{"numero_id": "bm-bmtnabi-1858-03-27-01", "volume": "bmtnabi_1858-03-27_01", "ocr_sha256": "7491eb4ba3d1216a4ea13a1353d84f4bb5335c54302a7074351cf86a6d1af4a2", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1858/03/27_01/bmtnabi_1858-03-27_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1858-03-27-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-03-27_01#c001", "volume": "bmtnabi_1858-03-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "97", "page_fin": "97", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "97", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 456, "texte": "Inhalt.\nDie heilige Tonkunst. 11. 111. Aus Regensburg (Musicalische Zustände und Aufführungen). Aus Paris (Erste Auffiih-\nrung der Oper La Magicienne von F. Halevy). Von B. P. Aus Mainz (Zweites Kunstvereins-Concert). Achtes Gesellschafts-Conccrt\nin Köln. Otto von Königslöw. Tages- und Un ter h al tun g sbl all (M.-Gladbach, Aufführung von Haydn's Schöpfung Gera, 22.\nund 23. Concert Göttingen, Musikleben Nichts Neues unter der Sonne Deutsche Tonhalle)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-03-27-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-03-27_01#c002", "volume": "bmtnabi_1858-03-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "97", "page_fin": "101", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.2.2", "titre_corps": "Die heilige Tonkunst.", "titre_sommaire": "Die heilige Tonkunst.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "97", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.1.1", "debut_caractere": 458, "fin_caractere_exclue": 4200, "texte": "Die heilige Tonkunst.\nII.\n(I. s. Nr. 11.)\nUm von den gewaltigen Geistesschritten der drei letz-\nten Jahrhunderte, die, wie in allen Künsten, so auch in\nunsere heilige Tonkunst eingeflossen und von ihr wiederum\nangewirkt sind, nur die oberflächlich hier erforderliche\nAnschauung zu geben, gedenken wir zuerst jenes Wende-\npunktes, der Alt und Neu scheidet und, von kleinen An-\nfängen beginnend, allmählich jene leidig dauernde Tren-\nnung der römisch-deutschen Volksgeister zuwege gebracht,\ndie der alten Glaubenseinheit bald gänzlich vergessen\nmachte. Denn das gewaltige Ringen der Geister zeigte\nsich, wenigstens im ausserkirchlichen Gebiete, Anfangs ein-\nträchtig, bald eifernd, endlich feindselig, wo dann Segen\nund Fluch, in dieser Zeitlichkeit unauflöslich in einander\nwirkend, Beides weit heller ans Licht trat, als während\nder einfältig herrlichen Kindheit der Kirche. Die romani-\nschen Völker, hinausgezogen, um das Reich dieser Welt\nzu erforschen, fanden die unermesslichen Schätze Indiens\nund erwarben der sichtbaren Kirche leiblichen Zierath,\nSchutz und Mauern, und bauten ihr Säulen von Gold und\nPfeiler von Granit. Da ging der Deutsche hin, klopfte an\ndie Pforten der unsichtbaren Kirche, suchte, was verach-\ntet war vor der Welt, und erkundete das Reich Gottes.\nDie erste Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts zeigt über-\nwiegend noch ein brüderliches Ringen, selbst im Streite\nnoch der väterlichen Heimat gedenk; in der anderen Hälfte\nsind Trident und Torgau (1564 —1580) Zeugen der tie-\nferen Entfremdung geworden, welche kaum noch in der\nAhnung der Gemeinschaft der Heiligen die ewige Einheit\nder Verheissung festhält.\nWie von solchen Weltbewegungen die schöne Kunst\nabbildliche Gestalten spiegelt, das ward vorzüglich an den\ninnerlich bewegtesten Völkern sichtlich. Anfänglich gingen\nItaliäner und Deutsche noch einträchtig zusammen; war\ndoch Palestrina des Hugenotten Goudimel Schüler, Eccard\n. des Katholiken Orlando; und so ist auch in der Sangweise\nPalestrina's und Walter's ein technischer Unterschied An-\nfangs kaum wahrnehmbar. Palestrina und Orlando\nLasso (1580) sind den Deutschen Walter und Senfft\n(1540) an schöpferischer Kraft überlegen, wogegen die\ntechnische Factur fast dieselbe ist; nur eine leise Andeu-\ntung der individuellen Melodie hebt die Deutschen, die\ndoch aus römischer Schule hervorgegangen sind, über ihre\nLehrer.\nDer Streit darüber, ob figuraler oder psalmodischer\nGesang der Kirche besser zieme, trat damals in Rom mit\ngrösserer Heftigkeit wieder hervor, weil die päpstlichen\nSänger in ein überkünstliches Zierwesen verfallen waren;\nPalestrina soll der Sage nach die canonische (contra-\npunktische) Kunst dem Heiligthume gerettet haben; diese\nKunst ist dem Zeitalter so geläufig, dass auch Dilettanteil\nwie Heinrich VIII. von England sie ausübten, und bleibt\ndie Quelle aller künstlerischen Lehre bis in Beethoven's\nJugend; der Mangel dieser Lehre bei den Allerneuesten\nhat sich furchtbar gerächt und wird sich weiter rächen.\nMozart äusserte, ohne Contrapunkt sei was Ordentliches\nüberhaupt nicht denkbar, und meinte, wer an Fugen kein\nGefallen finde, sei für die Musik nicht geboren. Was ist\nnun das Wesen dieser wundersamen Kunst, die in unse-\nren ragen fast verschollen, deren Aussterben aber den\nernstgesinnten Kunstfreunden ein Ende der wahren Kunst\nzu werden droht? Ihr Wesen ist die innige Verschlingung\nnicht einzelner Töne; sondern ganzer Tonsätze unter ein-\nander, wo jede Stimme die Haupt-Melodie selbstständig\nsingt und doch zugleich der anderen dient; dieses Dienen\nund Herrschen zugleich ist ein Gleichniss persönlicher,\nlebendiger Liebe, die gebend empfängt und empfangend\ngibt, ein Spiegelbild ewiger Liebe, wie es keine andere\nKunst in solcher Klarheit gibt. Der deutsch-römischen"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "98", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5484, "texte": "Schule der Niederländer also danken wir, dass die Ton-\nkunst zu ihrer Höhe gelangt ist*). Das ist die Kunst, die\nLiszt verachtet, weil er sie nicht begreift; ein „Elephan-\nten-Getrampel\" nennt seine blasphemische Bede den Bie-\nsen-Chorgesang des gewaltigen Händel! Ja wohl ist's ein\nGetrampel, das den kahlen, liebeleeren Verstand todt tritt,\nder da ein Bechen-Exempel wittert, wo die geheimniss-\nvolle Vereinigung des Gedankens mit der Schönheit offen-\nbar wird. Viele redliche Frager, die im Tonsatze die Idee\nvermissen, oder doch gern möchten nachgewiesen sehen,\nwo und wie in Tönen ein Gedankengehalt sich anschauen\nlasse, sind hieher zu verweisen; im Contrapunkt und\nin der Fuge ist es vorhanden: hörend wird es vernom-\nmen, danach erst kann es bewiesen werden. Freilich\nmuss, wer diese Gewalt noch nie empfunden, eine gesunde\nFuge eines Kernmeisters von mässig geschultem Singchor\nrichtig vortragen hören; unreiner Ton und wackeliger\nTact sind, wie überall abscheulich, so hier verderblich.