{"numero_id": "bm-bmtnabi-1857-06-27-01", "volume": "bmtnabi_1857-06-27_01", "ocr_sha256": "6d6cd378a23382cf761b557823e062de55c4523f4c765cf185d04fa6485ca930", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1857/06/27_01/bmtnabi_1857-06-27_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1857-06-27-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-06-27_01#c001", "volume": "bmtnabi_1857-06-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "201", "page_fin": "201", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "201", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 422, "texte": "Inhalt.\nDas fünfunddreissigste niederrheinische Musikfest. 11. (Cantate von Bach, „Des Sängers Fluch\" von Rob. Schumann, ~Die\nKindheit Christi\" von H. Berlioz, Sinfonie von Schubert u. s. w.). Holle's Verlag von Clement! und C. M. yon Weber. Von E. 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I. Nr. 25.)\nDas Programm des zweiten Tages erregte durch die\nLänge der aufzuführenden Tonwerke von vorn herein Be-\ndenken. Man hatte Job. Seb. Bach mit der Cantate „Christ,\nunser Herr, zum Jordan kam\", an die Spitze gestellt; von\nihm aus gelangte man durch Fr. Schubert's C-dur-Sinfonie,\ndurch die Schumann'sche Ballade „Des Sängers Fluch\",\ndie Berlioz'sche Trilogie „Die Kindheit Christi\" bis zu den\nFestklängen von Fr. Liszt. Der Charakter dieser Werke\nist unendlich verschieden, und Mancher hätte nach seinem\nStandpunkte in dieser Folge eine gerade auf- oder abstei-\ngende Linie erkennen können. Abgesehen von der An-\nschauungsweise nach oben oder nach unten vermochten\nwir die Wahl der Werke für das Musikfest nicht glücklich\nzu nennen. Bach's Cantate besteht aus einem sehr langen\nfigurirten Choralsatze von neun Zeilen lür Chor, um wel-\nchen eine reich ausgearbeitete, in Vor- und Zwischenspie-\nlen sich entfaltende Orchester-Begleitung mit concertiren-\ndem Violin-Solo arabeskenartig sich schlingt. So interessant\nlür den Musiker diese Arbeit ist, so wenig ist sie geeignet,\nt i 4\ndie Menge eines Fest-Publicums anzuregen oder ihr ver-\nständlich zu sein; sie ist lür kleinen Chor, für kleines Or-\nchester, für einen beschränkten Raum gleichsam ein feines\nMiniaturbild geschrieben, und hat in diesen Schranken\nihre volle Wirkung. Vielleicht war es gerade das virtuosi-\nsche Element, welches zur Wahl Veranlassung gab und\nunter den unzähligen Werken Bach's etwas Grandioseres\noder Populäreres auszuführen verhinderte. Der Anfangs-\nChor ist der einzige Chor der Cantate; ihm folgt eine Arie\nlür Bass, deren trockener, didaktischer Text in der unge-\nschickten Form jener Zeit auch Job. Seb. Bach nicht be-\nsonders begeistert zu haben scheint, und welche, nur mit\nBasso continuo und durch Ziffern angedeutete Harmonie\nder Orgel begleitet, andeuten könnte, dass der Altmeister\nwenig Gewicht auf sie legte. Herr von Turanji hatte die\nOrgelbegleilung für Orchester arrangirt. Einem verbinden-\nden Recitativ folgt eine Arie lür Tenor, von einem Basso\nconlinuo und zwei Solo-Violinen accompagnirt, die mit ein-\nander theils in freieren, theils in canonisch sich folgenden\nImitationen ein Duett bilden, zu welchem die darunter lie-\ngende Singslimme und der Bass in ein ähnliches Verhält-\nniss treten, wie die unteren Stimmen eines Streich-Quar-\ntetts; der dunkele Hintergrund sanfter Orgel-Harmonieen\nwar auch hier Yom Orchester ersetzt. Das Ganze ist ein\nwahr empfundenes, geistreiches Cabinetsstück, höchst werth-\nvoll lür den Freund Bach'scher Musik, höchst interessant\nlür den Kenner von Bach's eigentümlicher Polyphonie,\nauch durchaus nicht undankbar lür einen wohlgeschulten\nSänger, aber entfernt von der überwältigenden Gelühlstiefe\neiniger Arien z. B. aus der Passion oder der klaren Innig-\nkeit anderer aus seinen übrigen Werken, daher nicht wohl\ngeeignet, auf ein Publicum zu wirken, das grossentheils\nBach gar nicht kannte. Wiederum folgt einem verbinden-\nden Recitativ eine Arie lür Alt, begleitet vom Streich-Quar-\ntett, mit dessen erster Violine zwei Oboi d'amore im Uni-\nsono gehen, ganz in Bach'scher polyphoner Weise und in\nseiner eigentümlichen Art gelühlsreichen Ausdrucks der\nWorte gehalten, doch ohne hervorragende, dem Laien im-\nponirende Schönheit. Die Cantate schliesst mit einem vier-\nstimmigen Choral. Man schien das Ungünstige dieser Grup-\npirung zu fühlen und halte daher den Schluss-Chor der\n21. Cantate: „Würdig ist das Lamm\" hinzugefügt, einen\njener wunderbaren und übermächtigen Chöre, die als ewige\nMuster des Chorstils da stehen. Dass man hierin einen\nglücklichen Griff gethan, bewies die erste Gesammt-Probe,"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "202", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5281, "texte": "in der diese Nummer eine ausserordentliche Begeisterung\nunter den Mitwirkenden und dem Publicum hervorrief. Lei-\nder blieb ihr bei der Aufführung nicht der günstige Platz,\nund vereinzelt ganz an das Ende eines langen Concertes\ngesetzt, konnte sie keinen grossen Eindruck machen. Die\nSchubert'sche Sinfonie, welche trotz ihrer Länge so unend-\nlich viele Züge genialer Erfindung enthält, sahen wir auf\ndem Programm mit grosser Freude, mit Bedenken dage-\ngen die Ballade von Schumann. Das hinterlassene Werk\nhatte vor Kurzem bei seiner ersten Aufführung in Elber-\nfeld in einem kleinen Concertsaale, in Gegenwart zahlrei-\ncher Verehrer des Dahingeschiedenen, einen grossen Erfolg\ngehabt; dass man in der ersten Freude und von der Ver-\nöffentlichung zu einer Ueberschätzung kam, ist nicht unna-\ntürlich; es ist eine Pflicht der Rheinlande, alles mit Pietät\naufzuführen und zu begrüssen, was an hinterlassenen Com-\npositionen des so früh der Kunst entrissenen Meisters sich\nnoch vorfinden möchte; man wird dabei gewiss noch man-\nche Perle finden. Allein das Pfingstfest-Comite hatte bei\nder Wahl die Erfahrungen der letzten beiden Feste zur\nBenutzung, bei denen Paradies und Peri sowohl als auch\ndas Adventlied als unzweckmässig sich erwiesen; man hätte\nsich erinnern können, dass Paradies und Peri trotz seiner\ngrossen Schönheiten und der wundervollen Ausführung\ndurch Jenny Lind, als Ganzes, und zwar in Folge der An-\nordnung des Textes und der eigentümlichen Schreibweise\nSchumann's, nur einen Succes d'estime errang. Einer mas-\nsenhaften Aufführung gegenüber theilt das neue Werk die\nSchwächen mit Schumann's berühmtester Vocal-Compo-\nsition. Es ist die Uhland'sche Ballade, von Richard Pohl\ndurch Einlegung anderer Gedichte vergrössert und theil-\nweise dramatisirt, indem die handelnden Personen, das Kö-\nnigspaar und die beiden Sänger nebst Chor, an den betref-\nfenden Stellen selbstredend eingeführt werden. Jede Misch-\ngattung in der Kunst hat etwas Missliches, und diese Bal-\nlade, die nun weder eine echte Ballade noch ein Drama\nist, verführte in ihrer zweifelhaften Gestalt den Componisten\nzu jener Unentschiedenheit des Stils, zu einem\nreihen liederhafter Formen, zu einem Schwanken zwischen\nbeschreibendem Balladen-Tone und dem declamatorischen\nPathos, dem es sowohl an der wohlthuenden Einfachheit\neines echten Recitativs, als an der wirklichen Entfaltung\nder dramatischen Situationen gebricht. Nur wahrhafte Ge-\ngensätze zwischen scharfen und gegliederten Formen, wie\nsie die Oper und das Oratorium ausgebildet haben, sind\nim Stande, den grossen Rahmen eines längeren, für Chor\nund Orchester componirten Werkes auszufüllen; Monotonie\nerzeugt sich schon dadurch, dass die vorhandenen Kräfte\ndes Chors nicht gehörig benutzt werden; auch Schumann,\nso reich an musicalischer Erfindung, an süssen und ergrei-\nfenden Melodieen er ist, hat diese Formenschwäche nicht\nüberwunden, die dem ungetrübten Genüsse seiner grösse-\nren Vocalwerke entgegensteht. Sie bleiben ihrem Wesen\nnach sinnige, duftende Lieder und Balladen, in einen Strauss\nzusammen gebunden und mit dramatischen Scenen unter-\nmischt, werthvoll für den Gebrauch von Vereinen und\nkleinere Aufführungen, aber nicht verträglich mit der\nGrösse eines Musikfestes. In „Des Sängers Fluch\" ist der\nEingang und der vom Chor vorgetragene Schluss von er-\ngreifender, tragischer Schönheit; in der mittleren dramati-\nsirten Partie zeichnet sich eine Romanze in B-dur durch\neinschmeichelnde Melodie, ein kurzer Chor-Refrain, der\nden Freiheitsgesang der beiden Sänger wiederholt, durch\nhohen Schwung aus; die eingelegte Ballade des greisen\nBarden dagegen von den drei Schwertern, mit welchen in\nder Bearbeitung ein geheimes Verbrechen des Königs in\nein unerklärtes Verhältniss gebracht wird, das die Kata-\nstrophe herbeiführen hilft, ist weniger glücklich, die Figur\nder Königin tritt auf der einen Seite nicht genug hervor,\nauf der anderen verletzt die Ausführung des Verhältnisses\nzum Jüngling, ihr schwermuthvolles Klagen, das sich mit\ndem Liebesliede des Jünglings vermischt; der Zauber der\nUhland'schen Ballade liegt im Schweigen der Königin, wel-\nche einfach die Rose von ihrer Brust nimmt; sobald sie in\nTönen singt, die der Minne Sehnsucht nur leicht verhüllen,\nrechtfertigt sie die blutige That. Diese selbst mit dem Ent-\nsetzen des Chors ist im Schumann'schen Werke nur\nschwach markirt. Immerhin wollen wir die Wahl des Wer-\nkes nicht zu streng tadeln, war es doch von einem gros-\nsen vaterländischen Tondichter ein neues Werk.\nWas soll man aber zur Aufnahme der Trilogie von\nBerlioz sagen, die nirgends, vielleicht nicht einmal in Wei-\nmar, einen unbestrittenen Erfolg gehabt hat? Denn wenn\nvon einem solchen vor einigen Jahren in Paris die Rede\nwar, so gab es damals schon gewichtige Stimmen dagegen.\nIn der Revue des deux mondesfand sich ein scharfer Arti-\nkel, in welchem es unter Anderem heisst: „Der Text gibt\nder Musik an origineller Naivetät nichts nach. Das unglaub-\nliche Gewirr von Tönen und ohrenzerreissendem Geräusch\nzu beschreiben, womit Berlioz den ersten Theil seines My-\nsteriums illustrirt hat, müssen wir aufgeben; es ist zugleich\nkindisch und unsinnig.\" Und weiter hin: „ Wenn wir öfter\nauf Herrn Berlioz zurückkommen, so rührt das daher, weil\ner ein merkwürdiges Beispiel einer gewissen Art von In-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "203", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5128, "texte": "dustrie ist, welche vorzugsweise unsere Zeit charakterfest,\nnämlich der Kunst, sich ausposaunen zu lassen. Seit zwan-\nzig Jahren discontirt er in seinem Feuilleton die Fiction\neines eingebildeten musicalischen Ruhmes, der nur in dem\nschwachen Gehirn einiger Freunde existirt. Jedes Mal, dass\ndas \"Wirkliche Publicum Gelegenheit gehabt hat, etwas von\nden närrischen Versuchen Berlioz1 zu hören, hat es sich\nUnter lautem Gelächter davon gemacht, wie man das denn\nauch wieder bei dem Concerte am 10. December gesehen\nhat.