{"numero_id": "bm-bmtnabi-1857-05-30-01", "volume": "bmtnabi_1857-05-30_01", "ocr_sha256": "758ef1b26dbbc16c601293e0ae46a2ec2bc022fc7b71e8bba88fe78f33396724", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1857/05/30_01/bmtnabi_1857-05-30_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-30-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-30_01#c001", "volume": "bmtnabi_1857-05-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "169", "page_fin": "169", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 330, "texte": "Inhalt.\nZur Geschichte der Charakteristik der Tonarten. 111. Musik-Zustände in Dresden. Von Louise Nitzsche, geb. Kind-\nscher Tages- und Unterhaltungsblatt (Wien, Fräul. Rosa Kastner Kammer-Virtuosin Brüssel, Concert der deutschen Lie-\ndertafel Paris, die letzten Conservatoire-Concerte, Concerl spirituell Halevy St. Petersburg)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-30-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-30_01#c002", "volume": "bmtnabi_1857-05-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "169", "page_fin": "174", "image_debut": 1, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.2.2", "titre_corps": "Zur Geschichte der Charakteristik der Tonarten.", "titre_sommaire": "Zur Geschichte der Charakteristik der Tonarten.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.1.1", "debut_caractere": 332, "fin_caractere_exclue": 3667, "texte": "Zur Geschichte der Charakteristik der Tonarten.\nIII.\n(l. s. Nr. 17. 11. Nr. 19.)\nMan sieht aus den angeführten Stellen aus Hand's\nAesthetik, dass er für die Charakteristik der Tonarten\nschwärmte. Alles, was er und Schubart darüber sagen,\nklingt recht gemüthvoll und phantasiereich; ist es aber\nwahr? ist es irgendwie bewiesen?\nEs ist und bleibt eine Sache des subjectiven Gefühls,\nund wie sehr dieses überall, besonders aber auch in die-\nsem Falle, schwankt, zeigen schon die abweichenden Cha-\nrakter-Schilderungen aus den oben angeführten Schriften.\nSo ist z. B. A-durl737 angreifend, klagend, traurig, ob\nes gleich brillirt; 1787 lustig mit etwas Stolz; bei\nSchubart drückt es unschuldige Liebe, Zufriedenheit,\nHoffnung, Heiterkeit bei Hand Vertrauen, Freude der\nLiebe, Heiterkeit, grösste Innigkeit aus.\nB-durl737 divertissant, prächtig, magnifique, die\nSeele erhebend; 1787 herablassend gross, ehrwürdig\nernst; bei Schubart heitere Liebe, gutes Gewissen (!),\nHoffnung, Sehnsucht; bei Hand offen und hell, heiter,\nzuversichtlich, glaubensvoll.\nE-durl737 verzweiflungsvoll, tödlich traurig, für\nextrem Verliebte, hoffnungslos, wie Trennung des Leibes\nund der Seele; —1787 stolz und abstossend; bei S c h ü-\nbart Aufjauchzen, lachende Freude; bei Hand lebens-\nfroher Jubel, prächtig, auch feierlich in höchster Potenz;\nbei Schilling (1838) wie bei Schubart zu Schmerz\nund Leid nie gestimmt.\nEinem nüchternen, von keinerlei Art von Mystik um-\nnebelten Kopfe wird bei solchen Widersprüchen schon\netwas unheimlich zu Muthe. Die Uebereinstimmung\nder Erklärer, wenn sie bei einigen Tonarten Statt findet,\nist aber vollends ein Beweis gegen die Richtigkeit der\nCharakteristik. Sie offenbart nämlich, dass die gleichen\nCharaktereden heterogensten Tonarten beigelegt wer-\nden; denn was 1737 dem Charakterlauscher Cklang, war\nja dem von 1787 H, und dem von 1837 nach einem vol-\nlen Jahrhundert sogar B geworden. Läge also ein abso-\nlut charakteristischer Unterschied in dem Accord und der\nTonart, so müsste die Schilderung von C-dur im Jahre\n1787 mit der von H-dur aus 1737 übereinstimmen.\nStimmen aber der Charakter von und nach\n50 oder 100 Jahren überein, so ist klar, dass dem spä-\nteren C-dur die Eigenschaften des früheren und auf\nunserem heutigen Stande der Stimmung sogar die des\nfrüheren B-dur beigelegt werden. Stimme ich das eine\nCiavier genau um einen halben Ton tiefer als das zweite,\nso muss ich B-dur spielen, um mit auf dem zwei-\nten zu harmoniren, und darum klingen B-dur und A-dur\nauf beiden ganz gleich.\nDa wir bei der jetzt seit einem halben Jahrhundert\nallgemein herrschenden gleichschwebenden Temperatur\neigentlich gar keine Tonarten (im Vergleich zu den alten\nKirchentönen) haben, sondern nur Leitern und Transpo-\nsitionen, in denen alle Verhältnisse der Intervalle stets\nganz gleich sind, alle Consonanzen denselben Grad der\nReinheit haben, der sich bei der jetzigen Temperatur errei-\nchen lässt, alle enharmonischen Unterschiede verwischt\nsind, so bleibt, ausser dem wirklich charakteristischen Un-\nterschiede der beiden Tongeschlechter Dur und Moll, lür\ndie Tonarten nichts weiter übrig, als die Differenz zwi-\nschen ihrer höheren und tieferen Lage.\nDiese Ansicht findet sich vertreten und erläutert in\nzwei Aufsätzen: „Dass es mit der Charakteristik der Ton-\narten nichts sei\", unterzeichnet Hdt, in dem letzten Jahr-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "170", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4732, "texte": "gang (1848) der Breitkopf-HärtePschen allgemeinen musi-\ncalischen Zeitung, Nr. 33 und Nr. 36.\nSchubart, der eigentliche Vater derPhantasieen über die\nAesthetik der Tonarten (denn die alten Äthan. Kircher und\nMatheson, die unserm 1 7 3 7 er zu Grunde liegen, kennen We-\nnige), hat seine Ideen mit einer Art von mystischer Schwär-\nmerei aus Tonstücken abgezogen, indem er die Stimmung,\nwelche die Composition in ihm erregte, auf Rechnung\nder Tonart setzte, in welcher sie geschrieben war. Eben\nso bemüht sich Hand, alle seine oben im Auszuge gegebe-\nnen Charakteristiken durch eine Reihe von Tonstücken zu\nrechtfertigen. Ja, Letzterer geht sogar so weit, zu behaup-\nten, dass der Musiker die Tonart eines Stückes nicht nach\ndem Verhältnisse ihrer Höhe und Tiefe zu dem conven-\ntionellen C, das er durch Gewohnheit im Ohr hat, sondern\naus dem Charakter des Stückes erkennen müsse.\nDas ist stark! Danach würde also ein Hand'scher Adept\nin Beethoven's fünfter Sinfonie das C-moll des ersten Satzes\naus „ Wehmuth, Trauer, Sehnsucht und Verlangen nach\nTrost\" erkennen. Unglücklicher Weise ist aber bekannt-\nlich in dem kecken, trotzigen, herausfordernden Motiv Beet-\nhoven's von allen diesen Dingen, welche das cha-\nrakterisiren sollen, keine Spur vorhanden!\nUeberhaupt ist es mit allen den Belegen aus vorhan-\ndenen Tonstücken classischcr Meister nichts. Für eines,\ndas in den Kram der Charakteristiker passt, kann man\nzehn andere bringen, die ihn über den Haufen werfen. Wir\nwollen nur, was uns eben namentlich aus Beethoven bei-\nfällt, erwähnen. Wie will man den Charakter von A-dur\n(nach Schubart und Hand) mit folgenden Sätzen vereini-\ngen: Zwischenmusik zu Egmont, Nr. 2, Andante, V 4, und\ndagegen Allegro, 74, Nr. 4, „Freudvoll und leidvoll\", und\ndas Finale der siebenten Sinfonie! (Und wie durfte der\nComponist es wagen, die der menschlichen\nStimme auf die Worte: „Glücklich allein ist die Seele, die\nliebt\", gleich darauf in C-durdem Fagott und der Oboe\nin Nr. 5 zu geben ? Welch ein Missgriff! es durlte nur\ndie .4-Clarinette gewählt werden, oder wenigstens doch\nA-dur, die Tonart für Innigkeit des Gefühls!) Hier haben\nwir in vier A-dur-Sälien Wehmuth und Sorge, Tumult\nund Aufruhr, Seligkeit der Liebe und Taumel ausgelasse-\nner, sinnlicher Freude. Und dieselbe Seligkeit der Liebe\nspricht noch obenein C-dur eben so innig aus, als A-dur!\nDa sollte man doch beinahe auf den Gedanken kommen,\nder Charakter müsse wohl an der Melodie liegen, nicht\naber an der Tonart. -\nMan vergleiche ferner in die Einleitung und\nden ersten Satz der zweiten Sinfonie mit dem Finale, mit\ndiesem die Musik zu Klärchen's Erscheinung im Egmont;\nden ersten Satz des Clavier-Trio's Op. 70, 1, das Adagio\ndes grossen B-dur-Tr\\o,s, das 4/4-Trio des Scherzo in der\nneunten Sinfonie mit dem Mittelsatz des Adagio und dem\nHaupt-Motiv des Finale desselben Werkes, die Variationen\naus dem d-dwr-Quarlett von Beethoven und das\nrum, von Mozart.\nTrio's Op. 1., 1 und des ersten Allegro der Eroica und\ndas Adagio der JB-dur-Sinfonie.\nSinfonie im Egmont mit den drei F-dur-Sätzen der Pasto-\nral-Siufonie, und diese wieder mit der achten Sinfonie, be-\nsonders dem Finale derselben, bei welchem der alte Ulibi-\nscheff einen Schrecken bekam und welches er „die Inaugu-\nration der unmöglichen Musik nennt, die Beethoven zu\nträumen anfing.\" Einen Schrecken, eine unmögliche Musik\nin dem sanften, lieblichen F-dur „voll Frieden und Freude,\nRuhe eines genüglichen Lebens, Innigkeit tröstender Liebe\"\n(Hand)! Und dann wieder Händel's „Hoch thut euch\nauf* im Messias.\nIn E-dur das Adagio des Quartetts Nr. 8 von Beetho-\nven und Mendelssohn's Ouvertüre zum Sommernachtstraum,\ndas erste Lied ohne Worte von Mendelssohn, Wagner's\nOuvertüre zum Tannhäuser und das Largo aus Beethoven's\nClavier-Trio Nr. 2 von Op. 1. —ln G-dur die Sonate von\nBeethoven Op. 31 (29), Nr. 2, und Don Ottavio's erste\nArie im Don Juan.\nSinfonie und das Adagio aus der neunten.\nFinale der lünften Sinfonie und das Andante aus dem C-moll-\nQuartett und das Adagio aus der .Es-dur-Sonate, Op. 7.\nIn A-moll das Andante der siebenten Sinfonie und das\nkleine Rondo Alla Turcavon Mozart.\nHebriden-Ouverture und das Kyrie in der grossen Messe\nvon Bach.\nfonie und das Rondo der S. Pathetique.\nAllegro der neunten Sinfonie und das Siciliano im D-moll-\nQuartett von Mozart. - In E-moll das 8. Quartett von\nBeethoven und das Rondo capriccioso von Mendelssohn.\nScherzo im Sommernachtstraum.\nJeder Musiker weiss, dass dieses kurze Verzeichniss,\nin welches nur die schroffsten Gegensätze aufgenommen\nsind, ins Unendliche vermehrt werden kann. Wenn nun\naber der absolute Charakter der Tonarten die Prüfung\nan der vorhandenen Musik nicht aushält, woran sollen wir\nihn dann erkennen? Was ist eine Existenz, die, ohne zu"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5008, "texte": "entsprechender Lebens-Aeusserung, zu tha ts ä ch Ii eher An-\nwendung zu gelangen, bloss theoretisch behauptet wird?\nWo gibt es auf dem ganzen ungeheuren Gebiete der Na-\nturwissenschaft und die Lehre vom Schall gehört doch\ndazu einen ähnlichen, aus der Luft gegriffenen, durch\nnichts bewiesenen Satz?\nMit den letzten Worten kommen wir auf die neuesten\nForschungen der Wissenschaft im Gebiete der Akustik\nund Aesthetik, deren Resultate in Bezug auf die behandelte\nFrage mit unserer Ansicht übereinstimmend in zwei\nvortrefflichen Werken niedergelegt sind, in dem Buche von\nFriedrich Zamminer: Die Musik und die musi-\ncalischen Instrumente in ihrer Beziehung zu den\nGesetzen der Akustik. Giessen, bei J. Ricker, 1855. Bvo.