{"numero_id": "bm-bmtnabi-1857-10-31-01", "volume": "bmtnabi_1857-10-31_01", "ocr_sha256": "752efffb52673ce85daddbc2a0a860e7ef9a722c69b0f6505ad1e7299e362858", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1857/10/31_01/bmtnabi_1857-10-31_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571031-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1857-10-31-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-10-31_01#c001", "volume": "bmtnabi_1857-10-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "345", "page_fin": "345", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571031-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "345", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571031-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 453, "texte": "Inhalt.\nBerliner Briefe (Sommerstille Liebig Wieprecht Oper Der Kadi von Ambr. 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Früher war das anders.\nDas Reisen war kein allgemeines Bedürfniss, und unsere\nVoreltern liessen sich weder durch Hitze noch durch Kalte\nabschrecken, ihr musicalisches Pensum zu nbsolviren; in\nden Zeiten des musicalischen Enthusiasmus, wo die gros-\nsen Kunstwerke theilweise eben erst entstanden, theilweise\nin weiteren Kreisen bekannt wurden, fand man nichts Un-\ngebührliches darin, den schönslen Sommerabend im Con-\ncertsaale zuzubringen; die aufgehende Sonrie der Kunst\nverdunkelte alle Reize, mit denen die Natur sich geschmückt\nhat. Auch noch vor wenigen Jahren war es anders. Es ist\nnoch nicht lange her, dass bei den Gast-Vorstellungen Ro-\nger's das Opernhaus an den schönsten Juli-Abenden bis\nauf den letzten Platz gefüllt war. Aber jetzt werden Thea-\nter und Gesang-Vereine geschlossen, von Concerlen ist\nkeine Rede; die jungen Damen, auf deren musicalischen\nBildungstrieb der Säckel der Musiklehrer angewiesen ist,\nsind im Bade; die Musiklehrer raffen ihre bescheidenen\nErsparnisse zusammen, reisen ebenfalls in die weite Welt,\nbleiben einen bis zwei Monate fort, bis der letzte Pfennig\nausgegeben ist. Erst im September beginnen die ersten\nSymptome sich zu zeigen, dass es lür den Menschen auch\nnoch andere Genüsse gibt, als Luft, Felsklippen, Baum-\nschlag und Wasserfluten; aber in diesem Sommer traten\nauch diese Symptome ungewöhnlich spät ein. Nur zwei\nNamen erinnerten uns daran, dass es überhaupt eine Kunst\nder Musik gibt, Liebig und Wiepreeht. Erstcrer gab\ndrei Mal wöchentlich Symphonie-Coricerte im Freien und\nin verschiedenen Localen um den ganzen Umkreis Berlins\nherum, damit keine irgendwie civilisationsbedürftige Gegend\nder grossen Stadt sich über Vernachlässigung beklagen\nkönne: Concerte, die noch immer ausserordentliche Theil-\nnahme finden (bei einem zufälligen Besuche eines derselben\nim Odeum fand ich 2 3000 Zuhörer) und dieselbe durch\ndie Correctheit und Lebendigkeit der Ausführung auch ver-\ndienen. Sie wissen aus früheren Berichten, dass Liebig seit\neinigen Jahren mit seinem Orchester vollständig salonfähig\ngeworden ist und dass seine Symphonie-Concerte nächst\ndenen der königlichen Capelle zu den wichtigsten musica-\nlischen Veranstaltungen Berlins gehören. Das Publicum\ndrängt sich nach denselben, und das Auditorium besteht\naus den gebildetsten und vornehmsten Kreisen der Haupt-\nstadt. Natürlich bleibt die Ausführung immer noch um ein\nganz Beträchtliches hinter dem zurück, was die königliche\nCapelle leistet; aber der Hörer erhält ein ganz» richtiges,\ngeistvoll belebtes und dem Ohr wohlgefälliges Bild von der\nSache, nur dass die beiden letzten Eigenschaften bei der\nköniglichen Capelle noch um einige Grade höher ausgebil-\ndet sind. Dieses Orchester und dieses Genre von Concerten\nkonnte also der Fremde und der Einheimische den ganzen\nSommer hindurch gemessen; die Presse erwähnt natürlich\ndessen so gut wie gar nicht; aber daran erkennt man eben\ndie grosse Stadt, dass Aufführungen, die in manchem Orte\nvon 50,000 Einwohnern und mehr grosses Aufsehen ma-\nchen würden, hier als etwas ganz Gewöhnliches spurlos\nvorübergehen. Und dabei dieseClassicität des Geschmackes!"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "346", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571031-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5243, "texte": "Davon war noch vor zehn Jahren nicht die Rede; damals\nwar es etwas Seltenes, wenn in einem Garten-Concerte\neine einzelne Symphonie ausnahmsweise zur Aufführung\nkam; damals freute sich das Publicum an Märschen, Tän-\nzen, Potpourri's; heute mag das Niemand mehr, und die\nOrchester, die nichts Anderes verstehen, machen schlechte\nGeschäfte. Wieprecht veranstaltete hin und wieder\ngrosse Militär-Concerte; mit weniger als 200 Mann pflegt\ner nicht ins Gefecht zu rücken, und die Phalanx der Blech-\nInstrumente ist kräftig genug, um jeden zurückzuschrecken,\ndessen Nerven einer Stärkung durch das Seebad bedürfen;\naber die Ausführungen sind stets eben so glänzend und\nexact, wie ein preussischer Parademarsch. Wieprecht ist\nein Feldherr nach der alten Schule, der seinen Stab zwar\nmitunter recht ungeberdig schwingt, ab T seine Truppen\ndoch in Ordnung hält. Die Musiker stellen ihn auch wegen\nseiner Kenntniss der Instrumente sehr hoch und befragen\noft seinen Rath.\nDie Opern-Vorstellungen begannen Anfangs August.\nSie führten uns eine neu engagirte junge Sängerin, Fräul.\nWippern, vor, an die sich nicht geringe Hoffnungen\nknüpften. Eine volle und weiche, namentlich in der Höhe\nsehr ausgiebige Stimme, eine hervortretende dramatische\nSicherheit gleich bei den ersten theatralischen Versuchen\n(sie trat zuerst als Agathe, dann als Alice auf) erweckten\nein günstiges Vorurtheil. Von manchen Mängeln der Ton-\nbildung, namentlich in der Mittellage, und der Aussprache\nkonnte man erwarten, dass sie im Verlauf der Zeit und bei\nsorgfältiger Selbstkritik verschwinden würden; dass hin-\nsichtlich der Auffassung von einer Debütantin noch nicht eine\ndurchgebildete Feinheit verlangt werden konnte, verstand\nsich von selbst. Durch eine spätere Leistung (als Iphigenie\nin Aulis) hat sich indess das Urlheil etwas herabgestimmt;\ndie Tonbildung erschien mangelhafter, als früher, und die\nAuffassung war ganx dürftig und äusserlich. Doch ist es\nwahrscheinlich die erste Partie, die Fräul. YVippern ohne\nLeitung eines Lehrers einstudirt hat; auch hatte sie die-\nselbe in kurzer Zeit übernommen; es lässt sich ihr also\nnoch immer nicht die Fähigkeit, sich mit eigener Kraft\nweiter zu bilden, unbedingt absprechen. Die äusseren Mit-\ntel sind bei ihr so schön, dass sich ein sehr hedeutendes\nResultat damit erreichen liesse; es wäre zu bedauern, wenn\nes ein blosser Körper ohne Seele bliebe. Uebrigens ist\nFräul. Wippern ein Zankapfel zwischen zwei Gesangleh-\nrern, der Frau Cornet, die sich als eine gewandte Leh-\nrerin mehrfach bewährt hat, und dem Dr. Schwarz, der\nsich durch seine »Gesanglehre nach physiologischen Ge-\nsetzen\" in jüngster Zeit einen Namen gemacht hat. Der\nFremde kann natürlich nichts darüber wissen, welchem von\nBeiden die junge Dame mehr verdankt. Doch verlohnt es\nsich wohl auch wenig des Streites bei einer Sängerin, die\ndem Publicum nicht als fertig gebildet, sondern nur als\ntalentbegabt gegenüber tritt. Unsere Primadonnen sind\ninzwischen zurückgekehrt, Frau Herrenburg-Tuczek\nund Frau Köster ziemlich unverändert, Fräul. Wagner\nAnfangs sehr angegriffen, namentlich halte die Mittellage\nKraft und Klang fast gänzlich verloren; doch hat sich das\nOrgan wieder erholt, und die letzte Leistung der trefflichen\nSängerin (als Sextus in Titus) war reich an ergreifenden\nMomenten. Es scheint übrigens gewiss, dass Fräul. Wagner\nim März sich verheirathen und ins Privatleben zurückziehen\nwird, vielleicht zu rechter Zeit für ihren Ruhm; doch wird\nsie in einer gewissen Gattung von Rollen noch lange uner-\nsetzlich sein. Die bisherigen Vorstellungen der königlichen\nOper, soweit Referent sie gehört hat, entbehrten noch der\nAbrundung, an die wir in guten Tagen gewohnt waren;\ndie Stimmen der älteren Mitglieder werden immer unge-\nfügiger, und mit den jüngeren Kräften ist es fast noch\nschlimmer bestellt. Es seheint, als ob die guten Sänger\nmehr und mehr verschwänden; die Wissenschaft durch-\ndringt die Geheimnisse des Stimm-Organismus, die Zahl der\nGesanglehrer und der Gesang-Unterricht nehmenden Dilet-\ntanten wächst an allen Orten, und doch schreitet die Kunst\ndes Gesanges zurück. Es liegt dies eben so sehr an der\nUnlust, ernste technische Studien zu machen, als an den\nüberspannten Ansprüchen, welche an die Organe der Sän-\nger gestellt werden; man kann es nicht oft genug wieder-\nholen, dass, was den letzteren Punkt betrifft, nur eine\ngründliche Reaclion uns helfen kann, dass aber auch ande-\nrerseits Niemand daraus, dass er vielleicht ein leichtes Lied-\nchen ohne eigentliche Kunstbildung leidlich zu singen ver-\nmag, den Schluss ziehen darf, der Gesang liesse sich spie-\nlend erlernen; es gehört derselbe Ernst und dieselbe Em-\nsigkeit dazu, wie zu jeder anderen musicalischen Kunstfer-\ntigkeit. Stimmen gibt es noch immer; so wurde an unserer\nOper in diesem Sommer ein Herr Fahrenholt vi aus Dan-\nzig engagirt, der sowohl in der Kraft als in dem Umfange\ndes Organs hinreichende Vorbedingungen für eine erfolg-\nreiche künstlerische Wirksamkeit besass; aber die Behand-\nlung dieser Mittel war so mangelhaft, dass er sich jetzt\nschon für Berlin unmöglich gemacht hat. Das Beste lür den\njungen Sänger wäre es, nach Danzig zurückzukehren, wo\nman wenigstens Eine seiner schlechten Eigenschaften, den\nprovinciellen Dialekt, weniger bemerkt."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "347", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571031-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5280, "texte": "An dem Reperioire unserer Oper hat sich nichts ver-\nändert; nur Ein Werk, der Kadi von Thomas, ist neu\ngegeben worden. Es hat dasselbe in Ihrem Blatte schon\nmehrfache Besprechungen gefunden; in Paris, Brüssel und\nanderen französischen Städten ist es, wenn ich nicht irre,\nschon seit etwa zehn Jahren einheimisch; in Wien kam es\nebenfalls vor Kurzem auf das Repertoire. Die hiesige Presse\nist grösstenteils sehr schlecht mit der Oper umgegangen.\nDas Publicum, Anfangs etwas kalt und unentschieden, hat\nauch zwar in der Folge keine günstige Stimmung dafür\ngewonnen, sich indess den Scherz doch gefallen lassen. Wir\nsind es in Berlin gewohnt, dass neue Opern durchfallen,\nund um Alles in der Welt möchten wir den ernsten Sinn\nnicht wegwünschen, der sich nicht dem ersten, besten ober-\nflächlichen, sinnlichen Eindruck hingibt, sondern einen ge-\ndiegenen Gehalt verlangt; aber mitunter, scheint es uns\ndoch, ist das Urtheil des berliner Publicums etwas gar zu\nstreng, namentlich dann, wenn es sich um ein Werk der\nheiteren Muse handelt.