{"numero_id": "bm-bmtnabi-1857-08-22-01", "volume": "bmtnabi_1857-08-22_01", "ocr_sha256": "c991d35fd7af06448f1c000d8c243c92d92786b5695a1a849be77a8711c0f507", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1857/08/22_01/bmtnabi_1857-08-22_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1857-08-22-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-08-22_01#c001", "volume": "bmtnabi_1857-08-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "265", "page_fin": "265", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "265", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 431, "texte": "Inhalt.\nAesthetik der Musik. Von Dr. Friedr Theod. Vischer. 11. Emilie Zumsteeg (Nekrolog). Das erste pommer'-\nsehe Provineial-Gesangfest zn Stettin. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Verleihung der Corporationsrechte an den kölner\nMännergesang-Verein, Soiree zu Ehren des Prinzen von Wales, Heinrich Marschner Vom Rheine, Coneert in Coblenz Liszt's neue\nOpern Dresden, J. W. v. Ehrenstein, F. 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Vischer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "265", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.1.1", "debut_caractere": 433, "fin_caractere_exclue": 3941, "texte": "Aesthetik der Musik.\nVon Dr. Friedr. Theod. Vischer.\nII.\n(S. I. Nr. 33.)\nAm Schlüsse der Untersuchungen über das Wesen\nder Musik, in welchem die Ansichten früherer Aesthetiker,\n„wie Kant, Solger, Hand, Hegel, theils neue Begründung,\ntheils Berichtigung finden—bis zu Leibnitzens geistreichem\nAusspruch hinauf: Musica est\ntum nescientis se nutnevore (inimi*) enthält der §. 764\nmit seiner Erläuterung noch folgende treffende Darstellung\nder zweiseitigen Natur der Tonkunst:\n„Aus der Gesammtheit der Grundbestimmungen über\ndas Wesen der Musik überhaupt ergibt sich der wesent-\nlich amphibolische Charakter, welcher der Musik in\nVergleichung mit den anderen Künsten eigen ist. Sie ist\ndas Ideal selbst, die blossgelegte Seele aller Künste, das\nGeheimniss aller Form, eine Ahnung weltbauender Gesetze\n•und eben so sehr das verflüchtigte, unentfaltete Ideal; sie\nhat Alles und Nichts, ist sinnlich und unsinnlich, eine Quelle\nhohen und reinen Genusses, die doch Vielen völlig ver-\nschlossen ist, Alle ermüdend, wenn sie ein bescheidenes\nMaass der Dauer überschreitet, durch ihren inneren Man-\ngel zum Anschluss an das Wort getrieben und dann un-\nselbstständig, in ihrer reinen Selbstständigkeit aber von\neinem Gefühle begleitet, wie ein ungelös'tes Räthsel.\n„Wir haben bereits in der Grundlegung des gegen-\nwärtigen Gebietes dessen eigentümliche Zweiseitigkeit als\nwesentlichen Charakter aufgestellt. Uebersieht man nun,\nwm über das Gefühl gesagt ist, so bewährt sich nach allen\nSeiten an ihm, als der Form, welche dieses Gebiet schafft,\ndieser Charakter der Amphibolie. Es ist sinnlich und un-\nsinnlich, unterschiedslos und doch reich an inneren Unter-\nschieden, objectlos und lässt doch das Object ahnen u. s.\nw. Die ausdrückliche Hervorhebung haben wir aber bis zu\nder Stelle aufgeschoben, wo bereits auch das Wesentliche\nder Darstellungsmittel zur Sprache gekommen ist und wo\nnun dieser Begriff auf das Ganze der Kunstform seine klare\nAnwendung findet. Der hohe und reine Werth derselben\nwird durch das wissenschaftliche Prädicat der Amphibolie\nnicht heruntergesetzt; die Musik ist eine volle und ganze\nKunst für sich, hat das ganze Schöne in ihrer Weise. Allein\nkeines Dinges Vollkommenheit wird ohne Gefühl seiner\nMängel und Gränzen betrachtet; dieses Gefühl weis't im\nGebiete der Kunst von jeder einzelnen hinüber zu den an-\nderen Künsten, welche das Erscheinende von anderer Seite\nerfassen und jene Mängel ergänzen; die Wissenschaft aber,\nwelche das Ganze der Künste vergleichend im Auge hat,\nerhebt es zum Begriff. Und dieses Gefühl muss allerdings\nin der Musik stärker sein, als in den anderen Künsten, mit\nAusnahme der Architektur, deren eigenthümliche Ver-\nwandtschaft mit der Musik im Folgenden ausdrücklich zu\nbesprechen ist; die höchste Befriedigung wird mit einer\nEmpfindung wie eines Sinkens ins Bodfnlose oder eines\nVerschwebens ins Weite, einer dunkeln Sehnsucht nach\neinem Halt, einem Festen begleitet sein.\n„Ganz allgemein ist zuerst zu sagen, dass jene Befrie-\ndigung ein Gefühl der reinsten Idealität ist, wie in kei-\nner anderen Kunst. Alle Kunst ist ja ein Formleben, eine\nreine Wirkung der Oberflächen ohne den Durchmesser, ein\nGeist, nicht ein Stoff. Daraus macht die Musik Ernst im\nengsten Sinne des Wortes; es ist in allen Künsten Musik,\nja, der Mittelpunkt ihres.Schönen ist Musik; das Geheim-\nniss der Form in der Statue, der Form und zugleich der\n\n*) Epist. ad divers. I. 144. „Die Musik ist eine dunkele Aus-\nübung der Arithmetik, eine Thätigkeit der unbewusst\nrechnenden Seele.**"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "266", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5246, "texte": "Licht- und Farben-Einheit im Gemälde, der dichterischen\nGestaltung für das innere Auge ist ein Fluss, ein Rinnen\nund Schweben geordneter Rhythmen, und dies gilt nicht\nbloss von dem, was wir Form im näheren Sinne nennen,\nsondern eben so von der Einheit und Mannigfaltigkeit des\ngeistigen, ethischen Inhalts, der Situation, Handlung u. s.\nw. Wir haben schon §. 760. Anm., den Ton die blossge-\nlegte Seele des Körpers genannt; der geordnete Ton, die\nMusik, verhält sich nun auf unendlich höherer Stufe eben\nso zu der ästhetisch geordneten Körperwelt der anderen\nKünste, sie nimmt dieses Geheimniss der ästhetischen Ver-\nhältnisse aus seiner wirklichen oder (in der Poesie) vorge-\nstellten Körperhülle heraus und entfaltet es nackt, körper-\nlos für sich; sie ist die zeitlich gewordene Linie der Schön-\nheit, wie der Ton an sich die zeitlich gewordene Linie\nnoch ohne Beziehung auf die Schönheit. Bereits §. 542,\nAnm., ist diese tiefe Bedeutung der Tonkunst berührt.\n„So versetzt sie uns denn schlechthin in die ideale Stim-\nmung, welcher die ganze Welt eine zur Vollkommenheit\ngeordnete, vom störenden Zufalle freie Harmonie ist. Wir\nahnen in dem künstlerisch geordneten Tone die Ordnung\nder ganzen Welt, auch der körperlichen; uns ist, als ob\nnach diesen Harmonieen das Weltgebäude sich gefügt, das\nBreite sich gestreckt, das Tiefe sich gesenkt, das Hohe sich\nemporgestreckt, das Runde sich gebogen und gewölbt\nhätte; die Sage von Amphion und die Vorstellung von der\nSphären-Harmonie gewinnt innere Wahrheit. Das Ursprüng-\nliche, der Kern der Darstellung, das Bild der subjectiv\nmenschlichen Empfindung geht mit diesen grossen objecti-\nven Ahnungen ganz in Eines zusammen; denn das Herz\nfühlt sich als Centrum der Welt, worin deren Einklang,\naus dem Missklang sich herstellend, sich zusammenfasst, es\nfühlt seine Schicksale als Welt-Schicksale.\n„Allein diese vollendete Durchsichtigkeit des Form-\nGeheimnisses ist eben so sehr wieder auch gerade nicht\ndie wahre Idealität. Die Form ist wohl das wahre Wesen\naller Dinge, allein das Leben der Form ist, dass sie sich\nin unendlichen Gestaltungen immer aufs Neue als Stoff\nsetzt, um als höhere, geistigere Form aus ihm zu entstehen.\nDas wahre Dasein der Idee ist daher und bleibt ein Da-\nsein, das in Körpern thätig ist, vergl. § 746, und ich er-\ngreife die Form in ihrer Bestimmtheit und an dem, was\nsie als ihr scheinbares Gegentheil setzt, am Körper im\nRäume. Diese bestimmte Existenz der Form hat die\nMusik nach der einen Seite, soweit sie in den bildenden\nKünsten zur Erscheinung gebracht ist, verflüchtigt, nach\nder anderen, sofern sie in neuer Weise durch die Poesie\nerstehen soll, noch nicht wiedererzeugt. Die Musik ist also\nvor lauter reiner Idealität eben so sehr nicht wahre Idea-\nlität. Geahnt und dunkel vorschwebend hat sie die ganze\nWelt, in klarer Wirklichkeit hat sie nichts. Sie ist die\nreichste Kunst, sie spricht das Innigste aus, sagt das Un-\nsagbare, und sie ist die ärmste Kunst, sagt nichts. Sie er-\nfasst mit ihrer objectlosen Entzückung den reinen Geist an\njenem dunkeln Punkte, wo in den zarten Fäden des Ner-\nvenlebens der geistige Phosphor aufblitzt, und diese Fäden\nsind zugleich als der höchste und letzte Extract des Sinn-\nlichen die Träger der sublimsten und gerade dadurch sinn-\nlichsten Sinnlichkeit. Die concentrirtesten Tiefen dieser Kunst\nder Innerlichkeit zu entwickeln, war der protestantischen\nWelt vorbehalten, und doch hat sie der Breite, Popularität,\nAll gemeinheit des Sinnes und der Fruchtbarkeit nach je-\nderzeit mehr in der sinnlicheren Stimmung katholischer Be-\nvölkerungen geblüht.\n„Auch das Eigenthümliche der Begabungs- Unter-\nschied e zeigt die ganz besondere Natur dieser Kunst. Es\ngibt allerdings keine Kunstform, für welche nicht einem\nTheile der menschlichen Organisationen die Gabe versagt\nwäre. Der ästhetische Sinn, ein wesentliches und untrenn-\nbares Attribut der menschlichen Gattung, ist im Individuum\nmehr oder minder einseitig; dem Einen ist das plastische\nFormgefühl, dem Anderen das malerische Auge versagt,\naber so ganz todt und unverständlich sind doch wohl diese\nGebiete der Kunstwelt auch dem stumpferen Sinne nicht,\nwie es die Musik denen ist, welchen einmal das musicali-\nsche Gehör fehlt. Die Allgemeinheit und Nothwendigkeit,\ndie wir schon §. 750, Anm. 2, auch von dem Schönen in\nreiner Gefühlsform behauptet haben, bleibt nichts desto\nweniger stehen; denn es ist eine Abnormität, wenn zwi-\nschen den rhythmischen Schwingungen einer Seele und\nzwischen ihrem Gehörssinne das Band rein zerschnitten er-\nscheint. Bloss mangelhaft entwickelt wird man den musica-\nlischen Sinn durchschnittlich bei den Naturen finden, die\nsehr entschieden auf das Auge organisirt sind und deren\nGeist auf scharfes, denkendes Unterscheiden dringt; woge-\ngen musicahsche Anlage und Neigung mit mathematischer\nBegabung in engem Zusammenhange steht. Die Schärfe\nmathematischen Unterscheidens verträgt sich trotz dem\nscheinbaren Widerspruche ganz wohl mit einer Kunstform,\ndie im Allgemeinen weiblich zu nennen ist; aber einem\nManne der philosophischen Strenge wie Kant lag es nahe,\ndie Musik, weil sie im Spiele der Empfindung nur unbe-\nstimmte Ideen erwecke, zu tief unter die bildende Kunst\nzu stellen, welche durch die Einbildungskraft dem Verstände"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "267", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5286, "texte": "bestimmte Ideen zuführe und so die Erkenntniss-Ver-\nmögen erweitere (Kr. d. ästh. Urtheilskr. §. 53); er gibt\nzwar zu, dass die Musik „inniglicher\" wirke, aber er über-\nsieht, dass eben in dieser Innigkeit die Geistesahnung die\nzwar unbestimmtere, aber tiefere ist.