{"numero_id": "bm-bmtnabi-1857-06-20-01", "volume": "bmtnabi_1857-06-20_01", "ocr_sha256": "a96c992c6564b3adf0666374092235008f07e4055fcc1aab456b9a08d78a1316", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1857/06/20_01/bmtnabi_1857-06-20_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1857-06-20-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-06-20_01#c001", "volume": "bmtnabi_1857-06-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "193", "page_fin": "193", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "193", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 274, "texte": "Inhalt.\nDas fünfunddreissigste niederrheinische Musikfest. I. Aus Prag (Musicalische Zustände Conservatorium Concert-\nAufführungen). Tages- und Unter haltungsblatt (Köln, Rückkehr des kölner Männergesang-Vereins von London Das zweite\nmittelrheinische Musikfest in Mannheim)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-06-20-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-06-20_01#c002", "volume": "bmtnabi_1857-06-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "193", "page_fin": "197", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.2.2", "titre_corps": "Das 35. niederrheinische Musikfest.", "titre_sommaire": "Das 35. niederrheinische Musikfest.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "193", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.1.1", "debut_caractere": 276, "fin_caractere_exclue": 3884, "texte": "Das 35. niederrheinische Musikfest.\nI.\nDas diesjährige niederrheinische Musikfest fand zu\nAachen unter Leitung des Flerrn Hof-Capellmeisters Dr.\nLiszt Statt. Es ist nicht zu läugnen, dass sein berühmter\nName, seine anziehende Persönlichkeit dem Feste einen\nMittelpunkt und einen höchst interessanten Charakter gab;\nes füllten sich die Räume des Hauses in Proben und Auf-\nlührungen bis in den letzten Winkel, und das Comite wird\nvon dieser Seite her die Wahl des Dirigenten gewiss nicht\nzu beklagen haben. Der Wunsch ausserdem, von der neuen\nRichtung, die sich mit dem Namen Zukunftsmusik bezeich-\nnet, etwas in den Rheinlanden mit Aufgebot prachtvoller\nMittel zur Ausführung zu bringen, mochte für Manchen\netwas Verlockendes haben, und lässt sich lür alle diejeni-\ngen rechtfertigen, welche nicht in der Lage waren, sich zu\nüberzeugen, in wie weit diese Musik in den Städten, wo\nman sie bis jetzt aufführte, Anklang gefunden hat. Wir\nsind freilich der Meinung, dass man die rheinischen Musik-\nfeste nicht zum Experimentiren benutzen dürfe, dass nur\ndie Werke zulässig seien, welche bereits einen classischen\nCharakter gewonnen haben, indem sie, mögen sie von\nTodten oder Lebendigen verfasst sein, sich in den Gemü-\nthern der Musikfreunde einen bleibenden Platz erobert ha-\nben und durch vielfach vorhergegangene Aufführungen über\njeden Zweifel des Erfolges erhaben dastehen. Will man\nhiervon Ausnahmen machen, so kann es nur zu Gunsten\ndes Dirigenten oder bekannter Componisten sein, deren\nName Bürgschaft gibt, dass auch das Neue, was sie lür\ndas Fest bringen, der Würde des Festes entsprechen wird.\nIn diesem Sinne sind die niederrheinischen Musikfeste\ngegründet und seit mehr als vierzig Jahren Nationalfeste\ngewesen; sie haben dasjenige glänzend und gross ausge-\nsprochen, was Allen lieb und theuer war; sie haben die\nzerstreuten herrlichen Kräfte gesammelt, um einen musica-\nlischen Cuitus zu feiern, der in seiner Pracht und in seiner\nGrösse das ist, was uns unsere herrlichen Kathedralen sind,\nKunstwerke, gross nicht nur durch Dimension, sondern\nauch durch eine harmonische Schönheit, gekannt und verehrt\nund dauernd von Geschlecht zu Geschlecht. Wollte man\ndiesen nationalen Charakter der Musikfeste aus den Augen\nverlieren, so würden sie zu blossen Monster-Concerten im\nmodernen Sinne herabsinken.\nDas Comite hat das wohl gefühlt, und zwischen beiden\nWegen scheint eine mittlere Basis für das Programm des\ndiesjährigen Festes gesucht worden zu sein, welches den\nWunsch nach dem Neuen mit der Anerkennung des Clas-\nsischen verbinden sollte. So viel bekannt geworden, ist vom\nComite der Messias und vom Dirigenten das Werk von\nBer|ioz als Conditio sine qua non eines Uebereinkommens\naufgestellt worden. Dem Messias, welcher den ersten Abend\nauslüllte, sollte die Beethoven'sche Ouvertüre Op. 1 24 in\nCvorangehen. Für den zweiten Tag lautete das Programm:\nCantate Nr. 7. „Christ, unser Herr, zum Jordan kam\",\nvon Seb. Bach, mit welcher der Schlusschor der 21. Can-\ntate („Ich hatte viel Bekümmerniss\"), „Würdig ist das\nLamm\", in Verbindung gebracht war: dann Sinfonie in C\nvon Franz Schubert; „Des Sängers Fluch\", Ballade, nach\nUhland'schen Gedichten bearbeitet von Richard Pohl, Musik\nvon Rob. Schumann; „ Festklänge\", symphonische Dichtung\nvon Franz Liszt; „Die Kindheit Christi\", geistliche Trilo-\ngie von Hector Berlioz.\nDie Mittel, welche diesmal zur Verfügung standen,\nHessen wenig zu wünschen übrig. Die aachener Chöre ha-\nben sich von je her durch Schönheit der Stimmen und prä-\ncises Zusammengehen ausgezeichnet, und da sie, mehr viel-\nleicht, als es in Düsseldorf der Fall ist wohin grössere"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "194", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5219, "texte": "Zuzüge fremder Chorsänger Statt finden —, aus Aachenern\nselbst bestehen, so ist bei den sorglältigen Vorstudien un-\nter Leitung; des Capellmeisters v. Turanyi die präciseste\nAusführung der Chorwerke lür den Dirigenten keine,\nschwierige Aufgabe. Wenn die Zahl der Chorsänger, welche\ndas Programm angab (91 Soprane, 88 Alte, 106 Tenöre,\n132 Bässe), in Wirklichkeit auch nicht erreicht wurde,\nso war sie doch vollkommen gross genug im Verhältnisse\n•/.um Räume des Theaters und erwies sich in schönem\nGleichgewichte der Stimmen. Das Orchester, welches aus\n52 Violinen, 16 Violen, 19 Cellis, 13 Contrabässen mit\ndoppelt besetzten Blas-Instrumenten bestand, zum grossen\nTheil aus Rheinländern zusammengesetzt, enthielt auch\nmehrere namhafte belgische Künstler und Mitglieder der\nfürstlich sächsischen, besonders der grossherzoglich wei-\nmarischen Hofcapelle, unter Anderen die Herren Singer,\nStör, Walbrül, Ahrens. Die Blas-Instrumente waren von\ngrosser Reinheit, nur das Blech trat hier und da zu stark\nhervor und wäre in manchen Fällen besser einfach besetzt\ngeblieben. Das freundliche Theater fasst freilich nur 1200\nHörer—zu gering für den Andrang desPublicums und die\nZahl der Mitwirkenden. Doch möge man nicht vergessen,\ndass in den letzteren selbst mindestens eben so viel moralischer\nSchwerpunkt liegt, als in den einfach Geniessenden. Es\nbildete bei der höchst vortheilhaften, steil empor aufstei-\ngenden Phalanx des ausführenden Personals einen schönen,\nimposanten Anblick; in akustischer Beziehung ist es bis\njetzt der günstigste Raum für unsere Musikfeste gewesen.\nFür die Soli waren engagirt worden Fräul. Louise Meyer aus\nWien, Frau von Milde aus Weimar, Fräul. A. T. aus Am-\nsterdam, die Herren Schneider aus Leipzig, Göbbels aus\nAachen und Dalle Aste aus Darmstadt.\nLiszt hat seit seinem ersten Auftreten als Dirigent des\nBeethoven-Festes reiche Gelegenheit gehabt, sich in der\nDirection grosser Massen zu üben; er selbst hat dieses Ge-\nbiet seiner künstlerischen Thätigkeit als ein weit höheres\nbezeichnet, als das des Virtuosen, welches er zum Be-\ndauern der Kunstfreunde in der Oeffentlichkeit zu betreten\nvermeidet, und die Anforderungen, die er an einen Diri-\ngenten stellt, beweisen, dass er vollkommene theoretische\nEinsicht in die Erfordernisse dieses Amtes besitzt. Es liess\nsich von seiner Persönlichkeit ein starkes Hervortreten in-\n-4\ndividueller Auffassung der Kunstwerke, vielleicht über die\nGränzen der nöthigen Objectivität hinaus, vermuthen; von\ndem ersten aller Ciavierspieler, von dem grossen Lehrer\ndes Pianoforte durfte man eine allzu grosse Sorgfalt im\nDetail, ein Ausarbeiten bis in die feinste Spitze der Aus-\nführung hinein eher erwarten, als eine monotone Farblosig-\nkeit und Schwankung <jjpr Direction. Die Kürze derZeit bei\nden Proben ist freilich ein grosses Hinderniss, aber gerade\ndiesem gegenüber zeigt sich die Meisterschaft, und es ist\nden Besuchern der Musikfeste noch in frischer Erinnerung,\nwas in dieser Beziehung unter Mendelssohn, Miller, Rietz\nund Lindpaintner geleistet worden ist. Der Verlauf des\nFestes zeigte bei Liszt das Vorhandensein beider Fehler in\nbedenklichem Maasse: ein wiederholtes Schwanken in der\nFührung der Massen, eine Ungleichheit in der Leitung der\nMusikstücke, welche wüsste man nicht, dass die noble\nNatur Liszt's wohl einer Träumerei und Sorglosigkeit, nicht\naber einer bewussten Ungerechtigkeit fähig ist fast dem\nGedanken Raum geben konnte, er vernachlässige absicht-\nlich die Sachen, die nicht in seinem speciellen Interesse\nlagen.\nAm stärksten trifft dieser Tadel die Führung des Mes-\nsias, welche man weder als correct, noch als genial be-\nzeichnen kann. Die Correctheit zeigte sich allerdings den\nfalschen Noten gegenüber, von welchen Herr Dr. Liszt\nnichts durchgehen liess, allein weit weniger in der Behand-\nlung des rhythmischen Elements, der wahren Seele der\nMusik und der eigentlichsten Aufgabe des Dirigenten.\nStarke Schwankungen, die beim Eintritte neuer Tact-Ver-\nhältnisse sehr oft wiederkehrten, waren nicht die Schuld\nder vortrefflichen Kräfte, über die Herr Liszt zu gebieten\nhatte. Wir führen, um diese Behauptung zu belegen, aus\nder General-Probe den Beginn der Orchester-Fuge in der\nOuvertüre an, bei welcher der Dirigent halbe Schläge gab\nund den sicheren Einsatz der Violinen unmöglich machte;\nden Irrthum des Dirigenten in Nr. 1, Larghetto, wodurch\ndas Orchester mehrere Tacte mit dem Tenor-Solo um ein\nAchtel differirte, bis Herr Schneider nachgab; die unsiche-\nren Eintritte des ersten Chors (3/4-Tact), bei welchem nur\nganze Tacte vom Dirigenten geschlagen und dem Chor über-\nlassen wurde, das zweite Viertel zu finden; das völlige rhyth-\nmische Auseinanderfallen des Allegro maestoso für Bass-\nSolo; die Begleitung des Recitativs für Alt und den ver-\ngriffenen Anfang der Arie: „0 du, die Wonne verkündet\nin Zion\", nach welcher die vortrefflich musicalische Sän-\ngerin das Tempo selbst bestimmte; das unrhythmische\nVerschleppen des nächsten für Bass\nim Sinne eines modernen Recitativs sogar in den Figu-\nren der Bassstimme, deren freie Behandlung der Will-\nkür des Herrn Dalle Aste überlassen blieb; das un-\nsichere Tempo des Chors „Denn es ist uns ein Kind ge-\nboren \"; das langsame und verschwimmende Zeitmaass des"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "195", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5173, "texte": "Pastorale, in welchem sich in der That das Orchester allein\nzusammenhalten musste, u. s. w.