\nWir sind jetzt glücklich dahin gelangt, dass das Re-\npertoire der komischen Oper sich auf einen sehr kleinen\nUmfang beschränkt und dass die wenigen Opern dieses\nGenre's, die noch gegeben werden, in Ausstattung und\nAusführung, so wie in der Theilnahme des Publicums es\nallzu deutlich verralhen, dass sie das Aschenbrödel des heu-\ntigen Geschmacks sind. Was würde man dazu sagen, wenn\neine Schauspieler-Gesellschaft nur noch Tragödien oder\ngrosse Schauspiele aufführen wollte? Und ist etwa die Mu-\nsik unfähig, das Komische darzustellen? Man hat diese\nFrage mitunter aufgeworfen, und diejenigen, die der Musik\ndie Fähigkeit zum komischen Ausdruck absprechen, stützen\nsich darauf, dass die Musik die Kunst des Gefühls sei, das\nKomische beruhe aber mehr auf dem Verstände, als auf der\nEmpfindung. Wir können uns hier nicht auf eine theoreti-\nsche Erörterung der Frage einlassen, wollen aber doch ein-\nfach auf die Thatsache hinweisen, dass es in Italien eine\ngrosse Anzahl entschiedener komischer Opern gibt, und\ndass wir Deutschen namentlich in Dittersdorf einen Com-\nponisten besitzen, der die offenbarste Neigung zu diesem\nGenre hatte. (Bei den Franzosen ist in der Regel weniger\nder specifisch komische, als der heitere, gefällige Con ver-\nsa tions-Stil ausgebildet ; man denke nur an Johann von\nParis, die weisse Dame und den Maurer.) Ja, selbst die\nInstrumental-Musik scheint noch das Vermögen des Komi-\nschen zu besitzen; namentlich bringen manche Sätze von\nHaydn und Beethoven den Eindruck bald des Lustigen und\nSpasshaften, bald des tieferen Humors hervor; und sehr\nbemerkenswert!) ist es, dass man an Dittersdorfs Instru-\nmental-Compositionen zu einer Zeit, wo er noch keine Oper\ngeschrieben hatte, die Neigung zum Komischen entdecken\nwollte (man sehe Hiller's wöchentliche Nachrichten aus den\nsechsziger Jahren des vorigen Jahrhunderts). In der Natur\nder Musik können wir also keinen Grund finden, warum\ndas komische Genre vernachlässigt werden sollte, zumal da\ndarunter nicht bloss das specifisch Komische, sondern auch\nalles Leichtere, nicht unbedingt Tragische oder Sentimen-\ntale zu begreifen ist. Vor lünf/.ehn Jahren, als noch Sophie\nLöwe hier war, und in den ersten Zeiten der Tuczek, war\nzu Berlin eine Zeit, wo die komische Oper in Blüthe stand.\nVerschiedene Umstände waren es, die sie zurückdrängten;\ntheils die wachsende Neigung zum Classischen, sodann der\nThränenjammer Bellini's, in den Donizetti, obschon in ge-\nmilderter Weise und nicht ausschliesslich, ebenfalls ein-\nstimmte, die grosse französische Oper, die in Meyerbeer\nihren Culminationspunkt erreichte, endlich der immer zu-\nnehmende Geschmack an dem Massenhaften, glänzend Aus-\ngestatteten. Es sind mithin Motive entlegenster Art, die\nsich gemeinsam gegen die komische Oper verschworen ha-\nben. Diese Coalition muss man zu sprengen suchen. Der\nSinn für das wahrhaft Schöne wird durch das Komische\nnicht leiden, denn es ist ebenfalls ein Element des Schö-\nnen ; und nie sollte man vergessen, dass die Kunst den\nErnst des wirklichen Lebens nicht nachahmen, sondern\nauch im Ernste immer nur ein Spiel des über dem Stoflo\nschwebenden freien Geistes sein soll, ohne darum freilich\nauf der anderen Seite zur Frivolität sich zu erniedrigen;\nwohl aber wird die Gewöhnung an leichtere, gefälligere\nFormen die stark verpestete Luft reinigen. Mögen wir aul\ndie Productionen der heutigen Componisten oder der aus-\nführenden Künstler blicken, überall begegnen wir den maass-\nlosesten Extravaganzen. Die weite Ausdehnung, die dieses\nUeberschreiten aller künstlerischen Gränzen angenommen\nhat, nölhigt uns, es nicht als eine bloss zufällige Erschei-\nnung, sondern als begründet in allgemeineren Verhältnissen\naufzufassen. Der ernste Geist Beelhoven's beherrschte die\nEpoche; fast Alle folgten den Wegen, die er gebahnt hatte,\ndie Einen mehr reeeptiv, die Anderen, die einen schöpferi-\nschen Drang in sich fühlten, mit dem Streben, über ihn\nhinaus zu gehen. So treten uns denn überall die gewaltig-\nsten Intentionen entgegen; namentlich sind es Wagner und\nLiszt, die Himmel und Erde mit ihren Schöpfungen um-\nspannen möchten. Und dies eben ist der Fluch der heuti-\ngen Zeit, dass sie riesengrosse Aufgaben sich stellt, und\nnicht die mindeste Fähigkeit besitzt, sie zu lösen. Wie soll"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "348", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571031-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5257, "texte": "sich dies weitet entwickeln? Wird eine spätere Zeit an den\nAufgaben festhalten und besser dazu ausgerüstet sein? Wir\nglauben dies nicht. Denn Geschichte und Vernunft belehren\nuns, dass alle Entwicklung durch entgegengesetzte Strö-\nmungen zu Stande kommt. Jene Tendenz zum Erhabenen,\nwir sehen sie jetzt haltlos überschäumen; die Zeit zur\nRückkehr ist da. Je mehr ich darüber nachdenke, desto\nmehr befestigt sich mir die Ueberzeugung, dass für die\nKrankheit, an der das musicalische Leben der Gegenwart\nleidet, das Publicum selbst nicht ausgenommen, nur die\nRückkehr zur heiteren Gattung das Heilmitlei ist. Die Fie-\nber-Phantasieen unserer productionssüchtigen Künstler dür-\nfen nicht langer durch die einseitige Gewöhnung an die lei-\ndenschaftlichsten dramatischen Gegensätze genährt werden;\nes muss ein anderes Element hineinkommen.\nWir kehren zum Kadi zurück. Wir begrüssten natür-\nlich mit Freude das Erscheinen einer neu< n komischen\nOper; und wenn wir auch gewünscht hätten, der Dichter\nund der Componist hätten uns etwas Werthvolleres gebo-\nten, so können wir doch nicht so absprechend darüber ur-\ntheilen, wie ein Theil der hiesigen Presse; namentlich kön-\nnen wir auf den Mangel an musicalischer Originalität nicht\neinen so grossen Werth legen, als einige hiesige Kritiker\nes gethan haben. Es ist wahr, musicalische Erfindungskraft\nim strengsten Sinne des Wrortes besitzt Thomas nicht.\nAber nur Wenigen ist diese hohe, wahrhafte Erfindungs-\nkraft überhaupt beschieden. Es gibt zwischen Gestaltungen,\ndie dem Ohr sofort als unbedingt neu erscheinen, und de-\nnen, die offenbar entlehnt sind, eine unendliche Anzahl von\nMittelstufen, die, wenn auch nur ein beschränktes Recht\nder Existenz, doch immer ein Recht darauf haben. Dieser\nMittelgattung würde der Kadi in jedem Falle angehören.\nMan findet Anklänge an Rossini sowohl als an Auber, aber\ndoch nie eine sclavische Nachahmung; Thomas schliesst\nsich älteren Richtungen an, aber mit selbstständigem,\nkünstlerisch gestaltendem Geiste. Noch mehr: diese Mi-\nschung des Französischen und Italiänischen, die wir so eben\nangedeutet haben, gehört der Gegenwart als etwas Eigen-\ntümliches an; und gerade darum, weil Thomas an sehr\nverschiedene Elemente erinnert, die er in sich zu vereini-\ngen bemüht ist, und weil es ihm zugleich gelingt, ein Gan-\nzes daraus zu bilden, hat er schon den Anspruch auf eine\ngewisse, wenn auch nur untergeordnete, Originalität. Es\nkommt endlich noch ein Moment hinzu. Sehr reich ist der\nKadi an parodischen Gesangstücken, die gegen die Ueber-\ntreibungen der grossen Oper gerichtet sind; ein eigentüm-\nlich sarkastischer Zug macht sich, wenn man näher hin-\nsieht, fast in jedem Tacle der Oper gellend. Dies ist ganz\nmodern und überdies vollständig zeitgemäss in einem Augen-\nblicke, wo der ernste Stil die Gränzen des Schönen über-\nschreitet; es ist das Uebergehen der Extreme in einander,\ndas sich vor unseren Augen verwirklicht. Nun hat man\nzwar von je her musicalische Parodieen gehabt, aber nicht\nin so ausgedehnter künstlerischer Form. Die Nummern, in\ndenen dieser Zug der Ironie am deutlichsten hervortritt,\nfanden den meisten Beifall beim Publicum und werden das\nWerk wohl noch einige Zeit auf dem Repertoire erhalten.\nIn ihnen ruht auch die eigentümliche Bedeutung des Kadi\nvorzugsweise. Sieht man auf das äusserlich Musicalische,\nauf Melodieen, Harmonieen, Rhythmen, so wird man nir-\ngends durch Neuheit überrascht, und doch ist in dem Gan-\nzen ein neuer Geist, wenn auch vielleicht nur das erste\nAufleuchten desselben, das in der Zukunft zu einer helle-\nren Flamme sich zu entwickeln hat. Es hat uns dieses Werk\nauf das Neue in der Ansicht bestärkt, dass auch eine gründ-\nliche Kritik, die ihren Gegenstand anatomisch zergliedert,\nder Gefahr des Irrthums ausgesetzt ist; über den Theilen\nverliert sie das Ganze. Thomas ist nicht so wenig originel,\nals es der zerlegenden Kritik scheinen mag; aber seine\nEigentümlichkeit besieht nur darin, dass er vorhandene\nElemente in eine neue Stellung zu einander bringt. Abge-\nsehen von dieser Originalitätsfrage, werden selbst seine\nGegner zugeben müssen, dass seine Musik durchweg von\neinem gebildeten Geschmack und einer höchst gewandten\nTechnik Zeugniss ablegt. Die Musikslücke treten klar und\nabgerundet hervor, überall ist ein wohltuendes Maass ge-\nhalten; die Behandlung der Singstimmen und des Orche-\nsters ist eben so fein als nalurgcmäss. Wer ein so treff-\nliches Musikstück zu schreiben vermag, wie die Introduc-\ntion der Oper es ist, könnte wohl schon darum den An-\nspruch erheben, von der Presse mit einiger Achtung be-\nhandelt zu werden. Dabei sind uns trotz des possenhaften\nund lür ein deutsches Publicum doch nicht hinreichend\nkomischen Textes dennoch keine Längen aufgefallen; wir\ngestehen aufrichtig, dass die Oper uns fast durchweg in-\ntercssirt und unterhalten hat. Die Aufführung war vortreff-\nlich. Namentlich waren Frau Herrenburg-Tuczek\nund Herr Wolff, sowohl in der dramatischen als in der\nmusicalischen Ausführung ihrer Rollen, ausgezeichnet; auch\ndie Herren Bost und Radwaner leisteten Rühmliches,\nder Letztere wenigstens als Sänger.\nSeit diesem Sommer hat auch die Friedrich-Wil-\nli e I m s t ä d t i s c h e Bühne wieder ihre früheren Versuche\nzur Gründung einer komischen Oper erneuert. Es verdient"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "349", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571031-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5147, "texte": "namentlich Beachtung, dass manches ältere Werk zur Auf-\nführung kam, so der Doctor und Apotheker von Ditters-\ndorf und die Jagd von Iliiler. Ich selbst habe noch keiner\nVorstellung beigewohnt, höre aber, dass die Gesellschaft\nnicht ganz schlecht ist.