{"numero_id": "bm-bmtnabi-1857-09-19-01", "volume": "bmtnabi_1857-09-19_01", "ocr_sha256": "bae1fc0b5c65b7dbf4b2f5290b41c8bb912d1855ed86fe646d657367852f813b", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1857/09/19_01/bmtnabi_1857-09-19_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570919-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1857-09-19-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-09-19_01#c001", "volume": "bmtnabi_1857-09-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "297", "page_fin": "297", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570919-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "297", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570919-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 402, "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe (Operetten Reber Eugene Gautier Stockhausen Jakob Ottenbach Musicalische Scandale\nScudo's Le Chevalier Sarti). Von B. P. Zur Würdigung der so genannten Zukunfts-Musik. Von L. N., geb. K. Tages- und\nUnter halt u ngsblatt (Köln, Capeilmeister Ferd. Hiller Bremen, Fräul. Auguste Gebler Amsterdam, Ein neues 'Wunderkind\nFlorenz, Concert zu Ehren des Papstes —■ Paris, Violin-Preis)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-09-19-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-09-19_01#c002", "volume": "bmtnabi_1857-09-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "297", "page_fin": "300", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570919-01.2.2", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "B. 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B.\nchamps, Operette in Einem Acte, von Deff&s. der Anla ge\nzu der leichten Gattung zu haben scheint; dann\n<TEspagne von Sem et, im The in zwei Acten.\nSemet ist Paukenschläger im Orchester der grossen Oper,\nrhythmische Effecte liessen sich mithin erwarten. Aber siehe\nda, es kamen auch recht artige Melodieen zum Vorschein,\nwelche, leicht und anmuthig erfunden, dem Textbuche einen\ngewissen Schimmer verliehen, der über den Unsinn der\nHandlung eine Weile blendete.\nBedeutender war die dreiactige Oper Les Dames capi-\nlaines von Melesville, Musik von Reber, am 3. Juni zum\nersten Male in der komischen Oper gegeben. Melesville ist\naus Scribe's Schule; er hat das Buch zu Zampa geschrie-\nben. Das jetzige Stück spielt zur Zeit der Fronde in und\nvor der Stadt Saintes, dem Schlüssel von Bordeaux. Die\n,Feldherrinnen', die Prinzessin von Conde und die Her-\nzogin von Chatillon, sind darin belagert, und draussen im\nköniglichen oder Mazarin'schen Lager befehligt Gaston von\nMarigny, der die Herzogin liebt. Diese soll einen Markgra-\nfen von Anspach heirathen; die Vermählung geschieht durch\nProcura. Gaston hat allerlei Papiere und Vollmachten auf-\ngefangen, die er benutzt, um seinen Namen hineinzuschmug-\ngeln und sich statt des Markgrafen mit der Geliebten ver-\nmählen zu lassen. Nachher stellt er in einem gefangenen\n' . .\nElsasser, einem sehr naiven Bauer, einen falschen Mark-\ngrafen auf, um der Herzogin Abneigung zu erregen; die\nScenen, in welchen dieser auftritt und von seiner Frau, die\nnicht will, dass er den Markgrafen bis zum Ende spielt,\nverfolgt und gepeinigt wird, sind das eigentliche Komische\nund füllen namentlich den zweiten Act. Im dritten wird\ni\nGaston gefangen; die Herzogin übergibt, um ihn vom Tode\nzu retten, die Festung den Königlichen, der Pseudo-Mark-\ngraf wird nach Hause geschickt, und Gaston, dessen Name\nja schon im Ehe-Contract steht, tritt in seine Rechte.\nDas Buch reicht uicht an den Werth der früheren\nArbeiten Melesville's; das Ganze muthet dem Zuschauer gar\nzu viel Gutmüthigkeit zu, um sich alle diese Lnwahrschein-\nlichkeiten und Dummheiten auf die Nase binden zu lassen;\nallein das Detail ist gut. witzig, komisch und das ist es,\nwas hier so manche schlechte Texte über Wasser hält.\nReber hat mit zwei kleineren Opern,\nlard und Les Papillotes de Mr. Benoit, Erfolg gehabt; der-\ngleichen Sujets möchten aber auch wohl der Rahmen sein,\nin welchen seine musicalischen Bilder passen. Er ist ein\nGenremaler; als solcher hält er seinen Stil fest und liefert\nGelungenes. Er gilt hier (ür einen Archaisten, lür einen\nVerehrer der allen Musik, lür einen Classiker quand meme.\nIm Pere Gaillard hat er allerdings Gretry mit Glück nach-\ngeahmt. Die jetzt von ihm componirte Oper ist aber im\nText ein Gemälde, kein Bildchen; ein Gemälde, das wenig-\nstens in seinen Umrissen und in seinem kriegerischen Hin-\ntergrunde in der Composition grossartig angelegt ist, wenn-\ngleich verfehlt. Da(ür scheint Reber's Talent nicht auszu-\nreichen; es wird jedenfalls der Streit über dasselbe durch"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "298", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570919-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4912, "texte": "diese Partitur neue Nahrung bekommen. Es sind sehr hüb-\nsche, fein und einfach erfundene und gearbeitete Stücke\ndarin, in denen eine gewisse Eigentümlichkeit Reber's wie-\nder hervortritt. Allein zu einem wirklichen Stile kommt es\nhier nicht; im Gegentheil einige Nummern, und zwar die\nlängsten und bedeutendsten, sind ganz in italiänischer Ma-\nnier geschrieben und erinnern weit mehr an Rossini, als an\nGretry und Haydn. Reber ist jedenfalls ein sehr achtungs-\nwerther Musiker und verdient seine Stellung in dem Insti-\ntut und im Conservatoire; allein den schöpferischen Geist,\nden göttlichen Funken habe ich in seinen Sachen noch nir-\ngends entdeckt.\nIm Juni brachte das zwei neue Ope-\nretten an Einem Abende, Le (aber\nnicht des steinernen Gastes), eine Bastillengeschichte, we-\nder neu noch interessant, mit Musik von Lajarte, von\nder man dasselbe sagen muss und eine\nLafontaine'sche Fabel, in eine Wilddiebs-Geschichte ver-\nwandelt, in Musik gesetzt von Montuoro, von dem früher\neinmal viel Spectakel durch die Journale gemacht wurde.\nNach dieser Operette zu urtheilen, war Herr Montuoro\nnicht so viel Lärmens werth. Sangbar zu schreiben, ist lür\neinen Italiäner kein grosses Verdienst; das Triviale ist auch\nsangbar. Von Erfindung ist hier gar nichts zu spüren,\ndesto mehr von Erinnerung und gutem Gedächtniss. Ja,\nselbst wo dieses nicht nachzuweisen ist, schwört man dar-\nauf, dieselbe Wendung schon zwanzig Mal gehört zu haben.\nAber überall jene musicalische Schwätzerei,, welche die\nSüdländer auch dann nicht im Stiche lässt, wenn sie nichts\nzu sagen haben.\nDas Theater der komischen Oper, sonst die reiche und\nreine Quelle der echt französischen Oper, steigt jetzt sogar\nbis zur Wiederaufnahme alter Vaudevilles herab. Die Ope-\nrette Le Mariage extravagant ist die Wiederauffrischung\neines solchen Vaudevilles von Desaugiers, das im Jahre\n1812 die Pariser amusirte, während ihre Brüder in Russ-\nland erfroren. Die Handlung, auf Verwechslung von wahn-\nsinnigen und vernünftigen Personen beruhend, ist jetzt mit\nacht Musikstücken von Eugfene Gau tier durchllochten,\ndie einen Fortschritt beurkunden und Hoffnung geben, dass\ndieser junge Mann eine Zukunft haben wird. Er ist ein\nwackerer Violinspieler, Mitglied der Concert-Gesellschaft\ndes Conservatoires und Organist. Auf dem\nsind bereits zwei Operetten und eine Ballet-Operette von\nihm mit Beifall aufgenommen worden; gegenwärtig soll er\nan einer dreiactigen Oper arbeiten. In der Musik zu dem\nMariage extravagant sticht besonders ein Zug von natürli-\ncher Charakteristik angenehm hervor.\nVon Wiederholungen sind an der komischen Oper\nHalevy's Mousquetaires de la und besonders Boiel-\ndieu's La Feie du village voisin zu bemerken, eine Oper,\nderen köstliche Musik vor vierzig Jahren ganz Paris er-\ngötzte. Der unvergessliehe Martin glänzte damals, wie man\nhier noch immer rühmt, als Henri. Diese Rolle war jetzt\nHerrn Stock hausen zugetheilt worden, und er hat sie\nmit verdientem Beifall durchgelührt. Seine herrliche Gesang-\nMethode hat über den „Manqu scene\"\njetzt endlich gesiegt. Gleich seine erste Arie erwarb ihm\nermunternden Applaus, der sich bei der zweiten: „Simple,\ninnocente et joliette *, zum Enthusiasmus steigerte. Er trug\ndiese mit seltener Vollendung vor und musste sie wieder-\nholen.\nAnfangs August wurde Meyerbeer's Nordstern' wieder\nin Scene gesetzt Mad. Cabel die Kalharine und zog in\nder That wieder eben so, wie früher. Nun, bei der Auf-\nnahme dieser Oper von dem berühmten Componisten\nhat sich doch Deutschland in vortheilhafterem Lichte gezeigt,\nals Paris ein seltener Fall, dass unser Vaterland nicht\ndas Echo der Kaiserstadt ist!\nJakob Offenbach hat nach seiner Rückkehr von Lon-\ndon einen Theil seiner Truppe nach Lyon geschickt und\nmit dem anderen das alte Sommer-Local in den\nElysees Ende Juli wieder eröffnet. Spät kam er, doch er\nkam! —und hat es nicht zu bereuen. Er begann mit zwei\nneuen Operetten: „Die Mumie von Roscoco\" und\ndemoiselle en loterieu. Die erstere schmeckt etwas nach\ndem Barbier von Sevilla; der alte Vormund-Doctor hat\naber ausser seiner Leidenschaft für die Mündel auch noch\neine Schwachheit für eine ägyptische Mumie, welche als\nHülle der Geliebten zum Herausschaffen derselben aus dem\nHause von ihrem Almaviva benutzt wird. Das Ding ist\npossenhaft genug. Ein junger Componist, Eugene Ortolan,\nbat ganz artige Musik dazu geliefert.\nDas zweite Stück ist eine von den übertriebenen Pos-\nsen, in denen sich jetzt Offenbach wohl etwas zu häufig\ngelallt, z. B. auch im Vent-du-Soir,einem Caraiben-Häupt-\nling, der seinem Gaste das Fleisch seines Sohnes vorsetzt,\ndas.,aber glücklicher Weise nur Fleisch des Bären ist, in\ndessen Haut der Sohn entkommen. Dergleichen cannibali-\nsche Komik ist doch auch durch die weiteste Dolmetschung\ndes Wortes Bouffesnicht zu rechtfertigen. Auch sehen wir\nnicht, worin bei solchen Extravaganzen das Volksthümliche\nund das Volksgelällige liegen solle. Und Beides dürfte doch"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "299", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570919-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4876, "texte": "die wahre Aufgabe lür eine Volksbühne, für ein Theätre\nchantant sein. Leider verschwendet Offenbach eine wirklich\nallerliebste Musik an solche Lappalien.