\n„Dass alle Musik nur eine Weile schön ist,\nliegt im Wesen des Gefühls. Der Geist arbeitet mit solcher\nGewalt innerer Notwendigkeit aus dem Unbewussten in\ndas Bewusste, dass das Gefühl wesentlich ein Verschwin-\ndendes, Uebergehendes ist. Man kann nicht lange bloss\nfühlen, man kann nicht lange Musik hören. Das Auge na-\nmentlich ist hier ein feindlicher Nebenbuhler des Ohrs; dass\nman die Musiker während der Aufführung nicht sehen\nrilte, ist ein richtiger Gedanke. Da die Stimmung ein so\nzartes Ding ist, muss sich die Musik auch wohl hüten, da,\nwo man eben nicht zum Fühlen aufgelegt ist, sich aufzu-\ndrängen, eingedenk, dass ich das Werk der anderen Künste\nstehen lasse, wenn ich nicht in der Laune bin, die Musik\naber hören muss. Bekannte Erfahrungen haben Kant be-\nstimmt, die Musik für eine aufdringliche Kunst zu erklären.\nWahrhaft barbarisch ist Tafelmusik; der Genuss des Es-\nsens erträgt keinerlei gleichzeitige Hebung in das Geistige,\nals durch Gespräch; die Musik scheint uns das Essen wie\neine Gemeinheit vorzuwerfen, und stört gerade dieses ein-\nzige Mittel, uns zugleich geistiger zu stimmen.\n„Die bedeutungsvollste Seite dieser Amphibolie ist das\nVerhältniss zwischen reiner oder Instrumental- und an-\ngelehnter oder Voc aI - Musik. Dieses Verhältnissist durchaus\nein dialektisches, und der Streit darüber nothwendig ein\nunendlicher, wo immer das Denken über die abstracte Dis-\njunction nicht hinaus zu gehen vermag. Die Vocal-Musik\nist nicht reine Musik, zunächst weil sie mit dem vollkom-\nmensten Organe, der menschlichen Stimme, auch einen\nGrad der Abhängigkeit vom Naturzufall in Kauf nimmt,\nwelchen das Instrument, das als passives Object, getrennt\nvon der Persönlichkeit, in deren Hand ist, nicht unterliegt;\ndas Material soll ja (vergl. §. 490) todter Stoff sein; sie\nist es aber auch aus dem tieferen Grunde, weil sie das G e-\nfühl nicht in seiner Reinheit, sondern in seiner Verbindung\nmit dem begleitenden Bewus.stsein darstellt. Die Musik\nist ja eben da, weil Worte nicht genügen, das Gefühlsleben\nauszudrücken. In der Verbindung Beider sagt das Wort\nweniger, als der musicalische Ton; es sagt mehr, die-\nses Mehr besteht in Aufzeigung eines bestimmten Objectes,\naber die absolute Innigkeit des Gefühls ist es ja eben, die\ndas Object auflös't, über diese Begränzung überall hinaus-\nflutet. Es ist daher in der Gesellung des Tones und des\nObjecte aufzeigenden Wortes niemals völlige Congruenz;\nder Geist des Tones schwebt zwischen durch, darüber hin-\naus, lässt sich nicht binden und ist doch gebunden; man\nverliert so eben, nachdem man sie so eben gewonnen, die\nUeberzeugung, dass diese Töne gerade und nothwendig\ndieses im Worte gegebene Object ausdrücken. Je strenger\nan den Text gebunden, je mehr declamatorisch, desto we-\nniger echt musicaiische Schönheit, je reiner entwickelte\nMusik, desto losere Abweichung vom Texte; von beiden\nSeiten ein „ fortwährendes Ueberschreiten oder Nachge-\nben\", daher die Oper „ein constitutioneller Staat, der auf\neinem steten Kampfe zweier berechtigten Gewalten beruht,\neine Ehe zur linken Hand\" (Hanslick a. a. 0., S. 28,31).\nDie blosse Instrumental-Musik dagegen gibt das Gelühl\nin seiner Reinheit, d. h. in seiner Bewusstlosigkeit; eben\ndarum aber ist auch der tiefe Mangel desGelühls der ihrige;\nund wie der Geist in diese lebendige Mitte seiner Formen\nimmer wieder untertaucht und immer wieder aus dem dun-\nkeln Grunde ans Licht, zur Deutlichkeit der Dinge ringt,\nso will mitten im befriedigten Hinschwimmen auf ihren\nWogen jeden Moment ein Reiz entstehen, nun wieder ans\nLand zu treten und den festen Inhalt, der immer am fer-\nnen Saum hinzuschweben scheint, zu erkennen; ein .Gelühl\neines ungelös'ten Räthsels, ein Gang wie durch einen ägyp-\ntischen Tempel von Vorhof zu Vorhof, phne ein Anlangen\nbei einem Kern, der die Bewegung abschlösse, ein Ent-\nzücken, aber mit Schwindel. Dieser Eindruck gleicht jenem,\nden die einseitige höchste Ausbildung des Colorits in der\nMalerei mit sich lührt, die wir eine gelährliche Spitze ge-\nnannt haben; man sehnt sich nach dem festen Boden der\nZeichnung, der bestimmteren Geltung des Objectes.\nAuch würden nimmermehr alle Tiefen des Gelühls sich ent-\nfalten ohne das begleitende Bewusstsein. An bestimmten\nGegenständen erst schiesst der ganze Reichthum der Ge-\nfühlswelt auf. Wie er aufschiesst, so ertränkt sich freilich\nalsbald die Bestimmtheit des Objectes wieder in den Be-\nbungen des Gefühls, aber nur um abermals durch bestimmt\naufgezeigte Situation zu neuen Entfaltungen erregt zu wer-\nden. Dieses Verhältniss haben wir vorbereitet in §. 749,\nAnm , wo gesagt ist, dass das Gelühl durch das begleitende\nBewusstsein sich stetig bereichert Sucht man nun von die-\nsem Herüber und Hinüber zwischen selbstständiger und\nunselbstständiger Musik bei dem Gedanken auszuruhen,\ndass eine Vereinigung beider das Wahre sein werde, so hat\nman in dieser allerdings die reichste Gestalt der Musik. Jene\nconcrete Fülle und Vielseitigkeit des Gelühls (vergl. §.757)\nkann eine reichere Verwirklichung nicht finden; der Gesang"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "268", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1382, "texte": "ist jetzt der Kern des Geiühls, selbst schon vieltönig und\neinen Reichthum unterschiedener Formen in dem Einen\nGefühle darstellend; die Instrumental-Musik ist sein noch\nreicherer Wiederhall, der uns bald wie ein Wiederklingen\nunserer Empfindung in der Landschaft, im weiten All, bald\nals ein unendlich sich verdoppelndes Echo in der Menschen-\nbrust gemahnt. Allein in der That ist darin jenes incon-\ngruente Verhältniss von Wort und Ton, das zunächst im\nGesänge allein vor uns stand, nicht gelös't, sondern durch\ndie verdoppelte Macht der Musik nur noch erschwert; ihr\ndurch so viel Gewicht verstärkter Schwung droht den Text\nhinfort zu reissen, zu überfluten, und wenn sich hier wie-\nder die Aufforderung darzubieten scheint, dass die Musik\num so enger an diesen gebunden werde, so steht dem ent-\ngegen, dass sie dadurch gefesselt, den vermehrten Reich-\nthum ihrer Mittel nicht zu seiner ganzen Entfaltung brin-\ngen könnte. Diese ganze Amphibolie im Verhältnisse\nzwischen Vocal- und Instrumental-Musik ruht, wie man\nsieht, auf dem Satze unserer psychologischen Grundlegung\n(§. 749, Anm.): „ „ Wir stehen vor einer schwierigen Wahl:\nentweder reines Gelühl, aber behaftet mit einem Bedürf-\nnisse der Ergänzung, die es deutet, seiner Objectlosigkeit\nabhilft, oder gedeutetes, auf das Object bezogenes, aber\nnicht mehr in seiner Reinheit vorliegendes Gelühl.88 (Nr.\n33, S. 260, Sp. 2.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-08-22-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-08-22_01#c003", "volume": "bmtnabi_1857-08-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "268", "page_fin": "270", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.2.3", "titre_corps": "Emilie Zumsteeg.", "titre_sommaire": "Emilie Zumsteeg.", "signature_source": "S. 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Dass in der Musik, der allgemeinsten von allen\nKünsten, die Erhaltung und Befestigung des guten Ge-\nschmacks vermehrte Schwierigkeiten finden muss,. kann\nschon die gränzenlose Mannigfaltigkeit musicalischer Er-\nzeugnisse und die Bequemlichkeit, mit'welcher singende\nund spielende Gelüste befriedigt werden können, hinreichend\nbeweisen. Und wo sollte in einer Zeit, die ihre Fabricate\nnach allen Seiten hin so rasch und wohlfeil absetzt, sie\ndurch alle Fugen und Ritzen der Gesellschaft treibt, nicht\nauch der überreiche Markt der Compositions- und Virtuo-\nsitäts-Leistungen seine Stapelplätze haben? Würtemberg\ndarf und will nicht läugnen, dass auch zu ihm neben dem\n/\nMetallgewichte des Guten und Besten der Goldschaura mu-\nsicalischer Dünnleibigkeit und selbst der spanische Pfeffer\nexaltirter Verzerrung gedrungen sei. Aber die Hauptfrage\nist, ob diese Artikel tonangebend geworden sind oder\nnicht, und diese Frage dürfen wir getrost verneinen. Wohl\nhört man viel beifälliges Geklatsch und Geschnalz, wo ein\nMusikstück mit Ohr und Herz des Zuhörers wie ein toll-\ngewordenes Ross durchgeht, oder wo eine Piece die Seele\nin romantisch süssen, seufzend hinsterbenden Staubregen\nauflöset, der in die Winde stiebt, ehe er ein Blatt feucht\ngemacht; aber dieser Geschmack ist bei uns wenigstens nie\nder herrschende gewesen und hat nie dalür gegolten. Wir\nhaben Sinn genug bewahrt für das Gesunde und Wahre;\ndie stille Sättigung, die der gebildete Geschmack bei echter\nMusik empfindet, hat selbst bei zweifelhafteren Beurtheilern\nimmer so viel Respect genossen, dass diese wenigstens das\nVorrecht des Besserwissens sich nie angemaasst haben. Mit\nEinem Worte: die Kunst und ihre Meister stehen bei uns\nin gebieterischem Respect, und wir dürfen mit Selbstgefühl\nsagen, dass der Sinn für ernste Erfassung der Tonkunst\nviele und rüstige Jünger unter uns zählt.\nUnter den Kräften, welche diesen Sinn in besonderem\nMaasse zu wecken und zu stärken berufen waren, nahm\nEmilie Zumsteeg eine hohe Stelle ein; seltene Natur-\nbegabung, männlich entschlossenes Studium, Kraft und\nBeharrlichkeit des Charakters alle diese Eigenschaften\nzusammen belähigten sie in hohem Grade lür diesen Beruf.\nSie war die Tochter des gefeierten Componisten Johann\nRudolph Zumsteeg, herzoglichen Concertmeisters zu\nStuttgart, und der Louise, geb. Andreä. Am 9. De-\ncember 1796 geboren, stand sie erst in ihrem sechsten\nLebensjahre, als ihr Vater starb. Sein Geist aber mit all\nden glanzvollen Erinnerungen an die classischen Heroen\nder Musik und der Dichtkunst, denen (wie Schiller) der\nVater aufs engste befreundet war, ging auf die Tochter\nüber. Von Kindheit an war sie in der Musik aufgewachsen\nund unterstützte früh schon die Mutter bei Führung ihrer\nMusicalienhandlung. Aber eben so früh schon betheiligtc\nsie sich auch bei den mancherlei musicalischen Aufführun-\ngen damaliger Zeit, bei denen sie mit ihrer wohlgebildeten\nkraftvollen Altstimme besonders willkommen erscheinen\nmusste. Auszeichnende Anlage und Energie entwickelte\nsie im Cla vier spiel, und ihr geschickter Lehrer in die-\nser Kunst, ein Bruder des berühmten Malers Schick, sah\nsie so rüstig sich entwickeln, dass er schon frühzeitig eine"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "269", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5228, "texte": "Künstlerin in der Schülerin erblicken durfte. Aehnliche\nKraftentfaltung zeigte sie im Studium des Generalbas-\nses, worin ihr der Concertmeister Sutor als Lehrer zur\nSeite stand. Ihre treffliche Anlage bildete sich bald so weit\naus, dass sie im Lesen und Spielen der schwierigsten Par-\ntituren sich mit Leichtigkeit bewegte, dass Meister wie\nKreutzer, Hummel, Lindpaintner u. A. ihr die aufrichtigste\nBewunderung zollten, und dass Autoritäten wie Carl Maria\nv. Weber, Zöllner, Neukomm u. s. w. eine Kunstgenossin\nin ihr