{"numero_id": "bm-bmtnabi-1857-08-29-01", "volume": "bmtnabi_1857-08-29_01", "ocr_sha256": "6badde0384b65e13f98cb9fe07617db21bc15d17126970dcbc5b37c514e4671a", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1857/08/29_01/bmtnabi_1857-08-29_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1857-08-29-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-08-29_01#c001", "volume": "bmtnabi_1857-08-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "273", "page_fin": "273", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "273", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 393, "texte": "Inhalt.\nAesthetik der Musik. 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J.) bereits Aus-\nzüge gegeben; besonders interessant in demselben sind\nausserdem noch die Paragraphen, welche das Tempo und\nden Rhythmus behandeln.\nDas Capilel über die Composition und ihre we-\nsentlichen Formen (in neun Abtheilungen) verbreitet\nsich zunächst über die Melodie. „Das musicalische\nKunstwerk entsteht dadurch, dass die Phantasie eine\nTonreihe schafft, welche sich durch die Art und Weise\nihrer Bewegung auf Tönen und Intervallen der Scala, ihres\nTernpo's, ihres Rhythmus, so wie auch ihrer Begleitung als\neine Tonfolge von natürlichem, unmittelbar einleuchtendem\nFortgange, von klarem, sich in sich selbst abschliessendem\nVerlaufe, von bestimmtem Charakter und Ausdruck zu ver-\nnehmen gibt; alle Musik ist rhythmisirte, charak-\nteristisch geformte Tonfolge oder Melodie.\"\nDie Erläuterungen zu diesem §.779 (acht Seiten fül-\nlend) enthalten einen vortrefflichen Commentar über dessen\nText. Wir wählen folgende Sätze aus:\n„Die musicalische Composition unterscheidet sich von\njeder anderen (die architektonische Ornamentik ausgenom-\nmen) durch ihre ganz absolut scheinende Frei-\nheit; sie hat ein bewegliches, der mannigfachsten Combi-\nnationen fähiges Material, sie ist nicht an gegebene speeifi-\nsche Formen der natürlichen Existenz oder des (sprachli-\nchen) Ausdrucks gebunden, wie Plastik, Malerei und Poesie,\nsie scheint sich das alles selbst hervorbringen zu können,\nund kann es auch bis zu einem gewissen Grade; selbst\nRhythmus und Harmonie lassen ihr die grösste Freiheit der\nAuswahl und Abwechslung. Aber diese ihre Freiheit ist\nauch wiederum ein erschwerendes Moment; sie\nstellt ihr die Aufgabe, aus dem Formlosen, Unbestimmten,\nabsolut Freien etwas zu schaffen, das Gestalt, bestimmten\nSinn, specifische Bedeutung habe (ein Tonbild), ja, sogar\netwas, das nicht den Eindruck des frei, willkürlich Gemach-\nten, sondern auch den des Natürlichen hervorbringe, so\ngut wie irgend ein Naturschönes oder ein dem Naturschö-\nnen analog gebildetes Werk anderer Künste; auch das\nmusicalische Kunstwerk muss objectiv, muss Geistiges in\nNaturform sein. Dieses nun erreicht die Musik, abgesehen\nvon den einzelnen Ausnahmen, in welchen ein bestimmter\nAusdruck durch blosse Accordfolgen erreicht oder der Ton\nzu bloss rhythmischen Wirkungen verwandt wird, durch\nMelodie; Melodie ist nicht eine specielle Form innerhalb\nder Musik neben anderen Formen, sondern sie ist die aller-\ndings durch Rhythmus und Harmonie bedingte und unter-\nstützte wesentliche Form, mit welcher die Musik selbst\nerst entsteht, sie ist die Form des musicalischen Kunstwer-\nkes, wie Geslaltenbildung die des plastischen; alles Andere\nist nur Stoff, Element, Mittel, Material: erst mit der Me-\nlodie kommt auch ein Werk, eine Gestalt, ein Kunstgebilde\nhervor, das den Stoff belebt und individualisirt; Lehre von\nder Form des musicalischen Kunstwerkes und Melodik sind\nidentisch, nur mit Ausnahme davon, dass jene auch die be-\ngleitenden, zur Melodie hinzutretenden Momente der Har-\nmonie in ihrer Bedeutung für die Melodie selbst und die\nMusik überhaupt zu erkennen hat.\"\nDer Verfolg führt die Analyse der Entstehung des\nmusicalischen Kunstwerkes weiter aus und gelangt zu fol-\ngendem Schlüsse:"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "274", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5259, "texte": "„Wo wir die sämmtlichen Momente beisammen haben,\ndurch welche das Tonmaterial zum Kunstwerke sich ge-\nstaltet, nämlich Begrän zun g, Tactmäs sigk ei t und\nZeitmaass, Wechsel in Höhe und Tiefe und doch\nF1 us s und Stetigkeit, Abwechslung der Tonweiten\nund periodische Gliederung, feste Beziehung auf\neinen Gr und ton, klar motivirte, natürliche, charakteristi-\nsche Bewegungs-Richtung und lebendiger Bewe-\ngungs-Rhyt h m u s, da ist künstlerische Composition und\nEindruck einer solchen vorhanden. Eine solche Tonreihe\nist aber zugleich nichts Anderes als Melodie (oder eine\nReihe, eine Gesammtheit von Melodieen); die Analyse der\nMelodie in ihrem Unterschiede von der blossen Tonreihe\nführt ganz auf dieselben Requisite, die sich uns lür die mu-\nsicalische Kunslform überhaupt ergeben haben, indem ja,\nwie die Erörterung an den Hauptpunkten es bereits her-\nvorhob, keine Melodie ist, wo irgend eines derselben fehlt,\nund wir haben so zugleich den Satz, dass alle Musik\nMelodie ist. Die Fälle, in welchen um besonderer Wir-\nkungen willen Rhythmus oder Harmonie allein dominirt,\nkönnen nur Ausnahmen sein, da Rhvthmus noch keine Mu-\n* j\nsik, Harmonie aber Musik noch ohne distincte und leben-\ndige Form ist. Maass und Energie der Bewegung gibt der\n/\nRhythmus, seelenvolle Innigkeit, Schmelz, ausdrucksreiche\nFärbung und Markirung gibt die Harmonie, alles Andere\naber, Begränzung, feste Gestalt, anschaulichen Fortgang,\nSinn und Klarheit, directen Ausdruck der Stimmung und\nEmpfindung, Charakter und Leben erst die Melodie; sie\nerst gibt zu der Färbung das Licht, den Umriss, die Zeich-\nnung, die Belebtheit und innerlich-rhythmische Bewegtheit\ndes Kunstwerkes hinzu. Bezeichnend ist es in dieser Be-\nziehung, dass man nur eine melodische oder melodiöse Ton-\nfolge einen „Gedanken\" nennt, ein Etwas, bei dem man\nzu denken und nicht bloss äusseriieh an einander Gereihtes\nzu hören bekommt; die Melodie ist eine gedankenmässige,\ndas Viele zur Einheit eines Ganzen gestaltende Gliederung\ndes Tonmaterials; sie ist, eben weil sie die absolute Form\nist, die weder abstracte Einheit noch abstracte Vielheit dul-\n, /\ndet, sondern Beides zu concreter Gestaltung verbindet und\nein Ganzes aus ihnen bildet, auch Gedanke, während Rhyth-\nmus abstracte, inhaltsleere Form, Harmonie nur Ergänzung\n4\neiner schon vorhandenen Form, kein einheitliches Ganzes\nfür sich ist, und eben desswegen beide wohl gedankenmäs-\nsig sein können, aber noch keine „Gedanken\" sind. Wei-\nter kann hier auf die einzelnen Momente des Wesens der\nMelodie noch nicht eingegangen werden; nur so viel ist\nnoch zu bemerken, dass die Analyse jeder gegebenen Me-\nlodie, die wirklich anspricht und gelallt, alle jene obigen\nMerkmale vom ersten bis zum letzten, vom „begränzten\nQuantum\" bis zur „Natürlichkeit und Gefälligkeit\", ob-\nwohl natürlich nicht überall alle in gleichem Verhältnisse\nentwickelt (da sonst keine Mannigfaltigkeit von Melodieen\nwäre), in ihr aufzeigen, und dass sich als Grund des Un-\nbefriedigenden einer Melodie immer das Fehlen des Einen\noder Anderen herausstellen wird.\"\nDie ferneren Abtheilungen des Capitels über die Com-\nposition und ihre Formen verbreiten sich stets präcis und\ngeistvoll über die Gliederung in Theile, Stimmenlührung,\nPolyphonie, Contrapunkt, Fuge, cyklische Compositionsform,\nForm des mehrtheiligen Tonstückes (hier ist besonders §.\n789 über die „Variation\" hervorzuheben, welcher ~ihre\nvolle ästhetische Berechtigung, die nie veralten kann\", vin-\ndicirt wird), und schliessen den ganzen 1. Haupt-Abschnitt\n(das Wesen der Musik) mit der Lehre vom musicali-\nschen Styl, §§. 792 und 793. Wir glauben den Dank\nunserer Leser zu verdienen, wenn wir den §.792 ganz\nund Einiges aus der Anmerkung dazu im Auszuge mitthei-\nlen ; die darin enthaltenen Grundsätze können zumal der\nheutigen Künstler-Jugend nicht oft genug vorgehalten wer-\nden, und für den Verehrer und Plleger der wahren Musik\nwird es erfreulich sein, zu ersehen, dass die neueste Phi-\nI osophie auf wissenschaftlichem Wege zu demselben Resul-\ntate gelangt, welches die Praxis aller wirklich schöpferischen\nGenie's in der Tonkunst längst festgestellt hat.\n„§.792. Der Reichthum an ausdrucksvollen und cha-\nrakteristischen, an streng gesetzmässigen, wie an leichten,\ngefälligen und wirkungsreichen Formen, welcher der Musik\nzu Gebote steht, und die scheinbar unumschränkte Freiheit,\nmit welcher in ihr der Künstler, durch keine typischen Na-\ntur-Vorbilder gebunden, sein Material in mannigfaltigster\nWeise handzuhaben vermag, führt die musicalische Compo-\nsition besonders leicht zu Einseitigkeiten und Willkürlich-\nkeiten, die das natürliche Gefühl als solche erkennt und de-\nnen auch die wissenschaftliche Betrachtung entgegen zu\ntreten hat durch Aufstellung der Gesetze des musica-\nlischen Stils. Der eine Fehler, welcher nahe liegt, ist\ngesuchtes, falsches Streben nach Ausdruck, nach Bestimmt-\nheit, nach naturalistischer Objectivität und überconcreter\nIndividualisirung (einseitig indirecter tdealismus), verbunden\nmit Missachtung der Gesetze der Klarheit, Gefälligkeit und\nRundung, der Ebenmässigkeit und Idealität, kurz: Ueber-\nwiegen des Moments des Inhalts über das der Form. Der\nandere dagegen ist einseitiger Formalismus, Formen-Cultus\n(directer Idealismus), Form-Effect, so wie abstracte, färb-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "275", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5286, "texte": "und inhaltlose Tonbewegung. Diesen Einseitigkeiten gegen-\nüber verlangt das Wesen der Musik, hierin zur Poesie sich\nähnlich verhaltend wie Architektur und Plastik zur Malerei,\nein Gleichgewicht der beiden Elemente, von welchem mög-\nlichst wenig und eher zu Gunsten des formalen als des\nobjecliv materialen Elements abzuweichen ist.\n„Die im Paragraphen aufgestellten Sätze sind jetzt\nziemlich allgemein anerkannt; es bedurfte aber Zeit genug,\nbis sie durchzudringen vermochten, und es fehlt auch ge-\n\\ #\ngenwärtig nicht an Richtungen von ganz entgegengesetzter\nArt. Das ganze Material der Musik ist wesentlich einschwe-\nbendes, welchem die körperliche Massenhaftigkeit, die geo-\nmetrische Formbestimmtheit, die sinnliche Objectivität, die\nverständige, expressive Deutlichkeit des Materials der ande-\nren Künste schlechthin abgeht. Diesen Charakter des\nSchwebenden, das nicht bauen, bilden, zeichnen, malen,\nschildern kann, sondern von allem diesem nur eine Analo-\ngie zulässt, darf die Musik nicht verläugnen wollen, d. h.