{"numero_id": "bm-bmtnabi-1857-10-17-01", "volume": "bmtnabi_1857-10-17_01", "ocr_sha256": "38009c53331ffec6768ae721ce662bfd7f1224b4c5c64512ba5485c2070793ff", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1857/10/17_01/bmtnabi_1857-10-17_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1857-10-17-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-10-17_01#c001", "volume": "bmtnabi_1857-10-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "329", "page_fin": "329", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "329", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 416, "texte": "Inhalt.\nDie musicalische Monatsschrift von E. Sobolewski. Theophil Gautier über den Tannhäuser in Wiesbaden, und Hector\nBerlioz über Herrn Benazet in Baden-Baden. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Musik-Director C. Reinthaler Barmen,\nConcerte Herzog von Würtemberg -j- Berlin, Ordens-Verleihung, Oper Samson von Duprez von Wasielewski Wien, Wenzel\nScholz + Paris, Die grosse und die italiänische Oper Vjeuxtemps)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-10-17-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-10-17_01#c002", "volume": "bmtnabi_1857-10-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "329", "page_fin": "332", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.2.2", "titre_corps": "Eine musicalische Monatsschrift.", "titre_sommaire": "Eine musicalische Monatsschrift.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "329", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.1.1", "debut_caractere": 418, "fin_caractere_exclue": 3834, "texte": "Eine musicalische Monatsschrift.\nUnter dem undeutschen Titel: „Debatten über\ndramatische, lyrische, Kirchen-, Concert- und\nKammermusik u. s. w., herausgegeben von E. Sobo-\nlewski, Bremen, 1857, Druck von F. 0. Dubbers\"\nliegt uns ein „Heftchen Nr. 1., Monat Juli\" vor, auf\ndessen Umschlag diese „Debatten\" als eine neue periodi-\nsche Schrift, in zwölf Heften jährlich (vierteljährlich 1 Thlr.),\nangekündigt werden.\nDem Titel nach soll dieselbe also das gesammte Ge-\nbiet der Musik umfassen. Der Zusatz (der sich ebenfalls\nauf dem Titel befindet): „In einem Kreise von\nKünstlern und Kunstfreunden herausgegeben\nvon E. S.\", soll wahrscheinlich, so undeutlich er auch aus-\ngedrückt ist, die Unterstellung wirklicher Erörterungen\nunter Musikern annehmbar machen; allein ein paar vorge-\nsetzte Namen machen noch lange nicht einen abhandelnden\nDialog aus. Vom Wesen eines solchen ist in dem Heftlein\n(24 S. kl. 8.) keine Spur vorhanden. Der Titel ist folglich\nschlecht gewählt, weil er etwas erwarten lässt, was gar\nnicht gegeben wird.\nEine Art von Vorwort spricht den Zweck der „De-\nbatten\" nichts weniger als klar aus. Was soll man aus\nüberschwänglichen Redensarten wie folgende als Kern her-\nausnehmen? „Wie die Einbildungskraft des Astronomen\"\nso beginnen „die Debattirenden\" „trotz der nebel-\nauflösenden Kraft seiner gewaltigen Fernröhre sich nur\num so tiefer und ahnungsvoller in den Weltenraum ver-\nsenkt, so werden die Untersuchungen, die wir im Gebiete\nder Musik anstellen, dieser Kunst, die so rein selbstständig\n[auch in der Vocalmusik?] in ihrer Innigkeit und Aus-\ndrucksweise die tiefsten Erbebungen des Herzens wie keine\nandere auszusprechen weiss, nur den Zauber ihrer Unbe-\ngränztheit verstärken.\" Was heisst das: „Die Untersuchun-\ngen über Musik sollen den Zauber ihrer Unbegränzt-\nheit verstärken?\"\nAlsdann stossen wir auf „Entfaltungdes wunderbaren\nGewebes des Organismus der Musik\" ■—-„die Musik braucht\nnicht allein Imagination, sondern auch Wissenschaft\"\n„diese Kunstbesprechungen werden hoffentlich Alle zu einer\n[Einer?] Partei vereinigen\" u. s. w. und sind über das,\nwas die Herren eigentlich wollen, so klug, wie zuvor.\nIndess aus der Anrede des ersten „Debattirenden\"\nauf S. 2, dem man den Namen Telemann gegeben hat, er-\nfahren wir, dass die Gesellschaft „das Alte nicht durchweg\ngoutiren und in das Lob des Neuen nicht unbedingt\neinstimmen\" wolle, sondern „Einiges aus dem Dunkel her-\nvorziehen, Anderes zum Styx hinabstossen, mit Einem\nWorte: den alten Augiasstall wieder einmal kehren.\"\nNun sind wir sicher im Klaren!!\nWenn wir irgend einen Sinn aus diesem Klingklang\nherausholen können, so scheint es, dass die Herren über\nnichts weniger als über wissenschaftlich-ästhetische Fragen,\nwelche die Zeit bewegen, reden wollen. Wenn dem so ist,\nso müssen wir bedauern, dass ihnen, wenigstens denjeni-\ngen, die in diesem ersten Hefte auftreten, weder das Zeug\ngegeben ist, das Gebiet jener Fragen gründlich zu bearbei-\nten, d. h. darüber consequent zu denken, noch das etwa\nGedachte in eine logisch klare und durch die Form anzie-\nhende Darstellung zu bringen. Um so unverantwortlicher\nist es, wenn sie auf ein Werk wie Vi scher' s Aesthetik\nmit Geringschätzung herabblicken und an einigen Orten\neinen Ton darüber anstimmen, der zu nichts Anderem die-\nnen kann, als ihre Unwissenheit und Unbeholfenheit in den-\njenigen wissenschaftlichen Dingen, welche die Kunst betref-\nfen, an den Tag zu legen."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "330", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4853, "texte": "So heisst es z. B. S. 2: „Eure Aufgabe ist schwer.\nSchaut Ihr doch schon mit Misstrauen auf Vischels Aesthe-\ntik der Musik, nur weil er S. 1147 von der hohen Be-\ndeutung Marschner'scher Werke spricht.\" S. 4: „Vi-\nschels Aesthetik ist sehr achtungswerth [wahrhaftig?]; doch\nkann eine Aesthetik der Musik nur von jemand ge-\nschrieben werden, der zugleich Musiker und Philosoph ist.\nDa Vischer nicht Musiker, wenigstens nicht in dem erfor-\nderlichen Grade ist, so kann sein Werk nur in einzelnen\nTheilen genügen.\" [Davon ist gerade das Umgekehrte\nwahr; im Ganzen, im System ist Vischer's Werk vortreff-\nlich, und nur im Einzelnen vermisst man hier und da den\nMusiker. Nun folgt jedoch das Beste, indem die Herren\nfortfahren:] „Da aber auch unter uns kein Philo-\nsoph ist [sehr wahr!], so werden wir nur einzelne Bau-\nsteine zu dem Werke liefern können, das vielleicht einst\ngeschrieben wird.\" Das heisst also: Wäre ein Philo-\nsoph unter uns, so würden wir jene Aufgabe lösen. Sehr\nbescheiden. Wir lürchten aber sehr, dass selbst diese Bau-\nsteine viel früher verwittern und zerbröckeln dürften, als\nder Messias der Aesthetik der Musik erscheint.\nWir wollen uns einige derselben etwas genauer an-\nsehen.\nS. 3: „Ihr werdet zu erforschen haben, was schön,\nwas unschön in der Musik; denn ich gestehe, das Ver-\ntrauen auf mein Trommelfell ist sehr erschüttert. Bei der\nAccorden folge a eis e g und a c es g im Finale des ersten\nActes von Lohengrin bekam ich Anfangs ein Gefühl, als\nsteche mich eine Wespe in den zartesten Theil meines\nempfindsamen Körpers; nachdem ich jedoch die Oper mit\nSängern und Orchester einige hundert Mal durchgemacht\nhatte, empfand ich nichts mehr.\" Moral: Werdet dick-\nhäutig !\n„Freund Liszt macht euch irre, indem er im Andante\ndes Prometheus alle Harmonielehren über den Haufen\nwirft.\" „Allein Liszt hat jene Harmonieschritte wohl\nüberlegt, und mir klingen sie auch.\" (S. 5.)\nDer Präsident. „Ehe wir die einfacheren Gebilde\nder Harmonie nicht festgestellt, scheint mir eine Debatte\nüber Liszt's Accord en folge nicht fruchtbringend. Hin-\nsichtlich der Harmonielehre werden wir der Natur\nzu folgen haben. [Da seid ihr auf der rechten Spur, nur\nlasst euch nicht zerstreuen!] Hauptmann hat diesen gros-\nsen Wegweiser vielleicht nur aus Ueberfluss, nicht aus\nMangel an Geist übersehen. Er holt sich zur Kühlung sei-\nnes Champagners das Eis von Cotopaxi (!). Die Grundsätze\nder Form dürften wir im einfachsten rhythmischen Gebilde\nerkennen, die Modulation als eine weitere Hebung und\nSenkung zu betrachten haben.\" (S. 6.) Nun, da sind wir\nneugierig! Da uns aber noch kein weiteres Heft zu Gesicht\ngekommen, so müssen wir uns gedulden; denn in dem er-\nsten wird dies alles nur so ohne Zusammenhang\nment hingeworfen.\nDann wird ein Brief von „Wilibald\" aus „Paris\" vor-\ngelesen. Dieser bildet den Haupt-Abschnitt im ganzen Hefte\n(S. 7 22). Der Schreiber desselben theilt uns zuvörderst\nseinen Aerger über einige französische Witze über Liszt\nmit. Um ihn zu vertreiben, ergreift er ein Buch. „Anfangs\nlas ich mit jener Verschleierung des inneren Auges, die bei\nmir jedesmal eintritt, wenn mir ein unangenehmer Gedanke\ndumpf im Kopfe herumwühlt, der in der Regel unüber-\nsetzbar, diesmal aber etwa so zu umschreiben wäre: Der\nMensch ist mitunter das beste, aber auch oft das mechan-\nteste unter allen Thieren und solch ein Murmeln hört\nerst auf, wenn man sechs Stunden geschlafen hat, oder\nnoch etwas Aergerlicheres kommt.\"\nWas sagt der Leser zu diesem Stil- und Phantasie-\nPröbchen? Welch ein romantisches Bild! Herr Wilibald\nauf dem Sopha, innerlich verschleiert, in seinem Kopfe das\ndumpfe Murmeln eines unangenehmen Gedankens, dessen\nEntbindung die nagelneue Wahrheit gebiert, dass der\nMensch gut und böse ist! ich wollte sagen: „mechant\".\nNebenbei nämlich wird die Sprachmengerei auf widrige\nWeise getrieben, gerade als lebten wir noch in dem Jahr-\nhundert, wo man glaubte, französische Wörter verriethcn\nden gebildeten Mann und zierten den deutschen Stil! De-\nbatten, Imagination, goutiren, contagiös, Flambeau der Ver-\nnunft, maltraitirt, consumirt, brodirt u. s. w. sind lür uns\neben so unangenehme Wespenstiche, wie die oben er-\nwähnte Accordfolge im Lohengrin.\nDoch weiter. Das Buch, das der so genannte Wilibald\nzur Abdämpfung seines Aergers ergriffen, ist Ulibischeff's\nMozart, und nun werden dem armen UlibischefF aus der\nhistorischen Einleitung, die heutzutage fast so gut wie ver-\ngessen ist, nachträglich einige Irrthümer nachgewiesen.\nDiese Schulweisheit war sehr wohlfeil zu haben! Wir er-\nfahren jedoch dabei unter Anderem, „dass A-moll eine\ndurchaus unnatürliche und unmelodische Tonart sei\"; dess-\nhalb schlägt der Verfasser vor, „unsere beiden Tonarten\nnur bis zur Sext hinauf zu lühren, C d ef g a, und dann\nwieder zurück, und A h c d e f eben so.\" Eine kleine\nProbe von den neuen „Gebilden\", die wir zu erwarten\nhaben."