\nZudem sind die kernmeisterlichen Fugen in den letzten\nZeiten sehr dünn gesäet, und schwerlich wird Jemand, der\nsonst fern steht, aus der weichmüthigen Graun'schen Fuge:\n-Christus hat uns ein Vorbild gelassen\", die freilich stark\nnach verständiger Berechnung und Bhetorik klingt, das\nUrbild dieser tiefsinnigen Kunstform entnehmen; dazu wäre\neher geeignet das „Hallelujah\" und „Amen\" im Messias,\nwas auch einfältige, unkünstlerische Seelen überwältigt—\nwohlgemerkt, wenn es richtig gesungen wird, ohne Zie-\nrath und Quängelei und ohne krankhafte Crescendi u. dgl.,\nnur in keuscher Achtung gegen des Meisters Wort, wie\nes geschrieben steht.\nSo einfältiger objectivcr Vortrag genügt auch voll-\nkommen, um die Meister des sechszehnten Jahrhunderts\nauszuführen und zu verstehen. Die wunderbare Kunstbe-\ngabung jener Zeit ist aber nicht begnügt gewesen in dem\neinzigen Werke, dem Heiligthume würdigen Schmuck zu\nverfassen in Tönen und Bildern: sie tritt hinaus aus dem\nTempel: es beginnt die weltliche Kunst, und zwar zu-\nerst auf römischem Gebiete.\nWie aber Geistlich und Weltlich nicht ursprünglich ge-\nschieden, sondern in versöhnlichem Gegenbilde neben ein-\nander wirkend erscheinen, gleichwie Geist und Natur, Mann\nund Weib nicht feindselige, sondern nach Gottes erster\nSchöpfung liebeverbundene Wesen sein sollten: das ist\nauch sichtbar in dem Verhältnisse der ältesten weltlichen\nLieder zu den geistlichen. Der heutige Sinn erkennt kaum\nden Unterschied zwischen Weltlich und Geistlich, wo alte\nolkslieder in alten Tonarten erklingen; diese Gemeinsam-\nkeit ist das Ursprüngliche, welches nach mancher Ver-\nschleierung endlich wieder hervortreten wird, wenn unsere\nKunst genesen soll.\nDas italiänische Madrigal (nach Winterfeld's Ga-\nbrieli 1,145: materialia, als Gegensatz der spiritualia,\necclesiastica) ist ein weltliches Lied in freierer Gesangs-\nform, dessen erste künstlerische Bearbeitung dem Adrian\nWillaert (1340) zugeschrieben wird. Bei übrigens ern-\nstem oder heiterem, auch neckischem, doch nicht gottlo-\nsem Inhalte war die Behandlung der herrschenden Schule\ngemäss, nur dass man die madrigalische Schreibart als\nden „freien Contrapunkt14 dem „strengen Contrapunkte\"\nder Kirche entgegen stellte. Auch die typische Cantilene,\ndie traditionelle Psalmodie ward hier verlassen, eine neu\nerfundene Melodie gewagt; übrigens war das Madrigal\nseiner Grundstimmung nach nicht gar fern von der kirch-\nlichen Weise. Doch hat das Madrigal in weniger als einem\nMenschenalter zu sonderlichen Gestalten geführt und dann\nauf die kirchliche Tonkunst eingewirkt, auch diese der an-\n/\ntiken Haltung zu entledigen.\nDamals begannen die Evangelischen, die mütterliche\nSchule verlassend, ihren eigenen Weg zu suchen, um das,\nwas ihre schönste, eigenste Gabe war, Volksgesang und\nBibelwort, auch in heiliger Kunst durchzuführen. Das\nVolkslied ist von Alters her dem deutschen Volke so\nsonderlieh eigen, wie keinem anderen Volke; die Liedform\nnämlich und die volksthümliche, volkbeliebte Weise dazu\nsind so eigentümlich verbunden, dass noch heute die Fran-\nzosen und die Engländer es auf ihren Programmen beti-\nteln Le Lied, Tlie Lied, weil weder Chanson, noch Poesie,\nnoch irgend ein anderes Wrort entspricht. Das deutsche\nLied—leider müssen wir dieser stumm lesenden und schrei-\nbenden Zeit selbst bei Deutschen es schon als ein Erb-\nstück der Erinnerung erläutern—, das Lied ist so gestal-\ntet, dass es in einem Strophenbau, der tonisch und poetisch\nin einander gewebt ist, einen einfachen Grundgedanken\nanschaulich gliedert und abschliesst. Dieser Strophenbau\n:st typisch in seiner Gliederung, frei in seiner Ausgestal-\ntung, sparsam in Bewegung, reich an bildhafter Sinnlich-\nkeit. Jede Strophe (deutsch: Gesätz) ist ein Ganzes durch\ndie geschlossene Form von Aufgesang und Abgesang.\nJener, der Aufgesang, ist der aufwärts schwingende\nGrundsatz, logisch in Frage oder Behauptung, tonisch\nim Aufwärtssingen, z. B. von der Tonica zur Dominante\ndargestellt. Der Abgesang steht zum Aufgesang als Ge-\n\n*) Unbekannten zur Erläuterung diene: Contrapunkt heisst\nbald die Lehre vom canonischen Tonsatze, bald ein solcher Ton-\nsatz selbst oder dessen Haupt-Thema. Canon heisst ein streng\ndurchgeführtes Thema, welches in allen Stimmen nur das Thema\n\\\nlind weiter nichts hören lässt. Fuge (besser von Fügen als\nvon Fuga hergeleitet) heisst ein canonischer Satz, der ausser\ndem Thema ein Gegen-Tliema enthält, und ausserdem durch\nZwischenharmonie, Orgelpunkt und Schlussformel freiere Ge-\nstaltung anstrebt."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5346, "texte": "gensatz, logisch in Antwort, Erfüllung oder Beweis, to-\nnisch in der Wiederkehr zum Grundtone sich bezeugend.\nDiese typische Grundform ist tonisch vorhanden bei den\nMelodieen: „Es ist gewisslich an der Zeit\", „Ich ruf' zu\nDir, Herr Jesu Christ\", „Jerusalem, du hochgebaute Stadt\",\n„Mach's mit mir, Gott, nach Deiner Gut'\", „Nun singet\nund seid froh\"; aber es finden sich wohl eben so viel\nabweichende als jener Regel folgende Beispiele.\nSei aber jenes Theorem auch unhaltbar, die That-\nsache steht fest, dass eine solche Liederfreude wie damals\nunter den Deutschen, und solche eigenthümliche Gestalt\ndes Liedes ausser unserem Volke nirgends erlebt ist. Selbst\ndas sangreiche Italien hat zwar in Arie und Recitativ uns\nüberflügelt, aber das eigentliche Lied ist hier selten; das\nwird bezeugt durch den auch von Römern anerkannten\nMangel, durch die noch heute z. B. bei den venetianischen\nGondelierenherkömmlicherecitativische, nicht liedhafte\nGestalt ihrer melancholisch rhetorischen Wellenlieder (denn\nMendelssohn's so genanntes venetianisches Gondellied\nist eine deutsche Gelehrten-Phantasie), und durch die of-\nfenkundige Entlehnung deutscher Psalmweisen bei den\nprotestantischen Lombarden, die bis 1620 ihren Volks-\nKirchengesang hegten, bis römische Inquisitoren ihn mit\nStumpf und Stiel ausrotteten. Auch ist der Volks-Kirchen-\ngesang überhaupt so sehr deutsch-evangelisches Eigen-\nthum, dass schon Bellarminus klagt, wie die hübschen\nLieder mehr Seelen in die Ketzerei entführt hätten, als\nder Erzketzer selbst, desshalb „müsse man es ihnen\nnach thun\"!—Aber bis heute singen die Katholiken kei-\nnen Gemeindegesang, ausser wo sie zwischen Protestanten\nzerstreut wohnen; der um die Ehre dieses Gesanges\neifernde Jesuit Bollens (Der deutsche Choralgesang der\nkatholischen Kirche, Tübingen, 1851, vgl.N.M.Zeitschr.,\n1851, Bd. 35, Nr. 9, S. 88) wird schwerlich nachwei-\nsen, dass in den Ländern rein römischen Bekenntnisses,\nin Italien, Spanien, Portugal, irgend eine Gemeinde Kir-\nchengesang übt.\nIII.\nDie alten Lieder bis zum dreissigjährigen Kriege sind\ndurchweg kurz, reich und kernig; wenn auch zuweilen in\nharter, ungelenker Sprache, geben sie doch den Wort-\ninhalt derb und fasslich und behaltlich, nicht in meilenlan-\nger Rhetorik, wie manche spätere Lieder, die das Klare\nso lange erklären, bis es unklar geworden (Rist, Freiling-\nhausen, Knapp). Die Liedweisen jener ersten Zeit sind\nso gestaltet, dass sie den Wortinhalt verklären, nicht bloss\nrecitativisch abzeichnen; ihre besondere Schönheit ist, dass\nsie jede in sich ein rundes Ganzes bilden von Anfang, Mit-\ntel und Ende, und dass dieses Ganze auch eine gewisse\nLeibesgrösse hat [luytd-og ri tyovoa, wie Aristoteles\nfordert von einem guten Staate und einem guten Gedichte).