\"\" Der Correspondent der Niederrheinischen Musik-Zei-\ntung fügt hinzu: * Man sieht, dassScudo in der Hauptsache\nmit meinem Urtheil ganz übereinstimmt, und zur Steuer\nder Wahrheit muss man sagen, dass es noch eine grosse\nZahl von hiesigen Künstlern und Kritikern und Dilettanten\ngibt, die eben so denken; allein sie wagen nicht, es in öf-\nfentlichen Blättern auszusprechen, und so bleibt aus Schlaff-\nheit und 'Convenienz und Charakterlosigkeit das Feld den\nPosaunern, den Pröneurs überlassen*).\"\nDas Urtheil über Berlioz im Allgemeinen mag man\nbitter nennen, in Beziehung auf die Trilogie spricht es\nWahrheit. Wie kam es denn, dass man dieselbe zum\nMusikfeste vorschlug, nachdem der mittlere und zwar der\nallseitig als der beste bezeichnete Theil des Werkes in\neiner vortrefflichen Aufführung zu Köln complet durchge-\nfallen war?\nDas Werk kam schliesslich auch in Aachen nur theil-\nweise fcur Aufführung. Und dies hing folgender iMaassen\nzusammen. Als am Montag-Morgen die Schubert'sche Sin-\nfonie und die Festklänge von Liszt probirt waren und man\nzur Probe der Vocalwerke voranschritt, stellte es sich her-\naus, dass Herr Dalle Aste heiser geblieben war. Es war in\nAachen kein Sänger bekannt, der beide grosse Partieen in\nden Werken von Berlioz und Schumann so plötzlich hätte\nübernehmen können. Unter diesen Verhältnissen wurde die\nBereitwilligkeit des Herrn Musik-Directors Reinthaler von\nKöln, in der Trilogie die Bass-Partie zu übernehmen, wäh-\nrend er die Partie des Harfners in der Schumann'schen\nBallade, als seine Stimmlage überschreitend, ablehnen zu\nmüssen glaubte, dankbar anerkannt.\nDie Trilogie hatte schon am Freitag Nachmittags und\nAbends eine überaus lange und keineswegs glückliche Probe\nbestanden. Liszt hatte mit möglichster Sorgfalt um eine\ngute Ausführung sich bemüht; das fortwährende Unter-\nbrechen der Musik ist allerdings nicht geeignet, einen gün-\nstigen Eindruck hervorzubringen, und alle ersten Proben\nleiden unter diesen Verhältnissen; uns ist indessen kein\nFall bekannt, dass wie hier in dem langen Zeiträume meh-\nrerer Stunden kein belebter Moment als ein günstiges Zeug-\nniss für den Gehalt des Werkes gekommen wäre. Mit Ab-\nspannung folgte man von Nummer zu Nummer, und der\nlaute Ausbruch des Beifalles, der am Ende dem famosen\nTerzette für zwei Flöten und eine Harfe zu Theil wurde\n(wo man dem kleinen Jesuskindlein in Aegypten Musik vor-\nmacht), war offenbar ein ironischer. So war es nicht zu\nverwundern, dass am Montag Liszt's Ankündigung, man\nwolle Berlioz probiren, von dem Viele schon los zu sein\nglaubten, nicht eben mit Aufmunterung aeeeptirt wurde,\nund dass einsichtsvolle Männer auf den Gedanken kamen,\ndurch eine telegraphische Depesche an Herrn Schiefler in\nKöln, der in Elberfeld den Harfner gesungen halte, die\nMöglichkeit einer Aufführung der Schumann'schen Ballade\nanstatt Berlioz anzubahnen.\n1 ' ■ , ' •\nDie Hauptprobe begann bei überfülltem Hause; ihre Wir-\nkung war nicht günstiger, als die der ersteren. Das Werk be-\nginnt damit, dass in einigen Worten der Tenor die Stimmung\nder Völker zu jenem grossen Augenblicke erzählt, in dem sieb\ndas Heil der Welt entscheiden sollte. Es folgt ein langer In-\nstrumentalsatz, iund wir erwarten vielleicht eine musicali-\nsche Schilderung von der Geburt des himmlischen Rindes\noder sonst etwas derselben Würdiges. Wir trauen nicht\nunseren Obren, denn wir hören statt dessen den Marsch\neiner nächtlichen Strassen-Patrouille römischer Soldaten mit\nall dem instrumentalen Pomp Berlioz'scher Effecte, mit ver-\nschwindendem ppu. dgl., und zwar begleitet von einem\nDialog, der weniger nach einer als nach der\nWachtstube schmeckt; wahrlich, zwar nicht genial, aber\ndoch neu; und schon in diesem Stücke, dem nur das aller-\ni\ngenaueste Zusammenspiel einiges Interesse abgewinnen\nkönnte, wollte es gar nicht recht voran, und es verging\nkostbare Zeit. Es folgte die Scene des Herodes, „des lä-\ncherlichen Tyrannen\", der sein Schicksal beklagt, der den\nHirten beneidet und im Traume das Kind erblickt, das sein\nLeben gefährdet. Sie bot nichts Anziehendes; es kamen\ndie Magier, die dem Könige rathen sollten, und ihr mono-\ntoner Gesang in Quinten, weit entfernt, durch Originalität\nzu reizen, erschien nur in anspruchsvoller Hässlichkeit, nicht\nweil Quinten hässlich sind, sie können auch schön sein, son-\ndern weil sie hier geschmacklos angebracht waren. Die Be-\n\n*) Obige Bemerkungen sind in Nr. 52 des zweiten und in Nr. 2\ndes dritten Jahrgangs dieser Blätter abgedruckt, und zwar in\neinem Aufsatze unseres pariser Correspondenten, welcher der\nTrilogie bei ihrem Erscheinen eine ausführliche Besprechung\nwidmete. Die Redaction."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5208, "texte": "schwörungen der Magier im Vi-Tacte konnte man eben so\nsonderbar als uninteressant nennen. So waren mit ihnen\nund dem Mordchor in Fis-moll die düsteren und traurigen\nScenen im Palast spurlos vorübergegangen; nicht mehr\nGnade fand das Duett zwischen Maria und Joseph, obwohl\nFrau von Milde mit Anmuth sang. Doch von erhabener\nEinfachheit zum Lächerlichen ist ja nur ein kleiner\nSchritt, und der Text zu dieser Scene hatte den Schritt\nwahrlich gethan. Diese Worte, weit eher kindisch als kind-\nlich zu nennen, hätten ganz anderer Musik bedurft, um\nihre Geschmacklosigkeit vergessen zu lassen. Irren wir\nnicht, so war es an dieser Stelle, wo die Schafe wirklich\n„bäen\". Es erscheint jetzt ein unsichtbarer Engelchor, um\ndie heilige Familie vor Gefahr zu warnen. Liszt verlor viel\nZeit in Befolgung der minutiösen Vorschriften, die Berlioz\nim äusseren Arrangement des Chors gegeben, und über\nDinge, welche die erste Probe oder der sichere Tact des\nDirigenten augenblicklich entscheiden musste ob nämlich\ndie Engel besser von einem hinten aufgestellten Separat-\nchor oder vom ganzen Damenchor gesungen werden soll-\nten, ward hin und her probirt. So schloss der erste Theil.\nWir meinten, dass die Berlioz'sche Musik, die uns ein Bild\nvon dem anmuthvollen Raphael'schen Stillleben der heiligen\nFamilie geben wollte, davon eben so weit entfernt geblie-\nben sei, als einige untergeordnete Versuche der modernen\nfranzösischen Malerei, die ohne den Geist der Kunst, ohne\nden Geist der Unschuld und Grazie, mit dem aufgesetzten\nHeiligenschein es fertig zu bringen glauben.\nDer zweite Theil ist weit kürzer, als der erste. Er\nenthält in der „Flucht nach Aegyptenu den ursprünglichen\nund bei Weitem am glücklichsten gegriffenen Kern der\nTrilogie. Eine Instrumental-Einleitung, die das Versammeln\nder Hirten bei der heiligen Familie ausdrückt, ist zwar\nnicht besonders schön, noch trotz des fehlenden Leit-Tones\nbesonders originel; auch hier, wie fast überall, hat Berlioz\näusserlich geschildert; er hat statt des geistigen Lebens die\nSchale und dasCostume lebhaft gezeichnet und diesmal die\nKlänge italiänischer Pifferari nachgebildet. Immerhin mag\nman das als ein nicht unangenehmes und auch interessantes\nSpielwerk gelten lassen. Die Hirten singen nun das Ab-\nschiedslied, eine einfache, vierstimmige Melodie, die sich in\ndrei Strophen wiederholt. Den ersten Zeilen konnte man\nden specifischen Berlioz nicht anhören er hatte auch aus\nGründen einer Mystification sich zu verläugnen gesucht*)\n—, sie konnten zwar nicht am Anfange des siebenzehnten,\nJahrhunderts, wohl aber im neunzehnten von jedem tüchti-\ngen Musiker componirtsein und wirkten durch ihre Einfach-\nheit und wohlthuende Natürlichkeit um so mehr, als man\nso lange danach geschmachtet hatte. Leider hat sich Herr\nBerlioz in diesem Stücke nicht consequent seiner selbst\nentäussert; denn in der sechsten und siebenten Zeile findet\nsich ein störender, gezwungener und recht hässlicher Ueber-\ngang nach G-dur, von dem Jemand sehr treffend sagte,\ndass er einem älteren Meister nicht einfallen konnte und\neinem neueren nicht einfallen sollte. Der zweite Theil\nschliesst mit der Schilderung der Ruhe der heiligen Fa-\nmilie, vom Tenor erzählt, dessen Recitativ am Ende in eini-\ngen Accorden ein Chor der Engel begleitet. Das ist ein-\nfacher und besser, als das Meiste in dem ganzen Werke;\nleider stört auch hier der geschmacklose Text, u. A. „Es\ngras't das Thier, das Kind schläft hier\" u. s. w.\nBis hieher war man mit der Probe vorangekommen.\nAllein im Hause selbst hatte sich inzwischen eine bemer-\nkenswerthe Veränderung zugetragen. Während das Pu-\nblicum sich Anfangs so drängte, dass Viele nicht hinein-\nkommen konnten, lichteten sich die Reihen der Sperrsitze\nund der Logen mehr und mehr, die Theilnahmlosigkeit der\nDableibenden hätte nicht grösser sein können; auch von\nden Sängern suchten manche zu entkommen. Liszt selbst\nwar seit einiger Zeit nachdenklich und schweigsam beim\nDirigiren. Plötzlich hob er die Probe des Berlioz'schen\nWerkes auf und nahm das Schumann'sche eilig vor, obwohl\nfür Berlioz die Solosänger vorhanden waren, ein Erschei-\nnen aber des Harfners von der unwahrscheinlichen Gene-\nsung eines Kranken oder dem eben so unsicheren Eintref-\nfen eines Ersatzmannes aus Köln abhängig blieb.\nSo gross aber war die Macht der schweigenden Ver-\nurteilung durch das Publicum und die Mitwirkenden, dass\nauch Liszt nicht den Muth zu haben schien, dieselbe noch\nauf eine stärkere Probe zu stellen. Die Freunde Berlioz'-\nscher Musik werden dies Motiv vielleicht nicht zugestehen;\nwenigstens hat man bei einer Erklärung des Factums Ent-\nschuldigungen in der Combination äusserer Umstände ge-\nsucht; die einen hiervon sind aber nicht stichhaltig, die\nanderen sprechen nicht für die geschickte Behandlung die-\nser Angelegenheit. Denn wenn Herr Reinthaler schliesslich\nauf die Bitten Liszt's hin die Partie des Harfners zu über-\nnehmen sich bewegen liess, und sich hierbei ganz gut aus\nder Sache zog, so würde er gewiss durch Ausführung der\nihm bequemer liegenden Partieen des Hausvaters und des\nHerodes der Trilogie so wenig geschadet haben, als ihr\nHerr Dalle Aste nützen konnte. Wenn aber das Werk\n\n*) Siehe Kölnische Zeitung, Briefe von Ferdinand Hiller."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5079, "texte": "wirklich zu lang oder für das Fest unpraktisch war, so\nhätte Liszt nicht erst nach Vergeudung so vieler Mühe zu\ndieser Einsicht kommen müssen; wenn es ihm dagegen\nnicht an und für sich zu lang, sondern nur der Kürze der\nZeit wegen unausführbar schien, so lag das nicht an den\nvorzüglichen Kräften der rheinischen Chöre und Orchester,\ndie unter geschickten und erfahrenen Steuerleuten noch\nimmer zum Ziele kamen: es hätte dann daran gelegen,\ndass Liszt es nicht verstand, die gegebene Zeit der Probe\nwahrhaft zu benutzen, dass er es versäumte, durch ein-\nsichtsvolles Dirigiren den Fehlern vorzubeugen, anstatt die-\nselben mit unendlichem Zeitverluste hinterher zu verbessern.