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Friedrich Kühmstedt (Biographischesl. 11. Artikel. Ber-\nliner Briefe (Die komische Oper Orchester-Concerte, Coneert der königlichen Capelle, Ottetto von Mendelssohn). Von G. E. Mozart-\nVereiji in Gotha. Von Haushalter. Tages- und Unterhaltungsblatt (Aachen, Karl von Turanyi Wiesbaden, Drittes mit-\ntelrheinisches Musikfcst Darmstadt Otto Jahn's Mozart Dresden, Fräul. 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Nr. 7.)\nWenn ich am Schlüsse des ersten Artikels sagte, dass\nman in Glinka's Opern nicht die dramatischen Effecte der\nitaliänischen, französischen oder deutschen Oper suchen\ndürfe, so ist dies in Bezug auf die genannte dreifache Gat-\ntung eigentlich ein Anachronismus. Denn in unseren Ta-\ngen gibt es, genau genommen, keine italiänische, franzö-\nsische, deutsche Oper mehr. Italien lacht nicht mehr über\ndas „französische Geheul\", denn man heult in Venedig,\nRom und Neapel gerade so, wie in Paris. Die schroff-\ndeutsche Harmonie, wie sie sonst hiess, ist jetzt dort be-\nliebt, ja, die Italiäner beben nicht einmal vor der barbari-\nschen Unharmonie der Schule der Zukunft zurück; sogar\nder Abscheu der alten Italiäner vor der Anwendung meh-\nrerer Instrumente in ihrem dünnbesetzten Orchester hat\nsich in eine unvernünftige Liebe zum Lärm verwandelt.\nDie Franzosen von heute geben dagegen zu, dass man die\nfortschreitende Handlung des Drama's durch eine Arie\nunterbreche, die man singt, um zu singen, oder richtiger:\ndie man auf der Stimme spielt, wie sonst auf der Flöte,\nund dass man bei diesem Singen die Kunst des Gesanges,\nd. h. die Kunst des Tonansatzes, des Phrasirens, des Ath-\nmens und der Aussprache vergisst.\nEs ist nirgends mehr von dem die Rede, was man\nsonst italiänische, französische, deutsche Schule nannte;\nSchule existirt nur noch, um den Schein zu retten, unsere\nMusik ist kosmopolitisch und mehr oder weniger sociali-\nstisch geworden. Ueberall singt man dasselbe, überall\nschreit man, dass einem die Ohren wehe thun, überall\nmacht man unter dem Namen Introduction, Ensembleslück,\nFinale denselben Lärm mit denselben Mitteln. Das heutige\nGeschlecht ist in der Musik, wie im politischen und socia-\nlen Leben der Herrschaft eines Nerven-Paroxysmus ver-\nfallen; die Wenigen, die dem Cultus der wahren Kunst\ntreu geblieben, sind nicht zahlreich und stark genug, den\nVerirrungen der Menge einen Damm entgegen zu stellen.\nBei diesem Zustande der Dinge fallt es den meisten\nMenschen, selbst Künstlern, schwer, (Kompositionen der\nArt, wie Glinka sie geliefert, richtig zu würdigen; denn er\nhat sich weder an die, überlieferten Formen der Opern-\nmusik oder an das, was man heutzutage für nöthig hält,\num Effect zu machen, noch an die Erfordernisse der dra-\nmatischen Handlung gebunden.\nIch will versuchen, eine kurze Analyse seiner Oper\n„Das Leben für den Czaar\" zu geben.\nGleich bei der Introduction fühlt man sich.auf einen\nganz unbekannten niusicalischen Boden versetzt. Der Text\nbeginnt ungefähr mit den Worten: - Wenn der Himmel\nstürmisch wird, erhebt sich der Falke über die Wolken;\nwenn ein Unwetter über Russland hereinbricht, so singt\nder Russe seine Volkslieder. Nie hab' ich den Tod ge-\nfürchtet, ich bin bereit, mein Leben für den Czaar zu ge-\nben!\" Diese Worte werden von einem Männerchor ohne\nBegleitung gesungen; nur Zwischenspiele von Violoncellen,\nBratschen und Contrabässen unterbrechen den Chor zu-\nweilen. Eine Solostimme ohne alle Begleitung beginnt, die\nMelodie ist eine Volks-Melodie von acht Tacten; darauf\ntritt der Chor bald drei-, bald zwei-, endlich vierstimmig\nein, und dann folgt das Ritornell der Violoncelle. Dieses\nwiederholt sich drei Mal ganz auf dieselbe Weise ohne ir-\ngend eine Veränderung in der Harmonie, ohne irgend eine\nweitere Zuthat von Stimmen oder Instrumenten.\nI *\nNach der dritten Strophe moduliren die Bässe aus\nnach F.Hier fallen die Blas-Instrumente mit der Melodie\neines Nationaltanzes ein; am Ende desselben moduliren sie\nwieder nach G,und das Motiv des Chors beginnt von\nNeuem in Moll,erst durch eine Solostimme, dann durch\nden Männerchor, Alles wieder ohne Begleitung. Statt der\nBässe liefern nun die Blas-Instrumente das Bitornell —~"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5361, "texte": "Motive aus Volksliedern, die auf originelle Weise in Har-\nmonie gesetzt sind. Dieses Ritornell dient einer anderen\nVolks-Melodie zur Einleitung, die von einem Frauenchor\ngesungen, von Hörnern und Oboen begleitet und durch\nZwischenspiele von Flöten unterbrochen wird, die wieder\nzu dem ersten Männerchor zurückführen, dessen Motiv die\nBässe anstimmen. Ueber diesem Thema setzt der Frauen-\nchor mit dem seinigen ein; nach und nach vereinigen sich\nalle Stimmen, die Motive entwickeln sich mit Modulationen,\nund nachdem diese zur Haupt-Tonart zurückgekehrt sind,\nwird das erste Thema mit dem zweiten als Contra-Subject\nfugirt behandelt. Auf abwechselnden Halten der Stimmen\nentfaltet sich allmählich das Orchester, und die ganze Klang-\nfülle erreicht ihre Höhe in einem homophonen svllabischen\nGesänge. Nach dem letzten Accord des Chors folgt ein\nlanges Nachspiel pianissimo mit Benutzung des Motivs des\nersten Chors, und dieses bildet die Einleitung zu einer Ca-\nvatme und Rondo der Antonida, einer der vier Haupt-\npersonen des Stückes.\nMan denke sich diese Introduction auf einem Theater\nvon Paris! Sie würde nicht nur keine Wirkung machen,\nsondern man darf mit Grund annehmen, dass sie ein Pu-\nblicum langweilen würde, dessen Nationalgefühl die russi-\nschen Volks-Melodieen nicht aufregten, sondern das nur gar\nzu viele Wiederholungen darin finden dürfte, während die\ncontrapunktische Arbeit es nicht interessiren, sondern er-\nmüden würde. Und doch sind Auffassung und Durchfüh-\nrung dieses Musikstückes ausserordentlich origincl; nirgends\ngab es in der Opernmusik ein Vorbild dazu; die Localfarbe\nist überall vorherrschend, und der Kenner entdeckt darin\ndie Hand eines verständigen und ästhetisch gebildeten\nMusikers.\nin der nun folgenden Cavatine fängt wiederum die\nSingstimme allein an. Die Tonart schwankt zwischen F-\nmollund As-dur,die Periode schliesst jedesmal in der Ton-\nart, die man am wenigsten erwartet. Das Motiv des Ron-\ndo's in As ist anmuthig und nett; aber drei Mal schliesst\nes in Es, erst bei seiner vierten Wiederkehr in As. Die\nsonderbare Manier, durch die Schluss-Cadenz die Erwar-\ntung zu täuschen, geht durch die ganze Oper und gibt der\nMusik ein sehr fremdartiges Gepräge.\nDie beiden folgenden, ziemlich langen Stücke gehören\nso wenig irgend einer Gattung unserer Opernmusik an,\ndass es schwer ist, eine genaue Beschreibung davon zu\ngeben. Auf der Scene befinden sich drei Chöre, ein Män-\nnerchor von Bauern, ein anderer von Matrosen und ein\ngemischter Chor von Frauen und Männern. Diese Chöre\ntreten wie handelnde Personen auf und unterhalten sich\nmit Sussanin und seiner Tochter Antonida. Auch hier bringt\nGlinka Imitationen in den Gesangstimmen und im Orchester\nan, wie denn überhaupt die Vorliebe für contrapunktische\nFormen zu den Eigentümlichkeiten seines Talentes ge-\nhört. Nach diesem gearbeiteten Satze hört man in der\nFerne ein Volkslied im Unisono, von einer Clarinette eben-\nlalls im Unisono begleitet. Die Phrasen desselben werden\nvon Pausen, oder von den Personen auf der Scene, oder\nvon Ritornellen des Orchesters im unterbrochen.\nEndlich tritt der Sängerchor (der vierte in dieser Scene)\nauf, voran Musicanten, welche die Balalaika (eine Art Gui-\ntarre) spielen, der Volksgesang erhält einen entschiedenem\nCharakter, während im Orchester die Saiten-Instrumente\nV\npizzicato begleiten, und schliesslich vereinigen sich sämmt-\nliche Chöre und das ganze Orchester zu einem allgemei-\nnen Forte.\nDie nächste Scene hat Recitative, kleinere Arioso-\nStellen und ein Terzett für Sopran, Tenor und Bass in\nB-moll von ziemlich gewöhnlicher Erfindung, aber gut ge-\nschrieben. Der Chor spielt auch hier seine Rolle.\nDie fünfte Nummer ist eine grosse, prachtvoll instru-\nmentirte Polonaise von echtem National-Charakter. Sie lei-\ntet eine Balletmusik ein, deren erstes Stück ein lang durch-\ngeführter Krakowiak voll Schwung und Feuer ist. Eine\nanmuthige Mazurka wird durch die Ankunft eines Boten\nund den Ausruf des Chors: „Was gibt's?\" unterbrochen.\nHiermit beginnt eigentlich erst die. Handlung des Stückes.\nAllein nach der Erzählung des Boten nimmt der Chor den\nRhythmus der Mazurka wieder auf, der Componist beküm-\nmert sich schon wieder nicht um die Handlung, sondern\narbeitet einen langen Chor im nach sei-\nner Weise aus, und dieser Chor, der nichts als ein reines\nGesangstück ohne alle Rücksicht auf dramatische Wirkung\nist, bildet das Finale des ersten Actes! Dergleichen wäre\nfreilich auf jedem anderen Operntheater unmöglich.\nDer zweite Act hat zunächst ein hübsches Lied (\"74-\nTact, der eiste Satz im Rhythmus von drei, der andere\nvon vier Tacten), dann ein Duett für Alt und Bass, wie-\nderum mit Schluss-Cadenzen in anderen Tonarten, eine\nManier, die doch am Ende eintönig und ermüdend wird;\nübrigens scheint es effectvoll.\nNun folgt wieder ein Männerchor („Zur Arbeit in dem\nWald!\"), worin der Componist wieder seiner Neigung zu\nImitationen, gedrängter Factur und Arbeit in der Or-\nchester-Begleitung freien Lauf gelassen hat. Dieses Stück\nist sehr gut gearbeitet, aber viel zu lang. Es hält die Hand-\nlung, die ausserdem schon so langsam vorwärts geht, wie-\nder von Neuem auf. Dasselbe muss man von einem Quar-\ntett sagen, das mit einem Gebete für den Czaaren schliesst.\nDieses Quartett für Sopran, Alt, Tenor und Bass fängt mit\neinem kurzen 4/4-Tact an, worauf ein\ngretto in %-Tact folgt, dessen Thema einen Satz von sie-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1764, "texte": "ben Tacten bildet und im Moll der entsprechenden Dur-\nTonart schliesst. Hier missbraucht der Componist diese\nseine Lieblings-Modulation auf auffallendste Weise, denn\nder Tenor singt drei Mal denselben Satz mit derselben\nModulation, und späterhin nehmen ihn die vier Stimmen\nin canonischer Imitation und stets mit derselben Modulation\nauf. Das Gebet hat nichts Bemerkenswerthes, aber das\ndarauf folgende Allegro hat lebendigen Rhythmus und\nEnergie; nur müssen im Ensemble auch hier wieder die\nschulmässigen Imitationen herhalten.