{"numero_id": "bm-bmtnabi-1858-03-20-01", "volume": "bmtnabi_1858-03-20_01", "ocr_sha256": "80f90d2de421eeb4943d0fb9df551440194e72c1adc121cf04e89ee81bcd1906", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1858/03/20_01/bmtnabi_1858-03-20_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1858-03-20-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-03-20_01#c001", "volume": "bmtnabi_1858-03-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "89", "page_fin": "89", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "89", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 427, "texte": "Inhalt.\nUeber Aufführungen und Bearbeitungen Händel'scher Oratorien. (Belsazer.) Aus Dresden (Agnes, Oper in vier\nActen von Karl Krebs). Von C. Banck. Die musicalischen Zustände Düsseldorfs. Von —6—. Aus Bonn (Aufführung von J. Seb.\nBach's Passionsmusik nach dem Evangelisten Johannes). Von V— s. Tages- und Unterhaltungsblatt (Barmen, Concert, Auf-\nführung von „Die Weihe des Frühlings\" von F. Hiller Darmstadt, L. 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S. Nr. 11.)\nWir wollen, indem wir dem Inhalt des originalen Bel-\nsazer in aller Kürze und nur in so weit folgen, als wir ihn\nfür unentbehrlich zu einer verständigen Aufführung des\nWerkes halten, nachweisen, dass durch die Verkürzung\nvon Mosel alles, was man eine geistige Intention in unserem\nOratorium nennen kann, völlig verwischt ist. Wir wollen\nes noch gelten lassen, dass eine ganze erste Scene des Ori-\nginals zwischen Nitocris und Daniel ausgefallen ist, obwohl\nein Eingangs-Recitativ der Nitocris fast unerlässlich ist,\ndas in einer grossartigen Weise die Hinfälligkeit der Rei-\nche und die Entartung des Völkerlebens bespricht und auf\nden geschichtlichen Inhalt des Werkes vortrefflich vorbe-\nreitet. Es sei also, dass unser Musik-Drama (wie bei Mo-\nsel) mit dem Chor eröffnet werde, indem die Babylonier\nvon der Mauer herab die belagernden Perser verhöhnen.\nDer Text des Originals setzt nun das weltliche Motiv aus\neinander, das die Belagerer vor Babel geführt; Gobrias'\nSohn ist von Belsazer getödtet worden; der gebeugte Alte\nsagt uns in einer ausdrucksvollen Bass-Arie (die schon\ndarum nicht fehlen durfte, weil sie eine der wenigen ele-\ngischen Stellen bietet, auf denen das Gemüth unter dem\nübrigen Kriegs- und Gelage-Lärm ausruhen kann), wie er\nzwischen Gram und Rache getheilt ist; der jugendliche\nCyrus aber hat das Rachewerk für ihn übernommen, der\ndurch seine göttliche Berufung zu dem Sturze Babylons\ngeheiligt ist. Dieser doppelseitige Zug nun des weltlichen\nund des göttlichen Antriebes, der menschlichen Kraft und\nihrer höheren Lenkung, des kriegerischen Muthes und der\nBescheidung und des frommen Gottvertrauens geht durch\nden ganzen Charakter des Cyrus und seiner Perser, wie\nsie der Text- und der Tondichter gefasst haben, hindurch.\nDaher rückt sich die recitative Erzählung von dem Traum-\ngesicht, in dem Cyrus den himmlischen Ruf erkannt hat,\nan die Darlegung der menschlichen Rachetriebe an, die\nGobrias bewegen; und gleich darauf spricht sich in einem\nGebete des Cyrus an den ihm nur halb bekannten Gott\nseine Spaltung zwischen jenen gegensätzlichen Beweggrün-\nden (musicalisch noch vortrefflicher, als in den Worten)\naus. Es ist ein wunderbar gemischter Ausdruck von Krie-\ngerkraft, von etwas unheimlicher Gottesfurcht vor dem Un-\nbekannten und von dem halb scheuen Wunsche, diesen\nMächtigen mit Gelübden von etwas heidnischem Gepräge\nund Gepränge zu gewinnen, in diesem einfachsten Tonsatze\nversammelt Indem nun die beiden Arien des Gobrias und\ndes Cyrus ausgefallen sind, ist der Kernpunkt der Scene\nund des ganzen Charakters des Cyrus ausgebrochen. Alles,\nwas folgt, entspricht der Kurzsichtigkeit dieses Verfahrens.\nDer Zuschauer soll nun versichert werden, dass der zwei-\nfelhafte Sinn der visionären Berufung des Cyrus nicht eine\nTäuschung war; er wird daher zunächst in Daniel's Zelle\nin Babylon versetzt, wo dieser, unter den prophetischen\nBüchern beschäftigt, den Preis dieser göttlichen Werke\nbesingt, dann aus dem Jesaias die echte Berufung des Per-\nsers wie aus Gottes eigenem Munde entdeckt. Es ist fast\nder Glanzpunkt des Oratoriums, wie hier, in Fortsetzung\nder angegebenen Gegensätze, der weltlichen Erzählung\nvon Cyrus' Traum diese Verkündigung von seiner göttli-\nchen Erwählung in den höchsterhabenen Tönen und Wor-\nten des begeisterten Sehers möglichst nahe gerückt zur\nSeite gestellt wird; hat man einen heroischen Sopran, wel-\ncher der Rolle des Cyrus gewachsen ist, und einen der\nseltenen bassartigen Alte (in dessen Ermangelung lieber\neinen kräftigen Bariton) für den Daniel, so lassen diese\nbeiden Recitative, richtig gefasst und vorgetragen, einen\nunauslöschlichen Eindruck zurück. Wie war es möglich,\ndass der Bearbeiter, selbst wenn er sie im Texte übersah,\ndie Absicht in der musicalischen Gegenüberstellung dieser"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5596, "texte": "beiden Stücke übersehen konnte, zumal da er sie mit so\nvieler Vorliebe durchgesehen hat, dass er sich sogar Ver-\nänderungen daran erlaubte! Denn aufgenommen ist von\nihm wohl diese ganze zweite Scene, sie ist aber nicht nur\naus ihrer einzig natürlichen Stelle zurückgeschoben, son-\ndern sogar in sich zerrissen worden, so dass man die\neigentliche Bedeutung, namentlich der Arie, kaum nur er-\nrathen kann. Sie steht bei Mosel hinter der im Original\ndritten Scene, der Einleitung zu Belsazer's Feste, wo wir\nin das Sittenverderbniss Babels eingeführt werden, das\nGottes Zorn gereizt hat. Hier beginnt nun die Figur des\nBelsazer eben so zerpflückt zu werden, wie zuvor die des\nCyrus. Es ist ihm bei Mosel ausser dem Duette mit der\nNitocris und der prächtigen Trink-Arie: „Den Becher lasst\nim Kreise gehn\", nichts geblieben, als von der Fest-Arie\nin unserer dritten Scene des ersten Actes der unbedeu-\ntende, auch musicalisch weit weniger eigenthümliche erste\nTheil, worin der Zecher in einer etwas altmodischen Ehr-\nbarkeit erst den Gram verscheucht, ehe er sich dann in\ndem weit sprechenderen und weit ansprechenderen, köst-\nlichen zweiten Theile zu der Stimmung für seine rauschende\nFestfreude erhebt. Wie dieser Theil, so ist dann auch im\nletzten Acte die charakteristischste und zugleich notwen-\ndigste der Belsazer-Arien, mit der er trunkenen Muthes in\nden Kampf und Tod will, und mit ihr der Höhepunkt der\nKatastrophe (man kann schlechterdings nicht begreifen,\naus welchem Grunde), gestrichen.\nIm zweiten Acte schreitet die Handlung regelrecht vor.\nIn der ersten Scene hat Cyrus den Fluss abgeleitet und\nsteht vor der offenen Stadt. Vergebens sucht man sie bei\nMosel an dieser ihrer natürlichen Stelle; sie ist noch ganz\nanders zerfetzt, als die Daniel-Scene; der Chor, der sie er-\nöffnet, steht hinten im dritten Acte, Recitativ und Arie,\ndie sie fortsetzen, stehen an eine andere Stelle zurückge-\nrückt im zweiten; der kleine Chor, der sie schliesst, steht\nganz voran im ersten!! Der zweite Act beginnt bei Mosel\nmit dem Gelage, in dem Belsazer den Judengott verhöh-\nnend herausfordert und durch den Spruch der schreiben-\nden Hand verurtheilt wird; diese (zum Glück noch leidlich\nunverstümmelt gebliebene) Scene, der Mittel- und Wende-\npunkt der Handlung, steht im Original weit natürlicher\nzwischen jenem ersten Auftritte, wo die Perser den Strom\nerst abfliessen sehen, und dem dritten, wo sie durch den\nabgeleiteten Fluss und die Eisenthore schon vorgedrungen\nauf dem Wege zur Königsburg sind; man sieht so die\nverderblichen Fäden um den sündigen Frevler sich näher\nund näher herumschlingen. Von dieser letzten Scene ist\nnichts übrig geblieben, als (wieder zu Anderem zurückge-\nschoben) ein Stück Recitativ und ein unbedeutender Chor:\n~0 tapfrer Fürst\", der von Händel durch einen weit er-\ngicbigeren ersetzt worden ist. Eine schwungvolle Arie des\nCyrus, in der sein jugendfrischer, heiterkräftiger, im Siege\ngefasster, im Triumphe gemässigter Charakter aufs glän-\nzendste zu Tage tritt, ist ganz beseitigt; die Hand hätte\nzittern sollen/ die solch ein Musikstück wie dieses auszu-\nstreichen versucht war.\nDer dritte Act ist, wenn man den dahin nicht gehöri-\ngen Eröffnungs-Chor wegnimmt, bei Mosel ein armseliger\nSchemen geworden. Er eröffnet im Original mit einer\nvortrefflichen Arie der Nitocris, die ganz unentbehrlich ist,\num auf die eintretende Entscheidung zu spannen. Als dann\nder Fall von Babylon verkündet ist und die Juden in den\nlärmenden Jubelchor: „Baal sank dahin\", ausgebrochen\nsind, folgt unmittelbar die schon erwähnte Verzweillungs-\nArie des trunkenen Belsazer und auf sie eine kurze, rau-\nschende Kriegs-Sinfonie, drei Stücke von einer fast wilden\nKraft, die sich gleichsam zu einem tumultuarischen Gan-\nzen zusammenballen, um die blutige, gewaltsame Lösung\ndes Knotens anschaulich zu machen; man muss allen na-\ntürlichen Sinn für eine dramatische Handlung, alles Ohr\nfür musicalische Zwecke und Wirkungen eingebüsst haben,\num diese wesentlichsten Stücke mitten aus dem Laufe der\nEntwicklung zur Handlung herauszuwerfen. Eben so sinn-\nlos ist, was nun folgt. Es ist gewiss ein Zug des allerrein-\nsten und feinsten musicalischen Instinctes, dass in sämmt-\nlichen tragischen Oratorien Händel's jede schroffe und harte\nLösung ausgewiesen ist. Die Dichtung erträgt in dieser\nBeziehung sehr herzzerreissende Dinge, weil sie die Mittel\nhat, Geist und Verstand bei einer Handlung zu interessi-\nren, und mit dem Begriffe die Notwendigkeit dessen ein-\nsehen zu lehren, was das Gemüth schmerzlich berührt;\ndiese Mittel besitzt die Tonkunst nicht, die daher alle grel-\nlen tragischen Momente zu mildern einen natürlichen Trieb\nhat. Daher ist im Saul der Titelheld mehr in Schalten ge-\nrückt und David zur Hauptfigur geworden; daher hebt im\nAcis und Hercules die Vergötterung der Helden über ihren\ntragischen Ausgang tröstend empor; daher ist im Samson,\ndessen Fall an sich schon ein Triumph ist, dem ursprüng-\nlich abschliessenden Begräbnisschor doch noch ausdrück-\nlich später ein freudig emporreissender Schlusschor, wie\nim Saul, angehängt worden. Und daher ist hier im Belsa-\nzer Alles geschehen, um an dem Ausgange Belsazer's rasch\nvorüber zu führen und auf dem Versöhnlichen zu verwei-\nlen. Die Ruhe tritt ein, sobald Gobrias aus seinem Hinter-\ngrunde wieder hervortritt, die Befriedigung seiner Rache\nanzukündigen; der Friede kehrt wieder, wenn Cyrus, sei-\nnen menschlichen Triumph feiernd, die Schonung der Be-\nsiegten verheisst; die Versöhnung stellt sich her in dem\nDuett zwischen Cyrus und Nitocris, das bei Mosel allein\nvon diesen drei untrennbaren Stücken erhalten ist."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5547, "texte": "Der Leser erkennt aus dem Angeführten, wo das\nWunderliche in dem Verfahren des Bearbeiters liegt, der\nsich bei seinen verschiedenen Bemühungen stets einer gros-\nsen Neuheit schien befleissigen zu wollen. Im Jephta warf\ner das Unentbehrliche hinaus und nahm dafür das Unge-\nhörige und Fremde hinein; im Samson begnügte er sich\nmit dem Weglassen, das aber gerade das Wesentlichste\nbetraf; im Belsazer warf er Alles wie Kraut und Rüben\ndurch einander. Mit Ausnahme der beiden Belsazer-Sce-\nnen im ersten und zweiten Acte ist nichts in seiner Ord-\nnung, kein Stein ist auf dem anderen geblieben. Die Ein-\nzel-Figuren sind wesentlich alterirt; die Bass-Partie ist\nherausgefallen, die Alt-Partie (Daniel) ist zum Bass ver-\nwandelt; das Werk ist wie ein Kaleidoskop geschüttelt\nund die Scenen in ein anderes Bild durch einander gescho-\nben ; man darf nur die veränderte Reihenfolge der Chöre\nnennen, um diesen Widersinn anschaulich zu machen. Der\nzweite Chor im Original ist hier der dritte, der dritte dort\nist hier der sechste, der sechste ist der vierzehnte, der sie-\nbente ist der zweite! Der höchst plane \\erlauf einer höchst\neinfachen Handlung ist in ein kleines Chaos durch einan-\nder gewirrt. Und nicht allein ist der klaren Anordnung\nder Thatsachen hiedurch ins Gesicht geschlagen, sondern,\nwas am meisten befremden muss, auch der musicalischen\nCohärenz. Der geschickte Bau des Textes, der dem Ton-\nkünstler die Mittel entgegenbot, die Uebergänge von einer\ngegensätzlichen Scene zur anderen aufs feinste zu verschlin-\ngen, ist von Händel mit vollkommenster Einsicht ergrif-\nfen und musicalisch ausgenutzt worden. Es ist meisterlich,\nwie aus der ersten Kriegsscene durch das Gebet des Cyrus\nund die fromme Erhebung des Chors in die stille Clause\nDaniel's hinabgeleitet wird, und wie wieder durch den\njauchzenden Schlusschor dieser zweiten Scene, der nicht\nfeurig genug genommen werden kann, der Uebergang zu\nden lebhaften Gelagsscenen in Belsazer's Burg gemacht\nwird; es ist eben so vortrefflich, wie auf den lebhaften\nSchlusschor von 11. 