{"numero_id": "bm-bmtnabi-1857-10-03-01", "volume": "bmtnabi_1857-10-03_01", "ocr_sha256": "e54bca082053564944bf75cd2c607d99806a64642ad0ca089ca3104a02ea7a8d", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1857/10/03_01/bmtnabi_1857-10-03_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1857-10-03-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-10-03_01#c001", "volume": "bmtnabi_1857-10-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "313", "page_fin": "313", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "313", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 427, "texte": "Inhalt.\nWiener Federstriche zur Charakterisirung des gegenwärtigen Standes der Tonkunst in einigen ihrer renommirtesten Vertre-\nter. Beurtheilung. Scherz, List und Rache. Komische Oper in Einem Aufzuge von Max Bruch. Opus I. Von L Bischoff.\nTage's- und Unterhaltungsblatt (Köln, Eröffnung des Stadttheaters, Joachim Barmen, Orgel-Concert von J. A. van Eyken\nDarmstadt, Wiedereröffnung der Hofbühne Hamburg, Theater-Uebersicht)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-10-03-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-10-03_01#c002", "volume": "bmtnabi_1857-10-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "313", "page_fin": "318", "image_debut": 1, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.2.2", "titre_corps": "Wiener Federstriche zur Charakterisirung des gegenwärtigen Standes der Tonkunst in einigen ihrer renommirtesten Vertreter.", "titre_sommaire": "Wiener Federstriche zur Charakterisirung des gegenwärtigen Standes der Tonkunst in einigen ihrer renommirtesten Vertreter.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "313", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.1.1", "debut_caractere": 429, "fin_caractere_exclue": 4075, "texte": "Wiener Federstriche zur Charakterisirung des gegen-\nwärtigen Standes der Tonkunst in einigen ihrer\nrenommirtesten Vertreter.\nDie Geschichte der Künste lehrt, dass jede derselben\nsowohl im grossen Ganzen als bei den einzelnen Völkern\nihre Periode des Emporkeimens, der allmählichen Entwick-\nlung, der höchsten Entfaltung hat. Nach dieser letzten sinkt\nsie, meist in jähem Abfall, von der erklommenen Höhe\nwieder herab und zersplittert sich in einzelne Richtungen,\ndie sie in ihre Extreme ausbildet, eben dadurch aber, was\nfrüher zu einer harmonischen Totalität zusammengefasst\nwar, zerstört, und so jene Substanz, welcher in der Kunst\ndie eigentlich bindende Kraft innewohnt, wie ätzendes\nScheidewasser auflös't. Alles dieses entspricht vollkommen\nden Gesetzen organischen Werdens und Vergehens über-\nhaupt. Man hat sich daher hierüber nicht im Mindesten zu\nverwundern; vielmehr muss man sich wundern, dass es\nnoch immer Leute gibt, welche auf das Moment zufälliger,\nindividueller Begabung das Hauptgewicht legen und meinen,\nes könnte zu jeder Zeit, wenn nur der Mann von der\nrechten Art wäre, das Höchste geleistet werden.\nEs ist für das Wesen der Musik sehr bezeichnend,\ndass sie sich so unendlich langsam entwickelt, dass sie,\nwährend alle anderen Künste bereits Blüthen der unver-\ngänglichsten Art getrieben hatten, erst vor kaum zwei Jahr-\nhunderten dahin gelangte, ihr Material vollkommen auszu-\nbilden. In der Unsinnlichkeit, Schwerfasslichkeit dieses letz-\nteren liegt eben der Schlüssel dazu. Es ist für den Geist\nder Nationen charakteristisch, dass sich die überwiegend\nsinnliche Seite dieser Kunst, die Melodik zuerst, am reich-\nsten und reinsten bei den Ilaliänern, die mehr verständige\noder doch zunächst durch den Verstand zu vermittelnde,\ndie Harmonik und Contrapunktik, am entschiedensten\nbei den Niederländern entfaltete, dass es endlich den\nDeutschen, und zwar ihnen allein, vorbehalten blieb, alle\nSeiten dieser Kunst au einem vollkommenen Ganzen zu-\nsammenzufassen. Auffallen könnte endlich die so unendlich\nrasche Entwicklung der Musik in dem letzten Viertel des\nvorigen, in dem ersten des gegenwärtigen Jahrhunderts\n(Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert) und das last gleich-\nzeitige Emportauchen so vieler Sterne ersten Ranges, wo-\nvon eine andere Kunst kaum ein gleiches Beispiel bietet.\nAllein auch dies scheint mir für diese Kunst, in welcher\nsich die Processe so rasch, wirklich dem Acte des Ver-\nbrennens vergleichbar, vollziehen, bedeutungsvoll.\nWer möchte nun läugnen, dass wir uns, nachdem die\nStadien des Erhabenen, mitunter noch von starren Elemen-\nten gefesselten (Seb. Bach, Händel, Gluck), des rein Schö-\nnen, naiv Grossen, mitunter schon von reflectiver Mystik\nAngefröstelten (Haydn, Mozart, Beethoven), und des Rei-\nzenden, Rührenden, mitunter schon von stark sentimentaler\nWeichlichkeit angehauchten (Schubert, Mendelssohn, Schu-\nmann), bereits durchlaufen sind, gegenwärtig in der Pe-\nriode des Verfalls befinden, d. h. in jener Epoche, in wel-\ncher zwar immer noch im Einzelnen Schönes, Treffliches,\nja, Bedeutendes geleistet werden kann und geleistet wird,\ndoch im Augenblicke nichts hervorzutreten vermag,\nwas den kolossalen Wunderbau, wie er vor unseren er-\nstaunten und entzückten Blicken dasteht, im grossen Gan-\nzen wesentlich erweitern könnte. Dies auszusprechen, ist\nkeineswegs Sache hypochondrischer Schwarzseherei, son-\ndern nur das Anerkennen einer unläugbaren Thatsache,\nwelches jeder Unbefangene theilen müssen wird, und die\nnur von mangelnder Einsicht oder in unlauterer Absicht\nbestritten werden kann. Hierin liegt auch gar nichts Be-\ntrübendes, wie Viele meinen dürften; denn wenn das Höchste"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "314", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5212, "texte": "w ' JF ' 'mm\nbereits zur Erscheinung gekommen ist, was will man denn\nmehr? Ja, selbst lür den Künstler der Gegenwart liegt\nhierin nichts Niederschlagendes; denn dem Individuum\nist, sich so voll und reich zu entfalten, als es nur mag,\nnoch immer Raum genug gegeben, und was will dieses\nmehr? Will denn Jeder ein Alexander, Cäsar und Napoleon\nsein? Wir sind und bleiben, welchen Namen wir auch ha-\nben, Epigonen, grosse, kleine, begabte, unbegabte.\nIst dem aber so, und es ist gewiss so, dann kann man\ndem Gebahren einer gewissen, ziemlich weit verbreiteten\nund durch den Verein mehrfacher Factoren nicht unmäch-\ntigen Partei nur halb mit Lächeln, halb mit Spott und Un-\nwillen folgen. Man erräth von selbst, wohin ich ziele, und\nweiss auch, dass das thälige, nicht einllusslose Organ die-\nser Partei, die man sich freilich nicht als eine compacte\nEinheit zu denken hat, die aber gleichwohl bei aller Diver-\ngenz im Einzelnen in einem gemeinsamen Mittelpunkte zu-\nsammentrifft, die in Leipzig erscheinende, von Schumann\ngegründete, gegenwärtig von Dr. Franz Brendel redigirte\n„Neue Zeitschrift für Musik\" ist*). Wir sehen hier von der\nPerson des genannten Redacteurs ganz ab. Brendel hat in\nseiner Geschichte der Musik,« einem Werke, das sich bei\nmanchen Lücken und Schwächen doch auch, insbesondere\nnach der Seite der Darstellung, durch vortreffliche\nEigenschaften auszeichnet, mehr Unbefangenheit und Ob-\njectivität des Urtheils bewiesen, als ihm Manche seiner an-\nderweitigen Stellung nach zugetraut haben mochten, ob-\ngleich auch ihm der Blick mitunter von den Nebelflecken\nder Gegenwart getrübt ist, wie allein schon sein Anerken-\nnen der Liszt'schen Sonate darthut, die er (Band 2, Seite\n317) „ein gewaltiges Werk\", oder im eigentlichen Stil\ndieser Partei zu reden, „eine grosse That\" nennt.\nIn Einem Punkte, sagte ich, treffen die divergirenden\nBestrebungen dieser Partei zusammen, und das ist in dem\nmehr oder minder bewussten, mehr oder minder prägnant\nausgesprochenen Herabsetzen des Allen —um dem Neuen\nPlatz zu machen und in dem fanatischen Triebe nach\nReformationen jeglicher Art. Was Richard Wagner, einer\nder hervorragendsten Wortführer dieser Partei, in beiden\nerwähnten Stücken in seinem Buche „Oper und Drama\"\ngeleistet hat, dürfte aus unmittelbarer Anschauung nicht\nallzu Vielen bekannt sein; denn nicht allzu Viele werden\ndieses Buch gelesen haben, nicht allzu Viele vermöchten\nes zu lesen, ohne während der Lecture von einem unange-\nnehmen Schwindel und ähnlichen Zuständen befallen zu\nwerden. Niemand, der dieses schreckliche Buch lies't, wird\nverkennen, dass ein Mann von Geist und Kenntnissen, aus-\ngerüstet mit grosser Energie, seine Gaben geltend zu ma-\nchen, zu uns spricht; jedermann aber, der irgend tiefere\nBlicke in die Kunst gethan hat, wird zugleich gewahr wer-\nden, dass derselbe Mann von dem eigentlichen Wesen der\nKunst wenig, um nicht zu sagen; nichts, weiss, ihre eigent-\nlichen Aufgaben, ihren innersten Kern, den springenden\nPunkt, von dem Alles ausgeht, in den meisten Fällen ge-\nradezu verkennt. Dieser Satz möchte bei dem Ansehen,\nwelches W'agner, und nicht nur bei seiner Partei, geniesst,\netwas kühn und vermessen erscheinen; wir wären aber je-\nden Augenblick erbötig, wenn es verlangt werden sollte,\nden Beweis zu lühren, und nicht etwa nur aus einzelnen,\nabgerissenen Stellen, sondern fast aus jedem Blatte des\nBuches und aus dem Zusammenhange des Ganzen selbst.\nIch hatte immer, bis ich selbst die Bekanntschaft dieses in\nseiner Art allerdings einzigen Buches machte, Beschuldi-\ngungen wie: „Wagner läugne die ganze Kunst der Ver-\ngangenheit\", für böswillige Entstellungen, lür ihm bloss\nvon seinen Gegnern insinuirte Ansichten gehalten. Denn\nwer möchte von einem Manne von Wagner's Rufe das ge-\nradezu Abgeschmackte erwarten? Gleichwohl bildet diese\nBehauptung in nacktester Deutlichkeit den eigentlichen Kern\ndieses Buches. Wir wissen recht wohl, dass uns die\nFreunde Wagner's aus seinem Verhallen, z. B. gegen Beet-\nhoven und Gluck, das Gegentheil werden deduciren und\ndamit erweisen wollen, dass wir Richard Wagner einfach\n„ missverstehen\", nicht „auf der Höhe seiner Anschauung\"\nstehen. Dann aber müssen wir Herrn Richard Wagner um\ndie Gefälligkeit ersuchen, erst den Kern-Inhalt seines eige-\nnen Werkes za widerrufen, zu erklären, dass, was er über\nPunkt a, b, c und d schreibt, gegenwärtig von ihm selbst\nals barer Unsinn erkannt wird, oder uns zu beweisen, dass\nwir und mit uns das ganze gebildete Europa nur die\nZeugenschaft der eigenen Partei müssten w ir uns verbitten\ndas Alphabet nicht verstehen, nur gerade ihm gegen-\nüber in der eigenthümlichen Lage sind, den Sinn der ein-\nfachsten Worte und Wortfügungen zu misskennen. Dass\nder Stil, in welchem dieses immerhin denkwürdige Buch\nabgefasst ist, dem echt künstlerischen Naturel geradezu\nwiderspricht, einem solchen da es schon an wenigen\n\n*) Da wir gegen Richtung, Farbe, Tendenz dieses ehrenwerthen\nJournals manches sehr Herbe vorzubringen haben, so fügen\nTVTT doch zugleich auch sehr gern bei, dass es bei allem dem\nunter den Organen der Tonkunst eines der interessantesten ist,\nindem selbst das Verkehrte und Verwerfliche häufig noch auf\ngeistreiche Weise vertheidigt wird.