{"numero_id": "bm-bmtnabi-1858-03-13-01", "volume": "bmtnabi_1858-03-13_01", "ocr_sha256": "3b16ddbbaa93a43ef133c609c327821b08820d773fb624bc03e61696bead3b13", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1858/03/13_01/bmtnabi_1858-03-13_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1858-03-13-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-03-13_01#c001", "volume": "bmtnabi_1858-03-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "81", "page_fin": "81", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 396, "texte": "Inhalt.\nUeber Aufführungen und Bearbeitungen Händerscher Oratorien. (Belsazer.) Die heilige Tonkunst. I. Au«\nLeipzig (Aufführung von Reinthaler's Jephta im Gewandhaus-Concerte). Von A. Aus Amsterdam (Aufführung von Mendelssohn's Elias).\nVon —t. Sechstes und siebentes Gesellschafts-Concert in Köln. Alex. Dreyschock. Tages- und Unterlialtungsblatt (Köln,\nAbschiedsfest für Herrn Karl Keinthaler)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-03-13-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-03-13_01#c002", "volume": "bmtnabi_1858-03-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "81", "page_fin": "85", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.2.2", "titre_corps": "Ueber Aufführungen und Bearbeitungen Händel’scher Oratorien.", "titre_sommaire": "Ueber Aufführungen und Bearbeitungen Händel’scher Oratorien.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.1.1", "debut_caractere": 398, "fin_caractere_exclue": 4260, "texte": "Ueber Aufführungen und Bearbeitungen Händel’scher\nOratorien.\n(Belsazer.)\nWir gehen der Säcularfeier von Händel's Todesjahr\nentgegen. In England sind dazu schon seit vorigem Jahre\ngrosse Vorbereitungen und Einleitungen getroffen worden;\nhoffentlich wird auch in Deutschland manches Erfreuliche\nund Anregende, zunächst und am natürlichsten durch Auf-\nführungen Händel'scher Werke, dafür gethan. Vielleicht\nist es nicht zu früh, schon jetzt die Aufmerksamkeit der\nmusicalischen Directionen auf diesen Gegenstand zu lenken.\nDabei liegt es gewiss sehr nahe, den Wunsch auszuspre-\nchen, dass doch dieser Anlass an recht vielen Orten er-\ngriffen werden möchte, um in dem deutschen Volke die\nKenntniss Händerscher Werke durch neue Vorführung\nunbekannter Stücke möglichst zu erweitern, oder durch\nvollständigere -Aufführung mancher nur halb bekannten\nOratorien zu berichtigen. Des neuen Materials ist doch\nmancherlei beschafft und mancherlei auf dem Wege. Itühl's\nClavier-Auszug zum Allegro ist bekannt, aber noch wenig\nbenutzt; in Simrock's Octav-Ausgabe Händel'scher Ora-\ntorien sind Debora und Acis und Galathea erschienen und\ndie Ode auf den Cäcilien-Tag, wenn wir nicht irren, in\nArbeit; Jul. Meyer's Clavier-Auszug zu Esther steht zu er-\nwarten; die deutsche Händel-Gesellschaft hat für dieses\nJahr die Partituren zu Acis und zur Susanna versprochen,\nund wird vielleicht noch rechtzeitig für nächstes Jahr den\nHercules und die Athalia ausgeben. Eben so neu wie diese\nNeuigkeiten wären aber noch einige schon lange bekannte\nund weit verbreitete Oratorien dem deutseben Publicum\nzu machen, wenn man sich die gewiss höchst lohnende\nMühe geben möchte, einige dieser kostbaren Händel'schen\nWerke aus der furchtbaren Verunstaltung, die sie jetzt\ntragen, zu grösserer Reinheit und Vollständigkeit herzu-\nstellen. Zu diesem Zwecke ein Kleines beizutragen, ist der\nbescheidene, wohl aber recht dringende Wunsch des\" Ein-\nsenders dieser folgenden Zeilen und Mittheilungen.\nIn der Allgemeinen Zeitung ist vor Kurzem bei Gele-\ngenheit der Anzeige von Chrysander's Leben Händel's aus-\ngesprochen worden, dass die Fortpflanzung der Mosel'schen\nBearbeitungen von Händel's Jephta, Samson und Belsazer\n„eigentlich eine wahre Schande sei!\" Der Vorwurf ist\ngrob, und er trifft hart, und er reicht weit; denn diese\nSachen sind in vielen Sing-Vereinen, wo nicht Akademieen,\noft und immer wieder gesungen worden, und fast überall\nin der unveränderten Missgestalt, die sie in jenen Ciavier-\nAuszügen tragen. Dass aber der Vorwurf ungerecht sei,\ndas wird schwerlich jemand behaupten wollen, der jemals\neines jener Werke in dieser Bearbeitung mit der echten\nGestalt verglichen hat. Er ist nicht ungerecht, in so fern er\nseine Spitze gegen die Bearbeiter kehrt; er ist nicht unge-\nrechtfertigt, soweit er das Beharren der Singkreise bei die-\nsen entstellten Auszügen trifft. Auch ist dieses in der That\nvon wirklichen Kennern niemals bestritten worden. Nur\ndass deren leider in Deutschland sehr wenige sind. Weit\ndie meisten unserer Musik-Directionen begingen bei jener\ngerügten Fortpflanzung unbewusste Sünde. Es wird dahefr\nwohl statthaft sein, wieder einmal an einem Beispiele nach-\nzuweisen, wie nur zu begründet jene Rüge ist, möchte\nman auch dabei den Gelehrten noch so Ueberflüssiges pre-\ndigen. Gerade der Zeitpunkt, wo nun die Hand an die\nvollständige Ausgabe der Händel'schen Werke gelegt wird,\ndürfte dazu ganz besonders einladen. Denn wie oft hört\nman nicht gerade von den Leuten von Fach den Einwurf\ngegen diese Unternehmung machen, dass man ja doch die\nHauptsachen von Händel schon habe. Es ist umsonst,\ndass die blosse Ankündigung der Lieferungen, welche die\ndeutsche Händel-Gesellschaft für die ersten zwei Jahre be-\nstimmt hat, überzeugen müsste, dass man ganze Reihen\nvon Händel's Werken, die so sehr wie irgend etwas An-\nderes Hauptsachen sind, ganz und gar nicht hat; man"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5569, "texte": "scheint sich durchaus für berechtigt zu halten, sich bei\ndem zu begnügen, was man denn nun eben einmal hat.\nSo ist es denn gewiss nicht überllüssig, zu zeigen, dass\nman selbst das, was man zu haben meint, in der That\nund Wahrheit nicht hat, und dass, wenn man die Herr-\nlichkeiten dieser Scheinhabe auch noch bewundert, man\nhalbwegs falsche Idole anbetet.\nWir wollen unter jenen drei Bearbeitungen den Bel-\nsazer zu dieser Besprechung herausheben. Der Jephta\nwäre noch geeigneter dazu, aus dem der Bearbeiter ein\nganz neues Werk gemacht, indem er nicht nur eine Masse\ndes ursprünglichen Inhalts ausgetrieben, sondern dafür\nwieder sfris anderen Oratorien Händel's Anderes hineinge-\nrückt hat. Da aber neben dem Mosel'schen noch ein an-\nderer, unentstellterer, obwohl auch nicht vollständiger Cla-\nvier-Auszug existirt, der auch mehr als jener im Gebrauche\nzu sein scheint, so ist die praktische Vergleichung möglich\ngemacht, die immer die beredteste sein wird. Mit Samson\nist das nicht der Fall. Und eine Erörterung des Verfah-\nrens bei der Zurichtung gerade dieses Werkes wäre al-\nlerdings bei Weitem am wirksamsten, um den Nachweis\nzu führen, dass man in der Ereiferung über die Mosel'-\nschen Bearbeitungen sogar dann nicht zu viel thun würde,\nwenn man auf den Einfall geriethe, es habe dem Manne\ngegolten, den ehrwürdigen Händel mit Absicht bloss zu\nstellen und herabzuwürdigen. Denn in dem deutschen Cia-\nvier-Auszuge ist diesem Oratorium nicht wie zufällig, son-\ndern wie geflissentlich der Kern ausgebrochen, ganz und\nvon Grund aus. Den Kern dieses Werkes bildet die Cha-\nrakterisirung des Helden, der (im ersten Theile) von tiefer\nReue ergriffen über die leichtfertige Verscherzung seiner\nKraft und seines göttlichen Berufes gebeugt im Staube\nliegt, der einstigen Heldengrösse nur wie eines Traumes\ngedenkend; der dann (im zweiten Theile) eine innere Prü-\niung besteht und eine Läuterung erlebt, indem er den\nLockungen der Dalila jetzt zu widerstehen gelernt hat;\ndem dann in Folge dieser inneren Erhebung das wunder-\nkräftige Haupthaar gleichsam wieder nachwächst, das er\ndurch seine Plauderhaftigkeit vordem eingebüsst, und der\ndann in der Begegnung mit dem Riesen Harapha sich die-\nser neuen Kraft wieder bewusst wird, um sie endlich zur\nSühne seiner einstigen Vergehung und zugleich zur Rache\nan den Philistern in seiner selbstverderbenden That zum\nletzten Male zu gebrauchen. Wohlan, diese ganze innere\nEntwicklung dieser Handlung und dieses Charakters ist von\nMosel ausgetilgt. In dem ersten Theile ist nichts geblieben,\ndie gedrückte Lage des Helden zu bezeichnen, als die Arie\nüber seine Blindheit, an der er aus irgend einem Zufalle\nzu leiden scheint; die recitativischen Stellen, die über die\nSelbstverschuldung seines Unglücks aufklären, sind weg;\neine schwermuthvolle Arie, in der die elegische Grund-\nstimmung des ganzen Werkes eingeleitet wird, nebst einer\ngleich darauf folgenden der Micah, die demselben Zwecke\ndient, sind weg; eine schwungvolle Arie, die auf die ein-\nstige Kraft des geschwächten Blinden zurückblicken lässt,\nist weg; in dem Mittelpunkte des Werkes, in der grossen\nDalila-Scene, ist (ganz unbegreiflicher Weise, wenn es\nnicht absichtlicher Weise geschehen ist) das Gleichgültige\nund musicalisch Unbedeutendere stehen geblieben, das\nWichtigste und Schönste ist weggetilgt; zwei verführerisch\nlockende Arien der Dalila, wovon die letztere in zwei gleich-\nlautenden Sätzen zu dem Feinsten gehört, was Händel ge-\nmacht hat, sind weg; eine ergreifende Arie, in der Samson\nverräth, dass der Reiz der Verführerin ihm noch nicht\ngänzlich gefahrlos ist, ein vortrefflicher Chor, der die ganze\nScene, das Preisstück einer psychologischen Entwicklung,\nabschliesst, Alles ist fort; die ganze Figur des Harapha,\nzwei Bass-Arien, wovon die renommistische (erstere) jeden\nMännerkreis elektrisiren muss, dazu ein Duett voll Kraft\nund dramatischem Leben - Alles, Alles ist weg, und der\nHeld geht mit einer Arie zum Tode, die nach dem Wort-\nlaute des deutschen Textes in gar keiner Verbindung mit\nder Handlung ist, sondern wie eingelegt erscheint. Man\nhat auch Shakespeare's grosse Werke verflacht und ver-\nunstaltet, aber nie hat er sich in einem solchen Unmaasse\ndurch blosses Auslassen travestirt gesehen. Man zweifelt,\nworüber man mehr erstaunen soll, über die musicalische\nGeschmacklosigkeit des Bearbeiters in der Auswahl des\neinzelnen Beibehaltenen und Entfernten, oder über seine\nRohheit und Unbildung in der Gestaltung des Ganzen, oder\nüber die Gleichgültigkeit, mit der unsere Directionen solch\neine Missgeburt von Oratorium immer wieder als ein nor-\nmales Kunstwerk aufführen und die Zuhörer es dahinneh-\nmen! Um indessen nicht unbillig zu sein, müssen wir in\nBezug auf diesen letzteren Punkt beifügen, dass doch an\neinzelnen Orten wenigstens begonnen worden ist, jene\nLücken ein wenig auszufüllen; wie denn auch das Miss-\nverhältniss des deutschen Samson zu dem englischen öfter\nund gründlicher besprochen worden ist. Eben das ist der\nGrund, warum wir bei Belsazer zu verweilen dachten.