\nVon den Bouffonerieen zu den Scandalen in Paris ist\nder Uebergang leicht. Die hiesige Musikwelt hat diesen\nSommer deren zwei erlebt, die viel von sich reden mach-\nten. Der bekannte Kunstkritiker Scudo hat eine Reihe von\nArtikeln, die er lür die Revue des d geschrieben,\nals Buch unter dem Titel Le herausgege-\nben und hat dieses Buch Meyerbeer zugeeignet. Die Zu-\neignung strömt von Verehrung und Bewunderung für den\n„eher grand mailre/\" über, der dem Verfasser „erlaubt\nhabe, seinen nom illustre mit dem Buche zu verbinden\",\nund spricht den Vorsatz aus, in einer späteren Fortsetzung\n„die tiefen und so originellen Schöpfungen des eminent\ndramatischen Genie's von Meyerbeer\", den der Verfasser\n„eben so sehr liebt als bewundert\", zu charaklerisiren.\nNun hat aber Herr Scudo keinesweges immer in die-\nses Horn gestossen, sondern in der in dem\nja, in der genannten Revue selbst aus ganz anderem Tone\ngeblasen. Dies riefen ihm boshafte Collegen öffentlich ins\nGedächtniss zurück und cilirten unter Anderem folgenden\nSatz aus der Patrie vom 18. Januar 1846: „Mozart muss\nman unaufhörlich studiren und nicht Meyerbeer, der uns\nzum Verderben führen würde; denn der Componist von\nRobert der Teufel ist nur ein grosser Musiker des Verfalls\"\n(Musicien de la decadence).\nDer zweite, grössere und in seinen Folgen bedeuten-\ndere Scandalist zwischen Halevy und seinen bisherigen\nVerlegern Brandus, Dufour & Comp, vorgefallen. Der eigent-\nliche Sachverhalt ist dieser:\nAm 3. Mai kündigten Brandus & Comp. Halevy's\ngons de lecture musieale (ein populäres Methodenbuch für\nHarmonielehre) als in ihrem Verlage erscheinend an. Vier-\nzehn Tage später zeigte eine andere Handlung die Heraus-\ngabe desselben Buches mit Betonung ihres alleinigen Eigen-\nthumsrechtes an.\nDarauf erschien folgende Erklärung von Brandus &\nComp.: „Tags darauf, als wir kraft einer Uebereinkunft, in\nderen Loyalität wir alle Ursache halten Vertrauen zu setzen,\nden Verkauf der Lectures etc.angekündigt hatten, kam Herr\nHalevy, bat uns, ihn von seinem Worte zu entbinden, und\nmotivirte diese Bitte dadurch, dass er das bewusste Buch\nund die Partitur einer neuen Oper (wahrscheinlich\ngicienne) zugleich bereits einer anderen Handlung über-\nlassen habe. Wir hätten widersprechen können: wir hatten\n(ür uns die bereits aufgewandte Arbeit und ein gegebenes\nWort; allein wir konnten uns nicht verhehlen, dass dieses\nWort, das man so wohlfeil weggab (donton faisait si bon\nmarche), einem schriftlichen und unterzeichneten\nVertrage gegenüber zu leicht ins Gewicht fallen könnte.\nWir wollten keinen Process.\nI\n„ Da jedoch bei dieser Gelegenheit Herr Halevy nicht\ngezaudert hat, sich von uns zu trennen, so halten wir un-\nsererseits darauf, diese Trennung vollständig und definitiv\nzu machen. Wir beehren uns daher, dem Musicalienhandel\nanzuzeigen, dass wir die Platten und das Eigenthumsrecht\nsämmtlicher Werke dieses Componisten, die wir verlegt\nhaben, binnen kürzester Frist werden versteigern lassen.\n„Paris, den 24. Mai 1857.\"\nHalevy suchte sich in einem offenen Briefe zu recht-\nfertigen und berief sich auf eine Entschädigungssumme, die\ner dem Hause Brandus & Comp, gezahlt habe. Dies nö-\nthigte Brandus, nun noch deutlicher zu werden, das Ver-\nfahren des Componisten durch Thatsachen scharf darzule-\ngen und den schlagendsten Anklage-Beweis dadurch zu lie-\nfern, dass er nachwies, jene Summe sei allerdings von Herrn\nHalevy gezahlt worden, aber als Kostenersatz lür be-\nreits aufgewandtes Papier, Satz, Druck und Arbeiterzeit.\nWie würde er sich zu einer solchen Zahlung je verstanden\nhaben, wenn er sein Werk wie er irrthümlich behauptet\nnur in „Depot\" bei Brandus gegeben hätte?\nUnd nun stellten Brandus & Comp, in der That sämmt-\nliche Verlagswerke, die den Namen Halevy's trugen, zum\nVerkauf in Partitur und Stimmen, Clavier-Auszügen, Ar-\nrangements u. s. w., erklärten auch dabei, was etwa von\nPlatten keinen Käufer lände, einschmelzen zu lassen. So\nwurden denn wirklich versteigert sieben grosse Opern:\nCharles VI., Guido e Ginevra, La Juive, Le Juif errant,\nLe Lazzarone, La Reine de Chypre, La Tempesta und\neilf komische Opern: La Dame de Pique, Le Dilettante\nd'Avignon, VEclair, La Fee aux Roses, Le Guitlarrero, La\nLangue musieale, Les Mousquetaires de la Reine, Le Nobab,\nLe Sherif, Les Treize, LeVal Ausserdem noch\nein Promethee enchaine (scene d'apres Eschyle), von dem\nman bis jetzt wenig oder gar nichts wusste, eine Cantate\nund zwölf Romanzen.\nNach dieser Darstellung der Thatsachen ist das zu\nwürdigen, was in verschiedenen Blättern über diesen Scan-\ndal lür und wider geschrieben worden ist.\nNoch ein paar Worte über das Buch\nSarti von P. Scudo.\nBei dem Titelnamen wird jeder Musiker an Giuseppe\nSarti, den vielgereisten und über Verdienst berühmten"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "300", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570919-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5066, "texte": "Componisten des vorigen Jahrhunderts denken, den Verfas-\nser der ernsten Oper Giulio und mehrerer komi-\nschen, den Liebling der Kaiserin Katharina 11. und Potem-\nkin's (geb. 17 29 zu Faenza, gest. 1802 zu Berlin auf\nseiner Rückreise von Russland). Von diesem ist aber hier\ngar jiicht die Rede, und so dürfte der nackte Titel einer\nArt von Mystification nicht unähnlich sehen, zumal da der\nZusatz Hisloire musicale den Gedanken an Giuseppe Sarti\nbestätigt.\nScudo's Lorenzo Sarti ist ein Venelianer, der von\neinem Patrizier Marco Zeno adoptirt und in sein Haus auf-\ngenommen wird, und Histoire musicale soll bedeuten „Mu-\nsicalischer Roman\". Der Inhalt des Romans, wenn man ihn\nso nennen kann, ist jedoch weder neu noch interessant ge-\nnug, um an und für sich zu fesseln. Sarti verliebt sich in\nBeata, Zeno's.Xochter, die ihm Unterricht in der Musik\ngibt. Er lässt sich durch die Sängerin Vicentina verführen,\ndurch die edle und geistvolle Beata jedoch wieder bekeh-\nren, was ihn aber leider nicht abhält, sich bei einer Stu-\ndenten-Revolution zu compromittiren. Hierauf Verbannung,\nBalconscene zum Abschied, Sprung in den Canal, Gelang-\nniss unter den Bleidächern, Rettung durch Beata, die einem\nMächtigen ihre Hand reicht, u. s. w. Erst auf ihrem Todten-\nbette sieht Sarti sie wieder. „Beata starb in der Nacht\nvom 10. auf den 11. Mai 1797. Einige Tage nachher,\nam 16. Mai, führte eine Flotille eine Division der franzö-\n-7 /\nsischen Armee auf den Marcus-Platz, und die Republik\nhatte aufgehört.\".\nDie Erzählung ist jedoch Nebensache. Das Buch ge-\nhört in die Kategorie der Kunst-Romane oder Kunst-No-\nvellen, die sich in der deutschen Literatur seit Heinse's\nHildegard überlebt haben. Der Hauptzweck desselben ist,\nmusicalische Raisonnements, ästhetisirend-kritische, mitun-\nter auch biographische Artikel anzubringen, welehe dann\ndie Erzählung häufig und oft sehr lange in förmlichen Ab-\nhandlungen unterbrechen. Für wen eigentlich solch ein\nBuch geschrieben sei, sieht man nicht recht ein. Der Ro-\nmanleser wird die Musik, der Musiker den Roman verwün-\nschen. Zwitter-Art thut niemals gut. Man denke nur, dass\nz. B. an einer Stelle ein Capitel ,von nicht weniger als\n80 Seiten von der Geschichte und Musik der venetiani-\nschen Schule handelt! Wie gehört das in einen Roman,\nso interessant es auch für den Musiker oder wenigstens\nfür den Dilettanten sein mag ? Der Leser» der sich für Lo-\nrenzo und Beata interessirt, kann es dreist überschlagen.\nManche andere Stellen und Skizzen von Künstlern und ih-\nren Werken reihen sich etwas besser, als jenes\ngesprächsweise an den Faden der Erzählung; immer aber\nist Alles doch auf unnatürliche Weise zu einem Ganzen\nzusammengeschweisst. So bildet z. B. auch das Capitel über\nFarinelli und die „Sopranisten\" einen ganz getrennten\nAbschnitt für sich. Der Gesprächsleiter, wenn über Musik\nästhetisirt und debattirt wird,, ist ein gelehrter Abbe, Za-\nmaria genannt. Mit dem Dialog in Bezug auf Form und\nDialektik ist's aber auch nichts; es geht damit, wie bei Ci-\ncero: Einer predigt, und die Anderen hören zu. Allerdings\nfehlt es nicht an Anekdoten und Traditionen über berühmte\nTonkünstler, z. B. Guadagni, Gabrieli, Porpora, Galuppi\nu.s. w.—ja, gleich von vorn herein lässt sich der Verfasser\nzu einer Skizze über Beethoven verleiten, von der man gar\nnicht weiss, was sie da soll. Auch mag der\n(dem sie Scudo in den Mund legt und der nach ihm auch\nwirklich existirt hat, am Ende gar noch lebt, weil er irgend-\nwo mit einer Fortsetzung droht) es verantworten, dass\nBeethoven nach der Vermählung von Giulietta Guicciardi\nhabe Hungers sterben wollen, und was des Zeugs mehr ist!\nBesser verbindet sich mit der Liebesgeschichte das Ge-\nmälde des untergehenden Venedigs und seiner gesunkenen\nsittlichen und politischen Grösse. Dieses macht einen zwei-\nten Haupttheil der Tendenz des Buches aus; was sich\ndarauf bezieht, ist mit Wärme und nicht ohne Glanz ge-\nschrieben. Mit etwas mehr Ausführung dieser Partie hätte\nScudo einen lesbaren Roman und ein unterhaltendes Buch\nüber Musik, aber beide getrennt, aus dem jetzigen herma-\nphroditischen Kunstwerke machen können. Mögen hier zum\nSchlüsse die Zeilen stehen, mit denen er Venedigs dama-\nlige Zustände charakterisirt:\n„Venedig lag im Verscheiden. Es starb langsam dahin,\nschlaff' wie eine erschöpfte Buhldirne, die Stirn mit Rosen\numkränzt, ein Lächeln auf den Lippen, in Bankets und Fe-\nsten, umringt von Ruffiani, von Sängern, Ballerini, Impro-\nvisatoren, verschmitzten Gaunern und von Spionen, der\nletzten Zuflucht gesunkener Regierungen. - Unter einer dü-\nsteren, schweigsamen, argwöhnischen Aristokratie, welche\ndie Vortheile und Mühen der Herrschaft an sich gerissen\nhatte, wogte ein Volk von Kindern auf und ab, das über\nAlles lachte, an Allem sich ergötzte und sich um nichts\nkümmerte, als. um die Lust des Augenblickes. Was brauchte\nes zu arbeiten, nachzudenken, für die Zukunft zu sorgen,\ndieses sanftmüthige und liebenswürdige Volk, das von den\nSportein der Reichen, von Confetti, Kaffee, Sonetten, Mu-\nsik und Liebe lebte!\" u. s. w.\nParis, 14. September 1857.\n\nB. 