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A. Mozart. Von Otto Jahn. Dritter Theil. IV. Von L. B. Aus Amsterdam (Reinthaler's Jephta M. Du-\nMont-Fier Fräul. Deutz Felix Meritis VI. Concert Sinfonie von A. Pott Frau Förster —SC Vincenz-Verein: Die Jahreszeiten\nM. DuMontJ. Viertes Gresellschafts-Concert in Köln (Des Sängers Flucli von Schumann Jubilate von Max Bruch). Aus Lüne-\nburg („Erlkönigs Tochter\" von. W. Gade). Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, IV. 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Mozart.\nVon Otto Jahn.\nDritter Theil.\nIV.\n(I. s~ Nr. 52 v. v. J., 11. Nr. l.r 111. Nr; 3.)\nJahn beginnt den Abschnitt über die Art, wie Mozart\nschuf und arbeitete, mit folgenden Worten:\n„Vergegenwärtigt man sich, wie Mozart in Wien, durch\nBeschäftigungen und Zerstreuungen verschiedenster Art,\ndenen er sich mit lebhafter, selbst leidenschaftlicher Theil-\nnahme hingab, vielfach in Anspruch genommen, ein im\nGanzen unruhiges Leben führte, so muss man sich eben\nso sehr über die grosse Zahl seiner Compositionen als über\nden allen eigentümlichen Charakter der Reife und Voll-\nendung verwundern. Das Erstaunen mehrt sich, wenn man\nsieht, wie jede Gelegenheit, jede äussere Veranlassung ihn\nnicht allein bereit und fertig findet, zu zeigen, dass er, wie\nGöthe es vom Künstler verlangt, die Musik commandirt,\nsondern sein Innerstes zu erschliessen, sein Bestes herzu-\ngeben, so dass der äussere Impuls nur als der rechte Mo-\nment künstlerischer Weihe erscheint. Dazu vernehmen wir\nnun noch, dass Mozart ungern schrieb und damit gewöhn-\nlich so lange wartete, bis der letzte Augenblick ihn drängte.\nW ir sahen schon, dass es dann gelegentlich zu spät wurde,\ndass er nicht mehr zur rechten Zeit fertig, wurde, dass er\nnur so viel Zeit behielt, die Stimmen aufzuschreiben, ohne\nsie erst in Partitur zu setzen, oder dass er es. dem Copisten\nkaum noch möglich machte, seine Arbeit zu beendigen,\nund man darf nur sein thematisches Verzeichniss durch-\nsehen, um sich zu überzeugen,, dass die meisten Compo-\nsitionen so kurz als möglich vor dem bestimmten Termine\nniedergeschrieben sind. \"\nWenn nun Jahn gegen diejenigen sicli ausspricht,\nwelche das ausserordentliche Genie Mozart's in der Rasch-\nbeit der Produktion finden, so. können wir ihm nur zum\nTlieil Recht geben und im Besonderen der Ansicht nicht\nbeipflichten, dass „die Abneigung gegen das Schreiben\nmeistens ihren Grund in dem Gefühl hatte, dass die wahre\ninnere Arbeit noch nicht vollbracht sei\". Gewiss ist ne-\nben der Erfindung das Genie der Arbeit, wie wir es in\nBezug auf Haydn, Mozart und Beethoven oft genannt ha-\nben, eine wesentliche Bedingung zum Schaffen des Kunst-\nwerkes, und Jahn spricht selbst im Verfolg ganz vortreff-\nlich über dieses Arbeiten des wahren Künstlers. Wir sind\naber überzeugt, dass Mozart, wie er die Musik, d. h. die\nMelodie, zu commandiren im Stande war, eben so und auch\nnoch leichter die Arbeit commandirte, und Beides gewiss\nhäufig erst mit dem Niederschreiben und während des-\nselben, dass also allerdings in solchen Fällen die Con-\nception und die Ausführung der Idee zusammen fielen,\nwas denn doch zweifelsohne ein sehr charakteristisches\nKennzeichen des Genie's sein dürfte.\nWir wollen zugeben, dass er die Ouvertüre zum Don\nJuan im Kopfe völlig fertig hatte (S. 422),, als er sich in\nder Nacht vor der Aufführung hinsetzte, um sie aufzu-\nschreiben, sich von seiner Frau Punsch machen und Mär-\nchen erzählen liess, oft einnickte, dann von 3 bis 5 Uhr\nschlief und um 7 Uhr die Ouvertüre dem Copisten über-\ngab.. Trotzdem halten wir auch in diesem speciellen Falle\ndas schnelle Aufschreiben (binnen fünf, höchstens sechs\nStunden und nach einer vorher abgehaltenen General-Probe\nder Oper) für weit mehr, als für ein blosses Copiren aus\ndem Geiste, und erkennen nicht bloss in dem Ideengehalt\nder Ouvertüre, sondern auch in dem raschen Schreiben die\nArbeit eines Genie's,. und glauben, dass auch das letztere\nnur dem Genie möglich ist. Auch ist es kaum denkbar,\ndass das Niederschreiben keine einzige Aenderung, keine\neinzige Ausführung über die im Kopfe fertig gemachte Ar-\nbeit hinaus veranlassen sollte! Nehmen wir nun vollends\nnicht bloss ein verhältnissmässig kurzes, in der Form ab-\ngeschlossenes Musikstück, wie eine Ouvertüre ist, sondern,"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5539, "texte": "denken wir daran, dass Mozart z. B. .die Oper Le nozze\ncli Figaro über Hals und Kopf fertig machen mussteu (S.\n420), so werden wir nicht läugnen können, dass auch in\nder Raschheit der Arbeit sei's im Kopie oder mit der\nFeder, oder mit beiden zugleich ein ausserordentliches\nGenie sich offenbarte.\nDamit ist aber keineswegs gesagt, dass das Genie der\nArbeit nicht bedürfe. Nichts ist thörichter als eine solche\nVorstellung; wir haben in diesen Blättern häufig davor\ngewarnt und die Selbsttäuschung junger Componisten und\nDichter der heutigen Zeit, die nur allzu geneigt sind, vom\n..ersten genialen Wurf\" zu sprechen, ans Licht gestellt.\nEs ist uns daher das, was Jahn S. 428 il. darüber sagt,\nganz aus der Seele geschrieben:\n„So wie es bei einem jeden Kunstwerke und dies\ngilt vor Allem von der Musik unmöglich ist, I orm und\nInhalt absolut zu scheiden und jedes als ein für sich beste-\nllendes Element aufzuweisen, so ist auch bei der künstle-\nrischen Production selbst in keinem Moment die schaffende,\nerfindende Kraft und die gestaltende, ausführende völlig\nzu trennen. Jedes Erzeugen auf geistigem wie auf physi-\nschem Gebiete ist dem Menschen ein Geheimniss; wie und\nwoher dem Künstler blitzartig die Idee entsteht, aus wel-\ncher, wie aus einem Keim, ein Kunstgebilde sich gestaltet,\ndas weiss er selbst so wenig, als sich das vollendete Kunst-\nwerk, wie fein und scharf man es auch zergliedern mag,\nbis zu dem Moment der eigentlichen Conception verfolgen\nlässt. Unzweifelhaft ist aber bei der höchsten Inspiration,\nwelche die gesammten künstlerischen Kräfte auf den Punkt\nder schöpferischen Production concentrirt, auch die Summe\nder künstlerischen Bildung und Intelligenz, zur Divination\ngereift und gesteigert, unmittelbar betheiligt, sonst würde\ndas Product der schaffenden Begeisterung nicht in einer\nbestimmten Gestalt, einer Gestalt, welche künstlerischer\nAus- und Fortbildung fähig und bedürftig ist, ausgeprägt\nerscheinen; diese Ausbildung selbst durch eine der Ent-\nstehung fremde Kraft wäre undenkbar. Die Entwicklung\ndes künstlerischen Gehaltes aus einem solchen Keim\ndurch Gestaltung in bestimmten Formen, durch Combi-\nnation mit anderen musicalischen' Ideen und Gedanken,\nwelche im Verfolg des innerlichen Durcharbeitens aus dem-\nselben hervorgehen oder sich anschliessen ist aber eben\nso wenig eine ausschliessliche Thätigkeit des \\ erstandes\nund der selbstbewussten Reflexion, sondern sie ist in jedem\nMoment, selbst da, wo es sich um die formale Ausbildung\nnach bestimmten Normen handelt, von dem Hauche der\nunmittelbar schaffenden Kraft durchdrungen und belebt.\nDas ist es, was die Werke genialer und schöpferischer\nNaturen als solche bezeichnet, dass auch in demjenigen,\nwas nur als die Erfüllung eines gebotenen Gesetzes er-\nscheint, sich die Freiheit einer selbstständigen Individuali-\ntät offenbart. Denn das, was als formale Vorschrift und\nabstracte Regel ausgesprochen und als solche erlernt und\nangewandt werden kann, ist ja nur der unvollkommene\nAusdruck eines lebendigen Naturgesetzes, nach welchem\ndie Dinge entstehen und sich entwickeln, das allem künst-\nlerischen Schaffen zu Grunde liegt. So wie jede Erschei-\nnung die individuelle Darstellung des allgemeinen Gesetzes\nist, so trägt die Seele des schaffenden Künstlers dieses all-\ngemeine Gesetz des Hervorbringens in sich, nicht als ein\nerkanntes, angelerntes, sondern als ein eingeborenes, von\nseiner individuellen Natur ganz durchdrungenes und nur\ndurch diese wirksames; seine Individualität ist das Medium,\ndurch welches jenes Gesetz lebendig und produetiv wird;\nWahrheit, welche allein der Ausfluss der ewigen Natur-\ngesetze sein kann, und Freiheit, welche das Wesen der\nIndividualität ausmacht, sind in seinen Schöpfungen unlös-\nbar verschmolzen. Je fester die Vereinigung dieser schein-\nbar einander widerstreitenden und aufhebenden Gegen-\nsätze in der Natur des Künstlers begründet ist, je tiefer sie\nin derselben wurzelt, um so mehr wird auch im Kunst-\nwerke der Gegensatz des Schaffens und Arbeitens, der\nForm und des Inhalts, des Allgemeinen und Individuellen\n—und wie man denselben sonst fassen mag—aufgehoben\nerscheinen, es wird als ein mit Nothwendigkeit in seiner\nganzen Eigentümlichkeit so und nicht anders gewordenes\nsich darstellen. Allein die dem Künstler inwohnende schö-\npferische Kraft wirkt in ihm nicht mechanisch, wie ein\nUhrwerk, das, einmal aufgezogen, fortarbeitet, bis es ab-\ngelaufen ist, sondern die Aufgabe, welche jedem Menschen-\nleben auf geistigem und sittlichem Gebiete gestellt ist, in\nunausgesetztem Ringen die Ausgleichung jener Gegensätze\nzu erstreben, erneuert sich auch für den Künstler fort und\nfort im Grossen wie im Kleinen. Das ist das eigentliche\nArbeiten des Künstlers, wenn er alle geistigen Kräfte im\nfreien Spiel sich entfalten lässt, um sie auf den Einen\nPunkt hin zu concentriren, und wie auch in verschie-\ndenen Momenten bald diese, bald jene vorzugsweise wirk-\nsam werde nie die einzelne Kraft allein und einseitig\nanzuspannen, sondern alle gemeinsam dem gemeinsamen\nZiele zuzulenken. Diese Thätigkeit in jedem Momente als\nden Ausfluss der vollendeten Kraft und Gesundheit der\ngesammten künstlerischen Organisation zu empfinden, ist\nnur dem Künstler verliehen; es ist, wie das auch Mozart\nandeutet, sein höchster Genuss, eine wahre Beseligung,\nwie ja in allem menschlichen Thun die That die höchste\nBefriedigung gewährt, und nicht ihr Werk.1\"\nDie Worte im letzten Satze: „wie das auch Mozart\nandeutet\", weisen auf den berühmten Brief Mozart's an\neinen unbekannten Baron v. P. hin, in welchem er sich"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4578, "texte": "über sein musicalisches Schaffen ausspricht. Dieser Brief\nist zuerst von Rochlitz veröffentlicht (Leipz. A. M.-Z., 1815,\nXVII. S. 561); alle anderen Abdrücke sind ohne Zweifel\naus diesem genommen; denn das Original ist nirgends auf-\ngefunden worden. Dass es im Besitze von Prof. J. Mosche-\nles sei, ist ein Irrthum.\nJahn greift nun die Echtheit des allerdings höchst an-\nziehenden Briefes mit scharfen Wraffen an, oder vielmehr,\ner weis't seine Unechtheit schlagend nach. Rochlitz setzt\nihn in das Jahr 1790, geschrieben aus Prag. Es wird\ndarin von Mozart's Aufenthalt in Dresden und seinem Or-\ngel-Wettstreit mit Ilässler erzählt. Dieser fand aber 1789\nim April Statt, und alles, was Mozart darüber an seine\nFrau schrieb (Dresden, den 16. April 1789, S. 479 ab-\ngedruckt das Original im Archiv des pressburger Kir-\nchenmusik-Vereins) widerspricht der Erzählung in dem\nBriefe an den Baron. Ferner spricht dieser von einer Sin-\nfonie, von drei im Manuscript fertigen Clavier-Quartetten\n(deren erstes das in G-moll sein soll, welches bereits 1785\nerschienen war, so wie das in Es-dur 1788!), von einem\nlangen Briefe, in dem Mozart bei seinem Schwiegerpapa\num Constanze angehalten (der Schwiegerpapa war aber\ntodt, als sich Mozart verlobte!) u. s. w. alles Dinge, die\nunwahr sind. Jahn meint daher unter Anderem: „Derße-\nricht über den Wettstreit mit Hässler ist offenbar der er-\nsonnenen Pointe zu Liebe aus halbwahren und unklaren\nReminiscenzen zurecht gemacht und gleicht darin aufs\nHaar den meisten Anekdoten und Charakterzügen, welche\nRochlitz erzählt, denen gewiss immer etwas Wahres zu\nGrunde liegt, das aber durch ausgedachte psychologische\nMotivirung und auf ungenauen Erinnerungen beruhende\nAusschmückung meistens zu einem unhistorischen Phan-\ntasiebilde entstellt ist.