1.: „Ans Werk\", der den Babyloniern\nUnheil verkündet, unmittelbar der Sprung auf den rau-\nschenden Fest-und Trinkchor der in Sicherheit eingewieg-\nten Belagerten gemacht wird, und wie dann die Haupt-\nscene 11. 2. mit Nitocris' mahnender Verweisung des ge-\nschlagenen und verstockten Sohnes zu Reue und Gottver-\ntrauen schliesst und die folgende mit dem gedämpften Ge-\ngensatz der Arie des gottgeleiteten Cyrus beginnt. In sol-\nchen Dingen arbeitet des Künstlers klarster berechnender\nVerstand mit dem zartesten Feingefühl seiner Seele in der\ninnigsten Verwebung zusammen; das Ergebniss solch einer\nGeistesarbeit solch eines Menschen mit roher Hand muth-\nwillig zu zerstören, um Zufälligkeiten und Albernheiten,\nwie aus dem Loostopf gegriffen, an die Stelle zu setzen,\nsolch ein Verfahren zu bezeichnen, gibt es gar keine\nWorte. Und ist dieses Verfahren einmal nachgewiesen,\ndann scheint uns auch nichts mehr die Fortpllanzung die-\nser Caricaturen rechtfertigen zu können, die man da und\ndort bei der Aufführung sogar noch einmal abgekürzt hat.\nIst es ein Wunder, wenn das deutsche Volk in halber\nKenntniss und zwischen halber Gleichgültigkeit und halber\nBewunderung für Händel stecken bleibt, da man ihm fort-\nwährend diese Verunstaltungen als dessen Werke dahin-\nhält? Welch Recht hat man, diese prokrustirten Zerrbilder\nOratorien von Händel zu nennen? Wenn ein Theater-\nschreiber das reizende Spiel Shakespeare's „Viel Lärm um\nnichts\" in eine triviale Spiessbürger-Komödie herabgezogen\nhat, so hat er dem Stücke seinen Namen und eine andere Auf-\nschrift gegeben; aber wo wäre die Theater-Direclion, die\nauf den Unsinn kommen würde, diesem so zugerichteten\nStücke den Namen des ursprünglichen Dichters und den\nseines Werkes vorzusetzen!\nWir möchten nicht gern bloss ausstellen, sondern\nauch wo möglich bessern helfen. Wir legen daher einen\nText des Samson bei und einen zweiten des Belsazer, die\nnach unserer Ansicht bis zu der Gränze abgekürzt sind,\nüber die man nicht hinausgehen darf, wenn- dem Zusam-\nmenhang der Handlungen und der Zeichnung der Charak-\ntere und vor Allem der musicalischen Schöpfung kein we-\nsentlicher Eintrag geschehen soll. In eben solcher Weise\nist auch der Text von der Susanna zugerichtet und ge-\nkürzt, der im Jahre 1854 in Nr. 51 dieses Blattes mitge-\ntheilt worden ist. Diese Texte bieten jedem, der die Par-\ntitur einer englischen Original-Ausgabe zur Hand hat, die\nmangelnden Uebersetzungen dar. Diese Gestaltungen ha-\nben sich in praktischer Ausführung vollkommen bewährt;\nsie haben tiefe, gewaltige Eindrücke hinterlassen in einem\nMaasse, wie sie die MosePschen Bearbeitungen niemals\nhervorbringen können. Alle drei Oratorien sind in dieser\nGestalt noch Niemandem zu lang geworden. Die Auffüh-\nrung erfordert, selbst wenn man die Pausen behaglich\nausdehnt, nicht einmal drei Stunden Zeit, wenn man an-\nders den Gang nicht in einer schläfrigen Weise nehmen\nwill, die man zuweilen oratorischen Stil nennt, sondern in\ndem kräftigen und feurigen dramatischen Zuge, den na-\nmentlich im Belsazer die Composition noch mehr als der\nText in Anspruch nimmt. Wer mit Händel nur halbwegs\nvertraut ist, ist gewiss nicht geneigt, ihn durch zu rasche\nTempi zu verflachen.-In seinen dramatisch gestalteten Ora-\ntorien aber glauben wir zu bemerken, dass man heut zu\nTage geneigt ist, aus Theorie in der Langsamkeit hier und\nda zu weit zu gehen. Wir würden unrecht thun, auf die\nUeberlieferungen der Engländer, die von der Breite der\nTempi in Händel's Zeit berichten, allzu viel Gewicht zu"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 974, "texte": "legen. Ist der Pulsschlag dieses heutigen Geschlechtes ra-\nscher, als der der ehrbaren Generation des achtzehnten\nJahrhunderts, so muss sich das Andante der Tonsätze, auch\nder Tonsätze jener Zeit, wenn wir sie fortpflanzen sollen,\nin Gottes Namen danach richten. Was (um ein Beispiel\nanzuführen) die Vorschriften in Mosel's Bearbeitung des\nBelsazer betrifft, so sind die Tempi der raschen Chöre und\nChortheile fast alle zu langsam. Nur das Allegro des\nFluphrat-Chors ist richtig getroffen. Den ersten Satz des\nJubelchors: „Singt, ihr Himmel\", darf man, wenn man\nwohl aussprechende Sänger hat, von M. M. 96 ganz dreist\nbis auf 132 rücken; die drei letzten Chöre, alle drei solche\nJubel-Ausbrüche der Israeliten, tragen die Bezeichnung\n92. 100. 92.; man wird bald fühlen, dass ein stärkerer\nZug ihre Wirkung ungemein erhöht, und dass man in\neiner regelrechten Steigerung in ihnen von 108 zu 112\nund 120 vorgehen kann.\n(Die Texte dieser Oratorien werden wir später mittheilen.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-03-20-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-03-20_01#c003", "volume": "bmtnabi_1858-03-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "92", "page_fin": "93", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.2.3", "titre_corps": "Aus Dresden.", "titre_sommaire": "Aus Dresden.", "signature_source": "C. 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Um bei\nsolchem Beginnen mit Leichtigkeit zu siegen, dazu gehört\nvor Allem Reichthum und ein weitschallendes Renommee,\noder auch nur das Erstere; denn mit ihm lässt sich das\nZweite für die Gegenwart gewinnen und beliebig steigern.\nEine Aenderung ist nicht zu erwarten, so lange die deut-\nschen Bühnen sich zu den Componisten und überhaupt zu\nden schaffenden, dichtenden Geistern nicht in ein schick-\nlicheres und mit mehr Courtoisie ausgestattetes Yerhältniss\nsetzen; so lange die Schöpfer des Gedankens drückenden\nSorgen der Lebens-Existenz Preis gegeben sind, während\nihre Werke Tausende einbringen und reproducirende\nKünstler sich mit wenig Mühe und grossem Behagen des\nReichthums und des persönlichen Cultus erfreuen, womit\nman sie überschüttet.\nDie neue (zuerst am 17. Januar gegebene und in kur-\nzen Zwischenräumen bis zum Urlaubs-Antritte Tichatschek's\nsechs Mal wiederholte) Oper des Herrn Capellmeisters K.\nKrebs enthält so viel Vortreffliches, Gefälliges, in der mu-\nsicalischen und dramatischen Wirkung Wohlgelungenes,\ndass ihr Success ein vollständiger und erfreulicher für den\nComponisten war. Das Sujet ist die bekannte deutsche\nLiebes-Tragödie der Agnes Bernauerin, welche bis auf die\nneueste Zeit von unseren Dichtern wiederholentlich behan-\ndelt wurde, ohne jedoch zu einer dramatischen Vollendung\ngebracht zu werden, ein Resultat, das im Stoff selber sei-\nnen Grund finden mag. Der nicht genannte Verfasser des\nTextes hat den Stoff zwar in sehr gewöhnlichen, holperi-\ngen und von Poesie unbeschwerten Versen behandelt, aber\nhinsichtlich der Entwicklung und des Aufbaues der Hand-\nlung (mit Ausnahme des Schlusses) und der scenischen\nEffecte doch in Bezug auf die Forderungen der Oper ein\nnicht gewöhnliches praktisches Geschick, wenigstens für\ndie äussere Handhabung, bewiesen. Denn dass der Vater\nder Agnes, der von Waffen bekanntlich nur das Barbier-\nmesser und die Lanzette führte, in einen Waffenschmied\nverwandelt wurde, ist sehr wohl thunlich und passend.\nDie Intrigue des ergrimmten Nebenbuhlers Ottmar, so\nwie des Reichskanzlers Percival ist gut angelegt und ver»-\nständlich und wirksam durchgeführt, eben so wie der Ver-\nlauf der Handlung, der ohne Stillstand und störende Un-\nwahrscheinlichkeiten rasch vorschreitet. Manche Opern ha-\nben die Intentionen dazu angeregt. Wrenn aber die Tra-\ngödie endlich als Schauspiel schliesst, und wir Albrecht\nmit Agnes, welche doch der Hexerei angeklagt und er-\ntränkt wurde, als glückliches Ehepaar sehen, so ist das al-\nlerdings ein zu gewaltsamer und unpoetischer Zwang eines\nhistorisch zu bekannten Factums. Uebrigens aber ist die\nganze Behandlung des Stoffes auf jenen Schluss hin ange-\nlegt; sie hätte im Text wie in der Musik eine völlig andere\nsein müssen, wenn die tiefe Tragik der Begebenheit, wel-\nche dieselbe allein zu einem stets reizenden und romanti-\nschen Vorwurf für Dichter gemacht hat, darin hätte mit\npoetischer Gewalt zur Geltung kommen sollen. Es würde\ndaher auch ungerecht sein, vorzugsweise in der Musik das\nzu suchen, was bei Behandlung des Sujets von vorn herein\nzum grössten Theil aufgegeben wurde.\nDie Musik des Componisten zeigt uns in lobenswür-\ndigster Weise mit wechselndem Gelingen im Einzelnen,\nmit unbestreitbarem in der Gesammtheit die Anspannung\nund Hingabe aller seiner Kräfte für sein Werk. In der Er-\nfindung, die sich durch Reichthum des melodiösen Ele-\nments und kräftige und ungesuchte Führung der Harmo-\nnik auszeichnet, waltet der Eklekticimus vor, wie über-\nhaupt in unserer musicalischen Zeit-Periode, und dieser\nübt allerdings auf die organisch vollendete Abrundung, auf\ndas Colorit und die innere Macht der Stimmung und auf\ndie unmittelbare Wahrheit der Empfindung einen hin-\ndernden Einfluss; dafür tritt indess eine gewandte Behand-\nlung der Factur, Klarheit der Formen, durchdachte Ver-\nwendung der Motive und routinirte Beherrschung der"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2669, "texte": "orchestralen Mittel ein, und das Bizarre, unnatürlich Ge-\nquälte, Verworrene trübt nie den musicalischen Fluss, er-\nweckt nie das Missbehagen eines eigentümlich forcirten\nBeginnens auf Kosten des natürlichen Gefühls. Vor Allem\naber offenbart sich in der Musik mit geistiger und energi-\nscher Lebendigkeit eine dramatische Auffassung und Ge-\nstaltung, und hat das Talent des Componisten auch mehr\nnur die stärkeren und einfacheren Gefühle und leiden-\nschaftlichen AfTecte der Seele und Effecte der Scene zum\nAusdruck gebracht, so sind diese doch in kräftiger und\nwirksamer Weise vorhanden und kommen ohne unbe-\nstimmte Halbheit und Stockung zu entschiedener, gesunder\nund belebter Erscheinung, so dass das musicalische In-\nteresse am Ganzen regsam bleibt und der Eindruck nicht\nerlahmt und die Hörer ermüdet. Ein grosser künstlerischer\nHöhepunkt der Oper liegt im Finale des zweiten Actes;\nes ist in seinem mittleren Theile namentlich von einer ganz\nausserordentlichen dramatischen Erhebung und Steige-\nrung, breit in der Anlage, vorzüglich in der Tonwirkung,\nwahr im Ausdruck. Ohne in der Aufzählung der auch vom\nPublicum ausgezeichneten Tonstücke vollständig sein zu\nwollen, sei daneben noch das leidenschaftliche Duett zwi-\nschen Ottmar und Agnes im letzten Acte und die charak-\nteristische düstere Rache-Arie desOttmar im zweiten Acte\ngestellt. Eine grössere Mässigung in der Instrumentation,\nwelche mit figurirten unwesentlichen Ausschmückungen\n■Verladen ist, hätte dem Werke wohl gethan, und man-\n■rzungen werden zu empfehlen sein. Die Ausstattung\nPerkes war luxuriös und geschmackvoll. Höchst er-\n■cher Weise ärntete der Componist für seine so ge-\nRneund effectvolle Schöpfung die lebhafteste und\nBörnste Anerkennung und Auszeichnung des übervollen\nTlauses. Er wurde drei Mal gerufen.\nDie Ausführung war eine höchst gelungene, die In-\ntentionen des Componisten vorzüglich belebende von Seiten\nder Frau Bürde-Ney und der Herren Tichatschek\nund Mitterwurzer, und diesen zunächst des Herrn Dett-\nmer, Agnes, Albrecht, Ottmar und Percival. Höchst Glän-\nzendes und durch Ausdruck ungemein Fesselndes leistete\nin der eben so virtuos-brillanten als dramatischen Partie\nder Agnes die Erstgenannte; mit energischer Begeisterung,\nfast mit Uebernahme der Kraft, sang Herr Tichatschek die\ndeclamatorischen und heroisch bedeutenden Stellen des Al-\nbrecht. Herr Dettmer (der für Herrn Rudolph eingetreten\nwar) würde mit seiner schönen Bariton-Tenorstimme und\nseinem musicalisch richtigen Gefühle mit weit mehr Vortheil\nin der Oper als im Drama zu verwenden sein. Die Production\ndes Orchesters unter Leitung des Componisten warmuster-\nhaft präcis, feurig und tonvoll.\n\nC. Banck."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-03-20-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-03-20_01#c004", "volume": "bmtnabi_1858-03-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "93", "page_fin": "95", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.2.4", "titre_corps": "Die musicalischen Zustände Düsseldorfs.", "titre_sommaire": "Die musicalischen Zustände Düsseldorfs.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.1.5", "debut_caractere": 2671, "fin_caractere_exclue": 6712, "texte": "Die musicalischen Zustände Düsseldorfs.\nWir würden uns nicht abermals der unerfreulichen Aufgabe un-\nterziehen, über unsere musicalischen Zustände zu berichten, wenn\nwir uns nicht verpflichtet fühlten, abermals ein ungeschminktes Bild\nderselben zu entwerfen und einen prüfenden Rückblick auf die letz-\nten vier Jahre zu werfen, um über die Resultate der Wirksamkeit\ndes Herrn Tausch, seit er an die Spitze unserer Aufführungen und\nVerhältnisse getreten ist, eine klare Ansicht zu gewinnen.