\nSelbst diese Leibesgrösse zeichnet die deutsche Art vor al-\nlen aus; unsere liebsten Weisen sind durchgängig die min-\ndestens den Umfang einer Octave haltenden („Ein' feste\nBurg\", „Wie schön leucht' uns\", „ Befiehl du deine Wege\",\n„Vom Himmel hoch\"); auch Nonen-Umfang kommt vor\n(„Gelobet sei'st Du\", „Erschienen ist der herrlich Tag\",\n„Christ ist erstanden\", „Komm, heil'ger Geist\", „An\nWasserflüssen Babylon\") und Decimen-Umfang („Wa-\nchet auf, ruft uns die Stimme\", „Christus, der uns selig\nmacht\"); selten ist der bei den Romanen und Wälschen\nbeliebte enge Umfang z. B. der Sexte („Lobt Gott, ihr\nChristen\", „Nun lasst uns Gott dem Herrn), der Quinte\n(„Wenn wir in höchsten Nöthen sein\"), und die meisten\ndieser Art, welche bei uns im Schwange, sind ausländi-\nsche; sie tragen den natürlichen Mangel in sich, dass sie\ndie Beziehungen des Grundtones und der Dominante, so\nauch des Auf- und Abgesanges, minder deutlich anzeigen\nund daher der melodische Schwung geringer ist. Das ein-\nzige Beispiel einer original-deutschen Melodie von dem en-\ngen Umfange einer Quarte ist wohl das Selnecker'sche\nLied: „Nun lasst uns Gott dem Herrn\" u. s. w., welches\nsehr trübsinnig und engherzig klingt und im Gemeinde-\ngesange wenig beliebt ist. Die meisten beliebten sind eben\ndie aufgeschwungenen grossleibigen Melodieen, deren Art\nes ist, leicht ins Gedächtniss zu gehen, so dass sie stehende\nDenkmäler bleiben gleich plastischen Monumenten.\nMonumental! das ist das Stichwort, woran sich die\nZukunfts-Musicanten verrannt und verbissen haben: die\nTonkunst, sagen sie, habe es nicht mit starren Steinbil-\ndern zu thun, sie sei die fliehend verrauschende Anschau-\nung der Seele.—Sonst hat oft ein fühlend Herz bedauert,\ndass der Töne Lust und Leben so kurz—und nun wollen\nuns die allerneuesten Hirngespinstlinge darthun, das ge-\nschehe ihnen schon ganz recht, das sei ihre Art so—reisst\ndie Kreuze aus der Erde, mithin auch die Monumente!\nNein, ihr Armen, die ihr die Melodie hasset, weil ihr sie\nnicht schaffen könnt: es wird doch trotz aller Theoreme\nso bleiben, dass, was die Liebe zeugt, für die Ewigkeit\ngeboren wird, daher die Tonbilder und Weisen, welche\nin leibhaftiger Liebesschönheit wirken, festhaften müssen\nwie ein stetiger Strom lebendigen Wassers, ja, zuweilen\nwie ein verfolgendes Gewissen. Einfältiger als eure Tages-\nweisheit spricht die Grundweisheit unserer altdeutschen\nSprache, welche in dem einzigen W orte „Minne\" Beides\numfasste: Liebe und Erinnerung. (Vgl. uvrjfirj.\nfivrjOTijQ.\")\nDas deutsche Volkslied in der Kirche ist nun der Aus-\ngang einer neuen heiligen Kunst geworden, welche eigene"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5425, "texte": "Blüthen und Früchte getragen, als die Fruchtbarkeit der\nMutter zur Neige ging. Denn die alte Kirche hat die hei-\nlige Tonkunst begründet, aber nicht auf den Höhepunkt\ngeführt. Nach Palestrina und Gabrieli ist kein Höherer\nin ihr erstanden, und alle späteren katholischen Tonsetzer\nhaben einen weltlichen Zug, den aufmerksame und auf-\nrichtige Katholiken nicht mehr läugnen, seit in Rom selbst\ndie Bach'schen und Händel'schen Töne tiefere Wirkung\ngethan, als die Palestrina'schen.—Die nächste Geschichts-\nEntwicklung ging dahin, dass Italien den weltlichen Re-\ngungen des Madrigals, der Oper und der freien Instrumen-\ntalität sich hingab, während die deutschen Tonsetzer sich\nder Ausbildung des Kirchengesanges beflissen, in dessen\nGefolge sich das Motett, Oratorium und Orgelspiel weit\nfrühere und völligere Geltung gewannen, als die weltliche\nMusik.\nLucas Osiander (1570) that den wichtigen Schritt,\nin mehrstimmigem Gesänge die Haupt-Melodie der Ober-\nstimme (Soprano, Discantus) zu übertragen, während sie\nbisher meist einer Mittelstimme zufiel, einer scharf durch-\ndringenden männlichen, deren Cantus firmus die anderen\nStimmen figurirten, d. h. nachahmend umsangen. Mit der\nSopran-Melodie sollte dem volksthümlichen Verständnisse\ngeholfen, dem Volke selbst das Mittel gegeben werden,\nsich den geschulten Chorsängern anzuschliessen. Diese\nArt ist fortgebildet durch M. Prätorius (1600), Vul-\npius und ihre Zeitgenossen, und hat sich als Kunstregel\nseitdem behauptet. Doch war diese Herrschaft der me-\nlodischen Oberstimme noch keine so unbedingte, wie in\nden Zeiten der Verflachung, wo die Unterstimmen in knech-\ntische Dienstbarkeit fielen, um dem Glänze der Oberstimme\nals Folie, als harmonisches Piedestal zu dienen, vielmehr\ngebührte jeder Stimme ihr wohltönender Gang, und ihre\nGestaltung unterlag nach wie vor dem canonischen Contra-\npunkt; nur dass die Einheit deutlicher hervortrat und\nder centrale Kern, das Monumentale, in vollerem Lichte\nerstrahlte neben und über der mannigfaltigen Bewegung;\ndas war der Fortschritt der evangelischen Singweise.\nIn Johannes Eccard (-j* 1611) ist ein Höhepunkt\nerschienen, der alle Schönheit und Heiligkeit der neuen\nKirche als einer triumphirenden darstellt. Auf dem Grunde\naltkirchlichen Gesanges ruhend, die neue Osiander'sche\nWeise fortbildend, fand er wiederum neue Bahnen, in de-\nnen er einzig und beispiellos wandelte, gleichwie Seb. Bach\nin den seinen. Die Figuration des ist bei ihm\nin einer Art gehandhabt, welche die volksthümliche und\ndie künstlerische Weise verschmilzt, einfältig und tiefsinnig,\nverständig und mystisch, manchmal Vorklänge einer viel\nspäteren Zeit ahnend, oft die älteste Ueberlieferung zu ge-\ngenwärtiger Jugendschönheit umgestaltend, indem die Am-\nbrosische und Gregorische Sangweise, ihrer Einseitigkeit\nentrissen, zu höherem Gesammtbilde verklärt wird. Es\nfehlt an Worten, solche Schönheit zu beschreiben, wo nicht\ntönende Beispiele zur Seite stehen; als herrlichste Gabe\naber werden wir, je mehr wir seine Lieder vernehmen,\ndie innigste Verbindung von Heiligkeit und Technik, Glau-\nben und Kunst erkennen, welche hier ein Urbild wahrhaf-\ntig heiliger Kunst vor Augen stellt. Es ist das Verdienst\ndes seligen Winterfeld, diesen begabtesten der evange-\nlischen Tonsetzer aus der unbegreillichen Vergessenheit\nzweier Jahrhunderte ans Licht gebracht zu haben.\nBald nach Eccard's Tode begannen die düsteren, ver-\nzehrenden Kriege, die in Deutschland Volksthum und Kir-\nche erschütterten, während Frankreich hohen irdischen\nGlanz erwarb, Italien in allerlei Kunst vergnüglich lebte.\nDamals erblühte in Italien nächst dem kunstreichen Orgel-\nspiel Frescobaldi's (1630) die freie Instrumentaiität\nder Sinfonieen, Canzonen und Sonaten*). Von hier aus\nergehen nun in den nächsten Jahrzehenden bedeutende\nEinflüsse auf die deutschen Tonmeister, deren Hauptergeb-\nniss war, dass die Herrschaft der Kirchentöne zu\nwanken begann, dagegen die chromatische Satzweise\ngangbar ward und unsere modernen Tonarten,\nund Dur, nebst dem freien, d. h. unvorbereiteten, Eintritt\nund häufigen Gebrauche der Dissonanzen sich geltend\nmachten.