\nWer in dieser Probe den Herrn Dr. Liszt am Diri-\ngentenpulte sah, der würde ihn nicht wiedererkannt haben,\nals er am Dinstag Morgens die Ouvertüre zu Tannhäuser\nmit einer Feinheit der Nuancen, mit einer Elasticität des\nRhythmus, einem Feuer und einer klaren und scharfen Be-\nzeichnung aller, auch der kleinsten, Details einstudiren sah,\nkurz: mit einer Vollendung, die nichts zu wünschen übrig\nliess und die ganz vortreffliche Ausführung dieses Ton-\nstückes herbeiführte. War wirklich der Messias der\nAnstrengung des Herrn Dr. Liszt nicht würdig, oder ver-\nstand er ihn nicht?\nDer Ausführung am Abende selbst ging die Ouver-\ntüre von Beethoven, „Zur Weihe des Hauses\", Op. 124,\nvoran. Ob der Titel oder der Charakter dieser Compo-\nsition Veranlassung war, sie an die Spitze des Programms\nzu stellen, so dass zwei Ouvertüren einander folgten, wis-\nsen wir nicht; sollte jedoch Beethoven's Name nur einmal\ngenannt werden, so hätte man etwas Bedeutenderes wäh-\nlen können. Die Ausführung der Einleitung war gut, das\nAllegro litt an Uebertreibung des Tempo's und an zu star-\nkem Hervortreten des Bleches. Der Messias ging besser,\nals am Abend vorher, und wäre die General-Probe mit\nmehr Energie gehandhabt worden, hätte nicht ausserdem\nein unvorherzusehender Unfall eine wesentliche Störung\nherbeigeführt, so hätte Alles ganz gut werden können. Die\nStörung bestand in Folgendem: Herr Dalle Aste hatte in\nden Proben durch sein herrliches Organ entzückt, er hatte\nsich im Schumann'schen Werke als Sänger von grosser\ndramatischer Begabung gezeigt und einen grossen Theil\nder Messias-Partie mit vortrefflicher Gesanges-Technik vor-\ngetragen, welche zu einer ausgezeichneten Leistung hätte\nführen können, wenn ihm der musicalische Charakter eini-\nger Partieen, namentlich der beiden grossen Introductionen\nder Arien „So spricht der Herr\" und „Blick' auf\" klar\ngewesen wäre, wenn er in den Solo-Quartetts nicht man-\nnigfache Unsicherheit an den Tag gelegt hätte Dinge,\nbei denen es nur auf ein wenig Studium mehr oder eine\nVerständigung ankam. Herr Dalle Aste schien indessen auf\ndiesen Theil seiner Partie so wenig Gewicht zu legen, dass\ner sich in seinen Clavier-Auszug nicht finden konnte und\nmehrfach seinen Nachbar incommodirte, indem er wäh-\nrend der Ausführung des Quartettes in dessen Notenbuch\nsah. Am Abende begann Herr Dalle Aste seine\nPartie mit kräftigem Tone, der indess eine herannahende\n/\nHeiserkeit verrieth, zugleich aber mit einer Unruhe, die ihn\nverhinderte, die glänzende Passage „bis das Verlangen\"\nin Einem Athera auszuführen. Am Schlüsse der Introduction\ndes Recitalivs vor seiner Arie setzte er sich einen Augen-\nblick, ergriff dann Hut und Paletot und verliess den Saal.\nEs entstand eine peinliche Pause; Herr Dr. Liszt folgte\nihm, brachte ihn nach einiger Zeit zurück und verkündete\ndem Publicum, dass die Bass-Partie wegen plötzlicher Hei-\nserkeit des Herrn Dalle Aste ausfallen und nur die Quar-\ntette von ihm gesungen werden würden. In den folgenden\nQuartetten: „Er wird sie reinigen\", dann „Es ist uns ein\nKind geboren\" und „Sein Joch ist sanft\", hat nun in der\nThat Herr Dalle Aste viele falsche Noten gesungen, er hat\ndie Eintritte wiederholt verfehlt und wiederum, seinen eige-\nnen Clavier-Auszug bei Seite legend, bei Herrn Schneider\nhospitirt Alles Dinge, die auch bei einer Heiserkeit ziem-\nlich sonderbar erscheinen. Der zweite und dritte Theil\nward ohne Bass-Partie ausgeführt.\nSo kam denn eine vollständige Aufführung des Messias, die\nganz nach der Mozart'schen Bearbeitung beabsichtigt war,\nnicht zu Stande. Ob man überhaupt wohl daran that, den\nMessias ohne die Auslassungen, welche selbst in England ge-\nbräuchlich sind, dem Publicum vorzulühren, will ich nicht\nentscheiden. Man ist dort sowohl als auch in Deutschland\nvon einigen Veränderungen des Arrangements zurückge-\nkommen, die nicht im Sinne Händel's waren; dahin gehö-\nren die Solo-Quartetle, dann die Versetzung des Tenor-Reci-\ntativs und der Arie: „Die Schmach bricht ihm\" und „Schau\nhin\", in Sopran, und umgekehrt der Sopran-Arie „Er-\nwacht zu Liedern der Wonne\" in Tenor. Herrn Schnei-\ndens Partie hätte durch das lyrische Element in der erste-\n«J\nren gewonnen, so wie die Sopran-Partie eine glänzende\nVeränderung erhalten, wenn Frau von Milde statt der letz-\nten in jeder Aufführung bis jetzt weggelassenen Arie mit\ndem Mozart'schen Fagott-Solo „die Lieder der Wonne\"\ngesungen hätte. Doch ich kehre zur Aufführung selbst zu-\nrück. D ie Chöre geriethen um Vieles besser, als die Gene-\nral-Probe erwarten liess. Der Anfang mancher Nummern\nglich freilich weniger der Ausführung eines Commando's\nals einer allmählichen Vereinbarung der Kräfte unter sich\nund mit ihrem Führer; sobald der Strom der Töne seine\nRichtung genommen, floss er in ruhiger Breite dahin, so\nlange es Herrn Dr. Liszt gefiel, ihn strömen zu lassen, und\ner nicht im plötzlichen Impuls eines genialen Einfalls ver-\nsuchte, ein Ritardandooder Aanzubringen.\nVor Allem haben unter diesen Versuchen gelitten das\n„Hoch thuteuch auf\", wo bei den Worten „GottZebaoth\"\nes auf einmal breiter werden sollte, und das Hallelujab, in"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "196", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5236, "texte": "welchem der erste Einsatz, „Denn Gott der Herr\", in\nlangsamerem Tempo genommen wurde, als die vorherge-\nhenden, und die folgenden zwei Tacte „Hallelujah\", und\nwo derselbe Tempo-Wechsel beim erneuten Eintritte\ndes Thema's in der Unter-Dommarite eintrat, so dass\njedwedes Ebenmaass der Verhältnisse durch diese Will-\nkürlichkeiten verloren ging. Unter den Chören, die von\nSchwankungen frei blieben, heben wir die grossartige Reihe\nim Anfange des zweiten Theiles hervor, die in ihrer ganzen\nErhabenheit wirkte und das Publicum zu der lebhaftesten\nAeusserung des Beifalls hinriss; der Schlüsschor dieser\nGruppe: „Der Herde gleich\", litt an Uebereilung des Zeit-\nmaasses. Der Chor hat ihn dennoch mit meisterhafter Prä-\ncision durchgeführt. Eben so verdienen die Eintritte des\nChors in „Der Herr gab das Wort\" und „Ihr Schall gehet\naus\" besonders als gelungen erwähnt zu werden.\nWir hatten schon in der Probe gesehen, dass das Ac-\ncompagnement der Soli sich Seitens des Dirigenten keiner\nbesonderen Accuratesse zu erfreuen halte; in der Auffüh-\nrung war es nicht viel besser. Die Eintritte der Recilalive,\ndie Schlussfälle schwankten, dießilornelle unterschieden sich\nim Tempo von ihren Arien, der Begleitung fehlte oft die Dis-\ncretion, wobei die Entscheidung freilich schwer fallen dürfte,\nob aus gefälligem Nachgeben gegen die Sänger, oder aus\nursprünglicher Unsicherheit, oder aus Gleichgültigkeit. Es\nthut uns wirklich leid, gegen einen Mann, den man in vie-\nler Hinsicht Grund hat, als Künstler so hoch zu stellen,\neine derartige Anklage auszusprechen; doch verbietet die\nWahrheitsliebe einen anderen Ausdruck. Wir haben es we-\n/\nnigstens nicht erklären können, wie Herr Dr. Liszt in dem\nPastorale mit Handbewegungen, welche über den Tonwel-\nlen ruhig zu schweben schienen, eine Ausführung beglei-\ntete, über deren Zeilmaass sich das Orchester durchaus\nnicht genau verständigen konnte, wodurch dieses fein ge-\nwobene Tonstück in ein eigenthümliches mystisches Dunkel\ngehüllt wurde. Wir haben es nicht begreifen können, durch\nwas sich der Dirigent in der Arie: „Wie lieblich ist der\nBoten Schritt\", zu so unverständlichen Tactbewecunnen ver-\nO o\nanlasst sah, dass es der Solo-Flöte fast unmöglich wurde,\nden Einsatz zu finden, und ein braver Künstler in die pein-\nliche Verlegenheit kam, sich seinem harmonischen Instinct\nauf gut Glück anzuvertrauen. Dass natürlich Manches gut\nging, verstellt sich von selbst; von dem Dirigenten eines\nMusikfestes verlangt man aber mit Recht nicht, dass Eini-\nf »\nges gut sei, sondern zuvörderst Alles technisch richtig; erst,\ndann kann von Schwung, kann von Auflassung und Genia-\nlität u. s. vv. die Rede sein.\nJeder Künstler, der sich in der Production versucht\nhat, rauss wünschen, ein Musiker der Zukunft zu werden,\nd. h. solche Schöpfungen hervorzubringen, an denen auch\ndie künftigen Geschlechter Freude und Genuss haben ; und\nso wünschen wir Herrn Dr. Franz Liszt von Herzen die\nvollständige Erreichung eines Zieles, das er mit so seltener\nAusdauer verfolgt; wir wünschen ihm aber mehr: dass er\nin der Zukunft Musiker finden möge, die gewissenhafter\nund gerechter in der Behandlung seiner Schöpfungen\nsind, als er es ist gegenüber dem grossen Todten, der seit\nmehr als einem Jahrhundert seine Musik von der Zukunft\nfeiern sieht.\nNun die Solisten. Herr Schneider aus Leipzig steht\ndurch seine Leistung auf den beiden vorigen Festen in Düs-\nseldorf in bestem Andenken im Rheinlande; auch dies-\nmal ist er nicht hinter seinem Rufe als ausgezeichneter Ora-\ntoriensänger zurückgeblieben, wenn auch die Tenor-Partie des\nMessias seinem Naturel weniger zusagt, als die mehr lyri-\nsche im Elias und der Schöpfung. Vorzüglich gelang ihm\ndie grosse Arie Nr. 1, ,T röstet Zion\". In den übrigen\nNummern leistete er höchst Anerkennenswerthes, obwohl\ndie Arie „Du zerschlägst sie\" den Timbre eines Helden-\nTenors erfordert und die andere dem Tenor übertragene:\n„Erwach' zu Liedern der Wonne\", eine Bravour und einen\nGlanz des Organs voraussetzt, welcher, verbunden mit den\nübrigen lür das Oratorium nöthigen Eigenschaften, uns an\nkeinem Tenoristen der letzten Zeit vorgekommen ist. Die\nVielseitigkeit, die sich widersprechende Natur der Aufgaben,\ndie übertriebenen Anstrengungen, welche den Organen bei\nder modernen Stimmung und Besetzung des Orchesters zu-\ngemuthet werden, verhindern jene letzte Pflege und Bildung\nder Gesangeskunst, welche frühere Perioden der Musik ge-\nkannt haben. Herr Schneider ist einer der wenigen streb-\nsamen Tenoristen, welche ein ideales Ziel des Gesanges mit\nErfolg im Auge halten, welche im Kampfe mit dem zerstö-\nrenden Elemente moderner Theatermusik eine edle Ton-\nbildung, Feinheit und Adel des Vortrages bewahren und\npflegen; er zeigt diese Eigenschaften überall, wo er auf-\ntritt; beim diesjährigen Feste waren sie am bedeutsamsten\nin der Ausführung der schwierigen Arie der Bach'schen\nCantate: „Des Vaters Stimme liess sich hören\".