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "331", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4794, "texte": "Wir erfahren ferner, dass der „selige Mentor\" Herrn\nWilibald's das „ Capitel über die ästhetische Seite der Mu-\nsik\" folgender Maassen begann:\n„Die Schöpfung brauchte sechs Tage, um sich dem\nChaos zu entwinden; nicht so leicht wurde es der Musik.\nBis Palestrina dürfte sie wohl so viel Jahrtausende gebraucht\nhaben; denn sie ist so alt wie der Mensch, wie Glaube\nund Liebe und deren Organ, und wird es bleiben in Ewig-\nkeit.\" (S. 10.) Wahrscheinlich steckt hier ein Druck-\nfehler, indem der Verfasser doch wohl meint, die Musik\nsei das Organ des Glaubens und der Liebe, nicht aber, sie\nsei eben so alt, wie dieses Organ. Es kommen indess\nfreilich so schülerhafte Nachlässigkeiten hier und da vor,\ndass man sie bei dem besten Willen nicht auf den Setzer\nschieben kann; z. B. ebenfalls S. 10: „Mein Mentor be-\nrührte manche ästhetische Seite unserer Kunst, welche\nvon der oberflächlichen Weise des Ulibischeff oder der ge-\nlehrten Vischer's sehr abstach!\"\nAbgesehen von dem Schnitzer ist bei dieser Stelle die\nZusammenstellung von Vischer und Ulibischeff sehr be-\nzeichnend für die Bildungsstufe und das wissenschaftliche\nStreben des Verfassers, zumal, da er nicht erröthet, den\nersten Paragraphen von Vischer's Buche über die Musik\nmit gesperrten Lettern abdrucken zu lassen und ihm die\noben angeführte Faselei über die sechs Jahrtausende ent-\ngegen zu stellen! Noch strenger zu rügen ist aber, dass\ner am Schlüsse jenes §. 1 (oder 746 der gesammten\nAesthetik) Herrn Vischer sagen lässt: „Dies ist das\nWesen der Musik.\" Dies ist eine offenbare Unredlich-\nkeit; denn davon steht in jenem Paragraphen kein Buch-\nstabe. Vor solchem Unsinn ist ein Mann wie Vischer stets\nsicher; seine Untersuchung über das Wesen der Musik\numfasst bekanntlich an fünfzig Paragraphen, nicht einen\neinzigen.\nUnd von Leuten, welche auf eine so frivole Weise mit\nder Kunstlehre Spiel und Spott treiben, sollen wir neue\nAufschlüsse erwarten?\nDen Haupt-Inhalt von Wilibald's Brief und vom gan-\nzen ersten Hefte bildet eine ganz oberflächliche, rhapsodi-\nsche Uebersicht der Geschichte der Musik bis auf Pale-\nstrina. Sie enthält nur allbekannte Sachen und Aussendinge,\nbringt dann einige persönliche Expectorationen des Verfas-\nsers über Palestrina, die weder etwas Neues, noch das Alte\nin anziehender Form geben, Herr Wilibald müsste denn\nseine Aeusserung: „Palestrina wählte die Töne lür seine\nStimmen nicht bloss nach den Accordregeln, sondern auch\nnach ihrer verschiedenen eigentümlichen Klangfarbe\",\nwirklich für die »Lösung\"' eines bisher verschlossenen\n„Räthsels\" halten. (S. 17.)\nWenn sich der Verfasser in die philosophische Sphäre\nverläuft, so kommen vollends wunderliche Dinge zum Vor-\nschein. Wir geben ein paar Proben.\nS. 16: „ Palestrina's Musik entspricht ganz den Be-\ngriffen unserer Voreltern von absoluter und relativer Schön-\nheit, das ist Schönheit für den Geist und Schönheit für\ndas Herz.\n„Wie naiv dies auch den Ohren unserer Aesthetiker\nklingen mag, der Musiker vvusste mehr daraus zu entneh-\nmen, als aus dem Satze: „ „Das Schöne ist die Idee in be-\ngränzter Erscheinung.\"8\n„Die erste begründete sich nämlich auf Richtigkeit,\nKlarheit, Deutlichkeit, Ordnung und Einheit der verschie-\ndenen Theile und wurde absolute genannt, weil sie zu al-\nlen Zeiten und von allen Menschen, die einen gewissen\nCulturgrad erreicht, unveränderlich und allgemein aner-\nkannt ist.\n„Die zweite Art gründet sich auf Stimmung und Em-\npfindung der Individuen und Nationen, ist daher vielseitig\nund veränderlich. Man glaubt nur das, was man kann, nicht\ndas, was man will oder soll; sie wurde also relative Schön-\nheit genannt, weil sie nur in dem Maasse Wohlgefallen er-\nregt, als sie sympathetisch mitklingende Saiten vorfindet.\n„Die absolute Schönheit ist die Grundlage der relati-\nven, d. h. ohne Richtigkeit, Ordnung und Einheit ist über-\nhaupt keine Schönheit möglich.\n„Das absolute Schöne in Palestrina's Musik wissen\nwir auch heute noch zu erreichen, das relative aber ist von\neiner Erhabenheit, einer heiligen Tiefe und Allmacht, wel-\nche, so scheint es, nur zu jener Zeit als reichduftende\nBlüthe den Seelen entspross.\n„Zwar ist Glaube wie Liebe ein Natursloff, der sich in\nallen Menschen und zu allen Zeiten geltend macht, und wie\ndie Pflanze nach neueren Beobachtungen der Naturforscher\nzu ihrer Blüthezeit einen höheren Wärmegrad besitzt, so\ndurchströmt auch den Menschen zur Zeit der Begeisterung\nein lebensvolleres Gefühl, dessen Frucht die Schöpfungen\nder Kunst sind, doch verschieden von der Imagination\nb rodi rt.\n„Nur in ähnlichen Situationen haben die Menschen\nähnliche Ideen\" u. s. w.\nS. 20: „Es gibt etwas im Blut, in der Constitution,\ndas die Individuen von ihren Voreltern erben und das sie\nnicht nur für Laster und Tugend disponirt, sondern auch\nauf die feineren Nuancen der Kunst einwirkt. Wie es"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "332", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2363, "texte": "Familiennasen gibt, so muss es auch Familien-Gehirnfasern\ngeben; dem Negerknaben ward nicht bloss die Hautfarbe\nseiner Race, sondern auch der dicke Schädel und darunter\ndie analogen Nerven, die eigentlichen Vermittler zwischen\ndem Jen- und Diesseits.\n„Denn dem Jenseits, wohin wir nach unserer Meta-\nmarphose gelangen, das man sich bald über, bald in dem\nunendlichen Räume denkt, der aber wahrscheinlich kein\nRaum, noch ein ungeheures Grab, sondern ein Lebensäther\nist, der uns in Stunden der Weihe schon hier gewaltiger\ndurchdringt, der Erde entrückt und uns befähigt, Grosses\nund Schönes zu schaffen, das man so gern und nicht mit\nUnrecht himmlisch, göttlich nennt sind die Melodieen\nund Harmonieen entliehen, die uns auf dieser sublunari-\nschen Welt so wunderbar durchtönen.\n„Wie aber die Vibrationen des Lichtäthers nur in so\nweit ähnliche in der Netzhaut des Auges erzeugen, und\ndiese wieder nur in so weit den Sehnerven gleichartige\nmittheilen, als es die Beschaffenheit dieser Theile gestattet,\nso wird auch jene partikellose Materie, die unendlich dün-\nner als der Lichtäther alles Substantielle durchdringt, den\nSternen wie den Infusions-Thierchen und gewiss noch vie-\nlen uns ganz unbekannten Wesen und Welten Leben ver-\nleiht, welche bei ihrer Durchdringung des Gehirns den Ge-\ndanken bildet, dies alles nur in dem Verhällniss vermögen,\nals es die Eigenschaften der Organe gestatten.\n„Wir erfinden sonach nicht Gedanken, wir em-\npfinden sie nur, und die Fähigkeit, zu componiren, hört\nauf, sobald die vermittelnden Theile stumpf geworden oder\nabgestorben sind.\"\nUnd wozu dieser supernaturalistisch-materielle Galli-\nmathias? Um die grosse Wahrheit zu beweisen, dass ein\nDeutscher kein Italiäner und ein Italiäner kein Deutscher\nist! Und solche Phrasenmacher wollen einen Denker wie\nVischer über die Achsel ansehen, während sie sich an seine\nFersen heften sollten, um einmal zu versuchen, sich würdig\nzu machen, ihm die Schuhriemen zu lösen!\nWir wünschen, über etwa folgende Hefte günstiger\nberichten zu können, als über das erste. Wir haben viel-\nleicht in den Augen mancher Leser zu viel Worte über\nein Heft von 24 Seiten gemacht; allein wo sich eine neue\nMonatsschrift ankündigt, halten wir es für Pflicht,\ndas, was sie will, genau zu beleuchten, und überdies wis-\nsen unsere Leser, dass wir so Lob wie Tadel stets aus-\nführlich zu begründen streben."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-10-17-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-10-17_01#c003", "volume": "bmtnabi_1857-10-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "332", "page_fin": "335", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.2.3", "titre_corps": "Ein französischer Bericht über die Aufführung des Tannhänser in Wiesbaden.", "titre_sommaire": "Ein französischer Bericht über die Aufführung des Tannhänser in Wiesbaden.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "332", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.1.4", "debut_caractere": 2365, "fin_caractere_exclue": 4702, "texte": "Ein französischer Bericht über die Aufführung des\nTannhänser in Wiesbaden.\nDie Franzosen sind in ihren Urtheilen über nichtfran-\nzösische Kunst und Literatur trotz allen Revolutionen noch\nimmer dieselben geblieben, wie im vorigen Jahrhundert.\nLeichtsinn, Oberflächlichkeit, Unwissenheit, dabei Dreistig-\nkeit und Anmaassung wechseln mit Geist und Scharfblick\nab, und Alles bekommt durch den ein gewisses\nglänzendes Colorit, das dem weniger scharfen oder weniger\ngeübten Auge die groben Fehler der Zeichnung—wenig-\nstens beim französischen Publicum verdeckt.\nWir geben zur Ergötzung eines der neuesten Beispiele,\neinen Auszug aus dem Feuilleton des Moniteur vom 20.\nSeptember, welches einen Bericht von Theophile Gau-\ntier über die Aulführung des Tannhäuser in Wiesbaden\nenthält.\n„Richard Wagner\", heisst es dort nach einer kurzen\nEinleitung, die nicht zur Sache gehört, „ist in Frankreich\nso gut wie unbekannt; seine Musik hat den Rhein nicht\nüberschritten [also Köln, Aachen, Trier, Coblenz, Mainz\nliegen am rechten Ufer, und der Rhein ist Frankreichs\nGränze!]; vielleicht wird das auch so bald nicht geschehen,\ndenn sie ist selbst lür viele Deutsche zu deutsch.\n„Nach den Urtheilen, die wir gelesen hatten [?\nNachher ist Gautier aufrichtiger und sagt ä ce qu'on di-\nsait und sur ce qu'on en rhatten wir uns\neinen ganz anderen Wagner zurecht gemacht, als der\nwirkliche ist. Ohne ihn freiwillig von Melodie, Rhythmus\nund strenger Form für entblösst zu halten, wie man sagte,\nglaubten wir es mit einem kühnen Neuerer in der Tonkunst\nzu thun zu haben, der die alten Regeln abschüttelt, seit-\nsame Combinationen erfindet, unerwartete Effecte versucht,\nmit einem Paroxysten man erlaube das Wort —, der Al-\nles auf die Spitze stellt, die Leidenschaft übertreibt, um\nNichts einen Orkan im Orchester los lässt und wie eine\nmusicalische Wasserhose über das betäubte Publicum hin-\nweg zieht. Wir stellten uns ihn als ein tobendes Genie\nvor, chaotisch und blitzleuchtend, mit Sturm, Finsterniss\nund Lichtschimmer, einer ungebändigten Phantasie zur\nBeute verfallen, als einen Kreisler Hoffmann, neben\ndem Beethoven, Weber, Meyerbeer und selbst Berlioz fade\nund classisch erschienen, und nach allem, was man von\nal•# , « •\nihm erzählte [das ist in der Regel die Hauptquelle bei den\nFranzosen!], war es schwer, sich eine andere Vorstellung\nzu machen."