{"numero_id": "bm-bmtnabi-1857-05-23-01", "volume": "bmtnabi_1857-05-23_01", "ocr_sha256": "5df254129ed0c211d64f29a08ce12f7726778cdb4768a17d05acf7c7c6a2a5b6", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1857/05/23_01/bmtnabi_1857-05-23_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-23-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-23_01#c001", "volume": "bmtnabi_1857-05-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "161", "page_fin": "161", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 422, "texte": "Inhalt.\nBerliner Briefe (II Trovatore - Mantius, Krüger, Wolf de Fortuni. Von G. E.). J. H. Lützelns Kirchenchor in\nZweibrücken. Von E. G.— Zur Geschichte der Bache. Von L. B. Aus Mainz (Musicalische Vereine) Aus Leipzig (Prüfungen im Con-\nservatorium). Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Männergesang-Verein, F. Hiller Ira Aldridge Karl Reinecke Neu-\nwied, Concert München, Em. Geibel —* Hamburg, Fräul. Nina Hartmann)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-23-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-23_01#c002", "volume": "bmtnabi_1857-05-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "161", "page_fin": "164", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.2.2", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. 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Nehmen Sie\nden Romeo aus, der, weil Johanna Wagner darin allen\nGlanz ihrer Stimme und ihres Spiels entfaltet, das Haus\nhäufiger füllt, so sind die anderen italiänischen Opern, die\nnoch hin und wieder gegeben werden, meist nur Lücken-\nbüsser, die höchstens, wenn eine fremde Sängerin von Ruf\ndarin auftritt, eine grössere Anziehungskraft üben. Der\nTancred konnte selbst trotz Johanna Wagner nicht recht\ndurchdringen; der Teil und die Belagerung von Corinth\nmachten geringen Eindruck; vom Barbier von Sevilla hat\nman im Allgemeinen die Meinung, dass er durch deutsche\nSänger verdorben würde. An der Norma und der Nacht-\nwandlerin hat man sich in. früheren Jahren, namentlich zu\nden Zeiten der Lind, übersättigt. Die Lucrezia und Lucia\nführen noch ein kümmerliches Leben, eben so der Liebes-\ntrank und die Regimentstochter. Die Favoritin verschaffte\nsich nur unter Roger's Aegide Eingang. Kurz, eine eigent-\nliche Zug-Oper existirt gar nicht unter allem, was das\nneuere Italien hervorgebracht hat. Ist wirklich tiefere mu-\nsicalische Bildung so allgemein unter uns verbreitet, dass\nman darin den Grund zu suchen hätte? Fast müssen wir\nes annehmen, oder wenigstens, dass ein dunkles Gefühl\nvon der Oberflächlichkeit des musicalischcn Ausdrucks, von\ndem Mangel an eingehendem Ernste, der dem Italiäner\neigentümlich, im Publicum verbreitet ist. Ganz unmusica-\nlisch müsste ein Volk sein, das für den Reiz italiänischer\nMelodik überhaupt unemplänglich wäre, das gar keinen\nEindruck davon empfinge. Die italiänische Oper ist gewis-\nser Maassen die lockende Aussenseite der Kunst; sie ist\ndas verführerische Element, wodurch die Menge überhaupt\nfür die Musik gewonnen wird. Was im Innern des Heilig-\nthums vorgeht, ist freilich ganz anderer und höherer Art;\ndie wahre Tiefe der Empfindung offenbart sich nicht in\ndiesem blossen Spiel mit Tönen. Aber um sich weit nach\naussen hin, um sich über die Welt auszubreiten, um alle\nlür sich zu gewinnen, in denen auch nur der schwächste\nFunke musicalischer Empfänglichkeit sich regt, bedurfte\ndie Kunst dieses leichtfertigen Gauklers, der gleichsam vor\nder Pforte des Tempels steht und bald durch heitere\nScherze, bald duch schmerzensvolle Geberden, stets aber\nmit liebenswürdiger Anmuth, die vorbeieilende Menge fest-\ngebannt hält und diesen und jenen Einzelnen so fesselt,\ndass er sich entschliesst, auch in den Tempel selbst einzu-\ntreten. Das Heilige bedarf auch des Profanen, sonst würde\ndie Menge daran vorübereilen. So müssen wir also voraus-\nsetzen, dass in Berlin das Bessere tiefe Wurzeln geschlagen\nhat; denn gegen italiänische Musik kann in der That nur\nderjenige gleichgültig sein, der das Bessere so gut kennt,\ndass sein Gefühl es mit Sicherheit von dem Schlechteren\nunterscheidet. Nach der hier herrschenden Stimmung konnte\nman kaum erwarten, dass eine neue italiänische Oper so\nbald wieder auf das Repertoire kommen würde; seit ich\nIhnen musicalische Berichte sende, d. h. seit sechs Jahren,\nist in der That ein solcher Fall nicht da gewesen; nament-\nlich war Verdi bis jetzt nicht in die Räume gedrungen, die\nvon den Tönen Gluck's, Mozart's und Beethoven's wieder-\nhallen. Die italiänischen Sänger an der Königsstadt brach-\nten ihrer Zeit den Ernani, den Nebukadnezar und die Lom-\nbarden zur Aufführung; doch interessirte sich dafür nur"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5270, "texte": "ein kleiner Theil des Publicums; man konnte also sagen,\ndass derjenige Componist, dessen Herrschaft in den Welt-\nstädten, und wenn wir dabei nicht an den engeren Kreis\nder Eingeweihten denken, gegenwärtig entschieden ist, bei\nuns noch fast ganz unbekannt war. Das war jedenfalls ein\nUebelstand. Man muss die Mächte des Tages wenigstens\nkennen, wenn man ihnen auch nicht Weihrauch streut.\nDass sich daher die königliche Bühne entschloss, den Trou-\nbadour, eine der verbreitetsten Opern, zur Aufführung zu\nbringen, war nur mit Dank anzuerkennen.\nVon dem Eindrucke, den der Trovatore auf das Pu-\nblicum gemacht hat, lässt sich eigentlich nichts Bestimmtes\nsagen. Die Oper war sehr glänzend ausgestattet und wurde\ntheilweise vorzüglich dargestellt; so konnte ein gewisser\nErfolg nicht ausbleiben, um so mehr, da man doch irgend\netwas Neues zu hören und zu sehen verlangt; und dennoch\nschienen die Meisten zu fühlen, dass der Stoff der Hand-\nlung und der Text abscheulich und die Musik ziemlich\nwerthlos sei. Aeussere Umstände kamen hinzu, die dem\nErfolge der Oper hinderlich waren. Die Haupt-Darsteller\nwurden krank; Johanna Wagner, welche die Rolle der\nZigeunerin gibt, hat vor einigen Wochen ihren Urlaub an-\ngetreten ; nach vier oder fünf Aufführungen, zu deren letz-\nter noch Frau Palm-Spatzer aus Hamburg verschrieben\nwurde, musste man sich entschliessen, das neue Cassen-\nstück bis zum nächsten Winter zu vertagen. Ueber das\nSujet herrscht wohl nur Eine Stimme; was die französi-\nschen Opern früherer Zeit in Grausamkeit geleistet haben,\nist noch nichts gegen das Raffinement dieses Italiäners. Die\nMusik ist nicht ganz so unmenschlich, aber doch bei Wei-\ntem geschmackloser, als die Werke Bellini's und Doni-\nzetti's, und unendlich ärmer an Erfindung. Verdi ist ein\nEklektiker, der den melodischen Inhalt von seinen italiäni-\nschen Vorgängern entlehnt und ihn mit rhythmischen und\ninstrumentalen Gewürzen aus der französischen Küche zu-\nbereitet. Die Wirkung auf die Masse scheint das vornehm-\nliebste Ziel seines Strebens; in einzelnenMelodieen herrscht\neine Trivialität des Rhythmus und der Harmonie, die für\njedes nur einiger Maassen civilisirte Ohr beleidigend ist.\nUns sind aus allen italiänischen Opern neuerer Zeit, auch\naus den besseren, einzelne Melodieen bekannt, in denen die\nComponisten nichts Anderes erstrebt zu haben scheinen,\nals ich muss mich dieses Ausdruckes bedienen einen\nmöglichst vollkommenen Gassenhauer zu Stande zu brin-\ngen; Verdi hat sie weit darin übertroffen. Aber bei Bellini\nund Donizetti wird man durch andere Scenen entschädigt,\nin denen, wenn auch keine tiefe, so doch eine zarte und\nfeine, eine förmlich wohlthuende Empfindung hervortritt;\nbei Verdi ist dieser zarte Duft der italiänischen Musik\nzwar nicht gänzlich verschwunden, aber auch nur noch in\nseinen letzten Spuren vorhanden. Wenn indess von Be-\nfriedigung höherer Ansprüche fast nirgends die Rede ist,\nso lässt sich doch Eines nicht läugnen, das formelle Opern-\ngeschick, das den italiänischen Componisten eben so ange-\nboren scheint, wie den französischen Dichtern das Bühnen-\nTalent. Nur dadurch können wir uns den Erfolg erklären,\nden der Trovatore trotz der Nichtigkeit und Widrigkeit\nseines Inhalts gehabt hat. Namentlich enthält der vierte\nAct einzelne Scenen, in denen sich diese formelle Geschick-\nlichkeit so steigert, dass man darüber fast die Unbedeuten-\nheit des eigentlichen Inhalts vergessen kann, um so mehr,\nals hier auch der Componist bemüht gewesen zu sein\nscheint, die Klippen des künstlerisch Unschönen und gera-\ndezu Verletzenden zu vermeiden. Für Italien mag Verdi\nnoch eine besondere Bedeutung haben, in so fern er der-\njenige ist, der den eigenthümlichen Stil der französischen\nOper gewisser Maassen italisirt. Jedes Volk hat das Stre-\nben, das ihm Fremde sich auf die ihm gemässe Weise an-\nzueignen. Und sowohl Rossini als Bellini und Donizetti ha-\nben einzelne Opern geschrieben, in denen es ihnen um eine\nVerschmelzung des italiänischen und französischen Elements\nzu thun war. Für unser Gefühl sind es nicht ihre besten\nWerke; denn sie sind in der Erfindung meistens unbedeu-\ntender und haben etwas Stilloses, Unentschiedenes. Man\ndarf aber nicht verkennen, dass Versuche dieser Art, wenn\nsie auch augenblicklich unerquicklich sein mögen, von\neinem höheren culturhistorischen Standpunkte aus betrach-\ntet, eine Nothwendigkeit und ein Fortschritt sind. Wir\nglauben, dass Verdi diese Bedeutung für Italien hat, die\nAufnahme des französischen Elements in das nationale zum\nAbschluss zu führen. In so fern hat auch er seine Berech-\ntigung in der Reihe der. Componisten seines Vaterlandes,\nweniger durch das, was er selbst ist und leistet, als durch\ndas, wohin die von ihm vertretene Richtung führen kann.\nFür Italien entsteht eine Bereicherung dadurch, die in der\nZukunft zu reiferen, einheitsvolleren und gediegeneren\nSchöpfungen führen kann, als die heutigen sind.\nDie Aufführung des Trovatore war theilweise vorzüg-\nlich zu nennen. Namentlich zeichnete sich Frau Köster\nals Leonore durch die untadelhafte Correctheit und das\ndramatische Feuer ihres Gesanges aus. Fräul. Wagner\ngab die Zigeunerin mit fast zu grellen Farben; maassvoller\nwurde diese Rolle von Frau Palm-Spatzer dargestellt,\nan der wir überhaupt trotz mancher natürlichen Schwächen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "163", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5222, "texte": "der Stimme, wie sie bei einer nicht mehr ganz jugendlichen\nSängerin unvermeidlich sind, aufs Neue erkennen konnten,\nwie viel eine solide Gesangs-Methode vermag. Herr For-\nmes sang den Manrico mit seiner klangvollen und bei de-\nclamatorischen Stellen sich zu ergreifendem Ausdruck stei-\ngernden Stimme; für die eigentliche Cantilene ist sein Or-\ngan weniger gut gebildet; dazu gehört ein Tragen und ge-\nwisser Maassen Wogen des Tones, eine gleichmässige Be-\nhandlung der Stimme, die zu dem declamatorischen Her-\nvorheben von Einzelheiten in dem entschiedensten Gegen-\nsatze steht. Herr Krause endlich sang den Grafen Luna\nedel und würdig, aber nicht charakteristisch und leiden-\nschaftlich genug.\nIm üebrigen ist das Repertoire unserer Oper unver-\nändert geblieben, mit Ausnahme einer neu einstudirten\nHerold'schen Oper, über die weiter unten. Doch sind im\nPersonal viele Aenderungen theils bereits geschehen, theils\nnoch im Werke, über die ich in Kürze zu berichten habe.