\nUnsere Directionen haben zwei begründete Einwände\ngegen diesen Tadel jener Bearbeitungen und ihrer Fort-\npllanzung zur Hand: dass es an deutschen Uebersetzungen\nder ausgefallenen Theile fehle, und dass doch die Länge\nder Originale eine Kürzung unerlässlich mache. Dem er-\nsteren Einwände wollen wir am Schlüsse dieses Aufsatzes\neinen Anfang machen, für künftig den Vorwand zu rau-\nben; über den anderen möchten wir gleich hier ein Ver-\nständniss versuchen. Wir nannten ihn, wie den ersten, be-\ngründet. Selbst wer die Werke Händel's, wie die Shake-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5600, "texte": "speare'schen, bis in ihre letzten Einzelheiten gern festhal-\nlen wollte, würde an Händel selbst einen Gegner finden,\nder gerade den Text des Belsazer z. 8., seinem Autor ins\nAngesicht, selber zu lang gescholten hat. Unerschöpflich\nan musicalischcn Ideen, wie Händel war, mag er sich nicht\nselten in demselben Mangel, in derselben Noth um gute\nTexte gesehen haben, wie heutige Componisten auch; er\nliess also an leidlichen Dichtungen, die er einmal in der\nHand hielt, nichts ungesetzt, aber ohne Auslassungen auf-\ngeführt wird er ein so umfangreiches Werk wie Belsazer\nselbst nicht haben. Dass übrigens der Bearbeiter und Cla-\nvier-Auszieher die Arbeit der Kürzung vornahm, wird im-\nmer eine unstatthafte Anmaassung bleiben; über das Aus-\nzufallende wird am natürlichsten der jeweilige Aufführer\nzu entscheiden haben, schon weil auf diese Entscheidung\ndas Maass der vorhandenen Singkräfte nicht selten einen\nEinflusswird ausüben müssen. Ueber die Frage aber, wie\nviel nur auszulassen sei, würde dann freilich der Schrei-\nber dieser Zeilen leicht mit den meisten Directionen zer-\nfallen. Es muss aber doch einmal laut gesagt werden, dass\nes nichts als ein unverantwortlicher Unfug ist, wenn man\nohne das geringste Bedenken der Welt zumuthet, über\nvier Stunden bei Meyerbeer's Opern auszuhalten (die wahr-\nlich Kopf und Nerven ganz anders anstrengen, als der\nebene Fluss der Händcl'schen Tonstücke, in denen das\nfeinstgestimmte Gemüth über keinen Missklang zu strau-\ncheln hat), und wenn man dann sich voller Angst anstellt,\nder Welt drei Stunden für ein Oratorium abzufordern,\nwo die Probe und Erfahrung ganz gewiss noch nirgends\ngemacht ist, dass dieser Zumuthung nicht gern würde ent-\nsprochen werden. Entschliesst man sich aber, diese drei\nStunden (einschliesslich zweier mässigen Pausen) dran zu\nsetzen, so behält man so viel Raum zur Ausdehnung, dass\ndann die zweite Frage, was auszulassen sei, durch die\nNatur der Texte selber leicht zu entscheiden ist. Die Mehr-\nzahl der Händefschcn Oratorien-Texte haben Eine gemein-\nsame Grund-Eigenschaft, die sie in einen geraden Gegen-\nsatz zu seinen Opern-Texten stellt, und die bei diesen Ab-\nkürzungen zum Wegzeiger dienen muss. Während unter\nseinen Opern-Texten vielleicht nicht Einer ist, der, als Gan-\nzes betrachtet, irgend etwas tauge, wie reich er an schö-\nnen Einzelheiten sein möchte, so sind dagegen seine Ora-\ntorien-Texte ihrem Bau und Entwurf nach zu einem gu-\nten Theil wahre Musterstücke von musicalischen Grund-\nlagen. Wie durch und durch jenes ganze Zeitalter musica-\nlisch genährt und erzogen war, wird man an nichts so\nsehr inne, als an dieser Fähigkeit vieler sonst höchst kläg-\nlichen Poeten, einen musicalischen Text zu machen. Heut-\nzutage würden unsere gefeiertsten Lyriker, denen ein ein-\nzelnes Lied brillant gerathen mag, sich ganz umsonst ab-\nmühen, aus einer Ovidischen Metamorphose oder einer So-\nphokles'schen Tragödie so geschickt musicalisch berech-\nnete Texte zu bilden, wie sie Händel zum Acis und zum\nHercules vor sich hatte, obgleich die einzelnen Stücke,\nherausgerissen und poetisch zergliedert, ihnen tief unter ihrer\nVerachtung scheinen würden. Damals aber besass eine\nMenge viel schwächerer Köpfe dieses Talent, eine solche\nmusicalische Garten-Anlage in ein kunstvolles Ganzes rei-\nzend anzulegen, obwohl sie manche recht gewöhnliche\nStaude vom Heerwege ab hinein verpflanzten. Dergleichen\nEinzelheiten laufen nun in manchen Händcl'schen Orato- .\nrien-Texten unter, die prosaisch, pedantisch, platt in den\nWorten lauten und daher auch dem musicalischen Satze\ndie Flügel beschneiden; und sie sind so greiflich, dass man\nkaum darüber streiten würde, welche in diese Classe ge-\nhören und welche nicht. Es sind ihrer aber nirgends viele,\nund darum soll man bescheiden im Wegwerfen sein. Ver-\ngreift man sich an Einem nothwendigen Gliede, das in die\ninnere Entfaltung der psychologischen Aufgabe eingreift,\nso rückt man sogleich den Aufbau des Ganzen aus allen\nseinen Fugen. Und dieses Ganze als Ganzes ist gerade das,\nwo Händel's geniale Begabung, wo der Umfang seines Ge-\nrn üthes und Geistes, wo die ästhetische Aus- und Feinbil-\ndung seiner künstlerischen Schöpfergabe ganz eigentlich\nerst begriffen und ermessen wird.\nUnter den Werken Händel's, die ihren Hauptwerth\nin dieser grossen Gestaltung des Ganzen haben, steht der\nBelsazer mit in der vordersten Reihe. Die Dichtung ist von\ndemselben Jennens, der Händefn bei der Zusammenstel-\nlung der Texte zum Messias und zum Allegro behülflich\nwar; und der Mann bewies auch hier, trotz seiner Breite\nund vielfachen Geschmacklosigkeit im Einzelnen, seine Ge-\nschicklichkeit, einen musicalischen Text nach einem inneren\nGedanken, mit feiner Berechnung ästhetischer Gegensätze,\nmannigfaltig und einheitlich zugleich zu gestalten. Wer\ndiesen Text überblätterte und nur Einzelnes näher ansähe,\nwürde vielleicht stutzig werden, ob diese Kreidestriche\neine Anlage hätten, durch die musicalische Färbung zu\neinem fesselnden Bilde umgesihaffen zu werden. Selbst\nwer die einzelnen Tonsätze heraushöbe und einzeln stu-\ndirte, würde vielleicht zweifeln, ob er hier den Händel, an\nden er im Messias oder im Acis, im Israel oder Allegro,\nim Timotheus oder Samson gewöhnt worden ist,\nfinden werde. Er wird manches gewöhnliche Recitativ an-\ntreffen ; er wird kaum Eine Arie entdecken, die sich vorzugs-\nweise durch liebliche Melodie einschmeichelte; er wird nur\nwenige Chöre von jener populären Verständlichkeit finden,\ndie ihres Erfolges immer so gewiss ist. Die Texte und die\nTonsätze fehlen hier fast ganz, mit denen sich die Musik,\nauch die Händel'sche, sonst am sichersten in die"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5623, "texte": "Herzen bahnt. Nichts von der zierlichen Eleganz, wenn\ndie Arien im Ausstrich sind; nichts von der modernen\nFärbung, die uns die Einzelsänger im Allegro so nahe\nrückt; nichts von dem elegischen Schmelz, der uns im Sam-\nson so ergreift; nicht einmal ein Klage- oder Trauerchor,\nohne den man sich einen tragischen Stoff bei Händel schwer\nnur denken kann; nichts Sentimentales überhaupt, nicht\nim schlechten Sinne, in dem es Händel überall vollkommen\nfremd ist, aber auch nicht im besten Sinne verstanden, wo\ndas Wort die weiche, innigste Gefühligkeit bezeichnen\nkönnte, durch die uns Händel fast so bis ins Mark zu er-\nschüttern weiss. Aber warum von allem dem nichts? Weil\nsich die Handlung nicht um das innere Gemüthsleben einer\noder einiger Personen bewegt, deren Seelenlage uns allen\nvon selbst verständlich ist, weil sie sich nicht um häusliche\nExistenzen dreht, die uns einfach nahe liegen, weil sie viel-\nmehr ein grosses Geschichts-Gemälde bildet, wo zwei han-\ndelnde Völker und ein leidendes in einem vernichtenden\nStosse auf einander treffen, und wo die vier oder fünf\nEinzelfiguren uns wie die Vertreter dieser Völker und die\nTräger der geschichtlichen Action erscheinen, ohne dass\nisolirte Leiden- und Eigenschaften und individuelle Motive\nin ihnen mit besonderem Nachdruck hervorträten. Dem-\ngemäss bewegt sich nun der ganze Gang des Oratoriums\nin einem raschen Massenzuge, durch den der Hörer wie\nvielleicht in keinem anderen Händel'schen Werke drama-\ntisch aufgeregt und fortgerissen wird. Der gewaltige Her-\ngang duldet kein Verweilen und kein gemüthliches Ver-\nsenken auf einzelnen Theilen; man wird in den Strom der\ngrossen Handlung, in die Katastrophe des Falles von Ba-\nbylon und seines Königs, mitgezogen, ohne sich durch\neinen pathologischen Antheil an einzelnen Situationen fest-\ngehalten zu sehen; die Darstellung wirkt bloss durch die\ngesunde Frische und Wahrheit, die treue Localfärbung,\ndie Gegenständlichkeit der historischen Auffassung und\nSchilderung, das will immer wieder sagen: durch nichts\nEinzelnes, sondern nur durch das Ganze. Und so ganz und\nEins ist denn auch der Eindruck, den man empfängt: man\ngeht wie aus einem grossen, erhebenden Zeitereignisse da-\nvon, weniger in sich gewiesen, als aus sich herausgerissen,\nerfrischt durch die wunderbare Kraft und Gewalt, womit\ndieses grossartige Werk uns vom Anfange an erfasst und\nbis zum Ende nicht loslässt.\nEin so angelegtes Geschichts-Drama kann nur eine\nso bezweckte Wirkung unmöglich anders als durch eine\ngewisse Fülle, durch Massen hervorbringen. So gewiss die\nShakespeare'schen Historien einen halbwegs verständigen\nRegisseur am wenigsten anreizen können, viel Scheere an-\nzulegen, so gewiss sollte ein Werk wie der Belsazer von\njeder unnöthigen Castration mehr als viele andere zurück-\nschrecken. Gleichwohl ist auch dieses Werk in Mosel'»\nBearbeitung nur ein Gerippe geblieben. Die Einzel-Gestal-\nten darin sind zu nichtssagenden Schatten geworden; einer\njeden ist, wie dem Samson, alles entzogen, was der Künst-\nler sorgsam angewandt hat, um aus ihnen feste, lebenvolle\nFiguren, wie plastisch gemeisselt, zu bilden. Wenn man\ngleichwohl nicht sagen kann, wie beim Samson, dass mit\ndiesem Verfahren auch dem ganzen Werke der Kern ge-\nraubt sei, so liegt dies darin, dass die Handlung sich nicht\nauf Eine Einzelfigur concentrirt, wie dort; es liegt darin,\ndass die Völker-Katastrophe, die den Kern dieser Hand-\nlung bildet, sehr wesentlich durch die Chöre charakterisirt\nund dargestellt wird, die hier in der Ueberzahl mehr dra-\nmatisch in die Handlung eingreifen, als sie nur betrachtend\nbegleiten; es liegt darin, dass die Chöre (mit Einer Aus-\nnahme) alle nur vollständig aufgenommen sind. Die voll-\nständigere Beibehaltung der Chöre ist in unseren deutschen\nBearbeitungen Händel'scher Werke Methode. Auch darü-\nber möchte es an derZeit sein, eine Bemerkung zu machen.\nDie Methode beruht auf einem alten Aberglauben, der sich\nüber die Händel'sche Kunst seit einem Jahrhundert ausge-\nbreitet und behauptet hat, wie sich Andere über Shake-\nspeare's Dichtung durch zwei Jahrhunderte und länger fort-\ngepflanzt haben: Händel's Chöre seien immer vortrefflich,\nimmer wirkungsvoll, nicht so seine Arien. So ist es gesagt\nworden, so schwatzt es Einer dem Anderen nach. Wer die\nharmonistische contrapunktische Kunst als den kostbareren\nTheil der Musik ein- für allemal bevorzugen will, der hat\nzu dieser Ansicht einen Grund, dem nicht zu widersprechen\nist. Wer über diese scholastische Einseitigkeit hinweg ist\nund die Tonkunst auf ihren geistigen Gehalt ansieht, der\nwird von jenem Satze, wenn denn unterschieden werden\nmüsste, das gerade Gegentheil aussagen. Es liegt in der\nNatur der Sache, dass die Seelenbewegungen, an denen\ngrössere Massen Theil haben können, sich nur auf einen\nengen Kreis von allgemeinen, man möchte sagen: gröberen,\nEmpfindungen und Leidenschaften beschränken müssen,\nwährend das, was in der Mannigfaltigkeit der Individuen, in\ndem inneren Einzelleben der verschiedensten Menschen-Na-\nturen vorgeht, ein durchaus unermessbarer und unerschöpf-\nlicher Stoff ist. Haben wir daher mit einem Melo-Poeten\nzu thun, dem die Kunst der Seelenmalerei überhaupt eigen\nist, so spricht ganz unbesehen alle Vorvermuthung dafür,\ndass seine Arien sowohl tiefer als weiter greifen werden,\nals seine Chöre. Und so ist es bei Händel. Er wahrlich hat\nden Gegenständen für seine Chöre so reiche Ausdehnung\nund Vielseitigkeit zu geben gewusst, wie Einer; er hat in\neiner ganz eigenthümlichen Gattung von reflectiven Chö-\nren, in denen er irgend einer Leidenschaft, wie der Eifer-\nsucht (im Hercules) oder dem Neide (im Saul), eine sitten-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1894, "texte": "richterliche Betrachtung widmet, die geistige Sphäre des\nChors ungemein erweitert; er hat sich manchmal durch\neine recitativische Behandlungsweise, dann wieder (wie hier\nim Belsazer und im Samson) durch die Unterscheidung\nverschiedener Volks-Individuen und ihrer Charaktere ganz\nneue Wege zu öffnen verstanden; dennoch kann dieses\nalles in keiner Weise den Reichthum psychologischer Auf-\ngaben erreichen, der in der unendlichen Mannigfaltigkeit\nder Seelenlagen einzelner sittlicher Wesen für die künst-\nlerische Darstellung gelegen ist. Dem Schreiber dieses\nwäre es vollständig ausser jedem Bedenken, dass, wenn er\nEines von Beiden, Händel's Arien oder Chöre, zum Opfer\ngeben müsste, er die Arien festhalten würde. Nur dass ihm\nder Zusammenhang, in dem sie stehen, mit erhalten blei-\nben müsste. Denn das ist wahr, dass auch sie zum grossen\nTheile ihren Hauptwerth nur in und aus dem Ganzen er-\nhalten. Man kann eine Menge Arien aus Händel's Orato-\nrien ausheben, die, wenn der Hörer über Sache und Per-\nson, über Ort, Zeit und Gelegenheit nicht orientirt ist, sehr\nkalt lassen mögen, die aber, an der richtigen Stelle gehört,\nCharakter-Gemälde von solcher Tiefe enthalten, dass man\nsie um viele andere, melodisch vielleicht unvergleichlich\nviel anziehendere Stücke nicht hingeben würde.