\nAnmerkung des Verfassers."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "315", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5203, "texte": "Sätzen seiner Dialektik zu Grunde gehen würde absolut\nunmöglich wäre, sei nur nebenbei bemerkt.\nWas die musicalischen Werke Wagner's betrifft, so\nmüssen wir uns so lange eines zusammenfassenden Urtheils\nüber dieselben enthalten, bis es uns gegönnt sein wird, ihre\nBekanntschaft von der Bühne aus zu machen*). Nur so viel\ngetrauen wir uns schon jetzt nach den Ciavier-Auszügen\nauszusprechen, dass es Neuheit der musicalischen Erfindung\neben nicht ist, durch welche sie glänzen; und was wir an\nOuvertüren dieses Componisten hörten, beweis't uns nur,\ndass er zwar einen sehr lebhaften Farbensinn, mitunter\naber auch einen eben so barbarischen Geschmack besitzt,\ndass es ihm an einer gewissen künstlich erhitzten und er-\nhitzenden Gluth der Phantasie (wenn man das Phantasie\nnennen will) nicht fehlt, die ihn aber eben noch häufiger\nzum Rohen, Unedlen, im schlimmen Sinne Phantastischen\nführt, als zum wahrhaft Eigenthümlichen und Schönen. Im\nUebrigen erinnern wir auch an das vor Längerem von dem\nMusik-Feuilietonisten der ~Presse\" mitgetheilte Citat eines\nBriefes, welchen Robert Schumann eine auch in Sachen\nästhetischen Urtheils nicht ganz zu verachtende Instanz\nan den Schreiber dieser Zeilen richtete, und worin er,\nnachdem er (seinem zu aller Zeit bewiesenen gerechten\nSinne gemäss) Wagner nach Möglichkeit Gerechtigkeit wi-\nderfahren liess, zu dem Schluss-Resume gelangt: „Abge-\nzogen von der Darstellung aber ist seine Musik geringfü-\ngig, oft geradezu dilettantisch, gehaltlos und widerwärtig!\"\nOffen gestanden, so danke ich für eine solche Musik unter\nallen Umständen, möchten in ihr auch anderweitig die un-\nglaublichsten Reformationen ins Leben getreten sein.\nSo viel über Richard Wagner. Von ihm wendet sich\nder Blick ganz von selbst auf Franz Liszt. Lassen Wag-\nner's musicalische Productionen immerhin nc»ch die Mög-\nlichkeit einer ernsten Discussion des und offen,\nso ist es Liszt gegenüber rein unmöglich, sich in eine solche\neinzulassen. Es fällt uns hierbei immer jenes bekannte Wort\nCicero's ein: „Lacht ihr Auguren euch denn nicht ins Ge-\nsicht, wenn ihr euch unier einander begegnet?\" Und auch\neiner Anekdote gedenken wir gern, die man sich von Ros-\nsini erzählt, der, als ihm Liszt einmal vorgespielt halte, er-\nwidert haben soll: „MeinHerr! Gott hat die Welt erschaf-\nfen, Sie aber das Chaos!\" Wir wissen zwar nicht, wie\nhoch Rossini's Urlheil über deutsche Kunst und Künstler\nangeschlagen werden darf, aber dass er in diesem Falle in\nseinem Rechte gewesen wäre, trauten wir ihm sehr gern\nzu und geben beiläufig bemerkt sämmtliche von Liszt\nbis jetzt geschaffene und in Zukunft noch hervorzubringende\nWerke, vielleicht auch jene Richard Wagner's, mit vielem\nVergnügen für den einzigen „Barbier\" hin.\nDer schlimmste Fluch, der uns auf einem grossen\nTheile des heutigen Künstlergeschlechtes zu lasten scheint\nund gerade die nach anderer Seite Begabtesten am stärk-\nsten drückt, scheint uns das „Wollen\" zu sein. Alle\nwollen sie das Ungeheuerste, das noch nie Dagewesene,\nund so entstehen dann auch in der That noch nie dage-\nwesene Ungeheuer. Die letzten Werke Beethoven's sind\nman nennt das so!—die Basis, der Ausgangspunkt für ihr\nerhabenes, sublimes Wirken und Schaffen. Man hätte, scheint\nes, nicht übel Lust, aus diesen Werken, welche zufälliger\nWeise die übermenschlichen Producte eines phänomenal\nbegabten Einzeigeistes sind, der sich nie wieder wie-\nderholen wird, ein paar gewichste Stiefel zu machen, in\nwelche der dazu gehörige Mensch erst jetzt hineingesteckt\nwerden soll. Es ist nicht auszusagen, welcher Unsinn seit\nso manchem Jahre über diesen Punkt in der leipziger Mu-\nsik-Zeitung vorgebracht wird. Es ist aufrichtig zu beklagen,\ndass so mancher feinbegabte, edel denkende Geist sich von\ndieser Sphinx nicht loszureissen vermag, an der er unrett-\nbar zu Grunde gehen muss. Nun glaube man nur ja nicht,\ndass, indem wir hier auf Beethoven's letzte Werke zu spre-\nchen kommen, wir sie in Zusammenhang mit Liszt's und\nRichard Wagner's Productionen zu bringen gedachten, de-\nnen sie so nahe verwandt sind wie ein Strauss'scher Wal-\nzer, vielleicht noch etwas entfernter. Andere dürften da mit\nRecht eher zu nennen sein; aber auch in Bezug auf jene\nist es das Feldgeschrei der Partei, und vielleicht glauben\nLiszt und Richard W'agner selbst an diese ihre vermeint-\nliche Mission. An jener erwähnten Ueberschwänglichkeit\ndes Wollens aber leiden nur Wenige noch in solchem\nGrade, wie eben Wagner und vor Allen Liszt. „Orpheus\",\n„Tasso\", „Mazeppa\", „Hunnenschlacht\", „Christus\" u.\ns. w., niedriger stellt sich Liszt schon seine Aufgaben gar\nnicht mehr. Und was kommt dabei heraus? „Es kreissen\ndie Berge, und zum Vorschein kommt ein kleines, kleines,\nschnurriges, trutziges Mäuslein\", das trotz alles Umsich-\nbeissens doch, wenn man es anfasst, sich als höchst unschäd-\nlich erweis't, und sich nicht undeutlich vernehmen lässt:\nich wollte ja nur beissen, aber ich habe keine Zähne. Das\nWollen des Künstlers ist durchaus nur als ein Product\ndes Könnens und Müssens zu fassen und unterliegt\n\n*) Diese Zeilen wurden während längerer Abwesenheit ihres Au-\ntors von Wien geschrieben. Eine specielle Beurtheilung des\nnunmehr in Scenc gegangenen vTannhäuser\" soll demnächst\nfolgen. ."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "316", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5263, "texte": "keinerlei Willkür, am wenigsten seiner eigenen. Das bloss\nabstracte Wollen aber erzeugt in der Kunst mehr noch als\nin irgend einem anderen Gebiete nur Schemen und Schat-\nten, nur kahle Nebelgebilde, die sich bei der leisesten Be-\nrührung in Nichts auflösen. Dass aber in Liszt's neuester\nThätigkeit dieses fatale Wollen die Hauptrolle spielt, dar-\nüber ist kein Zweifel möglich; denn Liszt lässt ja selbst\nimmer hundert Meilen voraus der Welt verkünden, welche\nSchlacht er jetzt schlagen wird, auf welchem Felde und\nmit welcher Armee.\nNahe an Richard Wagner und Liszt steht Joachim\nRaff. Dem grösseren musikliebenden Publicum Wiens ist\ndiese Persönlichkeit erst im verflossenen Winter näher ge-\ntreten, da die Hellmesberger'schen Quartett-Soireen eine\nSonate für Ciavier und Violine von seiner Composition\nbrachten. Auch in der Haslinger'schen Novitäten-Revue\nkonnte man Einiges von ihm hören. Nie habe ich die erste\nBekanntschaft eines Componisten auf eine schauderhaftere\nWeise gemacht, als jene Raff's. Mehrere Hefte Lieder wa-\nren es (die Opus-Nummern überstiegen die Zahl 40), die\nmir zuerst in die Hände fielen, und die zu dem Monströ-\n/\nsesten und Abgeschmacktesten gehören, was mir bis dahin\nnoch vorgekommen war. Ein milderer Ausdruck ist nicht\nmöglich. Mit grosser Resignation muss ich darauf verzich-\nten, hier Noten-Beispiele zu geben, da mir doch vor Allen\neines von der allerärgsten Art im Gedächtnisse geblieben\nist. Dazu sind Gedichte gewählt, gegen welche gehalten\nfreilich die Producte Bacherl's als Ausflüsse eines höchst\nnormal organisirten, genial begabten, tiefsinnigen Geistes\nverehrt werden müssen. Nun sage man mir aber, was man\nwolle, wenn ich einmal dem Unsinn in nacktester Gestalt\nbegegne, so werde ich gegen den, der ihn vorbringt, ein-\nfür allemal misstrauisch, und gewiss theilen Viele diese\nSchwäche mit mir. Und ist es nicht für diesen ganzen, in-\nnerhalb einer wahrhaft vogelfreien Willkür stehenden Kreis\ncharakteristisch, was Bülow einmal zu mir sagte, da ich\nihn nach Raff fragte: „Früher\" (dies waren seine eigensten\nWorte) „schrieb er mehr trivial\" (bis ungefähr Opus\n50!), „jetzt aber ist er in eine ganz neue Entwicklung ge-\ntreten und hat sich ungemein veredelt.\" Ein Autor, der\nbis Opus 50 trivial schreibt und sich dann auf einmal un-\ngemein veredelt, ist allemal ein curioses Ding. Raff hat sich\nauch vielfach als Schriftsteller expectorirt. Als solcher zeich-\nnet er sich vornehmlich durch eine tüchtige Portion Grob-\nheit aus, die zugleich einen starken Beigeschmack von Roh-\nheit und Plumpheit hat. Raff galt lange für einen Wagne-\nTianer vom reinsten Wasser. Gleichwohl hat er in einem\nim verflossenen Winter in der von G. Bock herausgegebe-\nnen „Berliner Musik-Zeitung\" erschienenen Cyklus von\nAufsätzen über Richard Wagner sich in einer Weise, ja,\nman kann sagen, mit solch ausgesuchter Bosheit ausgelas-\nsen, dass ich, der ich doch auf einer ganz anderen Seite\nstehe, Anstand nehmen würde, dergleichen vorzubringen,\nweil ich dazu Wagner doch als Intelligenz zu sehr\nachtete. Wäre es da nicht erlaubt, zu fragen: wenn es in-\nnerhalb der Mauern so aussieht, was darf man ausserhalb\nderselben erwarten? Gleichwohl möchte ich hier über Raff,\nden Componisten, kein Endurtheil gegeben haben. Dass er an\ndem wahien Sonnenlichte der Kunst nur wenig oder gar\nnicht participirt, ist freilich gewiss; aber ich hatte in letzte-\nrer Zeit Gelegenheit, ein Streich-Quartett von ihm in der\nPartitur kennen zu lernen, das jedenfalls von entschiedener\nCombinationskraft Zeugniss ablegt, über dessen rein künst-\nlerischen Werth ich aber nicht urtheilen möchte, ehe ich\nes wirklich gehört, da das blosse Lesen der Partitur\nvon diesem krausen Noten-Complexe keine völlig deutliche\nVorstellung geben wollte. Ueberhaupt ist hier auszuspre-\nchen, dass man in diesem ganzen Kreise fast durchaus\ngeistreiche Leute finden wird, und hierin liegt eben ihre\nGefährlichkeit für die immer schwankende, festere Grund-\nprincipien entbehrende, halbgebildete Menge.