\nJohanna Wagner wird, wie es gegenwärtig heisst, der\nBühne trotz ihrer bevorstehenden Verheirathung noch län-\ngere Zeit erhalten bleiben; eben so Frau Köster, mit der\naufs Neue ein fünfjähriger Contract (wie man hört, mit\n7000 Thalern Gehalt und viermonatlichem Urlaub) abge-\nschlossen ist. Dass wir somit die wesentlichsten Stützen\nunserer Oper nicht verlieren, ist sehr erfreulich; beide Da-\nmen sind in der That für jetzt unersetzlich. Ihnen reihen\nsich die Damen Herrenburger-Tuczek, Trietsch,\nBottich er, Baur und Mandl an; über die beiden letz-\nten habe ich Ihnen kürzlich Bericht erstattet; sie sind un-\nseren ersten Sängerinnen keineswegs gleich zu stellen,\ndoch hat namentlich Fräul. Baur an Sicherheit auf der\nBühne gewonnen, und wenn sie auch, um strengere An-\nsprüche zu befriedigen, eine nicht hinreichend gleichmässige\nTonbildung hat, so ist sie doch in der Stellung, die sie ge-\ngenwärtig hier einnimmt, dem Repertoire von Nutzen. Be-\ndeutendere Aenderungen treten im Tenor ein. Herr Man-\ntius ist jetzt definitiv von der Bühne abgegangen. Er gab\nzu seinem Abschiede denFlorestan im Fidelio. Die deutsche\nBühne und namentlich Berlin verliert viel an ihm. Denen\nfreilich, die ihn in früherer Zeit nicht gekannt haben, mochte\nin den letzten Jahren die Kraftlosigkeit seines Organs, die\nmangelnde jugendliche Frische und die mitunter merkbare\nAnstrengung unangenehm auffallen. Ueberhaupt hat Man-\ntius nie eine eigentlich grosse Stimme gehabt; er ist nie\ngrosser dramatischer Wirkungen lähig gewesen; er war\ndarum auch niemals ein Sänger, der in weite Ferne und\nauf die grossen Massen wirken konnte. Aber die Aufgaben,\nwelche die classische Musik dem Tenoristen stellt und\ndiese sind fast immer zarterer Natur, nur die Neuerer ver-\nlangen jene überschwängliche Kraft und Leidenschaft vom\nTenor, an der diese Stimm-Gattung meistens zu Grunde\ngeht —, hat er fast durchweg vorzüglich gelös't, mit edel-\nster Tonbildung, classischer Correctheit und wenn auch\nnicht begeisterter, so doch inniger und geschmackvoller\nAuflassung. Seine Art, zu singen, hatte weder das unge-\nstüm Naturalistische und Zügellose, das den modernen Hel-\nden-Tenören, noch das Weichliche, das unseren lyrischen\nTenören eigentümlich ist; sein Ton war markig und noch\nbis weit in die Höhe von kräftigem Brust-Timbre, aber\nvon ungleich reinerer und schönerer Form, als bei den\nheutigen Koryphäen des dramatischen Gesanges. Mantius\nhat unserer Bühne 27 Jahre lang angehört; und wenn\nman bedenkt, dass in kleineren Räumen und wenn seine\nHöhe nicht allzu viel angegriffen wird, auch jetzt noch sein\nGesang einen höchst wohlthuenden Eindruck macht, so\nkann man ihm die Anerkennung nicht versagen, dass er\nseine Laufbahn rühmlich zurückgelegt hat. Es wird schwer\nsein, lür ihn einen Ersatz zu finden. Zunächst ist Herr\nKrüger, der Anfangs dieses Jahres von hier nach Dres-\nden gegangen war, wieder zurück engagirt worden. Er ist\nauch bereits, obschon vorläufig nur als Gast, wieder auf-\ngetreten als Elvino in der Nachtwandlerin. Seiner Stimme\nnach eignet er sich zum lyrischen Tenor, doch lässt seine\nkünstlerische Ausbildung noch viel zu wünschen übrig.\nNamentlich legte sein diesmaliges Auftreten kein sehr gün-\nstiges Zeugniss für die von ihm gemachten Fortschritte ab;\nseine Intonation war fast durchweg zu hoch. Trotzdem\nweicht seine Art, zu singen, weniger von der richtigen ab,\nals die unserer meisten Bühnensänger; sein Ton hat vieler-\nlei Mängel, aber er ist im Ganzen edel und wohlklingend.\nMan hat immer die Hoffnung, aus diesem Sänger könnte\netwas werden. Ausser Herrn Krüger ist Herr Wolff aus\nWien für Spiel-Partieen engagirt. Sein erstes Auftreten\nfand in der neu einstudirten Herold'schen Oper „Der\nZweikampf\" Statt. Was zunächst diese Oper, die letzte,\ndie Herold schrieb, und deren Aufführung er nicht mehr\nerlebte, betrifft, so ist sie zwar keine wesentliche, aber\neine annehmbare Bereicherung des Repertoires. Das Text-\nbuch enthält interessante Situationen und, theilweise we-\nnigstens, originelle Charakterzeichnung. Die Musik ist leicht,\ngefällig und aus Einem Guss. Die gute Stimmung, die in\nder französischen komischen Oper der früheren Zeit\nherrscht, ist noch nicht durch die Ansprüche, welche die\nComponisten seit der Wiederbelebung der grossen Oper"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3631, "texte": "machten, verdorben; es war eine Bahn, in der auch die\ngeringeren Talente, zu denen wir Herold rechnen müssen,\nfortkommen konnten. Herr Wolff führte sich bei uns als\nein vorzüglicher Schauspieler ein; er besitzt eine für einen\nSänger bewundernswerte Leichtigkeit der komischen Cha-\nrakterzeichnung. Da er dieselbe Eigenschaft auch in den\nspäter von ihm gegebenen Rollen, dem Almaviva und dem\nNemorino, bewährte, so ist es keine Frage, dass wir einen\ntrefflichen Buffo an ihm besitzen. Nicht gleich günstig lässt\nsich indess über seine Stimme und seine Gesangs-Methode\nurtheilen. Zwar weiss er dem Publicum durch eine sehr\nleichte Behandlung seiner Stimme und durch scheinbare\nColoraturfertigkeit Sand in die Augen zu streuen; doch\nhalten seine Coloraturen nur in seltenen Fällen eine ge-\nnaue Prüfung aus, und sein Triller ist fast das vollstän-\ndigste Gegentheil von dem wahren Triller, das wir bis jetzt\ngehört haben. Seine Stimme ist zwar hell und hörbar, aber\nohne eigentliches Volumen, mitunter weich und doch ohne\nSchmelz. Die Aussprache ist sehr deutlich, aber die Ton-\nbildung nasal und eben darum ohne jenen edeln Timbre,\nder den wahren Sänger charakterisirt. Dennoch bleiben\nihm auch als Sänger gute Eigenschaften, namentlich ein\ntreffliches Parlando und ein sehr leichter Uebergang vom\nBrust- in das Falset-Register. Sein Gesang ist nicht edel\ngenug, um tiefere Gefühle zu wecken, seine Kunstfertigkeit\nnicht echt genug, um ihm den Ruhm eines geschickten\nTechnikers zu verschaffen; aber durch eine gewisse geistige\nGeschicklichkeit, mit der er seine Stimme behandelt, wird\ner, wenn man ihn nur in dem ihm angemessenen Genre zu\nbeschäftigen weiss, der Bühne von grossem Nutzen sein\nkönnen. Ausser diesen beiden neu engagirten Tenören wird\nin nächster Zeit noch ein dritter debutiren. Herr Hoff-\nmann, der als Prophet einen glänzenden Erfolg errang,\nsich später aber nicht auf gleicher Höhe behaupten konnte,\nwird Berlin wieder verlassen.\nSchliesslich noch ein paar Worte über das Gastspiel\nder Signora Fortuni, über deren zarte Sopranstimme\ndie zarteste und lieblichste, die je bedeutende Erfolge er-\nrang— ich Ihnen schon im vorigen Sommer berichtete. Es\nlässt sich nicht wegläugnen, dass in ihrer Gesangs-Methode\nein Mangel liegt, der Mangel des vollen, kernigen, mit tie-\nfer Empfindung gesättigten Brusttones; und dennoch weiss\nsie auf jedes feiner organisirte Gefühl einen unbeschreib-\nlichen Reiz auszuüben, nicht bloss durch den seltenen\nWohlklang des höchsten Sopran-Registers oder durch ihre\nzwar nicht in jedem einzelnen Falle ganz correcte, im Gan-\nzen aber doch höchst respectable Kunstfertigkeit, sondern\ndurch die Zartheit ihrer Empfindung, die Feinheit ihres\nGeschmacks, durch den Liebreiz der ausgesuchtesten An-\nmuth. Sie ist bis jetzt als Lucie, als Adine im Liebestrank\nund als Nachtwandlerin aufgetreten. So viel uns bekannt,\nist sie noch Anlängerin auf der Bühne. Der €oncertgesang\nist wohl ihre eigentliche Sphäre; doch scheint sie auf der\nBühne immer heimischer zu werden, und gewisse Gefah-\nren, die ihr ganz besonders drohen (ihr zartes Organ wird\nbei einiger Anstrengung leicht zu hoch; dieser Fehler zeigte\nsich aber nur im Ensemble-Gesang, wenn andere, kräftigere\nStimmen sie über das ihr erreichbare Maass der Kraft hin-\naustrieben), scheint sie, mit dem Talente aufmerksamer\nSelbstbeobachtung begabt, immer glücklicher zu vermeiden.\nSignora Fortuni singt nur in italiänischer Sprache; wir ha-\nben also jetzt Opern-Vorstellungen, in denen alle Uebrigen\nDeutsch singen und die erste Sängerin Italiänisch.— Ueber\nden Verlauf Und den Schluss der Concert-Saison in mei-\nnem nächsten Briefe.\n\nG. 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B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.1.4", "debut_caractere": 3633, "fin_caractere_exclue": 5094, "texte": "Kirchenchor in Zweibrücken.\n\nEs dürfte wohl auch für weitere Kreise nicht ohne In-\nteresse sein, von einem Gesang-Vereine zu erfahren, wel-\ncher, wenn auch nicht durch äussere Ausdehnung hervor-\nragend, doch durch den inneren Werth und die Gediegen-\nheit seiner Leistungen die Theilnahme aller derjenigen ver-\ndient, welche für höhere Tonkunst Sinn und Begeisterung\nin sich tragen. Es ist dies der zu Zweibriicken unter\nder Leitung des Organisten Heinrich Lützel seit Weih-\nnachten 1854 bestehende Kirchenchor.\nDer Hauptzweck dieses Vereins ist, an Fest- und\nFeiertagen den Gottesdienst in der protestantischen Kirche\nzu Zweibrücken durch Gesang zu verherrlichen. Ausserdem\nveranstaltet derselbe von Zeit zu Zeit grössere selbststän-\ndige Aufführungen classischer Kirchengesänge. In der kur-\nzen Zeit seines Bestehens hat dieser Chor, welcher in sei-\nner jetzigen Zusammensetzung weibliche und 19 Män-\nnerstimmen zählt, unter der umsichtigen Leitung des Herrn\nLützel, der mit tüchtiger theoretischer Bildung, geläuter-\ntem Geschmack, gründlicher Kenntniss der Geschichte der\nTonkunst einen unermüdlichen Eifer verbindet, in der That\nVorzügliches geleistet und sich sowohl den Beifall der Mu-\nsikfreunde als auch den Dank der Gemeinde in hohem\nGrade erworben. Was den Verein der Beachtung der Ken-\nner würdig macht, ist theils dessen gediegene Richtung,\nwelche nur dem Reinsten und Höchsten im Gebiete kirch-\nlicher Tonkunst sich zuneigt und von den herrlichsten"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "165", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5000, "texte": "Schöpfungen aller Völker und Zeiten das Schönste und\nEdelste auswählt, theils die fleissige, sorglältige und pünkt-\nliche Einübung der Gesänge und die dadurch erzielte Run-\ndung und Vollendung des Vortrags.\nDie Richtung und das Streben des Vereins lässt sich\nam besten aus den Werken erkennen, denen er seine Thä-\ntigkeit widmet; das zahlreiche Verzeichniss der bis jetzt\neingeübten Chöre weis't die Namen der Meister Ahle, Al-\nlegri, Anerio, J. Chr. Bach, J. M. Bach, J. S. Bach, Bort-\nniansky, Calvisius, Cherubini, Durante, Eccard, Erythräus,\nFrank, Gabrieli, Gallus, Gastoldo, Goudimel, Graun, Gum-\npelzhaimer, Händel, Hammerschmidt, Hasse, Hassler, Haydn,\nHomilius, Jomelli, Lasso, Leo, Lotti, Mozart, Nanini, Osian-\nder, Pachelbel, Palestrina, Prätorius, Purcell, Rink, Rolle,\nRosenmüller, Scandinelli, Schröter, Schütz, Vittoria, Vul-\npius auf. Von neueren Tonschöpfungen wurden insbeson-\ndere die achtstimmigen Psalmen, welche Mendelssohn lür\nden berliner Dom-Chor geschrieben, eingeübt. Bei der\nletzten grösseren Aufführung, welche am verflossenen 15.