\nAus der Achtung der Händel'schen Chöre ist es ge-\nkommen, dass wir in dem deutschen Belsazer wenigstens\ndas Gerippe vollständig behalten haben; aus der Missach-\ntung der Arien ist der Bearbeiter dazu gelangt, dass die\nmeisterhaften Charakteristiken des Gobrias, Cyrus, Belsa-\nzer,Daniel und der Nitocris so gut wie ausgetilgt sind. Dreien\ndieser Figuren ist je nur eine einzige, nach zufälliger Wahl\ngegriffene Arie geblieben, wo ihnen im Original 4—6\nzugetheilt sind; der Belsazer hat anderthalbe behalten, der\nGobrias aber ist mit Haut und Haaren verschwunden, wie\nim Samson der Harapha.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-03-13-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-03-13_01#c003", "volume": "bmtnabi_1858-03-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "85", "page_fin": "87", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.2.3", "titre_corps": "Die heilige Tonkunst.", "titre_sommaire": "Die heilige Tonkunst.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.1.5", "debut_caractere": 1896, "fin_caractere_exclue": 5162, "texte": "Die heilige Tonkunst.\nI.\nGesang und Tonspiel gehören so wesentlich zu den\nschönen Gottesdiensten des Herrn, von denen der Psalmist\nmit Entzücken redet (Ps. 27. 4.), dass sie von Alters her\nauch in der christlichen Kirche als edler Schmuck gehal-\nten sind. Früh beweiset dieses die altchristliche Baukunst,\nwelche gleich Anfangs dahin zielte, für Schall und Ton\nakustische Räume zu gewinnen. So stehen die hallenden,\ntonreichen Gewölbe gegenüber den griechischen rechtwin-\nkelig und würfelig gebauten Tempeln, welche nur dem\nplastischen Zwecke dienten, die Götterbilder zu wahren\nund aufzustellen und heilige Gerätschaften zu bergen, da-\ngegen der lebenden Tonseele des Wortes und Liedes gar\nwenig Spielraum boten, weil das Heidenthurn eben keine\nVerkündigung des Wortes im Bekenntnisse hat. Glaube\nund Lehre gehören wesentlich der Offenbarung des leben-\ndigen Gottes an: sie wenden sich ans Gemüth durch das\nOhr, daher der Apostel (Rom. 10., 17.) ausdrücklich her-\nvorhebt, wie der Glaube durchs Gehör eingehe.\nIn diesem Sinne hegte schon die alt-apostolische Kirche\nden Grundsatz, dass sich in Wort uud Gesang der Cultus\ndes lebendigen Gottes erfülle, uiv! die morgenländische\nLiturgie gliederte sich in den redenden und singenden Theil.\nDes Priesters Reden bringen die göttlichen Gaben in Wort\nund Sacrament, in Verlesung der heiligen Schriften und\nlehrender Betrachtung über sie; des Chors Antwort ist die\nGegengabe des Volkes: das Opfer des Herzens in Busse,\nBitte und Dank, im Kyrie\nSanctus, bald demüthig, bald in aufgeschwungenem\nTriumphtone.\nDie schöpferische Lust des Menschen, das lebendigste\nZeichen seiner Gott-Ebenbildlichkeit, äussert sich nirgend\nfreier und ursprünglicher, als im Bereich der schönen Kunst.\nWie nach dem Worte des Weisen die Poesie die Mutter-\nsprache aller Völker, so ist überhaupt von aller schönen\nKunst zu sagen, dass sie die Quelle aller selbstständigen\nWerke des Menschengeistes sei. Die Wirkung der schönen\nKunst aber ist vermöge der verschiedenen Grundrichtung\nihrer Meister eine zwiefache. Die ältere oder ursprüngliche\nArt ist dem Heiligthume entsprungen, ihm zu dienen be-\nflissen und bestimmt; wir nennen sie die verklärende\nKunst, weil sie, in freiem Gehorsam dem Göttlichen hinge-\ngeben, irdische Dinge in die Klarheit hebt, welche der Seele\nHeimat ist. Die spätere Kunst ist abgeleitet aus der\nDienstbarkeit an die Dinge dieser Welt; sie versenkt sich\nin die eigenthümliche Besonderheit der irdischen Gestalten,\nnachahmend, spielend, träumend, witzig und lustsinnig sie\nzu begleiten; aus diesem lieblich täuschenden Spiel gestal-\ntet sich die verzierende Kunst.\nAlle Künste bewegen sich in dieser zwiefachen Erschei-\nnungsweise. Beide Richtungen berühren einander, nehmen\nund geben sich wechselseitig; doch bleibt die erstgeborene,\ndie verklärende Weise immerfort die königliche, heilige\nund typische, das Kleinod der Volksseele; sie ist überwie-\ngend die schöpferisch spendende, und nur an ihrer Hand\nkann sich die jüngere Kunst, sobald sie erkrankt und ent-\nartet ist, wieder erheben zur Genesung.\nAn beiden Grundrichtungen hat begreiflich auch die\nTonkunst Theil, so auch an ihren Vermischungen, indem\nVerklärung und Verzierung, ideale und realistische, mysti-\nsche und verständige Anwendung der Tongebilde, vornehm-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5209, "texte": "0\nlieh in neuerer Zeit, die Tonwerke durchwaltet. Jener Ge-\ngensatz aber ist nicht ohne Weiteres als Gegensatz des\nHeiligen und des Weltlichen zu fassen; denn in beiden Ge-\nbieten— der religiösen und der bürgerlichen Kunst fin-\nden sich beide Wirkungsarten, die verklärende und die\nverzierende, bald rein auftretend, bald vermischt in Wech-\nselberührung.\nSo treten nun auch in der heiligen Tonkunst jene Ge-\ngensätze auf, und zwar in*selbstständiger Weise einander\nbekämpfend. Ambrosius führte zu Ende des vierten Jahr-\nhunderts den melodischen Kirchengesang ein, Gregor ius\nder Grosse zwei Jahrhunderte später den psalmodischen.\nMelodie und Psalmodie sind die tonische Aussprache jener\nGrundrichtungen, hierzugleich einen kirchlich-dogmatischen\nGegensatz in sich tragend; denn der realistisch-asketische\nGregor führte die Psalmodie ein, weil ihm das mystische\nIdeal des Ambrosius eine heidnische Verführung dünkte.\nAmbrosius nämlich hatte zu der Zeit, als die Kirche,\nso eben aus den heissen Kämpfen ihrer ersten Jugend gene-\nsen, eine Freistatt in dieser Welt gefunden, den Volksge-\nsang als Zeichen der triumphirenden Kirche hingestellt,\ndessen Zeugnisse noch jetzt in der abendländischen Christen-\nheit fortwirken. Der ambrosianische Gesang ist der so ge-\nnannte Cantus figuralis,melodisch figurirt, d. h. liedhaft\ngebildet, liedförmig gegliedert. Von ambrosianischen Ge-\nsängen dauern bis in unsere Zeit:\nTe Deum Herr, Gott, Dich loben wir,\nVenißedemptor gentium = Nun komm' der Heiden\nHeiland,\nA solis ortus cardine = Christum wir sollen loben schon,\n0 lux beataTrinitas Der Du bist drei in Einigkeit,\nvon denen die edel einfältige Weise Veni Redemptor noch\nheute vielen evangelischen Liedern zu Gruude liegt. Dass\naber Ambrosius Volksgesang, nicht Priesterchor allein\nbetrieben, wird bezeugt durch Augustinus in Confess. 9,\n2.; es ward also damals in der allrömischen Kirche der\nevangelische Satz vom allgemeinen Priesterthum bekannt\nund der Volksgesang gehegt.\nGregor gebot dem Volke Schweigen und beschränkte\nden Gesang auf den Priesterchor. Statt des melodischen\nCantus figuratus führte er den Cantus firmus ein, auch\ngenannt Cantus planus oder cwelcher in der psal-\nmodirenden (psallirenden) oder recitativischen Art gesun-\ngen wird. Hier wiegt der logische Wort-Inhalt über; das\nTonwesen steht lediglich im Dienste des Wortes, nicht\nin freier Schönheit wirkend, sondern erläuternd, nicht ver-\nklärend, sondern zierend.\nBeide Weisen, die Liedform und das Recitativ, die wir\nals freie und dienende oder als mystische und verständige\nSeite der Tonübung erkennen, ergänzen einander, so je-\ndoch, dass die Liedform, d. h. das melodische Tonbild, im-\nmer das überwiegende sei, das verständig redende Recita-\ntiv dagegen nur zeitweilig eintrete. Ein grösseres Ganzes\n—Motett, Oper, Oratorium könnte weit eher ohne Re-\ncitativ bestehen, als ohne Melodie. Aber es kann auch das\nMelisma, das melodisch gestaltete Tongebilde, ineinüeber-\nmaass gcrathen, welches der Wahrheit Eintrag thut; hier\ntritt der nüchterne Verstand als Wächter ein, und demnach\nist der Einlluss der Gregorianischen Sangweise der Ent-\nfaltung heiliger Tonkunst nicht ungünstig gewesen. Das\nüberwuchernde Melisma war in Gefahr, der weltlichen\nSinnenlust zu unterliegen; das lautere Verständniss litt unter\ndem überkünstlichen selbstständigen Tonspiel. Der Wort-\nverstand musste nun aus der Tonfülle gleichsam befreit\nwerden, der Ton nicht mehr das Wort tyrannisch beherr-\nschen; daher es unter die Regeln aufgenommen ward,\nEiner Sylbe hinfort nur Einen Ton zuzugestehen.\nDie alte Geschichte der Tonkunst ist uns aber, jene\nluftigen Grundstriche abgerechnet, viel zu wenig aufgeklärt,\nals dass wir darüber gründlich urtheilen könnten; unsere\nKenntniss derselben, fast nur auf späten Zeugnissen syste-\nmatischer, auch polemischer Lehrgebäude beruhend, trägt\nüberall Spuren von Ungenüge. So sind die Namen „ambro-\nsianischer, gregorianischer Gesang\" gleichsam mythische\nTypen geworden, deren Sinn etwa mit dem oben benann-\nten Gegensatze bezeichnet, aber nicht erschöpft ist. Erst\nvom 11. —l2. Jahrhundert an werden die Berichte voll-\nständiger und klarer. Vorzüglich sind es deutsche Meister,\ndie, auf jenen ältesten Grundlagen fortbauend, im Jahrhun-\ndert vor der Reformation jene neuen Bahnen entdeckten,\nauf denen die spätere Tonkunst beruht: die Harmonie, die\nRhythmik und den Contrapunkt.\nZwischen 1400—1500 ist zunächst die harmonische\nKunst und Lehre begründet, und zwar vornehmlich durch die\nniederdeutschen Meister in Rom und Venedig; Dufay,\nOckenheim, Josquin, Willaert sind in Italien hochgeachtete\nLehrer und Capellmeister gewesen, ihre Schüler sind u. A.\ndie Italiäner Palestrina, Vittoria und Gabrieli. Die Harmonie\nberuhte auf der Regel der Kirchen töne modi oder\ntropi das heisst in unserer Sprache Tongeschlechter oder\nTonleitern. Während wir deren zwei haben, Dur und Moll,\nbesass die ältere Kunst deren fünf, die durch gewisse Ver-\nsetzungen und künstliche Erweiterungen auf 8 oder 12 ver-\nmehrt wurden. Es sind, wie den gelehrten Musikern bekannt\nist, vornehmlich fünf Tonarten (Tonleitern) gebräuchlich ge-\nwesen : die dorische . . defgahed,\n„ phrygische . . e f\n„mixolydische . .\n„äolische\n„ ionische c de f g a h c,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1579, "texte": "die lydische f / kam nicht vor, weil die Quarte\n/ hfür die alten Dreiklangs-Harmonieen unbrauchbar\nwar. Von den übrigen Tonarten sind die zwei letzten un-\nserem Moll und Dur ähnlich, jedoch im Harmonischen oft\nanders gestaltet. Da nun aber, ohne alte Partituren zu le-\nsen und lebendige Beispiele hörend zu vernehmen, keine\nAnschauung der Kirchentöne möglich ist, so genüge hier\nzum vorläufigen Verständniss, dass viele unserer schönen\nalten Liedweisen noch heute auf jenem Grunde der Kir-\nchentöne stehen, z. B. die\ndorischen Weisen: Nun komm' der Heiden Heiland,\nWir glauben all an Einen Gott,\nChrist ist erstanden,\nChrist unser Herr zum Jordan kam;\nphrygischen „ Ach, Gott vom Himmel,sieh darein,\nAus tiefer Noth schrei' ich zu Dir;\nmixolydischen„ Gelobet seist Du, Jesu Christ,\nEs ist das Heil uns kommen her;\näolischen „ Te D\nHerzliebster Jesu;\nionischen „ Ein' feste Burg,\nAllein Gott in der Höh' sei Ehr'.