ndurch übermässiges Loslegen das Gleichgewicht herzustel-\nlen suchte. Das Unbefriedigende der Leistungen, das Ent-\nmutigende für die musicalischen Mitglieder des Gesang-\nVereins, die eisige Kälte des Publicums lichteten die Reihen\ndes Chors so sehr, dass in der Aufführung des Messias\nnur zwölf Damen im Alt, kaum mehr Herren im Tenor,\ndagegen siebenzig bis achtzig Mitwirkende in Sopran und\nBass vereinigt waren. Allein eines solchen Missverhältnisses\nwegen hätte die Aufführung unterbleiben sollen, die im\nAllgemeinen einen höchst traurigen Vergleich mit unseren\nfrüheren darbot. Dass Alles gleich einen anderen Charakter\ngewinnt, wenn nur eine belebende Persönlichkeit an die\nSpitze tritt, bewies die Aufführung des Jephta. Herr Rein-\nthaler leistete, nachdem er die letzten vier bis fünf Proben\npersönlich dirigirt, relativ so Vortreffliches, dass uns unsere\nKräfte wie umgewandelt erschienen.\nOb Herr Tausch die angedeuteten Reformen des Ge-\nsang-Vereins für überflüssig oder für unausführbar hält,\nwissen wir nicht. Gegen das Letztere spricht die Organi-\nsation vieler Vereine an anderen Orten in der von uns an-\ngedeuteten Weise, und so lange Herr Tausch keinen dahin\nzielenden Versuch gemacht und durchzuführen sich bemüht\nhat, fehlt ihm jedenfalls das Recht der Berufung auf Un-\nausführbarkeit.\nIn der Besetzung der Solo-Partieen wird unsere zu-\nnehmende Armuth an gebildeten Dilettanten fühlbar, und\ndie wenigen tüchtigen, welche wir besitzen, sind für die\nConcerte in ihrem jetzigen Zustande nicht zu gewinnen.\nGute Stimmen und musicalisches Talent finden offenbar\nnicht die frühere Beachtung und Pflege; es fehlt uns an\neiner geistigen Kraft, welche unsere zerstreuten Mittel in\neinem bildenden musicalischen Leben zu vereinigen ver-\nmöchte, und desshalb sind fast alle Versuche des Herrn\nTausch, Solo-Partieen durch Dilettanten zu besetzen, höchst\nunglücklich gewesen. Es bleibt demnach kein anderes Mit-\ntel, als für die Soli sich an Sänger von Fach zu wenden.\nMan würde indess sehr irren, wenn man diese Notwen-\ndigkeit durch gestiegene Ansprüche desPublicums erklären\nwollte*). Unsere Dilettanten studirten früher sorgfältig ihre\nPartieen mit dem Dirigenten, suchten sie im Geiste des\nWerkes vorzutragen und leisteten dadurch, namentlich im\nEnsemble, meist mehr, als die unserer und benachbarten\nBühnen angehörigen Sänger, welche wir jetzt zu hören\npflegen, und die im Concertsaale, besonders im Oratorium,\nnur selten am Platze sind.\nHält man den Herren von der Concert-Direction die\nerwähnten ungünstigen Erscheinungen vor, so klagen sie,\nman könne nicht mehr leisten, weil sich die besseren Kräfte\nzurückzögen, man habe nun einmal wenig Alt-, wenig Te-\nnorstimmen, und damit glauben sie sich gerechtfertigt. Füh-\nlen die Herren denn nicht, dass sie die besseren Kräfte\ndurch das Unerquickliche der Aufführungen verscheuchen?\nDass nichts geschieht, um tüchtige Alt- und Tenorstimmen\naufzufinden und für den Gesang-Verein und die Concerte\nzu gewinnen? Leitet Herr Tausch etwa die Künstler-Lie-\ndertafel so, dass sich in ihr ein reger musicalischer Sinn\nentwickeln kann, und dadurch aus der grossen Zahl hier\nlebender junger Künstler die gesanglustigen angezogen\nwerden? Was war die Künstler-Liedertafel unter Rietz\nund Müller, und was ist sie jetzt? Uns eben so wenig wie\nElberfeld, Crefeld und Barmen fehlen die Stimmen, wohl\naber anregende, bildende und verbindende Kraft für die-\nselben.\nDie Zusammensetzung unseres Concert-Orchesters ha-\nben wir bereits angegeben. Wenn man erwägt, dass der\nTheater-Unternehmer fast in jedem Winter einen neuen\nMusik-Director engagirt, dass ihm nur daran liegt, mög-\nlichst viele Opern fertig zu machen, dass viele Orchester-\nMitglieder zum Tanz spielen müssen, im Sommer fast aus-\nschliesslich auf Garten- und Tanzmusik angewiesen sind,\ndass die Dilettanten, welche im Streich-Quartett mitwirken,\nzum Theil wohl nur in Proben und Concert die Geige in\ndie Hand nehmen— so wird man begreifen, wie notwen-\ndig es ist, das Zusammenspiel methodisch auszubilden. Das\nQuartett, auf sieben bis acht erste Geigen zusammenge-\n\n*) Unser Theater-Publicum beweis't sogar, dass trotz der Iraraer-\nmann'schen Periode seine Ansprüche in stetem, fast unerklär-\nlichem Sinken geblieben sind. [Tout comme che& nous. D. R.]