\nWill man aber gleich einen der extremsten Ausläufer\ndieser Richtung, ein Non plus der ganzen Gattung\nkennen lernen, so mache man die Bekanntschaft des\nerst jüngst hervorgetretenen Rudolf Viole und seiner\nbisher erschienenen fünf oder sechs Werke. R. Viole ist\nein Schüler Liszt's, und man muss gestehen, er hat bei\nseinem Meister profitirt und ihn gleich »beim ersten Wurf\nüberboten. Eine Sonate, mit welcher Viole zuerst debutirte,\nist in einem dermaassen über alle Begriffe kauderwälschen\nStile geschrieben, dass selbst derjenige unter den „Zu-\nkunfts-Musikern\" (Bülow), welchem die Aufgabe zugetheilt\nwurde, bei dem Kindlein Pathenstelle zu vertreten und über\nden neuen hoffnungsvollen Bundesgenossen mit väterlicher\nSorgfalt '/u wachen, einige sarkastische Bemerkungen nicht\nunterdrücken konnte und sich genöthigt sah, gegen die\nallzu krasse Erweiterung des neuen Evangeliums zu pro-\ntestiren. Will man die ganze babylonische Sprachverwir-\nrung. bei welcher diese so genannten Neu-Romantiker der\nMusik angelangt sind, in ihrem vollen Umfange kennen\nlernen, so sehe man sich diese Sonate an. In diesem Mach-\nwerke ist kaum mehr Ein Tact zu finden, in welchem sich\nder Autor auf natürliche,\"yiicht-geniale Wei.se bewegte. Das\ngleichzeitige Erklingen der heterogensten Harmonieen"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "317", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5204, "texte": "hat nicht das Mindeste mehr zu sagen; der Begriff der\nTonartist hier, wie in derLiszt'schenSonate, als „ein über-\nwundener Standpunkt\" vollständig aufgehoben; es ist nicht\nanders, als ob die Elephanten flögen, die Fledermäuse\ndagegen auf dem Boden kröchen, die Affen aufrecht und\ndie Menschen auf dem Kopfe gingen. Von einem Ende bis\nzum anderen keine Spur organischen Werdens, innerer\nNotwendigkeit: überall nichts als das souveraine und lei-\nder— läppische, geradezu knabenhafte Belieben des Verfas-\nsers. Und wenn nun so glücklich alle natürlichen Verhält-\nnisse zerstört, alle inneren Gesetze zerbrochen sind und so\nrecht das Oberste zu unterst gekehrt ist, so heisst das wohl\nauch noch genial, und man spricht nur höchstens von „ex-\ncentrischen Auswüchsen\", die der vom Sturmesdrange sei-\nner Phantasie geschüttelte Autor etwa noch abzustreifen\nhätte. Eine Ballade, „Die Schwanenjungfrau\", für Piano-\nforte (in welcher ein Gedicht von Job. N. Vogel das Pro-\ngramm bildet) ist ähnlicher Art, doch mit etwas mehr Be-\nrücksichtigung der menschlichen Gehörs-Werkzeuge aus-\ngelührt. Seltsamer Weise aber folgten diesen beiden gewal-\ntigen Werken, welche es sogleich verkündeten, dass ihr\nAutor seinen Flug nur nach den höchsten Höhen des Par-\nnasses zu richten gesonnen sei, zwei kleine Stückchen für\nCiavier von einer so horrenden Trivialität, dass ein Charles\nVoss oder Heinrich Rosellen sogleich ihre Namen darunter\nsetzen könnten, ohne besorgen zu dürfen, eines Plagiats\nbezüchtigt zu werden. Dies ist nun ein sehr lehrreiches\nBeispiel und psychologisch sehr wohl erklärbar. Wenn\nnämlich diese Heroen quand meme ihrer Gehirnkammer\neinmal nicht den grossen Schraubstock anlegen und es ein-\nmal in einer Anwandlung menschlicher Herablassung nicht\ndarauf absehen, das Ungeheuerste zu vollbringen, sondern\nihren „natürlichen Gedanken und Empfindungen\" freien\nLauf lassen, so passirt es ihnen auch sogleich, straks in\ndie allertrivialste Phrasendrechslerei zu verfallen und mit\ngähnendem Munde das Allergewöhnlichste herzulallen, was\nuns nur je der platteste Geselle vorgeleiert hat. Possierlich\nist es aber nun, zu sehen, wie sich in solchem Falle die\nAugurn und Wortführer dieser Partei benehmen. So be-\nspricht Hans v. Bülow in der „Leipziger Musik-Zeitung\"\nzwei neue Productionen Viole's, die ich allerdings noch nicht\nkenne; aber man höre nur ein paar Stellen seiner Recen-\nsion. Von einem , Capriccio ä\nPiano\" heisst es, „es sei darum interessant, weil es be-\nweise, dass der Componist auch das Zeug habe, glatt und\nroutinirt zu schreiben, ohne darum seiner Art und Weise\netwas zu vergeben und sich offenkundiger Triviali-\ntäten schuldig zu machen. Die Themen seien von unter-\ngeordneter Bedeutung, würden aber insinuirt (!) durch Fluss\nund Bewegung.\" Was also eine echte, nicht von persön-\nlichen Rücksichten geleitete Kunst-Kritik als Tadel hervor-\nheben würde, nämlich eben jene höchst unwünschenswerthe\nGabe, in dem hier von Bülow gemeinten Sinne „ glatt und\nroutinirt\" zu schreiben, das wird bei Viole als einem in\nden geweihten Kreis Aufgenommenen zu einem Vorzüge\ngestempelt, und dass man sich nicht offenkundiger Tri-\nvialitäten schuldig mache, soll gar noch ein besonderes Ver-\ndienst sein. Ein nagelneuer Codex! Und über das andere\nStück: „Souvenir de Weimar,\nheisst es beispielsweise: „Auch in anderer Hinsicht möch-\nten wir uns nicht dazu verstehen, mit dem Autor zu rech-\nten, ihm dictiren zu wollen, dass er da langsam zu schrei-\nten gehabt hätte, wo er eben springt, und dort rascher\nhätte fortgehen sollen, wo es ihm nun einmal gefällt, län-\nger zu verweilen.\" (Man merke wohl, „wo es ihm nun ein-\nmal gefällt\", sagt Bülow.) Und: „Herr Viole hat auch dies-\nmal nicht zu den Materialien seiner Arbeit das beliebte Stroii\nund Leder genommen. Das Haupt-Motiv selbst ist schon\nziemlich stürmisch und eignet sich mehr zu einem Fackel-\ntanz für Furien als für abgelebte Minister a. D.\" Es zeigt\nsich auch hier schon eine kleine Probe jener liebenswürdi-\ngen, von dieser Schule besonders bevorzugten Manier, das\nPublicum immer nur als einen Dummkopf zu behandeln,\ndem man nach Belieben auf der Nase herumtanzen kann,\nvon jener Neigung, in dem Wüsten und Wilden den eigent-\nlichen Lebenspunkt der Kunst zu suchen, und der freilich\noft genug hinlänglich gerechtfertigten Bezeichnung von\nStroh und Leder eine nach Belieben elastische Ausdehnung\nzu geben. In recht burschicoser Weise mit den Ellbogen\nrechts und links herumzustossen, ist ein Hauptwitz dieser\nRenommisten, nur dass es der viel feinere, gewandtere Bü-\nlow hierin nie dem Meister Raff gleich thun wird, der im-\nmer gleich die Knochen sammt dem Fleische verschlingt.\nDer im Verlauf dieser Zeilen bereits öfter genannte,\nals sehr verdienstlicher Virtuose bekannte Hans v. Bülow\nist ein Haupt-Agent dieser Partei. Man muss ihr aber zu\nseinem Besitze Glück wünschen; denn eine an sich schiefe\nSache auf das geistreichste, witzigste, ja, feinste [?] zu ver-\ntheidigen, ist er vollkommen der Mann, wenn ihm die\nSache nur nicht, wie jüngst von Viole, gar zu schwer ge-\nmacht wird und nur nach irgend etwas aussieht. Auch als\nComponist ist Bülow mit einigen kleineren Versuchen auf-\ngetreten. Ich kenne nur ein Heft Lieder. Sie sind eben-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "318", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 141, "texte": "falls im vertrackten Stile seiner Meister Liszt und\nWagner geschrieben und unterscheiden sich nicht we-\nsentlich von diesen.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-10-03-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-10-03_01#c003", "volume": "bmtnabi_1857-10-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "318", "page_fin": "320", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.2.3", "titre_corps": "Beurtheilung.", "titre_sommaire": "Beurtheilung.", "signature_source": "L. Bischoff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "318", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.1.6", "debut_caractere": 143, "fin_caractere_exclue": 4851, "texte": "Beurtheilung.\n\nScherz, List und Rache. Komische Oper in\nEinem Aufzuge. Text nach Göthe. Componirt\nund seinem verehrten Lehrer Ferdinand Hiller zu-\ngeeignet von Max Bruch. Opus I. Ciavier-Aus-\nzug. Leipzig, Verlag von Barlholf Senfl'. Preis 5\nThlr. VIII S. Text, 117 S. Musik in gr. Fol.\nEs ist in diesen Blättern schon öfters von Max Bruch\ndie Rede gewesen. Im Jahre 1852 wurde ihm, dem da-\nmals erst vierzehnjährigen Knaben, in Nr. 38 des 11. Jahr-\ngangs der Rhein. Musik-Zeitung ein biographischer Artikel\ngewidmet; seitdem haben wir die fortschreitende Entwick-\nlung seines hervorragenden Talentes in der Stille mit der\ninnigsten Theilnahme und jener Befriedigung verfolgt, wel-\nche der Verehrer der Tonkunst empfinden muss, wenn er\nin dem nebeligen Dunstkreise der neuesten Musikheuchelei\neinen hellen Schimmer gewahrt, der einen Stern der Wahr-\nheit oder die Erscheinung einer echten musicalischen Natur\nverkündet. Gehörten wir zu den Ueberschwänglichen im\nFache der Kunst-Kritik, die ihre Feder bei jedem Auftreten\neines Talentes, und zwar oft eines nur sehr mässigen, in\nPurpurgluth tauchen, wir hätten Max Bruch allmonatlich\nals Wunderknaben gepriesen, wir hätten die Welt mit der\nNachricht in Erstaunen gesetzt, dass die Zahl seiner Com-\npositionen schon in seinem fünfzehnten Jahre an hundert\nreichte, seitdem aber in Liedern, Cantaten, Ouvertüren,\nSinfonieen einen gewaltigen Zuwachs erhalten hat.\nWir haben das nicht gethan, sondern nur dann und\nwann, wenn wir Gelegenheit hatten, etwas Neues von sei-\nnen Productionen zu hören, auf die fortschreitende Ent-\nwicklung seines Talentes aufmerksam gemacht.\nJetzt tritt er nun mit einem Opus I. in die Oeffentlich-\nkeit, und dieses Erstlingswerk ist sowohl der Kunstgattung\nals dem musicalischen Inhalt nach ein aussergewöhnliches.\nWer mit der Composition einer komischen Oper seine\nKünstler-Laufbahn beginnt, und zwar mit einer gelungenen,\nder berechtigt in der That zu grossen Hoffnungen.\nM. Bruch's Musik zu dem alten Göthe'schen Singspiel\n»Scherz, List und Rache\" gefiel gleich bei der ersten Auf-\nführung in einem hiesigen Privatcirkci den Zuhörern so all-\ngemein, dass es der Mühe werth schien, den Text bühnen-\ngerecht zu machen. Die vier Acte des Originals wurden in\nEinen Act zusammengezogen, der Dialog bedeutend ver-\nkürzt; die Poesie ist natürlich wörtlich beibehalten worden,\nnur die eine lange Scene, in welcher Scapine in der Unter-\nwelt zu sein vorgibt, hat ebenfalls eine sehr zweckmässige\nVerkürzung erfahren. So ist denn eine einactige Operette\ndaraus geworden, deren Handlung auf die Prellerei eines\nhabsüchtigen und verliebten alten Doctors durch ein junges\nschelmisches Ehepaar hinausläuft possenhaft und ergötz-\nlich genug, um mit der allerliebsten Musik im Bunde ein\nStündchen recht angenehm zu unterhalten.\nDass in unseren Tagen, wo der Weltschmerz und die\nZerrissenheit des Gemüthes und die Jagd nach grossem\nstofflichem Inhalt in der Tonkunst herrschen, wo die Sucht\nnach dem Ungewöhnlichen, Excentrischen, Ungehörten Ab-\ngeschmacktes neben Ungeheuerlichem gebiert, dass in sol-\ncher Periode ein junger Componist die schwierige Aufgabe,\nsich in der heiteren Gattung der Musik zu versuchen, mit\nLiebe und Begeisterung erfasst und bei der Lösung der-\nselben den Weg der Natürlichkeit nicht verlässt und sich\nmit den einfachsten Mitteln zur Erreichung seines Zweckes\nbegnügt, ist an und für sich schon im höchsten Grade lo-\nbenswerth und würde auch selbst bei geringerer Leistung\nanerkennende Aufmunterung verdienen. So wie die Ope-\nrette aber jetzt vor uns liegt, bedarf sie keines weiteren\nEmpfehlungsbriefes, keiner Rücksicht auf die gute Absicht\nund das Wollen, keiner Berufung auf die Jugend des Com-\nponisteri: sie empfiehlt sich durch sich selbst, sie ist ein\nWerk, das wir als eine frische, in deutschem Boden ge-\nwachsene Bliithe auf diesem Gebiete der Musik freudig be-\ngrüssen.