\nUnsere Vocal- und Instrumentalkräfte befanden sich auf der Höhe\nder Leistungsfähigkeit, auf die sie sich durch Mendelssohn und Rietz\nemporgehoben, unter Hiller erhalten hatten, als Robert Schumann im\nHerbste 1850 zu uns berufen wurde. In der Leitung des Gesang-\nVereins für gemischten Chor und den Aufführungen des allgemeinen\nMusik-Vereins zeigte sich gar bald seine geringe Befähigung für alle\npraktischen Dinge; indess boten die Concerte der ersten Saison,\nwelche Schumann leitete, doch manche Leistung, welche zu der Hoff-\nnung berechtigte, er werde sich bei fortgesetzter Uebung allmählich\nzu einem guten Dirigenten ausbilden. Das Gegentheil trat leider ein;\ndie Schwerfälligkeit, sich den Mitwirkenden verständlich zu machen,\nblieb in stetem Steigen, ja, es traten Momente ein, die sich nur\ndurch gänzliche geistige Abwesenheit erklären Hessen, so dass Schu-\nmann auch den Einfluss einbiisste, welchen er der Würde und dem\nErnste seiner Erscheinung und Haltung verdankte, bis er, völlig iso-\nlirt, auf die Mitwirkenden nur noch erkältend, entmuthigend, ja, fast\nerdrückend einwirken konnte. Niemand ahnte in diesen Erscheinun-\ngen die traurigen Vorboten jener Krankheit, welche so bald schon\ndie geistigen und körperlichen Kräfte des grossen Meisters brechen\nsollte; man schrieb sie einer unbegreiflichen Gleichgültigkeit zu und\nsah sich genöthigt, ihn zu bitten, nachdem jede Spur der früheren\nDisciplin aus Chor und Orchester längst geschwunden war, den Di-\nrigentenstab niederzulegen. Herrn Tausch, der schon früher Schu-\nmann häufig vertreten hatte, bat man dagegen, die Fortführung der\nWinter-Concerte des allgemeinen Musik-Vereins zu übernehmen.\nUnter der neuen Leitung fühlten sich die Mitwirkenden, nament-\nlich die Orchester-Mitglieder, befreit von dem Drucke, der auf ihnen\ngelastet; sie athmeten frei auf, und die ersten von dem neuen Diri-\ngenten geleiteten Concerte, namentlich die Aufführung mehrerer In-\nstrumental-Compositionen, gewannen dadurch einen Schwung und\neine Frische, welche an die besseren früheren Zeiten zu erinnern\nvermochte. In den folgenden manifestirte sich indess die alte Nach-\nlässigkeit und Schlaffheit bei den Mitwirkenden von Neuem, und die\nAufführungen sanken sehr bald auf eine höchst unbefriedigende Stufe\nzurück: die naturgemässe Folge flüchtiger, übereilter Proben.\nObgleich Herr Tausch das Missliche der ganzen musicalischen\nSituation kannte, so würde es ungerecht gewesen sein, ihn für die\nMängel und Gebrechen der Aufführungen verantwortlich zu machen,\nweil er mitten in der Saison die provisorische Leitung der Concerte\nübernommen hatte und ihm weder Zeit noch Stellung gestattete,\ndurchgreifende Reformen anzubahnen.\nDem Gesang -Verein gegenüber veränderte sich indess die\nStellung des Herrn Tausch, indem er zum Director desselben schon\nim Anfange des Jahres 1854 erwählt wurde. Offenbar bildeten die\nChorleistungen den schwächsten Theil der Aufführungen, und dess-\nhalb erwarteten wir, dass Herr Tausch nach dem Vorbilde muster-\ngültiger Vereine für Chorgesang, wie z. B. des Stern'schen Vereins\nund der Sing-Akademie in Berlin, auch eine Neugestaltung- des un-\nserigen und die Durchführung der dort bestehenden Einrichtungen\nund Classificationen erstreben werde. Es musste daher nicht wenig\nbefremden, als der neue Director, Alles ruhig beim Alten lassend,\neinen jeden Versuch von Reform versäumte.\nSo bot denn die folgende Concert-Saison von 1854—55, in der\nHerr Tausch die Direction provisorisch behielt, abermals eine Reihe\nhöchst unbefriedigender Aufführungen, die in der des Mendelssohn'-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8093, "texte": "sehen Paulus eine wahrhaft betrübende Höhe erreichte. Dem Unbe-\nfangenen musste sich die Ueberzeugung aufdrängen, dass nach den\nbisherigen Erfahrungen Herrn Tausch alle Eigenschaften fehlten, um\nin der eingenommenen Stellung mit Erfolg zu wirken. Diese Ueber-\nzeugung sprach sich sehr deutlich aus, als für die Besetzung der\nstädtischen Musik-Director-Stelle eine Concurrenz ausgeschrieben\nwurde, und weder die speciel mit den musicalischen Angelegenheiten\nbetraute Commission des Gemeindeiathes, noch der Vorstand des all-\ngemeinen Musik-Vereins Herrn Tausch unter der Zahl ihrer Candi-\ndaten für jene Stelle vorschlug. Doch gelang es dessen ungeachtet den\nvielen Freunden des Herrn Tausch, welche er sich, namentlich unter\nden Künstlern, durch seine Pianoforte-Vorträge und die Bereitwillig-\nkeit, als Begleiter die kleinen Aufführungen derselben zu fördern,\nerworben, die Mehrzahl des Gemeinderathes für ihn zu stimmen und\ndie Wahl auf ihn zu lenken.\nIm Juli 1855 wurde somit die Stelle des städtischen Musik-Di-\nrcctors definitiv Herrn Tausch übertragen. Die Freunde bezeichneten\ndiesen Zeitpunkt als denjenigen, welchen Herr lausch abgewartet,\num mit aller Energie und gestützt auf den Einfluss, welchen ihm die\nneue Stellung sichere, nach allen Richtungen hin thätig aufzutreten\nund die gesunkenen musicalischen Zustände zu heben und zu beleben.\nAusser einem erfolglosen Versuche, einen Instrumental-Verein zu\ngründen, um, wie Herr Tausch selbst erklärte, durch häufigere Or-\nchester-Uebungen das Ungenügende der bisherigen Concert-Proben\nauszugleichen, ist indess von den wiederholt angekündigten reforma-\ntorischen Bestrebungen nichts bekannt geworden. Der Concert-Be-\nsuch, der im vorhergehenden Jahre sehr bedeutend abgenommen,\ngestaltete sich nicht günstiger: ein Beweis, dass auch das Publicum\nnicht mit erhöhten Erwartungen den Concerten von 1855- 56 ent-\ngegensah, die denn auch wirklich im Ganzen durch alle Mängel der\nfrüheren charakterisirt wurden.\nIm Herbste 1856 gelang es Herrn Tausch, das Projcct der Grün-\ndung eines Instrumental-Vereins durchzuführen*, es zeigte sich eine\ngenügende Theilnahme, und in den beiden Jahren des Bestehens\nhat derselbe eine überraschend grosse Anzahl von theils mitwirken-\nden, theils zuhörenden Mitgliedern gefunden Statt den neugebildeten\nVerein als Orchesterschule und Vorübung für die Winter-Concerte,\nwie es Herr Tausch selbst zu wünschen schien, zu benutzen, dient\ner, ohne Zusammenhang mit jenen, nur zu flüchtigen, kaum durch\neinzelne Wiederholungen unterbrochenen Prima-Vista-Uebungen.\nSo sind denn auch die Winter-Concerte von 1856 —57 ohne künst-\nlerische Bedeutung geblieben, während der geringe Besuch zu mög-\nlichster Beschränkung der Ausgaben nöthigte, die sich im ganzen\nZuschnitt und in der Ausstattung, in der schwachen Besetzung des\nStreich-Quartetts, namentiieh der ersten Violinen, immer mehr zu er-\nkennen gab, und endlich das Fortbestehen in Frage stellen wird.\nUeber die diesjährigen Winter-Concerte behalten wir uns ein spe-\ncielles Referat vor; einstweilen sagen wir nur, dass bis jetzt erst\ndie eine Hälfte gegeben wurde, so dass die späteren vier Concerte\nsich bis weit in den Frühling hinein ziehen werden: ein Beweis, wie\nweit die so häufig nachgewiesene Nonchalance auch in dieser Be-\nziehung geht. Einen in den Annalen unserer Concerte wohl einzig\ndastehenden Fall dürfen wir indess nicht unerwähnt lassen. Nach\nzuverlässigen Mittheilungen gab Herr Tausch im zweiten diesjähri-\ngen Concerte Haydn's Motette „Des Staubes eitle Sorgen\" ohne\nalle Probe, als das zur Aufführung bestimmte Musikstück wegen\nzu grosser Unsicherheit des Chors in der General-Probe bei Seite ge-\nlegt werden musste.\nAls das Grundübel des Verkommens unserer musicalischen Zu-\nstände ist offenbar die Art und Weise zu betrachten, wie Herr\nTauseh den Gesang- und den Instrumental-Verein leitet. Zufrieden,\nwenn nur nothdürftig die Noten herauskommen, gewähren die bei-\nden Vereine dem, der es ernst mit der Tonkunst meint, keine Be-\nfriedigung, sondern nur jenem, der sich durch Mitwirkung im Chor\noder Orchester einen Abend in der Woche zu erheitern sucht, abge-\nsehen davon, ob dadurch die Kunst gefördert werde oder nicht. Wir\nsehen desshalb die ersteren unter der vorherrschenden Majorität der\nletzteren kaum in den Vereinen vertreten. Die Uebungen Beider ha-\nben daher den Charakter gesellschaftlicher Unterhaltung in so über-\nwiegendem Grade angenommen, dass man an ernstere Zwecke nur\nselten erinnert wird. Gerade dieser Charakter ist es, der die nume-\nrische Stärke beider Vereine begünstigte, während das stete Steigen\nder Mitgliederzahl, wenigstens im Gesang-Vereine, in offenbaren Ge-\ngensatz zu den Leistungen getreten ist. Auf den fortdauernden Zu-\nwachs des letzteren dürfte zudem der Umstand nicht ohne Einfluss\ngeblieben sein, dass der jährliche Vereins-Beitrag geringer ist als\nder Abonnements-Preis für die Concerte, während jener nicht nur\nzum Besuche des Vereins, sondern, auch zu dem der Concerte, so\nwie der rheinischen Musikfeste und aller Proben berechtigt.\nBei den mitwirkenden Mitgliedern beider Vereine prägt sich im-\nmer mehr die Ansicht aus, Herr Tausch in dem geringen\nMaasse der Anforderungen an sie gerade dasjenige treffe, was ein\nDirigent überhaupt Dilettanten gegenüber verlangen dürfe. Wenn in-\ndess diese Mitglieder darin die Grundbedingung des Bestehens der\nVereine und ihrer Theilnahme an denselben zu erkennen glauben, so\nmüssen wir sie gegen sich selbst in Schutz nehmen Ein geistrei-\ncher, gewissenhafter Dirigent würde sie sehr bald überzeugen, dass\nernstes Studium eine grössere und bleibendere Freude und Befriedi-\ngung gewährt, als die, welche sie jetzt empfinden. Sie werden we-\nnigstens die Wahrscheinlichkeit unserer Behauptung einräumen müs-\nsen, wenn sie ihre eigene Bildungsfähigkeit nicht ungünstiger beur-\ntheilt wissen wollen, als die der Mitglieder ähnlicher Vereine in an-\nderen Städten als Düsseldorf, das ja vorzugsweise die Kiinstlerstadt\nder Provinz genannt wird. Auch die zuhörenden Mitglieder des In-\nstrumental-Vereins würden gewinnen, wenn ein Thtii der Zeit zum\nStudium, der andere zum Vortrag der studirten Compositionen be-\nnutzt würde. Herr Tausch vermag sich indess nicht zu der Devise\nMendelssohn's : lies severa, verum gaudium, zu bekennen\nheben. Er vermag nicht durch Eröffnung des VerständnissM\nMusikstückes, nicht durch tieferes Eingehen in die Mittel m\ntrags, um den Geist desselben zum Ausdruck zu bringen, aJ|\nund zu fesseln, und desshalb stüizt er sich, bewusst oder®\nwusst, auf den flachsten Dilettantismus.\nWir müssen dies um so bestimmter hervorheben, als die FrS\ndes Herrn Tausch das numerische Emporblühen jener beiden\neine als das Kriterium seiner anregenden, erfolgreichen\nThdtigkeit in den \\ ordergrund zu schieben pflegen, während wir\ngerade das Gegentheil darin erblicken.\nErwägt man das Gesagte, so wird man es erklärlich finden, dass\nin allen Kreisen unseres Publicums, welche mit jenen Vereinen we-\nder in directer noch indirecter Verbindung stehen, der musicalische\nIndifferentismus immer mehr um sich greift. Die Concerte des all-\ngemeinen MusiK-Vereins haben längst aufgehört, den Vereinigungs-\npunkt aller Musikfreunde, ja, der Elite der verschiedenen gesellschaft-\nlichen Elemente der fetadi und der Umgegend zu bilden, wodurch\nfrüher jedes derselben zu einem Ereigniss wurde, welchem ein zahl-\nleiches Concert-Pub icum mit Spannung und Interesse entgegen zu\nsehen pflegte. Wir finden es auf die Hälfte zusammengeschmolzen,\nund selten vernehmen wir von seiner Seite ein Zeichen von Beifall\nund gehobener Stimmung, das zündend einen Wiederhall bei den\nMitwirkenden hervorzurufen vermöchte.\nDie Theilnahmlosigkeit zeigt sich auch in den von den Herren\nTausch, Langhans und Forberg veranstalteten Trio-Soireen, die kaum\nden vierten Theil des früher bei ähnlichen Aufführungen von Kam-\nmermusik anwesenden Publicums anzuziehen vermochten. Auch hier\nsprechen wir Herrn Tausch nicht frei von Schuld. Gerade weil wir\nseine eminenten Eigenschaften als Pianist stets hervorgehoben, glau-\nben wir uns zu der Bemerkung berechtigt, dass auch die Vorträge"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7800, "texte": "in jenen Soireen häufig den deutlichen Stempel flüchtigen Studiums\ntragen, und dass Herr Tausch mit seinem markigen, kräftigen An-\nschlage den schwächeren Ton der Mitspieler nicht selten völlig\ndeckte, und somit auch auf diesem Felde den Mangel an feinerem\nkünstlerischem Sinn und Verständniss verrieth.\nBetrachten wir unsere musicalischen Zustande im Vergleich za\ndenen der Nachbarorte, so kommen wir zu dem betrübenden Resul-\ntate, dass bei uns im letzten Decennium der Rückschritt dieselbe\nProgression angenommen hat, als dort die fortschreitende Entwick-\nlung musical sehen Lebens. Wir sprechen dies namentlich im Ver-\ngleich zu Elberfeld, Barmen, Crefeld und Bonn aus; denn mit Köln\ndürfen wir es schon lange nieht mehr wagen. Die Musikfreunde der\ngenannten Orte wussten ohne Zuschüsse aus städtischen Mitteln Mu-\nsiker wie Schornstein, Reinecke, Wolf und Di et er ich zu\nfesseln und durch sie die günstige Umgestaltung der Verhältnisse\nzu begründen.\nBei diesen Thatsachen wird man unwillkürlich zu der Frage ge-\ndrängt: Würde es nicht günstiger für unsere Zustände gewesen sein,\nwenn die Stelle des städtischen Musik-Directors so lange unbesetzt\ngeblieben wäre, bis sich eine bewährte Persönlichkeit nicht nur ge-\nfunden, sondern auch als solche vom Gemeinderathe anerkannt wor-\nden wäre?