erkannten. Aber auch ihr Compositions-Talent hat\nkraftvolle Proben geliefert, und wenn wir uns des Ulrichs-\nliedes aus Hauffs Lichtenstein: „VomThurme, wo ich oft\ngesehen\", erinnt..n. jener Composition, deren Kraft und\nAdel das Ansehen der Classicität bei uns erlangt hat, oder\nder tiefempfundenen Lieder: „Gut' Nacht, fahr' wohl\",\n»Sehnsucht der Liebe\", „Mitternacht\", „Heimat\", oder\nder seelenvollen Melodieen zu Lenau's Schilfliedern u. s. w.,\nLeistungen, die eben so sehr durch die Originalität der\nEmpfindung als durch die Gewandtheit des Satzes die Mei-\nsterin beurkunden, so müssen wir bedauern, dass die Com-\nponistin diesem Talente keine ausgebreitetere Entwicklung\ngewähren zu sollen glaubte. Doch wie den Ruhm, als Vir-\ntuosin auf dem Ciavier zu glänzen, so vertauschte sie auch\nden der Tonsetzerin mit dem weniger glänzenden, aber\nnicht weniger edlen Berufe, durch Unterricht Andere\nin die Tiefen der Kunst einzuführen, um ihnen dadurch\ndasselbe Glück des Genusses der Schönheit zu gewähren,\ndessen Fülle ihr eigenes Inneres beseligte. Und wie treu\nhat sie die Pflichten einer Lehrerin erfüllt! Viele, unglaub-\nlich Viele verdanken ihr die Kenntnisse der Musik und, was\nnoch mehr ist, die Fähigkeit, das Schönste dieser Kunst\nmit geläutertem Verständniss gemessen zu können. Dabei\nwusste sie durch die ganze Erscheinung ihres männlich\nkraftvoll angelegten Wesens einen mächtigen Einlluss auf\ndie sittliche Bildung ihrer Zöglinge auszuüben; sie war\nihnen Helfer, Rathgeber, und wir dürfen wohl sagen Vor-\nbild. Aber nicht nur den Einzelnen, die ihre Schüler sein\ndurften, auch den weitesten Kreisen wünschte sie den ver-\nedelnden Genuss der Tonkunst zu verschaffen. Sie war\neine Haupt-Triebfeder jener mnsicalischen Ereignisse, wel-\nche in den dreissiger Jahren weit über unser Vaterland\nhinaus leuchteten und deren Gedächtniss noch heute nicht\nerloschen ist; im Verein mit dem energischen Capellmeister\nLindpaintner brachte die Entschlafene die gepriesensten\nOratorien Bach's, Händel's, Haydn's zur Aufführung. Die\nLeitung des Ganzen war Lindpaintner's Werk; aber das\nSchwierigere, die Einübung eines Singchors, aus allen Stän-\nden und Berufsclassen zusammengesetzt, aus Sängern und\nSängerinnen, deren Mehrzahl kaum in die Elemente der\nMusik eingeweiht war diese Aufgabe hat sie mit uner-\nmüdlichem Beharren, mit meisterlicher Umsicht gelös't, und\nnoch die Einübung der Chöre zum Messias lür den Stutt-\ngarter Kirchentag im Herbste 1850 konnteZeugniss ihrer\nkünstlerischen Rüstigkeit ablegen, aber auch dafür, wie sie\nmit rücksichtsloser Selbstverläugnung ihren Nutzen und\nselbst ihre Gesundheit hintansetzte. Auch die Stuttgarter\nSchiller-Feste, diese erhebende, alljährlich wiederkehrende\nFeier zu Ehren des grossen Dichter-Genius, verdanken\nihren Bemühungen einen grossen Theil ihres Reizes, und\nnoch heute zählt der Träger dieser Feste, der Stuttgarter\nLiederkranz, viele in seinen Reihen, die sich ihrer Lei-\ntung und Unterweisung erfreuen durften.\nUnd wie sie den Tag über unermüdet ihrem Berufe\ngelebt hatte, so war sie oft in den späten Abendstunden\nnoch thätig, einem Kreise lieber Musikfreunde die Meister-\nwerke classischer Tonsetzer bekannt zu machen. Durfte sie\ndoch sich des schönsten Erfolges ihrer Bemühungen um\ndie Kunst erfreuen, sie, die es vorzugsweise war, die jenen\nSinn lür das Tiefste und Heiligste in der Musik pflanzen\nhalf, der seit einer Reihe von Jahren die Angehörigen des\nVereins für classische Kirchenmusik so ener-\ngisch und erfolgreich zusammenhält. Aber es hat ihr auch\ndie Liebe und die Verehrung von keiner Seite gefehlt.\nSelbst ihr König hat durch Aussetzung eines Jahrgehal-\ntes die Anerkennung ihrer Verdienste um Hebung und\nVeredlung der Musik huldreich ausgesprochen. Unsere\nstädtischen Behörden haben den hohen Werth ihrer\nWirksamkeit durch Ehrengaben wiederholt dankbar ge-\nrühmt, und der befreundete Umgang, den Namen wie Just.\nKerner, Gust. Schwab, Nik. Lenau, Graf Alexander von\nWürtemberg u. A. mit ihr pflegten, konnte überzeugend\ngenug beweisen, welch ein Werth ihr beigelegt • ward.\nAllein der innerste Lohn war ihr immer das Bewusstsein,\ndurch Verbreitung der Tonkunst Gutes gewirkt zu haben.\nDiese Ueberzeugung war auch eine Hauptstütze, die sie\nauf ihrem langen, qualvollen Krankenlager aufrecht erhielt.\nWie muss es sie gestärkt haben, in den tausendfachen Be-\nweisen rührender Theilnahme, die sie fand, eine Frucht zu\n. # i • * • # # :y\nerblicken, deren Saat sie selbst durch uneigennützige Hin-\ngabe in die Herzen gelegt hatte!\nAm 1. August dieses Sommers erschien ihr der Frie-\ndensengel des Todes, und am Abende des 3. ward sie un-\nter Kränzen des Ruhmes und Thränen des Dankes von\neiner grossen Zahl von Verehrern, Freunden, Schülern und"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "270", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1375, "texte": "Schülerinnen in die Erde gelegt. Die Gesänge des Vereins\nfür classische Kirchenmusik und des Liederkranzes klangen\nihr nach. Der Inhalt der liefgelühlten Trauerrede des Herrn\nStadt-Dekans Mehl fasst sich wohl am besten in den Ge-\ndanken zusammen, dass uns das schönste Denkmal die\n✓\ndankbare Erinnerung an eine Frau bleibe, welche als echte\nPriesterin ihrer Kunst Gut und Leben eingesetzt, um nicht\nnur eine auserlesene Schar, sondern Alle durch den himm-\nlischen Genius der Musik zu beglücken und zu erheben,\nwie sie selbst von ihm beglückt und erhoben war.\nWir schliessen mit den Worten, welche Dr. J. G.\nFischer im Namen des Liederkranzes, dessen vieljähriges\nEhren-Mitglied die Verewigte war und von dessen jünge-\nren, singenden Mitgliedern sie zu Grabe getragen wurde,\nihr nachgerufen hat:\nEine Vollendete wandelst Du nun\nHoch über unserem irdischen Schmerz,\nUnd entgegen kommt Dir der gepries'ne Vater,\nZu führen die Tochter in die TongeSlde\nJener seligen Geisterinsel,\nWo Dich empfangen alle die Meister,\nDie Du so tief und innig verstanden,\nDie Du so treu und begeistert verkündigt;\nUnd die göttlichen Chöre des Messias vernimmst Du,\nVon jeglichem irdischem Missklang entbunden,\nUnd ein ewiges Requiem labt die Verklärte.\nUns Trauernde aber an Deinem Grabe\nHat aufgerichtet der herrliche Trost.\nEin Vorbild wie Deines als Stärkung zu tragen\nIn dankender Brust.\n\nS. K."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-08-22-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-08-22_01#c004", "volume": "bmtnabi_1857-08-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "270", "page_fin": "271", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.2.4", "titre_corps": "Das erste pommer’sche Provincial-Gesangfest zu Stettin.", "titre_sommaire": "Das erste pommer’sche Provincial-Gesangfest zu Stettin.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "270", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.1.6", "debut_caractere": 1377, "fin_caractere_exclue": 4911, "texte": "Das erste pommer’sche Provincial-Gesangfest\nzu Stettin.\nDas am 24.,25. und 26. Juli zu Stettin gefeierte\nProvincial-Gesangfest hat im Allgemeinen bei dem Publicum\neinen recht befriedigenden Eindruck hinterlassen; wenigstens\nsteht es mit Sicherheit fest, dass der erzielte Erfolg die ge-\nhegten Erwartungen weit übertroffen hat. Was insbeson-\ndere den aufgewandten äusseren Prunk betrifft, so dürfte\nderselbe nicht leicht anderswo bei dergleichen Veranlassun-\ngen angetroffen werden. Für die Aufnahme auswärtiger\nSänger war trotz des notorischen Wohnungs-Mangels in\neiner Weise gesorgt worden, welche Stettin zur Ehre ge-\nreicht, — eine Erscheinung, die den günstigsten Einfluss\nauf ein künftiges Sängerfest unbedingt ausüben wird. Wider\nErwarten war die Zahl der mitwirkenden Sänger bis unge-\nfähr 750 angewachsen. Zu dieser allgemeinen Betheiligung\nhatte der Name Löwe wohl wesentlich beigetragen. Man\nhätte frischere und thatkräftigere Dirigenten finden können,\num aber eine musicalische Berühmtheit an der Spitze zu\nhaben und einer allgemeinen Betheiligung sicher zu sein,\nwurde von dem Comite Dr. Löwe als General-Dirigent ge-\nwählt eine Wahl, gegen welche sich aus dem angeführ-\nten Grunde nichts sagen lässt, die aber für den musicali-\nschen Erfolg nicht glücklich genannt werden kann; denn\ndie Begeisterung, von welcher jeder Sänger beseelt war,\nwurde vollständig unterdrückt durch die beispiellose Schlaff-\nheit, mit welcher der „Meister von europäischem Rufe\"\ndas Fest leitete, eine Schlaffheit, die jeden Musikverstän-\ndigen zur Verzweiflung bringen konnte. Dazu kamen noch\ndie gränzenlos mattherzigen Tempi, unter welchen mit Aus-\nnahme der „Wüste\" sämmtliche nicht Löwe'sche Com-\npositionen zu leiden hatten, um die musicalische Sünden-\nschuld aufs Höchste zu steigern.\nAm ersten Tage kamen zur Aufführung:\nregem\" von Löwe, dessen Oratorium „Die eherne Schlange\"\nund die Symphonie-Ode „Die Wüste\" von F. David. Die\nbeiden ersten Werke machten einen ziemlich langweiligen\nEindruck; denn ungeachtet mancher nicht zu läugnenden\nSchönheiten blieben die aufgewandten Mittel hinter der\nkünstlerischen Idee zurück und fehlte dem Ganzen ein not-\nwendiger Höhepunkt. Dabei war die Besetzung der zahl-\nreichen Solo-Partieen eine höchst mangelhafte, so dass\nselbst unmusicalische Naturen an manchen Stellen einer Ner-\nvenzüchtigung ausgesetzt sein mussten. Unter solchen Um-\nständen war der „Wüste\" ein durchschlagender Erfolg ge-\nsichert. Einer besonderen Vorliebe für das Werk von Sei-\nten Löwe's mag es zuzuschreiben sein, dass diese Compo-\nsition nach einem anderen Grundsatze geleitet wurde, als\nder war, von welchem der General-Dirigent sich bei der\nDirection der anderen Werke, natürlich mit Ausnahme der\nseinigen, bestimmen fiess. Sonach hatte der erste Sängertag\nwenigstens einen ganz befriedigenden Schluss.\n„Immer langsam voran!