\nDie Operette enthält ausser der Ouvertüre sechszehn\nNummern Gesangstücke auf 117 Folioseiten. Die Ouver-\ntüre in E-dur, zu vier Händen eingerichtet, führt nach einem\nkurzen Andante ihre einfachen Motive von heiterem Cha-\nrakter in einem Presto, 4/4-Tact, recht munter durch. Es\nist eine wirkliche Ouvertüre, kein Pasticcio oder Potpourri\naus Motiven der Oper, wie das bei den französischen Com-\nponisten der heutigen komischen Opern Mode ist. Eben so\nwenig ist von Tanz-Melodieen und von Tanz-Rhvthmen\ndarin die Rede; im Gegentheil die besten Muster, nament-\nlich Mozart, haben offenbar vorgeschwebt, und nirgends ist\nein Sprung aus dem Charakter des Ganzen, ein Haschen\nnach Effect oder eine Ziererei sichtbar. Wir heben daher\ndie Anlage und Factur des Stückes besonders lobend her-\nvor, wenn auch in Hinsicht auf Erfindung die Melodieen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "319", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5050, "texte": "nicht gerade zu dem Bedeutenderen in dem Werke gehö-\nren. Uebrigens wird die Instrumentirung ihnen erst den\nwahren Reiz geben, und mit vollem Orchester haben wir\ndie Ouvertüre noch nicht gehört.\nDie Operette zerfällt nach der jetzigen Bearbeitung in\ndrei Hauptscenen. deren erste auf der Strasse, die zweite\nim Laboratorium des Doctors, die dritte in dem Kellerge-\nwölbe seines Ha uses spielt. Personen sind der Doctor\nBariton, Scapine Sopran, Scapin Tenor.\nDie erste Scene enthält vier Musiknummern. Scapine's\nEintrittslied: „Will Niemand kaufen?\" ist recht hübsch,\nnur könnte man daran aussetzen, dass sich das zweitactige\nMotiv zu oft wiederholt. Die folgende Ariette ist eine artige\nKleinigkeit. Nr. 3 wird schon bedeutender; es ist eine ko-\nmische Tenor-Arie, in welcher Scapin sein erstes Zusam-\nmentreffen mit dem Doctor und die List, durch welche er\ndessen Gunst erworben, erzählt. Der Dichter lässt darin\nauch den Doctor, von Scapin copirt, sprechend auftreten,\nwas für die Declamation freilich eine leichte Aufgabe ist;\nfür die Musik aber i<t eine Charakteristik der Art schwie-\nriger, wenn man nicht, wie z. B. Auber in der Arie des\nFra Diavolo, zur musicalischen Caricatur (nämlich dort durch\nNachahmung einer Mädchenstimme im Falset) seine Zuflucht\nnehmen will. Unser Cornponist hat das nicht gethan und\ndoch ein recht gelungenes Musikstück gegeben, welches,\nvon einem gewandten Spiel-Tenor vorgetragen, seine Wir-\nkung nicht verfehlen wird. Den Schluss der Scene und der\nExposition bildet ein allerliebstes Duett (Nr, 4,\nlegro molto, Vs- und 74-Tact): „Es schleicht durch Wald\nund Wiesen\".\n| f i,« •» .. h f * \" * J ' r > •• '\nDie zweite Scene (im Zimmer des Doctors) eröffnet\neine grosse Arie (Allegro moderato, F-dur, mit einem Mit-\ntelsatze piü animato in in welcher der\nDoctor seine Freude am Gelde ausspricht. Sie ist mehr\nausgeführt als irgend ein anderes Solostück, jedoch nicht\nzu lang und dabei sang- und dankbar. In der Begleitung\nist ein charakteristischer Triller\nsehr hübsch\ndurchgeführt. In dem folgenden Terzett (Nr. 6\nvace, D-dur, 4/4-Tact, zeigt sich das Talent des Componisten\nzu Ensembleslücken schon gleich auf die erfreulichste\nWeise; in den folgenden dreistimmigen Nummern, nament-\nlich in der Verwirrung bei der Nachricht vom Brande im\nDache des Hauses (Schluss von Nr. 9), in der Vergiftungs-\nscene (Nr. 11) und im Finale der Operette steigert es sich\nimmer mehr und erregt in der That bei dem so jugend-\nliehen Alter des Autors Erstaunen; denn in diesen Terzet-\nten voll dramatisch-komischer Handlung ist die Musik stets\nmelodisch und charakteristisch, die Stimmen sehr klar und\nsangbar geführt und verschlungen, das Ganze voll Bewe-\ngung und Leben und reich an wirklich musicalischer Ko-\nmik. Diese Stücke haben einen so leichten und durchsichtigen\nFluss, der sich nirgends an eckigen Steinen bricht, die erst\nglatt geschliffen werden müssen, dass man bei ihrer An-\nhörung nur schwer an ein Erstlingswerk glaubt, sondern\nein gereiftes und bereits viel versuchtes Talent vermuthet.\nZwischen diesen grösseren Ensemble-Nummern klin-\ngen uns noch einige Einzelstücke gar einnehmend an, z.B.\nin der zweiten Scene die Ariette der Scapine, Nr. 7: „Ach,\nwas soll ich denn gestehen\", ein\nin A-dur,%-Toct, das einen melodischen Heiz hat, den\nman bei den meisten Lieder-Componisten unserer Zeit mit\nBedauern vermisst. Auch die Arie Nr. 8, in welcher Sca-\npine dem Doctor ihre theils melancholische, theils ausgelas-\nsene Gemüthsstimmung schildert, ist namentlich in der An-\ndante-Bewegung recht schön. Die Begleitung ist zart und\neinfach gehalten und doch selbstständig durch kleine me-\nlodiöse Clarinett-, Flöte- und Cello-Soli; der Cornponist hat\nsich durch „Wasserfall\" und „Nachtigall\" keineswegs zu\nInstrumental-Malerei verleiten lassen, sondern bleibt durch-\nweg nur der Hauptstimmung des Gedichtes treu. Der Zwi-\nschensatz Presto ist von geringerem musicalischem Wert he\nund mehr auf gewandtes Spiel der Darstellerin berechnet.\nFügen wir hier zu, dass Scapine noch zwei Solo-Num-\nmern hat, nämlich eine grössere Gesang- und Spielscene\n(in der zweiten Verwandlung) und eine Cavatine mit vor-\nhergehendem Recitativ (zu Anfang der dritten), so wird\nman daraus ersehen, dass diese Rolle eine Partie von be-\ndeutendem Umfange ist, in welcher eine spielgewandte Sän-\ngerin eine höchst dankbare Aufgabe findet. DieGesangscene\nstellt die Wirkung der verstellten Vergiftung auf die Ein-\nbildungskraft der Scapine dar, welche sie in die Unterwelt\nversetzt und den Doctor dort vor Gericht stellt. Die Cava-\ntine ist auf die Worte: „Nacht, o holdes halbes Leben!\"\ngeschrieben; sie ist durchweg gefühlvoll und anmuthig und\ngibt, eben so wie das Andante der Arie Nr. 8, den Beweis,\ndass der junge Cornponist auch für den Ausdruck des Ge-\nfühls und einer zart empfindenden Seelenstimmung vorzüg-\nlich begabt ist.\nSchliesslich wollen wir noch des kleinen Orchester-\nsatzes erwähnen, welcher eine Art von Zwischenmusik, die\nzu der dritten Verwandlung überführt, bildet und das\nstumme Spiel des Doctors und Scapin's, welche die ver^"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 535, "texte": "raeinte Todte in das Gewölbe bringen, auf sehr gelungene\nW eise begleitet.\nWir machen nicht bloss die Kreise der Dilettanten,\nsondern auch besonders die Bühnen-Vorstände auf dieses\nhöchst interessante Werk des jungen deutschen Compo-\nnisten aufmerksam, welches durch eine gute Ausführung,\ndie natürlich spielgewandle Sänger verlangt, sicher für eine\nwahre Bereicherung des Repertoires im Fache der komi-\nschen Oper anerkannt werden wird.\nDie Ausstattung des Clavier-Auszugs von Seiten der\nVerlagshandiung ist lobenswerth.\n\nL. Bischoff."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-10-03-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-10-03_01#c005", "volume": "bmtnabi_1857-10-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "320", "page_fin": "320", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.1.8", "debut_caractere": 537, "fin_caractere_exclue": 4799, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Das Stadttheater, auch in diesem Winter, wie in den\nJahren 1855 und 1856, unter der Direction des Herrn Friedr.\nKahle, ist am 27. September mit „Lucia di Lammermoor\" unter\ngrossem Zudrange des Publicums eröffnet worden. Die zweite Vor-\nstellung war „Das Glas Wasser\", die dritte „Norma\", die vierte\n„Die Karlsschüler\", die fünfte „Der Freischütz\".\nHerr Concertmeister Joachim hat nach dem Beethoven-Concert\nin Bonn noch einige Tage dort und in Köln verweilt und seine\nFreunde und einen kleineren Kreis von Zuhörern in einer Soiree bei\nF. Hiller durch sein Spiel entzückt; namentlich war der Vortrag\ndes Quartetts Nr. 68 von Haydn bewundernswerth.\n** Barmeil. Vor Kurzem hatten wir das Vergnügen, den\nOrganisten J. A. van Eyken aus Elberfeld auch in unserer Stadt\nzu hören. Obgleich Herr van Eyken nun schon seit drei Jahren in\nunserer Nähe wohnt, so war dies desshalb nicht früher möglich,\nweil in unserer Stadt von 44,000 Einwohnern bis jetzt keine spiel-\nbare Orgel zu finden war. Dieser Uebelstand ist jetzt gehoben, in-\ndem die reformirte Gemeinde mit einem schönen Beispiele voranging\nund aus freiwilligen Beiträgen eine neue schöne Orgel durch die\nrühmlichst bekannten Orgelbauer Adolf Ibach Söhne erbauen\nliess. Die Orgel hat zwei Manuale und Pedal und 27 Stimmen, un-\nter denen sich die Flötenstimmen besonders auszeichnen. Nachdem\nam Sonntag vor drei Wochen die Orgel dem gottesdienstlichen Ge-\nbrauche übergeben worden war, fand das Orgel-Concert des Herrn\nJ. A. van Eyken so grosse Theilnahme, dass nicht allein die\nKirche überfüllt war (dieselbe fasst 1200 Personen), sondern auch\nViele den Tönen vor der Thür lauschten. Das gewählte Programm\nvermochte eben so die Kenner wTie die Laien zu befriedigen. Wir\nhörten von J. S. Bach Präludium und Fuge in A-moll, das Cho-\nral-Vorspiel „Schmücke dich, o liebe Seele\" und das reizende Trio\nin A-diw über „Allein Gott in der Höh1 sei Ehr1\", von Rob. Schu-\nmann die prachtvolle Fuge über den Namen Bach (Nr. 2), von\nMendelssohn die sechste Orgel-Sonate und von van Eyken die\nVariationen über das holländische Volkslied und die Sonate Nr. 3.\nDie Ausführung bewährte von Neuem die anerkannte Meisterschaft\nvan Eyken's, der unstreitig zu den Orgelspielern ersten Ranges un-\nserer Zeit gehört.\n15 arm Stadt. Die erste Woche nach Wiedereröffnung der Hof-\nbühne brachte zwei Opern Fest-Vorstellungen bei beleuchtetem\nHause und zwei Schauspiel-Abende. In der Stummen von Portici\nund in Hernani erschien der berühmte Tenor Steg er, der zu einem\nlängeren Gastspiel hier verweilt, in den Haupt-Partieen, ein Sänger,\n0\nder durch die kolossale Kraft und Fülle seines Organs wie einige\nzwanzig Jahre vor ihm Breiting ein Phänomen ist und nament-\nlich in leidenschaftlichen Stellen grossen Eindruck macht, während\nauch sein Vortrag des Schlummerliedes als schmelzender Gesang un-\ngemein wohlgefiel. Als Prinzessin in erstgenannter Oper gastirte Frau\nMampe-Babnigg. Fr. v. Lasslo erfreute als Elvira in Hernani durch\nden Wohllaut ihrer Stimme wie durch Gefühls-Ausdruck und Bravour.\n\\\nUebersicht der im hamburger Stadttheater vom 1. August\n1856 bis 31. Juli 1857 gegebenen Opern, a. Grosse und romantische\nOpern ernster Gattung. 