\nAuch das Kroll'sche Etablissement entfallet neue\nThätigkeit. Bazzini, der italiänische Geiger, und Signora\nFortuni, die spanische Sängerin, waren von dem Besitzer\ndes Locals zu einem Cyklus von Concerten, der jetzt sein\nEnde erreicht hat, engagirt worden. Die beiden Künstler\nsind etwa sechszehn Mal aufgetreten. Ueber ihre Leistun-\ngen habe ich Ihnen in den letzten Jahren mehrfach zu be-\nrichten Gelegenheit gehabt und kann daher diesmal kurz\n#ein. Der Ton Bazzini's ist nicht gross, hat aber in melo-\ndiösen Stellen einen so süssen Wohllaut, dass das Ohr sich\ngern seinem Reize hingibt. Seine Technik ist, wenn auch\nmitunter mehr blendend, als einer mikroskopischen Unter-\nsuchung Stand haltend, jedenfalls doch sehr bedeutend. Im\nVortrag der Cantilene ist Bazzini so gefühlvoll, dass man\neinen italiänischen Sänger ersten Ranges zu hören glauben\nkönnte. Aber dass er auch dem ernsten deutschen Wesen\nverwandt ist, bewies er durch die meisterhafte Ausführung\nder Violinstimme in einer mit obligater Violine geschriebe-\nnen Concert-Arie von Mozart so wie durch\ndas Beethoven'sche Violin-Concert, in dessen Auffassung\nund Durchführung er zwar nicht unsere Joachim und Laub\nerreicht, aber doch, zumal als Italiäner, Vieles so trefflich\nmacht, dass er die wärmste Anerkennung dafür verdient.\nSignora Fortuni ist und bleibt die zierlichste Sopra-\nnistin, die mir jemals vorgekommen, d. h. wenn sie will;\ndenn zuweilen scheint es, als ob sie nicht recht bei Laune\nwäre; dann vermissen wir die Lieblichkeit des Ausdrucks\nund die Sauberkeit der Coloratur, deren sie sonst wohl\nfähig ist. ihre Stimme ist klein, wie es bei der hohen Lage\nderselben kaum anders möglich ist, aber klar und durch-\nsichtig und vieler Nuancen fähig; ihr Vortrag entbehrt al-\nlerdings aller liefen und grossen Empfindungen, ist aber\ndarum keineswegs seelenlos, wie diejenigen meinen, die\neinen Gegenstand gleich für bewegungslos halten, weil er\nkeine grossen und heftigen Bewegungen macht. Auch in\ndem zierlichen Spiel kann die Seele erscheinen; auch in\nkleinen Dimensionen kann sich der Geist entfalten. So wusste\nSignora Fortuni die Cantilene in der oben erwähnten Mo-\nzart'schen Arie mit ganz richtigem und warmem Gefühle\nvorzutragen. In den spanischen Nationalliedern trat der\neigenthümliche volksthümliche Geist, wenn auch nicht so\nenergisch, wie bei der Viardot-Garcia, so doch mit hinrei •\nchender Deutlichkeit und Schärfe hervor. Das Reizendste\naber, was wir diesmal von ihr hörten, war freilich eine Bra-\nvour-Arie, die bekannte aus dem Nordstern mit den beiden\nFlöten. Die zarte Stimme schwebte über den weich dufti-\ngen Flötenklängen, wie ein klar begränzender Saum; sie\nverschwamm nicht mit ihnen zu einem unterschiedslosen\nGesammtklange, sondern beherrschte sie als Königin, aber\nals Königin der Flöten. Die Genauigkeit in der Auslührung\nder schwierigen Cadenzen war meisterhaft.\nWie sehr sich die äusseren Verhältnisse für die Lauf-\nbahn eines Virtuosen geändert haben, bewiesen recht deut-\nlich die Concerte, von denen wir sprechen. Die Eintritts-\npreise zum Kroll'schen Locale betrugen, je nach dem Platze\n(aber auch den niedrigsten Platz besucht hier Jedermann\nohne Unterschied des Standes), 5, 10, 15 und 20 Sgr.\nDalür konnte man Folgendes hören: Von 5\ncert der Kroll'schen Capelle im Sommergarten, von 6\nUhr Theater-Vorstellung und von 7\nzini's und der Fortuni im Saale, von 9\nim Sommergarten bei glänzender Illuminniion. Das ist doch\nwohl preiswürdig! Und dennoch war die Theilnahme des\nPublicums nicht so rege, als man hätte erwarten sollen.\nJe weniger Werth der Künstler selbst auf das legt, was\ner dem Publicum zu bieten hat, desto gleichgültiger wird\ndieses dagegen werden.\nUnter den Concerten, die bis jetzt Statt gefunden ha-\nben, nahm in jeder Beziehung das des russischen Compo-\nnisten Alexis Lwoff den ersten Rang ein. Lwoff hat\nden Titel General und noch manche andere vornehme Titel;\ndennoch ist er nicht im eigentlichen Sinne des Wortes Di-\nlettant zu nennen, da er sich seit einer langen Reihe von\nJahren der Kunst ausschliesslich gewidmet hat und sogar\nals praktischer Dirigent an der berühmten Sänger-Capelle\nin St. Petersburg thälig ist. In künstlerischem Sinne kann\nman ihn noch weniger einen Dilettanten nennen; denn das\nStabat mater,das er hier zur Aufführung brachte, zeichnet\nsich, zumal in den Chören und in der Behandlung der Sing-\nstimmen, durch eine heutzutage selten gewordene Klarheit\nund Glätte der Form aus. Es ist im Ganzen der Stil Mo-\nzart's, an den sich Lwoff anschliesst, dieselbe Mischung von\nernster, strenger Würde und gefühlvoller Innigkeit; nur in\nzwei Nummern, einer Tenor-Arie und einem Terzett für\nMännerstimmen in letzterem auch nur theilweise—geht\ner einen Schritt weiter und nähert sich moderner Senti-\nmentalität und italiänischem Wohlklange, obschon imme r\nnoch nicht in dem Grade, den wir z. B. in Rossini'*\nmaier kennen. Ueber die Auffassung der Worte sich"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "350", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571031-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5294, "texte": "an einzelnen Stellen mit ihm streiten; Einzelnes hat in der\nComposition eine herbere, leidenschaftlichere Färbung, als\nden weichen Gefühlen, die vorzugsweise in dem Stabat maier\nzum Ausspruch kommen, angemessen scheint; man kann\naber die Auffassung, für die Lwoff sich entschieden hat\nund die jedenfalls der musicalischen Mannigfaltigkeit günstig\nist, ebenfalls aus den Worten herauslesen, wenn man es\nfür gut findet, einzelne Worte des Textes im Gegensatze\nzu der Grund- und Hauptstimmung scharf hervorzuheben.\nUnter den Werken neuerer Zeit nimmt das Slabat mater\nvon Lwoff innerhalb seiner Gattung einen sehr hohen, viel-\nleicht den höchsten Rang ein; wenigstens ist uns keines\nbekanntgeworden, in dem so viel lebendiger Ausdruck und\neine so edle Klarheit der Form zugleich anzutreffen wäre.\nAuch dies kommt dem Werke zu Gute, dass die gegenwär-\n' o ö\ntig noch allgemeiner bekannten Compositionen desselben\nTextes wir denken dabei an Pergolese, Haydn, Astorga\nund Rossini—, wenn auch im Einzelnen gewaltiger in der\nErfindung, im Ganzen weniger ihrem Inhalt angemessen\nsind. Pergolese und Haydn sind zu weichlich, Astorga fast\nzu streng und ernst, Rossini oft bis zur Frivolität weltlich.\nEin Jeder von ihnen hat einzelne Sätze geschrieben, denen\nLwoff keinen gleichen an die Seite stellen kann; aber wenn\nman uns fragt, wer von allen diesen am meisten der kirch-\nlichen Würde und der Innigkeit des Gefühls zugleich Ge-\nnüge gethan hat, so müssen wir uns für Lwoff entscheiden.\nUnd er hat dies dadurch erreicht, dass er sich dem Stile\nMozart's anschloss, der für diese Gattung, vom künstleri-\nschen Standpunkte aus betrachtet, das höchste Vorbild auf-\ngestellt hat. Eben darin liegt aber auch die Schwäche der\nLwoff'schen Composition. Wer von dem Componisten vor\nallen Dingen schöpferische Originalität verlangt, wird sich\nwenig befriedigt fühlen; der zündende Funke des Genius\nist nicht darin, nur ein gebildeter Schönheitssinn und eine\ntreffliche Technik. Sollen wir uns aber nicht auch darüber\nfreuen, dass in einem Volke, das bis jetzt der Kunst noch\nziemlich unthätig gegenüberstand, der deutsche Genius einen\nsolchen Wiederhall findet? Ist diese Eine Thatsache nicht\nschon höchster Beachtung werth, dass deutsche Kunst auch\nin den slawischen Osten belebend dringt?\nDen Abend darauf, nachdem Lwoff's Stabat mater zur\nAufführung gelangt war, hörten wir Fragmente aus einer\nbiblischen Oper „Samson\" von Duprez, dem berühm-\nten Jenoristen. Er war seihst dazu nach Berlin gekommen,\njedenfalls in der Hoffnung, das Werk auf das Repertoire\nunserer Oper zu bringen. Doch ist es einstimmig verur-\ntiicilt worden. Schon der Text erregt durch seinen derben\nRealismus vielfache Bedenken. Die ersten Nummern der\nOper, die aus kurzen Recitativen und Chören bestanden,\nwaren recht ansprechend und nicht ungeschickt geschrie-\nben. Bald zeigte es sich aber, dass die Compositions-Thä-\ntigkeit des Herrn Duprez keinen gesunden Kern hat.\nWollte man den Stil der Oper eklektisch nennen, so wäre\ndies eigentlich noch zu viel gesagt; denn sie ist zu reich\nan Reminiscenzen, die nie einem Componisten von Fach,\ndie nur einem Sänger begegnen werden. Bald sind es\nFragmente aus der komischen, bald aus der italiänischen,\nbald aus der grossen französischen Oper; bald ist es trockene\nRecitation, bald ein wirres Cadenzenwesen; bald wird man\nan den Gesanglehrcr erinnert, der in seiner Gesangschule\neine Anzahl Solfeggien zum Einüben der Intervalle geschrie-\nben hat; denn im ersten Acte kam eine Arie vor, die eigent-\nlich eine Sexten-Uebung ist, und im zweiten Acte eine an-\ndere, sehr fatale Arie, in der es auf die grosse Septime\nabgesehen war. Dabei ist der dramatische Ausdruck über-\ntrieben, wie bei allen neueren Franzosen, aber mit weit\ngeringerem Geschick. Um indess nicht ungerecht zu sein,\nwollen wir hinzufügen, dass wenigstens das Streben nach\nWahrheit des Ausdruckes überall erkennbar war, dass ein-\nzelne Nummern in der Klangwirkung nicht unangenehm\nsind, dass endlich Herr Duprez auch gar nicht ohne Com-\npositions-Talentzusein scheint, welches sich aber freilich auf\neiner höchst dilettantischen Stufe der Ausbildung befindet.\nHerr Meinardus aus Glogau brachte ein Oratorium\n„Simon Petrus\" zur Aufführung. Es hat ebenfalls we-\nnig Beifall gefunden, aber doch einen gewissen\nd'eslime gehabt. Der Text ist in der Form der Bach'schen\nPassions-Musiken geschrieben, so dass Episches, Lyrisches\nund Dramatisches mit einander abwechseln. Diese Elemente\ntreten aber in der musicalischen Ausführung meistens we-\nniger scharf aus einander, da der Componist das strenge\nRecitativ sowohl als die Arien-Form selten anwendet. Wir\nkönnen dies nicht gut heissen. Die Uebergangsformen, die\nes zwischen der Arie und dem Recitativ gibt, haben ihr\ngutes Recht, aber sie dürfen die klaren Grundgestaltungen\nnicht überwuchern. Klar und entschieden sei der Künstler\nvor Allem; das Männliche soll, wie im Leben, so auch in\nder Kunst herrschen. Weichlich, zerflossen, trüb und zer-\nrissen ist überhaupt der musicalische Charakter des neuen\nWerkes. Das Evangelium lässt Meinardus z. B. von einer\nAltstimme vortragen; dadurch wird allerdings im Einzelnen\nmanche schöne Färbung gewonnen, aber für die Dauer ist\nder Eindruck zu eintönig. In den Chören ist wohl eine ge-\nwisse künstlerische Form, doch kommt es selten weit mit"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "351", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571031-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 992, "texte": "der Polyphonie; auch sind die Themen meistens trocken\nund unlebendig. Es scheint nicht, dass die contrapunkti-\nschen Studien des Herrn Meinardus weit entwickelt seien;\ner ist mehr Harmoniker, greift aber eben, weil er die Wir-\nkung vorzugsweise durch überraschende Modulationen er-\nstrebt, nach dieser Seite hin wieder zu weit. Einen kräfti-\ngeren Sinn also und eine festere, vielseitigere Beherrschung\nder Form müssen wir Herrn Meinardus zunächst wünschen;\ndann erst werden die guten Eigenschaften, die er besitzt,\nzu voller Entwicklung kommen. Er hat Phantasie und ein\nedles, dem Gemeinen abgewandtes Streben; er sucht über-\nall Bestimmtheit und Schärfe, ja, selbst Innigkeit des Aus-\ndrucks. Kaum könnten wir eine Nummer in dem ganzen\nWerke angeben, die künstlerisch vollkommen abgerundet\nund zugleich von hervortretendem Inhalt wäre; doch finden\nwir im Einzelnen viele interessante Züge, viel Empfindung\nund oft genug Ansätze, aus denen sich etwas recht Gutes\nhätte raachen lassen.