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "333", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5084, "texte": "„Dann hatte das Beiwort romantisch auf dem Titel\nder Oper Tannhäuser nicht wenig dazu beigetragen, unser\nUrtheil irre zu führen. In Frankreich erweckt dieses Wort\nnicht dieselbe Vorstellung, wie in Deutschland; lür uns\nFranzosen bedeutet es die Freiheit in der Kunst, die grosse\nliterarische Revolution von 1830 wir denken dabei an\nVictor Hugo, Dumas, Delacroix u. s. w. Im Vaterlande\nvon Tieck, Uhland und Göthe bezeichnet es weiter nichts\nals die Rückkehr zum Mittelalter [!]. Ein deutscher Maler\nz. 8., der ein romantisches Gemälde machen will, ahmt\nmöglichst treu die Werke der alten Meister, eines Mem-\nling [statt Hemling], van Eyck, Schoorel [Schoreel], Wol-\ngemuth, A. Dürer nach u. s. w.\n„Mithin ist die Oper Tannhäuser zwar sehr roman-\ntisch im Sinne der Deutschen, aber sie ist es wenig oder\ngar nicht lür uns. Nachdem wir den Begriff des Wortes\ngehörig klar gemacht haben [!!], wird das Urtheil über das\nWerk gar sehr erleichtert, und was dunkel schien, wird in\nhellem Lichte erscheinen. Der Componist des Tannhäuser,\nweit entfernt, Weber oder Meyerbeer zu überbieten, ist\nmit Ueberlegung in die Vergangenheit zu den Quellen der\nMusik zurückgegangen, gerade wie ein Maler, der van\nEyck oder Angelico Fiesole nachahmen würde.\" [Nachher\nwerden wir sehen, dass Herr Gautier den Tannhäuser „voll\nvon Fugen, Contrapunkt und gelehrten Canons\" findet!]\nHierauf macht er die Leser auf seine Weise mit der\nSage von dem Venusberg und dem Tannhäuser bekannt\nund schliesst diese Stelle folgender Maassen:\n„So verschwand denn auch der gute Tannhäuser, den\nEinige mythisch und historisch lür einerlei mit Heinrich\nvon Ofterdinzen (Ofterdingen) halten, in dem Zauberberge\nund lebte mit Frau Venus ehelicher Weise sieben Jahre\nlang. Am Ende dieser Zeit sagt der Ritter, der, übersättigt\nvon Ambrosia, erschöpft durch Lust, gelangweilt durch\nSeligkeit, doch immer noch ein Bisschen deutsche Grobheit\nbeibehalten hatte, der Venus, die ihre weissen Arme um\nseinen Hals schlingt, ins Gesicht: „ „Ihre Liebe ist mir\npeinlich geworden; ich bilde mir ein, o Venus, mein zärt-\nliches und wohledles Fräulein, dass Sie eine Hexe sind.\"\"\nUnd darauf verlässt der Schafskopf den Berg und geht\nnach Rom. Der Papst versagt ihm die Lossprechung, und\nder arme Junge kehrt zu Frau Venus zurück.\n„In der Oper sieht man im ersten Acte Tannhäuser\nin dem Hörselberg. Tannhäuser, der Zaubergesänge,\nder griechischen Phantasmagorieen und der olympischen\nKüsse müde, denkt an seine alte Grossmutler, an seine\njunge Braut, an die Glocke der kleinen Capelle, reisst sich\nunter Anrufung des unbefleckten Namens Maria aus den\nUmarmungen der Venus los und befindet sich auf freiem\nFelde. Der Kampf des spiritualistischen und materiellen\nPrincips, die sich um die Seele Tannhäuser's streiten, ist\ndurch den Componisten gut wiedergegeben. Die dumpfe\nAufregung im Orchester, die abgebrochene und tief auf-\nathmende Declamation, die plötzlichen Ausbrüche der\nStimme schildern den Zustand des Ritters ganz gut, aber\ndie Verlührung hat vielleicht nicht Reiz genug. Venus und\ndie Sirenen könnten wohl anmuthigere Motive anwenden,\num den Flüchtling zu fesseln. Aber Wagner's System,\ndurch ein ewiges Recitativ den Sinn der Worte treu zu\nübersetzen, duldet keine beschwingte Melodie, die da in\neigener Laune über dem Gedanken wie ein Schmetterling\nüber der Blume flattert; die Note setzt sich genau aufs\nWort und schwingt sich nicht lür sich allein himmelan in\neinem Hauch oder in einem Strahl, und der Rhythmus,\noft kaum bemerkbar, folgt mehr der gesprochenen Phrase\nals der musicalischen Periode.\n„Sohald Tannbäuser sich im Freien befindet, spielt\nein Hirtenknabe eine ländliche Cantilene, deren Einfachheit\nmit den schmachtend verlockenden Stimmen der Sirenen\neinen Gegensatz bilden soll; sie könnte melodiöser und fri •\nscher sein, ohne der Wahrheit Eintrag zu thun. Wir hät-\nten etwas Fröhliches, Lichtes und Klares gewünscht, wie\nden Gesang des Schäfers von Gounod [in dessen Sappho,\nwozu Gautier den Text gemacht hat, welcher Gesang übri-\ngens eine Nachahmung des Wagner'schen ist]; aber ein\nHirt in Thüringen kann freilich nicht so zierlich sein, wie\nein griechischer Schäfer. Bald darauf erscheint ein Pilger-\nzug, der die Gelühle von Reue und Religion in Tannhäu-\nser's Seele anregt, die schon durch das Lied des Knaben\nheiterer geworden ist. Dieser Marsch, der nothwendig\neinen bestimmten Rhythmus hat, um den Zug zu beglei-\nten (!), ist sehr schön und macht eine hinreissende Wir-\nkung; er ist eines der besten Stücke des ganzen Werkes,\nund der Nachklang desselben in der Erinnerung sondert\nsich rein von dem Hintergrunde der etwas ins Weite\nschweifenden Recitative und Melopöen ab, welche die all-\ngemeine Färbung des Werkes bilden. Das ist eine Musik\nvoll Grösse, Charakter und Ueberzeugung [man muss\nhierbei an den jetzigen pariser Mode-Ausdruck:\nconvaincu, denken, d. h. im guten Sinne ein Künstler, der\nweiss, was er will, aber freilich auch oft einer, der von\nseiner IJnübertrefTlichkeit überzeugt istj.\n„Ein anderes sehr merkwürdiges Stück ist eine Art\nvon Fackelmarsch (marche auxfiambeaux), der den zweiten"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "334", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4983, "texte": "Act eröffnet, als die Damen und ritterlichen Gäste den\nLandgrafen begrüssen und ihre Sitze beim Sänger-Wett-\nstreit einnehmen. Das ist feierlich, glanzvoll, voll Melodie,\nja, voll italiänischer Melodie. Wir sagen dies auf die Gefahr\nhin, bei Wagner anzustossen, der bei Rossini tief verschul-\ndet ist (profondement). Auch in einem Concerte würde die-\nser Marsch grosse Wirkung machen.\n„Tannhäuser singt zur Harfe, aber sein durch heidni-\nsche Sinnlichkeit entnervter Gesang schildert nur die irdi-\nsche Liebe und die sinnliche Lust. Er kann sich nicht zur\nidealen und himmlischen Liebe erheben und trägt also auch\nnicht den gehofften Preis davon, den ihm Elisabeth, die\nPrinzessin von Thüringen, schon im Voraus zugedacht hatte.\n[Welch eine nüchterne Auffassung des ganzen zweiten Ac-\ntes!] Die Verschiedenheit im Charakter der Lieder der\nkämpfenden Sänger ist nicht genug ausgeprägt, wenigstens\nfasst man sie nicht leicht beim ersten Anhören. [Vom Fi-\nnale kein Wort!]\n„Im dritten Acte kommt Tannhäuser von seiner Pil-\ngerfahrt ohne die gesuchte Absolution zurück; das teufli-\nsche Bild der Venus erscheint ihm wieder, er schwankt\nzwischen Himmel und Hölle, zwischen reiner und sinnlicher\nLiebe, zwischen der spiritualistischen und materialistischen\nK u ns t [sie /]. Unterdessen stirbt die Tochter des Landgra-\nfen, man bringt ihre Leiche mit einem Kranze von weis-\nsen Rosen geschmückt, dem Symbol der Reinheit, und\nTannhäuser stirbt in Reue.\n„Wie gesagt, Wagner's Romantik ist vielmehr eine\nRückkehr zu den alten Formen, als eine umwälzende Neue-\nrung; sein Orchester ist voll von Fugen, von Contrapunk-\nten, die von Canons umblüht sind (de contre-points fleuris\nde canons), welche mit grosser Kenntniss durchgeführt sind.\nNichts ist weniger wild und zerzaus't; die anscheinende\nUnordnung rührt nur von dem Mangel an bestimmtem\nRhythmus her, den der Meister absichtlich vermeidet, so\nwie er sich auch des Modulirens enthält (!). Wagner\nschreibt sich selbst den Text zu seiner Musik, damit der\nZusammenhang der Worte und der Töne noch vollkomme-\nner sei. Wird dieses System zur Geltung kommen? Wird\nRichard Wagner der Maestro der Zukunft sein? Ist Wag-\n-4\nner, der Idealist, welcher die Sinnlichkeit der Melodie, die\nAnmuth des Rhythmus eben so verschmäht, wie die deut-\nschen Maler die Farbe, dazu ausersehen, die grossen Mei-\nster der Kunst zu entthronen? Wir glauben es nicht; allein\nwir wünschten eine Aufführung des Tannhäuser auf dem\nTheater der grossen Oper zu Paris. Die Partitur verdient\ndiese feierliche Probe!\n„Uebrigens ist das Werk hier sehr gut aufgeführt\nworden, mit tiefer deutscher Auffassung, durch Herrn Ti-\nchatschek, den berühmtesten und sogar den einzigen Te-\nnor in Deutschland [So ein Franzose tritt eben über die\nSchwelle und kennt sofort das ganze Haus mit allen seinen\nBewohnern!], und durch Fräul. Stork, Prima Donna des\nherzoglichen Theaters in Braunschweig. Die Chöre haben\nihre Aufgabe mit jener Präeision gelös't, die man nur in\nDeutschland findet. Auch das Orchester unter der Leitung\ndes Herrn Hagen, Capellmeislers des Herzogs von Nassau,\nwar vortrefflich.\n„Der Gedanke, den Tannhäuser in Scene zu setzen,\nist eine Artigkeit, welche der Veranstalter der Festlichkei-\nten in Wiesbaden, Herr Leopold Amat, der französischen\nPresse hat erzeigen wollen.\" (!)\nSo weit Herr Theophil Gautier.\nHerr Amat in Wiesbaden will in die Fussstapfen sei-\nnes berühmten Collegen, des Spielpachters Benazet in Ba-\nden-Baden, treten. Er hat Recht es wird noch lange\ndauern, ehe die deutschen Regierungen ihr Rien ne va plus\nüber die Spielhöllen aussprechen, zumal in jenem Land-\nstriche am Mittelrheine, wo die Zucht der Affen des Fran-\nzosenthums wieder trefflich zu gedeihen beginnt und, wie\nbei den Cigarren, auch bei den Künstlern das Importirte\nam gesuchtesten ist.\nWir erwähnten eben Herrn Benazet. Wenn Th. Gau-\ntier Herrn Amat ein dummes Compliment macht —er wird\nwohl wissen, warum —, so lacht man darüber, dass ein\npariser Feuilletonist einen Spielpachter über ein fürstliches\nHoftheater verfügen lässt. Was soll man aber dazu sagen,\nwenn ein Mann von grossem Talent und grossem Rufe,\nein Künstler, der in der musicalischen Welt selbst von sei-\nnen Gegnern mit Achtung und Ehren genannt wird, mit\nEinem Worte, wenn Hector Berlioz sich dazu hergibt,\ndem Vorsteher der Roulette- und Trente-Quarante-Gaunerei\nin Baden eine Apotheose zu widmen, in welcher er ihn als\nProtector und Förderer der Kunst über Könige und Für-\nsten erhebt und dessen musikfestliche Speculationen mit den\nKunst-Anstalten des alten Griechenlands vergleicht!