\nsie darf, obwohl sie nichts als Gefühls-Ausdruck ist, dessen\nungeachtet nicht nach einer Bestimmtheit des Einzel-Aus-\ndrucks, noch weniger nach einer Objectivität und Indivi-\ndualität streben, die nicht in ihrem Wesen liegt. Sie kann\nMassen aufthürmen, um mit der Architektur im quantitativ\nErhabenen zu wetteifern, aber sie verliert damit ihre eigen-\nthümliche melodische Beweglichkeit, die nichts Starres und\nAbstractes duldet; sie kann Bewegungen von Körpern,\nBlitze und Donnerschläge, Gebrüll und Gezwitscher, Schnur-\nren und Sprudeln, ja, am Ende selbst Sieden und Braten\ndirect nachahmen, aber sie gibt damit nur sich selbst auf,\nsie tritt aus dem Gebiete der Kunst heraus in das der ge-\nmeinen Wirklichkeit, aus dem Gebiete des Tones heraus\nin das sinnliche Gebiet des Geräusches, Schalles, Knalles\nund Gezirpes, und sie erweckt zudem mit allen solchen Ver-\nsuchen, weil sie doch immer halb und unklar bleiben, bloss\ndas unbehagliche Gefühl des Unzureichenden ihrer Mittel.\nJede förmliche Zeichnung, jede ganz direct nachbildende\nMalerei und Schilderung gehört nicht in ihr Gebiet, ausser\netwa da, wo durch solche Dinge von Seiten des Compo-\nnisten mit selbstbewusstem Humor eine recht burleske Ko-\nmik, eine recht treffende Ironie, eine scherzhaft idyllische\nHeiterkeit beabsichtigt wird, und auch da nur vorüberge-\nhend, da der Humor die Kunstgesetze nur vorübergehend\nbei Seite zu stellen berechtigt ist, wenn die Sache nicht\nernst, das Spiel mit dem Gesetze nicht grober Verstoss\ngegen dasselbe werden soll.\n„Nicht die Dinge selbst, sondern ihren Eindruck auf\ndie Empfindung hat die Musik darzustellen, einen Eindruck,\nder immer weniger concret, weniger objectiv ist als der\nGegenstand, der ihn hervorruft. Ja, auch die Empfindung\nselbst darf sie nicht zu stark, nicht zu scharf, nicht zu de-\ntaillirt heraustreten lassen, wenn sie nicht schwer und\ndumpf, oder weich und süsslich,'oder peinlich schneidend,\noder regel- und einheitslos werden soll; gerade dieses Sinn-\nlichnaturalistische (vgl. S. 87*2) hat die Kunst der Empfin-\ndung abzustreifen; sie hat den Beruf, die Empfindung im-\nmer zugleich zu idealisiren (vgl. S. 903), sie sowohl in be-\nweglichere, leichtere, gefällige, als in kräftiger stilisirte und\nwohlgegliederte Formen zu erheben; sie stellt zwar einer\nKunst wie die Architektur gegenüber „ „den Ausdruck über\ndie Form\"\" (5.928), d. h. über bestimmte, numerisch exacte\nForm, aber nicht über die Form überhaupt; sie\nist desto mehr an die Gesetze der Idealität, des Maasses,\nder Unterordnung des Details unter das Ganze gebunden,\nje weniger sie der Hinstellung einer festen, anschaulichen\nEinzelgestalt fähig ist.\n„Die Frage, ob und wie weit die Musik malen dürfe,\nist jedoch hiermit noch nicht abgemacht; die Musik muss\ndoch auch in gewissem Sinne objectiv darstellen, da sonst\naller Charakter, aller bestimmtere Stimmungsgehalt, alle dra-\nmatische Belebung verloren ginge; und wenn wir sagen,\nnicht die Dinge, sondern ihren Eindruck solle sie schildern,\nso ist ja im Eindruck, in der vom Ding erregten Empfindung\ndas Ding selbst als Ursache, als Anlass, als das, was eben\ndieser Empfindung ihren bestimmten Inhalt, ihren Charak-\nter, ihre Farbe (Schrecken, Grauen u. s. w.) gibt, auch mit-\ngesetzt, folglich darf nicht nur, sondern muss gemalt wer-\nden, wie z. B. Haydn zu Anfang der Schöpfung das Chaos,\ndas Aufflammen des Lichtes zu malen nicht unterlassen\nkonnte, wenn er seinen Gegenstand vollkommen musica-\nlisch wiedergeben wollte.\n„Allein gerade in diesem Einwand liegt auch die Lö-\nsung der Frage; der Wiederhall des Dinges in der Empfin-\ndung ist doch nicht mehr das ganze und reine Ding selbst;\ndie Empfindung wird zwar bestimmt und so oder so ge-\nfärbt durch das Ding, aber sie hat von ihm doch nur ein\nallgemeines Bild, einen allgemeinen Reflex in sieb, dem eben\ndie specifisch-sinnliche Bestimmtheit, z. B. Dass ein schrecken-\ndes Geräusch gerade Donner, oder ein Grauenerregendes\ngerade eine Sandwüste, oder ein Ermutigendes gerade eine\nherbeieilende Reiterschar ist, bereits abgestreift jst. Diesen\nvom Ding in die Empfindung mit eingehenden allgemeinen\nReflex braucht die Musik zwar nicht nothwendig und über-\nall zu malen, wenn sie nur die Empfindung s«lbst recht\nmalt; sie kann ihn aber allerdings auch mit malen, wenn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "276", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5305, "texte": "sie ausdrücklich, ernst- oder scherzhaft, sich objectiver als\ngewöhnlich halten will, aber sie darf ihn doch nur mitma-\nlen, wie z. B. Haydn's Chaos nicht bloss Chaos-Vorstellung\nsein will, sondern eben so sehr Veranschaulichung einer\nfeierlich erwartungsvollen Stimmung, eines dumpfen Webens\nund Hinundberwogens der Empfindung, die keinen bestimm-\nen Gegenstand vor sich hat, sondern nur erst nebelhafte\ntiestalten sich erheben und durch einander sich bewegen\nsieht, und sie darf ihn fürs Zweite nur so mitmalen, dass\ndie malenden Töne, Figuren doch zugleich, auch abgesehen\nvon dem, was sie nachbilden, musicalisch, melodisch, har-\nmonisch, rhythmisch, klar und schön sind.\n„Was aber Charakter-Malerei betrifft, so kann die Mu-\nsik hier eher objecliv darstellen, weil die bestimmte Haltung\neines Charakters, so wie seine eigentümlichen Stimmungen,\nGefühle, Affecte, Leidenschaften nichts Anderes sind als Be-\nwegungen, Erregungen, Spannungen, welche die Musik aus-\ndrücken kann und welche gerade ihr eigentümliches Gebiet\nausmachen; aber sie darf sie nicht unmittelbar abformen,\nnnd sie darf namentlich nicht etwa einzelne Tonfiguren bil-\nden wollen, welche direct Zorn, Schmerz, Niedergedrückt-\nheit, Stolz und dergleichen wiedergeben sollen, sondern sie\nmuss immer in den ganzen Verlauf einer kürzeren oder\nlängeren Tonbewegung eine Beschaffenheit, eine eigentüm-\nliche Bewegtheit legen, welche jene Stimmungen veranschau-\nlicht; einzelne Stiche, Stösse, Risse, Hebungen sind noch\nkeine musicalische Schilderung von Empfindungen, Stim-\nmungen, Aufwallungen; sie bilden dieselben, wie z. B.\nstechenden Schmerz, zerreissende Eeifersucht, unmittelbar\nphysisch, momentan mimisch nach, statt sie musicalisch, d.\nh. in der Form der Expansion in eine Zeitbewegung, die\nder Entwicklung der musicalischen Mittel (Melodie, Harmo-\nniefolge, Contraste und Wechsel der Rhythmen und Ton-\nstärken) Raum lässt, wiederzugeben.\n„Der einfache Canon für das musicalische Verfahren\nist der: Drückt die Musik unmittelbar ein Object aus, so\ndass wir es wiedererkennen, wie wenn wir es sähen oder\nhörten, so ist das falsche Tonmalerei, namentlich wenn gar\nkeine specifisch musicalische Wirkung mehr dabei ist; deu-\ntet sie ein Object bloss an, so dass es ohne begleitendes\nWort nicht klar ist, was gemeint sei, so ist die Malerei\nrecht; veranschaulicht sie eine Stimmung, Empfindung, Lei-\ndenschaft bloss durch einzelne Tonfiguren oder Klänge, so\nist es wiederum verfehlt; gibt sie aber Tonreihen und Ton-\nstücken eine die Gemütsbewegung nachbildende Bewe-\ngungs-Eigenthümlichkeit (z. B. Schnelligkeit und Langsam-\nkeit, An- und Abschwellen, intensive Spannung oder frohe\nLeichtigkeit, Vorwärtsgehen, -Drängen, -Stürmen u. s. w.,\nvgl. S. 919). so ist das Verfahren das rechte.\n„Zugleich ist der obige Canon noch durch eine weitere\nRegel zu ergänzen. Mit Ausnahme einzelner Fälle, in wel-\nchen, wie z. B. im Recitativ oder in der melodramatischen\nBegleitung einer bestimmten Handlung mit Instrumenten,\ndas musicalische Element sich nicht vollständig zu ent-\nwickeln Raum hat, muss der Inhalt in die Form, die Em-\npfindungsbewegung in die Tonbewegung so ganz überge-\ngangen sein, so ganz in Tönen sich verkörpert haben, dass\ndas Tonstück dem Gefühle und der Phantasie ein wenig-\nstens in der Hauptsache verständliches und gefälliges Ton-\nbild abgibt, auch wenn auf das, was es andeuten will, nicht\nreflectirt wird; ein Tonstück darf die Empfindung nicht\nbloss andeuten (so wenig als die Malerei den Körper), son-\ndern soll sie musicalisch geradezu zeichnen und malen, es\nsoll den Charakter der Empfindungs-Bevvegung in die ganze\nTonbewegung übertragen als beherrschende, Alles durch-\ndringende, aus Allem hervortönende Einheit hierzu und\nzu nichts Anderem gibt es Musik und ist die Musik lähig\n—; wenn diese Einheit da ist, wenn sie dem Tonstücke\neinheitlichen Charakter und Rhythmus gibt, so ist es eben\ndamit verständlich und gefällig, auch wenn man nicht weiss,\nwas eigentlich gemeint ist, obwohl natürlich der Genuss\ngrösser, der Eindruck tiefer ist, wenn die Idee des Ton-\nsetzers entweder durch den begleitenden Text uns bekannt\nist oder sich doch beim Anhören seines Werkes mit einer\ngewissen Klarheit und Wahrscheinlichkeit zu erkennen gibt.\n„Eine Musik dagegen, welche noch mehr sagen und\nmalen will, als die Musik überhaupt geben kann, welche\n(wie z. R. selbst Beethoven's grosse Ouvertüre zu Leonore)\nin der Instrumental-Einleitung die Oper ihrem ganzen spe-\nciellen Verlaufe nach voraus/,ugeben sucht, eine Musik,\ndie hiermit voll von latenten Beziehungen auf Einzelnes und\nEmpirisches ist, das der Hörer nicht weiss oder sich erst\naus erklärenden Programmen mühsam hinzudenken muss,\n/\nkurz: eine Musik, die einen Inhalt haben will, der in die\nForm gar nicht übergehen kann und darum auch nicht in\nsie übergegangen ist, kann natürlich (sofern sie nämlich\nnicht nebenbei doch einzelnes wirklich Musicalisches dar-\nbietet) lür sich auch nicht klar und gefällig sein, sondern\nsie kann (unter der so eben angegebenen Voraussetzung)\nnur den Eindruck eines Etwas machen, zu welchem man\nkeinen Schlüssel besitzt, eines unfertigen Mitteldings, wel-\nches weder einen Ausdruck, einen wirklich heraustretenden\nInhalt und Charakter, noch eine Form, eine musicalische\nEntfaltung und Entwicklung hat, ja, geradezu eines Zwitters,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "277", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5287, "texte": "welcher weder Gemälde noch Musik ist. sondern Ton- und\nKlang-Symbolik (im üblen Sinne des Wortes), die nicht\ndurch Tiefe, sondern durch Unklarheit geheimnissvoll scheint;\nein falsches Zuviel des Ausdrucks und der Zeichnung schlägt\nvon selbst um in das Gegentheil des Beabsichtigten, in ein\nNichtzustandekommt>n eines wirklichen Tonbildes; das mu-\nsicalische Kunstwerk (das nicht von vorn herein bloss beglei-\ntender Art sein will und soll) muss vollständig einleuchten\nund gefallen, wie jedes andere, und in dieser Beziehung ha-\nben alle diejenigen, welche auf die Form den Nachdruck\nlegen und der Musik einen eigentlichen Inhalt geradezu ab-\nsprechen, nicht schlechthin Unrecht, sofern nämlich, was\nsie meinen, dieses ist, die Musik müsse vor Allem musica-\nlisch klar und schön sein, sie sei ein unendlich reiches Sy-\nstem von Tonbev/egungen und Tonverknüpfungen, die schon\nan und für sich selbst durch ihre eigene Form, durch ge-\nsetzmässige und zugleich mannigfaltige Verwendung der\nmusicalischen Mittel, Melodie, Harmonie, Periodicität, Rhyth-\nmus u. s. f. wirken können und sollen. Nur ist dem beizu-\nfügen, dass alle diese Tonbewegungen doch bloss, sofern\nsie zugleich ein bewegtes geistiges Leben nachbilden, künst-\nlerisch wirken, dass sie selbst da, wo sie sich .auf specielle-\nren Gelühls-Ausdruck nicht einlassen, doch ein Ausdruck\ndes Gelühlslebens überhaupt in irgend einer seiner Erre-\ngungsweisen sind, und dass ihnen auch die Eigenschaft des\nCharakteristischen, wenn sie schön sein wollen, nie fehlen\ndarf; gerade mit diesem Moment des Ausdrucks und der\nCharakteristik ist aber der Musik doch ein „Inhalt\" gewon-\nnen, nämlich die Darstellung bestimmter Empfindungen\nund je nach Umständen auch Andeutung Empfindungen\nerregender Objecte.