\nDie Alt-Partie befand sich in den Händen einer Dilet-\ntanlin A. T. aus Amsterdam. Es freute uns, in dieser Sän-\ngerin einer wahrhaft musicalischen Natur zu begecnen, einer\nKünstlerin, welche Verständniss mit echter Begeisterung\nfür die Musik verbindet und dieser Göttin um ihrer selbst\nwillen mit voller Hingebung der Seele dient, ohne Spur"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "197", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4846, "texte": "einer Affectalion oder eines sichtbaren Strebens nach Bei-\nfall ausserhalb der Sache. Sie ist im Besitze einer Altstimme\nvon grossem Umfange und eigentümlicher Klangfarbe,\nwelche so lange wohltuend wirkt, als sie nicht genötigt\nist, auf jener schwachen Stelle des Contra-Alts sich zu be-\nwegen, die nur in seltenen Fällen von der Natur oder be-\nharrlichem Studium sich ausgeglichen zeigt. Die Partie des\nMessias ist ein harter Prüfstein (ür die Altisten; sind sie\nmehr tiefe Mezzo-Soprane, dann wird wohl die mittlere\nCantilene schön und sympathisch wirken, die Tiefe dagegen\ndes nöthigen Glanzes entbehren; die Contra-Altisten aber\nwerden in der Arie „Er ward verschmäht\" so oft auf der\nGränze ihrer beiden Register wandern müssen, dass beim\nHörer leicht ein unbehagliches Gefühl entsteht. Die Stimme\nvon Fräul. A. T. ist ein echter Contra-Alt mit den Schwä-\nchen und Vorzügen dieser so eigentümlichen Organe. Sie\nentfaltete ihre Kunst und ihre schöne Begabung weniger\nI\niir. Messias, als in dem Vortrage der Bach'schen Arie und\nder Schumann'schen Ballade, welche letztere mit dem dun-\nkeln Timbre und dem elegischen Charakter ihrer Stimme\nsehr wohl übereinstimmte.\nFrau von Milde hatte für Fräul. Mayer die Sopran-\nPartie übernommen. Die Wahl der Prima Donna ist für ein\nMusikfest eine Lebensfrage, und während man öfter bei\ngrossen Namen die Erwartungen getäuscht findet, wurden\nsie hier offenbar übertroffen. Frau von Milde ist im Besitz\neiner schönen deutschen Sopranstimme von reinem Silber-\nklange, von grosser Ausdrucksfälligkeit; sie hat ihre natür-\nliche Anlage durch gediegene Schule und durch feinen Ge-\nschmack geläutert, so dass man dem technischen Theile ih-\nres Gesanges mit ganzer Hingebung und ohne das geringste\n„Aber-' folgen kann. Wenn das schon viel und selten ist,\nso wird es wesentlich gemehrt durch den Reiz, den eine\nwarme Empfindung, ein Durchdringen des Kunstwerkes mit\necht musicalischem Geiste, den jene geheimnissvolle, sym-\npathische Kraft des Ausdruckes hinzufügt, welche die Seele\ndes Hörers unwiderstehlich ergreift. Mit diesen Eigenschaf-\nten errang sich die Künstlerin schon in den Proben die un-\nbestrittene Gunst des Publicums und aller derer, welche\n• r\nfür echten Gesang ein offenes Ohr haben. Unter den Num-\nmern im Messras trat die Arie „Ich weiss, dass mein Erlö-\nser lebt\", grossartig hervor; auch entwickelte hier die\nStimme einen Tongehalt, der ihrer Besitzerin dramatische\nErfolge in den grössten Räumen zusichert. Die zarteren\nPartieen des Werkes, zu welchen das Naturel der Frau v.\nMilde besonders hinneigt, kamen zu vollkommener Geltung,\nund es war nur zu bedauern, dass an einigen Stellen die\nnöthige Correctheit der Orchester-Begleitung oder vielmehr\nder Leitung fehlte, welche einen musicalischen Gesammt-\nEindruck herbeigeführt haben würde.\nSo liess der Messias an jenem ersten Abende des Mu-\nsikfestes trotz vieler schönen Momente Manches zu wünschen\nübrig, und wir glauben, dass die Kritik doppelte Ursache\nhat, im Tadel streng zu sein, da einesteils die ganz vor-\ntreffliche Vorbereitung darch das Comite, die herrlichen\nMittel des Orchesters, die Willfährigkeit des grossen und\nglänzenden Chors, die Praxis, die sich für Musikfestc hier\ngebildet hat, einem Werke gegenüber, das man mit Begei-\nsterung singen konnte und wollte, welches nicht allzu grosse\nSchwierigkeiten entgegenstellte, unter den Händen eines\ngediegenen und umsichtigen Dirigenten eine Leistung her-\nbeiführen musste, die der Vollendung nahe kam; da es an-\ndererseits nicht an Urtheilen fehlen wird und wir rechnen\neinen grossen Theil der Aachener selbst hierzu, die es na-\ntürlicher Weise nicht gern eingestehen, dass ihre Wahl\nkeine glückliche war —, welche die Direction Liszt's in\nSchutz nehmen, bewundern und seine Schwankungen, seine\nUnsicherheiten, die Eigentümlichkeit seiner Bewegungen\nam Dirigentenpulte, die, statt zu leiten, den poetischen Ein-\ndruck plastisch zu versinnlichen strebten, welchen zu em-\npfinden man dem Hörer überlassen soll als eben so viele\nneue und herrliche Eigenschaften genialen Wesens schildern\nwerden. Wir hallen nicht viel von einer Genialität, welcher\ndie sichere Basis des Wissens und der Selbsterkenntniss\nmangelt; kommt hierzu noch ein Uebermuth des Urteils,\neine Verachtung der Händel'schen Composition— die nach\nglaubwürdiger Quelle sich bis zu Aeusserungen hinreissen\nlässt: „der ganze Messias gleiche einem Elephanten-Ge-\ntrampel\" ,so ist es nicht möglich, dass es besser ging.\nFreilich, der unvergängliche Händel ist nicht todt zu ma-\nchen, der Gigant tödtet mit seinem Riesenschritte das ihm\nfeindliche Zwerg-Geschlecht; und so hat auch unter Liszt\nder Messias gezündet, er hat tausendstimmiges Echo in den\nGemüthern und lauten Ausbruch des Beifalls hervorgeru-\nfen, wie es überall der Fall sein wird, wo sich grosse und\nintelligente Kräfte zu seiner Aufführung vereinigen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-06-20-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-06-20_01#c003", "volume": "bmtnabi_1857-06-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "197", "page_fin": "200", "image_debut": 5, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.2.3", "titre_corps": "Aus Prag.", "titre_sommaire": "Aus Prag.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "197", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.1.5", "debut_caractere": 4848, "fin_caractere_exclue": 5140, "texte": "Aus Prag.\nIm Mai 1857.\nWenn es wahr, dass jene Frau die beste, von der die\nöffentliche Stimme schweigt, so ist die Muse der Tonkunst\nan der Moldau eine solche. Die modernen Herolde des\nRufes, die fliegenden Boten der Presse wissen von jedem\nkleinen Städtchen in Nord und Süd, Ost und West und"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "198", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5286, "texte": "seinem Kunst- und Musikleben zu erzählen; nur die hun-\ndertthürmige Praga lebt in sich abgeschlossen und lür sich,\nohne dass irgendwo Noliz genommen wird von ihren Freu-\nden und Leiden. Möge in einem noch so kleinen Orte\nauch nur unbedeutend Nennenswerthes geschehen, gleich\nsind Kunst- und andere Journale bei der Hand, um den\nRuhm eines kleinen Imperators oder Geschäftsträgers also-\ngleich nachdrücklich zu verbreiten; nur von Prag verlautet\nnie oder selten etwas, und doch geschieht in seinem Weich-\nbilde so manches auf dem Gebiete der Kunst, was für diese\nim Allgemeinen nicht gleichgültig ist. Diese bescheidene\nZurückgezogenheit mitten im bunten Weltgetriebe ist ein\naltes Uebel der alten Königs-Witwe, welche in ihren träu-\nmerischen Erinnerungen an vergangene Tage zwar nicht\ndie Hände in den Schooss legt, aber stets vergisst, ihr stil-\nles Wirken und Schaffen mit jenem Apparate pomphafter\nPublicität zu umgeben, dessen die Gegenwart zu entbeh-\nren kaum mehr im Stande ist. Wie von den Regungen des\npolitischen, nationalen und socialen, gilt dies auch von je-\nnen des artistischen Lebens. Was in Prag die so genannte\nSaison ausmacht, übertrifft quantitativ die der meisten\nStädte Deutschlands; denn die Saison ist kaum um ein\nDrittel ärmer als das an Ueberlluss kränkelnde Berlin, und\ndoch ist Prag eine nur von 130,000 Menschen bewohnte,\nrelativ arme Stadt. Was aber die Qualität seiner öffent-\nlichen Musik betrifft, steht es nur wenig Emporien Deutsch-\nlands nach und überflügelt in dieser Beziehung die ganze\nMonarchie,— Wien, das, an Mitteln so reich, unter dem\nDrucke eines musicalischen Alpes seufzt, nicht ausgenom-\nmen. So kommt es, dass die Kenntnissnahme von dem ar-\ntistischen und hiermit auch musicalischen Leben Böhmens\nzumeist nur auf den Referaten-Inhalt der localen Journa-\nlistik angewiesen bleibt. Nun ist aber dieser selbst ein\näusserst magerer; die Kritik der prager Journalistik ist\ndurch deren flache, encyklopädische Tendenz auf ein Mi-\nnimum reducirt, und die Verbreitung derselben selbst eine\nbeschränkte, über die Gränzen des engen Vaterlandes hin-\naus eine nur sporadische. Nur hier und da nimmt die fremde,\nausserböhmische Presse von diesem oder jenem artistischen\nEvenement Kenntniss, nur hier und da findet man der\nKunst-Institute, die hier ihren Silz aufgeschlagen, beiläufig\nerwähnt, und staunend sieht der Kirchthurm-Enthusiast\ndieser oder jener Stadt dann, dass auch am Ufer der Mol-\ndau den Musen geopfert wird.\nWir wollten dieser allgemeinen Andeutungen nicht\nentbehren, um eine Entschuldigung dafür zu finden, dass\nwir den Raum dieses geschätzten Blattes in Anspruch neh-\nmen ; nicht um die Schicksale der Frau Musica unserer\n1857 er Saison überhaupt zu erzählen, sondern um nur\neines kleinen Theiles der ihr angehörenden Erscheinungen\nzu erwähnen. Wir meinen die Concerte des prager Con-\nservatoriums, dessen Ruf zwar ein allgemein verbreiteter,\ndessen Organisation und Wirken aber dennoch nicht\ndetail bekannt ist. Viele halten die Alma maier der Ton-\nkunst in der ältesten Universitätsstadt Deutschlands lür\neine Staats-Anstalt; aber dem ist nicht so. Weder der Hof\nals landesüblicher Repräsentant der Central-Begierung,\nnoch die so genannten Stände als Vertreter des Landes\nüben auf das Conservatorium einen direclen, positiven Ein-\nfluss; dieses ist ein Privat-Institut im strengsten Sinne des\nWortes, das seine Existenz nur dem Kunstsinne und der\nmateriellen Liberalität Einzelner verdankt. Erst in den letz-\nten Jahren betheiligte sich der so genannte Landes- Aus-\nschluss mit einer jährlichen Dotation aus Landesmitteln, zu\nwelcher aber die hochortliche Erlaubniss stets nachgesucht\nund nur provisorisch bewilligt wird. Bis zum Jahre\n1848 —49 fristete das Institut sein Leben nur durch\nPrivatmittel und lief während der Epoche allgemeinen Um-\nschwungs nicht geringe Gefahr; denn die Beiträge flössen\nspärlicher denn sonst, die opferwilligen Mäcene zogen sich\nzurück, und der Beitrag des ständischen Ausschusses wurde\neine Conditio sine qua non. Nun hat das Institut die\nschlimmsten Tage wohl hinter sich, und dass es die\nletztjährigen Krisen glücklich überstanden, ist ein erfreu-\nliches Symptom seines gesunden Lebens, aber nicht min-\nder das Verdienst jener Männer, welche an der Spitze des\n„ \\ ereins zur Beförderung der Tonkunst in Böhmen\" stehen.\nDen rastlosen Bemühungen, der steten activen und passi-\nven Energie des Vereins-Präsidenten Grafen Albert Nosliz\nund des k. Statthalterei-Rathes Barons Bohusch verdankt\ndas Conservatorium seine wenigstens theilweise gesicherte\njetzige Lage. Ihnen ist zunächst die schon erwähnte stän-\ndische Subvention, die Erhaltung und Vermehrung der bei-\ntragenden, meist dem vaterländischen Adel angehörigen Mit-\nglieder des Vereins zu verdanken. Dass sich aber das Con-\nservatorium bisher stets würdig gezeigt eines solchen pa-\ntriotischen Mäcenatenthums, beweis't die glänzende Erfüllung\nseiner Mission. Seit seinem nun fast fünfzigjährigen Bestehen\nsendet es die Repräsentanten seines idealen künstlerischen\nSlrebens und Wirkens in alle Länder Europa's, und dass\ndiese keine unbedeutenden Zeugen seiner artistisch-päda-\ngogischen Tüchtigkeit, dalür bürgen die in der Kunstwelt\ngeachteten Namen so vieler Künstler, die im Dominicaner-\nKloster der Altstadt Prag ihre Ausbildung gewonnen."