\nDie Scene mit Chor, welche nun folgt, ist eine der am\nmeisten dramatischen des Werkes. Die Haupt-Personen\ntreten in musicalischem Dialog auf; der Wort-Ausdruck\nlässt mehr Wahrheit wünschen, wie denn überhaupt der\ndeclamatorische Gesang und das Recitativ die schwächere\nSeite von Glinka's Talent sind. Es ist die Rede von Anto-\nnida's Hochzeit. Der Tag des Festes war bestimmt worden,\nehe man von dem Einfall der Polen und dem Unglück\ndes Czaaren und des Landes etwas wusste. Die Gäste kom-\nmen unter dem Klange der Polonaise; mit Mühe gelingt\nes Antonida's Eltern, diesen Klängen, die von den Feinden\nherstammen, Einhalt zu thun. Sie theilen die traurigen\nNachrichten mit, das Fest muss'verschoben werden. Ein\nKlagelied über des Czaaren Unglück ist recht schön. Darauf\nfallen Wiederholungen der Chor-Motive aus der Intro-\nduetion und aus dem Finale des ersten Actes (Mazurka\nund Chor) ein, die aber wiederum besonders für den\nMoment der Handlung, der hier eingetreten ist viel zu\nlang ausgesponnen und durchgearbeitet sind.\nDie nächste Nummer ist ein hübscher Frauenchor in\nfünftheiligem Tacte; sodann leitet ein zartes Lied mit einem\nChor von jungen Mädchen das Finale des zweiten Actes\nein und geht in dasselbe über.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-02-20-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-02-20_01#c003", "volume": "bmtnabi_1858-02-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "59", "page_fin": "61", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.2.3", "titre_corps": "Friedrich Kühmstedt.", "titre_sommaire": "Friedrich Kühmstedt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.1.3", "debut_caractere": 1766, "fin_caractere_exclue": 4912, "texte": "Friedrich Kühmstedt.\nBiographisches.\n(S. Nr. 7.)\nIII.\n„Die einzige Gunst, deren ich mich vom Schicksal\nzu erfreuen habe, ist ein gutes, herz-herz-\nliebes Weib.\"\n„Eisenach, 3. September 1849.\n„ Ein Mensch, der rücksichtslos das Gute, und\nwenn es auch nur Schein wäre, umfasst und mit Inbrunst\nan sein Herz drückt, ist ein Mensch von reinem Wasser;\nin ihm wohnt noch die wahre Unschuld, die wahre Liebe,\ndie wahre Naivetät, die immer bereit ist, das innerste See-\nlenleben äusserlich darzustellen. Es ist dies ein solches Ge-\nmüth, welches in seiner Unbefangenheit bei aller Bildung\nund vollem Bewusstsein des Gegensatzes, in dem sein hö-\nheres Selbst zu der breiten, trivialen, verkrüppelten, sich\nselbst belügenden Masse steht, sich in jedem Menschen\nund jeden Menschen in sich sieht. Immer eine schöne, in\nunserer miserabeln Zeit seltene und erwärmende Erschei-\nnung. Noch muss ich bemerken, dass es derartigen Natu-\nren eigen ist, sich immer wieder den Menschen an\ndie Brust zu werfen, wie oft sie auch von diesen ge-\ntäuscht und betrogen worden sind.\n„ Da befiel mich eine nervenfieberartige\nKrankheit (bereits im August 1849), zwölf Tage lag ich\nhart darnieder, und einmal schien es mir, als würde ich die\ngrosse Reise, von der noch Niemand zurückgekehrt, an-\ntreten müssen.\n„Für Deinen lieben Brief, in dem Du mir so ganz\nDein innerstes Wesen enthüllest und gibst, nimm meinen\nherzlichsten, innigsten Dank. Er hat mir unendlich wohl\ngethan. Du bist der erste Künstler, dessen warmer Hände-\ndruck, dessen freundliches Leuchten des Auges mir wahr\nund ungeheuchelt erschienen ist. Ich habe das Gefühl, dass\nich in Dir den wirklichen, wahren Freund, den Freund\nfürs Leben gefunden habe, dass unsere Herzen, obwohl\nwir uns nur erst Ein Mal gesehen haben, für immer mit\neinander verbunden sind. Ich denke, Du sollst auch in mir\nden guten Menschen kennen lernen, der, wenigstens so viel\nes seine geringen Kräfte gestatten, dem Wahren, Guten\nund Schönen nachstrebt. Nur mache Dir keine zu vortheil-\nhafte Vorstellung von mir. Ich besitze nicht mehr die ju-\ngendliche Frische, wie Du; mich heben und tragen nicht\nmehr so schöne Hoffnungen und Aussichten, wie Dich.\nMeine Kraft ist in einem gewissen Sinne gebrochen.\nSchwere Leiden haben mich getroffen, schlimme Erfahrun-\ngen habe ich gemacht. Das Schicksal hat, obwohl ich erst\n39 Jahre alt bin, seinen ganzen Zorn über mich ausge-\ngossen, so dass ich manchmal gemeint, es habe gar keinen\nmehr für andere Menschen. Die einzige Gunst, deren\nich mich von ihm zu erfreuen habe, ist ein gutes, herz-\nherzliebes Weib. Doch auch deren Besitz sollte mir da-\nI\ndurch, dass ich nicht weiss, wie sie vor Noth und\nKummer schützen, sobald ich von dieser Welt\nscheide, getrübt werden.\n„ Hier ist kein Gedeihen, und im Innersten ver-\nletzt muss man sich fühlen, wenn man für so lange Ar-\nbeit, Mühe und Streben mit einem erbärmlichen Pro-\nfessor-Titel abgespeis't wird. Unter solchen Verhältnissen\ngeht endlich alle Kraft, aller Aufschwung verloren. Und\nso ist es mir ergangen. In den letzten Jahren hatte ich\nmich aufgegeben. Aber der Wissensdrang liess mir\nkeine Ruhe. Mich selbst, das Wesen, den Zweck des Men-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5053, "texte": "sehen und der Kunst im strengen Sinne des Wortes zu\nbegreifen, dazu trieb es mich von je her mit aller Macht,\nund selbst in der Zeit, wo ich der praktischen Kunst\ngesagt hatte, hielt mich noch die Speculation fest. Ich stu-\ndirte die hauptsächlichsten philosophischen Systeme und\nwandte sie immer auf die Kunst an, um zu deren\nVerständniss zu kommen. Auf diese Weise überzeugte ich\nmich, wie wenig die Herren Philosophen, Kritiker und\nRecensenten von dem Wesen der Kunst verstanden ha-\nben und noch verstehen. Mir ist es entsetzlich, wenn ich\nlese, dass man die Aufgabe und den Zweck der Musik in\nweiter nichts findet, als in Hervorbringung von Gefühlen\noder Stimmungen. Wenn man weiter nichts könnte und\nwollte, als Gefühle und Stimmungen hervorrufen, da\nbrauchte man so kunstreiche Formen u. s. w. nicht, dazu\nbrauchte man überhaupt die Musik nicht; denn die einsei-\ntigen Gefühle und Stimmungen werden am besten und\nvollständigsten im Leben selbst, im Kampfe und Streite mit\nden Lebensverhältnissen hervorgerufen. Wenn die Musik\nweiter nichts vermöchte, dann wäre sie nicht werth, dass\nman ihr nur einen Augenblick widmete. So herrscht über-\nall, wo ich den Herren Kritikern und auch Theoretikern\nvon Fach auf die Finger gesehen, die bodenloseste Un-\nkenntniss und Unwissenheit über Musik. Weder das We-\nsen der Kunst im Allgemeinen kennen sie, noch vermögen\nsie die Nothwendigkeit und Vernünftigkeit irgend eines\nGesetzes, irgend einer Regel rücksichtlich der Form oder\nsonst wo nachzuweisen und so den Werth, den positiven\nGehalt eines Musikstückes zu bestimmen. Fragen z. 8.,\nwie weit der Mensch auch in der Kunst einer\nNaturnotwendigkeit unterworfen ist, und wo er\nbeginnt, frei zu werden, das sind ihnen böhmische\nDörfer.\n„Sieh, lieber Freund! durch solches Studium bin ich\nauch zu meiner Theorie gekommen. Sie ist das Resultat\njahrelanger Studien. Nach dieser kann von der bisheri-\ngen auch kein Stein auf dem anderen bleiben.\"\nIV.\n„Hättest Du aber meine Mutter gekannt!\"\n„Eisenach, 21. Januar 1850.\n„Mein Herzensfreund!\n-So voll mein Herz auch ist, wahrhaftig zum Zer-\nspringen \\oll, und so gern ich auch seinen Inhalt ausschüt-\nten möchte vor Dir, dem Freunde, von dem ich weiss,\nfühle, dass er mich versteht, wenn ich ihm von des Lebens\nLust und Schmerz, Liebe und Hass, Herrlichkeit und\nMiserabiiität spreche, der es wohl auch nicht verschmähte,\nJL ' '\neinmal mit mir zu leiden und sich zu freuen, wenn ich ihn\nan meiner Hand führte und den entzückenden Wahnsinn,\ndas grossartige Nichts, den beseligenden Widerspruch des\nLebens, wie er sich vor meinen Sinnen abrollt, kosten\nliesse so gern ich das wollte, und so sehr es mich dazu\nschon lange gedrängt hat, so muss ich mich doch heute\nnur mit wenigen Zeilen begnügen.\n„Dass ich Dir nicht gleich auf Deinen lieben Brief\nantwortete, hatte seinen Grund in Folgendem: Im Novem-\nber 1849 erkrankten mir Vater, Mutter und Grossmutter\nziemlich zu gleicher Zeit. Der Vater genas, aber die Gross-\nmutter und die Mutter verlor ich, letztere erst am 15. Ja-\nnuar d. J. nach einem eilf Wochen langen Krankenlager,\nim 59. Jahre ihres Lebens. Nach dem gewöhnlichen Maasse\nder Empfindung würdest Du schon mein bisheriges Schwei-\ngen entschuldigen. Hättest Du aber meine Mutter ge-\nkannt, ihr Herz, ihren Geist; könnte ich Dir beschreiben,\nwas sie gethan und gelitten, Du würdest es sehr natürlich\ngefunden haben, dass ich in der Zeit Alles um mich herum\nvergass. Ich habe mich auch noch nicht wieder zur Kunst,\nzur künstlerischen Thätigkeit erheben oder herablas-\nsen können. Ich weiss in der That nicht, welcher Aus-\ndruck der rechte ist. So viel ist wenigstens gewiss, dass\nmir dieser Verlust zu einer bedeutend höheren Stufe des\nSelbstbcwusstseins verholfen hat, sowohl in Bezug auf den\nEndzweck des Lebens selbst, als auch den der Kunst. —-\nObwohl ich schon lange eine dunkle Ahnung hatte, mein\nganzes bisheriges Thun und Treiben werde von keinem\nletzten Zwecke getragen und sei desshalb mehr oder weni-\nger gehaltlos, so konnte ich doch durch den mich umla-\ngernden Nebel nicht durchdringen. Das lläthsel sollte sich\nmir lösen durch den Tod meiner Mutter.\n„Aber ob ich was leisten werde? Das ist eine andere\nFrage. Die Menschen verlangen etwas Anderes,\nals ich geben will und kann. Ich habe gegen hun-\ndert Werke geschrieben, Opern, Oratorien, Sinfonieen\nu. s. w. ich werde sie dem Feuer übergeben.\n„Behalte lieb Deinen Dir von ganzem Herzen ergebenen\nF K\nr) x • AVt »\nV.\n;,Die Menschen verlangen etwas Anderes,\nals ich geben will und kann.\"\n„Eisenach, 20. Juni 1850.\n„ Ich hange noch zu sehr vom Verleger ab.