\n„Die Musik, wurde oben gesagt, soll den Charakter\ndes Schwebenden nicht verläugnen, über das Empfindungs-\nGebiet nicht hinausgehen wollen; um so mehr folgt auch\nhieraus, dass sie durch die Form wirken, dass sie ihr äthe-\nrisches Material in feste, klare, akustisch gefällige, die Phan-\ntasie beschäftigende und drastisch erregende Formen brin-\ngen muss. Die feste Form (Periodicität, Stimmen-Verllech-\ntung, thematische Entwicklung u. s. w.) bewahrt sie vor\nnebelhafter Unbestimmtheit und Verschwommenheit, vor\nHalt-, Zusammenhang- und Gestaltlosigkeit, die gefällige und\ndrastische Form (Fluss und Figurirung der Melodie, Wohl-\nlaut der Harmonie, schlagender Rhythmus) sichert sie vor\nNüchternheit, Eintönigkeit, indifferenter Färb- und Wir-\nkungslosigkeit; die Musik bedarf in letzterer Beziehung wirk-\nlich Anmuth einer-, „Effect\" andererseits, damit Gehör, Ge-\nfühl, Phantasie gleichsam gereizt und genöthigt werden, ihre\nduftigen Gebilde einzusaugen, ihnen ungetheilt zu folgen\nund sich ihnen hinzugeben, und so einen lebendigen Ein-\ndruck von ihnen zu empfangen.\n„Aber es ist klar, dass durch diese Forderung, die Mu-\nsik solle sich selbst an die Form binden und den Hörer\ndurch die Form fesseln, weder pedantischer Formalismus,\nder bloss in den polyphonen Kunstformen das Heil erblickt,\nnoch ein Formen-Cultus, dem über Melodiereiz Harmonie\nund Ausdruck, über Figuren und Coloraturen, oder ande-\nrerseits über harmonischem Schmelz die Melodie selbst ver-\nloren geht, noch endlich ein abstracter Form-Effect, der\ndurch rhythmische Mittel überrascht, übertäubt und aufregt,\nirgend gerechtfertigt ist. Diesen Einseitigkeiten gegenüber\nhat die Forderung des Inhalts, der gedanken- und gefühl-\nvollen Belebtheit, des Ausdrucks und Charakters, der inne-\nren Wahrheit und Tiefe, die Forderung, dass in der Musik\nbestimmte Empfindung sei und sich rein auspräge, ihre\nvolle Berechtigung.\n„Das Gleichgewicht beider Elemente, des Inhalts und\nder Form, ist es, worauf die Schönheit der Musik entschie-\nden beruht, nur freilich mit der näheren Bestimmung, dass\nsie doch mehr Musik bleibt beim Uebergewicht des forma-\nlen als bei dem des objectiv materialen Factors. Innerhalb\nder subjectiven Kunstform ist die Musik trotz aller ihrer\nFreiheit der Architektur gegenüber doch ähnlich wie diese\nan die Formschönheit gebunden, weil die eigenthümliche\nBeschaffenheit ihres Materials diese fordert (S. 898), wo-\ngegen sie für die Darstellung des eigentlich Goncreten nicht\nzureicht. Materiel schildern und so durch concreten Inhalt\ninteressiren, wie Malerei und besonders Poesie, kann sie\nnun einmal nicht, und sie ist nicht mehr sie selbst, sobald\nsie es versucht, wogegen sie doch wenigstens Musik und\nimmer noch Bild des mannigfach bewegten Gefühlslebens\nbleibt, wenn sie einseitig melodisirl, harmonisirt, fugirt u.\ns. w.; die Trockenheit und Steifigkeit des Formalismus, die\nFadheit und Seichtigkeit des Formen-Cultus halten sich doch\nnoch innerhalb derGränzen der Musik selber, so lan ge jene\nnicht zu rein unakustischem und ausdruckslosem mathema-\ntischem Calcul, diese nicht zu leerem Geklingel ausartet,\nwährend alle Sachen- und Ideen-Malerei, wo sie nicht vor-\nübergehend eine Begründung durch besondere Umstände\nund Zwecke erhält, unmusicalisch frostig und hölzern oder\nunkünstlerisch nebelhaft und dunkel ist,\"\nDer zweite Paragraph der Lehre vom Stil (§.793) be-\nhandelt die Stilarten. Die überwiegende Form erzeugt\nden strengen, hohen und idealen oder den anmuthigen, rei-\nzenden, drastischen (pffectvollen) Stil, der überwiegende In-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "278", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1570, "texte": "halt den freien oder den charakteristischen (malerischen)\nStil. „DasGleichgewicht gibt den schönen Stil,\nder von den übrigen die mit ihm selbst verträglichen Ele-\nmente, Idealität, Anmut h, Charakteristik, an sich\nhat und sie doch zugleich zur Einheit verschmilzt.\"\n„Der schöne Stil ist der freie, Anmuth, Reiz und\n£ffect nie einseitig erstrebende, auf Ausdruck bedachte,\naber ihn von einseitigem gelühligem Sichvordrängen zurück-\nhaltende, gemüthreiche, aber nicht sentimentalisirende, das\nCharakteristische, Individuelle, Naturalistische mit dem rei-\nnen Duft gehobener und frei schwebender Idealität umge-\nbende, auch die strengen Formen mit Abstreifung ihrer ab-\nstracten Regelmässigkeit frei in sich verarbeitende Stil, der\nnichts, was die Musik an Formen und Mitteln bietet, ver-\nschmäht, eben so aber Alles zu in sich gesättigter, abge-\nrundeter, klarer Einheit zusammenfasst. Er befriedigt zwar\nfür sich allein nicht alle Anforderungen, da man das Hohe\nund Ideale, das Charakteristische, das Anmuthige u. s. w.\nnicht bloss als Element, sondern auch in eigener selbststän-\ndiger Ausprägung vernehmen will, aber er ist der Gipfel\ndes musicahschen Stils durch seine Universalität, durch seine\nallseitige Vollendung und durch die Selbstbeschränkung,\nmit welcher er überall der Form, dem directen Idealismus,\nder in der Musik nun einmal Hauptsache ist, Rechnung zu\ntragen weiss.\"\nIst hier nicht Mozart vollständig gezeichnet? und ist\ner nicht eben desswegen, weil er alles, was hier vom schö-\nnen Stil verlangt wird, vereinigt, vorzugsweise der eigent-\nliche Musiker?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-08-29-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-08-29_01#c003", "volume": "bmtnabi_1857-08-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "278", "page_fin": "280", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01.2.3", "titre_corps": "Das vierte niederrheinische Sängerfest in Crefeld am 9., 10. und 11. August.", "titre_sommaire": "Das vierte niederrheinische Sängerfest in Crefeld am 9., 10. und 11. August.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "278", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01.1.6", "debut_caractere": 1572, "fin_caractere_exclue": 5006, "texte": "Das vierte niederrheinische Sängerfest in Crefeld\nam 9., 10. und 11. August.\nDie Tage des heiteren Festes liegen hinter uns. Schon\nam Vorabende des Festes hatten sich verschiedene aus-\n\\\nwärtige Sänger-Vereine zu demselben eingefunden; die\nMehrzahl derselben erschien jedoch mit den Morgenzügen.\nDie Hauptstrassen der Stadt hatten sich zum Empfange\nder Sangesbrüder aufs festlichste herausgeputzt und prang-\nten in reichem Fahnenschmuck. Schon früh Morgens boten\ndieselben ein reges Leben, ein geschäftiges Treiben, wozu\nnamentlich der Zug der Musikchöre den Impuls gegeben.\nDie Hauptprobe, welche am Sonntag Morgens 10Uhr\nbegann, steigerte das Maass unserer Erwartungen und\nstellte uns in der Haupt-Aufführung wahrhafte Kunstge-\nnüsse in Aussicht. Nach dem Mittagessen versammelten sich\ndie Sänger, mit den Festzeichen geschmückt, in der Gesell-\nschalt „Verein\". Von hier aus zog nun die grosse Sänger-\nschar, es waren nahe an 700, mit ihren prächtigen Fah-\nnen und Bannern durch die Strassen der Stadt nach dem\nFestiocale. Reges Leben entfaltete sich gleich nach Ankunft\nder Sänger auf Driessenhof. Ueberall fröhliche Gesichter,\nnirgendwo Griesgram und Philisterthum; Begeisterung hatte\nan allen Enden Platz gegriffen: es galt ja, aufs Neue dem\ndeutschen Männergesange Lorberreiser zu pflücken.\nDas erste Concert ward in üblicher Weise mit einem\nSängergruss an die auswärtigen Sangesbrüder eröffnet,\nwelcher von Wilhelm sehr hübsch .und wirkungsvoll\ncomponirt war und dem sich die Ouvertüre zu Iphigenie\nvon Gluck anschloss. Hierauf folgte die „Hymne\" von\nNeidhardt mit Orchester-Begleitung, die unter der Lei-\ntung des Herrn Musik-Directors Reinecke ganz vorzüg-\nlich gesungen wurde. Besonderen Effect machte das Quar-\ntett der Herren Gebrüder Steinhaus, die heute wiederum\nals unvergleichliche Quartettsänger hervortraten. Nunmehr\nfolgten die Einzel-Vorträge . der Liedertafeln, von Aachen\nund Elberfeld. Die erstere eröffnete den Reigen mit einer\nziemlich flachen Composition. Ueberhaupt aber war die\nAuslührung sehr lobenswerth. Die Liedertafel von Elberfeld\nsang „ Frühlingsnahen\" von Kreutzer und „Auf dem Rhein\"\nvon Kücken hierauf recht schön und ärntete eben so, wie\ndie aachener Liedertafel, reichen Beifall. Den Schluss der\nersten Abtheilung bildete die „Dithyrambe\" mit Orchester-\nBegleitung von Rietz, ein Werk von ausserordentlicher\nWirkung. In die Einzelheiten desselben einzugehen, dazu\nbleibt uns hier kein Raum. Die Auslührung war des Wer-\nkes würdig. Der so massensafte Chor, das treffliche\n• • * » • •\nQuartett der Gebrüder Steinhaus, der herrliche Tenor\ndes Herrn Göbbels und der grandiose Bass des Herrn\nRemmertz aus München alles war hier vereinigt und\ndesshalb der Erfolg auch gewaltig.\nDie zweite Abtheilung brachte uns zunächst die Fide-\nlio-Ouverture. Wilhelms „Lied vorder Schlacht\" wurde,\nwie es die Composition erheischt, mit markiger Stimme ge-\nsungen, und unter der eigenen Leitung des Componisten\ngestaltete sich der Schlachtgesang zu einem ergreifenden.\nVon überaus grosser Wirkung war der Vortrag des be-\nkannten Liedes von Kreutzer, „Die Capelle\", welches in\nFolge des unaufhörlichen Beifalls und Da-capo-Rufens wie-\nderholt werden musste. Die hierauf folgenden Vorträge des\nstädtischen Männergesang-Vereins von Neuss gaben uns\nKunde von dem Besitz frischer, kräftiger Stimmen und einer\nsorgfältigen Einübung; dennoch wollte das schwierige und\nsehr exact gesungene Lied von Franz Liszt nicht recht"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "279", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5070, "texte": "ansprechen. Der „Orpheus\" von Elberfeld trat hierauf in\ndie Schranken und sang das „Heiraths-Gesuch\" von Hein-\nrich Schäffer mit grosser Virtuosität. Gegen die Wahl\neines so niedrig komischen Stückes, welches wohl in eine\nheitere Gesellschaft, nicht aber auf ein Sängerfest passt,\nwäre allerdings viel zu sagen. Das Lied von Silcher, „In\ndie Ferne\", behagte uns allerdings mehr. Den würdigen\nSchluss des Concertes bildete der Doppelchor „0, wär' ich,\nwo bald die Schar\" aus Oedipus- auf Colonos von Men-\ndelssohn.\nAuch der zweite Tag des Festes verlief, nicht minder\ngünstig, als der erste. Morgens versammelten sich die De-\nputaten der einzelnen Vereine auf Tannenthal zur Wahl\ndes Festortes und der Dirigenten für das fünfte niederrhei-\nnische Sängerfest. Als Festort wurde Elberfeld und zu\nDirigenten die Herren Weinbrenner aus Elberfeld und\nReinecke aus Barmen erwählt.