\"\nEr schliesst die gründliche Untersuchung mit folgen-\nden Worten:\n„Man sieht also, dass sämmtliche Facta aus Mozart's\nLeben, welche in diesem Briefe berührt werden, durch\nden Widerspruch mit der sicher beglaubigten Ueberliefe-\nrung sich als unwahr oder entstellt ergeben, mithin von\nMozart so nicht berichtet werden konnten. Dieser Umstand\nmuss allerdings auch gegen den übrigen Inhalt des Briefes\ngewichtige Bedenken erregen, die dadurch noch verstärkt\nwerden, dass derselbe in Stil und Ausdrucksweise offenbar\nnicht rein Mozartisch, sondern jedenfalls überarbeitet ist.\nIndessen möchte ich nicht behaupten, dass der ganze Brief\nuntergeschoben sei; wahrscheinlich war die Grundlage\neines Mozartischen Briefes vorhanden, der etwas überar-\nbeitet und durch Hinzufügen charakteristischer Züge, die\nfür sicher beglaubigt galten, zu einem sprechenden Zeug-\nnisse ausgeprägt wurde. Bestimmt zu scheiden, was echt\nund ursprünglich, was geändert und zugesetzt sei, wird\nnicht möglich sein; unläugbar ist, dass der Brief, so wie\ner bekannt gemacht ist, nicht von Mozart geschrieben\nsein kann.\"\nSchliesslich erzählt uns dann Jahn noch von Mozart's\nfreiem Phantasmen. Er pflegte nicht allein in einsamen\nStunden und um das innere Bedürfniss zu befriedigen, zu\nphantasiren; er zeigte sich als Meister der Improvisation\nauch da, wo ihm die Anregung dazu von aussen kam, und\nhandhabte dabei auch die schwierigsten und strengsten\nFormen mit Leichtigkeit.\n„In solchen Momenten der Begeisterung am Clavicr\nnahm auch sein Aeusseres einen Ausdruck an, der den\nZuhörer den grossen Künstler erkennen liess, den man\nsonst in ihm nicht vermuthete. Er war klein, aber von pro-\nportionirtem Körperbau, mit kleinen Händen und Füssen,\nfrüher mager und erst in den letzten Lebensjahren mehr\ncorpulent. Der Kopf war im Verhältniss zum übrigen Kör-\nper etwas zu gross; das stets blasse Gesicht war nicht un-\nangenehm, aber verrieth nichts Aussergewöhnlichcs; auch\ndie Mozart'sche Nase fiel nur in den Jahren, da er mager\nwar, durch ihre Grösse auf. Das ziemlich grosse und gut\ngeschnittene Auge mit schönen Brauen und Wimpern war\ngewöhnlich etwas matt, der Blick unstät und zerstreut, der\ngesammte Eindruck kein bedeutender. „ „Aber dieser im-\nmer zerstreute Mensch\"\", heisst es in Schlichtegroll's Ne-\nkrolog, „ „schien ein ganz anderes, schien ein höheres\nWesen zu werden, sobald er sich an das Ciavier setzte.\nDann spannte sich sein Geist, und seine Aufmerksamkeit\nrichtete sich ungetheilt auf den Einen Gegenstand, für den\ner geboren war, auf die Harmonie der Töne.\"\" „ „Da\nänderte sich sein ganzes Antlitz,\"\" sagt Niemtschek,\n„„ernst und gesammelt ruhte dann sein Auge; in jeder\nMuskelbewegung drückte sich die Empfindung aus, welche\ner durch sein Spiel vortrug und in dem Zuhörer so mäch-\ntig wieder zu erwecken vermochte.\"\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-01-23-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-01-23_01#c003", "volume": "bmtnabi_1858-01-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "27", "page_fin": "29", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.2.3", "titre_corps": "Aus Amsterdam.", "titre_sommaire": "Aus Amsterdam.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.1.3", "debut_caractere": 4580, "fin_caractere_exclue": 5104, "texte": "Aus Amsterdam.\nDen 15. Januar 1858.\nDer Schluss des Jahres war für unser musikliebendes\nPublicum ein glänzender, indem die Maatschappy zur Be-\nförderung der Tonkunst auf den 30. December eine Auf-\nführung von C. Reinthaler's Oratorium „Jephta und\nseine Tochter\" veranstaltet hatte. Der Gesang-Verein hatte\ndie Chöre schon seit October unter der eifrigen und ge-\nschickten Leitung des Herrn Richard Hol studirt, und\nin den letzten acht Tagen vor der Aufführung war der\nComponist, Herr Musik-Director Reinthalcr von Köln, hier"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5462, "texte": "anwesend und konnte die letzte Hand an die Einübung\nlegen. Da er nun auch die Aufführung im grossen Con-\ncertsaale des Parks selbst dirigirte und bereits in den Pro-\nben alle Ausübenden mit Feuer zu begeistern wusste, so\nwar die Darstellung des Oratoriums in Chor und Orche-\nster eine sehr präcise und durchgreifende.\nDas Werk hat hier einen grossen Eindruck gemacht,\nund unsere Blätter schütten nach ihrer Weise volle Körbe\nvon Lorbern über den Componisten aus. Denn, wie Sie\naus Erfahrung wissen, Ihre Landsleute aber immer noch\nnicht glauben wollen, das holländische Publicum ist nichts\nweniger als phlegmatisch, sondern leicht zu enthusiasmiren,\nso dass, wenn ihm einmal etwas gefällt, der Beifall und\ndie Art und Weise, ihn auszudrücken, kaum Maass und\nZiel hält. Aber auch die genauere ästhetisch-musicalische\nKritik spendet dem Componisten das verdiente Lob, und\nman muss das Werk gewiss als eine sehr erfreuliche und\ndoppelt willkommene, weil unerwartete Erscheinung in\nunserer Zeit begrüssen. Die Chöre namentlich sind meist\nvon imposanter Wirkung; dochzeichnen sich einige Frauen-\nchöre auch durch Lieblichkeit und Anmuth aus. Die Ar-\nbeit ist durchweg gediegen und zeigt eine lobenswerthe\nGewandtheit in polyphonen Formen. Ob aber die Solo-\nstücke überall den mächtigen Eindruck machen werden,\nwie hier, dürfte man bezweifeln. Denn wenngleich die\nAufführung eine gute war, so stimmt doch Alles darin\nüberein, dass vorzüglich der treffliche Vortrag der Haupt-\npartie, des Jephta, durch Herrn DuMont-Fier aus Köln\ndas Meiste dazu beitrug, den ausserordentlichen Erfolg des\nWerkes herbei zu führen. Eine so mächtige, dabei doch\ndurch sehr gute Schule biegsam und geschmeidig gewor-\ndene, umfangreiche und stets wohllautende Stimme, eine\nso begeisterte Auffassung, einen so tief empfundenen Vor-\ntrag, sei es in der Declamation, sei es in der Cantilene,\nhatten wir hier noch nicht gehört. Der Beifall war enorm,\nund Herr DuMont musste sogar die grosse Arie mit Chor\nwiederholen ein vielleicht unerhörtes Factum bei einem\nOratorium. Neben ihm glänzte Fräul. Deutz, ebenfalls\naus Köln, in der Sopran-Partie der Mirjam, welche sie sehr\nschön durchführte und diejenigen Stellen, welche dazu Ge-\nlegenheit geben, mit Gefühl und Seele vortrug. Dass die\nPartie nicht so dankbar ist, wie die Bass-Partie, liegt in\nder Composition, in welcher diese eigentlich allein hervor-\nragt, indem der Tenor vollends nur wenig beschäftigt ist.\nVon den Ensemblestücken hat uns das Quartett am mei-\nsten angesprochen.\nDas sechste Concert von Felix Meritis am 8. Ja-\nnuar wurde mit der zweiten Sinfonie von August Pott\neröffnet. Der Componist, Hof-Capellmeister des Grossher-\nzogs von Oldenburg, hatte schon am 20. November vorigen\nJahres im ersten Concerte von Felix MerUis einen so glän-\nzenden Erfolg als Componist und Violin-Virtuose erlangt,\ndass das Publicum auf diese Sinfonie 'sehr gespannt war,\nund doch hat der Erfolg unsere Erwartungen übertroffen.\nJeder Satz sie besteht aus vier Sätzen—wurde lebhaft\napplaudirt, und erwägt man, dass das Publicum durch die\numsichtige Direction von Felix Meritis gewohnt ist, nur\nGediegenes, und zwar das Beste dieser Gattung der musi-\ncalischen Literatur, in diesen Concerten zu hören, so muss\nman diesen Erfolg um so höher anschlagen, WTir müssen\nsagen, dass Herr Pott durch dieses Werk in der Achtung\ndes Publicums um Vieles gestiegen ist. Das Werk ist\ndurchweg in einem ernsten, gediegenen und grossartigen\nStile gehalten; es ist reich und mannigfach an Gedanken,\nund nirgends hört man Verbrauchtes oder Gemeinplätze.\nDie Gedanken stehen auch nicht vereinzelt da, vielmehr\nfindet jeder seine Beziehung und natürliche Entwicklung,\nEben so reich und charaktervoll ist es in harmonischer, so\nwie in contrapunktischer Hinsicht. Das Thema des Andante\nist, wie wir gehört haben, ein Lied, welches die Grossher-\nzogin Cäcilie von Oldenburg componirt hat. Es ist in\nOldenburg zu einem Nationalliede geworden und in dem\nAndante von Pott sehr glücklich benutzt und durchgeführt.\nAuch im Hinblick auf Instrumentation bietet das Werk\nwahrhaft Neues und Ueberraschendes, und überall fin-\ndet eine natürliche Polyphonie vollständige Geltung. Die\nAusführung ist aber in der That keine leichte Auf-\ngabe, namentlich wegen seiner Neuheit in der kunstvollen\nVerarbeitung und Instrumentation. Wir müssen daher dem\nvortrefflichen Orchester von Felix Meritis unsere Anerken-\nnung öffentlich aussprechen, um so mehr, da der Compo-\nnist, der das Werk selbst dirigirte, nur Eine Probe mit\ndem Orchester abhalten konnte. Wir dürfen aber auch\nnicht verschweigen, dass die energische, feurige und um-\nsichtige Direction des Herrn Pott zu dem Gelingen nicht\nwenig beigetragen hat. Herr Pott ist auch in dieser Be-\nziehung der musicalischen Welt rühmlichst bekannt. Der\nDirection von Felix Meritis müssen wir unseren Dank aus-\nsprechen, dass sie uns Gelegenheit verschaffte, dieses\nKunstwerk kennen zu lernen.\nDie übrigen Orchesterwerke, Mendelssohn's Ouver-\ntüre „Die Heimkehr aus der Fremde\" (ein liebliches, freund-\nliches Werk) und die effectvolle Ouvertüre von Rietz lei-\ntete mit Sicherheit und Präcision unser Orchestermeister\nHerr Coenen, so wie auch die übrigen Musikstücke.\nFräul. Devencay trug ein Pianoforte-Concert von Cho-\npin vor, eine anerkannt schöne Composition, der sie jedoch\nnicht gewachsen ist; ausserdem eine so genannte Phanta-\nsie auf der Alexander- oder Harmonium-Orgel. So brav\ndiese auch vorgetragen wurde, so müssen wir doch wün-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1199, "texte": "seilen, das Musikstück wäre in diesen Räumen nicht da\ngewesen. Die Composition war nichts weiter als ein so\ngenanntes Potpourri, wie man solche in Kaffeehäusern hört.\nDas Instrument hat aber sehr hübsche Stimmen und ein\nschönes Crescendo. Wir wünschen der jungen Dame bes-\nsere Compositionen, um ihrem Talente gehörige Entwick-\nlung zu verschaffen. Frau Förster sang eine Arie aus\nFigaro von Mozart, eine zweite aus La Gazza Ladra von\nRossini und zwei Lieder von Schubert und von Taubert.\nLetzteres trug sie am besten vor, und es fand «auch von\nihren Vorträgen den meisten Beifall, welche sonst ziemlich\nkalt Hessen,\nIn letzter Woche hatten wir noch eine vortreffliche\nAufführung der Jahreszeiten von Ilayda unter Direc-\no *>\ntion des Herrn Musik-Diroctors Ileinze. Das Concert war\nim Park durch den St.-Vincenz-Verein zu einem wohlthä-\ntigen Zwecke veranstaltet, der Saal überfüllt. Herr Du-\nMont-Fier hatte die Bass-Partie übernommen und fei-\nerte hier, wo möglich, noch grössere Triumphe, als im\nOratorium Jephta. Gleich die erste Arie wurde stürmisch\nda capo verlangt, und jedes Recitativ und jede Arie, be-\nsonders auch die Jagd-Arie, begeisterten das Publicum.\nAuch die Chöre gingen recht gut."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-01-23-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-01-23_01#c004", "volume": "bmtnabi_1858-01-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "29", "page_fin": "30", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.2.4", "titre_corps": "Viertes Gesellschafts-Concert in Köln im Hauptsaale des Gürzenich.", "titre_sommaire": "Viertes Gesellschafts-Concert in Köln im Hauptsaale des Gürzenich.