\nVon diesen Kerls ist Einer wie der Andere, immer ver-\nlangen sie leichte, die Sinne des grossen Haufens\nkitzelnde W aare. Die Liszt-Fuge durchzubringen,\nhat mir sogar Mühe gemacht, trotzdem dass Liszt versprach,\nsie, wo es gehe, öffentlich zu spialen. Was hast Du jetzt\nunter der Feder? Mich interessirt vorzugsweise das W er-\nden eines Künstlers. Es ist dies überhaupt das Einzige,\nwas wahrhaftes Interesse erwecken kann und auch wahr-\nhaften Werth ,hat. Denn alles Werden ist ein Fort be-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3367, "texte": "wegen nach einem höheren Ziele, nach einem Ideal,\nist die steigend vollkommenere Realisirung des alles Sein\ndurchwirkenden Ewigen, Absoluten, Göttlichen, oder wie\nwir es nennen wollen. Desshaib hat nur ein werdender\nKünstler eine Zukunft. Und dieser göttliche Funke kann\nauch in kleinen, den kleinsten Compositionen durchleuch-\nten, gleichwie er in einem bescheidenen Veilchen sich und\nfür ein sinniges Auge in nicht minder grossartiger Weise\nmanifestirt, als in jeder anderen Erscheinung. Das hast\nDu selbst schon in mehreren Deiner kleineren Com-\npositionen dargethan. Man kann sich aber diesen all-\ngemeinen Standpunkt nicht oft genug vor die Seele führen,\nman kann es einem Freunde, dem.man wirklich Freund\nist, nicht nachdrücklich genug sagen, da leider und beson-\nders in gegenwärtiger Zeit der der Entwicklung feind-\nlichen Elemente so viele sind und man leicht im\nKampfe mit den allerdings sehr deprimirenden Verhält-\nnissen erschlafft. Ich muss wenigstens selbst gestehen,\ndass ich oft alle Kraft nöthig habe, um mich über Was-\nser zu erhalten, so sehr ich auch fühle, überzeugt bin,\ndass es nur Ein heiliges, Ein göttliches Sein, Leben gibt,\ndessen Schleier zu lüften der Mensch berufen ist, folglich\ner jede Stunde als eine verlorene zu betrachten hat, die\ner nicht im Dienste dieses Ewigen vollbracht.\nDarum schmiege ich mich auch gern einer mir gleichge-\nstimmten Seele an, an ihr neue Stärkung, neue Kraft su-\nchend. Ich bin auch der Ueberzeugung, es würde bald bes-\nser um die Kunst stehen, wenn sich nur eine bestimmte\nAnzahl Künstler zusammenfinden wollte, um sich gegen-\nseitig zu tragen, zu heben, zu stärken für ihre\ngrosse Aufgabe. Doch das sind nochpia desideria.\n„Vergiss mir auch nicht, mir Deine Ansicht - aber\nunverhohlene über die beiliegenden Compositionen zu\nsagen. Ich will Wahrheit, nur Wahrheit. Zwar muss man\nselbst wissen, wo einen der Schuh drückt, und es weiss es\nwohl auch ein jeder, der kein eingebildeter Narr ist; allein\nein Anderer sieht immer wieder anders. Ich will z. B. ge-\nstehen, dass mir vorzugsweise die Liszt-Fugc Werth\nzu haben scheint. Aber was ich davon halte, darum\nkümmert sich die Welt nicht! Also —!-\nVI.\n„Die Kunst geht einmal betteln.\"\n„Eisenach, 27. Juni 1854.\n„Dein Brief hat mich auf das angenehmste überrascht.\nEs ist lange her, dasswir kein Wort mit einander gewech-\nselt haben. Nicht selten bin ich in Gedanken bei Dir ge-\nwesen, aber schreiben! Lieber Himmel! was soll man\nin so hundecommunen Verhältnissen, wie die sind, in de-\nnen ich lebe, schreiben? Ueber Kunst? Ach Jesus! ich\ngebe von früh 9 bis Abends 6-—7 Uhr ununterbrochen\nPrivat-Unterricht, nebenher fabricire ich ein paar Orgel-\nsächelchen, im Uebrigen höre ich von Musik so wenig, dass\nkurz, s'ist ein Jammer!\n„Deiner Einladung kann ich leider, leider! keine Folge\nleisten. Ich wäre glücklich, könnte ich die Reise mitmachen\nund besonders in Deiner Gesellschaft. Lange schon schmachte\nich nach Umgang mit Männern, mit deren Wesen das mei-\nnige verwandt ist. Das und vieles, vieles Andere würde mir\ndie Reise nach R. gewähren; ich habe mir das alles vor-\ngestellt, ordentlich darin geschwelgt— allein ich muss darauf\nverzichten. Geldmangel ist nicht der einzige Grund der\nTeufel hole so ein jämmerliches Leben!— Sage V., dass es\nmir unmöglich gewesen, mich von Ketten zu befreien.\n„Ich stecke hier in Eisenach, wie eine Maus in der Falle.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-02-20-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-02-20_01#c004", "volume": "bmtnabi_1858-02-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "61", "page_fin": "63", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.2.4", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. 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Februar 1858.\nIch habe Ihnen in diesem Winter schon zwei Mal von\nVersuchen berichtet, welche die königliche Bühne machte,\nneuere Producte des pariser Geschmacks hier einzuführen.\nUeber den Kadi von Thomas konnte man, wie ich damals\nausführlicher entwickelte, glimpflicher urtheilen, als das\nhiesige Publicum; Jeannettens Hochzeit von Mass£ er-\nschien dagegen als ein hinsichtlich des Sujets verwerfliches,\nmusicalisch ganz unbedeutendes Machwerk. Am schlimm-\nsten ist es endlich dem Meister Pathelin von Bazin\ngegangen, einer Operette, in der die Musik noch erträg-\nlich sein würde, wenn nicht der Stoff so albern wäre, dass\nnicht viel fehlte, und sie wäre ausgezischt worden. Nach\neinmaliger Aufführung ist sie mit Recht gelegt\nworden. Seit dem Engagement unseres neuen Spiel-Tenors,\ndes Herrn WoI ff, der zugleich Regisseur der komischen\nOper ist, bemüht man sich, das Repertoire derselben zu\nerweitern, bis jetzt aber mit geringem Erfolge. Die Gegen-\nwart scheint auf diesem Gebiete fast noch unproduetiver,\nals in den ernsten Gattungen; die Wenigen, die einiges\nTalent haben, halten es für unter ihrer Würde, sich da-\nmit abzugeben, und indem sie nach Dingen streben, die\nüber ihre Kräfte gehen, erreichen sie gar nichts; den ganz\nTalentlosen, die weder irgend einen eigenen Gedanken\nnoch die formelle Compositions-Technik haben, wird die\nkomische Oper überlassen. Es bleibt also nichts übrig, als\naus älterer Zeit alles einiger Maassen Brauchbare wieder\nhervorzusuchen. Aber selbst gegen die besten Werke die-\nser Gattung, wie den Barbier von Sevilla, die Weisse Dame,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5582, "texte": "den Johann von Paris, den Belmonte, zeigt sich das Pu-\nblicum ziemlich kühl. Theiis liegt es an dem für komische\nOpern viel zu grossen und prächtigen Räume des Opern-\nhauses, theiis an der mangelnden Geschicklichkeit der Sän-\nger, welche die Kunst, sich mit Leichtigkeit und Anmuth\nzu bewegen, ganz verlernt haben, namentlich aber an dem\nMangel einer für dieses Genre vorzugsweise ausgebildeten\njugendlichen Primadonna, dass sich das Publicum nicht\nrecht an die heitere Oper gewöhnen will. Erst in diesen\nTagen wurde der Belmonte, der seit langer Zeit vom\nRepertoire verschwunden war, neu einstudirt gegeben. Na-\ntürlich hat sich der eigentlich musicalische Theil des Pu-\nblicums dafür interessirt; aber die grosse Masse der Thea-\nterbesucher verhält sich indifferent. Wie ganz anders würde\ndie Wirkung in einem kleineren Räume sein, und wenn\nwir für den Osmin einen anderen Darsteller als den nun\nbald sechszigjährigen Zschiesche hätten, der stets ein\nzwar tüchtiger, aber trockener und für komische Rollen\nganz ungeeigneter Sänger war, und jetzt nicht einmal mehr\ndie nöthige physische Kraft dazu hat. Was in dieser Rolle\nfür eine unvergängliche Lebenskraft liegt, konnte freilich\nkein Zuschauer ahnen, dem die Musik nicht sonst bekannt\nwar. Auch der Belmonte war durch Herrn Krüger un-\ngenügend repräsentirt. Er sang zwar besser, als wir es von\nihm gewohnt sind, aber den Schmelz der Stimme und die\nzarte Innigkeit des Gefühls, die erforderlich sind, um dem-\njenigen, der die Musik nicht kennt, alles, was in ihr liegt,\nzur Anschauung zu bringen, besitzt er nicht. Am besten\nwar Frau Köster (Constanze); leider nur ist ihre Partie\ndie am wenigsten fesselnde. Blondchen (Fräul. Baur) und\nPedrillo (Herr Wolff) wurden, abgesehen von dem nä-\nselnden Gesänge des Letzteren, recht gut gegeben.\nEin neuer Schwung kam in unser Opern-Repertoire\ndurch das Gastspiel der Viardot-Garcia. Nachdem sie\nzuerst in einem Concerte sich dem Publicum vorgestellt\nhatte, betrat sie die Bühne als Fides und Rosine. Jetzt ist\nsie nach Leipzig gereis't, kehrt aber wieder hieher zurück,\num ihr von dem glänzendsten Erfolge gekröntes Gastspiel\nfortzusetzen. Die Stimme der jetzt siebenunddreissigjähri-\ngen Sängerin hat keinen eigentlich sinnlichen Reiz (sie hatte\ndenselben auch in früher Jugend in nur sehr geringem\nGrade, und schon vor zehn Jahren war dieses Wenige ver-\nschwunden), in einzelnen Lagen klingt sie sogar scharf und\nangestrengt; im Ganzen aber können wir das Organ, na-\nmentlich in der Tiefe es ist ein entschiedener Altklane\nnicht unschön nennen, da wir unter dem Schönen nicht\ndas Sinnliche, sondern etwas Geistiges verstehen; die\nStimme ist herb und streng ihr fehlt eben das Ein-\nschmeichelnde—, aber klar gestaltet und edel; schon der\nblosse Klang macht den Eindruck plastischer Bestimmt-\nheit. Der neuere Geschmack liebt das Weichliche. Dadurch\nwird aber mehr die Wollust gekitzelt, als der Schönheits-\nsinn befriedigt; wie der classischeMusikstil an der Strenge\nund Herbheit der Formen festhält, so auch der classische\nGesangstil, obschon wir gern zugeben, dass Pauline Viardot\nnach dieser Richtung hin weiter geht, als nöthig wäre.\nAber schon in ihrer Stimme spricht es sich aus, dass sie\nsich zu der materialistischen Richtung der Zeit, die alle\ngeistige Anspannung flieht und es vorzieht, sich in gedan-\nkenlosen Träumen zu wiegen, in einem entschiedenen Ge-\ngensatze befindet. Sie huldigt nicht der Masse, sondern sie\nfolgt dem Zuge des Ideals. Ihre Technik ist die bewunde-\nrungswürdigste, die ich je gehört habe, sowohl was die\nAusbildung des Umfangs und der Kraft der Stimme (noch\njetzt gebietet sie über fast drei Octaven), als was die Mo-\ndulationsfähigkeit und die Coloraturfertigkeit betrifft. Die\nhöchsten Schwierigkeiten überwindet sie in einem Tempo,\nmit einer Schnelligkeit und einem so vollen Klange der\nStimme, dass ihr darin wohl auch diejenigen, die sich im\nUehrigen nicht durch sie angezogen fühlen, unbedingte\nAnerkennung zollen müssen. Am höchsten steht sie aber\nfür jeden wenigstens, der scharfe Lichter und Schatten\nund eine ausgeprägte Individualität ertragen kann durch\ndie Kühnheit und Genialität ihrer geistigen Auffassung da.