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "199", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5166, "texte": "Aber auch die Erhaltung des seit der Mozart'schen\nKaiserzeit traditionellen Rufes Prags als Musikstadt höhe-\nren Ranges verdanken wir zum grossen Theile dieser Hoch-\nschule der Tonkunst; denn mächtig ist der Einfluss dersel-\nben und ihrer jährlichen öffentlichen Productionen auf das\ngesammle Musikleben der Stadt, und dieser Umstand wird\nhoffentlich genugsam motiviren, wenn wir aus der gerade\nheuer übermächtig Hütenden Saison hier speciel nur die öf-\nfentliche Wirksamkeit des Instituts herausnehmen, um von\nseinen Concerten zu reden.\nDie statutmässig auf nur drei beschränkte Anzahl\nder Concerte enthebt uns natürlich jeder Programm-Be-\ntrachtung. Obwohl eine Aufzählung der aufgeführten\nEnsemblestücke zeigen wird, dass die Wahl nur auf Wür-\ndiges und Interessantes fiel, so kommt es hier zunächst\ndoch mehr auf das Wie als auf das Was an. Wir wenden\nuns vor Allem zu den concertanten Solo-Piecen der vorge-\nführten Instrumentalschüler. Die Meinung, dass die Pro-\nductionen von Variationen, Phantasieen, und wie derlei Sa-\nchen instrumentaler Technik heissen mögen, vom Uebel\nseien, ist zwar in so fern wahr, als sie allen tieferen und\nedleren Compositionen den ohnedies karg genug bemesse-\nnen Raum noch mehr beschränken. Die öffentlichen Pro-\nben der Zöglinge im Solo-Vortrage sind aber eine Not-\nwendigkeit der Instituts-Concerte, und dalür, dass die be-\ntreffenden Compositionen eines edleren Inhaltes bar sind, ist\nNiemand als die Compositeure selbst verantwortlich. Das gilt\nüberdies zunächst von den Blas-Instrumenten; denn für die\nStreich-Instrumente hat die bezügliche Literatur manche\ntheils höher stehende, theils interessante Gabe aufzuweisen.\nIn den heurigen Concerten waren die Flöte, das Fagott,\ndie Oboe, das Waldhorn und die Clarinette vertreten. Die\nbeiden ersten Instrumente betrafen Compositionen von\nDrouet und Kalliwoda und fanden in den jungen Concer-\ntisten tüchtige Schüler der rühmlichst bekannten Lehrer\nEisert und Gross. Für die Oboe und das Waldhorn\ngriff man zu manuscriptlichen Compositionen ehemaliger\nZöglinge der Anstalt. Sowohl Herr Ludwig, jetzt Mitglied\nder münchener Hofcapelle, der Introduction und Rondo für\nzwei Oboen, als Herr V. Schubert, jetzt Mitglied des hie-\nsigen Thealer-Orchesters, der ein Concertstück für vier\nWaldhörner lieferte, bemühten sich, den gewöhnlichen\nSchlendrian des Genres zu vermeiden, geriethen aber beide\nin den Fehler allzu breiter Ausspinnung und unpraktischer,\ndem speciellen Zwecke eben nicht conformer Factur. Dass\naber die Spieler Tüchtiges, dem Rufe ihrer Lehrer Bauer\nund Janatka Entsprechendes leisteten, könnte kühn be-\nhauptet werden, wenn auch der ihnen gewordene Beifall\nminder rauschend gewesen wäre, als er wirklich war.\nGleiches kann von dem Schüler des Herrn Pisarowitz\ngesagt werden, der sich in Variationen von Beer als äus-\nserst hoffnungsvollen Clarinettisten bewährte. Herr Gol-\ntermann, einer der bedeutendsten von den uns bekannten\nCello-Virtuosen, bewies mit der Vorführung eines seiner\nSchüler, der eine grosse Phantasie von Rummer spielte,\ndass er im Stande, die Vorzüge seines Bogens auch auf\nAndere zu übertragen. Die Violine war in dem heurigen\nCyklus nur durch zwei Piecen vertreten, aber es waren\nglänzende Vorträge von 13 Schülern des Herrn Mildner.\nDer erst seit anderthalb Jahr im Institut befindliche kleine\nHrimali producirte sich in einer Ernst'schen Phantasie mit\nausserordentlichem Erfolge. Der höchst talentvolle Knabe,\ndessen Acquisition lür das Institut und den Lehrer als sehr\ngünstig bezeichnet werden muss, leistete aber auch wahrhaft\nUeberraschendes und für seine Jahre Ungewöhnliches. Die\n2. violinistische Production bestand aus dem Unisono-Vortrag\ndes Adagio und Rondo russevon de durch zwölf\nZöglinge der Schule. Die ausserordentliche Uebereinstim-\nmung in Intonation, Bogenführung und Nuancirung war\nvon überraschender Wirkung und liess kaum etwas zu\nwünschen übrig. Aeusserst effectvoll gestaltete sich die\nden Einklang verlassende Schluss-Cadenz des bei solcher\nexceptionellen Besetzung und so virtuosem Vortrage wahr-\nhaft glänzenden Concertstiickes.\n< *\nDass das prager Conservatorium mit den Eleven sei-\nner Gesangschule nicht so glücklich ist, wie mit seinen In-\nstrumentalisten, ist eine schon mehrjährige Thatsache; doch\nliegt die Schuld derselben wohl theilweise auch an jenem\nungünstigen Zufalle, der über die Beschaffenheit der Or-\ngane und ihre Ausdauerungslähigkeit souverain entscheidet.\nWir hörten diesmal drei Opern-Schülerinnen, von denen\ndie eine für das so genannte Coloratur-, die andere für das\ndramatische Fach qualiticirt scheint. Die dritte ist ein\nMezzo-Sopran. Die zum Vortrage gewählten Stücke wa-\nren: die Arie der Prinzessin von Navarra aus Boieldieu's\nJohann von Paris, die der Vitellia aus Mozr.rt's Titus und\njene der Julia aus Spontini's Vestalin. Die Sängerinnen\nzeigten Spuren eines emsigen Fleisses; ob ihnen die jeder\nKünstlerin nöthige theatralische und dramatische Gabe ei-\ngen, ob die Stimme fähig, auch grössere Räume als die\ndes Concertsaales zu füllen, die Bühnen-Situation zu bele-\n/\nben ist nicht so leicht bestimmt zu beantworten; denn\nselbst die bedeutendste Routine in dieser Beziehung täuscht"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "200", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3616, "texte": "sich gerade bei dieser Art Analogie-Schlüssen sowohl im\npositiven als im negativen Sinne.\nBesondere Glanzpunkte der Conservatoriums-Concerte\nbilden die Aufführungen grosser Orchestralwerke. Auf\ndiesem Felde leistet der jugendliche Verein das Beste, was\nman hier hören kann; ja, er kann kühn mit den Produc-\ntionen auch auswärtiger, mit dem journalistischen Lorher\neinziger Vorzüglichkeit beschenkter Hof- und anderer Ca-\npellen in die Schranken treten. Spricht die Accuratesse und\nCorrectheit jeder einzelnen Instrumentalstimme für die\nsystematische Bildung derselben lind ihrer Lehrer, so ge-\nreicht die poetische Nuancirung des Ensembles nach allen\nSchattirungen in dynamischer und rhythmischer Beziehung\ndem Dirigenten, als Vorstand und Leiter der Orchester-\nschule, zur vollsten Ehre. Beethoven's fünfte Sinfonie mit\nihrem heiklen kurzrhythmigen ersten Salze, mit seinem\nherrlichen, aber der Auffassung und feinen Vortrags-Nuan-\ncirung so Vieles überlassenden Andante, und endlich mit\nden Schwierigkeiten des aus zwei verschiedenen Sätzen\neigentümlich und doch organisch zusammengesetzten Fi-\nnale erfreute sich einer überraschend glänzenden, theils\ndelicaten Ausführung; dasselbe gilt auch von Mozart's G-\nmoll-Sinfonie. Im ersten Concerte brachte Herr Director\nK i 111 eine Novität, die Arbeit seines Lieblingsschülers\nAbert, jetzt in Stuttgart Contrabassisten bei der dortigen\nHofcapelle. Die dritte Sinfonie, desselben ist eine\nfür das Orchester äusserst schwierige und heikle Aufgabe.\nDie äusserst complicirte thematische Arbeit, das Streben\nnach allseitiger Polvphonie und die Eigenthümlichkeit der\nAbert'schen Instrumentation, den Beiz der melodischen\nPhrase durch Zutheilurig ihrer rhythmischen Abschnitte an\nverschiedene Stimmen der verschiedensten Instrumental-\nGruppen zu erhöhen, vermehren die Schwierigkeit natür-\nlich ausserordentlich. Wenn man den an sich so beneidens-\nwerthen Ueberfluss an Wendungen, Seitengängen und Ana-\nlogieen einer üppigen musicalischen Ideen-Association und\nihren Besultaten, welche der Partitur hier und da die dem\nHörer so wohlthätige Prägnanz des Ausdrucks und die\nf\nkünstlerische, gedrängte Form benehmen, ausnimmt, so ist\ndas Werk ein treffliches, im höchsten Grade talentvolles.\nEine nicht gewöhnliche, nur bisweilen durch die schon an-\ngedeutete Individualität des Componisten überwucherte\nProductionskraft, eine fast Alles erschöpfende Combinations-\ngabe und ein Sinn und eine Boutine für die Poesie der\nKlangfarben zeigen sich in diesem eben so wie in den an-\nderen Werken Abert's, dem eine sehr bedeutende Zukunft\nbevorsteht unter günstigen inneren und äusseren Bedingun-\ngen künstlerischen Schaffens. Von den vier zur Auffüh-\nrung gelangten Ouvertüren war die als romantische be-\nzeichnete eine manuscriptliche Novität. Der Componist, Herr\nv. Adelsburg, einKonstantinopolitaner, Sohn eines öster-\nreichischen Gesandtschafts-Beamten, ist Violinvirtuose und\nweilte längere Zeit in Prag. Die Ouvertüre überraschle\ndurch viele schöne Einzelheiten, glänzende Momente uud\nFrüchte einer feurigen Phantasie. Das geistreich angelegte,\noriginel, wenn auch nicht erfundene, doch combinirte\nAndante erregte das höchste Interesse. Im weit, fast sinfo-\nnieartig ausgesponnenen Allegrosatze aber kommt es trotz\nder so genannten Talentblitze doch zu keiner künstlerisch\nharmonischen Wirkung, da diese durch manche insbeson-\ndere orchestrale Extravaganzen und übertriebene, so zu\nsagen barbarische Effecte paralysirt wird. Wie dieses be-\nsonders \"für die Bläser überschwierige Werk wurden auch\ndie drei anderen Ouvertüren der Conservatoriums-Pro-\ngramme vortrefflich aufgeführt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-06-20-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-06-20_01#c004", "volume": "bmtnabi_1857-06-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "200", "page_fin": "200", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "L. B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "200", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.1.8", "debut_caractere": 3618, "fin_caractere_exclue": 5755, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nL. B\n3'lolbi« Der kölner Männergesang-Verein ist am 8.\nJuni von London zurückgekehrt. Die dritte Sängerfahrt nach Eng-\nland war eben so erfolgreich durch ehrenvollste Anerkennung und\nzahlreiche Zuhörerschaft in allen Concerten, als die beiden früheren,\nja, in letzterer Beziehung übertraf sie alles bisher Erlebte, da der\nVerein in dem Concerte im Krystall-Palaste am G. Juni ein Publi-\ncum von I*£,ooo Personen angezogen hatte. Den Abend vorher\nhatte er die hohe Ehre, vor Ihrer Majestät der Königin von\nEngland, dem Prinzen Albert und der Prinzess Royal K.Hoheiten\nund einer aus dem begünstigtsten und vertrautesten Kreise des Hö-\nfas gewählten Gesellschaft von nur 24 Personen zu singen. Kein\nTon der italiänischen Opernsänger, keine Virtuosenleistung irgend\neiner Art fand bei diesem Concerte im Buckingham-Palaste Statt;\nIhre Majestät wollte nichts, als zum dritten Male die deutschen Lie-\nder hören. Ter Verein hat in London, wenn wir eine Soiree auf\nApsley House bei dem Herzog von Wellington mitnehmen, in zwei-\nmal sechs Tagen fünfzehn Concerte gegeben, von denen die drei-\nzehn öffentlichen alle mit einander stets vor einem ganz voll besetz-\n< \" j\nten Saale Statt fanden, eine Thatsache, die, weil in täglich (mit\nUnterbrechung durch einen Sonntag, der bekanntlich in England we-\nder Concert- noch Theater-Tag ist) auf einander folgenden\nProductionen als Künstlerleistung in einer und derselben Stadt auch\nbei den berühmtesten Virtuosen, wie Paganini und Liszt, noch nie\nvorgekommen ist. Einen eingehenden Bericht behalten wir uns vor.