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.1.5", "debut_caractere": 1201, "fin_caractere_exclue": 6186, "texte": "Viertes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Hauptsaale des Gürzenich.\nDen 12. Januar 1858.\n(Schluss. S. Nr. 3.)\nCamillo Sivori ist zu Genua im Jahre 1818 geboren. Die\nEltern erkannten früh seine musicalischen Anlagen, und der glück-\nliche Umstand, dass Paganini auf den Knaben aufmerksam wurde\nund ihn von seinem neunten Jahre an zwei Jahre lang unterrichtete,\nbewog sie vollends, seiner Neigung nicht entgegen zu treten, sondern\nihn für die Kunst zu bestimmen. Schon in seinem zwölften Jahre\nerregte er in Paris und in London Aufsehen. Seine Eltern waren je-\ndoch so vernünftig, die Wunderkindschaft nicht weiter auszubeuten.\nSie kehrten nach Genua zurück und sorgten dort für die vollstän-\ndige Erziehuug des Knaben, dessen fernere musicalische Ausbildung\nder Professor am dortigen Conservatorium, Giovanni Serra, leitete.\nEilf Jahre lang blieb Sivori von dem öffentlichen Leben zurück, stu-\ndirte die Wissenschaft seiner Kunst .und arbeitete sein Yiolinspiel\nzur Vollkommenheit aus. Erst im Jahre 1839 trat er wieder öffent-\nlich auf, zunächst in Italien, namentlich in Florenz und in Genna,\nwo ihn auch Paganini wieder hörte und so sehr von ihm eingenom-\nmen wurde, dass er ihm durch sein Testament (er starb den 27. Mai\n1840) den vortrefflichen Guarnerius vermachte, auf welchem er vor-\nzugsweise gespielt hatte.\nDarauf ging Sivori nach Russland auf dem Wege dahin be-\nrührte er auch einige Hauptstädte des östlichen Deutschlands —,\n-dann bereis'te er Frankreich, England. America (wo er in 67 Städten\nConcerte gab), kehrte nach London zurück und blieb drei Jahre\ndort. Seit 1853 aber befindet er sich wieder auf Reisen, die ihn zu-\nerst nach der Schweiz, dann nach Italien und Frankreich führten.\nDie vorjährige Saison brachte er hauptsächlich in Paris zu, wo er\nin dem Quartett-Vereine des Grafen Stainlein, wie auch früher zu\nLondon in den von ihm selbst vsranstalteten Matineen und in der\nReunion für Kammermusik bei Ella in Willis1 Roorns sich als vor-\ntrefflichen Quartettspieler besonders von Haydn und Beethoven be-\nwährte. Im Anfange der diesjährigen Saison hat er in Holland (im\nHaag, in Amsterdam, Rotterdam u. s. w.) gespielt, in Deutschland\nnur in Weimar am grossherzQglichen Hofe und darauf hier in Köln.\nEine grössere Kunstreise durch Deutschland wird er im Herbste die-\nses Jahres machen. Gegenwärtig verstatteten ihm bereits eingegan-\ngene Verbindlichkeiten für die bedeutendsten Städte des südlichen\nFrankreichs nicht, den Aufforderungen zu einem längeren Verweilen\nam Rheine zu geben.\nWir hörten ferner in diesem Concerte zwei neue Gesangwerke,\n„Des Sängers Fluch\", eines der nachgelassenen Werke von Robert\nSchumann, und Jubilate Amen für Chor und Sopran-Solo, Manu-\n\\\nscript von Max Bruch.\nUeber >das genannte Werk Schümanns ist in diesen Blättern bei\nGelegenheit des vorjährigen Musikfestes in Aachen bereits ausführ-\nlich gesprochen worden; nach eigener Anhörung desselben künneu\nwir nicht anders, als unserem Berichterstatter über das Pfingsfest\n(s. Nr. 26 vom 27. Juni 1857) in allen Stücken beistimmen. Die Be-\narbeitung des Gedichtes von Uhland durch R. Pohl zum Zwecke der\nComposition scheint uns durchaus nicht gelungen» Die Vermischung\ndes epischen Elementes mit dem lyrisch-dramatischen kann keine\nreine Kunstgattung ergeben, und für Composition ist noch dazu die\nErzählung eine der schwierigsten Aufgaben, wenn der Erzähler nicht\netwa das, was er selbst erlebt hat, und was ihn noch leidenschaft-\nlich bewegt, erzählt, wie dieses z. B. im letzten Acte des Tannhäu-\nser der Fall ist. Der Evangelist in den Passionen von Bach erzählt\nunter ganz anderen Verhältnissen und kann keineswegs zur Recht-\nfertigung des epischen Vortrages in einer weltlichen Cantate ange-\nführt werden; denn dort ist, .abgesehen von dem gottesdienstlichen\nCharakter, der sich in der Kirche im Vorlesen der Evangelien-Ab-\nschnitte ausspricht, das Dramatische - also der schroffste Gegensatz\ndes Epischen nicht damit verbunden. In Pohl's Bearbeitung ist\nnun vollends das Dramatische, das er in Uhland's Ballade hinein-\nträgt, nicht glücklich erfunden; es streift den poetischen Duft ab,\nder bei Uhland die Liebe der Königin umhüllt und nur ahnen lässt;\nes stellt eine Situation handgreiflich hin, die den ganzen Sinn des\nGedichtes zerstört, weil sie dem Fluche des Sängers die Spitze ab-\nbricht. Denn Pohl lässt den König nicht auf den blossen Verdacht\nhin, dass die hingeworfene Rose eine andere Bedeutung habe, den\nJüngling ermorden, sondern er .zwingt den König durch das öffent-\nliche Eingeständniss einer geheimen Liebe seiner Gattin vor seinem\nganzen Hofe und Volke zu der That, welche jetzt Zeit und Sitte\nin Anschlag gebracht vollkommen gerechtfertigt erscheint.\nDie Musik erhebt sich nur selten, z. B. gegen die Mitte hin in\ndem Freiheitsgesang und dem Einfallen des Chors zu wirklichem\nSchwung, und leidet im Ganzen noch mehr an Monotonie, als die\nfrüheren grösseren Gesangwerke Schumann's einer Monotonie,\nüber deren Ursache und Charakter wir uns schon öfter in diesen"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2973, "texte": "Blättern, namentlich auch bei Gelegenheit der Aufführung von „Pa-\nradies und Peri\" beim Musikfeste in Düsseldorf 1855, ausgesprochen\nhaben. Von den lyrischen Stellen zeigt die provenzalische Romanze\ndas Charakteristische und das wahr Empfundene, das frühere Lieder\nvon Schumann auszeichnet. Eben so ist der letzte Chor, rein musi-\ncalisch genommen, ein schöner Gesang; allein als Schluss des Gan-\nzen macht das Absterben desselben keinen Eindruck, es malt allein\ndie Folge des Fluches und nimmt auf die Stimmung, in welcher das\nVolk ein Strafgericht Gottes darin sieht, keine Rücksicht. Wurde\neinmal diese Schilderung nicht der Erzählerin in den Mund gelegt,\nsondern dem Chor, so kann man sich unter diesem doch nur ein\n\\ »\nbetrachtendes Volk (nach Art der antiken Tragödie) denken; von\ndiesem erwartet man aber, wenigstens bei den Schlussworten : „Das\nist des Sängers Fluch!\" einen grossartigeren, das Gefühl der gerech-\nten Strafe bekundenden Aufschwung. Von den Solostücken ist\ndas Alt-Solo der Erzählerin, womit das Werk beginnt, das beste ;\ndagegen sind zwei Hauptstücke, die leidenschaftliche Verzückung\ndes Jünglings (Tenor), worauf der Eintritt der Katastrophe folgt,\nund der Fluch des alten Harfners, nichts weniger als gelungen. Man\nsehe z. B. aus letzterem folgende Stelle:\nund frage sieh: Ist das Gesang ? oder auch nur: Ist das musicali-\nscher Ausdruck des Wortes? Ueberhaupt ist die richtige Decla-\nmation und die Gliederung in Phrasen nach Sinn und Interpunktion\nauf eine merkwürdige Weise häufig vernachlässigt; es ist, als hätte\nder Verfasser nur Instrumentalsätze, gleichsam eine Phantasie zu\ndem Gedichte, geschrieben und hätte die Worte erst nachher unter-\ngelegt.\nDie Ausführung war freilich mangelhaft, besonders in den Solo-\nstimmen, mit Ausnahme der Erzählerin (Fräul. Schreck) und des\nHarfners (Herr Schiffer); allein sie war keineswegs so schlecht,\ndass ihr die kalte Aufnahme des Werkes von Seiten des Publicums\nin die Schuhe geschoben werden dürfte, wie dem Vernehmen nach\nvon einigen Verehrern der Schumann'schen Muse unter jeder Be-\ndingung geschehen sein soll. Das Publicum fand nicht die Aus-\nführung, sondern die Musik langweilig.\nDie zweite Neuigkeit war auf kölnischem Boden gewachsen. Das\nhübsche Gedicht von T h. Moore: Jubilate Amen! übersetzt von\nFreiligrath: „Horch! wie übers Wasser hallend Klar die Vesper-\nHymne klingt!\" hat Max Bruch recht schön aufgefasst, indem er\nvom Chor das Juhilale Amen, und von einer Sopranstimrae, die dem\nChor in der jenseitigen Capelle zuhört, die übrigen Worte des Ge-\ndichtes singen lässt. Der Eintritt und die Melodieführung der Solo-\nstimme zeugen von dem Talent des jungen Componisten; auch der\nChorgesang spricht sehr an. Die Orchester-Begleitung jedoch scheint\nuns nicht recht passend : sie ist für die Situation zu reich. Eine\nOrgel oder entweder Saiten- oder Blas-Instrumente allein würden\nunserer Ansicht nach die Wirkung des im Ganzen sehr einnehmen-\nden kleinen Gesangstückes noch erhöhen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-01-23-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-01-23_01#c006", "volume": "bmtnabi_1858-01-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "30", "page_fin": "31", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.2.5", "titre_corps": "Aus Lüneburg.", "titre_sommaire": "Aus Lüneburg.", "signature_source": "Junghans", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.1.6", "debut_caractere": 2975, "fin_caractere_exclue": 5707, "texte": "Aus Lüneburg.\n\nAm 26. November v. J. gab der hiesige Musik-Verein unter der\nLeitung des Herrn L. Anger sein erstes diesjähriges Abonnements-\nConcert. Das Programm enthielt ausser der nicht bloss als Einlei-\ntung zur Oper sehr charakteristischen, sondern auch als Musikstück\ntrefflichen Tell-Ouverture von Rossini und der in ihren Motiven so\nfrischen, aus Ilaydn'scher Naivetät und Mozart'scher Klarheit und\nMelodiefiille geborenen, aber den gigantischen Walter im Reiche der\ninstrumentalen Kräfte schon vernehmbar verkündenden D-dur-Sinfo-\nnie von Beethoven, als Novität „Erlkönigs Tochter\" von Niels W.\nGade. Wenn das Urtheil über die beiden ersten Werke in der mu-\nsicalischen Welt ein ziemlich einstimmiges ist, so dürfte vielleicht\ndie Gade'sche Tonschöpfung einer weniger allgemeinen Bekannt-\nschaft sich zu erfreuen haben, und desshalb ein näheres Ein-\ngehen auf dieselbe nach der Wirkung, welche deren Aufführung auf\nuns hervorgebracht hat, nicht minder eine Pflicht gegen den Compo-\nnisten als gegen das musicalische Publicum sein.\nDer Text ist nach altdänischen Balladen zu einer interessanten\nHandlung zusammengestellt. Oluf reitet am Abend vor seinem Hoch-\nzeitstage gegen das ernste Mahnen der Mutter aus, um noch einen\nlieben Gast zu laden. Sein nächtlicher Ritt führt ihn in den Bereich\nvon Erlenhof. Erlkönigs Tochter mit ihren Begleiterinnen sucht ihn\nmit ihren Reizen zu locken; da er ihren Lockungen widersteht,\nschlägt sie ihn mit tödlicher Wunde. Todwund treibt er den Rappen\nzu hastiger Flucht. Bang harret unterdessen die Mutter der Wieder-\nkehr dos Sohnes; die Hochzeitsgäste sind versammelt: da sieht sie\nihn den Hügel herabsprengen. Frohe Hoffnung beseelt ihre Brust;\ndoch wie entsinkt ihr der Muth, als sie seine Wange blass und blut-\ntriefend die Bügel erblickt! Er gesteht, dass er im Erlenreiche ge-\nwesen, und sinkt todt zu Boden.\nDieses ist in Kurzem die Handluug, welcher der Dichter und der\nComponist die episch-lyrischen Momente abgewonnen haben. Die\nTräger der Handlung sind: Oluf (Bariton), die Mutter (hoher Alt),\nErlkönigs Tochter (hoher Sopran). Ein Chor war theils durch die\nHochzeitsgäste, theils durch die Erlenmädchen gegeben, theils hat\nihm der Componist episch-lyrische Momente, so wie die an die\nHandlung sich knüpfende Reflection übertragen.\nWer den Componisten der Nachklänge von Ossian und der Co-\nmala kennt, wird sogleich im Voraus fühlen, wie geeignet dieser Stoff\nfür den an nordischer Romantik so reichen Componisten war.