—Nicht überall ist jener Einfluss leibhaftig nach-\nzuweisen; denn ausser den wirklichen Schülern der neu-\nitaliänischen Schule H. Schütz, M. Prätorius, Ham-\nmerschmidt u. A. gaben auch Stobäus und Crüger\n(1640), die von jenen Einflüssen äusserlich frei blieben,\nZeugniss von dem Fortschritte derZeit, wo das welt-\nliche Regiment anfing, neben dem geistlichen sich in\ngrösserer Selbstständigkeit geltend zu machen, und das\nKunstwesen überhaupt an Breite und Glanz zunahm, im-\nmer jedoch mit der Gesinnung, dass das Weltliche dem\nGeistlichen untergeordnet, nur als ein Glied sich gleich-\nsam zeitweilig von ihm ablöse, nicht aber eine eigene Welt\nfür sich bedeute. Dafür zeugt die auch im Staatsleben\nüberwiegende eifernde Spannung der Religions-Parteien,\nferner die ernste Färbung des häuslichen und geselligen\nLebens und in der Kunst das offenkundige Uebergewicht\nder entweder kirchlichen oder doch erhabenen geistlich\nanklingenden Weise der Kunstwerke.\n\n*) Sinfonia heisst im Sprachgebrauche jener Zeit ein freier\n(doch meist contrapunktirter) Tonsatz für mehrere Instrumente\nohne Gesang; Canzone ein sangähnlicher, liedförmiger\nSatz, gewöhnlich der Orgel oder dem Ciavier bestimmt;* So-\nnate die noch freiere, nicht liedförmige Phantasie ohne\nWorte, oft auch ohne Contrapunkt, gleichsam die reine Tö-\nnung, Tonfreude (sonare)."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3351, "texte": "Die heilige Tonkunst empfand diese Wirkungen, in-\ndem die römische und die deutsche Weise von nun an im-\nmer entschiedener aus einander traten, jene zur Verwelt-\nlichung, diese zur pietistischen Vertiefung hingewandt.\nNach Gabrieli (1600) ist auf römischer Seite keine Stei-\ngerung des geistlichen Elements wahrnehmbar, sondern\nein deutlicher Fortschritt zur sinnlichen Lieblichkeit und\nmalerischen Beweglichkeit. Monteverde begann (1620)\ndie dramatische Musik, die Oper; Viadana führte in seine\nKirchen-Concerte viel glänzenden Schimmer von mancher-\nlei Tonzeugen. Das Programm einer Oper aus jener Zeit\nweis't schon 23 verschiedene Instrumente auf, nämlich:\nGeigen-Quartett (vierfach besetzt), 2 Claviere, 2 Orgeln,\n3 harfenartige Guitarren, endlich 7 Posaunen, 4 Trompe-\nten, 1 Flageoletflöte zusammengenommen ein Heiden-\nlärm, als wäre der Componist bei einem Zukunfts-Musi-\ncanten des geistreichsten aller Jahrhunderte in die Schule\ngegangen. Die kirchliche Art der italiänischen Tonsetzer\nneigte zusehends mehr zum Rührendbewegten, dessen lieb-\nlicher Schein bald den Ernst der alten Psalmodie durch-\nbrach, während der plastische Kern der objectiven Psal-\nmodie verwitterte. Beispiele (ich nenne nur, die ich kenne)\ndieses mehr sentimentalen als kirchlichen Tones sind zahl-\nreich bei Durante, Astorga, Caldara, Marcello\n(1650 1720).\nWährend dieser Zeit ist die deutsche Kirchenmusik,\nobwohl ähnlichen Einflüssen unterworfen, dennoch ihre\neigenen Wege gegangen, zuerst unscheinbar, langsamer\nals ihre Lehrer, um später eine neue Blüthe zu tragen,\nderen Früchte wir heute noch gemessen. Unverwüstlich\nerwies sich das volkskirchliche Lied im Gemeindegesange.\nBis zum Ende des siebenzehnten Jahrhunderts ist es in der\nursprünglichen, d. h. rhythmischen, Weise gesungen wor-\nden. Ueber diesen Gegenstand ist letzthin viel geredet und\ngestritten; abwehrend verhielten sich sowohl gegen die\nThatsache als gegen ihre erneute Ausübung besonders die\nOrganisten und Kunstkenner (Töpfer, Ritter, Schnei-\nder, Klitzsch); die historische Forschung hat dargethan,\ndass wirklich rhythmischer Choralgesang allgemein\nbestanden hat bis zu Anfang des vorigen Jahrhunderts.\nFür die Wirklichkeit dieser Thatsache zeugt\n1) die alte Notenschrift, die eben so gewiss ein Ab-\nbild der damaligen Ausübung war, wie die heutige\nder heutigen;\n2) das ausdrückliche Zeugniss Lucas Osiander's in sei-\nnem Buche: „Fünffzig Geistliche Lieder und Psalmen. Mit\nvier Stimmen auff Contrapunctsweise (für die Schulen und\nKirchen im löblichen Fürstenthumb Würtenberg) also ge-\nsetzt, das eine gantze Christliche Gemein durchauss mit\nsingen kan\" (Nürmberg, MDLXXXVI.),—in dessen Vor-\nrede es am Schlüsse heisst: „dass die ganze Christliche\nGemein mit singe .... mit den Chorknaben anfahe zu\nsingen und es hernach durchauss mit jenen continuire. Es\nsollen auch die andern Stimmen, sonderlich der Alt und\nTenor, nicht allzu laut gesungen werden: damit vor allen\nandern Stimmen der Choral weit den Vorzug habe . . . .\nund wirdt ein notturfft sein, dass die Mensur im Takt nach\nder gantzen Gemein gerichtet werde, und also die Schu-\nlen sich nach der Gemein aller dings richten, und in kei-\nner Noten schneller oder langsammer singen, dann eine\nchristl. Gemein selbigen orts zusingen pfleget: damit der\nChoral und figurata- musi fein bei einander\nbleibe und alles einen lieblichen gebe*).\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-03-27-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-03-27_01#c003", "volume": "bmtnabi_1858-03-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "101", "page_fin": "102", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.2.3", "titre_corps": "Aus Regensburg.", "titre_sommaire": "Aus Regensburg.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.1.5", "debut_caractere": 3353, "fin_caractere_exclue": 5236, "texte": "Aus Regensburg.\nDen 18. März 1858.\nDass in unserer alten Ratisbona die Musica sehr lieb\nund hoch gehalten wird, darf ich als bekannt voraussetzen.\nUnsere Musik-Vereine führen uns die grossartigen Sinfo-\nnieen u. s. w. der drei Kunst-Heroen Haydn, Mozart und\nBeethoven vor; die einzelnen Künstler, wie Friedr. Zinkl,\nDickl, Wisbeck (leider vor Kurzem gestorben), geben uns\nin ihren Concerten die Leistungen der Musiker der Neu-\nzeit zu hören; das Theater gibt neben den Opern und\nOperetten der Neueren die classischen Schöpfungen eines\nMozart (Zau.herflöte, Figaro), Weber (Freischütz), Auber\n(Stumme von Portici); der Liederkranz singt die Männer-\nchöre der alten und jüngeren Tondichter; Chorregent Joh.\nGeorg Mettenleiter bringt alljährlich ein oder zwei gross-\nartige Oratorien zur Aufführung, wie Messias, Judas, Schö-\npfung, Jahreszeiten, Davidde penitentWeltgericht, Pau-\nlus, Elias u. s. w. Doch der Glanzpunkt der musicalischen\nZustände all hier gipfelt in der Kirchenmusik, wie das\nwohl allerwärts, wohin die Kunde von den meisterhaften\nLeistungen des Stiftschors zur alten Capelle gedrungen ist,\nzugegeben wird. Zum Belege registrire ich die Werke,\nwelche während der Cunegundis-Feier (am 3. März) zur\nAufführung kamen; Psalmen, vier- und achtstimmige,\nvon Pictori, Zacharias, Crivelli, Yittoria, Cifera, Agazzari;\nMagnificat von Marencio undMorales; Motetten:\nsponsa von Palestrina, Andreas Gabrieli, Victoria; zwei Mes-\nsen von Cacciolini und a 6 voc. von Orlando di Lasso;\nAve Regina von Soriano und endlich Antiphonen, Hymnen\n\n*) Auch das isländische „Graduale, almeneleg Messusaungs\nBook\", im J. 1755 in 16. Auflage erschienen, zeigt unverändert\ndie alten rhythmischen Choralweisen. (Winterfeld in seiner letz-\nten Schrift: „Zur Geschichte heiliger Tonkunst\", J852, Bd. 2.,\nS. 9!, scheint ausser der ältesten Ausgabe von 1594 nur\nnoch die sechste zu kennen, von 1691.)"