\" das hätte als bezeichnendes\nMotto vor das Löwe'sche Dirigentenpult bei der Matinee\nam zweiten Sängertage geschrieben werden können; denn\njede Bewegung seines Tactstockes war eine begeisterte Lob-\nrede auf dieses Motto. Armer Mendelssohn! Wenn du ge-\nwusst hättest, dass dein erhabener „Festgesang an die\nKünstler\" so schrecklich zugerichtet werden würde, wie\ndies hier geschah, du hättest sicher dein Kunstwerk den\nFlammen Preis gegeben. Man merkte es den beiden Unter-\nDirigenten, die wegen der den Saal durchbrechenden Säu-\nlenreihe nothwendig waren, wohl an, dass sie gern vor-\nwärts gegangen wären; um aber eine General-Confusion\nzu vermeiden, mussten sie sich in den Schneckengang fügen,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "271", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4108, "texte": "und so blieb denn die herrliche Schöpfung Mendelssohn's,\nin welcher jeder Ton Begeisterung athmet, ohne jegliche\nWirkung. Die zweile Nummer, Mozarfs Arie aus der Za-\nuberflöte: ,0 Isis und Osiris\", war ebenfalls eine unverzeih-\nliche Sünde gegen den unsterblichen Meister; denn sie wurde\nvon einem Sänger (?) vorgetragen, dem ausser allem Ande-\nren zunächst das Beste fehlte, die Stimme. Dieselbe klang,\nwie ein hiesiges Localblatt ganz treffend bemerkt, „als be-\nfände sie sich in einem ledernen Futteral\". Dass Marsch-\nner's „ Liedesfreiheit\", mit Ausnahme des Solosatzes, wel-\ncher vom General-Dirigenten regiert wurde, zur Gellung\nkam, war nur der kühnen Eroberung des Dirigenten des-\njenigen Flügels, an welchem sich der zweite Tenor und\nerste Bass befanden, zu danken. Herr Beschnitt, Dirigent\nder hiesigen Liedertafel, benutzte die Gelegenheit, welche\ndurch den Einsatz des ersten Basses und den nachfolgeu-\nden zweiten Tenor die Macht in seine Hand legte, und\nführte seinen Flügel selbstständig ins Feuer. In der darauf\nfolgenden Sopran-Arie von Händel, „Höre Israel\", erwarb\nsich unsere Primadonna am Theater, Frau Flintzer-Haupt,\ndurch ihren gediegenen Vortrag reichen und wohlverdien-\nten Beifall. Eben so rühmenswerth war der seelenvolle Vor-\ntrag des Herrn Lern per, an welchem wir jetzt einen be-\nliebten Cellisten vermissen, da derselbe nun nach Bergen\nauf Rügen seinen Wirkungskreis verlegt hat. Er trug eine\nansprechende Piece, „Abend-Empfindung beim Kloster\",\nvonKarasowski vor. Das darauf folgende Otium des Horaz,\nChor von Löwe, ging unbeachtet vorüber, und der „Frohe\nWandersmann\" von Mendelssohn muss sterbensmüde ge-\nwesen sein; denn dieser schöne Chor wurde in förmlichem\nChoral-Tempo gesungen. Wenn die schleppenden Tempi\nschon hifireichend waren, die Chöre bis zur Unkenntlichkeit\nzu entstellen, so kam noch ein anderer Umstand dazu, wel-\ncher die noch mögliche Wirkung gänzlich aulhob. Man wird\nes kaum glauben wollen, wenn wir mittheilen, dass sämmt-\nlicbe Männerchöre mit Orgel-Begleitung gesungen\nwurden. Am störendsten war diese Begleitung im „Kirch-\nfein\" von Becker und im Mendelssohn'schen Liede „Der\nfrohe Wandersmann\". Vorstellungen über das Unstatthafte\neiner solchen Begleitung blieben von Seiten des „Meisters\nvon europäischem Rufe\", der so etwas ja am besten ver-\nstehen muss, ganz unbeachtet.\nDies der Morgen des zweiten Tages. Der Abend brachte\nein Concert, bestehend aus Vorträgen einzelner auswärtiger\nund hiesiger Vereine. Von ersteren haben namentlich An-\nelam und Stralsund gerechten Anspruch auf Anerken-\nnung. Von den hiesigen Vereinen gab namentlich die Lie-\ndertafel durch den Vortrag einer Beschnilt'schen Compo-\nsition, „Der Lethetrunk vom Rhein\", eine sehr lobens-\nwerthe Leistung, und würde dieselbe nach dem einstimmi-\ngen Urlheil der hiesigen Localkrilik den Preis errungen ha-\nben, wenn eine Preis-Vertheilung Stalt gefunden hätte. Im\nAllgemeinen war das Ergebniss der Leistungen ein sehr\ngünstiges und erfreuliches. Nach Beendigung des Concertes\nfand ein gemeinschaftliches Abendessen im Garten des\nSchützenhauses Statt, bei welchem die verschiedenen Ver-\neine förmlich wetteiferten, sich gegenseitig durch Vorlräge\nernster und heilerer Gattung zu unterhalten; ein schöner\nAbend in jeder Beziehung.\nEine Beschreibung des dritten Tages, des Volksfe-\nstes auf demJulo, einem am Oderufer gelegenen Wäld-\nchen, welches an diesem Tage wohl 25,000 Menschen in\nseinen reizenden Parlieen versammelte, erlasse ich mir, da\nes in dem ungeheuren Menschengewühl unmöglich war, den\nSängern, die überdies auch zerstreut wurden, nahe zu kom-\nmen. Ein Fackelzug, dem Dr. Löwe, dem Oberbürger-\nmeister Hering und dem um das Fest sehr verdienten\nStadtrath Sternberg dargebracht, beschloss das Fest.\nWie wir erfahren, wird nach zwei Jahren das zweite\ngrosse pommer'sche Gesangfest Statt finden. Nun, Glück\nauf! Die Bahn ist ja gebrochen, dass Pommern auch in mu-\nsicalischer Hinsicht sich ermannt. Dann aber möge das Co-\nmite bei der Wahl eines Haupt-Dirigenten die Erfahrung\nbeherzigen, die es bei diesem ersten grossen pommer'schen\nProvincial-Gesangfeste gemacht hat."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-08-22-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-08-22_01#c005", "volume": "bmtnabi_1857-08-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "271", "page_fin": "272", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "271", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.1.7", "debut_caractere": 4110, "fin_caractere_exclue": 5495, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nRSIBB, Seine Majestät der König haben Allergnädigst geruht,\nmittels Cabinets-Ordre d. d. Marienbad, den 13. Juni, an die Mini-\nster der Justiz und des Innern „der unter dem Namen KÖlnet\nMännergesang-Verein zu Köln gestifteten Kunstanstalt für\ndeutschen Männergesang Corporationsrechto, so weit solche zur Etr\nWerbung von Grundstücken und Capitalien erforderlich sind, im Gna-\nden zu verleihen.\"\nSe. Königl. Hoheit der Prinz von Wales, der einen Theil des\nSommers am Rhein in Königswinter zubringt, hatte am 14. August\ndie Einladung zu einer Soiree auf der reizenden Villa des Herrn\nGeh. Commercienrathes Deichmann in Mehlemer-Au anzunehmen\ngeruht. Da das schönste Wetter und eine mi'de, wahrhaft italieni-\nsche Luft das Fest begünstigten, so konnten die Lieder des kolne»\nMännergesang-Vereins, die den Haupt-Bestandtheil des Nacht*\nConcertes bildeten, im Freien vor dem Balcon der Hauptfronte, auf\nwelchem Se Königl. Hoheit mit Ihrem Gefolge Platz genommen\nhatten, ertönen, wodurch die Wirkung derselben inmitten des magi-\nschen Kreises farbiger Beleuchtung, wiederholt durch bengalische\nFlammen noch verstärkt und verschönert, ganz ausserordentlich er-\nhöht wurde. Se. Königl. Hoheit der Prinz von Wale» liess sich den\nDirigenten und die Mitglieder des Verein s-Vors tan des vorstellen und\nsprach in sehr schmeichelhaften Ausdrücken seine Theilnahme an"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "272", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5567, "texte": "dem schönen Gesänge aus. Ausserdem ärnteten der Herr Kammer-\nsänger Koch durch den Vortrag einiger Lieder von F. Schubert\nund die kleinen Virtuosen Geschwister Raczek durch ihr bewun-\ndernswerthes Spiel grossen Beifall.\nHeinrich Marschner's Geburtstag, den 16. August, ist durch\nein heiteres ländliches Fest auf dem Schweizerhause bei Brühl ge-\nfeiert worden. Am Abend vorher brachte ihm der kölner Männerge-\nsang-Verein unter Leitung seines Dirigenten Franz Weber eine Sere-\nnade. Es wurden nur Lieder von dem gefeierten Meister gesungen,\nreicher mit Wärme seinen herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit\ndes Vereins aussprach und hinzufügte, dass er diese Gesänge noch\nnie so schön vortragen gehört habe.\nAm Mittwoch den 19. d. Mts. hatte Herr Musik-Director Rein-\nthal er zu Ehren Marschner's eine Versammlung des städtischen\nGesang-Vereins, dessen Dirigent er ist, veranlasst, in welcher die\nMusik Marschner's zu „Waldmüllers Margret'*, einem dramatischen\nGemälde in zwei Acten von Julius Rodenberg, und die Introduction\naus Hans Heiling aufgeführt wurden. Die erstgenannte Musik ist\nnoch Manuscript; sie zeichnet sich durch reizende Anmuth und Ein-\nfachheit in den Liedern und Duetten aus, während die Chöre der\nJäger, der Landleute, der Müllerburschen den frischen Stempel\nMarschner'schen Genies tragen.\n** Vom Rheine« Das fürchterliche Unglück, das die schon\nohnehin arme Mosel in diesem Jahre heimgesucht, hat aller Orten\ndie Wohlthätigkeit in Anspruch genommen, und, mit grosser Ge-\nnugthuung sei es hier gesagt, gerade Musik und Gesang haben\ndurch vieles Schöne sehr viel Gutes gestiftet. Die Gesang-Ver-\neine von Köln, Aachen, Düsseldorf u. s. w. haben mit bekannter\nHochherzigkeit Concerte veranstaltet und Rühmliches geleistet und\nerzielt. Auch unserer lieben Nachbarstadt Cöbl en z müssen wir in\ndieser Angelegenheit erwähnen, wo der schon seit vielen Jahren be-\nstehende Männergesang-Verein „Liedertafel\" im Theater ein Concert\ngab, welches das glänzendste genannt werden muss, das jemals in\nBezug auf Theilnahme und Leistungen hier gegeben wurde. Wir\nwollen dem lieben Vereine hier unseren Dank für seine schönen Ge-\nsänge darbringen und ihm Glück wünschen zu seinem grossartigen\nErfolge, zugleich aber auch die Bitte damit verbinden, lortzufahren\nauf dem betretenen Wege; denn dann wird er sich bald eine Stel-\nlung erobern, die ihm einen ehrenvollen Klang in der musicalischen\nWelt sichern wird.\nLiszt hat in neuester Zeit zwei neue grosse Instrumentalwerke\nvollendet: zunächst die „Hunnenschlacht\" nach Kaulbach's berühm-\n/\ntem Gemälde. Liszt sandte die fertige Partitur nach München, als\nGeschenk für den ihm nahe befreundeten Kaulbach, der ihm als Ge-\ngengeschenk einen wundervollen Carton sandte: den Genius der Mu-\nsik, wie er, auf einem Löwen sitzend, diesen durch die Klänge sei-\nner Leier bändigt. Diese kostbare Original-Zeichnung, in halber Le-\nbensgrösse, wurde Liszt zu seinem Namenstage überreicht. Das\nzweite, erst in diesen Tagen vollendete Instrumentalwerk Liszt's ist\ndie Schiller-Symphonie, welche, zur Aufführung bei den September-\nFesten in Weimar (zur Einweihung des Schiller-Göthe-Denkmals)\nbestimmt, Schiller s Gedicht „Die Ideale\" als poetisches Programm\nerwählt hat. Diese Symphonie hat vier Sätze, wovon die drei ersten\ndem Ideengang der Schiller'schen Dichtung genau sich anschmiegen,\nwährend der vierte, frei concipirte Satz eine Apotheose Schillert\ngibt. Auch seiner grossen ~Faust-Symphonie\" hat Liszt in letz-\nterer Zeit eine wesentliche Erweiterung gegeben. Den drei Instru-\nmental-Sätzen „Faust-', ~Gretchen\" und „Mephisto'4 schliesst sich\nnunmehr als vierter Satz ein Schluss-Chor unmittelbar an, dessen\nText die Schlussstrophen des zweiten Theiles von Faust: „Alles\nVergängliche ist nur ein Gleichniss\" u. s. w., bildet. Auch diese\nSymphonie dürfte, als Gegenstück zur Sohiller-Symphonie, zur Auf-\nführung bei den September-Festen bestimmt sein.\nDresden« Der unter dem Titel „Leid und Lust\" in einzelnen\nNummern (bei Friedel in Dresden) erscheinende Lieder-Cyklus von\nJ. W. v. Ehrenstein findet wegen der reizenden und gemüth-\nvollen Naivetät und sinnigen Auffassung, die sich in diesen Compo-\nsitionen ausspricht, lebhafte Anerkennung; Nummer 2 der Sammlung,\n„Die Liebe kommt wie die Diebe', wurde in verschiedenen Concer-\nten in Dresden mit grossem Beifall vorgetragen. Von einem anderen\nDresdener, dem durch seine Pianoforte-Compositionen beliebten Com-\nponisten Fritz Spind 1 e r, ist (bei C. F. Meser) ein Sonaten-Satz\n(Op. 83) edirt worden, der sich durch Einfachheit und Gediegenheit\nder musicalischen Behandlung und durch instructive Technik aus-\nzeichnet.