\nMärz in der Alexander-Kirche Statt fand, wurden folgende\nGesänge vorgetragen: 1) Lobgesang lür vierstimmigen Chor\nvon Palestrina, 2) Gebet lür eine Sopranstimme von AI.\nStradella, 3) Festlied lür sechsstimmigen Chor von J. Ec-\ncard, 4) Terzett für Alt, Tenor und Bass von Giac. Ca-\nrissimi, 5) Lied für fünfstimmigen Chor von J. Rosenmül-\nler, 6) Choral „Befiehl du deine Wege\", vierstimmiger\nTonsatz von J. S. Bach, 7) Vierstimmiger Chor von Demetrius\nBortniansky, 8) Wechselgesang für zwei Sopranstimmen\naus dem Messias von Händel, 9) Der zweite Psalm, acht-\nstimmig, von Mendelssohn. Die Einzelgesänge wurden\nvon Mitgliedern des Vereins mit Ausdruck und Geschmack\nvorgetragen. Die Chöre zeichneten sich durch reine Into-\nnation, deutliche Aussprache, einheitliches Zusammenwir-\nken, feine Schattirung, Festigkeit und Sicherheit aus. Man\nsah und hörte es den Mitwirkenden an, dass sie mit Lust\nund Begeisterung sangen; über dem Ganzen schwebte jene\nhöhere Weihe, welche dem Vortrage herrlicher Tonschö-\npfungen erst die rechte Bedeutung verleiht und des Ein-\ndrucks auf den empfänglichen Hörer nie verfehlen kann.\nWas bei den öffentlichen Aufführungen des Vereins\nbesondere Anerkennung verdient, ist, dass der Eintritt Je-\ndermann unentgeltlich frei steht, und daher auch diejenigen,\nwelchen sonst Mittel und Gelegenheit fehlen, gediegene\nTonwerke zu hören, sich an den geweihten Tönen eines\nBach, Händel, Palestrina erquicken können. Wahrhaft er-\nhebend war für den aufmerksamen Beobachter die Wahr-\nnehmung, mit welcher Aufmerksamkeit und Andacht auch\nsolche, die sonst wohl noch selten den Zauber echter Ton-\nkunst empfunden haben, diesen erhabenen Gesängen lausch-\nten, ein Beweis, dass auch die höchste und ernsteste\nTonkunst in würdiger Aufführung den Weg zum Herzen\nfindet. Möge Herr Lützel, welcher für seine aufopfernde\nThätigkeit, für seinen grossen Aufwand an Mühe und Zeit\nkeinen anderen Lohn hat, als das erhebende Bewusstsein,\nwelches mit jedem schönen Streben verbunden ist, in sei-\nnem unermüdlichen Eifer wie bisher fortfahren; der Dank\nder Gemeinde, wie die aufrichtige Anerkennung aller, denen\ndie Pflege der höheren Tonkunst am Herzen liegt, wird\nihn auch fernerhin in seinem segensreichen Wirken be-\ngleiten !\nSchliesslich erlauben wir uns, auf eine Sammlung von\nChorgesängen aufmerksam zu machen, welche Herr Lützel\nso eben herausgibt; sie führt den Titel: „Kirchliche\nChorgesänge zum Gebrauche beim evangeli-\nschen Gottesdienste, herausgegeben von J. Hein-\nrich Lützel\" (Zweibrücken, Verlag von J. Chr. Herbart),\nwird in gediegener Auswahl das Beste auf dem Gebiete\nkirchlicher Tonkunst enthalten und verdient daher, den\nKirchenchören und Gesang-Vereinen bestens empfohlen\nzu werden. E. G.\nDas erste Heft, welches uns vorliegt, enthält sieben\nGesänge\n(0 hone Jesu und Adoramus te), 1 von Dem. Bortni-\nansky (die grosse Doxologie), sämmtlich vierstimmig für\nSopran, Alt, Tenor und Bass; ferner das fünfstimmige (2\nTenöre) „Ich weiss, dass mein Erlöser lebt\" von Joh.\nMich. Bach (1660 —1709?), und das ebenfalls fünf-\nstimmige „Aus tiefer Noth schrei' ich zu Dir\" von Joh.\nEccard. Alles vortreffliche Stücke, besonders die schou\nbekannte Doxologie von Bortniansky und die weniger be-\nkannte Nummer von J. M. Baoh, in welcher der Sopran\nden Choral „ Christus, Der ist mein Leben\" über dem vier-\nstimmigen Satz (Alt, zwei Tenöre und Bass) führt. Die\nTexte sind überall deutsch; der grösseren Verbreitung\nwegen wäre vielleicht in künftigen Heften da, wo der Ori-\nginal-Text lateinisch ist, dieser ebenfalls mit abzudrucken.\nDie Ausstattung ist gut bis auf ein paar unbedeutende\nDruckfehler in der Vorzeichnung. Der Preis (Partitur 5\nSgr., Stimmen 7 Sgr.) ist billig.\nNachschrift. Zur Geschichte der Bache.\nDer hier erwähnte Johann Michael Bach war um\nI\n1660 in Arnstadt geboren, und eine seiner Töchter war\ndie erste Gattin von Joh. Sebastian Bach. Aus dem Copu-\nlationsschein, den wir im vorigen Jahrgang der Niederrh."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5001, "texte": "Musik-Zeitung, Nr. 43, S. 346, urkundlich mitgetheilt ha-\nben, geht hervor, dass diese Maria Barbara Bach die jüngste\nTochter Joh. Michael's war. Da sie aber die „nachge-\nlassene\" Tochter des weiland kunstberühmten J. M.\nBach heisst und die Urkunde vom 17. October 1707 da-\ntirt, so geht daraus hervor, dass die Angabe von 1709 als\nTodesjahr J. M. Bach's bei Gerber (Neues Lexikon der\nTonkünstler) und nach ihm überall, auch hier in der Samm-\nlung von Lützel, irrig ist. Joh. Mich. Bach muss im Jahre\n1707 (Januar bis September) oder bereits im Jahre 1706\ngestorben sein. Man kann also, genau genommen, nicht sa-\ngen, dass er J. S. Bach's erster Schwiegervater, wie in al-\nlen Tonkünstler-Wörterbüchern steht, gewesen sei, da er\ndie Verheirathung seiner Marie mit Johann Sebastian nicht\nerlebt hat.\nJohann Michael und sein älterer Bruder Johann\nChristoph (geb. 1643 zu Arnstadt) waren Söhne von\nHeinrich Bach, Organist und Stadtmusicus in Arnstadt.\nJohann Christoph hatte den Ruf eines der grössten Contra-\npunktisten und stärksten Orgelspieler in Deutschland am\nEnde des 17. Jahrhunderts. Er wurde in seinem 22. Jahre\nschon als Hof- und Stadt-Organist nach Eisenach berufen,\nwo er den 31. März 1703 starb. Man rühmte von ihm,\ndass er niemals mit weniger als iünf obligaten Stimmen auf\nder Orgel oder dem Ciavier zu spielen pflegte. Wiewohl\ner Kirchenstücke von 16, ja, 22 Stimmen geschrieben, so\nwar er doch auch dem „gefälligen und singenden\" Satze\nhold und lebte, wie Gerber schön sagt, „in der goldenen\nOrgelzeit, als die Harmonie schon in ihrem höchsten Glänze\nstand und die Melodie sich so eben aus der Morgendämmerung\nerhob.\" Und ferner: „In einer galanten Motette, welche\ner im Jahre 1684 schrieb, wagte er bei anderen originel-\nlen und witzigen Einfällen sogar schon den Gebrauch der\nübermässigen Sexte!\"—Von seinen Compositionen brachte\nim Anfange unseres Jahrhunderts, also hundert Jahre nach\nseinem Tode, der damalige Capellmeister Bach in Hamburg\nmehrere wieder ans Licht, und sie erregten grosse Theil-\nnahme ungefähr dasselbe, was sich jetzt, ebenfalls nach\nhundert Jahren seit Johann Sebastian's Tode, mit dessen\nWerken wiederholt. Und doch haben beide Meister, Johann\nChristoph und Johann Sebastian, schwerlich daran gedacht,\ndass sie für die Zukunft schrieben! Was wird von unseren\nZukunfts-Koryphäen nach hundert Jahren übrig sein? Nach\nhundert Jahren! „ Mich überläuft's!\" sagt Gretchen im\nFaust. Und überläuft's euch nicht, wenn ihr euch anmaas-\ntet, das leichte Gewicht eurer trockenen Waare gegen\ndie saftige und lastende Schwere der Musik der Vergan-\ngenheit in die Wagschale zu legen?\nDer jüngere Bruder Johann Michael war Organist\nund Stadtschreiber im Amt Gehren im Schwarzburg-Son-\ndershausen'schen. Ausser der oben genannten Motette er-\nwähnt Gerber noch fünf andere, wovon drei fünfstimmig\nund eine für zwei vierstimmige Chöre vom Jahre 1679.\nSie sollen sich auf der hamburger Bibliothek befinden (?).\nAusserdem besass Gerber einen Folianten von 246 schön\ngeschriebenen Seiten mit 201 figurirten und fugirten Cho-\nrälen, deren manchem 15 —2O Variationen angehängt\nsind, aus den Jahren 1680 —1720, von 16 Componisten\ndarunter vier Bache. Von Johann Michael standen darin\n72 fugirte Choral-Vorspiele, davon mehrere mit einem An-\nhang von 6, 8, 10 Variationen.\nWas für musicalische Schätze würden zu Tage geför-\ndert und welche richtigere Einsicht in die geschichtliche\nEntwicklung der neueren Musik würde verbreitet werden,\nwenn der zerstreute Nachlass sämmtlicher Tonkünstler aus\nder Familie der Bache einen Forscher fände, der es sich\nzur Lebens-Aufgabe machte, das ganze Material aufzusu-\nchen, zu durchmustern und das Beste und Merkwürdigste\ndaraus wieder ans Licht zu ziehen! Kein Land der Welt\nhat eine solche Künstler-Familie aufzuweisen, wie das thü-\nringische Haus der Bache in Deutschland war. Wie Man-\nches, das neueren Meistern als geniale Erfindung angerech-\nnet worden, würde bei einer solchen Nachforschung und\nSichtung in seinem früheren Ursprünge an den Tag kom-\nmen! Es fällt uns z. B. das lange Crescendo von Spontini\nund Rossini ein. Da lesen wir aber, dass Johann Lud-\nwig Bach in einem grossen Kirchenslücke für Solostim-\nmen und Chor (um 1710 componirt) mit 2 Violinen, 2\nViolen und Fundament: „Es wird des Herrn Tag kommen\",\ndie Recitative mit passenden Arioso-Stellen durchwebt,\nnach dem Chor: „Die Welt vergeht\", eine Instrumental-\nCoda mit abschwindendem Diminuendo bis zum Pianissimo\nanbringt und bei einem kräftigen Bass-Solo „die Instru-\nmente einzeln nach einander in Rauschern ein-\ntreten lässt, wodurch ein natürliches Crescendo bis zum\nFortissimo entsteht.\"\nSchliesslich wollen wir noch bemerken, dass die An-\ngabe in dem neuen Universal-Lexikon der Tonkunst von\nEd. Bernsdorf (4. Lief., S. 317), dass der Stammvater\nsämmtlicher Bache, Veit Bach, Bäckermeister aus Press-\nburg, „nach Beginn des 17. Jahrhunderts\" in Deutsch-\nland eingewandert sei, irrig ist. Veit Bach verliess aller-\ndings Ungarn der Religion wegen, allein bereits im 16."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 246, "texte": "Jahrhundert; denn Johann Bernhard, Organist in Eisenach,\nstarb 1749—der Urgrossvater desselben starb in Weimar\n1626, und Veit Bach war der Urgrossvater dieses letzte-\nren, war also drei Menschenalter vor 1626 nach Thürin-\ngen eingewandert.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-23-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-23_01#c004", "volume": "bmtnabi_1857-05-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "167", "page_fin": "167", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.2.4", "titre_corps": "Aus Mainz.", "titre_sommaire": "Aus Mainz.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.1.7", "debut_caractere": 248, "fin_caractere_exclue": 3308, "texte": "Aus Mainz.\n***\nDen 15. Mai 1857.\nDie Berichte über hiesige musicalische Aufführungen gehen in\nder Regel von der hier erscheinenden Süddeutschen Musik-Zeitung\naus, die jedoch mit bewundernswerther Consequenz nur die Concerte\nder hiesigen Liedertafel bespricht, deren Präsident zugleich Redacteur\nbesagter Zeitung ist. Sie werden mir daher gestatten, Ihren Lesern\nvon den bis jetzt erzielten Erfolgen eines anderen Vereins Kunde zu\ngeben, der das schon seit Jahren angebahnt, was seit dem verflosse-\nnen Winter die Liedertafel gleichfalls in ihren Bereich gezogen hat.\nIch meine nämlich die Aufführung von grösseren Instrumental-\nwerken durch den hiesigen Verein für Kunst und Literatur.