\nEhe wir diese Frage beantworten, werden wir die übrigen noch\nunbesprochenen Functionen des städtischen Musik-Directors vorher\nnäher ins Auge fassen und prüfen, was Herr Tausch darin leistet.\nSie bestehen in der Ueberwachung und Förderung des Gesang-\nUnterrichts in den Elementarschulen, als Grundbedingung guten Kir-\nchengesanges, so wie in der Aufführung von Kirchenmusik an ein-\nzelnen wenigen dafür bestimmten Tagen.\nUeber den ersten Theil sind wir ausser Stande, zu berichten. Nur\nder Gemeinderath selbst kann die Thätigkeit des Herrn Tausch nach\nder angedeuteten Richtung hin beurtheilen, für die uns, da wir uns\nnicht erinnern, in den Protocollen der Gemeinderaths-Sitzungen darauf\nBezügliches gefunden zu haben, alles fehlt, was uns Anhaltspunkte\nböte.\nAuch über die Aufführung der Kirchenmusik vermögen wir kein\numfassendes Urtheil zu fällen. Wir haben nur derjenigen einiger A-\nCapella-Chöi'Q von Palestrina und Lotti, so wie einiger Messen mit\nOrchester-Begleitung beigewohnt und über die ersteren einen detail-\nlirten Bericht in diesen Blättern veröffentlicht. Wir können über jene\nnur unser früheres Epitheton „unwürdig\" wiederholen und müssen\ndie der letzteren als solche bezeichnen, wodurch der musicalisch\nGebildete sich im Gottesdienste wohl nur gestört, der Laie aber un-\nmöglich erbaut fühlen kann. Die späteren Aufführungen vermieden\nwir absichtlich, weil die eingezogenen Erkundigungen über die Art\nder Proben uns nichts Besseres erwarten Hessen als das, was wir\nbereits gehört.\nHerr Tausch hat somit auch dieses Feld seiner Thätigkeit, auf\nwelchem jede Nachlässigkeit zu doppeltem Vorwurf gereicht, mit\ndem Mangel an Sorgfalt und Energie bearbeitet, den wir an ihm\ngewohnt sind.\nDem Buchstaben seines Vertrages würde Herr Tausch genügt\nhaben, wenn er durch die Mitglieder des Gesang-Vereins die Auffüh-\nrungen in der Vollendung gegeben, welche bei den vorhandenen\nKräften erreichbar war. Wenn er sich aber die Aufgabe gestellt\nhätte, durch die Wirkung der Musik, namentlich der rein vocalen,\nden Gottesdienst wahrhaft zu verherrlichen, so würde er, als das\nbeste Mittel dazu, die Begründung eines eigenen Vereins für geist-\nliche Musik erkannt und in ihm die sich besonders dafür interessi-\nrenden Mitglieder des bestehenden Gesang-Vereins mit den ausserhalb\ndesselben vorhandenen Gesangkräften zu vereinigen versucht haben.\nDie Erfahrung hat ja gelehrt, wie treffliche Leistungen wir der pe-\nriodischen Vereinigung beider Elemente verdankten.\nHerrn Tausch gereicht unserer Ansicht nach auch die geringe\nTheilnahme zum Vorwurf, welche er dem Orchester des Theaters\nund seinen Mitgliedern bewiesen. Es ist durchaus nöthig, eine Orga-\nnisation zu ersinnen, durch die allen unbilligen Anforderungen von\nSeiten der Orchester-Mitglieder an den Theater-Director, eben sowohl\nals von der des Directors an jene, vorgebeugt wird. Im verflossenen\nHerbste wurden seit langen Jahren hier ansässige Mitglieder des\nTheater-Orchesters entlassen und Fremde neu engagirt. Wir wollen\nnicht untersuchen, auf welcher Seite das Recht lag; wir beklagen\nden Vorfall vor Allem dessha b, weil wir darin den Beweis er-\nblicken, dass es an einer Organisation fehlt, um das Orchester-Mit-\nglied, welches seine Pflicht erfüllt, vor Willkür zu sichern, und eben\nso dem Theater-Director Schutz zu gewähren, wenn die Orchester-\nMitglieder im Ganzen zu hohe Ansprüche erheben, oder einzelne In-\nstrumente ungenügend besetzt sind. Herr Tausch hat allerdings\nSchritte zur Bildung eines städtischen Orchesters versucht, aber nach\nder ersten Erfolglosigkeit nicht weiter verfolgt. Hätte er eine Orga-\nnisation uns scheint es nicht schwer, eine solche zu finden\nvorgeschlagen, mit keinem Risico für die Gemeinde-Casse verbun-\nden, so wäre sie gewiss angenommen worden.\nWir fühlen es vollkommen, dass Herr Tausch entgegnen kann,\nso weit gehe die übernommene contractliche Verpflichtung nicht. Aber\ner so wenig wie seine Freunde werden die moralische verläugnen\nwollen, uns durch die äusserste Sorgfalt und Thätigkeit in allem,\nwas zur Förderung der musicalischen Interessen gehört, für das zu\nentschädigen, was seine Vorgänger durch den Reichthum ihrer indi-\nviduellen Begabung boten, durch den Glanz ihres Namens, durch ihre\nStellung als gefeierte Virtuosen und Tondichter, durch den Verkehr\nmit allen verwandten Kunstgrössen, durch die Anziehungskraft, welche\nsie auf junge Künstler ausübten, die sich im Verkehr mit ihnen, so\nwie durch unmittelbare Belehrung oder in der Bewegung unsere»\nmusicalischen Lebens zu bilden suchten.\nVergleichen wir das alles mit der jetzigen musicalischen Oede,\nerwägen wir, wodurch sie nach und nach über uns hereinbrach, so\nkönnen wir die Frage, die wir früher aufwarfen, nicht anders als\nmit „Ja\" beantworten. Ja, wäre die Stelle des städtischen Musik-\nDirectors nach Schumann's Tode so lange unbesetzt geblieben, bis\nsich eine bewährte Capacität dafür gefunden, so würde sich für ta-\nlentvolle, strebsame Musiker hier ein Wirkungskreis eröffnet haben,\nder gewiss nicht unbenutzt geblieben wäre. Wir hätten Spaltungen\nund Zerwürfnisse erlebt, aber die besten musicalischen Kräfte wür-\nden sich ohne Zweifel unter den Würdigsten geschart, in dem Kampfe\nwürde das Interesse für Kunst stete Nahrung gefunden haben und\ndem Erlöschen nicht so nahe geführt sein, als jetzt.\nZum Schlüsse noch einige Worte, namentlich' an die unter den\nAnhängern des Herrn Tausch, welche es ernst und redlich mit der\nKunst meinen und mit Ueberzeugung für seine Aufführungen, als\nkünstlerisch befriedigende, ja, als vollendete, schwärmen.\nNichts ist für den musicalischen Geschmack, für musicalisches\nUrtheil so gefährlich, als jahrelanges Hören von mittelmässigen, ja,\nschlechten Aufführungen und Mitwirken in denselben. Wer nicht\ndurch eine vorzugsweise feine musicalische Organisation geschützt\nwird oder von Zeit zu Zeit an Vollendetem den gesunden Sinn wie-\nder zu beleben und zu erfrischen Gelegenheit findet, verliert zuletzt\njeden Maassstab für bessere Leistungen. So ist es Vielen unter uns\nin musicalischer Beziehung ergangen ; erleben wir ja auch ganz Aehn-\nliches bei unseren Bühnen-Zuständen! Wie lässt sich dieser Maass-\nstab hier wieder gewinnen? Woran, fragen wir, konnte die im letz-\nten Decennium hier erwachsene und jetzt erwachsende Generation\nsich denselben bilden? Die Mittel waren leider nicht vorhanden.\nBietet die Zukunft sie von Neuem, wie wir es sehnlich wünschen,\n60 wird die Erinnerung an sein augenblickliches Urtheil gewiss Man-\nchem ein heimliches Lächeln abnöthigen. —6—\n'N. - 1 1"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-03-20-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-03-20_01#c005", "volume": "bmtnabi_1858-03-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "96", "page_fin": "96", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.2.5", "titre_corps": "Aus Bonn.", "titre_sommaire": "Aus Bonn.", "signature_source": "V – – – s", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5200, "texte": "Aus Bonn.\nV - - - s.\nDen 12. März 1858.\nUnter Albert Dietrich1 s Leitung ward hier gestern Joh. Seb.\nBach's Passionsmusik nach dem Evangelium Johannis aufgeführt.\nDie Kräfte unseres städtischen Gesang-Vereins zu einem solchen Un-\nternehmen anzuspornen und zur Ausführung desselben geschickt und\ntüchtig zu machen, dazu war von Seiten des Dirigenten ein Eifer,\neine Umsicht und vor Allem eine ausharrende Energie erforderlich,\ndie jeder, der mit den hiesigen musicalischen Zuständen vertraut ist,\ngebührend zu schätzen wissen wird. Hier musste die sorgfältigste\nThätigkeit mit reger Begeisterung für die Sache der Kunst zusam-\nmenwirken, wenn es gelingen sollte, ein Werk, das in seinen Formen\nso schwer zu bewältigen, in der Tiefe seiner geistigen Eigentüm-\nlichkeit so schwer zu erfassen ist, auf eine des Meisters nicht unwürdige\nWeise zur Darstellung zu bringen. Wenn wir einfach sagen, dass es\ngelang, so ist damit dem Dirigenten, wie den ausübenden Künstlern\ndas schönste Wort des Dankes und der Anerkennung ausgesprochen.\nDie strengste und liebevollste Sorgfalt war den Chören gewidmet\nworden, in denen der Meister die ganze Macht seines Genius entfal-\ntet hat. So musste denn auch gleich der erste Chor: „Herr, unser\nHerrscher\", mächtigen Eindruck üben; er beginnt mit einem gewal-\ntigen lobpreisenden Anruf an den Herrn, dann wendet sich unmittel-\nbar die Betrachtung zum eigentlichen Gegenstande des Werkes, der\nPassion, und schon hier werden die Grundtöne der zwiefachen Em-\npfindung, die durch das Ganze waltet, kraftvoll angegeben; der\nSchmerz über des Erlösers Leiden vereinigt sich mit dem Jubel über\nseine Verklärung. Eine herrliche Einleitung zu den Worten des Evan-\ngelisten! Diese wurden von Herrn Göbbels, die Reden Christi und\ndes Pilatus von den Herren Schiffer und Schröter vorgetragen.\nHerr Göbbels recitirte mit schlichter Einfachheit und gemessener\nWürde, wie es einer epischen Darstellung geziemend ist. Der nahe\nliegenden Versuchung, den Vortrag scharf zu markiren und so für\nden Augenblick vielleicht wirksamer zu machen, hat er weislich wi-\nderstanden und vielmehr die Wirkung des Ganzen im Auge behalten.\nDenn die evangelische Erzählung bildet den ruhigen Hintergrund,\nvon dem sich dann die lyrischen und dramatisch bewegten Partieen\num so entschiedener abheben. Und welch ein wunderbarer Wechsel\nentsteht nun zwischen diesem ruhigen Berichte, den Arien, in denen\ndie Empfindung auf den bedeutsamsten Momenten der erzählten Be-\ngebenheit verweilt, den Chorälen, in denen die liebevolle Theilnahme\nund fromme Begeisterung der christlichen Gemeinde ihren Ausdruck\nfindet, und jenen Chören, in denen das Volk der Juden seine stür-\nmisch aufgeregten Leidenschaften ausbraus't. Alles, was nur in einer\nbis zum Wahnsinn des Fanatismus aufgereizten Menge tobt, wird in\ndiesen Chören lebendig; rasende Wuth wechselt mit schneidendem\nHohn und frecher Drohung; der künstlerische Ausdruck ist bis an\ndie letzte Gränze des Möglichen geführt. Wie milde aber weiss der\nMeister diese maasslose Aufregung zu beschwichtigen in dem Schluss-\nchor: „Ruht wohl!\" es ist ein trostvoller, vom gelinden Fluss der\nMelodie getragener Grabgesang, in dem die Gewissheit künftigen Le-\nbens siegreich verkündigt wird. Und endlich lässt sich im letzten\nChoral das fromme, in klaren, vollen Tönen aufsteigende Gebet der\ngläubigen Gemeinde beruhigend vernehmen.\nWenn in den Chören vor Allem der dramatisch concentrirte Aus-\ndruck mächtiger Leidenschaft zur Geltung kommen musste, so hat\nBach dagegen in den Arien jenem anderen Elemente seiner Musik,\ndas wir denn doch wohl als ein romantisches bezeichnen werden,\nungehemmte Wirksamkeit verstattet. Sein Geist versenkt sich hier in\ndie tiefsten Abgründe des Gefühls; wir glauben kaum, dass ein Zeit-\nraum von mehr als einem Jahrhundert zwischen seinen Tagen und\nden unseren liegt; in den Tönen, die er anschlägt, lebt unsere eigen-\nste Empfindung. Die schwierige Arie: „Ach, mein Sinn\", fand durch\nHerrn Dr. K 1... den angemessensten Vortrag; er gestaltete sie,\nganz im Geiste der Situation, zum Ausdruck eines leidenschaftlichen\nbis zur Verzweiflung gesteigerten Schmerzes. Herr Schröter sang das\nArioso: „Betrachte, meine Seel1\", in dessen Begleitung aller roman-\ntische Zauber verwebt ist. Von Herzen aber müssen wir Fräulein\nFrancisca Schreck für den Vortrag der beiden Alt-Arien dank-\nbar sein; jeder Ton zeugte dafür, dass sie die künstlerische Form\nselbstständig beherrschte und dass ihr des Meisters Geist lebendig\ngeworden war. Der ersten Arie: „Von den Stricken meiner Sünden\",\nward ihr strenger und herber Charakter bewahrt; in der zweiten:\n~Es ist vollbracht!\" ward der Ausdruck einer tief schmerzlichen\nBeruhigung mit der erhabenen Freude über den Triumph des Hei-\nlandes in echt künstlerischer Weise zu einem wunderbar ergreifen-\nden Ganzen verbunden.\nWenn in einer der kleineren Städte Deutschlands unter beengen-\nden Verhältnissen die Aufführung eines Werkes wie die Passion ge-\nlingt, so kann man dieses immer als einen Sieg betrachten, den die\nKunst mit ihren geweihten Waffen erkämpft; und so werden wir\nauch denn noch lange des gestrigen Abends uns erinnern, mit dem\nfreudigen und erhebenden Gefühle, mit dem man eines Sieges gedenkt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-03-20-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-03-20_01#c006", "volume": "bmtnabi_1858-03-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "96", "page_fin": "96", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.1.8", "debut_caractere": 5202, "fin_caractere_exclue": 6065, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n** llarmeii. Das Concert am 13. d. Mts. brachte uns ein\nneues Werk von Ferdinand Hiller; „Die Weihe des Früh-\nling s\" (Ver sacrum), welches eine sehr warme Aufnahme bei dem\nzahlreich versammelten Publicum fand. Die Chöre waren sehr gut\nstudirt, die Soli durch Fräul. Deutz, Herrn DuMont-Fier und\nHerrn Göbbels vortrefflich besetzt, so dass die Aufführung unter\nder Leitung des Componisten selbst zu einer ausgezeichnet guten\nwurde. Ausser an einzelnen lyrischen Stellen war der Beifall am\nSchlüsse des ersten Theils und am Ende des Ganzen enthusiastisch,\nund der Componist wurde mit Blumenregen unter dem Tusch des\nOrchesters überschüttet. Den ersten Theil des Concertes hatte\ndie Sinfonie von Beethoven in C-dur Nr. I gefüllt.