\nDie von mehreren Zeitungen gebrachte Notiz, dass Liszt's Fest-\nmesse bereits die Presse verlassen habe, erheischt eine wesentliche\nBerichtigung. Nach von uns *in der k. k. Staatsdruckerei eingezoge-\nner Erkundigung ist der Satz dieses Werkes erst bis zum dritten\nBogen gediehen und mit diesem gerade das Kyrie zum Abschluss\ngebracht. Da die complete Partitur allein mindestens dreissig Bogen\numfassen wird und der Clavier-Auszug auch auf zehn Bogen veran-\nschlagt ist, so dürften bis zum Erscheinen des ganzen Werkes wohl\nnoch mehrere Monate vorübergehen, besonders da der Componist die\nCorrectur sich selbst vorbehalten hat, was mit Zeitverlust verbunden\nist. Was jedoch die bei dieser Gelegenheit von uns eingesehenen\nAbzüge des bisher gediehenen Satzes betrifft, so ist vollkommen zu\nbestätigen, dass die Auflage wohl das Schönste und Grossartigste\nzu werden verspricht, was an musicalischem Typendruck bisher ge-\nleistet worden ist. (W* 81. f. M.)"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "265", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nAesthetik der Musik. Von Dr. Friedr Theod. Vischer. 11. Emilie Zumsteeg (Nekrolog). Das erste pommer'-\nsehe Provineial-Gesangfest zn Stettin. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Verleihung der Corporationsrechte an den kölner\nMännergesang-Verein, Soiree zu Ehren des Prinzen von Wales, Heinrich Marschner Vom Rheine, Coneert in Coblenz Liszt's neue\nOpern Dresden, J. W. v. Ehrenstein, F. Spindler Liszt's Festmesse). ; , '\n\nAesthetik der Musik.\nVon Dr. Friedr. Theod. Vischer.\nII.\n(S. I. Nr. 33.)\nAm Schlüsse der Untersuchungen über das Wesen\nder Musik, in welchem die Ansichten früherer Aesthetiker,\n„wie Kant, Solger, Hand, Hegel, theils neue Begründung,\ntheils Berichtigung finden—bis zu Leibnitzens geistreichem\nAusspruch hinauf: Musica est\ntum nescientis se nutnevore (inimi*) enthält der §. 764\nmit seiner Erläuterung noch folgende treffende Darstellung\nder zweiseitigen Natur der Tonkunst:\n„Aus der Gesammtheit der Grundbestimmungen über\ndas Wesen der Musik überhaupt ergibt sich der wesent-\nlich amphibolische Charakter, welcher der Musik in\nVergleichung mit den anderen Künsten eigen ist. Sie ist\ndas Ideal selbst, die blossgelegte Seele aller Künste, das\nGeheimniss aller Form, eine Ahnung weltbauender Gesetze\n•und eben so sehr das verflüchtigte, unentfaltete Ideal; sie\nhat Alles und Nichts, ist sinnlich und unsinnlich, eine Quelle\nhohen und reinen Genusses, die doch Vielen völlig ver-\nschlossen ist, Alle ermüdend, wenn sie ein bescheidenes\nMaass der Dauer überschreitet, durch ihren inneren Man-\ngel zum Anschluss an das Wort getrieben und dann un-\nselbstständig, in ihrer reinen Selbstständigkeit aber von\neinem Gefühle begleitet, wie ein ungelös'tes Räthsel.\n„Wir haben bereits in der Grundlegung des gegen-\nwärtigen Gebietes dessen eigentümliche Zweiseitigkeit als\nwesentlichen Charakter aufgestellt. Uebersieht man nun,\nwm über das Gefühl gesagt ist, so bewährt sich nach allen\nSeiten an ihm, als der Form, welche dieses Gebiet schafft,\ndieser Charakter der Amphibolie. Es ist sinnlich und un-\nsinnlich, unterschiedslos und doch reich an inneren Unter-\nschieden, objectlos und lässt doch das Object ahnen u. s.\nw. Die ausdrückliche Hervorhebung haben wir aber bis zu\nder Stelle aufgeschoben, wo bereits auch das Wesentliche\nder Darstellungsmittel zur Sprache gekommen ist und wo\nnun dieser Begriff auf das Ganze der Kunstform seine klare\nAnwendung findet. Der hohe und reine Werth derselben\nwird durch das wissenschaftliche Prädicat der Amphibolie\nnicht heruntergesetzt; die Musik ist eine volle und ganze\nKunst für sich, hat das ganze Schöne in ihrer Weise. Allein\nkeines Dinges Vollkommenheit wird ohne Gefühl seiner\nMängel und Gränzen betrachtet; dieses Gefühl weis't im\nGebiete der Kunst von jeder einzelnen hinüber zu den an-\nderen Künsten, welche das Erscheinende von anderer Seite\nerfassen und jene Mängel ergänzen; die Wissenschaft aber,\nwelche das Ganze der Künste vergleichend im Auge hat,\nerhebt es zum Begriff. Und dieses Gefühl muss allerdings\nin der Musik stärker sein, als in den anderen Künsten, mit\nAusnahme der Architektur, deren eigenthümliche Ver-\nwandtschaft mit der Musik im Folgenden ausdrücklich zu\nbesprechen ist; die höchste Befriedigung wird mit einer\nEmpfindung wie eines Sinkens ins Bodfnlose oder eines\nVerschwebens ins Weite, einer dunkeln Sehnsucht nach\neinem Halt, einem Festen begleitet sein.\n„Ganz allgemein ist zuerst zu sagen, dass jene Befrie-\ndigung ein Gefühl der reinsten Idealität ist, wie in kei-\nner anderen Kunst. Alle Kunst ist ja ein Formleben, eine\nreine Wirkung der Oberflächen ohne den Durchmesser, ein\nGeist, nicht ein Stoff. Daraus macht die Musik Ernst im\nengsten Sinne des Wortes; es ist in allen Künsten Musik,\nja, der Mittelpunkt ihres.Schönen ist Musik; das Geheim-\nniss der Form in der Statue, der Form und zugleich der\n\n*) Epist. ad divers. I. 144. „Die Musik ist eine dunkele Aus-\nübung der Arithmetik, eine Thätigkeit der unbewusst\nrechnenden Seele.**"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "266", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.1.2", "texte": "Licht- und Farben-Einheit im Gemälde, der dichterischen\nGestaltung für das innere Auge ist ein Fluss, ein Rinnen\nund Schweben geordneter Rhythmen, und dies gilt nicht\nbloss von dem, was wir Form im näheren Sinne nennen,\nsondern eben so von der Einheit und Mannigfaltigkeit des\ngeistigen, ethischen Inhalts, der Situation, Handlung u. s.\nw. Wir haben schon §. 760. Anm., den Ton die blossge-\nlegte Seele des Körpers genannt; der geordnete Ton, die\nMusik, verhält sich nun auf unendlich höherer Stufe eben\nso zu der ästhetisch geordneten Körperwelt der anderen\nKünste, sie nimmt dieses Geheimniss der ästhetischen Ver-\nhältnisse aus seiner wirklichen oder (in der Poesie) vorge-\nstellten Körperhülle heraus und entfaltet es nackt, körper-\nlos für sich; sie ist die zeitlich gewordene Linie der Schön-\nheit, wie der Ton an sich die zeitlich gewordene Linie\nnoch ohne Beziehung auf die Schönheit. Bereits §. 542,\nAnm., ist diese tiefe Bedeutung der Tonkunst berührt.\n„So versetzt sie uns denn schlechthin in die ideale Stim-\nmung, welcher die ganze Welt eine zur Vollkommenheit\ngeordnete, vom störenden Zufalle freie Harmonie ist. Wir\nahnen in dem künstlerisch geordneten Tone die Ordnung\nder ganzen Welt, auch der körperlichen; uns ist, als ob\nnach diesen Harmonieen das Weltgebäude sich gefügt, das\nBreite sich gestreckt, das Tiefe sich gesenkt, das Hohe sich\nemporgestreckt, das Runde sich gebogen und gewölbt\nhätte; die Sage von Amphion und die Vorstellung von der\nSphären-Harmonie gewinnt innere Wahrheit. Das Ursprüng-\nliche, der Kern der Darstellung, das Bild der subjectiv\nmenschlichen Empfindung geht mit diesen grossen objecti-\nven Ahnungen ganz in Eines zusammen; denn das Herz\nfühlt sich als Centrum der Welt, worin deren Einklang,\naus dem Missklang sich herstellend, sich zusammenfasst, es\nfühlt seine Schicksale als Welt-Schicksale.\n„Allein diese vollendete Durchsichtigkeit des Form-\nGeheimnisses ist eben so sehr wieder auch gerade nicht\ndie wahre Idealität. Die Form ist wohl das wahre Wesen\naller Dinge, allein das Leben der Form ist, dass sie sich\nin unendlichen Gestaltungen immer aufs Neue als Stoff\nsetzt, um als höhere, geistigere Form aus ihm zu entstehen.\nDas wahre Dasein der Idee ist daher und bleibt ein Da-\nsein, das in Körpern thätig ist, vergl. § 746, und ich er-\ngreife die Form in ihrer Bestimmtheit und an dem, was\nsie als ihr scheinbares Gegentheil setzt, am Körper im\nRäume. Diese bestimmte Existenz der Form hat die\nMusik nach der einen Seite, soweit sie in den bildenden\nKünsten zur Erscheinung gebracht ist, verflüchtigt, nach\nder anderen, sofern sie in neuer Weise durch die Poesie\nerstehen soll, noch nicht wiedererzeugt. Die Musik ist also\nvor lauter reiner Idealität eben so sehr nicht wahre Idea-\nlität. Geahnt und dunkel vorschwebend hat sie die ganze\nWelt, in klarer Wirklichkeit hat sie nichts. Sie ist die\nreichste Kunst, sie spricht das Innigste aus, sagt das Un-\nsagbare, und sie ist die ärmste Kunst, sagt nichts. Sie er-\nfasst mit ihrer objectlosen Entzückung den reinen Geist an\njenem dunkeln Punkte, wo in den zarten Fäden des Ner-\nvenlebens der geistige Phosphor aufblitzt, und diese Fäden\nsind zugleich als der höchste und letzte Extract des Sinn-\nlichen die Träger der sublimsten und gerade dadurch sinn-\nlichsten Sinnlichkeit. Die concentrirtesten Tiefen dieser Kunst\nder Innerlichkeit zu entwickeln, war der protestantischen\nWelt vorbehalten, und doch hat sie der Breite, Popularität,\nAll gemeinheit des Sinnes und der Fruchtbarkeit nach je-\nderzeit mehr in der sinnlicheren Stimmung katholischer Be-\nvölkerungen geblüht.\n„Auch das Eigenthümliche der Begabungs- Unter-\nschied e zeigt die ganz besondere Natur dieser Kunst. Es\ngibt allerdings keine Kunstform, für welche nicht einem\nTheile der menschlichen Organisationen die Gabe versagt\nwäre. Der ästhetische Sinn, ein wesentliches und untrenn-\nbares Attribut der menschlichen Gattung, ist im Individuum\nmehr oder minder einseitig; dem Einen ist das plastische\nFormgefühl, dem Anderen das malerische Auge versagt,\naber so ganz todt und unverständlich sind doch wohl diese\nGebiete der Kunstwelt auch dem stumpferen Sinne nicht,\nwie es die Musik denen ist, welchen einmal das musicali-\nsche Gehör fehlt. Die Allgemeinheit und Nothwendigkeit,\ndie wir schon §. 750, Anm. 2, auch von dem Schönen in\nreiner Gefühlsform behauptet haben, bleibt nichts desto\nweniger stehen; denn es ist eine Abnormität, wenn zwi-\nschen den rhythmischen Schwingungen einer Seele und\nzwischen ihrem Gehörssinne das Band rein zerschnitten er-\nscheint. Bloss mangelhaft entwickelt wird man den musica-\nlischen Sinn durchschnittlich bei den Naturen finden, die\nsehr entschieden auf das Auge organisirt sind und deren\nGeist auf scharfes, denkendes Unterscheiden dringt; woge-\ngen musicahsche Anlage und Neigung mit mathematischer\nBegabung in engem Zusammenhange steht. Die Schärfe\nmathematischen Unterscheidens verträgt sich trotz dem\nscheinbaren Widerspruche ganz wohl mit einer Kunstform,\ndie im Allgemeinen weiblich zu nennen ist; aber einem\nManne der philosophischen Strenge wie Kant lag es nahe,\ndie Musik, weil sie im Spiele der Empfindung nur unbe-\nstimmte Ideen erwecke, zu tief unter die bildende Kunst\nzu stellen, welche durch die Einbildungskraft dem Verstände"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "267", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.1.3", "texte": "bestimmte Ideen zuführe und so die Erkenntniss-Ver-\nmögen erweitere (Kr. d. ästh. Urtheilskr. §. 53); er gibt\nzwar zu, dass die Musik „inniglicher\" wirke, aber er über-\nsieht, dass eben in dieser Innigkeit die Geistesahnung die\nzwar unbestimmtere, aber tiefere ist.