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3882, "texte": "u. s. w. in cantu firmo, nach dem Encldridion chorale des\noben genannten Chorregenten mit Orgelbegleitung. Ueber-\nhaupt genüge es, um von der Höhe, auf der die Kirchen-\nmusik in der erwähnten Kirche steht, sich eine Vorstellung\nzu machen, zu wissen, dass in dem Kataloge, der über die\ndortigen Aufführungen seit fünfzehn Jahren geführt wird,\nnicht ein einziger Name von Bedeutung fehlt, von Dil Fay\nangefangen bis hinauf zu Scarlatti, Marcello, Pergolese\nu. s. w.\nSeitdem hat der hiesige Liederkranz eine sehr be-\nsuchte musicalische Soiree gegeben, in welcher unter an-\nderen ernsten und heiteren Stücken drei grössere Num-\nmern aus der Oper „Die Felsenmühle\" von Reissiger vor-\ngeführt wurden. Das Publicum wusste den Bemühungen\ndes Vorstandes und des Dirigenten, Grosshändler Lang\nund Herrn Rehbach, Dank, denn es bezeigte laut seinen\nBeifall. Auch der Musik-Verein veranstaltete eine Un-\nterhaltung; ich kann aber leider davon nichts melden, da\nich keine Kenntniss davon hatte. Ich bedaure dieses um\nso lebhafter, als die musicalischen Productionen dieses Ver-\neins in letzter Zeit die freundlichste Aufnahme fanden, wie\ndie Production für die Verunglückten in Mainz gezeigt\nhat. Den Gesang-Verein von Stadtamhof hatte ich im\nkatholischen Gesellen-Verein zu hören die Freude; ich\nsage: die Freude, nicht so sehr wegen des vollendeten Vor-\ntrags der gesungenen Stücke, sondern mehr, weil dieser\nBund sich aus Bürgern und Handwerkern gliedert; wahr-\nlich, diese geben sich selbst ein schönes Zeugniss! Im\nTheater hörten wir unter Anderem Fidelio, und man muss\nsagen, er wurde in einer Weise gegeben, die von den Lei-\nstungen der Mitglieder einer Provincialbühne den vor-\ntheilhaftesten Begriff zu geben geeignet ist. Zu wünschen\nwäre nur, dass der Director die Kräfte der Oper mehr\nschonen könnte.\nIn den beiden Kirchen, Dom und alte Capelle, können\ndie Fastenzeit hindurch die Freunde echt classischer Kir-\nchenmusik solche in schönster Auswahl und möglichster\nVollendung hören; wollten nur die Gegner der mittelalter-\nlichen Kirchenmusik und des die hier\nso reichlich gebotene Gelegenheit benutzen, gewiss, ihre\nVorurtheile würden sich mit jedem neuen Meisterwerke\nvermindern. Weil ich gerade auf diesen Gegenstand ge-\nkommen bin, so will ich nicht versäumen, die Nachricht\nzu geben, dass in den nächsten Tagen von der\nvina des Can. Dr. Proske ein neuer B-and (der Vesper-\nBand), und von der Orgelbegleitung zu dem\nchorale des Joh. Georg Mettenleiter ein neues Heft\n(bis über die Frohnleichnams-Octave reichend) ausgegeben\nwerden wird. Die Kenntniss dieser beiden Werke setze ich\nbei den Lesern voraus; hat ja die Niederrheinische Musik-\nZeitung erst in einer ihrer letzten Nummern das höchst\ngünstige Urtheil Dr. Proske's über den Chorregenten Joh.\nGeorg Mettenleiter abgedruckt; hat ja das Organ für\nchristliche Kunst, das in dem nämlichen Verlage erscheint,\nim Vorjahre ausführlich und namentlich das darüber be-\nrichtet, dass die zweite General-Versammlung der christ-\nlichen Kunst-Vereine beide Werke nach geschehener Prü-\nfung empfohlen habe. Desswegen unterlasse ich es auch,\ntiefer in deren Inhalt einzudringen und Weiteres über\nihren Werth und ihre Bedeutsamkeit zu sagen, zumal\nKöln, wie in gar vielen anderen Dingen, auch auf dem\nFelde der Musik leuchtet. Schliesslich habe ich eine starke\nVersuchung zu bekennen und zu bekämpfen. Ich will auf-\nrichtig die Anfechtung sagen; es wurde eine Broschüre ge-\ndruckt, in welcher der gregorianische Gesang und eine\ngawisse Bearbeitung desselben mit Satire und Spott be-\nhandelt wird. Die Verfasser dieses Pamphlets, das sie als\nharmlosen Scherz ausgeben wollten, zu nennen und gegen\nihre Handlungsweise das öffentliche Urtheil aufzurufen, das\nganze Getriebe der Intrigue aufzuhellen, das ist die Ver-\nsuchung. Doch ich will anders handeln als jene, und ihnen\nbeweisen, dass „Schweigen\" zu rechter Zeit eine grosse\nTugend ist."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-03-27-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-03-27_01#c004", "volume": "bmtnabi_1858-03-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "102", "page_fin": "102", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.2.4", "titre_corps": "Aus Paris.", "titre_sommaire": "Aus Paris.", "signature_source": "B. 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Nach\ndiesem hat das Werk den erregten Erwartungen nicht ent-\nsprochen. Der Text hält keine Kritik aus; die Zauberin\nist keine andere, als die schöne Melusine jenes poeti-\nschen Märchens, die hier aber in eine Hexe verwandelt\nist, welche ihre Seele dem Teufel verschrieben hat, zwei\nLiebende trennt, die Unschuld zur Schuld treibt und am\nEnde als „fromme Christin\" stirbt und dadurch dem\nChevalier Stello deNici, alias Samiel, Bertram u. s. w., die\nRechnung verdirbt! Nächstens mehr!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-03-27-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-03-27_01#c005", "volume": "bmtnabi_1858-03-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "103", "page_fin": "103", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.2.5", "titre_corps": "Aus Mainz.", "titre_sommaire": "Aus Mainz.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1989, "texte": "Aus Mainz.\nDen 8. März 1858.\nAm 5. d Mts. fand unter der Leitung des Herrn Capellmeisters\nFr. Lux das zweite der diesjährigen Kunstvereins-Concerte Statt,\nwelches eigentlich das dritte hätte sein sollen, wenn die traurige\nKatastrophe vom 18. November das Concert fiir den Monat Decem-\nber nicht unmöglich gemacht hätte. Zur Aufführung kam: Mozart's\nherrliche C-f/wr-Sinfonie mit der Fuge, die, mit Präcision executirt,\nauch dieses Mal wieder ihre grossartige Wirkung hervorbrachte; fer-\nner Recitativ und Arie: „Nur zu flüchtig\", aus Figaro's Hochzeit,\nvorgetragen von einer ausgezeichneten hiesigen Dilettantin, und\nzum Schlüsse der ersten Abtheilung ein Concert für die Flöte von\nHeinemeyer, vorgetragen von Herrn Schulz, welcher, als Mitglied der\nherzoglichen Hofcapelle zu Wiesbaden hier schon oft gehört, dennoch\ndurch seinen herrlichen Ton und seine bewundernswerthe Technik\ndas Publicum zu entzücken wusste.