\nSeit einigen Jahren unter der Leitung des talentvollen Capelimeisters\nFr. Lux, hat dieser Verein die Erfahrung machen müssen, dass\nseine Mitglieder mehr durch gelungene musicalische Aufführungen\nals durch wissenschaftliche Vorlesungen zu elektrisiren sind, und ist\nnun allmählich nach Entfernung al er Dilettanten-Productionen frü-\nherer Zeit auf jene Stufe gelangt, die seine Leistungen einer Be-\nsprechung in einer musicalischen Zeitschrift würdig macht. Wäh-\nrend die kleinen Concerte der verflossenen Saison uns aus dem rei-\nchen Gebiete der Kammermusik in steter Abwechslung mit Gesangs-\nVorträgen die gediegensten Tonschöpfungen brachten, wurden uns\nin mehreren grösseren die Sinfonieen von Mendelssohn (A-moll),\nSchneider (H-moll) und Beethoven (D-dur) gebracht, ferner die Ou-\nvertüren zu Euryanthe, Joseph und zu Santa Chiara, so wie durch\ndie Herren Buhl und Wolf jun. aus Frankfurt am Main das Cla-\nvier-Concert E-dur von Hummel und das Violin-Concert E-moll von\nMendelssohn. Von Solo-Vorträgen waren ausserdem noch auszuzeich-\nnen die der Cellisten Grützmacher aus Leipzig und Pfeifer\naus Meiningen.\nDie Concerte selbst hatten sich einer ausserordentlichen Theil-\nnahine zu erfreuen und verfehlten unter der energischen Leitung\nunseres verdienstvollen Capellmeisters Lux, dem wir ausserdem die\nGründung eines Männergesang-Vereins verdanken (die Lieder-\ntafel ist nämlich ihrem Na.nen untreu geworden und führt jetzt nur\ngemischte Chöre aufj, ihre Wirkung nicht. Schliesslich muss ich\nnoch bemerken, dass wir hier keinen Instrumental-Verein (wir zäh-\nlen schon zum Oberrhein) besitzen, wie dies in jeder grösseren Stadt\nam Niederrhein der Fall ist, und erst durch Herrn Lux Bekannt-\nschaft z. B. gemacht haben mit den Ouvertüren zu Ruy Blas, zur\nFingalshölile und schönen Melusine von Mendelssohn, Ossian-Klänge\nvon N. Gade, ferner Sinfonie in A-moll von Mendelssohn und Weihe\nder Töne von Spohr, ja, sogar horribile dictu auch erst mit\nder Eroica und der B-dur-Sinfonie von Beethoven!\nAd vocem Mänaergesang-Verein sei mir noch gestattet, zu erwäh-\nnen, dass derselbe in dem letzten Kunstvereins-Concerte die erste\nöffentliche Probe seit seinem halbjährigen Bestehen abgelegt hat und\nseine Leistungen im Vortrage des Mendelssohn'schen Nachtgesanges\nund der Introduction aus der Belagerung von Korinth von Eossini\nmit allgemeinem Beifall aufgeno i men worden sind."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-23-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-23_01#c005", "volume": "bmtnabi_1857-05-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "167", "page_fin": "168", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.2.5", "titre_corps": "Aus Leipzig.", "titre_sommaire": "Aus Leipzig.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.1.7", "debut_caractere": 3310, "fin_caractere_exclue": 7157, "texte": "Aus Leipzig.\n***\nDie Haupt-Prüfungen imConservatorium der Musik,\nwelche am 23. April und 1. Mai im Saale des Gewandhauses Statt\nfanden, boten folgende Leistungen und Ergebnisse dar:\nAm 23. April. Erster Theil. Concert für das Pianoforte von L.\nvan Beethoven (Es-dur, erster Satz), gespielt von Heinrich Rupp\naus Mainz. Mit guter Technik und grosser Sauberkeit vorgetragen,\ndoch ohne Kraft und mit massiger Auffassung. Adagio und letz-\nter Satz aus dem vierten Concert für die Violine von F. David: Max\nScherck aus Posen. Keck, übermüthig, aber mit Verständniss und\nsehr schönem, vollem Tone. Concert für das Pianoforte von Fe-\nlix Mendelssohn-Bartholdy (G-moll): Frederique Benamin aus Ham-\nburg. Geistig unzweifelhaft die begabteste der Schülerinnen, hat viel\nKraft und gefühlvollen Vortrag. Im ersten Satze störte die Befan-\ngenheit, im dritten das allzu rapide Tempo; der zweite Satz war\nuntadelhaft. Concert für die Violine von B. Molique (Nr. 5, A-\nmoll, erster Satz): Johan Naret-Koning aus Amsterdam. Sehr bedeu-\ntend. Grosse Fertigkeit, Sicherheit und Gewandtheit.\nZweiter Theil. Concert fantastique für das Pianoforte von J. Mo-\nscheies : Albert Lindholm aus Stockholm. Vortrefflich in jeder Be-\nziehung; ahmte den Vortrag des Componisten mit grosser Treue\nnach, was in diesem Falle nur zu loben ist. Arie aus der Zau-\nberflöte von W. A. Mozart: Georg Egli aus Chur. Weniger als mit-\ntelmässig. Kleine Stimme und keine Schule. Der Tadel trifft den\nLehrer mehr, als den Schüler. Caprice für das Violoncell von\nKummer: Edward Si lney Smith aus Dorchester. Recht lobenswerther\nVortrag, welcher trotz der langweiligen Composition allgemeines In-\nteresse erregte. - Variationen und Finale für das Pianoforte aus\ndem Septuor von J. N. Hummel: Wilhelmine Döring aus Darmstadt,\nGleichmässiger Anschlag und hübsche Fertigkeit. Am Schlüsse einige\nFehler, welche man auf Rechnung der Befangenheit setzen muss\nund daher vergeben kann. - Concert für die Violine von de Beriot\n(Nr. 5, D-dur): Gerhard Brassin aus Leipzig. Bei hübschem Talente\neine gute Schule. Der Ton ist klein, die geistige Auffassung noch\nnicht ganz genügend.\nAm 1. Mai. Erster Theil. Quartett für Streich-Instrumente (A-\n--moll), componirt von Eusebius Kaeslin aus Beckenried; vorgetragen\nvon dem Componisten und den Herren Johann Lindberg aus Hel-\nsingfors, Johan Naret-Koning aus Amsterdam und Grützmacher. Eine\ngute Arbeit, welche ernstes Streben und Begabung beweis't. Im Gan-\nzen stört jedoch eine gewisse Einförmigkeit den guten Eindruck.\nSonate für Pianoforte und Violine (G-dur)y componirt von Hermann\nLevi aus Giessen, vorgetragen vom Componisten und Herrn Koning.\nUnter den Compositionen der Schüler seit geraumer Zeit die beste.\nTalent ist vorhanden, wenn ihm auch noch der Zügel fehlt. Trio\nfür Pianoforte, Violine und Violoncell (D-moll), componirt von Wil-\nhelm Goldner aus Hamburg, vorgetragen von dem Componisten und\nden Herren Koning und Grützmacher. Lehnt sich ganz an Mendels-\nsohn an; wo er es nicht thut, fehlt die Haltung, und die Compo-\nsition wird entweder unbedeutend oder verworren.\nZweiter Theil. Concert für Pianoforte von L. van Beethoven (G-\n--ditr, erster Satz) : Theodor Beggrow aus St. Petersburg. Sehr gut.\nTüchtige Durchbildung der Technik, doch könnte etwas mehr Kraft\nnicht schaden. Menuet und Etüde für die Violine mit Pianoforte-\nBegleitung von F. David. Die Violin-Partie unisono vorgetragen von\ndreizehn Schülern. So ausgezeichnet durchgeführt, dass jeder Tadel\nungerecht wäre. Concert für das Pianoforte (D-moll) von Felix\nMendelssohn-Bartholdy: Fräul. Jenny Hering aus Leipzig. Sehr viel\nFertigkeit, aber auch nur diese. Das seelenlose Spiel zeugt von kei-\nnem Talente, wenn auch von Fleiss. „Sah um fac Hegernfür\nChor componirt von E. F. Richter. Wenn ein Conservatorium keine\nguten Stimmen hat, so kann man ihm das nicht zum Vorwurf an-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 186, "texte": "rechnen. Wenn aber nach einem Jahre seit der letzten Prüfung ein\nChor nicht besser einstudirt werden kann, so wäre es besser, Schü-\nler und Zuhörer mit dergleichen nicht zu incommodiren."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-23-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-23_01#c006", "volume": "bmtnabi_1857-05-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "168", "page_fin": "168", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.1.8", "debut_caractere": 188, "fin_caractere_exclue": 5296, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKSln, 23. Mai. Gestern Abends ist der kölner Männerge-\nsang-Verein zu seiner dritten Sängerfahrt nach London von\nhier abgegangen. Die Reise geht über Calais und Dover. Die An-\nzahl der theilnehmenden Mitglieder beträgt 85.\nHerr Capellmeister F. Hill er ist von dem Comite des mittel-\nrheinischen Musikfestes in Mannheim eingeladen worden,\ndas diesjährige Fest zu dirigiren, und hat die Einladung angenommen.\nDie Nachricht vom Tode des Schauspielers Ira Aldridge (auch\nin unsere Nr. 20 übergegangen) wird durch londoner Blätter widerlegt.\nKarl Reinecke, der schon so manche Unterriehtswerke für\ndas Ciavier herausgegeben hat, die das Nützliche mit dem Ange-\nnehmen vereinigen (z. B. die Kinderlied er, die drei Sonaten,\nOp. 47, die vier händige Ouvertüre zu dem Märchen „Nuss-\nknacker und Mäusekönig\"), hat die Zahl derselben durch die bei B.\nSenfF in Leipzig erschienenen\nZwölf vierhändigen Ciavierstücke mit stillstehen-\nder Hand\nauf sehr zweckmässige Weise bereichert. Diese Stücke sind beson-\nders auf die Bildung des Vortrages und des Tactgefühls berechnet\nzwei Dinge, die man nicht früh genug durch Unterricht und Bei-\nspiel zu befördern suchen kann. Von eigentlicher Fingerübung und\nApplicatur ist also hier nicht die Rede, da die Stücke auf fünf Töne\nbeschränkt sind. Um so mehr ist die Erfindungsgabe und Gewandt-\nheit des Componisten zu loben, der in diesen engen Rahmen doch\nso liebliche Bildchen zu fügen und in einem derselben Alla Si-\ncilianci sogar das Kunststück eines Canons anzubringen verstan-\nden hat. Wir empfehlen das Werklein allen Lehrern.\n•j* JSTeuwiecl, 17. Mai. Der Kammersänger Herr Ernst Koch\naus Köln gab mit Fräul. Katharina Deutz, seiner talentvollen\nSchülerin, hier ein sehr besuchtes, auch durch die Anwesenheit des\nfürstlichen Hofes ausgezeichnetes Concert. Hr. Koch sang Lieder von\nFranz Schubert, Schumann und Beethoven, in denen er seine mei-\nsterhafte Tonbildung und ganz vorzügliche Aussprache bewährte.\nZugleich bewies aber auch Fräul. Katharina Deutz, die auch mit\näusseren Vorzügen geschmückt ist, dass Ernst Koch ein vortrefflicher\nLehrer ist. Fräul. Deutz sang die grosse Scene und Arie aus dem\nFreischütz ~Wie nahte mir der Schlummer\", die Arie aus Figaro's\nHochzeit ~0 säume länger nicht\" und in Verbindung mit E. Koch\nSpohr's Duett aus Jessonda mit entschiedenem Beifalle und hat ganz\ndas Zeug dazu, Bedeutendes zu leisten, wenn sie so fortfährt.\nC. Reinecke's Abendlied für Solo-Tenor und gemischten Chor (Aachen\nbei E. ter Meer), von Herrn Koch und dem Flügel1 sehen Gesang-\nVerein ausgeführt, gefiel allgemein. Ein sehr geschätzter Dilettant\ntrug ein Violin-Solo (Phantasie von Lafont) .mit schönem Tone vor.\nHerr Musik-Director Flügel hatte die Clavier-Begleitung sämmtli-\ncher Gesangstücke freundlich übernommen und spielte F. Chopin's\ngrosse Polonaise, Op. 22, und brillante Concert-Variationen von Herz,\ndie besonders beifällig aufgenommen wurden. Das zahlreich versam-\nmelte Publicum schied mit sichtbarer Befriedigung.\nJfffiiiiclten* Em. Geibel hat vor Kurzem seine Tragödie\nBrunhilde vor einem Kreise gewählter Zuhörer vorgelesen, d. h.\ner hat die Handlung der drei ersten Acte erzählt und die zwei letz-\nten in ihrer vollständigen Ausarbeitung vorgetragen. Er hat den gan-\nzen Inhalt des ersten Theiles des Nibelungen-Liedes von der Braut-\nfahrt Gunthers bis zu Siegfried's Ermordung in den engen Rahmen\neines Drama's gebracht. Ihm eigenthümlich ist die Liebe Brunhildens\nzu Siegfried, die in den ersten Scenen, wo Siegfried nach Isenland\nverschlagen wird, sich entzündet. Er kehrt mit Günther zurück, und\nnun hält sieh Geibel an den weiteren Verfolg der Handlung des epi-\nschen Gedichtes. Im fünften Acte aber erklärt Brunhilde öffentlich\nan der Leiche des ermordeten Siegfried, dass sie ihn allein geliebt\nhabe und ihm folge. Sie ersticht sich mit dem Schwerte des Todten.\nEine Seherin deutet die Zukunft und Chriemhildens Rache an. In\nwiefern jene modern sentimentale Liebe Brunhildens und der Selbst-\nmord aus Sehnsucht nach der Vereinigung mit dem Geliebten dem\nCharakter der alten Sage angemessen sei, scheint uns sehr proble-\nmatisch.