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Jede dieser Richtungen hat ihr eigenes\nMotto, und jede glaubt sich berufen, die Sache der Musen\nzu lühren.\nDer Entwicklungsgang der Kunst entscheidet\naber am besten alle kritischen Fragen.\nDie Musik ist wie jede ihrer Schwesterkünste allmäh-\nlich gewachsen. Anfangs beschränkt auf Eine Darstellungs-\nform, lernte sie bald sich in verschiedenen bewegen,\nund ist eben dadurch ungezwungener, endlich frei und\ngross geworden. Unverkennbar steigert sich jede Ausdrucks-\nweise oder Darstellungsform bis zu einem Forte, um als-\ndann keinen Höhegrad weiter zuzulassen; jede kommt zu\nihrer Blüthe, wo sie vollendet ist. So fand der eigentliche\nKirchengesang in Palestrina seinen Meister, die Fuge hat\nin Seb. Bach ihre Spitze erreicht, Händel vollendete das\ngeistliche, Haydn das wellliche Oratorium, Mozart führte\ndie Oper zur höchsten Stufe, Beethoven die Sinfonie an die\näusserste Gränze u. s. w. Die Erfindung neuer Kunstfor-\nmen trägt also wesentlich zur Ausbreitung der Kunst bei.\nAuch das Suchen nach Neuheit des Ausdrucks ist\nnatürlich und gerechtfertigt, namentlich da, wo es dem\nstarren Festhalten am Alten, Stereotypen entgegentritt. Nur\ndarf bei dem Streben nach Neuem das Schöne nicht ver-\ngessen werden. Formen, die bloss neu sind, fördern eben\nso wenig wie die überlebten etwas an der Kunst. Weder\nin eingezwängter Steilheit und Prüderie, noch im ungenir-\nten „Sichgehenlassen\" gibt sich das Schöne; hier wie\ndort bleiben die Grazien aus. Aesthetik ist der wahre\nMusenführer; Aesthetik bewacht der Musen Erb- und Vor-\nrecht, worauf sie fussen und welches heisst „Schönheit des\nAusdrucks und der Form\".\nDie Kunst verdankt ihr Leben der Natur; aus dieser\newigen Quelle, wo Offenbarung die Offenbarung treibt,\nschöpft sie Stoff und Inhalt aber um ihn schön zu be-\narbeiten und darzustellen. Das Entsprechende, Natürliche\nan und lür sich ist desshalb unzureichend für die Kunst,\nwenn es nicht zugleich schön hervortritt. Kunst ist Be-\nherrschung— Beherrschung ist Kunst! So kann der Drang\nnach Neuheit auch nur da etwas Künstlerisches schaffen,\nwo er im Bunde mit der Schönheit ist. Die ersten Kegun-\ngen des Neuen sind noch von den Grazien geleitet und be-\nleben namentlich diejenigen Formen wieder, welche, vom\nGenie vollendet, so oft trostloser JVlanierirtheit zum Aus-\nputz dienen müssen. Später durchbrach aber ein ungebun-\ndener Geist das Ebenmaass des Ausdrucks; der Drang nach\nNeuheit überflutet die Gränzen der Aesthetik und tritt end-\nlich entschieden über das Gebiet der Kunst. Dieses Sta-\ndium bildet zwar Charakteristisches, Merkwürdiges, Origi-\nnelles in neuer Gestalt aber keine Kunstgestalt\nmehr. Während die Hauptwirkung der Kunst auf schönem\nAusdruck in schöner Form beruht, wie das die Classiker\nam besten beweisen, huldigt man hier dem Irrthume, die\nkünstlerische Form lür eine Fessel freier Gedanken- und\nGelühls-Aeusserung zu halten. Jedoch ist und bleibt Be-\nherrschung der Form Freiheit dagegen Verletzung der\nForm Zügellosigkeit.\nDas Classische gleicht dem Brennpunkte, wohin frü-\n-1\nhere Strahlen sich vereinigen und wovon spätere ausgehen.\nKein voranstehender oder nachfolgender Kunst-Ausdruck\nkann je zu dieser Vollendung gelangen. Aber in demselben\nMaasse, wie eine Harmonie aus etwas schon Gegebenem\nsich zusammenstellt, lassen sich aus ihr wieder Einzelheiten\n7 \\\ngewinnen. So beginnt das Neue im Abglanz des Classi-\nschen; es fängt damit an, besondere Saiten stärker zu be-\nrühren, welche im vollendeten Ausdrucke zusammenklan-\ngen; aus der Verschmelzung von Vorzügen entwickeln sich\neinzelne. Zur Erläuterung folgende Beispiele:\nMozart, der Messias der Oper, nährte seinen Genius\nmit den ihm vorgeschaffenen besten Leistungen, und seine\nEigentümlichkeit vermählte sich mit dem vorangegangenen\nGrossen aufs innigste. Bach, als Herrscher des Contra-\npunktes, Gluck, der Meister musicalischer Plastik, Händel\nmit seinem erhabenen Schwung glänzen dem Auserwählten\nwie Propheten vor, ohne seiner Umfasslichkeit gleich zu\nkommen. Mozart hat diese ihre Einzel-Tugenden zwar nicht\nübertroffen, wohl aber dieselben verwoben und mit eige-\nnem Nimbus umgeben. Aus Mozart's classischer Oper zog\nCarl Maria von Weber besondere Fäden, um hieran eine\n/\nneue Richtung zu knüpfen. Die Romantik, in den Schöpfun-\ngen Mozart's bereits angesponnen, aber nur hier und da"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "302", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570919-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5123, "texte": "entschieden durchblickend, wird in Weber glänzende Eigen-\ntümlichkeit, wodurch die Oper in neuem Lichte erscheint.\nAndere verpflanzten aus den Opern Mo/.arl's insbesondere\nden Humor, wie Lortzing, Nicolai u. s. w. Die Weber'sche\nRomantik fand wieder in Spohr und namentlich in Marsch-\nner ihren Nachklang; auch in Mendelssohn spiegelt sich\ndiese Zauberwelt, und er belebt sie noch mit neckischen,\ncapriciösen Gestalten.\n\\\nDie Sinfonie wurde dem unvergleichlichen Beethoven\nebenfalls von Kunstvorgängern übergeben. Sie wurzelt in\nder Suite von Bach, breitete sich aus durch Haydn und\nMozart, bevor sie ihre Wunderblütben zu Tage bringt. Ob-\ngleich also die Sinfonie Beethoven's den höchsten Flug un-\nternommen hat, den Aeslhetik gestalten kann, so lassen\nsich, wie gesagt, auch hier die Vot stufen nachweisen. Auch\ndiese musicalische Form hat noch nach ihrer Vollendung\nneue künstlerische Bearbeitungen erfahren. An dem Strah-\nlenvorbilde Beethoven entzündeten sich die genialen Werke\nSchubert's und Schumann's; es liefern Spohr, Kalliwoda\nund Mendelssohn interessante Nachträge. Hier erscheint\ndie Sinfonie minder kühn und reich als in der ursprüng-\nlichen Kraft, aber sie spricht doch künstlerische Haltung\naus. Namentlich lässt Schumann (so viel Unklarheit im\nUebrigen seinem Stil anhaften mag) die Sinfonie ihrem\nCharakter nach sehr deutlich hervortreten, indem er gerade\nhier Besonnenheil und Umsicht für thematische Bearbeitung\no\nund Schnellkraft des Ausdrucks zeigt.\nDie Ouvertüre, welche im Grunde eine musicalische\nVorrede ist und als solche' bereits unter der Hand der\ngrössten Meister Haupt-Efl'ecte zusammenfasst und in Kürze\neinen grossen Inhalt bespricht, wurde später und beson-\nders in der Neuzeit beschreibendes, selbstsländiges Tonbild.\nWem würden z. B. die Ouvertüren Weber's und Men-\ndelssohn's nicht förmliche Gemälde vor die Seele führen?\nDas Virtuosenlhum hat der Drang nach Neuheit durch\nmehrfache Kunstformen bereichert, die schon vorhandenen\nmil vielseitiger Auffassung erfüllt, ohne zwar auch hier die\nVorzüglichkeit des bereits Geleisteten zu übertreffen.\nMöge diese kurze Beobachtung genügen, um zu be-\nweisen, wie das Neue unter dem Einflüsse der Aeslhetik\ndie Kunst nach Inhalt und Form fortleben lassen, wenn\nauch nicht wieder zu ihrer Höhe zurückführen kann.\nKunstformen, einstmals mit dem vollen Lichte classischer\nSchöpfung durchschienen, zeigen sich fort und fort zwar\nnicht mehr im früheren Glänze, aber doch im Schimmer\nneuer Erfindung. Obwohl das Aesthetisch-Neue bisher we-\nnig bedeutende Darsleilungsarten lieferte, so hat es doch\nnichts Unkünstlerisches hervorgerufen.\nDie tonangebenden Schöpfer der eigentlich neuen Mu-\nsik, Wagner und Derlio/, begannen ihre Laufbahn eben-\nfalls damit, in vorhandenen Kunstformen sich neu auszu-\nsprechen; Wagner vorzugsweise auf dem Gebiete der Oper,\nBerlioz im Elemente des Oratoriums, der Sinfonie, Ouver-\ntüre u. s. \\v. Beiden ist aber bei ihrem Streben nach Neu-\nheit das Hauptziel der Kunst mehr und mehr entrückt. In\nihren Werken wogt denn auch der Drang nach Neuheit\nbald wie eine Gewalt, welche die Form zerbricht und aus\nden Schranken tritt ; der Ausdruck wird nun so übermässig\nund zügellos, dass er keiner Kunstform mehr ähnlich sieht.\nWa gner, der eigentlich zur Oper berufen ist und durch\nErfindungskraft die neuesten Operndichter bedeutend über-\nragt, gibt uns die glänzendsten Beweise seiner Meisterschaft\nund Irrung zugleich. Seine Compositionen sind an vielen\nStellen gross, treu, lebendig, ergreifend schön; es treten\nSymptome von Genie hervor, das unbedingt zu einer\n„glücklichen Zukunft\" führen würde, wenn es nicht die\nBahn der Aeslhetik verschmähte und auch seine Willkür\nund Fehler mit dem Namen Kunst zu stempeln sich und\nAndere verblendete. Hieher gehört z. B. das zu häufige\nWiederholen eines Motivs, wodurch die Musik breit, mo-\nnoton wird und die Aufmerksamkeit der Hörer lähmt; fer-\nner das Ineinandergehen, Verschwimmen von Chor und\nArie, wodurch dem Gemüthe kein einziger Ruhepunkt ge-\ngönnt wird; endlich das Uebereinanderthürmen von Har-\nI\nmonieen, die manchmal so unvorbereitet und unlogisch fol-\ngen, wie Klänge einer Windharfe, u. A. m. Kurzum, wir\nerkennen in Wagner eine gewaltige Schöpferkraft, die, wo\nsie mit Schönheit verbunden isl, zur Bewunderung hinreisst,\nzugleich aber in ihrer Verirrung zeigt, was wir an ihr ver-\nlieren.— Auch Berlioz, ein geistvoller Componist, welcher\nso wahrhafte Kunst-EfTecte zu erreichen weiss, opfert einen\ngrossen Theil seines musicalischen Werthes dem Götzen-\nbilde d er Neuheit. Desshalb erscheint er oft outrirt, un-\nschön. Die Schilderung des Nationalen, worin er sich sehr\ngefällt, ist besonders interessant; doch kann gerade das\nleicht zu einer Klippe lühren, wo das Charakteristische das\nSchöne unterdrückt. Wenn alle nationalen Klänge zur\nKunst privilegirt würden, bloss weil sie national sind, so\nkönnten auch wilde Völker mit ihrer Naturmusik Beiträge\nliefern. Einige Werke von Berlioz tragen nicht bloss eine\nzu scharfe Charakteristik, sondern gehen in das Zügellose\nüber. D ie Ouvertüren Carnaval und zu\nwelche im Verzeichnisse der „werthvollen Schöpfungen für"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "303", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570919-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5019, "texte": "die Zukunft\" glänzen, sind durchaus kranke Gestalten, Aus-\nbrüche eines musicalischen Deliriums, das nur stellenweise\nlichte Augenblicke hat. Berlioz benimmt sich oft so, als\nkönne man die Anforderungen der Aesthetik wie eine ver-\naltete Mode von sich thun, und Wagner glaubt, die Ge-\nsetze des Schönen revoltirend umstossen zu können. Beide\nvergessen, dass sie hiermit nicht an etwas Herkömmlichem,\nsondern an dem Bestehen der Kunst selbst rütteln.