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1857-10-31-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1857-10-31_01#c003", "volume": "bmtnabi_1857-10-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "351", "page_fin": "352", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571031-01.2.3", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "351", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571031-01.1.7", "debut_caractere": 994, "fin_caractere_exclue": 6313, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMo In. Die drei ersten Gesellschafts-Coneerte im gros-\nsen Saale des Gürzenich finden Statt:\nam 17. November,\n„ 1. December,\n„ 22. December.\nDie erste Sitzung für Kammermusik im Saale des Hotel\nDisch am 27. October brachte ein sehr einfaches, aber allerliebstes\nViolin-Quartett von J. Haydn in Es-dur und Nr. 12 in Es-dur von\nF. Mendelssohn-Bartholdy, ausgeführt durch die Herren\nGrunwald, Derckum, Peters und B. Breuer. Herr Musik-\nDirector E. Franck spielte Beethoven's Clavier-Trio in D-dur,\nOp. 70 Nr. 1, und erfreute uns ausserdem durch den vortrefflichen\nVortrag einer eigenen neuen Clavier-Composition, einer Sonate in E-\ntnoll Allegro, Scherzo und Andanle con Variazioni —, welche\ngrossen Beifall erhielt; namentlich ist das Scherzo sehr originel, und\ndie stets in einander übergehenden Variationen bilden einen gar lieb-\nlich duftenden und meisterhaft gebundenen Blumenstrauss.\nDem Vernehmen nach wird Herr Max Bruch nächstens eine\nSoiree geben, in welcher er mehrere Vocal-Compositionen für Soli\nund Chor, ein Clavier-Trio und einige kleinere Clavierstüeke von\nseiner Composition hören lassen wird.\nBerlin* Das Kroll'sche Theater, welches jetzt von Herrn Di-\nrector Röder geleitet wird, hat in den drei englischen Tänzerinnen\nSarah, Elisabeth und Helena Gunisse drei wahre Magnete erhalten.\nSie übertreffen ihre Landsmännin Miss Lydia Thompson unbedingt\nan künstlerischer Ausbildung. Demnächst stehen dort auch gross-\nartige musicalische Genüsse bevor, denn Frau Fiorentini und die\nHerren Henri und Joseph Wieniawski und Bottesini werden sich\nhier hören lassen.\nDer König von Preussen hat Herrn Mantius als Anerkennung\nlangjähriger ausgezeichneter Leistungen auf dem Gebiete der Gesan-\n.geskunst zum Kammersänger ernannt.\nHerr Cerf, der Erbauer des Victoria-Theaters in Berlin, dessen\nEröffnung am 1. October k. J. Statt finden soll, hat einen Preis von\n100 Friedrichsd'or für das beste vier- oder fünfactige Original-Lust-\nspiel ausgeschrieben, mit welchem er die Vorstellungen eröffnen will.\nDie Holle1 sehe Verlagshandlung kündigt ein grossartiges Unter-\nnehmen an: es ist die Herausgabe von Beethoven's sämmtlichen\nWerken in 25 bis 30 Bänden, unter Redaction von Franz Liszt.\nMs&ÄBIZ. Die Liedertafel-Concerte haben am 19. October mit der\nAufführung von J. Haydn's „Schöpfung\" begonnen. Die Soli wa-\nren durch Dilettanten aus Mainz und Mannheim besetzt, welche\ngrossen Beifall fanden.\niK'raiiStffltpf a. Der Senat hat den Beschluss gefasst, das\nDeficit der Theatercasse zu decken und den bisherigen Zuschuss\nzum Etat der Bühne auch fernerhin zu zahlen. Herr Roderich\nBenedix, dessen Contract noch fünf Jahre läuft, bleibt in seiner\nStellung als Intendant.\nUnser neu engagirter Tenorist, Herr Karl Schneider von\nLeipzig, ist bereits zwei Mal aufgetreten. Wir haben ihn als Elwin\nin der Nachtwandlerin gehört und können uns dem ihm gewordenen\nBeifalle anschliessen. Die Stimme ist nicht gross, aber von ange-\nnehmer Klangfarbe, von leicht ansprechender Höhe und für den Aus-\ndruck lyrischer Empfindungen sehr geeignet. Herr Schneider zeigte\nsich als einen gebildeten Sänger, welcher seine Mittel wohl zu ver-\nwenden und durch einen geschmackvollen Vortrag geltend zu ma-\nchen weiss. Er hielt den zarten, elegischen Grundton dieser Rolle\nfest, brachte die dramatischen Momente zur Geltung und bekundete\nsich als einen bühnenkundigen Darsteller.\nBreiaaeai, 27. October. Vor einigen Tagen wurde hier eine\nneue komische Oper von „Polyphenr*, gegeben; sie erhielt\ngetheilten Beifall. Fräul. Auguste Gebler trug eine grosse Colo-\nratur-Scene mit ausgezeichneter Bravour vor und wurde bei offener\nScene gerufen.\nIn der Allg. Theater-Chronik schreibt Th. Gassmanu aus Ham-\nburg: »Die bedeutendste Gesangeskraft der Oper ist Frliul. Hart-\nmann, welche im vorigen Jahre hieher kam, so zu sagen erst ge-\nhen und stehen lernte und plötzlich als Agathe, Donna Anna und\nAlice das Publicum wahrhaft entzückte. Die Stimme der jungen\nDame, einer Schülerin des renommirten Gesanglehrers Herrn Koch\nin Köln, gehört für lyrischen Gesang zu den seelenvollsten und\nschönsten, welche wir überhaupt gehört.a\nSjefpzig;« Am 4. Oktober fand das erste Gewandhaus-Concert\nunter Mitwirkung des Pianisten Hans Bülow, der das Es-dur-\nConcert von Beethoven und eine Rhapsodie von Liszt mit bekannter\nMeisterschaft vortrug, Statt. Eine Sängerin Fräul. Ida Krüger\naus Schwerin bekundete sich als Anfängerin und ist vielleicht zu\nfrüh vor die Oeffentlichkeit getreten. Beethoven's Eroica unter Rieta1\nLeitung schloss das Concert. In dem zweiten Concert spielte Laub\ndas Violin-Concert von Beethoven vortrefflich; die Phantasie von\nErnst wurde aber mit viel grösserem Beifalle belohnt, als der herr-\nliche und wahrhaft künstlerische Vortrag des Concerts. [O weh! sieht\nes jetzt so bei dem Concert-Publicum in Leipzig aus?] Ein neues\nWerk von L. Ehlert, eine „Hafis-Ouverture\", machte Effect. Fräul.\nIda Krüger hatte diesmal eine bessere Wahl getroffen (Arie aus\nFigaro, Lieder von Mendelssohn, Schumann und F. Schubert) und\nbefriedigte mehr, als im ersten Concerte.\nIm dritten Concerte (22. October) würde eine neue Sinfonie\n(Nr. VI. in G-moll) von Niels W. Gade (Manuscript) und Ouver-\ntüren von C. Reinecke zu Dame Kobold und von R. Schumann\nzu Genovefa aufgeführt. Herr L. Br as sin spielte Moscheies' G-moll-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "352", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571031-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4507, "texte": "Concert, die Berceuse von Chopin und eine Rhapsodie von eigener\nComposition mit grossem Beifall. Fräul. Jenny Meyer aus Berlin\n«ang eine Arie mit obligater Violine von J. S. Bach und\nd'e erste Scene des Romeo von Bellini.\nJenny Lind und Rubinstein verweilen gegenwärtig in\nLeipzig.\nStwttßei der Anwesenheit der Abgeordneten zu dem\nevangelischen Kirchentage führte der Verein für elastische Vocal-\nmusik Handers Israel in Aegypten unter Dr. Faisst1 s Direction\nauf, und zwar mit dem ursprünglichen Orchester Händers und der\nOrgel, deren Stimme Mendelssohn so vortrefflich bearbeitet hat. Der\nEindruck war ein wahrhaft erhebender.\nIn einer festlichen Versammlung der Dreissig'schen Sing-Akade-\nmie in Dresden nahm der langjährige verdiente Dirigent derselben,\nder Organist Joh. Schneider, Abschied von diesem Wirkungs-\nkreise. Eines der ältesten Mitglieder und Mitgründer der Akademie\nüberreichte dem Scheidenden einen kostbaren Brillantring und das\nDiplom der Ehren-Mitgliedsehaft.\nDie königliche Bibliothek in München hat in jüngster Zeit\ndurch den Ankauf der berühmten musicalischen Bibliothek des ver-\nstorbenen Geheimenrathes T hiba u t in Heidelberg eine werthvolle\nBereicherung erhalten.\nWiera« Der k. k. Kammer-Virtuose Herr Leop. von Meyer\nhat, nachdem er in Odessa sechs von der dortigen Aristokratie\nüberfüllte Concerte gegeben, sich nach Konstantinopel eingeschifft,\nwo er im Hotel des k. k. österreichischen Internuncius Frhrn. von\nProkesch-Osten abstieg. Gleich nach seiner Ankunft erhielt er eine\nEinladung zu einem Hof-Concert. Der Sultan begrüsste den Künstler\nsehr hu1 dvoll und schenkte seinen Vorträgen besondere Aufmerksam-\nkeit. Meyer bediente sich bei seinen Productionen eines prachtvollen\nFlügels aus der berühmten wiener Fabrik des Herrn L. Bösendorfer,\nwelcher dem dort ansässigen Fürsten Aristarchi gehört. Der Künst-\nler musste noch in einem zweiten Concerte mitwirken, das ihm\nwahrhaft kaiserliche Geschenke einbrachte; ferner in den Soireen bei\nden Grossveziren Mustapha Pascha und Fuad Pascha. Die\nbeiden türkischen Hoheiten Hessen ihm zwei kostbare, mit Brillan-\nten, Perlen und Juwelen gezierte grosse Bernstein-Mundstücke über-\nreichen. Am nächsten Abend war er zu dem dort seit einiger Zeit\nanwesenden Prinzen Joinville geladen, dessen Gemahlin sehr mu-\nsicalisch gebildet ist und dem Künstler die vollste Aufmerksamkeit\nzollte. Am 5. October hat sich Meyer in Begleitung des Muchli Pa-\nscha nach Athen eingeschifft, wo er vierzehn Tage zu bleiben ge-\ndenkt und sich sodann nach Wien begibt, wo er Mitte Novembers\neintreffen wird.\nAm Sonntag den 25. October feierte der hiesige Männergesang-\nVerein um 11 Uhr in der Augustinerkirche sein Stiftungsfest, zu\nwelchem eine Vocal-Messe von dem Herrn Vereins-Chormeister Schlä-\nger gewählt und aufgeführt wurde.\nSonntag den 22. November findet im Musikvereins-Saale die erste\nQuartett-Production des Herrn J. Hei 1 mesberger Statt.\nDie so genannten Nova-Soireen des k. k. Hof-Musicalienhändlers\nHerrn C. Haslinger beginnen Mitte November.\nDer k. k. Hofopern- und Capellensänger Herr Erlist so bedeu-\ntend erkrankt, dass die Aerzte zweifeln, er werde mehr als Sänger\nthütig sein können.\nOle Bull trifft Anfangs December in Wien ein und wird eine\nReihe von Concerten veranstalten.\nDer Männergesang-Verein von Wien veröffentlicht zum Schlüsse\ndes vierzehnten Vereinsjahres seinen Jahresbericht. Danach waren\ndie Einnahmen 5502 Fl., die Ausgaben beliefen sich auf 3705 Fl,\nund ein Cassenrest von 1797 Fl. ist für das Vereinsjahr 1858 ver-\nblieben. Die Zahl der ausübenden Mitglieder ist 208, wovon 37 erste\nTenore, 56 zweite Tenore, 62 erste Bässe und 53 zweite Bässe sind.\nEinen Beweis der regen Theilnahme unter dem Publicum gibt die\nZahl der beitragenden Mitglieder, welche heuer 420, also um 58\nmehr als im vorigen Jahre, beträgt. Zu gewöhnlichen Uebungen\nversammelte sich der Verein 55 Mal, in den statutmässig bestimm-\nten Liedertafeln und Concerten brachte der Verein 47 Nummern,\ndarunter 25 neue, zur Aufführung. Bei Liedertafeln im engeren Kreise\nund bei Sängerfahrten aber kam man mit den Productionen auf 111\nNummern. Mit einem Ehrensolde für neu aufgeführte Nummern wur-\nden 15 Compositeure mit 22 Stück Ducaten bedacht. Das Archiv zeigt\neine entsprechende Zunahme von 637 auf 649 Cumulativ-Nummern.