\nMan lese das 12 Spalten lange Feuilleton des Jour-\nnal des Debats vom 24. September d. J. von H. Berlioz,\nder darin über das letzte grosse Concert im Conversations-\nsaale von Baden-Baden, welches er selbst dirigirt hat, be-\nrichtet amüsant genug an vielen Stellen, z. B. wenn er\nbei der Erwähnung, dass Benazet ihm mit den Worten:\n„ Faites les choses royalement\" gegeben, an\nLudwig XIV. erinnert, der zu Jean Bart sagte: „Jean"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "335", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2976, "texte": "Bart, ich habe Euch zum Admiral ernannt!\" worauf dieser\nerwiderte: „Daran haben Ew. Majestät sehr wohl gethan\"\n—; auch da, wo er die Noth, die ein Musik-Director mit\nden Sängerinnen hat, schildert. Allein man höre folgenden\nEingang:\n„Im Grunde ist das pariser Publicum über das, was\nalljährlich gegen Ende des Sommers in Baden geschieht,\nnicht recht im Klaren, wiewohl es sich viel damit beschäf-\ntigt. Es scheint ihm überdies so sonderbar, dass ein Mann,\nder kein Fürst ist, bei so grossen Kunst-Unternehmungen\ndie Initiative ergreift und den Einfluss ausübt, den man\nihm zuschreibt, dass dies vollends seine Vorstellungen ver-\nwirrt. Und in der That, wie sollte man es für möglich hal-\nten, in einem kleinen Städtchen Deutschlands etwas zu\nStande zu bringen, was man in Paris nicht fertig bringt,\nund dass ein Privatmann etwas unternehmen kann,- was\nbis jetzt noch kein König in ganz Europa ver-\nsucht hat! Freiwillig für Musik und Literatur reine Ver-\nluste auf sich zu nehmen, Gold mit vollen Händen auszu-\nstreuen, nur um ein schönes Kunstresultat zu\nerzielen, ohne die geringste Einnahme einzucassiren, das\nerlebt man in keinem Lande der Welt, und davon haben\neuch selbst die Theater, die unter königlichem Schutze\nstehen, noch kein Beispiel geliefert.\n„Gibt es irgendwo in der Welt eine einzige der Musik\noder der dramatischen Kunst geweihte Anstalt, die nicht\nzugleich eine Billet-Bude ist? die bloss auf die Schönheit\nder Werke und die gewissenhaft treue Aufführung dersel-\nben sieht? deren Verwalter oder Director von vorn herein\nauf die Einnahme verzichtet? Die Alten halten in Hin-\n\\\nsieht auf die grossen Werke des menschlichen Geistes ganz\nanders würdige und erhabene Ideen für sie war die Kunst\nkein Handelsgegenstand, keine feile Waare, deren Werth\nje nach dem Zudrange des Volkes zum Kaufen stieg oder\nfiel. Wo ist im Vaterlande eines Shakespeare und\nBeethoven eine Veranstaltung, einer möglichst grossen Zahl\nvon intelligenten Wesen den Vollgenuss ihrer Werke ohne\nHintergedanken von Gewinn oder Kostendeckung zu ver-\nschaffen? Sollte nicht in England eine Shakespeare-Truppe,\nin Deutschland ein Beethoven-Verein von einigen Hundert\nTonkünstlern bestehen, um alljährlich alle ihre Werke ohne\nEintrittsgeld zur Aufführung zu bringen?\n„Nun, was alljährlich im August und September in\nBaden geschieht, ist genau die Verwirklichung, wenn auch\nin kleinerem Maassstabe, einiger der Ideen, die ich so eben\nausgesprochen habe und die glücklicher Weise nicht von\nJedermann für thöricht gehalten werden.\"—Und nun wird\nHerr Benazet auf den Schild gehoben!\nSo verläugnet Berlioz seine Kenntniss der Musikzu-\nstände in Deutschland und England und der Musikfeste in\nbeiden Ländern, seine Erfahrungen in Weimar und alles,\nwas ihn als Mann und Künstler achtungswerth gemacht\nhat, um einem Spielpachter das Weihrauchfass ins Gesicht\nzu schleudern!\nSollte Herr Benazet diese Apotheose vielleicht haupt-\nsächlich dadurch verdient haben,\nrien.... que de payer?(Spalte 6a. a. O.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-10-17-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-10-17_01#c004", "volume": "bmtnabi_1857-10-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "335", "page_fin": "336", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "335", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.1.7", "debut_caractere": 2978, "fin_caractere_exclue": 5621, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Herr Musik-Director Karl Reinthaler ist zum Nach-\nfolger des unlängst verstorbenen Riem in Bremen gewählt wor-\nden und wird diese neue Stellung zum 1. April künftigen Jahres\nantreten.\n** ISarmeil* Unsere Concert-Saison hat frühzeitig begonnen.\nDie Geschwister Raczek haben zwei Concerte gegeben und reichen\nBeifall für ihre staunenswerthen Leistungen errungen. Ausserdem\nhat die hiesige Liedertafel zwei Concerte mit grossem Orchester zum\nBesten der Abgebrannten an der Mosel gegeben; das eine derselben\nwar sehr stark besucht Und brachte ein sehr günstiges Resultat zu\nWege. Das Programm des ersten Concertes lautete folgender Maas-\nsen: 1) Ouvertüre zuEgmont von Beethoven; 2) Motette von Klein;\n3) Ave verum von Mozart; 4) Liedesfreiheit von Marschner; 5) Vio-\nlin-Concert von Mendelssohn, vorgetragen von Herrn Posse; 6)\nDithyrambe von Rietz; 7) Ouvertüre und Soldatenchor aus dem\n„vierjährigen Posten\" von Reinecke; 8) Elegie von Ernst, vorgetra-\ngen von Herrn Posse; 9) Die Wacht am Rhein von Karl Wilhelm;\n10) Bacchuschor aus Antigone von Mendelssohn. Das zweite Concert\nbrachte ein in mancher Beziehung noch interessanteres Programm,\nwie man denn mit Freude die Wahrnehmung macht, dass die Lie-\ndertafel sich stets in der Wahl ihrer Sachen jeglicher Trivialitäten\nenthält. Das zweite Concert ward eröffnet mit der Ouvertüre zum\nWasserträger; dann folgten Abendlied von Kuhlau, Auf der Wacht\nvon Reinecke, Pianoforte-Concert (G-moll) von Mendelssohn, vorge-\ntragen von Herrn Musik-Director Reinecke, Blücher am Rhein\nvon Reissiger und Sanctas aus dem Requiem von Cherubini. Der\nzweite Theil des Concertes begann mit der Iphigenien-Ouverture von\nGluck; dann sang die Liedertafel drei deutsche Volkslieder, Herr\nSeiss spielte Andante und Rondo aus dem zweiten Concert von de\nBeriot, und den Schluss machten Mendelssohn's allbekanntes, doch\nnie zu oft gehörtes Lied ~Wer hat dich, du schöner Wald\" und der\naltdeutsche Schlachtgesang von Julius Rietz. Die Liedertafel hat in\nbeiden Concerten ihre Tüchtigkeit vollständig bewährt, doch wäre es\nsehr zu wünschen, dass sie in numerischer Anzahl zunähme, da sie\nden grossen Saal der Schützenhalle, in welchem sie ihre Concerte\ngab, bei den kräftigen Liedern nicht ausreichend füllt.\nDer Herzog Karl Paul Louis Eugen von Würtemberg\nist am 16. September auf dem herzoglich würtembergischen Resi-\ndenzschlosse Karlsruhe in Schlesien am Schlagflusse gestorben. Der\nVerewigte war (am 8 Januar 1788 geboren) russischer General der\nCavallerie und einer der tüchtigsten Heerführer in den Jahren 1812\nbis 18V&. Er war aber auch Musiker und componirte mehrere Opern,"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "336", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4479, "texte": "wovon eine, „Die Geisterbraut\", zum ersten Male 1842 in Breslau\naufgeführt wurde.\nBerlin. Se. Majestät der König hat dem k. Hofkirchen-Musik-\nDirector Emil Naumann den Rothen Adler-Orden IV. Classe ver-\nliehen in Anerkennung seiner Verdienste um die Ermöglichung der\nEinführung des Psalmen-Gesanges in der evangelischen Kirche.\nNach der pariser Gazette et Revue musicale hat Se. Maj der Kö-\n» •\nnig den Wunsch ausgedrückt, die Oper Samson von Duprez,\ndem ehemaligen berühmten Tenoristen der grossen Oper zu Paris,\nzu hören. Duprez ist in Berlin gewesen und hat mehrere Nummern\nseiner Oper am Ciavier in musicalischen Kreisen hören lassen. Am\nköniglichen Hofe ist jedoch, so viel wir wissen, kein Concert der\nArt gewesen.\nHerr von Wasielewski hat seine Biographie Robert Schü-\nseit einigen Monaten vollendet, und man darf dem Erschei-\nnen derselben in nächster Zeit entgegensehen, da der Druck durch\ndie Hof-Buchhandlung von Rudolf Kuntze in Dresden bereits vorbe-\nreitet wird.\nWien. Wenzel Scholz, der Veteran des wiener Komus, der\ndurch dreissig Jahre das Publicum Wiens sowohl durch seine hin-\nreissende Komik wie durch die sichere Zeichnung seiner lustigen\nCharaktere, so wie durch seine drollige Persönlichkeit erheiterte, ist\nam 5. October, um 11 Uhr Abends, in seinem Lehnstuhl ruhig und\nfür immer entschlafen. Scholz war der Sohn eines preussischen Offi-\nciers, von Plümeke, und wurde zu Innsbruck am 29. März 1786 ge-\nboren. Er widmete sich dem Kaufmannsstande, obwohl sich sein Va-\nter, der eines Duells halber aus seinem Vaterlande fliehen musste,\nder Bühnenwelt zugewandt hatte. Im Jahre 1812 übernahm der junge\nScholz zu Klagenfurt, wo seine Mutter die Direction eines Theaters\nführte, die Rolle statt eines durchgegangenen Schauspielers und\nbahnte sich so seine Theater-Carriere an. Im Jahre 1815 wurde er\nan Rose's Stelle im Hofburgtheater engagirt, wo er jedoch nicht\nlange verweilte, sondern Engagements bei verschiedenen Provinz-\nBühnen nahm, bis er 1826 wieder nach Wien ins Leopoldstädter-\nTheater kam. Da und im Theater an der Wien wirkte er 31 Jahre\nlang ununterbrochen bis zu seinem Tode fort. Das Carl-Theater be-\nging am 8. October die Trauer um Scholz. Der Director Nestroy\nhat die erste Aufführung der Parodie ~Tannhäuser\" zum Benefiz für\ndie Witwe des Verstorbenen bestimmt. Am 7. October, Nachmittags\n3 Uhr, fand Wenzel Scholz's Leichenbegängniss Statt. Es zeigte sich\ndabei eine Theilnahme der Bevölkerung, wie seit Lanner's und\nStrauss' Beerdigung nicht gesehen worden ist; die Jägerzeile war\nmit abertausend Menschen besäet, welche Zeugniss von der Trauer\nüber den Heimgang ihres Lieblings ablegten. Der Zug ging von der\nWohnung des Verblichenen in der Praterstrasse noch einmal am\nCarl-Theater, der Ruhmesstätte des Verstorbenen, vorüber; an den\nbeiden Seiten der Bahre schritten mit brennenden Kerzen sechs jün-\ngere Schauspieler des Carl-Theaters, hinter dem Sarge die trauern-\nden Verwandten, dann die Mitglieder des Carl-Theaters, darauf die\nmeisten Schauspieler der anderen Theater, Altmeister Anschütz.