\nSo sehen wir die Wagner'sche Art und Weise, die in der\nbisherigen Opernform sich unmöglich noch darstellen kann,\nin ein Gebiet sich ergiessen, wo mehrere Kunstformen, ja,\nmehrere Künste aufgehen sollen in etwas Einziges, genannt\n„Das Drama der Zukunft\". Ein gezwungenes Zusammen-\ntreten der Künste, ein materielles Nebeneinanderstellen der-\nselben, ein communistisches Verfahren im Nehmen und Ge-\nben der Eigentümlichkeiten einer jeden kann aber zu kei-\nnem Kunst-Resultate führen. Von Natur ist schon\neine Kunst in der anderen enthalten, wobei dennoch der\nselbstständige Werth einer jeden bewahrt bleibt. Die\nKünste gleichen verschiedenen ebenbürtigen Schwestern,\nvon denen jede ihre Eigentümlichkeit besitzt, während\nsich dennoch alle in die Familien-Aehnlichkeit theilen.\n„Unnatur\" ist das allgemeine, bezeichnendste Wort, wel-\nches dieser ganzen „Zukunfts-Richtung\", wie sie jetzt sich\näussert, an der Stirn steht. Wagner selbst spricht sich\ndieses Urlheil, indem er die Melodie „das oberflächliche Um-\nherschwimmen auf dem Ocean der Harmonieen\" nennt.\nOhne Melodie würde aber der Musik das Herz genommen,\nohne Melodie müssle die Musik der Musik aufhören und\nder Ocean der Harmonieen zu einem Chaos werden. Wohl\nruht auf der Harmonie die musicalische Gewalt, wohl gibt\nsie Bekräftigung, Nachdruck, Beleuchtung, namentlich seit-\ndem sie von den Classikern nicht mehr unter-, sondern bei-\ngeordnet ist. Bloss aus der richtigen Vermählung Beider\ngeht ein schönes Ganzes hervor. So gleichen also die Ver-\ntreter des eigentlich Neuen in der Musik bloss merkwürdi-\ngen Meteoren, welche aufsteigen, um zu verschwinden,\noder kometenähnlich der Sonne der Kunst sich nur manch-\nmal nähern, um excen Irisch (!) wieder davon abzu-\nschweifen. Aber:\n„Vergebens werden ungebund'ne Geister\nNach der Vollendung reiner Höhe streben;\nDie Regel nur kann Freiheit geben,\nUnd erst die Selbstbeschränkung zeigt den Meister.\"\nGö t he.\nDie Welt ist frappirt im Anschauen dieser auffällig\nfunkelnden Phänomene, und gefesselt von dem Blendenden\nund Merkwürdigen wendet sich Aufmerksamkeit und Be-\ngeisterung momentan hierauf. Aber der unbefangene Blick\nbehält ein Firmament im Auge, welches fest steht, wäh-\nrend alle glänzenden Irrthümer daran verschwinden. Eben\nso wie die Alten Unvergessliches unter die Sterne versetz-\nten, um es unsterblich zu machen, so bleibt am Himmel\nder Kunst alles ewig, was ihrer werth ist. Hier erscheinen\ndie wahren Grössen der Musik wie Fixsterne, Licht und\nWärme aul Planeten und Trabanten werfend; hier strahlt\nSchönheit und Wahrheit in unverändertem Glänze,\nwährend von Neuem und Altem nichts zu entdecken ist.\nDie gute, echte Musik ist von selbst „Zukunfts-Musik\",\nohne diese Namens-Etiquetle an sich zu tragen; die echte\nund gute Musik hat sich bereits so vielfach documentirt,\ndass ihr Dasein durch entgegengesetzte Bestrebungen nicht\nerschüttert werden kann. Was spähet ihr darum in die\nZukunft, was trauert ihr um die Vergangenheit? Wenn\nauch der Entwicklungsgang der Kunst dem Laufe der\nSonne zu vergleichen ist, indem das Antike als Morgen-\nröthe dem läge der classischen Schöplung voranging, und\ndiese vollen Strahlen in der Dämmerung Romantik wieder\nallgemach verschwinden, so bleibt diese Offenbarung der\nKunst der Menschheit als geistiges Vermächtniss gegenwärtig.\nAuch unter den Vertretern der Religion zeigt sich Ein\nleuchtender Gipfelpunkt, Eine Vollkommenheit, Eine Ver-\neinigung der höchsten Tugenden, von keinem Propheten\nweder vor noch nach dem Messias erreicht. Christus war\nder Gott-Mensch, welcher vollkommen lebte, um alle\nWelt vollkommen zu machen. Jeder, der nach seinem Sinne\nlebt und strebt, ist ein Künstler als Mensch. Gute Werke\nim Leben begeistern (ür das Gute. Die besten Werke der\nKunst erinnern an das Beste. Die Kunst, welche Tempel\nbaut und Altäre schmückt, die Kunst, welche wie ein lau-\nter Huf nach Vollkommenheit nur von Erhebung spricht,\nist eine Miterzieherin zur Religion. Diese Kunst gibt ein\nveredeltes Abbild vom Leben, vermählt das Wahre mit\ndem Schönen, und sie ins Leben übertragen heisst sich\nzum Besseren erziehen lassen. Mag immerhin der Irrthum\nglauben, die Kunst auf materielle Weise zum Leben machen\nzu können, indem er jeden entsprechenden und will-\nkürlichen Ausdruck, durch künstlerische Mittel darge-\nstellt, schon für Kunst gelten lässt. Mag immerhin der\nNeuigkeitskram und Zukunftshandel wie zu einer Jahrmarkts-\nfrist anlocken und versammeln, so bleibt das Werk der\nZukunft jener consonirende Schluss-Accord, worin alles\nSchöne, Wahre und Gute zum Einklang im Leben gebracht\nwird.\n\nL. N., geb. K."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-09-19-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-09-19_01#c004", "volume": "bmtnabi_1857-09-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "304", "page_fin": "304", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570919-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "304", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570919-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4919, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nCapellmeister Ferd. Hiller ist von seiner Ferienreise\ndurch die Schweiz wieder zurückgekehrt und hat bereits einigen\nGesangproben zu dem grossen Beethoven-Concerte am 23. September\nin Bonn beigewohnt*. Man wird darin einige Sätze aus der grossen\nD-dur-Messe, das Clavier-Concert in Es-dur (gespielt von Eduard\nFranck), das Violin-Concert (gespielt von Joachim), die Egmont-\nOuverture und die C-mo//-Sinfonie hören.\nBremen. Fräul. Auguste Gebler, früher Schülerin der\nRheinischen Musikschule zu Köln, zuletzt in Paris, ist als Marga-\nrethe in den „Hugenotten\" mit grossem Beifall aufgetreten. Ihre\nVorzüge bestehen besonders in Coloraturfertigkeit und in einem Tril-\nler, wie man ihn heutzutage selten hört. Die Stimme ist nicht gross,\naber ungemein lieblich und hell, so dass sie auch grosse Räume\nfüllt. Der Timbre ist der eines echten Soprans mit bedeutender Höhe.\nDer jungen Sängerin öffnen sich nach erlangter Bühnen-Routine glän-\nzende Aussichten für ihre Künstler-Laufbahn.\nAmsterdam. Ein neues Wunderkind ist hier seit dem\nvorigen Winter öffentlich aufgetreten, das nach meiner Ansicht alle\nanderen überstrahlen wird. Es ist Maria Bastiaans, Tochter des\nOrganisten an der Südkirche in Amsterdam. Der Vater, ein höchst\ngediegener Musiker und Orgel-Virtuose, Schüler von Mendelssohn,\nFriedr. Schneider und Becker, hat seine Tochter ganz allein selbst\nausgebildet. Das Mädchen ist jetzt erst sieben Jahre alt, und\ndoch habe ich selten ein schöneres und fertigeres Clavierspiel ge-\nhört. Die Sauberkeit und Kraft und der gefühlvolle Vortrag sind\nwirklich bewunderungswerth. Obgleich sie die Octaven nur noch\ngebrochen spielen kann, so hat sie mich doch neulich wahrhaft ent-\nzückt durch den Vortrag von Liszt's Reminisccnses de Lucia di\nLammermoor, Les Naiades von Weh!e, Heller's Forelle und Thal-\nberg's Fantaisie sur Moise. Auch hat sie schon im vorigen Winter\nBeethoven's C-mo//-Concert mit Orchester gespielt, so dass ich nicht\nglaube, dass etwas Aehnliches dagewesen ist, seitdem die Virtuosität\nim Clavierspiel die hohe Stufe erreicht hat, auf welcher sie seit\nThalberg und Liszt steht. J. A. v. E.\nFlorenz. Die Stadt Florenz gab Sr. Heiligkeit dem Papste\nPius IX. zu Ehren ein grosses Concert, in welchem die Oratorien-\nTrilogie von Pietro Raimondi, „Potiphar Joseph Ja-\nkob\", aufgeführt wurde *).\nDie Gesammtzahl der Mitwirkenden belief sich auf 730, von wel-\nchen 250 für den instrumentalen Theil und 480 für den Gesang be-\nstimmt waren. Man begann mit dem ersten Theile des Oratoriums\n„Giuseppe*4, dann folgte die zweite Abtheilung des und\nhierauf die zweite Abtheilung des „Giacobbe\". Nach diesem wur-\nden die drei Oratorien zu gleicher Zeit ausgeführt.\nNach der „Bilancia\" thaten die Choristen ihre Schuldigkeit, und die\nOrchester spielten vortrefflich; allein die Zuhörer langweilten sich\nim Allgemeinen. „Raimondi,\" sagt das eben genannte Blatt, „der\nohne Zweifel einer der gelehrtesten Contrapunktisten der Neuzeit ist,\nglaubte mit dieser Trilogie ein Denkmal seiner grossen musicali-\nschen Wissenschaft zu hinterlassen; aber für uns ist (ohne die Kennt-\nnisse dieses Meisters, die sich in anderen Compositionen hervorthun,\nzu läugnen) diese Trilogie vielmehr eine musicalische Bizarrerie, als\netwas Anderes. Es handelt sich in letzter Auflösung um drei Orato-\nrien mit obligaten Harmonieen. Raimondi bediente sich zu dieser Ar-\nbeit eines Notenpapiers mit so vielen Zeilen, als für drei vollstän-\ndige Partituren erforderlich sind, in der Art, dass er stets die Har-\nmonie gegenwärtig hatte, die in einem gegebenen Momente allen drei\nOratorien entsprach. Im Allgemeinen diente das Oratorium „Giacobbe\"\nals Norm, aber in manchem Stücke gab er dem „Putifar\" und dem\n„Giuseppe*4 den Vorrang, so dass bei der einzelnen Aufführung man-\nche Tonstiicke verschwommen, skelettirt und schattenartig zu Tag®\ntreten. Die Ermüdung ist gross, die Gelehrsamkeit, die sich kund gibt,\nist auch gross, allein der edlere Theil der Kunst gewinnt nichts\ndurch solche Anstrengungen des Talents. Kein Stück eines dieser\nOratorien wird durch die Vereinigung mit den correspondirenden der\nanderen Oratorien in seiner Wirksamkeit gehoben.\" Der grosse Saal\nder Fünfhundert enthielt mehr als 2000 Personen. Dem Orchester\nim Angesichte, auf der entgegengesetzten Seite des Saales, sassen\nunter einer Art von Thronhimmel Se. Heiligkeit und der grossher-\nzogliche Hof.\nVon den siebenzehn eingeschriebenen Bewerbern um den\nViolin-Preis waren es zwei Fremde, welche die Palme davontrugen,\nnämlich Mr. Sarazate, ein junger Spanier von 13 Jahren, welcher\nden ersten Preis, und Fräul. Hummler, eine Deutsche von 15 Jah-\nren, welche den zweiten Preis erhielt. Beide sind Schüler Alard*s.\nDas Engagement Stockhausen's wurde unter sehr günstigen\nBedingungen für ihn erneuert.