\nDer einem musicalischen Berichte zugemessene Raum legt uns\ndie Beschränkung auf, nur die Lichtpunkte hervorzuheben, wiewohl\nes uns nicht schwer fallen würde, in jeder Nummer nachzuweisen,\nwie der Componist theils durch Originalität der Motive, theila durch"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2994, "texte": "treffende Charakteristik der Instrumentirung, theils durch die wirk-\nsame Gruppirung der Gegensätze eine fortwährende Spannung zu er-\nwecken verstanden hat. Den Glanzpunkt des Ganzen bildet unstrei-\ntig der Morgengesang Nr. 7, sowohl durch seinen Charakter selbst,\nals durch die Wirkung, welche er durch seine Stellung zwischen\neiner Scene des grauenvollsten Entsetzens einerseits, so wie der\nbangsten Sorge andererseits hervorbringt. Der himmlische Friede,\nwelchen man in diesem Gesänge über das ganze Weltall sich er-\ngiessen fühlt, sticht um so ergreifender gegen die in unmittelbarer\nNähe lagernde, folternde Angst ab. Von besonderer Wirkung ist es,\nwenn aus der sich weit entfaltenden Siebenstimmigkeit bald ein hö-\nherer, bald ein tieferer Chor sich ablös't und so dem jedesmal\nschweigenden Theile die Täuschung bringt, als vernehme er den\nGesang eines von ihm verschiedenen Chors. Nicht zurück steht die\nScene Nr. 4, in welcher die stille Mondscheinnacht gemalt wird.\nEine instrumentale Einleitung in 12/Ö-Tact, in welcher ein obligates\nHorn die Melodie führt, bisweilen abwechselnd mit Clarinette, Vio-\nloncello und Viola, unter Staccato-Begleitung der übrigen Instrumente,\nversetzt uns in die Stimmung, welche die nachfolgende Cantilene des\nOluf durch Wort und Gesang ausspricht, wo hinein die rollende,\nabbrechende Figur des Violoncello's ahnungsvoll das Grauen des\nErlenreiches erklingen lässt. Von nicht minderer Wirkung ist die in\nvier Strophen wiederkehrende Cantilene Nr. 2, in welcher Oluf sein\nvon tiefer Schwermuth erfülltes Liebesseimen singt. Man ahnt es,\ndass er eine Wunde im Herzen trägt, die nur der Tod zu heilen\nvermag. Es ist besonders die häufige Anwendung <fes Seitimen-Ac-\ncords, so wie des wiederkehrenden Schlusses der Cantilene in der\nTerz, welche diese Stimmung erweckt. Die Instrumentirung ist treff-\nlich gewählt; ausser dem Streich-Quartette sind nur die tieferen\nBlas-lnstrumente, die Oboen, Fagotte und Horn tliätig, die Cantilene\ntheils unter sich vertheilend, theils obligat begleitend, theils imitirend.\nIndem wir so vornehmlich drei Nummern hervorgehoben haben,\nsind wir weit davon entfernt, behaupten zu wTollen, dass nicht eine\njede der anderen Nummern, jede in ihrer besonderen Weise, diesen\ndrei vollkommen ebenbürtig sei.\nDie Aufführung war eine gelungene zu nennen; nur in den Chö-\nren der Erlenmädchen vermisste man einestheils in etwa das zau-\nberhaft Dahinschwindende des Gesanges, anderenteils in dem wie-\nderkehrenden Zurufe: „Mo gen bist du todt!\" die einschneidende\nLeidenschaftlichkeit, was wohl veranlasst haben mag, dass die an\nsich vortreffliche Scene weniger zur Geltung gekommen ist.\nUnser treffliches Orchester hat sowohl in der Gade'schen Com-\nposition als in der Ouvertüre und Sinfonie mit achtsamem Eingehen\nauf die feinen Winke des Herrn 1 irigenten seine Aufgabe untadelig\ngelös't; nur müssen wir im Interesse des Sologesanges wünschen,\ndass während des Gesanges nur je Ein Palt des Streich-Quartettes\naccompagnirt.\n\nJunghans."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-01-23-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-01-23_01#c007", "volume": "bmtnabi_1858-01-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "31", "page_fin": "32", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.1.7", "debut_caractere": 2996, "fin_caractere_exclue": 6982, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n148131. Dinstag den 10. d. Mts. hörten wir in der vierten\nSoiree für Kammermusik ein Streich-Quartett in Ks-dur von l 1 ranz\nDerekum, Lehrer an der Rheinischen Musikschule, welches allge-\nmein ansprach. Jeder Satz wurde applaudirt und besonders das Fi-\nnale durch den lebhaftesten Beifall ausgezeichnet. Das Quartett ist\nüberall klar und fliessend geschrieben, die Melodieen sind lieblich\nund voll Anmutig und hörte man es, ohne den Namen des Compo-\nnisten zu kennen, so würde man dem Charakter und der Factur des\nGanzen nach auf Niemand anders als auf Haydn rathen. Die\nHerren Franck, Grunwald und B. Breuer brachten uns durch\ndas Clavier-Trio Op. 99 von F. Schubert einen grossen Gönuss.\nEine sehr lobenswerthe Quartett-Produetion war am Schlüsse der\nVortrag des Streich-Quartetts, Op. 41, in A-moll von Rob. Schu-\nmann. Diese herrliche Composition, welche das Gepräge einer ge-\nnialen Schöpfungskraft in Verbindung mit musicalischem Wissen\nüberall an der Stirn trägt, wurde recht gut ausgeführt und erregte\nbesonders auch durch den letzten Satz grossen Applaus. Wir be-\ndauerten, dass der Saal gerade an diesem Abende nicht voller be-\nsetzt war.\n\\Wleii* Am 8. d. Mts. kam die erste Aufführung der dreiacti-\ngen komischen Oper ~Paragraph drei\" von M. A. Grandjean mit\nMusik von Franz Suppe zu Stande. Der Amtmann Peter Flaus\nist im Besitze des Testamentes des Vaters seiner Mündel Anna; der\nParagraph drei dieses Documentes lautet:\n„Anna, meine einzige Tochter,\nErbet vierzigtausend Thaler,\nWenn sie Robert wählt, den Maler,\nDen ich halte ihrer würdig;\nNimmt sie einen andern Gatten,\nSoll ihr nur die Hälfte bleiben,\nUnd das Uebrige sei eigen\nIhrem Vormund, meinem Freunde\nPeter Flaus.\"\nDie Handlung ist an sich im höchsten Grade einfach, abgenützt,\nuninteressant und in ihrer Auflösung beinahe läppisch. Ueberdies\nsind die einzelnen komischen Situationen, auf welchen die Haupt-\nwirkung beruht, zu weit ausgesponnen, und daher ermüdend. Dass\nin diesen Scenen manches wirklich komische Element glücklich er-\nfasst und benutzt ist, kann nicht geläugnet werden, und hier war\ndem Tonsetzer, der Talent für das Komische besitzt, wirklich Gele-\ngenheit gegeben, es zu zeigen. Herr Capellmeister Suppe besitzt ein\nsolches Talent nicht; es fehlt ihm durchaus die leichte Hand, die\nGrazie, die geistreiche Tournure. Da ihm überdies auch alle Selbst-\nständigkeit abgeht, da die ganze Schar der modernen Opern-Compo-\nnisten, der Italiäner und Deutschen (Donizetti und Verdi so gut wie\nFlotow und Meyerbeer), weniger der Franzosen, deren Ton weisen\nsich seinem Gedächtnisse eingeprägt haben, auf sein Vv erk so mäch-\ntig eingewirkt hat, dass es nicht nur ganz stillos ist, sondern auch\nbeinahe durchaus wie längst und oft Gehörtes an unser Uhr klingt,\nso steht vor Allem fest, dass die Oper keinen Anspruch auf den Na-\nmen eines Kunstwerkes hat. Uebrigens ist die musicalische Behand-\nlung fliessend, der Rhythmus gefällig, die instrumentale Grundlage\ndes Gesanges mit grosser Gewandtheit und Geschicklichkeit, oft sehr\nwirksam, angelegt, die Harmonie wohltbuend. Einzelne Momente sind\ngelungen, aber das Ganze hat keinen Anspruch auf Bedeutung. Das\nvolle Haus gab am ersten Abende dem Tonsetzer wiederholte Zei-\nchen der Anerkennung; am zweiten Abende war der Besuch nicht\nsehr zahlreich, der Beifall im Ganzen matt.\nHerrn liubin st ein' s Abschieds-Concert am 6. d. Mts. war\nglänzend wie die vorausgegangenen Concerte dieses Grossmeisters\ndes Ciavierspiels. Wir haben uns bereits wiederholt über die selte-\nnen Vorzüge seines Spiels ausgesprochen, und beschränken uns so-\nnach darauf, zu berichten, dass er an diesem Abende auf Verlangen\nvier seiner beliebtesten Vorträge, nämlich 1) Berqeuse von Chopin,\n2) Gique von Mozart, 3) Lied ohne Worte von Mendelssohn und 4)\nMarsch aus den „Ruinen von Athen\" zum Besten gab und nebstbei\nNr. 5 aus seinem „Album de Portrails\" und eine „Taranteile\" von\neigener Composition für Pianoforte allein, dann eine Sonate eigener"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5018, "texte": "Composition für Pianoforte und Violine mit Herrn Hellmesber-\nger und eine Sonate von Mendelssohn für Pianoforte und Cello mit\nHerrn Pi a 11 i vortrug.\nIm dritten Concerte des Cellisten Alfred Piatti in den Abend-\nstunden des 9. Januar, das sehr zahlreich besucht war, fand vor\nAllem der Vortrag der Barcarole de Marino Faliero und des Souve-\nnir de la Sonnambnla bezeichneten Tonstückes, beide von seiner eige-\nnen Composition, den lebhaftesten Beifall. Aber auch der gediegene\nVortrag der drei Satze : a) Prelude, b) Sarabande und c) Gavotte\nvon J. S. Bach und die Sonate (B-dur) für Pianoforte und Cello\nvon Mendelssohn, die er mit Herrn D a c h s spielte, wurden mit gros-\nsem Interesse angehört\nIn der fünften Quartett-Production. der Herren Hellmesber-\nger, Durst, Dobihal und Borzaga am 10. d. Mts., um 5 Uhr\nAbends, kam ein Streich-Quartett von Nottebolim (neu, Manuscript)\nzur Ausführung. Diese Composition ist eine zwar stark an Mendels-\nsohn erinnernde, aber gefällige und tüchtige Arbeit, dia viel Bei-\nfall fand.\nLn Kopenhagen ist es kläglich mit der Opess bestellt. Theils\nerlaubt das Local (das Nationaltheater wurde gebaut, die Vorstellun-\ngen finden, im königlichen Privattheater Statt) nicht die Aufführung\ngrösserer Opern, theils ist das Personal lückenhaft. Der einzige,\nwirklich, vorzügliche Sänger, der eine Zierde jeder Bühne sein würde,,\nHerr Schra,m, ist seit längerer Zeit krank und wird in dieser Sai-\nson gar nicht auftreten. Von neuen, ja, selbst neu einstudirten Opern\nist bis jetzt in dieser Saison nicht die Rede gewesen, und so haben\nwir uns denn, mit drei italiänischen begnügen müssen, nämlich Ros-\nsinis „Barbier\", Donizettis „Liebestrank\" und „Tochter des Regi-\nments\". Wir müssen es offen gestehen, dass wir es für eine Schande\nund eine Schmach halten, dass das einzige grosse Theater Däne-\nmarks, ja, des ganzen Nordens, seinem Publicum nichts Anderes zu\nbieten weiss. Es wäre wahrlich an der Zeit, dass man auf diesem\nGebiete eine energische Thätigkeit entfaltete. Mozart, Weber, Beet-\nhoven existir.en für uns fast nicht, die Kulilau'schen Opern, voll ho-\nlicn. Werthes, deren Wiege Kopenhagen war und die zu original-dä-\nnischem Texte geschrieben, sind, kennt von der jüngeren Generation\nkaum Einer durch die Aufführung, von anderen original-dänischen,\nwie Weyse's, Hartmann's gar nicht einmal zu. reden. Von Balfe, Ha-\nlevy, Verdi ist hier kaum mehr als vor Jahren höchstens eine Oper\naufgeführt, Spohr, Marschner, Lortzing Herold und Andere sind dem\njetzigen Publicum unbekannte Grössen und nur dem um ein Decen-\nnium älteren durch einzelne Werke bekannt. Die Richard Wagner'-\nschen Opern, selbst die von Meyerheer, kennt man hier nur stück-\nweise aus Concerten.\nDas Ballet, welches fast immer grossen Raum erfordert, um sei-\nnen Apparat entfalten zu können, ist natürlich durch das kleine Lo--\ncal sehr in seinen Bewegungen genirt. Ein neues Ballet von Bour-\nnonville, „Adriana\",- mit Musik von Gade, wird einstudirt und soH\nim Laufe des Januar aufgeführt werden.\n• 4\nUnter den zweiten so genannten Volkstheatern nimmt die Alhamr\nbra den ersten Rang ein. Dieses Etablissement, wesentlich für Som-\nmer-Vergnügungen berechnet, liegt eine Vierteltunde vor der Stadt..\nDas weitläufige Theater-Gebäude ist im maurischen Stile gebaut und.\ndecorirt, mit 35 Ellen hohen schlanken Minarets, die in goldene\nHalbmonde auslaufen. Gleich mächtigen ausgebreiteten Flügeln sieht\nman zu beiden Seiten großse Cliioske mit verschiedenen Restaura-\ntions-Localen, so lang wie das ganze Gebäude u. dgl. m. Das Thea-\nter fasst ungefähr 2000 Zuhörer, die Form, die Decke, das ganze\nArrangement der amphitheatralischi vertheilten Sitzplätze, endlich die\nZusammenstellung der Decoration, des Zuschauerplatzes vom Kron-\nleuchter bis zum Souffleurkasten, Alles ist so originel, wohl ausge-\ndacht und geschmackvoll, dass man sieht in eine andere Welt ver-\nsetzt glaubt, und sich erst wieder besinnt, wenn der Vorhang auf-\nrollt und dahinter ein gewöhnliches europäisches Theater zeigt. Die-\nConcerte waren das Beste, das Ballet dagegen stand tief unter dem\nheimischen und das Schauspiel nicht viel höher und hatte ja denn\nfreilich auch keinen höheren Zweck, als den des Zeitvertreibs.