\nDie zweite Abtheilung brachte uns eine Novität, nämlich den\nganzen dritten Act der Oper „Rosamunde\" unseres durch seine frü-\nhere Oper „Käthchen von Heilbronn\" und durch seine Arbeiten auf\ndem Gebiete der Orgel-Composition u. s. w. als talentvoller Compo-\nnist und würdiger Schüler des Altmeisters Fr. Schneider bekannten\nFriedrich Lux.\nDer betreffende Act spielt im englischen Lager zwischen König\nHeinrich 11, Bariton, und Richard (Löwenherz), Tenor (gesungen\nvon Herrn Boschi und Herrn Zellmann vom hiesigen Stadttheater),\nund bietet in den kräftigen Recitativen, einem schwungvollen Duett\nund den vom mainzer Männergesang-Verein gesungenen Krieger-\nchören (Krieger-Gebet, in vierstimmigem Satze a capella mit zwi-\nschengeschobener Blech-Harmonie, Waffentanz und Schlachtgesang\nvon sehr gediegener Arbeit) des Interessanten so viel, dass durch\ndie von Sängern und Orchester mit Lust und Liebe vorbereitete\nAufführung, auch ohne die dazu gehörige Handlung, die Aufmerk-\nsamkeit des Zuhörers in hohem Grade gefesselt und das Ganze mit\nallgemeinem Beifall aufgenommen wurde."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-03-27-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-03-27_01#c006", "volume": "bmtnabi_1858-03-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "103", "page_fin": "103", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.2.6", "titre_corps": "Achtes Gesellschafts-Concert in Köln im Hauptsaale des Gürzenich.", "titre_sommaire": "Achtes Gesellschafts-Concert in Köln im Hauptsaale des Gürzenich.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.1.7", "debut_caractere": 1991, "fin_caractere_exclue": 5007, "texte": "Achtes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Hauptsaale des Gürzenich.\nDinstag, den 23. März 1858.\nProgramm: 1. 1) Spontini, Ouvertüre zu Olympia; 2) B.\nKlein, Alt-Arie aus dem Oratorium „David\" (vorgetragen von einer\nDilettantin); 3) L. Spohr, VII. Concert für die Violine in E-moll,\ngespielt von Herrn Otto von Königslöw; 4) F. Hiller, „O,\nweint um sie\" von Byron, für Alt-Solo, Chor und Orchester. —II.\n5) L. van Beethoven, Pastoral-Sinfonie; 6) Notturno für die Vio-\nline von Ernst; Tarantella für die Violine von Vieuxtemps\n(Herr O. von Königslöw); 7) C. M. von Weber, Ouvertüre zum\nFreischütz.\nEine Sinfonie mag man im Programm ans Ende oder an den An-\nfang des 'Concertes stellen — für Beides gibt es Gründe: die Mitte\ndes Concertes ist aber der ungeeignetste Platz für sie, zumal wenn\nauf ein Werk des grössten Sinfonie-Componisten eine Tarantella mit\nNachahmung des Leierkastens oder des Dudelsacks folgt! Von\nden vorgeführten Orchesterwerken gingen die Ouvertüren am besten,\nnur dass der Einsatz der Hörner in der Introduction der Freischütz-\nOuverture im Nacheinander des Accords einen sehr komischen\nEffect machte. Von einer feinen Ausführung im Orchester konnte\nüberhaupt nicht die Rede sein, da z. B. in der Pastoral-Sinfonie von\nden Bläsern selbst die Elementarregeln des Vortrags synkopirter No-\nten auf die auffallendste Weise vernachlässigt wurden. Es ist sehr\nschlimm, wenn ein Orchester den Winter hindurch nur in acht Con-\ncerten wirklich spielt, in fünfzig bis sechszig Opern im Theater\naber Alles übers Knie bricht. Ueber den Vortrag der Pastoral-Sin-\nfonie wollen wir hier nicht ins Einzelne gehen; wir werden in einer\nder nächsten Nummern einen besonderen Artikel als Fortsetzung un-\nserer früheren Aufsätze über die Beethoven'schen Sinfonieen geben\n(vgl. Nr. 43 vom 24. October 1857).\nHillens Gesangstück: „O, weint um sie\", das uns schon öfter\ndurch den schönen und einheitlichen Ausdruck der elegischen Stim-\nmung innig angesprochen hat, verfehlte auch dieses Mal bei recht\nguter Ausführung seine Wirkung nicht.\nHerr Otto von Königslöw erweckte durch die Wahl des\nConcertes in E-moll von L. Spohr schon ein sehr günstiges Vorur-\ntheil für sich in Bezug auf künstlerische Richtung und Geschmack.\nEr rechtfertigte dasselbe und den guten Klang, den sein Name schon\nseit mehreren Jahren unter den Violinisten hat, durch ein reines,\ntechnisch sehr fertiges und geschmackvolles Spiel, welches überhaupt\nund besonders nach dem Adagio und Finale auch durch lebhaften\nApplaus anerkannt wurde. Nach dem Vortrage von Ernst's Notturno,\nden wir unter seinen Leistungen an diesem Abende unbedingt oben-\nan stellen, spielte er noch des Publicums wegen die Tarantella von\nVieuxtemps, für uns persönlich ein widriges Stück, zumal in den\ndiesmaligen Umgebungen. Herr von Königslöw hatte sich aber nicht\ngeirrt: er wurde stürmisch applaudirt und gerufen\nWir können der Rheinischen Musikschule und dem Institut der\nGesellschafts-Concerte nur Glück wünschen, dass ein so bedeutender\nKünstler für Köln gewonnen ist."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-03-27-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-03-27_01#c007", "volume": "bmtnabi_1858-03-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "103", "page_fin": "104", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.2.7", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.1.7", "debut_caractere": 5009, "fin_caractere_exclue": 6270, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n]?[.-C»fta<ll>aclQ, 19. März. Das dritte Winter-Concert brachte\nuns die Schöpfung von Haydn. Es ist ein erfreuliches Zeichen\ndes Fortschrittes des guten Geschmacks und der Verbreitung der\nguten Musik überhaupt, wenn die hervorragendsten Werke auch in\nkleineren Städten aufgeführt werden. Die „S höpfung\" flocht wieder\nein neues, frisches Blatt in den Ehrenkranz, den sich der Verein\n„Cacilia\", ein kleine Schar muthiger Musikfreunde, bereits erworben\nhat. Die Soli waren vertreten durch Fräul. Thelen aus Düsseldorf\nund zwei ehren'werthe Dilettanten. Fräul. Thelen glänzte besonders\ndurch ihre schöne Coloratur und trug namentlich die beiden grossen\nArien mit vielem Geschmack und grosser Feinheit vor.\n** Gera. Das 22. Concert (am 27. Januar) des hiesigen mu-\nsicalischen Vereins unter Leitung des Capellmeisters Wil-\nhelm Tschirch brachte an Orchestersachen Beethoven's Eg-\nmont-Ouverture und Spohr's Sinfonie „Die Weihe der Töne\"; an\nVocalmusik Cherubini's Salve Regina für Frauenstimmen, Solo\nund Chor. „Theodosius herrschet fromm und gewaltig\" aus „den\nsieben Schläfern\" von Löwe, zwei Männer-Quartette von W.\nTschirch und Rob. Schumann und einige Solo-Vorträge, Aus-\nserdem auch Concert-Variationen für die Flöte von Haake,"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5779, "texte": "In dem 23. Concert (am 24. Februar) hatten wir Gelegenheit,\nunter Anderen auch den Kammer-Virtuosen Cossmann aus Wei-\nmar zu hören und dessen Meisterschaft im Cellospiel zu bewundern.\nDerselbe brachte vier verschiedene Piecen zum Vortrag und hatte\ndie Wahl derselben so getroffen, dass die Kunst seines Spiels nach\nallen Seiten hin zur Geltung gelangte. Die erste Abtheilung des\nConcert-Programms wurde durch die Jubel-Ouverture von C. M. v.