\nKaum von London zurückgekehrt, wohnten wir in Mannheim\ndem zweiten mittel rheinischen Musik feste bei, welches\ndie musicalischen Kräfte des Vierstädte-Bundes: Darmstadt,\nMannheim, Mainz und Wiesbaden, unter Ferdinand Hil-\nle r 1 s Leitung vereinigte und eines der gelungensten war, sowohl in\ntonkünstlerischer als geselliger Hinsicht, das wir je mitgemacht ha-\nben. Haupt-Aufführungen waren der Elias von Mendelssohn\nund Beethoven's neunte Sinfonie. Auch über dieses interes-\nsante Fest werden wir unseren Lesern einen ausführlichen Bericht\nmittheilen. - • ."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "193", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDas fünfunddreissigste niederrheinische Musikfest. I. Aus Prag (Musicalische Zustände Conservatorium Concert-\nAufführungen). Tages- und Unter haltungsblatt (Köln, Rückkehr des kölner Männergesang-Vereins von London Das zweite\nmittelrheinische Musikfest in Mannheim).\n\nDas 35. niederrheinische Musikfest.\nI.\nDas diesjährige niederrheinische Musikfest fand zu\nAachen unter Leitung des Flerrn Hof-Capellmeisters Dr.\nLiszt Statt. Es ist nicht zu läugnen, dass sein berühmter\nName, seine anziehende Persönlichkeit dem Feste einen\nMittelpunkt und einen höchst interessanten Charakter gab;\nes füllten sich die Räume des Hauses in Proben und Auf-\nlührungen bis in den letzten Winkel, und das Comite wird\nvon dieser Seite her die Wahl des Dirigenten gewiss nicht\nzu beklagen haben. Der Wunsch ausserdem, von der neuen\nRichtung, die sich mit dem Namen Zukunftsmusik bezeich-\nnet, etwas in den Rheinlanden mit Aufgebot prachtvoller\nMittel zur Ausführung zu bringen, mochte für Manchen\netwas Verlockendes haben, und lässt sich lür alle diejeni-\ngen rechtfertigen, welche nicht in der Lage waren, sich zu\nüberzeugen, in wie weit diese Musik in den Städten, wo\nman sie bis jetzt aufführte, Anklang gefunden hat. Wir\nsind freilich der Meinung, dass man die rheinischen Musik-\nfeste nicht zum Experimentiren benutzen dürfe, dass nur\ndie Werke zulässig seien, welche bereits einen classischen\nCharakter gewonnen haben, indem sie, mögen sie von\nTodten oder Lebendigen verfasst sein, sich in den Gemü-\nthern der Musikfreunde einen bleibenden Platz erobert ha-\nben und durch vielfach vorhergegangene Aufführungen über\njeden Zweifel des Erfolges erhaben dastehen. Will man\nhiervon Ausnahmen machen, so kann es nur zu Gunsten\ndes Dirigenten oder bekannter Componisten sein, deren\nName Bürgschaft gibt, dass auch das Neue, was sie lür\ndas Fest bringen, der Würde des Festes entsprechen wird.\nIn diesem Sinne sind die niederrheinischen Musikfeste\ngegründet und seit mehr als vierzig Jahren Nationalfeste\ngewesen; sie haben dasjenige glänzend und gross ausge-\nsprochen, was Allen lieb und theuer war; sie haben die\nzerstreuten herrlichen Kräfte gesammelt, um einen musica-\nlischen Cuitus zu feiern, der in seiner Pracht und in seiner\nGrösse das ist, was uns unsere herrlichen Kathedralen sind,\nKunstwerke, gross nicht nur durch Dimension, sondern\nauch durch eine harmonische Schönheit, gekannt und verehrt\nund dauernd von Geschlecht zu Geschlecht. Wollte man\ndiesen nationalen Charakter der Musikfeste aus den Augen\nverlieren, so würden sie zu blossen Monster-Concerten im\nmodernen Sinne herabsinken.\nDas Comite hat das wohl gefühlt, und zwischen beiden\nWegen scheint eine mittlere Basis für das Programm des\ndiesjährigen Festes gesucht worden zu sein, welches den\nWunsch nach dem Neuen mit der Anerkennung des Clas-\nsischen verbinden sollte. So viel bekannt geworden, ist vom\nComite der Messias und vom Dirigenten das Werk von\nBer|ioz als Conditio sine qua non eines Uebereinkommens\naufgestellt worden. Dem Messias, welcher den ersten Abend\nauslüllte, sollte die Beethoven'sche Ouvertüre Op. 1 24 in\nCvorangehen. Für den zweiten Tag lautete das Programm:\nCantate Nr. 7. „Christ, unser Herr, zum Jordan kam\",\nvon Seb. Bach, mit welcher der Schlusschor der 21. Can-\ntate („Ich hatte viel Bekümmerniss\"), „Würdig ist das\nLamm\", in Verbindung gebracht war: dann Sinfonie in C\nvon Franz Schubert; „Des Sängers Fluch\", Ballade, nach\nUhland'schen Gedichten bearbeitet von Richard Pohl, Musik\nvon Rob. Schumann; „ Festklänge\", symphonische Dichtung\nvon Franz Liszt; „Die Kindheit Christi\", geistliche Trilo-\ngie von Hector Berlioz.\nDie Mittel, welche diesmal zur Verfügung standen,\nHessen wenig zu wünschen übrig. Die aachener Chöre ha-\nben sich von je her durch Schönheit der Stimmen und prä-\ncises Zusammengehen ausgezeichnet, und da sie, mehr viel-\nleicht, als es in Düsseldorf der Fall ist wohin grössere"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "194", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.1.2", "texte": "Zuzüge fremder Chorsänger Statt finden —, aus Aachenern\nselbst bestehen, so ist bei den sorglältigen Vorstudien un-\nter Leitung; des Capellmeisters v. Turanyi die präciseste\nAusführung der Chorwerke lür den Dirigenten keine,\nschwierige Aufgabe. Wenn die Zahl der Chorsänger, welche\ndas Programm angab (91 Soprane, 88 Alte, 106 Tenöre,\n132 Bässe), in Wirklichkeit auch nicht erreicht wurde,\nso war sie doch vollkommen gross genug im Verhältnisse\n•/.um Räume des Theaters und erwies sich in schönem\nGleichgewichte der Stimmen. Das Orchester, welches aus\n52 Violinen, 16 Violen, 19 Cellis, 13 Contrabässen mit\ndoppelt besetzten Blas-Instrumenten bestand, zum grossen\nTheil aus Rheinländern zusammengesetzt, enthielt auch\nmehrere namhafte belgische Künstler und Mitglieder der\nfürstlich sächsischen, besonders der grossherzoglich wei-\nmarischen Hofcapelle, unter Anderen die Herren Singer,\nStör, Walbrül, Ahrens. Die Blas-Instrumente waren von\ngrosser Reinheit, nur das Blech trat hier und da zu stark\nhervor und wäre in manchen Fällen besser einfach besetzt\ngeblieben. Das freundliche Theater fasst freilich nur 1200\nHörer—zu gering für den Andrang desPublicums und die\nZahl der Mitwirkenden. Doch möge man nicht vergessen,\ndass in den letzteren selbst mindestens eben so viel moralischer\nSchwerpunkt liegt, als in den einfach Geniessenden. Es\nbildete bei der höchst vortheilhaften, steil empor aufstei-\ngenden Phalanx des ausführenden Personals einen schönen,\nimposanten Anblick; in akustischer Beziehung ist es bis\njetzt der günstigste Raum für unsere Musikfeste gewesen.\nFür die Soli waren engagirt worden Fräul. Louise Meyer aus\nWien, Frau von Milde aus Weimar, Fräul. A. T. aus Am-\nsterdam, die Herren Schneider aus Leipzig, Göbbels aus\nAachen und Dalle Aste aus Darmstadt.\nLiszt hat seit seinem ersten Auftreten als Dirigent des\nBeethoven-Festes reiche Gelegenheit gehabt, sich in der\nDirection grosser Massen zu üben; er selbst hat dieses Ge-\nbiet seiner künstlerischen Thätigkeit als ein weit höheres\nbezeichnet, als das des Virtuosen, welches er zum Be-\ndauern der Kunstfreunde in der Oeffentlichkeit zu betreten\nvermeidet, und die Anforderungen, die er an einen Diri-\ngenten stellt, beweisen, dass er vollkommene theoretische\nEinsicht in die Erfordernisse dieses Amtes besitzt. Es liess\nsich von seiner Persönlichkeit ein starkes Hervortreten in-\n-4\ndividueller Auffassung der Kunstwerke, vielleicht über die\nGränzen der nöthigen Objectivität hinaus, vermuthen; von\ndem ersten aller Ciavierspieler, von dem grossen Lehrer\ndes Pianoforte durfte man eine allzu grosse Sorgfalt im\nDetail, ein Ausarbeiten bis in die feinste Spitze der Aus-\nführung hinein eher erwarten, als eine monotone Farblosig-\nkeit und Schwankung <jjpr Direction. Die Kürze derZeit bei\nden Proben ist freilich ein grosses Hinderniss, aber gerade\ndiesem gegenüber zeigt sich die Meisterschaft, und es ist\nden Besuchern der Musikfeste noch in frischer Erinnerung,\nwas in dieser Beziehung unter Mendelssohn, Miller, Rietz\nund Lindpaintner geleistet worden ist. Der Verlauf des\nFestes zeigte bei Liszt das Vorhandensein beider Fehler in\nbedenklichem Maasse: ein wiederholtes Schwanken in der\nFührung der Massen, eine Ungleichheit in der Leitung der\nMusikstücke, welche wüsste man nicht, dass die noble\nNatur Liszt's wohl einer Träumerei und Sorglosigkeit, nicht\naber einer bewussten Ungerechtigkeit fähig ist fast dem\nGedanken Raum geben konnte, er vernachlässige absicht-\nlich die Sachen, die nicht in seinem speciellen Interesse\nlagen.\nAm stärksten trifft dieser Tadel die Führung des Mes-\nsias, welche man weder als correct, noch als genial be-\nzeichnen kann. Die Correctheit zeigte sich allerdings den\nfalschen Noten gegenüber, von welchen Herr Dr. Liszt\nnichts durchgehen liess, allein weit weniger in der Behand-\nlung des rhythmischen Elements, der wahren Seele der\nMusik und der eigentlichsten Aufgabe des Dirigenten.\nStarke Schwankungen, die beim Eintritte neuer Tact-Ver-\nhältnisse sehr oft wiederkehrten, waren nicht die Schuld\nder vortrefflichen Kräfte, über die Herr Liszt zu gebieten\nhatte. Wir führen, um diese Behauptung zu belegen, aus\nder General-Probe den Beginn der Orchester-Fuge in der\nOuvertüre an, bei welcher der Dirigent halbe Schläge gab\nund den sicheren Einsatz der Violinen unmöglich machte;\nden Irrthum des Dirigenten in Nr. 1, Larghetto, wodurch\ndas Orchester mehrere Tacte mit dem Tenor-Solo um ein\nAchtel differirte, bis Herr Schneider nachgab; die unsiche-\nren Eintritte des ersten Chors (3/4-Tact), bei welchem nur\nganze Tacte vom Dirigenten geschlagen und dem Chor über-\nlassen wurde, das zweite Viertel zu finden; das völlige rhyth-\nmische Auseinanderfallen des Allegro maestoso für Bass-\nSolo; die Begleitung des Recitativs für Alt und den ver-\ngriffenen Anfang der Arie: „0 du, die Wonne verkündet\nin Zion\", nach welcher die vortrefflich musicalische Sän-\ngerin das Tempo selbst bestimmte; das unrhythmische\nVerschleppen des nächsten für Bass\nim Sinne eines modernen Recitativs sogar in den Figu-\nren der Bassstimme, deren freie Behandlung der Will-\nkür des Herrn Dalle Aste überlassen blieb; das un-\nsichere Tempo des Chors „Denn es ist uns ein Kind ge-\nboren \"; das langsame und verschwimmende Zeitmaass des"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "195", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.1.3", "texte": "Pastorale, in welchem sich in der That das Orchester allein\nzusammenhalten musste, u. s. w.