\nDie Pianistin Fräul. Amalia Neruda hat sich mit dem Ca-\npellmeister Wickenhauser in Brünn vermählt.\nMeyerbeer hat sich von Paris nach Nizza zu seiner kranken\nTochter begeben. Im Monat März wird er in Paris zurückerwartet."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "345", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571031-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nBerliner Briefe (Sommerstille Liebig Wieprecht Oper Der Kadi von Ambr. Thomas Die komische Oper\nals Gattung Friedrich-Wilhelmstädtische Bühne Kroll's Etablissement Concerte). Von G. E. Tages- und Unterhaltungs-\nblatt (Köln, Die Winter-Concerte der Concert-Gesellschaft, Die erste Soiree für Kammermusik, Max Bruch Berlin —Mainz —Frank-\nfurt Bremen Hamburg Stuttgart Dresden München Wien, Leop. von Meyer, Stiftungsfest des Männergesang-Vereins).\n\nBerliner Briefe.\n\n[Sommerstille - Liebig Wieprecht Oper: Fräul. Wip-\npern, Frau Herrrenburg-Tuczek, Frau Köster, Fräul.\nWagner, Herr Fahrenholtz Der Kadi von Ambr. Thomas\nDie komische Oper im Allgemeinen als Gattung Friedrich-\nWilhelmstädtische Bühne Kroll's Etablissement: Bazzini\nSignora Fortuni Concerte: Alexis Lwoffs Stabat maier\nDuprez' Oper Samson Meinardus Oratorium\n„Simon Petrus\".]\nDen 15. October 1857.\nSo reich und mannigfaltig das rausic.ilische Leben in\nBerlin während des Winters ist, in den Sommermonaten,\nnamentlich im Juli und August, ist es eine Wüste, und\nzwar eine Wüste fast ohne Oasen. Früher war das anders.\nDas Reisen war kein allgemeines Bedürfniss, und unsere\nVoreltern liessen sich weder durch Hitze noch durch Kalte\nabschrecken, ihr musicalisches Pensum zu nbsolviren; in\nden Zeiten des musicalischen Enthusiasmus, wo die gros-\nsen Kunstwerke theilweise eben erst entstanden, theilweise\nin weiteren Kreisen bekannt wurden, fand man nichts Un-\ngebührliches darin, den schönslen Sommerabend im Con-\ncertsaale zuzubringen; die aufgehende Sonrie der Kunst\nverdunkelte alle Reize, mit denen die Natur sich geschmückt\nhat. Auch noch vor wenigen Jahren war es anders. Es ist\nnoch nicht lange her, dass bei den Gast-Vorstellungen Ro-\nger's das Opernhaus an den schönsten Juli-Abenden bis\nauf den letzten Platz gefüllt war. Aber jetzt werden Thea-\nter und Gesang-Vereine geschlossen, von Concerlen ist\nkeine Rede; die jungen Damen, auf deren musicalischen\nBildungstrieb der Säckel der Musiklehrer angewiesen ist,\nsind im Bade; die Musiklehrer raffen ihre bescheidenen\nErsparnisse zusammen, reisen ebenfalls in die weite Welt,\nbleiben einen bis zwei Monate fort, bis der letzte Pfennig\nausgegeben ist. Erst im September beginnen die ersten\nSymptome sich zu zeigen, dass es lür den Menschen auch\nnoch andere Genüsse gibt, als Luft, Felsklippen, Baum-\nschlag und Wasserfluten; aber in diesem Sommer traten\nauch diese Symptome ungewöhnlich spät ein. Nur zwei\nNamen erinnerten uns daran, dass es überhaupt eine Kunst\nder Musik gibt, Liebig und Wiepreeht. Erstcrer gab\ndrei Mal wöchentlich Symphonie-Coricerte im Freien und\nin verschiedenen Localen um den ganzen Umkreis Berlins\nherum, damit keine irgendwie civilisationsbedürftige Gegend\nder grossen Stadt sich über Vernachlässigung beklagen\nkönne: Concerte, die noch immer ausserordentliche Theil-\nnahme finden (bei einem zufälligen Besuche eines derselben\nim Odeum fand ich 2 3000 Zuhörer) und dieselbe durch\ndie Correctheit und Lebendigkeit der Ausführung auch ver-\ndienen. Sie wissen aus früheren Berichten, dass Liebig seit\neinigen Jahren mit seinem Orchester vollständig salonfähig\ngeworden ist und dass seine Symphonie-Concerte nächst\ndenen der königlichen Capelle zu den wichtigsten musica-\nlischen Veranstaltungen Berlins gehören. Das Publicum\ndrängt sich nach denselben, und das Auditorium besteht\naus den gebildetsten und vornehmsten Kreisen der Haupt-\nstadt. Natürlich bleibt die Ausführung immer noch um ein\nganz Beträchtliches hinter dem zurück, was die königliche\nCapelle leistet; aber der Hörer erhält ein ganz» richtiges,\ngeistvoll belebtes und dem Ohr wohlgefälliges Bild von der\nSache, nur dass die beiden letzten Eigenschaften bei der\nköniglichen Capelle noch um einige Grade höher ausgebil-\ndet sind. Dieses Orchester und dieses Genre von Concerten\nkonnte also der Fremde und der Einheimische den ganzen\nSommer hindurch gemessen; die Presse erwähnt natürlich\ndessen so gut wie gar nicht; aber daran erkennt man eben\ndie grosse Stadt, dass Aufführungen, die in manchem Orte\nvon 50,000 Einwohnern und mehr grosses Aufsehen ma-\nchen würden, hier als etwas ganz Gewöhnliches spurlos\nvorübergehen. Und dabei dieseClassicität des Geschmackes!"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "346", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571031-01.1.2", "texte": "Davon war noch vor zehn Jahren nicht die Rede; damals\nwar es etwas Seltenes, wenn in einem Garten-Concerte\neine einzelne Symphonie ausnahmsweise zur Aufführung\nkam; damals freute sich das Publicum an Märschen, Tän-\nzen, Potpourri's; heute mag das Niemand mehr, und die\nOrchester, die nichts Anderes verstehen, machen schlechte\nGeschäfte. Wieprecht veranstaltete hin und wieder\ngrosse Militär-Concerte; mit weniger als 200 Mann pflegt\ner nicht ins Gefecht zu rücken, und die Phalanx der Blech-\nInstrumente ist kräftig genug, um jeden zurückzuschrecken,\ndessen Nerven einer Stärkung durch das Seebad bedürfen;\naber die Ausführungen sind stets eben so glänzend und\nexact, wie ein preussischer Parademarsch. Wieprecht ist\nein Feldherr nach der alten Schule, der seinen Stab zwar\nmitunter recht ungeberdig schwingt, ab T seine Truppen\ndoch in Ordnung hält. Die Musiker stellen ihn auch wegen\nseiner Kenntniss der Instrumente sehr hoch und befragen\noft seinen Rath.\nDie Opern-Vorstellungen begannen Anfangs August.\nSie führten uns eine neu engagirte junge Sängerin, Fräul.\nWippern, vor, an die sich nicht geringe Hoffnungen\nknüpften. Eine volle und weiche, namentlich in der Höhe\nsehr ausgiebige Stimme, eine hervortretende dramatische\nSicherheit gleich bei den ersten theatralischen Versuchen\n(sie trat zuerst als Agathe, dann als Alice auf) erweckten\nein günstiges Vorurtheil. Von manchen Mängeln der Ton-\nbildung, namentlich in der Mittellage, und der Aussprache\nkonnte man erwarten, dass sie im Verlauf der Zeit und bei\nsorgfältiger Selbstkritik verschwinden würden; dass hin-\nsichtlich der Auffassung von einer Debütantin noch nicht eine\ndurchgebildete Feinheit verlangt werden konnte, verstand\nsich von selbst. Durch eine spätere Leistung (als Iphigenie\nin Aulis) hat sich indess das Urlheil etwas herabgestimmt;\ndie Tonbildung erschien mangelhafter, als früher, und die\nAuffassung war ganx dürftig und äusserlich. Doch ist es\nwahrscheinlich die erste Partie, die Fräul. YVippern ohne\nLeitung eines Lehrers einstudirt hat; auch hatte sie die-\nselbe in kurzer Zeit übernommen; es lässt sich ihr also\nnoch immer nicht die Fähigkeit, sich mit eigener Kraft\nweiter zu bilden, unbedingt absprechen. Die äusseren Mit-\ntel sind bei ihr so schön, dass sich ein sehr hedeutendes\nResultat damit erreichen liesse; es wäre zu bedauern, wenn\nes ein blosser Körper ohne Seele bliebe. Uebrigens ist\nFräul. Wippern ein Zankapfel zwischen zwei Gesangleh-\nrern, der Frau Cornet, die sich als eine gewandte Leh-\nrerin mehrfach bewährt hat, und dem Dr. Schwarz, der\nsich durch seine »Gesanglehre nach physiologischen Ge-\nsetzen\" in jüngster Zeit einen Namen gemacht hat. Der\nFremde kann natürlich nichts darüber wissen, welchem von\nBeiden die junge Dame mehr verdankt. Doch verlohnt es\nsich wohl auch wenig des Streites bei einer Sängerin, die\ndem Publicum nicht als fertig gebildet, sondern nur als\ntalentbegabt gegenüber tritt. Unsere Primadonnen sind\ninzwischen zurückgekehrt, Frau Herrenburg-Tuczek\nund Frau Köster ziemlich unverändert, Fräul. Wagner\nAnfangs sehr angegriffen, namentlich halte die Mittellage\nKraft und Klang fast gänzlich verloren; doch hat sich das\nOrgan wieder erholt, und die letzte Leistung der trefflichen\nSängerin (als Sextus in Titus) war reich an ergreifenden\nMomenten. Es scheint übrigens gewiss, dass Fräul. Wagner\nim März sich verheirathen und ins Privatleben zurückziehen\nwird, vielleicht zu rechter Zeit für ihren Ruhm; doch wird\nsie in einer gewissen Gattung von Rollen noch lange uner-\nsetzlich sein. Die bisherigen Vorstellungen der königlichen\nOper, soweit Referent sie gehört hat, entbehrten noch der\nAbrundung, an die wir in guten Tagen gewohnt waren;\ndie Stimmen der älteren Mitglieder werden immer unge-\nfügiger, und mit den jüngeren Kräften ist es fast noch\nschlimmer bestellt. Es seheint, als ob die guten Sänger\nmehr und mehr verschwänden; die Wissenschaft durch-\ndringt die Geheimnisse des Stimm-Organismus, die Zahl der\nGesanglehrer und der Gesang-Unterricht nehmenden Dilet-\ntanten wächst an allen Orten, und doch schreitet die Kunst\ndes Gesanges zurück. Es liegt dies eben so sehr an der\nUnlust, ernste technische Studien zu machen, als an den\nüberspannten Ansprüchen, welche an die Organe der Sän-\nger gestellt werden; man kann es nicht oft genug wieder-\nholen, dass, was den letzteren Punkt betrifft, nur eine\ngründliche Reaclion uns helfen kann, dass aber auch ande-\nrerseits Niemand daraus, dass er vielleicht ein leichtes Lied-\nchen ohne eigentliche Kunstbildung leidlich zu singen ver-\nmag, den Schluss ziehen darf, der Gesang liesse sich spie-\nlend erlernen; es gehört derselbe Ernst und dieselbe Em-\nsigkeit dazu, wie zu jeder anderen musicalischen Kunstfer-\ntigkeit. Stimmen gibt es noch immer; so wurde an unserer\nOper in diesem Sommer ein Herr Fahrenholt vi aus Dan-\nzig engagirt, der sowohl in der Kraft als in dem Umfange\ndes Organs hinreichende Vorbedingungen für eine erfolg-\nreiche künstlerische Wirksamkeit besass; aber die Behand-\nlung dieser Mittel war so mangelhaft, dass er sich jetzt\nschon für Berlin unmöglich gemacht hat. Das Beste lür den\njungen Sänger wäre es, nach Danzig zurückzukehren, wo\nman wenigstens Eine seiner schlechten Eigenschaften, den\nprovinciellen Dialekt, weniger bemerkt."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "347", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571031-01.1.3", "texte": "An dem Reperioire unserer Oper hat sich nichts ver-\nändert; nur Ein Werk, der Kadi von Thomas, ist neu\ngegeben worden. Es hat dasselbe in Ihrem Blatte schon\nmehrfache Besprechungen gefunden; in Paris, Brüssel und\nanderen französischen Städten ist es, wenn ich nicht irre,\nschon seit etwa zehn Jahren einheimisch; in Wien kam es\nebenfalls vor Kurzem auf das Repertoire. Die hiesige Presse\nist grösstenteils sehr schlecht mit der Oper umgegangen.