\nHamburg. Die Opern-Direction ist mit Fräul. Nina Hart-\nmann wieder in Unterhandlung getreten. Ihr Scheiden wäre auch\nein sehr grosser Verlust. Als Alice wurde sie in der letzten Vor-\nstellung des Robert neben Fräul. Wildau er (Isabellaj bei offener\nSeene gerufen. Nach Nr. 40 der Hamb. Allg. Th.-Zeitung ist die\ntreffliche junge Sängerin unter günstigen Bedingungen von Neuem\nengagirt.\nNach Frankfurt am Main. Die eingesandte „Berichtigung\"\nkann nicht aufgenommen werden, erstens, weil es keine ist, indem\nSein und Gewesensein doch immer verwandt sind: zweitens, weil zu\n\\ *\ndem Vorwurf „hämisch* keine Veranlassung ist, da kein vernünfti-\nger Mensch bei Künstlern nach dem Woher fragt, sondern nach dem\nWas und Wohin; und drittens, weil dergleichen Localia für alle Le-\nser ausserhalb des betroffenen Ortes sehr gleichgültig, für die Re-\ndaction aber, der die Kunst, nicht die Eitelkeiten und Empfindlich-\nkeiten der Künstler am Herzen liegt, höchst unerquicklich sind. L. B."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nBerliner Briefe (II Trovatore - Mantius, Krüger, Wolf de Fortuni. Von G. E.). J. H. Lützelns Kirchenchor in\nZweibrücken. Von E. G.— Zur Geschichte der Bache. Von L. B. Aus Mainz (Musicalische Vereine) Aus Leipzig (Prüfungen im Con-\nservatorium). Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Männergesang-Verein, F. Hiller Ira Aldridge Karl Reinecke Neu-\nwied, Concert München, Em. Geibel —* Hamburg, Fräul. Nina Hartmann).\n\nBerliner Briefe.\n\n[Die italiänischen Opern in Berlin Verdi's Trovatore Personal\nder königlichen Oper Mantius' Abschied Neue Tenoristen\nWolf Krüger Herold's Zweikampf Signora Fortuni.]\nDen 10. Mai 1857.\nUnter allen grossen Städten der Welt ist es ohne\nZweifel Berlin, wo der italiänischen Muse am wenigsten\ngehuldigt wird; ja, selbst unsere Provincialstädte scheinen\nnachsichtiger gegen die Werke eines Rossini, Bellini, Do-\nnizetti, als das Publicum unserer Residenz. Nehmen Sie\nden Romeo aus, der, weil Johanna Wagner darin allen\nGlanz ihrer Stimme und ihres Spiels entfaltet, das Haus\nhäufiger füllt, so sind die anderen italiänischen Opern, die\nnoch hin und wieder gegeben werden, meist nur Lücken-\nbüsser, die höchstens, wenn eine fremde Sängerin von Ruf\ndarin auftritt, eine grössere Anziehungskraft üben. Der\nTancred konnte selbst trotz Johanna Wagner nicht recht\ndurchdringen; der Teil und die Belagerung von Corinth\nmachten geringen Eindruck; vom Barbier von Sevilla hat\nman im Allgemeinen die Meinung, dass er durch deutsche\nSänger verdorben würde. An der Norma und der Nacht-\nwandlerin hat man sich in. früheren Jahren, namentlich zu\nden Zeiten der Lind, übersättigt. Die Lucrezia und Lucia\nführen noch ein kümmerliches Leben, eben so der Liebes-\ntrank und die Regimentstochter. Die Favoritin verschaffte\nsich nur unter Roger's Aegide Eingang. Kurz, eine eigent-\nliche Zug-Oper existirt gar nicht unter allem, was das\nneuere Italien hervorgebracht hat. Ist wirklich tiefere mu-\nsicalische Bildung so allgemein unter uns verbreitet, dass\nman darin den Grund zu suchen hätte? Fast müssen wir\nes annehmen, oder wenigstens, dass ein dunkles Gefühl\nvon der Oberflächlichkeit des musicalischcn Ausdrucks, von\ndem Mangel an eingehendem Ernste, der dem Italiäner\neigentümlich, im Publicum verbreitet ist. Ganz unmusica-\nlisch müsste ein Volk sein, das für den Reiz italiänischer\nMelodik überhaupt unemplänglich wäre, das gar keinen\nEindruck davon empfinge. Die italiänische Oper ist gewis-\nser Maassen die lockende Aussenseite der Kunst; sie ist\ndas verführerische Element, wodurch die Menge überhaupt\nfür die Musik gewonnen wird. Was im Innern des Heilig-\nthums vorgeht, ist freilich ganz anderer und höherer Art;\ndie wahre Tiefe der Empfindung offenbart sich nicht in\ndiesem blossen Spiel mit Tönen. Aber um sich weit nach\naussen hin, um sich über die Welt auszubreiten, um alle\nlür sich zu gewinnen, in denen auch nur der schwächste\nFunke musicalischer Empfänglichkeit sich regt, bedurfte\ndie Kunst dieses leichtfertigen Gauklers, der gleichsam vor\nder Pforte des Tempels steht und bald durch heitere\nScherze, bald duch schmerzensvolle Geberden, stets aber\nmit liebenswürdiger Anmuth, die vorbeieilende Menge fest-\ngebannt hält und diesen und jenen Einzelnen so fesselt,\ndass er sich entschliesst, auch in den Tempel selbst einzu-\ntreten. Das Heilige bedarf auch des Profanen, sonst würde\ndie Menge daran vorübereilen. So müssen wir also voraus-\nsetzen, dass in Berlin das Bessere tiefe Wurzeln geschlagen\nhat; denn gegen italiänische Musik kann in der That nur\nderjenige gleichgültig sein, der das Bessere so gut kennt,\ndass sein Gefühl es mit Sicherheit von dem Schlechteren\nunterscheidet. Nach der hier herrschenden Stimmung konnte\nman kaum erwarten, dass eine neue italiänische Oper so\nbald wieder auf das Repertoire kommen würde; seit ich\nIhnen musicalische Berichte sende, d. h. seit sechs Jahren,\nist in der That ein solcher Fall nicht da gewesen; nament-\nlich war Verdi bis jetzt nicht in die Räume gedrungen, die\nvon den Tönen Gluck's, Mozart's und Beethoven's wieder-\nhallen. Die italiänischen Sänger an der Königsstadt brach-\nten ihrer Zeit den Ernani, den Nebukadnezar und die Lom-\nbarden zur Aufführung; doch interessirte sich dafür nur"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.1.2", "texte": "ein kleiner Theil des Publicums; man konnte also sagen,\ndass derjenige Componist, dessen Herrschaft in den Welt-\nstädten, und wenn wir dabei nicht an den engeren Kreis\nder Eingeweihten denken, gegenwärtig entschieden ist, bei\nuns noch fast ganz unbekannt war. Das war jedenfalls ein\nUebelstand. Man muss die Mächte des Tages wenigstens\nkennen, wenn man ihnen auch nicht Weihrauch streut.\nDass sich daher die königliche Bühne entschloss, den Trou-\nbadour, eine der verbreitetsten Opern, zur Aufführung zu\nbringen, war nur mit Dank anzuerkennen.\nVon dem Eindrucke, den der Trovatore auf das Pu-\nblicum gemacht hat, lässt sich eigentlich nichts Bestimmtes\nsagen. Die Oper war sehr glänzend ausgestattet und wurde\ntheilweise vorzüglich dargestellt; so konnte ein gewisser\nErfolg nicht ausbleiben, um so mehr, da man doch irgend\netwas Neues zu hören und zu sehen verlangt; und dennoch\nschienen die Meisten zu fühlen, dass der Stoff der Hand-\nlung und der Text abscheulich und die Musik ziemlich\nwerthlos sei. Aeussere Umstände kamen hinzu, die dem\nErfolge der Oper hinderlich waren. Die Haupt-Darsteller\nwurden krank; Johanna Wagner, welche die Rolle der\nZigeunerin gibt, hat vor einigen Wochen ihren Urlaub an-\ngetreten ; nach vier oder fünf Aufführungen, zu deren letz-\nter noch Frau Palm-Spatzer aus Hamburg verschrieben\nwurde, musste man sich entschliessen, das neue Cassen-\nstück bis zum nächsten Winter zu vertagen. Ueber das\nSujet herrscht wohl nur Eine Stimme; was die französi-\nschen Opern früherer Zeit in Grausamkeit geleistet haben,\nist noch nichts gegen das Raffinement dieses Italiäners. Die\nMusik ist nicht ganz so unmenschlich, aber doch bei Wei-\ntem geschmackloser, als die Werke Bellini's und Doni-\nzetti's, und unendlich ärmer an Erfindung. Verdi ist ein\nEklektiker, der den melodischen Inhalt von seinen italiäni-\nschen Vorgängern entlehnt und ihn mit rhythmischen und\ninstrumentalen Gewürzen aus der französischen Küche zu-\nbereitet. Die Wirkung auf die Masse scheint das vornehm-\nliebste Ziel seines Strebens; in einzelnenMelodieen herrscht\neine Trivialität des Rhythmus und der Harmonie, die für\njedes nur einiger Maassen civilisirte Ohr beleidigend ist.\nUns sind aus allen italiänischen Opern neuerer Zeit, auch\naus den besseren, einzelne Melodieen bekannt, in denen die\nComponisten nichts Anderes erstrebt zu haben scheinen,\nals ich muss mich dieses Ausdruckes bedienen einen\nmöglichst vollkommenen Gassenhauer zu Stande zu brin-\ngen; Verdi hat sie weit darin übertroffen. Aber bei Bellini\nund Donizetti wird man durch andere Scenen entschädigt,\nin denen, wenn auch keine tiefe, so doch eine zarte und\nfeine, eine förmlich wohlthuende Empfindung hervortritt;\nbei Verdi ist dieser zarte Duft der italiänischen Musik\nzwar nicht gänzlich verschwunden, aber auch nur noch in\nseinen letzten Spuren vorhanden. Wenn indess von Be-\nfriedigung höherer Ansprüche fast nirgends die Rede ist,\nso lässt sich doch Eines nicht läugnen, das formelle Opern-\ngeschick, das den italiänischen Componisten eben so ange-\nboren scheint, wie den französischen Dichtern das Bühnen-\nTalent. Nur dadurch können wir uns den Erfolg erklären,\nden der Trovatore trotz der Nichtigkeit und Widrigkeit\nseines Inhalts gehabt hat. Namentlich enthält der vierte\nAct einzelne Scenen, in denen sich diese formelle Geschick-\nlichkeit so steigert, dass man darüber fast die Unbedeuten-\nheit des eigentlichen Inhalts vergessen kann, um so mehr,\nals hier auch der Componist bemüht gewesen zu sein\nscheint, die Klippen des künstlerisch Unschönen und gera-\ndezu Verletzenden zu vermeiden. Für Italien mag Verdi\nnoch eine besondere Bedeutung haben, in so fern er der-\njenige ist, der den eigenthümlichen Stil der französischen\nOper gewisser Maassen italisirt. Jedes Volk hat das Stre-\nben, das ihm Fremde sich auf die ihm gemässe Weise an-\nzueignen. Und sowohl Rossini als Bellini und Donizetti ha-\nben einzelne Opern geschrieben, in denen es ihnen um eine\nVerschmelzung des italiänischen und französischen Elements\nzu thun war. Für unser Gefühl sind es nicht ihre besten\nWerke; denn sie sind in der Erfindung meistens unbedeu-\ntender und haben etwas Stilloses, Unentschiedenes. Man\ndarf aber nicht verkennen, dass Versuche dieser Art, wenn\nsie auch augenblicklich unerquicklich sein mögen, von\neinem höheren culturhistorischen Standpunkte aus betrach-\ntet, eine Nothwendigkeit und ein Fortschritt sind. Wir\nglauben, dass Verdi diese Bedeutung für Italien hat, die\nAufnahme des französischen Elements in das nationale zum\nAbschluss zu führen. In so fern hat auch er seine Berech-\ntigung in der Reihe der. Componisten seines Vaterlandes,\nweniger durch das, was er selbst ist und leistet, als durch\ndas, wohin die von ihm vertretene Richtung führen kann.\nFür Italien entsteht eine Bereicherung dadurch, die in der\nZukunft zu reiferen, einheitsvolleren und gediegeneren\nSchöpfungen führen kann, als die heutigen sind.\nDie Aufführung des Trovatore war theilweise vorzüg-\nlich zu nennen. Namentlich zeichnete sich Frau Köster\nals Leonore durch die untadelhafte Correctheit und das\ndramatische Feuer ihres Gesanges aus. Fräul. Wagner\ngab die Zigeunerin mit fast zu grellen Farben; maassvoller\nwurde diese Rolle von Frau Palm-Spatzer dargestellt,\nan der wir überhaupt trotz mancher natürlichen Schwächen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "163", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.1.3", "texte": "der Stimme, wie sie bei einer nicht mehr ganz jugendlichen\nSängerin unvermeidlich sind, aufs Neue erkennen konnten,\nwie viel eine solide Gesangs-Methode vermag. Herr For-\nmes sang den Manrico mit seiner klangvollen und bei de-\nclamatorischen Stellen sich zu ergreifendem Ausdruck stei-\ngernden Stimme; für die eigentliche Cantilene ist sein Or-\ngan weniger gut gebildet; dazu gehört ein Tragen und ge-\nwisser Maassen Wogen des Tones, eine gleichmässige Be-\nhandlung der Stimme, die zu dem declamatorischen Her-\nvorheben von Einzelheiten in dem entschiedensten Gegen-\nsatze steht. Herr Krause endlich sang den Grafen Luna\nedel und würdig, aber nicht charakteristisch und leiden-\nschaftlich genug.