\nWer in dieser Probe den Herrn Dr. Liszt am Diri-\ngentenpulte sah, der würde ihn nicht wiedererkannt haben,\nals er am Dinstag Morgens die Ouvertüre zu Tannhäuser\nmit einer Feinheit der Nuancen, mit einer Elasticität des\nRhythmus, einem Feuer und einer klaren und scharfen Be-\nzeichnung aller, auch der kleinsten, Details einstudiren sah,\nkurz: mit einer Vollendung, die nichts zu wünschen übrig\nliess und die ganz vortreffliche Ausführung dieses Ton-\nstückes herbeiführte. War wirklich der Messias der\nAnstrengung des Herrn Dr. Liszt nicht würdig, oder ver-\nstand er ihn nicht?\nDer Ausführung am Abende selbst ging die Ouver-\ntüre von Beethoven, „Zur Weihe des Hauses\", Op. 124,\nvoran. Ob der Titel oder der Charakter dieser Compo-\nsition Veranlassung war, sie an die Spitze des Programms\nzu stellen, so dass zwei Ouvertüren einander folgten, wis-\nsen wir nicht; sollte jedoch Beethoven's Name nur einmal\ngenannt werden, so hätte man etwas Bedeutenderes wäh-\nlen können. Die Ausführung der Einleitung war gut, das\nAllegro litt an Uebertreibung des Tempo's und an zu star-\nkem Hervortreten des Bleches. Der Messias ging besser,\nals am Abend vorher, und wäre die General-Probe mit\nmehr Energie gehandhabt worden, hätte nicht ausserdem\nein unvorherzusehender Unfall eine wesentliche Störung\nherbeigeführt, so hätte Alles ganz gut werden können. Die\nStörung bestand in Folgendem: Herr Dalle Aste hatte in\nden Proben durch sein herrliches Organ entzückt, er hatte\nsich im Schumann'schen Werke als Sänger von grosser\ndramatischer Begabung gezeigt und einen grossen Theil\nder Messias-Partie mit vortrefflicher Gesanges-Technik vor-\ngetragen, welche zu einer ausgezeichneten Leistung hätte\nführen können, wenn ihm der musicalische Charakter eini-\nger Partieen, namentlich der beiden grossen Introductionen\nder Arien „So spricht der Herr\" und „Blick' auf\" klar\ngewesen wäre, wenn er in den Solo-Quartetts nicht man-\nnigfache Unsicherheit an den Tag gelegt hätte Dinge,\nbei denen es nur auf ein wenig Studium mehr oder eine\nVerständigung ankam. Herr Dalle Aste schien indessen auf\ndiesen Theil seiner Partie so wenig Gewicht zu legen, dass\ner sich in seinen Clavier-Auszug nicht finden konnte und\nmehrfach seinen Nachbar incommodirte, indem er wäh-\nrend der Ausführung des Quartettes in dessen Notenbuch\nsah. Am Abende begann Herr Dalle Aste seine\nPartie mit kräftigem Tone, der indess eine herannahende\n/\nHeiserkeit verrieth, zugleich aber mit einer Unruhe, die ihn\nverhinderte, die glänzende Passage „bis das Verlangen\"\nin Einem Athera auszuführen. Am Schlüsse der Introduction\ndes Recitalivs vor seiner Arie setzte er sich einen Augen-\nblick, ergriff dann Hut und Paletot und verliess den Saal.\nEs entstand eine peinliche Pause; Herr Dr. Liszt folgte\nihm, brachte ihn nach einiger Zeit zurück und verkündete\ndem Publicum, dass die Bass-Partie wegen plötzlicher Hei-\nserkeit des Herrn Dalle Aste ausfallen und nur die Quar-\ntette von ihm gesungen werden würden. In den folgenden\nQuartetten: „Er wird sie reinigen\", dann „Es ist uns ein\nKind geboren\" und „Sein Joch ist sanft\", hat nun in der\nThat Herr Dalle Aste viele falsche Noten gesungen, er hat\ndie Eintritte wiederholt verfehlt und wiederum, seinen eige-\nnen Clavier-Auszug bei Seite legend, bei Herrn Schneider\nhospitirt Alles Dinge, die auch bei einer Heiserkeit ziem-\nlich sonderbar erscheinen. Der zweite und dritte Theil\nward ohne Bass-Partie ausgeführt.\nSo kam denn eine vollständige Aufführung des Messias, die\nganz nach der Mozart'schen Bearbeitung beabsichtigt war,\nnicht zu Stande. Ob man überhaupt wohl daran that, den\nMessias ohne die Auslassungen, welche selbst in England ge-\nbräuchlich sind, dem Publicum vorzulühren, will ich nicht\nentscheiden. Man ist dort sowohl als auch in Deutschland\nvon einigen Veränderungen des Arrangements zurückge-\nkommen, die nicht im Sinne Händel's waren; dahin gehö-\nren die Solo-Quartetle, dann die Versetzung des Tenor-Reci-\ntativs und der Arie: „Die Schmach bricht ihm\" und „Schau\nhin\", in Sopran, und umgekehrt der Sopran-Arie „Er-\nwacht zu Liedern der Wonne\" in Tenor. Herrn Schnei-\ndens Partie hätte durch das lyrische Element in der erste-\n«J\nren gewonnen, so wie die Sopran-Partie eine glänzende\nVeränderung erhalten, wenn Frau von Milde statt der letz-\nten in jeder Aufführung bis jetzt weggelassenen Arie mit\ndem Mozart'schen Fagott-Solo „die Lieder der Wonne\"\ngesungen hätte. Doch ich kehre zur Aufführung selbst zu-\nrück. D ie Chöre geriethen um Vieles besser, als die Gene-\nral-Probe erwarten liess. Der Anfang mancher Nummern\nglich freilich weniger der Ausführung eines Commando's\nals einer allmählichen Vereinbarung der Kräfte unter sich\nund mit ihrem Führer; sobald der Strom der Töne seine\nRichtung genommen, floss er in ruhiger Breite dahin, so\nlange es Herrn Dr. Liszt gefiel, ihn strömen zu lassen, und\ner nicht im plötzlichen Impuls eines genialen Einfalls ver-\nsuchte, ein Ritardandooder Aanzubringen.\nVor Allem haben unter diesen Versuchen gelitten das\n„Hoch thuteuch auf\", wo bei den Worten „GottZebaoth\"\nes auf einmal breiter werden sollte, und das Hallelujab, in"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "196", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.1.4", "texte": "welchem der erste Einsatz, „Denn Gott der Herr\", in\nlangsamerem Tempo genommen wurde, als die vorherge-\nhenden, und die folgenden zwei Tacte „Hallelujah\", und\nwo derselbe Tempo-Wechsel beim erneuten Eintritte\ndes Thema's in der Unter-Dommarite eintrat, so dass\njedwedes Ebenmaass der Verhältnisse durch diese Will-\nkürlichkeiten verloren ging. Unter den Chören, die von\nSchwankungen frei blieben, heben wir die grossartige Reihe\nim Anfange des zweiten Theiles hervor, die in ihrer ganzen\nErhabenheit wirkte und das Publicum zu der lebhaftesten\nAeusserung des Beifalls hinriss; der Schlüsschor dieser\nGruppe: „Der Herde gleich\", litt an Uebereilung des Zeit-\nmaasses. Der Chor hat ihn dennoch mit meisterhafter Prä-\ncision durchgeführt. Eben so verdienen die Eintritte des\nChors in „Der Herr gab das Wort\" und „Ihr Schall gehet\naus\" besonders als gelungen erwähnt zu werden.\nWir hatten schon in der Probe gesehen, dass das Ac-\ncompagnement der Soli sich Seitens des Dirigenten keiner\nbesonderen Accuratesse zu erfreuen halte; in der Auffüh-\nrung war es nicht viel besser. Die Eintritte der Recilalive,\ndie Schlussfälle schwankten, dießilornelle unterschieden sich\nim Tempo von ihren Arien, der Begleitung fehlte oft die Dis-\ncretion, wobei die Entscheidung freilich schwer fallen dürfte,\nob aus gefälligem Nachgeben gegen die Sänger, oder aus\nursprünglicher Unsicherheit, oder aus Gleichgültigkeit. Es\nthut uns wirklich leid, gegen einen Mann, den man in vie-\nler Hinsicht Grund hat, als Künstler so hoch zu stellen,\neine derartige Anklage auszusprechen; doch verbietet die\nWahrheitsliebe einen anderen Ausdruck. Wir haben es we-\n/\nnigstens nicht erklären können, wie Herr Dr. Liszt in dem\nPastorale mit Handbewegungen, welche über den Tonwel-\nlen ruhig zu schweben schienen, eine Ausführung beglei-\ntete, über deren Zeilmaass sich das Orchester durchaus\nnicht genau verständigen konnte, wodurch dieses fein ge-\nwobene Tonstück in ein eigenthümliches mystisches Dunkel\ngehüllt wurde. Wir haben es nicht begreifen können, durch\nwas sich der Dirigent in der Arie: „Wie lieblich ist der\nBoten Schritt\", zu so unverständlichen Tactbewecunnen ver-\nO o\nanlasst sah, dass es der Solo-Flöte fast unmöglich wurde,\nden Einsatz zu finden, und ein braver Künstler in die pein-\nliche Verlegenheit kam, sich seinem harmonischen Instinct\nauf gut Glück anzuvertrauen. Dass natürlich Manches gut\nging, verstellt sich von selbst; von dem Dirigenten eines\nMusikfestes verlangt man aber mit Recht nicht, dass Eini-\nf »\nges gut sei, sondern zuvörderst Alles technisch richtig; erst,\ndann kann von Schwung, kann von Auflassung und Genia-\nlität u. s. vv. die Rede sein.\nJeder Künstler, der sich in der Production versucht\nhat, rauss wünschen, ein Musiker der Zukunft zu werden,\nd. h. solche Schöpfungen hervorzubringen, an denen auch\ndie künftigen Geschlechter Freude und Genuss haben ; und\nso wünschen wir Herrn Dr. Franz Liszt von Herzen die\nvollständige Erreichung eines Zieles, das er mit so seltener\nAusdauer verfolgt; wir wünschen ihm aber mehr: dass er\nin der Zukunft Musiker finden möge, die gewissenhafter\nund gerechter in der Behandlung seiner Schöpfungen\nsind, als er es ist gegenüber dem grossen Todten, der seit\nmehr als einem Jahrhundert seine Musik von der Zukunft\nfeiern sieht.\nNun die Solisten. Herr Schneider aus Leipzig steht\ndurch seine Leistung auf den beiden vorigen Festen in Düs-\nseldorf in bestem Andenken im Rheinlande; auch dies-\nmal ist er nicht hinter seinem Rufe als ausgezeichneter Ora-\ntoriensänger zurückgeblieben, wenn auch die Tenor-Partie des\nMessias seinem Naturel weniger zusagt, als die mehr lyri-\nsche im Elias und der Schöpfung. Vorzüglich gelang ihm\ndie grosse Arie Nr. 1, ,T röstet Zion\". In den übrigen\nNummern leistete er höchst Anerkennenswerthes, obwohl\ndie Arie „Du zerschlägst sie\" den Timbre eines Helden-\nTenors erfordert und die andere dem Tenor übertragene:\n„Erwach' zu Liedern der Wonne\", eine Bravour und einen\nGlanz des Organs voraussetzt, welcher, verbunden mit den\nübrigen lür das Oratorium nöthigen Eigenschaften, uns an\nkeinem Tenoristen der letzten Zeit vorgekommen ist. Die\nVielseitigkeit, die sich widersprechende Natur der Aufgaben,\ndie übertriebenen Anstrengungen, welche den Organen bei\nder modernen Stimmung und Besetzung des Orchesters zu-\ngemuthet werden, verhindern jene letzte Pflege und Bildung\nder Gesangeskunst, welche frühere Perioden der Musik ge-\nkannt haben. Herr Schneider ist einer der wenigen streb-\nsamen Tenoristen, welche ein ideales Ziel des Gesanges mit\nErfolg im Auge halten, welche im Kampfe mit dem zerstö-\nrenden Elemente moderner Theatermusik eine edle Ton-\nbildung, Feinheit und Adel des Vortrages bewahren und\npflegen; er zeigt diese Eigenschaften überall, wo er auf-\ntritt; beim diesjährigen Feste waren sie am bedeutsamsten\nin der Ausführung der schwierigen Arie der Bach'schen\nCantate: „Des Vaters Stimme liess sich hören\".