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "156", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.1.4", "texte": "schmolzen, darunter die Hälfte Dilettanten, bedarf, da es\nnicht vermag, den kleinsten Mordent einheitlich auszufüh-\nren, besonderer Vorübungen, um nur einiger Maassen zu\nReinheit und Gleichmässigkeit zu gelangen; und eben so\nerforderlich ist es, nicht eher nachzulassen, bis die Bläser\nihre Schuldigkeit thun, namentlich aber ihre Instrumente\neiner Revision zu unterwerfen, um festsetzen zu können,\nwas an Unreinheit der Intonation den letzteren oder der\nNachlässigkeit der Bläser zuzuschreiben ist. Danach ist das\nYerständniss des Werkes bis ins kleinste Detail zu eröff-\nnen, jedem Spieler zu erklären, wo sein Instrument hervor-\ntreten, wo und welchen anderen es sich unterordnen, wo\nes mit den übrigen zu gleicher Massenwirkung sich verbin-\nden soll; erst dann ist der Vortrag der einzelnen Mo-\ntive vorzuschreiben, die musicalischen Phrasen nach dy-\nnamischen Gesetzen und Proportionen abzurunden und\nSchatten und Licht in gehörige Vertheilung zu bringen.\nWenn selbst ein aus Virtuosen bestehendes Orchester nur\nauf diesem Wege zu künstlerisch bewusstem Zusammen-\nspiel zu erheben ist, um wie viel mehr bedarf dann das\nunsrige einer solchen Anleitung!\nIm vorigen Herbste erliess nun Herr Tausch einen\nAufruf an die hiesigen Musikfreunde zur Bildung eines aus\nmitwirkenden und zuhörenden Mitgliedern bestehenden In-\nstrumental-Vereins, worin er auf die Notwendigkeit öfte-\nrer Uebungen für unsere Orchesterkräfte verwies. Es\nzeigte sich eine genügende Theilnahme, der Verein trat ins\nLeben, und in seinen wöchentlichen Uebungen vereinigen\nsich die Kräfte unseres Concert-Orchesters, einige Musiker\nweniger, einige Dilettanten mehr. Wir erwarteten daher,\ndass Herr Tausch den Verein zu einer Orchesterschule\nausbilden und namentlich die für die Concerte bestimmten\nMusikstücke dem sorgfältigsten Studium unterwerfen würde,\nweil er selbst das Ungenügende von zwei Concert-Proben\nfür unsere Kräfte zu erkennen schien. Wir sahen uns in-\ndess nur zu bald enttäuscht; denn die Programme des In-\nstrumental-Vereins sind ohne allen Zusammenhang mit de-\nnen der Concerte geblieben. In seinen Uebungen wird ge-\nwöhnlich eine Ouvertüre und eine Sinfonie, dazwischen zu-\nweilen ein Instrumental- oder Vocaf-Solo nicht etwa stu-\ndirt, nein, sondern mit wenigen Wiederholungen und Be-\nmerkungen, unter stetem Wechsel des Programms in jeder\nUebung, vom Blatt gespielt! Da, wo das Orchester\ndurch Musiker gebildet wird, mögen sich Dilettanten in\nähnlicher Weise vereinigen, um neue Compositionen ken-\nnen zu lernen, sich an älteren zu erfreuen und sich durch\nMitwirkung im Orchester zu unterhalten; in unseren Ver-\nhältnissen aber wird ein solcher Verein zur Schule für\nFlüchtigkeit und Rohheit der Ausführung, in der im gün-\nstigsten Falle nur eine handwerksmässige Routine niedri-\nger Art erworben werden kann. Wenn man in der ange-\ndeuteten Weise die grössten Ton werke, die technisch\nschwierigsten Sinfonieen und Ouvertüren von Schubert,\nSchumann, Gade und Anderen bebandelt, so wird der gute\nmusicalische Sinn, wie systematisch, bei Mitwirkenden und\nZuhörern untergraben. So zeigt es sich schon jetzt in un-\nserem Instrumental-Vereine; denn die ersteren sprechen\nvon ihren Leistungen wie von genialen Siegen über die\nhöchsten Schwierigkeiten, und die letzteren nehmen sie als\nsolche mit enthusiastischem Beifalle auf. Ein Theil der zu-\nhörenden Mitglieder, darunter viele junge Maler, die doch\nwissen sollten, dass jede Kunst Ernst des Studiums er-\nheischt, schwärmt so für den Verein, dass er den Concert-\nbesuch für überflüssig zu halten anfängt, der überdies den\nVerzicht auf Cigarre und Schoppen fordert.