\nIlarmsladl. Herr Louis Schlösser ist zum grossherzog-\nlich hessischen Hof-Capellmeister ernannt worden."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "89", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nUeber Aufführungen und Bearbeitungen Händel'scher Oratorien. (Belsazer.) Aus Dresden (Agnes, Oper in vier\nActen von Karl Krebs). Von C. Banck. Die musicalischen Zustände Düsseldorfs. Von —6—. Aus Bonn (Aufführung von J. Seb.\nBach's Passionsmusik nach dem Evangelisten Johannes). Von V— s. Tages- und Unterhaltungsblatt (Barmen, Concert, Auf-\nführung von „Die Weihe des Frühlings\" von F. Hiller Darmstadt, L. Schlösser).\n\nUeber Aufführungen und Bearbeitungen Händel’scher\nOratorien.\n(Belsazer.)\n(Scbluss. S. Nr. 11.)\nWir wollen, indem wir dem Inhalt des originalen Bel-\nsazer in aller Kürze und nur in so weit folgen, als wir ihn\nfür unentbehrlich zu einer verständigen Aufführung des\nWerkes halten, nachweisen, dass durch die Verkürzung\nvon Mosel alles, was man eine geistige Intention in unserem\nOratorium nennen kann, völlig verwischt ist. Wir wollen\nes noch gelten lassen, dass eine ganze erste Scene des Ori-\nginals zwischen Nitocris und Daniel ausgefallen ist, obwohl\nein Eingangs-Recitativ der Nitocris fast unerlässlich ist,\ndas in einer grossartigen Weise die Hinfälligkeit der Rei-\nche und die Entartung des Völkerlebens bespricht und auf\nden geschichtlichen Inhalt des Werkes vortrefflich vorbe-\nreitet. Es sei also, dass unser Musik-Drama (wie bei Mo-\nsel) mit dem Chor eröffnet werde, indem die Babylonier\nvon der Mauer herab die belagernden Perser verhöhnen.\nDer Text des Originals setzt nun das weltliche Motiv aus\neinander, das die Belagerer vor Babel geführt; Gobrias'\nSohn ist von Belsazer getödtet worden; der gebeugte Alte\nsagt uns in einer ausdrucksvollen Bass-Arie (die schon\ndarum nicht fehlen durfte, weil sie eine der wenigen ele-\ngischen Stellen bietet, auf denen das Gemüth unter dem\nübrigen Kriegs- und Gelage-Lärm ausruhen kann), wie er\nzwischen Gram und Rache getheilt ist; der jugendliche\nCyrus aber hat das Rachewerk für ihn übernommen, der\ndurch seine göttliche Berufung zu dem Sturze Babylons\ngeheiligt ist. Dieser doppelseitige Zug nun des weltlichen\nund des göttlichen Antriebes, der menschlichen Kraft und\nihrer höheren Lenkung, des kriegerischen Muthes und der\nBescheidung und des frommen Gottvertrauens geht durch\nden ganzen Charakter des Cyrus und seiner Perser, wie\nsie der Text- und der Tondichter gefasst haben, hindurch.\nDaher rückt sich die recitative Erzählung von dem Traum-\ngesicht, in dem Cyrus den himmlischen Ruf erkannt hat,\nan die Darlegung der menschlichen Rachetriebe an, die\nGobrias bewegen; und gleich darauf spricht sich in einem\nGebete des Cyrus an den ihm nur halb bekannten Gott\nseine Spaltung zwischen jenen gegensätzlichen Beweggrün-\nden (musicalisch noch vortrefflicher, als in den Worten)\naus. Es ist ein wunderbar gemischter Ausdruck von Krie-\ngerkraft, von etwas unheimlicher Gottesfurcht vor dem Un-\nbekannten und von dem halb scheuen Wunsche, diesen\nMächtigen mit Gelübden von etwas heidnischem Gepräge\nund Gepränge zu gewinnen, in diesem einfachsten Tonsatze\nversammelt Indem nun die beiden Arien des Gobrias und\ndes Cyrus ausgefallen sind, ist der Kernpunkt der Scene\nund des ganzen Charakters des Cyrus ausgebrochen. Alles,\nwas folgt, entspricht der Kurzsichtigkeit dieses Verfahrens.\nDer Zuschauer soll nun versichert werden, dass der zwei-\nfelhafte Sinn der visionären Berufung des Cyrus nicht eine\nTäuschung war; er wird daher zunächst in Daniel's Zelle\nin Babylon versetzt, wo dieser, unter den prophetischen\nBüchern beschäftigt, den Preis dieser göttlichen Werke\nbesingt, dann aus dem Jesaias die echte Berufung des Per-\nsers wie aus Gottes eigenem Munde entdeckt. Es ist fast\nder Glanzpunkt des Oratoriums, wie hier, in Fortsetzung\nder angegebenen Gegensätze, der weltlichen Erzählung\nvon Cyrus' Traum diese Verkündigung von seiner göttli-\nchen Erwählung in den höchsterhabenen Tönen und Wor-\nten des begeisterten Sehers möglichst nahe gerückt zur\nSeite gestellt wird; hat man einen heroischen Sopran, wel-\ncher der Rolle des Cyrus gewachsen ist, und einen der\nseltenen bassartigen Alte (in dessen Ermangelung lieber\neinen kräftigen Bariton) für den Daniel, so lassen diese\nbeiden Recitative, richtig gefasst und vorgetragen, einen\nunauslöschlichen Eindruck zurück. Wie war es möglich,\ndass der Bearbeiter, selbst wenn er sie im Texte übersah,\ndie Absicht in der musicalischen Gegenüberstellung dieser"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.1.2", "texte": "beiden Stücke übersehen konnte, zumal da er sie mit so\nvieler Vorliebe durchgesehen hat, dass er sich sogar Ver-\nänderungen daran erlaubte! Denn aufgenommen ist von\nihm wohl diese ganze zweite Scene, sie ist aber nicht nur\naus ihrer einzig natürlichen Stelle zurückgeschoben, son-\ndern sogar in sich zerrissen worden, so dass man die\neigentliche Bedeutung, namentlich der Arie, kaum nur er-\nrathen kann. Sie steht bei Mosel hinter der im Original\ndritten Scene, der Einleitung zu Belsazer's Feste, wo wir\nin das Sittenverderbniss Babels eingeführt werden, das\nGottes Zorn gereizt hat. Hier beginnt nun die Figur des\nBelsazer eben so zerpflückt zu werden, wie zuvor die des\nCyrus. Es ist ihm bei Mosel ausser dem Duette mit der\nNitocris und der prächtigen Trink-Arie: „Den Becher lasst\nim Kreise gehn\", nichts geblieben, als von der Fest-Arie\nin unserer dritten Scene des ersten Actes der unbedeu-\ntende, auch musicalisch weit weniger eigenthümliche erste\nTheil, worin der Zecher in einer etwas altmodischen Ehr-\nbarkeit erst den Gram verscheucht, ehe er sich dann in\ndem weit sprechenderen und weit ansprechenderen, köst-\nlichen zweiten Theile zu der Stimmung für seine rauschende\nFestfreude erhebt. Wie dieser Theil, so ist dann auch im\nletzten Acte die charakteristischste und zugleich notwen-\ndigste der Belsazer-Arien, mit der er trunkenen Muthes in\nden Kampf und Tod will, und mit ihr der Höhepunkt der\nKatastrophe (man kann schlechterdings nicht begreifen,\naus welchem Grunde), gestrichen.\nIm zweiten Acte schreitet die Handlung regelrecht vor.\nIn der ersten Scene hat Cyrus den Fluss abgeleitet und\nsteht vor der offenen Stadt. Vergebens sucht man sie bei\nMosel an dieser ihrer natürlichen Stelle; sie ist noch ganz\nanders zerfetzt, als die Daniel-Scene; der Chor, der sie er-\nöffnet, steht hinten im dritten Acte, Recitativ und Arie,\ndie sie fortsetzen, stehen an eine andere Stelle zurückge-\nrückt im zweiten; der kleine Chor, der sie schliesst, steht\nganz voran im ersten!! Der zweite Act beginnt bei Mosel\nmit dem Gelage, in dem Belsazer den Judengott verhöh-\nnend herausfordert und durch den Spruch der schreiben-\nden Hand verurtheilt wird; diese (zum Glück noch leidlich\nunverstümmelt gebliebene) Scene, der Mittel- und Wende-\npunkt der Handlung, steht im Original weit natürlicher\nzwischen jenem ersten Auftritte, wo die Perser den Strom\nerst abfliessen sehen, und dem dritten, wo sie durch den\nabgeleiteten Fluss und die Eisenthore schon vorgedrungen\nauf dem Wege zur Königsburg sind; man sieht so die\nverderblichen Fäden um den sündigen Frevler sich näher\nund näher herumschlingen. Von dieser letzten Scene ist\nnichts übrig geblieben, als (wieder zu Anderem zurückge-\nschoben) ein Stück Recitativ und ein unbedeutender Chor:\n~0 tapfrer Fürst\", der von Händel durch einen weit er-\ngicbigeren ersetzt worden ist. Eine schwungvolle Arie des\nCyrus, in der sein jugendfrischer, heiterkräftiger, im Siege\ngefasster, im Triumphe gemässigter Charakter aufs glän-\nzendste zu Tage tritt, ist ganz beseitigt; die Hand hätte\nzittern sollen/ die solch ein Musikstück wie dieses auszu-\nstreichen versucht war.\nDer dritte Act ist, wenn man den dahin nicht gehöri-\ngen Eröffnungs-Chor wegnimmt, bei Mosel ein armseliger\nSchemen geworden. Er eröffnet im Original mit einer\nvortrefflichen Arie der Nitocris, die ganz unentbehrlich ist,\num auf die eintretende Entscheidung zu spannen. Als dann\nder Fall von Babylon verkündet ist und die Juden in den\nlärmenden Jubelchor: „Baal sank dahin\", ausgebrochen\nsind, folgt unmittelbar die schon erwähnte Verzweillungs-\nArie des trunkenen Belsazer und auf sie eine kurze, rau-\nschende Kriegs-Sinfonie, drei Stücke von einer fast wilden\nKraft, die sich gleichsam zu einem tumultuarischen Gan-\nzen zusammenballen, um die blutige, gewaltsame Lösung\ndes Knotens anschaulich zu machen; man muss allen na-\ntürlichen Sinn für eine dramatische Handlung, alles Ohr\nfür musicalische Zwecke und Wirkungen eingebüsst haben,\num diese wesentlichsten Stücke mitten aus dem Laufe der\nEntwicklung zur Handlung herauszuwerfen. Eben so sinn-\nlos ist, was nun folgt. Es ist gewiss ein Zug des allerrein-\nsten und feinsten musicalischen Instinctes, dass in sämmt-\nlichen tragischen Oratorien Händel's jede schroffe und harte\nLösung ausgewiesen ist. Die Dichtung erträgt in dieser\nBeziehung sehr herzzerreissende Dinge, weil sie die Mittel\nhat, Geist und Verstand bei einer Handlung zu interessi-\nren, und mit dem Begriffe die Notwendigkeit dessen ein-\nsehen zu lehren, was das Gemüth schmerzlich berührt;\ndiese Mittel besitzt die Tonkunst nicht, die daher alle grel-\nlen tragischen Momente zu mildern einen natürlichen Trieb\nhat. Daher ist im Saul der Titelheld mehr in Schalten ge-\nrückt und David zur Hauptfigur geworden; daher hebt im\nAcis und Hercules die Vergötterung der Helden über ihren\ntragischen Ausgang tröstend empor; daher ist im Samson,\ndessen Fall an sich schon ein Triumph ist, dem ursprüng-\nlich abschliessenden Begräbnisschor doch noch ausdrück-\nlich später ein freudig emporreissender Schlusschor, wie\nim Saul, angehängt worden. Und daher ist hier im Belsa-\nzer Alles geschehen, um an dem Ausgange Belsazer's rasch\nvorüber zu führen und auf dem Versöhnlichen zu verwei-\nlen. Die Ruhe tritt ein, sobald Gobrias aus seinem Hinter-\ngrunde wieder hervortritt, die Befriedigung seiner Rache\nanzukündigen; der Friede kehrt wieder, wenn Cyrus, sei-\nnen menschlichen Triumph feiernd, die Schonung der Be-\nsiegten verheisst; die Versöhnung stellt sich her in dem\nDuett zwischen Cyrus und Nitocris, das bei Mosel allein\nvon diesen drei untrennbaren Stücken erhalten ist."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.1.3", "texte": "Der Leser erkennt aus dem Angeführten, wo das\nWunderliche in dem Verfahren des Bearbeiters liegt, der\nsich bei seinen verschiedenen Bemühungen stets einer gros-\nsen Neuheit schien befleissigen zu wollen. Im Jephta warf\ner das Unentbehrliche hinaus und nahm dafür das Unge-\nhörige und Fremde hinein; im Samson begnügte er sich\nmit dem Weglassen, das aber gerade das Wesentlichste\nbetraf; im Belsazer warf er Alles wie Kraut und Rüben\ndurch einander. Mit Ausnahme der beiden Belsazer-Sce-\nnen im ersten und zweiten Acte ist nichts in seiner Ord-\nnung, kein Stein ist auf dem anderen geblieben. Die Ein-\nzel-Figuren sind wesentlich alterirt; die Bass-Partie ist\nherausgefallen, die Alt-Partie (Daniel) ist zum Bass ver-\nwandelt; das Werk ist wie ein Kaleidoskop geschüttelt\nund die Scenen in ein anderes Bild durch einander gescho-\nben ; man darf nur die veränderte Reihenfolge der Chöre\nnennen, um diesen Widersinn anschaulich zu machen. Der\nzweite Chor im Original ist hier der dritte, der dritte dort\nist hier der sechste, der sechste ist der vierzehnte, der sie-\nbente ist der zweite! Der höchst plane \\erlauf einer höchst\neinfachen Handlung ist in ein kleines Chaos durch einan-\nder gewirrt. Und nicht allein ist der klaren Anordnung\nder Thatsachen hiedurch ins Gesicht geschlagen, sondern,\nwas am meisten befremden muss, auch der musicalischen\nCohärenz. Der geschickte Bau des Textes, der dem Ton-\nkünstler die Mittel entgegenbot, die Uebergänge von einer\ngegensätzlichen Scene zur anderen aufs feinste zu verschlin-\ngen, ist von Händel mit vollkommenster Einsicht ergrif-\nfen und musicalisch ausgenutzt worden. Es ist meisterlich,\nwie aus der ersten Kriegsscene durch das Gebet des Cyrus\nund die fromme Erhebung des Chors in die stille Clause\nDaniel's hinabgeleitet wird, und wie wieder durch den\njauchzenden Schlusschor dieser zweiten Scene, der nicht\nfeurig genug genommen werden kann, der Uebergang zu\nden lebhaften Gelagsscenen in Belsazer's Burg gemacht\nwird; es ist eben so vortrefflich, wie auf den lebhaften\nSchlusschor von 11. 