\nSie erschöpft Alles bis auf den letzten Grund, auch die\nfeinsten Nebenzüge entgehen ihrem scharfen Blicke nicht,\nund dennoch weiss sie die energischen Töne, wenn auch\nnicht sanft zu mildern, so doch stets in den Gränzen des\nEdeln zu halten, und in der reichen Mannigfaltigkeit ein-\nzelner Nuancen bleibt die Einheit des Ganzen strens be-\no\nwahrt. Ihre Art der Auffassung hat mehr Verwandtschaft\nmit dem französischen und norddeutschen Realismus, als\nmit der italischen Allerwelts-Musik; und so erklärt es\nsich auch, dass sie nicht dieselbe Popularität hat erlangen\nkönnen, wie manche andere geistig und technisch weit un-\nbedeutendere italiänische Sängerin. Zu der hohen Vollen-\ndung ihrer musicalischen Auffassung gesellt sich eine eben\nso vollendete plastische Darstellung. Es ist bekannt, dass\nMad. Viardot nichts weniger als schön ist, dennoch vermag\nder Zuschauer nicht, das Auge von ihr abzuwenden, so\nedel und bedeutungsvoll ist jede ihrer Bewegungen, jede\nihrer Mienen.\nIch schrieb Ihnen in meinem vorigen Briefe, dass Herr\nvon Bülow ein Zukunfts-Musik-Concert beabsichtigte.\nDasselbe hat Statt gefunden. Trotz der Mitwirkung frem-\nder Kräfte, des Ciavier-Virtuosen Taus ig, welcher der\nLieblingsschüler Liszt's sein soll, und des Milde'schen\nEhepaares fand dasselbe geringen Anklang beim Publicum.\nDer Saal, war grösstentheils durch Frei-Billets gefüllt, und\ndie wenigen gekauften befanden sich theilweise auch noch"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2697, "texte": "in den Händen von Gegnern der Liszt'schen Musik, die es\nfür ihre Pflicht hielten, von Neuem ihre Ansichten an einer\nAufführung derselben zu prüfen. Es ist Herrn von Bülow\nnicht gelungen, der von ihm vertretenen Richtung neue\nAnhänger zu gewinnen; derjenige Theil des Publicums,\nder noch vor zwei Jahren wenigstens das Interesse der\nNeugierde daran hatte, hat eingesehen, dass er eine künst-\nlerische Bereicherung nicht zu erwarten hatte; die Kritik\nder öffentlichen Blätter war noch schärfer, als früher. sJeber\ndas neue, höchst unerquickliche Clavier-Concert von Liszt\nund über die Festklänge, welche Sie ja von dem aachener\nMusikfeste her kennen, ausführlich zu berichten, halte ich\nfür überflüssig; vielleicht wird mir ein noch zu erwarten-\ndes Concert des Herrn von Bülow, in dem der Mazeppa\nzur Aufführung kommen soll, Veranlassung dazu geben.\nEine Ouvertüre zu Julius Cäsar von Herrn von Bülow\nenthielt zwar im Einzelnen auch manches Gewaltsame und\nUebertriebene, war aber im Ganzen doch weit mehr in\nden Formen der classischen Musik gehalten, als wir erwar-\nteten. Herr Tausig besitzt eine bewundernswürdige Fer-\ntigkeit und Kraft, die er aber, wie wir aus einem später\nvon ihm veranstalteten Concerte sahen, für den \\ ortrag\nclassischer Werke noch bedeutend zu mässigen hat. In der\nsinn- und geschmackvollen Auffassung zeigte er sich noch\nsehr unfertig; hierin sowohl, wie in durchsichtiger Klar-\nheit der Technik steht er Herrn von Bülow weit nach; da-\ngegen gelingt es ihm vielleicht noch in höherem Grade,\nals diesem, dem Tone des Claviers eine wohlthuende Fülle\nzu entlocken und den Eindruck glänzendster Virtuosität\nhervorzubringen. Frau v. Milde hat auch hier allgemein\ngefallen. Nach den wenigen Proben, die ich von ihr ge-\nhört, halte ich sie nicht für eine grosse, aber für eine sehr\nachtungswerthe Sängerin. Herr v. Milde hat eine ange-\nnehme Höhe, doch ist sein Organ ziemlich klanglos und\nder Vortrag etwas manierirt.\nVon besonderem Interesse war das letzte Concert der\nköniglichen Capelle. Das Octett von Mendelssohn, das nach\ndes Componisten eigener Angabe im Symphonie-Stil vor-\nzutragen ist, wurde nämlich von dem gesammten Streich-\nOrchester ausgeführt. Wir finden nicht, dass das Werk\nirgend etwas dadurch verloren hätte; wohl aber hat es\nviel dadurch gewonnen. Bezaubernd ist der Klang, den\nmehrere Violinen zusammen haben. Es zeigt sich hier die-\nselbe Erscheinung, die man an Chören längst beobachtet\nhat, dass viele einzeln genommen unvollkommene Stimmen\nsich gegenseitig ausgleichen und, zusammen erklingend,\neinen in jeder Beziehung genügenden Toneßect hervor-\nbringen. Die Meisterschaft unserer Capelle zeigte sich bei\ndiesem Unternehmen im hellsten Lichte.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-02-20-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-02-20_01#c005", "volume": "bmtnabi_1858-02-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "63", "page_fin": "63", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.2.5", "titre_corps": "Mozart-Verein in Gotha.", "titre_sommaire": "Mozart-Verein in Gotha.", "signature_source": "Haushalter", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.1.7", "debut_caractere": 2699, "fin_caractere_exclue": 4687, "texte": "Mozart-Verein in Gotha.\nHaushalter.\nEs gereicht dem Directorium zur besonderen Freude,\nseine Wirksamkeit mit der Unterstützung eines talentvol-\nlen jungen Mannes, des Herrn Julius Lammers zu Osna-\nbrück, beginnen zu können. Ohne die Munificenz Sr. Ma-\njestät des Königs von Hannover, der dieses Talent zuerst\nerkannt und in geeigneter Weise berücksichtigt hatte,\nwürde indess der Verein nicht in der Lage gewesen sein,\nseine Hülfe zu bieten. Wie daher das Verdienst der Ent-\nwicklung des Talentes unbestritten Sr. Majestät dem Kö-\nnige von Hannover gebührt, so hat der Verein seinerseits\ndie Genugthuung, dass der hohe Protector des Mozart-\nVereins, Se. Hoheit der Herzog von Sachsen-Coburg-Go-\ntha, die General-Musik-Üirectoren Herren Dr. Spohr und\nDr. Meyerbeer, die Hof-Capellmeister Herren Reissiger,\nDr. Marschner, Dr. Lachner, Hiller, Lampert, Tschirch\nund Musik-Director Herr Markuli sich einstimmig für die\nWürdigkeit des Herrn Lammers entschieden haben. Um\nso bereitwilliger ist die Zuwendung der Zinsen des hypo-\nthecarisch sichergestellten Vereins-Capitals beschlossen\nworden, damit der Beneficiat, aller Nahrungssorgen über-\nhoben, mit ungetheilter Kraft mehr und mehr seiner künst-\nlerischen Vollendung zustreben kann. In der Kürze wird\nvon demselben ein grösserer Cyklus Lieder-Compositionen\nin Druck erscheinen; sein Opus „Die Schilllieder von\nLenau\" wird auf besonderen Wunsch des Herrn Dr. Louis\nSpohr in dem Anfangs des Jahres erscheinenden Mozart-\nAlbum Aufnahme finden. Seit dem letzten Berichte sind\ndem Vereine von Sr. Majestät dem Könige von Sachsen\n100 Thlr. Courant, von Sr. Majestät dem Könige von\nPreussen 100 Thlr. Gold, von Sr. Durchlaucht dem Für-\nsten von Schwarzburg-Sondershausen 50 Thlr. Gold zuge-\ngangen. Ausserdem haben noch sieben Cabinette Benefiz-\nVorstellungen zum Besten des Vereins zugesagt. Unter\nsolchen Auspicien wird der Verein immer mehr erstarken\nund wohl berufen sein, dem unsterblichen Mozart ein\nlebendes Denkmal zu setzen.\nWernigerode."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-02-20-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-02-20_01#c006", "volume": "bmtnabi_1858-02-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "63", "page_fin": "64", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.1.7", "debut_caractere": 4689, "fin_caractere_exclue": 5291, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nhat seine Stellung als städtischer Musik-Director, die er seit bei-\nnahe sechszehn Jahren ehrenvoll bekleidete, niedergelegt, indem der-\nselbe eine weit ruhigere und angenehmere als erster Professor des\nGesanges, der Harmonie-Lehre und des Clavierspielens in der nächst\nAachen liegenden, rühmlichst bekannten Erziehungs-Anstalt der Or-\ndens-Damen vom heiligen Kreuz übernommen hat.\nDas Programm für das Ende August oder Anfangs September in\nWiesbaden Statt findende dritte mittelrheinische Musikfest ist\nnun definitiv festgestellt. Zur Aufführung kommen: am ersten Tage:"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3504, "texte": "Die Schöpfung, Oratorium von Haydn. Am zweiten Tage: Erste\nAbtheilung: Nr. 1. Ouvertüre zu Iphigenie in Aulis von Gluck; Nr.\n2. Drei A-Capella-sätze: Choral von Eccard, 19. Psalm von 11.\nSchütz und Motette von S. Bach; Nr. 3. Es-dur-Concert für Piano-\nforte von Beethoven; Nr. 4. 114. Psalm von Mendelssohn. Zweite Ab-\ntheilung: Nr. 1. Sinfonie in C von F. Schubert; Nr. 2. 0 Isis und\nOsiris, Solo und Chor aus der Zauberflöte; Nr. 3. Gesang-Solo; Nr.\n4. Ilallelujah aus Händel's Messias. Für die Soli sollen ausgezeich-\nnete Kräfte gewonnen werden. Die Leitung des ersten Tages hat\nCapellmeister Y. Lachncr; am zweiten dirigirt Capellnieister Hagen.\nV erdi fängt an, auch in Deutschland um sich zu greifen. In\nDarmstadt ist „Die sicilianische Vesper\" jetzt bereits fast ein\nJahr lang Zugstück und füllt die Theatercasse, freilich nicht sowohl\nder Musik als der Decorationen und der Ausstattung des Ballets\n„Die vier Jahreszeiten\" wegen. Rigoletto ist ebendaselbst im\nJanuar mehrere Male gegeben und günstig aufgenommen worden.\nIn Frankfurt a. M. hat der Trovatore einen wahren Hailoh cr-\nregt. Es Hessen sich an diese Erscheinung gar erbauliche histo-\nrische Rückblicke knüpfen, deren Resultat sein dürfte: ~Nur immer\nzu! Die Reaction wird nicht ausbleiben.\" In dieser Beziehung pflich-\nten wir Ulibisclieff bei, der in der Einleitung zu seinem „Beethoven\"\nsagt: „Die Zeit hat Rossini in Deutschland mit Weber's, in Italien\nmit Bellini s, in Frankreich mit Meyerbeer's Hülfe geschlagen ; die\nZeit könnte ihn vielleicht mit Verdi's und Wagner's Hülfe wieder\nheben und verjüngen !\"\nOtto Jahns Mozart ist noch nicht einmal fertig und schon\nkündigt der Verleger Meidinger in Frankfurt a. M. an: „Mozart. E n\nKünstlerleben. Culturgeschichtlicher Roman in sechs Bänden\nvon Heribert Rauü!\" Wenn Jahn und Härtel den letzten\nBand ihres Mozart zufällig noch ein paar Jahre zurückhielten, so\nwürde Herr Rau mit seinem culturgeschichtlichen Roman doppelt in\ndie Dinte gerathen !\n* Am 9. d. Mts. fand im Hotel de Saxe das Concert\nder fürstlichen Kammervirtuosin Fräul. Marie Wieck Statt'. Die\nvorzüglichen Eigenschaften der Künstlerin sind von allen Kunstver-\nständigen einstimmig anerkannt; ihre Leistungen fanden auch in die-\nsem Concerte reichen Beifall, dem sich sogar Blumen und Kränze\nzugesellten. Von den vorgetragenen Piecen ist wohl als die bedeu-\ntendste das schöne und äusserst schwierige Concert von R. Schu-\nmann bcsondeis hervorzuheben. Unterstützt wurde die Coneertgcberin\nzunächst durch die treffliche Capelle des Herrn Directors Hünerfürst\nund durch sehr gelungene Gesang-Vorträge des Herrn von der\nOsten. Herr von der Osten zählt in der kurzen Zeit seines Domi-\ncils in Dresden bereits zu unseren beliebtesten und feinsten Con-\ncertsängern.\nRubinstein hat in Pressburg und Pesth glänzende Con-\ncerte gegeben, die an die Zeit des Liszt-Enthusiasmus erinnerten.