\nDie Aufführung am Abende war das ziemlich genaue\nResultat der Probe. Das Programm lautete nun: Cantate\nvon Bach, ohne den Schluss von Nr. 21 ; Symphonie von\nSchubert; Ballade von Schumann (obwohl eine Viertel-\nstunde vor Beginn des Concertes es unentschieden war,\nwer die eine Bass-Partie wohl singen werde); Festklänge\nvon Liszt; der kleine, mittlere Theil der Trilogie und am\nSchlüsse der einzelne Chor: „Würdig ist das Lamm\", von\nBach. Herr Schieffer telegraphirte jetzt, er könne nicht\nkommen, Herr Dalle Aste liess sagen, er könne nicht sin-\ngen, und so kam es denn auf den Zufall hinaus, dass Herr\nReinthaler sich im letzten Augenblicke entschloss, die Par-\ntie des Harfners u. s. w. auszuführen. ln dem ersten\nChor von Bach kam das Violin-Solo zu keiner rechten\nWirkung, theils da es solchen Massen gegenüber überhaupt\nnicht concipirt war, theils da die Orchester-Begleitung es\nan der nöthigen Accuratesse fehlen liess. Herr Siriger\nspielte vortrefflich, auch der Chor that seine Schuldigkeit,\ndoch fehlte das wahre Ineinandergreifen, es fehlte der mu-\nsicalische Fluss.\nDie folgende Bass-Arie fiel aus; die Tenor-Arie wurde\nvon den concertirenden Violinen (die Herren Singer und\nStör aus Weimar) sehr schön begleitet. Herr Schneider\nwar ausgezeichnet bei Stimme, er überwand glücklich die\nhohe Lage der Composition und sang mit edler Wärme\nund Innigkeit; der Beifall würde noch grösser gewesen sein,\nwenn die gleichsam in sich verschlossene Welt der Bach'-\nschen Musik, deren Zaubergärlen sich nur denen öffnen,\ndie in sie hineindringen, dem Publicum zugänglicher gewe-\nsen wäre. Fräul. A. T. erhielt nach dem schönen Vortrage\nihrer schwierigen Alt-Arie ehrenden Beifall. Das Publicum\nschien nach dem Choral den Schluss-Chor zu erwarten;\ndie Aufnahme des Ganzen war nicht lebhaft. Dass man in-\ndessen entschlossen war, mit Freuden das aufzunehmen,\nwas der Empfindungsweise nahe lag, bewies der stürmische\nBeifall, den die Sinfonie von Schubert hatte. Sie wurde mit\nRecht ohne Wiederholung gespielt. Wenn in dem ersten Satze\nes den Crescendo's auch an Gleichmässigkeit fehlte, wenn\njene so wirkungsvolle feine Behandlung des Piano vermisst\nwurde, so war Feuer und Schwung andererseits nicht ab-\nzDsprechen; namentlich wirkte der letzte Satz mit seinen\nprächtigen Themen, die in der kolossalen Besetzung wun-\ndervoll klangen, mit ausserordentlicher Macht, er riss das\nPublicum zu den anhaltendsten Bezeugungen lauten Bei-\nfalls hin.\nIn Schumann's Ballade trat zuerst die anmuthigo Ro-\nmanze für Tenor mit Harfen-Begleitung hervor. Sie wurde\nvon Herrn Göbbels mit angenehmem Vortrage und mit\neiner Stimme ausgeführt, deren jugendlicher und sanfter\nTimbre zu dem Charakter des Troubadonr so wohl passt;\nvon Frau Pohl aus Weimar vortrefflich accompagnirt, ward\ndieses schöne Lied auf das wärmste applaudirt.\nDie übrigen Nummern bieten wenig Einschnitte dar,\nwelche dem Publicum Gelegenheit geben, über seine Em-\npfindungen sich auszudrücken; ausgezeichnet wurde noch\ndas Duett des Harfners und des Jünglings, als sie die Frei-\nheit besingen, und worin namentlich das Einfallen des Chors\nin die Schlusszeilen, so wie die Wiederholung von grosser\nWirkung waren. Die Ausführung des Ganzen liess Vieles\nzu wünschen übrig—wie hätte es nach einer solchen Probe\nbesser sein können? Namentlich drückte das Orchester\ndurch allzu starkes Accompagniren auf die Soli, und der\nHöhepunkt der Entwicklung, wenn der begeisterte Jüng-\nling die Königin seine Liebe errathen lässt, ward unter\ndem Tremolo der Violinen verwischt; um so weniger konnte\ndie schon in der Composition nur leichthin ausgelührte Ka-\ntastrophe zur Gellung kommen. Der grauenvolle Fluch des\nSängers und die plötzliche Erfüllung, die in langsam dahin-\nschwebender klagenderWeise vom Chor erzählt wird,ergreifen\ndurch ihre musicalische Schönheit; doch lag es in der Na-\ntur der Sache, dass dieser Schluss nicht zu lautem Beifalle\naufforderte. Die Partie der Königin wurde von Frau von\nMilde ausgeführt; sie bot nicht viel Veranlassung znr Ent-\nfallung der Gesangeskunst, eben so wenig die des Königs,\ndie Herr Ackens aus Aachen übernommen halte, ein Di-\nlettant, oder sagen wir nur ein Künstler, der sich durch die\nvortreffliche Leitung des Männergesang-Vereins Concordia\ngrosse Verdienste um die Pflege des Gesanges erwirbt und\ndessen Solo-Vorträge dort sowohl, als auch in den ande-\nren Concerten in vieler Beziehung höchst schätzenswerthe\nsind."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1375, "texte": "Der zweite Theil begann mit den Festklängen von\nLiszt. Wir wollen, indem wlir eine ausführlichere Bespre-\nchung des Werkes uns Vorbehalten, hier nur bemerken,\ndass der Cofnponist mit der Ausführung seines Werkes\nzufrieden sein konnte, das in seinem verschiedenen Tempo-\nwechsel, den unerwarteten rhythmischen und melodischen\nFiguren vielfache Schwierigkeiten zu überwinden bietet,\nund dass er am Ende desselben eine entschiedene Ovation\nSeitens der Mitwirkenden und auch des Publicums erhielt.\nIn wie weit sie dem anwesenden Fest-Dirigenten galt und\nwie viel davon auf den Eindruck des Werkes kam, wollen\nwir nicht entscheiden; jedenfalls war der äusserst lebhafte,\n•an Abwechselung der Klänge reiche und äusserlich glän-\nzende Charakter des Werkes ein anregender Gegensatz\nzur Schumann'schen Ballade.\nDen Festklängen folgte das kurze Mittelstück aus der\nTrilogie von Berlioz. Der Chor trug das Lied, namentlich\ndas ppder dritten Strophe, recht schön vor; Herr Schnei-\nder bemühte sich mit all seinem Talente, durch einen wür-\ndigen und feinen Vortrag die Worte des Textes zu unter-\nstützen ; das Publicum blieb theilnahmlos: ein schwacher\nVersuch des Beifalls wurde mit bemerkbarem Zischen be-\ngleitet.\nDen Beschluss machte der kurze Chor vön Bach, der\nvom übermüdeten Publicum nicht mehr mit der Wärme\naufgenommen werden konnte, mit der man ihn in der Probe\nbegrüsst hatte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-06-27-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-06-27_01#c003", "volume": "bmtnabi_1857-06-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "206", "page_fin": "207", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01.2.3", "titre_corps": "Aus Holle’s Verlag", "titre_sommaire": "Aus Holle’s Verlag", "signature_source": "E. K", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01.1.6", "debut_caractere": 1377, "fin_caractere_exclue": 4701, "texte": "Aus Holle’s Verlag\n\nsind abermals vier Bände voll Musik in die Welt ausge-\ngangen, zwei Clementi, zwei C. M. v. Weber. In der Ein-\nleitung zu Weber's Werken findet sich eine juristische\nVerwahrung gegen die Ansprüche des älteren Verlegers\nSchlesinger. Da die Sache hier einmal öffentlich zur\nSprache kommt, welche bereits anderswo im Stillen das\nIhre gewirkt hat, so sind auch wir genöthigt, Partei zu\nnehmen. Vollkommen einstimmig mit Holle sind wir in dem\nallgemeinen Grundsatze, classische Werke, die nicht durch\nbesondere Rechtshandlungen Privat-Eigenthum geworden\nund geblieben, für den grossen Verkehr zu erobern, zu-\nmal in solchem Falle, wo, wie hier, der ältere Verleger\nsein Monopol nach Herzenslust in selbstgesetzten Preisen\nausbeutet. Darin ist Schlesinger gleich dem verstorbenen\nCotta einzig in seiner Art. Wie Cotta, durch Schiller und\nGöthe reich geworden, erst nach wiederholentlich drohen-\nder Concurrenz die wohlfeilen, löscbpapiemen Ausgaben zu\nveranstalten !sic?h herabliess (die Erben haben -endlich\nbesseres Papier dazu gethan mit leidlichen, theils etmässig-\nteh, tbeils erhöhten Preisen) —, so ist dem Sehlesinger\nund manchem Anderen nicht anders beizukommen als durch\noffenherzig ausgesprochene, berechtigte ConcUrrenz. We-\nber's Oberön 'zu 6% Thlr., Bach's Matthäus'-Pas-\nsion zu 7% Thlr. im Clavier-Auszug, zu 18 Thlr. in der\nPaVtitur, Gäbrieli zu 10 Thlr. (2 Bde. Text mit 450\nS., Notefi mit 150 S.) das sind Preise, die mit gewöhn-\nlichem Menschenverstände zu begreifen unser eins nicht\nvermag. Geben wir auch vollkommen zu, dass füt* grosse\nUnternehmungen bei grossem Risico auch anständige Preise\nden Unternehmer decken müssen und dass in einer grösse-\nren Verlagshandlung mancher Verlust an flauen Artikeln\ndurch den Gewinn an gangbaren auszugleichen ist, so er-\nklärt doch diese billige Erwägung keineswegs alle Schle-\nsinger'schen Preis-Courante, da z. B. im musicalischen Ge-\nbiete Breitkopf, Simrock, Schott, Andre, im literarischen\nHahn in Hannover, Reimer und Wohlgemuth in Berlin den\nAnstand mit Bescheidenheit verbinden. Man vergleiche nur\nstatt aller die Preise der trefflichen Clavier-Auszüge Mo-\nzart'scher Opern und Händel'scher Oratorien mit denen\nder Weber'schen. Bis uns eine kundige Hand 'durch be-\nglaubigte Notizen eines Besseren belehrt, halten wir daran\nfest, dass hier ein berechtigter Krieg des kleinen gegen\ndas grosse Capital Statt findet, mögen auch Signor Schle-\nsinger und Consorten ausrufen:\npopulusme sib\n<L\nipse domi, simulac nummos\n(Hör. Sat. 1. 1, 66.)\nDaneben dürfen wir aber auch den jüngeren Aufstreben-\nden ins Gedächtniss rufen, dass sie die feine Linie zwischen\nRecht und Billigkeit stets vor Augen halten und nicht über\ndie Gränze flattern, wo es gehen möchte wie mit Ikarus,\nda er dem verführerischen Gold der Sonne zuflog und ver-\nbrannte elendiglich. Das gesammte Rechtsverhältniss ge-\ntrauen wir uns nicht zu beurtheilen; daher auch etwaige\nVorschläge zur Vervollständigung der Gesetze über den\nSchutz literarischen Eigenthums uns nicht zustehen. Sicher-\nlich aber wird jeder wohldenkende Unbefangene einstim-\nmen, dass einerseits 100—1000 jährige Privilegien so\nunbillig wie unausführbar sind, andererseits aber ein ver-\nnünftiger Schutz gegen Freibeuter und Wegelagerer dem\nallgemeinen Wohlstande wie dem Rechtsgelühl gleich un-\nentbehrlich ist."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3077, "texte": "Doch genug von diesen AeusserHchkeiten. An Holle\nnun, dem wolfenbütteler Unternehmer, rühmen wir die\nMannigfaltigkeit und Wohlfeilheit seiner Ausgaben. Hier\nund da müssten sie correcter sein; auch ist uns aufgefallen,\ndass die Clavier-Auszüge der Weber'schen Ouvertüren,\nwelche keineswegs wörtliche Abdrücke der Schlesinger'-\nschen sind, nicht immer die schönste und edelste Fassung\ngeben. So z, ß. die Ouvertüre zum Freischütz; sie ist\nin Weber's Original-Arbeit ein unübertreffliches Meister-\nwerk von Clavier-Auszug. Dagegen fällt die Holle'sche\nzweihändige merklich ab; die vierhändige ist genügend.