31 Nummern. Auber, Die Stumme von Por-\ntici, 3 Mal; Gustav oder der Maskenball, 3 Mal. Van Beethoven,\nFidelio, 1 Mal. Bellini, Die Familien Capuleti und Montecchi, 4 Mal;\nNorma, 5 Mal; Die Nachtwandlerin, 2 Mal. Donizetti, Lucia von\nLammermoor, 5 Mal; Lucrezia Borgia, 1 Mal; Die Favorite, 4 Mal;\nLinda von Chamouny, 2 Mal; Beiisar, 1 Mal. Dupont, Bianca Sif-\nfredi, 3 Acte, 2 Mal. E. H. z. S. C., Casilda, 2 Mal. Von Flotow,\nIndra, 2 Mal; Stradella, 2 Mal. Haldvy, Die Jüdin, 4 Mal. Kreutzer,\nDas Nachtlager zu Granada. 4 Mal. Ign. Lachner, Loreley, 4\nActe, 3 Mal. Meyerbeer, Robert der Teufel, 4 Mal; Die Hugenotten,\n8 Mal; Der Prophet, 2 Mal. Mozart, Don Juan, 8 Mal; Die Zau-\nberflöte, 4 Mal. Rossini, Othello, 1 Mal; Wilhelm Teil, 1 Mal. Tho-\nmas, Raymond, oder das Geheimniss der Königin, 11 Mal. Verdi,\nDer Troubadour, 9 Mal; Ernani, der Bandit, 5 Mal. Rieh. Wagner,\nTannhäuser, 8 Mal. C. M. v. Weber, Der Freischütz, 4 Mal; Obe-\nron, 4 Mal. (Schluss folgt.)\nB erichtigung. In Nr 36, S. 283, Sp. 2, Z. 4 von oben lies\nSext-Accord, statt Sept-Accord."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "313", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nWiener Federstriche zur Charakterisirung des gegenwärtigen Standes der Tonkunst in einigen ihrer renommirtesten Vertre-\nter. Beurtheilung. Scherz, List und Rache. Komische Oper in Einem Aufzuge von Max Bruch. Opus I. Von L Bischoff.\nTage's- und Unterhaltungsblatt (Köln, Eröffnung des Stadttheaters, Joachim Barmen, Orgel-Concert von J. A. van Eyken\nDarmstadt, Wiedereröffnung der Hofbühne Hamburg, Theater-Uebersicht).\n\nWiener Federstriche zur Charakterisirung des gegen-\nwärtigen Standes der Tonkunst in einigen ihrer\nrenommirtesten Vertreter.\nDie Geschichte der Künste lehrt, dass jede derselben\nsowohl im grossen Ganzen als bei den einzelnen Völkern\nihre Periode des Emporkeimens, der allmählichen Entwick-\nlung, der höchsten Entfaltung hat. Nach dieser letzten sinkt\nsie, meist in jähem Abfall, von der erklommenen Höhe\nwieder herab und zersplittert sich in einzelne Richtungen,\ndie sie in ihre Extreme ausbildet, eben dadurch aber, was\nfrüher zu einer harmonischen Totalität zusammengefasst\nwar, zerstört, und so jene Substanz, welcher in der Kunst\ndie eigentlich bindende Kraft innewohnt, wie ätzendes\nScheidewasser auflös't. Alles dieses entspricht vollkommen\nden Gesetzen organischen Werdens und Vergehens über-\nhaupt. Man hat sich daher hierüber nicht im Mindesten zu\nverwundern; vielmehr muss man sich wundern, dass es\nnoch immer Leute gibt, welche auf das Moment zufälliger,\nindividueller Begabung das Hauptgewicht legen und meinen,\nes könnte zu jeder Zeit, wenn nur der Mann von der\nrechten Art wäre, das Höchste geleistet werden.\nEs ist für das Wesen der Musik sehr bezeichnend,\ndass sie sich so unendlich langsam entwickelt, dass sie,\nwährend alle anderen Künste bereits Blüthen der unver-\ngänglichsten Art getrieben hatten, erst vor kaum zwei Jahr-\nhunderten dahin gelangte, ihr Material vollkommen auszu-\nbilden. In der Unsinnlichkeit, Schwerfasslichkeit dieses letz-\nteren liegt eben der Schlüssel dazu. Es ist für den Geist\nder Nationen charakteristisch, dass sich die überwiegend\nsinnliche Seite dieser Kunst, die Melodik zuerst, am reich-\nsten und reinsten bei den Ilaliänern, die mehr verständige\noder doch zunächst durch den Verstand zu vermittelnde,\ndie Harmonik und Contrapunktik, am entschiedensten\nbei den Niederländern entfaltete, dass es endlich den\nDeutschen, und zwar ihnen allein, vorbehalten blieb, alle\nSeiten dieser Kunst au einem vollkommenen Ganzen zu-\nsammenzufassen. Auffallen könnte endlich die so unendlich\nrasche Entwicklung der Musik in dem letzten Viertel des\nvorigen, in dem ersten des gegenwärtigen Jahrhunderts\n(Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert) und das last gleich-\nzeitige Emportauchen so vieler Sterne ersten Ranges, wo-\nvon eine andere Kunst kaum ein gleiches Beispiel bietet.\nAllein auch dies scheint mir für diese Kunst, in welcher\nsich die Processe so rasch, wirklich dem Acte des Ver-\nbrennens vergleichbar, vollziehen, bedeutungsvoll.\nWer möchte nun läugnen, dass wir uns, nachdem die\nStadien des Erhabenen, mitunter noch von starren Elemen-\nten gefesselten (Seb. Bach, Händel, Gluck), des rein Schö-\nnen, naiv Grossen, mitunter schon von reflectiver Mystik\nAngefröstelten (Haydn, Mozart, Beethoven), und des Rei-\nzenden, Rührenden, mitunter schon von stark sentimentaler\nWeichlichkeit angehauchten (Schubert, Mendelssohn, Schu-\nmann), bereits durchlaufen sind, gegenwärtig in der Pe-\nriode des Verfalls befinden, d. h. in jener Epoche, in wel-\ncher zwar immer noch im Einzelnen Schönes, Treffliches,\nja, Bedeutendes geleistet werden kann und geleistet wird,\ndoch im Augenblicke nichts hervorzutreten vermag,\nwas den kolossalen Wunderbau, wie er vor unseren er-\nstaunten und entzückten Blicken dasteht, im grossen Gan-\nzen wesentlich erweitern könnte. Dies auszusprechen, ist\nkeineswegs Sache hypochondrischer Schwarzseherei, son-\ndern nur das Anerkennen einer unläugbaren Thatsache,\nwelches jeder Unbefangene theilen müssen wird, und die\nnur von mangelnder Einsicht oder in unlauterer Absicht\nbestritten werden kann. Hierin liegt auch gar nichts Be-\ntrübendes, wie Viele meinen dürften; denn wenn das Höchste"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "314", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.1.2", "texte": "w ' JF ' 'mm\nbereits zur Erscheinung gekommen ist, was will man denn\nmehr? Ja, selbst lür den Künstler der Gegenwart liegt\nhierin nichts Niederschlagendes; denn dem Individuum\nist, sich so voll und reich zu entfalten, als es nur mag,\nnoch immer Raum genug gegeben, und was will dieses\nmehr? Will denn Jeder ein Alexander, Cäsar und Napoleon\nsein? Wir sind und bleiben, welchen Namen wir auch ha-\nben, Epigonen, grosse, kleine, begabte, unbegabte.\nIst dem aber so, und es ist gewiss so, dann kann man\ndem Gebahren einer gewissen, ziemlich weit verbreiteten\nund durch den Verein mehrfacher Factoren nicht unmäch-\ntigen Partei nur halb mit Lächeln, halb mit Spott und Un-\nwillen folgen. Man erräth von selbst, wohin ich ziele, und\nweiss auch, dass das thälige, nicht einllusslose Organ die-\nser Partei, die man sich freilich nicht als eine compacte\nEinheit zu denken hat, die aber gleichwohl bei aller Diver-\ngenz im Einzelnen in einem gemeinsamen Mittelpunkte zu-\nsammentrifft, die in Leipzig erscheinende, von Schumann\ngegründete, gegenwärtig von Dr. Franz Brendel redigirte\n„Neue Zeitschrift für Musik\" ist*). Wir sehen hier von der\nPerson des genannten Redacteurs ganz ab. Brendel hat in\nseiner Geschichte der Musik,« einem Werke, das sich bei\nmanchen Lücken und Schwächen doch auch, insbesondere\nnach der Seite der Darstellung, durch vortreffliche\nEigenschaften auszeichnet, mehr Unbefangenheit und Ob-\njectivität des Urtheils bewiesen, als ihm Manche seiner an-\nderweitigen Stellung nach zugetraut haben mochten, ob-\ngleich auch ihm der Blick mitunter von den Nebelflecken\nder Gegenwart getrübt ist, wie allein schon sein Anerken-\nnen der Liszt'schen Sonate darthut, die er (Band 2, Seite\n317) „ein gewaltiges Werk\", oder im eigentlichen Stil\ndieser Partei zu reden, „eine grosse That\" nennt.\nIn Einem Punkte, sagte ich, treffen die divergirenden\nBestrebungen dieser Partei zusammen, und das ist in dem\nmehr oder minder bewussten, mehr oder minder prägnant\nausgesprochenen Herabsetzen des Allen —um dem Neuen\nPlatz zu machen und in dem fanatischen Triebe nach\nReformationen jeglicher Art. Was Richard Wagner, einer\nder hervorragendsten Wortführer dieser Partei, in beiden\nerwähnten Stücken in seinem Buche „Oper und Drama\"\ngeleistet hat, dürfte aus unmittelbarer Anschauung nicht\nallzu Vielen bekannt sein; denn nicht allzu Viele werden\ndieses Buch gelesen haben, nicht allzu Viele vermöchten\nes zu lesen, ohne während der Lecture von einem unange-\nnehmen Schwindel und ähnlichen Zuständen befallen zu\nwerden. Niemand, der dieses schreckliche Buch lies't, wird\nverkennen, dass ein Mann von Geist und Kenntnissen, aus-\ngerüstet mit grosser Energie, seine Gaben geltend zu ma-\nchen, zu uns spricht; jedermann aber, der irgend tiefere\nBlicke in die Kunst gethan hat, wird zugleich gewahr wer-\nden, dass derselbe Mann von dem eigentlichen Wesen der\nKunst wenig, um nicht zu sagen; nichts, weiss, ihre eigent-\nlichen Aufgaben, ihren innersten Kern, den springenden\nPunkt, von dem Alles ausgeht, in den meisten Fällen ge-\nradezu verkennt. Dieser Satz möchte bei dem Ansehen,\nwelches W'agner, und nicht nur bei seiner Partei, geniesst,\netwas kühn und vermessen erscheinen; wir wären aber je-\nden Augenblick erbötig, wenn es verlangt werden sollte,\nden Beweis zu lühren, und nicht etwa nur aus einzelnen,\nabgerissenen Stellen, sondern fast aus jedem Blatte des\nBuches und aus dem Zusammenhange des Ganzen selbst.\nIch hatte immer, bis ich selbst die Bekanntschaft dieses in\nseiner Art allerdings einzigen Buches machte, Beschuldi-\ngungen wie: „Wagner läugne die ganze Kunst der Ver-\ngangenheit\", für böswillige Entstellungen, lür ihm bloss\nvon seinen Gegnern insinuirte Ansichten gehalten. Denn\nwer möchte von einem Manne von Wagner's Rufe das ge-\nradezu Abgeschmackte erwarten? Gleichwohl bildet diese\nBehauptung in nacktester Deutlichkeit den eigentlichen Kern\ndieses Buches. Wir wissen recht wohl, dass uns die\nFreunde Wagner's aus seinem Verhallen, z. B. gegen Beet-\nhoven und Gluck, das Gegentheil werden deduciren und\ndamit erweisen wollen, dass wir Richard Wagner einfach\n„ missverstehen\", nicht „auf der Höhe seiner Anschauung\"\nstehen. Dann aber müssen wir Herrn Richard Wagner um\ndie Gefälligkeit ersuchen, erst den Kern-Inhalt seines eige-\nnen Werkes za widerrufen, zu erklären, dass, was er über\nPunkt a, b, c und d schreibt, gegenwärtig von ihm selbst\nals barer Unsinn erkannt wird, oder uns zu beweisen, dass\nwir und mit uns das ganze gebildete Europa nur die\nZeugenschaft der eigenen Partei müssten w ir uns verbitten\ndas Alphabet nicht verstehen, nur gerade ihm gegen-\nüber in der eigenthümlichen Lage sind, den Sinn der ein-\nfachsten Worte und Wortfügungen zu misskennen. Dass\nder Stil, in welchem dieses immerhin denkwürdige Buch\nabgefasst ist, dem echt künstlerischen Naturel geradezu\nwiderspricht, einem solchen da es schon an wenigen\n\n*) Da wir gegen Richtung, Farbe, Tendenz dieses ehrenwerthen\nJournals manches sehr Herbe vorzubringen haben, so fügen\nTVTT doch zugleich auch sehr gern bei, dass es bei allem dem\nunter den Organen der Tonkunst eines der interessantesten ist,\nindem selbst das Verkehrte und Verwerfliche häufig noch auf\ngeistreiche Weise vertheidigt wird.