\n*') Wir haben seiner Zeit in Nr. 17 des III. Jahrg. der Rhein.\nMusik-Zeitung vom 23. October 1852 ausführlich darüber\nberichtet. '"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "297", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570919-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe (Operetten Reber Eugene Gautier Stockhausen Jakob Ottenbach Musicalische Scandale\nScudo's Le Chevalier Sarti). Von B. P. Zur Würdigung der so genannten Zukunfts-Musik. Von L. N., geb. K. Tages- und\nUnter halt u ngsblatt (Köln, Capeilmeister Ferd. Hiller Bremen, Fräul. Auguste Gebler Amsterdam, Ein neues 'Wunderkind\nFlorenz, Concert zu Ehren des Papstes —■ Paris, Violin-Preis).\n\nPariser Briefe.\n\n[Operetten Les Dames capilaines, komische Oper von Reber\nEugene Gautier .Stockhausen Jakob Offeübach\nMusicalische Scandale: Scudo und Meyerbeer, Halevy und\nBrandus Scudo' s Le Chevalier Scirti.]\nDer Sommer pflegt für die Bühne sonst überall nicht\nfruchtbar zu sein, in Paris aber fehlt es auch in der heis-\nsen Jahreszeit nicht an neuen Stücken und Operetten; denn\ndie Directionen sind gezwungen, Neues zu bringen, um die\nHitze zu bekämpfen, und so kommt das Product manches\njungen Dichters und Componisten, das den Winter hin-\ndurch vergeblich nach Licht schmachtete, mit der steigen-\nden Wärme an den Tag.\nDahin gehören im Fache der Oper z. B.\nchamps, Operette in Einem Acte, von Deff&s. der Anla ge\nzu der leichten Gattung zu haben scheint; dann\n<TEspagne von Sem et, im The in zwei Acten.\nSemet ist Paukenschläger im Orchester der grossen Oper,\nrhythmische Effecte liessen sich mithin erwarten. Aber siehe\nda, es kamen auch recht artige Melodieen zum Vorschein,\nwelche, leicht und anmuthig erfunden, dem Textbuche einen\ngewissen Schimmer verliehen, der über den Unsinn der\nHandlung eine Weile blendete.\nBedeutender war die dreiactige Oper Les Dames capi-\nlaines von Melesville, Musik von Reber, am 3. Juni zum\nersten Male in der komischen Oper gegeben. Melesville ist\naus Scribe's Schule; er hat das Buch zu Zampa geschrie-\nben. Das jetzige Stück spielt zur Zeit der Fronde in und\nvor der Stadt Saintes, dem Schlüssel von Bordeaux. Die\n,Feldherrinnen', die Prinzessin von Conde und die Her-\nzogin von Chatillon, sind darin belagert, und draussen im\nköniglichen oder Mazarin'schen Lager befehligt Gaston von\nMarigny, der die Herzogin liebt. Diese soll einen Markgra-\nfen von Anspach heirathen; die Vermählung geschieht durch\nProcura. Gaston hat allerlei Papiere und Vollmachten auf-\ngefangen, die er benutzt, um seinen Namen hineinzuschmug-\ngeln und sich statt des Markgrafen mit der Geliebten ver-\nmählen zu lassen. Nachher stellt er in einem gefangenen\n' . .\nElsasser, einem sehr naiven Bauer, einen falschen Mark-\ngrafen auf, um der Herzogin Abneigung zu erregen; die\nScenen, in welchen dieser auftritt und von seiner Frau, die\nnicht will, dass er den Markgrafen bis zum Ende spielt,\nverfolgt und gepeinigt wird, sind das eigentliche Komische\nund füllen namentlich den zweiten Act. Im dritten wird\ni\nGaston gefangen; die Herzogin übergibt, um ihn vom Tode\nzu retten, die Festung den Königlichen, der Pseudo-Mark-\ngraf wird nach Hause geschickt, und Gaston, dessen Name\nja schon im Ehe-Contract steht, tritt in seine Rechte.\nDas Buch reicht uicht an den Werth der früheren\nArbeiten Melesville's; das Ganze muthet dem Zuschauer gar\nzu viel Gutmüthigkeit zu, um sich alle diese Lnwahrschein-\nlichkeiten und Dummheiten auf die Nase binden zu lassen;\nallein das Detail ist gut. witzig, komisch und das ist es,\nwas hier so manche schlechte Texte über Wasser hält.\nReber hat mit zwei kleineren Opern,\nlard und Les Papillotes de Mr. Benoit, Erfolg gehabt; der-\ngleichen Sujets möchten aber auch wohl der Rahmen sein,\nin welchen seine musicalischen Bilder passen. Er ist ein\nGenremaler; als solcher hält er seinen Stil fest und liefert\nGelungenes. Er gilt hier (ür einen Archaisten, lür einen\nVerehrer der allen Musik, lür einen Classiker quand meme.\nIm Pere Gaillard hat er allerdings Gretry mit Glück nach-\ngeahmt. Die jetzt von ihm componirte Oper ist aber im\nText ein Gemälde, kein Bildchen; ein Gemälde, das wenig-\nstens in seinen Umrissen und in seinem kriegerischen Hin-\ntergrunde in der Composition grossartig angelegt ist, wenn-\ngleich verfehlt. Da(ür scheint Reber's Talent nicht auszu-\nreichen; es wird jedenfalls der Streit über dasselbe durch"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "298", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570919-01.1.2", "texte": "diese Partitur neue Nahrung bekommen. Es sind sehr hüb-\nsche, fein und einfach erfundene und gearbeitete Stücke\ndarin, in denen eine gewisse Eigentümlichkeit Reber's wie-\nder hervortritt. Allein zu einem wirklichen Stile kommt es\nhier nicht; im Gegentheil einige Nummern, und zwar die\nlängsten und bedeutendsten, sind ganz in italiänischer Ma-\nnier geschrieben und erinnern weit mehr an Rossini, als an\nGretry und Haydn. Reber ist jedenfalls ein sehr achtungs-\nwerther Musiker und verdient seine Stellung in dem Insti-\ntut und im Conservatoire; allein den schöpferischen Geist,\nden göttlichen Funken habe ich in seinen Sachen noch nir-\ngends entdeckt.\nIm Juni brachte das zwei neue Ope-\nretten an Einem Abende, Le (aber\nnicht des steinernen Gastes), eine Bastillengeschichte, we-\nder neu noch interessant, mit Musik von Lajarte, von\nder man dasselbe sagen muss und eine\nLafontaine'sche Fabel, in eine Wilddiebs-Geschichte ver-\nwandelt, in Musik gesetzt von Montuoro, von dem früher\neinmal viel Spectakel durch die Journale gemacht wurde.\nNach dieser Operette zu urtheilen, war Herr Montuoro\nnicht so viel Lärmens werth. Sangbar zu schreiben, ist lür\neinen Italiäner kein grosses Verdienst; das Triviale ist auch\nsangbar. Von Erfindung ist hier gar nichts zu spüren,\ndesto mehr von Erinnerung und gutem Gedächtniss. Ja,\nselbst wo dieses nicht nachzuweisen ist, schwört man dar-\nauf, dieselbe Wendung schon zwanzig Mal gehört zu haben.\nAber überall jene musicalische Schwätzerei,, welche die\nSüdländer auch dann nicht im Stiche lässt, wenn sie nichts\nzu sagen haben.\nDas Theater der komischen Oper, sonst die reiche und\nreine Quelle der echt französischen Oper, steigt jetzt sogar\nbis zur Wiederaufnahme alter Vaudevilles herab. Die Ope-\nrette Le Mariage extravagant ist die Wiederauffrischung\neines solchen Vaudevilles von Desaugiers, das im Jahre\n1812 die Pariser amusirte, während ihre Brüder in Russ-\nland erfroren. Die Handlung, auf Verwechslung von wahn-\nsinnigen und vernünftigen Personen beruhend, ist jetzt mit\nacht Musikstücken von Eugfene Gau tier durchllochten,\ndie einen Fortschritt beurkunden und Hoffnung geben, dass\ndieser junge Mann eine Zukunft haben wird. Er ist ein\nwackerer Violinspieler, Mitglied der Concert-Gesellschaft\ndes Conservatoires und Organist. Auf dem\nsind bereits zwei Operetten und eine Ballet-Operette von\nihm mit Beifall aufgenommen worden; gegenwärtig soll er\nan einer dreiactigen Oper arbeiten. In der Musik zu dem\nMariage extravagant sticht besonders ein Zug von natürli-\ncher Charakteristik angenehm hervor.\nVon Wiederholungen sind an der komischen Oper\nHalevy's Mousquetaires de la und besonders Boiel-\ndieu's La Feie du village voisin zu bemerken, eine Oper,\nderen köstliche Musik vor vierzig Jahren ganz Paris er-\ngötzte. Der unvergessliehe Martin glänzte damals, wie man\nhier noch immer rühmt, als Henri. Diese Rolle war jetzt\nHerrn Stock hausen zugetheilt worden, und er hat sie\nmit verdientem Beifall durchgelührt. Seine herrliche Gesang-\nMethode hat über den „Manqu scene\"\njetzt endlich gesiegt. Gleich seine erste Arie erwarb ihm\nermunternden Applaus, der sich bei der zweiten: „Simple,\ninnocente et joliette *, zum Enthusiasmus steigerte. Er trug\ndiese mit seltener Vollendung vor und musste sie wieder-\nholen.\nAnfangs August wurde Meyerbeer's Nordstern' wieder\nin Scene gesetzt Mad. Cabel die Kalharine und zog in\nder That wieder eben so, wie früher. Nun, bei der Auf-\nnahme dieser Oper von dem berühmten Componisten\nhat sich doch Deutschland in vortheilhafterem Lichte gezeigt,\nals Paris ein seltener Fall, dass unser Vaterland nicht\ndas Echo der Kaiserstadt ist!\nJakob Offenbach hat nach seiner Rückkehr von Lon-\ndon einen Theil seiner Truppe nach Lyon geschickt und\nmit dem anderen das alte Sommer-Local in den\nElysees Ende Juli wieder eröffnet. Spät kam er, doch er\nkam! —und hat es nicht zu bereuen. Er begann mit zwei\nneuen Operetten: „Die Mumie von Roscoco\" und\ndemoiselle en loterieu. Die erstere schmeckt etwas nach\ndem Barbier von Sevilla; der alte Vormund-Doctor hat\naber ausser seiner Leidenschaft für die Mündel auch noch\neine Schwachheit für eine ägyptische Mumie, welche als\nHülle der Geliebten zum Herausschaffen derselben aus dem\nHause von ihrem Almaviva benutzt wird. Das Ding ist\npossenhaft genug. Ein junger Componist, Eugene Ortolan,\nbat ganz artige Musik dazu geliefert.\nDas zweite Stück ist eine von den übertriebenen Pos-\nsen, in denen sich jetzt Offenbach wohl etwas zu häufig\ngelallt, z. B. auch im Vent-du-Soir,einem Caraiben-Häupt-\nling, der seinem Gaste das Fleisch seines Sohnes vorsetzt,\ndas.,aber glücklicher Weise nur Fleisch des Bären ist, in\ndessen Haut der Sohn entkommen. Dergleichen cannibali-\nsche Komik ist doch auch durch die weiteste Dolmetschung\ndes Wortes Bouffesnicht zu rechtfertigen. Auch sehen wir\nnicht, worin bei solchen Extravaganzen das Volksthümliche\nund das Volksgelällige liegen solle. Und Beides dürfte doch"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "299", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570919-01.1.3", "texte": "die wahre Aufgabe lür eine Volksbühne, für ein Theätre\nchantant sein. Leider verschwendet Offenbach eine wirklich\nallerliebste Musik an solche Lappalien.