\nDer Harmonie gleichzeitig ward eine feste Rhythmik er-\nfunden, welche in den Grundmaassen der Zwei- undDrei-\ntheiligkeit sich bewegte und diese Maasse anschaulich\nmachte durch eine verständliche Notenschrift. Auf diesem\nGrunde nun ist die Kunst des Contrapunktes erbaut,\ndessen ursprüngliche Bedeutung\ncomponere Note gegen Note setzen) sich bald dahin er-\nweiterte, die Regel der künstlich verbundenen Melodieen\nzu werden, dergestalt, dass dieselbe Melodie, in verschie-\ndenen Tonhöhen und zu verschiedenen Zeiten in verschie-\ndenen Stimmen erscheinend, ein grösseres Gesammt-Ton-\nbild erzeugte; so sind Canon und Fuge der Ausgangs-\npunkt der neueren Musik geworden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-03-13-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-03-13_01#c004", "volume": "bmtnabi_1858-03-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "87", "page_fin": "87", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.2.4", "titre_corps": "Aus Leipzig.", "titre_sommaire": "Aus Leipzig.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.1.7", "debut_caractere": 1581, "fin_caractere_exclue": 3715, "texte": "Aus Leipzig.\nIm neunzehnten Gewandbaus-Concert am 2Februar wurde\nKarl Reinthaler's Oratorium „Jephta und seine Tochter\" unter\nLeitung des Componisten aufgeführt. Die Aufführung eines ganzen\nOratoriums gehört in diesen Concerten und überhaupt bei uns zur\nSeltenheit; wenn ich mich nicht irre, so haben wir seit der ersten\nAufführung von Elias, deren erste Proben Mendels-\nsohn noch geleitet hatte, die aber, durch seinen Tod unterbrochen,\nerst den 3. Februar 1848 zu Stande kam, kein Oratorium mehr im\nGewandhause gehört. Der beschränkte Kaum, der die Entfaltung\ngrosser Chormassen hindert, muss hauptsächlich dabei in Betracht\ngezogen werden.\nDer diesmalige Chor bestand aus der Sing-Akademie, Mitgliedern\ndes Pauliner-Vereins und den Thomasschülern. Er wTar vortrefflich\neinstudirt. Die Soli wurden von Herrn Sabbath (Jephta), Herrn\nOtto (Tenor), Beide Mitglieder des Dom-Chors zu Berlin, den Da-\nmen Fräul. Mandl Frau Dreyschock (Alt) und Fräul.\nKoch iu dem Ensemble-Solo gesungen.\nDie Ausführung war unter der sicheren und gewandten Leitung\ndes Componisten präcis. Der Chor that das Möglichste, und wenn\nan manchen Stellen die Kraft des Orchesters den Chor überragte, so\nist das ein Umstand, der nach den örtlichen Verhältnissen nicht\nwohl zu ändern ist.\nVon den Solisten verdient Herr Sabbath vor Allen rühmliche\nErwähnung; er führte die grosse Partie mit Verständniss und Wärme\ndurch. Auch Herr Otto (Ephraim) brachte namentlich die Scene im\nzweiten Theil zu schöner Geltung. Ob Fräul. Mandl der Sopran-\nPartie vollkommen genügte, wage ich nicht zu entscheiden. Sie sang\ncorrect und nicht ohne recht glückliche Momente besonders in -den\nzarteren Partieen des zweiten Theils; allein es schien, als wenn es\n% *\nihr zuweilen an Grösse des Ausdrucks und lebendiger Frische des\nVortrags fehlte.\nDas Oratorium wurde vom Publicum mit grosser Wärme aufge-\nnommen. Dem Componisten wurde am Schlüsse des ersten Theils\nund besonders auch nach dem Ende des Ganzen lebhafter Beifall\nund Hervorruf zu Theil, was um so ehrenvoller für ihn ist, da es\nsonst hier nicht Sitte ist, Oratorien-Aufführungen mit Beifalls-Aeus-\nserungen zu begleiten.\nA"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-03-13-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-03-13_01#c005", "volume": "bmtnabi_1858-03-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "87", "page_fin": "87", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.2.5", "titre_corps": "Aus Amsterdam.", "titre_sommaire": "Aus Amsterdam.", "signature_source": "t", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.1.7", "debut_caractere": 3717, "fin_caractere_exclue": 6160, "texte": "Aus Amsterdam.\nt.\nDie Gesellschaft zur Beförderung der Tonkunst führte am 24.\nFebruaif im grossen Parksaale das Oratorium Elias von Mendels-\nsohn-Bartlioldy zum Besten ihres Pensionsfonds auf. Die Aufführung\ngewährte einen grossen Kunstgenuss, da Alles auf gelungene Weise\nzusammenwirkte, um ihn dem versammelten Publicum zu verschaf-\nfen. Herr DuMont-Fier aus Köln sang die Haupt-Partie mit Si-\ncherheit, Kraft, Ausdruck und Gefühl. Seine herrliche wohlklingende\nStimme tönte bezaubernd durch die grossen Käume; tiefe Auflassung\nund begeisterter Vortrag brachten die Schönheiten der grossartigen\nComposition zu vollkommener Geltung. Der lebhafteste Beifall lohnte\nseiner vortrefflichen Kunstleistung; nach der* grossen Arie im zweiten\nTheile wurde er zwei Mal gerufen.\nFrau Offermans van Hove sang die Sopran-Partie. Ihr klang-\nvoller, sympathischer hoher Sopran, eine gute musicalische Bildung\nund seelenvoller Vortrag haben ihr die Gunst der Musikfreunde in\nHolland mit Recht gewonnen. Auch dieses Mal zeichnete sie sich aus\nund erwarb besonders durch den Vortrag der Arie: „Höre, Israel!\"\nBeifall. Nicht weniger entzückte Fräul. Alberding -Thym durch\nden herrlichen Vortrag der Alt Soli die Zuhörer. Sie können denken,\ndass wir Amsterdamer darauf sind, eine Sängerin zu besitzen,\nwelcher die Auszeichnung geworden, auf dem letzten niederrheini-\nschen Musikfeste zu Aachen eine Solo-Partie auszufüllen. Auch hat\nsie Aller Herzen ergriffen und einen wahren Sturm von Beifall er-\nregt. Die schöne Tenorstimme des Herrn Tenbergh (,atich\nein hiesiger Dilettant) trug ebenfalls viel zum Gelingen des Ganzen\nbei, wie denn auch Fräul Froschardt und einige andere Dilet-\ntanten in den mehrstimmigen Solosätzen auf erfreuliche Weise mit-\nwirkten.\nDie Chöre waren gut eingeübt und sangen sicher, kräftig und\nwohlklingend; das Orchester wirkte präcis und mit Aplomb. Herr\nEichard Hol, ein junger Künstler voll Talent, Flciss und Beschei-\ndenheit, hatte die Proben mit Eifer geleitet, fand sich zum ersten\nMale an der Spitze einer so grossen Armee von Musikern und hatte\nin so fern einen schweren Stand. Um so lohnender war der Erfolg\nfür ihn, da er das Ganze auf ausgezeichnete Weise leitete.\nDas Publicum war leider nicht so zahlreich, a's man gewünscht\nhätte, da die Geldkrisis die Gemüther beengt und die Lust an der\nTonkunst bei Vielen in den Hintergrund drängt; aber es war sehr\nempfänglich, und die allgemeine Stimmung desselben recht aufgeregt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-03-13-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-03-13_01#c006", "volume": "bmtnabi_1858-03-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "88", "page_fin": "88", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.2.6", "titre_corps": "VI. und VII. Gesellschafts-Concert in Köln im Hauptsaale des Gürzenich.", "titre_sommaire": "VI. und VII. Gesellschafts-Concert in Köln im Hauptsaale des Gürzenich.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5498, "texte": "VI. und VII. Gesellschafts-Concert in Köln\nim Hauptsaale des Gürzenich.\nDinstag den 2. uud Dinstag den 9. März.\nDas Programm des VI. Gesellschafts-Concertes war sehr\neinfach, indem es als erste Abtheilung den „Frühling\" und den „Som-\nmer\" aus Haydn's Jahreszeiten, und als zweite Beethoven1 s A-\ni/ur-Sinfonie enthielt. Haydn's unvergänglich frische Musik verfehlte\nnamentlich in den Chören ihre Wirkung nicht; seine beiden Orato-\nrien bleiben auf ewige Zeiten die schönsten Muster der Verschmel-\nzung des contrapunktischen und melodischen Stils. Im Ganzen er-\nreichte jedoGh die diesmalige Aufführung weder den Schwung noch\ndie Präcision, die wir sonst bei den Leistungen unserer vereinigten\nChor- und Orchesterkräfte gewohnt sind. Der Vortrag der Soli gelang\nauch nur theilweise; Fräul. Deutz war einiger Maassen befangen und\nvon der Reise nach Bremen und Oldenburg etwas angegriffen, so\ndass sie auch die Einladung nach Hamburg nicht annehmen konnte\nHerr Göbbels (Tenor) sang in der Probe viel besser als im Con-\ncerte, und Herr Schiffer (Bassj schien gar nicht gut disponirt zu\nsein, so dass er, abgesehen von dem monotonen Vortrage, auch einen\nRückfall in die alte Schwäche des Tremolirens bekam, von welcher\nwir ihn längst geheilt glaubten.\nDie Ausführung der Sinfonie von Beethoven stand gegen frühere\nebenfalls zurück; besonders im Finale fehlte es dem Orchester an\nRuhe und Festigkeit. Das grosse Local, die Verstärkung des Quar-\ntetts, die gedehnte Aufstellung das alles sind noch ungewohnte\nDinge. Das präcise Zusammenspiel ist dadurch schwieriger geworden.\nDas Programm des VJI. Gesellschafts-Concertes lautete:\nI. 1) Sinfonie in C-moll von L. Spohr; 2] Tantum ergo für Chor\nund Orchester von Cherubini; 3) Concert für Pianoforte in G-moll\nvon Mendelssohn, vorgetragen von Herrn Alex. Dreyschock.\n11. 4) Ouvertüre (Nachruf an ***) von Joachim; 5) Spinnerlied\nund Rhapsodie von A. Dreyschock; 6) Hymne für Chor und Or-\nchester von G. F. Händel; 7) Concertstück von C. M. von We-\nber, gespielt von A. Dreyschock.\nDie Verehrer Spohr'scher Musik waren erfreut, endlich einmal\nwieder eine Sinfonie des trefflichen Meisters zu hören, und sie hat-\nten die Freude, dass sie gut ausgeführt und von dem Publicum mit\nwiederholten Beifallsbezeugungen aufgenommen wurde. War es Zu-\nfall oder Absicht, dass in demselben Concerte auch von dem Violi-\nnisten, der das grossartige Spiel Spohr's fortsetzt, ein Orchesterwerk\naufgeführt wurde? Joachim's Ouvertüre hat uns in vieler Hinsicht\nangenehm überrascht, wenngleich wir offen gestehen, dass sie bei\neinmaligem Hören uns nicht ganz klar geworden ist. Einen einheit-\nlichen Charakter spricht sie allerdings aus; das Streben nach der\nbestimmten Ausprägung desselben verleitet jedoch leicht zu einer\ngewissen Monotonie, was uns auch bei diesem jedenfalls recht in-\nteressanten Werke in etwa der Fall gewesen zu sein scheint.\nDas Tantum ergo von Cherubini ging fast wirkungslos vorüber;\nerst am Schlüsse, wo die vier Stimmen zusammentreten, erkennt man\nCherubini wieder. Der Hymnus von Händel: „Zadock u. s. w. salb-\nten Salomo zum König\", componirt im Jahre 1727, machte einen\nerhebenden Eindruck.\nDer Held des Abends war natürlich Alexander Dreyschock,\nden wir hier seit fünfzehn Jahren nicht wieder gehört hatten. Dass\ner einen wahren Enthusiasmus erregte, wird allen denen, die ihn in\ndea letzten Jahren gehört haben, weder neu noch unbegreiflich schei-\nnen, da das Unbegreifliche hier allein das wundervolle Spiel des\nKünstlers ist. Dieses vereinigt die gediegene Clementi'sche Schule\nmit der Virtuosität des modernen Pianisten, und stellt uns auf diese\nWeise ein Bild des vollkommenen Ciavierspiels dar. Jener Schule,\ndie ihren Gipfelpunkt in Hummel erreichte, verdankt es die wunder-\nbare Gleichheit, Rundung und Reinlichkeit der Tonleitern und der\ngebundenen Figuren im schnellen Tempo, bei deren Ausführung,\nmögen sie sich noch so oft wiederholen, kein Ton auch nur die lei-\nseste Abweichung von dem anderen in Bezug auf Stärke oder Schwäche\ndes Anschlags und Klanges hat, mag ihn von den Fingern, welcher\nes auch sei, erzeugen; dieser, der Modernität, gehört die Kraft des\nAnschlags, die Sicherheit der Harpeggien, Sprünge und Accordscliläge,\ndie Vollgriffigkeit, die fabelhafte Rapidität der Octaven u. s. w. an.\nTonleitern? wer gibt da noch etwas darauf? die gehören zum über-\nwundenen Standpunkte; der heutige Ciavierschwindel bedarf ihrer\nnicht mehr! Neben diesen Vorzügen einer unübertroffenen Tech-\nnik hat aber Dreyschock auch die Nuancirung des Tones und das\nausdrucksvolle Melodiespiel in der Gewalt, wie dies besonders der\nVortrag des Adagio's in dem Concerte von Mendelssohn zeigte, und\ndie Steigerung der Tonstärke, wie er sie z. B. am Schlüsse der In-\ntroduction des Weber'schen Concertes ausführt, haben wir bis jetzt\nfür unmöglich auf dem Pianoforte gehalten. Es war dies bei C. M.