\nDas Publicum, Anfangs etwas kalt und unentschieden, hat\nauch zwar in der Folge keine günstige Stimmung dafür\ngewonnen, sich indess den Scherz doch gefallen lassen. Wir\nsind es in Berlin gewohnt, dass neue Opern durchfallen,\nund um Alles in der Welt möchten wir den ernsten Sinn\nnicht wegwünschen, der sich nicht dem ersten, besten ober-\nflächlichen, sinnlichen Eindruck hingibt, sondern einen ge-\ndiegenen Gehalt verlangt; aber mitunter, scheint es uns\ndoch, ist das Urtheil des berliner Publicums etwas gar zu\nstreng, namentlich dann, wenn es sich um ein Werk der\nheiteren Muse handelt.\nWir sind jetzt glücklich dahin gelangt, dass das Re-\npertoire der komischen Oper sich auf einen sehr kleinen\nUmfang beschränkt und dass die wenigen Opern dieses\nGenre's, die noch gegeben werden, in Ausstattung und\nAusführung, so wie in der Theilnahme des Publicums es\nallzu deutlich verralhen, dass sie das Aschenbrödel des heu-\ntigen Geschmacks sind. Was würde man dazu sagen, wenn\neine Schauspieler-Gesellschaft nur noch Tragödien oder\ngrosse Schauspiele aufführen wollte? Und ist etwa die Mu-\nsik unfähig, das Komische darzustellen? Man hat diese\nFrage mitunter aufgeworfen, und diejenigen, die der Musik\ndie Fähigkeit zum komischen Ausdruck absprechen, stützen\nsich darauf, dass die Musik die Kunst des Gefühls sei, das\nKomische beruhe aber mehr auf dem Verstände, als auf der\nEmpfindung. Wir können uns hier nicht auf eine theoreti-\nsche Erörterung der Frage einlassen, wollen aber doch ein-\nfach auf die Thatsache hinweisen, dass es in Italien eine\ngrosse Anzahl entschiedener komischer Opern gibt, und\ndass wir Deutschen namentlich in Dittersdorf einen Com-\nponisten besitzen, der die offenbarste Neigung zu diesem\nGenre hatte. (Bei den Franzosen ist in der Regel weniger\nder specifisch komische, als der heitere, gefällige Con ver-\nsa tions-Stil ausgebildet ; man denke nur an Johann von\nParis, die weisse Dame und den Maurer.) Ja, selbst die\nInstrumental-Musik scheint noch das Vermögen des Komi-\nschen zu besitzen; namentlich bringen manche Sätze von\nHaydn und Beethoven den Eindruck bald des Lustigen und\nSpasshaften, bald des tieferen Humors hervor; und sehr\nbemerkenswert!) ist es, dass man an Dittersdorfs Instru-\nmental-Compositionen zu einer Zeit, wo er noch keine Oper\ngeschrieben hatte, die Neigung zum Komischen entdecken\nwollte (man sehe Hiller's wöchentliche Nachrichten aus den\nsechsziger Jahren des vorigen Jahrhunderts). In der Natur\nder Musik können wir also keinen Grund finden, warum\ndas komische Genre vernachlässigt werden sollte, zumal da\ndarunter nicht bloss das specifisch Komische, sondern auch\nalles Leichtere, nicht unbedingt Tragische oder Sentimen-\ntale zu begreifen ist. Vor lünf/.ehn Jahren, als noch Sophie\nLöwe hier war, und in den ersten Zeiten der Tuczek, war\nzu Berlin eine Zeit, wo die komische Oper in Blüthe stand.\nVerschiedene Umstände waren es, die sie zurückdrängten;\ntheils die wachsende Neigung zum Classischen, sodann der\nThränenjammer Bellini's, in den Donizetti, obschon in ge-\nmilderter Weise und nicht ausschliesslich, ebenfalls ein-\nstimmte, die grosse französische Oper, die in Meyerbeer\nihren Culminationspunkt erreichte, endlich der immer zu-\nnehmende Geschmack an dem Massenhaften, glänzend Aus-\ngestatteten. Es sind mithin Motive entlegenster Art, die\nsich gemeinsam gegen die komische Oper verschworen ha-\nben. Diese Coalition muss man zu sprengen suchen. Der\nSinn für das wahrhaft Schöne wird durch das Komische\nnicht leiden, denn es ist ebenfalls ein Element des Schö-\nnen ; und nie sollte man vergessen, dass die Kunst den\nErnst des wirklichen Lebens nicht nachahmen, sondern\nauch im Ernste immer nur ein Spiel des über dem Stoflo\nschwebenden freien Geistes sein soll, ohne darum freilich\nauf der anderen Seite zur Frivolität sich zu erniedrigen;\nwohl aber wird die Gewöhnung an leichtere, gefälligere\nFormen die stark verpestete Luft reinigen. Mögen wir aul\ndie Productionen der heutigen Componisten oder der aus-\nführenden Künstler blicken, überall begegnen wir den maass-\nlosesten Extravaganzen. Die weite Ausdehnung, die dieses\nUeberschreiten aller künstlerischen Gränzen angenommen\nhat, nölhigt uns, es nicht als eine bloss zufällige Erschei-\nnung, sondern als begründet in allgemeineren Verhältnissen\naufzufassen. Der ernste Geist Beelhoven's beherrschte die\nEpoche; fast Alle folgten den Wegen, die er gebahnt hatte,\ndie Einen mehr reeeptiv, die Anderen, die einen schöpferi-\nschen Drang in sich fühlten, mit dem Streben, über ihn\nhinaus zu gehen. So treten uns denn überall die gewaltig-\nsten Intentionen entgegen; namentlich sind es Wagner und\nLiszt, die Himmel und Erde mit ihren Schöpfungen um-\nspannen möchten. Und dies eben ist der Fluch der heuti-\ngen Zeit, dass sie riesengrosse Aufgaben sich stellt, und\nnicht die mindeste Fähigkeit besitzt, sie zu lösen. Wie soll"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "348", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571031-01.1.4", "texte": "sich dies weitet entwickeln? Wird eine spätere Zeit an den\nAufgaben festhalten und besser dazu ausgerüstet sein? Wir\nglauben dies nicht. Denn Geschichte und Vernunft belehren\nuns, dass alle Entwicklung durch entgegengesetzte Strö-\nmungen zu Stande kommt. Jene Tendenz zum Erhabenen,\nwir sehen sie jetzt haltlos überschäumen; die Zeit zur\nRückkehr ist da. Je mehr ich darüber nachdenke, desto\nmehr befestigt sich mir die Ueberzeugung, dass für die\nKrankheit, an der das musicalische Leben der Gegenwart\nleidet, das Publicum selbst nicht ausgenommen, nur die\nRückkehr zur heiteren Gattung das Heilmitlei ist. Die Fie-\nber-Phantasieen unserer productionssüchtigen Künstler dür-\nfen nicht langer durch die einseitige Gewöhnung an die lei-\ndenschaftlichsten dramatischen Gegensätze genährt werden;\nes muss ein anderes Element hineinkommen.\nWir kehren zum Kadi zurück. Wir begrüssten natür-\nlich mit Freude das Erscheinen einer neu< n komischen\nOper; und wenn wir auch gewünscht hätten, der Dichter\nund der Componist hätten uns etwas Werthvolleres gebo-\nten, so können wir doch nicht so absprechend darüber ur-\ntheilen, wie ein Theil der hiesigen Presse; namentlich kön-\nnen wir auf den Mangel an musicalischer Originalität nicht\neinen so grossen Werth legen, als einige hiesige Kritiker\nes gethan haben. Es ist wahr, musicalische Erfindungskraft\nim strengsten Sinne des Wrortes besitzt Thomas nicht.\nAber nur Wenigen ist diese hohe, wahrhafte Erfindungs-\nkraft überhaupt beschieden. Es gibt zwischen Gestaltungen,\ndie dem Ohr sofort als unbedingt neu erscheinen, und de-\nnen, die offenbar entlehnt sind, eine unendliche Anzahl von\nMittelstufen, die, wenn auch nur ein beschränktes Recht\nder Existenz, doch immer ein Recht darauf haben. Dieser\nMittelgattung würde der Kadi in jedem Falle angehören.\nMan findet Anklänge an Rossini sowohl als an Auber, aber\ndoch nie eine sclavische Nachahmung; Thomas schliesst\nsich älteren Richtungen an, aber mit selbstständigem,\nkünstlerisch gestaltendem Geiste. Noch mehr: diese Mi-\nschung des Französischen und Italiänischen, die wir so eben\nangedeutet haben, gehört der Gegenwart als etwas Eigen-\ntümliches an; und gerade darum, weil Thomas an sehr\nverschiedene Elemente erinnert, die er in sich zu vereini-\ngen bemüht ist, und weil es ihm zugleich gelingt, ein Gan-\nzes daraus zu bilden, hat er schon den Anspruch auf eine\ngewisse, wenn auch nur untergeordnete, Originalität. Es\nkommt endlich noch ein Moment hinzu. Sehr reich ist der\nKadi an parodischen Gesangstücken, die gegen die Ueber-\ntreibungen der grossen Oper gerichtet sind; ein eigentüm-\nlich sarkastischer Zug macht sich, wenn man näher hin-\nsieht, fast in jedem Tacle der Oper gellend. Dies ist ganz\nmodern und überdies vollständig zeitgemäss in einem Augen-\nblicke, wo der ernste Stil die Gränzen des Schönen über-\nschreitet; es ist das Uebergehen der Extreme in einander,\ndas sich vor unseren Augen verwirklicht. Nun hat man\nzwar von je her musicalische Parodieen gehabt, aber nicht\nin so ausgedehnter künstlerischer Form. Die Nummern, in\ndenen dieser Zug der Ironie am deutlichsten hervortritt,\nfanden den meisten Beifall beim Publicum und werden das\nWerk wohl noch einige Zeit auf dem Repertoire erhalten.\nIn ihnen ruht auch die eigentümliche Bedeutung des Kadi\nvorzugsweise. Sieht man auf das äusserlich Musicalische,\nauf Melodieen, Harmonieen, Rhythmen, so wird man nir-\ngends durch Neuheit überrascht, und doch ist in dem Gan-\nzen ein neuer Geist, wenn auch vielleicht nur das erste\nAufleuchten desselben, das in der Zukunft zu einer helle-\nren Flamme sich zu entwickeln hat. Es hat uns dieses Werk\nauf das Neue in der Ansicht bestärkt, dass auch eine gründ-\nliche Kritik, die ihren Gegenstand anatomisch zergliedert,\nder Gefahr des Irrthums ausgesetzt ist; über den Theilen\nverliert sie das Ganze. Thomas ist nicht so wenig originel,\nals es der zerlegenden Kritik scheinen mag; aber seine\nEigentümlichkeit besieht nur darin, dass er vorhandene\nElemente in eine neue Stellung zu einander bringt. Abge-\nsehen von dieser Originalitätsfrage, werden selbst seine\nGegner zugeben müssen, dass seine Musik durchweg von\neinem gebildeten Geschmack und einer höchst gewandten\nTechnik Zeugniss ablegt. Die Musikslücke treten klar und\nabgerundet hervor, überall ist ein wohltuendes Maass ge-\nhalten; die Behandlung der Singstimmen und des Orche-\nsters ist eben so fein als nalurgcmäss. Wer ein so treff-\nliches Musikstück zu schreiben vermag, wie die Introduc-\ntion der Oper es ist, könnte wohl schon darum den An-\nspruch erheben, von der Presse mit einiger Achtung be-\nhandelt zu werden. Dabei sind uns trotz des possenhaften\nund lür ein deutsches Publicum doch nicht hinreichend\nkomischen Textes dennoch keine Längen aufgefallen; wir\ngestehen aufrichtig, dass die Oper uns fast durchweg in-\ntercssirt und unterhalten hat. Die Aufführung war vortreff-\nlich. Namentlich waren Frau Herrenburg-Tuczek\nund Herr Wolff, sowohl in der dramatischen als in der\nmusicalischen Ausführung ihrer Rollen, ausgezeichnet; auch\ndie Herren Bost und Radwaner leisteten Rühmliches,\nder Letztere wenigstens als Sänger.\nSeit diesem Sommer hat auch die Friedrich-Wil-\nli e I m s t ä d t i s c h e Bühne wieder ihre früheren Versuche\nzur Gründung einer komischen Oper erneuert. Es verdient"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "349", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571031-01.1.5", "texte": "namentlich Beachtung, dass manches ältere Werk zur Auf-\nführung kam, so der Doctor und Apotheker von Ditters-\ndorf und die Jagd von Iliiler. Ich selbst habe noch keiner\nVorstellung beigewohnt, höre aber, dass die Gesellschaft\nnicht ganz schlecht ist.