\nWir wissen nicht, wie wir es erklären sollen, dass\nHerrn Tausch jede Einsicht über das Unbefriedigende sei-\nner Leistungen und das Nachtheilige seiner Einwirkung zu\nfehlen scheint. Ist es Mangel an ästhetischem Sinne, den\nwir in unseren früheren Berichten nachwiesen? Sind es\ndie Wünsche der mitwirkenden Dilettanten, denen er sich\nunbewusst fügt? oder ist es der Einfluss stets zum Lobe\nbereiter Freunde? Herr Tausch erfreut in der Künstler-\nLiedertafel und Künstler-Gesellschaft „Malkasten\" häufig\ndurch seine ausgezeichneten Pianoforte-Vorträge, er unter-\nzieht sich allen Anforderungen, die an ihn für die Leitung\nder eigenthümlichen kleinen musicalischen Aufführungen\ndieser Gesellschaft Schwänke von Hans Sachs und An-\nderen, mit Mozart'schen und Beethoven'schen Melodieen zu-\ngestutzt gestellt werden und erwirbt sich dadurch eine\ngrosse Zahl von dankbaren Freunden. Wir neigen zu der\nAnsicht, dass die Art von Coterie, die sich dadurch um\nHerrn Tausch bildet, ihn über sich selbst in die Irre führt.\nSeine Freunde verehren ihn mit Recht als ausgezeichneten\nPianisten. Sollten sie aber so weit gehen, sein ausserge-\nwöhnliches, frappirendes musicalisches Gedächtniss, die sel-\ntene Sicherheit, mit welcher er die schwierigsten Clavier-\nCompositionen vom Blatt spielt, als Beweise künstlerischer\nGenialität zu bewundern? Sollte Herr Tausch sich dadurch\netwa irre leiten lassen, gewissenhaftes, methodisches Stu-\ndium mit Chor und Orchester für pedantisch zu halten?\nErscheinen ihm vielleicht desshalb seine Auflührungen, je\nunvorbereiteter, je künstlerischer? Findet er es etwa genial\nkühn, wenn er Dilettanten und Künstlern in einzelnen Fällen"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "157", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.1.5", "texte": "sogar gestattet, ohne Probe in den Concerten mit zu\ngeigen? Herr Tausch scheint es zu verkennen, dass ihm\ndas geistige Uebergewicht, der Reichthum individueller Be-\ngabung seiner Vorgänger Mendelssohn, Rietz und Hiller\nmangelt, wodurch sie die von ihnen geleiteten Kräfte em-\npor zu heben, zu spannen und zu durchgeistigen vermoch-\nten, dass er selbst nur durch Sorgfalt und Ernst des Stu-\ndiums, durch Ausdauer und Energie wirken kann und dass\nihm der Instrumental-Verein ein glückliches Mittel dazu an\ndie Hand gab, das seinen Vorgängern fehlte. Nachdem\nHerr Tausch dieses Mittel so gänzlich verkannt hat, können\nwir die Ueberzeugung nicht länger zurückdrängen, dass\nwir auf eine günstigere Entwicklung der Zustände durch\nihn nicht mehr hoffen dürfen.\nDer Vorstand des allgemeinen Musik-Vereins, unsere\nConcert-Direction der überwiegenden Mehrzahl nach, ver-\nhält sich allen Missgriffen des Herrn Tausch gegenüber\nvöllig passiv, einige von den Herren sanetioniren sogar die\nArt der Leitung des Instrumental-Vereins durch eifriges\nMitgeigen. Wir würden daher an einer Wendung der Dinge\nverzweifeln müssen, wenn nicht die Theilnahmlosigkeit des\nPublicums dem allgemeinen Musik-Vereine und seinen Con-\ncerten gegenüber immer mehr die pecuniären Mittel in\nFrage stellte, wovon die letzteren gegeben werden. Aus\nFurcht vor einem Deficit hat man im vorigen Herbste die\nConcert-Preise erhöht und dadurch die Calamität vergrös-\nsert. Wir glauben uns nicht zu täuschen, wenn wir die\nZahl der Abonnenten, im Vergleich zu früheren Jahren,\nfast um die Hälfte vermindert schätzen. Aus ökonomischen\nRücksichten scheint in diesem Jahre die so nothwendige\nVerstärkung des Streich-Quartetts unterblieben zu sein,\nund wenn auch in der letzten Saison die Kosten gedeckt\nwerden sollten, so wird man doch zu ferneren Ersparnissen\nübergehen müssen, um den Concerten das Leben zu fristen,\nwenn sich die Herren von der Direction nicht zu persön-\nlichen Zuschüssen entschliessen. Vielleicht würde das mehr\nEindruck auf sie machen, als der Vorwurf, durch ihre Pas-\nsivität, einer Reihe von nachlässigen, ungenügenden Auf-\nführungen gegenüber, sich an den bedeutendsten Tonwer-\nken vergangen, das Publicum über deren Werth irre ge-\nführt, den edleren Sinn und Geschmack für Tonkunst un-\ntergraben und eine Lauheit und Theilnahmlosigkeit hervor-\ngerufen zu haben, welche bei einer durch den Wechsel der\nleitenden Persönlichkeifen etwa eintretenden Wendung zum\nBesseren noch lange fühlbar und hemmend bleiben wird.