\nAuch ein paar junge Componisten, welche in. Leipzig ihre Stu-\ndien gemacht haben, sind aufgetreten, nämlich. Herr P. Heise und\nHerr E. Hart mann, Sohn des ausgezeichneten J. P. E, Hartmann.\nEin paar Hefte von ihnen herausgegebener Lieder scheinen vielen\nAnklang im gebildeten musicalischen Kreisen zu. finden.\nEine musicalische Curiosität sind die von dem verdienten Orga-\nnisten Berggreen herausgegebenen Melodieen von Adam Oehleiir\nscliläger. Sie sind nicht ohne Werth, im Geschmacke Zumsteg's, ReL-\nchardt's u. A., meist Melodieen zu Göthe'schen Liedern, reine Na-\ntur-Compositionen,. gleichsam im Zustande musicalischen Hellsehens\nempfangen, und nach dem Vorsingen des Autors von musikkundiger\nHand aufgezeichnet, tactirt und harmonisirt. Es ist eine Gabe, die\nnamentlich für- Kunst-Philosophen von Interesse ist."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nW. A. Mozart. Von Otto Jahn. Dritter Theil. IV. Von L. B. Aus Amsterdam (Reinthaler's Jephta M. Du-\nMont-Fier Fräul. Deutz Felix Meritis VI. Concert Sinfonie von A. Pott Frau Förster —SC Vincenz-Verein: Die Jahreszeiten\nM. DuMontJ. Viertes Gresellschafts-Concert in Köln (Des Sängers Flucli von Schumann Jubilate von Max Bruch). Aus Lüne-\nburg („Erlkönigs Tochter\" von. W. Gade). Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, IV. Soiree Wien Kopenhagen).\n\nW. A. Mozart.\nVon Otto Jahn.\nDritter Theil.\nIV.\n(I. s~ Nr. 52 v. v. J., 11. Nr. l.r 111. Nr; 3.)\nJahn beginnt den Abschnitt über die Art, wie Mozart\nschuf und arbeitete, mit folgenden Worten:\n„Vergegenwärtigt man sich, wie Mozart in Wien, durch\nBeschäftigungen und Zerstreuungen verschiedenster Art,\ndenen er sich mit lebhafter, selbst leidenschaftlicher Theil-\nnahme hingab, vielfach in Anspruch genommen, ein im\nGanzen unruhiges Leben führte, so muss man sich eben\nso sehr über die grosse Zahl seiner Compositionen als über\nden allen eigentümlichen Charakter der Reife und Voll-\nendung verwundern. Das Erstaunen mehrt sich, wenn man\nsieht, wie jede Gelegenheit, jede äussere Veranlassung ihn\nnicht allein bereit und fertig findet, zu zeigen, dass er, wie\nGöthe es vom Künstler verlangt, die Musik commandirt,\nsondern sein Innerstes zu erschliessen, sein Bestes herzu-\ngeben, so dass der äussere Impuls nur als der rechte Mo-\nment künstlerischer Weihe erscheint. Dazu vernehmen wir\nnun noch, dass Mozart ungern schrieb und damit gewöhn-\nlich so lange wartete, bis der letzte Augenblick ihn drängte.\nW ir sahen schon, dass es dann gelegentlich zu spät wurde,\ndass er nicht mehr zur rechten Zeit fertig, wurde, dass er\nnur so viel Zeit behielt, die Stimmen aufzuschreiben, ohne\nsie erst in Partitur zu setzen, oder dass er es. dem Copisten\nkaum noch möglich machte, seine Arbeit zu beendigen,\nund man darf nur sein thematisches Verzeichniss durch-\nsehen, um sich zu überzeugen,, dass die meisten Compo-\nsitionen so kurz als möglich vor dem bestimmten Termine\nniedergeschrieben sind. \"\nWenn nun Jahn gegen diejenigen sicli ausspricht,\nwelche das ausserordentliche Genie Mozart's in der Rasch-\nbeit der Produktion finden, so. können wir ihm nur zum\nTlieil Recht geben und im Besonderen der Ansicht nicht\nbeipflichten, dass „die Abneigung gegen das Schreiben\nmeistens ihren Grund in dem Gefühl hatte, dass die wahre\ninnere Arbeit noch nicht vollbracht sei\". Gewiss ist ne-\nben der Erfindung das Genie der Arbeit, wie wir es in\nBezug auf Haydn, Mozart und Beethoven oft genannt ha-\nben, eine wesentliche Bedingung zum Schaffen des Kunst-\nwerkes, und Jahn spricht selbst im Verfolg ganz vortreff-\nlich über dieses Arbeiten des wahren Künstlers. Wir sind\naber überzeugt, dass Mozart, wie er die Musik, d. h. die\nMelodie, zu commandiren im Stande war, eben so und auch\nnoch leichter die Arbeit commandirte, und Beides gewiss\nhäufig erst mit dem Niederschreiben und während des-\nselben, dass also allerdings in solchen Fällen die Con-\nception und die Ausführung der Idee zusammen fielen,\nwas denn doch zweifelsohne ein sehr charakteristisches\nKennzeichen des Genie's sein dürfte.\nWir wollen zugeben, dass er die Ouvertüre zum Don\nJuan im Kopfe völlig fertig hatte (S. 422),, als er sich in\nder Nacht vor der Aufführung hinsetzte, um sie aufzu-\nschreiben, sich von seiner Frau Punsch machen und Mär-\nchen erzählen liess, oft einnickte, dann von 3 bis 5 Uhr\nschlief und um 7 Uhr die Ouvertüre dem Copisten über-\ngab.. Trotzdem halten wir auch in diesem speciellen Falle\ndas schnelle Aufschreiben (binnen fünf, höchstens sechs\nStunden und nach einer vorher abgehaltenen General-Probe\nder Oper) für weit mehr, als für ein blosses Copiren aus\ndem Geiste, und erkennen nicht bloss in dem Ideengehalt\nder Ouvertüre, sondern auch in dem raschen Schreiben die\nArbeit eines Genie's,. und glauben, dass auch das letztere\nnur dem Genie möglich ist. Auch ist es kaum denkbar,\ndass das Niederschreiben keine einzige Aenderung, keine\neinzige Ausführung über die im Kopfe fertig gemachte Ar-\nbeit hinaus veranlassen sollte! Nehmen wir nun vollends\nnicht bloss ein verhältnissmässig kurzes, in der Form ab-\ngeschlossenes Musikstück, wie eine Ouvertüre ist, sondern,"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.1.2", "texte": "denken wir daran, dass Mozart z. B. .die Oper Le nozze\ncli Figaro über Hals und Kopf fertig machen mussteu (S.\n420), so werden wir nicht läugnen können, dass auch in\nder Raschheit der Arbeit sei's im Kopie oder mit der\nFeder, oder mit beiden zugleich ein ausserordentliches\nGenie sich offenbarte.\nDamit ist aber keineswegs gesagt, dass das Genie der\nArbeit nicht bedürfe. Nichts ist thörichter als eine solche\nVorstellung; wir haben in diesen Blättern häufig davor\ngewarnt und die Selbsttäuschung junger Componisten und\nDichter der heutigen Zeit, die nur allzu geneigt sind, vom\n..ersten genialen Wurf\" zu sprechen, ans Licht gestellt.\nEs ist uns daher das, was Jahn S. 428 il. darüber sagt,\nganz aus der Seele geschrieben:\n„So wie es bei einem jeden Kunstwerke und dies\ngilt vor Allem von der Musik unmöglich ist, I orm und\nInhalt absolut zu scheiden und jedes als ein für sich beste-\nllendes Element aufzuweisen, so ist auch bei der künstle-\nrischen Production selbst in keinem Moment die schaffende,\nerfindende Kraft und die gestaltende, ausführende völlig\nzu trennen. Jedes Erzeugen auf geistigem wie auf physi-\nschem Gebiete ist dem Menschen ein Geheimniss; wie und\nwoher dem Künstler blitzartig die Idee entsteht, aus wel-\ncher, wie aus einem Keim, ein Kunstgebilde sich gestaltet,\ndas weiss er selbst so wenig, als sich das vollendete Kunst-\nwerk, wie fein und scharf man es auch zergliedern mag,\nbis zu dem Moment der eigentlichen Conception verfolgen\nlässt. Unzweifelhaft ist aber bei der höchsten Inspiration,\nwelche die gesammten künstlerischen Kräfte auf den Punkt\nder schöpferischen Production concentrirt, auch die Summe\nder künstlerischen Bildung und Intelligenz, zur Divination\ngereift und gesteigert, unmittelbar betheiligt, sonst würde\ndas Product der schaffenden Begeisterung nicht in einer\nbestimmten Gestalt, einer Gestalt, welche künstlerischer\nAus- und Fortbildung fähig und bedürftig ist, ausgeprägt\nerscheinen; diese Ausbildung selbst durch eine der Ent-\nstehung fremde Kraft wäre undenkbar. Die Entwicklung\ndes künstlerischen Gehaltes aus einem solchen Keim\ndurch Gestaltung in bestimmten Formen, durch Combi-\nnation mit anderen musicalischen' Ideen und Gedanken,\nwelche im Verfolg des innerlichen Durcharbeitens aus dem-\nselben hervorgehen oder sich anschliessen ist aber eben\nso wenig eine ausschliessliche Thätigkeit des \\ erstandes\nund der selbstbewussten Reflexion, sondern sie ist in jedem\nMoment, selbst da, wo es sich um die formale Ausbildung\nnach bestimmten Normen handelt, von dem Hauche der\nunmittelbar schaffenden Kraft durchdrungen und belebt.\nDas ist es, was die Werke genialer und schöpferischer\nNaturen als solche bezeichnet, dass auch in demjenigen,\nwas nur als die Erfüllung eines gebotenen Gesetzes er-\nscheint, sich die Freiheit einer selbstständigen Individuali-\ntät offenbart. Denn das, was als formale Vorschrift und\nabstracte Regel ausgesprochen und als solche erlernt und\nangewandt werden kann, ist ja nur der unvollkommene\nAusdruck eines lebendigen Naturgesetzes, nach welchem\ndie Dinge entstehen und sich entwickeln, das allem künst-\nlerischen Schaffen zu Grunde liegt. So wie jede Erschei-\nnung die individuelle Darstellung des allgemeinen Gesetzes\nist, so trägt die Seele des schaffenden Künstlers dieses all-\ngemeine Gesetz des Hervorbringens in sich, nicht als ein\nerkanntes, angelerntes, sondern als ein eingeborenes, von\nseiner individuellen Natur ganz durchdrungenes und nur\ndurch diese wirksames; seine Individualität ist das Medium,\ndurch welches jenes Gesetz lebendig und produetiv wird;\nWahrheit, welche allein der Ausfluss der ewigen Natur-\ngesetze sein kann, und Freiheit, welche das Wesen der\nIndividualität ausmacht, sind in seinen Schöpfungen unlös-\nbar verschmolzen. Je fester die Vereinigung dieser schein-\nbar einander widerstreitenden und aufhebenden Gegen-\nsätze in der Natur des Künstlers begründet ist, je tiefer sie\nin derselben wurzelt, um so mehr wird auch im Kunst-\nwerke der Gegensatz des Schaffens und Arbeitens, der\nForm und des Inhalts, des Allgemeinen und Individuellen\n—und wie man denselben sonst fassen mag—aufgehoben\nerscheinen, es wird als ein mit Nothwendigkeit in seiner\nganzen Eigentümlichkeit so und nicht anders gewordenes\nsich darstellen. Allein die dem Künstler inwohnende schö-\npferische Kraft wirkt in ihm nicht mechanisch, wie ein\nUhrwerk, das, einmal aufgezogen, fortarbeitet, bis es ab-\ngelaufen ist, sondern die Aufgabe, welche jedem Menschen-\nleben auf geistigem und sittlichem Gebiete gestellt ist, in\nunausgesetztem Ringen die Ausgleichung jener Gegensätze\nzu erstreben, erneuert sich auch für den Künstler fort und\nfort im Grossen wie im Kleinen. Das ist das eigentliche\nArbeiten des Künstlers, wenn er alle geistigen Kräfte im\nfreien Spiel sich entfalten lässt, um sie auf den Einen\nPunkt hin zu concentriren, und wie auch in verschie-\ndenen Momenten bald diese, bald jene vorzugsweise wirk-\nsam werde nie die einzelne Kraft allein und einseitig\nanzuspannen, sondern alle gemeinsam dem gemeinsamen\nZiele zuzulenken. Diese Thätigkeit in jedem Momente als\nden Ausfluss der vollendeten Kraft und Gesundheit der\ngesammten künstlerischen Organisation zu empfinden, ist\nnur dem Künstler verliehen; es ist, wie das auch Mozart\nandeutet, sein höchster Genuss, eine wahre Beseligung,\nwie ja in allem menschlichen Thun die That die höchste\nBefriedigung gewährt, und nicht ihr Werk.1\"\nDie Worte im letzten Satze: „wie das auch Mozart\nandeutet\", weisen auf den berühmten Brief Mozart's an\neinen unbekannten Baron v. P. hin, in welchem er sich"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.1.3", "texte": "über sein musicalisches Schaffen ausspricht. Dieser Brief\nist zuerst von Rochlitz veröffentlicht (Leipz. A. M.-Z., 1815,\nXVII. S. 561); alle anderen Abdrücke sind ohne Zweifel\naus diesem genommen; denn das Original ist nirgends auf-\ngefunden worden. Dass es im Besitze von Prof. J. Mosche-\nles sei, ist ein Irrthum.