\nLöwe, Fichtner, Lucas, Beckmann, Director Laube, gefolgt von einer\nReihe von Schriftstellern, Künstlern und Verehrern des Verstorbenen;\ndem Männerzuge schloss sich im unmittelbaren Gefolge der Gattin\nund der beiden Töchter des Verstorbenen das weibliche Personal des\nCarl-Theaters und eine grosse Anzahl von Frauen der verschieden-\nsten Stände an; bis zum Schloissnigg'schen Hause gelangt, wandte\nder Zug sich die rechte Häuserreihe der Jägerzeile entlang zurück\nund ging zur Pfarrkirche bei St. Johann, wo die kirchliche Feier\nStatt fand, wobei eine vom Orchester-Director Krottenthaler compo-\nnirte Cantate gesungen wurde. Von der Dornbacher Kirche aus ging\nder Zug nach dem Friedhofe. Am offenen Grabe hielt er. Ein Choral\n(von Capellmeister Binder) tönte als letzter Abschiedsgruss dem Todten.\nParis. Auber's Cheval de brome füllt wiederholt das Haus\nder grossen Oper.\nDie Oper hat mit Verdi's Trovalore eröffnet. Ma-\nrio, aller Welt theuer, namentlich dem Director Calzado, der ihn\nauf sieben Monate für 15,000 Fr. monatlich engagirt hat, trat\ndarin auf. Das ist ein artiges Geld für drei bis vier hübsche Tone,\ndie noch an Jugendfrische erinnern, zumal wenn man dafür das\ntonlose Herausschreien an Stellen, wo eine Art von Selbstverzweif-\nlung eintritt, ferner die unverantwortlichen Nachlässigkeiten in Spiel\nund Gesang und eine Menge von Mängeln jeder Art mit in den\nKauf nehmen muss.\nVieuxtemps ist bereits in New-York angelangt."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "329", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie musicalische Monatsschrift von E. Sobolewski. Theophil Gautier über den Tannhäuser in Wiesbaden, und Hector\nBerlioz über Herrn Benazet in Baden-Baden. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Musik-Director C. Reinthaler Barmen,\nConcerte Herzog von Würtemberg -j- Berlin, Ordens-Verleihung, Oper Samson von Duprez von Wasielewski Wien, Wenzel\nScholz + Paris, Die grosse und die italiänische Oper Vjeuxtemps).\n\nEine musicalische Monatsschrift.\nUnter dem undeutschen Titel: „Debatten über\ndramatische, lyrische, Kirchen-, Concert- und\nKammermusik u. s. w., herausgegeben von E. Sobo-\nlewski, Bremen, 1857, Druck von F. 0. Dubbers\"\nliegt uns ein „Heftchen Nr. 1., Monat Juli\" vor, auf\ndessen Umschlag diese „Debatten\" als eine neue periodi-\nsche Schrift, in zwölf Heften jährlich (vierteljährlich 1 Thlr.),\nangekündigt werden.\nDem Titel nach soll dieselbe also das gesammte Ge-\nbiet der Musik umfassen. Der Zusatz (der sich ebenfalls\nauf dem Titel befindet): „In einem Kreise von\nKünstlern und Kunstfreunden herausgegeben\nvon E. S.\", soll wahrscheinlich, so undeutlich er auch aus-\ngedrückt ist, die Unterstellung wirklicher Erörterungen\nunter Musikern annehmbar machen; allein ein paar vorge-\nsetzte Namen machen noch lange nicht einen abhandelnden\nDialog aus. Vom Wesen eines solchen ist in dem Heftlein\n(24 S. kl. 8.) keine Spur vorhanden. Der Titel ist folglich\nschlecht gewählt, weil er etwas erwarten lässt, was gar\nnicht gegeben wird.\nEine Art von Vorwort spricht den Zweck der „De-\nbatten\" nichts weniger als klar aus. Was soll man aus\nüberschwänglichen Redensarten wie folgende als Kern her-\nausnehmen? „Wie die Einbildungskraft des Astronomen\"\nso beginnen „die Debattirenden\" „trotz der nebel-\nauflösenden Kraft seiner gewaltigen Fernröhre sich nur\num so tiefer und ahnungsvoller in den Weltenraum ver-\nsenkt, so werden die Untersuchungen, die wir im Gebiete\nder Musik anstellen, dieser Kunst, die so rein selbstständig\n[auch in der Vocalmusik?] in ihrer Innigkeit und Aus-\ndrucksweise die tiefsten Erbebungen des Herzens wie keine\nandere auszusprechen weiss, nur den Zauber ihrer Unbe-\ngränztheit verstärken.\" Was heisst das: „Die Untersuchun-\ngen über Musik sollen den Zauber ihrer Unbegränzt-\nheit verstärken?\"\nAlsdann stossen wir auf „Entfaltungdes wunderbaren\nGewebes des Organismus der Musik\" ■—-„die Musik braucht\nnicht allein Imagination, sondern auch Wissenschaft\"\n„diese Kunstbesprechungen werden hoffentlich Alle zu einer\n[Einer?] Partei vereinigen\" u. s. w. und sind über das,\nwas die Herren eigentlich wollen, so klug, wie zuvor.\nIndess aus der Anrede des ersten „Debattirenden\"\nauf S. 2, dem man den Namen Telemann gegeben hat, er-\nfahren wir, dass die Gesellschaft „das Alte nicht durchweg\ngoutiren und in das Lob des Neuen nicht unbedingt\neinstimmen\" wolle, sondern „Einiges aus dem Dunkel her-\nvorziehen, Anderes zum Styx hinabstossen, mit Einem\nWorte: den alten Augiasstall wieder einmal kehren.\"\nNun sind wir sicher im Klaren!!\nWenn wir irgend einen Sinn aus diesem Klingklang\nherausholen können, so scheint es, dass die Herren über\nnichts weniger als über wissenschaftlich-ästhetische Fragen,\nwelche die Zeit bewegen, reden wollen. Wenn dem so ist,\nso müssen wir bedauern, dass ihnen, wenigstens denjeni-\ngen, die in diesem ersten Hefte auftreten, weder das Zeug\ngegeben ist, das Gebiet jener Fragen gründlich zu bearbei-\nten, d. h. darüber consequent zu denken, noch das etwa\nGedachte in eine logisch klare und durch die Form anzie-\nhende Darstellung zu bringen. Um so unverantwortlicher\nist es, wenn sie auf ein Werk wie Vi scher' s Aesthetik\nmit Geringschätzung herabblicken und an einigen Orten\neinen Ton darüber anstimmen, der zu nichts Anderem die-\nnen kann, als ihre Unwissenheit und Unbeholfenheit in den-\njenigen wissenschaftlichen Dingen, welche die Kunst betref-\nfen, an den Tag zu legen."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "330", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.1.2", "texte": "So heisst es z. B. S. 2: „Eure Aufgabe ist schwer.\nSchaut Ihr doch schon mit Misstrauen auf Vischels Aesthe-\ntik der Musik, nur weil er S. 1147 von der hohen Be-\ndeutung Marschner'scher Werke spricht.\" S. 4: „Vi-\nschels Aesthetik ist sehr achtungswerth [wahrhaftig?]; doch\nkann eine Aesthetik der Musik nur von jemand ge-\nschrieben werden, der zugleich Musiker und Philosoph ist.\nDa Vischer nicht Musiker, wenigstens nicht in dem erfor-\nderlichen Grade ist, so kann sein Werk nur in einzelnen\nTheilen genügen.\" [Davon ist gerade das Umgekehrte\nwahr; im Ganzen, im System ist Vischer's Werk vortreff-\nlich, und nur im Einzelnen vermisst man hier und da den\nMusiker. Nun folgt jedoch das Beste, indem die Herren\nfortfahren:] „Da aber auch unter uns kein Philo-\nsoph ist [sehr wahr!], so werden wir nur einzelne Bau-\nsteine zu dem Werke liefern können, das vielleicht einst\ngeschrieben wird.\" Das heisst also: Wäre ein Philo-\nsoph unter uns, so würden wir jene Aufgabe lösen. Sehr\nbescheiden. Wir lürchten aber sehr, dass selbst diese Bau-\nsteine viel früher verwittern und zerbröckeln dürften, als\nder Messias der Aesthetik der Musik erscheint.\nWir wollen uns einige derselben etwas genauer an-\nsehen.\nS. 3: „Ihr werdet zu erforschen haben, was schön,\nwas unschön in der Musik; denn ich gestehe, das Ver-\ntrauen auf mein Trommelfell ist sehr erschüttert. Bei der\nAccorden folge a eis e g und a c es g im Finale des ersten\nActes von Lohengrin bekam ich Anfangs ein Gefühl, als\nsteche mich eine Wespe in den zartesten Theil meines\nempfindsamen Körpers; nachdem ich jedoch die Oper mit\nSängern und Orchester einige hundert Mal durchgemacht\nhatte, empfand ich nichts mehr.\" Moral: Werdet dick-\nhäutig !\n„Freund Liszt macht euch irre, indem er im Andante\ndes Prometheus alle Harmonielehren über den Haufen\nwirft.\" „Allein Liszt hat jene Harmonieschritte wohl\nüberlegt, und mir klingen sie auch.\" (S. 5.)\nDer Präsident. „Ehe wir die einfacheren Gebilde\nder Harmonie nicht festgestellt, scheint mir eine Debatte\nüber Liszt's Accord en folge nicht fruchtbringend. Hin-\nsichtlich der Harmonielehre werden wir der Natur\nzu folgen haben. [Da seid ihr auf der rechten Spur, nur\nlasst euch nicht zerstreuen!] Hauptmann hat diesen gros-\nsen Wegweiser vielleicht nur aus Ueberfluss, nicht aus\nMangel an Geist übersehen. Er holt sich zur Kühlung sei-\nnes Champagners das Eis von Cotopaxi (!). Die Grundsätze\nder Form dürften wir im einfachsten rhythmischen Gebilde\nerkennen, die Modulation als eine weitere Hebung und\nSenkung zu betrachten haben.\" (S. 6.) Nun, da sind wir\nneugierig! Da uns aber noch kein weiteres Heft zu Gesicht\ngekommen, so müssen wir uns gedulden; denn in dem er-\nsten wird dies alles nur so ohne Zusammenhang\nment hingeworfen.\nDann wird ein Brief von „Wilibald\" aus „Paris\" vor-\ngelesen. Dieser bildet den Haupt-Abschnitt im ganzen Hefte\n(S. 7 22). Der Schreiber desselben theilt uns zuvörderst\nseinen Aerger über einige französische Witze über Liszt\nmit. Um ihn zu vertreiben, ergreift er ein Buch. „Anfangs\nlas ich mit jener Verschleierung des inneren Auges, die bei\nmir jedesmal eintritt, wenn mir ein unangenehmer Gedanke\ndumpf im Kopfe herumwühlt, der in der Regel unüber-\nsetzbar, diesmal aber etwa so zu umschreiben wäre: Der\nMensch ist mitunter das beste, aber auch oft das mechan-\nteste unter allen Thieren und solch ein Murmeln hört\nerst auf, wenn man sechs Stunden geschlafen hat, oder\nnoch etwas Aergerlicheres kommt.\"\nWas sagt der Leser zu diesem Stil- und Phantasie-\nPröbchen? Welch ein romantisches Bild! Herr Wilibald\nauf dem Sopha, innerlich verschleiert, in seinem Kopfe das\ndumpfe Murmeln eines unangenehmen Gedankens, dessen\nEntbindung die nagelneue Wahrheit gebiert, dass der\nMensch gut und böse ist! ich wollte sagen: „mechant\".\nNebenbei nämlich wird die Sprachmengerei auf widrige\nWeise getrieben, gerade als lebten wir noch in dem Jahr-\nhundert, wo man glaubte, französische Wörter verriethcn\nden gebildeten Mann und zierten den deutschen Stil! De-\nbatten, Imagination, goutiren, contagiös, Flambeau der Ver-\nnunft, maltraitirt, consumirt, brodirt u. s. w. sind lür uns\neben so unangenehme Wespenstiche, wie die oben er-\nwähnte Accordfolge im Lohengrin.\nDoch weiter. Das Buch, das der so genannte Wilibald\nzur Abdämpfung seines Aergers ergriffen, ist Ulibischeff's\nMozart, und nun werden dem armen UlibischefF aus der\nhistorischen Einleitung, die heutzutage fast so gut wie ver-\ngessen ist, nachträglich einige Irrthümer nachgewiesen.\nDiese Schulweisheit war sehr wohlfeil zu haben! Wir er-\nfahren jedoch dabei unter Anderem, „dass A-moll eine\ndurchaus unnatürliche und unmelodische Tonart sei\"; dess-\nhalb schlägt der Verfasser vor, „unsere beiden Tonarten\nnur bis zur Sext hinauf zu lühren, C d ef g a, und dann\nwieder zurück, und A h c d e f eben so.\" Eine kleine\nProbe von den neuen „Gebilden\", die wir zu erwarten\nhaben."