\nWir sehen diesem Wechsel erwartungsvoll entgegen;\ndenn er allein kann uns einer Epoche zuführen, in der wir\nauf unsere frühere Blüthezeit der Tonkunst nicht mit Be-\ntrübnisszurückblicken müssen; nicht mit Beschämung, wenn\nwir bedenken, dass Düsseldorf vor allen übrigen Städten\ndes Rheinlandes berufen erscheint, jeder Kunst einsichts-\nvolle Pflege zuzuwenden. —6 —.\n\nZur Geschichte des Männergesanges.\n(Wir entnehmen das Folgende einer Schrift von J. Fr.\nTaeglichsbeck, Gymnasiallehrer und Musik-Director\nan der St.-Katharinen- und St.-Pauli-Kirche zu Branden-\nburg: „Die musicalischen Schätze der St.-Ka-\ntharinen-Kirche. Ein Beitrag zur musicalischen Lite-\nratur des 16. und 1 7. Jahrhunderts. Brandenburg, 1857.\nVerlag von Ad. Müller.u 4. Wir werden später auf die-\nselbe zurückkommen.)\nDie Meisterwerke eines Palestrina, Lotti, Gabrieli u. s.\nw. fanden in der berliner Sing-Akademie ihre schöne Pflege.\nTrotzdem aber muss die Kenntniss von jener Glanz-Periode\ndes Kirchen-Stils aus dem 16. Jahrhundert selbst unter\nZelter in Berlin noch lücken- und mangelhaft gewesen\nsein, was aus den Vorgängen, welche die Veranlassung zur\nGründung der Liedertafel (24. Januar 1809) wurden,\nhervorgeht.\nBekanntlich gab unseres Hochseligen Königs Majestät\nwährend seines Aufenthaltes zu Memel, wohin er in Folge\nder denkwürdigen Schlachten bei Preussisch-Eylau am 7.\nund S.Februar 1807 und des tilsiter Friedens seine einst-\nweilige Residenz verlegt hatte, den ersten Anstoss dazu,\ndadurch, dass er nach Anhörung eines vierstimmigen Män-\nnergesanges, welchen russische Soldaten, in einer Gondel\nauf der Dange, dem russischen Gränzflüsschen, fahrend, zu\ngrossem Wohlgefallen des Königs angestimmt hatten, gegen\nden späterenGenerai-Lotterie-Director Bornemann sen.*)\nden Wunsch aussprach, in seinem Heere künftighin einen\nähnlichen Gesang eingeführt zu sehen. Nach Berlin zurück-\ngekehrt, machte Bornemann dem Prof. Zelter von dem, was\nan der russischen Gränze zur Sprache gekommen, Mitthei-\nlung. „Gern theilte Zelter\" —wir lassen den Verfasser der\nangeführten Schrift S. VII. mit seinen eigenen Worten fort-\no o\nfahren „meinen Wunsch, dem Könige vermittels der\nSing-Akademie entgegen zu kommen; aber diese, nur der\nPflege des ernsten, strengen Kirchen-Stils gewidmet, liess\nsich mit der vorliegenden Aufgabe, die bloss auf eine För-\nderung allgemeiner militärischer Sangfertigkeit hinzudeuten\n\n*) S. Bornemann, W., sen., die Zeltersche Liedertafel in Ocr-\nlin. Berlin, 1851, bei Decker."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "158", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.1.6", "texte": "schien, nicht wohl in Einklang bringen. Ihm, dem Zelter,\nwie mir, war damals auch noch nicht das Geringste von den\ngrossartigen russischen Gesang-Instituten bekannt, gestiftet\nzur gesanglichen Erhebung gottesdienstlicher Feier in der\ngriechischen Kirche, aus welcher gleichsam von selbst schon\nallgemeine Gesangfertigkeit sich erbildete und namentlich\nauch in das Militärwesen überging. Unbezweifelt hatte der\nKönig, vertraut mit jenen Instituten, ein Gleiches für die\ngesangliche Erhebung in der evangelischen Kirche vor\nAugen, ohne jedoch auch nur entfernt sich darüber zu\näussern. Zelter wollte überhaupt nicht einmal die tonfeste\nDurchführung eines nur von Männerstimmen ohne alle In-\nstrumental-Begleitung vorgetragenen Gesanges oder gar\neines längeren Liedes zugeben. Selbst