\nund in Dr. Friedr. Theod. Vischer's Aesthe-\ntik. Th. 111., Abschnitt 2, Heft 4: Die Musik. Stutt-\ngart, bei C. Macken. 1857. Bvo.\nUeber die Charaktere der griechischen Tonarten\nsagt Zamminer S. 154: „Man kann wohl kaum an der\nRichtigkeit der Ansicht derjenigen Kunstkenner zweifeln,\nwelche den jenen Tonarten zugesprochenen Ausdruck an-\nstatt auf die Tonleiter allein, vielmehr auf die ganzen in\nDoris, lonien, Phrygien, Aeolien und Lydien gebräuchlichen\nRunstformen, auf die Gesangsweise, die Octaven-Gattung,\ndas Instrumentale, den Rhythmus und den Vortrag des\nGedichtes, selbst auf Tanz und Pantomime, kurz: auf den\nInhalt des ganzen Kunstwerkes beziehen.\"\nAn einer anderen Stelle bemerkt er, dass wir die fa-\nbelhaften Erzählungen der Alten über die Macht der ver-\nschiedenen Tonarten (z. B. bei Boethius, wo Pythagoras\neinen wüthenden Brandstifter durch den Wechsel der wil-\nden phrygischen Tonart mit einer ernsteren zur Besinnung\ngebracht habe) gar nicht zu belächeln berechtigt sind,\nwenn wir die Phantasieen unserer Aesthetiker über unsere\njetzigen Tonarten vergleichen. Denn „die kühnen Präten-\ntionen des ästhetischen Gefühls dem gesunden Menschen-\nverstände gegenüber\" sind bei diesen noch wunderlicher,\nals bei den Alten.\nZur Hauptsache äussert er sich folgender Maassen\n(S. 152 ff.):\n„Seitdem die ungleichschwebenden Temperaturen ver-\nlassen sind, erhebt sich über jedem Tone unseres musicali-\nschen Systems eine absolut gleiche Stufenfolge. Wenn man\ndiese Thatsache gehörig würdigt, so ist es unmöglich, lür\nden Charakter der Tonarten einen anderen physischen\nGrund suchen zu wollen, als die Höhe der Lage, als die\nStelle des Grundtones im System. Wenn ein Pianoforte\ndaher gegen ein anderes um einen halben Ton tiefer ge-\nstimmt wäre, so müsste C-dur auf dem ersteren genau den\nnämlichen Eindruck machen, wie H-dur auf dem zweiten.\nDiese Folgerung wird zwar von fein lühlenden Musikern\nnicht zugegeben; allein es scheint, als ob der Versuch in\ndieser Reinheit selten oder niemals gemacht worden sei,\nund wäre er angestellt worden, der Erfolg hätte in der\nThat kein anderer sein können, als der angegebene. Das\nai der petersburger Oper steht auf 453 Schwingungen,\ndas der Opera comiquein Paris steht oder stand auf 428\nSchwingungen; der Unterschied ist genau der eines halben\nTones. Man könnte danach schliessen, dass, wenn allein\ndie Tonhöhe den Charakter der Tonart bedinge, alle Ton-\nstücke, welche auf der petersburger Oper aus C-dur ge-\nspielt wurden, in der Opera comique den Eindruck hätten\nmachen müssen, als gingen sie aus H-dur. Allein diese\nFolgerung erscheint nicht gerechtfertigt, wenn man, wie\nwir es geneigt sind, zu thun, den Charakter der Tonarten\ndurchaus nur als etwas Relatives auffasst, als relativ gegen\neine Grund-Tonart C-dur, an deren Lage bei der herr-\nschenden Orchesterstimmung das Ohr sich gewöhnt hat.\nWie in Beziehung auf den Grundton C die übrigen eilt\nTöne der Scale ein mehr oder weniger einfach harmoni-\nsches Verhältniss haben, so muss es auch mit den auf die\neinzelnen Grundtöne basirten Harmonie-Verbindungen in\nBeziehung auf die (J-dwr-Harmonieen der Fall sein. Alle\nDur-Harmonieen sind an sich von gleicher Reinheit und in\nso fern unbestreitbar von gleichem Charakter; hat aber ein-\nmal das Ohr durch lange Gewohnheit C-dur als den Aus-\ndruck des Einfachen und entschieden Klaren und Kräftigen\nin der Musik angenommen, so wird jede andere Z)wr-Har-\nmonie um so mehr sich von jenem Charakter zu entfernen\nund vielmehr dem Ausdruck aller gegentheiligen Empfin-\ndungen sich zu bieten scheinen, je fremder ihre harmoni-\nschen Verhältnisse denjenigen der (7-dttr-Harmonieen sind.\nDem nämlichen Eindruck, welcher bei dem Laien in der\nMusik nur durch die Modulation, durch die unmittelbare\nNebeneinanderstellung der Tonarten erreicht wird, ist das,\nich möchte sagen, auf C-dur seines Orchesters gestimmte\nOhr des Musikers stets offen, wenn es auch eine Tonart\nnur an und lür sich zu empfinden glaubt. Dass ein Ueber-\ngang aus C-dur in das so nahe verwandte G-dur einen\nweit ruhigeren Charakter an sich tragen muss, als der\nUebergang aus C-dur in das in allen seinen harmonischen\nVerhältnissen weit abweichende H-dur, kann nicht befrem-\nden, wenn man bedenkt, wie wenig einfach das Verhältniss\nder Schwingungszahlen des Dreiklangs zu denjeni-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5123, "texte": "gen des Dreiklangs h, dis, fsist. Die Tonarten über der\nQuinte und Quarte müssen demnach in ihrem Ausdruck\nC-dur am ähnlichsten sein, dann folgen die Tonarten über\nden Terzen und Sexten, hierauf die über der grossen Se-\ncunde und der kleinen Septime, die über der verminderten\nQuinte und endlich die über der kleinen Secunde und über\nder grossen Septime. Uebrigens wird auch die Mitwirkung\nder höheren oder tieferen Lage einer nämlichen Melodie\nzum Total-EfTect der Tonart nicht geläugnet werden kön-\nnen. Einer speciellen Charakteristik der Tonarten aber Bei-\nfall zu schenken, würde um so bedenklicher sein, als die\nverschiedenen Künstler, welche sich mit mehr Phantasie\nals Kritik in einer solchen Charakteristik versucht haben,\noft weit von einander abweichen.\"\nHierauf gibt der Verfasser einige Beispiele dieser ab-\nweichenden Meinungen, was wir in dem I. und 11. Artikel\nauslührlicher gethan haben. Wir können uns nicht ent-\nhalten, den Epilog des ganzen sechsten Capitels „ über Har-\nmonie und Melodie\", dessen Inhalt mit den slets in diesen\nBlättern vertretenen Ansichten über das Wesen der Musik\nübereinstimmt, zur Empfehlung des ganzen Werkes hieher\nzu setzen. Nachdem er die Analogie zwischen Farben\nund Tönen (Newton), welche namentlich durch Unger,\nder eine wirkliche Farbenmusik ausklügelt, zu weit geführt\nworden ist, besprochen, fährt er S. 170 fort:\n„Nur möge man derartige Ausschreitungen, so wie\ndie Ueberschätzung der mathematischen, mechanischen und\ndynamischen Momente der Musik nicht der Naturforschung\nI\nzur Last legen. So sehr der unläugbare Zusammenhang\nzwischen einfachen Schwingungs-Verhältnissen und dem\nWohlklang dazu aufzufordern scheint, so ist es doch nie-\nmals einem Naturforscher in den Sinn gekommen, es könne\nihm gelingen, die Schönheiten einer Mo zart'sehen Sonate\noder einer Beeth oven'schen Sinfonie durch ein Rechen-\nExempel nachzuweisen, die wunderbaren Wirkungen, wel-\nchen ein reizbares Nerven-System durch die Musik unter-\nliegt, oder gar die Eindrücke, welche einem sensibeln Ge-\nmüthe durch Harmonie und Melodie bereitet werden, auf\ndie Gesetze der Resonanz zurückzuführen, welche Thüren\nund Fenster eines Concertsaales erschüttern.\n„Von einem einfachen Dreiklange bis z.ur Sinfonie ist\nein weiter Weg, so weit, wie von Unger's Farben-Dreiklang\nzu einer Raphael'schen Stanze, von einer Säule oder einem\nSpitzbogen zum griechischen Tempel oder gothischen Dome.\nUm die Vorzüge eines musicalischen Meisterwerkes zerglie-\ndernd nachzuweisen, bedarf es des Verständnisses der See-\nlen-Thätigkeiten und der Ansprüche der Phantasie eben\nsowohl, wie der Kenntniss von Sept-Accorden und Rhylh-\nmen-Folgen. Ebenmaass und Contrast, die Beziehungen\naller Theile des Kunstwerkes zum Ganzen, die Mannigfal-\ntigkeit in der Einheit, sind alles Bedingungen der Schön-\nheit, deren Wirkungen auf die Seele noch niemals gemes-\nsen wurden. Wie soll man da rechnen können?\n„Keiner unserer Sinne steht in so naher und so um-\nfassender Verbindung mit den Empfindungs-Nerven unse-\nres ganzen Körpers, als das Gehör. Daher rührt zweifellos\nein grosser Theil dsr unmittelbaren Wirkungen der Töne.\nWie die Saite unter dem Einflüsse gleichgestimmter Klänge\nerbittert, so beben sämmtliche Empfindungs-Nerven unseres\nKörpers, wenn der Gehörnerv von den Schallwellen des\nLuftmeeres erschüttert wird. Die Macht der Rhythmik\ndringt auf diesem Wege zu uns, sie hebt als Tanzmusik\ndie Füsse oder treibt uns im stürmischen Marsche unauf-\nhaltsam voran. Dies ist aber keine Musik im höheren Sinne,\nsondern nur eine ihrer elementaren Mächte, deren Gewalt\nselbst die Thiere mit uns empfinden, auf welche sie wirkt,\nwie der Goldglanz auf den Raben oder die rothe Farbe\nauf den Stier.\n„Möglich, dass selbst einige der im Alterthume und\nMittelalter so gepriesenen medicinischen Wirkungen der\nMusik, welche nach Lichtenthai sich auf die Heilung von\nGicht, Epilepsie, Pest, Fieber-Wahnsinn und selbst der\nDummheit erstrecken sollen, auf solch eindringlicher Ner-\nven-Erschütterung beruhen. Aber warum Baptista Porta\nder Ansicht war, dass die Töne einer aus Helleborus ge-\nschnitzten Flöte Wassersucht, solcher aus Pappelholz Hüft-\nweh und aus Zimmetrohr Ohnmächten zu heilen vermöch-\nten, wird wohl so leicht Niemand ergründen. Die Anwen-\ndung der Musik bei Geisteskrankheiten, welche in den Ho-\nspitälern in Wien und in der Salpetriere zu Paris bis zur\nAusführung von Vocal- und Instrumental-Concerten, allein\ndurch Irre, gediehen ist, lässt auf keinen Fall eine nur\nmechanische Erklärung zu.\n„Die Musik als Naturgewalt ist nirgends glänzender\nverherrlicht, als in den Sagen der Inder, welche nicht nur\nberichten, dass Menschen und Thiere ihr blindlings Folge\nleisteten, sondern dass selbst die leblose Natur den Ragi's,\nwelche der Gott Mahedo in Gemeinschaft mit seiner Ge-\nmahlin Parbutea componirte, unterthan war. Mia-Tousine,\nein berühmter Sänger aus der Zeit des Kaisers Akber, sang\neinst mitten am Tage einen Raga, welcher der Nacht ge-\nweiht war, und siehe, es schwand die Sonne*), und Dun-\n\n*) Dergleichen geschah zuerst im 19. Jahrhundert wieder. Pari-\nser Blätter meldeten, so herrlich habe Dreyschock auf dem"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "173", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5054, "texte": "kelheit verbreitete sich um ihn, so weit seine Stimme\nreichte. Ein anderer jener Ragi's besass die Kraft, den Sän-\nger in Feuer aufgehen zu machen, welcher ihn zu singen\nwagte. Akber befahl einem Musiker, jenen Raga zu singen,\nwährend er bis an den Hals im Flusse Djemnah stand.\nDer Unglückliche verbrannte mitten im Wasser.