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "331", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.1.3", "texte": "Wir erfahren ferner, dass der „selige Mentor\" Herrn\nWilibald's das „ Capitel über die ästhetische Seite der Mu-\nsik\" folgender Maassen begann:\n„Die Schöpfung brauchte sechs Tage, um sich dem\nChaos zu entwinden; nicht so leicht wurde es der Musik.\nBis Palestrina dürfte sie wohl so viel Jahrtausende gebraucht\nhaben; denn sie ist so alt wie der Mensch, wie Glaube\nund Liebe und deren Organ, und wird es bleiben in Ewig-\nkeit.\" (S. 10.) Wahrscheinlich steckt hier ein Druck-\nfehler, indem der Verfasser doch wohl meint, die Musik\nsei das Organ des Glaubens und der Liebe, nicht aber, sie\nsei eben so alt, wie dieses Organ. Es kommen indess\nfreilich so schülerhafte Nachlässigkeiten hier und da vor,\ndass man sie bei dem besten Willen nicht auf den Setzer\nschieben kann; z. B. ebenfalls S. 10: „Mein Mentor be-\nrührte manche ästhetische Seite unserer Kunst, welche\nvon der oberflächlichen Weise des Ulibischeff oder der ge-\nlehrten Vischer's sehr abstach!\"\nAbgesehen von dem Schnitzer ist bei dieser Stelle die\nZusammenstellung von Vischer und Ulibischeff sehr be-\nzeichnend für die Bildungsstufe und das wissenschaftliche\nStreben des Verfassers, zumal, da er nicht erröthet, den\nersten Paragraphen von Vischer's Buche über die Musik\nmit gesperrten Lettern abdrucken zu lassen und ihm die\noben angeführte Faselei über die sechs Jahrtausende ent-\ngegen zu stellen! Noch strenger zu rügen ist aber, dass\ner am Schlüsse jenes §. 1 (oder 746 der gesammten\nAesthetik) Herrn Vischer sagen lässt: „Dies ist das\nWesen der Musik.\" Dies ist eine offenbare Unredlich-\nkeit; denn davon steht in jenem Paragraphen kein Buch-\nstabe. Vor solchem Unsinn ist ein Mann wie Vischer stets\nsicher; seine Untersuchung über das Wesen der Musik\numfasst bekanntlich an fünfzig Paragraphen, nicht einen\neinzigen.\nUnd von Leuten, welche auf eine so frivole Weise mit\nder Kunstlehre Spiel und Spott treiben, sollen wir neue\nAufschlüsse erwarten?\nDen Haupt-Inhalt von Wilibald's Brief und vom gan-\nzen ersten Hefte bildet eine ganz oberflächliche, rhapsodi-\nsche Uebersicht der Geschichte der Musik bis auf Pale-\nstrina. Sie enthält nur allbekannte Sachen und Aussendinge,\nbringt dann einige persönliche Expectorationen des Verfas-\nsers über Palestrina, die weder etwas Neues, noch das Alte\nin anziehender Form geben, Herr Wilibald müsste denn\nseine Aeusserung: „Palestrina wählte die Töne lür seine\nStimmen nicht bloss nach den Accordregeln, sondern auch\nnach ihrer verschiedenen eigentümlichen Klangfarbe\",\nwirklich für die »Lösung\"' eines bisher verschlossenen\n„Räthsels\" halten. (S. 17.)\nWenn sich der Verfasser in die philosophische Sphäre\nverläuft, so kommen vollends wunderliche Dinge zum Vor-\nschein. Wir geben ein paar Proben.\nS. 16: „ Palestrina's Musik entspricht ganz den Be-\ngriffen unserer Voreltern von absoluter und relativer Schön-\nheit, das ist Schönheit für den Geist und Schönheit für\ndas Herz.\n„Wie naiv dies auch den Ohren unserer Aesthetiker\nklingen mag, der Musiker vvusste mehr daraus zu entneh-\nmen, als aus dem Satze: „ „Das Schöne ist die Idee in be-\ngränzter Erscheinung.\"8\n„Die erste begründete sich nämlich auf Richtigkeit,\nKlarheit, Deutlichkeit, Ordnung und Einheit der verschie-\ndenen Theile und wurde absolute genannt, weil sie zu al-\nlen Zeiten und von allen Menschen, die einen gewissen\nCulturgrad erreicht, unveränderlich und allgemein aner-\nkannt ist.\n„Die zweite Art gründet sich auf Stimmung und Em-\npfindung der Individuen und Nationen, ist daher vielseitig\nund veränderlich. Man glaubt nur das, was man kann, nicht\ndas, was man will oder soll; sie wurde also relative Schön-\nheit genannt, weil sie nur in dem Maasse Wohlgefallen er-\nregt, als sie sympathetisch mitklingende Saiten vorfindet.\n„Die absolute Schönheit ist die Grundlage der relati-\nven, d. h. ohne Richtigkeit, Ordnung und Einheit ist über-\nhaupt keine Schönheit möglich.\n„Das absolute Schöne in Palestrina's Musik wissen\nwir auch heute noch zu erreichen, das relative aber ist von\neiner Erhabenheit, einer heiligen Tiefe und Allmacht, wel-\nche, so scheint es, nur zu jener Zeit als reichduftende\nBlüthe den Seelen entspross.\n„Zwar ist Glaube wie Liebe ein Natursloff, der sich in\nallen Menschen und zu allen Zeiten geltend macht, und wie\ndie Pflanze nach neueren Beobachtungen der Naturforscher\nzu ihrer Blüthezeit einen höheren Wärmegrad besitzt, so\ndurchströmt auch den Menschen zur Zeit der Begeisterung\nein lebensvolleres Gefühl, dessen Frucht die Schöpfungen\nder Kunst sind, doch verschieden von der Imagination\nb rodi rt.\n„Nur in ähnlichen Situationen haben die Menschen\nähnliche Ideen\" u. s. w.\nS. 20: „Es gibt etwas im Blut, in der Constitution,\ndas die Individuen von ihren Voreltern erben und das sie\nnicht nur für Laster und Tugend disponirt, sondern auch\nauf die feineren Nuancen der Kunst einwirkt. Wie es"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "332", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.1.4", "texte": "Familiennasen gibt, so muss es auch Familien-Gehirnfasern\ngeben; dem Negerknaben ward nicht bloss die Hautfarbe\nseiner Race, sondern auch der dicke Schädel und darunter\ndie analogen Nerven, die eigentlichen Vermittler zwischen\ndem Jen- und Diesseits.\n„Denn dem Jenseits, wohin wir nach unserer Meta-\nmarphose gelangen, das man sich bald über, bald in dem\nunendlichen Räume denkt, der aber wahrscheinlich kein\nRaum, noch ein ungeheures Grab, sondern ein Lebensäther\nist, der uns in Stunden der Weihe schon hier gewaltiger\ndurchdringt, der Erde entrückt und uns befähigt, Grosses\nund Schönes zu schaffen, das man so gern und nicht mit\nUnrecht himmlisch, göttlich nennt sind die Melodieen\nund Harmonieen entliehen, die uns auf dieser sublunari-\nschen Welt so wunderbar durchtönen.\n„Wie aber die Vibrationen des Lichtäthers nur in so\nweit ähnliche in der Netzhaut des Auges erzeugen, und\ndiese wieder nur in so weit den Sehnerven gleichartige\nmittheilen, als es die Beschaffenheit dieser Theile gestattet,\nso wird auch jene partikellose Materie, die unendlich dün-\nner als der Lichtäther alles Substantielle durchdringt, den\nSternen wie den Infusions-Thierchen und gewiss noch vie-\nlen uns ganz unbekannten Wesen und Welten Leben ver-\nleiht, welche bei ihrer Durchdringung des Gehirns den Ge-\ndanken bildet, dies alles nur in dem Verhällniss vermögen,\nals es die Eigenschaften der Organe gestatten.\n„Wir erfinden sonach nicht Gedanken, wir em-\npfinden sie nur, und die Fähigkeit, zu componiren, hört\nauf, sobald die vermittelnden Theile stumpf geworden oder\nabgestorben sind.\"\nUnd wozu dieser supernaturalistisch-materielle Galli-\nmathias? Um die grosse Wahrheit zu beweisen, dass ein\nDeutscher kein Italiäner und ein Italiäner kein Deutscher\nist! Und solche Phrasenmacher wollen einen Denker wie\nVischer über die Achsel ansehen, während sie sich an seine\nFersen heften sollten, um einmal zu versuchen, sich würdig\nzu machen, ihm die Schuhriemen zu lösen!\nWir wünschen, über etwa folgende Hefte günstiger\nberichten zu können, als über das erste. Wir haben viel-\nleicht in den Augen mancher Leser zu viel Worte über\nein Heft von 24 Seiten gemacht; allein wo sich eine neue\nMonatsschrift ankündigt, halten wir es für Pflicht,\ndas, was sie will, genau zu beleuchten, und überdies wis-\nsen unsere Leser, dass wir so Lob wie Tadel stets aus-\nführlich zu begründen streben.\n\nEin französischer Bericht über die Aufführung des\nTannhänser in Wiesbaden.\nDie Franzosen sind in ihren Urtheilen über nichtfran-\nzösische Kunst und Literatur trotz allen Revolutionen noch\nimmer dieselben geblieben, wie im vorigen Jahrhundert.\nLeichtsinn, Oberflächlichkeit, Unwissenheit, dabei Dreistig-\nkeit und Anmaassung wechseln mit Geist und Scharfblick\nab, und Alles bekommt durch den ein gewisses\nglänzendes Colorit, das dem weniger scharfen oder weniger\ngeübten Auge die groben Fehler der Zeichnung—wenig-\nstens beim französischen Publicum verdeckt.\nWir geben zur Ergötzung eines der neuesten Beispiele,\neinen Auszug aus dem Feuilleton des Moniteur vom 20.\nSeptember, welches einen Bericht von Theophile Gau-\ntier über die Aulführung des Tannhäuser in Wiesbaden\nenthält.\n„Richard Wagner\", heisst es dort nach einer kurzen\nEinleitung, die nicht zur Sache gehört, „ist in Frankreich\nso gut wie unbekannt; seine Musik hat den Rhein nicht\nüberschritten [also Köln, Aachen, Trier, Coblenz, Mainz\nliegen am rechten Ufer, und der Rhein ist Frankreichs\nGränze!]; vielleicht wird das auch so bald nicht geschehen,\ndenn sie ist selbst lür viele Deutsche zu deutsch.\n„Nach den Urtheilen, die wir gelesen hatten [?\nNachher ist Gautier aufrichtiger und sagt ä ce qu'on di-\nsait und sur ce qu'on en rhatten wir uns\neinen ganz anderen Wagner zurecht gemacht, als der\nwirkliche ist. Ohne ihn freiwillig von Melodie, Rhythmus\nund strenger Form für entblösst zu halten, wie man sagte,\nglaubten wir es mit einem kühnen Neuerer in der Tonkunst\nzu thun zu haben, der die alten Regeln abschüttelt, seit-\nsame Combinationen erfindet, unerwartete Effecte versucht,\nmit einem Paroxysten man erlaube das Wort —, der Al-\nles auf die Spitze stellt, die Leidenschaft übertreibt, um\nNichts einen Orkan im Orchester los lässt und wie eine\nmusicalische Wasserhose über das betäubte Publicum hin-\nweg zieht. Wir stellten uns ihn als ein tobendes Genie\nvor, chaotisch und blitzleuchtend, mit Sturm, Finsterniss\nund Lichtschimmer, einer ungebändigten Phantasie zur\nBeute verfallen, als einen Kreisler Hoffmann, neben\ndem Beethoven, Weber, Meyerbeer und selbst Berlioz fade\nund classisch erschienen, und nach allem, was man von\nal•# , « •\nihm erzählte [das ist in der Regel die Hauptquelle bei den\nFranzosen!], war es schwer, sich eine andere Vorstellung\nzu machen."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "333", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.1.5", "texte": "„Dann hatte das Beiwort romantisch auf dem Titel\nder Oper Tannhäuser nicht wenig dazu beigetragen, unser\nUrtheil irre zu führen. In Frankreich erweckt dieses Wort\nnicht dieselbe Vorstellung, wie in Deutschland; lür uns\nFranzosen bedeutet es die Freiheit in der Kunst, die grosse\nliterarische Revolution von 1830 wir denken dabei an\nVictor Hugo, Dumas, Delacroix u. s. w. Im Vaterlande\nvon Tieck, Uhland und Göthe bezeichnet es weiter nichts\nals die Rückkehr zum Mittelalter [!]