\nDie Alt-Partie befand sich in den Händen einer Dilet-\ntanlin A. T. aus Amsterdam. Es freute uns, in dieser Sän-\ngerin einer wahrhaft musicalischen Natur zu begecnen, einer\nKünstlerin, welche Verständniss mit echter Begeisterung\nfür die Musik verbindet und dieser Göttin um ihrer selbst\nwillen mit voller Hingebung der Seele dient, ohne Spur"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "197", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.1.5", "texte": "einer Affectalion oder eines sichtbaren Strebens nach Bei-\nfall ausserhalb der Sache. Sie ist im Besitze einer Altstimme\nvon grossem Umfange und eigentümlicher Klangfarbe,\nwelche so lange wohltuend wirkt, als sie nicht genötigt\nist, auf jener schwachen Stelle des Contra-Alts sich zu be-\nwegen, die nur in seltenen Fällen von der Natur oder be-\nharrlichem Studium sich ausgeglichen zeigt. Die Partie des\nMessias ist ein harter Prüfstein (ür die Altisten; sind sie\nmehr tiefe Mezzo-Soprane, dann wird wohl die mittlere\nCantilene schön und sympathisch wirken, die Tiefe dagegen\ndes nöthigen Glanzes entbehren; die Contra-Altisten aber\nwerden in der Arie „Er ward verschmäht\" so oft auf der\nGränze ihrer beiden Register wandern müssen, dass beim\nHörer leicht ein unbehagliches Gefühl entsteht. Die Stimme\nvon Fräul. A. T. ist ein echter Contra-Alt mit den Schwä-\nchen und Vorzügen dieser so eigentümlichen Organe. Sie\nentfaltete ihre Kunst und ihre schöne Begabung weniger\nI\niir. Messias, als in dem Vortrage der Bach'schen Arie und\nder Schumann'schen Ballade, welche letztere mit dem dun-\nkeln Timbre und dem elegischen Charakter ihrer Stimme\nsehr wohl übereinstimmte.\nFrau von Milde hatte für Fräul. Mayer die Sopran-\nPartie übernommen. Die Wahl der Prima Donna ist für ein\nMusikfest eine Lebensfrage, und während man öfter bei\ngrossen Namen die Erwartungen getäuscht findet, wurden\nsie hier offenbar übertroffen. Frau von Milde ist im Besitz\neiner schönen deutschen Sopranstimme von reinem Silber-\nklange, von grosser Ausdrucksfälligkeit; sie hat ihre natür-\nliche Anlage durch gediegene Schule und durch feinen Ge-\nschmack geläutert, so dass man dem technischen Theile ih-\nres Gesanges mit ganzer Hingebung und ohne das geringste\n„Aber-' folgen kann. Wenn das schon viel und selten ist,\nso wird es wesentlich gemehrt durch den Reiz, den eine\nwarme Empfindung, ein Durchdringen des Kunstwerkes mit\necht musicalischem Geiste, den jene geheimnissvolle, sym-\npathische Kraft des Ausdruckes hinzufügt, welche die Seele\ndes Hörers unwiderstehlich ergreift. Mit diesen Eigenschaf-\nten errang sich die Künstlerin schon in den Proben die un-\nbestrittene Gunst des Publicums und aller derer, welche\n• r\nfür echten Gesang ein offenes Ohr haben. Unter den Num-\nmern im Messras trat die Arie „Ich weiss, dass mein Erlö-\nser lebt\", grossartig hervor; auch entwickelte hier die\nStimme einen Tongehalt, der ihrer Besitzerin dramatische\nErfolge in den grössten Räumen zusichert. Die zarteren\nPartieen des Werkes, zu welchen das Naturel der Frau v.\nMilde besonders hinneigt, kamen zu vollkommener Geltung,\nund es war nur zu bedauern, dass an einigen Stellen die\nnöthige Correctheit der Orchester-Begleitung oder vielmehr\nder Leitung fehlte, welche einen musicalischen Gesammt-\nEindruck herbeigeführt haben würde.\nSo liess der Messias an jenem ersten Abende des Mu-\nsikfestes trotz vieler schönen Momente Manches zu wünschen\nübrig, und wir glauben, dass die Kritik doppelte Ursache\nhat, im Tadel streng zu sein, da einesteils die ganz vor-\ntreffliche Vorbereitung darch das Comite, die herrlichen\nMittel des Orchesters, die Willfährigkeit des grossen und\nglänzenden Chors, die Praxis, die sich für Musikfestc hier\ngebildet hat, einem Werke gegenüber, das man mit Begei-\nsterung singen konnte und wollte, welches nicht allzu grosse\nSchwierigkeiten entgegenstellte, unter den Händen eines\ngediegenen und umsichtigen Dirigenten eine Leistung her-\nbeiführen musste, die der Vollendung nahe kam; da es an-\ndererseits nicht an Urtheilen fehlen wird und wir rechnen\neinen grossen Theil der Aachener selbst hierzu, die es na-\ntürlicher Weise nicht gern eingestehen, dass ihre Wahl\nkeine glückliche war —, welche die Direction Liszt's in\nSchutz nehmen, bewundern und seine Schwankungen, seine\nUnsicherheiten, die Eigentümlichkeit seiner Bewegungen\nam Dirigentenpulte, die, statt zu leiten, den poetischen Ein-\ndruck plastisch zu versinnlichen strebten, welchen zu em-\npfinden man dem Hörer überlassen soll als eben so viele\nneue und herrliche Eigenschaften genialen Wesens schildern\nwerden. Wir hallen nicht viel von einer Genialität, welcher\ndie sichere Basis des Wissens und der Selbsterkenntniss\nmangelt; kommt hierzu noch ein Uebermuth des Urteils,\neine Verachtung der Händel'schen Composition— die nach\nglaubwürdiger Quelle sich bis zu Aeusserungen hinreissen\nlässt: „der ganze Messias gleiche einem Elephanten-Ge-\ntrampel\" ,so ist es nicht möglich, dass es besser ging.\nFreilich, der unvergängliche Händel ist nicht todt zu ma-\nchen, der Gigant tödtet mit seinem Riesenschritte das ihm\nfeindliche Zwerg-Geschlecht; und so hat auch unter Liszt\nder Messias gezündet, er hat tausendstimmiges Echo in den\nGemüthern und lauten Ausbruch des Beifalls hervorgeru-\nfen, wie es überall der Fall sein wird, wo sich grosse und\nintelligente Kräfte zu seiner Aufführung vereinigen.\n\nAus Prag.\nIm Mai 1857.\nWenn es wahr, dass jene Frau die beste, von der die\nöffentliche Stimme schweigt, so ist die Muse der Tonkunst\nan der Moldau eine solche. Die modernen Herolde des\nRufes, die fliegenden Boten der Presse wissen von jedem\nkleinen Städtchen in Nord und Süd, Ost und West und"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "198", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.1.6", "texte": "seinem Kunst- und Musikleben zu erzählen; nur die hun-\ndertthürmige Praga lebt in sich abgeschlossen und lür sich,\nohne dass irgendwo Noliz genommen wird von ihren Freu-\nden und Leiden. Möge in einem noch so kleinen Orte\nauch nur unbedeutend Nennenswerthes geschehen, gleich\nsind Kunst- und andere Journale bei der Hand, um den\nRuhm eines kleinen Imperators oder Geschäftsträgers also-\ngleich nachdrücklich zu verbreiten; nur von Prag verlautet\nnie oder selten etwas, und doch geschieht in seinem Weich-\nbilde so manches auf dem Gebiete der Kunst, was für diese\nim Allgemeinen nicht gleichgültig ist. Diese bescheidene\nZurückgezogenheit mitten im bunten Weltgetriebe ist ein\naltes Uebel der alten Königs-Witwe, welche in ihren träu-\nmerischen Erinnerungen an vergangene Tage zwar nicht\ndie Hände in den Schooss legt, aber stets vergisst, ihr stil-\nles Wirken und Schaffen mit jenem Apparate pomphafter\nPublicität zu umgeben, dessen die Gegenwart zu entbeh-\nren kaum mehr im Stande ist. Wie von den Regungen des\npolitischen, nationalen und socialen, gilt dies auch von je-\nnen des artistischen Lebens. Was in Prag die so genannte\nSaison ausmacht, übertrifft quantitativ die der meisten\nStädte Deutschlands; denn die Saison ist kaum um ein\nDrittel ärmer als das an Ueberlluss kränkelnde Berlin, und\ndoch ist Prag eine nur von 130,000 Menschen bewohnte,\nrelativ arme Stadt. Was aber die Qualität seiner öffent-\nlichen Musik betrifft, steht es nur wenig Emporien Deutsch-\nlands nach und überflügelt in dieser Beziehung die ganze\nMonarchie,— Wien, das, an Mitteln so reich, unter dem\nDrucke eines musicalischen Alpes seufzt, nicht ausgenom-\nmen. So kommt es, dass die Kenntnissnahme von dem ar-\ntistischen und hiermit auch musicalischen Leben Böhmens\nzumeist nur auf den Referaten-Inhalt der localen Journa-\nlistik angewiesen bleibt. Nun ist aber dieser selbst ein\näusserst magerer; die Kritik der prager Journalistik ist\ndurch deren flache, encyklopädische Tendenz auf ein Mi-\nnimum reducirt, und die Verbreitung derselben selbst eine\nbeschränkte, über die Gränzen des engen Vaterlandes hin-\naus eine nur sporadische. Nur hier und da nimmt die fremde,\nausserböhmische Presse von diesem oder jenem artistischen\nEvenement Kenntniss, nur hier und da findet man der\nKunst-Institute, die hier ihren Silz aufgeschlagen, beiläufig\nerwähnt, und staunend sieht der Kirchthurm-Enthusiast\ndieser oder jener Stadt dann, dass auch am Ufer der Mol-\ndau den Musen geopfert wird.\nWir wollten dieser allgemeinen Andeutungen nicht\nentbehren, um eine Entschuldigung dafür zu finden, dass\nwir den Raum dieses geschätzten Blattes in Anspruch neh-\nmen ; nicht um die Schicksale der Frau Musica unserer\n1857 er Saison überhaupt zu erzählen, sondern um nur\neines kleinen Theiles der ihr angehörenden Erscheinungen\nzu erwähnen. Wir meinen die Concerte des prager Con-\nservatoriums, dessen Ruf zwar ein allgemein verbreiteter,\ndessen Organisation und Wirken aber dennoch nicht\ndetail bekannt ist. Viele halten die Alma maier der Ton-\nkunst in der ältesten Universitätsstadt Deutschlands lür\neine Staats-Anstalt; aber dem ist nicht so. Weder der Hof\nals landesüblicher Repräsentant der Central-Begierung,\nnoch die so genannten Stände als Vertreter des Landes\nüben auf das Conservatorium einen direclen, positiven Ein-\nfluss; dieses ist ein Privat-Institut im strengsten Sinne des\nWortes, das seine Existenz nur dem Kunstsinne und der\nmateriellen Liberalität Einzelner verdankt. Erst in den letz-\nten Jahren betheiligte sich der so genannte Landes- Aus-\nschluss mit einer jährlichen Dotation aus Landesmitteln, zu\nwelcher aber die hochortliche Erlaubniss stets nachgesucht\nund nur provisorisch bewilligt wird. Bis zum Jahre\n1848 —49 fristete das Institut sein Leben nur durch\nPrivatmittel und lief während der Epoche allgemeinen Um-\nschwungs nicht geringe Gefahr; denn die Beiträge flössen\nspärlicher denn sonst, die opferwilligen Mäcene zogen sich\nzurück, und der Beitrag des ständischen Ausschusses wurde\neine Conditio sine qua non. Nun hat das Institut die\nschlimmsten Tage wohl hinter sich, und dass es die\nletztjährigen Krisen glücklich überstanden, ist ein erfreu-\nliches Symptom seines gesunden Lebens, aber nicht min-\nder das Verdienst jener Männer, welche an der Spitze des\n„ \\ ereins zur Beförderung der Tonkunst in Böhmen\" stehen.\nDen rastlosen Bemühungen, der steten activen und passi-\nven Energie des Vereins-Präsidenten Grafen Albert Nosliz\nund des k. Statthalterei-Rathes Barons Bohusch verdankt\ndas Conservatorium seine wenigstens theilweise gesicherte\njetzige Lage. Ihnen ist zunächst die schon erwähnte stän-\ndische Subvention, die Erhaltung und Vermehrung der bei-\ntragenden, meist dem vaterländischen Adel angehörigen Mit-\nglieder des Vereins zu verdanken. Dass sich aber das Con-\nservatorium bisher stets würdig gezeigt eines solchen pa-\ntriotischen Mäcenatenthums, beweis't die glänzende Erfüllung\nseiner Mission. Seit seinem nun fast fünfzigjährigen Bestehen\nsendet es die Repräsentanten seines idealen künstlerischen\nSlrebens und Wirkens in alle Länder Europa's, und dass\ndiese keine unbedeutenden Zeugen seiner artistisch-päda-\ngogischen Tüchtigkeit, dalür bürgen die in der Kunstwelt\ngeachteten Namen so vieler Künstler, die im Dominicaner-\nKloster der Altstadt Prag ihre Ausbildung gewonnen."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "199", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.1.7", "texte": "Aber auch die Erhaltung des seit der Mozart'schen\nKaiserzeit traditionellen Rufes Prags als Musikstadt höhe-\nren Ranges verdanken wir zum grossen Theile dieser Hoch-\nschule der Tonkunst; denn mächtig ist der Einfluss dersel-\nben und ihrer jährlichen öffentlichen Productionen auf das\ngesammle Musikleben der Stadt, und dieser Umstand wird\nhoffentlich genugsam motiviren, wenn wir aus der gerade\nheuer übermächtig Hütenden Saison hier speciel nur die öf-\nfentliche Wirksamkeit des Instituts herausnehmen, um von\nseinen Concerten zu reden.