1.: „Ans Werk\", der den Babyloniern\nUnheil verkündet, unmittelbar der Sprung auf den rau-\nschenden Fest-und Trinkchor der in Sicherheit eingewieg-\nten Belagerten gemacht wird, und wie dann die Haupt-\nscene 11. 2. mit Nitocris' mahnender Verweisung des ge-\nschlagenen und verstockten Sohnes zu Reue und Gottver-\ntrauen schliesst und die folgende mit dem gedämpften Ge-\ngensatz der Arie des gottgeleiteten Cyrus beginnt. In sol-\nchen Dingen arbeitet des Künstlers klarster berechnender\nVerstand mit dem zartesten Feingefühl seiner Seele in der\ninnigsten Verwebung zusammen; das Ergebniss solch einer\nGeistesarbeit solch eines Menschen mit roher Hand muth-\nwillig zu zerstören, um Zufälligkeiten und Albernheiten,\nwie aus dem Loostopf gegriffen, an die Stelle zu setzen,\nsolch ein Verfahren zu bezeichnen, gibt es gar keine\nWorte. Und ist dieses Verfahren einmal nachgewiesen,\ndann scheint uns auch nichts mehr die Fortpllanzung die-\nser Caricaturen rechtfertigen zu können, die man da und\ndort bei der Aufführung sogar noch einmal abgekürzt hat.\nIst es ein Wunder, wenn das deutsche Volk in halber\nKenntniss und zwischen halber Gleichgültigkeit und halber\nBewunderung für Händel stecken bleibt, da man ihm fort-\nwährend diese Verunstaltungen als dessen Werke dahin-\nhält? Welch Recht hat man, diese prokrustirten Zerrbilder\nOratorien von Händel zu nennen? Wenn ein Theater-\nschreiber das reizende Spiel Shakespeare's „Viel Lärm um\nnichts\" in eine triviale Spiessbürger-Komödie herabgezogen\nhat, so hat er dem Stücke seinen Namen und eine andere Auf-\nschrift gegeben; aber wo wäre die Theater-Direclion, die\nauf den Unsinn kommen würde, diesem so zugerichteten\nStücke den Namen des ursprünglichen Dichters und den\nseines Werkes vorzusetzen!\nWir möchten nicht gern bloss ausstellen, sondern\nauch wo möglich bessern helfen. Wir legen daher einen\nText des Samson bei und einen zweiten des Belsazer, die\nnach unserer Ansicht bis zu der Gränze abgekürzt sind,\nüber die man nicht hinausgehen darf, wenn- dem Zusam-\nmenhang der Handlungen und der Zeichnung der Charak-\ntere und vor Allem der musicalischen Schöpfung kein we-\nsentlicher Eintrag geschehen soll. In eben solcher Weise\nist auch der Text von der Susanna zugerichtet und ge-\nkürzt, der im Jahre 1854 in Nr. 51 dieses Blattes mitge-\ntheilt worden ist. Diese Texte bieten jedem, der die Par-\ntitur einer englischen Original-Ausgabe zur Hand hat, die\nmangelnden Uebersetzungen dar. Diese Gestaltungen ha-\nben sich in praktischer Ausführung vollkommen bewährt;\nsie haben tiefe, gewaltige Eindrücke hinterlassen in einem\nMaasse, wie sie die MosePschen Bearbeitungen niemals\nhervorbringen können. Alle drei Oratorien sind in dieser\nGestalt noch Niemandem zu lang geworden. Die Auffüh-\nrung erfordert, selbst wenn man die Pausen behaglich\nausdehnt, nicht einmal drei Stunden Zeit, wenn man an-\nders den Gang nicht in einer schläfrigen Weise nehmen\nwill, die man zuweilen oratorischen Stil nennt, sondern in\ndem kräftigen und feurigen dramatischen Zuge, den na-\nmentlich im Belsazer die Composition noch mehr als der\nText in Anspruch nimmt. Wer mit Händel nur halbwegs\nvertraut ist, ist gewiss nicht geneigt, ihn durch zu rasche\nTempi zu verflachen.-In seinen dramatisch gestalteten Ora-\ntorien aber glauben wir zu bemerken, dass man heut zu\nTage geneigt ist, aus Theorie in der Langsamkeit hier und\nda zu weit zu gehen. Wir würden unrecht thun, auf die\nUeberlieferungen der Engländer, die von der Breite der\nTempi in Händel's Zeit berichten, allzu viel Gewicht zu"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.1.4", "texte": "legen. Ist der Pulsschlag dieses heutigen Geschlechtes ra-\nscher, als der der ehrbaren Generation des achtzehnten\nJahrhunderts, so muss sich das Andante der Tonsätze, auch\nder Tonsätze jener Zeit, wenn wir sie fortpflanzen sollen,\nin Gottes Namen danach richten. Was (um ein Beispiel\nanzuführen) die Vorschriften in Mosel's Bearbeitung des\nBelsazer betrifft, so sind die Tempi der raschen Chöre und\nChortheile fast alle zu langsam. Nur das Allegro des\nFluphrat-Chors ist richtig getroffen. Den ersten Satz des\nJubelchors: „Singt, ihr Himmel\", darf man, wenn man\nwohl aussprechende Sänger hat, von M. M. 96 ganz dreist\nbis auf 132 rücken; die drei letzten Chöre, alle drei solche\nJubel-Ausbrüche der Israeliten, tragen die Bezeichnung\n92. 100. 92.; man wird bald fühlen, dass ein stärkerer\nZug ihre Wirkung ungemein erhöht, und dass man in\neiner regelrechten Steigerung in ihnen von 108 zu 112\nund 120 vorgehen kann.\n(Die Texte dieser Oratorien werden wir später mittheilen.)\n\nAus Dresden.\n\n[Agnes, Oper in vier Acten von Karl Krebs.]\nEine Oper zu componiren, hat ohne Zweifel ganz\nabgesehen von der Fähigkeit dazu und dem Gelingen\nseine grossen Schwierigkeiten. Diese sind indessen ein ge-\nnussreiches Eden gegen die Tantalusqualen, unter denen\nein deutscher Opern-Componist seufzend darniederliegen\nmuss, sollte er den wunderlichen Einfall haben, sein Werk\nauch auf die Bühne zu bringen und die Partitur aus der\nstillen, sicheren Häuslichkeit auf das Dirigentenpult irgend\neines grossen deutschen Theaters zu verpflanzen. Um bei\nsolchem Beginnen mit Leichtigkeit zu siegen, dazu gehört\nvor Allem Reichthum und ein weitschallendes Renommee,\noder auch nur das Erstere; denn mit ihm lässt sich das\nZweite für die Gegenwart gewinnen und beliebig steigern.\nEine Aenderung ist nicht zu erwarten, so lange die deut-\nschen Bühnen sich zu den Componisten und überhaupt zu\nden schaffenden, dichtenden Geistern nicht in ein schick-\nlicheres und mit mehr Courtoisie ausgestattetes Yerhältniss\nsetzen; so lange die Schöpfer des Gedankens drückenden\nSorgen der Lebens-Existenz Preis gegeben sind, während\nihre Werke Tausende einbringen und reproducirende\nKünstler sich mit wenig Mühe und grossem Behagen des\nReichthums und des persönlichen Cultus erfreuen, womit\nman sie überschüttet.\nDie neue (zuerst am 17. Januar gegebene und in kur-\nzen Zwischenräumen bis zum Urlaubs-Antritte Tichatschek's\nsechs Mal wiederholte) Oper des Herrn Capellmeisters K.\nKrebs enthält so viel Vortreffliches, Gefälliges, in der mu-\nsicalischen und dramatischen Wirkung Wohlgelungenes,\ndass ihr Success ein vollständiger und erfreulicher für den\nComponisten war. Das Sujet ist die bekannte deutsche\nLiebes-Tragödie der Agnes Bernauerin, welche bis auf die\nneueste Zeit von unseren Dichtern wiederholentlich behan-\ndelt wurde, ohne jedoch zu einer dramatischen Vollendung\ngebracht zu werden, ein Resultat, das im Stoff selber sei-\nnen Grund finden mag. Der nicht genannte Verfasser des\nTextes hat den Stoff zwar in sehr gewöhnlichen, holperi-\ngen und von Poesie unbeschwerten Versen behandelt, aber\nhinsichtlich der Entwicklung und des Aufbaues der Hand-\nlung (mit Ausnahme des Schlusses) und der scenischen\nEffecte doch in Bezug auf die Forderungen der Oper ein\nnicht gewöhnliches praktisches Geschick, wenigstens für\ndie äussere Handhabung, bewiesen. Denn dass der Vater\nder Agnes, der von Waffen bekanntlich nur das Barbier-\nmesser und die Lanzette führte, in einen Waffenschmied\nverwandelt wurde, ist sehr wohl thunlich und passend.\nDie Intrigue des ergrimmten Nebenbuhlers Ottmar, so\nwie des Reichskanzlers Percival ist gut angelegt und ver»-\nständlich und wirksam durchgeführt, eben so wie der Ver-\nlauf der Handlung, der ohne Stillstand und störende Un-\nwahrscheinlichkeiten rasch vorschreitet. Manche Opern ha-\nben die Intentionen dazu angeregt. Wrenn aber die Tra-\ngödie endlich als Schauspiel schliesst, und wir Albrecht\nmit Agnes, welche doch der Hexerei angeklagt und er-\ntränkt wurde, als glückliches Ehepaar sehen, so ist das al-\nlerdings ein zu gewaltsamer und unpoetischer Zwang eines\nhistorisch zu bekannten Factums. Uebrigens aber ist die\nganze Behandlung des Stoffes auf jenen Schluss hin ange-\nlegt; sie hätte im Text wie in der Musik eine völlig andere\nsein müssen, wenn die tiefe Tragik der Begebenheit, wel-\nche dieselbe allein zu einem stets reizenden und romanti-\nschen Vorwurf für Dichter gemacht hat, darin hätte mit\npoetischer Gewalt zur Geltung kommen sollen. Es würde\ndaher auch ungerecht sein, vorzugsweise in der Musik das\nzu suchen, was bei Behandlung des Sujets von vorn herein\nzum grössten Theil aufgegeben wurde.\nDie Musik des Componisten zeigt uns in lobenswür-\ndigster Weise mit wechselndem Gelingen im Einzelnen,\nmit unbestreitbarem in der Gesammtheit die Anspannung\nund Hingabe aller seiner Kräfte für sein Werk. In der Er-\nfindung, die sich durch Reichthum des melodiösen Ele-\nments und kräftige und ungesuchte Führung der Harmo-\nnik auszeichnet, waltet der Eklekticimus vor, wie über-\nhaupt in unserer musicalischen Zeit-Periode, und dieser\nübt allerdings auf die organisch vollendete Abrundung, auf\ndas Colorit und die innere Macht der Stimmung und auf\ndie unmittelbare Wahrheit der Empfindung einen hin-\ndernden Einfluss; dafür tritt indess eine gewandte Behand-\nlung der Factur, Klarheit der Formen, durchdachte Ver-\nwendung der Motive und routinirte Beherrschung der"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.1.5", "texte": "orchestralen Mittel ein, und das Bizarre, unnatürlich Ge-\nquälte, Verworrene trübt nie den musicalischen Fluss, er-\nweckt nie das Missbehagen eines eigentümlich forcirten\nBeginnens auf Kosten des natürlichen Gefühls. Vor Allem\naber offenbart sich in der Musik mit geistiger und energi-\nscher Lebendigkeit eine dramatische Auffassung und Ge-\nstaltung, und hat das Talent des Componisten auch mehr\nnur die stärkeren und einfacheren Gefühle und leiden-\nschaftlichen AfTecte der Seele und Effecte der Scene zum\nAusdruck gebracht, so sind diese doch in kräftiger und\nwirksamer Weise vorhanden und kommen ohne unbe-\nstimmte Halbheit und Stockung zu entschiedener, gesunder\nund belebter Erscheinung, so dass das musicalische In-\nteresse am Ganzen regsam bleibt und der Eindruck nicht\nerlahmt und die Hörer ermüdet. Ein grosser künstlerischer\nHöhepunkt der Oper liegt im Finale des zweiten Actes;\nes ist in seinem mittleren Theile namentlich von einer ganz\nausserordentlichen dramatischen Erhebung und Steige-\nrung, breit in der Anlage, vorzüglich in der Tonwirkung,\nwahr im Ausdruck. Ohne in der Aufzählung der auch vom\nPublicum ausgezeichneten Tonstücke vollständig sein zu\nwollen, sei daneben noch das leidenschaftliche Duett zwi-\nschen Ottmar und Agnes im letzten Acte und die charak-\nteristische düstere Rache-Arie desOttmar im zweiten Acte\ngestellt. Eine grössere Mässigung in der Instrumentation,\nwelche mit figurirten unwesentlichen Ausschmückungen\n■Verladen ist, hätte dem Werke wohl gethan, und man-\n■rzungen werden zu empfehlen sein. Die Ausstattung\nPerkes war luxuriös und geschmackvoll. Höchst er-\n■cher Weise ärntete der Componist für seine so ge-\nRneund effectvolle Schöpfung die lebhafteste und\nBörnste Anerkennung und Auszeichnung des übervollen\nTlauses. Er wurde drei Mal gerufen.\nDie Ausführung war eine höchst gelungene, die In-\ntentionen des Componisten vorzüglich belebende von Seiten\nder Frau Bürde-Ney und der Herren Tichatschek\nund Mitterwurzer, und diesen zunächst des Herrn Dett-\nmer, Agnes, Albrecht, Ottmar und Percival. Höchst Glän-\nzendes und durch Ausdruck ungemein Fesselndes leistete\nin der eben so virtuos-brillanten als dramatischen Partie\nder Agnes die Erstgenannte; mit energischer Begeisterung,\nfast mit Uebernahme der Kraft, sang Herr Tichatschek die\ndeclamatorischen und heroisch bedeutenden Stellen des Al-\nbrecht. Herr Dettmer (der für Herrn Rudolph eingetreten\nwar) würde mit seiner schönen Bariton-Tenorstimme und\nseinem musicalisch richtigen Gefühle mit weit mehr Vortheil\nin der Oper als im Drama zu verwenden sein. Die Production\ndes Orchesters unter Leitung des Componisten warmuster-\nhaft präcis, feurig und tonvoll.\n\nC. Banck.\n\nDie musicalischen Zustände Düsseldorfs.\nWir würden uns nicht abermals der unerfreulichen Aufgabe un-\nterziehen, über unsere musicalischen Zustände zu berichten, wenn\nwir uns nicht verpflichtet fühlten, abermals ein ungeschminktes Bild\nderselben zu entwerfen und einen prüfenden Rückblick auf die letz-\nten vier Jahre zu werfen, um über die Resultate der Wirksamkeit\ndes Herrn Tausch, seit er an die Spitze unserer Aufführungen und\nVerhältnisse getreten ist, eine klare Ansicht zu gewinnen.