\n„So wenig die subjectiven Empfindungen, welche die\nMusik in dem Hörer wach ruft, einen Maassstab für die\nästhetischen Vorzüge der Composition geben können, wel-\ncher vielmehr in dem musicalischen Gehalt selbst, in der\nSchönheit der Tonformen zu suchen ist, so wenig kann es\nJemandem einfallen, die vorzugsweise und unmittelbare\nWirkung dieser herrlichen Kunst auf die Empfindung in\nAbrede zu stellen. Die Empfindung freilich ist ein sinnlicher\nAct; ihrer ist der gebildete Mensch wie der rohe, ja, das\nThier ist ihrer fähig. Auch ist es nur das sinnliche dynami-\nsche Moment, welches die Musik mit den Empfindungen\ngemein hat, wovon sie, wenn man so sagen darf, ein aku-\nstisches Daguerreotyp entwirft, mit ihren Mitteln der Rhyth-\nmik, der weiten oder engen Tonfolge, des gebundenen oder\nabgesetzt gebrochenen Vortrages, des und\n„ Unendlich verschieden nach der Individualität und dem\nGrade der Bildung, ein Ergebniss alles vorangegangenen\nSeelenlebens sind die Gelühle, welche bei dem geistigen\nAnschauen einer Tondichtung im Gemüthe des Hörers auf-\ntauchen, eine unmittelbare Folge der Empfindungen, welche\ndas kunstvolle Gewebe von Harmonie und Melodie erregte.\nIn unserem Innern ist das Sinnliche mit dem Geistigen, der\nunbewusste Vorsteliungs- und Denk-Process mit dem be-\nwussten Denken und Urtheilen innig verbunden und man-\nnigfach verwoben. Ist es schon\nmit der Gedankenfabrik\nWie mit einem Webermeisterstück,\nWo Ein Tritt tausend Fäden regt,\nDie Schifflein herüber, hinüber schiessen,\nDie Fäden ungesehen fliessen,\nEin Schlag tausend Verbindungen schlägt,\nso herrscht noch ein tausendfach mannigfaltigeres und\nschwieriger zu entwirrendes Leben und Weben, wo Em-\npfindungen und Gelühle vorwiegend mit eintreten. Darum\nwird es ein vergebliches Bemühen sein, nachweisen zu wol-\nlen, diese Melodie drücke unverkennbar und unzweideutig\nSehnsucht, jene Liebe, eine andere Wuth aus. Wie der\nZorn rasch in der Seele auflodert, aber die heisse Flamme\nbald wieder in sich selbst zusammensinkt, oder wie der\nAffect auf und ab tobt, wenn er sich zur Wuth steigert,\neinem vom Orkan gepeitschten Meere vergleichbar, bis der\nGegenstand der Wuth vernichtet ist oder die physische\nKraft ohnmächtig unterliegt, so kann der Tondichter in\nseinem Werke raschen und grellen Wechsel hoher und\ntiefer Tonlagen, des Piano und Forte mit Fortissimo ent-\nfalten, er kann die Töne in den heftigsten Rhythmen stür-\nmen lassen. Aber die Deutung des Hörers kann auf wü-\nthende Eifersucht eben sowohl, wie auf kriegerische Lei-\ndenschaft, ja, auf ungebundene Fröhlichkeit und Lust gehen.\nWenn das Legato des Vortrages ganz allgemein innerlich\nverhaltenem, meist sehnsüchtigem und zartem Gefühle gilt,\nso können die kurz und rasch abgesetzten Töne eben so-\nwohl dem Ausdruck der Kälte oder Heftigkeit, als des\nKomischen dienen.\n„Für den sinnlich rohen Menschen bildet die Musik\neine sinnliche Gewalt, die ihn in wilde Lust und zu kriege-\nrischen Thaten fortzureissen vermag. Es braucht, um die-\nses einzusehen, nicht so ungeheuerlicher Beispiele, wie das\ndes Ericus Bonus, Königs von Dänemark, welcher einst,\nals er dem Zauber der Töne sich zu überlassen gedachte,\nvorsichtig zuvor alle Waffen entfernen liess, dann aber, als\nder Sänger die Gemüther zur Raserei entflammte, durch\ndie Thür brach, zum Schwerte griff uud vier der Umste-\nhenden ums Leben brachte. Verständlicher ist der Kampf,\nwelchen Eduard 1., König von England, mit der Musik be-\nstand. Als er nach achthundertjährigen vergeblichen Be-\nmühungen seiner Vorfahren Wallis erobert und mit Eng-\nland vereinigt hatte, liess er alle Barden des Landes hin-\nrichten, weil ihm das tapfere Bergvolk so lange nicht sicher\ndünkte, als es noch die Freiheits-Gesänge aus jener Munde\nzu den Klängen der Harfe vernahm. Frankreichs König\nverbot, in Paris den Kuhreigen der Alpen zu spielen, da\ndie Schweizergarden, von diesen Tönen ergriffen, scharen-\nweise nach ihren heimischen Bergen eilten.\n„Auch in dem gebildetsten Gemiithe vermag die Mu-\nsik nicht solche Gelühle zu erwecken, in welchen das sinn-\nliche Moment der Empfindung ganz zurücktritt. Wie sollte\nes möglich sein, Gefühle der Dankbarkeit, Gefühl für Recht\nund Wahrheit durch einen Instrumentalsatz hervorzurufen?\nAber wie die Anschauung des Schönen überhaupt, so kön-\nnen auch vollendete Tonformen der Antrieb zu jeder hö-\nheren sittlichen Regung werden, ja, selbst schöpferische\nGeistesthätigkeit vermag die Macht der Töne zu wecken.\nEin grosser Naturforscher, dessen Name am Wohnorte des\nVerfassers in unvergänglichem Andenken steht (Liebig?),\nbekannte, dass nicht selten beim Anhören musicalischer\nMeisterwerke unter den Klängen der Melodie die frucht-\n\nPiano gespielt, dass die Kerzen heller erglänzten in ihren kry-\nstallenen Kelchen."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "174", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2230, "texte": "barsten Gedanken, die glücklichsten Combinationen sieih\nwie durcli einen Zauber seinem Geiste darboten.\n„Niemals kann der echte Tondichter sich die Aufgabe\nstellen, diese oder jene Empfindung in Tönen auszu-\ndrücken; er componirt, weil eine Melodie in ihm erklingt,\nweil die Tonformen vor seinem inneren Ohr sich fügen und\ngestalten, wie die Formen eines Domes vor der Phantasie\ndes Baumeisters, wieGruppirung des Ganzen und der Aus-\ndruck des Einzelnen im Geiste des Malers oder des Bild-\nhauers. Die Ausarbeitung einer Tondichtung erfordert\nFleiss und umsichtige Sorgfalt, damit ein kunstgerechter\nPeriodenbau, eine reiche und »doch ebenmässige Entfaltung\nrhythmischer und melodischer Motive aus Einem musicali-\nschen Grundgedanken den Gesetzen der Schönheit ent-\nspreche. Zur vollen Ausübung seiner Herrschergewalt ge-\nlangt der Tondichter dann, wenn er mit der geistigeren\nMacht der Melodie die Wirkung der Harmonie und Instru-\nmentirung verbindet, wenn er der einfachen Weise die Aus-\nstattung der Accorde, der Consonanzen und Dissonanzen,\nder schlichteren oder kühneren Modulation, so wie der\nmannigfaltigen Klangfarben der Instrumente gibt.\n„Am weitesten tritt der Tondichter da aus der ihm\neigenen Sphäre, wo er anstatt des subjectiv Innerlichen die\näusseren Erscheinungen darzustellen, in Tönen zu malen\nsucht. Zwar sind selbst die grössten Meister solchen Ver-\nsuchen nicht fremd geblieben. In Haydn's Schöpfung ist\nder stolze Lauf des Rosses, es sind die Sätze des gelenki-\ngen Tigers, das Kriechen des Gewürms durch die Musik\nwiedergegeben; an der Stelle des Mozart'schen\nLacrimosa dies illa, qua resurget ex favilla, judicandus\nhomo reus,ahmt die Musik die Bewegung der aus den Grä-\nbern erstehenden Menschen nach. Allein nur selten kann\neine solche Malerei in Tönen ohne Störung der höheren\nKunstwirkung gelingen ; zumal da die Nachahmung objecti-\nver Erscheinungen, welche den Tonverbindungen an sich\nso fem stehen, immer unvollkommen bleibt und meist eine\nso bunte Mischung von Rhythmik und Melodik verlangt,\ndass das Ganze vielmehr zu einer Art Rebus, zu einem\nSpiel lür den Verstand wird, als dass es das musicalische\nSchönheits-Gelühl befriedigen und dauernd beschäftigen,\noder gar das Gemüth ergreifen könnte.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-30-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-30_01#c003", "volume": "bmtnabi_1857-05-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "174", "page_fin": "176", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.2.3", "titre_corps": "Musik-Zustände in Dresden.", "titre_sommaire": "Musik-Zustände in Dresden.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "174", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.1.6", "debut_caractere": 2232, "fin_caractere_exclue": 5035, "texte": "Musik-Zustände in Dresden.\nIm April 1857.\nSobald die ersten Frühlingsboten bei uns eintreffen,\nnehmen wir zugleich Abschied von den Kunstgenüssen,\nwelche der Winter brachte. Mit dem Palmsonntags-Concerte\nschliessen gewöhnlich die musicalischen Productionen unse-\nrer .angestammten namhaften Künstler ab, und das gastliche\nDresden öffnet nun lür Fremde seine Pforten. Nach diesem\nKunst-Frühling, welcher hier während des Winters blüht,\nüberdenkt man unwillkürlich, was man davon erlebt hat,\nund hält das Hauptsächlichste lür die Erinnerung fest.\nDie jüngst verflossene Saison ist nicht gerade überfüllt\ngewesen, da z. B. höchstens zwei auswärtige Virtuosen\nhier concertirt haben. Wir sind aber dalür durch sehr Ge-\ndiegenes von den hiesigen Kräften entschädigt worden. Das\nFundament echter Musik ruht in der königlichen Capelle,\nwelche Oper und Kirchenmusik ungefähr so trägt und hebt,\nwie feste, schön gemeisselte Säulen die Gebäude stützen\nund zugleich verzieren. Auf diese Weise unaulhörlich be-\nschäftigt, bleibt im ganzen Jahre nur lür drei bis vier Con-\ncerte Zeit übrig, worin die Capelle mit grösseren Orchester-\nwerken selbstständig hervortritt. Zu ihren unvergesslichen\nLeistungen lügte sie vorigen Winter den Vortrag der Beet-\nhoven'schen Musik zu Prometheus und die Wiederholung\neiner schon früher gehörten Suite von S. Bach. Ausserdem\ngibt der Tonkünstler-Verein, meistentheils aus Mitgliedern\nder Capelle und anderen distinguirten Musikern bestehend,\nnoch Gelegenheit zum freieren Austausch der einzelnen\nKünstler. In diesem eben so schönen als nöthigen Institute\nhat sich denn ein sehr frisches, geistiges Leben entfaltet,\nund ein umfassender Eifer sorgt lür den Vortrag von ge-\nwählten Kammermusiken der ältesten bis zu den modern-\nsten Componisten. In der Opernwelt wurden lür uns neu\ngeboren Iphigenie auf Tauris, und Armide.\nUeberhaupt machten classische und gediegenere Opern das\nPlus, Meverbeer und Consorten das Minus aus, was dage-\ngen sich in den vorjährigen Wintern umgekehrt heraus-\nstellte. Die grossartige, unvergleichliche Stimme der Frau\nBürde-Ney hat immer mehr von der Weihe des echten\nVortrags empfangen, und sie brachte gerade die Gluck'schen\nund Mozart'schen Tongestalten aufs herrlichste zur Geltung.\nEinen Höhepunkt erreichte die gefeierte Sängerin als Donna\nAnna, welche Leistung wir zum Schönsten und Grossartig-\nsten zählen, was uns jemals in dieser Partie entgegen ge-\nkommen ist. Tichatscheck und Mitterwurzer, diese beiden\nHelden des Tenor und Bariton, bewähren nach wie vor ihre\nTapferkeit. Frau Krebs-Michalesi, deren umfangreicher\nMezzo-Sopran vorzüglich zum Charaktervollen, entschieden\nGezeichneten passt, ist während dieser abgelaufenen Saison\nwieder sehr vorlheilhaft herausgetreten, und noch zu Ende\nderselben imponirte sie in Armide durch eine äusserst"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "175", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5307, "texte": "gelungene Darstellung der „Furie des Hasses\". DemFräul.