\nIm üebrigen ist das Repertoire unserer Oper unver-\nändert geblieben, mit Ausnahme einer neu einstudirten\nHerold'schen Oper, über die weiter unten. Doch sind im\nPersonal viele Aenderungen theils bereits geschehen, theils\nnoch im Werke, über die ich in Kürze zu berichten habe.\nJohanna Wagner wird, wie es gegenwärtig heisst, der\nBühne trotz ihrer bevorstehenden Verheirathung noch län-\ngere Zeit erhalten bleiben; eben so Frau Köster, mit der\naufs Neue ein fünfjähriger Contract (wie man hört, mit\n7000 Thalern Gehalt und viermonatlichem Urlaub) abge-\nschlossen ist. Dass wir somit die wesentlichsten Stützen\nunserer Oper nicht verlieren, ist sehr erfreulich; beide Da-\nmen sind in der That für jetzt unersetzlich. Ihnen reihen\nsich die Damen Herrenburger-Tuczek, Trietsch,\nBottich er, Baur und Mandl an; über die beiden letz-\nten habe ich Ihnen kürzlich Bericht erstattet; sie sind un-\nseren ersten Sängerinnen keineswegs gleich zu stellen,\ndoch hat namentlich Fräul. Baur an Sicherheit auf der\nBühne gewonnen, und wenn sie auch, um strengere An-\nsprüche zu befriedigen, eine nicht hinreichend gleichmässige\nTonbildung hat, so ist sie doch in der Stellung, die sie ge-\ngenwärtig hier einnimmt, dem Repertoire von Nutzen. Be-\ndeutendere Aenderungen treten im Tenor ein. Herr Man-\ntius ist jetzt definitiv von der Bühne abgegangen. Er gab\nzu seinem Abschiede denFlorestan im Fidelio. Die deutsche\nBühne und namentlich Berlin verliert viel an ihm. Denen\nfreilich, die ihn in früherer Zeit nicht gekannt haben, mochte\nin den letzten Jahren die Kraftlosigkeit seines Organs, die\nmangelnde jugendliche Frische und die mitunter merkbare\nAnstrengung unangenehm auffallen. Ueberhaupt hat Man-\ntius nie eine eigentlich grosse Stimme gehabt; er ist nie\ngrosser dramatischer Wirkungen lähig gewesen; er war\ndarum auch niemals ein Sänger, der in weite Ferne und\nauf die grossen Massen wirken konnte. Aber die Aufgaben,\nwelche die classische Musik dem Tenoristen stellt und\ndiese sind fast immer zarterer Natur, nur die Neuerer ver-\nlangen jene überschwängliche Kraft und Leidenschaft vom\nTenor, an der diese Stimm-Gattung meistens zu Grunde\ngeht —, hat er fast durchweg vorzüglich gelös't, mit edel-\nster Tonbildung, classischer Correctheit und wenn auch\nnicht begeisterter, so doch inniger und geschmackvoller\nAuflassung. Seine Art, zu singen, hatte weder das unge-\nstüm Naturalistische und Zügellose, das den modernen Hel-\nden-Tenören, noch das Weichliche, das unseren lyrischen\nTenören eigentümlich ist; sein Ton war markig und noch\nbis weit in die Höhe von kräftigem Brust-Timbre, aber\nvon ungleich reinerer und schönerer Form, als bei den\nheutigen Koryphäen des dramatischen Gesanges. Mantius\nhat unserer Bühne 27 Jahre lang angehört; und wenn\nman bedenkt, dass in kleineren Räumen und wenn seine\nHöhe nicht allzu viel angegriffen wird, auch jetzt noch sein\nGesang einen höchst wohlthuenden Eindruck macht, so\nkann man ihm die Anerkennung nicht versagen, dass er\nseine Laufbahn rühmlich zurückgelegt hat. Es wird schwer\nsein, lür ihn einen Ersatz zu finden. Zunächst ist Herr\nKrüger, der Anfangs dieses Jahres von hier nach Dres-\nden gegangen war, wieder zurück engagirt worden. Er ist\nauch bereits, obschon vorläufig nur als Gast, wieder auf-\ngetreten als Elvino in der Nachtwandlerin. Seiner Stimme\nnach eignet er sich zum lyrischen Tenor, doch lässt seine\nkünstlerische Ausbildung noch viel zu wünschen übrig.\nNamentlich legte sein diesmaliges Auftreten kein sehr gün-\nstiges Zeugniss für die von ihm gemachten Fortschritte ab;\nseine Intonation war fast durchweg zu hoch. Trotzdem\nweicht seine Art, zu singen, weniger von der richtigen ab,\nals die unserer meisten Bühnensänger; sein Ton hat vieler-\nlei Mängel, aber er ist im Ganzen edel und wohlklingend.\nMan hat immer die Hoffnung, aus diesem Sänger könnte\netwas werden. Ausser Herrn Krüger ist Herr Wolff aus\nWien für Spiel-Partieen engagirt. Sein erstes Auftreten\nfand in der neu einstudirten Herold'schen Oper „Der\nZweikampf\" Statt. Was zunächst diese Oper, die letzte,\ndie Herold schrieb, und deren Aufführung er nicht mehr\nerlebte, betrifft, so ist sie zwar keine wesentliche, aber\neine annehmbare Bereicherung des Repertoires. Das Text-\nbuch enthält interessante Situationen und, theilweise we-\nnigstens, originelle Charakterzeichnung. Die Musik ist leicht,\ngefällig und aus Einem Guss. Die gute Stimmung, die in\nder französischen komischen Oper der früheren Zeit\nherrscht, ist noch nicht durch die Ansprüche, welche die\nComponisten seit der Wiederbelebung der grossen Oper"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.1.4", "texte": "machten, verdorben; es war eine Bahn, in der auch die\ngeringeren Talente, zu denen wir Herold rechnen müssen,\nfortkommen konnten. Herr Wolff führte sich bei uns als\nein vorzüglicher Schauspieler ein; er besitzt eine für einen\nSänger bewundernswerte Leichtigkeit der komischen Cha-\nrakterzeichnung. Da er dieselbe Eigenschaft auch in den\nspäter von ihm gegebenen Rollen, dem Almaviva und dem\nNemorino, bewährte, so ist es keine Frage, dass wir einen\ntrefflichen Buffo an ihm besitzen. Nicht gleich günstig lässt\nsich indess über seine Stimme und seine Gesangs-Methode\nurtheilen. Zwar weiss er dem Publicum durch eine sehr\nleichte Behandlung seiner Stimme und durch scheinbare\nColoraturfertigkeit Sand in die Augen zu streuen; doch\nhalten seine Coloraturen nur in seltenen Fällen eine ge-\nnaue Prüfung aus, und sein Triller ist fast das vollstän-\ndigste Gegentheil von dem wahren Triller, das wir bis jetzt\ngehört haben. Seine Stimme ist zwar hell und hörbar, aber\nohne eigentliches Volumen, mitunter weich und doch ohne\nSchmelz. Die Aussprache ist sehr deutlich, aber die Ton-\nbildung nasal und eben darum ohne jenen edeln Timbre,\nder den wahren Sänger charakterisirt. Dennoch bleiben\nihm auch als Sänger gute Eigenschaften, namentlich ein\ntreffliches Parlando und ein sehr leichter Uebergang vom\nBrust- in das Falset-Register. Sein Gesang ist nicht edel\ngenug, um tiefere Gefühle zu wecken, seine Kunstfertigkeit\nnicht echt genug, um ihm den Ruhm eines geschickten\nTechnikers zu verschaffen; aber durch eine gewisse geistige\nGeschicklichkeit, mit der er seine Stimme behandelt, wird\ner, wenn man ihn nur in dem ihm angemessenen Genre zu\nbeschäftigen weiss, der Bühne von grossem Nutzen sein\nkönnen. Ausser diesen beiden neu engagirten Tenören wird\nin nächster Zeit noch ein dritter debutiren. Herr Hoff-\nmann, der als Prophet einen glänzenden Erfolg errang,\nsich später aber nicht auf gleicher Höhe behaupten konnte,\nwird Berlin wieder verlassen.\nSchliesslich noch ein paar Worte über das Gastspiel\nder Signora Fortuni, über deren zarte Sopranstimme\ndie zarteste und lieblichste, die je bedeutende Erfolge er-\nrang— ich Ihnen schon im vorigen Sommer berichtete. Es\nlässt sich nicht wegläugnen, dass in ihrer Gesangs-Methode\nein Mangel liegt, der Mangel des vollen, kernigen, mit tie-\nfer Empfindung gesättigten Brusttones; und dennoch weiss\nsie auf jedes feiner organisirte Gefühl einen unbeschreib-\nlichen Reiz auszuüben, nicht bloss durch den seltenen\nWohlklang des höchsten Sopran-Registers oder durch ihre\nzwar nicht in jedem einzelnen Falle ganz correcte, im Gan-\nzen aber doch höchst respectable Kunstfertigkeit, sondern\ndurch die Zartheit ihrer Empfindung, die Feinheit ihres\nGeschmacks, durch den Liebreiz der ausgesuchtesten An-\nmuth. Sie ist bis jetzt als Lucie, als Adine im Liebestrank\nund als Nachtwandlerin aufgetreten. So viel uns bekannt,\nist sie noch Anlängerin auf der Bühne. Der €oncertgesang\nist wohl ihre eigentliche Sphäre; doch scheint sie auf der\nBühne immer heimischer zu werden, und gewisse Gefah-\nren, die ihr ganz besonders drohen (ihr zartes Organ wird\nbei einiger Anstrengung leicht zu hoch; dieser Fehler zeigte\nsich aber nur im Ensemble-Gesang, wenn andere, kräftigere\nStimmen sie über das ihr erreichbare Maass der Kraft hin-\naustrieben), scheint sie, mit dem Talente aufmerksamer\nSelbstbeobachtung begabt, immer glücklicher zu vermeiden.\nSignora Fortuni singt nur in italiänischer Sprache; wir ha-\nben also jetzt Opern-Vorstellungen, in denen alle Uebrigen\nDeutsch singen und die erste Sängerin Italiänisch.— Ueber\nden Verlauf Und den Schluss der Concert-Saison in mei-\nnem nächsten Briefe.\n\nG. E.\n\nKirchenchor in Zweibrücken.\n\nEs dürfte wohl auch für weitere Kreise nicht ohne In-\nteresse sein, von einem Gesang-Vereine zu erfahren, wel-\ncher, wenn auch nicht durch äussere Ausdehnung hervor-\nragend, doch durch den inneren Werth und die Gediegen-\nheit seiner Leistungen die Theilnahme aller derjenigen ver-\ndient, welche für höhere Tonkunst Sinn und Begeisterung\nin sich tragen. Es ist dies der zu Zweibriicken unter\nder Leitung des Organisten Heinrich Lützel seit Weih-\nnachten 1854 bestehende Kirchenchor.\nDer Hauptzweck dieses Vereins ist, an Fest- und\nFeiertagen den Gottesdienst in der protestantischen Kirche\nzu Zweibrücken durch Gesang zu verherrlichen. Ausserdem\nveranstaltet derselbe von Zeit zu Zeit grössere selbststän-\ndige Aufführungen classischer Kirchengesänge. In der kur-\nzen Zeit seines Bestehens hat dieser Chor, welcher in sei-\nner jetzigen Zusammensetzung weibliche und 19 Män-\nnerstimmen zählt, unter der umsichtigen Leitung des Herrn\nLützel, der mit tüchtiger theoretischer Bildung, geläuter-\ntem Geschmack, gründlicher Kenntniss der Geschichte der\nTonkunst einen unermüdlichen Eifer verbindet, in der That\nVorzügliches geleistet und sich sowohl den Beifall der Mu-\nsikfreunde als auch den Dank der Gemeinde in hohem\nGrade erworben. Was den Verein der Beachtung der Ken-\nner würdig macht, ist theils dessen gediegene Richtung,\nwelche nur dem Reinsten und Höchsten im Gebiete kirch-\nlicher Tonkunst sich zuneigt und von den herrlichsten"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "165", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.1.5", "texte": "Schöpfungen aller Völker und Zeiten das Schönste und\nEdelste auswählt, theils die fleissige, sorglältige und pünkt-\nliche Einübung der Gesänge und die dadurch erzielte Run-\ndung und Vollendung des Vortrags.\nDie Richtung und das Streben des Vereins lässt sich\nam besten aus den Werken erkennen, denen er seine Thä-\ntigkeit widmet; das zahlreiche Verzeichniss der bis jetzt\neingeübten Chöre weis't die Namen der Meister Ahle, Al-\nlegri, Anerio, J. Chr. Bach, J. M. Bach, J. S. Bach, Bort-\nniansky, Calvisius, Cherubini, Durante, Eccard, Erythräus,\nFrank, Gabrieli, Gallus, Gastoldo, Goudimel, Graun, Gum-\npelzhaimer, Händel, Hammerschmidt, Hasse, Hassler, Haydn,\nHomilius, Jomelli, Lasso, Leo, Lotti, Mozart, Nanini, Osian-\nder, Pachelbel, Palestrina, Prätorius, Purcell, Rink, Rolle,\nRosenmüller, Scandinelli, Schröter, Schütz, Vittoria, Vul-\npius auf. Von neueren Tonschöpfungen wurden insbeson-\ndere die achtstimmigen Psalmen, welche Mendelssohn lür\nden berliner Dom-Chor geschrieben, eingeübt. Bei der\nletzten grösseren Aufführung, welche am verflossenen 15.