\nAuch das Kroll'sche Etablissement entfallet neue\nThätigkeit. Bazzini, der italiänische Geiger, und Signora\nFortuni, die spanische Sängerin, waren von dem Besitzer\ndes Locals zu einem Cyklus von Concerten, der jetzt sein\nEnde erreicht hat, engagirt worden. Die beiden Künstler\nsind etwa sechszehn Mal aufgetreten. Ueber ihre Leistun-\ngen habe ich Ihnen in den letzten Jahren mehrfach zu be-\nrichten Gelegenheit gehabt und kann daher diesmal kurz\n#ein. Der Ton Bazzini's ist nicht gross, hat aber in melo-\ndiösen Stellen einen so süssen Wohllaut, dass das Ohr sich\ngern seinem Reize hingibt. Seine Technik ist, wenn auch\nmitunter mehr blendend, als einer mikroskopischen Unter-\nsuchung Stand haltend, jedenfalls doch sehr bedeutend. Im\nVortrag der Cantilene ist Bazzini so gefühlvoll, dass man\neinen italiänischen Sänger ersten Ranges zu hören glauben\nkönnte. Aber dass er auch dem ernsten deutschen Wesen\nverwandt ist, bewies er durch die meisterhafte Ausführung\nder Violinstimme in einer mit obligater Violine geschriebe-\nnen Concert-Arie von Mozart so wie durch\ndas Beethoven'sche Violin-Concert, in dessen Auffassung\nund Durchführung er zwar nicht unsere Joachim und Laub\nerreicht, aber doch, zumal als Italiäner, Vieles so trefflich\nmacht, dass er die wärmste Anerkennung dafür verdient.\nSignora Fortuni ist und bleibt die zierlichste Sopra-\nnistin, die mir jemals vorgekommen, d. h. wenn sie will;\ndenn zuweilen scheint es, als ob sie nicht recht bei Laune\nwäre; dann vermissen wir die Lieblichkeit des Ausdrucks\nund die Sauberkeit der Coloratur, deren sie sonst wohl\nfähig ist. ihre Stimme ist klein, wie es bei der hohen Lage\nderselben kaum anders möglich ist, aber klar und durch-\nsichtig und vieler Nuancen fähig; ihr Vortrag entbehrt al-\nlerdings aller liefen und grossen Empfindungen, ist aber\ndarum keineswegs seelenlos, wie diejenigen meinen, die\neinen Gegenstand gleich für bewegungslos halten, weil er\nkeine grossen und heftigen Bewegungen macht. Auch in\ndem zierlichen Spiel kann die Seele erscheinen; auch in\nkleinen Dimensionen kann sich der Geist entfalten. So wusste\nSignora Fortuni die Cantilene in der oben erwähnten Mo-\nzart'schen Arie mit ganz richtigem und warmem Gefühle\nvorzutragen. In den spanischen Nationalliedern trat der\neigenthümliche volksthümliche Geist, wenn auch nicht so\nenergisch, wie bei der Viardot-Garcia, so doch mit hinrei •\nchender Deutlichkeit und Schärfe hervor. Das Reizendste\naber, was wir diesmal von ihr hörten, war freilich eine Bra-\nvour-Arie, die bekannte aus dem Nordstern mit den beiden\nFlöten. Die zarte Stimme schwebte über den weich dufti-\ngen Flötenklängen, wie ein klar begränzender Saum; sie\nverschwamm nicht mit ihnen zu einem unterschiedslosen\nGesammtklange, sondern beherrschte sie als Königin, aber\nals Königin der Flöten. Die Genauigkeit in der Auslührung\nder schwierigen Cadenzen war meisterhaft.\nWie sehr sich die äusseren Verhältnisse für die Lauf-\nbahn eines Virtuosen geändert haben, bewiesen recht deut-\nlich die Concerte, von denen wir sprechen. Die Eintritts-\npreise zum Kroll'schen Locale betrugen, je nach dem Platze\n(aber auch den niedrigsten Platz besucht hier Jedermann\nohne Unterschied des Standes), 5, 10, 15 und 20 Sgr.\nDalür konnte man Folgendes hören: Von 5\ncert der Kroll'schen Capelle im Sommergarten, von 6\nUhr Theater-Vorstellung und von 7\nzini's und der Fortuni im Saale, von 9\nim Sommergarten bei glänzender Illuminniion. Das ist doch\nwohl preiswürdig! Und dennoch war die Theilnahme des\nPublicums nicht so rege, als man hätte erwarten sollen.\nJe weniger Werth der Künstler selbst auf das legt, was\ner dem Publicum zu bieten hat, desto gleichgültiger wird\ndieses dagegen werden.\nUnter den Concerten, die bis jetzt Statt gefunden ha-\nben, nahm in jeder Beziehung das des russischen Compo-\nnisten Alexis Lwoff den ersten Rang ein. Lwoff hat\nden Titel General und noch manche andere vornehme Titel;\ndennoch ist er nicht im eigentlichen Sinne des Wortes Di-\nlettant zu nennen, da er sich seit einer langen Reihe von\nJahren der Kunst ausschliesslich gewidmet hat und sogar\nals praktischer Dirigent an der berühmten Sänger-Capelle\nin St. Petersburg thälig ist. In künstlerischem Sinne kann\nman ihn noch weniger einen Dilettanten nennen; denn das\nStabat mater,das er hier zur Aufführung brachte, zeichnet\nsich, zumal in den Chören und in der Behandlung der Sing-\nstimmen, durch eine heutzutage selten gewordene Klarheit\nund Glätte der Form aus. Es ist im Ganzen der Stil Mo-\nzart's, an den sich Lwoff anschliesst, dieselbe Mischung von\nernster, strenger Würde und gefühlvoller Innigkeit; nur in\nzwei Nummern, einer Tenor-Arie und einem Terzett für\nMännerstimmen in letzterem auch nur theilweise—geht\ner einen Schritt weiter und nähert sich moderner Senti-\nmentalität und italiänischem Wohlklange, obschon imme r\nnoch nicht in dem Grade, den wir z. B. in Rossini'*\nmaier kennen. Ueber die Auffassung der Worte sich"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "350", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571031-01.1.6", "texte": "an einzelnen Stellen mit ihm streiten; Einzelnes hat in der\nComposition eine herbere, leidenschaftlichere Färbung, als\nden weichen Gefühlen, die vorzugsweise in dem Stabat maier\nzum Ausspruch kommen, angemessen scheint; man kann\naber die Auffassung, für die Lwoff sich entschieden hat\nund die jedenfalls der musicalischen Mannigfaltigkeit günstig\nist, ebenfalls aus den Worten herauslesen, wenn man es\nfür gut findet, einzelne Worte des Textes im Gegensatze\nzu der Grund- und Hauptstimmung scharf hervorzuheben.\nUnter den Werken neuerer Zeit nimmt das Slabat mater\nvon Lwoff innerhalb seiner Gattung einen sehr hohen, viel-\nleicht den höchsten Rang ein; wenigstens ist uns keines\nbekanntgeworden, in dem so viel lebendiger Ausdruck und\neine so edle Klarheit der Form zugleich anzutreffen wäre.\nAuch dies kommt dem Werke zu Gute, dass die gegenwär-\n' o ö\ntig noch allgemeiner bekannten Compositionen desselben\nTextes wir denken dabei an Pergolese, Haydn, Astorga\nund Rossini—, wenn auch im Einzelnen gewaltiger in der\nErfindung, im Ganzen weniger ihrem Inhalt angemessen\nsind. Pergolese und Haydn sind zu weichlich, Astorga fast\nzu streng und ernst, Rossini oft bis zur Frivolität weltlich.\nEin Jeder von ihnen hat einzelne Sätze geschrieben, denen\nLwoff keinen gleichen an die Seite stellen kann; aber wenn\nman uns fragt, wer von allen diesen am meisten der kirch-\nlichen Würde und der Innigkeit des Gefühls zugleich Ge-\nnüge gethan hat, so müssen wir uns für Lwoff entscheiden.\nUnd er hat dies dadurch erreicht, dass er sich dem Stile\nMozart's anschloss, der für diese Gattung, vom künstleri-\nschen Standpunkte aus betrachtet, das höchste Vorbild auf-\ngestellt hat. Eben darin liegt aber auch die Schwäche der\nLwoff'schen Composition. Wer von dem Componisten vor\nallen Dingen schöpferische Originalität verlangt, wird sich\nwenig befriedigt fühlen; der zündende Funke des Genius\nist nicht darin, nur ein gebildeter Schönheitssinn und eine\ntreffliche Technik. Sollen wir uns aber nicht auch darüber\nfreuen, dass in einem Volke, das bis jetzt der Kunst noch\nziemlich unthätig gegenüberstand, der deutsche Genius einen\nsolchen Wiederhall findet? Ist diese Eine Thatsache nicht\nschon höchster Beachtung werth, dass deutsche Kunst auch\nin den slawischen Osten belebend dringt?\nDen Abend darauf, nachdem Lwoff's Stabat mater zur\nAufführung gelangt war, hörten wir Fragmente aus einer\nbiblischen Oper „Samson\" von Duprez, dem berühm-\nten Jenoristen. Er war seihst dazu nach Berlin gekommen,\njedenfalls in der Hoffnung, das Werk auf das Repertoire\nunserer Oper zu bringen. Doch ist es einstimmig verur-\ntiicilt worden. Schon der Text erregt durch seinen derben\nRealismus vielfache Bedenken. Die ersten Nummern der\nOper, die aus kurzen Recitativen und Chören bestanden,\nwaren recht ansprechend und nicht ungeschickt geschrie-\nben. Bald zeigte es sich aber, dass die Compositions-Thä-\ntigkeit des Herrn Duprez keinen gesunden Kern hat.\nWollte man den Stil der Oper eklektisch nennen, so wäre\ndies eigentlich noch zu viel gesagt; denn sie ist zu reich\nan Reminiscenzen, die nie einem Componisten von Fach,\ndie nur einem Sänger begegnen werden. Bald sind es\nFragmente aus der komischen, bald aus der italiänischen,\nbald aus der grossen französischen Oper; bald ist es trockene\nRecitation, bald ein wirres Cadenzenwesen; bald wird man\nan den Gesanglehrcr erinnert, der in seiner Gesangschule\neine Anzahl Solfeggien zum Einüben der Intervalle geschrie-\nben hat; denn im ersten Acte kam eine Arie vor, die eigent-\nlich eine Sexten-Uebung ist, und im zweiten Acte eine an-\ndere, sehr fatale Arie, in der es auf die grosse Septime\nabgesehen war. Dabei ist der dramatische Ausdruck über-\ntrieben, wie bei allen neueren Franzosen, aber mit weit\ngeringerem Geschick. Um indess nicht ungerecht zu sein,\nwollen wir hinzufügen, dass wenigstens das Streben nach\nWahrheit des Ausdruckes überall erkennbar war, dass ein-\nzelne Nummern in der Klangwirkung nicht unangenehm\nsind, dass endlich Herr Duprez auch gar nicht ohne Com-\npositions-Talentzusein scheint, welches sich aber freilich auf\neiner höchst dilettantischen Stufe der Ausbildung befindet.\nHerr Meinardus aus Glogau brachte ein Oratorium\n„Simon Petrus\" zur Aufführung. Es hat ebenfalls we-\nnig Beifall gefunden, aber doch einen gewissen\nd'eslime gehabt. Der Text ist in der Form der Bach'schen\nPassions-Musiken geschrieben, so dass Episches, Lyrisches\nund Dramatisches mit einander abwechseln. Diese Elemente\ntreten aber in der musicalischen Ausführung meistens we-\nniger scharf aus einander, da der Componist das strenge\nRecitativ sowohl als die Arien-Form selten anwendet. Wir\nkönnen dies nicht gut heissen. Die Uebergangsformen, die\nes zwischen der Arie und dem Recitativ gibt, haben ihr\ngutes Recht, aber sie dürfen die klaren Grundgestaltungen\nnicht überwuchern. Klar und entschieden sei der Künstler\nvor Allem; das Männliche soll, wie im Leben, so auch in\nder Kunst herrschen. Weichlich, zerflossen, trüb und zer-\nrissen ist überhaupt der musicalische Charakter des neuen\nWerkes. Das Evangelium lässt Meinardus z. B. von einer\nAltstimme vortragen; dadurch wird allerdings im Einzelnen\nmanche schöne Färbung gewonnen, aber für die Dauer ist\nder Eindruck zu eintönig. In den Chören ist wohl eine ge-\nwisse künstlerische Form, doch kommt es selten weit mit"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "351", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571031-01.1.7", "texte": "der Polyphonie; auch sind die Themen meistens trocken\nund unlebendig. Es scheint nicht, dass die contrapunkti-\nschen Studien des Herrn Meinardus weit entwickelt seien;\ner ist mehr Harmoniker, greift aber eben, weil er die Wir-\nkung vorzugsweise durch überraschende Modulationen er-\nstrebt, nach dieser Seite hin wieder zu weit. Einen kräfti-\ngeren Sinn also und eine festere, vielseitigere Beherrschung\nder Form müssen wir Herrn Meinardus zunächst wünschen;\ndann erst werden die guten Eigenschaften, die er besitzt,\nzu voller Entwicklung kommen. Er hat Phantasie und ein\nedles, dem Gemeinen abgewandtes Streben; er sucht über-\nall Bestimmtheit und Schärfe, ja, selbst Innigkeit des Aus-\ndrucks. Kaum könnten wir eine Nummer in dem ganzen\nWerke angeben, die künstlerisch vollkommen abgerundet\nund zugleich von hervortretendem Inhalt wäre; doch finden\nwir im Einzelnen viele interessante Züge, viel Empfindung\nund oft genug Ansätze, aus denen sich etwas recht Gutes\nhätte raachen lassen.