\nKrall gehört das höhere Soubrettenfach. Ihre Stimme ist\nbiegsam, auch klangvoll, wenn auch weniger in den Mittel-\ntönen. Grazie und Naivetät, nicht im Mindesten von Coquet-\nterie geslört, sind ihr besonders eigen. Zu ihren bedeutend-\nsten Leistungen rechnen wir die Repräsentation der Despina\nin Cosl fan tutte.Von den übrigen Opern-Mitgliedern er-\nwähnen wir noch die beiden Tenoristen Rudolph und Krü-\nger. Ersterer hat sich schon längst als sehr brauchbar be-\nwährt, und sein unverkennbares Bemühen, sich mehr und\nmehr in Gesang und Vortrag zu heben, hat auch die er-\nfreulichsten Resultate erzielt. Herr Krüger kam erst diesen\nWinter nach Dresden und brachte eine frische, ergiebige\nStimme, so wie natürlichen und ansprechenden Vortrag\nmit, wofür die hiesige Opernsphäre ihm noch manche an-\ndere Vorlheile entgegenhält, von denen er nur proHtiren\nkann. Als die vorzüglichsten Concerte erschienen uns:\ndrei Akademieen, von Concertmeister Lipinsky veranstaltet;\ndrei Soireen, gegeben von Marie Wiek,, und eine Soiree\nvon Fr. Seelmann und R. Wehner. Der rühmlichst bekannte\nLipinsky hat seit einem Jahre wieder begonnen, sich in\nQuartetten hören zu lassen, und damit im Publicum erneu-\nten Enthusiasmus rege gemacht. Dass die Violine Lipins-\nky's in jeder Beziehung eine „erste\" ist, bedarf keiner be-\nsonderen Erwähnung. Hier im Quartett erscheint sie als\neine auserwählte Vertreterin der betreffenden Componisten,\nindem sie deren Charaktere und Intentionen selbst sprechen\nund wahrhaft gegenwärtig werden lässt. Die Geister Mo-\nzart's, Beethoven's und Haydn's traten desshalb deutlich\nund verklärt in diesem meisterlichen Spiel hervor, und Bo-\ncherini, Reissiger und Gebel haben unter solcher Repräsen-\ntation nur im vorteilhaftesten Lichte gestanden. Neben\ndem Violinspiel Lipinsky's, das oft auf Einem Tone eine\nganze Gelühls-Scala darstellt und noch im verklingenden\nPianissimo Seele und Ausdruck festhält, nimmt das Cello-\nspiel von A. E. Kummer (Kammermusicus) die Stelle eines\nebenbürtigen Vertrauten ein, der an der leisesten Nuanci-\nrung Theil nimmt und im edelsten Tone damit überein-\nstimmt. Der Kammermusicus Hüllweck, ein anerkannt be-\ndeutender Violinist von feinem Spiel und nobler Auffas-\nsung, bewies in diesem Quartettspiel, dass er eben so ge-\nschickt im Unterordnen, wie sonst im Tonangeben ist. Herr\nGöhring vervollständigte durch sehr vorteilhafte Behand-\nlung seiner Viola den reinen Zusammenklang des Ganzen.\nDie drei Soireen von Fräul. Wiek gaben ein neues Zeug-\nniss von dem echten Kunsteifer dieser Virtuosin. Vorzüg-\nlich ist es ihre Herrschaft über die Technik, die Sauberkeit\nund Präcision des Anschlags und ihre grosse Sicherheit,\nwelche stets Bewunderung erweckt. Die Wahl ihrer Vor-\nträge erfasste sowohl Bach wie Chopin, und in der durch-\nsichtigen Klarheit ihres Spiels liess sie eben so die gross-\nartigen Combinationen des Erstgenannten sich knüpfen und\nlösen, wie die modernen Arabesken des Anderen sich zu-\nsammenstellen und umwinden. Nächstdem führte sie auch\nBeethoven vor und entwickelte besonders in dessen „32\nVariationen\" eine grosse Bravour. Das Concert der Herren\nSeelmann (Violinist) und Wehner (Pianist) gehörte zu den\ninteressantesten Musik-Erlebnissen des verflossenen Win-\nters. Ein Quartett von Haydn, in welchem sich dessen ge-\nliebter Genius auf eine ganz besondere Art ausspricht, bil-\ndete hier den Anfang. Im Adagio nämlich tritt die erste\nVioline ganz ungebunden auf, und zwar in schwermüthi-\ngem, ja, phantastischem Ausdruck. Eine nicht zu stillende\nKlage dringt in rührenden und ergreifenden Tönen zu un-\nserem Herzen. Vergebens treten die übrigen Instrumente\nzu immer erneuten Harmonieen zusammen, um die irrende\nStimme festzuhalten und zu beruhigen; umsonst vereinigen\nsie ihren sanften oder dringenden Zuspruch nichts hemmt\nden Lauf der melodischen Thränen, und so, in tröstender\nBegleitung, aber dennoch ungehindert und unbeschwichtigt\nschwebt die Klage an uns vorüber, und selbst das darauf\nfolgende Scherzo kann ihre Seufzer noch nicht vergessen\nmachen. Gerade diese Partie der ersten Violine wurde von\nKammermusicus Seelmann auf das sprechendste und zar-\nteste durchgeführt. Ein Andante spionato mit darauf folgen-\nder Polonaise für Ciavier mit Instrumental-Begleitung von\nChopin bot Herrn Wehner Gelegenheit, die Grazie und\nEleganz seines Spiels zu zeigen. Der Componist verlangt\nhier, wie fast immer, dass seine ungebundene Laune doch\nmit Feinheit gegeben und seine capriciösen Passagen wie\nBlumen hingeworfen werden sollen, und Herr Wehner be-\nwies durch seinen gelungenen Vortrag, wie gut er versteht,\ndiesen verwöhnten Liebling des modernen Ciavierspiels\nrichtig zu behandeln. Eine glänzende Leistung des Herrn\nSeelmann ergab der Vortrag eines Lipinsky'schen Violin-\nConcertes, das unbedingt zu den geistreichsten derartigen\nCompositionen gehört. Hier beleuchtet jede Variation das\nThema besonders, bespricht jede einzelne eine neue Seite\ndesselben. Gedanken-Reichthum fesselt von Anfang bis zu\nEnde. Während im Minore selbst, so wie auch au vielen\nUebergängen schöner Gesang hervortritt, und in die Canti-\nlinen ein tief bewegender Ausdruck gelegt war, dass die\nVioline förmlich dabei zu schluchzen schien, flammt gegen\nden Schluss hin eine Leidenschaft auf, die imposant und"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "176", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2068, "texte": "hinreissend ist. Wärme, Sorgfalt und Feuer im Vortrage\nverriethen, dass diese bedeutende Composition Herrn Seel-\nmann begeistert hatte; denn in der That war seine Repro-\nduclion eine tadellose und gewann die völlige Zufriedenheit\ndes Componisten selbst.\nSchliesslich wollen wir nicht übergehen, wiederholt des\nHiinerfürst'schen Musikcorps zu gedenken, welches mit den\nübri gen Local-Orchestern hiesigen Ortes auf gleichen Be-\ndingungen steht und äusserlich mit in dieselbe Kategorie\ngehört, obwohl es sich auffallend davon in seinem eigent-\nlichen Wesen unterscheidet. Das kleine Orchester träst\nO\netwas von dem Adel echter Concertmusik an sich und gleicht\neiner Persönlichkeit, welche durch ihre äussere Erscheinung\nwenig impomrt, die aber, sobald sie sich ausspricht, Geist\nverräth und dadurch interessant, ja, bedeutend wird. Intel-\nligenz in Betonung und Vortrag, Exactheit in der Ausfüh-\nrung ist hier zur Force gediehen, die schon Ausserordent-\nliches erreicht hat, und das ist um so mehr anzuerkennen,\nda doch ein Reichthum an Mitteln, eine ebenbürtige Bildung\nin Behandlung sämmtlicher Instrumente sich hier nicht gel-\ntend machen kann. Man fühlt sich bei der Hünerfürst'schen\nMusik sofort in künstlerischer Sphäre, und schon oft haben\nwir vorzügliche Leistungen der Capelle, die wahrhafte Ori-\nginale für musicalischen Vortrag abgaben, hier, wie in ge-\nlungenen Photographieen, wenn auch in kleinem Maassstabe,\nwieder gefunden. Herr Hünerfürst, welcher nicht bloss als\nDirigent seinem Orchester vorsteht, sondern auch sich dem-\nselben als erster Violinist einverleibt, zeichnet in seinem\nSpiel alle Grund- und Haarstriche der Accente und Nuan-\ncen vor und dictirt eigentlich damit stets seine Auffassung.\nDas gewissenhafte Festhalten am Vorgeschriebenen ist hier\nwohlthuend mit der Freiheit einer subjectiven Belebung\nvereinigt. Immer ist das Spiel geweckt, und auch nur bis-\nweilen finden sich in den schnelleren Tempi's kleine Ueber-\ntreibungen ein, welche aus Allegro ein Presto, aus Presto\nein Prestissimo machen.\nDresden. Louise Nitzsche, geb. Rindscher."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-05-30-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-05-30_01#c004", "volume": "bmtnabi_1857-05-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "176", "page_fin": "176", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "176", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.1.8", "debut_caractere": 2070, "fin_caractere_exclue": 5243, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nWien* Fräul. Rosa Kastner ist yon Sr. K.K.Majestät zur\nk. k. Kammer-Virtuosin ernannt worden, Wir begrüssen diese Aus-\nzeichnung der eben so liebenswürdigen als seltenen Künstlerin mit\nwahrer Theilnahme.\n—.—7\nDie deutsche Liedertafel in Brüssel hat am 9. Mai\ndurch ein Concert erfreuliche Beweise ihres Strebens gegeben. Die\nGesammt-Vorträge: An das Vaterland von C. Kreutzer, Abendständ-\nchen und Mein von Härtel, Der Jäger Abschied von Mendelssohn,\nDoppel-Quartett von Schäfer und Mozart's Priesterchor aus der Zau-\nberflöte sprachen alle sehr an.\nParis. Die beiden letzten Conservatoire-C oncerte hatten\nfolgende Programme: Am 5. April: Beethoven Sinfonie in F, Nr.\nVIII.— Arie aus der Oper Aetius von Haydn: J. Stockhausen.\nLargo in Fis-dur aus einem Quartett von Haydn, mit sämmtlichen\nSaiten-Instrumenten. Das Finale des 11. Theiles von Haydn's\nSchöpfung (Demoiselle Boulart, die Herren Paulin und Stockhausen).\nOuvertüre und Musik zum Sommernachtstraum von F. Men-\ndelssohn. Am 19. April: Sinfonie in C von Mozart. —lntro-\nduction aus dem Oratorium Samson von Händel. Air de danse\naus Gluck1 s Iphigenie in Aulis. Jägerchor aus Euryanthe von\nC. M. v. Weber. Sinfonie in D von Beethoven. —Finale aus\ndem 11. Acte der Vestalin von Soontini.\nDie sonst gewöhnlichen zwei Concerts spirituels am Charfreitage\nund ersten Ostertage wurden dieses Mal auf Eines am Freitage\nbeschränkt, da die grosse Oper am Ostertage spielte.\nDas Concert spiriluel (am 10. April) brachte: Sinfonie in B von\nJ. Haydn. Aus Mozart's Requiem: Rex tremendae Majestatis\nConfulatis Lacrymosa. Haydn's Volkslied für Quartett\nmit allen Geigen-Instrumenten. Vier Sätze aus Rossini's Stabat\nMater. Die Sinfonie Nr. Vif. in A-dur von Beethoven. Es\nwar ein Abend-Concert; Anfang Sl/2 Uhr.\nAm 16. Mai fand noch ein ausserordentliches Concert auf Be-\nfehl des Kaisers zu Ehren des Grosstürsten Konstantin Statt. Aufge-\nführt wurden der 11. und 111. Theil von Haydn's Jahreszeiten\n(Mademoiselle Boulart und Ribauld, Roger, Bonnehee), die Oberon-\nOuverture von C. M. v. Weber und die Sinfonie in A-dur von\nBeethoven. B. P.