\nWeber eröffnet und schloss mit den von unserem Capellmeister\nWilhelm Tschirch zu Ehren der Erbherrschaften eigens com-\nponirten „Festklängen\". Zum ersten Male wui\\ie uns diese Piece bei\ndem jüngst Statt gehabten Hof-Concerte, das seines vortrefflichen\nArrangements und seiner Durchführung wegen einen Glanzpunkt der\nganzen Festlichkeiten bildete, zu Gehör gebracht. Die zweite Ab-\ntheilung dieses Concertes füllte C. Löwe's liebliche Schöpfung „Die\nHochzeit der Thetis\". Die Musikfreunde Gera's fühlen sich dem mu-\nsicalischen Vereine sicherlich aufrichtig zu Dank verpflichtet, da in\nden letzten Jahren alle musicalischen Genüsse fast ausschliesslich\nnur von dieser Stelle ausgeboten wurden.\nVon Wilhelm Tschirch ist so eben eine neue grössere Com-\nposition, „Das Turnier\", eine dramatische Scene für Männerchor,\nSopran-Solo und Orchester im Clavier-Aussug erschienen, worauf\nich mir erlaube, aufmerksam zu machen.\n* Güttingen. Unser musicalisches Leben hat diesen Winter\nhier und da recht erfreuliche Blüthen getrieben. Herr Grimm gibt\nsich viele Mühe, dem Publicum wirkliche Kunstgenüsse zu verschaf-\nfen; es ist nur zu bedauern, dass dergleichen Bestrebungen hier im-\nmer mit Opfern verknüpft sind. Das Concert, das Herr Grimm vor\neiniger Zeit veranstaltete, war wohl eines der schönsten, die jemals\nhier gegeben worden sind. Joachim wirkte mit; von grösseren\nWerken hörten wir die C-dur-Messe von Beethoven, und dessen\nzweite Sinfonie noch besser. Herrn Grimm's Schüler sangen den Ca-\nnon aus Fidelio u. s. w. Die Kosten waren aber so beträchtlich,\ndass zur Deckung des entstandenen Deficits eine Soiree veranstal-\ntet wurde. Wir hörten ein Streich-Quartett und ein Trio, in welchen\nHerr Bach aus Bonn, Schüler Joachim's, mit grossem Beifall die\nerste Violine spielte. Fräul. Siebold trug die Kirchen-Arie von\nStradella recht verdienstlich vor, und zum Schluss wurde Men-\ndelssohn's Athalia, worin die Chöre vortrefflich waren, gesun-\ngen. Herr Musik-Director Hille hat drei akademische' Concerte\nfür Kammermusik veranstaltet, wovon das zweite, in welchem\nA, Dreyschock aus Gefälligkeit mitwirkte, am meisten ansprach.\nNichts Neues unter der Sonne. „Nichts ist für den musi-\ncalischen Geschmack, für musicalisches Urtheil so gefährlich, als\njahrelanges Hören von m i 11 e 1 m ä s s i g e n, ja, schlechten Auffüh-\nrungen und Mitwirken in denselben. Wer nicht durch eine vor-\nzugsweise feine musicalische Organisation geschützt wird, oder von\nZeit zu Zeit an Vollendetem den gesunden Sinn wieder zu beleben\nund zu erfrischen Gelegenheit findet, verliert zuletzt jeden\nMaassstab für bessere Leistungen.\"\nWie wahr ist das! Um einem Tonstücke gerecht zu werden,\nmüssen doch vor allen Dingen die vom Componisten vorgeschriebe-\nnen Instrumente nicht nur vorhanden sein, sondern auch in den\nHänden der Instrumentalisten ihre Schuldigkeit thun. Nicht aber in\nder Art, dass man, wie in einem bekannten Rheinstädtchen, z. B.\ndie Ouvertüre zum Freischütz statt mit vier Hörnern, mit zwei in-\nvaliden oder wohl gar ohne Hörner vom Orchester aufspielen lässt\nund dann doch noch vor Entzücken ausser sich ist über die\n„herrlichen\" Musik-Aufführungen des Musik-Vereins unter sei-\nnem „geniale n\" Dirigenten. Oder wenn zwei ohnmächtigen\nHörnern und zwei tonlosen Fagotten durch drei Ventil-Trompeten\n(an den Circus erinnernd) dermaassen der Garaus gemacht wird,\ndass man vor lauter Trompeten-Geträtsch sich gar nicht zu retten\nWeiss und ausser Stande ist, Musik zu hören. So rmusste kürz-\nlich irgendwo Beethoven's jß-dwr-Sinfonie (Nr. 4) herhalten. Die\nStimmung der Streich- und Blase-Instrumeöte war eine merk-\nlich verschiedene. Die Violinen waren gerade bei Stellen, wo\nes darauf ankam, unter sich nicht einig, die Hörner sogar bei dem\nnatürlichen Dreiklang unsicher; der Fagott blieb bei der bekannten\nSolostelle im Finale vollständig stecken, indem er nur die vier ersten\nSechszehntel herausbrachte. Fagotte und Hörner waren überhaupt\noft gar nicht zu hören, die drei Ventil-Trompeten dagegen wirklich\nnaseweis vorlaut. Das Scherzo war wegen gänzlich verfehlten, viel\nzu langsamen Tempi gar nicht wiederzuerkennen. Die graziöse Vio-\nlinfigur zwischen den Motiven der Blas-Instruinente klang entsetzlich\nschwerfällig u. s. w. Und doch gibt es Leute, die für derartige un-\nkünstlerische Leistungen in hohem Grade zu „schwärmen\" ver-\nmögen ! Warum? Weil sie jeden Maassstab für bessere\nLeistungen verloren haben. -j-J-j-\nD e u t i e Ii e T o n 1t a fi t e.\nDie auf unser Preis-Ausschreiben vom Februar v. J. bis zum\nAugust darauf eingekommenen fünfzig Clavier-Sonaten sind durch\ndie erwählten Herren Preisrichter, nämlich die Herren Hof-Capell-\nmeister V. Lachner hier und H. Proch in Wien, auch Herrn\nGeneral-Musik-Director Spo h r in Kassel beurtheilt, der Preis aber\nnicht zuerkannt worden.\nZwei dieser Werke erhielten je eine Stimme für den Preis: das\neine, dessen Verfasser nicht genannt sein will, das andere von Gust.\nRohr (pseudonym) in Wiesbaden; Belobung erhielten die Werke\nder Herren Ludw. Ganzin, Organist in Danzig, und V. E. Becker in\nWürzburg.\nDie Rückgabe der Preisbewerbungen wolle in den nächsten sechs\nMonaten an den Schriftführer der Tonhalle durch die Herren Ver-\nfasser verlangt wrerden, da sie auf mittelbar und späteres Begehren\nnicht abgefolgt werden (Vereins-Satzungen 14 i).\nMannheim, den 13. März 1858. Der Vorstand."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "97", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie heilige Tonkunst. 11. 111. Aus Regensburg (Musicalische Zustände und Aufführungen). Aus Paris (Erste Auffiih-\nrung der Oper La Magicienne von F. Halevy). Von B. P. Aus Mainz (Zweites Kunstvereins-Concert). Achtes Gesellschafts-Conccrt\nin Köln. Otto von Königslöw. Tages- und Un ter h al tun g sbl all (M.-Gladbach, Aufführung von Haydn's Schöpfung Gera, 22.\nund 23. Concert Göttingen, Musikleben Nichts Neues unter der Sonne Deutsche Tonhalle).\n\nDie heilige Tonkunst.\nII.\n(I. s. Nr. 11.)\nUm von den gewaltigen Geistesschritten der drei letz-\nten Jahrhunderte, die, wie in allen Künsten, so auch in\nunsere heilige Tonkunst eingeflossen und von ihr wiederum\nangewirkt sind, nur die oberflächlich hier erforderliche\nAnschauung zu geben, gedenken wir zuerst jenes Wende-\npunktes, der Alt und Neu scheidet und, von kleinen An-\nfängen beginnend, allmählich jene leidig dauernde Tren-\nnung der römisch-deutschen Volksgeister zuwege gebracht,\ndie der alten Glaubenseinheit bald gänzlich vergessen\nmachte. Denn das gewaltige Ringen der Geister zeigte\nsich, wenigstens im ausserkirchlichen Gebiete, Anfangs ein-\nträchtig, bald eifernd, endlich feindselig, wo dann Segen\nund Fluch, in dieser Zeitlichkeit unauflöslich in einander\nwirkend, Beides weit heller ans Licht trat, als während\nder einfältig herrlichen Kindheit der Kirche. Die romani-\nschen Völker, hinausgezogen, um das Reich dieser Welt\nzu erforschen, fanden die unermesslichen Schätze Indiens\nund erwarben der sichtbaren Kirche leiblichen Zierath,\nSchutz und Mauern, und bauten ihr Säulen von Gold und\nPfeiler von Granit. Da ging der Deutsche hin, klopfte an\ndie Pforten der unsichtbaren Kirche, suchte, was verach-\ntet war vor der Welt, und erkundete das Reich Gottes.