\nGegenwärtig ist er in Prag.\nParis« Am 11. Februar ist Herrn von Flotow's „Maria«\nauf dem italiänischen Operntheater gegeben worden. Die Be-\nsetzung war: Mario (LionelloJ, Graziani (Plumkelt), Zucchini\n(Lord Tristano di Michlford), Mademoiselle de St. Urbain (Lady\nEnrichella), Mad. Nan t i er-D idi e e (Betsy), Nach den Einen\nhatte der Succes „rien d'equivoque\", und der Componist wurde geru-\nfen; nach Anderen ist seine Musik „dilettantisch\", und „der Thron,\nden man ihm aufgebaut, war von Glas und zerbrach beim ersten\nStosse.\" JSous verrons!\nDie Leiche des in Neapel verstorbenen Sängers Lablache wird\nnach Frankreich gebracht werden."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nMichael von Glinka und die Musik in Russland. 11. Friedrich Kühmstedt (Biographischesl. 11. Artikel. Ber-\nliner Briefe (Die komische Oper Orchester-Concerte, Coneert der königlichen Capelle, Ottetto von Mendelssohn). Von G. E. Mozart-\nVereiji in Gotha. Von Haushalter. Tages- und Unterhaltungsblatt (Aachen, Karl von Turanyi Wiesbaden, Drittes mit-\ntelrheinisches Musikfcst Darmstadt Otto Jahn's Mozart Dresden, Fräul. Marie Wieck Rubinstein Paris, Flotow's\n\nMichael von Glinka und die Musik in Russland.\nII.\n(I. s. Nr. 7.)\nWenn ich am Schlüsse des ersten Artikels sagte, dass\nman in Glinka's Opern nicht die dramatischen Effecte der\nitaliänischen, französischen oder deutschen Oper suchen\ndürfe, so ist dies in Bezug auf die genannte dreifache Gat-\ntung eigentlich ein Anachronismus. Denn in unseren Ta-\ngen gibt es, genau genommen, keine italiänische, franzö-\nsische, deutsche Oper mehr. Italien lacht nicht mehr über\ndas „französische Geheul\", denn man heult in Venedig,\nRom und Neapel gerade so, wie in Paris. Die schroff-\ndeutsche Harmonie, wie sie sonst hiess, ist jetzt dort be-\nliebt, ja, die Italiäner beben nicht einmal vor der barbari-\nschen Unharmonie der Schule der Zukunft zurück; sogar\nder Abscheu der alten Italiäner vor der Anwendung meh-\nrerer Instrumente in ihrem dünnbesetzten Orchester hat\nsich in eine unvernünftige Liebe zum Lärm verwandelt.\nDie Franzosen von heute geben dagegen zu, dass man die\nfortschreitende Handlung des Drama's durch eine Arie\nunterbreche, die man singt, um zu singen, oder richtiger:\ndie man auf der Stimme spielt, wie sonst auf der Flöte,\nund dass man bei diesem Singen die Kunst des Gesanges,\nd. h. die Kunst des Tonansatzes, des Phrasirens, des Ath-\nmens und der Aussprache vergisst.\nEs ist nirgends mehr von dem die Rede, was man\nsonst italiänische, französische, deutsche Schule nannte;\nSchule existirt nur noch, um den Schein zu retten, unsere\nMusik ist kosmopolitisch und mehr oder weniger sociali-\nstisch geworden. Ueberall singt man dasselbe, überall\nschreit man, dass einem die Ohren wehe thun, überall\nmacht man unter dem Namen Introduction, Ensembleslück,\nFinale denselben Lärm mit denselben Mitteln. Das heutige\nGeschlecht ist in der Musik, wie im politischen und socia-\nlen Leben der Herrschaft eines Nerven-Paroxysmus ver-\nfallen; die Wenigen, die dem Cultus der wahren Kunst\ntreu geblieben, sind nicht zahlreich und stark genug, den\nVerirrungen der Menge einen Damm entgegen zu stellen.\nBei diesem Zustande der Dinge fallt es den meisten\nMenschen, selbst Künstlern, schwer, (Kompositionen der\nArt, wie Glinka sie geliefert, richtig zu würdigen; denn er\nhat sich weder an die, überlieferten Formen der Opern-\nmusik oder an das, was man heutzutage für nöthig hält,\num Effect zu machen, noch an die Erfordernisse der dra-\nmatischen Handlung gebunden.\nIch will versuchen, eine kurze Analyse seiner Oper\n„Das Leben für den Czaar\" zu geben.\nGleich bei der Introduction fühlt man sich.auf einen\nganz unbekannten niusicalischen Boden versetzt. Der Text\nbeginnt ungefähr mit den Worten: - Wenn der Himmel\nstürmisch wird, erhebt sich der Falke über die Wolken;\nwenn ein Unwetter über Russland hereinbricht, so singt\nder Russe seine Volkslieder. Nie hab' ich den Tod ge-\nfürchtet, ich bin bereit, mein Leben für den Czaar zu ge-\nben!\" Diese Worte werden von einem Männerchor ohne\nBegleitung gesungen; nur Zwischenspiele von Violoncellen,\nBratschen und Contrabässen unterbrechen den Chor zu-\nweilen. Eine Solostimme ohne alle Begleitung beginnt, die\nMelodie ist eine Volks-Melodie von acht Tacten; darauf\ntritt der Chor bald drei-, bald zwei-, endlich vierstimmig\nein, und dann folgt das Ritornell der Violoncelle. Dieses\nwiederholt sich drei Mal ganz auf dieselbe Weise ohne ir-\ngend eine Veränderung in der Harmonie, ohne irgend eine\nweitere Zuthat von Stimmen oder Instrumenten.\nI *\nNach der dritten Strophe moduliren die Bässe aus\nnach F.Hier fallen die Blas-Instrumente mit der Melodie\neines Nationaltanzes ein; am Ende desselben moduliren sie\nwieder nach G,und das Motiv des Chors beginnt von\nNeuem in Moll,erst durch eine Solostimme, dann durch\nden Männerchor, Alles wieder ohne Begleitung. Statt der\nBässe liefern nun die Blas-Instrumente das Bitornell —~"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.1.2", "texte": "Motive aus Volksliedern, die auf originelle Weise in Har-\nmonie gesetzt sind. Dieses Ritornell dient einer anderen\nVolks-Melodie zur Einleitung, die von einem Frauenchor\ngesungen, von Hörnern und Oboen begleitet und durch\nZwischenspiele von Flöten unterbrochen wird, die wieder\nzu dem ersten Männerchor zurückführen, dessen Motiv die\nBässe anstimmen. Ueber diesem Thema setzt der Frauen-\nchor mit dem seinigen ein; nach und nach vereinigen sich\nalle Stimmen, die Motive entwickeln sich mit Modulationen,\nund nachdem diese zur Haupt-Tonart zurückgekehrt sind,\nwird das erste Thema mit dem zweiten als Contra-Subject\nfugirt behandelt. Auf abwechselnden Halten der Stimmen\nentfaltet sich allmählich das Orchester, und die ganze Klang-\nfülle erreicht ihre Höhe in einem homophonen svllabischen\nGesänge. Nach dem letzten Accord des Chors folgt ein\nlanges Nachspiel pianissimo mit Benutzung des Motivs des\nersten Chors, und dieses bildet die Einleitung zu einer Ca-\nvatme und Rondo der Antonida, einer der vier Haupt-\npersonen des Stückes.\nMan denke sich diese Introduction auf einem Theater\nvon Paris! Sie würde nicht nur keine Wirkung machen,\nsondern man darf mit Grund annehmen, dass sie ein Pu-\nblicum langweilen würde, dessen Nationalgefühl die russi-\nschen Volks-Melodieen nicht aufregten, sondern das nur gar\nzu viele Wiederholungen darin finden dürfte, während die\ncontrapunktische Arbeit es nicht interessiren, sondern er-\nmüden würde. Und doch sind Auffassung und Durchfüh-\nrung dieses Musikstückes ausserordentlich origincl; nirgends\ngab es in der Opernmusik ein Vorbild dazu; die Localfarbe\nist überall vorherrschend, und der Kenner entdeckt darin\ndie Hand eines verständigen und ästhetisch gebildeten\nMusikers.\nin der nun folgenden Cavatine fängt wiederum die\nSingstimme allein an. Die Tonart schwankt zwischen F-\nmollund As-dur,die Periode schliesst jedesmal in der Ton-\nart, die man am wenigsten erwartet. Das Motiv des Ron-\ndo's in As ist anmuthig und nett; aber drei Mal schliesst\nes in Es, erst bei seiner vierten Wiederkehr in As. Die\nsonderbare Manier, durch die Schluss-Cadenz die Erwar-\ntung zu täuschen, geht durch die ganze Oper und gibt der\nMusik ein sehr fremdartiges Gepräge.\nDie beiden folgenden, ziemlich langen Stücke gehören\nso wenig irgend einer Gattung unserer Opernmusik an,\ndass es schwer ist, eine genaue Beschreibung davon zu\ngeben. Auf der Scene befinden sich drei Chöre, ein Män-\nnerchor von Bauern, ein anderer von Matrosen und ein\ngemischter Chor von Frauen und Männern. Diese Chöre\ntreten wie handelnde Personen auf und unterhalten sich\nmit Sussanin und seiner Tochter Antonida. Auch hier bringt\nGlinka Imitationen in den Gesangstimmen und im Orchester\nan, wie denn überhaupt die Vorliebe für contrapunktische\nFormen zu den Eigentümlichkeiten seines Talentes ge-\nhört. Nach diesem gearbeiteten Satze hört man in der\nFerne ein Volkslied im Unisono, von einer Clarinette eben-\nlalls im Unisono begleitet. Die Phrasen desselben werden\nvon Pausen, oder von den Personen auf der Scene, oder\nvon Ritornellen des Orchesters im unterbrochen.\nEndlich tritt der Sängerchor (der vierte in dieser Scene)\nauf, voran Musicanten, welche die Balalaika (eine Art Gui-\ntarre) spielen, der Volksgesang erhält einen entschiedenem\nCharakter, während im Orchester die Saiten-Instrumente\nV\npizzicato begleiten, und schliesslich vereinigen sich sämmt-\nliche Chöre und das ganze Orchester zu einem allgemei-\nnen Forte.\nDie nächste Scene hat Recitative, kleinere Arioso-\nStellen und ein Terzett für Sopran, Tenor und Bass in\nB-moll von ziemlich gewöhnlicher Erfindung, aber gut ge-\nschrieben. Der Chor spielt auch hier seine Rolle.\nDie fünfte Nummer ist eine grosse, prachtvoll instru-\nmentirte Polonaise von echtem National-Charakter. Sie lei-\ntet eine Balletmusik ein, deren erstes Stück ein lang durch-\ngeführter Krakowiak voll Schwung und Feuer ist. Eine\nanmuthige Mazurka wird durch die Ankunft eines Boten\nund den Ausruf des Chors: „Was gibt's?\" unterbrochen.\nHiermit beginnt eigentlich erst die. Handlung des Stückes.\nAllein nach der Erzählung des Boten nimmt der Chor den\nRhythmus der Mazurka wieder auf, der Componist beküm-\nmert sich schon wieder nicht um die Handlung, sondern\narbeitet einen langen Chor im nach sei-\nner Weise aus, und dieser Chor, der nichts als ein reines\nGesangstück ohne alle Rücksicht auf dramatische Wirkung\nist, bildet das Finale des ersten Actes! Dergleichen wäre\nfreilich auf jedem anderen Operntheater unmöglich.\nDer zweite Act hat zunächst ein hübsches Lied (\"74-\nTact, der eiste Satz im Rhythmus von drei, der andere\nvon vier Tacten), dann ein Duett für Alt und Bass, wie-\nderum mit Schluss-Cadenzen in anderen Tonarten, eine\nManier, die doch am Ende eintönig und ermüdend wird;\nübrigens scheint es effectvoll.\nNun folgt wieder ein Männerchor („Zur Arbeit in dem\nWald!\"), worin der Componist wieder seiner Neigung zu\nImitationen, gedrängter Factur und Arbeit in der Or-\nchester-Begleitung freien Lauf gelassen hat. Dieses Stück\nist sehr gut gearbeitet, aber viel zu lang. Es hält die Hand-\nlung, die ausserdem schon so langsam vorwärts geht, wie-\nder von Neuem auf. Dasselbe muss man von einem Quar-\ntett sagen, das mit einem Gebete für den Czaaren schliesst.