\nUnsere Vocal- und Instrumentalkräfte befanden sich auf der Höhe\nder Leistungsfähigkeit, auf die sie sich durch Mendelssohn und Rietz\nemporgehoben, unter Hiller erhalten hatten, als Robert Schumann im\nHerbste 1850 zu uns berufen wurde. In der Leitung des Gesang-\nVereins für gemischten Chor und den Aufführungen des allgemeinen\nMusik-Vereins zeigte sich gar bald seine geringe Befähigung für alle\npraktischen Dinge; indess boten die Concerte der ersten Saison,\nwelche Schumann leitete, doch manche Leistung, welche zu der Hoff-\nnung berechtigte, er werde sich bei fortgesetzter Uebung allmählich\nzu einem guten Dirigenten ausbilden. Das Gegentheil trat leider ein;\ndie Schwerfälligkeit, sich den Mitwirkenden verständlich zu machen,\nblieb in stetem Steigen, ja, es traten Momente ein, die sich nur\ndurch gänzliche geistige Abwesenheit erklären Hessen, so dass Schu-\nmann auch den Einfluss einbiisste, welchen er der Würde und dem\nErnste seiner Erscheinung und Haltung verdankte, bis er, völlig iso-\nlirt, auf die Mitwirkenden nur noch erkältend, entmuthigend, ja, fast\nerdrückend einwirken konnte. Niemand ahnte in diesen Erscheinun-\ngen die traurigen Vorboten jener Krankheit, welche so bald schon\ndie geistigen und körperlichen Kräfte des grossen Meisters brechen\nsollte; man schrieb sie einer unbegreiflichen Gleichgültigkeit zu und\nsah sich genöthigt, ihn zu bitten, nachdem jede Spur der früheren\nDisciplin aus Chor und Orchester längst geschwunden war, den Di-\nrigentenstab niederzulegen. Herrn Tausch, der schon früher Schu-\nmann häufig vertreten hatte, bat man dagegen, die Fortführung der\nWinter-Concerte des allgemeinen Musik-Vereins zu übernehmen.\nUnter der neuen Leitung fühlten sich die Mitwirkenden, nament-\nlich die Orchester-Mitglieder, befreit von dem Drucke, der auf ihnen\ngelastet; sie athmeten frei auf, und die ersten von dem neuen Diri-\ngenten geleiteten Concerte, namentlich die Aufführung mehrerer In-\nstrumental-Compositionen, gewannen dadurch einen Schwung und\neine Frische, welche an die besseren früheren Zeiten zu erinnern\nvermochte. In den folgenden manifestirte sich indess die alte Nach-\nlässigkeit und Schlaffheit bei den Mitwirkenden von Neuem, und die\nAufführungen sanken sehr bald auf eine höchst unbefriedigende Stufe\nzurück: die naturgemässe Folge flüchtiger, übereilter Proben.\nObgleich Herr Tausch das Missliche der ganzen musicalischen\nSituation kannte, so würde es ungerecht gewesen sein, ihn für die\nMängel und Gebrechen der Aufführungen verantwortlich zu machen,\nweil er mitten in der Saison die provisorische Leitung der Concerte\nübernommen hatte und ihm weder Zeit noch Stellung gestattete,\ndurchgreifende Reformen anzubahnen.\nDem Gesang -Verein gegenüber veränderte sich indess die\nStellung des Herrn Tausch, indem er zum Director desselben schon\nim Anfange des Jahres 1854 erwählt wurde. Offenbar bildeten die\nChorleistungen den schwächsten Theil der Aufführungen, und dess-\nhalb erwarteten wir, dass Herr Tausch nach dem Vorbilde muster-\ngültiger Vereine für Chorgesang, wie z. B. des Stern'schen Vereins\nund der Sing-Akademie in Berlin, auch eine Neugestaltung- des un-\nserigen und die Durchführung der dort bestehenden Einrichtungen\nund Classificationen erstreben werde. Es musste daher nicht wenig\nbefremden, als der neue Director, Alles ruhig beim Alten lassend,\neinen jeden Versuch von Reform versäumte.\nSo bot denn die folgende Concert-Saison von 1854—55, in der\nHerr Tausch die Direction provisorisch behielt, abermals eine Reihe\nhöchst unbefriedigender Aufführungen, die in der des Mendelssohn'-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.1.6", "texte": "sehen Paulus eine wahrhaft betrübende Höhe erreichte. Dem Unbe-\nfangenen musste sich die Ueberzeugung aufdrängen, dass nach den\nbisherigen Erfahrungen Herrn Tausch alle Eigenschaften fehlten, um\nin der eingenommenen Stellung mit Erfolg zu wirken. Diese Ueber-\nzeugung sprach sich sehr deutlich aus, als für die Besetzung der\nstädtischen Musik-Director-Stelle eine Concurrenz ausgeschrieben\nwurde, und weder die speciel mit den musicalischen Angelegenheiten\nbetraute Commission des Gemeindeiathes, noch der Vorstand des all-\ngemeinen Musik-Vereins Herrn Tausch unter der Zahl ihrer Candi-\ndaten für jene Stelle vorschlug. Doch gelang es dessen ungeachtet den\nvielen Freunden des Herrn Tausch, welche er sich, namentlich unter\nden Künstlern, durch seine Pianoforte-Vorträge und die Bereitwillig-\nkeit, als Begleiter die kleinen Aufführungen derselben zu fördern,\nerworben, die Mehrzahl des Gemeinderathes für ihn zu stimmen und\ndie Wahl auf ihn zu lenken.\nIm Juli 1855 wurde somit die Stelle des städtischen Musik-Di-\nrcctors definitiv Herrn Tausch übertragen. Die Freunde bezeichneten\ndiesen Zeitpunkt als denjenigen, welchen Herr lausch abgewartet,\num mit aller Energie und gestützt auf den Einfluss, welchen ihm die\nneue Stellung sichere, nach allen Richtungen hin thätig aufzutreten\nund die gesunkenen musicalischen Zustände zu heben und zu beleben.\nAusser einem erfolglosen Versuche, einen Instrumental-Verein zu\ngründen, um, wie Herr Tausch selbst erklärte, durch häufigere Or-\nchester-Uebungen das Ungenügende der bisherigen Concert-Proben\nauszugleichen, ist indess von den wiederholt angekündigten reforma-\ntorischen Bestrebungen nichts bekannt geworden. Der Concert-Be-\nsuch, der im vorhergehenden Jahre sehr bedeutend abgenommen,\ngestaltete sich nicht günstiger: ein Beweis, dass auch das Publicum\nnicht mit erhöhten Erwartungen den Concerten von 1855- 56 ent-\ngegensah, die denn auch wirklich im Ganzen durch alle Mängel der\nfrüheren charakterisirt wurden.\nIm Herbste 1856 gelang es Herrn Tausch, das Projcct der Grün-\ndung eines Instrumental-Vereins durchzuführen*, es zeigte sich eine\ngenügende Theilnahme, und in den beiden Jahren des Bestehens\nhat derselbe eine überraschend grosse Anzahl von theils mitwirken-\nden, theils zuhörenden Mitgliedern gefunden Statt den neugebildeten\nVerein als Orchesterschule und Vorübung für die Winter-Concerte,\nwie es Herr Tausch selbst zu wünschen schien, zu benutzen, dient\ner, ohne Zusammenhang mit jenen, nur zu flüchtigen, kaum durch\neinzelne Wiederholungen unterbrochenen Prima-Vista-Uebungen.\nSo sind denn auch die Winter-Concerte von 1856 —57 ohne künst-\nlerische Bedeutung geblieben, während der geringe Besuch zu mög-\nlichster Beschränkung der Ausgaben nöthigte, die sich im ganzen\nZuschnitt und in der Ausstattung, in der schwachen Besetzung des\nStreich-Quartetts, namentiieh der ersten Violinen, immer mehr zu er-\nkennen gab, und endlich das Fortbestehen in Frage stellen wird.\nUeber die diesjährigen Winter-Concerte behalten wir uns ein spe-\ncielles Referat vor; einstweilen sagen wir nur, dass bis jetzt erst\ndie eine Hälfte gegeben wurde, so dass die späteren vier Concerte\nsich bis weit in den Frühling hinein ziehen werden: ein Beweis, wie\nweit die so häufig nachgewiesene Nonchalance auch in dieser Be-\nziehung geht. Einen in den Annalen unserer Concerte wohl einzig\ndastehenden Fall dürfen wir indess nicht unerwähnt lassen. Nach\nzuverlässigen Mittheilungen gab Herr Tausch im zweiten diesjähri-\ngen Concerte Haydn's Motette „Des Staubes eitle Sorgen\" ohne\nalle Probe, als das zur Aufführung bestimmte Musikstück wegen\nzu grosser Unsicherheit des Chors in der General-Probe bei Seite ge-\nlegt werden musste.\nAls das Grundübel des Verkommens unserer musicalischen Zu-\nstände ist offenbar die Art und Weise zu betrachten, wie Herr\nTauseh den Gesang- und den Instrumental-Verein leitet. Zufrieden,\nwenn nur nothdürftig die Noten herauskommen, gewähren die bei-\nden Vereine dem, der es ernst mit der Tonkunst meint, keine Be-\nfriedigung, sondern nur jenem, der sich durch Mitwirkung im Chor\noder Orchester einen Abend in der Woche zu erheitern sucht, abge-\nsehen davon, ob dadurch die Kunst gefördert werde oder nicht. Wir\nsehen desshalb die ersteren unter der vorherrschenden Majorität der\nletzteren kaum in den Vereinen vertreten. Die Uebungen Beider ha-\nben daher den Charakter gesellschaftlicher Unterhaltung in so über-\nwiegendem Grade angenommen, dass man an ernstere Zwecke nur\nselten erinnert wird. Gerade dieser Charakter ist es, der die nume-\nrische Stärke beider Vereine begünstigte, während das stete Steigen\nder Mitgliederzahl, wenigstens im Gesang-Vereine, in offenbaren Ge-\ngensatz zu den Leistungen getreten ist. Auf den fortdauernden Zu-\nwachs des letzteren dürfte zudem der Umstand nicht ohne Einfluss\ngeblieben sein, dass der jährliche Vereins-Beitrag geringer ist als\nder Abonnements-Preis für die Concerte, während jener nicht nur\nzum Besuche des Vereins, sondern, auch zu dem der Concerte, so\nwie der rheinischen Musikfeste und aller Proben berechtigt.\nBei den mitwirkenden Mitgliedern beider Vereine prägt sich im-\nmer mehr die Ansicht aus, Herr Tausch in dem geringen\nMaasse der Anforderungen an sie gerade dasjenige treffe, was ein\nDirigent überhaupt Dilettanten gegenüber verlangen dürfe. Wenn in-\ndess diese Mitglieder darin die Grundbedingung des Bestehens der\nVereine und ihrer Theilnahme an denselben zu erkennen glauben, so\nmüssen wir sie gegen sich selbst in Schutz nehmen Ein geistrei-\ncher, gewissenhafter Dirigent würde sie sehr bald überzeugen, dass\nernstes Studium eine grössere und bleibendere Freude und Befriedi-\ngung gewährt, als die, welche sie jetzt empfinden. Sie werden we-\nnigstens die Wahrscheinlichkeit unserer Behauptung einräumen müs-\nsen, wenn sie ihre eigene Bildungsfähigkeit nicht ungünstiger beur-\ntheilt wissen wollen, als die der Mitglieder ähnlicher Vereine in an-\nderen Städten als Düsseldorf, das ja vorzugsweise die Kiinstlerstadt\nder Provinz genannt wird. Auch die zuhörenden Mitglieder des In-\nstrumental-Vereins würden gewinnen, wenn ein Thtii der Zeit zum\nStudium, der andere zum Vortrag der studirten Compositionen be-\nnutzt würde. Herr Tausch vermag sich indess nicht zu der Devise\nMendelssohn's : lies severa, verum gaudium, zu bekennen\nheben. Er vermag nicht durch Eröffnung des VerständnissM\nMusikstückes, nicht durch tieferes Eingehen in die Mittel m\ntrags, um den Geist desselben zum Ausdruck zu bringen, aJ|\nund zu fesseln, und desshalb stüizt er sich, bewusst oder®\nwusst, auf den flachsten Dilettantismus.\nWir müssen dies um so bestimmter hervorheben, als die FrS\ndes Herrn Tausch das numerische Emporblühen jener beiden\neine als das Kriterium seiner anregenden, erfolgreichen\nThdtigkeit in den \\ ordergrund zu schieben pflegen, während wir\ngerade das Gegentheil darin erblicken.\nErwägt man das Gesagte, so wird man es erklärlich finden, dass\nin allen Kreisen unseres Publicums, welche mit jenen Vereinen we-\nder in directer noch indirecter Verbindung stehen, der musicalische\nIndifferentismus immer mehr um sich greift. Die Concerte des all-\ngemeinen MusiK-Vereins haben längst aufgehört, den Vereinigungs-\npunkt aller Musikfreunde, ja, der Elite der verschiedenen gesellschaft-\nlichen Elemente der fetadi und der Umgegend zu bilden, wodurch\nfrüher jedes derselben zu einem Ereigniss wurde, welchem ein zahl-\nleiches Concert-Pub icum mit Spannung und Interesse entgegen zu\nsehen pflegte. Wir finden es auf die Hälfte zusammengeschmolzen,\nund selten vernehmen wir von seiner Seite ein Zeichen von Beifall\nund gehobener Stimmung, das zündend einen Wiederhall bei den\nMitwirkenden hervorzurufen vermöchte.\nDie Theilnahmlosigkeit zeigt sich auch in den von den Herren\nTausch, Langhans und Forberg veranstalteten Trio-Soireen, die kaum\nden vierten Theil des früher bei ähnlichen Aufführungen von Kam-\nmermusik anwesenden Publicums anzuziehen vermochten. Auch hier\nsprechen wir Herrn Tausch nicht frei von Schuld. Gerade weil wir\nseine eminenten Eigenschaften als Pianist stets hervorgehoben, glau-\nben wir uns zu der Bemerkung berechtigt, dass auch die Vorträge"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.1.7", "texte": "in jenen Soireen häufig den deutlichen Stempel flüchtigen Studiums\ntragen, und dass Herr Tausch mit seinem markigen, kräftigen An-\nschlage den schwächeren Ton der Mitspieler nicht selten völlig\ndeckte, und somit auch auf diesem Felde den Mangel an feinerem\nkünstlerischem Sinn und Verständniss verrieth.\nBetrachten wir unsere musicalischen Zustande im Vergleich za\ndenen der Nachbarorte, so kommen wir zu dem betrübenden Resul-\ntate, dass bei uns im letzten Decennium der Rückschritt dieselbe\nProgression angenommen hat, als dort die fortschreitende Entwick-\nlung musical sehen Lebens. Wir sprechen dies namentlich im Ver-\ngleich zu Elberfeld, Barmen, Crefeld und Bonn aus; denn mit Köln\ndürfen wir es schon lange nieht mehr wagen. Die Musikfreunde der\ngenannten Orte wussten ohne Zuschüsse aus städtischen Mitteln Mu-\nsiker wie Schornstein, Reinecke, Wolf und Di et er ich zu\nfesseln und durch sie die günstige Umgestaltung der Verhältnisse\nzu begründen.\nBei diesen Thatsachen wird man unwillkürlich zu der Frage ge-\ndrängt: Würde es nicht günstiger für unsere Zustände gewesen sein,\nwenn die Stelle des städtischen Musik-Directors so lange unbesetzt\ngeblieben wäre, bis sich eine bewährte Persönlichkeit nicht nur ge-\nfunden, sondern auch als solche vom Gemeinderathe anerkannt wor-\nden wäre?