\nAnmerkung des Verfassers."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "315", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.1.3", "texte": "Sätzen seiner Dialektik zu Grunde gehen würde absolut\nunmöglich wäre, sei nur nebenbei bemerkt.\nWas die musicalischen Werke Wagner's betrifft, so\nmüssen wir uns so lange eines zusammenfassenden Urtheils\nüber dieselben enthalten, bis es uns gegönnt sein wird, ihre\nBekanntschaft von der Bühne aus zu machen*). Nur so viel\ngetrauen wir uns schon jetzt nach den Ciavier-Auszügen\nauszusprechen, dass es Neuheit der musicalischen Erfindung\neben nicht ist, durch welche sie glänzen; und was wir an\nOuvertüren dieses Componisten hörten, beweis't uns nur,\ndass er zwar einen sehr lebhaften Farbensinn, mitunter\naber auch einen eben so barbarischen Geschmack besitzt,\ndass es ihm an einer gewissen künstlich erhitzten und er-\nhitzenden Gluth der Phantasie (wenn man das Phantasie\nnennen will) nicht fehlt, die ihn aber eben noch häufiger\nzum Rohen, Unedlen, im schlimmen Sinne Phantastischen\nführt, als zum wahrhaft Eigenthümlichen und Schönen. Im\nUebrigen erinnern wir auch an das vor Längerem von dem\nMusik-Feuilietonisten der ~Presse\" mitgetheilte Citat eines\nBriefes, welchen Robert Schumann eine auch in Sachen\nästhetischen Urtheils nicht ganz zu verachtende Instanz\nan den Schreiber dieser Zeilen richtete, und worin er,\nnachdem er (seinem zu aller Zeit bewiesenen gerechten\nSinne gemäss) Wagner nach Möglichkeit Gerechtigkeit wi-\nderfahren liess, zu dem Schluss-Resume gelangt: „Abge-\nzogen von der Darstellung aber ist seine Musik geringfü-\ngig, oft geradezu dilettantisch, gehaltlos und widerwärtig!\"\nOffen gestanden, so danke ich für eine solche Musik unter\nallen Umständen, möchten in ihr auch anderweitig die un-\nglaublichsten Reformationen ins Leben getreten sein.\nSo viel über Richard Wagner. Von ihm wendet sich\nder Blick ganz von selbst auf Franz Liszt. Lassen Wag-\nner's musicalische Productionen immerhin nc»ch die Mög-\nlichkeit einer ernsten Discussion des und offen,\nso ist es Liszt gegenüber rein unmöglich, sich in eine solche\neinzulassen. Es fällt uns hierbei immer jenes bekannte Wort\nCicero's ein: „Lacht ihr Auguren euch denn nicht ins Ge-\nsicht, wenn ihr euch unier einander begegnet?\" Und auch\neiner Anekdote gedenken wir gern, die man sich von Ros-\nsini erzählt, der, als ihm Liszt einmal vorgespielt halte, er-\nwidert haben soll: „MeinHerr! Gott hat die Welt erschaf-\nfen, Sie aber das Chaos!\" Wir wissen zwar nicht, wie\nhoch Rossini's Urlheil über deutsche Kunst und Künstler\nangeschlagen werden darf, aber dass er in diesem Falle in\nseinem Rechte gewesen wäre, trauten wir ihm sehr gern\nzu und geben beiläufig bemerkt sämmtliche von Liszt\nbis jetzt geschaffene und in Zukunft noch hervorzubringende\nWerke, vielleicht auch jene Richard Wagner's, mit vielem\nVergnügen für den einzigen „Barbier\" hin.\nDer schlimmste Fluch, der uns auf einem grossen\nTheile des heutigen Künstlergeschlechtes zu lasten scheint\nund gerade die nach anderer Seite Begabtesten am stärk-\nsten drückt, scheint uns das „Wollen\" zu sein. Alle\nwollen sie das Ungeheuerste, das noch nie Dagewesene,\nund so entstehen dann auch in der That noch nie dage-\nwesene Ungeheuer. Die letzten Werke Beethoven's sind\nman nennt das so!—die Basis, der Ausgangspunkt für ihr\nerhabenes, sublimes Wirken und Schaffen. Man hätte, scheint\nes, nicht übel Lust, aus diesen Werken, welche zufälliger\nWeise die übermenschlichen Producte eines phänomenal\nbegabten Einzeigeistes sind, der sich nie wieder wie-\nderholen wird, ein paar gewichste Stiefel zu machen, in\nwelche der dazu gehörige Mensch erst jetzt hineingesteckt\nwerden soll. Es ist nicht auszusagen, welcher Unsinn seit\nso manchem Jahre über diesen Punkt in der leipziger Mu-\nsik-Zeitung vorgebracht wird. Es ist aufrichtig zu beklagen,\ndass so mancher feinbegabte, edel denkende Geist sich von\ndieser Sphinx nicht loszureissen vermag, an der er unrett-\nbar zu Grunde gehen muss. Nun glaube man nur ja nicht,\ndass, indem wir hier auf Beethoven's letzte Werke zu spre-\nchen kommen, wir sie in Zusammenhang mit Liszt's und\nRichard Wagner's Productionen zu bringen gedachten, de-\nnen sie so nahe verwandt sind wie ein Strauss'scher Wal-\nzer, vielleicht noch etwas entfernter. Andere dürften da mit\nRecht eher zu nennen sein; aber auch in Bezug auf jene\nist es das Feldgeschrei der Partei, und vielleicht glauben\nLiszt und Richard W'agner selbst an diese ihre vermeint-\nliche Mission. An jener erwähnten Ueberschwänglichkeit\ndes Wollens aber leiden nur Wenige noch in solchem\nGrade, wie eben Wagner und vor Allen Liszt. „Orpheus\",\n„Tasso\", „Mazeppa\", „Hunnenschlacht\", „Christus\" u.\ns. w., niedriger stellt sich Liszt schon seine Aufgaben gar\nnicht mehr. Und was kommt dabei heraus? „Es kreissen\ndie Berge, und zum Vorschein kommt ein kleines, kleines,\nschnurriges, trutziges Mäuslein\", das trotz alles Umsich-\nbeissens doch, wenn man es anfasst, sich als höchst unschäd-\nlich erweis't, und sich nicht undeutlich vernehmen lässt:\nich wollte ja nur beissen, aber ich habe keine Zähne. Das\nWollen des Künstlers ist durchaus nur als ein Product\ndes Könnens und Müssens zu fassen und unterliegt\n\n*) Diese Zeilen wurden während längerer Abwesenheit ihres Au-\ntors von Wien geschrieben. Eine specielle Beurtheilung des\nnunmehr in Scenc gegangenen vTannhäuser\" soll demnächst\nfolgen. ."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "316", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.1.4", "texte": "keinerlei Willkür, am wenigsten seiner eigenen. Das bloss\nabstracte Wollen aber erzeugt in der Kunst mehr noch als\nin irgend einem anderen Gebiete nur Schemen und Schat-\nten, nur kahle Nebelgebilde, die sich bei der leisesten Be-\nrührung in Nichts auflösen. Dass aber in Liszt's neuester\nThätigkeit dieses fatale Wollen die Hauptrolle spielt, dar-\nüber ist kein Zweifel möglich; denn Liszt lässt ja selbst\nimmer hundert Meilen voraus der Welt verkünden, welche\nSchlacht er jetzt schlagen wird, auf welchem Felde und\nmit welcher Armee.\nNahe an Richard Wagner und Liszt steht Joachim\nRaff. Dem grösseren musikliebenden Publicum Wiens ist\ndiese Persönlichkeit erst im verflossenen Winter näher ge-\ntreten, da die Hellmesberger'schen Quartett-Soireen eine\nSonate für Ciavier und Violine von seiner Composition\nbrachten. Auch in der Haslinger'schen Novitäten-Revue\nkonnte man Einiges von ihm hören. Nie habe ich die erste\nBekanntschaft eines Componisten auf eine schauderhaftere\nWeise gemacht, als jene Raff's. Mehrere Hefte Lieder wa-\nren es (die Opus-Nummern überstiegen die Zahl 40), die\nmir zuerst in die Hände fielen, und die zu dem Monströ-\n/\nsesten und Abgeschmacktesten gehören, was mir bis dahin\nnoch vorgekommen war. Ein milderer Ausdruck ist nicht\nmöglich. Mit grosser Resignation muss ich darauf verzich-\nten, hier Noten-Beispiele zu geben, da mir doch vor Allen\neines von der allerärgsten Art im Gedächtnisse geblieben\nist. Dazu sind Gedichte gewählt, gegen welche gehalten\nfreilich die Producte Bacherl's als Ausflüsse eines höchst\nnormal organisirten, genial begabten, tiefsinnigen Geistes\nverehrt werden müssen. Nun sage man mir aber, was man\nwolle, wenn ich einmal dem Unsinn in nacktester Gestalt\nbegegne, so werde ich gegen den, der ihn vorbringt, ein-\nfür allemal misstrauisch, und gewiss theilen Viele diese\nSchwäche mit mir. Und ist es nicht für diesen ganzen, in-\nnerhalb einer wahrhaft vogelfreien Willkür stehenden Kreis\ncharakteristisch, was Bülow einmal zu mir sagte, da ich\nihn nach Raff fragte: „Früher\" (dies waren seine eigensten\nWorte) „schrieb er mehr trivial\" (bis ungefähr Opus\n50!), „jetzt aber ist er in eine ganz neue Entwicklung ge-\ntreten und hat sich ungemein veredelt.\" Ein Autor, der\nbis Opus 50 trivial schreibt und sich dann auf einmal un-\ngemein veredelt, ist allemal ein curioses Ding. Raff hat sich\nauch vielfach als Schriftsteller expectorirt. Als solcher zeich-\nnet er sich vornehmlich durch eine tüchtige Portion Grob-\nheit aus, die zugleich einen starken Beigeschmack von Roh-\nheit und Plumpheit hat. Raff galt lange für einen Wagne-\nTianer vom reinsten Wasser. Gleichwohl hat er in einem\nim verflossenen Winter in der von G. Bock herausgegebe-\nnen „Berliner Musik-Zeitung\" erschienenen Cyklus von\nAufsätzen über Richard Wagner sich in einer Weise, ja,\nman kann sagen, mit solch ausgesuchter Bosheit ausgelas-\nsen, dass ich, der ich doch auf einer ganz anderen Seite\nstehe, Anstand nehmen würde, dergleichen vorzubringen,\nweil ich dazu Wagner doch als Intelligenz zu sehr\nachtete. Wäre es da nicht erlaubt, zu fragen: wenn es in-\nnerhalb der Mauern so aussieht, was darf man ausserhalb\nderselben erwarten? Gleichwohl möchte ich hier über Raff,\nden Componisten, kein Endurtheil gegeben haben. Dass er an\ndem wahien Sonnenlichte der Kunst nur wenig oder gar\nnicht participirt, ist freilich gewiss; aber ich hatte in letzte-\nrer Zeit Gelegenheit, ein Streich-Quartett von ihm in der\nPartitur kennen zu lernen, das jedenfalls von entschiedener\nCombinationskraft Zeugniss ablegt, über dessen rein künst-\nlerischen Werth ich aber nicht urtheilen möchte, ehe ich\nes wirklich gehört, da das blosse Lesen der Partitur\nvon diesem krausen Noten-Complexe keine völlig deutliche\nVorstellung geben wollte. Ueberhaupt ist hier auszuspre-\nchen, dass man in diesem ganzen Kreise fast durchaus\ngeistreiche Leute finden wird, und hierin liegt eben ihre\nGefährlichkeit für die immer schwankende, festere Grund-\nprincipien entbehrende, halbgebildete Menge.