. Ein deutscher Maler\nz. 8., der ein romantisches Gemälde machen will, ahmt\nmöglichst treu die Werke der alten Meister, eines Mem-\nling [statt Hemling], van Eyck, Schoorel [Schoreel], Wol-\ngemuth, A. Dürer nach u. s. w.\n„Mithin ist die Oper Tannhäuser zwar sehr roman-\ntisch im Sinne der Deutschen, aber sie ist es wenig oder\ngar nicht lür uns. Nachdem wir den Begriff des Wortes\ngehörig klar gemacht haben [!!], wird das Urtheil über das\nWerk gar sehr erleichtert, und was dunkel schien, wird in\nhellem Lichte erscheinen. Der Componist des Tannhäuser,\nweit entfernt, Weber oder Meyerbeer zu überbieten, ist\nmit Ueberlegung in die Vergangenheit zu den Quellen der\nMusik zurückgegangen, gerade wie ein Maler, der van\nEyck oder Angelico Fiesole nachahmen würde.\" [Nachher\nwerden wir sehen, dass Herr Gautier den Tannhäuser „voll\nvon Fugen, Contrapunkt und gelehrten Canons\" findet!]\nHierauf macht er die Leser auf seine Weise mit der\nSage von dem Venusberg und dem Tannhäuser bekannt\nund schliesst diese Stelle folgender Maassen:\n„So verschwand denn auch der gute Tannhäuser, den\nEinige mythisch und historisch lür einerlei mit Heinrich\nvon Ofterdinzen (Ofterdingen) halten, in dem Zauberberge\nund lebte mit Frau Venus ehelicher Weise sieben Jahre\nlang. Am Ende dieser Zeit sagt der Ritter, der, übersättigt\nvon Ambrosia, erschöpft durch Lust, gelangweilt durch\nSeligkeit, doch immer noch ein Bisschen deutsche Grobheit\nbeibehalten hatte, der Venus, die ihre weissen Arme um\nseinen Hals schlingt, ins Gesicht: „ „Ihre Liebe ist mir\npeinlich geworden; ich bilde mir ein, o Venus, mein zärt-\nliches und wohledles Fräulein, dass Sie eine Hexe sind.\"\"\nUnd darauf verlässt der Schafskopf den Berg und geht\nnach Rom. Der Papst versagt ihm die Lossprechung, und\nder arme Junge kehrt zu Frau Venus zurück.\n„In der Oper sieht man im ersten Acte Tannhäuser\nin dem Hörselberg. Tannhäuser, der Zaubergesänge,\nder griechischen Phantasmagorieen und der olympischen\nKüsse müde, denkt an seine alte Grossmutler, an seine\njunge Braut, an die Glocke der kleinen Capelle, reisst sich\nunter Anrufung des unbefleckten Namens Maria aus den\nUmarmungen der Venus los und befindet sich auf freiem\nFelde. Der Kampf des spiritualistischen und materiellen\nPrincips, die sich um die Seele Tannhäuser's streiten, ist\ndurch den Componisten gut wiedergegeben. Die dumpfe\nAufregung im Orchester, die abgebrochene und tief auf-\nathmende Declamation, die plötzlichen Ausbrüche der\nStimme schildern den Zustand des Ritters ganz gut, aber\ndie Verlührung hat vielleicht nicht Reiz genug. Venus und\ndie Sirenen könnten wohl anmuthigere Motive anwenden,\num den Flüchtling zu fesseln. Aber Wagner's System,\ndurch ein ewiges Recitativ den Sinn der Worte treu zu\nübersetzen, duldet keine beschwingte Melodie, die da in\neigener Laune über dem Gedanken wie ein Schmetterling\nüber der Blume flattert; die Note setzt sich genau aufs\nWort und schwingt sich nicht lür sich allein himmelan in\neinem Hauch oder in einem Strahl, und der Rhythmus,\noft kaum bemerkbar, folgt mehr der gesprochenen Phrase\nals der musicalischen Periode.\n„Sohald Tannbäuser sich im Freien befindet, spielt\nein Hirtenknabe eine ländliche Cantilene, deren Einfachheit\nmit den schmachtend verlockenden Stimmen der Sirenen\neinen Gegensatz bilden soll; sie könnte melodiöser und fri •\nscher sein, ohne der Wahrheit Eintrag zu thun. Wir hät-\nten etwas Fröhliches, Lichtes und Klares gewünscht, wie\nden Gesang des Schäfers von Gounod [in dessen Sappho,\nwozu Gautier den Text gemacht hat, welcher Gesang übri-\ngens eine Nachahmung des Wagner'schen ist]; aber ein\nHirt in Thüringen kann freilich nicht so zierlich sein, wie\nein griechischer Schäfer. Bald darauf erscheint ein Pilger-\nzug, der die Gelühle von Reue und Religion in Tannhäu-\nser's Seele anregt, die schon durch das Lied des Knaben\nheiterer geworden ist. Dieser Marsch, der nothwendig\neinen bestimmten Rhythmus hat, um den Zug zu beglei-\nten (!), ist sehr schön und macht eine hinreissende Wir-\nkung; er ist eines der besten Stücke des ganzen Werkes,\nund der Nachklang desselben in der Erinnerung sondert\nsich rein von dem Hintergrunde der etwas ins Weite\nschweifenden Recitative und Melopöen ab, welche die all-\ngemeine Färbung des Werkes bilden. Das ist eine Musik\nvoll Grösse, Charakter und Ueberzeugung [man muss\nhierbei an den jetzigen pariser Mode-Ausdruck:\nconvaincu, denken, d. h. im guten Sinne ein Künstler, der\nweiss, was er will, aber freilich auch oft einer, der von\nseiner IJnübertrefTlichkeit überzeugt istj.\n„Ein anderes sehr merkwürdiges Stück ist eine Art\nvon Fackelmarsch (marche auxfiambeaux), der den zweiten"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "334", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.1.6", "texte": "Act eröffnet, als die Damen und ritterlichen Gäste den\nLandgrafen begrüssen und ihre Sitze beim Sänger-Wett-\nstreit einnehmen. Das ist feierlich, glanzvoll, voll Melodie,\nja, voll italiänischer Melodie. Wir sagen dies auf die Gefahr\nhin, bei Wagner anzustossen, der bei Rossini tief verschul-\ndet ist (profondement). Auch in einem Concerte würde die-\nser Marsch grosse Wirkung machen.\n„Tannhäuser singt zur Harfe, aber sein durch heidni-\nsche Sinnlichkeit entnervter Gesang schildert nur die irdi-\nsche Liebe und die sinnliche Lust. Er kann sich nicht zur\nidealen und himmlischen Liebe erheben und trägt also auch\nnicht den gehofften Preis davon, den ihm Elisabeth, die\nPrinzessin von Thüringen, schon im Voraus zugedacht hatte.\n[Welch eine nüchterne Auffassung des ganzen zweiten Ac-\ntes!] Die Verschiedenheit im Charakter der Lieder der\nkämpfenden Sänger ist nicht genug ausgeprägt, wenigstens\nfasst man sie nicht leicht beim ersten Anhören. [Vom Fi-\nnale kein Wort!]\n„Im dritten Acte kommt Tannhäuser von seiner Pil-\ngerfahrt ohne die gesuchte Absolution zurück; das teufli-\nsche Bild der Venus erscheint ihm wieder, er schwankt\nzwischen Himmel und Hölle, zwischen reiner und sinnlicher\nLiebe, zwischen der spiritualistischen und materialistischen\nK u ns t [sie /]. Unterdessen stirbt die Tochter des Landgra-\nfen, man bringt ihre Leiche mit einem Kranze von weis-\nsen Rosen geschmückt, dem Symbol der Reinheit, und\nTannhäuser stirbt in Reue.\n„Wie gesagt, Wagner's Romantik ist vielmehr eine\nRückkehr zu den alten Formen, als eine umwälzende Neue-\nrung; sein Orchester ist voll von Fugen, von Contrapunk-\nten, die von Canons umblüht sind (de contre-points fleuris\nde canons), welche mit grosser Kenntniss durchgeführt sind.\nNichts ist weniger wild und zerzaus't; die anscheinende\nUnordnung rührt nur von dem Mangel an bestimmtem\nRhythmus her, den der Meister absichtlich vermeidet, so\nwie er sich auch des Modulirens enthält (!). Wagner\nschreibt sich selbst den Text zu seiner Musik, damit der\nZusammenhang der Worte und der Töne noch vollkomme-\nner sei. Wird dieses System zur Geltung kommen? Wird\nRichard Wagner der Maestro der Zukunft sein? Ist Wag-\n-4\nner, der Idealist, welcher die Sinnlichkeit der Melodie, die\nAnmuth des Rhythmus eben so verschmäht, wie die deut-\nschen Maler die Farbe, dazu ausersehen, die grossen Mei-\nster der Kunst zu entthronen? Wir glauben es nicht; allein\nwir wünschten eine Aufführung des Tannhäuser auf dem\nTheater der grossen Oper zu Paris. Die Partitur verdient\ndiese feierliche Probe!\n„Uebrigens ist das Werk hier sehr gut aufgeführt\nworden, mit tiefer deutscher Auffassung, durch Herrn Ti-\nchatschek, den berühmtesten und sogar den einzigen Te-\nnor in Deutschland [So ein Franzose tritt eben über die\nSchwelle und kennt sofort das ganze Haus mit allen seinen\nBewohnern!], und durch Fräul. Stork, Prima Donna des\nherzoglichen Theaters in Braunschweig. Die Chöre haben\nihre Aufgabe mit jener Präeision gelös't, die man nur in\nDeutschland findet. Auch das Orchester unter der Leitung\ndes Herrn Hagen, Capellmeislers des Herzogs von Nassau,\nwar vortrefflich.\n„Der Gedanke, den Tannhäuser in Scene zu setzen,\nist eine Artigkeit, welche der Veranstalter der Festlichkei-\nten in Wiesbaden, Herr Leopold Amat, der französischen\nPresse hat erzeigen wollen.\" (!)\nSo weit Herr Theophil Gautier.\nHerr Amat in Wiesbaden will in die Fussstapfen sei-\nnes berühmten Collegen, des Spielpachters Benazet in Ba-\nden-Baden, treten. Er hat Recht es wird noch lange\ndauern, ehe die deutschen Regierungen ihr Rien ne va plus\nüber die Spielhöllen aussprechen, zumal in jenem Land-\nstriche am Mittelrheine, wo die Zucht der Affen des Fran-\nzosenthums wieder trefflich zu gedeihen beginnt und, wie\nbei den Cigarren, auch bei den Künstlern das Importirte\nam gesuchtesten ist.\nWir erwähnten eben Herrn Benazet. Wenn Th. Gau-\ntier Herrn Amat ein dummes Compliment macht —er wird\nwohl wissen, warum —, so lacht man darüber, dass ein\npariser Feuilletonist einen Spielpachter über ein fürstliches\nHoftheater verfügen lässt. Was soll man aber dazu sagen,\nwenn ein Mann von grossem Talent und grossem Rufe,\nein Künstler, der in der musicalischen Welt selbst von sei-\nnen Gegnern mit Achtung und Ehren genannt wird, mit\nEinem Worte, wenn Hector Berlioz sich dazu hergibt,\ndem Vorsteher der Roulette- und Trente-Quarante-Gaunerei\nin Baden eine Apotheose zu widmen, in welcher er ihn als\nProtector und Förderer der Kunst über Könige und Für-\nsten erhebt und dessen musikfestliche Speculationen mit den\nKunst-Anstalten des alten Griechenlands vergleicht!\nMan lese das 12 Spalten lange Feuilleton des Jour-\nnal des Debats vom 24. September d. J. von H. Berlioz,\nder darin über das letzte grosse Concert im Conversations-\nsaale von Baden-Baden, welches er selbst dirigirt hat, be-\nrichtet amüsant genug an vielen Stellen, z. B. wenn er\nbei der Erwähnung, dass Benazet ihm mit den Worten:\n„ Faites les choses royalement\" gegeben, an\nLudwig XIV. erinnert, der zu Jean Bart sagte: „Jean"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "335", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.1.7", "texte": "Bart, ich habe Euch zum Admiral ernannt!