\nJahn greift nun die Echtheit des allerdings höchst an-\nziehenden Briefes mit scharfen Wraffen an, oder vielmehr,\ner weis't seine Unechtheit schlagend nach. Rochlitz setzt\nihn in das Jahr 1790, geschrieben aus Prag. Es wird\ndarin von Mozart's Aufenthalt in Dresden und seinem Or-\ngel-Wettstreit mit Ilässler erzählt. Dieser fand aber 1789\nim April Statt, und alles, was Mozart darüber an seine\nFrau schrieb (Dresden, den 16. April 1789, S. 479 ab-\ngedruckt das Original im Archiv des pressburger Kir-\nchenmusik-Vereins) widerspricht der Erzählung in dem\nBriefe an den Baron. Ferner spricht dieser von einer Sin-\nfonie, von drei im Manuscript fertigen Clavier-Quartetten\n(deren erstes das in G-moll sein soll, welches bereits 1785\nerschienen war, so wie das in Es-dur 1788!), von einem\nlangen Briefe, in dem Mozart bei seinem Schwiegerpapa\num Constanze angehalten (der Schwiegerpapa war aber\ntodt, als sich Mozart verlobte!) u. s. w. alles Dinge, die\nunwahr sind. Jahn meint daher unter Anderem: „Derße-\nricht über den Wettstreit mit Hässler ist offenbar der er-\nsonnenen Pointe zu Liebe aus halbwahren und unklaren\nReminiscenzen zurecht gemacht und gleicht darin aufs\nHaar den meisten Anekdoten und Charakterzügen, welche\nRochlitz erzählt, denen gewiss immer etwas Wahres zu\nGrunde liegt, das aber durch ausgedachte psychologische\nMotivirung und auf ungenauen Erinnerungen beruhende\nAusschmückung meistens zu einem unhistorischen Phan-\ntasiebilde entstellt ist.\"\nEr schliesst die gründliche Untersuchung mit folgen-\nden Worten:\n„Man sieht also, dass sämmtliche Facta aus Mozart's\nLeben, welche in diesem Briefe berührt werden, durch\nden Widerspruch mit der sicher beglaubigten Ueberliefe-\nrung sich als unwahr oder entstellt ergeben, mithin von\nMozart so nicht berichtet werden konnten. Dieser Umstand\nmuss allerdings auch gegen den übrigen Inhalt des Briefes\ngewichtige Bedenken erregen, die dadurch noch verstärkt\nwerden, dass derselbe in Stil und Ausdrucksweise offenbar\nnicht rein Mozartisch, sondern jedenfalls überarbeitet ist.\nIndessen möchte ich nicht behaupten, dass der ganze Brief\nuntergeschoben sei; wahrscheinlich war die Grundlage\neines Mozartischen Briefes vorhanden, der etwas überar-\nbeitet und durch Hinzufügen charakteristischer Züge, die\nfür sicher beglaubigt galten, zu einem sprechenden Zeug-\nnisse ausgeprägt wurde. Bestimmt zu scheiden, was echt\nund ursprünglich, was geändert und zugesetzt sei, wird\nnicht möglich sein; unläugbar ist, dass der Brief, so wie\ner bekannt gemacht ist, nicht von Mozart geschrieben\nsein kann.\"\nSchliesslich erzählt uns dann Jahn noch von Mozart's\nfreiem Phantasmen. Er pflegte nicht allein in einsamen\nStunden und um das innere Bedürfniss zu befriedigen, zu\nphantasiren; er zeigte sich als Meister der Improvisation\nauch da, wo ihm die Anregung dazu von aussen kam, und\nhandhabte dabei auch die schwierigsten und strengsten\nFormen mit Leichtigkeit.\n„In solchen Momenten der Begeisterung am Clavicr\nnahm auch sein Aeusseres einen Ausdruck an, der den\nZuhörer den grossen Künstler erkennen liess, den man\nsonst in ihm nicht vermuthete. Er war klein, aber von pro-\nportionirtem Körperbau, mit kleinen Händen und Füssen,\nfrüher mager und erst in den letzten Lebensjahren mehr\ncorpulent. Der Kopf war im Verhältniss zum übrigen Kör-\nper etwas zu gross; das stets blasse Gesicht war nicht un-\nangenehm, aber verrieth nichts Aussergewöhnlichcs; auch\ndie Mozart'sche Nase fiel nur in den Jahren, da er mager\nwar, durch ihre Grösse auf. Das ziemlich grosse und gut\ngeschnittene Auge mit schönen Brauen und Wimpern war\ngewöhnlich etwas matt, der Blick unstät und zerstreut, der\ngesammte Eindruck kein bedeutender. „ „Aber dieser im-\nmer zerstreute Mensch\"\", heisst es in Schlichtegroll's Ne-\nkrolog, „ „schien ein ganz anderes, schien ein höheres\nWesen zu werden, sobald er sich an das Ciavier setzte.\nDann spannte sich sein Geist, und seine Aufmerksamkeit\nrichtete sich ungetheilt auf den Einen Gegenstand, für den\ner geboren war, auf die Harmonie der Töne.\"\" „ „Da\nänderte sich sein ganzes Antlitz,\"\" sagt Niemtschek,\n„„ernst und gesammelt ruhte dann sein Auge; in jeder\nMuskelbewegung drückte sich die Empfindung aus, welche\ner durch sein Spiel vortrug und in dem Zuhörer so mäch-\ntig wieder zu erwecken vermochte.\"\"\n\nAus Amsterdam.\nDen 15. Januar 1858.\nDer Schluss des Jahres war für unser musikliebendes\nPublicum ein glänzender, indem die Maatschappy zur Be-\nförderung der Tonkunst auf den 30. December eine Auf-\nführung von C. Reinthaler's Oratorium „Jephta und\nseine Tochter\" veranstaltet hatte. Der Gesang-Verein hatte\ndie Chöre schon seit October unter der eifrigen und ge-\nschickten Leitung des Herrn Richard Hol studirt, und\nin den letzten acht Tagen vor der Aufführung war der\nComponist, Herr Musik-Director Reinthalcr von Köln, hier"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.1.4", "texte": "anwesend und konnte die letzte Hand an die Einübung\nlegen. Da er nun auch die Aufführung im grossen Con-\ncertsaale des Parks selbst dirigirte und bereits in den Pro-\nben alle Ausübenden mit Feuer zu begeistern wusste, so\nwar die Darstellung des Oratoriums in Chor und Orche-\nster eine sehr präcise und durchgreifende.\nDas Werk hat hier einen grossen Eindruck gemacht,\nund unsere Blätter schütten nach ihrer Weise volle Körbe\nvon Lorbern über den Componisten aus. Denn, wie Sie\naus Erfahrung wissen, Ihre Landsleute aber immer noch\nnicht glauben wollen, das holländische Publicum ist nichts\nweniger als phlegmatisch, sondern leicht zu enthusiasmiren,\nso dass, wenn ihm einmal etwas gefällt, der Beifall und\ndie Art und Weise, ihn auszudrücken, kaum Maass und\nZiel hält. Aber auch die genauere ästhetisch-musicalische\nKritik spendet dem Componisten das verdiente Lob, und\nman muss das Werk gewiss als eine sehr erfreuliche und\ndoppelt willkommene, weil unerwartete Erscheinung in\nunserer Zeit begrüssen. Die Chöre namentlich sind meist\nvon imposanter Wirkung; dochzeichnen sich einige Frauen-\nchöre auch durch Lieblichkeit und Anmuth aus. Die Ar-\nbeit ist durchweg gediegen und zeigt eine lobenswerthe\nGewandtheit in polyphonen Formen. Ob aber die Solo-\nstücke überall den mächtigen Eindruck machen werden,\nwie hier, dürfte man bezweifeln. Denn wenngleich die\nAufführung eine gute war, so stimmt doch Alles darin\nüberein, dass vorzüglich der treffliche Vortrag der Haupt-\npartie, des Jephta, durch Herrn DuMont-Fier aus Köln\ndas Meiste dazu beitrug, den ausserordentlichen Erfolg des\nWerkes herbei zu führen. Eine so mächtige, dabei doch\ndurch sehr gute Schule biegsam und geschmeidig gewor-\ndene, umfangreiche und stets wohllautende Stimme, eine\nso begeisterte Auffassung, einen so tief empfundenen Vor-\ntrag, sei es in der Declamation, sei es in der Cantilene,\nhatten wir hier noch nicht gehört. Der Beifall war enorm,\nund Herr DuMont musste sogar die grosse Arie mit Chor\nwiederholen ein vielleicht unerhörtes Factum bei einem\nOratorium. Neben ihm glänzte Fräul. Deutz, ebenfalls\naus Köln, in der Sopran-Partie der Mirjam, welche sie sehr\nschön durchführte und diejenigen Stellen, welche dazu Ge-\nlegenheit geben, mit Gefühl und Seele vortrug. Dass die\nPartie nicht so dankbar ist, wie die Bass-Partie, liegt in\nder Composition, in welcher diese eigentlich allein hervor-\nragt, indem der Tenor vollends nur wenig beschäftigt ist.\nVon den Ensemblestücken hat uns das Quartett am mei-\nsten angesprochen.\nDas sechste Concert von Felix Meritis am 8. Ja-\nnuar wurde mit der zweiten Sinfonie von August Pott\neröffnet. Der Componist, Hof-Capellmeister des Grossher-\nzogs von Oldenburg, hatte schon am 20. November vorigen\nJahres im ersten Concerte von Felix MerUis einen so glän-\nzenden Erfolg als Componist und Violin-Virtuose erlangt,\ndass das Publicum auf diese Sinfonie 'sehr gespannt war,\nund doch hat der Erfolg unsere Erwartungen übertroffen.\nJeder Satz sie besteht aus vier Sätzen—wurde lebhaft\napplaudirt, und erwägt man, dass das Publicum durch die\numsichtige Direction von Felix Meritis gewohnt ist, nur\nGediegenes, und zwar das Beste dieser Gattung der musi-\ncalischen Literatur, in diesen Concerten zu hören, so muss\nman diesen Erfolg um so höher anschlagen, WTir müssen\nsagen, dass Herr Pott durch dieses Werk in der Achtung\ndes Publicums um Vieles gestiegen ist. Das Werk ist\ndurchweg in einem ernsten, gediegenen und grossartigen\nStile gehalten; es ist reich und mannigfach an Gedanken,\nund nirgends hört man Verbrauchtes oder Gemeinplätze.\nDie Gedanken stehen auch nicht vereinzelt da, vielmehr\nfindet jeder seine Beziehung und natürliche Entwicklung,\nEben so reich und charaktervoll ist es in harmonischer, so\nwie in contrapunktischer Hinsicht. Das Thema des Andante\nist, wie wir gehört haben, ein Lied, welches die Grossher-\nzogin Cäcilie von Oldenburg componirt hat. Es ist in\nOldenburg zu einem Nationalliede geworden und in dem\nAndante von Pott sehr glücklich benutzt und durchgeführt.\nAuch im Hinblick auf Instrumentation bietet das Werk\nwahrhaft Neues und Ueberraschendes, und überall fin-\ndet eine natürliche Polyphonie vollständige Geltung. Die\nAusführung ist aber in der That keine leichte Auf-\ngabe, namentlich wegen seiner Neuheit in der kunstvollen\nVerarbeitung und Instrumentation. Wir müssen daher dem\nvortrefflichen Orchester von Felix Meritis unsere Anerken-\nnung öffentlich aussprechen, um so mehr, da der Compo-\nnist, der das Werk selbst dirigirte, nur Eine Probe mit\ndem Orchester abhalten konnte. Wir dürfen aber auch\nnicht verschweigen, dass die energische, feurige und um-\nsichtige Direction des Herrn Pott zu dem Gelingen nicht\nwenig beigetragen hat. Herr Pott ist auch in dieser Be-\nziehung der musicalischen Welt rühmlichst bekannt. Der\nDirection von Felix Meritis müssen wir unseren Dank aus-\nsprechen, dass sie uns Gelegenheit verschaffte, dieses\nKunstwerk kennen zu lernen.\nDie übrigen Orchesterwerke, Mendelssohn's Ouver-\ntüre „Die Heimkehr aus der Fremde\" (ein liebliches, freund-\nliches Werk) und die effectvolle Ouvertüre von Rietz lei-\ntete mit Sicherheit und Präcision unser Orchestermeister\nHerr Coenen, so wie auch die übrigen Musikstücke.\nFräul. Devencay trug ein Pianoforte-Concert von Cho-\npin vor, eine anerkannt schöne Composition, der sie jedoch\nnicht gewachsen ist; ausserdem eine so genannte Phanta-\nsie auf der Alexander- oder Harmonium-Orgel. So brav\ndiese auch vorgetragen wurde, so müssen wir doch wün-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.1.5", "texte": "seilen, das Musikstück wäre in diesen Räumen nicht da\ngewesen. Die Composition war nichts weiter als ein so\ngenanntes Potpourri, wie man solche in Kaffeehäusern hört.\nDas Instrument hat aber sehr hübsche Stimmen und ein\nschönes Crescendo. Wir wünschen der jungen Dame bes-\nsere Compositionen, um ihrem Talente gehörige Entwick-\nlung zu verschaffen. Frau Förster sang eine Arie aus\nFigaro von Mozart, eine zweite aus La Gazza Ladra von\nRossini und zwei Lieder von Schubert und von Taubert.\nLetzteres trug sie am besten vor, und es fand «auch von\nihren Vorträgen den meisten Beifall, welche sonst ziemlich\nkalt Hessen,\nIn letzter Woche hatten wir noch eine vortreffliche\nAufführung der Jahreszeiten von Ilayda unter Direc-\no *>\ntion des Herrn Musik-Diroctors Ileinze. Das Concert war\nim Park durch den St.-Vincenz-Verein zu einem wohlthä-\ntigen Zwecke veranstaltet, der Saal überfüllt. Herr Du-\nMont-Fier hatte die Bass-Partie übernommen und fei-\nerte hier, wo möglich, noch grössere Triumphe, als im\nOratorium Jephta. Gleich die erste Arie wurde stürmisch\nda capo verlangt, und jedes Recitativ und jede Arie, be-\nsonders auch die Jagd-Arie, begeisterten das Publicum.\nAuch die Chöre gingen recht gut.\n\nViertes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Hauptsaale des Gürzenich.