\n\nG. E.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMo In. Die drei ersten Gesellschafts-Coneerte im gros-\nsen Saale des Gürzenich finden Statt:\nam 17. November,\n„ 1. December,\n„ 22. December.\nDie erste Sitzung für Kammermusik im Saale des Hotel\nDisch am 27. October brachte ein sehr einfaches, aber allerliebstes\nViolin-Quartett von J. Haydn in Es-dur und Nr. 12 in Es-dur von\nF. Mendelssohn-Bartholdy, ausgeführt durch die Herren\nGrunwald, Derckum, Peters und B. Breuer. Herr Musik-\nDirector E. Franck spielte Beethoven's Clavier-Trio in D-dur,\nOp. 70 Nr. 1, und erfreute uns ausserdem durch den vortrefflichen\nVortrag einer eigenen neuen Clavier-Composition, einer Sonate in E-\ntnoll Allegro, Scherzo und Andanle con Variazioni —, welche\ngrossen Beifall erhielt; namentlich ist das Scherzo sehr originel, und\ndie stets in einander übergehenden Variationen bilden einen gar lieb-\nlich duftenden und meisterhaft gebundenen Blumenstrauss.\nDem Vernehmen nach wird Herr Max Bruch nächstens eine\nSoiree geben, in welcher er mehrere Vocal-Compositionen für Soli\nund Chor, ein Clavier-Trio und einige kleinere Clavierstüeke von\nseiner Composition hören lassen wird.\nBerlin* Das Kroll'sche Theater, welches jetzt von Herrn Di-\nrector Röder geleitet wird, hat in den drei englischen Tänzerinnen\nSarah, Elisabeth und Helena Gunisse drei wahre Magnete erhalten.\nSie übertreffen ihre Landsmännin Miss Lydia Thompson unbedingt\nan künstlerischer Ausbildung. Demnächst stehen dort auch gross-\nartige musicalische Genüsse bevor, denn Frau Fiorentini und die\nHerren Henri und Joseph Wieniawski und Bottesini werden sich\nhier hören lassen.\nDer König von Preussen hat Herrn Mantius als Anerkennung\nlangjähriger ausgezeichneter Leistungen auf dem Gebiete der Gesan-\n.geskunst zum Kammersänger ernannt.\nHerr Cerf, der Erbauer des Victoria-Theaters in Berlin, dessen\nEröffnung am 1. October k. J. Statt finden soll, hat einen Preis von\n100 Friedrichsd'or für das beste vier- oder fünfactige Original-Lust-\nspiel ausgeschrieben, mit welchem er die Vorstellungen eröffnen will.\nDie Holle1 sehe Verlagshandlung kündigt ein grossartiges Unter-\nnehmen an: es ist die Herausgabe von Beethoven's sämmtlichen\nWerken in 25 bis 30 Bänden, unter Redaction von Franz Liszt.\nMs&ÄBIZ. Die Liedertafel-Concerte haben am 19. October mit der\nAufführung von J. Haydn's „Schöpfung\" begonnen. Die Soli wa-\nren durch Dilettanten aus Mainz und Mannheim besetzt, welche\ngrossen Beifall fanden.\niK'raiiStffltpf a. Der Senat hat den Beschluss gefasst, das\nDeficit der Theatercasse zu decken und den bisherigen Zuschuss\nzum Etat der Bühne auch fernerhin zu zahlen. Herr Roderich\nBenedix, dessen Contract noch fünf Jahre läuft, bleibt in seiner\nStellung als Intendant.\nUnser neu engagirter Tenorist, Herr Karl Schneider von\nLeipzig, ist bereits zwei Mal aufgetreten. Wir haben ihn als Elwin\nin der Nachtwandlerin gehört und können uns dem ihm gewordenen\nBeifalle anschliessen. Die Stimme ist nicht gross, aber von ange-\nnehmer Klangfarbe, von leicht ansprechender Höhe und für den Aus-\ndruck lyrischer Empfindungen sehr geeignet. Herr Schneider zeigte\nsich als einen gebildeten Sänger, welcher seine Mittel wohl zu ver-\nwenden und durch einen geschmackvollen Vortrag geltend zu ma-\nchen weiss. Er hielt den zarten, elegischen Grundton dieser Rolle\nfest, brachte die dramatischen Momente zur Geltung und bekundete\nsich als einen bühnenkundigen Darsteller.\nBreiaaeai, 27. October. Vor einigen Tagen wurde hier eine\nneue komische Oper von „Polyphenr*, gegeben; sie erhielt\ngetheilten Beifall. Fräul. Auguste Gebler trug eine grosse Colo-\nratur-Scene mit ausgezeichneter Bravour vor und wurde bei offener\nScene gerufen.\nIn der Allg. Theater-Chronik schreibt Th. Gassmanu aus Ham-\nburg: »Die bedeutendste Gesangeskraft der Oper ist Frliul. Hart-\nmann, welche im vorigen Jahre hieher kam, so zu sagen erst ge-\nhen und stehen lernte und plötzlich als Agathe, Donna Anna und\nAlice das Publicum wahrhaft entzückte. Die Stimme der jungen\nDame, einer Schülerin des renommirten Gesanglehrers Herrn Koch\nin Köln, gehört für lyrischen Gesang zu den seelenvollsten und\nschönsten, welche wir überhaupt gehört.a\nSjefpzig;« Am 4. Oktober fand das erste Gewandhaus-Concert\nunter Mitwirkung des Pianisten Hans Bülow, der das Es-dur-\nConcert von Beethoven und eine Rhapsodie von Liszt mit bekannter\nMeisterschaft vortrug, Statt. Eine Sängerin Fräul. Ida Krüger\naus Schwerin bekundete sich als Anfängerin und ist vielleicht zu\nfrüh vor die Oeffentlichkeit getreten. Beethoven's Eroica unter Rieta1\nLeitung schloss das Concert. In dem zweiten Concert spielte Laub\ndas Violin-Concert von Beethoven vortrefflich; die Phantasie von\nErnst wurde aber mit viel grösserem Beifalle belohnt, als der herr-\nliche und wahrhaft künstlerische Vortrag des Concerts. [O weh! sieht\nes jetzt so bei dem Concert-Publicum in Leipzig aus?] Ein neues\nWerk von L. Ehlert, eine „Hafis-Ouverture\", machte Effect. Fräul.\nIda Krüger hatte diesmal eine bessere Wahl getroffen (Arie aus\nFigaro, Lieder von Mendelssohn, Schumann und F. Schubert) und\nbefriedigte mehr, als im ersten Concerte.\nIm dritten Concerte (22. October) würde eine neue Sinfonie\n(Nr. VI. in G-moll) von Niels W. Gade (Manuscript) und Ouver-\ntüren von C. Reinecke zu Dame Kobold und von R. Schumann\nzu Genovefa aufgeführt. Herr L. Br as sin spielte Moscheies' G-moll-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "352", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18571031-01.1.8", "texte": "Concert, die Berceuse von Chopin und eine Rhapsodie von eigener\nComposition mit grossem Beifall. Fräul. Jenny Meyer aus Berlin\n«ang eine Arie mit obligater Violine von J. S. Bach und\nd'e erste Scene des Romeo von Bellini.\nJenny Lind und Rubinstein verweilen gegenwärtig in\nLeipzig.\nStwttßei der Anwesenheit der Abgeordneten zu dem\nevangelischen Kirchentage führte der Verein für elastische Vocal-\nmusik Handers Israel in Aegypten unter Dr. Faisst1 s Direction\nauf, und zwar mit dem ursprünglichen Orchester Händers und der\nOrgel, deren Stimme Mendelssohn so vortrefflich bearbeitet hat. Der\nEindruck war ein wahrhaft erhebender.\nIn einer festlichen Versammlung der Dreissig'schen Sing-Akade-\nmie in Dresden nahm der langjährige verdiente Dirigent derselben,\nder Organist Joh. Schneider, Abschied von diesem Wirkungs-\nkreise. Eines der ältesten Mitglieder und Mitgründer der Akademie\nüberreichte dem Scheidenden einen kostbaren Brillantring und das\nDiplom der Ehren-Mitgliedsehaft.\nDie königliche Bibliothek in München hat in jüngster Zeit\ndurch den Ankauf der berühmten musicalischen Bibliothek des ver-\nstorbenen Geheimenrathes T hiba u t in Heidelberg eine werthvolle\nBereicherung erhalten.\nWiera« Der k. k. Kammer-Virtuose Herr Leop. von Meyer\nhat, nachdem er in Odessa sechs von der dortigen Aristokratie\nüberfüllte Concerte gegeben, sich nach Konstantinopel eingeschifft,\nwo er im Hotel des k. k. österreichischen Internuncius Frhrn. von\nProkesch-Osten abstieg. Gleich nach seiner Ankunft erhielt er eine\nEinladung zu einem Hof-Concert. Der Sultan begrüsste den Künstler\nsehr hu1 dvoll und schenkte seinen Vorträgen besondere Aufmerksam-\nkeit. Meyer bediente sich bei seinen Productionen eines prachtvollen\nFlügels aus der berühmten wiener Fabrik des Herrn L. Bösendorfer,\nwelcher dem dort ansässigen Fürsten Aristarchi gehört. Der Künst-\nler musste noch in einem zweiten Concerte mitwirken, das ihm\nwahrhaft kaiserliche Geschenke einbrachte; ferner in den Soireen bei\nden Grossveziren Mustapha Pascha und Fuad Pascha. Die\nbeiden türkischen Hoheiten Hessen ihm zwei kostbare, mit Brillan-\nten, Perlen und Juwelen gezierte grosse Bernstein-Mundstücke über-\nreichen. Am nächsten Abend war er zu dem dort seit einiger Zeit\nanwesenden Prinzen Joinville geladen, dessen Gemahlin sehr mu-\nsicalisch gebildet ist und dem Künstler die vollste Aufmerksamkeit\nzollte. Am 5. October hat sich Meyer in Begleitung des Muchli Pa-\nscha nach Athen eingeschifft, wo er vierzehn Tage zu bleiben ge-\ndenkt und sich sodann nach Wien begibt, wo er Mitte Novembers\neintreffen wird.\nAm Sonntag den 25. October feierte der hiesige Männergesang-\nVerein um 11 Uhr in der Augustinerkirche sein Stiftungsfest, zu\nwelchem eine Vocal-Messe von dem Herrn Vereins-Chormeister Schlä-\nger gewählt und aufgeführt wurde.\nSonntag den 22. November findet im Musikvereins-Saale die erste\nQuartett-Production des Herrn J. Hei 1 mesberger Statt.\nDie so genannten Nova-Soireen des k. k. Hof-Musicalienhändlers\nHerrn C. Haslinger beginnen Mitte November.\nDer k. k. Hofopern- und Capellensänger Herr Erlist so bedeu-\ntend erkrankt, dass die Aerzte zweifeln, er werde mehr als Sänger\nthütig sein können.\nOle Bull trifft Anfangs December in Wien ein und wird eine\nReihe von Concerten veranstalten.\nDer Männergesang-Verein von Wien veröffentlicht zum Schlüsse\ndes vierzehnten Vereinsjahres seinen Jahresbericht. Danach waren\ndie Einnahmen 5502 Fl., die Ausgaben beliefen sich auf 3705 Fl,\nund ein Cassenrest von 1797 Fl. ist für das Vereinsjahr 1858 ver-\nblieben. Die Zahl der ausübenden Mitglieder ist 208, wovon 37 erste\nTenore, 56 zweite Tenore, 62 erste Bässe und 53 zweite Bässe sind.\nEinen Beweis der regen Theilnahme unter dem Publicum gibt die\nZahl der beitragenden Mitglieder, welche heuer 420, also um 58\nmehr als im vorigen Jahre, beträgt. Zu gewöhnlichen Uebungen\nversammelte sich der Verein 55 Mal, in den statutmässig bestimm-\nten Liedertafeln und Concerten brachte der Verein 47 Nummern,\ndarunter 25 neue, zur Aufführung. Bei Liedertafeln im engeren Kreise\nund bei Sängerfahrten aber kam man mit den Productionen auf 111\nNummern. Mit einem Ehrensolde für neu aufgeführte Nummern wur-\nden 15 Compositeure mit 22 Stück Ducaten bedacht. Das Archiv zeigt\neine entsprechende Zunahme von 637 auf 649 Cumulativ-Nummern.\nDie Pianistin Fräul. Amalia Neruda hat sich mit dem Ca-\npellmeister Wickenhauser in Brünn vermählt.\nMeyerbeer hat sich von Paris nach Nizza zu seiner kranken\nTochter begeben. Im Monat März wird er in Paris zurückerwartet."}]}