\" worauf dieser\nerwiderte: „Daran haben Ew. Majestät sehr wohl gethan\"\n—; auch da, wo er die Noth, die ein Musik-Director mit\nden Sängerinnen hat, schildert. Allein man höre folgenden\nEingang:\n„Im Grunde ist das pariser Publicum über das, was\nalljährlich gegen Ende des Sommers in Baden geschieht,\nnicht recht im Klaren, wiewohl es sich viel damit beschäf-\ntigt. Es scheint ihm überdies so sonderbar, dass ein Mann,\nder kein Fürst ist, bei so grossen Kunst-Unternehmungen\ndie Initiative ergreift und den Einfluss ausübt, den man\nihm zuschreibt, dass dies vollends seine Vorstellungen ver-\nwirrt. Und in der That, wie sollte man es für möglich hal-\nten, in einem kleinen Städtchen Deutschlands etwas zu\nStande zu bringen, was man in Paris nicht fertig bringt,\nund dass ein Privatmann etwas unternehmen kann,- was\nbis jetzt noch kein König in ganz Europa ver-\nsucht hat! Freiwillig für Musik und Literatur reine Ver-\nluste auf sich zu nehmen, Gold mit vollen Händen auszu-\nstreuen, nur um ein schönes Kunstresultat zu\nerzielen, ohne die geringste Einnahme einzucassiren, das\nerlebt man in keinem Lande der Welt, und davon haben\neuch selbst die Theater, die unter königlichem Schutze\nstehen, noch kein Beispiel geliefert.\n„Gibt es irgendwo in der Welt eine einzige der Musik\noder der dramatischen Kunst geweihte Anstalt, die nicht\nzugleich eine Billet-Bude ist? die bloss auf die Schönheit\nder Werke und die gewissenhaft treue Aufführung dersel-\nben sieht? deren Verwalter oder Director von vorn herein\nauf die Einnahme verzichtet? Die Alten halten in Hin-\n\\\nsieht auf die grossen Werke des menschlichen Geistes ganz\nanders würdige und erhabene Ideen für sie war die Kunst\nkein Handelsgegenstand, keine feile Waare, deren Werth\nje nach dem Zudrange des Volkes zum Kaufen stieg oder\nfiel. Wo ist im Vaterlande eines Shakespeare und\nBeethoven eine Veranstaltung, einer möglichst grossen Zahl\nvon intelligenten Wesen den Vollgenuss ihrer Werke ohne\nHintergedanken von Gewinn oder Kostendeckung zu ver-\nschaffen? Sollte nicht in England eine Shakespeare-Truppe,\nin Deutschland ein Beethoven-Verein von einigen Hundert\nTonkünstlern bestehen, um alljährlich alle ihre Werke ohne\nEintrittsgeld zur Aufführung zu bringen?\n„Nun, was alljährlich im August und September in\nBaden geschieht, ist genau die Verwirklichung, wenn auch\nin kleinerem Maassstabe, einiger der Ideen, die ich so eben\nausgesprochen habe und die glücklicher Weise nicht von\nJedermann für thöricht gehalten werden.\"—Und nun wird\nHerr Benazet auf den Schild gehoben!\nSo verläugnet Berlioz seine Kenntniss der Musikzu-\nstände in Deutschland und England und der Musikfeste in\nbeiden Ländern, seine Erfahrungen in Weimar und alles,\nwas ihn als Mann und Künstler achtungswerth gemacht\nhat, um einem Spielpachter das Weihrauchfass ins Gesicht\nzu schleudern!\nSollte Herr Benazet diese Apotheose vielleicht haupt-\nsächlich dadurch verdient haben,\nrien.... que de payer?(Spalte 6a. a. O.)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Herr Musik-Director Karl Reinthaler ist zum Nach-\nfolger des unlängst verstorbenen Riem in Bremen gewählt wor-\nden und wird diese neue Stellung zum 1. April künftigen Jahres\nantreten.\n** ISarmeil* Unsere Concert-Saison hat frühzeitig begonnen.\nDie Geschwister Raczek haben zwei Concerte gegeben und reichen\nBeifall für ihre staunenswerthen Leistungen errungen. Ausserdem\nhat die hiesige Liedertafel zwei Concerte mit grossem Orchester zum\nBesten der Abgebrannten an der Mosel gegeben; das eine derselben\nwar sehr stark besucht Und brachte ein sehr günstiges Resultat zu\nWege. Das Programm des ersten Concertes lautete folgender Maas-\nsen: 1) Ouvertüre zuEgmont von Beethoven; 2) Motette von Klein;\n3) Ave verum von Mozart; 4) Liedesfreiheit von Marschner; 5) Vio-\nlin-Concert von Mendelssohn, vorgetragen von Herrn Posse; 6)\nDithyrambe von Rietz; 7) Ouvertüre und Soldatenchor aus dem\n„vierjährigen Posten\" von Reinecke; 8) Elegie von Ernst, vorgetra-\ngen von Herrn Posse; 9) Die Wacht am Rhein von Karl Wilhelm;\n10) Bacchuschor aus Antigone von Mendelssohn. Das zweite Concert\nbrachte ein in mancher Beziehung noch interessanteres Programm,\nwie man denn mit Freude die Wahrnehmung macht, dass die Lie-\ndertafel sich stets in der Wahl ihrer Sachen jeglicher Trivialitäten\nenthält. Das zweite Concert ward eröffnet mit der Ouvertüre zum\nWasserträger; dann folgten Abendlied von Kuhlau, Auf der Wacht\nvon Reinecke, Pianoforte-Concert (G-moll) von Mendelssohn, vorge-\ntragen von Herrn Musik-Director Reinecke, Blücher am Rhein\nvon Reissiger und Sanctas aus dem Requiem von Cherubini. Der\nzweite Theil des Concertes begann mit der Iphigenien-Ouverture von\nGluck; dann sang die Liedertafel drei deutsche Volkslieder, Herr\nSeiss spielte Andante und Rondo aus dem zweiten Concert von de\nBeriot, und den Schluss machten Mendelssohn's allbekanntes, doch\nnie zu oft gehörtes Lied ~Wer hat dich, du schöner Wald\" und der\naltdeutsche Schlachtgesang von Julius Rietz. Die Liedertafel hat in\nbeiden Concerten ihre Tüchtigkeit vollständig bewährt, doch wäre es\nsehr zu wünschen, dass sie in numerischer Anzahl zunähme, da sie\nden grossen Saal der Schützenhalle, in welchem sie ihre Concerte\ngab, bei den kräftigen Liedern nicht ausreichend füllt.\nDer Herzog Karl Paul Louis Eugen von Würtemberg\nist am 16. September auf dem herzoglich würtembergischen Resi-\ndenzschlosse Karlsruhe in Schlesien am Schlagflusse gestorben. Der\nVerewigte war (am 8 Januar 1788 geboren) russischer General der\nCavallerie und einer der tüchtigsten Heerführer in den Jahren 1812\nbis 18V&. Er war aber auch Musiker und componirte mehrere Opern,"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "336", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571017-01.1.8", "texte": "wovon eine, „Die Geisterbraut\", zum ersten Male 1842 in Breslau\naufgeführt wurde.\nBerlin. Se. Majestät der König hat dem k. Hofkirchen-Musik-\nDirector Emil Naumann den Rothen Adler-Orden IV. Classe ver-\nliehen in Anerkennung seiner Verdienste um die Ermöglichung der\nEinführung des Psalmen-Gesanges in der evangelischen Kirche.\nNach der pariser Gazette et Revue musicale hat Se. Maj der Kö-\n» •\nnig den Wunsch ausgedrückt, die Oper Samson von Duprez,\ndem ehemaligen berühmten Tenoristen der grossen Oper zu Paris,\nzu hören. Duprez ist in Berlin gewesen und hat mehrere Nummern\nseiner Oper am Ciavier in musicalischen Kreisen hören lassen. Am\nköniglichen Hofe ist jedoch, so viel wir wissen, kein Concert der\nArt gewesen.\nHerr von Wasielewski hat seine Biographie Robert Schü-\nseit einigen Monaten vollendet, und man darf dem Erschei-\nnen derselben in nächster Zeit entgegensehen, da der Druck durch\ndie Hof-Buchhandlung von Rudolf Kuntze in Dresden bereits vorbe-\nreitet wird.\nWien. Wenzel Scholz, der Veteran des wiener Komus, der\ndurch dreissig Jahre das Publicum Wiens sowohl durch seine hin-\nreissende Komik wie durch die sichere Zeichnung seiner lustigen\nCharaktere, so wie durch seine drollige Persönlichkeit erheiterte, ist\nam 5. October, um 11 Uhr Abends, in seinem Lehnstuhl ruhig und\nfür immer entschlafen. Scholz war der Sohn eines preussischen Offi-\nciers, von Plümeke, und wurde zu Innsbruck am 29. März 1786 ge-\nboren. Er widmete sich dem Kaufmannsstande, obwohl sich sein Va-\nter, der eines Duells halber aus seinem Vaterlande fliehen musste,\nder Bühnenwelt zugewandt hatte. Im Jahre 1812 übernahm der junge\nScholz zu Klagenfurt, wo seine Mutter die Direction eines Theaters\nführte, die Rolle statt eines durchgegangenen Schauspielers und\nbahnte sich so seine Theater-Carriere an. Im Jahre 1815 wurde er\nan Rose's Stelle im Hofburgtheater engagirt, wo er jedoch nicht\nlange verweilte, sondern Engagements bei verschiedenen Provinz-\nBühnen nahm, bis er 1826 wieder nach Wien ins Leopoldstädter-\nTheater kam. Da und im Theater an der Wien wirkte er 31 Jahre\nlang ununterbrochen bis zu seinem Tode fort. Das Carl-Theater be-\nging am 8. October die Trauer um Scholz. Der Director Nestroy\nhat die erste Aufführung der Parodie ~Tannhäuser\" zum Benefiz für\ndie Witwe des Verstorbenen bestimmt. Am 7. October, Nachmittags\n3 Uhr, fand Wenzel Scholz's Leichenbegängniss Statt. Es zeigte sich\ndabei eine Theilnahme der Bevölkerung, wie seit Lanner's und\nStrauss' Beerdigung nicht gesehen worden ist; die Jägerzeile war\nmit abertausend Menschen besäet, welche Zeugniss von der Trauer\nüber den Heimgang ihres Lieblings ablegten. Der Zug ging von der\nWohnung des Verblichenen in der Praterstrasse noch einmal am\nCarl-Theater, der Ruhmesstätte des Verstorbenen, vorüber; an den\nbeiden Seiten der Bahre schritten mit brennenden Kerzen sechs jün-\ngere Schauspieler des Carl-Theaters, hinter dem Sarge die trauern-\nden Verwandten, dann die Mitglieder des Carl-Theaters, darauf die\nmeisten Schauspieler der anderen Theater, Altmeister Anschütz.\nLöwe, Fichtner, Lucas, Beckmann, Director Laube, gefolgt von einer\nReihe von Schriftstellern, Künstlern und Verehrern des Verstorbenen;\ndem Männerzuge schloss sich im unmittelbaren Gefolge der Gattin\nund der beiden Töchter des Verstorbenen das weibliche Personal des\nCarl-Theaters und eine grosse Anzahl von Frauen der verschieden-\nsten Stände an; bis zum Schloissnigg'schen Hause gelangt, wandte\nder Zug sich die rechte Häuserreihe der Jägerzeile entlang zurück\nund ging zur Pfarrkirche bei St. Johann, wo die kirchliche Feier\nStatt fand, wobei eine vom Orchester-Director Krottenthaler compo-\nnirte Cantate gesungen wurde. Von der Dornbacher Kirche aus ging\nder Zug nach dem Friedhofe. Am offenen Grabe hielt er. Ein Choral\n(von Capellmeister Binder) tönte als letzter Abschiedsgruss dem Todten.\nParis. Auber's Cheval de brome füllt wiederholt das Haus\nder grossen Oper.\nDie Oper hat mit Verdi's Trovalore eröffnet. Ma-\nrio, aller Welt theuer, namentlich dem Director Calzado, der ihn\nauf sieben Monate für 15,000 Fr. monatlich engagirt hat, trat\ndarin auf. Das ist ein artiges Geld für drei bis vier hübsche Tone,\ndie noch an Jugendfrische erinnern, zumal wenn man dafür das\ntonlose Herausschreien an Stellen, wo eine Art von Selbstverzweif-\nlung eintritt, ferner die unverantwortlichen Nachlässigkeiten in Spiel\nund Gesang und eine Menge von Mängeln jeder Art mit in den\nKauf nehmen muss.\nVieuxtemps ist bereits in New-York angelangt."}]}