\nF. Halevy in Paris arbeitet an einer neuen grossen Oper, La\nMagicienne, in fünf Acten, Text von St. Georges. Die Aufführung\nwird im Herbst Statt finden.\nVon St. Petersburg ist uns zugegangen: Saltarello Ro-\nmain et Taranteile des Pifferari, transcrits p. I. Piano ä 4 mains.\nHerr Basil Engelhardt hat diese Melodieen unmittelbar nach\ndem Volksvortrage aufs getreueste aufgeschrieben, und Herr Wla-\ndimir Stassoff hat sie mit einem interessanten Vorworte begleitet.\nDer Saltarello wird in Rom gespielt, die Melodie auf der Mandoline,\ndie Begleitung auf der Calascione, einer Art von Guitarre. Die Ta-\nranteile ist in den Gebirgen des südlichen Italiens zu Hause und wird\ndort von zwei Pfeifern und einem Dudelsackspieler ausgeführt. Beide\nhaben mit dem bekannten Carneval von Venedig die Menge von Va-\nriationen gemein, welche die Spieler improvisiren. Das Verdienst bei-\nder Melodieen ist hauptsächlich nur das der echten Nationalität;\ndoch hat die erstere in A-moll auch etwas an und für sich Anspre-\nchendes. (St. Petersburg, bei Bas. Denotkine, 1856.)"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nZur Geschichte der Charakteristik der Tonarten. 111. Musik-Zustände in Dresden. Von Louise Nitzsche, geb. Kind-\nscher Tages- und Unterhaltungsblatt (Wien, Fräul. Rosa Kastner Kammer-Virtuosin Brüssel, Concert der deutschen Lie-\ndertafel Paris, die letzten Conservatoire-Concerte, Concerl spirituell Halevy St. Petersburg).\n\nZur Geschichte der Charakteristik der Tonarten.\nIII.\n(l. s. Nr. 17. 11. Nr. 19.)\nMan sieht aus den angeführten Stellen aus Hand's\nAesthetik, dass er für die Charakteristik der Tonarten\nschwärmte. Alles, was er und Schubart darüber sagen,\nklingt recht gemüthvoll und phantasiereich; ist es aber\nwahr? ist es irgendwie bewiesen?\nEs ist und bleibt eine Sache des subjectiven Gefühls,\nund wie sehr dieses überall, besonders aber auch in die-\nsem Falle, schwankt, zeigen schon die abweichenden Cha-\nrakter-Schilderungen aus den oben angeführten Schriften.\nSo ist z. B. A-durl737 angreifend, klagend, traurig, ob\nes gleich brillirt; 1787 lustig mit etwas Stolz; bei\nSchubart drückt es unschuldige Liebe, Zufriedenheit,\nHoffnung, Heiterkeit bei Hand Vertrauen, Freude der\nLiebe, Heiterkeit, grösste Innigkeit aus.\nB-durl737 divertissant, prächtig, magnifique, die\nSeele erhebend; 1787 herablassend gross, ehrwürdig\nernst; bei Schubart heitere Liebe, gutes Gewissen (!),\nHoffnung, Sehnsucht; bei Hand offen und hell, heiter,\nzuversichtlich, glaubensvoll.\nE-durl737 verzweiflungsvoll, tödlich traurig, für\nextrem Verliebte, hoffnungslos, wie Trennung des Leibes\nund der Seele; —1787 stolz und abstossend; bei S c h ü-\nbart Aufjauchzen, lachende Freude; bei Hand lebens-\nfroher Jubel, prächtig, auch feierlich in höchster Potenz;\nbei Schilling (1838) wie bei Schubart zu Schmerz\nund Leid nie gestimmt.\nEinem nüchternen, von keinerlei Art von Mystik um-\nnebelten Kopfe wird bei solchen Widersprüchen schon\netwas unheimlich zu Muthe. Die Uebereinstimmung\nder Erklärer, wenn sie bei einigen Tonarten Statt findet,\nist aber vollends ein Beweis gegen die Richtigkeit der\nCharakteristik. Sie offenbart nämlich, dass die gleichen\nCharaktereden heterogensten Tonarten beigelegt wer-\nden; denn was 1737 dem Charakterlauscher Cklang, war\nja dem von 1787 H, und dem von 1837 nach einem vol-\nlen Jahrhundert sogar B geworden. Läge also ein abso-\nlut charakteristischer Unterschied in dem Accord und der\nTonart, so müsste die Schilderung von C-dur im Jahre\n1787 mit der von H-dur aus 1737 übereinstimmen.\nStimmen aber der Charakter von und nach\n50 oder 100 Jahren überein, so ist klar, dass dem spä-\nteren C-dur die Eigenschaften des früheren und auf\nunserem heutigen Stande der Stimmung sogar die des\nfrüheren B-dur beigelegt werden. Stimme ich das eine\nCiavier genau um einen halben Ton tiefer als das zweite,\nso muss ich B-dur spielen, um mit auf dem zwei-\nten zu harmoniren, und darum klingen B-dur und A-dur\nauf beiden ganz gleich.\nDa wir bei der jetzt seit einem halben Jahrhundert\nallgemein herrschenden gleichschwebenden Temperatur\neigentlich gar keine Tonarten (im Vergleich zu den alten\nKirchentönen) haben, sondern nur Leitern und Transpo-\nsitionen, in denen alle Verhältnisse der Intervalle stets\nganz gleich sind, alle Consonanzen denselben Grad der\nReinheit haben, der sich bei der jetzigen Temperatur errei-\nchen lässt, alle enharmonischen Unterschiede verwischt\nsind, so bleibt, ausser dem wirklich charakteristischen Un-\nterschiede der beiden Tongeschlechter Dur und Moll, lür\ndie Tonarten nichts weiter übrig, als die Differenz zwi-\nschen ihrer höheren und tieferen Lage.\nDiese Ansicht findet sich vertreten und erläutert in\nzwei Aufsätzen: „Dass es mit der Charakteristik der Ton-\narten nichts sei\", unterzeichnet Hdt, in dem letzten Jahr-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "170", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.1.2", "texte": "gang (1848) der Breitkopf-HärtePschen allgemeinen musi-\ncalischen Zeitung, Nr. 33 und Nr. 36.\nSchubart, der eigentliche Vater derPhantasieen über die\nAesthetik der Tonarten (denn die alten Äthan. Kircher und\nMatheson, die unserm 1 7 3 7 er zu Grunde liegen, kennen We-\nnige), hat seine Ideen mit einer Art von mystischer Schwär-\nmerei aus Tonstücken abgezogen, indem er die Stimmung,\nwelche die Composition in ihm erregte, auf Rechnung\nder Tonart setzte, in welcher sie geschrieben war. Eben\nso bemüht sich Hand, alle seine oben im Auszuge gegebe-\nnen Charakteristiken durch eine Reihe von Tonstücken zu\nrechtfertigen. Ja, Letzterer geht sogar so weit, zu behaup-\nten, dass der Musiker die Tonart eines Stückes nicht nach\ndem Verhältnisse ihrer Höhe und Tiefe zu dem conven-\ntionellen C, das er durch Gewohnheit im Ohr hat, sondern\naus dem Charakter des Stückes erkennen müsse.\nDas ist stark! Danach würde also ein Hand'scher Adept\nin Beethoven's fünfter Sinfonie das C-moll des ersten Satzes\naus „ Wehmuth, Trauer, Sehnsucht und Verlangen nach\nTrost\" erkennen. Unglücklicher Weise ist aber bekannt-\nlich in dem kecken, trotzigen, herausfordernden Motiv Beet-\nhoven's von allen diesen Dingen, welche das cha-\nrakterisiren sollen, keine Spur vorhanden!\nUeberhaupt ist es mit allen den Belegen aus vorhan-\ndenen Tonstücken classischcr Meister nichts. Für eines,\ndas in den Kram der Charakteristiker passt, kann man\nzehn andere bringen, die ihn über den Haufen werfen. Wir\nwollen nur, was uns eben namentlich aus Beethoven bei-\nfällt, erwähnen. Wie will man den Charakter von A-dur\n(nach Schubart und Hand) mit folgenden Sätzen vereini-\ngen: Zwischenmusik zu Egmont, Nr. 2, Andante, V 4, und\ndagegen Allegro, 74, Nr. 4, „Freudvoll und leidvoll\", und\ndas Finale der siebenten Sinfonie! (Und wie durfte der\nComponist es wagen, die der menschlichen\nStimme auf die Worte: „Glücklich allein ist die Seele, die\nliebt\", gleich darauf in C-durdem Fagott und der Oboe\nin Nr. 5 zu geben ? Welch ein Missgriff! es durlte nur\ndie .4-Clarinette gewählt werden, oder wenigstens doch\nA-dur, die Tonart für Innigkeit des Gefühls!) Hier haben\nwir in vier A-dur-Sälien Wehmuth und Sorge, Tumult\nund Aufruhr, Seligkeit der Liebe und Taumel ausgelasse-\nner, sinnlicher Freude. Und dieselbe Seligkeit der Liebe\nspricht noch obenein C-dur eben so innig aus, als A-dur!\nDa sollte man doch beinahe auf den Gedanken kommen,\nder Charakter müsse wohl an der Melodie liegen, nicht\naber an der Tonart. -\nMan vergleiche ferner in die Einleitung und\nden ersten Satz der zweiten Sinfonie mit dem Finale, mit\ndiesem die Musik zu Klärchen's Erscheinung im Egmont;\nden ersten Satz des Clavier-Trio's Op. 70, 1, das Adagio\ndes grossen B-dur-Tr\\o,s, das 4/4-Trio des Scherzo in der\nneunten Sinfonie mit dem Mittelsatz des Adagio und dem\nHaupt-Motiv des Finale desselben Werkes, die Variationen\naus dem d-dwr-Quarlett von Beethoven und das\nrum, von Mozart.\nTrio's Op. 1., 1 und des ersten Allegro der Eroica und\ndas Adagio der JB-dur-Sinfonie.\nSinfonie im Egmont mit den drei F-dur-Sätzen der Pasto-\nral-Siufonie, und diese wieder mit der achten Sinfonie, be-\nsonders dem Finale derselben, bei welchem der alte Ulibi-\nscheff einen Schrecken bekam und welches er „die Inaugu-\nration der unmöglichen Musik nennt, die Beethoven zu\nträumen anfing.\" Einen Schrecken, eine unmögliche Musik\nin dem sanften, lieblichen F-dur „voll Frieden und Freude,\nRuhe eines genüglichen Lebens, Innigkeit tröstender Liebe\"\n(Hand)! Und dann wieder Händel's „Hoch thut euch\nauf* im Messias.\nIn E-dur das Adagio des Quartetts Nr. 8 von Beetho-\nven und Mendelssohn's Ouvertüre zum Sommernachtstraum,\ndas erste Lied ohne Worte von Mendelssohn, Wagner's\nOuvertüre zum Tannhäuser und das Largo aus Beethoven's\nClavier-Trio Nr. 2 von Op. 1. —ln G-dur die Sonate von\nBeethoven Op. 31 (29), Nr. 2, und Don Ottavio's erste\nArie im Don Juan.\nSinfonie und das Adagio aus der neunten.\nFinale der lünften Sinfonie und das Andante aus dem C-moll-\nQuartett und das Adagio aus der .Es-dur-Sonate, Op. 7.\nIn A-moll das Andante der siebenten Sinfonie und das\nkleine Rondo Alla Turcavon Mozart.\nHebriden-Ouverture und das Kyrie in der grossen Messe\nvon Bach.\nfonie und das Rondo der S. Pathetique.\nAllegro der neunten Sinfonie und das Siciliano im D-moll-\nQuartett von Mozart. - In E-moll das 8. Quartett von\nBeethoven und das Rondo capriccioso von Mendelssohn.\nScherzo im Sommernachtstraum.\nJeder Musiker weiss, dass dieses kurze Verzeichniss,\nin welches nur die schroffsten Gegensätze aufgenommen\nsind, ins Unendliche vermehrt werden kann. Wenn nun\naber der absolute Charakter der Tonarten die Prüfung\nan der vorhandenen Musik nicht aushält, woran sollen wir\nihn dann erkennen? Was ist eine Existenz, die, ohne zu"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.1.3", "texte": "entsprechender Lebens-Aeusserung, zu tha ts ä ch Ii eher An-\nwendung zu gelangen, bloss theoretisch behauptet wird?\nWo gibt es auf dem ganzen ungeheuren Gebiete der Na-\nturwissenschaft und die Lehre vom Schall gehört doch\ndazu einen ähnlichen, aus der Luft gegriffenen, durch\nnichts bewiesenen Satz?\nMit den letzten Worten kommen wir auf die neuesten\nForschungen der Wissenschaft im Gebiete der Akustik\nund Aesthetik, deren Resultate in Bezug auf die behandelte\nFrage mit unserer Ansicht übereinstimmend in zwei\nvortrefflichen Werken niedergelegt sind, in dem Buche von\nFriedrich Zamminer: Die Musik und die musi-\ncalischen Instrumente in ihrer Beziehung zu den\nGesetzen der Akustik. Giessen, bei J. Ricker, 1855. Bvo.