\nVon den Bouffonerieen zu den Scandalen in Paris ist\nder Uebergang leicht. Die hiesige Musikwelt hat diesen\nSommer deren zwei erlebt, die viel von sich reden mach-\nten. Der bekannte Kunstkritiker Scudo hat eine Reihe von\nArtikeln, die er lür die Revue des d geschrieben,\nals Buch unter dem Titel Le herausgege-\nben und hat dieses Buch Meyerbeer zugeeignet. Die Zu-\neignung strömt von Verehrung und Bewunderung für den\n„eher grand mailre/\" über, der dem Verfasser „erlaubt\nhabe, seinen nom illustre mit dem Buche zu verbinden\",\nund spricht den Vorsatz aus, in einer späteren Fortsetzung\n„die tiefen und so originellen Schöpfungen des eminent\ndramatischen Genie's von Meyerbeer\", den der Verfasser\n„eben so sehr liebt als bewundert\", zu charaklerisiren.\nNun hat aber Herr Scudo keinesweges immer in die-\nses Horn gestossen, sondern in der in dem\nja, in der genannten Revue selbst aus ganz anderem Tone\ngeblasen. Dies riefen ihm boshafte Collegen öffentlich ins\nGedächtniss zurück und cilirten unter Anderem folgenden\nSatz aus der Patrie vom 18. Januar 1846: „Mozart muss\nman unaufhörlich studiren und nicht Meyerbeer, der uns\nzum Verderben führen würde; denn der Componist von\nRobert der Teufel ist nur ein grosser Musiker des Verfalls\"\n(Musicien de la decadence).\nDer zweite, grössere und in seinen Folgen bedeuten-\ndere Scandalist zwischen Halevy und seinen bisherigen\nVerlegern Brandus, Dufour & Comp, vorgefallen. Der eigent-\nliche Sachverhalt ist dieser:\nAm 3. Mai kündigten Brandus & Comp. Halevy's\ngons de lecture musieale (ein populäres Methodenbuch für\nHarmonielehre) als in ihrem Verlage erscheinend an. Vier-\nzehn Tage später zeigte eine andere Handlung die Heraus-\ngabe desselben Buches mit Betonung ihres alleinigen Eigen-\nthumsrechtes an.\nDarauf erschien folgende Erklärung von Brandus &\nComp.: „Tags darauf, als wir kraft einer Uebereinkunft, in\nderen Loyalität wir alle Ursache halten Vertrauen zu setzen,\nden Verkauf der Lectures etc.angekündigt hatten, kam Herr\nHalevy, bat uns, ihn von seinem Worte zu entbinden, und\nmotivirte diese Bitte dadurch, dass er das bewusste Buch\nund die Partitur einer neuen Oper (wahrscheinlich\ngicienne) zugleich bereits einer anderen Handlung über-\nlassen habe. Wir hätten widersprechen können: wir hatten\n(ür uns die bereits aufgewandte Arbeit und ein gegebenes\nWort; allein wir konnten uns nicht verhehlen, dass dieses\nWort, das man so wohlfeil weggab (donton faisait si bon\nmarche), einem schriftlichen und unterzeichneten\nVertrage gegenüber zu leicht ins Gewicht fallen könnte.\nWir wollten keinen Process.\nI\n„ Da jedoch bei dieser Gelegenheit Herr Halevy nicht\ngezaudert hat, sich von uns zu trennen, so halten wir un-\nsererseits darauf, diese Trennung vollständig und definitiv\nzu machen. Wir beehren uns daher, dem Musicalienhandel\nanzuzeigen, dass wir die Platten und das Eigenthumsrecht\nsämmtlicher Werke dieses Componisten, die wir verlegt\nhaben, binnen kürzester Frist werden versteigern lassen.\n„Paris, den 24. Mai 1857.\"\nHalevy suchte sich in einem offenen Briefe zu recht-\nfertigen und berief sich auf eine Entschädigungssumme, die\ner dem Hause Brandus & Comp, gezahlt habe. Dies nö-\nthigte Brandus, nun noch deutlicher zu werden, das Ver-\nfahren des Componisten durch Thatsachen scharf darzule-\ngen und den schlagendsten Anklage-Beweis dadurch zu lie-\nfern, dass er nachwies, jene Summe sei allerdings von Herrn\nHalevy gezahlt worden, aber als Kostenersatz lür be-\nreits aufgewandtes Papier, Satz, Druck und Arbeiterzeit.\nWie würde er sich zu einer solchen Zahlung je verstanden\nhaben, wenn er sein Werk wie er irrthümlich behauptet\nnur in „Depot\" bei Brandus gegeben hätte?\nUnd nun stellten Brandus & Comp, in der That sämmt-\nliche Verlagswerke, die den Namen Halevy's trugen, zum\nVerkauf in Partitur und Stimmen, Clavier-Auszügen, Ar-\nrangements u. s. w., erklärten auch dabei, was etwa von\nPlatten keinen Käufer lände, einschmelzen zu lassen. So\nwurden denn wirklich versteigert sieben grosse Opern:\nCharles VI., Guido e Ginevra, La Juive, Le Juif errant,\nLe Lazzarone, La Reine de Chypre, La Tempesta und\neilf komische Opern: La Dame de Pique, Le Dilettante\nd'Avignon, VEclair, La Fee aux Roses, Le Guitlarrero, La\nLangue musieale, Les Mousquetaires de la Reine, Le Nobab,\nLe Sherif, Les Treize, LeVal Ausserdem noch\nein Promethee enchaine (scene d'apres Eschyle), von dem\nman bis jetzt wenig oder gar nichts wusste, eine Cantate\nund zwölf Romanzen.\nNach dieser Darstellung der Thatsachen ist das zu\nwürdigen, was in verschiedenen Blättern über diesen Scan-\ndal lür und wider geschrieben worden ist.\nNoch ein paar Worte über das Buch\nSarti von P. Scudo.\nBei dem Titelnamen wird jeder Musiker an Giuseppe\nSarti, den vielgereisten und über Verdienst berühmten"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "300", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570919-01.1.4", "texte": "Componisten des vorigen Jahrhunderts denken, den Verfas-\nser der ernsten Oper Giulio und mehrerer komi-\nschen, den Liebling der Kaiserin Katharina 11. und Potem-\nkin's (geb. 17 29 zu Faenza, gest. 1802 zu Berlin auf\nseiner Rückreise von Russland). Von diesem ist aber hier\ngar jiicht die Rede, und so dürfte der nackte Titel einer\nArt von Mystification nicht unähnlich sehen, zumal da der\nZusatz Hisloire musicale den Gedanken an Giuseppe Sarti\nbestätigt.\nScudo's Lorenzo Sarti ist ein Venelianer, der von\neinem Patrizier Marco Zeno adoptirt und in sein Haus auf-\ngenommen wird, und Histoire musicale soll bedeuten „Mu-\nsicalischer Roman\". Der Inhalt des Romans, wenn man ihn\nso nennen kann, ist jedoch weder neu noch interessant ge-\nnug, um an und für sich zu fesseln. Sarti verliebt sich in\nBeata, Zeno's.Xochter, die ihm Unterricht in der Musik\ngibt. Er lässt sich durch die Sängerin Vicentina verführen,\ndurch die edle und geistvolle Beata jedoch wieder bekeh-\nren, was ihn aber leider nicht abhält, sich bei einer Stu-\ndenten-Revolution zu compromittiren. Hierauf Verbannung,\nBalconscene zum Abschied, Sprung in den Canal, Gelang-\nniss unter den Bleidächern, Rettung durch Beata, die einem\nMächtigen ihre Hand reicht, u. s. w. Erst auf ihrem Todten-\nbette sieht Sarti sie wieder. „Beata starb in der Nacht\nvom 10. auf den 11. Mai 1797. Einige Tage nachher,\nam 16. Mai, führte eine Flotille eine Division der franzö-\n-7 /\nsischen Armee auf den Marcus-Platz, und die Republik\nhatte aufgehört.\".\nDie Erzählung ist jedoch Nebensache. Das Buch ge-\nhört in die Kategorie der Kunst-Romane oder Kunst-No-\nvellen, die sich in der deutschen Literatur seit Heinse's\nHildegard überlebt haben. Der Hauptzweck desselben ist,\nmusicalische Raisonnements, ästhetisirend-kritische, mitun-\nter auch biographische Artikel anzubringen, welehe dann\ndie Erzählung häufig und oft sehr lange in förmlichen Ab-\nhandlungen unterbrechen. Für wen eigentlich solch ein\nBuch geschrieben sei, sieht man nicht recht ein. Der Ro-\nmanleser wird die Musik, der Musiker den Roman verwün-\nschen. Zwitter-Art thut niemals gut. Man denke nur, dass\nz. B. an einer Stelle ein Capitel ,von nicht weniger als\n80 Seiten von der Geschichte und Musik der venetiani-\nschen Schule handelt! Wie gehört das in einen Roman,\nso interessant es auch für den Musiker oder wenigstens\nfür den Dilettanten sein mag ? Der Leser» der sich für Lo-\nrenzo und Beata interessirt, kann es dreist überschlagen.\nManche andere Stellen und Skizzen von Künstlern und ih-\nren Werken reihen sich etwas besser, als jenes\ngesprächsweise an den Faden der Erzählung; immer aber\nist Alles doch auf unnatürliche Weise zu einem Ganzen\nzusammengeschweisst. So bildet z. B. auch das Capitel über\nFarinelli und die „Sopranisten\" einen ganz getrennten\nAbschnitt für sich. Der Gesprächsleiter, wenn über Musik\nästhetisirt und debattirt wird,, ist ein gelehrter Abbe, Za-\nmaria genannt. Mit dem Dialog in Bezug auf Form und\nDialektik ist's aber auch nichts; es geht damit, wie bei Ci-\ncero: Einer predigt, und die Anderen hören zu. Allerdings\nfehlt es nicht an Anekdoten und Traditionen über berühmte\nTonkünstler, z. B. Guadagni, Gabrieli, Porpora, Galuppi\nu.s. w.—ja, gleich von vorn herein lässt sich der Verfasser\nzu einer Skizze über Beethoven verleiten, von der man gar\nnicht weiss, was sie da soll. Auch mag der\n(dem sie Scudo in den Mund legt und der nach ihm auch\nwirklich existirt hat, am Ende gar noch lebt, weil er irgend-\nwo mit einer Fortsetzung droht) es verantworten, dass\nBeethoven nach der Vermählung von Giulietta Guicciardi\nhabe Hungers sterben wollen, und was des Zeugs mehr ist!\nBesser verbindet sich mit der Liebesgeschichte das Ge-\nmälde des untergehenden Venedigs und seiner gesunkenen\nsittlichen und politischen Grösse. Dieses macht einen zwei-\nten Haupttheil der Tendenz des Buches aus; was sich\ndarauf bezieht, ist mit Wärme und nicht ohne Glanz ge-\nschrieben. Mit etwas mehr Ausführung dieser Partie hätte\nScudo einen lesbaren Roman und ein unterhaltendes Buch\nüber Musik, aber beide getrennt, aus dem jetzigen herma-\nphroditischen Kunstwerke machen können. Mögen hier zum\nSchlüsse die Zeilen stehen, mit denen er Venedigs dama-\nlige Zustände charakterisirt:\n„Venedig lag im Verscheiden. Es starb langsam dahin,\nschlaff' wie eine erschöpfte Buhldirne, die Stirn mit Rosen\numkränzt, ein Lächeln auf den Lippen, in Bankets und Fe-\nsten, umringt von Ruffiani, von Sängern, Ballerini, Impro-\nvisatoren, verschmitzten Gaunern und von Spionen, der\nletzten Zuflucht gesunkener Regierungen. - Unter einer dü-\nsteren, schweigsamen, argwöhnischen Aristokratie, welche\ndie Vortheile und Mühen der Herrschaft an sich gerissen\nhatte, wogte ein Volk von Kindern auf und ab, das über\nAlles lachte, an Allem sich ergötzte und sich um nichts\nkümmerte, als. um die Lust des Augenblickes. Was brauchte\nes zu arbeiten, nachzudenken, für die Zukunft zu sorgen,\ndieses sanftmüthige und liebenswürdige Volk, das von den\nSportein der Reichen, von Confetti, Kaffee, Sonetten, Mu-\nsik und Liebe lebte!\" u. s. w.\nParis, 14. September 1857.\n\nB. P."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "301", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570919-01.1.5", "texte": "Zur Würdigung der so genannten Zukunfts-Musik.\n\n„Es reden und träumen die Menschen viel\nVon künftigen besseren Tagen.\"\nSchiller.