\nvon Weber selbst eine Bravour, in welcher er als Spieler excellirte,\nund wir erinnern uns seines Spiels sehr gut; um so mehr waren wir\nüber die wahrhaft orchestermässig anschwellende Kraft des Crescendo al\nfurtissimo bei Dreyschock erstaunt. Schliesslich wollen wir nur noch\ndie rühmenswerthe Entsagung auf die Hülfe des Pedals erwähnen,\ndie heutzutage so oft bei Verlegenheiten und Schwierigkeits-Krisen\niu Anspruch genommen wird. Dreyschock ist auch in der Anwen-\ndung des Pedals ein Meister, er gebraucht es nur da, wo es den\nKlang wirklich harmonisch erhöht, niemals aber da, wo es der Deut-\nlichkeit auch nur im Geringsten Abbruch thun würde."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-03-13-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-03-13_01#c007", "volume": "bmtnabi_1858-03-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "88", "page_fin": "88", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.2.7", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.1.8", "debut_caractere": 5500, "fin_caractere_exclue": 6189, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln, 12. März. Am Abend des 11 März hatte der Vorstand\ndes „städtischen Gesang-Vereins\" ein Abschiedsfest zu Ehren des\nHerrn Musik-Directors Karl Reinthaier veranstaltet, welches im\nCasinosaale die Freunde desselben und die Vertreter der hiesigen\nKunst-Institute vereinigte. Rein thaler hat über vier Jahre als Ge-\nsanglehrer an der Rheinischen Musikschule und in den Kreisen der\nKunstfreunde und als Dirigent des genannten Gesang-Vereins, zuletzt\nauch des „Sängerbundes\", hier gewirkt und sein Oratorium Jephta\nhier zur grösseren Hälfte geschrieben. Wir verlieren ihn ungern und\ngeleiten ihn mit den besten Wünschen für seine neue Wirksamkeit\nnach Bremen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nUeber Aufführungen und Bearbeitungen Händerscher Oratorien. (Belsazer.) Die heilige Tonkunst. I. Au«\nLeipzig (Aufführung von Reinthaler's Jephta im Gewandhaus-Concerte). Von A. Aus Amsterdam (Aufführung von Mendelssohn's Elias).\nVon —t. Sechstes und siebentes Gesellschafts-Concert in Köln. Alex. Dreyschock. Tages- und Unterlialtungsblatt (Köln,\nAbschiedsfest für Herrn Karl Keinthaler).\n\nUeber Aufführungen und Bearbeitungen Händel’scher\nOratorien.\n(Belsazer.)\nWir gehen der Säcularfeier von Händel's Todesjahr\nentgegen. In England sind dazu schon seit vorigem Jahre\ngrosse Vorbereitungen und Einleitungen getroffen worden;\nhoffentlich wird auch in Deutschland manches Erfreuliche\nund Anregende, zunächst und am natürlichsten durch Auf-\nführungen Händel'scher Werke, dafür gethan. Vielleicht\nist es nicht zu früh, schon jetzt die Aufmerksamkeit der\nmusicalischen Directionen auf diesen Gegenstand zu lenken.\nDabei liegt es gewiss sehr nahe, den Wunsch auszuspre-\nchen, dass doch dieser Anlass an recht vielen Orten er-\ngriffen werden möchte, um in dem deutschen Volke die\nKenntniss Händerscher Werke durch neue Vorführung\nunbekannter Stücke möglichst zu erweitern, oder durch\nvollständigere -Aufführung mancher nur halb bekannten\nOratorien zu berichtigen. Des neuen Materials ist doch\nmancherlei beschafft und mancherlei auf dem Wege. Itühl's\nClavier-Auszug zum Allegro ist bekannt, aber noch wenig\nbenutzt; in Simrock's Octav-Ausgabe Händel'scher Ora-\ntorien sind Debora und Acis und Galathea erschienen und\ndie Ode auf den Cäcilien-Tag, wenn wir nicht irren, in\nArbeit; Jul. Meyer's Clavier-Auszug zu Esther steht zu er-\nwarten; die deutsche Händel-Gesellschaft hat für dieses\nJahr die Partituren zu Acis und zur Susanna versprochen,\nund wird vielleicht noch rechtzeitig für nächstes Jahr den\nHercules und die Athalia ausgeben. Eben so neu wie diese\nNeuigkeiten wären aber noch einige schon lange bekannte\nund weit verbreitete Oratorien dem deutseben Publicum\nzu machen, wenn man sich die gewiss höchst lohnende\nMühe geben möchte, einige dieser kostbaren Händel'schen\nWerke aus der furchtbaren Verunstaltung, die sie jetzt\ntragen, zu grösserer Reinheit und Vollständigkeit herzu-\nstellen. Zu diesem Zwecke ein Kleines beizutragen, ist der\nbescheidene, wohl aber recht dringende Wunsch des\" Ein-\nsenders dieser folgenden Zeilen und Mittheilungen.\nIn der Allgemeinen Zeitung ist vor Kurzem bei Gele-\ngenheit der Anzeige von Chrysander's Leben Händel's aus-\ngesprochen worden, dass die Fortpflanzung der Mosel'schen\nBearbeitungen von Händel's Jephta, Samson und Belsazer\n„eigentlich eine wahre Schande sei!\" Der Vorwurf ist\ngrob, und er trifft hart, und er reicht weit; denn diese\nSachen sind in vielen Sing-Vereinen, wo nicht Akademieen,\noft und immer wieder gesungen worden, und fast überall\nin der unveränderten Missgestalt, die sie in jenen Ciavier-\nAuszügen tragen. Dass aber der Vorwurf ungerecht sei,\ndas wird schwerlich jemand behaupten wollen, der jemals\neines jener Werke in dieser Bearbeitung mit der echten\nGestalt verglichen hat. Er ist nicht ungerecht, in so fern er\nseine Spitze gegen die Bearbeiter kehrt; er ist nicht unge-\nrechtfertigt, soweit er das Beharren der Singkreise bei die-\nsen entstellten Auszügen trifft. Auch ist dieses in der That\nvon wirklichen Kennern niemals bestritten worden. Nur\ndass deren leider in Deutschland sehr wenige sind. Weit\ndie meisten unserer Musik-Directionen begingen bei jener\ngerügten Fortpflanzung unbewusste Sünde. Es wird dahefr\nwohl statthaft sein, wieder einmal an einem Beispiele nach-\nzuweisen, wie nur zu begründet jene Rüge ist, möchte\nman auch dabei den Gelehrten noch so Ueberflüssiges pre-\ndigen. Gerade der Zeitpunkt, wo nun die Hand an die\nvollständige Ausgabe der Händel'schen Werke gelegt wird,\ndürfte dazu ganz besonders einladen. Denn wie oft hört\nman nicht gerade von den Leuten von Fach den Einwurf\ngegen diese Unternehmung machen, dass man ja doch die\nHauptsachen von Händel schon habe. Es ist umsonst,\ndass die blosse Ankündigung der Lieferungen, welche die\ndeutsche Händel-Gesellschaft für die ersten zwei Jahre be-\nstimmt hat, überzeugen müsste, dass man ganze Reihen\nvon Händel's Werken, die so sehr wie irgend etwas An-\nderes Hauptsachen sind, ganz und gar nicht hat; man"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.1.2", "texte": "scheint sich durchaus für berechtigt zu halten, sich bei\ndem zu begnügen, was man denn nun eben einmal hat.\nSo ist es denn gewiss nicht überllüssig, zu zeigen, dass\nman selbst das, was man zu haben meint, in der That\nund Wahrheit nicht hat, und dass, wenn man die Herr-\nlichkeiten dieser Scheinhabe auch noch bewundert, man\nhalbwegs falsche Idole anbetet.\nWir wollen unter jenen drei Bearbeitungen den Bel-\nsazer zu dieser Besprechung herausheben. Der Jephta\nwäre noch geeigneter dazu, aus dem der Bearbeiter ein\nganz neues Werk gemacht, indem er nicht nur eine Masse\ndes ursprünglichen Inhalts ausgetrieben, sondern dafür\nwieder sfris anderen Oratorien Händel's Anderes hineinge-\nrückt hat. Da aber neben dem Mosel'schen noch ein an-\nderer, unentstellterer, obwohl auch nicht vollständiger Cla-\nvier-Auszug existirt, der auch mehr als jener im Gebrauche\nzu sein scheint, so ist die praktische Vergleichung möglich\ngemacht, die immer die beredteste sein wird. Mit Samson\nist das nicht der Fall. Und eine Erörterung des Verfah-\nrens bei der Zurichtung gerade dieses Werkes wäre al-\nlerdings bei Weitem am wirksamsten, um den Nachweis\nzu führen, dass man in der Ereiferung über die Mosel'-\nschen Bearbeitungen sogar dann nicht zu viel thun würde,\nwenn man auf den Einfall geriethe, es habe dem Manne\ngegolten, den ehrwürdigen Händel mit Absicht bloss zu\nstellen und herabzuwürdigen. Denn in dem deutschen Cia-\nvier-Auszuge ist diesem Oratorium nicht wie zufällig, son-\ndern wie geflissentlich der Kern ausgebrochen, ganz und\nvon Grund aus. Den Kern dieses Werkes bildet die Cha-\nrakterisirung des Helden, der (im ersten Theile) von tiefer\nReue ergriffen über die leichtfertige Verscherzung seiner\nKraft und seines göttlichen Berufes gebeugt im Staube\nliegt, der einstigen Heldengrösse nur wie eines Traumes\ngedenkend; der dann (im zweiten Theile) eine innere Prü-\niung besteht und eine Läuterung erlebt, indem er den\nLockungen der Dalila jetzt zu widerstehen gelernt hat;\ndem dann in Folge dieser inneren Erhebung das wunder-\nkräftige Haupthaar gleichsam wieder nachwächst, das er\ndurch seine Plauderhaftigkeit vordem eingebüsst, und der\ndann in der Begegnung mit dem Riesen Harapha sich die-\nser neuen Kraft wieder bewusst wird, um sie endlich zur\nSühne seiner einstigen Vergehung und zugleich zur Rache\nan den Philistern in seiner selbstverderbenden That zum\nletzten Male zu gebrauchen. Wohlan, diese ganze innere\nEntwicklung dieser Handlung und dieses Charakters ist von\nMosel ausgetilgt. In dem ersten Theile ist nichts geblieben,\ndie gedrückte Lage des Helden zu bezeichnen, als die Arie\nüber seine Blindheit, an der er aus irgend einem Zufalle\nzu leiden scheint; die recitativischen Stellen, die über die\nSelbstverschuldung seines Unglücks aufklären, sind weg;\neine schwermuthvolle Arie, in der die elegische Grund-\nstimmung des ganzen Werkes eingeleitet wird, nebst einer\ngleich darauf folgenden der Micah, die demselben Zwecke\ndient, sind weg; eine schwungvolle Arie, die auf die ein-\nstige Kraft des geschwächten Blinden zurückblicken lässt,\nist weg; in dem Mittelpunkte des Werkes, in der grossen\nDalila-Scene, ist (ganz unbegreiflicher Weise, wenn es\nnicht absichtlicher Weise geschehen ist) das Gleichgültige\nund musicalisch Unbedeutendere stehen geblieben, das\nWichtigste und Schönste ist weggetilgt; zwei verführerisch\nlockende Arien der Dalila, wovon die letztere in zwei gleich-\nlautenden Sätzen zu dem Feinsten gehört, was Händel ge-\nmacht hat, sind weg; eine ergreifende Arie, in der Samson\nverräth, dass der Reiz der Verführerin ihm noch nicht\ngänzlich gefahrlos ist, ein vortrefflicher Chor, der die ganze\nScene, das Preisstück einer psychologischen Entwicklung,\nabschliesst, Alles ist fort; die ganze Figur des Harapha,\nzwei Bass-Arien, wovon die renommistische (erstere) jeden\nMännerkreis elektrisiren muss, dazu ein Duett voll Kraft\nund dramatischem Leben - Alles, Alles ist weg, und der\nHeld geht mit einer Arie zum Tode, die nach dem Wort-\nlaute des deutschen Textes in gar keiner Verbindung mit\nder Handlung ist, sondern wie eingelegt erscheint. Man\nhat auch Shakespeare's grosse Werke verflacht und ver-\nunstaltet, aber nie hat er sich in einem solchen Unmaasse\ndurch blosses Auslassen travestirt gesehen. Man zweifelt,\nworüber man mehr erstaunen soll, über die musicalische\nGeschmacklosigkeit des Bearbeiters in der Auswahl des\neinzelnen Beibehaltenen und Entfernten, oder über seine\nRohheit und Unbildung in der Gestaltung des Ganzen, oder\nüber die Gleichgültigkeit, mit der unsere Directionen solch\neine Missgeburt von Oratorium immer wieder als ein nor-\nmales Kunstwerk aufführen und die Zuhörer es dahinneh-\nmen! Um indessen nicht unbillig zu sein, müssen wir in\nBezug auf diesen letzteren Punkt beifügen, dass doch an\neinzelnen Orten wenigstens begonnen worden ist, jene\nLücken ein wenig auszufüllen; wie denn auch das Miss-\nverhältniss des deutschen Samson zu dem englischen öfter\nund gründlicher besprochen worden ist. Eben das ist der\nGrund, warum wir bei Belsazer zu verweilen dachten.