\nund in Dr. Friedr. Theod. Vischer's Aesthe-\ntik. Th. 111., Abschnitt 2, Heft 4: Die Musik. Stutt-\ngart, bei C. Macken. 1857. Bvo.\nUeber die Charaktere der griechischen Tonarten\nsagt Zamminer S. 154: „Man kann wohl kaum an der\nRichtigkeit der Ansicht derjenigen Kunstkenner zweifeln,\nwelche den jenen Tonarten zugesprochenen Ausdruck an-\nstatt auf die Tonleiter allein, vielmehr auf die ganzen in\nDoris, lonien, Phrygien, Aeolien und Lydien gebräuchlichen\nRunstformen, auf die Gesangsweise, die Octaven-Gattung,\ndas Instrumentale, den Rhythmus und den Vortrag des\nGedichtes, selbst auf Tanz und Pantomime, kurz: auf den\nInhalt des ganzen Kunstwerkes beziehen.\"\nAn einer anderen Stelle bemerkt er, dass wir die fa-\nbelhaften Erzählungen der Alten über die Macht der ver-\nschiedenen Tonarten (z. B. bei Boethius, wo Pythagoras\neinen wüthenden Brandstifter durch den Wechsel der wil-\nden phrygischen Tonart mit einer ernsteren zur Besinnung\ngebracht habe) gar nicht zu belächeln berechtigt sind,\nwenn wir die Phantasieen unserer Aesthetiker über unsere\njetzigen Tonarten vergleichen. Denn „die kühnen Präten-\ntionen des ästhetischen Gefühls dem gesunden Menschen-\nverstände gegenüber\" sind bei diesen noch wunderlicher,\nals bei den Alten.\nZur Hauptsache äussert er sich folgender Maassen\n(S. 152 ff.):\n„Seitdem die ungleichschwebenden Temperaturen ver-\nlassen sind, erhebt sich über jedem Tone unseres musicali-\nschen Systems eine absolut gleiche Stufenfolge. Wenn man\ndiese Thatsache gehörig würdigt, so ist es unmöglich, lür\nden Charakter der Tonarten einen anderen physischen\nGrund suchen zu wollen, als die Höhe der Lage, als die\nStelle des Grundtones im System. Wenn ein Pianoforte\ndaher gegen ein anderes um einen halben Ton tiefer ge-\nstimmt wäre, so müsste C-dur auf dem ersteren genau den\nnämlichen Eindruck machen, wie H-dur auf dem zweiten.\nDiese Folgerung wird zwar von fein lühlenden Musikern\nnicht zugegeben; allein es scheint, als ob der Versuch in\ndieser Reinheit selten oder niemals gemacht worden sei,\nund wäre er angestellt worden, der Erfolg hätte in der\nThat kein anderer sein können, als der angegebene. Das\nai der petersburger Oper steht auf 453 Schwingungen,\ndas der Opera comiquein Paris steht oder stand auf 428\nSchwingungen; der Unterschied ist genau der eines halben\nTones. Man könnte danach schliessen, dass, wenn allein\ndie Tonhöhe den Charakter der Tonart bedinge, alle Ton-\nstücke, welche auf der petersburger Oper aus C-dur ge-\nspielt wurden, in der Opera comique den Eindruck hätten\nmachen müssen, als gingen sie aus H-dur. Allein diese\nFolgerung erscheint nicht gerechtfertigt, wenn man, wie\nwir es geneigt sind, zu thun, den Charakter der Tonarten\ndurchaus nur als etwas Relatives auffasst, als relativ gegen\neine Grund-Tonart C-dur, an deren Lage bei der herr-\nschenden Orchesterstimmung das Ohr sich gewöhnt hat.\nWie in Beziehung auf den Grundton C die übrigen eilt\nTöne der Scale ein mehr oder weniger einfach harmoni-\nsches Verhältniss haben, so muss es auch mit den auf die\neinzelnen Grundtöne basirten Harmonie-Verbindungen in\nBeziehung auf die (J-dwr-Harmonieen der Fall sein. Alle\nDur-Harmonieen sind an sich von gleicher Reinheit und in\nso fern unbestreitbar von gleichem Charakter; hat aber ein-\nmal das Ohr durch lange Gewohnheit C-dur als den Aus-\ndruck des Einfachen und entschieden Klaren und Kräftigen\nin der Musik angenommen, so wird jede andere Z)wr-Har-\nmonie um so mehr sich von jenem Charakter zu entfernen\nund vielmehr dem Ausdruck aller gegentheiligen Empfin-\ndungen sich zu bieten scheinen, je fremder ihre harmoni-\nschen Verhältnisse denjenigen der (7-dttr-Harmonieen sind.\nDem nämlichen Eindruck, welcher bei dem Laien in der\nMusik nur durch die Modulation, durch die unmittelbare\nNebeneinanderstellung der Tonarten erreicht wird, ist das,\nich möchte sagen, auf C-dur seines Orchesters gestimmte\nOhr des Musikers stets offen, wenn es auch eine Tonart\nnur an und lür sich zu empfinden glaubt. Dass ein Ueber-\ngang aus C-dur in das so nahe verwandte G-dur einen\nweit ruhigeren Charakter an sich tragen muss, als der\nUebergang aus C-dur in das in allen seinen harmonischen\nVerhältnissen weit abweichende H-dur, kann nicht befrem-\nden, wenn man bedenkt, wie wenig einfach das Verhältniss\nder Schwingungszahlen des Dreiklangs zu denjeni-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.1.4", "texte": "gen des Dreiklangs h, dis, fsist. Die Tonarten über der\nQuinte und Quarte müssen demnach in ihrem Ausdruck\nC-dur am ähnlichsten sein, dann folgen die Tonarten über\nden Terzen und Sexten, hierauf die über der grossen Se-\ncunde und der kleinen Septime, die über der verminderten\nQuinte und endlich die über der kleinen Secunde und über\nder grossen Septime. Uebrigens wird auch die Mitwirkung\nder höheren oder tieferen Lage einer nämlichen Melodie\nzum Total-EfTect der Tonart nicht geläugnet werden kön-\nnen. Einer speciellen Charakteristik der Tonarten aber Bei-\nfall zu schenken, würde um so bedenklicher sein, als die\nverschiedenen Künstler, welche sich mit mehr Phantasie\nals Kritik in einer solchen Charakteristik versucht haben,\noft weit von einander abweichen.\"\nHierauf gibt der Verfasser einige Beispiele dieser ab-\nweichenden Meinungen, was wir in dem I. und 11. Artikel\nauslührlicher gethan haben. Wir können uns nicht ent-\nhalten, den Epilog des ganzen sechsten Capitels „ über Har-\nmonie und Melodie\", dessen Inhalt mit den slets in diesen\nBlättern vertretenen Ansichten über das Wesen der Musik\nübereinstimmt, zur Empfehlung des ganzen Werkes hieher\nzu setzen. Nachdem er die Analogie zwischen Farben\nund Tönen (Newton), welche namentlich durch Unger,\nder eine wirkliche Farbenmusik ausklügelt, zu weit geführt\nworden ist, besprochen, fährt er S. 170 fort:\n„Nur möge man derartige Ausschreitungen, so wie\ndie Ueberschätzung der mathematischen, mechanischen und\ndynamischen Momente der Musik nicht der Naturforschung\nI\nzur Last legen. So sehr der unläugbare Zusammenhang\nzwischen einfachen Schwingungs-Verhältnissen und dem\nWohlklang dazu aufzufordern scheint, so ist es doch nie-\nmals einem Naturforscher in den Sinn gekommen, es könne\nihm gelingen, die Schönheiten einer Mo zart'sehen Sonate\noder einer Beeth oven'schen Sinfonie durch ein Rechen-\nExempel nachzuweisen, die wunderbaren Wirkungen, wel-\nchen ein reizbares Nerven-System durch die Musik unter-\nliegt, oder gar die Eindrücke, welche einem sensibeln Ge-\nmüthe durch Harmonie und Melodie bereitet werden, auf\ndie Gesetze der Resonanz zurückzuführen, welche Thüren\nund Fenster eines Concertsaales erschüttern.\n„Von einem einfachen Dreiklange bis z.ur Sinfonie ist\nein weiter Weg, so weit, wie von Unger's Farben-Dreiklang\nzu einer Raphael'schen Stanze, von einer Säule oder einem\nSpitzbogen zum griechischen Tempel oder gothischen Dome.\nUm die Vorzüge eines musicalischen Meisterwerkes zerglie-\ndernd nachzuweisen, bedarf es des Verständnisses der See-\nlen-Thätigkeiten und der Ansprüche der Phantasie eben\nsowohl, wie der Kenntniss von Sept-Accorden und Rhylh-\nmen-Folgen. Ebenmaass und Contrast, die Beziehungen\naller Theile des Kunstwerkes zum Ganzen, die Mannigfal-\ntigkeit in der Einheit, sind alles Bedingungen der Schön-\nheit, deren Wirkungen auf die Seele noch niemals gemes-\nsen wurden. Wie soll man da rechnen können?\n„Keiner unserer Sinne steht in so naher und so um-\nfassender Verbindung mit den Empfindungs-Nerven unse-\nres ganzen Körpers, als das Gehör. Daher rührt zweifellos\nein grosser Theil dsr unmittelbaren Wirkungen der Töne.\nWie die Saite unter dem Einflüsse gleichgestimmter Klänge\nerbittert, so beben sämmtliche Empfindungs-Nerven unseres\nKörpers, wenn der Gehörnerv von den Schallwellen des\nLuftmeeres erschüttert wird. Die Macht der Rhythmik\ndringt auf diesem Wege zu uns, sie hebt als Tanzmusik\ndie Füsse oder treibt uns im stürmischen Marsche unauf-\nhaltsam voran. Dies ist aber keine Musik im höheren Sinne,\nsondern nur eine ihrer elementaren Mächte, deren Gewalt\nselbst die Thiere mit uns empfinden, auf welche sie wirkt,\nwie der Goldglanz auf den Raben oder die rothe Farbe\nauf den Stier.\n„Möglich, dass selbst einige der im Alterthume und\nMittelalter so gepriesenen medicinischen Wirkungen der\nMusik, welche nach Lichtenthai sich auf die Heilung von\nGicht, Epilepsie, Pest, Fieber-Wahnsinn und selbst der\nDummheit erstrecken sollen, auf solch eindringlicher Ner-\nven-Erschütterung beruhen. Aber warum Baptista Porta\nder Ansicht war, dass die Töne einer aus Helleborus ge-\nschnitzten Flöte Wassersucht, solcher aus Pappelholz Hüft-\nweh und aus Zimmetrohr Ohnmächten zu heilen vermöch-\nten, wird wohl so leicht Niemand ergründen. Die Anwen-\ndung der Musik bei Geisteskrankheiten, welche in den Ho-\nspitälern in Wien und in der Salpetriere zu Paris bis zur\nAusführung von Vocal- und Instrumental-Concerten, allein\ndurch Irre, gediehen ist, lässt auf keinen Fall eine nur\nmechanische Erklärung zu.\n„Die Musik als Naturgewalt ist nirgends glänzender\nverherrlicht, als in den Sagen der Inder, welche nicht nur\nberichten, dass Menschen und Thiere ihr blindlings Folge\nleisteten, sondern dass selbst die leblose Natur den Ragi's,\nwelche der Gott Mahedo in Gemeinschaft mit seiner Ge-\nmahlin Parbutea componirte, unterthan war. Mia-Tousine,\nein berühmter Sänger aus der Zeit des Kaisers Akber, sang\neinst mitten am Tage einen Raga, welcher der Nacht ge-\nweiht war, und siehe, es schwand die Sonne*), und Dun-\n\n*) Dergleichen geschah zuerst im 19. Jahrhundert wieder. Pari-\nser Blätter meldeten, so herrlich habe Dreyschock auf dem"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "173", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.1.5", "texte": "kelheit verbreitete sich um ihn, so weit seine Stimme\nreichte. Ein anderer jener Ragi's besass die Kraft, den Sän-\nger in Feuer aufgehen zu machen, welcher ihn zu singen\nwagte. Akber befahl einem Musiker, jenen Raga zu singen,\nwährend er bis an den Hals im Flusse Djemnah stand.\nDer Unglückliche verbrannte mitten im Wasser.