\n» - 4\nDass alle Ouvertüren doppelt gegeben, zu zwei und zu\nvier Händen, ist dankenswert!); die Jugend-Arbeiten: Syl-\nvana und Abu Hassan, möchte freilich leicht entbeh-\nren, da sie ziemlich gehaltlos sind. Dagegen ist es er-t\nwünscht, die mancherlei Ciaviersachen hier in zwei statt-\nliehen Bänden auf Einem Fleck zu sehen. An ihnen zeigt\nsich sowohl der Zeitgeist als Weber's specifischer Geist\nbewährt, indem die grosse Sonate mit ihrer weilfaltigen\nGliederung ihm weniger gelingt, gleich Chopin, als die\nceaux de salon;man vergleiche die vier mit\nden zwei köstlichen Polonaisen u. s. w.\nDie zwei letzten Bände von Clementi enthalten Cia-\nviersachen zu zwei und zu vier Händen. Von den ersteren\nist wohl die in A-dur, Nr. 55, Op. 50, die vorzüglichste;\ndie übrigen haben meist hübsche Finales, während ihre\n(ersten) Hauptsätze gewöhnlich zu lang sind. Dieses hängt\nmit der Grund-Eigenthümlichkeit Clementi's zusammen; sie\nist mehr auf formelle Rundung und glatte Eleganz gerich-\ntet, als auf Tiefe; und eben weil es ihm. an herzerschüt-\nternder Leidenschaft fehlt, so ist seine Wirkung minder\ngross und er selbst desshalb mehr, als billig, vergessen.\nWer ihm aber aufmerksam nachgeht, der findet manch\nBlümchen am Wege, manch Veilchen am Bache; gewiss\naber findet er Treue und Milde, wie sie auch das wohlge-\nlungene Portrait in schönem Stich vor dem Titel des drit-\nten Bandes darstellt; ein lieblich väterlicher Zug darin ge-\nwinnt uns doch und gemahnt an eine gewisse Verwandt-\nschaft mit Vater Haydn.\nDie dem dritten Theile vorangehende Lebensbeschrei-\nbung Clementi's von Döring ist fast einerlei mit der in\nSchilling's Cniversal-Lexikon, welche L. R. unterzeichnet\nist; sie geht nirgends in die Seele, gibt keinen Aufschluss\nüber das Innere, den Gedanken-Inhalt, die künstlerische\nBegabung, sondern erzählt den äusseren Lebensverlauf\nnach dem Muster der allen\ngesti. Die Beschreibung von C. M. Weber's Leben\nhat derselbe Verfasser, Döring, sorgfältiger gehalten und\ngibt darin manche schöne und neue Aufschlüsse; doch ist\ndaneben die, wenn auch nicht geistvoll erzählte, in Schit-\nling's Wörterbuch noch immer als Ergänzung zu beachten.\nSchliesslich erneuern wir die Bitte, es möge doch\nKönig des alten Ciavierspiels, Scarlatti, reckt bald durch\nunseren rührigen Verleger dem grossen Publicum zugäng-\nlich gemacht werden, wenn nicht buchhändlerische Beden-\nken widerstehen; künstlerische Bedenken werden schwer-\nlieh Statt finden.\n. , * > A • • * f ; > . 1 ♦\n\nE. K."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-06-27-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-06-27_01#c004", "volume": "bmtnabi_1857-06-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "207", "page_fin": "208", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01.1.7", "debut_caractere": 3079, "fin_caractere_exclue": 5516, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nF1 ot o w hat vom Könige von Preussen den Rothen Adler-Orden\n111. Classe, und Joachim, vom Könige von Hannover die grosse\ngoldene Ehren-Medaille für Kunst und Wissenschaft erhalten.\nDer Violin-Virtuose F. Laub ist vom Könige von Preussen zum\nKammer-Virtuosen ernannt worden.\nt • i * •% ir +\\\nDer Referent der Süddeutschen Mu s ik-Zei tu ng sagt über\ndie Aufführung des Messias in Aachen unter Anderem: ~In Proben\n.\" 0 * '' \" • f ■\" r »• r\nund Aufführung war nicht zu verkennen, dass Liszt Kälte und\nGleichgültigkeit dem Werke gegenüber zur Schau trug. Die Unsi-\ncherheit in Angabe der Tempi, das ewige Schwanken in denselben,\ntheilweises Jagen od,er Schleppen zeigten zur Genüge, dass Liszt\nhier nicht zu Hauss. Dass bei solchem Stande <Jer Dinge von einer\nfeineren Ausführung nicht die sein konnte, ist natürlich.\nSchliesslich noch die Bemerkung, dass der Messias, so gute Kräfte\nauch hier vereinigt waren, nicht die begeisternde Wirkung machte,\nderen er fähig ist. Die Gründe hierzu liegen in diesen Zeilen offen\nda. Wir kennen wenig Werke, bei denen der ganze innere Mensch\nso in Anspruch genommen wird bei der Ausführung, wie gerade\nbeim Messias. Ein Werk, das in einer lebenskräftigen Anschauung\ndes Christenthums wurzelt, dessen Schöpfer hier seil} Bestes nach\neinem reichen Leben voll Erfahrung und ausgezeichnet durch männ-\nliche Würde und Festigkeit niedergelegt hat, verlangt auch bei al-\nlen Ausführenden volle Kraft und Hingebung und die war eben\n* ' '\nnicht überall da, namentlich nicht bei dem Dirigenten, der meist\nnur den Tactschläger abgab.\"\n*** us Mainz. Der in Nr. 21 Ihres geschätzten Blattes auf-\ngenommene Bericht über hiesige musiealisehe Verhältnisse hat in\nNr. 22 der hier erscheinenden Süddeutschen Musik-Zeitung eine Er-\nwiderung hervorgerufen, die nicht geeignet sein dürfte, den unbe-\nfangenen Leser vom Gegentheil unserer Behauptungen zu überzeu-\ngen. Der Ton derselben, dem man nicht selten dann begegnet, wenn\nes dem Widersacher an überzeugenden Thatsadien gebricht, über-\nhebt uns einer längeren Entgegnung, da wir mit ähnlichen Waffen\nzu kämpfen nicht gewohnt sind. Die Thatsache des Ignorirens ehren-\nwerther musicalischer Bestrebungen am hiesigen Orte steht fest. Die\nEntschuldigung, dass der hiesige Kunstverein keine öffentlichen\nConeerte gebe, ist nicht stichhaltig; denn wie sollten die Leistungen\neines Vereins, welcher die Anzahl von beiläufig 700 Mitgliedern aus"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5370, "texte": "der intelligentesten Classe der Einwohnerschaft von Mainz umfasst,\neiner öffentlichen Besprechung desshalb unwerth sein, weil sein Pu-\nblicum eine geschlossene Gesellschaft bildet? Derselbe Fall findet\nja auch bei der Liedertafel Statt! Wir könnten noch manche Be-\nlege für unsere Behauptung anführen, z. B. die Orgel-Concerte der\nHerrn Lux, die Aufführung des Oratoriums ~Der Jüngling von\nNaim\" von Lindpaintner, die jährlichen Concerte unserer braven\nVioloncellisten (von denen das des Herrn Horn, weil Mitglied der\nLiedertafel und guter Tenor, regelmässig besprochen, das des Herrn\nFrisch regelmässig ignorirt wird) u s. w., beschränken uns aber\ndarauf, die Süddeutsche Musik-Zeitung um Belege für ihre Be-\nhauptung zu bitten, es sei durchaus nicht das Verdienst des Capell-\nmeisters Lux,, die Ruy-Blas-Ouverture, die Eroica-Sinfonie u. s. w.\nzum ersten Male mit dem hiesigen Orchester zur Aufführung ge-\nbracht zu haben.\nDas diesjährige Liederfest des schwäbischen Sängerbundes wurde\nin Tübingen abgehalten. Gegen 1500 Sänger hatten sich betheiligt.\nUhland und Silcher wurden mit Abendmusik ausgezeichnet.\nDas seit längerer Zeit angekündigte Erscheinen des Liszt'sehen\nClavier-Concertes hat nunmehr Statt gefunden. Das Werk ist\nvon der Haslinger sehen Hof-Musicalienhandlung in eben so sorgfäl-\ntiger als artistisch gelungener Ausstattung verlegt worden, und zwar\nin vollständiger Partitur zu dem Preise von 4 Fl., dann die Cia-\nvierstimme mit Begleitung eines zweiten Claviers als Remplacement\ndes Orchesters zu dem Preise von 3 Fl.\nst dien. Die Fest-Vorstellung der Oper „Robert der\nTeufel\" war von doppeltem Interesse, als der neue Intendant Frhr.\nv. Bose damit gleichsam debutirte und einen Vorgeschmack dessen\ngab, was man von seinem Kunstsinne und seinem feinen Geschmack\nzu erwarten hat. Die Oper war durchgehends brillant ausgestattet,\nzuvörderst in Bezug auf die Solo-Partieen. Herr Niemann sang den\nRobert, Herr Dalle Aste den Bertram, Frau Köster-Schlegel die Alice,\nFräul. Wildauer die Prinzessin. Schon in der Wahl dieser Kunst-\nPersönlichkeiten bewies der neue Intendant sehr viel Tact Die äus-\nsere Ausstattung war glänzend und geschmackvoll, ohne überladen\nzu sein.\nFrau de Fortuni hat Hamburg verlassen, um sich\nan den Rhein zu begeben und in den dortigen Bädern zu concertiren.\nDer hamburger „Th. Ch.\" wird aus Wien geschrieben: „Seit\neinigen Tagen durchzieht die theatralischen Kreise das Gerücht von\ndem bevorstehenden Rücktritt des bisherigen artistischen Directors\ndes Hof-Burgtheaters, Herrn Dr. Laube, als dessen Nachfolger der\nals Dichter bekannte k. k. Regierungsrath Freiherr von Münch-Bel-\nlinghausen (pseudonym Friedrich Halm) bezeichnet wrird. Wahr-\nscheinlich nur ein Gerücht!\nSalzfiaca'g. Unter dem dem Mozarteum in Salzburg zugekom-\nmenen Nachlasse der Gräfin Cavalcabo befindet sich auch* das\nDiplom der philharmonischen Gesellschaft in Bologna, welches Mo-\nzart in seinem 16. Lebensjahre von der gedachten Akademie erhielt,\nnachdem er in einer halben Stunde bei verschlossenen Thüren die\nihm zur Aufgabe gestellte vierstimmige Antiphonie ausgearbeitet\nh atte«\nFlotow's mecklenburgische Oper „Andreas kam zur\nEinweihung des grossherzoglichen Schlosses am 26. Mai in Schwe-\nrin zur Aufführung. Der Stoff ist dem Leben des Kanzlers Andreas\nMylius aus der Zeit Johann Albrecht's entnommen. Die Oper hat\nfür den mecklenburgischen Zuhörer einen besonderen Reiz, da eine\nReihe von Gesanges-Einlagen in plattdeutscher Mundart vorkommen.\nDie Aufnahme war zweifelhaft.\nAnthelm. Die deutsche Opern-Gesellschaft des Herrn v. We-\nsten setzt ihre Vorstellungen mit dem besten Erfolg und unter gros-\nsem Beifalle fort. Der Arnbeimer Courant meldet mit voller Befrie-\ndigung, dass die Gesellschaft zusammengestellt ist und tüchtig wirkt,\ndass die Direction das Mögliche thut, durch Wahl und Verdienst\nder Vorstellungen anzuziehen, und dass letztere mit jedem Abende\ngerundeter werden. Das Unternehmen verdiene die lebhafteste\nUnterstützung des Publicums. Gegeben wurde am 26. Mai „Der\nFreischütz*', am 2. Juni „Robert der Teufel\", am 4. eine Wieder-\nholung der „Hugenotten\", am 6. „Die Stumme von Portici\".\n9> e BI t § e Sie T o n Ii a 1 1\nDass uns auf das Preis-Ausschreiben vom Juni v. J. 39 Ope-\nretten-Texte in der bestimmten Zeit zugekommen sind, haben wir\nbereits im Januar d. J. angezeigt, und veröffentlichen wir nun hier-\nmit das Ergebniss der Eeurtheilung dieser Werke von Seiten deT er-\nwählten Preisrichter, der Herren Hof-Musik-Director L. Hetsch\nhier, Hof-Musik-Director C. A, Mangold in Darmstadt und könig-\nlicher Capellmeister W. Taubert in Berlin.