\nDas '/. weite Concert wurde eröffnet mit der ewig fri-\n•, • •\nsehen Ouvertüre zum „Freischütz\". Mit seltener Präcision\nwurde das herrliche Werk executirt. Von grosser Wirkung\nwar die Arie mit Chor aus „Faust\". Herr Göbbels er-\nwarb sich auch durch diesen Vortrag grossen Beifall. Nicht\nminder wurde Herrn Re mm er tz reicher Beifall gezollt\nfür den einfach edlen Vortrag der Arie „ 0 Isis und Osiris\"\naus der Zauberflöte. Eine der schwierigsten Compositionen\ndes diesjährigen Programms war unstreitig die Schneider'-\nsche „Hymne an Jehova\". Doch sei es zur Ehre der Sän-\ngerschar hier gesagt, sie bewältigte jede Schwierigkeit und\nbeendete glücklich ein Werk, das bei einer Massen-Auffüh-\nrung stets zu wünschen übrig lassen wird.\nDie zweite Abtheilung eröffnete den Reigen mit der\nOuvertüre zu dem Calderon'schen Lustspiele „ Dame Ko-\nbold\" von C. Rei necke. Unter der eigenen Leitung des\nComponisten gestaltete sich diese reizende Tonschöpfung\nmit all den zierlichen Figuren zu einem herrlichen Gebilde.\nMan fühlte aus dem ganzen Vortrage heraus, dass die In-\nstrumentisten mit Begeisterung, mit wirklichem Feuer wirk-\nten, mit Einem Worte: mit ganzer Seele schafften. Die\n/ » *\nAusführung war desshalb auch vortrefflich. Das glänzende\nWerk, wie dessen ausgezeichnete Execulirung bewirkte\nbegeisterte Aufnahme und erwarb dem Autor und Dirigen-\nten verdiente Huldigung. Mit voller Kraft wurde der Chor\n„Gebet während der Schlacht\" von Weber vorgetragen,\nworauf „Die Märznacht\" von Kreutzer folgte, ohne jedoch\nin Bezug auf die Ausführung den übrigen Leistungen gleich-\nzukommen. Herrn Göbbels Vortrag der Arie aus Don\nJuan in B-durhaben wir unbedingtes Lob zu spenden, wie\nsich derselbe auch des wärmsten Beifalls zu erfreuen hatte.\nDer Doppelchor aus Sophokles' „Antigone\" von Mendels-\nsohn bildete hierauf den Schluss des Concertes, und er\nwar ein würdiger und setzte dem Ganzen die Krone auf.\nSeitens des Herrn Oberbürgermeisters wurde den aus-\nwärtigen Sängern, den Fest-Dirigenten u. s. w. in herzli-\nchen Worten der Dank für das Gebotene an den Festtagen\ndargebracht, der aus der Mitte der Sänger dahin beantwor-\ntet wurde, dass die vielen Mühen und Arbeiten des Fest-\nComite's in dem Gelingen des Festes ihre Würdigung ge-\nfunden. In ein Hoch auf dasselbe wurde allseitig einge-\nstimmt. Ein Ball beschloss den zweiten Tag, der bis zum\nGrauen des Tages der Fest-Theilnehmer viele versammelt\nhielt.\nDas Concert des dritten Tages bot uns in seinen ein-\nzelnen Nummern manche Perle. Eröffnet wurde dasselbe\nmit der Ouvertüre zur „Vestalin\" von Spontini, und zwar\nin untadelhafter Executirung. Die Reihen der Chöre der\nbeiden ersten Tage waren sehr gelichtet, nur noch die hei-\nmischen Sänger hatten sich zur letzten Aufführung einge-\nfunden. Doch wurden dessen ungeachtet mit Feuer und\nPräcision die beiden Chöre „An das Vaterland\" von C.\nKreutzer und „Die Wacht am Rhein\" von C. Wil-\nhelm vorgetragen. Vortrefflich sang hierauf Herr Gö b-\nbels die Adelaide von Beethoven und ein uns unbekanntes,\netwas unbedeutendes Lied. Die lebhaftesten, aufrichtigsten\nBeifallsbezeugungen wurden Herrn Göbbels allseitig zu\nTheil, und constatiren wir hier gern, dass der junge Künst-\nler zur Verherrlichung des vierten niederrheinischen Sän-\ngerfestes, das in seinem Verlauf sich zu einem der glän-\nzendsten Sängerfeste am Rheine gestaltete, das Seinige bei-\ngetragen hat. Wenn am ersten Tage die Einzel-Vorträge\n• • •» • n\nder Vereine sich einer grossen Theilnahme erfreuten, so\nnicht minder am dritten die Lieder für gemischten Chor:\n„Morgengebet\" von Mendelssohn, „Wer in des Andern\nAuge lies't\" von Wilhelm und „Frühlingsgedränge\" von\nHiller, welche überdies eine überaus wohlthuende Abwechs-\nlung in das Programm hineinbrachten. „Der frohe Wan-\ndersmann\" für Männerchor von Mendelssohn schloss den\nersten Theil.\nMit der Ouvertüre zum „Vampyr\" wurde nach kur-\nzer Frist wieder begonnen. Es war der letzte Haupt-Vor-\ntrag des Orchesters, der eben so, wie die früheren, treff-\nlich zu nennen ist. Beide Capellen haben in ihren vereinten\nLeistungen ausreichend ihre Tüchtigkeit documentirt. Die\nBass-Arie aus „Paulus\" wurde von Herrn Remmertz zwar\netwas unsicher gesungen, doch verfehlte trotz dessen sein"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "280", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 948, "texte": "herrliches Organ eine grosse Wirkung nicht. Die Palme\ndes Abends errang aber unstreitig Herr Reinecke, der,\nvielseitig an ihn ergangenen Bitten nachgebend, ein Clavier-\nConcert von Beethoven spielte. Wir haben an anderer\nStelle schon mehrmals die hervorragenden Eigenschaften\ndes Herrn Reinecke als Ciavier-Virtuose gewürdigt; auch\nheute sind wir des Lobes voll. Er leistet in der That Gross-\nartiges, indem er mit der denkbarsten Fertigkeit einen kraft-\nvollen Anschlag und ein fast unerreichtes Pianissimo ver-\nbindet. Selbstredend spendete das zahlreiche Auditorium\nden lebhaftesten Beifall, der nicht enden wollte und worin\ndas Orchester mit kräftigem Tusch einstimmte. Des „Jä-\ngers Abschied\" von Mendelssohn bildete den Schluss des\ndiesjährigen Festes, welches, wie wir uns fest überzeugt\nhallen, viel dazu beigetragen hat, die niederrheinischen Sän-\ngerfeste lür die Zukunft auf eine höhere Stufe künstlerischer\nBedeutsamkeit zu erheben. **."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-08-29-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-08-29_01#c004", "volume": "bmtnabi_1857-08-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "280", "page_fin": "280", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "280", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01.1.8", "debut_caractere": 950, "fin_caractere_exclue": 6427, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nALolii. Herr Johann Herbeck, Chormeister des wiener Män-\nnergesang-Vereins, hat sich einige Tage hier aufgehalten. Der kölner\nMännergesang-Verein veranstaltete ihm zu Ehren eine festliche Lie-\ndertafel, welche auch Dr. H. Marschner in Folge der Einladung\ndes Vorstandes durch seine Gegenwart verherrlichte. Herr Herbeck,\nin welchem wir einen sehr tüchtigen Musiker und liebenswürdigen\nMann kennen lernten, überreichte dem Dirigenten unseres Vereins,\nHerrn Musik-Director Franz Weber, bei dieser Gelegenheit das\nDiplom als Ehren-Mitglied des wiener MänneVgesang-Vereins.\nBerlin« Der als Dirigent und Componist gleich rühmlich be-\nkannte Herr A. Conradi verlässt am 1. October d. J. seine Stel-\nlung als Capellmeister des Königstädtischen Theaters und hat ein\nEngagement in gleicher Eigenschaft an der Kroirschen Bühne an-\ngenommen.\nAm 26. und 27. Juli fand in Sorau das zweite lausit/.er Män-\nnergesang-Fest Statt; es war von 25 Vereinen beschickt, im Ganzen\nvon etwa 550 Sängern besucht und wurde von dem Musik-Director\nKlingenberg aus Görlitz geleitet\nDas fünfte preussische Gesangfest fand am 2. bis 4. August in\nDan zig bei einer Anwesenheit von nahe an 1000 Sängern aus den\nProvinzen Ost- und Westpreussen Statt. Die Dirigenten waren Ca-\npellmeister Pabst aus Königsberg, Capellmeister Tschirch aus\nGera und aus Danzig. In gelungener Weise kamen Compo-\nsitionen von Mendelssohn, Spontini, Dorn, Jul. Otto und Tschirch\nzur Aufführung. Der letzte Festtag vereinigte sämmtliche Sänger zu\neiner Lustfahrt auf Dampfbooten nach dem reizend gelegenen Orte\nOliva.\nDer verstorbene Chef des renommirten Banquierhauses Frege\nin Leipzig hat neben einem bedeutenden Vermächtnisse von mehr\nals 60,000 Thlrn. zu milden Zwecken auch die Kunst-Institute\njener Stadt bedacht; so ist dem Theater-Pensionsfonds und\ndem Conservatorium ein Legat von je 2000 Thlrn. ausgesetzt\nworden. .[Wir glauben, dass Schenkungen unter Lebenden für beide\nTheile weit angenehmer sind als Legate, und wünschen unseren\nFinanzgrössen in Köln, so wie dem Orchesterfonds und der Rheini-\nsehen Musikschule langes Leben!]\nDie MusicaUenhandlung von Nägeli in Zürich ist im Besitze\neiner bedeutenden Anzahl ungedruckter Compositionen grosser Ton-\nsetzer der Vorzeit, welche von H. G. Nägeli hinterlassen wurden\nund jetzt käuflich zu haben sind. Auch viele Autographe finden sich\nin dieser Sammlung. Der gegenwärtige Chef der Handlung hat schon\nfrüher ein Verzeichniss dieser Werke drucken lassen und lieferte vor\nKurzem noch einen Nachtrag dazu. Insbesondere zahlreich ist die\nFamilie Bach vertreten. Ausserdem finden sich darin Werke von\nGraun, Haydn, Jomelli, Pachelbel, Stöltzel, Winter, Homilius, Rolle,\nd Astorga, Frohberger, Händel, Krebs, Marcello, Venda u. v. A. Der\ngedruckte Katalog ist gratis zu haben, und wer sich für die Werke\nder genannten Autoren interessirt, kann denselben durch die erwähnte\nMusicalienhandlung beziehen.\n25. Juli. Gestern Abends gelangte endlich die neue,\nvon einer noch ganz jungen Dame, Karoline Ferrari, gedichtete\nund componirte Oper „Ugo4< im Theater Santa Radegonda zur Auf-\nführung Die Verfasserin, Tochter eines ganz unbemittelten Elemen-\ntarlehrers zu Lodi, musste die grössten Aufopferungen machen und\nder Theater-Unternehmung (Impresa) tausend Zwanziger zahlen, um\ndie Inscenirung zu besorgen; denn bekanntlich will in der Regel\nhier kein Impresario bei einem Debüt die Kosten wagen, und nur\nbewährte Compositeure und Sänger finden ein Entgegenkommen. Das\njunge Mädchen fand leider von keiner Seite die wohlverdiente Auf-\nmunterung und Unterstützung; allein desto glänzender wird ihr\nRuhm strahlen, nachdem sie glücklich alle Schwierigkeiten besiegt.\nIhre Oper hat einen vollständigen Success erlangt.\nVerdi wird im November in Neapel sein neuestes Werk,\nnig Lear\", in Scene setzen.\nVieuxtemps unternimmt seine Reise nach America im Vereine\nmit Mad. Frezzolini, und diesen Beiden schliesst sich noch der\nVioloncellist Feri Kletzer an. Letzterer hat sich in jüngster Zeit\nin Paris und London einen namhaften Ruf erworben. Herr Kletzer\nist ein geborener Ungar. Früh zeitig schon seinen Heimatsort Komorn\nverlassend, trat er als Zögling ins wiener Conservatorium. Sein Ta-\nlent unterstützte seinen Fleiss, so dass er beim Austritte aus dem\nInstitut bereits einen ziemlichen Grad von Reife in der Behandlung\nseines eben so schönen als schwierigen Instrumentes des Violon-\ncells erlangt hatte. Die ersten Versuche, von seinem Können öf-\nfentliches Zeugniss abzulegen, hatten Ungarn und die Walachei zum\nSchauplatze, dienten indessen dem jungen Virtuosen mehr, um das\nin der Schule Erworbene zur höheren künstlerischen Ausbildung zu\nbringen. Seine eigentliche Laufbahn als fertige Erscheinung datirt\nsich erst von seinem erfolgreichen Auftreten in Konstantinopel. Mit\ngleichem Glück liess er sich in Deuschland hören, wo namentlich\nder König von Hannover sich für den jungen Künstler lebhaft in-\nteressirte und demselben als Zeichen seines Wohlwollens ein vorzüg-\nliches Instrument von N. Amati zum Geschenk machte. Nun wandte\nsich Kletzer nach Paris und London, wo er die Feuerprobe seiner\nTüchtigkeit bestand; besonders war es die letztere Stadt, wo er un-\numwundene Anerkennung fand. Kletzens Spiel verbindet mit einer\näusserst glänzenden, rapiden Technik einen gediegenen und gefühl-\nvollen Vortrag, den er besonders im Quartettspiel zur Geltung zu\nbringen versteht, wie denn überhaupt seine Richtung eine ernste,\ndem Besseren zustrebende ist."