\n„Dass alle Musik nur eine Weile schön ist,\nliegt im Wesen des Gefühls. Der Geist arbeitet mit solcher\nGewalt innerer Notwendigkeit aus dem Unbewussten in\ndas Bewusste, dass das Gefühl wesentlich ein Verschwin-\ndendes, Uebergehendes ist. Man kann nicht lange bloss\nfühlen, man kann nicht lange Musik hören. Das Auge na-\nmentlich ist hier ein feindlicher Nebenbuhler des Ohrs; dass\nman die Musiker während der Aufführung nicht sehen\nrilte, ist ein richtiger Gedanke. Da die Stimmung ein so\nzartes Ding ist, muss sich die Musik auch wohl hüten, da,\nwo man eben nicht zum Fühlen aufgelegt ist, sich aufzu-\ndrängen, eingedenk, dass ich das Werk der anderen Künste\nstehen lasse, wenn ich nicht in der Laune bin, die Musik\naber hören muss. Bekannte Erfahrungen haben Kant be-\nstimmt, die Musik für eine aufdringliche Kunst zu erklären.\nWahrhaft barbarisch ist Tafelmusik; der Genuss des Es-\nsens erträgt keinerlei gleichzeitige Hebung in das Geistige,\nals durch Gespräch; die Musik scheint uns das Essen wie\neine Gemeinheit vorzuwerfen, und stört gerade dieses ein-\nzige Mittel, uns zugleich geistiger zu stimmen.\n„Die bedeutungsvollste Seite dieser Amphibolie ist das\nVerhältniss zwischen reiner oder Instrumental- und an-\ngelehnter oder Voc aI - Musik. Dieses Verhältnissist durchaus\nein dialektisches, und der Streit darüber nothwendig ein\nunendlicher, wo immer das Denken über die abstracte Dis-\njunction nicht hinaus zu gehen vermag. Die Vocal-Musik\nist nicht reine Musik, zunächst weil sie mit dem vollkom-\nmensten Organe, der menschlichen Stimme, auch einen\nGrad der Abhängigkeit vom Naturzufall in Kauf nimmt,\nwelchen das Instrument, das als passives Object, getrennt\nvon der Persönlichkeit, in deren Hand ist, nicht unterliegt;\ndas Material soll ja (vergl. §. 490) todter Stoff sein; sie\nist es aber auch aus dem tieferen Grunde, weil sie das G e-\nfühl nicht in seiner Reinheit, sondern in seiner Verbindung\nmit dem begleitenden Bewus.stsein darstellt. Die Musik\nist ja eben da, weil Worte nicht genügen, das Gefühlsleben\nauszudrücken. In der Verbindung Beider sagt das Wort\nweniger, als der musicalische Ton; es sagt mehr, die-\nses Mehr besteht in Aufzeigung eines bestimmten Objectes,\naber die absolute Innigkeit des Gefühls ist es ja eben, die\ndas Object auflös't, über diese Begränzung überall hinaus-\nflutet. Es ist daher in der Gesellung des Tones und des\nObjecte aufzeigenden Wortes niemals völlige Congruenz;\nder Geist des Tones schwebt zwischen durch, darüber hin-\naus, lässt sich nicht binden und ist doch gebunden; man\nverliert so eben, nachdem man sie so eben gewonnen, die\nUeberzeugung, dass diese Töne gerade und nothwendig\ndieses im Worte gegebene Object ausdrücken. Je strenger\nan den Text gebunden, je mehr declamatorisch, desto we-\nniger echt musicaiische Schönheit, je reiner entwickelte\nMusik, desto losere Abweichung vom Texte; von beiden\nSeiten ein „ fortwährendes Ueberschreiten oder Nachge-\nben\", daher die Oper „ein constitutioneller Staat, der auf\neinem steten Kampfe zweier berechtigten Gewalten beruht,\neine Ehe zur linken Hand\" (Hanslick a. a. 0., S. 28,31).\nDie blosse Instrumental-Musik dagegen gibt das Gelühl\nin seiner Reinheit, d. h. in seiner Bewusstlosigkeit; eben\ndarum aber ist auch der tiefe Mangel desGelühls der ihrige;\nund wie der Geist in diese lebendige Mitte seiner Formen\nimmer wieder untertaucht und immer wieder aus dem dun-\nkeln Grunde ans Licht, zur Deutlichkeit der Dinge ringt,\nso will mitten im befriedigten Hinschwimmen auf ihren\nWogen jeden Moment ein Reiz entstehen, nun wieder ans\nLand zu treten und den festen Inhalt, der immer am fer-\nnen Saum hinzuschweben scheint, zu erkennen; ein .Gelühl\neines ungelös'ten Räthsels, ein Gang wie durch einen ägyp-\ntischen Tempel von Vorhof zu Vorhof, phne ein Anlangen\nbei einem Kern, der die Bewegung abschlösse, ein Ent-\nzücken, aber mit Schwindel. Dieser Eindruck gleicht jenem,\nden die einseitige höchste Ausbildung des Colorits in der\nMalerei mit sich lührt, die wir eine gelährliche Spitze ge-\nnannt haben; man sehnt sich nach dem festen Boden der\nZeichnung, der bestimmteren Geltung des Objectes.\nAuch würden nimmermehr alle Tiefen des Gelühls sich ent-\nfalten ohne das begleitende Bewusstsein. An bestimmten\nGegenständen erst schiesst der ganze Reichthum der Ge-\nfühlswelt auf. Wie er aufschiesst, so ertränkt sich freilich\nalsbald die Bestimmtheit des Objectes wieder in den Be-\nbungen des Gefühls, aber nur um abermals durch bestimmt\naufgezeigte Situation zu neuen Entfaltungen erregt zu wer-\nden. Dieses Verhältniss haben wir vorbereitet in §. 749,\nAnm , wo gesagt ist, dass das Gelühl durch das begleitende\nBewusstsein sich stetig bereichert Sucht man nun von die-\nsem Herüber und Hinüber zwischen selbstständiger und\nunselbstständiger Musik bei dem Gedanken auszuruhen,\ndass eine Vereinigung beider das Wahre sein werde, so hat\nman in dieser allerdings die reichste Gestalt der Musik. Jene\nconcrete Fülle und Vielseitigkeit des Gelühls (vergl. §.757)\nkann eine reichere Verwirklichung nicht finden; der Gesang"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "268", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.1.4", "texte": "ist jetzt der Kern des Geiühls, selbst schon vieltönig und\neinen Reichthum unterschiedener Formen in dem Einen\nGefühle darstellend; die Instrumental-Musik ist sein noch\nreicherer Wiederhall, der uns bald wie ein Wiederklingen\nunserer Empfindung in der Landschaft, im weiten All, bald\nals ein unendlich sich verdoppelndes Echo in der Menschen-\nbrust gemahnt. Allein in der That ist darin jenes incon-\ngruente Verhältniss von Wort und Ton, das zunächst im\nGesänge allein vor uns stand, nicht gelös't, sondern durch\ndie verdoppelte Macht der Musik nur noch erschwert; ihr\ndurch so viel Gewicht verstärkter Schwung droht den Text\nhinfort zu reissen, zu überfluten, und wenn sich hier wie-\nder die Aufforderung darzubieten scheint, dass die Musik\num so enger an diesen gebunden werde, so steht dem ent-\ngegen, dass sie dadurch gefesselt, den vermehrten Reich-\nthum ihrer Mittel nicht zu seiner ganzen Entfaltung brin-\ngen könnte. Diese ganze Amphibolie im Verhältnisse\nzwischen Vocal- und Instrumental-Musik ruht, wie man\nsieht, auf dem Satze unserer psychologischen Grundlegung\n(§. 749, Anm.): „ „ Wir stehen vor einer schwierigen Wahl:\nentweder reines Gelühl, aber behaftet mit einem Bedürf-\nnisse der Ergänzung, die es deutet, seiner Objectlosigkeit\nabhilft, oder gedeutetes, auf das Object bezogenes, aber\nnicht mehr in seiner Reinheit vorliegendes Gelühl.88 (Nr.\n33, S. 260, Sp. 2.)\n\nEmilie Zumsteeg.\n(Nekrolog.)\n\nStuttgart, den 16. August 1857.\nEinen Ehrenplatz in der Geschichte seiner Zeit ver-\ndient, wer das, was ihr als Bestes gegolten, nicht nur an\nsich selbst auszubilden und darzustellen, sondern auch bei\nAnderen einzuführen und zu befestigen vermochte. Und\ndoppelt hoch ist ein solches Verdienst anzuschlagen, wenn\ntrotz erschwerender Umstände, trotz dem Anlauf wider-\nstrebender Richtungen das Vortreffliche dennoch zum Siege\nkam. Dass in der Musik, der allgemeinsten von allen\nKünsten, die Erhaltung und Befestigung des guten Ge-\nschmacks vermehrte Schwierigkeiten finden muss,. kann\nschon die gränzenlose Mannigfaltigkeit musicalischer Er-\nzeugnisse und die Bequemlichkeit, mit'welcher singende\nund spielende Gelüste befriedigt werden können, hinreichend\nbeweisen. Und wo sollte in einer Zeit, die ihre Fabricate\nnach allen Seiten hin so rasch und wohlfeil absetzt, sie\ndurch alle Fugen und Ritzen der Gesellschaft treibt, nicht\nauch der überreiche Markt der Compositions- und Virtuo-\nsitäts-Leistungen seine Stapelplätze haben? Würtemberg\ndarf und will nicht läugnen, dass auch zu ihm neben dem\n/\nMetallgewichte des Guten und Besten der Goldschaura mu-\nsicalischer Dünnleibigkeit und selbst der spanische Pfeffer\nexaltirter Verzerrung gedrungen sei. Aber die Hauptfrage\nist, ob diese Artikel tonangebend geworden sind oder\nnicht, und diese Frage dürfen wir getrost verneinen. Wohl\nhört man viel beifälliges Geklatsch und Geschnalz, wo ein\nMusikstück mit Ohr und Herz des Zuhörers wie ein toll-\ngewordenes Ross durchgeht, oder wo eine Piece die Seele\nin romantisch süssen, seufzend hinsterbenden Staubregen\nauflöset, der in die Winde stiebt, ehe er ein Blatt feucht\ngemacht; aber dieser Geschmack ist bei uns wenigstens nie\nder herrschende gewesen und hat nie dalür gegolten. Wir\nhaben Sinn genug bewahrt für das Gesunde und Wahre;\ndie stille Sättigung, die der gebildete Geschmack bei echter\nMusik empfindet, hat selbst bei zweifelhafteren Beurtheilern\nimmer so viel Respect genossen, dass diese wenigstens das\nVorrecht des Besserwissens sich nie angemaasst haben. Mit\nEinem Worte: die Kunst und ihre Meister stehen bei uns\nin gebieterischem Respect, und wir dürfen mit Selbstgefühl\nsagen, dass der Sinn für ernste Erfassung der Tonkunst\nviele und rüstige Jünger unter uns zählt.\nUnter den Kräften, welche diesen Sinn in besonderem\nMaasse zu wecken und zu stärken berufen waren, nahm\nEmilie Zumsteeg eine hohe Stelle ein; seltene Natur-\nbegabung, männlich entschlossenes Studium, Kraft und\nBeharrlichkeit des Charakters alle diese Eigenschaften\nzusammen belähigten sie in hohem Grade lür diesen Beruf.