\nWie sehr passt dieser Ausspruch zur jetzigen Bewe-\ngung auf dem Gebiete der Kunst! Da man im Allgemei-\nnen keine musicalischen Wunder mehr wahrnimmt, glaubt\nman gerade die Gegenwart dieser Kunst als erschöpft\nbezeichnen zu können. Während nun die Partei der Zu-\nkunfts-Musik unablässig vorwärts späht und ein neues\nKunstreich zu entdecken glaubf, welches Besseres bringen\nsoll, als je da gewesen ist, schaut eine andere sehnsüchlig\nin die Vergangenheit wie nach einem verlorenen Kunst-\nParadiese zurück. Jede dieser Richtungen hat ihr eigenes\nMotto, und jede glaubt sich berufen, die Sache der Musen\nzu lühren.\nDer Entwicklungsgang der Kunst entscheidet\naber am besten alle kritischen Fragen.\nDie Musik ist wie jede ihrer Schwesterkünste allmäh-\nlich gewachsen. Anfangs beschränkt auf Eine Darstellungs-\nform, lernte sie bald sich in verschiedenen bewegen,\nund ist eben dadurch ungezwungener, endlich frei und\ngross geworden. Unverkennbar steigert sich jede Ausdrucks-\nweise oder Darstellungsform bis zu einem Forte, um als-\ndann keinen Höhegrad weiter zuzulassen; jede kommt zu\nihrer Blüthe, wo sie vollendet ist. So fand der eigentliche\nKirchengesang in Palestrina seinen Meister, die Fuge hat\nin Seb. Bach ihre Spitze erreicht, Händel vollendete das\ngeistliche, Haydn das wellliche Oratorium, Mozart führte\ndie Oper zur höchsten Stufe, Beethoven die Sinfonie an die\näusserste Gränze u. s. w. Die Erfindung neuer Kunstfor-\nmen trägt also wesentlich zur Ausbreitung der Kunst bei.\nAuch das Suchen nach Neuheit des Ausdrucks ist\nnatürlich und gerechtfertigt, namentlich da, wo es dem\nstarren Festhalten am Alten, Stereotypen entgegentritt. Nur\ndarf bei dem Streben nach Neuem das Schöne nicht ver-\ngessen werden. Formen, die bloss neu sind, fördern eben\nso wenig wie die überlebten etwas an der Kunst. Weder\nin eingezwängter Steilheit und Prüderie, noch im ungenir-\nten „Sichgehenlassen\" gibt sich das Schöne; hier wie\ndort bleiben die Grazien aus. Aesthetik ist der wahre\nMusenführer; Aesthetik bewacht der Musen Erb- und Vor-\nrecht, worauf sie fussen und welches heisst „Schönheit des\nAusdrucks und der Form\".\nDie Kunst verdankt ihr Leben der Natur; aus dieser\newigen Quelle, wo Offenbarung die Offenbarung treibt,\nschöpft sie Stoff und Inhalt aber um ihn schön zu be-\narbeiten und darzustellen. Das Entsprechende, Natürliche\nan und lür sich ist desshalb unzureichend für die Kunst,\nwenn es nicht zugleich schön hervortritt. Kunst ist Be-\nherrschung— Beherrschung ist Kunst! So kann der Drang\nnach Neuheit auch nur da etwas Künstlerisches schaffen,\nwo er im Bunde mit der Schönheit ist. Die ersten Kegun-\ngen des Neuen sind noch von den Grazien geleitet und be-\nleben namentlich diejenigen Formen wieder, welche, vom\nGenie vollendet, so oft trostloser JVlanierirtheit zum Aus-\nputz dienen müssen. Später durchbrach aber ein ungebun-\ndener Geist das Ebenmaass des Ausdrucks; der Drang nach\nNeuheit überflutet die Gränzen der Aesthetik und tritt end-\nlich entschieden über das Gebiet der Kunst. Dieses Sta-\ndium bildet zwar Charakteristisches, Merkwürdiges, Origi-\nnelles in neuer Gestalt aber keine Kunstgestalt\nmehr. Während die Hauptwirkung der Kunst auf schönem\nAusdruck in schöner Form beruht, wie das die Classiker\nam besten beweisen, huldigt man hier dem Irrthume, die\nkünstlerische Form lür eine Fessel freier Gedanken- und\nGelühls-Aeusserung zu halten. Jedoch ist und bleibt Be-\nherrschung der Form Freiheit dagegen Verletzung der\nForm Zügellosigkeit.\nDas Classische gleicht dem Brennpunkte, wohin frü-\n-1\nhere Strahlen sich vereinigen und wovon spätere ausgehen.\nKein voranstehender oder nachfolgender Kunst-Ausdruck\nkann je zu dieser Vollendung gelangen. Aber in demselben\nMaasse, wie eine Harmonie aus etwas schon Gegebenem\nsich zusammenstellt, lassen sich aus ihr wieder Einzelheiten\n7 \\\ngewinnen. So beginnt das Neue im Abglanz des Classi-\nschen; es fängt damit an, besondere Saiten stärker zu be-\nrühren, welche im vollendeten Ausdrucke zusammenklan-\ngen; aus der Verschmelzung von Vorzügen entwickeln sich\neinzelne. Zur Erläuterung folgende Beispiele:\nMozart, der Messias der Oper, nährte seinen Genius\nmit den ihm vorgeschaffenen besten Leistungen, und seine\nEigentümlichkeit vermählte sich mit dem vorangegangenen\nGrossen aufs innigste. Bach, als Herrscher des Contra-\npunktes, Gluck, der Meister musicalischer Plastik, Händel\nmit seinem erhabenen Schwung glänzen dem Auserwählten\nwie Propheten vor, ohne seiner Umfasslichkeit gleich zu\nkommen. Mozart hat diese ihre Einzel-Tugenden zwar nicht\nübertroffen, wohl aber dieselben verwoben und mit eige-\nnem Nimbus umgeben. Aus Mozart's classischer Oper zog\nCarl Maria von Weber besondere Fäden, um hieran eine\n/\nneue Richtung zu knüpfen. Die Romantik, in den Schöpfun-\ngen Mozart's bereits angesponnen, aber nur hier und da"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "302", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570919-01.1.6", "texte": "entschieden durchblickend, wird in Weber glänzende Eigen-\ntümlichkeit, wodurch die Oper in neuem Lichte erscheint.\nAndere verpflanzten aus den Opern Mo/.arl's insbesondere\nden Humor, wie Lortzing, Nicolai u. s. w. Die Weber'sche\nRomantik fand wieder in Spohr und namentlich in Marsch-\nner ihren Nachklang; auch in Mendelssohn spiegelt sich\ndiese Zauberwelt, und er belebt sie noch mit neckischen,\ncapriciösen Gestalten.\n\\\nDie Sinfonie wurde dem unvergleichlichen Beethoven\nebenfalls von Kunstvorgängern übergeben. Sie wurzelt in\nder Suite von Bach, breitete sich aus durch Haydn und\nMozart, bevor sie ihre Wunderblütben zu Tage bringt. Ob-\ngleich also die Sinfonie Beethoven's den höchsten Flug un-\nternommen hat, den Aeslhetik gestalten kann, so lassen\nsich, wie gesagt, auch hier die Vot stufen nachweisen. Auch\ndiese musicalische Form hat noch nach ihrer Vollendung\nneue künstlerische Bearbeitungen erfahren. An dem Strah-\nlenvorbilde Beethoven entzündeten sich die genialen Werke\nSchubert's und Schumann's; es liefern Spohr, Kalliwoda\nund Mendelssohn interessante Nachträge. Hier erscheint\ndie Sinfonie minder kühn und reich als in der ursprüng-\nlichen Kraft, aber sie spricht doch künstlerische Haltung\naus. Namentlich lässt Schumann (so viel Unklarheit im\nUebrigen seinem Stil anhaften mag) die Sinfonie ihrem\nCharakter nach sehr deutlich hervortreten, indem er gerade\nhier Besonnenheil und Umsicht für thematische Bearbeitung\no\nund Schnellkraft des Ausdrucks zeigt.\nDie Ouvertüre, welche im Grunde eine musicalische\nVorrede ist und als solche' bereits unter der Hand der\ngrössten Meister Haupt-Efl'ecte zusammenfasst und in Kürze\neinen grossen Inhalt bespricht, wurde später und beson-\nders in der Neuzeit beschreibendes, selbstsländiges Tonbild.\nWem würden z. B. die Ouvertüren Weber's und Men-\ndelssohn's nicht förmliche Gemälde vor die Seele führen?\nDas Virtuosenlhum hat der Drang nach Neuheit durch\nmehrfache Kunstformen bereichert, die schon vorhandenen\nmil vielseitiger Auffassung erfüllt, ohne zwar auch hier die\nVorzüglichkeit des bereits Geleisteten zu übertreffen.\nMöge diese kurze Beobachtung genügen, um zu be-\nweisen, wie das Neue unter dem Einflüsse der Aeslhetik\ndie Kunst nach Inhalt und Form fortleben lassen, wenn\nauch nicht wieder zu ihrer Höhe zurückführen kann.\nKunstformen, einstmals mit dem vollen Lichte classischer\nSchöpfung durchschienen, zeigen sich fort und fort zwar\nnicht mehr im früheren Glänze, aber doch im Schimmer\nneuer Erfindung. Obwohl das Aesthetisch-Neue bisher we-\nnig bedeutende Darsleilungsarten lieferte, so hat es doch\nnichts Unkünstlerisches hervorgerufen.\nDie tonangebenden Schöpfer der eigentlich neuen Mu-\nsik, Wagner und Derlio/, begannen ihre Laufbahn eben-\nfalls damit, in vorhandenen Kunstformen sich neu auszu-\nsprechen; Wagner vorzugsweise auf dem Gebiete der Oper,\nBerlioz im Elemente des Oratoriums, der Sinfonie, Ouver-\ntüre u. s. \\v. Beiden ist aber bei ihrem Streben nach Neu-\nheit das Hauptziel der Kunst mehr und mehr entrückt. In\nihren Werken wogt denn auch der Drang nach Neuheit\nbald wie eine Gewalt, welche die Form zerbricht und aus\nden Schranken tritt ; der Ausdruck wird nun so übermässig\nund zügellos, dass er keiner Kunstform mehr ähnlich sieht.\nWa gner, der eigentlich zur Oper berufen ist und durch\nErfindungskraft die neuesten Operndichter bedeutend über-\nragt, gibt uns die glänzendsten Beweise seiner Meisterschaft\nund Irrung zugleich. Seine Compositionen sind an vielen\nStellen gross, treu, lebendig, ergreifend schön; es treten\nSymptome von Genie hervor, das unbedingt zu einer\n„glücklichen Zukunft\" führen würde, wenn es nicht die\nBahn der Aeslhetik verschmähte und auch seine Willkür\nund Fehler mit dem Namen Kunst zu stempeln sich und\nAndere verblendete. Hieher gehört z. B. das zu häufige\nWiederholen eines Motivs, wodurch die Musik breit, mo-\nnoton wird und die Aufmerksamkeit der Hörer lähmt; fer-\nner das Ineinandergehen, Verschwimmen von Chor und\nArie, wodurch dem Gemüthe kein einziger Ruhepunkt ge-\ngönnt wird; endlich das Uebereinanderthürmen von Har-\nI\nmonieen, die manchmal so unvorbereitet und unlogisch fol-\ngen, wie Klänge einer Windharfe, u. A. m. Kurzum, wir\nerkennen in Wagner eine gewaltige Schöpferkraft, die, wo\nsie mit Schönheit verbunden isl, zur Bewunderung hinreisst,\nzugleich aber in ihrer Verirrung zeigt, was wir an ihr ver-\nlieren.— Auch Berlioz, ein geistvoller Componist, welcher\nso wahrhafte Kunst-EfTecte zu erreichen weiss, opfert einen\ngrossen Theil seines musicalischen Werthes dem Götzen-\nbilde d er Neuheit. Desshalb erscheint er oft outrirt, un-\nschön. Die Schilderung des Nationalen, worin er sich sehr\ngefällt, ist besonders interessant; doch kann gerade das\nleicht zu einer Klippe lühren, wo das Charakteristische das\nSchöne unterdrückt. Wenn alle nationalen Klänge zur\nKunst privilegirt würden, bloss weil sie national sind, so\nkönnten auch wilde Völker mit ihrer Naturmusik Beiträge\nliefern. Einige Werke von Berlioz tragen nicht bloss eine\nzu scharfe Charakteristik, sondern gehen in das Zügellose\nüber. D ie Ouvertüren Carnaval und zu\nwelche im Verzeichnisse der „werthvollen Schöpfungen für"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "303", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570919-01.1.7", "texte": "die Zukunft\" glänzen, sind durchaus kranke Gestalten, Aus-\nbrüche eines musicalischen Deliriums, das nur stellenweise\nlichte Augenblicke hat. Berlioz benimmt sich oft so, als\nkönne man die Anforderungen der Aesthetik wie eine ver-\naltete Mode von sich thun, und Wagner glaubt, die Ge-\nsetze des Schönen revoltirend umstossen zu können. Beide\nvergessen, dass sie hiermit nicht an etwas Herkömmlichem,\nsondern an dem Bestehen der Kunst selbst rütteln.