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "273", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nAesthetik der Musik. Von Dr. Friedr. Theod. Vischer. 111. Das vierte niederrheinische Sängerfest in Crefeld am 9.,\n10. und 11. August. Von **. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Chormeister Johann Herbeck Berlin, A. Conradi\nSorau, Männergesang-Fest Danzig, Gesangfest Leipzig, Vermächtniss Zürich Mailand, „Ugo\", Oper von Karoline Ferrari\nNeapel, Verdi's neuestes Werk Feri Kletzer).\n\nAesthetik der Musik.\nVon Dr. Friedr. Theod. Vischer.\nIII.\n(S. I. Nr. 33. 11. Nr. 34.)\nAus dem Capilel „über das Tonmaterial und\nseine Gliederung\" haben wir in dem Aufsatze über\ndie Tonarten [in Nr. 23 v. 6. Juni d. J.) bereits Aus-\nzüge gegeben; besonders interessant in demselben sind\nausserdem noch die Paragraphen, welche das Tempo und\nden Rhythmus behandeln.\nDas Capilel über die Composition und ihre we-\nsentlichen Formen (in neun Abtheilungen) verbreitet\nsich zunächst über die Melodie. „Das musicalische\nKunstwerk entsteht dadurch, dass die Phantasie eine\nTonreihe schafft, welche sich durch die Art und Weise\nihrer Bewegung auf Tönen und Intervallen der Scala, ihres\nTernpo's, ihres Rhythmus, so wie auch ihrer Begleitung als\neine Tonfolge von natürlichem, unmittelbar einleuchtendem\nFortgange, von klarem, sich in sich selbst abschliessendem\nVerlaufe, von bestimmtem Charakter und Ausdruck zu ver-\nnehmen gibt; alle Musik ist rhythmisirte, charak-\nteristisch geformte Tonfolge oder Melodie.\"\nDie Erläuterungen zu diesem §.779 (acht Seiten fül-\nlend) enthalten einen vortrefflichen Commentar über dessen\nText. Wir wählen folgende Sätze aus:\n„Die musicalische Composition unterscheidet sich von\njeder anderen (die architektonische Ornamentik ausgenom-\nmen) durch ihre ganz absolut scheinende Frei-\nheit; sie hat ein bewegliches, der mannigfachsten Combi-\nnationen fähiges Material, sie ist nicht an gegebene speeifi-\nsche Formen der natürlichen Existenz oder des (sprachli-\nchen) Ausdrucks gebunden, wie Plastik, Malerei und Poesie,\nsie scheint sich das alles selbst hervorbringen zu können,\nund kann es auch bis zu einem gewissen Grade; selbst\nRhythmus und Harmonie lassen ihr die grösste Freiheit der\nAuswahl und Abwechslung. Aber diese ihre Freiheit ist\nauch wiederum ein erschwerendes Moment; sie\nstellt ihr die Aufgabe, aus dem Formlosen, Unbestimmten,\nabsolut Freien etwas zu schaffen, das Gestalt, bestimmten\nSinn, specifische Bedeutung habe (ein Tonbild), ja, sogar\netwas, das nicht den Eindruck des frei, willkürlich Gemach-\nten, sondern auch den des Natürlichen hervorbringe, so\ngut wie irgend ein Naturschönes oder ein dem Naturschö-\nnen analog gebildetes Werk anderer Künste; auch das\nmusicalische Kunstwerk muss objectiv, muss Geistiges in\nNaturform sein. Dieses nun erreicht die Musik, abgesehen\nvon den einzelnen Ausnahmen, in welchen ein bestimmter\nAusdruck durch blosse Accordfolgen erreicht oder der Ton\nzu bloss rhythmischen Wirkungen verwandt wird, durch\nMelodie; Melodie ist nicht eine specielle Form innerhalb\nder Musik neben anderen Formen, sondern sie ist die aller-\ndings durch Rhythmus und Harmonie bedingte und unter-\nstützte wesentliche Form, mit welcher die Musik selbst\nerst entsteht, sie ist die Form des musicalischen Kunstwer-\nkes, wie Geslaltenbildung die des plastischen; alles Andere\nist nur Stoff, Element, Mittel, Material: erst mit der Me-\nlodie kommt auch ein Werk, eine Gestalt, ein Kunstgebilde\nhervor, das den Stoff belebt und individualisirt; Lehre von\nder Form des musicalischen Kunstwerkes und Melodik sind\nidentisch, nur mit Ausnahme davon, dass jene auch die be-\ngleitenden, zur Melodie hinzutretenden Momente der Har-\nmonie in ihrer Bedeutung für die Melodie selbst und die\nMusik überhaupt zu erkennen hat.\"\nDer Verfolg führt die Analyse der Entstehung des\nmusicalischen Kunstwerkes weiter aus und gelangt zu fol-\ngendem Schlüsse:"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "274", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01.1.2", "texte": "„Wo wir die sämmtlichen Momente beisammen haben,\ndurch welche das Tonmaterial zum Kunstwerke sich ge-\nstaltet, nämlich Begrän zun g, Tactmäs sigk ei t und\nZeitmaass, Wechsel in Höhe und Tiefe und doch\nF1 us s und Stetigkeit, Abwechslung der Tonweiten\nund periodische Gliederung, feste Beziehung auf\neinen Gr und ton, klar motivirte, natürliche, charakteristi-\nsche Bewegungs-Richtung und lebendiger Bewe-\ngungs-Rhyt h m u s, da ist künstlerische Composition und\nEindruck einer solchen vorhanden. Eine solche Tonreihe\nist aber zugleich nichts Anderes als Melodie (oder eine\nReihe, eine Gesammtheit von Melodieen); die Analyse der\nMelodie in ihrem Unterschiede von der blossen Tonreihe\nführt ganz auf dieselben Requisite, die sich uns lür die mu-\nsicalische Kunslform überhaupt ergeben haben, indem ja,\nwie die Erörterung an den Hauptpunkten es bereits her-\nvorhob, keine Melodie ist, wo irgend eines derselben fehlt,\nund wir haben so zugleich den Satz, dass alle Musik\nMelodie ist. Die Fälle, in welchen um besonderer Wir-\nkungen willen Rhythmus oder Harmonie allein dominirt,\nkönnen nur Ausnahmen sein, da Rhvthmus noch keine Mu-\n* j\nsik, Harmonie aber Musik noch ohne distincte und leben-\ndige Form ist. Maass und Energie der Bewegung gibt der\n/\nRhythmus, seelenvolle Innigkeit, Schmelz, ausdrucksreiche\nFärbung und Markirung gibt die Harmonie, alles Andere\naber, Begränzung, feste Gestalt, anschaulichen Fortgang,\nSinn und Klarheit, directen Ausdruck der Stimmung und\nEmpfindung, Charakter und Leben erst die Melodie; sie\nerst gibt zu der Färbung das Licht, den Umriss, die Zeich-\nnung, die Belebtheit und innerlich-rhythmische Bewegtheit\ndes Kunstwerkes hinzu. Bezeichnend ist es in dieser Be-\nziehung, dass man nur eine melodische oder melodiöse Ton-\nfolge einen „Gedanken\" nennt, ein Etwas, bei dem man\nzu denken und nicht bloss äusseriieh an einander Gereihtes\nzu hören bekommt; die Melodie ist eine gedankenmässige,\ndas Viele zur Einheit eines Ganzen gestaltende Gliederung\ndes Tonmaterials; sie ist, eben weil sie die absolute Form\nist, die weder abstracte Einheit noch abstracte Vielheit dul-\n, /\ndet, sondern Beides zu concreter Gestaltung verbindet und\nein Ganzes aus ihnen bildet, auch Gedanke, während Rhyth-\nmus abstracte, inhaltsleere Form, Harmonie nur Ergänzung\n4\neiner schon vorhandenen Form, kein einheitliches Ganzes\nfür sich ist, und eben desswegen beide wohl gedankenmäs-\nsig sein können, aber noch keine „Gedanken\" sind. Wei-\nter kann hier auf die einzelnen Momente des Wesens der\nMelodie noch nicht eingegangen werden; nur so viel ist\nnoch zu bemerken, dass die Analyse jeder gegebenen Me-\nlodie, die wirklich anspricht und gelallt, alle jene obigen\nMerkmale vom ersten bis zum letzten, vom „begränzten\nQuantum\" bis zur „Natürlichkeit und Gefälligkeit\", ob-\nwohl natürlich nicht überall alle in gleichem Verhältnisse\nentwickelt (da sonst keine Mannigfaltigkeit von Melodieen\nwäre), in ihr aufzeigen, und dass sich als Grund des Un-\nbefriedigenden einer Melodie immer das Fehlen des Einen\noder Anderen herausstellen wird.\"\nDie ferneren Abtheilungen des Capitels über die Com-\nposition und ihre Formen verbreiten sich stets präcis und\ngeistvoll über die Gliederung in Theile, Stimmenlührung,\nPolyphonie, Contrapunkt, Fuge, cyklische Compositionsform,\nForm des mehrtheiligen Tonstückes (hier ist besonders §.\n789 über die „Variation\" hervorzuheben, welcher ~ihre\nvolle ästhetische Berechtigung, die nie veralten kann\", vin-\ndicirt wird), und schliessen den ganzen 1. Haupt-Abschnitt\n(das Wesen der Musik) mit der Lehre vom musicali-\nschen Styl, §§. 792 und 793. Wir glauben den Dank\nunserer Leser zu verdienen, wenn wir den §.792 ganz\nund Einiges aus der Anmerkung dazu im Auszuge mitthei-\nlen ; die darin enthaltenen Grundsätze können zumal der\nheutigen Künstler-Jugend nicht oft genug vorgehalten wer-\nden, und für den Verehrer und Plleger der wahren Musik\nwird es erfreulich sein, zu ersehen, dass die neueste Phi-\nI osophie auf wissenschaftlichem Wege zu demselben Resul-\ntate gelangt, welches die Praxis aller wirklich schöpferischen\nGenie's in der Tonkunst längst festgestellt hat.\n„§.792. Der Reichthum an ausdrucksvollen und cha-\nrakteristischen, an streng gesetzmässigen, wie an leichten,\ngefälligen und wirkungsreichen Formen, welcher der Musik\nzu Gebote steht, und die scheinbar unumschränkte Freiheit,\nmit welcher in ihr der Künstler, durch keine typischen Na-\ntur-Vorbilder gebunden, sein Material in mannigfaltigster\nWeise handzuhaben vermag, führt die musicalische Compo-\nsition besonders leicht zu Einseitigkeiten und Willkürlich-\nkeiten, die das natürliche Gefühl als solche erkennt und de-\nnen auch die wissenschaftliche Betrachtung entgegen zu\ntreten hat durch Aufstellung der Gesetze des musica-\nlischen Stils. Der eine Fehler, welcher nahe liegt, ist\ngesuchtes, falsches Streben nach Ausdruck, nach Bestimmt-\nheit, nach naturalistischer Objectivität und überconcreter\nIndividualisirung (einseitig indirecter tdealismus), verbunden\nmit Missachtung der Gesetze der Klarheit, Gefälligkeit und\nRundung, der Ebenmässigkeit und Idealität, kurz: Ueber-\nwiegen des Moments des Inhalts über das der Form. Der\nandere dagegen ist einseitiger Formalismus, Formen-Cultus\n(directer Idealismus), Form-Effect, so wie abstracte, färb-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "275", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01.1.3", "texte": "und inhaltlose Tonbewegung. Diesen Einseitigkeiten gegen-\nüber verlangt das Wesen der Musik, hierin zur Poesie sich\nähnlich verhaltend wie Architektur und Plastik zur Malerei,\nein Gleichgewicht der beiden Elemente, von welchem mög-\nlichst wenig und eher zu Gunsten des formalen als des\nobjecliv materialen Elements abzuweichen ist.\n„Die im Paragraphen aufgestellten Sätze sind jetzt\nziemlich allgemein anerkannt; es bedurfte aber Zeit genug,\nbis sie durchzudringen vermochten, und es fehlt auch ge-\n\\ #\ngenwärtig nicht an Richtungen von ganz entgegengesetzter\nArt. Das ganze Material der Musik ist wesentlich einschwe-\nbendes, welchem die körperliche Massenhaftigkeit, die geo-\nmetrische Formbestimmtheit, die sinnliche Objectivität, die\nverständige, expressive Deutlichkeit des Materials der ande-\nren Künste schlechthin abgeht. Diesen Charakter des\nSchwebenden, das nicht bauen, bilden, zeichnen, malen,\nschildern kann, sondern von allem diesem nur eine Analo-\ngie zulässt, darf die Musik nicht verläugnen wollen, d. h.