\nWill man aber gleich einen der extremsten Ausläufer\ndieser Richtung, ein Non plus der ganzen Gattung\nkennen lernen, so mache man die Bekanntschaft des\nerst jüngst hervorgetretenen Rudolf Viole und seiner\nbisher erschienenen fünf oder sechs Werke. R. Viole ist\nein Schüler Liszt's, und man muss gestehen, er hat bei\nseinem Meister profitirt und ihn gleich »beim ersten Wurf\nüberboten. Eine Sonate, mit welcher Viole zuerst debutirte,\nist in einem dermaassen über alle Begriffe kauderwälschen\nStile geschrieben, dass selbst derjenige unter den „Zu-\nkunfts-Musikern\" (Bülow), welchem die Aufgabe zugetheilt\nwurde, bei dem Kindlein Pathenstelle zu vertreten und über\nden neuen hoffnungsvollen Bundesgenossen mit väterlicher\nSorgfalt '/u wachen, einige sarkastische Bemerkungen nicht\nunterdrücken konnte und sich genöthigt sah, gegen die\nallzu krasse Erweiterung des neuen Evangeliums zu pro-\ntestiren. Will man die ganze babylonische Sprachverwir-\nrung. bei welcher diese so genannten Neu-Romantiker der\nMusik angelangt sind, in ihrem vollen Umfange kennen\nlernen, so sehe man sich diese Sonate an. In diesem Mach-\nwerke ist kaum mehr Ein Tact zu finden, in welchem sich\nder Autor auf natürliche,\"yiicht-geniale Wei.se bewegte. Das\ngleichzeitige Erklingen der heterogensten Harmonieen"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "317", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.1.5", "texte": "hat nicht das Mindeste mehr zu sagen; der Begriff der\nTonartist hier, wie in derLiszt'schenSonate, als „ein über-\nwundener Standpunkt\" vollständig aufgehoben; es ist nicht\nanders, als ob die Elephanten flögen, die Fledermäuse\ndagegen auf dem Boden kröchen, die Affen aufrecht und\ndie Menschen auf dem Kopfe gingen. Von einem Ende bis\nzum anderen keine Spur organischen Werdens, innerer\nNotwendigkeit: überall nichts als das souveraine und lei-\nder— läppische, geradezu knabenhafte Belieben des Verfas-\nsers. Und wenn nun so glücklich alle natürlichen Verhält-\nnisse zerstört, alle inneren Gesetze zerbrochen sind und so\nrecht das Oberste zu unterst gekehrt ist, so heisst das wohl\nauch noch genial, und man spricht nur höchstens von „ex-\ncentrischen Auswüchsen\", die der vom Sturmesdrange sei-\nner Phantasie geschüttelte Autor etwa noch abzustreifen\nhätte. Eine Ballade, „Die Schwanenjungfrau\", für Piano-\nforte (in welcher ein Gedicht von Job. N. Vogel das Pro-\ngramm bildet) ist ähnlicher Art, doch mit etwas mehr Be-\nrücksichtigung der menschlichen Gehörs-Werkzeuge aus-\ngelührt. Seltsamer Weise aber folgten diesen beiden gewal-\ntigen Werken, welche es sogleich verkündeten, dass ihr\nAutor seinen Flug nur nach den höchsten Höhen des Par-\nnasses zu richten gesonnen sei, zwei kleine Stückchen für\nCiavier von einer so horrenden Trivialität, dass ein Charles\nVoss oder Heinrich Rosellen sogleich ihre Namen darunter\nsetzen könnten, ohne besorgen zu dürfen, eines Plagiats\nbezüchtigt zu werden. Dies ist nun ein sehr lehrreiches\nBeispiel und psychologisch sehr wohl erklärbar. Wenn\nnämlich diese Heroen quand meme ihrer Gehirnkammer\neinmal nicht den grossen Schraubstock anlegen und es ein-\nmal in einer Anwandlung menschlicher Herablassung nicht\ndarauf absehen, das Ungeheuerste zu vollbringen, sondern\nihren „natürlichen Gedanken und Empfindungen\" freien\nLauf lassen, so passirt es ihnen auch sogleich, straks in\ndie allertrivialste Phrasendrechslerei zu verfallen und mit\ngähnendem Munde das Allergewöhnlichste herzulallen, was\nuns nur je der platteste Geselle vorgeleiert hat. Possierlich\nist es aber nun, zu sehen, wie sich in solchem Falle die\nAugurn und Wortführer dieser Partei benehmen. So be-\nspricht Hans v. Bülow in der „Leipziger Musik-Zeitung\"\nzwei neue Productionen Viole's, die ich allerdings noch nicht\nkenne; aber man höre nur ein paar Stellen seiner Recen-\nsion. Von einem , Capriccio ä\nPiano\" heisst es, „es sei darum interessant, weil es be-\nweise, dass der Componist auch das Zeug habe, glatt und\nroutinirt zu schreiben, ohne darum seiner Art und Weise\netwas zu vergeben und sich offenkundiger Triviali-\ntäten schuldig zu machen. Die Themen seien von unter-\ngeordneter Bedeutung, würden aber insinuirt (!) durch Fluss\nund Bewegung.\" Was also eine echte, nicht von persön-\nlichen Rücksichten geleitete Kunst-Kritik als Tadel hervor-\nheben würde, nämlich eben jene höchst unwünschenswerthe\nGabe, in dem hier von Bülow gemeinten Sinne „ glatt und\nroutinirt\" zu schreiben, das wird bei Viole als einem in\nden geweihten Kreis Aufgenommenen zu einem Vorzüge\ngestempelt, und dass man sich nicht offenkundiger Tri-\nvialitäten schuldig mache, soll gar noch ein besonderes Ver-\ndienst sein. Ein nagelneuer Codex! Und über das andere\nStück: „Souvenir de Weimar,\nheisst es beispielsweise: „Auch in anderer Hinsicht möch-\nten wir uns nicht dazu verstehen, mit dem Autor zu rech-\nten, ihm dictiren zu wollen, dass er da langsam zu schrei-\nten gehabt hätte, wo er eben springt, und dort rascher\nhätte fortgehen sollen, wo es ihm nun einmal gefällt, län-\nger zu verweilen.\" (Man merke wohl, „wo es ihm nun ein-\nmal gefällt\", sagt Bülow.) Und: „Herr Viole hat auch dies-\nmal nicht zu den Materialien seiner Arbeit das beliebte Stroii\nund Leder genommen. Das Haupt-Motiv selbst ist schon\nziemlich stürmisch und eignet sich mehr zu einem Fackel-\ntanz für Furien als für abgelebte Minister a. D.\" Es zeigt\nsich auch hier schon eine kleine Probe jener liebenswürdi-\ngen, von dieser Schule besonders bevorzugten Manier, das\nPublicum immer nur als einen Dummkopf zu behandeln,\ndem man nach Belieben auf der Nase herumtanzen kann,\nvon jener Neigung, in dem Wüsten und Wilden den eigent-\nlichen Lebenspunkt der Kunst zu suchen, und der freilich\noft genug hinlänglich gerechtfertigten Bezeichnung von\nStroh und Leder eine nach Belieben elastische Ausdehnung\nzu geben. In recht burschicoser Weise mit den Ellbogen\nrechts und links herumzustossen, ist ein Hauptwitz dieser\nRenommisten, nur dass es der viel feinere, gewandtere Bü-\nlow hierin nie dem Meister Raff gleich thun wird, der im-\nmer gleich die Knochen sammt dem Fleische verschlingt.\nDer im Verlauf dieser Zeilen bereits öfter genannte,\nals sehr verdienstlicher Virtuose bekannte Hans v. Bülow\nist ein Haupt-Agent dieser Partei. Man muss ihr aber zu\nseinem Besitze Glück wünschen; denn eine an sich schiefe\nSache auf das geistreichste, witzigste, ja, feinste [?] zu ver-\ntheidigen, ist er vollkommen der Mann, wenn ihm die\nSache nur nicht, wie jüngst von Viole, gar zu schwer ge-\nmacht wird und nur nach irgend etwas aussieht. Auch als\nComponist ist Bülow mit einigen kleineren Versuchen auf-\ngetreten. Ich kenne nur ein Heft Lieder. Sie sind eben-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "318", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.1.6", "texte": "falls im vertrackten Stile seiner Meister Liszt und\nWagner geschrieben und unterscheiden sich nicht we-\nsentlich von diesen.\n(Schluss folgt.)\n\nBeurtheilung.\n\nScherz, List und Rache. Komische Oper in\nEinem Aufzuge. Text nach Göthe. Componirt\nund seinem verehrten Lehrer Ferdinand Hiller zu-\ngeeignet von Max Bruch. Opus I. Ciavier-Aus-\nzug. Leipzig, Verlag von Barlholf Senfl'. Preis 5\nThlr. VIII S. Text, 117 S. Musik in gr. Fol.\nEs ist in diesen Blättern schon öfters von Max Bruch\ndie Rede gewesen. Im Jahre 1852 wurde ihm, dem da-\nmals erst vierzehnjährigen Knaben, in Nr. 38 des 11. Jahr-\ngangs der Rhein. Musik-Zeitung ein biographischer Artikel\ngewidmet; seitdem haben wir die fortschreitende Entwick-\nlung seines hervorragenden Talentes in der Stille mit der\ninnigsten Theilnahme und jener Befriedigung verfolgt, wel-\nche der Verehrer der Tonkunst empfinden muss, wenn er\nin dem nebeligen Dunstkreise der neuesten Musikheuchelei\neinen hellen Schimmer gewahrt, der einen Stern der Wahr-\nheit oder die Erscheinung einer echten musicalischen Natur\nverkündet. Gehörten wir zu den Ueberschwänglichen im\nFache der Kunst-Kritik, die ihre Feder bei jedem Auftreten\neines Talentes, und zwar oft eines nur sehr mässigen, in\nPurpurgluth tauchen, wir hätten Max Bruch allmonatlich\nals Wunderknaben gepriesen, wir hätten die Welt mit der\nNachricht in Erstaunen gesetzt, dass die Zahl seiner Com-\npositionen schon in seinem fünfzehnten Jahre an hundert\nreichte, seitdem aber in Liedern, Cantaten, Ouvertüren,\nSinfonieen einen gewaltigen Zuwachs erhalten hat.\nWir haben das nicht gethan, sondern nur dann und\nwann, wenn wir Gelegenheit hatten, etwas Neues von sei-\nnen Productionen zu hören, auf die fortschreitende Ent-\nwicklung seines Talentes aufmerksam gemacht.\nJetzt tritt er nun mit einem Opus I. in die Oeffentlich-\nkeit, und dieses Erstlingswerk ist sowohl der Kunstgattung\nals dem musicalischen Inhalt nach ein aussergewöhnliches.\nWer mit der Composition einer komischen Oper seine\nKünstler-Laufbahn beginnt, und zwar mit einer gelungenen,\nder berechtigt in der That zu grossen Hoffnungen.\nM. Bruch's Musik zu dem alten Göthe'schen Singspiel\n»Scherz, List und Rache\" gefiel gleich bei der ersten Auf-\nführung in einem hiesigen Privatcirkci den Zuhörern so all-\ngemein, dass es der Mühe werth schien, den Text bühnen-\ngerecht zu machen. Die vier Acte des Originals wurden in\nEinen Act zusammengezogen, der Dialog bedeutend ver-\nkürzt; die Poesie ist natürlich wörtlich beibehalten worden,\nnur die eine lange Scene, in welcher Scapine in der Unter-\nwelt zu sein vorgibt, hat ebenfalls eine sehr zweckmässige\nVerkürzung erfahren. So ist denn eine einactige Operette\ndaraus geworden, deren Handlung auf die Prellerei eines\nhabsüchtigen und verliebten alten Doctors durch ein junges\nschelmisches Ehepaar hinausläuft possenhaft und ergötz-\nlich genug, um mit der allerliebsten Musik im Bunde ein\nStündchen recht angenehm zu unterhalten.\nDass in unseren Tagen, wo der Weltschmerz und die\nZerrissenheit des Gemüthes und die Jagd nach grossem\nstofflichem Inhalt in der Tonkunst herrschen, wo die Sucht\nnach dem Ungewöhnlichen, Excentrischen, Ungehörten Ab-\ngeschmacktes neben Ungeheuerlichem gebiert, dass in sol-\ncher Periode ein junger Componist die schwierige Aufgabe,\nsich in der heiteren Gattung der Musik zu versuchen, mit\nLiebe und Begeisterung erfasst und bei der Lösung der-\nselben den Weg der Natürlichkeit nicht verlässt und sich\nmit den einfachsten Mitteln zur Erreichung seines Zweckes\nbegnügt, ist an und für sich schon im höchsten Grade lo-\nbenswerth und würde auch selbst bei geringerer Leistung\nanerkennende Aufmunterung verdienen. So wie die Ope-\nrette aber jetzt vor uns liegt, bedarf sie keines weiteren\nEmpfehlungsbriefes, keiner Rücksicht auf die gute Absicht\nund das Wollen, keiner Berufung auf die Jugend des Com-\nponisteri: sie empfiehlt sich durch sich selbst, sie ist ein\nWerk, das wir als eine frische, in deutschem Boden ge-\nwachsene Bliithe auf diesem Gebiete der Musik freudig be-\ngrüssen.