\nSo sehen wir die Wagner'sche Art und Weise, die in der\nbisherigen Opernform sich unmöglich noch darstellen kann,\nin ein Gebiet sich ergiessen, wo mehrere Kunstformen, ja,\nmehrere Künste aufgehen sollen in etwas Einziges, genannt\n„Das Drama der Zukunft\". Ein gezwungenes Zusammen-\ntreten der Künste, ein materielles Nebeneinanderstellen der-\nselben, ein communistisches Verfahren im Nehmen und Ge-\nben der Eigentümlichkeiten einer jeden kann aber zu kei-\nnem Kunst-Resultate führen. Von Natur ist schon\neine Kunst in der anderen enthalten, wobei dennoch der\nselbstständige Werth einer jeden bewahrt bleibt. Die\nKünste gleichen verschiedenen ebenbürtigen Schwestern,\nvon denen jede ihre Eigentümlichkeit besitzt, während\nsich dennoch alle in die Familien-Aehnlichkeit theilen.\n„Unnatur\" ist das allgemeine, bezeichnendste Wort, wel-\nches dieser ganzen „Zukunfts-Richtung\", wie sie jetzt sich\näussert, an der Stirn steht. Wagner selbst spricht sich\ndieses Urlheil, indem er die Melodie „das oberflächliche Um-\nherschwimmen auf dem Ocean der Harmonieen\" nennt.\nOhne Melodie würde aber der Musik das Herz genommen,\nohne Melodie müssle die Musik der Musik aufhören und\nder Ocean der Harmonieen zu einem Chaos werden. Wohl\nruht auf der Harmonie die musicalische Gewalt, wohl gibt\nsie Bekräftigung, Nachdruck, Beleuchtung, namentlich seit-\ndem sie von den Classikern nicht mehr unter-, sondern bei-\ngeordnet ist. Bloss aus der richtigen Vermählung Beider\ngeht ein schönes Ganzes hervor. So gleichen also die Ver-\ntreter des eigentlich Neuen in der Musik bloss merkwürdi-\ngen Meteoren, welche aufsteigen, um zu verschwinden,\noder kometenähnlich der Sonne der Kunst sich nur manch-\nmal nähern, um excen Irisch (!) wieder davon abzu-\nschweifen. Aber:\n„Vergebens werden ungebund'ne Geister\nNach der Vollendung reiner Höhe streben;\nDie Regel nur kann Freiheit geben,\nUnd erst die Selbstbeschränkung zeigt den Meister.\"\nGö t he.\nDie Welt ist frappirt im Anschauen dieser auffällig\nfunkelnden Phänomene, und gefesselt von dem Blendenden\nund Merkwürdigen wendet sich Aufmerksamkeit und Be-\ngeisterung momentan hierauf. Aber der unbefangene Blick\nbehält ein Firmament im Auge, welches fest steht, wäh-\nrend alle glänzenden Irrthümer daran verschwinden. Eben\nso wie die Alten Unvergessliches unter die Sterne versetz-\nten, um es unsterblich zu machen, so bleibt am Himmel\nder Kunst alles ewig, was ihrer werth ist. Hier erscheinen\ndie wahren Grössen der Musik wie Fixsterne, Licht und\nWärme aul Planeten und Trabanten werfend; hier strahlt\nSchönheit und Wahrheit in unverändertem Glänze,\nwährend von Neuem und Altem nichts zu entdecken ist.\nDie gute, echte Musik ist von selbst „Zukunfts-Musik\",\nohne diese Namens-Etiquetle an sich zu tragen; die echte\nund gute Musik hat sich bereits so vielfach documentirt,\ndass ihr Dasein durch entgegengesetzte Bestrebungen nicht\nerschüttert werden kann. Was spähet ihr darum in die\nZukunft, was trauert ihr um die Vergangenheit? Wenn\nauch der Entwicklungsgang der Kunst dem Laufe der\nSonne zu vergleichen ist, indem das Antike als Morgen-\nröthe dem läge der classischen Schöplung voranging, und\ndiese vollen Strahlen in der Dämmerung Romantik wieder\nallgemach verschwinden, so bleibt diese Offenbarung der\nKunst der Menschheit als geistiges Vermächtniss gegenwärtig.\nAuch unter den Vertretern der Religion zeigt sich Ein\nleuchtender Gipfelpunkt, Eine Vollkommenheit, Eine Ver-\neinigung der höchsten Tugenden, von keinem Propheten\nweder vor noch nach dem Messias erreicht. Christus war\nder Gott-Mensch, welcher vollkommen lebte, um alle\nWelt vollkommen zu machen. Jeder, der nach seinem Sinne\nlebt und strebt, ist ein Künstler als Mensch. Gute Werke\nim Leben begeistern (ür das Gute. Die besten Werke der\nKunst erinnern an das Beste. Die Kunst, welche Tempel\nbaut und Altäre schmückt, die Kunst, welche wie ein lau-\nter Huf nach Vollkommenheit nur von Erhebung spricht,\nist eine Miterzieherin zur Religion. Diese Kunst gibt ein\nveredeltes Abbild vom Leben, vermählt das Wahre mit\ndem Schönen, und sie ins Leben übertragen heisst sich\nzum Besseren erziehen lassen. Mag immerhin der Irrthum\nglauben, die Kunst auf materielle Weise zum Leben machen\nzu können, indem er jeden entsprechenden und will-\nkürlichen Ausdruck, durch künstlerische Mittel darge-\nstellt, schon für Kunst gelten lässt. Mag immerhin der\nNeuigkeitskram und Zukunftshandel wie zu einer Jahrmarkts-\nfrist anlocken und versammeln, so bleibt das Werk der\nZukunft jener consonirende Schluss-Accord, worin alles\nSchöne, Wahre und Gute zum Einklang im Leben gebracht\nwird.\n\nL. N., geb. K."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "304", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18570919-01.1.8", "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nCapellmeister Ferd. Hiller ist von seiner Ferienreise\ndurch die Schweiz wieder zurückgekehrt und hat bereits einigen\nGesangproben zu dem grossen Beethoven-Concerte am 23. September\nin Bonn beigewohnt*. Man wird darin einige Sätze aus der grossen\nD-dur-Messe, das Clavier-Concert in Es-dur (gespielt von Eduard\nFranck), das Violin-Concert (gespielt von Joachim), die Egmont-\nOuverture und die C-mo//-Sinfonie hören.\nBremen. Fräul. Auguste Gebler, früher Schülerin der\nRheinischen Musikschule zu Köln, zuletzt in Paris, ist als Marga-\nrethe in den „Hugenotten\" mit grossem Beifall aufgetreten. Ihre\nVorzüge bestehen besonders in Coloraturfertigkeit und in einem Tril-\nler, wie man ihn heutzutage selten hört. Die Stimme ist nicht gross,\naber ungemein lieblich und hell, so dass sie auch grosse Räume\nfüllt. Der Timbre ist der eines echten Soprans mit bedeutender Höhe.\nDer jungen Sängerin öffnen sich nach erlangter Bühnen-Routine glän-\nzende Aussichten für ihre Künstler-Laufbahn.\nAmsterdam. Ein neues Wunderkind ist hier seit dem\nvorigen Winter öffentlich aufgetreten, das nach meiner Ansicht alle\nanderen überstrahlen wird. Es ist Maria Bastiaans, Tochter des\nOrganisten an der Südkirche in Amsterdam. Der Vater, ein höchst\ngediegener Musiker und Orgel-Virtuose, Schüler von Mendelssohn,\nFriedr. Schneider und Becker, hat seine Tochter ganz allein selbst\nausgebildet. Das Mädchen ist jetzt erst sieben Jahre alt, und\ndoch habe ich selten ein schöneres und fertigeres Clavierspiel ge-\nhört. Die Sauberkeit und Kraft und der gefühlvolle Vortrag sind\nwirklich bewunderungswerth. Obgleich sie die Octaven nur noch\ngebrochen spielen kann, so hat sie mich doch neulich wahrhaft ent-\nzückt durch den Vortrag von Liszt's Reminisccnses de Lucia di\nLammermoor, Les Naiades von Weh!e, Heller's Forelle und Thal-\nberg's Fantaisie sur Moise. Auch hat sie schon im vorigen Winter\nBeethoven's C-mo//-Concert mit Orchester gespielt, so dass ich nicht\nglaube, dass etwas Aehnliches dagewesen ist, seitdem die Virtuosität\nim Clavierspiel die hohe Stufe erreicht hat, auf welcher sie seit\nThalberg und Liszt steht. J. A. v. E.\nFlorenz. Die Stadt Florenz gab Sr. Heiligkeit dem Papste\nPius IX. zu Ehren ein grosses Concert, in welchem die Oratorien-\nTrilogie von Pietro Raimondi, „Potiphar Joseph Ja-\nkob\", aufgeführt wurde *).\nDie Gesammtzahl der Mitwirkenden belief sich auf 730, von wel-\nchen 250 für den instrumentalen Theil und 480 für den Gesang be-\nstimmt waren. Man begann mit dem ersten Theile des Oratoriums\n„Giuseppe*4, dann folgte die zweite Abtheilung des und\nhierauf die zweite Abtheilung des „Giacobbe\". Nach diesem wur-\nden die drei Oratorien zu gleicher Zeit ausgeführt.\nNach der „Bilancia\" thaten die Choristen ihre Schuldigkeit, und die\nOrchester spielten vortrefflich; allein die Zuhörer langweilten sich\nim Allgemeinen. „Raimondi,\" sagt das eben genannte Blatt, „der\nohne Zweifel einer der gelehrtesten Contrapunktisten der Neuzeit ist,\nglaubte mit dieser Trilogie ein Denkmal seiner grossen musicali-\nschen Wissenschaft zu hinterlassen; aber für uns ist (ohne die Kennt-\nnisse dieses Meisters, die sich in anderen Compositionen hervorthun,\nzu läugnen) diese Trilogie vielmehr eine musicalische Bizarrerie, als\netwas Anderes. Es handelt sich in letzter Auflösung um drei Orato-\nrien mit obligaten Harmonieen. Raimondi bediente sich zu dieser Ar-\nbeit eines Notenpapiers mit so vielen Zeilen, als für drei vollstän-\ndige Partituren erforderlich sind, in der Art, dass er stets die Har-\nmonie gegenwärtig hatte, die in einem gegebenen Momente allen drei\nOratorien entsprach. Im Allgemeinen diente das Oratorium „Giacobbe\"\nals Norm, aber in manchem Stücke gab er dem „Putifar\" und dem\n„Giuseppe*4 den Vorrang, so dass bei der einzelnen Aufführung man-\nche Tonstiicke verschwommen, skelettirt und schattenartig zu Tag®\ntreten. Die Ermüdung ist gross, die Gelehrsamkeit, die sich kund gibt,\nist auch gross, allein der edlere Theil der Kunst gewinnt nichts\ndurch solche Anstrengungen des Talents. Kein Stück eines dieser\nOratorien wird durch die Vereinigung mit den correspondirenden der\nanderen Oratorien in seiner Wirksamkeit gehoben.\" Der grosse Saal\nder Fünfhundert enthielt mehr als 2000 Personen. Dem Orchester\nim Angesichte, auf der entgegengesetzten Seite des Saales, sassen\nunter einer Art von Thronhimmel Se. Heiligkeit und der grossher-\nzogliche Hof.\nVon den siebenzehn eingeschriebenen Bewerbern um den\nViolin-Preis waren es zwei Fremde, welche die Palme davontrugen,\nnämlich Mr. Sarazate, ein junger Spanier von 13 Jahren, welcher\nden ersten Preis, und Fräul. Hummler, eine Deutsche von 15 Jah-\nren, welche den zweiten Preis erhielt. Beide sind Schüler Alard*s.\nDas Engagement Stockhausen's wurde unter sehr günstigen\nBedingungen für ihn erneuert.\n*') Wir haben seiner Zeit in Nr. 17 des III. Jahrg. der Rhein.\nMusik-Zeitung vom 23. October 1852 ausführlich darüber\nberichtet. '"}]}