bei geübten Sängern\nwerde das Herabsinken nicht ausbleiben. Gelegentliche Ver-\nsuche mit eigens dazu componirten Liedern seien noch erst\nzu machen\" u. s. w. Weiterhin heisst es bei Beschreibung\neines Abschiedsmahles für den Bank-Beamten Otto Grell\n(Vater des jetzigen verdienstvollen Directors der Sing-Aka-\ndemie und gründlichen Kenners des Palestrina-Stiles, Edu-\nard Grell zu Berlin), bei welcher Gelegenheit dem oben\ngenannten Verfasser des Werkes über Entstehung der ber-\nliner Liedertafel die Anordnung und Beschaffung frohsinni-\nger Tafellieder überlassen war: „So war nun die Gelegen-\nheit gekommen, es mit Liedern, gesetzt für geübte Männer-\nstimmen, zu versuchen. Einen Cyklus von sechs Liedern\nlegte ich dazu vor, in deren Tonsetzungen sich Zelter mit\nLud. Hellwig, Wollanck und Flemming theilte, unter dem\ngemeinsamen Uebereinkommen, die unterstützenden Klänge\ndes Flügels dabei nicht fehlen zu lassen. Aber für die Auf-\nstellung des Instrumentes fand sich in dem damals noch\nsehr beschränkten, mit bis siebenzig Gedecken schon über-\nvoll besetzten Hauptsaale jenes Hauses kein Raum mehr.\nDa sollte die Guitarre stellvertretend aushelfen und wurde\nschnell herbeigeholt. Die Saiten schlugen vor, kräftig frische\nMännerstimmen setzten ein, und das ärmliche Geklimper\nverschwand in den Massen, die sich selber goldrein tonfest\nhielten, was von einem durch mehrere Strophen hin ohne\nInstrumental-Begleitung geführten Chor vielseitig war be-\nzweifelt worden. Da wurde die Guitarre beseitigt.\"\nSo wenig wir nun auch gewillt sind, dem alten ehren-\nfesten Zelter, dem wir als Musiker und Dirigenten unsere\naufrichtigste Hochachtung zollen, durch Anführung dieser\nallerdings etwas sehr naiven Vorgänge irgendwie zu nahe\nzu treten im Gegentheil, es stellt sich ja sein Verdienst\nals Schöpfer des modernen geselligen Männergesanges da-\ndurch nur um so deutlicher ans Licht —, so muss es uns\ndoch erlaubt sein, aus diesen Vorgängen den Schluss zu\n♦ 1\nziehen, dass es damals in Berlin überhaupt um die wissen-\nschaftliche Kenntniss dessen, was frühere Jahrhunderte im\nFache der Gesang-Composition geleistet haben, ziemlich\nschlecht gestanden haben mag, wenn man nicht einmal eine\nAhnung davon hatte, dass die Praxis des Männergesanges\nüberhaupt schon seit Jahrhunderten feststand. Ja, was noch\nmehr ist, diese Unkenntniss der Leistungen früherer Kunst-\nEpochen geht so weit, dass man selbst noch in neuerer\nZeit den Satz aufstellte, die Alten hätten reinen Männerge-\nsang gar nicht gekannt. Dies behauptet z. B. G. Doering\nin Elbing in seinem historisch-kritischen Versuche: „Zur Ge-\nschichte der Musik in Preussen\"(S. 178). Ferner nennt der\ngeachtete Kunstkritiker L. Rellstab in Berlin (s. Vossische\nZeitung, 1843, vom 10. Juli) seinen Freund Bernhard\nKlein geradezu den Erfinder des religiösen Männergesan-\nges im Gegensatz zum weltlichen, der unter Zelter aller-\ndings schon existirte, während B. Klein selbst recht wohl\nwissen musste, dass eine grosse Menge von Compositionen\nfür Männergesang vor ihm bereits existirte, da er ja in Rom\neine reichhaltige Sammlung solcher Compositionen ange-\nlegt und daran seine Studien gemacht hatte, wobei er frei-\nlich ganz übersehen zu haben scheint, dass sogar schon von\nPalestrina ganze Bände solcher Arbeiten vorliegen, z. B.\nLamentationen für 4 und 5 Männerstimmen, ferner viele\ndergleichen Arbeiten von Benevoli, Vittoria, Cyprian de\nRore, Ivo de Vento, Jac. Regnart, Joh. Walter, Mich. Prae-\ntorius, Jac. Handl, Melchior Frank und Anderen, die alle\nin Italien und Deutschland zu haben gewesen wären. Mi-\nchael Praetorius unterrichtet uns, dass selbst die vielen für\nKnabenstimmen geschriebenen Stücke von ihm und Ande-\nren gewöhnlich auch für Männerstimmen allein zu gebrau-\nchen seien. Sei hier und da eine Abänderung zu machen,\nso bedinge er sich nur eine geschickte Hand. Um endlich\ndarzuthun, dass solche Männersachen bereits vielfach exi-\nstirt