\nDieses Quartett für Sopran, Alt, Tenor und Bass fängt mit\neinem kurzen 4/4-Tact an, worauf ein\ngretto in %-Tact folgt, dessen Thema einen Satz von sie-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.1.3", "texte": "ben Tacten bildet und im Moll der entsprechenden Dur-\nTonart schliesst. Hier missbraucht der Componist diese\nseine Lieblings-Modulation auf auffallendste Weise, denn\nder Tenor singt drei Mal denselben Satz mit derselben\nModulation, und späterhin nehmen ihn die vier Stimmen\nin canonischer Imitation und stets mit derselben Modulation\nauf. Das Gebet hat nichts Bemerkenswerthes, aber das\ndarauf folgende Allegro hat lebendigen Rhythmus und\nEnergie; nur müssen im Ensemble auch hier wieder die\nschulmässigen Imitationen herhalten.\nDie Scene mit Chor, welche nun folgt, ist eine der am\nmeisten dramatischen des Werkes. Die Haupt-Personen\ntreten in musicalischem Dialog auf; der Wort-Ausdruck\nlässt mehr Wahrheit wünschen, wie denn überhaupt der\ndeclamatorische Gesang und das Recitativ die schwächere\nSeite von Glinka's Talent sind. Es ist die Rede von Anto-\nnida's Hochzeit. Der Tag des Festes war bestimmt worden,\nehe man von dem Einfall der Polen und dem Unglück\ndes Czaaren und des Landes etwas wusste. Die Gäste kom-\nmen unter dem Klange der Polonaise; mit Mühe gelingt\nes Antonida's Eltern, diesen Klängen, die von den Feinden\nherstammen, Einhalt zu thun. Sie theilen die traurigen\nNachrichten mit, das Fest muss'verschoben werden. Ein\nKlagelied über des Czaaren Unglück ist recht schön. Darauf\nfallen Wiederholungen der Chor-Motive aus der Intro-\nduetion und aus dem Finale des ersten Actes (Mazurka\nund Chor) ein, die aber wiederum besonders für den\nMoment der Handlung, der hier eingetreten ist viel zu\nlang ausgesponnen und durchgearbeitet sind.\nDie nächste Nummer ist ein hübscher Frauenchor in\nfünftheiligem Tacte; sodann leitet ein zartes Lied mit einem\nChor von jungen Mädchen das Finale des zweiten Actes\nein und geht in dasselbe über.\n(Schluss folgt.)\n\nFriedrich Kühmstedt.\nBiographisches.\n(S. Nr. 7.)\nIII.\n„Die einzige Gunst, deren ich mich vom Schicksal\nzu erfreuen habe, ist ein gutes, herz-herz-\nliebes Weib.\"\n„Eisenach, 3. September 1849.\n„ Ein Mensch, der rücksichtslos das Gute, und\nwenn es auch nur Schein wäre, umfasst und mit Inbrunst\nan sein Herz drückt, ist ein Mensch von reinem Wasser;\nin ihm wohnt noch die wahre Unschuld, die wahre Liebe,\ndie wahre Naivetät, die immer bereit ist, das innerste See-\nlenleben äusserlich darzustellen. Es ist dies ein solches Ge-\nmüth, welches in seiner Unbefangenheit bei aller Bildung\nund vollem Bewusstsein des Gegensatzes, in dem sein hö-\nheres Selbst zu der breiten, trivialen, verkrüppelten, sich\nselbst belügenden Masse steht, sich in jedem Menschen\nund jeden Menschen in sich sieht. Immer eine schöne, in\nunserer miserabeln Zeit seltene und erwärmende Erschei-\nnung. Noch muss ich bemerken, dass es derartigen Natu-\nren eigen ist, sich immer wieder den Menschen an\ndie Brust zu werfen, wie oft sie auch von diesen ge-\ntäuscht und betrogen worden sind.\n„ Da befiel mich eine nervenfieberartige\nKrankheit (bereits im August 1849), zwölf Tage lag ich\nhart darnieder, und einmal schien es mir, als würde ich die\ngrosse Reise, von der noch Niemand zurückgekehrt, an-\ntreten müssen.\n„Für Deinen lieben Brief, in dem Du mir so ganz\nDein innerstes Wesen enthüllest und gibst, nimm meinen\nherzlichsten, innigsten Dank. Er hat mir unendlich wohl\ngethan. Du bist der erste Künstler, dessen warmer Hände-\ndruck, dessen freundliches Leuchten des Auges mir wahr\nund ungeheuchelt erschienen ist. Ich habe das Gefühl, dass\nich in Dir den wirklichen, wahren Freund, den Freund\nfürs Leben gefunden habe, dass unsere Herzen, obwohl\nwir uns nur erst Ein Mal gesehen haben, für immer mit\neinander verbunden sind. Ich denke, Du sollst auch in mir\nden guten Menschen kennen lernen, der, wenigstens so viel\nes seine geringen Kräfte gestatten, dem Wahren, Guten\nund Schönen nachstrebt. Nur mache Dir keine zu vortheil-\nhafte Vorstellung von mir. Ich besitze nicht mehr die ju-\ngendliche Frische, wie Du; mich heben und tragen nicht\nmehr so schöne Hoffnungen und Aussichten, wie Dich.\nMeine Kraft ist in einem gewissen Sinne gebrochen.\nSchwere Leiden haben mich getroffen, schlimme Erfahrun-\ngen habe ich gemacht. Das Schicksal hat, obwohl ich erst\n39 Jahre alt bin, seinen ganzen Zorn über mich ausge-\ngossen, so dass ich manchmal gemeint, es habe gar keinen\nmehr für andere Menschen. Die einzige Gunst, deren\nich mich von ihm zu erfreuen habe, ist ein gutes, herz-\nherzliebes Weib. Doch auch deren Besitz sollte mir da-\nI\ndurch, dass ich nicht weiss, wie sie vor Noth und\nKummer schützen, sobald ich von dieser Welt\nscheide, getrübt werden.\n„ Hier ist kein Gedeihen, und im Innersten ver-\nletzt muss man sich fühlen, wenn man für so lange Ar-\nbeit, Mühe und Streben mit einem erbärmlichen Pro-\nfessor-Titel abgespeis't wird. Unter solchen Verhältnissen\ngeht endlich alle Kraft, aller Aufschwung verloren. Und\nso ist es mir ergangen. In den letzten Jahren hatte ich\nmich aufgegeben. Aber der Wissensdrang liess mir\nkeine Ruhe. Mich selbst, das Wesen, den Zweck des Men-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.1.4", "texte": "sehen und der Kunst im strengen Sinne des Wortes zu\nbegreifen, dazu trieb es mich von je her mit aller Macht,\nund selbst in der Zeit, wo ich der praktischen Kunst\ngesagt hatte, hielt mich noch die Speculation fest. Ich stu-\ndirte die hauptsächlichsten philosophischen Systeme und\nwandte sie immer auf die Kunst an, um zu deren\nVerständniss zu kommen. Auf diese Weise überzeugte ich\nmich, wie wenig die Herren Philosophen, Kritiker und\nRecensenten von dem Wesen der Kunst verstanden ha-\nben und noch verstehen. Mir ist es entsetzlich, wenn ich\nlese, dass man die Aufgabe und den Zweck der Musik in\nweiter nichts findet, als in Hervorbringung von Gefühlen\noder Stimmungen. Wenn man weiter nichts könnte und\nwollte, als Gefühle und Stimmungen hervorrufen, da\nbrauchte man so kunstreiche Formen u. s. w. nicht, dazu\nbrauchte man überhaupt die Musik nicht; denn die einsei-\ntigen Gefühle und Stimmungen werden am besten und\nvollständigsten im Leben selbst, im Kampfe und Streite mit\nden Lebensverhältnissen hervorgerufen. Wenn die Musik\nweiter nichts vermöchte, dann wäre sie nicht werth, dass\nman ihr nur einen Augenblick widmete. So herrscht über-\nall, wo ich den Herren Kritikern und auch Theoretikern\nvon Fach auf die Finger gesehen, die bodenloseste Un-\nkenntniss und Unwissenheit über Musik. Weder das We-\nsen der Kunst im Allgemeinen kennen sie, noch vermögen\nsie die Nothwendigkeit und Vernünftigkeit irgend eines\nGesetzes, irgend einer Regel rücksichtlich der Form oder\nsonst wo nachzuweisen und so den Werth, den positiven\nGehalt eines Musikstückes zu bestimmen. Fragen z. 8.,\nwie weit der Mensch auch in der Kunst einer\nNaturnotwendigkeit unterworfen ist, und wo er\nbeginnt, frei zu werden, das sind ihnen böhmische\nDörfer.\n„Sieh, lieber Freund! durch solches Studium bin ich\nauch zu meiner Theorie gekommen. Sie ist das Resultat\njahrelanger Studien. Nach dieser kann von der bisheri-\ngen auch kein Stein auf dem anderen bleiben.\"\nIV.\n„Hättest Du aber meine Mutter gekannt!\"\n„Eisenach, 21. Januar 1850.\n„Mein Herzensfreund!\n-So voll mein Herz auch ist, wahrhaftig zum Zer-\nspringen \\oll, und so gern ich auch seinen Inhalt ausschüt-\nten möchte vor Dir, dem Freunde, von dem ich weiss,\nfühle, dass er mich versteht, wenn ich ihm von des Lebens\nLust und Schmerz, Liebe und Hass, Herrlichkeit und\nMiserabiiität spreche, der es wohl auch nicht verschmähte,\nJL ' '\neinmal mit mir zu leiden und sich zu freuen, wenn ich ihn\nan meiner Hand führte und den entzückenden Wahnsinn,\ndas grossartige Nichts, den beseligenden Widerspruch des\nLebens, wie er sich vor meinen Sinnen abrollt, kosten\nliesse so gern ich das wollte, und so sehr es mich dazu\nschon lange gedrängt hat, so muss ich mich doch heute\nnur mit wenigen Zeilen begnügen.\n„Dass ich Dir nicht gleich auf Deinen lieben Brief\nantwortete, hatte seinen Grund in Folgendem: Im Novem-\nber 1849 erkrankten mir Vater, Mutter und Grossmutter\nziemlich zu gleicher Zeit. Der Vater genas, aber die Gross-\nmutter und die Mutter verlor ich, letztere erst am 15. Ja-\nnuar d. J. nach einem eilf Wochen langen Krankenlager,\nim 59. Jahre ihres Lebens. Nach dem gewöhnlichen Maasse\nder Empfindung würdest Du schon mein bisheriges Schwei-\ngen entschuldigen. Hättest Du aber meine Mutter ge-\nkannt, ihr Herz, ihren Geist; könnte ich Dir beschreiben,\nwas sie gethan und gelitten, Du würdest es sehr natürlich\ngefunden haben, dass ich in der Zeit Alles um mich herum\nvergass. Ich habe mich auch noch nicht wieder zur Kunst,\nzur künstlerischen Thätigkeit erheben oder herablas-\nsen können. Ich weiss in der That nicht, welcher Aus-\ndruck der rechte ist. So viel ist wenigstens gewiss, dass\nmir dieser Verlust zu einer bedeutend höheren Stufe des\nSelbstbcwusstseins verholfen hat, sowohl in Bezug auf den\nEndzweck des Lebens selbst, als auch den der Kunst. —-\nObwohl ich schon lange eine dunkle Ahnung hatte, mein\nganzes bisheriges Thun und Treiben werde von keinem\nletzten Zwecke getragen und sei desshalb mehr oder weni-\nger gehaltlos, so konnte ich doch durch den mich umla-\ngernden Nebel nicht durchdringen. Das lläthsel sollte sich\nmir lösen durch den Tod meiner Mutter.\n„Aber ob ich was leisten werde? Das ist eine andere\nFrage. Die Menschen verlangen etwas Anderes,\nals ich geben will und kann. Ich habe gegen hun-\ndert Werke geschrieben, Opern, Oratorien, Sinfonieen\nu. s. w. ich werde sie dem Feuer übergeben.\n„Behalte lieb Deinen Dir von ganzem Herzen ergebenen\nF K\nr) x • AVt »\nV.\n;,Die Menschen verlangen etwas Anderes,\nals ich geben will und kann.\"\n„Eisenach, 20. Juni 1850.\n„ Ich hange noch zu sehr vom Verleger ab.