\nDen Preis erhielt durch Stimmenmehrheit „Der Liebesring\" von\nDr. He rmann Th. Schmid in München zuerkannt; besondere\nBelobung durch zwei Stimmen: „Der Seeräuber\" von Friedr. Lich-\nterfeld, k. Hof-Schauspieler in Berlin; sodann je durch Eine Stimme:\n„Cambaspe\" von „Nichtgenannt\" (welcher das Manuscript dem Ver-\neine überlassen), „Das Schloss am Rhein\" von Ernst Pasque, Hof-\nOpern-Regisseur in Weimar, „Quintin Messis\" von Robert Knauer,\nStadtphysikus in Gotha, und Theobald Buddeus, Diaconus zu Wal-\ntershausen, auch: „Fröhlich Pfalz, Gott erhalt's\" von Franz Albert\nvon Mannheim (pseudonym).\nDie Rückgabe der Preisbewerbungen geschieht nur auf unmittel-\nbares Verlangen, wie solches in den Vereins-Satzungen (14 i) näher\nbezeichnet ist.\nMannheim, den 19. Mai 1857. Der Vorstand."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "201", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDas fünfunddreissigste niederrheinische Musikfest. 11. (Cantate von Bach, „Des Sängers Fluch\" von Rob. Schumann, ~Die\nKindheit Christi\" von H. Berlioz, Sinfonie von Schubert u. s. w.). Holle's Verlag von Clement! und C. M. yon Weber. Von E. K.\nTages- und Unterhaltungsblatt (Die Süddeutsche Musik-Zeitung über die Aufführung des Messias in Aachen Mainz, Erwide-\nrung Wiesbaden Salzburg Arnheirn Deutsche Tonhalle).\n\nDas 35. niederrheinische Musikfest.\nII.\n(S. I. Nr. 25.)\nDas Programm des zweiten Tages erregte durch die\nLänge der aufzuführenden Tonwerke von vorn herein Be-\ndenken. Man hatte Job. Seb. Bach mit der Cantate „Christ,\nunser Herr, zum Jordan kam\", an die Spitze gestellt; von\nihm aus gelangte man durch Fr. Schubert's C-dur-Sinfonie,\ndurch die Schumann'sche Ballade „Des Sängers Fluch\",\ndie Berlioz'sche Trilogie „Die Kindheit Christi\" bis zu den\nFestklängen von Fr. Liszt. Der Charakter dieser Werke\nist unendlich verschieden, und Mancher hätte nach seinem\nStandpunkte in dieser Folge eine gerade auf- oder abstei-\ngende Linie erkennen können. Abgesehen von der An-\nschauungsweise nach oben oder nach unten vermochten\nwir die Wahl der Werke für das Musikfest nicht glücklich\nzu nennen. Bach's Cantate besteht aus einem sehr langen\nfigurirten Choralsatze von neun Zeilen lür Chor, um wel-\nchen eine reich ausgearbeitete, in Vor- und Zwischenspie-\nlen sich entfaltende Orchester-Begleitung mit concertiren-\ndem Violin-Solo arabeskenartig sich schlingt. So interessant\nlür den Musiker diese Arbeit ist, so wenig ist sie geeignet,\nt i 4\ndie Menge eines Fest-Publicums anzuregen oder ihr ver-\nständlich zu sein; sie ist lür kleinen Chor, für kleines Or-\nchester, für einen beschränkten Raum gleichsam ein feines\nMiniaturbild geschrieben, und hat in diesen Schranken\nihre volle Wirkung. Vielleicht war es gerade das virtuosi-\nsche Element, welches zur Wahl Veranlassung gab und\nunter den unzähligen Werken Bach's etwas Grandioseres\noder Populäreres auszuführen verhinderte. Der Anfangs-\nChor ist der einzige Chor der Cantate; ihm folgt eine Arie\nlür Bass, deren trockener, didaktischer Text in der unge-\nschickten Form jener Zeit auch Job. Seb. Bach nicht be-\nsonders begeistert zu haben scheint, und welche, nur mit\nBasso continuo und durch Ziffern angedeutete Harmonie\nder Orgel begleitet, andeuten könnte, dass der Altmeister\nwenig Gewicht auf sie legte. Herr von Turanji hatte die\nOrgelbegleilung für Orchester arrangirt. Einem verbinden-\nden Recitativ folgt eine Arie lür Tenor, von einem Basso\nconlinuo und zwei Solo-Violinen accompagnirt, die mit ein-\nander theils in freieren, theils in canonisch sich folgenden\nImitationen ein Duett bilden, zu welchem die darunter lie-\ngende Singslimme und der Bass in ein ähnliches Verhält-\nniss treten, wie die unteren Stimmen eines Streich-Quar-\ntetts; der dunkele Hintergrund sanfter Orgel-Harmonieen\nwar auch hier Yom Orchester ersetzt. Das Ganze ist ein\nwahr empfundenes, geistreiches Cabinetsstück, höchst werth-\nvoll lür den Freund Bach'scher Musik, höchst interessant\nlür den Kenner von Bach's eigentümlicher Polyphonie,\nauch durchaus nicht undankbar lür einen wohlgeschulten\nSänger, aber entfernt von der überwältigenden Gelühlstiefe\neiniger Arien z. B. aus der Passion oder der klaren Innig-\nkeit anderer aus seinen übrigen Werken, daher nicht wohl\ngeeignet, auf ein Publicum zu wirken, das grossentheils\nBach gar nicht kannte. Wiederum folgt einem verbinden-\nden Recitativ eine Arie lür Alt, begleitet vom Streich-Quar-\ntett, mit dessen erster Violine zwei Oboi d'amore im Uni-\nsono gehen, ganz in Bach'scher polyphoner Weise und in\nseiner eigentümlichen Art gelühlsreichen Ausdrucks der\nWorte gehalten, doch ohne hervorragende, dem Laien im-\nponirende Schönheit. Die Cantate schliesst mit einem vier-\nstimmigen Choral. Man schien das Ungünstige dieser Grup-\npirung zu fühlen und halte daher den Schluss-Chor der\n21. Cantate: „Würdig ist das Lamm\" hinzugefügt, einen\njener wunderbaren und übermächtigen Chöre, die als ewige\nMuster des Chorstils da stehen. Dass man hierin einen\nglücklichen Griff gethan, bewies die erste Gesammt-Probe,"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "202", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01.1.2", "texte": "in der diese Nummer eine ausserordentliche Begeisterung\nunter den Mitwirkenden und dem Publicum hervorrief. Lei-\nder blieb ihr bei der Aufführung nicht der günstige Platz,\nund vereinzelt ganz an das Ende eines langen Concertes\ngesetzt, konnte sie keinen grossen Eindruck machen. Die\nSchubert'sche Sinfonie, welche trotz ihrer Länge so unend-\nlich viele Züge genialer Erfindung enthält, sahen wir auf\ndem Programm mit grosser Freude, mit Bedenken dage-\ngen die Ballade von Schumann. Das hinterlassene Werk\nhatte vor Kurzem bei seiner ersten Aufführung in Elber-\nfeld in einem kleinen Concertsaale, in Gegenwart zahlrei-\ncher Verehrer des Dahingeschiedenen, einen grossen Erfolg\ngehabt; dass man in der ersten Freude und von der Ver-\nöffentlichung zu einer Ueberschätzung kam, ist nicht unna-\ntürlich; es ist eine Pflicht der Rheinlande, alles mit Pietät\naufzuführen und zu begrüssen, was an hinterlassenen Com-\npositionen des so früh der Kunst entrissenen Meisters sich\nnoch vorfinden möchte; man wird dabei gewiss noch man-\nche Perle finden. Allein das Pfingstfest-Comite hatte bei\nder Wahl die Erfahrungen der letzten beiden Feste zur\nBenutzung, bei denen Paradies und Peri sowohl als auch\ndas Adventlied als unzweckmässig sich erwiesen; man hätte\nsich erinnern können, dass Paradies und Peri trotz seiner\ngrossen Schönheiten und der wundervollen Ausführung\ndurch Jenny Lind, als Ganzes, und zwar in Folge der An-\nordnung des Textes und der eigentümlichen Schreibweise\nSchumann's, nur einen Succes d'estime errang. Einer mas-\nsenhaften Aufführung gegenüber theilt das neue Werk die\nSchwächen mit Schumann's berühmtester Vocal-Compo-\nsition. Es ist die Uhland'sche Ballade, von Richard Pohl\ndurch Einlegung anderer Gedichte vergrössert und theil-\nweise dramatisirt, indem die handelnden Personen, das Kö-\nnigspaar und die beiden Sänger nebst Chor, an den betref-\nfenden Stellen selbstredend eingeführt werden. Jede Misch-\ngattung in der Kunst hat etwas Missliches, und diese Bal-\nlade, die nun weder eine echte Ballade noch ein Drama\nist, verführte in ihrer zweifelhaften Gestalt den Componisten\nzu jener Unentschiedenheit des Stils, zu einem\nreihen liederhafter Formen, zu einem Schwanken zwischen\nbeschreibendem Balladen-Tone und dem declamatorischen\nPathos, dem es sowohl an der wohlthuenden Einfachheit\neines echten Recitativs, als an der wirklichen Entfaltung\nder dramatischen Situationen gebricht. Nur wahrhafte Ge-\ngensätze zwischen scharfen und gegliederten Formen, wie\nsie die Oper und das Oratorium ausgebildet haben, sind\nim Stande, den grossen Rahmen eines längeren, für Chor\nund Orchester componirten Werkes auszufüllen; Monotonie\nerzeugt sich schon dadurch, dass die vorhandenen Kräfte\ndes Chors nicht gehörig benutzt werden; auch Schumann,\nso reich an musicalischer Erfindung, an süssen und ergrei-\nfenden Melodieen er ist, hat diese Formenschwäche nicht\nüberwunden, die dem ungetrübten Genüsse seiner grösse-\nren Vocalwerke entgegensteht. Sie bleiben ihrem Wesen\nnach sinnige, duftende Lieder und Balladen, in einen Strauss\nzusammen gebunden und mit dramatischen Scenen unter-\nmischt, werthvoll für den Gebrauch von Vereinen und\nkleinere Aufführungen, aber nicht verträglich mit der\nGrösse eines Musikfestes. In „Des Sängers Fluch\" ist der\nEingang und der vom Chor vorgetragene Schluss von er-\ngreifender, tragischer Schönheit; in der mittleren dramati-\nsirten Partie zeichnet sich eine Romanze in B-dur durch\neinschmeichelnde Melodie, ein kurzer Chor-Refrain, der\nden Freiheitsgesang der beiden Sänger wiederholt, durch\nhohen Schwung aus; die eingelegte Ballade des greisen\nBarden dagegen von den drei Schwertern, mit welchen in\nder Bearbeitung ein geheimes Verbrechen des Königs in\nein unerklärtes Verhältniss gebracht wird, das die Kata-\nstrophe herbeiführen hilft, ist weniger glücklich, die Figur\nder Königin tritt auf der einen Seite nicht genug hervor,\nauf der anderen verletzt die Ausführung des Verhältnisses\nzum Jüngling, ihr schwermuthvolles Klagen, das sich mit\ndem Liebesliede des Jünglings vermischt; der Zauber der\nUhland'schen Ballade liegt im Schweigen der Königin, wel-\nche einfach die Rose von ihrer Brust nimmt; sobald sie in\nTönen singt, die der Minne Sehnsucht nur leicht verhüllen,\nrechtfertigt sie die blutige That. Diese selbst mit dem Ent-\nsetzen des Chors ist im Schumann'schen Werke nur\nschwach markirt. Immerhin wollen wir die Wahl des Wer-\nkes nicht zu streng tadeln, war es doch von einem gros-\nsen vaterländischen Tondichter ein neues Werk.\nWas soll man aber zur Aufnahme der Trilogie von\nBerlioz sagen, die nirgends, vielleicht nicht einmal in Wei-\nmar, einen unbestrittenen Erfolg gehabt hat? Denn wenn\nvon einem solchen vor einigen Jahren in Paris die Rede\nwar, so gab es damals schon gewichtige Stimmen dagegen.\nIn der Revue des deux mondesfand sich ein scharfer Arti-\nkel, in welchem es unter Anderem heisst: „Der Text gibt\nder Musik an origineller Naivetät nichts nach. Das unglaub-\nliche Gewirr von Tönen und ohrenzerreissendem Geräusch\nzu beschreiben, womit Berlioz den ersten Theil seines My-\nsteriums illustrirt hat, müssen wir aufgeben; es ist zugleich\nkindisch und unsinnig.