\nDie statutmässig auf nur drei beschränkte Anzahl\nder Concerte enthebt uns natürlich jeder Programm-Be-\ntrachtung. Obwohl eine Aufzählung der aufgeführten\nEnsemblestücke zeigen wird, dass die Wahl nur auf Wür-\ndiges und Interessantes fiel, so kommt es hier zunächst\ndoch mehr auf das Wie als auf das Was an. Wir wenden\nuns vor Allem zu den concertanten Solo-Piecen der vorge-\nführten Instrumentalschüler. Die Meinung, dass die Pro-\nductionen von Variationen, Phantasieen, und wie derlei Sa-\nchen instrumentaler Technik heissen mögen, vom Uebel\nseien, ist zwar in so fern wahr, als sie allen tieferen und\nedleren Compositionen den ohnedies karg genug bemesse-\nnen Raum noch mehr beschränken. Die öffentlichen Pro-\nben der Zöglinge im Solo-Vortrage sind aber eine Not-\nwendigkeit der Instituts-Concerte, und dalür, dass die be-\ntreffenden Compositionen eines edleren Inhaltes bar sind, ist\nNiemand als die Compositeure selbst verantwortlich. Das gilt\nüberdies zunächst von den Blas-Instrumenten; denn für die\nStreich-Instrumente hat die bezügliche Literatur manche\ntheils höher stehende, theils interessante Gabe aufzuweisen.\nIn den heurigen Concerten waren die Flöte, das Fagott,\ndie Oboe, das Waldhorn und die Clarinette vertreten. Die\nbeiden ersten Instrumente betrafen Compositionen von\nDrouet und Kalliwoda und fanden in den jungen Concer-\ntisten tüchtige Schüler der rühmlichst bekannten Lehrer\nEisert und Gross. Für die Oboe und das Waldhorn\ngriff man zu manuscriptlichen Compositionen ehemaliger\nZöglinge der Anstalt. Sowohl Herr Ludwig, jetzt Mitglied\nder münchener Hofcapelle, der Introduction und Rondo für\nzwei Oboen, als Herr V. Schubert, jetzt Mitglied des hie-\nsigen Thealer-Orchesters, der ein Concertstück für vier\nWaldhörner lieferte, bemühten sich, den gewöhnlichen\nSchlendrian des Genres zu vermeiden, geriethen aber beide\nin den Fehler allzu breiter Ausspinnung und unpraktischer,\ndem speciellen Zwecke eben nicht conformer Factur. Dass\naber die Spieler Tüchtiges, dem Rufe ihrer Lehrer Bauer\nund Janatka Entsprechendes leisteten, könnte kühn be-\nhauptet werden, wenn auch der ihnen gewordene Beifall\nminder rauschend gewesen wäre, als er wirklich war.\nGleiches kann von dem Schüler des Herrn Pisarowitz\ngesagt werden, der sich in Variationen von Beer als äus-\nserst hoffnungsvollen Clarinettisten bewährte. Herr Gol-\ntermann, einer der bedeutendsten von den uns bekannten\nCello-Virtuosen, bewies mit der Vorführung eines seiner\nSchüler, der eine grosse Phantasie von Rummer spielte,\ndass er im Stande, die Vorzüge seines Bogens auch auf\nAndere zu übertragen. Die Violine war in dem heurigen\nCyklus nur durch zwei Piecen vertreten, aber es waren\nglänzende Vorträge von 13 Schülern des Herrn Mildner.\nDer erst seit anderthalb Jahr im Institut befindliche kleine\nHrimali producirte sich in einer Ernst'schen Phantasie mit\nausserordentlichem Erfolge. Der höchst talentvolle Knabe,\ndessen Acquisition lür das Institut und den Lehrer als sehr\ngünstig bezeichnet werden muss, leistete aber auch wahrhaft\nUeberraschendes und für seine Jahre Ungewöhnliches. Die\n2. violinistische Production bestand aus dem Unisono-Vortrag\ndes Adagio und Rondo russevon de durch zwölf\nZöglinge der Schule. Die ausserordentliche Uebereinstim-\nmung in Intonation, Bogenführung und Nuancirung war\nvon überraschender Wirkung und liess kaum etwas zu\nwünschen übrig. Aeusserst effectvoll gestaltete sich die\nden Einklang verlassende Schluss-Cadenz des bei solcher\nexceptionellen Besetzung und so virtuosem Vortrage wahr-\nhaft glänzenden Concertstiickes.\n< *\nDass das prager Conservatorium mit den Eleven sei-\nner Gesangschule nicht so glücklich ist, wie mit seinen In-\nstrumentalisten, ist eine schon mehrjährige Thatsache; doch\nliegt die Schuld derselben wohl theilweise auch an jenem\nungünstigen Zufalle, der über die Beschaffenheit der Or-\ngane und ihre Ausdauerungslähigkeit souverain entscheidet.\nWir hörten diesmal drei Opern-Schülerinnen, von denen\ndie eine für das so genannte Coloratur-, die andere für das\ndramatische Fach qualiticirt scheint. Die dritte ist ein\nMezzo-Sopran. Die zum Vortrage gewählten Stücke wa-\nren: die Arie der Prinzessin von Navarra aus Boieldieu's\nJohann von Paris, die der Vitellia aus Mozr.rt's Titus und\njene der Julia aus Spontini's Vestalin. Die Sängerinnen\nzeigten Spuren eines emsigen Fleisses; ob ihnen die jeder\nKünstlerin nöthige theatralische und dramatische Gabe ei-\ngen, ob die Stimme fähig, auch grössere Räume als die\ndes Concertsaales zu füllen, die Bühnen-Situation zu bele-\n/\nben ist nicht so leicht bestimmt zu beantworten; denn\nselbst die bedeutendste Routine in dieser Beziehung täuscht"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "200", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570620-01.1.8", "texte": "sich gerade bei dieser Art Analogie-Schlüssen sowohl im\npositiven als im negativen Sinne.\nBesondere Glanzpunkte der Conservatoriums-Concerte\nbilden die Aufführungen grosser Orchestralwerke. Auf\ndiesem Felde leistet der jugendliche Verein das Beste, was\nman hier hören kann; ja, er kann kühn mit den Produc-\ntionen auch auswärtiger, mit dem journalistischen Lorher\neinziger Vorzüglichkeit beschenkter Hof- und anderer Ca-\npellen in die Schranken treten. Spricht die Accuratesse und\nCorrectheit jeder einzelnen Instrumentalstimme für die\nsystematische Bildung derselben lind ihrer Lehrer, so ge-\nreicht die poetische Nuancirung des Ensembles nach allen\nSchattirungen in dynamischer und rhythmischer Beziehung\ndem Dirigenten, als Vorstand und Leiter der Orchester-\nschule, zur vollsten Ehre. Beethoven's fünfte Sinfonie mit\nihrem heiklen kurzrhythmigen ersten Salze, mit seinem\nherrlichen, aber der Auffassung und feinen Vortrags-Nuan-\ncirung so Vieles überlassenden Andante, und endlich mit\nden Schwierigkeiten des aus zwei verschiedenen Sätzen\neigentümlich und doch organisch zusammengesetzten Fi-\nnale erfreute sich einer überraschend glänzenden, theils\ndelicaten Ausführung; dasselbe gilt auch von Mozart's G-\nmoll-Sinfonie. Im ersten Concerte brachte Herr Director\nK i 111 eine Novität, die Arbeit seines Lieblingsschülers\nAbert, jetzt in Stuttgart Contrabassisten bei der dortigen\nHofcapelle. Die dritte Sinfonie, desselben ist eine\nfür das Orchester äusserst schwierige und heikle Aufgabe.\nDie äusserst complicirte thematische Arbeit, das Streben\nnach allseitiger Polvphonie und die Eigenthümlichkeit der\nAbert'schen Instrumentation, den Beiz der melodischen\nPhrase durch Zutheilurig ihrer rhythmischen Abschnitte an\nverschiedene Stimmen der verschiedensten Instrumental-\nGruppen zu erhöhen, vermehren die Schwierigkeit natür-\nlich ausserordentlich. Wenn man den an sich so beneidens-\nwerthen Ueberfluss an Wendungen, Seitengängen und Ana-\nlogieen einer üppigen musicalischen Ideen-Association und\nihren Besultaten, welche der Partitur hier und da die dem\nHörer so wohlthätige Prägnanz des Ausdrucks und die\nf\nkünstlerische, gedrängte Form benehmen, ausnimmt, so ist\ndas Werk ein treffliches, im höchsten Grade talentvolles.\nEine nicht gewöhnliche, nur bisweilen durch die schon an-\ngedeutete Individualität des Componisten überwucherte\nProductionskraft, eine fast Alles erschöpfende Combinations-\ngabe und ein Sinn und eine Boutine für die Poesie der\nKlangfarben zeigen sich in diesem eben so wie in den an-\nderen Werken Abert's, dem eine sehr bedeutende Zukunft\nbevorsteht unter günstigen inneren und äusseren Bedingun-\ngen künstlerischen Schaffens. Von den vier zur Auffüh-\nrung gelangten Ouvertüren war die als romantische be-\nzeichnete eine manuscriptliche Novität. Der Componist, Herr\nv. Adelsburg, einKonstantinopolitaner, Sohn eines öster-\nreichischen Gesandtschafts-Beamten, ist Violinvirtuose und\nweilte längere Zeit in Prag. Die Ouvertüre überraschle\ndurch viele schöne Einzelheiten, glänzende Momente uud\nFrüchte einer feurigen Phantasie. Das geistreich angelegte,\noriginel, wenn auch nicht erfundene, doch combinirte\nAndante erregte das höchste Interesse. Im weit, fast sinfo-\nnieartig ausgesponnenen Allegrosatze aber kommt es trotz\nder so genannten Talentblitze doch zu keiner künstlerisch\nharmonischen Wirkung, da diese durch manche insbeson-\ndere orchestrale Extravaganzen und übertriebene, so zu\nsagen barbarische Effecte paralysirt wird. Wie dieses be-\nsonders \"für die Bläser überschwierige Werk wurden auch\ndie drei anderen Ouvertüren der Conservatoriums-Pro-\ngramme vortrefflich aufgeführt.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nL. B\n3'lolbi« Der kölner Männergesang-Verein ist am 8.\nJuni von London zurückgekehrt. Die dritte Sängerfahrt nach Eng-\nland war eben so erfolgreich durch ehrenvollste Anerkennung und\nzahlreiche Zuhörerschaft in allen Concerten, als die beiden früheren,\nja, in letzterer Beziehung übertraf sie alles bisher Erlebte, da der\nVerein in dem Concerte im Krystall-Palaste am G. Juni ein Publi-\ncum von I*£,ooo Personen angezogen hatte. Den Abend vorher\nhatte er die hohe Ehre, vor Ihrer Majestät der Königin von\nEngland, dem Prinzen Albert und der Prinzess Royal K.Hoheiten\nund einer aus dem begünstigtsten und vertrautesten Kreise des Hö-\nfas gewählten Gesellschaft von nur 24 Personen zu singen. Kein\nTon der italiänischen Opernsänger, keine Virtuosenleistung irgend\neiner Art fand bei diesem Concerte im Buckingham-Palaste Statt;\nIhre Majestät wollte nichts, als zum dritten Male die deutschen Lie-\nder hören. Ter Verein hat in London, wenn wir eine Soiree auf\nApsley House bei dem Herzog von Wellington mitnehmen, in zwei-\nmal sechs Tagen fünfzehn Concerte gegeben, von denen die drei-\nzehn öffentlichen alle mit einander stets vor einem ganz voll besetz-\n< \" j\nten Saale Statt fanden, eine Thatsache, die, weil in täglich (mit\nUnterbrechung durch einen Sonntag, der bekanntlich in England we-\nder Concert- noch Theater-Tag ist) auf einander folgenden\nProductionen als Künstlerleistung in einer und derselben Stadt auch\nbei den berühmtesten Virtuosen, wie Paganini und Liszt, noch nie\nvorgekommen ist. Einen eingehenden Bericht behalten wir uns vor.\nKaum von London zurückgekehrt, wohnten wir in Mannheim\ndem zweiten mittel rheinischen Musik feste bei, welches\ndie musicalischen Kräfte des Vierstädte-Bundes: Darmstadt,\nMannheim, Mainz und Wiesbaden, unter Ferdinand Hil-\nle r 1 s Leitung vereinigte und eines der gelungensten war, sowohl in\ntonkünstlerischer als geselliger Hinsicht, das wir je mitgemacht ha-\nben. Haupt-Aufführungen waren der Elias von Mendelssohn\nund Beethoven's neunte Sinfonie. Auch über dieses interes-\nsante Fest werden wir unseren Lesern einen ausführlichen Bericht\nmittheilen. - • ."}]}