\nMärz in der Alexander-Kirche Statt fand, wurden folgende\nGesänge vorgetragen: 1) Lobgesang lür vierstimmigen Chor\nvon Palestrina, 2) Gebet lür eine Sopranstimme von AI.\nStradella, 3) Festlied lür sechsstimmigen Chor von J. Ec-\ncard, 4) Terzett für Alt, Tenor und Bass von Giac. Ca-\nrissimi, 5) Lied für fünfstimmigen Chor von J. Rosenmül-\nler, 6) Choral „Befiehl du deine Wege\", vierstimmiger\nTonsatz von J. S. Bach, 7) Vierstimmiger Chor von Demetrius\nBortniansky, 8) Wechselgesang für zwei Sopranstimmen\naus dem Messias von Händel, 9) Der zweite Psalm, acht-\nstimmig, von Mendelssohn. Die Einzelgesänge wurden\nvon Mitgliedern des Vereins mit Ausdruck und Geschmack\nvorgetragen. Die Chöre zeichneten sich durch reine Into-\nnation, deutliche Aussprache, einheitliches Zusammenwir-\nken, feine Schattirung, Festigkeit und Sicherheit aus. Man\nsah und hörte es den Mitwirkenden an, dass sie mit Lust\nund Begeisterung sangen; über dem Ganzen schwebte jene\nhöhere Weihe, welche dem Vortrage herrlicher Tonschö-\npfungen erst die rechte Bedeutung verleiht und des Ein-\ndrucks auf den empfänglichen Hörer nie verfehlen kann.\nWas bei den öffentlichen Aufführungen des Vereins\nbesondere Anerkennung verdient, ist, dass der Eintritt Je-\ndermann unentgeltlich frei steht, und daher auch diejenigen,\nwelchen sonst Mittel und Gelegenheit fehlen, gediegene\nTonwerke zu hören, sich an den geweihten Tönen eines\nBach, Händel, Palestrina erquicken können. Wahrhaft er-\nhebend war für den aufmerksamen Beobachter die Wahr-\nnehmung, mit welcher Aufmerksamkeit und Andacht auch\nsolche, die sonst wohl noch selten den Zauber echter Ton-\nkunst empfunden haben, diesen erhabenen Gesängen lausch-\nten, ein Beweis, dass auch die höchste und ernsteste\nTonkunst in würdiger Aufführung den Weg zum Herzen\nfindet. Möge Herr Lützel, welcher für seine aufopfernde\nThätigkeit, für seinen grossen Aufwand an Mühe und Zeit\nkeinen anderen Lohn hat, als das erhebende Bewusstsein,\nwelches mit jedem schönen Streben verbunden ist, in sei-\nnem unermüdlichen Eifer wie bisher fortfahren; der Dank\nder Gemeinde, wie die aufrichtige Anerkennung aller, denen\ndie Pflege der höheren Tonkunst am Herzen liegt, wird\nihn auch fernerhin in seinem segensreichen Wirken be-\ngleiten !\nSchliesslich erlauben wir uns, auf eine Sammlung von\nChorgesängen aufmerksam zu machen, welche Herr Lützel\nso eben herausgibt; sie führt den Titel: „Kirchliche\nChorgesänge zum Gebrauche beim evangeli-\nschen Gottesdienste, herausgegeben von J. Hein-\nrich Lützel\" (Zweibrücken, Verlag von J. Chr. Herbart),\nwird in gediegener Auswahl das Beste auf dem Gebiete\nkirchlicher Tonkunst enthalten und verdient daher, den\nKirchenchören und Gesang-Vereinen bestens empfohlen\nzu werden. E. G.\nDas erste Heft, welches uns vorliegt, enthält sieben\nGesänge\n(0 hone Jesu und Adoramus te), 1 von Dem. Bortni-\nansky (die grosse Doxologie), sämmtlich vierstimmig für\nSopran, Alt, Tenor und Bass; ferner das fünfstimmige (2\nTenöre) „Ich weiss, dass mein Erlöser lebt\" von Joh.\nMich. Bach (1660 —1709?), und das ebenfalls fünf-\nstimmige „Aus tiefer Noth schrei' ich zu Dir\" von Joh.\nEccard. Alles vortreffliche Stücke, besonders die schou\nbekannte Doxologie von Bortniansky und die weniger be-\nkannte Nummer von J. M. Baoh, in welcher der Sopran\nden Choral „ Christus, Der ist mein Leben\" über dem vier-\nstimmigen Satz (Alt, zwei Tenöre und Bass) führt. Die\nTexte sind überall deutsch; der grösseren Verbreitung\nwegen wäre vielleicht in künftigen Heften da, wo der Ori-\nginal-Text lateinisch ist, dieser ebenfalls mit abzudrucken.\nDie Ausstattung ist gut bis auf ein paar unbedeutende\nDruckfehler in der Vorzeichnung. Der Preis (Partitur 5\nSgr., Stimmen 7 Sgr.) ist billig.\nNachschrift. Zur Geschichte der Bache.\nDer hier erwähnte Johann Michael Bach war um\nI\n1660 in Arnstadt geboren, und eine seiner Töchter war\ndie erste Gattin von Joh. Sebastian Bach. Aus dem Copu-\nlationsschein, den wir im vorigen Jahrgang der Niederrh."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.1.6", "texte": "Musik-Zeitung, Nr. 43, S. 346, urkundlich mitgetheilt ha-\nben, geht hervor, dass diese Maria Barbara Bach die jüngste\nTochter Joh. Michael's war. Da sie aber die „nachge-\nlassene\" Tochter des weiland kunstberühmten J. M.\nBach heisst und die Urkunde vom 17. October 1707 da-\ntirt, so geht daraus hervor, dass die Angabe von 1709 als\nTodesjahr J. M. Bach's bei Gerber (Neues Lexikon der\nTonkünstler) und nach ihm überall, auch hier in der Samm-\nlung von Lützel, irrig ist. Joh. Mich. Bach muss im Jahre\n1707 (Januar bis September) oder bereits im Jahre 1706\ngestorben sein. Man kann also, genau genommen, nicht sa-\ngen, dass er J. S. Bach's erster Schwiegervater, wie in al-\nlen Tonkünstler-Wörterbüchern steht, gewesen sei, da er\ndie Verheirathung seiner Marie mit Johann Sebastian nicht\nerlebt hat.\nJohann Michael und sein älterer Bruder Johann\nChristoph (geb. 1643 zu Arnstadt) waren Söhne von\nHeinrich Bach, Organist und Stadtmusicus in Arnstadt.\nJohann Christoph hatte den Ruf eines der grössten Contra-\npunktisten und stärksten Orgelspieler in Deutschland am\nEnde des 17. Jahrhunderts. Er wurde in seinem 22. Jahre\nschon als Hof- und Stadt-Organist nach Eisenach berufen,\nwo er den 31. März 1703 starb. Man rühmte von ihm,\ndass er niemals mit weniger als iünf obligaten Stimmen auf\nder Orgel oder dem Ciavier zu spielen pflegte. Wiewohl\ner Kirchenstücke von 16, ja, 22 Stimmen geschrieben, so\nwar er doch auch dem „gefälligen und singenden\" Satze\nhold und lebte, wie Gerber schön sagt, „in der goldenen\nOrgelzeit, als die Harmonie schon in ihrem höchsten Glänze\nstand und die Melodie sich so eben aus der Morgendämmerung\nerhob.\" Und ferner: „In einer galanten Motette, welche\ner im Jahre 1684 schrieb, wagte er bei anderen originel-\nlen und witzigen Einfällen sogar schon den Gebrauch der\nübermässigen Sexte!\"—Von seinen Compositionen brachte\nim Anfange unseres Jahrhunderts, also hundert Jahre nach\nseinem Tode, der damalige Capellmeister Bach in Hamburg\nmehrere wieder ans Licht, und sie erregten grosse Theil-\nnahme ungefähr dasselbe, was sich jetzt, ebenfalls nach\nhundert Jahren seit Johann Sebastian's Tode, mit dessen\nWerken wiederholt. Und doch haben beide Meister, Johann\nChristoph und Johann Sebastian, schwerlich daran gedacht,\ndass sie für die Zukunft schrieben! Was wird von unseren\nZukunfts-Koryphäen nach hundert Jahren übrig sein? Nach\nhundert Jahren! „ Mich überläuft's!\" sagt Gretchen im\nFaust. Und überläuft's euch nicht, wenn ihr euch anmaas-\ntet, das leichte Gewicht eurer trockenen Waare gegen\ndie saftige und lastende Schwere der Musik der Vergan-\ngenheit in die Wagschale zu legen?\nDer jüngere Bruder Johann Michael war Organist\nund Stadtschreiber im Amt Gehren im Schwarzburg-Son-\ndershausen'schen. Ausser der oben genannten Motette er-\nwähnt Gerber noch fünf andere, wovon drei fünfstimmig\nund eine für zwei vierstimmige Chöre vom Jahre 1679.\nSie sollen sich auf der hamburger Bibliothek befinden (?).\nAusserdem besass Gerber einen Folianten von 246 schön\ngeschriebenen Seiten mit 201 figurirten und fugirten Cho-\nrälen, deren manchem 15 —2O Variationen angehängt\nsind, aus den Jahren 1680 —1720, von 16 Componisten\ndarunter vier Bache. Von Johann Michael standen darin\n72 fugirte Choral-Vorspiele, davon mehrere mit einem An-\nhang von 6, 8, 10 Variationen.\nWas für musicalische Schätze würden zu Tage geför-\ndert und welche richtigere Einsicht in die geschichtliche\nEntwicklung der neueren Musik würde verbreitet werden,\nwenn der zerstreute Nachlass sämmtlicher Tonkünstler aus\nder Familie der Bache einen Forscher fände, der es sich\nzur Lebens-Aufgabe machte, das ganze Material aufzusu-\nchen, zu durchmustern und das Beste und Merkwürdigste\ndaraus wieder ans Licht zu ziehen! Kein Land der Welt\nhat eine solche Künstler-Familie aufzuweisen, wie das thü-\nringische Haus der Bache in Deutschland war. Wie Man-\nches, das neueren Meistern als geniale Erfindung angerech-\nnet worden, würde bei einer solchen Nachforschung und\nSichtung in seinem früheren Ursprünge an den Tag kom-\nmen! Es fällt uns z. B. das lange Crescendo von Spontini\nund Rossini ein. Da lesen wir aber, dass Johann Lud-\nwig Bach in einem grossen Kirchenslücke für Solostim-\nmen und Chor (um 1710 componirt) mit 2 Violinen, 2\nViolen und Fundament: „Es wird des Herrn Tag kommen\",\ndie Recitative mit passenden Arioso-Stellen durchwebt,\nnach dem Chor: „Die Welt vergeht\", eine Instrumental-\nCoda mit abschwindendem Diminuendo bis zum Pianissimo\nanbringt und bei einem kräftigen Bass-Solo „die Instru-\nmente einzeln nach einander in Rauschern ein-\ntreten lässt, wodurch ein natürliches Crescendo bis zum\nFortissimo entsteht.\"\nSchliesslich wollen wir noch bemerken, dass die An-\ngabe in dem neuen Universal-Lexikon der Tonkunst von\nEd. Bernsdorf (4. Lief., S. 317), dass der Stammvater\nsämmtlicher Bache, Veit Bach, Bäckermeister aus Press-\nburg, „nach Beginn des 17. Jahrhunderts\" in Deutsch-\nland eingewandert sei, irrig ist. Veit Bach verliess aller-\ndings Ungarn der Religion wegen, allein bereits im 16."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.1.7", "texte": "Jahrhundert; denn Johann Bernhard, Organist in Eisenach,\nstarb 1749—der Urgrossvater desselben starb in Weimar\n1626, und Veit Bach war der Urgrossvater dieses letzte-\nren, war also drei Menschenalter vor 1626 nach Thürin-\ngen eingewandert.\n\nL. B.\n\nAus Mainz.\n***\nDen 15. Mai 1857.\nDie Berichte über hiesige musicalische Aufführungen gehen in\nder Regel von der hier erscheinenden Süddeutschen Musik-Zeitung\naus, die jedoch mit bewundernswerther Consequenz nur die Concerte\nder hiesigen Liedertafel bespricht, deren Präsident zugleich Redacteur\nbesagter Zeitung ist. Sie werden mir daher gestatten, Ihren Lesern\nvon den bis jetzt erzielten Erfolgen eines anderen Vereins Kunde zu\ngeben, der das schon seit Jahren angebahnt, was seit dem verflosse-\nnen Winter die Liedertafel gleichfalls in ihren Bereich gezogen hat.\nIch meine nämlich die Aufführung von grösseren Instrumental-\nwerken durch den hiesigen Verein für Kunst und Literatur.\nSeit einigen Jahren unter der Leitung des talentvollen Capelimeisters\nFr. Lux, hat dieser Verein die Erfahrung machen müssen, dass\nseine Mitglieder mehr durch gelungene musicalische Aufführungen\nals durch wissenschaftliche Vorlesungen zu elektrisiren sind, und ist\nnun allmählich nach Entfernung al er Dilettanten-Productionen frü-\nherer Zeit auf jene Stufe gelangt, die seine Leistungen einer Be-\nsprechung in einer musicalischen Zeitschrift würdig macht. Wäh-\nrend die kleinen Concerte der verflossenen Saison uns aus dem rei-\nchen Gebiete der Kammermusik in steter Abwechslung mit Gesangs-\nVorträgen die gediegensten Tonschöpfungen brachten, wurden uns\nin mehreren grösseren die Sinfonieen von Mendelssohn (A-moll),\nSchneider (H-moll) und Beethoven (D-dur) gebracht, ferner die Ou-\nvertüren zu Euryanthe, Joseph und zu Santa Chiara, so wie durch\ndie Herren Buhl und Wolf jun. aus Frankfurt am Main das Cla-\nvier-Concert E-dur von Hummel und das Violin-Concert E-moll von\nMendelssohn. Von Solo-Vorträgen waren ausserdem noch auszuzeich-\nnen die der Cellisten Grützmacher aus Leipzig und Pfeifer\naus Meiningen.