haben, bedarf es bloss der Erwähnung, dass der kö-\nnigliche Dom-Chor in Berlin Compositionen der Art von\nPalestrina, Vittoria, Menegali, Lotti, Cordans u. s. w. öfter\nschon zum öffentlichen Vortrage gebracht hat. Auch in\nneueren Sammlungen finden sich derlei Gesänge für Män-\nnerstimmen von alten Meistern; z. B. enthält der zweite\nBand von Franz Commer's lauter Compo-\nsitionen für 2, 3 und 4 Männerstimmen; ferner liefert auch\nWilh. Greef (Geistliche Männerchöre, alte und neue, für\nFreunde des ernsten Männergesanges. Erstes Heft. Essen,\n1851) einzelne Figuralsätze von Palestrina, Orlandus de\nLassus, Lotti, Händel und Gluck. Dem in der Gesang-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.1.7", "texte": "Literatur des 16. Jahrhunderts Bewanderten brauchen wir\nbei dieser Gelegenheit nicht erst in Erinnerung zu bringen,\ndass man sich durch den in den Stimmbüchern der alten\nTonsetzer lür hohen Tenor fast allgemein gebräuchlichen\nAltschlüssel nicht darf beirren lassen, worauf schon F. J.\nFetis in seiner Chorgesang-Schule mehrfach aufmerksam\ngemacht hat. Die hohen Tenöre wurden sogar häufig ge-\nradezu Altisten genannt, wie dies aus der dresdener Can-\ntorei-Ordnung vom 14. April 1592 (Herzogs Friedrich\nWilhelm zu Sachsen) zu ersehen ist, wo es unter Anderem\nheisst: „Mit der Mutation der Knaben soll es wie zuvor\nalso gehalten werden. Do ein Knabe eine Stimme verendern\nnnd zum Discant nicht mehr dienstlich seyn wirdt, wollen\nwir ihn in der Fürstenschulen einer mit 5 thlr. abfertigen,\nund darinnen 2 oder 3 Jahre unterhalten lassen. Doch\ndass er zum wenigsten 3 oder 4 Jahr in der Hofcapell\nI\naussgestanden und sich wohl verhalten. Befinden wir denn\naus seiner Praeceptoren Zeugniss oder fruchtbarlicher Be-\nweisung seines Studirens, dass etwas hoffentliches von ihm\nzu erwartert, wollen wir ihm 2 oder 3 Jahr zu Leipzig\noder Wittenberg jährlich mit 25 Gulden aus der Kammer\noder sonst unserer Gelegenheit noch verlegen lassen, doch\ndass er sich verpflichte oder Versicherung mache, wo er\nnach Ausgang dieser Zeit zu einem Altisten oder Te-\nnoristen in der Cantorei oder zu andern Aemtern tüch-\ntig seyn würde, dass er sich dazu brauchen lassen und der\nHerrschaft dienen wolle und solle\" u. s. w.\n\nMusicalische Preis-Aufgabe.\nEin frankfurter Musikfreund, hoch entzückt von dem bekannten\nMozart'schen und einigen ähnlichen Tonstücken der\nKammermusik, hat einen Betrag von 27 Ducaten für Prämien\nausgesetzt und bei dem Banquierhause Herren Joh. Göll &\nSöhne in Frankfurt am Main deponirt. Er stellt dafür fol-\ngende Bedingungen:\n§. 1. Nur neue, noch nirgends bekannte Compositionen für\nClarinette und mindestens zwei, bis höchstens vier\nStreich-Instrumente können concurriren.\n§. 2. Allzu grosse technische Schwierigkeiten sollen möglichst\nvermieden werden, damit ein genügender Vortrag auch für Dilet-\ntanten erreichbar ist.\n§. 3. Jeder Bewerber schickt die Partitur nebst den ausge-\nschriebenen Stimmen seiner Composition, welche keinen Namen\noder Wohnort tragen darf, aber unter Beifügung seiner Adresse\nauf einem getrennten Blatte, an Herrn Dr. C. F. A. Giar, Notar\nder freien Stadt Frankfurt am Main.\n§. 4. Herr Dr. Giar wird alle so eingehenden Compositionen\nnach der Reihenfolge des Empfanges numeriren und unter streng-\nster Verschweigung des Namens des Componisten an die Herren\nSachverständigen (§. 5) zur Prüfung befördern.\ng. 5. Herr Capellmeister V. Lachner in Mannheim, Herr\nMusik-Dircctor F. Messer in Frankfurt am Main und Herr Gene-\nral-Musik-Director Dr. L. Spohr in Kassel hatten die Güte, sich\nzur Uebernahme dieser Prüfung als Sachverständige bereit zu er-\nklären; jeder von ihnen wird sein Urtheil versiegelt bei den Herren\nJoh. Göll & Söhne niederlegen.\n§. 6. Zur schiedsrichterlichen Vertheilung der Preise haben die\nHerren Stadtgerichtsrath Dr. Mumm, Dr. Schlemmer und Dr.