\nDie Operette enthält ausser der Ouvertüre sechszehn\nNummern Gesangstücke auf 117 Folioseiten. Die Ouver-\ntüre in E-dur, zu vier Händen eingerichtet, führt nach einem\nkurzen Andante ihre einfachen Motive von heiterem Cha-\nrakter in einem Presto, 4/4-Tact, recht munter durch. Es\nist eine wirkliche Ouvertüre, kein Pasticcio oder Potpourri\naus Motiven der Oper, wie das bei den französischen Com-\nponisten der heutigen komischen Opern Mode ist. Eben so\nwenig ist von Tanz-Melodieen und von Tanz-Rhvthmen\ndarin die Rede; im Gegentheil die besten Muster, nament-\nlich Mozart, haben offenbar vorgeschwebt, und nirgends ist\nein Sprung aus dem Charakter des Ganzen, ein Haschen\nnach Effect oder eine Ziererei sichtbar. Wir heben daher\ndie Anlage und Factur des Stückes besonders lobend her-\nvor, wenn auch in Hinsicht auf Erfindung die Melodieen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "319", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.1.7", "texte": "nicht gerade zu dem Bedeutenderen in dem Werke gehö-\nren. Uebrigens wird die Instrumentirung ihnen erst den\nwahren Reiz geben, und mit vollem Orchester haben wir\ndie Ouvertüre noch nicht gehört.\nDie Operette zerfällt nach der jetzigen Bearbeitung in\ndrei Hauptscenen. deren erste auf der Strasse, die zweite\nim Laboratorium des Doctors, die dritte in dem Kellerge-\nwölbe seines Ha uses spielt. Personen sind der Doctor\nBariton, Scapine Sopran, Scapin Tenor.\nDie erste Scene enthält vier Musiknummern. Scapine's\nEintrittslied: „Will Niemand kaufen?\" ist recht hübsch,\nnur könnte man daran aussetzen, dass sich das zweitactige\nMotiv zu oft wiederholt. Die folgende Ariette ist eine artige\nKleinigkeit. Nr. 3 wird schon bedeutender; es ist eine ko-\nmische Tenor-Arie, in welcher Scapin sein erstes Zusam-\nmentreffen mit dem Doctor und die List, durch welche er\ndessen Gunst erworben, erzählt. Der Dichter lässt darin\nauch den Doctor, von Scapin copirt, sprechend auftreten,\nwas für die Declamation freilich eine leichte Aufgabe ist;\nfür die Musik aber i<t eine Charakteristik der Art schwie-\nriger, wenn man nicht, wie z. B. Auber in der Arie des\nFra Diavolo, zur musicalischen Caricatur (nämlich dort durch\nNachahmung einer Mädchenstimme im Falset) seine Zuflucht\nnehmen will. Unser Cornponist hat das nicht gethan und\ndoch ein recht gelungenes Musikstück gegeben, welches,\nvon einem gewandten Spiel-Tenor vorgetragen, seine Wir-\nkung nicht verfehlen wird. Den Schluss der Scene und der\nExposition bildet ein allerliebstes Duett (Nr, 4,\nlegro molto, Vs- und 74-Tact): „Es schleicht durch Wald\nund Wiesen\".\n| f i,« •» .. h f * \" * J ' r > •• '\nDie zweite Scene (im Zimmer des Doctors) eröffnet\neine grosse Arie (Allegro moderato, F-dur, mit einem Mit-\ntelsatze piü animato in in welcher der\nDoctor seine Freude am Gelde ausspricht. Sie ist mehr\nausgeführt als irgend ein anderes Solostück, jedoch nicht\nzu lang und dabei sang- und dankbar. In der Begleitung\nist ein charakteristischer Triller\nsehr hübsch\ndurchgeführt. In dem folgenden Terzett (Nr. 6\nvace, D-dur, 4/4-Tact, zeigt sich das Talent des Componisten\nzu Ensembleslücken schon gleich auf die erfreulichste\nWeise; in den folgenden dreistimmigen Nummern, nament-\nlich in der Verwirrung bei der Nachricht vom Brande im\nDache des Hauses (Schluss von Nr. 9), in der Vergiftungs-\nscene (Nr. 11) und im Finale der Operette steigert es sich\nimmer mehr und erregt in der That bei dem so jugend-\nliehen Alter des Autors Erstaunen; denn in diesen Terzet-\nten voll dramatisch-komischer Handlung ist die Musik stets\nmelodisch und charakteristisch, die Stimmen sehr klar und\nsangbar geführt und verschlungen, das Ganze voll Bewe-\ngung und Leben und reich an wirklich musicalischer Ko-\nmik. Diese Stücke haben einen so leichten und durchsichtigen\nFluss, der sich nirgends an eckigen Steinen bricht, die erst\nglatt geschliffen werden müssen, dass man bei ihrer An-\nhörung nur schwer an ein Erstlingswerk glaubt, sondern\nein gereiftes und bereits viel versuchtes Talent vermuthet.\nZwischen diesen grösseren Ensemble-Nummern klin-\ngen uns noch einige Einzelstücke gar einnehmend an, z.B.\nin der zweiten Scene die Ariette der Scapine, Nr. 7: „Ach,\nwas soll ich denn gestehen\", ein\nin A-dur,%-Toct, das einen melodischen Heiz hat, den\nman bei den meisten Lieder-Componisten unserer Zeit mit\nBedauern vermisst. Auch die Arie Nr. 8, in welcher Sca-\npine dem Doctor ihre theils melancholische, theils ausgelas-\nsene Gemüthsstimmung schildert, ist namentlich in der An-\ndante-Bewegung recht schön. Die Begleitung ist zart und\neinfach gehalten und doch selbstständig durch kleine me-\nlodiöse Clarinett-, Flöte- und Cello-Soli; der Cornponist hat\nsich durch „Wasserfall\" und „Nachtigall\" keineswegs zu\nInstrumental-Malerei verleiten lassen, sondern bleibt durch-\nweg nur der Hauptstimmung des Gedichtes treu. Der Zwi-\nschensatz Presto ist von geringerem musicalischem Wert he\nund mehr auf gewandtes Spiel der Darstellerin berechnet.\nFügen wir hier zu, dass Scapine noch zwei Solo-Num-\nmern hat, nämlich eine grössere Gesang- und Spielscene\n(in der zweiten Verwandlung) und eine Cavatine mit vor-\nhergehendem Recitativ (zu Anfang der dritten), so wird\nman daraus ersehen, dass diese Rolle eine Partie von be-\ndeutendem Umfange ist, in welcher eine spielgewandte Sän-\ngerin eine höchst dankbare Aufgabe findet. DieGesangscene\nstellt die Wirkung der verstellten Vergiftung auf die Ein-\nbildungskraft der Scapine dar, welche sie in die Unterwelt\nversetzt und den Doctor dort vor Gericht stellt. Die Cava-\ntine ist auf die Worte: „Nacht, o holdes halbes Leben!\"\ngeschrieben; sie ist durchweg gefühlvoll und anmuthig und\ngibt, eben so wie das Andante der Arie Nr. 8, den Beweis,\ndass der junge Cornponist auch für den Ausdruck des Ge-\nfühls und einer zart empfindenden Seelenstimmung vorzüg-\nlich begabt ist.\nSchliesslich wollen wir noch des kleinen Orchester-\nsatzes erwähnen, welcher eine Art von Zwischenmusik, die\nzu der dritten Verwandlung überführt, bildet und das\nstumme Spiel des Doctors und Scapin's, welche die ver^"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571003-01.1.8", "texte": "raeinte Todte in das Gewölbe bringen, auf sehr gelungene\nW eise begleitet.\nWir machen nicht bloss die Kreise der Dilettanten,\nsondern auch besonders die Bühnen-Vorstände auf dieses\nhöchst interessante Werk des jungen deutschen Compo-\nnisten aufmerksam, welches durch eine gute Ausführung,\ndie natürlich spielgewandle Sänger verlangt, sicher für eine\nwahre Bereicherung des Repertoires im Fache der komi-\nschen Oper anerkannt werden wird.\nDie Ausstattung des Clavier-Auszugs von Seiten der\nVerlagshandiung ist lobenswerth.\n\nL. Bischoff.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Das Stadttheater, auch in diesem Winter, wie in den\nJahren 1855 und 1856, unter der Direction des Herrn Friedr.\nKahle, ist am 27. September mit „Lucia di Lammermoor\" unter\ngrossem Zudrange des Publicums eröffnet worden. Die zweite Vor-\nstellung war „Das Glas Wasser\", die dritte „Norma\", die vierte\n„Die Karlsschüler\", die fünfte „Der Freischütz\".\nHerr Concertmeister Joachim hat nach dem Beethoven-Concert\nin Bonn noch einige Tage dort und in Köln verweilt und seine\nFreunde und einen kleineren Kreis von Zuhörern in einer Soiree bei\nF. Hiller durch sein Spiel entzückt; namentlich war der Vortrag\ndes Quartetts Nr. 68 von Haydn bewundernswerth.\n** Barmeil. Vor Kurzem hatten wir das Vergnügen, den\nOrganisten J. A. van Eyken aus Elberfeld auch in unserer Stadt\nzu hören. Obgleich Herr van Eyken nun schon seit drei Jahren in\nunserer Nähe wohnt, so war dies desshalb nicht früher möglich,\nweil in unserer Stadt von 44,000 Einwohnern bis jetzt keine spiel-\nbare Orgel zu finden war. Dieser Uebelstand ist jetzt gehoben, in-\ndem die reformirte Gemeinde mit einem schönen Beispiele voranging\nund aus freiwilligen Beiträgen eine neue schöne Orgel durch die\nrühmlichst bekannten Orgelbauer Adolf Ibach Söhne erbauen\nliess. Die Orgel hat zwei Manuale und Pedal und 27 Stimmen, un-\nter denen sich die Flötenstimmen besonders auszeichnen. Nachdem\nam Sonntag vor drei Wochen die Orgel dem gottesdienstlichen Ge-\nbrauche übergeben worden war, fand das Orgel-Concert des Herrn\nJ. A. van Eyken so grosse Theilnahme, dass nicht allein die\nKirche überfüllt war (dieselbe fasst 1200 Personen), sondern auch\nViele den Tönen vor der Thür lauschten. Das gewählte Programm\nvermochte eben so die Kenner wTie die Laien zu befriedigen. Wir\nhörten von J. S. Bach Präludium und Fuge in A-moll, das Cho-\nral-Vorspiel „Schmücke dich, o liebe Seele\" und das reizende Trio\nin A-diw über „Allein Gott in der Höh1 sei Ehr1\", von Rob. Schu-\nmann die prachtvolle Fuge über den Namen Bach (Nr. 2), von\nMendelssohn die sechste Orgel-Sonate und von van Eyken die\nVariationen über das holländische Volkslied und die Sonate Nr. 3.\nDie Ausführung bewährte von Neuem die anerkannte Meisterschaft\nvan Eyken's, der unstreitig zu den Orgelspielern ersten Ranges un-\nserer Zeit gehört.\n15 arm Stadt. Die erste Woche nach Wiedereröffnung der Hof-\nbühne brachte zwei Opern Fest-Vorstellungen bei beleuchtetem\nHause und zwei Schauspiel-Abende. In der Stummen von Portici\nund in Hernani erschien der berühmte Tenor Steg er, der zu einem\nlängeren Gastspiel hier verweilt, in den Haupt-Partieen, ein Sänger,\n0\nder durch die kolossale Kraft und Fülle seines Organs wie einige\nzwanzig Jahre vor ihm Breiting ein Phänomen ist und nament-\nlich in leidenschaftlichen Stellen grossen Eindruck macht, während\nauch sein Vortrag des Schlummerliedes als schmelzender Gesang un-\ngemein wohlgefiel. Als Prinzessin in erstgenannter Oper gastirte Frau\nMampe-Babnigg. Fr. v. Lasslo erfreute als Elvira in Hernani durch\nden Wohllaut ihrer Stimme wie durch Gefühls-Ausdruck und Bravour.\n\\\nUebersicht der im hamburger Stadttheater vom 1. August\n1856 bis 31. Juli 1857 gegebenen Opern, a. Grosse und romantische\nOpern ernster Gattung. 31 Nummern. Auber, Die Stumme von Por-\ntici, 3 Mal; Gustav oder der Maskenball, 3 Mal. Van Beethoven,\nFidelio, 1 Mal. Bellini, Die Familien Capuleti und Montecchi, 4 Mal;\nNorma, 5 Mal; Die Nachtwandlerin, 2 Mal. Donizetti, Lucia von\nLammermoor, 5 Mal; Lucrezia Borgia, 1 Mal; Die Favorite, 4 Mal;\nLinda von Chamouny, 2 Mal; Beiisar, 1 Mal. Dupont, Bianca Sif-\nfredi, 3 Acte, 2 Mal. E. H. z. S. C., Casilda, 2 Mal. Von Flotow,\nIndra, 2 Mal; Stradella, 2 Mal. Haldvy, Die Jüdin, 4 Mal. Kreutzer,\nDas Nachtlager zu Granada. 4 Mal. Ign. Lachner, Loreley, 4\nActe, 3 Mal. Meyerbeer, Robert der Teufel, 4 Mal; Die Hugenotten,\n8 Mal; Der Prophet, 2 Mal. Mozart, Don Juan, 8 Mal; Die Zau-\nberflöte, 4 Mal. Rossini, Othello, 1 Mal; Wilhelm Teil, 1 Mal. Tho-\nmas, Raymond, oder das Geheimniss der Königin, 11 Mal. Verdi,\nDer Troubadour, 9 Mal; Ernani, der Bandit, 5 Mal. Rieh. Wagner,\nTannhäuser, 8 Mal. C. M. v. Weber, Der Freischütz, 4 Mal; Obe-\nron, 4 Mal. (Schluss folgt.)\nB erichtigung. In Nr 36, S. 283, Sp. 2, Z. 4 von oben lies\nSext-Accord, statt Sept-Accord."}]}