\nDie Concerte selbst hatten sich einer ausserordentlichen Theil-\nnahine zu erfreuen und verfehlten unter der energischen Leitung\nunseres verdienstvollen Capellmeisters Lux, dem wir ausserdem die\nGründung eines Männergesang-Vereins verdanken (die Lieder-\ntafel ist nämlich ihrem Na.nen untreu geworden und führt jetzt nur\ngemischte Chöre aufj, ihre Wirkung nicht. Schliesslich muss ich\nnoch bemerken, dass wir hier keinen Instrumental-Verein (wir zäh-\nlen schon zum Oberrhein) besitzen, wie dies in jeder grösseren Stadt\nam Niederrhein der Fall ist, und erst durch Herrn Lux Bekannt-\nschaft z. B. gemacht haben mit den Ouvertüren zu Ruy Blas, zur\nFingalshölile und schönen Melusine von Mendelssohn, Ossian-Klänge\nvon N. Gade, ferner Sinfonie in A-moll von Mendelssohn und Weihe\nder Töne von Spohr, ja, sogar horribile dictu auch erst mit\nder Eroica und der B-dur-Sinfonie von Beethoven!\nAd vocem Mänaergesang-Verein sei mir noch gestattet, zu erwäh-\nnen, dass derselbe in dem letzten Kunstvereins-Concerte die erste\nöffentliche Probe seit seinem halbjährigen Bestehen abgelegt hat und\nseine Leistungen im Vortrage des Mendelssohn'schen Nachtgesanges\nund der Introduction aus der Belagerung von Korinth von Eossini\nmit allgemeinem Beifall aufgeno i men worden sind.\n\nAus Leipzig.\n***\nDie Haupt-Prüfungen imConservatorium der Musik,\nwelche am 23. April und 1. Mai im Saale des Gewandhauses Statt\nfanden, boten folgende Leistungen und Ergebnisse dar:\nAm 23. April. Erster Theil. Concert für das Pianoforte von L.\nvan Beethoven (Es-dur, erster Satz), gespielt von Heinrich Rupp\naus Mainz. Mit guter Technik und grosser Sauberkeit vorgetragen,\ndoch ohne Kraft und mit massiger Auffassung. Adagio und letz-\nter Satz aus dem vierten Concert für die Violine von F. David: Max\nScherck aus Posen. Keck, übermüthig, aber mit Verständniss und\nsehr schönem, vollem Tone. Concert für das Pianoforte von Fe-\nlix Mendelssohn-Bartholdy (G-moll): Frederique Benamin aus Ham-\nburg. Geistig unzweifelhaft die begabteste der Schülerinnen, hat viel\nKraft und gefühlvollen Vortrag. Im ersten Satze störte die Befan-\ngenheit, im dritten das allzu rapide Tempo; der zweite Satz war\nuntadelhaft. Concert für die Violine von B. Molique (Nr. 5, A-\nmoll, erster Satz): Johan Naret-Koning aus Amsterdam. Sehr bedeu-\ntend. Grosse Fertigkeit, Sicherheit und Gewandtheit.\nZweiter Theil. Concert fantastique für das Pianoforte von J. Mo-\nscheies : Albert Lindholm aus Stockholm. Vortrefflich in jeder Be-\nziehung; ahmte den Vortrag des Componisten mit grosser Treue\nnach, was in diesem Falle nur zu loben ist. Arie aus der Zau-\nberflöte von W. A. Mozart: Georg Egli aus Chur. Weniger als mit-\ntelmässig. Kleine Stimme und keine Schule. Der Tadel trifft den\nLehrer mehr, als den Schüler. Caprice für das Violoncell von\nKummer: Edward Si lney Smith aus Dorchester. Recht lobenswerther\nVortrag, welcher trotz der langweiligen Composition allgemeines In-\nteresse erregte. - Variationen und Finale für das Pianoforte aus\ndem Septuor von J. N. Hummel: Wilhelmine Döring aus Darmstadt,\nGleichmässiger Anschlag und hübsche Fertigkeit. Am Schlüsse einige\nFehler, welche man auf Rechnung der Befangenheit setzen muss\nund daher vergeben kann. - Concert für die Violine von de Beriot\n(Nr. 5, D-dur): Gerhard Brassin aus Leipzig. Bei hübschem Talente\neine gute Schule. Der Ton ist klein, die geistige Auffassung noch\nnicht ganz genügend.\nAm 1. Mai. Erster Theil. Quartett für Streich-Instrumente (A-\n--moll), componirt von Eusebius Kaeslin aus Beckenried; vorgetragen\nvon dem Componisten und den Herren Johann Lindberg aus Hel-\nsingfors, Johan Naret-Koning aus Amsterdam und Grützmacher. Eine\ngute Arbeit, welche ernstes Streben und Begabung beweis't. Im Gan-\nzen stört jedoch eine gewisse Einförmigkeit den guten Eindruck.\nSonate für Pianoforte und Violine (G-dur)y componirt von Hermann\nLevi aus Giessen, vorgetragen vom Componisten und Herrn Koning.\nUnter den Compositionen der Schüler seit geraumer Zeit die beste.\nTalent ist vorhanden, wenn ihm auch noch der Zügel fehlt. Trio\nfür Pianoforte, Violine und Violoncell (D-moll), componirt von Wil-\nhelm Goldner aus Hamburg, vorgetragen von dem Componisten und\nden Herren Koning und Grützmacher. Lehnt sich ganz an Mendels-\nsohn an; wo er es nicht thut, fehlt die Haltung, und die Compo-\nsition wird entweder unbedeutend oder verworren.\nZweiter Theil. Concert für Pianoforte von L. van Beethoven (G-\n--ditr, erster Satz) : Theodor Beggrow aus St. Petersburg. Sehr gut.\nTüchtige Durchbildung der Technik, doch könnte etwas mehr Kraft\nnicht schaden. Menuet und Etüde für die Violine mit Pianoforte-\nBegleitung von F. David. Die Violin-Partie unisono vorgetragen von\ndreizehn Schülern. So ausgezeichnet durchgeführt, dass jeder Tadel\nungerecht wäre. Concert für das Pianoforte (D-moll) von Felix\nMendelssohn-Bartholdy: Fräul. Jenny Hering aus Leipzig. Sehr viel\nFertigkeit, aber auch nur diese. Das seelenlose Spiel zeugt von kei-\nnem Talente, wenn auch von Fleiss. „Sah um fac Hegernfür\nChor componirt von E. F. Richter. Wenn ein Conservatorium keine\nguten Stimmen hat, so kann man ihm das nicht zum Vorwurf an-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570523-01.1.8", "texte": "rechnen. Wenn aber nach einem Jahre seit der letzten Prüfung ein\nChor nicht besser einstudirt werden kann, so wäre es besser, Schü-\nler und Zuhörer mit dergleichen nicht zu incommodiren.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKSln, 23. Mai. Gestern Abends ist der kölner Männerge-\nsang-Verein zu seiner dritten Sängerfahrt nach London von\nhier abgegangen. Die Reise geht über Calais und Dover. Die An-\nzahl der theilnehmenden Mitglieder beträgt 85.\nHerr Capellmeister F. Hill er ist von dem Comite des mittel-\nrheinischen Musikfestes in Mannheim eingeladen worden,\ndas diesjährige Fest zu dirigiren, und hat die Einladung angenommen.\nDie Nachricht vom Tode des Schauspielers Ira Aldridge (auch\nin unsere Nr. 20 übergegangen) wird durch londoner Blätter widerlegt.\nKarl Reinecke, der schon so manche Unterriehtswerke für\ndas Ciavier herausgegeben hat, die das Nützliche mit dem Ange-\nnehmen vereinigen (z. B. die Kinderlied er, die drei Sonaten,\nOp. 47, die vier händige Ouvertüre zu dem Märchen „Nuss-\nknacker und Mäusekönig\"), hat die Zahl derselben durch die bei B.\nSenfF in Leipzig erschienenen\nZwölf vierhändigen Ciavierstücke mit stillstehen-\nder Hand\nauf sehr zweckmässige Weise bereichert. Diese Stücke sind beson-\nders auf die Bildung des Vortrages und des Tactgefühls berechnet\nzwei Dinge, die man nicht früh genug durch Unterricht und Bei-\nspiel zu befördern suchen kann. Von eigentlicher Fingerübung und\nApplicatur ist also hier nicht die Rede, da die Stücke auf fünf Töne\nbeschränkt sind. Um so mehr ist die Erfindungsgabe und Gewandt-\nheit des Componisten zu loben, der in diesen engen Rahmen doch\nso liebliche Bildchen zu fügen und in einem derselben Alla Si-\ncilianci sogar das Kunststück eines Canons anzubringen verstan-\nden hat. Wir empfehlen das Werklein allen Lehrern.\n•j* JSTeuwiecl, 17. Mai. Der Kammersänger Herr Ernst Koch\naus Köln gab mit Fräul. Katharina Deutz, seiner talentvollen\nSchülerin, hier ein sehr besuchtes, auch durch die Anwesenheit des\nfürstlichen Hofes ausgezeichnetes Concert. Hr. Koch sang Lieder von\nFranz Schubert, Schumann und Beethoven, in denen er seine mei-\nsterhafte Tonbildung und ganz vorzügliche Aussprache bewährte.\nZugleich bewies aber auch Fräul. Katharina Deutz, die auch mit\näusseren Vorzügen geschmückt ist, dass Ernst Koch ein vortrefflicher\nLehrer ist. Fräul. Deutz sang die grosse Scene und Arie aus dem\nFreischütz ~Wie nahte mir der Schlummer\", die Arie aus Figaro's\nHochzeit ~0 säume länger nicht\" und in Verbindung mit E. Koch\nSpohr's Duett aus Jessonda mit entschiedenem Beifalle und hat ganz\ndas Zeug dazu, Bedeutendes zu leisten, wenn sie so fortfährt.\nC. Reinecke's Abendlied für Solo-Tenor und gemischten Chor (Aachen\nbei E. ter Meer), von Herrn Koch und dem Flügel1 sehen Gesang-\nVerein ausgeführt, gefiel allgemein. Ein sehr geschätzter Dilettant\ntrug ein Violin-Solo (Phantasie von Lafont) .mit schönem Tone vor.\nHerr Musik-Director Flügel hatte die Clavier-Begleitung sämmtli-\ncher Gesangstücke freundlich übernommen und spielte F. Chopin's\ngrosse Polonaise, Op. 22, und brillante Concert-Variationen von Herz,\ndie besonders beifällig aufgenommen wurden. Das zahlreich versam-\nmelte Publicum schied mit sichtbarer Befriedigung.\nJfffiiiiclten* Em. Geibel hat vor Kurzem seine Tragödie\nBrunhilde vor einem Kreise gewählter Zuhörer vorgelesen, d. h.\ner hat die Handlung der drei ersten Acte erzählt und die zwei letz-\nten in ihrer vollständigen Ausarbeitung vorgetragen. Er hat den gan-\nzen Inhalt des ersten Theiles des Nibelungen-Liedes von der Braut-\nfahrt Gunthers bis zu Siegfried's Ermordung in den engen Rahmen\neines Drama's gebracht. Ihm eigenthümlich ist die Liebe Brunhildens\nzu Siegfried, die in den ersten Scenen, wo Siegfried nach Isenland\nverschlagen wird, sich entzündet. Er kehrt mit Günther zurück, und\nnun hält sieh Geibel an den weiteren Verfolg der Handlung des epi-\nschen Gedichtes. Im fünften Acte aber erklärt Brunhilde öffentlich\nan der Leiche des ermordeten Siegfried, dass sie ihn allein geliebt\nhabe und ihm folge. Sie ersticht sich mit dem Schwerte des Todten.\nEine Seherin deutet die Zukunft und Chriemhildens Rache an. In\nwiefern jene modern sentimentale Liebe Brunhildens und der Selbst-\nmord aus Sehnsucht nach der Vereinigung mit dem Geliebten dem\nCharakter der alten Sage angemessen sei, scheint uns sehr proble-\nmatisch.\nHamburg. Die Opern-Direction ist mit Fräul. Nina Hart-\nmann wieder in Unterhandlung getreten. Ihr Scheiden wäre auch\nein sehr grosser Verlust. Als Alice wurde sie in der letzten Vor-\nstellung des Robert neben Fräul. Wildau er (Isabellaj bei offener\nSeene gerufen. Nach Nr. 40 der Hamb. Allg. Th.-Zeitung ist die\ntreffliche junge Sängerin unter günstigen Bedingungen von Neuem\nengagirt.\nNach Frankfurt am Main. Die eingesandte „Berichtigung\"\nkann nicht aufgenommen werden, erstens, weil es keine ist, indem\nSein und Gewesensein doch immer verwandt sind: zweitens, weil zu\n\\ *\ndem Vorwurf „hämisch* keine Veranlassung ist, da kein vernünfti-\nger Mensch bei Künstlern nach dem Woher fragt, sondern nach dem\nWas und Wohin; und drittens, weil dergleichen Localia für alle Le-\nser ausserhalb des betroffenen Ortes sehr gleichgültig, für die Re-\ndaction aber, der die Kunst, nicht die Eitelkeiten und Empfindlich-\nkeiten der Künstler am Herzen liegt, höchst unerquicklich sind. L. B."}]}