\" Und weiter hin: „ Wenn wir öfter\nauf Herrn Berlioz zurückkommen, so rührt das daher, weil\ner ein merkwürdiges Beispiel einer gewissen Art von In-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "203", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01.1.3", "texte": "dustrie ist, welche vorzugsweise unsere Zeit charakterfest,\nnämlich der Kunst, sich ausposaunen zu lassen. Seit zwan-\nzig Jahren discontirt er in seinem Feuilleton die Fiction\neines eingebildeten musicalischen Ruhmes, der nur in dem\nschwachen Gehirn einiger Freunde existirt. Jedes Mal, dass\ndas \"Wirkliche Publicum Gelegenheit gehabt hat, etwas von\nden närrischen Versuchen Berlioz1 zu hören, hat es sich\nUnter lautem Gelächter davon gemacht, wie man das denn\nauch wieder bei dem Concerte am 10. December gesehen\nhat.\"\" Der Correspondent der Niederrheinischen Musik-Zei-\ntung fügt hinzu: * Man sieht, dassScudo in der Hauptsache\nmit meinem Urtheil ganz übereinstimmt, und zur Steuer\nder Wahrheit muss man sagen, dass es noch eine grosse\nZahl von hiesigen Künstlern und Kritikern und Dilettanten\ngibt, die eben so denken; allein sie wagen nicht, es in öf-\nfentlichen Blättern auszusprechen, und so bleibt aus Schlaff-\nheit und 'Convenienz und Charakterlosigkeit das Feld den\nPosaunern, den Pröneurs überlassen*).\"\nDas Urtheil über Berlioz im Allgemeinen mag man\nbitter nennen, in Beziehung auf die Trilogie spricht es\nWahrheit. Wie kam es denn, dass man dieselbe zum\nMusikfeste vorschlug, nachdem der mittlere und zwar der\nallseitig als der beste bezeichnete Theil des Werkes in\neiner vortrefflichen Aufführung zu Köln complet durchge-\nfallen war?\nDas Werk kam schliesslich auch in Aachen nur theil-\nweise fcur Aufführung. Und dies hing folgender iMaassen\nzusammen. Als am Montag-Morgen die Schubert'sche Sin-\nfonie und die Festklänge von Liszt probirt waren und man\nzur Probe der Vocalwerke voranschritt, stellte es sich her-\naus, dass Herr Dalle Aste heiser geblieben war. Es war in\nAachen kein Sänger bekannt, der beide grosse Partieen in\nden Werken von Berlioz und Schumann so plötzlich hätte\nübernehmen können. Unter diesen Verhältnissen wurde die\nBereitwilligkeit des Herrn Musik-Directors Reinthaler von\nKöln, in der Trilogie die Bass-Partie zu übernehmen, wäh-\nrend er die Partie des Harfners in der Schumann'schen\nBallade, als seine Stimmlage überschreitend, ablehnen zu\nmüssen glaubte, dankbar anerkannt.\nDie Trilogie hatte schon am Freitag Nachmittags und\nAbends eine überaus lange und keineswegs glückliche Probe\nbestanden. Liszt hatte mit möglichster Sorgfalt um eine\ngute Ausführung sich bemüht; das fortwährende Unter-\nbrechen der Musik ist allerdings nicht geeignet, einen gün-\nstigen Eindruck hervorzubringen, und alle ersten Proben\nleiden unter diesen Verhältnissen; uns ist indessen kein\nFall bekannt, dass wie hier in dem langen Zeiträume meh-\nrerer Stunden kein belebter Moment als ein günstiges Zeug-\nniss für den Gehalt des Werkes gekommen wäre. Mit Ab-\nspannung folgte man von Nummer zu Nummer, und der\nlaute Ausbruch des Beifalles, der am Ende dem famosen\nTerzette für zwei Flöten und eine Harfe zu Theil wurde\n(wo man dem kleinen Jesuskindlein in Aegypten Musik vor-\nmacht), war offenbar ein ironischer. So war es nicht zu\nverwundern, dass am Montag Liszt's Ankündigung, man\nwolle Berlioz probiren, von dem Viele schon los zu sein\nglaubten, nicht eben mit Aufmunterung aeeeptirt wurde,\nund dass einsichtsvolle Männer auf den Gedanken kamen,\ndurch eine telegraphische Depesche an Herrn Schiefler in\nKöln, der in Elberfeld den Harfner gesungen halte, die\nMöglichkeit einer Aufführung der Schumann'schen Ballade\nanstatt Berlioz anzubahnen.\n1 ' ■ , ' •\nDie Hauptprobe begann bei überfülltem Hause; ihre Wir-\nkung war nicht günstiger, als die der ersteren. Das Werk be-\nginnt damit, dass in einigen Worten der Tenor die Stimmung\nder Völker zu jenem grossen Augenblicke erzählt, in dem sieb\ndas Heil der Welt entscheiden sollte. Es folgt ein langer In-\nstrumentalsatz, iund wir erwarten vielleicht eine musicali-\nsche Schilderung von der Geburt des himmlischen Rindes\noder sonst etwas derselben Würdiges. Wir trauen nicht\nunseren Obren, denn wir hören statt dessen den Marsch\neiner nächtlichen Strassen-Patrouille römischer Soldaten mit\nall dem instrumentalen Pomp Berlioz'scher Effecte, mit ver-\nschwindendem ppu. dgl., und zwar begleitet von einem\nDialog, der weniger nach einer als nach der\nWachtstube schmeckt; wahrlich, zwar nicht genial, aber\ndoch neu; und schon in diesem Stücke, dem nur das aller-\ni\ngenaueste Zusammenspiel einiges Interesse abgewinnen\nkönnte, wollte es gar nicht recht voran, und es verging\nkostbare Zeit. Es folgte die Scene des Herodes, „des lä-\ncherlichen Tyrannen\", der sein Schicksal beklagt, der den\nHirten beneidet und im Traume das Kind erblickt, das sein\nLeben gefährdet. Sie bot nichts Anziehendes; es kamen\ndie Magier, die dem Könige rathen sollten, und ihr mono-\ntoner Gesang in Quinten, weit entfernt, durch Originalität\nzu reizen, erschien nur in anspruchsvoller Hässlichkeit, nicht\nweil Quinten hässlich sind, sie können auch schön sein, son-\ndern weil sie hier geschmacklos angebracht waren. Die Be-\n\n*) Obige Bemerkungen sind in Nr. 52 des zweiten und in Nr. 2\ndes dritten Jahrgangs dieser Blätter abgedruckt, und zwar in\neinem Aufsatze unseres pariser Correspondenten, welcher der\nTrilogie bei ihrem Erscheinen eine ausführliche Besprechung\nwidmete. Die Redaction."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01.1.4", "texte": "schwörungen der Magier im Vi-Tacte konnte man eben so\nsonderbar als uninteressant nennen. So waren mit ihnen\nund dem Mordchor in Fis-moll die düsteren und traurigen\nScenen im Palast spurlos vorübergegangen; nicht mehr\nGnade fand das Duett zwischen Maria und Joseph, obwohl\nFrau von Milde mit Anmuth sang. Doch von erhabener\nEinfachheit zum Lächerlichen ist ja nur ein kleiner\nSchritt, und der Text zu dieser Scene hatte den Schritt\nwahrlich gethan. Diese Worte, weit eher kindisch als kind-\nlich zu nennen, hätten ganz anderer Musik bedurft, um\nihre Geschmacklosigkeit vergessen zu lassen. Irren wir\nnicht, so war es an dieser Stelle, wo die Schafe wirklich\n„bäen\". Es erscheint jetzt ein unsichtbarer Engelchor, um\ndie heilige Familie vor Gefahr zu warnen. Liszt verlor viel\nZeit in Befolgung der minutiösen Vorschriften, die Berlioz\nim äusseren Arrangement des Chors gegeben, und über\nDinge, welche die erste Probe oder der sichere Tact des\nDirigenten augenblicklich entscheiden musste ob nämlich\ndie Engel besser von einem hinten aufgestellten Separat-\nchor oder vom ganzen Damenchor gesungen werden soll-\nten, ward hin und her probirt. So schloss der erste Theil.\nWir meinten, dass die Berlioz'sche Musik, die uns ein Bild\nvon dem anmuthvollen Raphael'schen Stillleben der heiligen\nFamilie geben wollte, davon eben so weit entfernt geblie-\nben sei, als einige untergeordnete Versuche der modernen\nfranzösischen Malerei, die ohne den Geist der Kunst, ohne\nden Geist der Unschuld und Grazie, mit dem aufgesetzten\nHeiligenschein es fertig zu bringen glauben.\nDer zweite Theil ist weit kürzer, als der erste. Er\nenthält in der „Flucht nach Aegyptenu den ursprünglichen\nund bei Weitem am glücklichsten gegriffenen Kern der\nTrilogie. Eine Instrumental-Einleitung, die das Versammeln\nder Hirten bei der heiligen Familie ausdrückt, ist zwar\nnicht besonders schön, noch trotz des fehlenden Leit-Tones\nbesonders originel; auch hier, wie fast überall, hat Berlioz\näusserlich geschildert; er hat statt des geistigen Lebens die\nSchale und dasCostume lebhaft gezeichnet und diesmal die\nKlänge italiänischer Pifferari nachgebildet. Immerhin mag\nman das als ein nicht unangenehmes und auch interessantes\nSpielwerk gelten lassen. Die Hirten singen nun das Ab-\nschiedslied, eine einfache, vierstimmige Melodie, die sich in\ndrei Strophen wiederholt. Den ersten Zeilen konnte man\nden specifischen Berlioz nicht anhören er hatte auch aus\nGründen einer Mystification sich zu verläugnen gesucht*)\n—, sie konnten zwar nicht am Anfange des siebenzehnten,\nJahrhunderts, wohl aber im neunzehnten von jedem tüchti-\ngen Musiker componirtsein und wirkten durch ihre Einfach-\nheit und wohlthuende Natürlichkeit um so mehr, als man\nso lange danach geschmachtet hatte. Leider hat sich Herr\nBerlioz in diesem Stücke nicht consequent seiner selbst\nentäussert; denn in der sechsten und siebenten Zeile findet\nsich ein störender, gezwungener und recht hässlicher Ueber-\ngang nach G-dur, von dem Jemand sehr treffend sagte,\ndass er einem älteren Meister nicht einfallen konnte und\neinem neueren nicht einfallen sollte. Der zweite Theil\nschliesst mit der Schilderung der Ruhe der heiligen Fa-\nmilie, vom Tenor erzählt, dessen Recitativ am Ende in eini-\ngen Accorden ein Chor der Engel begleitet. Das ist ein-\nfacher und besser, als das Meiste in dem ganzen Werke;\nleider stört auch hier der geschmacklose Text, u. A. „Es\ngras't das Thier, das Kind schläft hier\" u. s. w.\nBis hieher war man mit der Probe vorangekommen.\nAllein im Hause selbst hatte sich inzwischen eine bemer-\nkenswerthe Veränderung zugetragen. Während das Pu-\nblicum sich Anfangs so drängte, dass Viele nicht hinein-\nkommen konnten, lichteten sich die Reihen der Sperrsitze\nund der Logen mehr und mehr, die Theilnahmlosigkeit der\nDableibenden hätte nicht grösser sein können; auch von\nden Sängern suchten manche zu entkommen. Liszt selbst\nwar seit einiger Zeit nachdenklich und schweigsam beim\nDirigiren. Plötzlich hob er die Probe des Berlioz'schen\nWerkes auf und nahm das Schumann'sche eilig vor, obwohl\nfür Berlioz die Solosänger vorhanden waren, ein Erschei-\nnen aber des Harfners von der unwahrscheinlichen Gene-\nsung eines Kranken oder dem eben so unsicheren Eintref-\nfen eines Ersatzmannes aus Köln abhängig blieb.\nSo gross aber war die Macht der schweigenden Ver-\nurteilung durch das Publicum und die Mitwirkenden, dass\nauch Liszt nicht den Muth zu haben schien, dieselbe noch\nauf eine stärkere Probe zu stellen. Die Freunde Berlioz'-\nscher Musik werden dies Motiv vielleicht nicht zugestehen;\nwenigstens hat man bei einer Erklärung des Factums Ent-\nschuldigungen in der Combination äusserer Umstände ge-\nsucht; die einen hiervon sind aber nicht stichhaltig, die\nanderen sprechen nicht für die geschickte Behandlung die-\nser Angelegenheit. Denn wenn Herr Reinthaler schliesslich\nauf die Bitten Liszt's hin die Partie des Harfners zu über-\nnehmen sich bewegen liess, und sich hierbei ganz gut aus\nder Sache zog, so würde er gewiss durch Ausführung der\nihm bequemer liegenden Partieen des Hausvaters und des\nHerodes der Trilogie so wenig geschadet haben, als ihr\nHerr Dalle Aste nützen konnte. Wenn aber das Werk\n\n*) Siehe Kölnische Zeitung, Briefe von Ferdinand Hiller."