\nVon diesen Kerls ist Einer wie der Andere, immer ver-\nlangen sie leichte, die Sinne des grossen Haufens\nkitzelnde W aare. Die Liszt-Fuge durchzubringen,\nhat mir sogar Mühe gemacht, trotzdem dass Liszt versprach,\nsie, wo es gehe, öffentlich zu spialen. Was hast Du jetzt\nunter der Feder? Mich interessirt vorzugsweise das W er-\nden eines Künstlers. Es ist dies überhaupt das Einzige,\nwas wahrhaftes Interesse erwecken kann und auch wahr-\nhaften Werth ,hat. Denn alles Werden ist ein Fort be-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.1.5", "texte": "wegen nach einem höheren Ziele, nach einem Ideal,\nist die steigend vollkommenere Realisirung des alles Sein\ndurchwirkenden Ewigen, Absoluten, Göttlichen, oder wie\nwir es nennen wollen. Desshaib hat nur ein werdender\nKünstler eine Zukunft. Und dieser göttliche Funke kann\nauch in kleinen, den kleinsten Compositionen durchleuch-\nten, gleichwie er in einem bescheidenen Veilchen sich und\nfür ein sinniges Auge in nicht minder grossartiger Weise\nmanifestirt, als in jeder anderen Erscheinung. Das hast\nDu selbst schon in mehreren Deiner kleineren Com-\npositionen dargethan. Man kann sich aber diesen all-\ngemeinen Standpunkt nicht oft genug vor die Seele führen,\nman kann es einem Freunde, dem.man wirklich Freund\nist, nicht nachdrücklich genug sagen, da leider und beson-\nders in gegenwärtiger Zeit der der Entwicklung feind-\nlichen Elemente so viele sind und man leicht im\nKampfe mit den allerdings sehr deprimirenden Verhält-\nnissen erschlafft. Ich muss wenigstens selbst gestehen,\ndass ich oft alle Kraft nöthig habe, um mich über Was-\nser zu erhalten, so sehr ich auch fühle, überzeugt bin,\ndass es nur Ein heiliges, Ein göttliches Sein, Leben gibt,\ndessen Schleier zu lüften der Mensch berufen ist, folglich\ner jede Stunde als eine verlorene zu betrachten hat, die\ner nicht im Dienste dieses Ewigen vollbracht.\nDarum schmiege ich mich auch gern einer mir gleichge-\nstimmten Seele an, an ihr neue Stärkung, neue Kraft su-\nchend. Ich bin auch der Ueberzeugung, es würde bald bes-\nser um die Kunst stehen, wenn sich nur eine bestimmte\nAnzahl Künstler zusammenfinden wollte, um sich gegen-\nseitig zu tragen, zu heben, zu stärken für ihre\ngrosse Aufgabe. Doch das sind nochpia desideria.\n„Vergiss mir auch nicht, mir Deine Ansicht - aber\nunverhohlene über die beiliegenden Compositionen zu\nsagen. Ich will Wahrheit, nur Wahrheit. Zwar muss man\nselbst wissen, wo einen der Schuh drückt, und es weiss es\nwohl auch ein jeder, der kein eingebildeter Narr ist; allein\nein Anderer sieht immer wieder anders. Ich will z. B. ge-\nstehen, dass mir vorzugsweise die Liszt-Fugc Werth\nzu haben scheint. Aber was ich davon halte, darum\nkümmert sich die Welt nicht! Also —!-\nVI.\n„Die Kunst geht einmal betteln.\"\n„Eisenach, 27. Juni 1854.\n„Dein Brief hat mich auf das angenehmste überrascht.\nEs ist lange her, dasswir kein Wort mit einander gewech-\nselt haben. Nicht selten bin ich in Gedanken bei Dir ge-\nwesen, aber schreiben! Lieber Himmel! was soll man\nin so hundecommunen Verhältnissen, wie die sind, in de-\nnen ich lebe, schreiben? Ueber Kunst? Ach Jesus! ich\ngebe von früh 9 bis Abends 6-—7 Uhr ununterbrochen\nPrivat-Unterricht, nebenher fabricire ich ein paar Orgel-\nsächelchen, im Uebrigen höre ich von Musik so wenig, dass\nkurz, s'ist ein Jammer!\n„Deiner Einladung kann ich leider, leider! keine Folge\nleisten. Ich wäre glücklich, könnte ich die Reise mitmachen\nund besonders in Deiner Gesellschaft. Lange schon schmachte\nich nach Umgang mit Männern, mit deren Wesen das mei-\nnige verwandt ist. Das und vieles, vieles Andere würde mir\ndie Reise nach R. gewähren; ich habe mir das alles vor-\ngestellt, ordentlich darin geschwelgt— allein ich muss darauf\nverzichten. Geldmangel ist nicht der einzige Grund der\nTeufel hole so ein jämmerliches Leben!— Sage V., dass es\nmir unmöglich gewesen, mich von Ketten zu befreien.\n„Ich stecke hier in Eisenach, wie eine Maus in der Falle.\"\n\nBerliner Briefe.\n\n[Die komische Oper Meister Pathelin von Bazin Belmonte\nunl Constanze Mach Viardot-Garcia - Orchester Concerte\nvon H. von Bülow —Pianist Taus ig Concert der königlichen\nCapelle, Ottetto von Mendelssohn.]\nDen 9. Februar 1858.\nIch habe Ihnen in diesem Winter schon zwei Mal von\nVersuchen berichtet, welche die königliche Bühne machte,\nneuere Producte des pariser Geschmacks hier einzuführen.\nUeber den Kadi von Thomas konnte man, wie ich damals\nausführlicher entwickelte, glimpflicher urtheilen, als das\nhiesige Publicum; Jeannettens Hochzeit von Mass£ er-\nschien dagegen als ein hinsichtlich des Sujets verwerfliches,\nmusicalisch ganz unbedeutendes Machwerk. Am schlimm-\nsten ist es endlich dem Meister Pathelin von Bazin\ngegangen, einer Operette, in der die Musik noch erträg-\nlich sein würde, wenn nicht der Stoff so albern wäre, dass\nnicht viel fehlte, und sie wäre ausgezischt worden. Nach\neinmaliger Aufführung ist sie mit Recht gelegt\nworden. Seit dem Engagement unseres neuen Spiel-Tenors,\ndes Herrn WoI ff, der zugleich Regisseur der komischen\nOper ist, bemüht man sich, das Repertoire derselben zu\nerweitern, bis jetzt aber mit geringem Erfolge. Die Gegen-\nwart scheint auf diesem Gebiete fast noch unproduetiver,\nals in den ernsten Gattungen; die Wenigen, die einiges\nTalent haben, halten es für unter ihrer Würde, sich da-\nmit abzugeben, und indem sie nach Dingen streben, die\nüber ihre Kräfte gehen, erreichen sie gar nichts; den ganz\nTalentlosen, die weder irgend einen eigenen Gedanken\nnoch die formelle Compositions-Technik haben, wird die\nkomische Oper überlassen. Es bleibt also nichts übrig, als\naus älterer Zeit alles einiger Maassen Brauchbare wieder\nhervorzusuchen. Aber selbst gegen die besten Werke die-\nser Gattung, wie den Barbier von Sevilla, die Weisse Dame,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.1.6", "texte": "den Johann von Paris, den Belmonte, zeigt sich das Pu-\nblicum ziemlich kühl. Theiis liegt es an dem für komische\nOpern viel zu grossen und prächtigen Räume des Opern-\nhauses, theiis an der mangelnden Geschicklichkeit der Sän-\nger, welche die Kunst, sich mit Leichtigkeit und Anmuth\nzu bewegen, ganz verlernt haben, namentlich aber an dem\nMangel einer für dieses Genre vorzugsweise ausgebildeten\njugendlichen Primadonna, dass sich das Publicum nicht\nrecht an die heitere Oper gewöhnen will. Erst in diesen\nTagen wurde der Belmonte, der seit langer Zeit vom\nRepertoire verschwunden war, neu einstudirt gegeben. Na-\ntürlich hat sich der eigentlich musicalische Theil des Pu-\nblicums dafür interessirt; aber die grosse Masse der Thea-\nterbesucher verhält sich indifferent. Wie ganz anders würde\ndie Wirkung in einem kleineren Räume sein, und wenn\nwir für den Osmin einen anderen Darsteller als den nun\nbald sechszigjährigen Zschiesche hätten, der stets ein\nzwar tüchtiger, aber trockener und für komische Rollen\nganz ungeeigneter Sänger war, und jetzt nicht einmal mehr\ndie nöthige physische Kraft dazu hat. Was in dieser Rolle\nfür eine unvergängliche Lebenskraft liegt, konnte freilich\nkein Zuschauer ahnen, dem die Musik nicht sonst bekannt\nwar. Auch der Belmonte war durch Herrn Krüger un-\ngenügend repräsentirt. Er sang zwar besser, als wir es von\nihm gewohnt sind, aber den Schmelz der Stimme und die\nzarte Innigkeit des Gefühls, die erforderlich sind, um dem-\njenigen, der die Musik nicht kennt, alles, was in ihr liegt,\nzur Anschauung zu bringen, besitzt er nicht. Am besten\nwar Frau Köster (Constanze); leider nur ist ihre Partie\ndie am wenigsten fesselnde. Blondchen (Fräul. Baur) und\nPedrillo (Herr Wolff) wurden, abgesehen von dem nä-\nselnden Gesänge des Letzteren, recht gut gegeben.\nEin neuer Schwung kam in unser Opern-Repertoire\ndurch das Gastspiel der Viardot-Garcia. Nachdem sie\nzuerst in einem Concerte sich dem Publicum vorgestellt\nhatte, betrat sie die Bühne als Fides und Rosine. Jetzt ist\nsie nach Leipzig gereis't, kehrt aber wieder hieher zurück,\num ihr von dem glänzendsten Erfolge gekröntes Gastspiel\nfortzusetzen. Die Stimme der jetzt siebenunddreissigjähri-\ngen Sängerin hat keinen eigentlich sinnlichen Reiz (sie hatte\ndenselben auch in früher Jugend in nur sehr geringem\nGrade, und schon vor zehn Jahren war dieses Wenige ver-\nschwunden), in einzelnen Lagen klingt sie sogar scharf und\nangestrengt; im Ganzen aber können wir das Organ, na-\nmentlich in der Tiefe es ist ein entschiedener Altklane\nnicht unschön nennen, da wir unter dem Schönen nicht\ndas Sinnliche, sondern etwas Geistiges verstehen; die\nStimme ist herb und streng ihr fehlt eben das Ein-\nschmeichelnde—, aber klar gestaltet und edel; schon der\nblosse Klang macht den Eindruck plastischer Bestimmt-\nheit. Der neuere Geschmack liebt das Weichliche. Dadurch\nwird aber mehr die Wollust gekitzelt, als der Schönheits-\nsinn befriedigt; wie der classischeMusikstil an der Strenge\nund Herbheit der Formen festhält, so auch der classische\nGesangstil, obschon wir gern zugeben, dass Pauline Viardot\nnach dieser Richtung hin weiter geht, als nöthig wäre.\nAber schon in ihrer Stimme spricht es sich aus, dass sie\nsich zu der materialistischen Richtung der Zeit, die alle\ngeistige Anspannung flieht und es vorzieht, sich in gedan-\nkenlosen Träumen zu wiegen, in einem entschiedenen Ge-\ngensatze befindet. Sie huldigt nicht der Masse, sondern sie\nfolgt dem Zuge des Ideals. Ihre Technik ist die bewunde-\nrungswürdigste, die ich je gehört habe, sowohl was die\nAusbildung des Umfangs und der Kraft der Stimme (noch\njetzt gebietet sie über fast drei Octaven), als was die Mo-\ndulationsfähigkeit und die Coloraturfertigkeit betrifft. Die\nhöchsten Schwierigkeiten überwindet sie in einem Tempo,\nmit einer Schnelligkeit und einem so vollen Klange der\nStimme, dass ihr darin wohl auch diejenigen, die sich im\nUehrigen nicht durch sie angezogen fühlen, unbedingte\nAnerkennung zollen müssen. Am höchsten steht sie aber\nfür jeden wenigstens, der scharfe Lichter und Schatten\nund eine ausgeprägte Individualität ertragen kann durch\ndie Kühnheit und Genialität ihrer geistigen Auffassung da.