\nUnsere Directionen haben zwei begründete Einwände\ngegen diesen Tadel jener Bearbeitungen und ihrer Fort-\npllanzung zur Hand: dass es an deutschen Uebersetzungen\nder ausgefallenen Theile fehle, und dass doch die Länge\nder Originale eine Kürzung unerlässlich mache. Dem er-\nsteren Einwände wollen wir am Schlüsse dieses Aufsatzes\neinen Anfang machen, für künftig den Vorwand zu rau-\nben; über den anderen möchten wir gleich hier ein Ver-\nständniss versuchen. Wir nannten ihn, wie den ersten, be-\ngründet. Selbst wer die Werke Händel's, wie die Shake-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.1.3", "texte": "speare'schen, bis in ihre letzten Einzelheiten gern festhal-\nlen wollte, würde an Händel selbst einen Gegner finden,\nder gerade den Text des Belsazer z. 8., seinem Autor ins\nAngesicht, selber zu lang gescholten hat. Unerschöpflich\nan musicalischcn Ideen, wie Händel war, mag er sich nicht\nselten in demselben Mangel, in derselben Noth um gute\nTexte gesehen haben, wie heutige Componisten auch; er\nliess also an leidlichen Dichtungen, die er einmal in der\nHand hielt, nichts ungesetzt, aber ohne Auslassungen auf-\ngeführt wird er ein so umfangreiches Werk wie Belsazer\nselbst nicht haben. Dass übrigens der Bearbeiter und Cla-\nvier-Auszieher die Arbeit der Kürzung vornahm, wird im-\nmer eine unstatthafte Anmaassung bleiben; über das Aus-\nzufallende wird am natürlichsten der jeweilige Aufführer\nzu entscheiden haben, schon weil auf diese Entscheidung\ndas Maass der vorhandenen Singkräfte nicht selten einen\nEinflusswird ausüben müssen. Ueber die Frage aber, wie\nviel nur auszulassen sei, würde dann freilich der Schrei-\nber dieser Zeilen leicht mit den meisten Directionen zer-\nfallen. Es muss aber doch einmal laut gesagt werden, dass\nes nichts als ein unverantwortlicher Unfug ist, wenn man\nohne das geringste Bedenken der Welt zumuthet, über\nvier Stunden bei Meyerbeer's Opern auszuhalten (die wahr-\nlich Kopf und Nerven ganz anders anstrengen, als der\nebene Fluss der Händcl'schen Tonstücke, in denen das\nfeinstgestimmte Gemüth über keinen Missklang zu strau-\ncheln hat), und wenn man dann sich voller Angst anstellt,\nder Welt drei Stunden für ein Oratorium abzufordern,\nwo die Probe und Erfahrung ganz gewiss noch nirgends\ngemacht ist, dass dieser Zumuthung nicht gern würde ent-\nsprochen werden. Entschliesst man sich aber, diese drei\nStunden (einschliesslich zweier mässigen Pausen) dran zu\nsetzen, so behält man so viel Raum zur Ausdehnung, dass\ndann die zweite Frage, was auszulassen sei, durch die\nNatur der Texte selber leicht zu entscheiden ist. Die Mehr-\nzahl der Händefschcn Oratorien-Texte haben Eine gemein-\nsame Grund-Eigenschaft, die sie in einen geraden Gegen-\nsatz zu seinen Opern-Texten stellt, und die bei diesen Ab-\nkürzungen zum Wegzeiger dienen muss. Während unter\nseinen Opern-Texten vielleicht nicht Einer ist, der, als Gan-\nzes betrachtet, irgend etwas tauge, wie reich er an schö-\nnen Einzelheiten sein möchte, so sind dagegen seine Ora-\ntorien-Texte ihrem Bau und Entwurf nach zu einem gu-\nten Theil wahre Musterstücke von musicalischen Grund-\nlagen. Wie durch und durch jenes ganze Zeitalter musica-\nlisch genährt und erzogen war, wird man an nichts so\nsehr inne, als an dieser Fähigkeit vieler sonst höchst kläg-\nlichen Poeten, einen musicalischen Text zu machen. Heut-\nzutage würden unsere gefeiertsten Lyriker, denen ein ein-\nzelnes Lied brillant gerathen mag, sich ganz umsonst ab-\nmühen, aus einer Ovidischen Metamorphose oder einer So-\nphokles'schen Tragödie so geschickt musicalisch berech-\nnete Texte zu bilden, wie sie Händel zum Acis und zum\nHercules vor sich hatte, obgleich die einzelnen Stücke,\nherausgerissen und poetisch zergliedert, ihnen tief unter ihrer\nVerachtung scheinen würden. Damals aber besass eine\nMenge viel schwächerer Köpfe dieses Talent, eine solche\nmusicalische Garten-Anlage in ein kunstvolles Ganzes rei-\nzend anzulegen, obwohl sie manche recht gewöhnliche\nStaude vom Heerwege ab hinein verpflanzten. Dergleichen\nEinzelheiten laufen nun in manchen Händcl'schen Orato- .\nrien-Texten unter, die prosaisch, pedantisch, platt in den\nWorten lauten und daher auch dem musicalischen Satze\ndie Flügel beschneiden; und sie sind so greiflich, dass man\nkaum darüber streiten würde, welche in diese Classe ge-\nhören und welche nicht. Es sind ihrer aber nirgends viele,\nund darum soll man bescheiden im Wegwerfen sein. Ver-\ngreift man sich an Einem nothwendigen Gliede, das in die\ninnere Entfaltung der psychologischen Aufgabe eingreift,\nso rückt man sogleich den Aufbau des Ganzen aus allen\nseinen Fugen. Und dieses Ganze als Ganzes ist gerade das,\nwo Händel's geniale Begabung, wo der Umfang seines Ge-\nrn üthes und Geistes, wo die ästhetische Aus- und Feinbil-\ndung seiner künstlerischen Schöpfergabe ganz eigentlich\nerst begriffen und ermessen wird.\nUnter den Werken Händel's, die ihren Hauptwerth\nin dieser grossen Gestaltung des Ganzen haben, steht der\nBelsazer mit in der vordersten Reihe. Die Dichtung ist von\ndemselben Jennens, der Händefn bei der Zusammenstel-\nlung der Texte zum Messias und zum Allegro behülflich\nwar; und der Mann bewies auch hier, trotz seiner Breite\nund vielfachen Geschmacklosigkeit im Einzelnen, seine Ge-\nschicklichkeit, einen musicalischen Text nach einem inneren\nGedanken, mit feiner Berechnung ästhetischer Gegensätze,\nmannigfaltig und einheitlich zugleich zu gestalten. Wer\ndiesen Text überblätterte und nur Einzelnes näher ansähe,\nwürde vielleicht stutzig werden, ob diese Kreidestriche\neine Anlage hätten, durch die musicalische Färbung zu\neinem fesselnden Bilde umgesihaffen zu werden. Selbst\nwer die einzelnen Tonsätze heraushöbe und einzeln stu-\ndirte, würde vielleicht zweifeln, ob er hier den Händel, an\nden er im Messias oder im Acis, im Israel oder Allegro,\nim Timotheus oder Samson gewöhnt worden ist,\nfinden werde. Er wird manches gewöhnliche Recitativ an-\ntreffen ; er wird kaum Eine Arie entdecken, die sich vorzugs-\nweise durch liebliche Melodie einschmeichelte; er wird nur\nwenige Chöre von jener populären Verständlichkeit finden,\ndie ihres Erfolges immer so gewiss ist. Die Texte und die\nTonsätze fehlen hier fast ganz, mit denen sich die Musik,\nauch die Händel'sche, sonst am sichersten in die"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.1.4", "texte": "Herzen bahnt. Nichts von der zierlichen Eleganz, wenn\ndie Arien im Ausstrich sind; nichts von der modernen\nFärbung, die uns die Einzelsänger im Allegro so nahe\nrückt; nichts von dem elegischen Schmelz, der uns im Sam-\nson so ergreift; nicht einmal ein Klage- oder Trauerchor,\nohne den man sich einen tragischen Stoff bei Händel schwer\nnur denken kann; nichts Sentimentales überhaupt, nicht\nim schlechten Sinne, in dem es Händel überall vollkommen\nfremd ist, aber auch nicht im besten Sinne verstanden, wo\ndas Wort die weiche, innigste Gefühligkeit bezeichnen\nkönnte, durch die uns Händel fast so bis ins Mark zu er-\nschüttern weiss. Aber warum von allem dem nichts? Weil\nsich die Handlung nicht um das innere Gemüthsleben einer\noder einiger Personen bewegt, deren Seelenlage uns allen\nvon selbst verständlich ist, weil sie sich nicht um häusliche\nExistenzen dreht, die uns einfach nahe liegen, weil sie viel-\nmehr ein grosses Geschichts-Gemälde bildet, wo zwei han-\ndelnde Völker und ein leidendes in einem vernichtenden\nStosse auf einander treffen, und wo die vier oder fünf\nEinzelfiguren uns wie die Vertreter dieser Völker und die\nTräger der geschichtlichen Action erscheinen, ohne dass\nisolirte Leiden- und Eigenschaften und individuelle Motive\nin ihnen mit besonderem Nachdruck hervorträten. Dem-\ngemäss bewegt sich nun der ganze Gang des Oratoriums\nin einem raschen Massenzuge, durch den der Hörer wie\nvielleicht in keinem anderen Händel'schen Werke drama-\ntisch aufgeregt und fortgerissen wird. Der gewaltige Her-\ngang duldet kein Verweilen und kein gemüthliches Ver-\nsenken auf einzelnen Theilen; man wird in den Strom der\ngrossen Handlung, in die Katastrophe des Falles von Ba-\nbylon und seines Königs, mitgezogen, ohne sich durch\neinen pathologischen Antheil an einzelnen Situationen fest-\ngehalten zu sehen; die Darstellung wirkt bloss durch die\ngesunde Frische und Wahrheit, die treue Localfärbung,\ndie Gegenständlichkeit der historischen Auffassung und\nSchilderung, das will immer wieder sagen: durch nichts\nEinzelnes, sondern nur durch das Ganze. Und so ganz und\nEins ist denn auch der Eindruck, den man empfängt: man\ngeht wie aus einem grossen, erhebenden Zeitereignisse da-\nvon, weniger in sich gewiesen, als aus sich herausgerissen,\nerfrischt durch die wunderbare Kraft und Gewalt, womit\ndieses grossartige Werk uns vom Anfange an erfasst und\nbis zum Ende nicht loslässt.\nEin so angelegtes Geschichts-Drama kann nur eine\nso bezweckte Wirkung unmöglich anders als durch eine\ngewisse Fülle, durch Massen hervorbringen. So gewiss die\nShakespeare'schen Historien einen halbwegs verständigen\nRegisseur am wenigsten anreizen können, viel Scheere an-\nzulegen, so gewiss sollte ein Werk wie der Belsazer von\njeder unnöthigen Castration mehr als viele andere zurück-\nschrecken. Gleichwohl ist auch dieses Werk in Mosel'»\nBearbeitung nur ein Gerippe geblieben. Die Einzel-Gestal-\nten darin sind zu nichtssagenden Schatten geworden; einer\njeden ist, wie dem Samson, alles entzogen, was der Künst-\nler sorgsam angewandt hat, um aus ihnen feste, lebenvolle\nFiguren, wie plastisch gemeisselt, zu bilden. Wenn man\ngleichwohl nicht sagen kann, wie beim Samson, dass mit\ndiesem Verfahren auch dem ganzen Werke der Kern ge-\nraubt sei, so liegt dies darin, dass die Handlung sich nicht\nauf Eine Einzelfigur concentrirt, wie dort; es liegt darin,\ndass die Völker-Katastrophe, die den Kern dieser Hand-\nlung bildet, sehr wesentlich durch die Chöre charakterisirt\nund dargestellt wird, die hier in der Ueberzahl mehr dra-\nmatisch in die Handlung eingreifen, als sie nur betrachtend\nbegleiten; es liegt darin, dass die Chöre (mit Einer Aus-\nnahme) alle nur vollständig aufgenommen sind. Die voll-\nständigere Beibehaltung der Chöre ist in unseren deutschen\nBearbeitungen Händel'scher Werke Methode. Auch darü-\nber möchte es an derZeit sein, eine Bemerkung zu machen.\nDie Methode beruht auf einem alten Aberglauben, der sich\nüber die Händel'sche Kunst seit einem Jahrhundert ausge-\nbreitet und behauptet hat, wie sich Andere über Shake-\nspeare's Dichtung durch zwei Jahrhunderte und länger fort-\ngepflanzt haben: Händel's Chöre seien immer vortrefflich,\nimmer wirkungsvoll, nicht so seine Arien. So ist es gesagt\nworden, so schwatzt es Einer dem Anderen nach. Wer die\nharmonistische contrapunktische Kunst als den kostbareren\nTheil der Musik ein- für allemal bevorzugen will, der hat\nzu dieser Ansicht einen Grund, dem nicht zu widersprechen\nist. Wer über diese scholastische Einseitigkeit hinweg ist\nund die Tonkunst auf ihren geistigen Gehalt ansieht, der\nwird von jenem Satze, wenn denn unterschieden werden\nmüsste, das gerade Gegentheil aussagen. Es liegt in der\nNatur der Sache, dass die Seelenbewegungen, an denen\ngrössere Massen Theil haben können, sich nur auf einen\nengen Kreis von allgemeinen, man möchte sagen: gröberen,\nEmpfindungen und Leidenschaften beschränken müssen,\nwährend das, was in der Mannigfaltigkeit der Individuen, in\ndem inneren Einzelleben der verschiedensten Menschen-Na-\nturen vorgeht, ein durchaus unermessbarer und unerschöpf-\nlicher Stoff ist. Haben wir daher mit einem Melo-Poeten\nzu thun, dem die Kunst der Seelenmalerei überhaupt eigen\nist, so spricht ganz unbesehen alle Vorvermuthung dafür,\ndass seine Arien sowohl tiefer als weiter greifen werden,\nals seine Chöre. Und so ist es bei Händel. Er wahrlich hat\nden Gegenständen für seine Chöre so reiche Ausdehnung\nund Vielseitigkeit zu geben gewusst, wie Einer; er hat in\neiner ganz eigenthümlichen Gattung von reflectiven Chö-\nren, in denen er irgend einer Leidenschaft, wie der Eifer-\nsucht (im Hercules) oder dem Neide (im Saul), eine sitten-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.1.5", "texte": "richterliche Betrachtung widmet, die geistige Sphäre des\nChors ungemein erweitert; er hat sich manchmal durch\neine recitativische Behandlungsweise, dann wieder (wie hier\nim Belsazer und im Samson) durch die Unterscheidung\nverschiedener Volks-Individuen und ihrer Charaktere ganz\nneue Wege zu öffnen verstanden; dennoch kann dieses\nalles in keiner Weise den Reichthum psychologischer Auf-\ngaben erreichen, der in der unendlichen Mannigfaltigkeit\nder Seelenlagen einzelner sittlicher Wesen für die künst-\nlerische Darstellung gelegen ist. Dem Schreiber dieses\nwäre es vollständig ausser jedem Bedenken, dass, wenn er\nEines von Beiden, Händel's Arien oder Chöre, zum Opfer\ngeben müsste, er die Arien festhalten würde. Nur dass ihm\nder Zusammenhang, in dem sie stehen, mit erhalten blei-\nben müsste. Denn das ist wahr, dass auch sie zum grossen\nTheile ihren Hauptwerth nur in und aus dem Ganzen er-\nhalten. Man kann eine Menge Arien aus Händel's Orato-\nrien ausheben, die, wenn der Hörer über Sache und Per-\nson, über Ort, Zeit und Gelegenheit nicht orientirt ist, sehr\nkalt lassen mögen, die aber, an der richtigen Stelle gehört,\nCharakter-Gemälde von solcher Tiefe enthalten, dass man\nsie um viele andere, melodisch vielleicht unvergleichlich\nviel anziehendere Stücke nicht hingeben würde.