\n„So wenig die subjectiven Empfindungen, welche die\nMusik in dem Hörer wach ruft, einen Maassstab für die\nästhetischen Vorzüge der Composition geben können, wel-\ncher vielmehr in dem musicalischen Gehalt selbst, in der\nSchönheit der Tonformen zu suchen ist, so wenig kann es\nJemandem einfallen, die vorzugsweise und unmittelbare\nWirkung dieser herrlichen Kunst auf die Empfindung in\nAbrede zu stellen. Die Empfindung freilich ist ein sinnlicher\nAct; ihrer ist der gebildete Mensch wie der rohe, ja, das\nThier ist ihrer fähig. Auch ist es nur das sinnliche dynami-\nsche Moment, welches die Musik mit den Empfindungen\ngemein hat, wovon sie, wenn man so sagen darf, ein aku-\nstisches Daguerreotyp entwirft, mit ihren Mitteln der Rhyth-\nmik, der weiten oder engen Tonfolge, des gebundenen oder\nabgesetzt gebrochenen Vortrages, des und\n„ Unendlich verschieden nach der Individualität und dem\nGrade der Bildung, ein Ergebniss alles vorangegangenen\nSeelenlebens sind die Gelühle, welche bei dem geistigen\nAnschauen einer Tondichtung im Gemüthe des Hörers auf-\ntauchen, eine unmittelbare Folge der Empfindungen, welche\ndas kunstvolle Gewebe von Harmonie und Melodie erregte.\nIn unserem Innern ist das Sinnliche mit dem Geistigen, der\nunbewusste Vorsteliungs- und Denk-Process mit dem be-\nwussten Denken und Urtheilen innig verbunden und man-\nnigfach verwoben. Ist es schon\nmit der Gedankenfabrik\nWie mit einem Webermeisterstück,\nWo Ein Tritt tausend Fäden regt,\nDie Schifflein herüber, hinüber schiessen,\nDie Fäden ungesehen fliessen,\nEin Schlag tausend Verbindungen schlägt,\nso herrscht noch ein tausendfach mannigfaltigeres und\nschwieriger zu entwirrendes Leben und Weben, wo Em-\npfindungen und Gelühle vorwiegend mit eintreten. Darum\nwird es ein vergebliches Bemühen sein, nachweisen zu wol-\nlen, diese Melodie drücke unverkennbar und unzweideutig\nSehnsucht, jene Liebe, eine andere Wuth aus. Wie der\nZorn rasch in der Seele auflodert, aber die heisse Flamme\nbald wieder in sich selbst zusammensinkt, oder wie der\nAffect auf und ab tobt, wenn er sich zur Wuth steigert,\neinem vom Orkan gepeitschten Meere vergleichbar, bis der\nGegenstand der Wuth vernichtet ist oder die physische\nKraft ohnmächtig unterliegt, so kann der Tondichter in\nseinem Werke raschen und grellen Wechsel hoher und\ntiefer Tonlagen, des Piano und Forte mit Fortissimo ent-\nfalten, er kann die Töne in den heftigsten Rhythmen stür-\nmen lassen. Aber die Deutung des Hörers kann auf wü-\nthende Eifersucht eben sowohl, wie auf kriegerische Lei-\ndenschaft, ja, auf ungebundene Fröhlichkeit und Lust gehen.\nWenn das Legato des Vortrages ganz allgemein innerlich\nverhaltenem, meist sehnsüchtigem und zartem Gefühle gilt,\nso können die kurz und rasch abgesetzten Töne eben so-\nwohl dem Ausdruck der Kälte oder Heftigkeit, als des\nKomischen dienen.\n„Für den sinnlich rohen Menschen bildet die Musik\neine sinnliche Gewalt, die ihn in wilde Lust und zu kriege-\nrischen Thaten fortzureissen vermag. Es braucht, um die-\nses einzusehen, nicht so ungeheuerlicher Beispiele, wie das\ndes Ericus Bonus, Königs von Dänemark, welcher einst,\nals er dem Zauber der Töne sich zu überlassen gedachte,\nvorsichtig zuvor alle Waffen entfernen liess, dann aber, als\nder Sänger die Gemüther zur Raserei entflammte, durch\ndie Thür brach, zum Schwerte griff uud vier der Umste-\nhenden ums Leben brachte. Verständlicher ist der Kampf,\nwelchen Eduard 1., König von England, mit der Musik be-\nstand. Als er nach achthundertjährigen vergeblichen Be-\nmühungen seiner Vorfahren Wallis erobert und mit Eng-\nland vereinigt hatte, liess er alle Barden des Landes hin-\nrichten, weil ihm das tapfere Bergvolk so lange nicht sicher\ndünkte, als es noch die Freiheits-Gesänge aus jener Munde\nzu den Klängen der Harfe vernahm. Frankreichs König\nverbot, in Paris den Kuhreigen der Alpen zu spielen, da\ndie Schweizergarden, von diesen Tönen ergriffen, scharen-\nweise nach ihren heimischen Bergen eilten.\n„Auch in dem gebildetsten Gemiithe vermag die Mu-\nsik nicht solche Gelühle zu erwecken, in welchen das sinn-\nliche Moment der Empfindung ganz zurücktritt. Wie sollte\nes möglich sein, Gefühle der Dankbarkeit, Gefühl für Recht\nund Wahrheit durch einen Instrumentalsatz hervorzurufen?\nAber wie die Anschauung des Schönen überhaupt, so kön-\nnen auch vollendete Tonformen der Antrieb zu jeder hö-\nheren sittlichen Regung werden, ja, selbst schöpferische\nGeistesthätigkeit vermag die Macht der Töne zu wecken.\nEin grosser Naturforscher, dessen Name am Wohnorte des\nVerfassers in unvergänglichem Andenken steht (Liebig?),\nbekannte, dass nicht selten beim Anhören musicalischer\nMeisterwerke unter den Klängen der Melodie die frucht-\n\nPiano gespielt, dass die Kerzen heller erglänzten in ihren kry-\nstallenen Kelchen."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "174", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.1.6", "texte": "barsten Gedanken, die glücklichsten Combinationen sieih\nwie durcli einen Zauber seinem Geiste darboten.\n„Niemals kann der echte Tondichter sich die Aufgabe\nstellen, diese oder jene Empfindung in Tönen auszu-\ndrücken; er componirt, weil eine Melodie in ihm erklingt,\nweil die Tonformen vor seinem inneren Ohr sich fügen und\ngestalten, wie die Formen eines Domes vor der Phantasie\ndes Baumeisters, wieGruppirung des Ganzen und der Aus-\ndruck des Einzelnen im Geiste des Malers oder des Bild-\nhauers. Die Ausarbeitung einer Tondichtung erfordert\nFleiss und umsichtige Sorgfalt, damit ein kunstgerechter\nPeriodenbau, eine reiche und »doch ebenmässige Entfaltung\nrhythmischer und melodischer Motive aus Einem musicali-\nschen Grundgedanken den Gesetzen der Schönheit ent-\nspreche. Zur vollen Ausübung seiner Herrschergewalt ge-\nlangt der Tondichter dann, wenn er mit der geistigeren\nMacht der Melodie die Wirkung der Harmonie und Instru-\nmentirung verbindet, wenn er der einfachen Weise die Aus-\nstattung der Accorde, der Consonanzen und Dissonanzen,\nder schlichteren oder kühneren Modulation, so wie der\nmannigfaltigen Klangfarben der Instrumente gibt.\n„Am weitesten tritt der Tondichter da aus der ihm\neigenen Sphäre, wo er anstatt des subjectiv Innerlichen die\näusseren Erscheinungen darzustellen, in Tönen zu malen\nsucht. Zwar sind selbst die grössten Meister solchen Ver-\nsuchen nicht fremd geblieben. In Haydn's Schöpfung ist\nder stolze Lauf des Rosses, es sind die Sätze des gelenki-\ngen Tigers, das Kriechen des Gewürms durch die Musik\nwiedergegeben; an der Stelle des Mozart'schen\nLacrimosa dies illa, qua resurget ex favilla, judicandus\nhomo reus,ahmt die Musik die Bewegung der aus den Grä-\nbern erstehenden Menschen nach. Allein nur selten kann\neine solche Malerei in Tönen ohne Störung der höheren\nKunstwirkung gelingen ; zumal da die Nachahmung objecti-\nver Erscheinungen, welche den Tonverbindungen an sich\nso fem stehen, immer unvollkommen bleibt und meist eine\nso bunte Mischung von Rhythmik und Melodik verlangt,\ndass das Ganze vielmehr zu einer Art Rebus, zu einem\nSpiel lür den Verstand wird, als dass es das musicalische\nSchönheits-Gelühl befriedigen und dauernd beschäftigen,\noder gar das Gemüth ergreifen könnte.\"\n\nMusik-Zustände in Dresden.\nIm April 1857.\nSobald die ersten Frühlingsboten bei uns eintreffen,\nnehmen wir zugleich Abschied von den Kunstgenüssen,\nwelche der Winter brachte. Mit dem Palmsonntags-Concerte\nschliessen gewöhnlich die musicalischen Productionen unse-\nrer .angestammten namhaften Künstler ab, und das gastliche\nDresden öffnet nun lür Fremde seine Pforten. Nach diesem\nKunst-Frühling, welcher hier während des Winters blüht,\nüberdenkt man unwillkürlich, was man davon erlebt hat,\nund hält das Hauptsächlichste lür die Erinnerung fest.\nDie jüngst verflossene Saison ist nicht gerade überfüllt\ngewesen, da z. B. höchstens zwei auswärtige Virtuosen\nhier concertirt haben. Wir sind aber dalür durch sehr Ge-\ndiegenes von den hiesigen Kräften entschädigt worden. Das\nFundament echter Musik ruht in der königlichen Capelle,\nwelche Oper und Kirchenmusik ungefähr so trägt und hebt,\nwie feste, schön gemeisselte Säulen die Gebäude stützen\nund zugleich verzieren. Auf diese Weise unaulhörlich be-\nschäftigt, bleibt im ganzen Jahre nur lür drei bis vier Con-\ncerte Zeit übrig, worin die Capelle mit grösseren Orchester-\nwerken selbstständig hervortritt. Zu ihren unvergesslichen\nLeistungen lügte sie vorigen Winter den Vortrag der Beet-\nhoven'schen Musik zu Prometheus und die Wiederholung\neiner schon früher gehörten Suite von S. Bach. Ausserdem\ngibt der Tonkünstler-Verein, meistentheils aus Mitgliedern\nder Capelle und anderen distinguirten Musikern bestehend,\nnoch Gelegenheit zum freieren Austausch der einzelnen\nKünstler. In diesem eben so schönen als nöthigen Institute\nhat sich denn ein sehr frisches, geistiges Leben entfaltet,\nund ein umfassender Eifer sorgt lür den Vortrag von ge-\nwählten Kammermusiken der ältesten bis zu den modern-\nsten Componisten. In der Opernwelt wurden lür uns neu\ngeboren Iphigenie auf Tauris, und Armide.\nUeberhaupt machten classische und gediegenere Opern das\nPlus, Meverbeer und Consorten das Minus aus, was dage-\ngen sich in den vorjährigen Wintern umgekehrt heraus-\nstellte. Die grossartige, unvergleichliche Stimme der Frau\nBürde-Ney hat immer mehr von der Weihe des echten\nVortrags empfangen, und sie brachte gerade die Gluck'schen\nund Mozart'schen Tongestalten aufs herrlichste zur Geltung.\nEinen Höhepunkt erreichte die gefeierte Sängerin als Donna\nAnna, welche Leistung wir zum Schönsten und Grossartig-\nsten zählen, was uns jemals in dieser Partie entgegen ge-\nkommen ist. Tichatscheck und Mitterwurzer, diese beiden\nHelden des Tenor und Bariton, bewähren nach wie vor ihre\nTapferkeit. Frau Krebs-Michalesi, deren umfangreicher\nMezzo-Sopran vorzüglich zum Charaktervollen, entschieden\nGezeichneten passt, ist während dieser abgelaufenen Saison\nwieder sehr vorlheilhaft herausgetreten, und noch zu Ende\nderselben imponirte sie in Armide durch eine äusserst"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "175", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.1.7", "texte": "gelungene Darstellung der „Furie des Hasses\". DemFräul.