\nG. A. Spiess in Frankfurt am Main sich bereit zu erklären die\nGefälligkeit gehabt; diese Vertheilung geschieht ausschliesslich auf\nGrund der von ihnen in gemeinschaftlicher Sitzung zu entsiegeln-\nden Urtheile der Herren Sachverständigen (§. 5).\n§. 7. Um seine Ansichten und Wünsche klar zu stellen, propo-\nnirt der Preissteller:\neinen ersten Preis von 12 Ducaten für diejenige Compo-\nsition, welche sich neben gediegener Arbeit vor Allem durch\npoetischen Schwung auszeichnet, also an keiner Stelle als\nkünstliches „Machwerk44 erscheint, sondern durchgehends als\nEin Erguss genialer Empfindung;\neinen zweiten Preis von 9 Ducaten für besonders lieb-\nlichen Melodieen-Reichthum neben sonst untadelhafter Ar-\nbeit, und ' .\neinen dritten Preis von 6 Ducaten für diejenige Compo-\nsition, welche die Herren Sachverständigen, gleichviel, wess-\nhalb, dafür empfehlen werden.\nDoch soll dieser Vorschlag nicht unbedingt maassgebend\nsein, vielmehr sind die Herren Sachverständigen (§. 5) befugt, anch\neine Aenderung in der Eintheilung der Summen vorzunehmen; ja,\nauf ihren einmüthigen V orschlag kann sogar Eine ganz hervorra-\ngende, in jeder Beziehung meisterhafte Composition sämmtliche\n27 Ducaten erhalten.\n§. 8. Wenn aber gegen Verhoffen die einlaufenden Compositio-\nnen der Art sein sollten, dass die Herren Sachverständigen nicht\nfür alle Preise wirklich kronungswerthe Arbeiten darunter finden,\nso wird für die dadurch jetzt frei bleibenden Preise eine neue\nConcurrenz ausgeschrieben.\ng. 9. Sollten die Urtheile der Herren Sachverständigen (§. 5) so\nweit aus einander gehen, dass nicht mindestens zwrei der Herren\nSchiedsrichter (g. 6) sich über einen Spruch darauf einigen könn-\nten, dann werden jedem der Herren Sachverständigen die Urtheile\nseiner beiden Herren Collegen mitgetheilt, zur Erleichterung einer\nEinigung unter ihnen. Falls einer der drei Herren Sachverstän-\ndigen oder der drei Herren Schiedsrichter austreten sollte, wählen\nseine bleibenden Herren Collegen einen Ersatzmann.\ng. 10. Die Preisvertheilung wird vorgenommen, sobald minde-\nstens zwölf Compositionen eingetroffen sind; doch soll in keinem\nFalle länger als bis Ende 1857 gewartet werden. Alle Compositio-\nnen, welche zu den zwölf zuerst anlangenden gehören und\nvor Jahresschluss eintreffen, müssen angenommen werden; spä-\ntere können noch zugelassen werden, wenn daraus keine zu grosse\nVerzögerung erwächst, worüber der Preisstefler zu entscheiden\nbefugt ist.\n§. 11. Nach geschehener Preisvertheilung werden die Compo-\nnisten der gekrönten Werke genannt, alle anderen bleiben streng\nverschwiegen.\ng. 12. Der Preissteller hat das Recht, sich die ausgeschriebenen\nStimmen derjenigen Werke, welche concurrirt haben werden, aus-\nliefern zu lassen und für sich zu behalten, darf aber keinerlei Du-\nplicate oder Vervielfältigungen davon fertigen oder fertigen lassen.\nDie Partituren gehen sämmtlich an ihre Einsender zurück,\nderen freies Eigenthum sie bleiben.\nFrankfurt am Main, den 9. Mai 1857."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "160", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570516-01.1.8", "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nWeimar. Dr. Dingelstedt, vom Grossherzog zum Inten-\ndanten des Hoftheaters ernannt, wird mit dem 1. October d. J.\nsein Amt antreten. Man ist neugierig darauf, wie sich das Ver-\nhältniss zwischen ihm und dem Hof-Capellmeister F. Liszt gestalten\nwerde; hoffentlich zum Vortheil der wahren Kunst und nicht ein-\nseitiger Bichtungen derselben.\nlörestlesß. Der ausgezeichnete Tenorist Adolf Auerbach\nvon der k. k. Hofoper zu Wien, wo er indess nur noch wenig be-\nschäftigt worden ist, erregt Bewunderung. Er ist ein Helden-Tenor\nvom reinsten Metall. Auch sein Spiel ist lobenswerth und wird\nsich den Anlagen des jungen Künstlers nach sehr bald zu einem\nhohen Grade der Vollkommenheit erheben. Er ist als Masaniello\nin der Stummen, als Bobert, Eleazar und Prophet aufgetreten.