\nSie war die Tochter des gefeierten Componisten Johann\nRudolph Zumsteeg, herzoglichen Concertmeisters zu\nStuttgart, und der Louise, geb. Andreä. Am 9. De-\ncember 1796 geboren, stand sie erst in ihrem sechsten\nLebensjahre, als ihr Vater starb. Sein Geist aber mit all\nden glanzvollen Erinnerungen an die classischen Heroen\nder Musik und der Dichtkunst, denen (wie Schiller) der\nVater aufs engste befreundet war, ging auf die Tochter\nüber. Von Kindheit an war sie in der Musik aufgewachsen\nund unterstützte früh schon die Mutter bei Führung ihrer\nMusicalienhandlung. Aber eben so früh schon betheiligtc\nsie sich auch bei den mancherlei musicalischen Aufführun-\ngen damaliger Zeit, bei denen sie mit ihrer wohlgebildeten\nkraftvollen Altstimme besonders willkommen erscheinen\nmusste. Auszeichnende Anlage und Energie entwickelte\nsie im Cla vier spiel, und ihr geschickter Lehrer in die-\nser Kunst, ein Bruder des berühmten Malers Schick, sah\nsie so rüstig sich entwickeln, dass er schon frühzeitig eine"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "269", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.1.5", "texte": "Künstlerin in der Schülerin erblicken durfte. Aehnliche\nKraftentfaltung zeigte sie im Studium des Generalbas-\nses, worin ihr der Concertmeister Sutor als Lehrer zur\nSeite stand. Ihre treffliche Anlage bildete sich bald so weit\naus, dass sie im Lesen und Spielen der schwierigsten Par-\ntituren sich mit Leichtigkeit bewegte, dass Meister wie\nKreutzer, Hummel, Lindpaintner u. A. ihr die aufrichtigste\nBewunderung zollten, und dass Autoritäten wie Carl Maria\nv. Weber, Zöllner, Neukomm u. s. w. eine Kunstgenossin\nin ihr erkannten. Aber auch ihr Compositions-Talent hat\nkraftvolle Proben geliefert, und wenn wir uns des Ulrichs-\nliedes aus Hauffs Lichtenstein: „VomThurme, wo ich oft\ngesehen\", erinnt..n. jener Composition, deren Kraft und\nAdel das Ansehen der Classicität bei uns erlangt hat, oder\nder tiefempfundenen Lieder: „Gut' Nacht, fahr' wohl\",\n»Sehnsucht der Liebe\", „Mitternacht\", „Heimat\", oder\nder seelenvollen Melodieen zu Lenau's Schilfliedern u. s. w.,\nLeistungen, die eben so sehr durch die Originalität der\nEmpfindung als durch die Gewandtheit des Satzes die Mei-\nsterin beurkunden, so müssen wir bedauern, dass die Com-\nponistin diesem Talente keine ausgebreitetere Entwicklung\ngewähren zu sollen glaubte. Doch wie den Ruhm, als Vir-\ntuosin auf dem Ciavier zu glänzen, so vertauschte sie auch\nden der Tonsetzerin mit dem weniger glänzenden, aber\nnicht weniger edlen Berufe, durch Unterricht Andere\nin die Tiefen der Kunst einzuführen, um ihnen dadurch\ndasselbe Glück des Genusses der Schönheit zu gewähren,\ndessen Fülle ihr eigenes Inneres beseligte. Und wie treu\nhat sie die Pflichten einer Lehrerin erfüllt! Viele, unglaub-\nlich Viele verdanken ihr die Kenntnisse der Musik und, was\nnoch mehr ist, die Fähigkeit, das Schönste dieser Kunst\nmit geläutertem Verständniss gemessen zu können. Dabei\nwusste sie durch die ganze Erscheinung ihres männlich\nkraftvoll angelegten Wesens einen mächtigen Einlluss auf\ndie sittliche Bildung ihrer Zöglinge auszuüben; sie war\nihnen Helfer, Rathgeber, und wir dürfen wohl sagen Vor-\nbild. Aber nicht nur den Einzelnen, die ihre Schüler sein\ndurften, auch den weitesten Kreisen wünschte sie den ver-\nedelnden Genuss der Tonkunst zu verschaffen. Sie war\neine Haupt-Triebfeder jener mnsicalischen Ereignisse, wel-\nche in den dreissiger Jahren weit über unser Vaterland\nhinaus leuchteten und deren Gedächtniss noch heute nicht\nerloschen ist; im Verein mit dem energischen Capellmeister\nLindpaintner brachte die Entschlafene die gepriesensten\nOratorien Bach's, Händel's, Haydn's zur Aufführung. Die\nLeitung des Ganzen war Lindpaintner's Werk; aber das\nSchwierigere, die Einübung eines Singchors, aus allen Stän-\nden und Berufsclassen zusammengesetzt, aus Sängern und\nSängerinnen, deren Mehrzahl kaum in die Elemente der\nMusik eingeweiht war diese Aufgabe hat sie mit uner-\nmüdlichem Beharren, mit meisterlicher Umsicht gelös't, und\nnoch die Einübung der Chöre zum Messias lür den Stutt-\ngarter Kirchentag im Herbste 1850 konnteZeugniss ihrer\nkünstlerischen Rüstigkeit ablegen, aber auch dafür, wie sie\nmit rücksichtsloser Selbstverläugnung ihren Nutzen und\nselbst ihre Gesundheit hintansetzte. Auch die Stuttgarter\nSchiller-Feste, diese erhebende, alljährlich wiederkehrende\nFeier zu Ehren des grossen Dichter-Genius, verdanken\nihren Bemühungen einen grossen Theil ihres Reizes, und\nnoch heute zählt der Träger dieser Feste, der Stuttgarter\nLiederkranz, viele in seinen Reihen, die sich ihrer Lei-\ntung und Unterweisung erfreuen durften.\nUnd wie sie den Tag über unermüdet ihrem Berufe\ngelebt hatte, so war sie oft in den späten Abendstunden\nnoch thätig, einem Kreise lieber Musikfreunde die Meister-\nwerke classischer Tonsetzer bekannt zu machen. Durfte sie\ndoch sich des schönsten Erfolges ihrer Bemühungen um\ndie Kunst erfreuen, sie, die es vorzugsweise war, die jenen\nSinn lür das Tiefste und Heiligste in der Musik pflanzen\nhalf, der seit einer Reihe von Jahren die Angehörigen des\nVereins für classische Kirchenmusik so ener-\ngisch und erfolgreich zusammenhält. Aber es hat ihr auch\ndie Liebe und die Verehrung von keiner Seite gefehlt.\nSelbst ihr König hat durch Aussetzung eines Jahrgehal-\ntes die Anerkennung ihrer Verdienste um Hebung und\nVeredlung der Musik huldreich ausgesprochen. Unsere\nstädtischen Behörden haben den hohen Werth ihrer\nWirksamkeit durch Ehrengaben wiederholt dankbar ge-\nrühmt, und der befreundete Umgang, den Namen wie Just.\nKerner, Gust. Schwab, Nik. Lenau, Graf Alexander von\nWürtemberg u. A. mit ihr pflegten, konnte überzeugend\ngenug beweisen, welch ein Werth ihr beigelegt • ward.\nAllein der innerste Lohn war ihr immer das Bewusstsein,\ndurch Verbreitung der Tonkunst Gutes gewirkt zu haben.\nDiese Ueberzeugung war auch eine Hauptstütze, die sie\nauf ihrem langen, qualvollen Krankenlager aufrecht erhielt.\nWie muss es sie gestärkt haben, in den tausendfachen Be-\nweisen rührender Theilnahme, die sie fand, eine Frucht zu\n. # i • * • # # :y\nerblicken, deren Saat sie selbst durch uneigennützige Hin-\ngabe in die Herzen gelegt hatte!\nAm 1. August dieses Sommers erschien ihr der Frie-\ndensengel des Todes, und am Abende des 3. ward sie un-\nter Kränzen des Ruhmes und Thränen des Dankes von\neiner grossen Zahl von Verehrern, Freunden, Schülern und"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "270", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.1.6", "texte": "Schülerinnen in die Erde gelegt. Die Gesänge des Vereins\nfür classische Kirchenmusik und des Liederkranzes klangen\nihr nach. Der Inhalt der liefgelühlten Trauerrede des Herrn\nStadt-Dekans Mehl fasst sich wohl am besten in den Ge-\ndanken zusammen, dass uns das schönste Denkmal die\n✓\ndankbare Erinnerung an eine Frau bleibe, welche als echte\nPriesterin ihrer Kunst Gut und Leben eingesetzt, um nicht\nnur eine auserlesene Schar, sondern Alle durch den himm-\nlischen Genius der Musik zu beglücken und zu erheben,\nwie sie selbst von ihm beglückt und erhoben war.\nWir schliessen mit den Worten, welche Dr. J. G.\nFischer im Namen des Liederkranzes, dessen vieljähriges\nEhren-Mitglied die Verewigte war und von dessen jünge-\nren, singenden Mitgliedern sie zu Grabe getragen wurde,\nihr nachgerufen hat:\nEine Vollendete wandelst Du nun\nHoch über unserem irdischen Schmerz,\nUnd entgegen kommt Dir der gepries'ne Vater,\nZu führen die Tochter in die TongeSlde\nJener seligen Geisterinsel,\nWo Dich empfangen alle die Meister,\nDie Du so tief und innig verstanden,\nDie Du so treu und begeistert verkündigt;\nUnd die göttlichen Chöre des Messias vernimmst Du,\nVon jeglichem irdischem Missklang entbunden,\nUnd ein ewiges Requiem labt die Verklärte.\nUns Trauernde aber an Deinem Grabe\nHat aufgerichtet der herrliche Trost.\nEin Vorbild wie Deines als Stärkung zu tragen\nIn dankender Brust.\n\nS. K.\n\nDas erste pommer’sche Provincial-Gesangfest\nzu Stettin.\nDas am 24.,25. und 26. Juli zu Stettin gefeierte\nProvincial-Gesangfest hat im Allgemeinen bei dem Publicum\neinen recht befriedigenden Eindruck hinterlassen; wenigstens\nsteht es mit Sicherheit fest, dass der erzielte Erfolg die ge-\nhegten Erwartungen weit übertroffen hat. Was insbeson-\ndere den aufgewandten äusseren Prunk betrifft, so dürfte\nderselbe nicht leicht anderswo bei dergleichen Veranlassun-\ngen angetroffen werden. Für die Aufnahme auswärtiger\nSänger war trotz des notorischen Wohnungs-Mangels in\neiner Weise gesorgt worden, welche Stettin zur Ehre ge-\nreicht, — eine Erscheinung, die den günstigsten Einfluss\nauf ein künftiges Sängerfest unbedingt ausüben wird. Wider\nErwarten war die Zahl der mitwirkenden Sänger bis unge-\nfähr 750 angewachsen. Zu dieser allgemeinen Betheiligung\nhatte der Name Löwe wohl wesentlich beigetragen. Man\nhätte frischere und thatkräftigere Dirigenten finden können,\num aber eine musicalische Berühmtheit an der Spitze zu\nhaben und einer allgemeinen Betheiligung sicher zu sein,\nwurde von dem Comite Dr. Löwe als General-Dirigent ge-\nwählt eine Wahl, gegen welche sich aus dem angeführ-\nten Grunde nichts sagen lässt, die aber für den musicali-\nschen Erfolg nicht glücklich genannt werden kann; denn\ndie Begeisterung, von welcher jeder Sänger beseelt war,\nwurde vollständig unterdrückt durch die beispiellose Schlaff-\nheit, mit welcher der „Meister von europäischem Rufe\"\ndas Fest leitete, eine Schlaffheit, die jeden Musikverstän-\ndigen zur Verzweiflung bringen konnte. Dazu kamen noch\ndie gränzenlos mattherzigen Tempi, unter welchen mit Aus-\nnahme der „Wüste\" sämmtliche nicht Löwe'sche Com-\npositionen zu leiden hatten, um die musicalische Sünden-\nschuld aufs Höchste zu steigern.\nAm ersten Tage kamen zur Aufführung:\nregem\" von Löwe, dessen Oratorium „Die eherne Schlange\"\nund die Symphonie-Ode „Die Wüste\" von F. David. Die\nbeiden ersten Werke machten einen ziemlich langweiligen\nEindruck; denn ungeachtet mancher nicht zu läugnenden\nSchönheiten blieben die aufgewandten Mittel hinter der\nkünstlerischen Idee zurück und fehlte dem Ganzen ein not-\nwendiger Höhepunkt. Dabei war die Besetzung der zahl-\nreichen Solo-Partieen eine höchst mangelhafte, so dass\nselbst unmusicalische Naturen an manchen Stellen einer Ner-\nvenzüchtigung ausgesetzt sein mussten. Unter solchen Um-\nständen war der „Wüste\" ein durchschlagender Erfolg ge-\nsichert. Einer besonderen Vorliebe für das Werk von Sei-\nten Löwe's mag es zuzuschreiben sein, dass diese Compo-\nsition nach einem anderen Grundsatze geleitet wurde, als\nder war, von welchem der General-Dirigent sich bei der\nDirection der anderen Werke, natürlich mit Ausnahme der\nseinigen, bestimmen fiess. Sonach hatte der erste Sängertag\nwenigstens einen ganz befriedigenden Schluss.\n„Immer langsam voran!