\nDen 12. Januar 1858.\n(Schluss. S. Nr. 3.)\nCamillo Sivori ist zu Genua im Jahre 1818 geboren. Die\nEltern erkannten früh seine musicalischen Anlagen, und der glück-\nliche Umstand, dass Paganini auf den Knaben aufmerksam wurde\nund ihn von seinem neunten Jahre an zwei Jahre lang unterrichtete,\nbewog sie vollends, seiner Neigung nicht entgegen zu treten, sondern\nihn für die Kunst zu bestimmen. Schon in seinem zwölften Jahre\nerregte er in Paris und in London Aufsehen. Seine Eltern waren je-\ndoch so vernünftig, die Wunderkindschaft nicht weiter auszubeuten.\nSie kehrten nach Genua zurück und sorgten dort für die vollstän-\ndige Erziehuug des Knaben, dessen fernere musicalische Ausbildung\nder Professor am dortigen Conservatorium, Giovanni Serra, leitete.\nEilf Jahre lang blieb Sivori von dem öffentlichen Leben zurück, stu-\ndirte die Wissenschaft seiner Kunst .und arbeitete sein Yiolinspiel\nzur Vollkommenheit aus. Erst im Jahre 1839 trat er wieder öffent-\nlich auf, zunächst in Italien, namentlich in Florenz und in Genna,\nwo ihn auch Paganini wieder hörte und so sehr von ihm eingenom-\nmen wurde, dass er ihm durch sein Testament (er starb den 27. Mai\n1840) den vortrefflichen Guarnerius vermachte, auf welchem er vor-\nzugsweise gespielt hatte.\nDarauf ging Sivori nach Russland auf dem Wege dahin be-\nrührte er auch einige Hauptstädte des östlichen Deutschlands —,\n-dann bereis'te er Frankreich, England. America (wo er in 67 Städten\nConcerte gab), kehrte nach London zurück und blieb drei Jahre\ndort. Seit 1853 aber befindet er sich wieder auf Reisen, die ihn zu-\nerst nach der Schweiz, dann nach Italien und Frankreich führten.\nDie vorjährige Saison brachte er hauptsächlich in Paris zu, wo er\nin dem Quartett-Vereine des Grafen Stainlein, wie auch früher zu\nLondon in den von ihm selbst vsranstalteten Matineen und in der\nReunion für Kammermusik bei Ella in Willis1 Roorns sich als vor-\ntrefflichen Quartettspieler besonders von Haydn und Beethoven be-\nwährte. Im Anfange der diesjährigen Saison hat er in Holland (im\nHaag, in Amsterdam, Rotterdam u. s. w.) gespielt, in Deutschland\nnur in Weimar am grossherzQglichen Hofe und darauf hier in Köln.\nEine grössere Kunstreise durch Deutschland wird er im Herbste die-\nses Jahres machen. Gegenwärtig verstatteten ihm bereits eingegan-\ngene Verbindlichkeiten für die bedeutendsten Städte des südlichen\nFrankreichs nicht, den Aufforderungen zu einem längeren Verweilen\nam Rheine zu geben.\nWir hörten ferner in diesem Concerte zwei neue Gesangwerke,\n„Des Sängers Fluch\", eines der nachgelassenen Werke von Robert\nSchumann, und Jubilate Amen für Chor und Sopran-Solo, Manu-\n\\\nscript von Max Bruch.\nUeber >das genannte Werk Schümanns ist in diesen Blättern bei\nGelegenheit des vorjährigen Musikfestes in Aachen bereits ausführ-\nlich gesprochen worden; nach eigener Anhörung desselben künneu\nwir nicht anders, als unserem Berichterstatter über das Pfingsfest\n(s. Nr. 26 vom 27. Juni 1857) in allen Stücken beistimmen. Die Be-\narbeitung des Gedichtes von Uhland durch R. Pohl zum Zwecke der\nComposition scheint uns durchaus nicht gelungen» Die Vermischung\ndes epischen Elementes mit dem lyrisch-dramatischen kann keine\nreine Kunstgattung ergeben, und für Composition ist noch dazu die\nErzählung eine der schwierigsten Aufgaben, wenn der Erzähler nicht\netwa das, was er selbst erlebt hat, und was ihn noch leidenschaft-\nlich bewegt, erzählt, wie dieses z. B. im letzten Acte des Tannhäu-\nser der Fall ist. Der Evangelist in den Passionen von Bach erzählt\nunter ganz anderen Verhältnissen und kann keineswegs zur Recht-\nfertigung des epischen Vortrages in einer weltlichen Cantate ange-\nführt werden; denn dort ist, .abgesehen von dem gottesdienstlichen\nCharakter, der sich in der Kirche im Vorlesen der Evangelien-Ab-\nschnitte ausspricht, das Dramatische - also der schroffste Gegensatz\ndes Epischen nicht damit verbunden. In Pohl's Bearbeitung ist\nnun vollends das Dramatische, das er in Uhland's Ballade hinein-\nträgt, nicht glücklich erfunden; es streift den poetischen Duft ab,\nder bei Uhland die Liebe der Königin umhüllt und nur ahnen lässt;\nes stellt eine Situation handgreiflich hin, die den ganzen Sinn des\nGedichtes zerstört, weil sie dem Fluche des Sängers die Spitze ab-\nbricht. Denn Pohl lässt den König nicht auf den blossen Verdacht\nhin, dass die hingeworfene Rose eine andere Bedeutung habe, den\nJüngling ermorden, sondern er .zwingt den König durch das öffent-\nliche Eingeständniss einer geheimen Liebe seiner Gattin vor seinem\nganzen Hofe und Volke zu der That, welche jetzt Zeit und Sitte\nin Anschlag gebracht vollkommen gerechtfertigt erscheint.\nDie Musik erhebt sich nur selten, z. B. gegen die Mitte hin in\ndem Freiheitsgesang und dem Einfallen des Chors zu wirklichem\nSchwung, und leidet im Ganzen noch mehr an Monotonie, als die\nfrüheren grösseren Gesangwerke Schumann's einer Monotonie,\nüber deren Ursache und Charakter wir uns schon öfter in diesen"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.1.6", "texte": "Blättern, namentlich auch bei Gelegenheit der Aufführung von „Pa-\nradies und Peri\" beim Musikfeste in Düsseldorf 1855, ausgesprochen\nhaben. Von den lyrischen Stellen zeigt die provenzalische Romanze\ndas Charakteristische und das wahr Empfundene, das frühere Lieder\nvon Schumann auszeichnet. Eben so ist der letzte Chor, rein musi-\ncalisch genommen, ein schöner Gesang; allein als Schluss des Gan-\nzen macht das Absterben desselben keinen Eindruck, es malt allein\ndie Folge des Fluches und nimmt auf die Stimmung, in welcher das\nVolk ein Strafgericht Gottes darin sieht, keine Rücksicht. Wurde\neinmal diese Schilderung nicht der Erzählerin in den Mund gelegt,\nsondern dem Chor, so kann man sich unter diesem doch nur ein\n\\ »\nbetrachtendes Volk (nach Art der antiken Tragödie) denken; von\ndiesem erwartet man aber, wenigstens bei den Schlussworten : „Das\nist des Sängers Fluch!\" einen grossartigeren, das Gefühl der gerech-\nten Strafe bekundenden Aufschwung. Von den Solostücken ist\ndas Alt-Solo der Erzählerin, womit das Werk beginnt, das beste ;\ndagegen sind zwei Hauptstücke, die leidenschaftliche Verzückung\ndes Jünglings (Tenor), worauf der Eintritt der Katastrophe folgt,\nund der Fluch des alten Harfners, nichts weniger als gelungen. Man\nsehe z. B. aus letzterem folgende Stelle:\nund frage sieh: Ist das Gesang ? oder auch nur: Ist das musicali-\nscher Ausdruck des Wortes? Ueberhaupt ist die richtige Decla-\nmation und die Gliederung in Phrasen nach Sinn und Interpunktion\nauf eine merkwürdige Weise häufig vernachlässigt; es ist, als hätte\nder Verfasser nur Instrumentalsätze, gleichsam eine Phantasie zu\ndem Gedichte, geschrieben und hätte die Worte erst nachher unter-\ngelegt.\nDie Ausführung war freilich mangelhaft, besonders in den Solo-\nstimmen, mit Ausnahme der Erzählerin (Fräul. Schreck) und des\nHarfners (Herr Schiffer); allein sie war keineswegs so schlecht,\ndass ihr die kalte Aufnahme des Werkes von Seiten des Publicums\nin die Schuhe geschoben werden dürfte, wie dem Vernehmen nach\nvon einigen Verehrern der Schumann'schen Muse unter jeder Be-\ndingung geschehen sein soll. Das Publicum fand nicht die Aus-\nführung, sondern die Musik langweilig.\nDie zweite Neuigkeit war auf kölnischem Boden gewachsen. Das\nhübsche Gedicht von T h. Moore: Jubilate Amen! übersetzt von\nFreiligrath: „Horch! wie übers Wasser hallend Klar die Vesper-\nHymne klingt!\" hat Max Bruch recht schön aufgefasst, indem er\nvom Chor das Juhilale Amen, und von einer Sopranstimrae, die dem\nChor in der jenseitigen Capelle zuhört, die übrigen Worte des Ge-\ndichtes singen lässt. Der Eintritt und die Melodieführung der Solo-\nstimme zeugen von dem Talent des jungen Componisten; auch der\nChorgesang spricht sehr an. Die Orchester-Begleitung jedoch scheint\nuns nicht recht passend : sie ist für die Situation zu reich. Eine\nOrgel oder entweder Saiten- oder Blas-Instrumente allein würden\nunserer Ansicht nach die Wirkung des im Ganzen sehr einnehmen-\nden kleinen Gesangstückes noch erhöhen.\n\nAus Lüneburg.\n\nAm 26. November v. J. gab der hiesige Musik-Verein unter der\nLeitung des Herrn L. Anger sein erstes diesjähriges Abonnements-\nConcert. Das Programm enthielt ausser der nicht bloss als Einlei-\ntung zur Oper sehr charakteristischen, sondern auch als Musikstück\ntrefflichen Tell-Ouverture von Rossini und der in ihren Motiven so\nfrischen, aus Ilaydn'scher Naivetät und Mozart'scher Klarheit und\nMelodiefiille geborenen, aber den gigantischen Walter im Reiche der\ninstrumentalen Kräfte schon vernehmbar verkündenden D-dur-Sinfo-\nnie von Beethoven, als Novität „Erlkönigs Tochter\" von Niels W.\nGade. Wenn das Urtheil über die beiden ersten Werke in der mu-\nsicalischen Welt ein ziemlich einstimmiges ist, so dürfte vielleicht\ndie Gade'sche Tonschöpfung einer weniger allgemeinen Bekannt-\nschaft sich zu erfreuen haben, und desshalb ein näheres Ein-\ngehen auf dieselbe nach der Wirkung, welche deren Aufführung auf\nuns hervorgebracht hat, nicht minder eine Pflicht gegen den Compo-\nnisten als gegen das musicalische Publicum sein.\nDer Text ist nach altdänischen Balladen zu einer interessanten\nHandlung zusammengestellt. Oluf reitet am Abend vor seinem Hoch-\nzeitstage gegen das ernste Mahnen der Mutter aus, um noch einen\nlieben Gast zu laden. Sein nächtlicher Ritt führt ihn in den Bereich\nvon Erlenhof. Erlkönigs Tochter mit ihren Begleiterinnen sucht ihn\nmit ihren Reizen zu locken; da er ihren Lockungen widersteht,\nschlägt sie ihn mit tödlicher Wunde. Todwund treibt er den Rappen\nzu hastiger Flucht. Bang harret unterdessen die Mutter der Wieder-\nkehr dos Sohnes; die Hochzeitsgäste sind versammelt: da sieht sie\nihn den Hügel herabsprengen. Frohe Hoffnung beseelt ihre Brust;\ndoch wie entsinkt ihr der Muth, als sie seine Wange blass und blut-\ntriefend die Bügel erblickt! Er gesteht, dass er im Erlenreiche ge-\nwesen, und sinkt todt zu Boden.\nDieses ist in Kurzem die Handluug, welcher der Dichter und der\nComponist die episch-lyrischen Momente abgewonnen haben. Die\nTräger der Handlung sind: Oluf (Bariton), die Mutter (hoher Alt),\nErlkönigs Tochter (hoher Sopran). Ein Chor war theils durch die\nHochzeitsgäste, theils durch die Erlenmädchen gegeben, theils hat\nihm der Componist episch-lyrische Momente, so wie die an die\nHandlung sich knüpfende Reflection übertragen.\nWer den Componisten der Nachklänge von Ossian und der Co-\nmala kennt, wird sogleich im Voraus fühlen, wie geeignet dieser Stoff\nfür den an nordischer Romantik so reichen Componisten war.\nDer einem musicalischen Berichte zugemessene Raum legt uns\ndie Beschränkung auf, nur die Lichtpunkte hervorzuheben, wiewohl\nes uns nicht schwer fallen würde, in jeder Nummer nachzuweisen,\nwie der Componist theils durch Originalität der Motive, theila durch"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.1.7", "texte": "treffende Charakteristik der Instrumentirung, theils durch die wirk-\nsame Gruppirung der Gegensätze eine fortwährende Spannung zu er-\nwecken verstanden hat. Den Glanzpunkt des Ganzen bildet unstrei-\ntig der Morgengesang Nr. 7, sowohl durch seinen Charakter selbst,\nals durch die Wirkung, welche er durch seine Stellung zwischen\neiner Scene des grauenvollsten Entsetzens einerseits, so wie der\nbangsten Sorge andererseits hervorbringt. Der himmlische Friede,\nwelchen man in diesem Gesänge über das ganze Weltall sich er-\ngiessen fühlt, sticht um so ergreifender gegen die in unmittelbarer\nNähe lagernde, folternde Angst ab. Von besonderer Wirkung ist es,\nwenn aus der sich weit entfaltenden Siebenstimmigkeit bald ein hö-\nherer, bald ein tieferer Chor sich ablös't und so dem jedesmal\nschweigenden Theile die Täuschung bringt, als vernehme er den\nGesang eines von ihm verschiedenen Chors. Nicht zurück steht die\nScene Nr. 4, in welcher die stille Mondscheinnacht gemalt wird.