\nsie darf, obwohl sie nichts als Gefühls-Ausdruck ist, dessen\nungeachtet nicht nach einer Bestimmtheit des Einzel-Aus-\ndrucks, noch weniger nach einer Objectivität und Indivi-\ndualität streben, die nicht in ihrem Wesen liegt. Sie kann\nMassen aufthürmen, um mit der Architektur im quantitativ\nErhabenen zu wetteifern, aber sie verliert damit ihre eigen-\nthümliche melodische Beweglichkeit, die nichts Starres und\nAbstractes duldet; sie kann Bewegungen von Körpern,\nBlitze und Donnerschläge, Gebrüll und Gezwitscher, Schnur-\nren und Sprudeln, ja, am Ende selbst Sieden und Braten\ndirect nachahmen, aber sie gibt damit nur sich selbst auf,\nsie tritt aus dem Gebiete der Kunst heraus in das der ge-\nmeinen Wirklichkeit, aus dem Gebiete des Tones heraus\nin das sinnliche Gebiet des Geräusches, Schalles, Knalles\nund Gezirpes, und sie erweckt zudem mit allen solchen Ver-\nsuchen, weil sie doch immer halb und unklar bleiben, bloss\ndas unbehagliche Gefühl des Unzureichenden ihrer Mittel.\nJede förmliche Zeichnung, jede ganz direct nachbildende\nMalerei und Schilderung gehört nicht in ihr Gebiet, ausser\netwa da, wo durch solche Dinge von Seiten des Compo-\nnisten mit selbstbewusstem Humor eine recht burleske Ko-\nmik, eine recht treffende Ironie, eine scherzhaft idyllische\nHeiterkeit beabsichtigt wird, und auch da nur vorüberge-\nhend, da der Humor die Kunstgesetze nur vorübergehend\nbei Seite zu stellen berechtigt ist, wenn die Sache nicht\nernst, das Spiel mit dem Gesetze nicht grober Verstoss\ngegen dasselbe werden soll.\n„Nicht die Dinge selbst, sondern ihren Eindruck auf\ndie Empfindung hat die Musik darzustellen, einen Eindruck,\nder immer weniger concret, weniger objectiv ist als der\nGegenstand, der ihn hervorruft. Ja, auch die Empfindung\nselbst darf sie nicht zu stark, nicht zu scharf, nicht zu de-\ntaillirt heraustreten lassen, wenn sie nicht schwer und\ndumpf, oder weich und süsslich,'oder peinlich schneidend,\noder regel- und einheitslos werden soll; gerade dieses Sinn-\nlichnaturalistische (vgl. S. 87*2) hat die Kunst der Empfin-\ndung abzustreifen; sie hat den Beruf, die Empfindung im-\nmer zugleich zu idealisiren (vgl. S. 903), sie sowohl in be-\nweglichere, leichtere, gefällige, als in kräftiger stilisirte und\nwohlgegliederte Formen zu erheben; sie stellt zwar einer\nKunst wie die Architektur gegenüber „ „den Ausdruck über\ndie Form\"\" (5.928), d. h. über bestimmte, numerisch exacte\nForm, aber nicht über die Form überhaupt; sie\nist desto mehr an die Gesetze der Idealität, des Maasses,\nder Unterordnung des Details unter das Ganze gebunden,\nje weniger sie der Hinstellung einer festen, anschaulichen\nEinzelgestalt fähig ist.\n„Die Frage, ob und wie weit die Musik malen dürfe,\nist jedoch hiermit noch nicht abgemacht; die Musik muss\ndoch auch in gewissem Sinne objectiv darstellen, da sonst\naller Charakter, aller bestimmtere Stimmungsgehalt, alle dra-\nmatische Belebung verloren ginge; und wenn wir sagen,\nnicht die Dinge, sondern ihren Eindruck solle sie schildern,\nso ist ja im Eindruck, in der vom Ding erregten Empfindung\ndas Ding selbst als Ursache, als Anlass, als das, was eben\ndieser Empfindung ihren bestimmten Inhalt, ihren Charak-\nter, ihre Farbe (Schrecken, Grauen u. s. w.) gibt, auch mit-\ngesetzt, folglich darf nicht nur, sondern muss gemalt wer-\nden, wie z. B. Haydn zu Anfang der Schöpfung das Chaos,\ndas Aufflammen des Lichtes zu malen nicht unterlassen\nkonnte, wenn er seinen Gegenstand vollkommen musica-\nlisch wiedergeben wollte.\n„Allein gerade in diesem Einwand liegt auch die Lö-\nsung der Frage; der Wiederhall des Dinges in der Empfin-\ndung ist doch nicht mehr das ganze und reine Ding selbst;\ndie Empfindung wird zwar bestimmt und so oder so ge-\nfärbt durch das Ding, aber sie hat von ihm doch nur ein\nallgemeines Bild, einen allgemeinen Reflex in sieb, dem eben\ndie specifisch-sinnliche Bestimmtheit, z. B. Dass ein schrecken-\ndes Geräusch gerade Donner, oder ein Grauenerregendes\ngerade eine Sandwüste, oder ein Ermutigendes gerade eine\nherbeieilende Reiterschar ist, bereits abgestreift jst. Diesen\nvom Ding in die Empfindung mit eingehenden allgemeinen\nReflex braucht die Musik zwar nicht nothwendig und über-\nall zu malen, wenn sie nur die Empfindung s«lbst recht\nmalt; sie kann ihn aber allerdings auch mit malen, wenn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "276", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01.1.4", "texte": "sie ausdrücklich, ernst- oder scherzhaft, sich objectiver als\ngewöhnlich halten will, aber sie darf ihn doch nur mitma-\nlen, wie z. B. Haydn's Chaos nicht bloss Chaos-Vorstellung\nsein will, sondern eben so sehr Veranschaulichung einer\nfeierlich erwartungsvollen Stimmung, eines dumpfen Webens\nund Hinundberwogens der Empfindung, die keinen bestimm-\nen Gegenstand vor sich hat, sondern nur erst nebelhafte\ntiestalten sich erheben und durch einander sich bewegen\nsieht, und sie darf ihn fürs Zweite nur so mitmalen, dass\ndie malenden Töne, Figuren doch zugleich, auch abgesehen\nvon dem, was sie nachbilden, musicalisch, melodisch, har-\nmonisch, rhythmisch, klar und schön sind.\n„Was aber Charakter-Malerei betrifft, so kann die Mu-\nsik hier eher objecliv darstellen, weil die bestimmte Haltung\neines Charakters, so wie seine eigentümlichen Stimmungen,\nGefühle, Affecte, Leidenschaften nichts Anderes sind als Be-\nwegungen, Erregungen, Spannungen, welche die Musik aus-\ndrücken kann und welche gerade ihr eigentümliches Gebiet\nausmachen; aber sie darf sie nicht unmittelbar abformen,\nnnd sie darf namentlich nicht etwa einzelne Tonfiguren bil-\nden wollen, welche direct Zorn, Schmerz, Niedergedrückt-\nheit, Stolz und dergleichen wiedergeben sollen, sondern sie\nmuss immer in den ganzen Verlauf einer kürzeren oder\nlängeren Tonbewegung eine Beschaffenheit, eine eigentüm-\nliche Bewegtheit legen, welche jene Stimmungen veranschau-\nlicht; einzelne Stiche, Stösse, Risse, Hebungen sind noch\nkeine musicalische Schilderung von Empfindungen, Stim-\nmungen, Aufwallungen; sie bilden dieselben, wie z. B.\nstechenden Schmerz, zerreissende Eeifersucht, unmittelbar\nphysisch, momentan mimisch nach, statt sie musicalisch, d.\nh. in der Form der Expansion in eine Zeitbewegung, die\nder Entwicklung der musicalischen Mittel (Melodie, Harmo-\nniefolge, Contraste und Wechsel der Rhythmen und Ton-\nstärken) Raum lässt, wiederzugeben.\n„Der einfache Canon für das musicalische Verfahren\nist der: Drückt die Musik unmittelbar ein Object aus, so\ndass wir es wiedererkennen, wie wenn wir es sähen oder\nhörten, so ist das falsche Tonmalerei, namentlich wenn gar\nkeine specifisch musicalische Wirkung mehr dabei ist; deu-\ntet sie ein Object bloss an, so dass es ohne begleitendes\nWort nicht klar ist, was gemeint sei, so ist die Malerei\nrecht; veranschaulicht sie eine Stimmung, Empfindung, Lei-\ndenschaft bloss durch einzelne Tonfiguren oder Klänge, so\nist es wiederum verfehlt; gibt sie aber Tonreihen und Ton-\nstücken eine die Gemütsbewegung nachbildende Bewe-\ngungs-Eigenthümlichkeit (z. B. Schnelligkeit und Langsam-\nkeit, An- und Abschwellen, intensive Spannung oder frohe\nLeichtigkeit, Vorwärtsgehen, -Drängen, -Stürmen u. s. w.,\nvgl. S. 919). so ist das Verfahren das rechte.\n„Zugleich ist der obige Canon noch durch eine weitere\nRegel zu ergänzen. Mit Ausnahme einzelner Fälle, in wel-\nchen, wie z. B. im Recitativ oder in der melodramatischen\nBegleitung einer bestimmten Handlung mit Instrumenten,\ndas musicalische Element sich nicht vollständig zu ent-\nwickeln Raum hat, muss der Inhalt in die Form, die Em-\npfindungsbewegung in die Tonbewegung so ganz überge-\ngangen sein, so ganz in Tönen sich verkörpert haben, dass\ndas Tonstück dem Gefühle und der Phantasie ein wenig-\nstens in der Hauptsache verständliches und gefälliges Ton-\nbild abgibt, auch wenn auf das, was es andeuten will, nicht\nreflectirt wird; ein Tonstück darf die Empfindung nicht\nbloss andeuten (so wenig als die Malerei den Körper), son-\ndern soll sie musicalisch geradezu zeichnen und malen, es\nsoll den Charakter der Empfindungs-Bevvegung in die ganze\nTonbewegung übertragen als beherrschende, Alles durch-\ndringende, aus Allem hervortönende Einheit hierzu und\nzu nichts Anderem gibt es Musik und ist die Musik lähig\n—; wenn diese Einheit da ist, wenn sie dem Tonstücke\neinheitlichen Charakter und Rhythmus gibt, so ist es eben\ndamit verständlich und gefällig, auch wenn man nicht weiss,\nwas eigentlich gemeint ist, obwohl natürlich der Genuss\ngrösser, der Eindruck tiefer ist, wenn die Idee des Ton-\nsetzers entweder durch den begleitenden Text uns bekannt\nist oder sich doch beim Anhören seines Werkes mit einer\ngewissen Klarheit und Wahrscheinlichkeit zu erkennen gibt.\n„Eine Musik dagegen, welche noch mehr sagen und\nmalen will, als die Musik überhaupt geben kann, welche\n(wie z. R. selbst Beethoven's grosse Ouvertüre zu Leonore)\nin der Instrumental-Einleitung die Oper ihrem ganzen spe-\nciellen Verlaufe nach voraus/,ugeben sucht, eine Musik,\ndie hiermit voll von latenten Beziehungen auf Einzelnes und\nEmpirisches ist, das der Hörer nicht weiss oder sich erst\naus erklärenden Programmen mühsam hinzudenken muss,\n/\nkurz: eine Musik, die einen Inhalt haben will, der in die\nForm gar nicht übergehen kann und darum auch nicht in\nsie übergegangen ist, kann natürlich (sofern sie nämlich\nnicht nebenbei doch einzelnes wirklich Musicalisches dar-\nbietet) lür sich auch nicht klar und gefällig sein, sondern\nsie kann (unter der so eben angegebenen Voraussetzung)\nnur den Eindruck eines Etwas machen, zu welchem man\nkeinen Schlüssel besitzt, eines unfertigen Mitteldings, wel-\nches weder einen Ausdruck, einen wirklich heraustretenden\nInhalt und Charakter, noch eine Form, eine musicalische\nEntfaltung und Entwicklung hat, ja, geradezu eines Zwitters,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "277", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01.1.5", "texte": "welcher weder Gemälde noch Musik ist. sondern Ton- und\nKlang-Symbolik (im üblen Sinne des Wortes), die nicht\ndurch Tiefe, sondern durch Unklarheit geheimnissvoll scheint;\nein falsches Zuviel des Ausdrucks und der Zeichnung schlägt\nvon selbst um in das Gegentheil des Beabsichtigten, in ein\nNichtzustandekommt>n eines wirklichen Tonbildes; das mu-\nsicalische Kunstwerk (das nicht von vorn herein bloss beglei-\ntender Art sein will und soll) muss vollständig einleuchten\nund gefallen, wie jedes andere, und in dieser Beziehung ha-\nben alle diejenigen, welche auf die Form den Nachdruck\nlegen und der Musik einen eigentlichen Inhalt geradezu ab-\nsprechen, nicht schlechthin Unrecht, sofern nämlich, was\nsie meinen, dieses ist, die Musik müsse vor Allem musica-\nlisch klar und schön sein, sie sei ein unendlich reiches Sy-\nstem von Tonbev/egungen und Tonverknüpfungen, die schon\nan und für sich selbst durch ihre eigene Form, durch ge-\nsetzmässige und zugleich mannigfaltige Verwendung der\nmusicalischen Mittel, Melodie, Harmonie, Periodicität, Rhyth-\nmus u. s. f. wirken können und sollen. Nur ist dem beizu-\nfügen, dass alle diese Tonbewegungen doch bloss, sofern\nsie zugleich ein bewegtes geistiges Leben nachbilden, künst-\nlerisch wirken, dass sie selbst da, wo sie sich .auf specielle-\nren Gelühls-Ausdruck nicht einlassen, doch ein Ausdruck\ndes Gelühlslebens überhaupt in irgend einer seiner Erre-\ngungsweisen sind, und dass ihnen auch die Eigenschaft des\nCharakteristischen, wenn sie schön sein wollen, nie fehlen\ndarf; gerade mit diesem Moment des Ausdrucks und der\nCharakteristik ist aber der Musik doch ein „Inhalt\" gewon-\nnen, nämlich die Darstellung bestimmter Empfindungen\nund je nach Umständen auch Andeutung Empfindungen\nerregender Objecte.