\nAus der Achtung der Händel'schen Chöre ist es ge-\nkommen, dass wir in dem deutschen Belsazer wenigstens\ndas Gerippe vollständig behalten haben; aus der Missach-\ntung der Arien ist der Bearbeiter dazu gelangt, dass die\nmeisterhaften Charakteristiken des Gobrias, Cyrus, Belsa-\nzer,Daniel und der Nitocris so gut wie ausgetilgt sind. Dreien\ndieser Figuren ist je nur eine einzige, nach zufälliger Wahl\ngegriffene Arie geblieben, wo ihnen im Original 4—6\nzugetheilt sind; der Belsazer hat anderthalbe behalten, der\nGobrias aber ist mit Haut und Haaren verschwunden, wie\nim Samson der Harapha.\n(Schluss folgt.)\n\nDie heilige Tonkunst.\nI.\nGesang und Tonspiel gehören so wesentlich zu den\nschönen Gottesdiensten des Herrn, von denen der Psalmist\nmit Entzücken redet (Ps. 27. 4.), dass sie von Alters her\nauch in der christlichen Kirche als edler Schmuck gehal-\nten sind. Früh beweiset dieses die altchristliche Baukunst,\nwelche gleich Anfangs dahin zielte, für Schall und Ton\nakustische Räume zu gewinnen. So stehen die hallenden,\ntonreichen Gewölbe gegenüber den griechischen rechtwin-\nkelig und würfelig gebauten Tempeln, welche nur dem\nplastischen Zwecke dienten, die Götterbilder zu wahren\nund aufzustellen und heilige Gerätschaften zu bergen, da-\ngegen der lebenden Tonseele des Wortes und Liedes gar\nwenig Spielraum boten, weil das Heidenthurn eben keine\nVerkündigung des Wortes im Bekenntnisse hat. Glaube\nund Lehre gehören wesentlich der Offenbarung des leben-\ndigen Gottes an: sie wenden sich ans Gemüth durch das\nOhr, daher der Apostel (Rom. 10., 17.) ausdrücklich her-\nvorhebt, wie der Glaube durchs Gehör eingehe.\nIn diesem Sinne hegte schon die alt-apostolische Kirche\nden Grundsatz, dass sich in Wort uud Gesang der Cultus\ndes lebendigen Gottes erfülle, uiv! die morgenländische\nLiturgie gliederte sich in den redenden und singenden Theil.\nDes Priesters Reden bringen die göttlichen Gaben in Wort\nund Sacrament, in Verlesung der heiligen Schriften und\nlehrender Betrachtung über sie; des Chors Antwort ist die\nGegengabe des Volkes: das Opfer des Herzens in Busse,\nBitte und Dank, im Kyrie\nSanctus, bald demüthig, bald in aufgeschwungenem\nTriumphtone.\nDie schöpferische Lust des Menschen, das lebendigste\nZeichen seiner Gott-Ebenbildlichkeit, äussert sich nirgend\nfreier und ursprünglicher, als im Bereich der schönen Kunst.\nWie nach dem Worte des Weisen die Poesie die Mutter-\nsprache aller Völker, so ist überhaupt von aller schönen\nKunst zu sagen, dass sie die Quelle aller selbstständigen\nWerke des Menschengeistes sei. Die Wirkung der schönen\nKunst aber ist vermöge der verschiedenen Grundrichtung\nihrer Meister eine zwiefache. Die ältere oder ursprüngliche\nArt ist dem Heiligthume entsprungen, ihm zu dienen be-\nflissen und bestimmt; wir nennen sie die verklärende\nKunst, weil sie, in freiem Gehorsam dem Göttlichen hinge-\ngeben, irdische Dinge in die Klarheit hebt, welche der Seele\nHeimat ist. Die spätere Kunst ist abgeleitet aus der\nDienstbarkeit an die Dinge dieser Welt; sie versenkt sich\nin die eigenthümliche Besonderheit der irdischen Gestalten,\nnachahmend, spielend, träumend, witzig und lustsinnig sie\nzu begleiten; aus diesem lieblich täuschenden Spiel gestal-\ntet sich die verzierende Kunst.\nAlle Künste bewegen sich in dieser zwiefachen Erschei-\nnungsweise. Beide Richtungen berühren einander, nehmen\nund geben sich wechselseitig; doch bleibt die erstgeborene,\ndie verklärende Weise immerfort die königliche, heilige\nund typische, das Kleinod der Volksseele; sie ist überwie-\ngend die schöpferisch spendende, und nur an ihrer Hand\nkann sich die jüngere Kunst, sobald sie erkrankt und ent-\nartet ist, wieder erheben zur Genesung.\nAn beiden Grundrichtungen hat begreiflich auch die\nTonkunst Theil, so auch an ihren Vermischungen, indem\nVerklärung und Verzierung, ideale und realistische, mysti-\nsche und verständige Anwendung der Tongebilde, vornehm-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.1.6", "texte": "0\nlieh in neuerer Zeit, die Tonwerke durchwaltet. Jener Ge-\ngensatz aber ist nicht ohne Weiteres als Gegensatz des\nHeiligen und des Weltlichen zu fassen; denn in beiden Ge-\nbieten— der religiösen und der bürgerlichen Kunst fin-\nden sich beide Wirkungsarten, die verklärende und die\nverzierende, bald rein auftretend, bald vermischt in Wech-\nselberührung.\nSo treten nun auch in der heiligen Tonkunst jene Ge-\ngensätze auf, und zwar in*selbstständiger Weise einander\nbekämpfend. Ambrosius führte zu Ende des vierten Jahr-\nhunderts den melodischen Kirchengesang ein, Gregor ius\nder Grosse zwei Jahrhunderte später den psalmodischen.\nMelodie und Psalmodie sind die tonische Aussprache jener\nGrundrichtungen, hierzugleich einen kirchlich-dogmatischen\nGegensatz in sich tragend; denn der realistisch-asketische\nGregor führte die Psalmodie ein, weil ihm das mystische\nIdeal des Ambrosius eine heidnische Verführung dünkte.\nAmbrosius nämlich hatte zu der Zeit, als die Kirche,\nso eben aus den heissen Kämpfen ihrer ersten Jugend gene-\nsen, eine Freistatt in dieser Welt gefunden, den Volksge-\nsang als Zeichen der triumphirenden Kirche hingestellt,\ndessen Zeugnisse noch jetzt in der abendländischen Christen-\nheit fortwirken. Der ambrosianische Gesang ist der so ge-\nnannte Cantus figuralis,melodisch figurirt, d. h. liedhaft\ngebildet, liedförmig gegliedert. Von ambrosianischen Ge-\nsängen dauern bis in unsere Zeit:\nTe Deum Herr, Gott, Dich loben wir,\nVenißedemptor gentium = Nun komm' der Heiden\nHeiland,\nA solis ortus cardine = Christum wir sollen loben schon,\n0 lux beataTrinitas Der Du bist drei in Einigkeit,\nvon denen die edel einfältige Weise Veni Redemptor noch\nheute vielen evangelischen Liedern zu Gruude liegt. Dass\naber Ambrosius Volksgesang, nicht Priesterchor allein\nbetrieben, wird bezeugt durch Augustinus in Confess. 9,\n2.; es ward also damals in der allrömischen Kirche der\nevangelische Satz vom allgemeinen Priesterthum bekannt\nund der Volksgesang gehegt.\nGregor gebot dem Volke Schweigen und beschränkte\nden Gesang auf den Priesterchor. Statt des melodischen\nCantus figuratus führte er den Cantus firmus ein, auch\ngenannt Cantus planus oder cwelcher in der psal-\nmodirenden (psallirenden) oder recitativischen Art gesun-\ngen wird. Hier wiegt der logische Wort-Inhalt über; das\nTonwesen steht lediglich im Dienste des Wortes, nicht\nin freier Schönheit wirkend, sondern erläuternd, nicht ver-\nklärend, sondern zierend.\nBeide Weisen, die Liedform und das Recitativ, die wir\nals freie und dienende oder als mystische und verständige\nSeite der Tonübung erkennen, ergänzen einander, so je-\ndoch, dass die Liedform, d. h. das melodische Tonbild, im-\nmer das überwiegende sei, das verständig redende Recita-\ntiv dagegen nur zeitweilig eintrete. Ein grösseres Ganzes\n—Motett, Oper, Oratorium könnte weit eher ohne Re-\ncitativ bestehen, als ohne Melodie. Aber es kann auch das\nMelisma, das melodisch gestaltete Tongebilde, ineinüeber-\nmaass gcrathen, welches der Wahrheit Eintrag thut; hier\ntritt der nüchterne Verstand als Wächter ein, und demnach\nist der Einlluss der Gregorianischen Sangweise der Ent-\nfaltung heiliger Tonkunst nicht ungünstig gewesen. Das\nüberwuchernde Melisma war in Gefahr, der weltlichen\nSinnenlust zu unterliegen; das lautere Verständniss litt unter\ndem überkünstlichen selbstständigen Tonspiel. Der Wort-\nverstand musste nun aus der Tonfülle gleichsam befreit\nwerden, der Ton nicht mehr das Wort tyrannisch beherr-\nschen; daher es unter die Regeln aufgenommen ward,\nEiner Sylbe hinfort nur Einen Ton zuzugestehen.\nDie alte Geschichte der Tonkunst ist uns aber, jene\nluftigen Grundstriche abgerechnet, viel zu wenig aufgeklärt,\nals dass wir darüber gründlich urtheilen könnten; unsere\nKenntniss derselben, fast nur auf späten Zeugnissen syste-\nmatischer, auch polemischer Lehrgebäude beruhend, trägt\nüberall Spuren von Ungenüge. So sind die Namen „ambro-\nsianischer, gregorianischer Gesang\" gleichsam mythische\nTypen geworden, deren Sinn etwa mit dem oben benann-\nten Gegensatze bezeichnet, aber nicht erschöpft ist. Erst\nvom 11. —l2. Jahrhundert an werden die Berichte voll-\nständiger und klarer. Vorzüglich sind es deutsche Meister,\ndie, auf jenen ältesten Grundlagen fortbauend, im Jahrhun-\ndert vor der Reformation jene neuen Bahnen entdeckten,\nauf denen die spätere Tonkunst beruht: die Harmonie, die\nRhythmik und den Contrapunkt.\nZwischen 1400—1500 ist zunächst die harmonische\nKunst und Lehre begründet, und zwar vornehmlich durch die\nniederdeutschen Meister in Rom und Venedig; Dufay,\nOckenheim, Josquin, Willaert sind in Italien hochgeachtete\nLehrer und Capellmeister gewesen, ihre Schüler sind u. A.\ndie Italiäner Palestrina, Vittoria und Gabrieli. Die Harmonie\nberuhte auf der Regel der Kirchen töne modi oder\ntropi das heisst in unserer Sprache Tongeschlechter oder\nTonleitern. Während wir deren zwei haben, Dur und Moll,\nbesass die ältere Kunst deren fünf, die durch gewisse Ver-\nsetzungen und künstliche Erweiterungen auf 8 oder 12 ver-\nmehrt wurden. Es sind, wie den gelehrten Musikern bekannt\nist, vornehmlich fünf Tonarten (Tonleitern) gebräuchlich ge-\nwesen : die dorische . . defgahed,\n„ phrygische . . e f\n„mixolydische . .\n„äolische\n„ ionische c de f g a h c,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.1.7", "texte": "die lydische f / kam nicht vor, weil die Quarte\n/ hfür die alten Dreiklangs-Harmonieen unbrauchbar\nwar. Von den übrigen Tonarten sind die zwei letzten un-\nserem Moll und Dur ähnlich, jedoch im Harmonischen oft\nanders gestaltet. Da nun aber, ohne alte Partituren zu le-\nsen und lebendige Beispiele hörend zu vernehmen, keine\nAnschauung der Kirchentöne möglich ist, so genüge hier\nzum vorläufigen Verständniss, dass viele unserer schönen\nalten Liedweisen noch heute auf jenem Grunde der Kir-\nchentöne stehen, z. B. die\ndorischen Weisen: Nun komm' der Heiden Heiland,\nWir glauben all an Einen Gott,\nChrist ist erstanden,\nChrist unser Herr zum Jordan kam;\nphrygischen „ Ach, Gott vom Himmel,sieh darein,\nAus tiefer Noth schrei' ich zu Dir;\nmixolydischen„ Gelobet seist Du, Jesu Christ,\nEs ist das Heil uns kommen her;\näolischen „ Te D\nHerzliebster Jesu;\nionischen „ Ein' feste Burg,\nAllein Gott in der Höh' sei Ehr'.