\" das hätte als bezeichnendes\nMotto vor das Löwe'sche Dirigentenpult bei der Matinee\nam zweiten Sängertage geschrieben werden können; denn\njede Bewegung seines Tactstockes war eine begeisterte Lob-\nrede auf dieses Motto. Armer Mendelssohn! Wenn du ge-\nwusst hättest, dass dein erhabener „Festgesang an die\nKünstler\" so schrecklich zugerichtet werden würde, wie\ndies hier geschah, du hättest sicher dein Kunstwerk den\nFlammen Preis gegeben. Man merkte es den beiden Unter-\nDirigenten, die wegen der den Saal durchbrechenden Säu-\nlenreihe nothwendig waren, wohl an, dass sie gern vor-\nwärts gegangen wären; um aber eine General-Confusion\nzu vermeiden, mussten sie sich in den Schneckengang fügen,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "271", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.1.7", "texte": "und so blieb denn die herrliche Schöpfung Mendelssohn's,\nin welcher jeder Ton Begeisterung athmet, ohne jegliche\nWirkung. Die zweile Nummer, Mozarfs Arie aus der Za-\nuberflöte: ,0 Isis und Osiris\", war ebenfalls eine unverzeih-\nliche Sünde gegen den unsterblichen Meister; denn sie wurde\nvon einem Sänger (?) vorgetragen, dem ausser allem Ande-\nren zunächst das Beste fehlte, die Stimme. Dieselbe klang,\nwie ein hiesiges Localblatt ganz treffend bemerkt, „als be-\nfände sie sich in einem ledernen Futteral\". Dass Marsch-\nner's „ Liedesfreiheit\", mit Ausnahme des Solosatzes, wel-\ncher vom General-Dirigenten regiert wurde, zur Gellung\nkam, war nur der kühnen Eroberung des Dirigenten des-\njenigen Flügels, an welchem sich der zweite Tenor und\nerste Bass befanden, zu danken. Herr Beschnitt, Dirigent\nder hiesigen Liedertafel, benutzte die Gelegenheit, welche\ndurch den Einsatz des ersten Basses und den nachfolgeu-\nden zweiten Tenor die Macht in seine Hand legte, und\nführte seinen Flügel selbstständig ins Feuer. In der darauf\nfolgenden Sopran-Arie von Händel, „Höre Israel\", erwarb\nsich unsere Primadonna am Theater, Frau Flintzer-Haupt,\ndurch ihren gediegenen Vortrag reichen und wohlverdien-\nten Beifall. Eben so rühmenswerth war der seelenvolle Vor-\ntrag des Herrn Lern per, an welchem wir jetzt einen be-\nliebten Cellisten vermissen, da derselbe nun nach Bergen\nauf Rügen seinen Wirkungskreis verlegt hat. Er trug eine\nansprechende Piece, „Abend-Empfindung beim Kloster\",\nvonKarasowski vor. Das darauf folgende Otium des Horaz,\nChor von Löwe, ging unbeachtet vorüber, und der „Frohe\nWandersmann\" von Mendelssohn muss sterbensmüde ge-\nwesen sein; denn dieser schöne Chor wurde in förmlichem\nChoral-Tempo gesungen. Wenn die schleppenden Tempi\nschon hifireichend waren, die Chöre bis zur Unkenntlichkeit\nzu entstellen, so kam noch ein anderer Umstand dazu, wel-\ncher die noch mögliche Wirkung gänzlich aulhob. Man wird\nes kaum glauben wollen, wenn wir mittheilen, dass sämmt-\nlicbe Männerchöre mit Orgel-Begleitung gesungen\nwurden. Am störendsten war diese Begleitung im „Kirch-\nfein\" von Becker und im Mendelssohn'schen Liede „Der\nfrohe Wandersmann\". Vorstellungen über das Unstatthafte\neiner solchen Begleitung blieben von Seiten des „Meisters\nvon europäischem Rufe\", der so etwas ja am besten ver-\nstehen muss, ganz unbeachtet.\nDies der Morgen des zweiten Tages. Der Abend brachte\nein Concert, bestehend aus Vorträgen einzelner auswärtiger\nund hiesiger Vereine. Von ersteren haben namentlich An-\nelam und Stralsund gerechten Anspruch auf Anerken-\nnung. Von den hiesigen Vereinen gab namentlich die Lie-\ndertafel durch den Vortrag einer Beschnilt'schen Compo-\nsition, „Der Lethetrunk vom Rhein\", eine sehr lobens-\nwerthe Leistung, und würde dieselbe nach dem einstimmi-\ngen Urlheil der hiesigen Localkrilik den Preis errungen ha-\nben, wenn eine Preis-Vertheilung Stalt gefunden hätte. Im\nAllgemeinen war das Ergebniss der Leistungen ein sehr\ngünstiges und erfreuliches. Nach Beendigung des Concertes\nfand ein gemeinschaftliches Abendessen im Garten des\nSchützenhauses Statt, bei welchem die verschiedenen Ver-\neine förmlich wetteiferten, sich gegenseitig durch Vorlräge\nernster und heilerer Gattung zu unterhalten; ein schöner\nAbend in jeder Beziehung.\nEine Beschreibung des dritten Tages, des Volksfe-\nstes auf demJulo, einem am Oderufer gelegenen Wäld-\nchen, welches an diesem Tage wohl 25,000 Menschen in\nseinen reizenden Parlieen versammelte, erlasse ich mir, da\nes in dem ungeheuren Menschengewühl unmöglich war, den\nSängern, die überdies auch zerstreut wurden, nahe zu kom-\nmen. Ein Fackelzug, dem Dr. Löwe, dem Oberbürger-\nmeister Hering und dem um das Fest sehr verdienten\nStadtrath Sternberg dargebracht, beschloss das Fest.\nWie wir erfahren, wird nach zwei Jahren das zweite\ngrosse pommer'sche Gesangfest Statt finden. Nun, Glück\nauf! Die Bahn ist ja gebrochen, dass Pommern auch in mu-\nsicalischer Hinsicht sich ermannt. Dann aber möge das Co-\nmite bei der Wahl eines Haupt-Dirigenten die Erfahrung\nbeherzigen, die es bei diesem ersten grossen pommer'schen\nProvincial-Gesangfeste gemacht hat.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nRSIBB, Seine Majestät der König haben Allergnädigst geruht,\nmittels Cabinets-Ordre d. d. Marienbad, den 13. Juni, an die Mini-\nster der Justiz und des Innern „der unter dem Namen KÖlnet\nMännergesang-Verein zu Köln gestifteten Kunstanstalt für\ndeutschen Männergesang Corporationsrechto, so weit solche zur Etr\nWerbung von Grundstücken und Capitalien erforderlich sind, im Gna-\nden zu verleihen.\"\nSe. Königl. Hoheit der Prinz von Wales, der einen Theil des\nSommers am Rhein in Königswinter zubringt, hatte am 14. August\ndie Einladung zu einer Soiree auf der reizenden Villa des Herrn\nGeh. Commercienrathes Deichmann in Mehlemer-Au anzunehmen\ngeruht. Da das schönste Wetter und eine mi'de, wahrhaft italieni-\nsche Luft das Fest begünstigten, so konnten die Lieder des kolne»\nMännergesang-Vereins, die den Haupt-Bestandtheil des Nacht*\nConcertes bildeten, im Freien vor dem Balcon der Hauptfronte, auf\nwelchem Se Königl. Hoheit mit Ihrem Gefolge Platz genommen\nhatten, ertönen, wodurch die Wirkung derselben inmitten des magi-\nschen Kreises farbiger Beleuchtung, wiederholt durch bengalische\nFlammen noch verstärkt und verschönert, ganz ausserordentlich er-\nhöht wurde. Se. Königl. Hoheit der Prinz von Wale» liess sich den\nDirigenten und die Mitglieder des Verein s-Vors tan des vorstellen und\nsprach in sehr schmeichelhaften Ausdrücken seine Theilnahme an"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "272", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570822-01.1.8", "texte": "dem schönen Gesänge aus. Ausserdem ärnteten der Herr Kammer-\nsänger Koch durch den Vortrag einiger Lieder von F. Schubert\nund die kleinen Virtuosen Geschwister Raczek durch ihr bewun-\ndernswerthes Spiel grossen Beifall.\nHeinrich Marschner's Geburtstag, den 16. August, ist durch\nein heiteres ländliches Fest auf dem Schweizerhause bei Brühl ge-\nfeiert worden. Am Abend vorher brachte ihm der kölner Männerge-\nsang-Verein unter Leitung seines Dirigenten Franz Weber eine Sere-\nnade. Es wurden nur Lieder von dem gefeierten Meister gesungen,\nreicher mit Wärme seinen herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit\ndes Vereins aussprach und hinzufügte, dass er diese Gesänge noch\nnie so schön vortragen gehört habe.\nAm Mittwoch den 19. d. Mts. hatte Herr Musik-Director Rein-\nthal er zu Ehren Marschner's eine Versammlung des städtischen\nGesang-Vereins, dessen Dirigent er ist, veranlasst, in welcher die\nMusik Marschner's zu „Waldmüllers Margret'*, einem dramatischen\nGemälde in zwei Acten von Julius Rodenberg, und die Introduction\naus Hans Heiling aufgeführt wurden. Die erstgenannte Musik ist\nnoch Manuscript; sie zeichnet sich durch reizende Anmuth und Ein-\nfachheit in den Liedern und Duetten aus, während die Chöre der\nJäger, der Landleute, der Müllerburschen den frischen Stempel\nMarschner'schen Genies tragen.\n** Vom Rheine« Das fürchterliche Unglück, das die schon\nohnehin arme Mosel in diesem Jahre heimgesucht, hat aller Orten\ndie Wohlthätigkeit in Anspruch genommen, und, mit grosser Ge-\nnugthuung sei es hier gesagt, gerade Musik und Gesang haben\ndurch vieles Schöne sehr viel Gutes gestiftet. Die Gesang-Ver-\neine von Köln, Aachen, Düsseldorf u. s. w. haben mit bekannter\nHochherzigkeit Concerte veranstaltet und Rühmliches geleistet und\nerzielt. Auch unserer lieben Nachbarstadt Cöbl en z müssen wir in\ndieser Angelegenheit erwähnen, wo der schon seit vielen Jahren be-\nstehende Männergesang-Verein „Liedertafel\" im Theater ein Concert\ngab, welches das glänzendste genannt werden muss, das jemals in\nBezug auf Theilnahme und Leistungen hier gegeben wurde. Wir\nwollen dem lieben Vereine hier unseren Dank für seine schönen Ge-\nsänge darbringen und ihm Glück wünschen zu seinem grossartigen\nErfolge, zugleich aber auch die Bitte damit verbinden, lortzufahren\nauf dem betretenen Wege; denn dann wird er sich bald eine Stel-\nlung erobern, die ihm einen ehrenvollen Klang in der musicalischen\nWelt sichern wird.\nLiszt hat in neuester Zeit zwei neue grosse Instrumentalwerke\nvollendet: zunächst die „Hunnenschlacht\" nach Kaulbach's berühm-\n/\ntem Gemälde. Liszt sandte die fertige Partitur nach München, als\nGeschenk für den ihm nahe befreundeten Kaulbach, der ihm als Ge-\ngengeschenk einen wundervollen Carton sandte: den Genius der Mu-\nsik, wie er, auf einem Löwen sitzend, diesen durch die Klänge sei-\nner Leier bändigt. Diese kostbare Original-Zeichnung, in halber Le-\nbensgrösse, wurde Liszt zu seinem Namenstage überreicht. Das\nzweite, erst in diesen Tagen vollendete Instrumentalwerk Liszt's ist\ndie Schiller-Symphonie, welche, zur Aufführung bei den September-\nFesten in Weimar (zur Einweihung des Schiller-Göthe-Denkmals)\nbestimmt, Schiller s Gedicht „Die Ideale\" als poetisches Programm\nerwählt hat. Diese Symphonie hat vier Sätze, wovon die drei ersten\ndem Ideengang der Schiller'schen Dichtung genau sich anschmiegen,\nwährend der vierte, frei concipirte Satz eine Apotheose Schillert\ngibt. Auch seiner grossen ~Faust-Symphonie\" hat Liszt in letz-\nterer Zeit eine wesentliche Erweiterung gegeben. Den drei Instru-\nmental-Sätzen „Faust-', ~Gretchen\" und „Mephisto'4 schliesst sich\nnunmehr als vierter Satz ein Schluss-Chor unmittelbar an, dessen\nText die Schlussstrophen des zweiten Theiles von Faust: „Alles\nVergängliche ist nur ein Gleichniss\" u. s. w., bildet. Auch diese\nSymphonie dürfte, als Gegenstück zur Sohiller-Symphonie, zur Auf-\nführung bei den September-Festen bestimmt sein.\nDresden« Der unter dem Titel „Leid und Lust\" in einzelnen\nNummern (bei Friedel in Dresden) erscheinende Lieder-Cyklus von\nJ. W. v. Ehrenstein findet wegen der reizenden und gemüth-\nvollen Naivetät und sinnigen Auffassung, die sich in diesen Compo-\nsitionen ausspricht, lebhafte Anerkennung; Nummer 2 der Sammlung,\n„Die Liebe kommt wie die Diebe', wurde in verschiedenen Concer-\nten in Dresden mit grossem Beifall vorgetragen. Von einem anderen\nDresdener, dem durch seine Pianoforte-Compositionen beliebten Com-\nponisten Fritz Spind 1 e r, ist (bei C. F. Meser) ein Sonaten-Satz\n(Op. 83) edirt worden, der sich durch Einfachheit und Gediegenheit\nder musicalischen Behandlung und durch instructive Technik aus-\nzeichnet.\nDie von mehreren Zeitungen gebrachte Notiz, dass Liszt's Fest-\nmesse bereits die Presse verlassen habe, erheischt eine wesentliche\nBerichtigung. Nach von uns *in der k. k. Staatsdruckerei eingezoge-\nner Erkundigung ist der Satz dieses Werkes erst bis zum dritten\nBogen gediehen und mit diesem gerade das Kyrie zum Abschluss\ngebracht. Da die complete Partitur allein mindestens dreissig Bogen\numfassen wird und der Clavier-Auszug auch auf zehn Bogen veran-\nschlagt ist, so dürften bis zum Erscheinen des ganzen Werkes wohl\nnoch mehrere Monate vorübergehen, besonders da der Componist die\nCorrectur sich selbst vorbehalten hat, was mit Zeitverlust verbunden\nist. Was jedoch die bei dieser Gelegenheit von uns eingesehenen\nAbzüge des bisher gediehenen Satzes betrifft, so ist vollkommen zu\nbestätigen, dass die Auflage wohl das Schönste und Grossartigste\nzu werden verspricht, was an musicalischem Typendruck bisher ge-\nleistet worden ist. (W* 81. f. M.)"}]}