\nEine instrumentale Einleitung in 12/Ö-Tact, in welcher ein obligates\nHorn die Melodie führt, bisweilen abwechselnd mit Clarinette, Vio-\nloncello und Viola, unter Staccato-Begleitung der übrigen Instrumente,\nversetzt uns in die Stimmung, welche die nachfolgende Cantilene des\nOluf durch Wort und Gesang ausspricht, wo hinein die rollende,\nabbrechende Figur des Violoncello's ahnungsvoll das Grauen des\nErlenreiches erklingen lässt. Von nicht minderer Wirkung ist die in\nvier Strophen wiederkehrende Cantilene Nr. 2, in welcher Oluf sein\nvon tiefer Schwermuth erfülltes Liebesseimen singt. Man ahnt es,\ndass er eine Wunde im Herzen trägt, die nur der Tod zu heilen\nvermag. Es ist besonders die häufige Anwendung <fes Seitimen-Ac-\ncords, so wie des wiederkehrenden Schlusses der Cantilene in der\nTerz, welche diese Stimmung erweckt. Die Instrumentirung ist treff-\nlich gewählt; ausser dem Streich-Quartette sind nur die tieferen\nBlas-lnstrumente, die Oboen, Fagotte und Horn tliätig, die Cantilene\ntheils unter sich vertheilend, theils obligat begleitend, theils imitirend.\nIndem wir so vornehmlich drei Nummern hervorgehoben haben,\nsind wir weit davon entfernt, behaupten zu wTollen, dass nicht eine\njede der anderen Nummern, jede in ihrer besonderen Weise, diesen\ndrei vollkommen ebenbürtig sei.\nDie Aufführung war eine gelungene zu nennen; nur in den Chö-\nren der Erlenmädchen vermisste man einestheils in etwa das zau-\nberhaft Dahinschwindende des Gesanges, anderenteils in dem wie-\nderkehrenden Zurufe: „Mo gen bist du todt!\" die einschneidende\nLeidenschaftlichkeit, was wohl veranlasst haben mag, dass die an\nsich vortreffliche Scene weniger zur Geltung gekommen ist.\nUnser treffliches Orchester hat sowohl in der Gade'schen Com-\nposition als in der Ouvertüre und Sinfonie mit achtsamem Eingehen\nauf die feinen Winke des Herrn 1 irigenten seine Aufgabe untadelig\ngelös't; nur müssen wir im Interesse des Sologesanges wünschen,\ndass während des Gesanges nur je Ein Palt des Streich-Quartettes\naccompagnirt.\n\nJunghans.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n148131. Dinstag den 10. d. Mts. hörten wir in der vierten\nSoiree für Kammermusik ein Streich-Quartett in Ks-dur von l 1 ranz\nDerekum, Lehrer an der Rheinischen Musikschule, welches allge-\nmein ansprach. Jeder Satz wurde applaudirt und besonders das Fi-\nnale durch den lebhaftesten Beifall ausgezeichnet. Das Quartett ist\nüberall klar und fliessend geschrieben, die Melodieen sind lieblich\nund voll Anmutig und hörte man es, ohne den Namen des Compo-\nnisten zu kennen, so würde man dem Charakter und der Factur des\nGanzen nach auf Niemand anders als auf Haydn rathen. Die\nHerren Franck, Grunwald und B. Breuer brachten uns durch\ndas Clavier-Trio Op. 99 von F. Schubert einen grossen Gönuss.\nEine sehr lobenswerthe Quartett-Produetion war am Schlüsse der\nVortrag des Streich-Quartetts, Op. 41, in A-moll von Rob. Schu-\nmann. Diese herrliche Composition, welche das Gepräge einer ge-\nnialen Schöpfungskraft in Verbindung mit musicalischem Wissen\nüberall an der Stirn trägt, wurde recht gut ausgeführt und erregte\nbesonders auch durch den letzten Satz grossen Applaus. Wir be-\ndauerten, dass der Saal gerade an diesem Abende nicht voller be-\nsetzt war.\n\\Wleii* Am 8. d. Mts. kam die erste Aufführung der dreiacti-\ngen komischen Oper ~Paragraph drei\" von M. A. Grandjean mit\nMusik von Franz Suppe zu Stande. Der Amtmann Peter Flaus\nist im Besitze des Testamentes des Vaters seiner Mündel Anna; der\nParagraph drei dieses Documentes lautet:\n„Anna, meine einzige Tochter,\nErbet vierzigtausend Thaler,\nWenn sie Robert wählt, den Maler,\nDen ich halte ihrer würdig;\nNimmt sie einen andern Gatten,\nSoll ihr nur die Hälfte bleiben,\nUnd das Uebrige sei eigen\nIhrem Vormund, meinem Freunde\nPeter Flaus.\"\nDie Handlung ist an sich im höchsten Grade einfach, abgenützt,\nuninteressant und in ihrer Auflösung beinahe läppisch. Ueberdies\nsind die einzelnen komischen Situationen, auf welchen die Haupt-\nwirkung beruht, zu weit ausgesponnen, und daher ermüdend. Dass\nin diesen Scenen manches wirklich komische Element glücklich er-\nfasst und benutzt ist, kann nicht geläugnet werden, und hier war\ndem Tonsetzer, der Talent für das Komische besitzt, wirklich Gele-\ngenheit gegeben, es zu zeigen. Herr Capellmeister Suppe besitzt ein\nsolches Talent nicht; es fehlt ihm durchaus die leichte Hand, die\nGrazie, die geistreiche Tournure. Da ihm überdies auch alle Selbst-\nständigkeit abgeht, da die ganze Schar der modernen Opern-Compo-\nnisten, der Italiäner und Deutschen (Donizetti und Verdi so gut wie\nFlotow und Meyerbeer), weniger der Franzosen, deren Ton weisen\nsich seinem Gedächtnisse eingeprägt haben, auf sein Vv erk so mäch-\ntig eingewirkt hat, dass es nicht nur ganz stillos ist, sondern auch\nbeinahe durchaus wie längst und oft Gehörtes an unser Uhr klingt,\nso steht vor Allem fest, dass die Oper keinen Anspruch auf den Na-\nmen eines Kunstwerkes hat. Uebrigens ist die musicalische Behand-\nlung fliessend, der Rhythmus gefällig, die instrumentale Grundlage\ndes Gesanges mit grosser Gewandtheit und Geschicklichkeit, oft sehr\nwirksam, angelegt, die Harmonie wohltbuend. Einzelne Momente sind\ngelungen, aber das Ganze hat keinen Anspruch auf Bedeutung. Das\nvolle Haus gab am ersten Abende dem Tonsetzer wiederholte Zei-\nchen der Anerkennung; am zweiten Abende war der Besuch nicht\nsehr zahlreich, der Beifall im Ganzen matt.\nHerrn liubin st ein' s Abschieds-Concert am 6. d. Mts. war\nglänzend wie die vorausgegangenen Concerte dieses Grossmeisters\ndes Ciavierspiels. Wir haben uns bereits wiederholt über die selte-\nnen Vorzüge seines Spiels ausgesprochen, und beschränken uns so-\nnach darauf, zu berichten, dass er an diesem Abende auf Verlangen\nvier seiner beliebtesten Vorträge, nämlich 1) Berqeuse von Chopin,\n2) Gique von Mozart, 3) Lied ohne Worte von Mendelssohn und 4)\nMarsch aus den „Ruinen von Athen\" zum Besten gab und nebstbei\nNr. 5 aus seinem „Album de Portrails\" und eine „Taranteile\" von\neigener Composition für Pianoforte allein, dann eine Sonate eigener"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580123-01.1.8", "texte": "Composition für Pianoforte und Violine mit Herrn Hellmesber-\nger und eine Sonate von Mendelssohn für Pianoforte und Cello mit\nHerrn Pi a 11 i vortrug.\nIm dritten Concerte des Cellisten Alfred Piatti in den Abend-\nstunden des 9. Januar, das sehr zahlreich besucht war, fand vor\nAllem der Vortrag der Barcarole de Marino Faliero und des Souve-\nnir de la Sonnambnla bezeichneten Tonstückes, beide von seiner eige-\nnen Composition, den lebhaftesten Beifall. Aber auch der gediegene\nVortrag der drei Satze : a) Prelude, b) Sarabande und c) Gavotte\nvon J. S. Bach und die Sonate (B-dur) für Pianoforte und Cello\nvon Mendelssohn, die er mit Herrn D a c h s spielte, wurden mit gros-\nsem Interesse angehört\nIn der fünften Quartett-Production. der Herren Hellmesber-\nger, Durst, Dobihal und Borzaga am 10. d. Mts., um 5 Uhr\nAbends, kam ein Streich-Quartett von Nottebolim (neu, Manuscript)\nzur Ausführung. Diese Composition ist eine zwar stark an Mendels-\nsohn erinnernde, aber gefällige und tüchtige Arbeit, dia viel Bei-\nfall fand.\nLn Kopenhagen ist es kläglich mit der Opess bestellt. Theils\nerlaubt das Local (das Nationaltheater wurde gebaut, die Vorstellun-\ngen finden, im königlichen Privattheater Statt) nicht die Aufführung\ngrösserer Opern, theils ist das Personal lückenhaft. Der einzige,\nwirklich, vorzügliche Sänger, der eine Zierde jeder Bühne sein würde,,\nHerr Schra,m, ist seit längerer Zeit krank und wird in dieser Sai-\nson gar nicht auftreten. Von neuen, ja, selbst neu einstudirten Opern\nist bis jetzt in dieser Saison nicht die Rede gewesen, und so haben\nwir uns denn, mit drei italiänischen begnügen müssen, nämlich Ros-\nsinis „Barbier\", Donizettis „Liebestrank\" und „Tochter des Regi-\nments\". Wir müssen es offen gestehen, dass wir es für eine Schande\nund eine Schmach halten, dass das einzige grosse Theater Däne-\nmarks, ja, des ganzen Nordens, seinem Publicum nichts Anderes zu\nbieten weiss. Es wäre wahrlich an der Zeit, dass man auf diesem\nGebiete eine energische Thätigkeit entfaltete. Mozart, Weber, Beet-\nhoven existir.en für uns fast nicht, die Kulilau'schen Opern, voll ho-\nlicn. Werthes, deren Wiege Kopenhagen war und die zu original-dä-\nnischem Texte geschrieben, sind, kennt von der jüngeren Generation\nkaum Einer durch die Aufführung, von anderen original-dänischen,\nwie Weyse's, Hartmann's gar nicht einmal zu. reden. Von Balfe, Ha-\nlevy, Verdi ist hier kaum mehr als vor Jahren höchstens eine Oper\naufgeführt, Spohr, Marschner, Lortzing Herold und Andere sind dem\njetzigen Publicum unbekannte Grössen und nur dem um ein Decen-\nnium älteren durch einzelne Werke bekannt. Die Richard Wagner'-\nschen Opern, selbst die von Meyerheer, kennt man hier nur stück-\nweise aus Concerten.\nDas Ballet, welches fast immer grossen Raum erfordert, um sei-\nnen Apparat entfalten zu können, ist natürlich durch das kleine Lo--\ncal sehr in seinen Bewegungen genirt. Ein neues Ballet von Bour-\nnonville, „Adriana\",- mit Musik von Gade, wird einstudirt und soH\nim Laufe des Januar aufgeführt werden.\n• 4\nUnter den zweiten so genannten Volkstheatern nimmt die Alhamr\nbra den ersten Rang ein. Dieses Etablissement, wesentlich für Som-\nmer-Vergnügungen berechnet, liegt eine Vierteltunde vor der Stadt..\nDas weitläufige Theater-Gebäude ist im maurischen Stile gebaut und.\ndecorirt, mit 35 Ellen hohen schlanken Minarets, die in goldene\nHalbmonde auslaufen. Gleich mächtigen ausgebreiteten Flügeln sieht\nman zu beiden Seiten großse Cliioske mit verschiedenen Restaura-\ntions-Localen, so lang wie das ganze Gebäude u. dgl. m. Das Thea-\nter fasst ungefähr 2000 Zuhörer, die Form, die Decke, das ganze\nArrangement der amphitheatralischi vertheilten Sitzplätze, endlich die\nZusammenstellung der Decoration, des Zuschauerplatzes vom Kron-\nleuchter bis zum Souffleurkasten, Alles ist so originel, wohl ausge-\ndacht und geschmackvoll, dass man sieht in eine andere Welt ver-\nsetzt glaubt, und sich erst wieder besinnt, wenn der Vorhang auf-\nrollt und dahinter ein gewöhnliches europäisches Theater zeigt. Die-\nConcerte waren das Beste, das Ballet dagegen stand tief unter dem\nheimischen und das Schauspiel nicht viel höher und hatte ja denn\nfreilich auch keinen höheren Zweck, als den des Zeitvertreibs.\nAuch ein paar junge Componisten, welche in. Leipzig ihre Stu-\ndien gemacht haben, sind aufgetreten, nämlich. Herr P. Heise und\nHerr E. Hart mann, Sohn des ausgezeichneten J. P. E, Hartmann.\nEin paar Hefte von ihnen herausgegebener Lieder scheinen vielen\nAnklang im gebildeten musicalischen Kreisen zu. finden.\nEine musicalische Curiosität sind die von dem verdienten Orga-\nnisten Berggreen herausgegebenen Melodieen von Adam Oehleiir\nscliläger. Sie sind nicht ohne Werth, im Geschmacke Zumsteg's, ReL-\nchardt's u. A., meist Melodieen zu Göthe'schen Liedern, reine Na-\ntur-Compositionen,. gleichsam im Zustande musicalischen Hellsehens\nempfangen, und nach dem Vorsingen des Autors von musikkundiger\nHand aufgezeichnet, tactirt und harmonisirt. Es ist eine Gabe, die\nnamentlich für- Kunst-Philosophen von Interesse ist."}]}