\nKrall gehört das höhere Soubrettenfach. Ihre Stimme ist\nbiegsam, auch klangvoll, wenn auch weniger in den Mittel-\ntönen. Grazie und Naivetät, nicht im Mindesten von Coquet-\nterie geslört, sind ihr besonders eigen. Zu ihren bedeutend-\nsten Leistungen rechnen wir die Repräsentation der Despina\nin Cosl fan tutte.Von den übrigen Opern-Mitgliedern er-\nwähnen wir noch die beiden Tenoristen Rudolph und Krü-\nger. Ersterer hat sich schon längst als sehr brauchbar be-\nwährt, und sein unverkennbares Bemühen, sich mehr und\nmehr in Gesang und Vortrag zu heben, hat auch die er-\nfreulichsten Resultate erzielt. Herr Krüger kam erst diesen\nWinter nach Dresden und brachte eine frische, ergiebige\nStimme, so wie natürlichen und ansprechenden Vortrag\nmit, wofür die hiesige Opernsphäre ihm noch manche an-\ndere Vorlheile entgegenhält, von denen er nur proHtiren\nkann. Als die vorzüglichsten Concerte erschienen uns:\ndrei Akademieen, von Concertmeister Lipinsky veranstaltet;\ndrei Soireen, gegeben von Marie Wiek,, und eine Soiree\nvon Fr. Seelmann und R. Wehner. Der rühmlichst bekannte\nLipinsky hat seit einem Jahre wieder begonnen, sich in\nQuartetten hören zu lassen, und damit im Publicum erneu-\nten Enthusiasmus rege gemacht. Dass die Violine Lipins-\nky's in jeder Beziehung eine „erste\" ist, bedarf keiner be-\nsonderen Erwähnung. Hier im Quartett erscheint sie als\neine auserwählte Vertreterin der betreffenden Componisten,\nindem sie deren Charaktere und Intentionen selbst sprechen\nund wahrhaft gegenwärtig werden lässt. Die Geister Mo-\nzart's, Beethoven's und Haydn's traten desshalb deutlich\nund verklärt in diesem meisterlichen Spiel hervor, und Bo-\ncherini, Reissiger und Gebel haben unter solcher Repräsen-\ntation nur im vorteilhaftesten Lichte gestanden. Neben\ndem Violinspiel Lipinsky's, das oft auf Einem Tone eine\nganze Gelühls-Scala darstellt und noch im verklingenden\nPianissimo Seele und Ausdruck festhält, nimmt das Cello-\nspiel von A. E. Kummer (Kammermusicus) die Stelle eines\nebenbürtigen Vertrauten ein, der an der leisesten Nuanci-\nrung Theil nimmt und im edelsten Tone damit überein-\nstimmt. Der Kammermusicus Hüllweck, ein anerkannt be-\ndeutender Violinist von feinem Spiel und nobler Auffas-\nsung, bewies in diesem Quartettspiel, dass er eben so ge-\nschickt im Unterordnen, wie sonst im Tonangeben ist. Herr\nGöhring vervollständigte durch sehr vorteilhafte Behand-\nlung seiner Viola den reinen Zusammenklang des Ganzen.\nDie drei Soireen von Fräul. Wiek gaben ein neues Zeug-\nniss von dem echten Kunsteifer dieser Virtuosin. Vorzüg-\nlich ist es ihre Herrschaft über die Technik, die Sauberkeit\nund Präcision des Anschlags und ihre grosse Sicherheit,\nwelche stets Bewunderung erweckt. Die Wahl ihrer Vor-\nträge erfasste sowohl Bach wie Chopin, und in der durch-\nsichtigen Klarheit ihres Spiels liess sie eben so die gross-\nartigen Combinationen des Erstgenannten sich knüpfen und\nlösen, wie die modernen Arabesken des Anderen sich zu-\nsammenstellen und umwinden. Nächstdem führte sie auch\nBeethoven vor und entwickelte besonders in dessen „32\nVariationen\" eine grosse Bravour. Das Concert der Herren\nSeelmann (Violinist) und Wehner (Pianist) gehörte zu den\ninteressantesten Musik-Erlebnissen des verflossenen Win-\nters. Ein Quartett von Haydn, in welchem sich dessen ge-\nliebter Genius auf eine ganz besondere Art ausspricht, bil-\ndete hier den Anfang. Im Adagio nämlich tritt die erste\nVioline ganz ungebunden auf, und zwar in schwermüthi-\ngem, ja, phantastischem Ausdruck. Eine nicht zu stillende\nKlage dringt in rührenden und ergreifenden Tönen zu un-\nserem Herzen. Vergebens treten die übrigen Instrumente\nzu immer erneuten Harmonieen zusammen, um die irrende\nStimme festzuhalten und zu beruhigen; umsonst vereinigen\nsie ihren sanften oder dringenden Zuspruch nichts hemmt\nden Lauf der melodischen Thränen, und so, in tröstender\nBegleitung, aber dennoch ungehindert und unbeschwichtigt\nschwebt die Klage an uns vorüber, und selbst das darauf\nfolgende Scherzo kann ihre Seufzer noch nicht vergessen\nmachen. Gerade diese Partie der ersten Violine wurde von\nKammermusicus Seelmann auf das sprechendste und zar-\nteste durchgeführt. Ein Andante spionato mit darauf folgen-\nder Polonaise für Ciavier mit Instrumental-Begleitung von\nChopin bot Herrn Wehner Gelegenheit, die Grazie und\nEleganz seines Spiels zu zeigen. Der Componist verlangt\nhier, wie fast immer, dass seine ungebundene Laune doch\nmit Feinheit gegeben und seine capriciösen Passagen wie\nBlumen hingeworfen werden sollen, und Herr Wehner be-\nwies durch seinen gelungenen Vortrag, wie gut er versteht,\ndiesen verwöhnten Liebling des modernen Ciavierspiels\nrichtig zu behandeln. Eine glänzende Leistung des Herrn\nSeelmann ergab der Vortrag eines Lipinsky'schen Violin-\nConcertes, das unbedingt zu den geistreichsten derartigen\nCompositionen gehört. Hier beleuchtet jede Variation das\nThema besonders, bespricht jede einzelne eine neue Seite\ndesselben. Gedanken-Reichthum fesselt von Anfang bis zu\nEnde. Während im Minore selbst, so wie auch au vielen\nUebergängen schöner Gesang hervortritt, und in die Canti-\nlinen ein tief bewegender Ausdruck gelegt war, dass die\nVioline förmlich dabei zu schluchzen schien, flammt gegen\nden Schluss hin eine Leidenschaft auf, die imposant und"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "176", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570530-01.1.8", "texte": "hinreissend ist. Wärme, Sorgfalt und Feuer im Vortrage\nverriethen, dass diese bedeutende Composition Herrn Seel-\nmann begeistert hatte; denn in der That war seine Repro-\nduclion eine tadellose und gewann die völlige Zufriedenheit\ndes Componisten selbst.\nSchliesslich wollen wir nicht übergehen, wiederholt des\nHiinerfürst'schen Musikcorps zu gedenken, welches mit den\nübri gen Local-Orchestern hiesigen Ortes auf gleichen Be-\ndingungen steht und äusserlich mit in dieselbe Kategorie\ngehört, obwohl es sich auffallend davon in seinem eigent-\nlichen Wesen unterscheidet. Das kleine Orchester träst\nO\netwas von dem Adel echter Concertmusik an sich und gleicht\neiner Persönlichkeit, welche durch ihre äussere Erscheinung\nwenig impomrt, die aber, sobald sie sich ausspricht, Geist\nverräth und dadurch interessant, ja, bedeutend wird. Intel-\nligenz in Betonung und Vortrag, Exactheit in der Ausfüh-\nrung ist hier zur Force gediehen, die schon Ausserordent-\nliches erreicht hat, und das ist um so mehr anzuerkennen,\nda doch ein Reichthum an Mitteln, eine ebenbürtige Bildung\nin Behandlung sämmtlicher Instrumente sich hier nicht gel-\ntend machen kann. Man fühlt sich bei der Hünerfürst'schen\nMusik sofort in künstlerischer Sphäre, und schon oft haben\nwir vorzügliche Leistungen der Capelle, die wahrhafte Ori-\nginale für musicalischen Vortrag abgaben, hier, wie in ge-\nlungenen Photographieen, wenn auch in kleinem Maassstabe,\nwieder gefunden. Herr Hünerfürst, welcher nicht bloss als\nDirigent seinem Orchester vorsteht, sondern auch sich dem-\nselben als erster Violinist einverleibt, zeichnet in seinem\nSpiel alle Grund- und Haarstriche der Accente und Nuan-\ncen vor und dictirt eigentlich damit stets seine Auffassung.\nDas gewissenhafte Festhalten am Vorgeschriebenen ist hier\nwohlthuend mit der Freiheit einer subjectiven Belebung\nvereinigt. Immer ist das Spiel geweckt, und auch nur bis-\nweilen finden sich in den schnelleren Tempi's kleine Ueber-\ntreibungen ein, welche aus Allegro ein Presto, aus Presto\nein Prestissimo machen.\nDresden. Louise Nitzsche, geb. Rindscher.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nWien* Fräul. Rosa Kastner ist yon Sr. K.K.Majestät zur\nk. k. Kammer-Virtuosin ernannt worden, Wir begrüssen diese Aus-\nzeichnung der eben so liebenswürdigen als seltenen Künstlerin mit\nwahrer Theilnahme.\n—.—7\nDie deutsche Liedertafel in Brüssel hat am 9. Mai\ndurch ein Concert erfreuliche Beweise ihres Strebens gegeben. Die\nGesammt-Vorträge: An das Vaterland von C. Kreutzer, Abendständ-\nchen und Mein von Härtel, Der Jäger Abschied von Mendelssohn,\nDoppel-Quartett von Schäfer und Mozart's Priesterchor aus der Zau-\nberflöte sprachen alle sehr an.\nParis. Die beiden letzten Conservatoire-C oncerte hatten\nfolgende Programme: Am 5. April: Beethoven Sinfonie in F, Nr.\nVIII.— Arie aus der Oper Aetius von Haydn: J. Stockhausen.\nLargo in Fis-dur aus einem Quartett von Haydn, mit sämmtlichen\nSaiten-Instrumenten. Das Finale des 11. Theiles von Haydn's\nSchöpfung (Demoiselle Boulart, die Herren Paulin und Stockhausen).\nOuvertüre und Musik zum Sommernachtstraum von F. Men-\ndelssohn. Am 19. April: Sinfonie in C von Mozart. —lntro-\nduction aus dem Oratorium Samson von Händel. Air de danse\naus Gluck1 s Iphigenie in Aulis. Jägerchor aus Euryanthe von\nC. M. v. Weber. Sinfonie in D von Beethoven. —Finale aus\ndem 11. Acte der Vestalin von Soontini.\nDie sonst gewöhnlichen zwei Concerts spirituels am Charfreitage\nund ersten Ostertage wurden dieses Mal auf Eines am Freitage\nbeschränkt, da die grosse Oper am Ostertage spielte.\nDas Concert spiriluel (am 10. April) brachte: Sinfonie in B von\nJ. Haydn. Aus Mozart's Requiem: Rex tremendae Majestatis\nConfulatis Lacrymosa. Haydn's Volkslied für Quartett\nmit allen Geigen-Instrumenten. Vier Sätze aus Rossini's Stabat\nMater. Die Sinfonie Nr. Vif. in A-dur von Beethoven. Es\nwar ein Abend-Concert; Anfang Sl/2 Uhr.\nAm 16. Mai fand noch ein ausserordentliches Concert auf Be-\nfehl des Kaisers zu Ehren des Grosstürsten Konstantin Statt. Aufge-\nführt wurden der 11. und 111. Theil von Haydn's Jahreszeiten\n(Mademoiselle Boulart und Ribauld, Roger, Bonnehee), die Oberon-\nOuverture von C. M. v. Weber und die Sinfonie in A-dur von\nBeethoven. B. P.\nF. Halevy in Paris arbeitet an einer neuen grossen Oper, La\nMagicienne, in fünf Acten, Text von St. Georges. Die Aufführung\nwird im Herbst Statt finden.\nVon St. Petersburg ist uns zugegangen: Saltarello Ro-\nmain et Taranteile des Pifferari, transcrits p. I. Piano ä 4 mains.\nHerr Basil Engelhardt hat diese Melodieen unmittelbar nach\ndem Volksvortrage aufs getreueste aufgeschrieben, und Herr Wla-\ndimir Stassoff hat sie mit einem interessanten Vorworte begleitet.\nDer Saltarello wird in Rom gespielt, die Melodie auf der Mandoline,\ndie Begleitung auf der Calascione, einer Art von Guitarre. Die Ta-\nranteile ist in den Gebirgen des südlichen Italiens zu Hause und wird\ndort von zwei Pfeifern und einem Dudelsackspieler ausgeführt. Beide\nhaben mit dem bekannten Carneval von Venedig die Menge von Va-\nriationen gemein, welche die Spieler improvisiren. Das Verdienst bei-\nder Melodieen ist hauptsächlich nur das der echten Nationalität;\ndoch hat die erstere in A-moll auch etwas an und für sich Anspre-\nchendes. (St. Petersburg, bei Bas. Denotkine, 1856.)"}]}