\nAltona. Am 30, April ist C. Beinthaler's „Jephta und\nseine Tochter\" in der hiesigen Hauptkirche unter der Direction\ndes Herrn Musik-Directors J. BÖie von einem Personal von 150\nMitwirkenden aufgeführt worden. Die Chöre wurden von Anfang\nbis Ende mit grosser Präcision gesungen; es kam nirgends ein\nSchwanken oder eine Unsicherheit im Einsetzen vor. Auch die\nSoli, wenn auch nicht so glänzend wie in Hamburg besetzt, wur-\nden recht brav ausgeführt; besonders zeigte sich Herr Schulz\naus Hamburg als einen sehr guten Vertreter des Jephta. Die Kir-\nche war gedrängt voll, und das schöne Werk wurde von den Mit-\nwirkenden und Zuhörern mit sichtbarer Begeisterung aufgenommen.\nIn Hamburg macht das Gastspiel von Ander und der Fräul.\nWildau er aus Wien überfüllte Häuser. In der Lucia di Lammer-\nmoor, wo sie zwei Mal beide zusammen (Lucia und Edgar) auf-\ntraten, war das Haus zu um die Hälfte erhöhten Preisen ausver-\nkauft. Fräul. Johanna W7agner wird erwartet.\nW ö. Mai. Verdi s „Giovanna d'Arcodie erste neue\nOper dieser Stagione, hatte sich nur eines halben Erfolgs zu er-\nfreuen. Sie gehört noch ganz in jene Periode der Verdi'schen\nWirksamkeit, aus welcher Ernani als die beliebteste und am wei-\ntesten verbreitete Oper hervorragt. Auch theilt sie in der That alle\ntehler und Vorzüge dieser Periode; nebst gewaltigem Instrumen-\ntenlärm, Anhäufung von Unisono's und trivialen Stretta's manches\nweiche, flüssige Gesangs-Element, manche sinnige Arabeske der Be-\ngleitung. Ist übrigens Giovanna d'Arco minder reich an prägnanten,\nsinnlich packenden Motiven als Ernani, so treffen wir dagegen auch\nmanche Momente echten, wahren Gefühls-Ausdrucks darin. Das\nBuch von Solera fasst die Geschichte der Johanna d'Arc in einem\nProloge und drei Acten so einfach als möglich zusammen. Es tre-\nten nur drei Hauptpersonen auf: König Karl VII., Johanna und\nihr \\ater. Die beiderseitigen Heerführer Frankreichs und Eng-\nlands haben jeder kaum ein paar Tacte zu singen. In der Oper\nist es König Karl selbst, welcher der gottbegeisterten Jungfrau ein\nllüchtiges Gefühl irdischer Liebe einflösst. Der Vater klagt die\niochter an, wie in Schiller's Tragödie, und führt sie vom könig-\nlichen Hoflager fort; er erkennt später ihre tinschuld und lös't ihre\nFesseln; sie stürzt zum Kampfe, wird leblos aus demselben ge-\nbracht, erholt sich aber wieder zum Bewusstsein, und nachdem\nman ihr die heilige Fahne gereicht hat, schwebt ihre Seele in Ver-\nklärung zum Himmel empor. Es fehlt nicht an modernem Opern-\nBeiwerk aller Art. Der grosse Aufzug im zweiten Acte mit einem\nTriumphmarsch, fernes Kriegsgetön, ein Trauermarsch, ein Chor\nguter und böser Geister, Chor der Engel das sind Hebel, um\nEffecte anzubringen, die nie ganz fehl gehen.\nEine Erklärung im 8. Hefte von Lobe's Fliegenden Blättern\nmacht Front gegen eine dem Herausgeber durch die Verlagshand-\nlung zugegangene anonyme Anschuldigung. In jenem Briefe wird\nLobe's Besprechung der Liszt'schen Sinfonie „Tasso\" als ein Ver-\nrath an der guten Sache angesehen und bedauert. Lobe erklärt\nsich nun als Unparteiischer. Er habe nie einer Partei angehört.\nAlso könne auch von einem Uebergange ins Lager der Zukunfts-\nPartei keine Bede sein. Er gehe allein seinen Weg; wo er etwas\nGutes finde, da sage er es der Welt, kümmere sich nicht um Na-\nmen und Coterieen. „Also nichts von Partei, nichts von Einsei-\ntigkeit in der Kunst!44 Wir referiren hier, theilen aber Lobe's An-\nsicht nicht. Er vergisst, dass auch ein gewisser Muth dazu ge-\nhört, bei einer Partei auszuhalten, dass er sich der Gefahr aussetzt,\ndafür angesehen zu werden, als coquellire er mit allen Parteien\naus Schwäche. (N. W. M.-Z.)\nDer Neger Ira Aldridge, durch sein dramatisches Talent\nauch in Deutschland bekannt, soll bei einem Eisenbahn-Unglück in\nEngland umgekommen sein.\nUriissel. Am 10. Mai wurde in dem letzten Conservatoire-\nConcerte unter der Direction des Herrn Fetis die -E-mo/Z-Sinfonie\nvon F. Hill er mit grossem Beifalle aufgeführt; besonders die drei\nersten Sätze halten ausgezeichneten Erfolg."}]}