\nDer Harmonie gleichzeitig ward eine feste Rhythmik er-\nfunden, welche in den Grundmaassen der Zwei- undDrei-\ntheiligkeit sich bewegte und diese Maasse anschaulich\nmachte durch eine verständliche Notenschrift. Auf diesem\nGrunde nun ist die Kunst des Contrapunktes erbaut,\ndessen ursprüngliche Bedeutung\ncomponere Note gegen Note setzen) sich bald dahin er-\nweiterte, die Regel der künstlich verbundenen Melodieen\nzu werden, dergestalt, dass dieselbe Melodie, in verschie-\ndenen Tonhöhen und zu verschiedenen Zeiten in verschie-\ndenen Stimmen erscheinend, ein grösseres Gesammt-Ton-\nbild erzeugte; so sind Canon und Fuge der Ausgangs-\npunkt der neueren Musik geworden.\n\nAus Leipzig.\nIm neunzehnten Gewandbaus-Concert am 2Februar wurde\nKarl Reinthaler's Oratorium „Jephta und seine Tochter\" unter\nLeitung des Componisten aufgeführt. Die Aufführung eines ganzen\nOratoriums gehört in diesen Concerten und überhaupt bei uns zur\nSeltenheit; wenn ich mich nicht irre, so haben wir seit der ersten\nAufführung von Elias, deren erste Proben Mendels-\nsohn noch geleitet hatte, die aber, durch seinen Tod unterbrochen,\nerst den 3. Februar 1848 zu Stande kam, kein Oratorium mehr im\nGewandhause gehört. Der beschränkte Kaum, der die Entfaltung\ngrosser Chormassen hindert, muss hauptsächlich dabei in Betracht\ngezogen werden.\nDer diesmalige Chor bestand aus der Sing-Akademie, Mitgliedern\ndes Pauliner-Vereins und den Thomasschülern. Er wTar vortrefflich\neinstudirt. Die Soli wurden von Herrn Sabbath (Jephta), Herrn\nOtto (Tenor), Beide Mitglieder des Dom-Chors zu Berlin, den Da-\nmen Fräul. Mandl Frau Dreyschock (Alt) und Fräul.\nKoch iu dem Ensemble-Solo gesungen.\nDie Ausführung war unter der sicheren und gewandten Leitung\ndes Componisten präcis. Der Chor that das Möglichste, und wenn\nan manchen Stellen die Kraft des Orchesters den Chor überragte, so\nist das ein Umstand, der nach den örtlichen Verhältnissen nicht\nwohl zu ändern ist.\nVon den Solisten verdient Herr Sabbath vor Allen rühmliche\nErwähnung; er führte die grosse Partie mit Verständniss und Wärme\ndurch. Auch Herr Otto (Ephraim) brachte namentlich die Scene im\nzweiten Theil zu schöner Geltung. Ob Fräul. Mandl der Sopran-\nPartie vollkommen genügte, wage ich nicht zu entscheiden. Sie sang\ncorrect und nicht ohne recht glückliche Momente besonders in -den\nzarteren Partieen des zweiten Theils; allein es schien, als wenn es\n% *\nihr zuweilen an Grösse des Ausdrucks und lebendiger Frische des\nVortrags fehlte.\nDas Oratorium wurde vom Publicum mit grosser Wärme aufge-\nnommen. Dem Componisten wurde am Schlüsse des ersten Theils\nund besonders auch nach dem Ende des Ganzen lebhafter Beifall\nund Hervorruf zu Theil, was um so ehrenvoller für ihn ist, da es\nsonst hier nicht Sitte ist, Oratorien-Aufführungen mit Beifalls-Aeus-\nserungen zu begleiten.\nA\n\nAus Amsterdam.\nt.\nDie Gesellschaft zur Beförderung der Tonkunst führte am 24.\nFebruaif im grossen Parksaale das Oratorium Elias von Mendels-\nsohn-Bartlioldy zum Besten ihres Pensionsfonds auf. Die Aufführung\ngewährte einen grossen Kunstgenuss, da Alles auf gelungene Weise\nzusammenwirkte, um ihn dem versammelten Publicum zu verschaf-\nfen. Herr DuMont-Fier aus Köln sang die Haupt-Partie mit Si-\ncherheit, Kraft, Ausdruck und Gefühl. Seine herrliche wohlklingende\nStimme tönte bezaubernd durch die grossen Käume; tiefe Auflassung\nund begeisterter Vortrag brachten die Schönheiten der grossartigen\nComposition zu vollkommener Geltung. Der lebhafteste Beifall lohnte\nseiner vortrefflichen Kunstleistung; nach der* grossen Arie im zweiten\nTheile wurde er zwei Mal gerufen.\nFrau Offermans van Hove sang die Sopran-Partie. Ihr klang-\nvoller, sympathischer hoher Sopran, eine gute musicalische Bildung\nund seelenvoller Vortrag haben ihr die Gunst der Musikfreunde in\nHolland mit Recht gewonnen. Auch dieses Mal zeichnete sie sich aus\nund erwarb besonders durch den Vortrag der Arie: „Höre, Israel!\"\nBeifall. Nicht weniger entzückte Fräul. Alberding -Thym durch\nden herrlichen Vortrag der Alt Soli die Zuhörer. Sie können denken,\ndass wir Amsterdamer darauf sind, eine Sängerin zu besitzen,\nwelcher die Auszeichnung geworden, auf dem letzten niederrheini-\nschen Musikfeste zu Aachen eine Solo-Partie auszufüllen. Auch hat\nsie Aller Herzen ergriffen und einen wahren Sturm von Beifall er-\nregt. Die schöne Tenorstimme des Herrn Tenbergh (,atich\nein hiesiger Dilettant) trug ebenfalls viel zum Gelingen des Ganzen\nbei, wie denn auch Fräul Froschardt und einige andere Dilet-\ntanten in den mehrstimmigen Solosätzen auf erfreuliche Weise mit-\nwirkten.\nDie Chöre waren gut eingeübt und sangen sicher, kräftig und\nwohlklingend; das Orchester wirkte präcis und mit Aplomb. Herr\nEichard Hol, ein junger Künstler voll Talent, Flciss und Beschei-\ndenheit, hatte die Proben mit Eifer geleitet, fand sich zum ersten\nMale an der Spitze einer so grossen Armee von Musikern und hatte\nin so fern einen schweren Stand. Um so lohnender war der Erfolg\nfür ihn, da er das Ganze auf ausgezeichnete Weise leitete.\nDas Publicum war leider nicht so zahlreich, a's man gewünscht\nhätte, da die Geldkrisis die Gemüther beengt und die Lust an der\nTonkunst bei Vielen in den Hintergrund drängt; aber es war sehr\nempfänglich, und die allgemeine Stimmung desselben recht aufgeregt."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580313-01.1.8", "texte": "VI. und VII. Gesellschafts-Concert in Köln\nim Hauptsaale des Gürzenich.\nDinstag den 2. uud Dinstag den 9. März.\nDas Programm des VI. Gesellschafts-Concertes war sehr\neinfach, indem es als erste Abtheilung den „Frühling\" und den „Som-\nmer\" aus Haydn's Jahreszeiten, und als zweite Beethoven1 s A-\ni/ur-Sinfonie enthielt. Haydn's unvergänglich frische Musik verfehlte\nnamentlich in den Chören ihre Wirkung nicht; seine beiden Orato-\nrien bleiben auf ewige Zeiten die schönsten Muster der Verschmel-\nzung des contrapunktischen und melodischen Stils. Im Ganzen er-\nreichte jedoGh die diesmalige Aufführung weder den Schwung noch\ndie Präcision, die wir sonst bei den Leistungen unserer vereinigten\nChor- und Orchesterkräfte gewohnt sind. Der Vortrag der Soli gelang\nauch nur theilweise; Fräul. Deutz war einiger Maassen befangen und\nvon der Reise nach Bremen und Oldenburg etwas angegriffen, so\ndass sie auch die Einladung nach Hamburg nicht annehmen konnte\nHerr Göbbels (Tenor) sang in der Probe viel besser als im Con-\ncerte, und Herr Schiffer (Bassj schien gar nicht gut disponirt zu\nsein, so dass er, abgesehen von dem monotonen Vortrage, auch einen\nRückfall in die alte Schwäche des Tremolirens bekam, von welcher\nwir ihn längst geheilt glaubten.\nDie Ausführung der Sinfonie von Beethoven stand gegen frühere\nebenfalls zurück; besonders im Finale fehlte es dem Orchester an\nRuhe und Festigkeit. Das grosse Local, die Verstärkung des Quar-\ntetts, die gedehnte Aufstellung das alles sind noch ungewohnte\nDinge. Das präcise Zusammenspiel ist dadurch schwieriger geworden.\nDas Programm des VJI. Gesellschafts-Concertes lautete:\nI. 1) Sinfonie in C-moll von L. Spohr; 2] Tantum ergo für Chor\nund Orchester von Cherubini; 3) Concert für Pianoforte in G-moll\nvon Mendelssohn, vorgetragen von Herrn Alex. Dreyschock.\n11. 4) Ouvertüre (Nachruf an ***) von Joachim; 5) Spinnerlied\nund Rhapsodie von A. Dreyschock; 6) Hymne für Chor und Or-\nchester von G. F. Händel; 7) Concertstück von C. M. von We-\nber, gespielt von A. Dreyschock.\nDie Verehrer Spohr'scher Musik waren erfreut, endlich einmal\nwieder eine Sinfonie des trefflichen Meisters zu hören, und sie hat-\nten die Freude, dass sie gut ausgeführt und von dem Publicum mit\nwiederholten Beifallsbezeugungen aufgenommen wurde. War es Zu-\nfall oder Absicht, dass in demselben Concerte auch von dem Violi-\nnisten, der das grossartige Spiel Spohr's fortsetzt, ein Orchesterwerk\naufgeführt wurde? Joachim's Ouvertüre hat uns in vieler Hinsicht\nangenehm überrascht, wenngleich wir offen gestehen, dass sie bei\neinmaligem Hören uns nicht ganz klar geworden ist. Einen einheit-\nlichen Charakter spricht sie allerdings aus; das Streben nach der\nbestimmten Ausprägung desselben verleitet jedoch leicht zu einer\ngewissen Monotonie, was uns auch bei diesem jedenfalls recht in-\nteressanten Werke in etwa der Fall gewesen zu sein scheint.\nDas Tantum ergo von Cherubini ging fast wirkungslos vorüber;\nerst am Schlüsse, wo die vier Stimmen zusammentreten, erkennt man\nCherubini wieder. Der Hymnus von Händel: „Zadock u. s. w. salb-\nten Salomo zum König\", componirt im Jahre 1727, machte einen\nerhebenden Eindruck.\nDer Held des Abends war natürlich Alexander Dreyschock,\nden wir hier seit fünfzehn Jahren nicht wieder gehört hatten. Dass\ner einen wahren Enthusiasmus erregte, wird allen denen, die ihn in\ndea letzten Jahren gehört haben, weder neu noch unbegreiflich schei-\nnen, da das Unbegreifliche hier allein das wundervolle Spiel des\nKünstlers ist. Dieses vereinigt die gediegene Clementi'sche Schule\nmit der Virtuosität des modernen Pianisten, und stellt uns auf diese\nWeise ein Bild des vollkommenen Ciavierspiels dar. Jener Schule,\ndie ihren Gipfelpunkt in Hummel erreichte, verdankt es die wunder-\nbare Gleichheit, Rundung und Reinlichkeit der Tonleitern und der\ngebundenen Figuren im schnellen Tempo, bei deren Ausführung,\nmögen sie sich noch so oft wiederholen, kein Ton auch nur die lei-\nseste Abweichung von dem anderen in Bezug auf Stärke oder Schwäche\ndes Anschlags und Klanges hat, mag ihn von den Fingern, welcher\nes auch sei, erzeugen; dieser, der Modernität, gehört die Kraft des\nAnschlags, die Sicherheit der Harpeggien, Sprünge und Accordscliläge,\ndie Vollgriffigkeit, die fabelhafte Rapidität der Octaven u. s. w. an.\nTonleitern? wer gibt da noch etwas darauf? die gehören zum über-\nwundenen Standpunkte; der heutige Ciavierschwindel bedarf ihrer\nnicht mehr! Neben diesen Vorzügen einer unübertroffenen Tech-\nnik hat aber Dreyschock auch die Nuancirung des Tones und das\nausdrucksvolle Melodiespiel in der Gewalt, wie dies besonders der\nVortrag des Adagio's in dem Concerte von Mendelssohn zeigte, und\ndie Steigerung der Tonstärke, wie er sie z. B. am Schlüsse der In-\ntroduction des Weber'schen Concertes ausführt, haben wir bis jetzt\nfür unmöglich auf dem Pianoforte gehalten. Es war dies bei C. M.\nvon Weber selbst eine Bravour, in welcher er als Spieler excellirte,\nund wir erinnern uns seines Spiels sehr gut; um so mehr waren wir\nüber die wahrhaft orchestermässig anschwellende Kraft des Crescendo al\nfurtissimo bei Dreyschock erstaunt. Schliesslich wollen wir nur noch\ndie rühmenswerthe Entsagung auf die Hülfe des Pedals erwähnen,\ndie heutzutage so oft bei Verlegenheiten und Schwierigkeits-Krisen\niu Anspruch genommen wird. Dreyschock ist auch in der Anwen-\ndung des Pedals ein Meister, er gebraucht es nur da, wo es den\nKlang wirklich harmonisch erhöht, niemals aber da, wo es der Deut-\nlichkeit auch nur im Geringsten Abbruch thun würde.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln, 12. März. Am Abend des 11 März hatte der Vorstand\ndes „städtischen Gesang-Vereins\" ein Abschiedsfest zu Ehren des\nHerrn Musik-Directors Karl Reinthaier veranstaltet, welches im\nCasinosaale die Freunde desselben und die Vertreter der hiesigen\nKunst-Institute vereinigte. Rein thaler hat über vier Jahre als Ge-\nsanglehrer an der Rheinischen Musikschule und in den Kreisen der\nKunstfreunde und als Dirigent des genannten Gesang-Vereins, zuletzt\nauch des „Sängerbundes\", hier gewirkt und sein Oratorium Jephta\nhier zur grösseren Hälfte geschrieben. Wir verlieren ihn ungern und\ngeleiten ihn mit den besten Wünschen für seine neue Wirksamkeit\nnach Bremen."}]}