\nEhe wir diese Frage beantworten, werden wir die übrigen noch\nunbesprochenen Functionen des städtischen Musik-Directors vorher\nnäher ins Auge fassen und prüfen, was Herr Tausch darin leistet.\nSie bestehen in der Ueberwachung und Förderung des Gesang-\nUnterrichts in den Elementarschulen, als Grundbedingung guten Kir-\nchengesanges, so wie in der Aufführung von Kirchenmusik an ein-\nzelnen wenigen dafür bestimmten Tagen.\nUeber den ersten Theil sind wir ausser Stande, zu berichten. Nur\nder Gemeinderath selbst kann die Thätigkeit des Herrn Tausch nach\nder angedeuteten Richtung hin beurtheilen, für die uns, da wir uns\nnicht erinnern, in den Protocollen der Gemeinderaths-Sitzungen darauf\nBezügliches gefunden zu haben, alles fehlt, was uns Anhaltspunkte\nböte.\nAuch über die Aufführung der Kirchenmusik vermögen wir kein\numfassendes Urtheil zu fällen. Wir haben nur derjenigen einiger A-\nCapella-Chöi'Q von Palestrina und Lotti, so wie einiger Messen mit\nOrchester-Begleitung beigewohnt und über die ersteren einen detail-\nlirten Bericht in diesen Blättern veröffentlicht. Wir können über jene\nnur unser früheres Epitheton „unwürdig\" wiederholen und müssen\ndie der letzteren als solche bezeichnen, wodurch der musicalisch\nGebildete sich im Gottesdienste wohl nur gestört, der Laie aber un-\nmöglich erbaut fühlen kann. Die späteren Aufführungen vermieden\nwir absichtlich, weil die eingezogenen Erkundigungen über die Art\nder Proben uns nichts Besseres erwarten Hessen als das, was wir\nbereits gehört.\nHerr Tausch hat somit auch dieses Feld seiner Thätigkeit, auf\nwelchem jede Nachlässigkeit zu doppeltem Vorwurf gereicht, mit\ndem Mangel an Sorgfalt und Energie bearbeitet, den wir an ihm\ngewohnt sind.\nDem Buchstaben seines Vertrages würde Herr Tausch genügt\nhaben, wenn er durch die Mitglieder des Gesang-Vereins die Auffüh-\nrungen in der Vollendung gegeben, welche bei den vorhandenen\nKräften erreichbar war. Wenn er sich aber die Aufgabe gestellt\nhätte, durch die Wirkung der Musik, namentlich der rein vocalen,\nden Gottesdienst wahrhaft zu verherrlichen, so würde er, als das\nbeste Mittel dazu, die Begründung eines eigenen Vereins für geist-\nliche Musik erkannt und in ihm die sich besonders dafür interessi-\nrenden Mitglieder des bestehenden Gesang-Vereins mit den ausserhalb\ndesselben vorhandenen Gesangkräften zu vereinigen versucht haben.\nDie Erfahrung hat ja gelehrt, wie treffliche Leistungen wir der pe-\nriodischen Vereinigung beider Elemente verdankten.\nHerrn Tausch gereicht unserer Ansicht nach auch die geringe\nTheilnahme zum Vorwurf, welche er dem Orchester des Theaters\nund seinen Mitgliedern bewiesen. Es ist durchaus nöthig, eine Orga-\nnisation zu ersinnen, durch die allen unbilligen Anforderungen von\nSeiten der Orchester-Mitglieder an den Theater-Director, eben sowohl\nals von der des Directors an jene, vorgebeugt wird. Im verflossenen\nHerbste wurden seit langen Jahren hier ansässige Mitglieder des\nTheater-Orchesters entlassen und Fremde neu engagirt. Wir wollen\nnicht untersuchen, auf welcher Seite das Recht lag; wir beklagen\nden Vorfall vor Allem dessha b, weil wir darin den Beweis er-\nblicken, dass es an einer Organisation fehlt, um das Orchester-Mit-\nglied, welches seine Pflicht erfüllt, vor Willkür zu sichern, und eben\nso dem Theater-Director Schutz zu gewähren, wenn die Orchester-\nMitglieder im Ganzen zu hohe Ansprüche erheben, oder einzelne In-\nstrumente ungenügend besetzt sind. Herr Tausch hat allerdings\nSchritte zur Bildung eines städtischen Orchesters versucht, aber nach\nder ersten Erfolglosigkeit nicht weiter verfolgt. Hätte er eine Orga-\nnisation uns scheint es nicht schwer, eine solche zu finden\nvorgeschlagen, mit keinem Risico für die Gemeinde-Casse verbun-\nden, so wäre sie gewiss angenommen worden.\nWir fühlen es vollkommen, dass Herr Tausch entgegnen kann,\nso weit gehe die übernommene contractliche Verpflichtung nicht. Aber\ner so wenig wie seine Freunde werden die moralische verläugnen\nwollen, uns durch die äusserste Sorgfalt und Thätigkeit in allem,\nwas zur Förderung der musicalischen Interessen gehört, für das zu\nentschädigen, was seine Vorgänger durch den Reichthum ihrer indi-\nviduellen Begabung boten, durch den Glanz ihres Namens, durch ihre\nStellung als gefeierte Virtuosen und Tondichter, durch den Verkehr\nmit allen verwandten Kunstgrössen, durch die Anziehungskraft, welche\nsie auf junge Künstler ausübten, die sich im Verkehr mit ihnen, so\nwie durch unmittelbare Belehrung oder in der Bewegung unsere»\nmusicalischen Lebens zu bilden suchten.\nVergleichen wir das alles mit der jetzigen musicalischen Oede,\nerwägen wir, wodurch sie nach und nach über uns hereinbrach, so\nkönnen wir die Frage, die wir früher aufwarfen, nicht anders als\nmit „Ja\" beantworten. Ja, wäre die Stelle des städtischen Musik-\nDirectors nach Schumann's Tode so lange unbesetzt geblieben, bis\nsich eine bewährte Capacität dafür gefunden, so würde sich für ta-\nlentvolle, strebsame Musiker hier ein Wirkungskreis eröffnet haben,\nder gewiss nicht unbenutzt geblieben wäre. Wir hätten Spaltungen\nund Zerwürfnisse erlebt, aber die besten musicalischen Kräfte wür-\nden sich ohne Zweifel unter den Würdigsten geschart, in dem Kampfe\nwürde das Interesse für Kunst stete Nahrung gefunden haben und\ndem Erlöschen nicht so nahe geführt sein, als jetzt.\nZum Schlüsse noch einige Worte, namentlich' an die unter den\nAnhängern des Herrn Tausch, welche es ernst und redlich mit der\nKunst meinen und mit Ueberzeugung für seine Aufführungen, als\nkünstlerisch befriedigende, ja, als vollendete, schwärmen.\nNichts ist für den musicalischen Geschmack, für musicalisches\nUrtheil so gefährlich, als jahrelanges Hören von mittelmässigen, ja,\nschlechten Aufführungen und Mitwirken in denselben. Wer nicht\ndurch eine vorzugsweise feine musicalische Organisation geschützt\nwird oder von Zeit zu Zeit an Vollendetem den gesunden Sinn wie-\nder zu beleben und zu erfrischen Gelegenheit findet, verliert zuletzt\njeden Maassstab für bessere Leistungen. So ist es Vielen unter uns\nin musicalischer Beziehung ergangen ; erleben wir ja auch ganz Aehn-\nliches bei unseren Bühnen-Zuständen! Wie lässt sich dieser Maass-\nstab hier wieder gewinnen? Woran, fragen wir, konnte die im letz-\nten Decennium hier erwachsene und jetzt erwachsende Generation\nsich denselben bilden? Die Mittel waren leider nicht vorhanden.\nBietet die Zukunft sie von Neuem, wie wir es sehnlich wünschen,\n60 wird die Erinnerung an sein augenblickliches Urtheil gewiss Man-\nchem ein heimliches Lächeln abnöthigen. —6—\n'N. - 1 1"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580320-01.1.8", "texte": "Aus Bonn.\nV - - - s.\nDen 12. März 1858.\nUnter Albert Dietrich1 s Leitung ward hier gestern Joh. Seb.\nBach's Passionsmusik nach dem Evangelium Johannis aufgeführt.\nDie Kräfte unseres städtischen Gesang-Vereins zu einem solchen Un-\nternehmen anzuspornen und zur Ausführung desselben geschickt und\ntüchtig zu machen, dazu war von Seiten des Dirigenten ein Eifer,\neine Umsicht und vor Allem eine ausharrende Energie erforderlich,\ndie jeder, der mit den hiesigen musicalischen Zuständen vertraut ist,\ngebührend zu schätzen wissen wird. Hier musste die sorgfältigste\nThätigkeit mit reger Begeisterung für die Sache der Kunst zusam-\nmenwirken, wenn es gelingen sollte, ein Werk, das in seinen Formen\nso schwer zu bewältigen, in der Tiefe seiner geistigen Eigentüm-\nlichkeit so schwer zu erfassen ist, auf eine des Meisters nicht unwürdige\nWeise zur Darstellung zu bringen. Wenn wir einfach sagen, dass es\ngelang, so ist damit dem Dirigenten, wie den ausübenden Künstlern\ndas schönste Wort des Dankes und der Anerkennung ausgesprochen.\nDie strengste und liebevollste Sorgfalt war den Chören gewidmet\nworden, in denen der Meister die ganze Macht seines Genius entfal-\ntet hat. So musste denn auch gleich der erste Chor: „Herr, unser\nHerrscher\", mächtigen Eindruck üben; er beginnt mit einem gewal-\ntigen lobpreisenden Anruf an den Herrn, dann wendet sich unmittel-\nbar die Betrachtung zum eigentlichen Gegenstande des Werkes, der\nPassion, und schon hier werden die Grundtöne der zwiefachen Em-\npfindung, die durch das Ganze waltet, kraftvoll angegeben; der\nSchmerz über des Erlösers Leiden vereinigt sich mit dem Jubel über\nseine Verklärung. Eine herrliche Einleitung zu den Worten des Evan-\ngelisten! Diese wurden von Herrn Göbbels, die Reden Christi und\ndes Pilatus von den Herren Schiffer und Schröter vorgetragen.\nHerr Göbbels recitirte mit schlichter Einfachheit und gemessener\nWürde, wie es einer epischen Darstellung geziemend ist. Der nahe\nliegenden Versuchung, den Vortrag scharf zu markiren und so für\nden Augenblick vielleicht wirksamer zu machen, hat er weislich wi-\nderstanden und vielmehr die Wirkung des Ganzen im Auge behalten.\nDenn die evangelische Erzählung bildet den ruhigen Hintergrund,\nvon dem sich dann die lyrischen und dramatisch bewegten Partieen\num so entschiedener abheben. Und welch ein wunderbarer Wechsel\nentsteht nun zwischen diesem ruhigen Berichte, den Arien, in denen\ndie Empfindung auf den bedeutsamsten Momenten der erzählten Be-\ngebenheit verweilt, den Chorälen, in denen die liebevolle Theilnahme\nund fromme Begeisterung der christlichen Gemeinde ihren Ausdruck\nfindet, und jenen Chören, in denen das Volk der Juden seine stür-\nmisch aufgeregten Leidenschaften ausbraus't. Alles, was nur in einer\nbis zum Wahnsinn des Fanatismus aufgereizten Menge tobt, wird in\ndiesen Chören lebendig; rasende Wuth wechselt mit schneidendem\nHohn und frecher Drohung; der künstlerische Ausdruck ist bis an\ndie letzte Gränze des Möglichen geführt. Wie milde aber weiss der\nMeister diese maasslose Aufregung zu beschwichtigen in dem Schluss-\nchor: „Ruht wohl!\" es ist ein trostvoller, vom gelinden Fluss der\nMelodie getragener Grabgesang, in dem die Gewissheit künftigen Le-\nbens siegreich verkündigt wird. Und endlich lässt sich im letzten\nChoral das fromme, in klaren, vollen Tönen aufsteigende Gebet der\ngläubigen Gemeinde beruhigend vernehmen.\nWenn in den Chören vor Allem der dramatisch concentrirte Aus-\ndruck mächtiger Leidenschaft zur Geltung kommen musste, so hat\nBach dagegen in den Arien jenem anderen Elemente seiner Musik,\ndas wir denn doch wohl als ein romantisches bezeichnen werden,\nungehemmte Wirksamkeit verstattet. Sein Geist versenkt sich hier in\ndie tiefsten Abgründe des Gefühls; wir glauben kaum, dass ein Zeit-\nraum von mehr als einem Jahrhundert zwischen seinen Tagen und\nden unseren liegt; in den Tönen, die er anschlägt, lebt unsere eigen-\nste Empfindung. Die schwierige Arie: „Ach, mein Sinn\", fand durch\nHerrn Dr. K 1... den angemessensten Vortrag; er gestaltete sie,\nganz im Geiste der Situation, zum Ausdruck eines leidenschaftlichen\nbis zur Verzweiflung gesteigerten Schmerzes. Herr Schröter sang das\nArioso: „Betrachte, meine Seel1\", in dessen Begleitung aller roman-\ntische Zauber verwebt ist. Von Herzen aber müssen wir Fräulein\nFrancisca Schreck für den Vortrag der beiden Alt-Arien dank-\nbar sein; jeder Ton zeugte dafür, dass sie die künstlerische Form\nselbstständig beherrschte und dass ihr des Meisters Geist lebendig\ngeworden war. Der ersten Arie: „Von den Stricken meiner Sünden\",\nward ihr strenger und herber Charakter bewahrt; in der zweiten:\n~Es ist vollbracht!\" ward der Ausdruck einer tief schmerzlichen\nBeruhigung mit der erhabenen Freude über den Triumph des Hei-\nlandes in echt künstlerischer Weise zu einem wunderbar ergreifen-\nden Ganzen verbunden.\nWenn in einer der kleineren Städte Deutschlands unter beengen-\nden Verhältnissen die Aufführung eines Werkes wie die Passion ge-\nlingt, so kann man dieses immer als einen Sieg betrachten, den die\nKunst mit ihren geweihten Waffen erkämpft; und so werden wir\nauch denn noch lange des gestrigen Abends uns erinnern, mit dem\nfreudigen und erhebenden Gefühle, mit dem man eines Sieges gedenkt.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n** llarmeii. Das Concert am 13. d. Mts. brachte uns ein\nneues Werk von Ferdinand Hiller; „Die Weihe des Früh-\nling s\" (Ver sacrum), welches eine sehr warme Aufnahme bei dem\nzahlreich versammelten Publicum fand. Die Chöre waren sehr gut\nstudirt, die Soli durch Fräul. Deutz, Herrn DuMont-Fier und\nHerrn Göbbels vortrefflich besetzt, so dass die Aufführung unter\nder Leitung des Componisten selbst zu einer ausgezeichnet guten\nwurde. Ausser an einzelnen lyrischen Stellen war der Beifall am\nSchlüsse des ersten Theils und am Ende des Ganzen enthusiastisch,\nund der Componist wurde mit Blumenregen unter dem Tusch des\nOrchesters überschüttet. Den ersten Theil des Concertes hatte\ndie Sinfonie von Beethoven in C-dur Nr. I gefüllt.\nIlarmsladl. Herr Louis Schlösser ist zum grossherzog-\nlich hessischen Hof-Capellmeister ernannt worden."}]}