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01.1.5", "texte": "wirklich zu lang oder für das Fest unpraktisch war, so\nhätte Liszt nicht erst nach Vergeudung so vieler Mühe zu\ndieser Einsicht kommen müssen; wenn es ihm dagegen\nnicht an und für sich zu lang, sondern nur der Kürze der\nZeit wegen unausführbar schien, so lag das nicht an den\nvorzüglichen Kräften der rheinischen Chöre und Orchester,\ndie unter geschickten und erfahrenen Steuerleuten noch\nimmer zum Ziele kamen: es hätte dann daran gelegen,\ndass Liszt es nicht verstand, die gegebene Zeit der Probe\nwahrhaft zu benutzen, dass er es versäumte, durch ein-\nsichtsvolles Dirigiren den Fehlern vorzubeugen, anstatt die-\nselben mit unendlichem Zeitverluste hinterher zu verbessern.\nDie Aufführung am Abende war das ziemlich genaue\nResultat der Probe. Das Programm lautete nun: Cantate\nvon Bach, ohne den Schluss von Nr. 21 ; Symphonie von\nSchubert; Ballade von Schumann (obwohl eine Viertel-\nstunde vor Beginn des Concertes es unentschieden war,\nwer die eine Bass-Partie wohl singen werde); Festklänge\nvon Liszt; der kleine, mittlere Theil der Trilogie und am\nSchlüsse der einzelne Chor: „Würdig ist das Lamm\", von\nBach. Herr Schieffer telegraphirte jetzt, er könne nicht\nkommen, Herr Dalle Aste liess sagen, er könne nicht sin-\ngen, und so kam es denn auf den Zufall hinaus, dass Herr\nReinthaler sich im letzten Augenblicke entschloss, die Par-\ntie des Harfners u. s. w. auszuführen. ln dem ersten\nChor von Bach kam das Violin-Solo zu keiner rechten\nWirkung, theils da es solchen Massen gegenüber überhaupt\nnicht concipirt war, theils da die Orchester-Begleitung es\nan der nöthigen Accuratesse fehlen liess. Herr Siriger\nspielte vortrefflich, auch der Chor that seine Schuldigkeit,\ndoch fehlte das wahre Ineinandergreifen, es fehlte der mu-\nsicalische Fluss.\nDie folgende Bass-Arie fiel aus; die Tenor-Arie wurde\nvon den concertirenden Violinen (die Herren Singer und\nStör aus Weimar) sehr schön begleitet. Herr Schneider\nwar ausgezeichnet bei Stimme, er überwand glücklich die\nhohe Lage der Composition und sang mit edler Wärme\nund Innigkeit; der Beifall würde noch grösser gewesen sein,\nwenn die gleichsam in sich verschlossene Welt der Bach'-\nschen Musik, deren Zaubergärlen sich nur denen öffnen,\ndie in sie hineindringen, dem Publicum zugänglicher gewe-\nsen wäre. Fräul. A. T. erhielt nach dem schönen Vortrage\nihrer schwierigen Alt-Arie ehrenden Beifall. Das Publicum\nschien nach dem Choral den Schluss-Chor zu erwarten;\ndie Aufnahme des Ganzen war nicht lebhaft. Dass man in-\ndessen entschlossen war, mit Freuden das aufzunehmen,\nwas der Empfindungsweise nahe lag, bewies der stürmische\nBeifall, den die Sinfonie von Schubert hatte. Sie wurde mit\nRecht ohne Wiederholung gespielt. Wenn in dem ersten Satze\nes den Crescendo's auch an Gleichmässigkeit fehlte, wenn\njene so wirkungsvolle feine Behandlung des Piano vermisst\nwurde, so war Feuer und Schwung andererseits nicht ab-\nzDsprechen; namentlich wirkte der letzte Satz mit seinen\nprächtigen Themen, die in der kolossalen Besetzung wun-\ndervoll klangen, mit ausserordentlicher Macht, er riss das\nPublicum zu den anhaltendsten Bezeugungen lauten Bei-\nfalls hin.\nIn Schumann's Ballade trat zuerst die anmuthigo Ro-\nmanze für Tenor mit Harfen-Begleitung hervor. Sie wurde\nvon Herrn Göbbels mit angenehmem Vortrage und mit\neiner Stimme ausgeführt, deren jugendlicher und sanfter\nTimbre zu dem Charakter des Troubadonr so wohl passt;\nvon Frau Pohl aus Weimar vortrefflich accompagnirt, ward\ndieses schöne Lied auf das wärmste applaudirt.\nDie übrigen Nummern bieten wenig Einschnitte dar,\nwelche dem Publicum Gelegenheit geben, über seine Em-\npfindungen sich auszudrücken; ausgezeichnet wurde noch\ndas Duett des Harfners und des Jünglings, als sie die Frei-\nheit besingen, und worin namentlich das Einfallen des Chors\nin die Schlusszeilen, so wie die Wiederholung von grosser\nWirkung waren. Die Ausführung des Ganzen liess Vieles\nzu wünschen übrig—wie hätte es nach einer solchen Probe\nbesser sein können? Namentlich drückte das Orchester\ndurch allzu starkes Accompagniren auf die Soli, und der\nHöhepunkt der Entwicklung, wenn der begeisterte Jüng-\nling die Königin seine Liebe errathen lässt, ward unter\ndem Tremolo der Violinen verwischt; um so weniger konnte\ndie schon in der Composition nur leichthin ausgelührte Ka-\ntastrophe zur Gellung kommen. Der grauenvolle Fluch des\nSängers und die plötzliche Erfüllung, die in langsam dahin-\nschwebender klagenderWeise vom Chor erzählt wird,ergreifen\ndurch ihre musicalische Schönheit; doch lag es in der Na-\ntur der Sache, dass dieser Schluss nicht zu lautem Beifalle\naufforderte. Die Partie der Königin wurde von Frau von\nMilde ausgeführt; sie bot nicht viel Veranlassung znr Ent-\nfallung der Gesangeskunst, eben so wenig die des Königs,\ndie Herr Ackens aus Aachen übernommen halte, ein Di-\nlettant, oder sagen wir nur ein Künstler, der sich durch die\nvortreffliche Leitung des Männergesang-Vereins Concordia\ngrosse Verdienste um die Pflege des Gesanges erwirbt und\ndessen Solo-Vorträge dort sowohl, als auch in den ande-\nren Concerten in vieler Beziehung höchst schätzenswerthe\nsind."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01.1.6", "texte": "Der zweite Theil begann mit den Festklängen von\nLiszt. Wir wollen, indem wlir eine ausführlichere Bespre-\nchung des Werkes uns Vorbehalten, hier nur bemerken,\ndass der Cofnponist mit der Ausführung seines Werkes\nzufrieden sein konnte, das in seinem verschiedenen Tempo-\nwechsel, den unerwarteten rhythmischen und melodischen\nFiguren vielfache Schwierigkeiten zu überwinden bietet,\nund dass er am Ende desselben eine entschiedene Ovation\nSeitens der Mitwirkenden und auch des Publicums erhielt.\nIn wie weit sie dem anwesenden Fest-Dirigenten galt und\nwie viel davon auf den Eindruck des Werkes kam, wollen\nwir nicht entscheiden; jedenfalls war der äusserst lebhafte,\n•an Abwechselung der Klänge reiche und äusserlich glän-\nzende Charakter des Werkes ein anregender Gegensatz\nzur Schumann'schen Ballade.\nDen Festklängen folgte das kurze Mittelstück aus der\nTrilogie von Berlioz. Der Chor trug das Lied, namentlich\ndas ppder dritten Strophe, recht schön vor; Herr Schnei-\nder bemühte sich mit all seinem Talente, durch einen wür-\ndigen und feinen Vortrag die Worte des Textes zu unter-\nstützen ; das Publicum blieb theilnahmlos: ein schwacher\nVersuch des Beifalls wurde mit bemerkbarem Zischen be-\ngleitet.\nDen Beschluss machte der kurze Chor vön Bach, der\nvom übermüdeten Publicum nicht mehr mit der Wärme\naufgenommen werden konnte, mit der man ihn in der Probe\nbegrüsst hatte.\n\nAus Holle’s Verlag\n\nsind abermals vier Bände voll Musik in die Welt ausge-\ngangen, zwei Clementi, zwei C. M. v. Weber. In der Ein-\nleitung zu Weber's Werken findet sich eine juristische\nVerwahrung gegen die Ansprüche des älteren Verlegers\nSchlesinger. Da die Sache hier einmal öffentlich zur\nSprache kommt, welche bereits anderswo im Stillen das\nIhre gewirkt hat, so sind auch wir genöthigt, Partei zu\nnehmen. Vollkommen einstimmig mit Holle sind wir in dem\nallgemeinen Grundsatze, classische Werke, die nicht durch\nbesondere Rechtshandlungen Privat-Eigenthum geworden\nund geblieben, für den grossen Verkehr zu erobern, zu-\nmal in solchem Falle, wo, wie hier, der ältere Verleger\nsein Monopol nach Herzenslust in selbstgesetzten Preisen\nausbeutet. Darin ist Schlesinger gleich dem verstorbenen\nCotta einzig in seiner Art. Wie Cotta, durch Schiller und\nGöthe reich geworden, erst nach wiederholentlich drohen-\nder Concurrenz die wohlfeilen, löscbpapiemen Ausgaben zu\nveranstalten !sic?h herabliess (die Erben haben -endlich\nbesseres Papier dazu gethan mit leidlichen, theils etmässig-\nteh, tbeils erhöhten Preisen) —, so ist dem Sehlesinger\nund manchem Anderen nicht anders beizukommen als durch\noffenherzig ausgesprochene, berechtigte ConcUrrenz. We-\nber's Oberön 'zu 6% Thlr., Bach's Matthäus'-Pas-\nsion zu 7% Thlr. im Clavier-Auszug, zu 18 Thlr. in der\nPaVtitur, Gäbrieli zu 10 Thlr. (2 Bde. Text mit 450\nS., Notefi mit 150 S.) das sind Preise, die mit gewöhn-\nlichem Menschenverstände zu begreifen unser eins nicht\nvermag. Geben wir auch vollkommen zu, dass füt* grosse\nUnternehmungen bei grossem Risico auch anständige Preise\nden Unternehmer decken müssen und dass in einer grösse-\nren Verlagshandlung mancher Verlust an flauen Artikeln\ndurch den Gewinn an gangbaren auszugleichen ist, so er-\nklärt doch diese billige Erwägung keineswegs alle Schle-\nsinger'schen Preis-Courante, da z. B. im musicalischen Ge-\nbiete Breitkopf, Simrock, Schott, Andre, im literarischen\nHahn in Hannover, Reimer und Wohlgemuth in Berlin den\nAnstand mit Bescheidenheit verbinden. Man vergleiche nur\nstatt aller die Preise der trefflichen Clavier-Auszüge Mo-\nzart'scher Opern und Händel'scher Oratorien mit denen\nder Weber'schen. Bis uns eine kundige Hand 'durch be-\nglaubigte Notizen eines Besseren belehrt, halten wir daran\nfest, dass hier ein berechtigter Krieg des kleinen gegen\ndas grosse Capital Statt findet, mögen auch Signor Schle-\nsinger und Consorten ausrufen:\npopulusme sib\n<L\nipse domi, simulac nummos\n(Hör. Sat. 1. 1, 66.)\nDaneben dürfen wir aber auch den jüngeren Aufstreben-\nden ins Gedächtniss rufen, dass sie die feine Linie zwischen\nRecht und Billigkeit stets vor Augen halten und nicht über\ndie Gränze flattern, wo es gehen möchte wie mit Ikarus,\nda er dem verführerischen Gold der Sonne zuflog und ver-\nbrannte elendiglich. Das gesammte Rechtsverhältniss ge-\ntrauen wir uns nicht zu beurtheilen; daher auch etwaige\nVorschläge zur Vervollständigung der Gesetze über den\nSchutz literarischen Eigenthums uns nicht zustehen. Sicher-\nlich aber wird jeder wohldenkende Unbefangene einstim-\nmen, dass einerseits 100—1000 jährige Privilegien so\nunbillig wie unausführbar sind, andererseits aber ein ver-\nnünftiger Schutz gegen Freibeuter und Wegelagerer dem\nallgemeinen Wohlstande wie dem Rechtsgelühl gleich un-\nentbehrlich ist."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01.1.7", "texte": "Doch genug von diesen AeusserHchkeiten. An Holle\nnun, dem wolfenbütteler Unternehmer, rühmen wir die\nMannigfaltigkeit und Wohlfeilheit seiner Ausgaben. Hier\nund da müssten sie correcter sein; auch ist uns aufgefallen,\ndass die Clavier-Auszüge der Weber'schen Ouvertüren,\nwelche keineswegs wörtliche Abdrücke der Schlesinger'-\nschen sind, nicht immer die schönste und edelste Fassung\ngeben. So z, ß. die Ouvertüre zum Freischütz; sie ist\nin Weber's Original-Arbeit ein unübertreffliches Meister-\nwerk von Clavier-Auszug. Dagegen fällt die Holle'sche\nzweihändige merklich ab; die vierhändige ist genügend.