\n„Die Musik, wurde oben gesagt, soll den Charakter\ndes Schwebenden nicht verläugnen, über das Empfindungs-\nGebiet nicht hinausgehen wollen; um so mehr folgt auch\nhieraus, dass sie durch die Form wirken, dass sie ihr äthe-\nrisches Material in feste, klare, akustisch gefällige, die Phan-\ntasie beschäftigende und drastisch erregende Formen brin-\ngen muss. Die feste Form (Periodicität, Stimmen-Verllech-\ntung, thematische Entwicklung u. s. w.) bewahrt sie vor\nnebelhafter Unbestimmtheit und Verschwommenheit, vor\nHalt-, Zusammenhang- und Gestaltlosigkeit, die gefällige und\ndrastische Form (Fluss und Figurirung der Melodie, Wohl-\nlaut der Harmonie, schlagender Rhythmus) sichert sie vor\nNüchternheit, Eintönigkeit, indifferenter Färb- und Wir-\nkungslosigkeit; die Musik bedarf in letzterer Beziehung wirk-\nlich Anmuth einer-, „Effect\" andererseits, damit Gehör, Ge-\nfühl, Phantasie gleichsam gereizt und genöthigt werden, ihre\nduftigen Gebilde einzusaugen, ihnen ungetheilt zu folgen\nund sich ihnen hinzugeben, und so einen lebendigen Ein-\ndruck von ihnen zu empfangen.\n„Aber es ist klar, dass durch diese Forderung, die Mu-\nsik solle sich selbst an die Form binden und den Hörer\ndurch die Form fesseln, weder pedantischer Formalismus,\nder bloss in den polyphonen Kunstformen das Heil erblickt,\nnoch ein Formen-Cultus, dem über Melodiereiz Harmonie\nund Ausdruck, über Figuren und Coloraturen, oder ande-\nrerseits über harmonischem Schmelz die Melodie selbst ver-\nloren geht, noch endlich ein abstracter Form-Effect, der\ndurch rhythmische Mittel überrascht, übertäubt und aufregt,\nirgend gerechtfertigt ist. Diesen Einseitigkeiten gegenüber\nhat die Forderung des Inhalts, der gedanken- und gefühl-\nvollen Belebtheit, des Ausdrucks und Charakters, der inne-\nren Wahrheit und Tiefe, die Forderung, dass in der Musik\nbestimmte Empfindung sei und sich rein auspräge, ihre\nvolle Berechtigung.\n„Das Gleichgewicht beider Elemente, des Inhalts und\nder Form, ist es, worauf die Schönheit der Musik entschie-\nden beruht, nur freilich mit der näheren Bestimmung, dass\nsie doch mehr Musik bleibt beim Uebergewicht des forma-\nlen als bei dem des objectiv materialen Factors. Innerhalb\nder subjectiven Kunstform ist die Musik trotz aller ihrer\nFreiheit der Architektur gegenüber doch ähnlich wie diese\nan die Formschönheit gebunden, weil die eigenthümliche\nBeschaffenheit ihres Materials diese fordert (S. 898), wo-\ngegen sie für die Darstellung des eigentlich Goncreten nicht\nzureicht. Materiel schildern und so durch concreten Inhalt\ninteressiren, wie Malerei und besonders Poesie, kann sie\nnun einmal nicht, und sie ist nicht mehr sie selbst, sobald\nsie es versucht, wogegen sie doch wenigstens Musik und\nimmer noch Bild des mannigfach bewegten Gefühlslebens\nbleibt, wenn sie einseitig melodisirl, harmonisirt, fugirt u.\ns. w.; die Trockenheit und Steifigkeit des Formalismus, die\nFadheit und Seichtigkeit des Formen-Cultus halten sich doch\nnoch innerhalb derGränzen der Musik selber, so lan ge jene\nnicht zu rein unakustischem und ausdruckslosem mathema-\ntischem Calcul, diese nicht zu leerem Geklingel ausartet,\nwährend alle Sachen- und Ideen-Malerei, wo sie nicht vor-\nübergehend eine Begründung durch besondere Umstände\nund Zwecke erhält, unmusicalisch frostig und hölzern oder\nunkünstlerisch nebelhaft und dunkel ist,\"\nDer zweite Paragraph der Lehre vom Stil (§.793) be-\nhandelt die Stilarten. Die überwiegende Form erzeugt\nden strengen, hohen und idealen oder den anmuthigen, rei-\nzenden, drastischen (pffectvollen) Stil, der überwiegende In-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "278", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01.1.6", "texte": "halt den freien oder den charakteristischen (malerischen)\nStil. „DasGleichgewicht gibt den schönen Stil,\nder von den übrigen die mit ihm selbst verträglichen Ele-\nmente, Idealität, Anmut h, Charakteristik, an sich\nhat und sie doch zugleich zur Einheit verschmilzt.\"\n„Der schöne Stil ist der freie, Anmuth, Reiz und\n£ffect nie einseitig erstrebende, auf Ausdruck bedachte,\naber ihn von einseitigem gelühligem Sichvordrängen zurück-\nhaltende, gemüthreiche, aber nicht sentimentalisirende, das\nCharakteristische, Individuelle, Naturalistische mit dem rei-\nnen Duft gehobener und frei schwebender Idealität umge-\nbende, auch die strengen Formen mit Abstreifung ihrer ab-\nstracten Regelmässigkeit frei in sich verarbeitende Stil, der\nnichts, was die Musik an Formen und Mitteln bietet, ver-\nschmäht, eben so aber Alles zu in sich gesättigter, abge-\nrundeter, klarer Einheit zusammenfasst. Er befriedigt zwar\nfür sich allein nicht alle Anforderungen, da man das Hohe\nund Ideale, das Charakteristische, das Anmuthige u. s. w.\nnicht bloss als Element, sondern auch in eigener selbststän-\ndiger Ausprägung vernehmen will, aber er ist der Gipfel\ndes musicahschen Stils durch seine Universalität, durch seine\nallseitige Vollendung und durch die Selbstbeschränkung,\nmit welcher er überall der Form, dem directen Idealismus,\nder in der Musik nun einmal Hauptsache ist, Rechnung zu\ntragen weiss.\"\nIst hier nicht Mozart vollständig gezeichnet? und ist\ner nicht eben desswegen, weil er alles, was hier vom schö-\nnen Stil verlangt wird, vereinigt, vorzugsweise der eigent-\nliche Musiker?\n\nDas vierte niederrheinische Sängerfest in Crefeld\nam 9., 10. und 11. August.\nDie Tage des heiteren Festes liegen hinter uns. Schon\nam Vorabende des Festes hatten sich verschiedene aus-\n\\\nwärtige Sänger-Vereine zu demselben eingefunden; die\nMehrzahl derselben erschien jedoch mit den Morgenzügen.\nDie Hauptstrassen der Stadt hatten sich zum Empfange\nder Sangesbrüder aufs festlichste herausgeputzt und prang-\nten in reichem Fahnenschmuck. Schon früh Morgens boten\ndieselben ein reges Leben, ein geschäftiges Treiben, wozu\nnamentlich der Zug der Musikchöre den Impuls gegeben.\nDie Hauptprobe, welche am Sonntag Morgens 10Uhr\nbegann, steigerte das Maass unserer Erwartungen und\nstellte uns in der Haupt-Aufführung wahrhafte Kunstge-\nnüsse in Aussicht. Nach dem Mittagessen versammelten sich\ndie Sänger, mit den Festzeichen geschmückt, in der Gesell-\nschalt „Verein\". Von hier aus zog nun die grosse Sänger-\nschar, es waren nahe an 700, mit ihren prächtigen Fah-\nnen und Bannern durch die Strassen der Stadt nach dem\nFestiocale. Reges Leben entfaltete sich gleich nach Ankunft\nder Sänger auf Driessenhof. Ueberall fröhliche Gesichter,\nnirgendwo Griesgram und Philisterthum; Begeisterung hatte\nan allen Enden Platz gegriffen: es galt ja, aufs Neue dem\ndeutschen Männergesange Lorberreiser zu pflücken.\nDas erste Concert ward in üblicher Weise mit einem\nSängergruss an die auswärtigen Sangesbrüder eröffnet,\nwelcher von Wilhelm sehr hübsch .und wirkungsvoll\ncomponirt war und dem sich die Ouvertüre zu Iphigenie\nvon Gluck anschloss. Hierauf folgte die „Hymne\" von\nNeidhardt mit Orchester-Begleitung, die unter der Lei-\ntung des Herrn Musik-Directors Reinecke ganz vorzüg-\nlich gesungen wurde. Besonderen Effect machte das Quar-\ntett der Herren Gebrüder Steinhaus, die heute wiederum\nals unvergleichliche Quartettsänger hervortraten. Nunmehr\nfolgten die Einzel-Vorträge . der Liedertafeln, von Aachen\nund Elberfeld. Die erstere eröffnete den Reigen mit einer\nziemlich flachen Composition. Ueberhaupt aber war die\nAuslührung sehr lobenswerth. Die Liedertafel von Elberfeld\nsang „ Frühlingsnahen\" von Kreutzer und „Auf dem Rhein\"\nvon Kücken hierauf recht schön und ärntete eben so, wie\ndie aachener Liedertafel, reichen Beifall. Den Schluss der\nersten Abtheilung bildete die „Dithyrambe\" mit Orchester-\nBegleitung von Rietz, ein Werk von ausserordentlicher\nWirkung. In die Einzelheiten desselben einzugehen, dazu\nbleibt uns hier kein Raum. Die Auslührung war des Wer-\nkes würdig. Der so massensafte Chor, das treffliche\n• • * » • •\nQuartett der Gebrüder Steinhaus, der herrliche Tenor\ndes Herrn Göbbels und der grandiose Bass des Herrn\nRemmertz aus München alles war hier vereinigt und\ndesshalb der Erfolg auch gewaltig.\nDie zweite Abtheilung brachte uns zunächst die Fide-\nlio-Ouverture. Wilhelms „Lied vorder Schlacht\" wurde,\nwie es die Composition erheischt, mit markiger Stimme ge-\nsungen, und unter der eigenen Leitung des Componisten\ngestaltete sich der Schlachtgesang zu einem ergreifenden.\nVon überaus grosser Wirkung war der Vortrag des be-\nkannten Liedes von Kreutzer, „Die Capelle\", welches in\nFolge des unaufhörlichen Beifalls und Da-capo-Rufens wie-\nderholt werden musste. Die hierauf folgenden Vorträge des\nstädtischen Männergesang-Vereins von Neuss gaben uns\nKunde von dem Besitz frischer, kräftiger Stimmen und einer\nsorgfältigen Einübung; dennoch wollte das schwierige und\nsehr exact gesungene Lied von Franz Liszt nicht recht"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "279", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01.1.7", "texte": "ansprechen. Der „Orpheus\" von Elberfeld trat hierauf in\ndie Schranken und sang das „Heiraths-Gesuch\" von Hein-\nrich Schäffer mit grosser Virtuosität. Gegen die Wahl\neines so niedrig komischen Stückes, welches wohl in eine\nheitere Gesellschaft, nicht aber auf ein Sängerfest passt,\nwäre allerdings viel zu sagen. Das Lied von Silcher, „In\ndie Ferne\", behagte uns allerdings mehr. Den würdigen\nSchluss des Concertes bildete der Doppelchor „0, wär' ich,\nwo bald die Schar\" aus Oedipus- auf Colonos von Men-\ndelssohn.\nAuch der zweite Tag des Festes verlief, nicht minder\ngünstig, als der erste. Morgens versammelten sich die De-\nputaten der einzelnen Vereine auf Tannenthal zur Wahl\ndes Festortes und der Dirigenten für das fünfte niederrhei-\nnische Sängerfest. Als Festort wurde Elberfeld und zu\nDirigenten die Herren Weinbrenner aus Elberfeld und\nReinecke aus Barmen erwählt.