\nSie erschöpft Alles bis auf den letzten Grund, auch die\nfeinsten Nebenzüge entgehen ihrem scharfen Blicke nicht,\nund dennoch weiss sie die energischen Töne, wenn auch\nnicht sanft zu mildern, so doch stets in den Gränzen des\nEdeln zu halten, und in der reichen Mannigfaltigkeit ein-\nzelner Nuancen bleibt die Einheit des Ganzen strens be-\no\nwahrt. Ihre Art der Auffassung hat mehr Verwandtschaft\nmit dem französischen und norddeutschen Realismus, als\nmit der italischen Allerwelts-Musik; und so erklärt es\nsich auch, dass sie nicht dieselbe Popularität hat erlangen\nkönnen, wie manche andere geistig und technisch weit un-\nbedeutendere italiänische Sängerin. Zu der hohen Vollen-\ndung ihrer musicalischen Auffassung gesellt sich eine eben\nso vollendete plastische Darstellung. Es ist bekannt, dass\nMad. Viardot nichts weniger als schön ist, dennoch vermag\nder Zuschauer nicht, das Auge von ihr abzuwenden, so\nedel und bedeutungsvoll ist jede ihrer Bewegungen, jede\nihrer Mienen.\nIch schrieb Ihnen in meinem vorigen Briefe, dass Herr\nvon Bülow ein Zukunfts-Musik-Concert beabsichtigte.\nDasselbe hat Statt gefunden. Trotz der Mitwirkung frem-\nder Kräfte, des Ciavier-Virtuosen Taus ig, welcher der\nLieblingsschüler Liszt's sein soll, und des Milde'schen\nEhepaares fand dasselbe geringen Anklang beim Publicum.\nDer Saal, war grösstentheils durch Frei-Billets gefüllt, und\ndie wenigen gekauften befanden sich theilweise auch noch"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.1.7", "texte": "in den Händen von Gegnern der Liszt'schen Musik, die es\nfür ihre Pflicht hielten, von Neuem ihre Ansichten an einer\nAufführung derselben zu prüfen. Es ist Herrn von Bülow\nnicht gelungen, der von ihm vertretenen Richtung neue\nAnhänger zu gewinnen; derjenige Theil des Publicums,\nder noch vor zwei Jahren wenigstens das Interesse der\nNeugierde daran hatte, hat eingesehen, dass er eine künst-\nlerische Bereicherung nicht zu erwarten hatte; die Kritik\nder öffentlichen Blätter war noch schärfer, als früher. sJeber\ndas neue, höchst unerquickliche Clavier-Concert von Liszt\nund über die Festklänge, welche Sie ja von dem aachener\nMusikfeste her kennen, ausführlich zu berichten, halte ich\nfür überflüssig; vielleicht wird mir ein noch zu erwarten-\ndes Concert des Herrn von Bülow, in dem der Mazeppa\nzur Aufführung kommen soll, Veranlassung dazu geben.\nEine Ouvertüre zu Julius Cäsar von Herrn von Bülow\nenthielt zwar im Einzelnen auch manches Gewaltsame und\nUebertriebene, war aber im Ganzen doch weit mehr in\nden Formen der classischen Musik gehalten, als wir erwar-\nteten. Herr Tausig besitzt eine bewundernswürdige Fer-\ntigkeit und Kraft, die er aber, wie wir aus einem später\nvon ihm veranstalteten Concerte sahen, für den \\ ortrag\nclassischer Werke noch bedeutend zu mässigen hat. In der\nsinn- und geschmackvollen Auffassung zeigte er sich noch\nsehr unfertig; hierin sowohl, wie in durchsichtiger Klar-\nheit der Technik steht er Herrn von Bülow weit nach; da-\ngegen gelingt es ihm vielleicht noch in höherem Grade,\nals diesem, dem Tone des Claviers eine wohlthuende Fülle\nzu entlocken und den Eindruck glänzendster Virtuosität\nhervorzubringen. Frau v. Milde hat auch hier allgemein\ngefallen. Nach den wenigen Proben, die ich von ihr ge-\nhört, halte ich sie nicht für eine grosse, aber für eine sehr\nachtungswerthe Sängerin. Herr v. Milde hat eine ange-\nnehme Höhe, doch ist sein Organ ziemlich klanglos und\nder Vortrag etwas manierirt.\nVon besonderem Interesse war das letzte Concert der\nköniglichen Capelle. Das Octett von Mendelssohn, das nach\ndes Componisten eigener Angabe im Symphonie-Stil vor-\nzutragen ist, wurde nämlich von dem gesammten Streich-\nOrchester ausgeführt. Wir finden nicht, dass das Werk\nirgend etwas dadurch verloren hätte; wohl aber hat es\nviel dadurch gewonnen. Bezaubernd ist der Klang, den\nmehrere Violinen zusammen haben. Es zeigt sich hier die-\nselbe Erscheinung, die man an Chören längst beobachtet\nhat, dass viele einzeln genommen unvollkommene Stimmen\nsich gegenseitig ausgleichen und, zusammen erklingend,\neinen in jeder Beziehung genügenden Toneßect hervor-\nbringen. Die Meisterschaft unserer Capelle zeigte sich bei\ndiesem Unternehmen im hellsten Lichte.\n\nG. E.\n\nMozart-Verein in Gotha.\nHaushalter.\nEs gereicht dem Directorium zur besonderen Freude,\nseine Wirksamkeit mit der Unterstützung eines talentvol-\nlen jungen Mannes, des Herrn Julius Lammers zu Osna-\nbrück, beginnen zu können. Ohne die Munificenz Sr. Ma-\njestät des Königs von Hannover, der dieses Talent zuerst\nerkannt und in geeigneter Weise berücksichtigt hatte,\nwürde indess der Verein nicht in der Lage gewesen sein,\nseine Hülfe zu bieten. Wie daher das Verdienst der Ent-\nwicklung des Talentes unbestritten Sr. Majestät dem Kö-\nnige von Hannover gebührt, so hat der Verein seinerseits\ndie Genugthuung, dass der hohe Protector des Mozart-\nVereins, Se. Hoheit der Herzog von Sachsen-Coburg-Go-\ntha, die General-Musik-Üirectoren Herren Dr. Spohr und\nDr. Meyerbeer, die Hof-Capellmeister Herren Reissiger,\nDr. Marschner, Dr. Lachner, Hiller, Lampert, Tschirch\nund Musik-Director Herr Markuli sich einstimmig für die\nWürdigkeit des Herrn Lammers entschieden haben. Um\nso bereitwilliger ist die Zuwendung der Zinsen des hypo-\nthecarisch sichergestellten Vereins-Capitals beschlossen\nworden, damit der Beneficiat, aller Nahrungssorgen über-\nhoben, mit ungetheilter Kraft mehr und mehr seiner künst-\nlerischen Vollendung zustreben kann. In der Kürze wird\nvon demselben ein grösserer Cyklus Lieder-Compositionen\nin Druck erscheinen; sein Opus „Die Schilllieder von\nLenau\" wird auf besonderen Wunsch des Herrn Dr. Louis\nSpohr in dem Anfangs des Jahres erscheinenden Mozart-\nAlbum Aufnahme finden. Seit dem letzten Berichte sind\ndem Vereine von Sr. Majestät dem Könige von Sachsen\n100 Thlr. Courant, von Sr. Majestät dem Könige von\nPreussen 100 Thlr. Gold, von Sr. Durchlaucht dem Für-\nsten von Schwarzburg-Sondershausen 50 Thlr. Gold zuge-\ngangen. Ausserdem haben noch sieben Cabinette Benefiz-\nVorstellungen zum Besten des Vereins zugesagt. Unter\nsolchen Auspicien wird der Verein immer mehr erstarken\nund wohl berufen sein, dem unsterblichen Mozart ein\nlebendes Denkmal zu setzen.\nWernigerode.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nhat seine Stellung als städtischer Musik-Director, die er seit bei-\nnahe sechszehn Jahren ehrenvoll bekleidete, niedergelegt, indem der-\nselbe eine weit ruhigere und angenehmere als erster Professor des\nGesanges, der Harmonie-Lehre und des Clavierspielens in der nächst\nAachen liegenden, rühmlichst bekannten Erziehungs-Anstalt der Or-\ndens-Damen vom heiligen Kreuz übernommen hat.\nDas Programm für das Ende August oder Anfangs September in\nWiesbaden Statt findende dritte mittelrheinische Musikfest ist\nnun definitiv festgestellt. Zur Aufführung kommen: am ersten Tage:"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580220-01.1.8", "texte": "Die Schöpfung, Oratorium von Haydn. Am zweiten Tage: Erste\nAbtheilung: Nr. 1. Ouvertüre zu Iphigenie in Aulis von Gluck; Nr.\n2. Drei A-Capella-sätze: Choral von Eccard, 19. Psalm von 11.\nSchütz und Motette von S. Bach; Nr. 3. Es-dur-Concert für Piano-\nforte von Beethoven; Nr. 4. 114. Psalm von Mendelssohn. Zweite Ab-\ntheilung: Nr. 1. Sinfonie in C von F. Schubert; Nr. 2. 0 Isis und\nOsiris, Solo und Chor aus der Zauberflöte; Nr. 3. Gesang-Solo; Nr.\n4. Ilallelujah aus Händel's Messias. Für die Soli sollen ausgezeich-\nnete Kräfte gewonnen werden. Die Leitung des ersten Tages hat\nCapellmeister Y. Lachncr; am zweiten dirigirt Capellnieister Hagen.\nV erdi fängt an, auch in Deutschland um sich zu greifen. In\nDarmstadt ist „Die sicilianische Vesper\" jetzt bereits fast ein\nJahr lang Zugstück und füllt die Theatercasse, freilich nicht sowohl\nder Musik als der Decorationen und der Ausstattung des Ballets\n„Die vier Jahreszeiten\" wegen. Rigoletto ist ebendaselbst im\nJanuar mehrere Male gegeben und günstig aufgenommen worden.\nIn Frankfurt a. M. hat der Trovatore einen wahren Hailoh cr-\nregt. Es Hessen sich an diese Erscheinung gar erbauliche histo-\nrische Rückblicke knüpfen, deren Resultat sein dürfte: ~Nur immer\nzu! Die Reaction wird nicht ausbleiben.\" In dieser Beziehung pflich-\nten wir Ulibisclieff bei, der in der Einleitung zu seinem „Beethoven\"\nsagt: „Die Zeit hat Rossini in Deutschland mit Weber's, in Italien\nmit Bellini s, in Frankreich mit Meyerbeer's Hülfe geschlagen ; die\nZeit könnte ihn vielleicht mit Verdi's und Wagner's Hülfe wieder\nheben und verjüngen !\"\nOtto Jahns Mozart ist noch nicht einmal fertig und schon\nkündigt der Verleger Meidinger in Frankfurt a. M. an: „Mozart. E n\nKünstlerleben. Culturgeschichtlicher Roman in sechs Bänden\nvon Heribert Rauü!\" Wenn Jahn und Härtel den letzten\nBand ihres Mozart zufällig noch ein paar Jahre zurückhielten, so\nwürde Herr Rau mit seinem culturgeschichtlichen Roman doppelt in\ndie Dinte gerathen !\n* Am 9. d. Mts. fand im Hotel de Saxe das Concert\nder fürstlichen Kammervirtuosin Fräul. Marie Wieck Statt'. Die\nvorzüglichen Eigenschaften der Künstlerin sind von allen Kunstver-\nständigen einstimmig anerkannt; ihre Leistungen fanden auch in die-\nsem Concerte reichen Beifall, dem sich sogar Blumen und Kränze\nzugesellten. Von den vorgetragenen Piecen ist wohl als die bedeu-\ntendste das schöne und äusserst schwierige Concert von R. Schu-\nmann bcsondeis hervorzuheben. Unterstützt wurde die Coneertgcberin\nzunächst durch die treffliche Capelle des Herrn Directors Hünerfürst\nund durch sehr gelungene Gesang-Vorträge des Herrn von der\nOsten. Herr von der Osten zählt in der kurzen Zeit seines Domi-\ncils in Dresden bereits zu unseren beliebtesten und feinsten Con-\ncertsängern.\nRubinstein hat in Pressburg und Pesth glänzende Con-\ncerte gegeben, die an die Zeit des Liszt-Enthusiasmus erinnerten.\nGegenwärtig ist er in Prag.\nParis« Am 11. Februar ist Herrn von Flotow's „Maria«\nauf dem italiänischen Operntheater gegeben worden. Die Be-\nsetzung war: Mario (LionelloJ, Graziani (Plumkelt), Zucchini\n(Lord Tristano di Michlford), Mademoiselle de St. Urbain (Lady\nEnrichella), Mad. Nan t i er-D idi e e (Betsy), Nach den Einen\nhatte der Succes „rien d'equivoque\", und der Componist wurde geru-\nfen; nach Anderen ist seine Musik „dilettantisch\", und „der Thron,\nden man ihm aufgebaut, war von Glas und zerbrach beim ersten\nStosse.\" JSous verrons!\nDie Leiche des in Neapel verstorbenen Sängers Lablache wird\nnach Frankreich gebracht werden."}]}