\n» - 4\nDass alle Ouvertüren doppelt gegeben, zu zwei und zu\nvier Händen, ist dankenswert!); die Jugend-Arbeiten: Syl-\nvana und Abu Hassan, möchte freilich leicht entbeh-\nren, da sie ziemlich gehaltlos sind. Dagegen ist es er-t\nwünscht, die mancherlei Ciaviersachen hier in zwei statt-\nliehen Bänden auf Einem Fleck zu sehen. An ihnen zeigt\nsich sowohl der Zeitgeist als Weber's specifischer Geist\nbewährt, indem die grosse Sonate mit ihrer weilfaltigen\nGliederung ihm weniger gelingt, gleich Chopin, als die\nceaux de salon;man vergleiche die vier mit\nden zwei köstlichen Polonaisen u. s. w.\nDie zwei letzten Bände von Clementi enthalten Cia-\nviersachen zu zwei und zu vier Händen. Von den ersteren\nist wohl die in A-dur, Nr. 55, Op. 50, die vorzüglichste;\ndie übrigen haben meist hübsche Finales, während ihre\n(ersten) Hauptsätze gewöhnlich zu lang sind. Dieses hängt\nmit der Grund-Eigenthümlichkeit Clementi's zusammen; sie\nist mehr auf formelle Rundung und glatte Eleganz gerich-\ntet, als auf Tiefe; und eben weil es ihm. an herzerschüt-\nternder Leidenschaft fehlt, so ist seine Wirkung minder\ngross und er selbst desshalb mehr, als billig, vergessen.\nWer ihm aber aufmerksam nachgeht, der findet manch\nBlümchen am Wege, manch Veilchen am Bache; gewiss\naber findet er Treue und Milde, wie sie auch das wohlge-\nlungene Portrait in schönem Stich vor dem Titel des drit-\nten Bandes darstellt; ein lieblich väterlicher Zug darin ge-\nwinnt uns doch und gemahnt an eine gewisse Verwandt-\nschaft mit Vater Haydn.\nDie dem dritten Theile vorangehende Lebensbeschrei-\nbung Clementi's von Döring ist fast einerlei mit der in\nSchilling's Cniversal-Lexikon, welche L. R. unterzeichnet\nist; sie geht nirgends in die Seele, gibt keinen Aufschluss\nüber das Innere, den Gedanken-Inhalt, die künstlerische\nBegabung, sondern erzählt den äusseren Lebensverlauf\nnach dem Muster der allen\ngesti. Die Beschreibung von C. M. Weber's Leben\nhat derselbe Verfasser, Döring, sorgfältiger gehalten und\ngibt darin manche schöne und neue Aufschlüsse; doch ist\ndaneben die, wenn auch nicht geistvoll erzählte, in Schit-\nling's Wörterbuch noch immer als Ergänzung zu beachten.\nSchliesslich erneuern wir die Bitte, es möge doch\nKönig des alten Ciavierspiels, Scarlatti, reckt bald durch\nunseren rührigen Verleger dem grossen Publicum zugäng-\nlich gemacht werden, wenn nicht buchhändlerische Beden-\nken widerstehen; künstlerische Bedenken werden schwer-\nlieh Statt finden.\n. , * > A • • * f ; > . 1 ♦\n\nE. K.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nF1 ot o w hat vom Könige von Preussen den Rothen Adler-Orden\n111. Classe, und Joachim, vom Könige von Hannover die grosse\ngoldene Ehren-Medaille für Kunst und Wissenschaft erhalten.\nDer Violin-Virtuose F. Laub ist vom Könige von Preussen zum\nKammer-Virtuosen ernannt worden.\nt • i * •% ir +\\\nDer Referent der Süddeutschen Mu s ik-Zei tu ng sagt über\ndie Aufführung des Messias in Aachen unter Anderem: ~In Proben\n.\" 0 * '' \" • f ■\" r »• r\nund Aufführung war nicht zu verkennen, dass Liszt Kälte und\nGleichgültigkeit dem Werke gegenüber zur Schau trug. Die Unsi-\ncherheit in Angabe der Tempi, das ewige Schwanken in denselben,\ntheilweises Jagen od,er Schleppen zeigten zur Genüge, dass Liszt\nhier nicht zu Hauss. Dass bei solchem Stande <Jer Dinge von einer\nfeineren Ausführung nicht die sein konnte, ist natürlich.\nSchliesslich noch die Bemerkung, dass der Messias, so gute Kräfte\nauch hier vereinigt waren, nicht die begeisternde Wirkung machte,\nderen er fähig ist. Die Gründe hierzu liegen in diesen Zeilen offen\nda. Wir kennen wenig Werke, bei denen der ganze innere Mensch\nso in Anspruch genommen wird bei der Ausführung, wie gerade\nbeim Messias. Ein Werk, das in einer lebenskräftigen Anschauung\ndes Christenthums wurzelt, dessen Schöpfer hier seil} Bestes nach\neinem reichen Leben voll Erfahrung und ausgezeichnet durch männ-\nliche Würde und Festigkeit niedergelegt hat, verlangt auch bei al-\nlen Ausführenden volle Kraft und Hingebung und die war eben\n* ' '\nnicht überall da, namentlich nicht bei dem Dirigenten, der meist\nnur den Tactschläger abgab.\"\n*** us Mainz. Der in Nr. 21 Ihres geschätzten Blattes auf-\ngenommene Bericht über hiesige musiealisehe Verhältnisse hat in\nNr. 22 der hier erscheinenden Süddeutschen Musik-Zeitung eine Er-\nwiderung hervorgerufen, die nicht geeignet sein dürfte, den unbe-\nfangenen Leser vom Gegentheil unserer Behauptungen zu überzeu-\ngen. Der Ton derselben, dem man nicht selten dann begegnet, wenn\nes dem Widersacher an überzeugenden Thatsadien gebricht, über-\nhebt uns einer längeren Entgegnung, da wir mit ähnlichen Waffen\nzu kämpfen nicht gewohnt sind. Die Thatsache des Ignorirens ehren-\nwerther musicalischer Bestrebungen am hiesigen Orte steht fest. Die\nEntschuldigung, dass der hiesige Kunstverein keine öffentlichen\nConeerte gebe, ist nicht stichhaltig; denn wie sollten die Leistungen\neines Vereins, welcher die Anzahl von beiläufig 700 Mitgliedern aus"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570627-01.1.8", "texte": "der intelligentesten Classe der Einwohnerschaft von Mainz umfasst,\neiner öffentlichen Besprechung desshalb unwerth sein, weil sein Pu-\nblicum eine geschlossene Gesellschaft bildet? Derselbe Fall findet\nja auch bei der Liedertafel Statt! Wir könnten noch manche Be-\nlege für unsere Behauptung anführen, z. B. die Orgel-Concerte der\nHerrn Lux, die Aufführung des Oratoriums ~Der Jüngling von\nNaim\" von Lindpaintner, die jährlichen Concerte unserer braven\nVioloncellisten (von denen das des Herrn Horn, weil Mitglied der\nLiedertafel und guter Tenor, regelmässig besprochen, das des Herrn\nFrisch regelmässig ignorirt wird) u s. w., beschränken uns aber\ndarauf, die Süddeutsche Musik-Zeitung um Belege für ihre Be-\nhauptung zu bitten, es sei durchaus nicht das Verdienst des Capell-\nmeisters Lux,, die Ruy-Blas-Ouverture, die Eroica-Sinfonie u. s. w.\nzum ersten Male mit dem hiesigen Orchester zur Aufführung ge-\nbracht zu haben.\nDas diesjährige Liederfest des schwäbischen Sängerbundes wurde\nin Tübingen abgehalten. Gegen 1500 Sänger hatten sich betheiligt.\nUhland und Silcher wurden mit Abendmusik ausgezeichnet.\nDas seit längerer Zeit angekündigte Erscheinen des Liszt'sehen\nClavier-Concertes hat nunmehr Statt gefunden. Das Werk ist\nvon der Haslinger sehen Hof-Musicalienhandlung in eben so sorgfäl-\ntiger als artistisch gelungener Ausstattung verlegt worden, und zwar\nin vollständiger Partitur zu dem Preise von 4 Fl., dann die Cia-\nvierstimme mit Begleitung eines zweiten Claviers als Remplacement\ndes Orchesters zu dem Preise von 3 Fl.\nst dien. Die Fest-Vorstellung der Oper „Robert der\nTeufel\" war von doppeltem Interesse, als der neue Intendant Frhr.\nv. Bose damit gleichsam debutirte und einen Vorgeschmack dessen\ngab, was man von seinem Kunstsinne und seinem feinen Geschmack\nzu erwarten hat. Die Oper war durchgehends brillant ausgestattet,\nzuvörderst in Bezug auf die Solo-Partieen. Herr Niemann sang den\nRobert, Herr Dalle Aste den Bertram, Frau Köster-Schlegel die Alice,\nFräul. Wildauer die Prinzessin. Schon in der Wahl dieser Kunst-\nPersönlichkeiten bewies der neue Intendant sehr viel Tact Die äus-\nsere Ausstattung war glänzend und geschmackvoll, ohne überladen\nzu sein.\nFrau de Fortuni hat Hamburg verlassen, um sich\nan den Rhein zu begeben und in den dortigen Bädern zu concertiren.\nDer hamburger „Th. Ch.\" wird aus Wien geschrieben: „Seit\neinigen Tagen durchzieht die theatralischen Kreise das Gerücht von\ndem bevorstehenden Rücktritt des bisherigen artistischen Directors\ndes Hof-Burgtheaters, Herrn Dr. Laube, als dessen Nachfolger der\nals Dichter bekannte k. k. Regierungsrath Freiherr von Münch-Bel-\nlinghausen (pseudonym Friedrich Halm) bezeichnet wrird. Wahr-\nscheinlich nur ein Gerücht!\nSalzfiaca'g. Unter dem dem Mozarteum in Salzburg zugekom-\nmenen Nachlasse der Gräfin Cavalcabo befindet sich auch* das\nDiplom der philharmonischen Gesellschaft in Bologna, welches Mo-\nzart in seinem 16. Lebensjahre von der gedachten Akademie erhielt,\nnachdem er in einer halben Stunde bei verschlossenen Thüren die\nihm zur Aufgabe gestellte vierstimmige Antiphonie ausgearbeitet\nh atte«\nFlotow's mecklenburgische Oper „Andreas kam zur\nEinweihung des grossherzoglichen Schlosses am 26. Mai in Schwe-\nrin zur Aufführung. Der Stoff ist dem Leben des Kanzlers Andreas\nMylius aus der Zeit Johann Albrecht's entnommen. Die Oper hat\nfür den mecklenburgischen Zuhörer einen besonderen Reiz, da eine\nReihe von Gesanges-Einlagen in plattdeutscher Mundart vorkommen.\nDie Aufnahme war zweifelhaft.\nAnthelm. Die deutsche Opern-Gesellschaft des Herrn v. We-\nsten setzt ihre Vorstellungen mit dem besten Erfolg und unter gros-\nsem Beifalle fort. Der Arnbeimer Courant meldet mit voller Befrie-\ndigung, dass die Gesellschaft zusammengestellt ist und tüchtig wirkt,\ndass die Direction das Mögliche thut, durch Wahl und Verdienst\nder Vorstellungen anzuziehen, und dass letztere mit jedem Abende\ngerundeter werden. Das Unternehmen verdiene die lebhafteste\nUnterstützung des Publicums. Gegeben wurde am 26. Mai „Der\nFreischütz*', am 2. Juni „Robert der Teufel\", am 4. eine Wieder-\nholung der „Hugenotten\", am 6. „Die Stumme von Portici\".\n9> e BI t § e Sie T o n Ii a 1 1\nDass uns auf das Preis-Ausschreiben vom Juni v. J. 39 Ope-\nretten-Texte in der bestimmten Zeit zugekommen sind, haben wir\nbereits im Januar d. J. angezeigt, und veröffentlichen wir nun hier-\nmit das Ergebniss der Eeurtheilung dieser Werke von Seiten deT er-\nwählten Preisrichter, der Herren Hof-Musik-Director L. Hetsch\nhier, Hof-Musik-Director C. A, Mangold in Darmstadt und könig-\nlicher Capellmeister W. Taubert in Berlin.\nDen Preis erhielt durch Stimmenmehrheit „Der Liebesring\" von\nDr. He rmann Th. Schmid in München zuerkannt; besondere\nBelobung durch zwei Stimmen: „Der Seeräuber\" von Friedr. Lich-\nterfeld, k. Hof-Schauspieler in Berlin; sodann je durch Eine Stimme:\n„Cambaspe\" von „Nichtgenannt\" (welcher das Manuscript dem Ver-\neine überlassen), „Das Schloss am Rhein\" von Ernst Pasque, Hof-\nOpern-Regisseur in Weimar, „Quintin Messis\" von Robert Knauer,\nStadtphysikus in Gotha, und Theobald Buddeus, Diaconus zu Wal-\ntershausen, auch: „Fröhlich Pfalz, Gott erhalt's\" von Franz Albert\nvon Mannheim (pseudonym).\nDie Rückgabe der Preisbewerbungen geschieht nur auf unmittel-\nbares Verlangen, wie solches in den Vereins-Satzungen (14 i) näher\nbezeichnet ist.\nMannheim, den 19. Mai 1857. Der Vorstand."}]}