\nDas '/. weite Concert wurde eröffnet mit der ewig fri-\n•, • •\nsehen Ouvertüre zum „Freischütz\". Mit seltener Präcision\nwurde das herrliche Werk executirt. Von grosser Wirkung\nwar die Arie mit Chor aus „Faust\". Herr Göbbels er-\nwarb sich auch durch diesen Vortrag grossen Beifall. Nicht\nminder wurde Herrn Re mm er tz reicher Beifall gezollt\nfür den einfach edlen Vortrag der Arie „ 0 Isis und Osiris\"\naus der Zauberflöte. Eine der schwierigsten Compositionen\ndes diesjährigen Programms war unstreitig die Schneider'-\nsche „Hymne an Jehova\". Doch sei es zur Ehre der Sän-\ngerschar hier gesagt, sie bewältigte jede Schwierigkeit und\nbeendete glücklich ein Werk, das bei einer Massen-Auffüh-\nrung stets zu wünschen übrig lassen wird.\nDie zweite Abtheilung eröffnete den Reigen mit der\nOuvertüre zu dem Calderon'schen Lustspiele „ Dame Ko-\nbold\" von C. Rei necke. Unter der eigenen Leitung des\nComponisten gestaltete sich diese reizende Tonschöpfung\nmit all den zierlichen Figuren zu einem herrlichen Gebilde.\nMan fühlte aus dem ganzen Vortrage heraus, dass die In-\nstrumentisten mit Begeisterung, mit wirklichem Feuer wirk-\nten, mit Einem Worte: mit ganzer Seele schafften. Die\n/ » *\nAusführung war desshalb auch vortrefflich. Das glänzende\nWerk, wie dessen ausgezeichnete Execulirung bewirkte\nbegeisterte Aufnahme und erwarb dem Autor und Dirigen-\nten verdiente Huldigung. Mit voller Kraft wurde der Chor\n„Gebet während der Schlacht\" von Weber vorgetragen,\nworauf „Die Märznacht\" von Kreutzer folgte, ohne jedoch\nin Bezug auf die Ausführung den übrigen Leistungen gleich-\nzukommen. Herrn Göbbels Vortrag der Arie aus Don\nJuan in B-durhaben wir unbedingtes Lob zu spenden, wie\nsich derselbe auch des wärmsten Beifalls zu erfreuen hatte.\nDer Doppelchor aus Sophokles' „Antigone\" von Mendels-\nsohn bildete hierauf den Schluss des Concertes, und er\nwar ein würdiger und setzte dem Ganzen die Krone auf.\nSeitens des Herrn Oberbürgermeisters wurde den aus-\nwärtigen Sängern, den Fest-Dirigenten u. s. w. in herzli-\nchen Worten der Dank für das Gebotene an den Festtagen\ndargebracht, der aus der Mitte der Sänger dahin beantwor-\ntet wurde, dass die vielen Mühen und Arbeiten des Fest-\nComite's in dem Gelingen des Festes ihre Würdigung ge-\nfunden. In ein Hoch auf dasselbe wurde allseitig einge-\nstimmt. Ein Ball beschloss den zweiten Tag, der bis zum\nGrauen des Tages der Fest-Theilnehmer viele versammelt\nhielt.\nDas Concert des dritten Tages bot uns in seinen ein-\nzelnen Nummern manche Perle. Eröffnet wurde dasselbe\nmit der Ouvertüre zur „Vestalin\" von Spontini, und zwar\nin untadelhafter Executirung. Die Reihen der Chöre der\nbeiden ersten Tage waren sehr gelichtet, nur noch die hei-\nmischen Sänger hatten sich zur letzten Aufführung einge-\nfunden. Doch wurden dessen ungeachtet mit Feuer und\nPräcision die beiden Chöre „An das Vaterland\" von C.\nKreutzer und „Die Wacht am Rhein\" von C. Wil-\nhelm vorgetragen. Vortrefflich sang hierauf Herr Gö b-\nbels die Adelaide von Beethoven und ein uns unbekanntes,\netwas unbedeutendes Lied. Die lebhaftesten, aufrichtigsten\nBeifallsbezeugungen wurden Herrn Göbbels allseitig zu\nTheil, und constatiren wir hier gern, dass der junge Künst-\nler zur Verherrlichung des vierten niederrheinischen Sän-\ngerfestes, das in seinem Verlauf sich zu einem der glän-\nzendsten Sängerfeste am Rheine gestaltete, das Seinige bei-\ngetragen hat. Wenn am ersten Tage die Einzel-Vorträge\n• • •» • n\nder Vereine sich einer grossen Theilnahme erfreuten, so\nnicht minder am dritten die Lieder für gemischten Chor:\n„Morgengebet\" von Mendelssohn, „Wer in des Andern\nAuge lies't\" von Wilhelm und „Frühlingsgedränge\" von\nHiller, welche überdies eine überaus wohlthuende Abwechs-\nlung in das Programm hineinbrachten. „Der frohe Wan-\ndersmann\" für Männerchor von Mendelssohn schloss den\nersten Theil.\nMit der Ouvertüre zum „Vampyr\" wurde nach kur-\nzer Frist wieder begonnen. Es war der letzte Haupt-Vor-\ntrag des Orchesters, der eben so, wie die früheren, treff-\nlich zu nennen ist. Beide Capellen haben in ihren vereinten\nLeistungen ausreichend ihre Tüchtigkeit documentirt. Die\nBass-Arie aus „Paulus\" wurde von Herrn Remmertz zwar\netwas unsicher gesungen, doch verfehlte trotz dessen sein"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "280", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570829-01.1.8", "texte": "herrliches Organ eine grosse Wirkung nicht. Die Palme\ndes Abends errang aber unstreitig Herr Reinecke, der,\nvielseitig an ihn ergangenen Bitten nachgebend, ein Clavier-\nConcert von Beethoven spielte. Wir haben an anderer\nStelle schon mehrmals die hervorragenden Eigenschaften\ndes Herrn Reinecke als Ciavier-Virtuose gewürdigt; auch\nheute sind wir des Lobes voll. Er leistet in der That Gross-\nartiges, indem er mit der denkbarsten Fertigkeit einen kraft-\nvollen Anschlag und ein fast unerreichtes Pianissimo ver-\nbindet. Selbstredend spendete das zahlreiche Auditorium\nden lebhaftesten Beifall, der nicht enden wollte und worin\ndas Orchester mit kräftigem Tusch einstimmte. Des „Jä-\ngers Abschied\" von Mendelssohn bildete den Schluss des\ndiesjährigen Festes, welches, wie wir uns fest überzeugt\nhallen, viel dazu beigetragen hat, die niederrheinischen Sän-\ngerfeste lür die Zukunft auf eine höhere Stufe künstlerischer\nBedeutsamkeit zu erheben. **.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nALolii. Herr Johann Herbeck, Chormeister des wiener Män-\nnergesang-Vereins, hat sich einige Tage hier aufgehalten. Der kölner\nMännergesang-Verein veranstaltete ihm zu Ehren eine festliche Lie-\ndertafel, welche auch Dr. H. Marschner in Folge der Einladung\ndes Vorstandes durch seine Gegenwart verherrlichte. Herr Herbeck,\nin welchem wir einen sehr tüchtigen Musiker und liebenswürdigen\nMann kennen lernten, überreichte dem Dirigenten unseres Vereins,\nHerrn Musik-Director Franz Weber, bei dieser Gelegenheit das\nDiplom als Ehren-Mitglied des wiener MänneVgesang-Vereins.\nBerlin« Der als Dirigent und Componist gleich rühmlich be-\nkannte Herr A. Conradi verlässt am 1. October d. J. seine Stel-\nlung als Capellmeister des Königstädtischen Theaters und hat ein\nEngagement in gleicher Eigenschaft an der Kroirschen Bühne an-\ngenommen.\nAm 26. und 27. Juli fand in Sorau das zweite lausit/.er Män-\nnergesang-Fest Statt; es war von 25 Vereinen beschickt, im Ganzen\nvon etwa 550 Sängern besucht und wurde von dem Musik-Director\nKlingenberg aus Görlitz geleitet\nDas fünfte preussische Gesangfest fand am 2. bis 4. August in\nDan zig bei einer Anwesenheit von nahe an 1000 Sängern aus den\nProvinzen Ost- und Westpreussen Statt. Die Dirigenten waren Ca-\npellmeister Pabst aus Königsberg, Capellmeister Tschirch aus\nGera und aus Danzig. In gelungener Weise kamen Compo-\nsitionen von Mendelssohn, Spontini, Dorn, Jul. Otto und Tschirch\nzur Aufführung. Der letzte Festtag vereinigte sämmtliche Sänger zu\neiner Lustfahrt auf Dampfbooten nach dem reizend gelegenen Orte\nOliva.\nDer verstorbene Chef des renommirten Banquierhauses Frege\nin Leipzig hat neben einem bedeutenden Vermächtnisse von mehr\nals 60,000 Thlrn. zu milden Zwecken auch die Kunst-Institute\njener Stadt bedacht; so ist dem Theater-Pensionsfonds und\ndem Conservatorium ein Legat von je 2000 Thlrn. ausgesetzt\nworden. .[Wir glauben, dass Schenkungen unter Lebenden für beide\nTheile weit angenehmer sind als Legate, und wünschen unseren\nFinanzgrössen in Köln, so wie dem Orchesterfonds und der Rheini-\nsehen Musikschule langes Leben!]\nDie MusicaUenhandlung von Nägeli in Zürich ist im Besitze\neiner bedeutenden Anzahl ungedruckter Compositionen grosser Ton-\nsetzer der Vorzeit, welche von H. G. Nägeli hinterlassen wurden\nund jetzt käuflich zu haben sind. Auch viele Autographe finden sich\nin dieser Sammlung. Der gegenwärtige Chef der Handlung hat schon\nfrüher ein Verzeichniss dieser Werke drucken lassen und lieferte vor\nKurzem noch einen Nachtrag dazu. Insbesondere zahlreich ist die\nFamilie Bach vertreten. Ausserdem finden sich darin Werke von\nGraun, Haydn, Jomelli, Pachelbel, Stöltzel, Winter, Homilius, Rolle,\nd Astorga, Frohberger, Händel, Krebs, Marcello, Venda u. v. A. Der\ngedruckte Katalog ist gratis zu haben, und wer sich für die Werke\nder genannten Autoren interessirt, kann denselben durch die erwähnte\nMusicalienhandlung beziehen.\n25. Juli. Gestern Abends gelangte endlich die neue,\nvon einer noch ganz jungen Dame, Karoline Ferrari, gedichtete\nund componirte Oper „Ugo4< im Theater Santa Radegonda zur Auf-\nführung Die Verfasserin, Tochter eines ganz unbemittelten Elemen-\ntarlehrers zu Lodi, musste die grössten Aufopferungen machen und\nder Theater-Unternehmung (Impresa) tausend Zwanziger zahlen, um\ndie Inscenirung zu besorgen; denn bekanntlich will in der Regel\nhier kein Impresario bei einem Debüt die Kosten wagen, und nur\nbewährte Compositeure und Sänger finden ein Entgegenkommen. Das\njunge Mädchen fand leider von keiner Seite die wohlverdiente Auf-\nmunterung und Unterstützung; allein desto glänzender wird ihr\nRuhm strahlen, nachdem sie glücklich alle Schwierigkeiten besiegt.\nIhre Oper hat einen vollständigen Success erlangt.\nVerdi wird im November in Neapel sein neuestes Werk,\nnig Lear\", in Scene setzen.\nVieuxtemps unternimmt seine Reise nach America im Vereine\nmit Mad. Frezzolini, und diesen Beiden schliesst sich noch der\nVioloncellist Feri Kletzer an. Letzterer hat sich in jüngster Zeit\nin Paris und London einen namhaften Ruf erworben. Herr Kletzer\nist ein geborener Ungar. Früh zeitig schon seinen Heimatsort Komorn\nverlassend, trat er als Zögling ins wiener Conservatorium. Sein Ta-\nlent unterstützte seinen Fleiss, so dass er beim Austritte aus dem\nInstitut bereits einen ziemlichen Grad von Reife in der Behandlung\nseines eben so schönen als schwierigen Instrumentes des Violon-\ncells erlangt hatte. Die ersten Versuche, von seinem Können öf-\nfentliches Zeugniss abzulegen, hatten Ungarn und die Walachei zum\nSchauplatze, dienten indessen dem jungen Virtuosen mehr, um das\nin der Schule Erworbene zur höheren künstlerischen Ausbildung zu\nbringen. Seine eigentliche Laufbahn als fertige Erscheinung datirt\nsich erst von seinem erfolgreichen Auftreten in Konstantinopel. Mit\ngleichem Glück liess er sich in Deuschland hören, wo namentlich\nder König von Hannover sich für den jungen Künstler lebhaft in-\nteressirte und demselben als Zeichen seines Wohlwollens ein vorzüg-\nliches Instrument von N. Amati zum Geschenk machte. Nun wandte\nsich Kletzer nach Paris und London, wo er die Feuerprobe seiner\nTüchtigkeit bestand; besonders war es die letztere Stadt, wo er un-\numwundene Anerkennung fand. Kletzens Spiel verbindet mit einer\näusserst glänzenden, rapiden Technik einen gediegenen und gefühl-\nvollen Vortrag, den er besonders im Quartettspiel zur Geltung zu\nbringen versteht, wie denn überhaupt seine Richtung eine ernste,\ndem Besseren zustrebende ist."}]}