\nDie erste Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts zeigt über-\nwiegend noch ein brüderliches Ringen, selbst im Streite\nnoch der väterlichen Heimat gedenk; in der anderen Hälfte\nsind Trident und Torgau (1564 —1580) Zeugen der tie-\nferen Entfremdung geworden, welche kaum noch in der\nAhnung der Gemeinschaft der Heiligen die ewige Einheit\nder Verheissung festhält.\nWie von solchen Weltbewegungen die schöne Kunst\nabbildliche Gestalten spiegelt, das ward vorzüglich an den\ninnerlich bewegtesten Völkern sichtlich. Anfänglich gingen\nItaliäner und Deutsche noch einträchtig zusammen; war\ndoch Palestrina des Hugenotten Goudimel Schüler, Eccard\n. des Katholiken Orlando; und so ist auch in der Sangweise\nPalestrina's und Walter's ein technischer Unterschied An-\nfangs kaum wahrnehmbar. Palestrina und Orlando\nLasso (1580) sind den Deutschen Walter und Senfft\n(1540) an schöpferischer Kraft überlegen, wogegen die\ntechnische Factur fast dieselbe ist; nur eine leise Andeu-\ntung der individuellen Melodie hebt die Deutschen, die\ndoch aus römischer Schule hervorgegangen sind, über ihre\nLehrer.\nDer Streit darüber, ob figuraler oder psalmodischer\nGesang der Kirche besser zieme, trat damals in Rom mit\ngrösserer Heftigkeit wieder hervor, weil die päpstlichen\nSänger in ein überkünstliches Zierwesen verfallen waren;\nPalestrina soll der Sage nach die canonische (contra-\npunktische) Kunst dem Heiligthume gerettet haben; diese\nKunst ist dem Zeitalter so geläufig, dass auch Dilettanteil\nwie Heinrich VIII. von England sie ausübten, und bleibt\ndie Quelle aller künstlerischen Lehre bis in Beethoven's\nJugend; der Mangel dieser Lehre bei den Allerneuesten\nhat sich furchtbar gerächt und wird sich weiter rächen.\nMozart äusserte, ohne Contrapunkt sei was Ordentliches\nüberhaupt nicht denkbar, und meinte, wer an Fugen kein\nGefallen finde, sei für die Musik nicht geboren. Was ist\nnun das Wesen dieser wundersamen Kunst, die in unse-\nren ragen fast verschollen, deren Aussterben aber den\nernstgesinnten Kunstfreunden ein Ende der wahren Kunst\nzu werden droht? Ihr Wesen ist die innige Verschlingung\nnicht einzelner Töne; sondern ganzer Tonsätze unter ein-\nander, wo jede Stimme die Haupt-Melodie selbstständig\nsingt und doch zugleich der anderen dient; dieses Dienen\nund Herrschen zugleich ist ein Gleichniss persönlicher,\nlebendiger Liebe, die gebend empfängt und empfangend\ngibt, ein Spiegelbild ewiger Liebe, wie es keine andere\nKunst in solcher Klarheit gibt. Der deutsch-römischen"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "98", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.1.2", "texte": "Schule der Niederländer also danken wir, dass die Ton-\nkunst zu ihrer Höhe gelangt ist*). Das ist die Kunst, die\nLiszt verachtet, weil er sie nicht begreift; ein „Elephan-\nten-Getrampel\" nennt seine blasphemische Bede den Bie-\nsen-Chorgesang des gewaltigen Händel! Ja wohl ist's ein\nGetrampel, das den kahlen, liebeleeren Verstand todt tritt,\nder da ein Bechen-Exempel wittert, wo die geheimniss-\nvolle Vereinigung des Gedankens mit der Schönheit offen-\nbar wird. Viele redliche Frager, die im Tonsatze die Idee\nvermissen, oder doch gern möchten nachgewiesen sehen,\nwo und wie in Tönen ein Gedankengehalt sich anschauen\nlasse, sind hieher zu verweisen; im Contrapunkt und\nin der Fuge ist es vorhanden: hörend wird es vernom-\nmen, danach erst kann es bewiesen werden. Freilich\nmuss, wer diese Gewalt noch nie empfunden, eine gesunde\nFuge eines Kernmeisters von mässig geschultem Singchor\nrichtig vortragen hören; unreiner Ton und wackeliger\nTact sind, wie überall abscheulich, so hier verderblich.\nZudem sind die kernmeisterlichen Fugen in den letzten\nZeiten sehr dünn gesäet, und schwerlich wird Jemand, der\nsonst fern steht, aus der weichmüthigen Graun'schen Fuge:\n-Christus hat uns ein Vorbild gelassen\", die freilich stark\nnach verständiger Berechnung und Bhetorik klingt, das\nUrbild dieser tiefsinnigen Kunstform entnehmen; dazu wäre\neher geeignet das „Hallelujah\" und „Amen\" im Messias,\nwas auch einfältige, unkünstlerische Seelen überwältigt—\nwohlgemerkt, wenn es richtig gesungen wird, ohne Zie-\nrath und Quängelei und ohne krankhafte Crescendi u. dgl.,\nnur in keuscher Achtung gegen des Meisters Wort, wie\nes geschrieben steht.\nSo einfältiger objectivcr Vortrag genügt auch voll-\nkommen, um die Meister des sechszehnten Jahrhunderts\nauszuführen und zu verstehen. Die wunderbare Kunstbe-\ngabung jener Zeit ist aber nicht begnügt gewesen in dem\neinzigen Werke, dem Heiligthume würdigen Schmuck zu\nverfassen in Tönen und Bildern: sie tritt hinaus aus dem\nTempel: es beginnt die weltliche Kunst, und zwar zu-\nerst auf römischem Gebiete.\nWie aber Geistlich und Weltlich nicht ursprünglich ge-\nschieden, sondern in versöhnlichem Gegenbilde neben ein-\nander wirkend erscheinen, gleichwie Geist und Natur, Mann\nund Weib nicht feindselige, sondern nach Gottes erster\nSchöpfung liebeverbundene Wesen sein sollten: das ist\nauch sichtbar in dem Verhältnisse der ältesten weltlichen\nLieder zu den geistlichen. Der heutige Sinn erkennt kaum\nden Unterschied zwischen Weltlich und Geistlich, wo alte\nolkslieder in alten Tonarten erklingen; diese Gemeinsam-\nkeit ist das Ursprüngliche, welches nach mancher Ver-\nschleierung endlich wieder hervortreten wird, wenn unsere\nKunst genesen soll.\nDas italiänische Madrigal (nach Winterfeld's Ga-\nbrieli 1,145: materialia, als Gegensatz der spiritualia,\necclesiastica) ist ein weltliches Lied in freierer Gesangs-\nform, dessen erste künstlerische Bearbeitung dem Adrian\nWillaert (1340) zugeschrieben wird. Bei übrigens ern-\nstem oder heiterem, auch neckischem, doch nicht gottlo-\nsem Inhalte war die Behandlung der herrschenden Schule\ngemäss, nur dass man die madrigalische Schreibart als\nden „freien Contrapunkt14 dem „strengen Contrapunkte\"\nder Kirche entgegen stellte. Auch die typische Cantilene,\ndie traditionelle Psalmodie ward hier verlassen, eine neu\nerfundene Melodie gewagt; übrigens war das Madrigal\nseiner Grundstimmung nach nicht gar fern von der kirch-\nlichen Weise. Doch hat das Madrigal in weniger als einem\nMenschenalter zu sonderlichen Gestalten geführt und dann\nauf die kirchliche Tonkunst eingewirkt, auch diese der an-\n/\ntiken Haltung zu entledigen.\nDamals begannen die Evangelischen, die mütterliche\nSchule verlassend, ihren eigenen Weg zu suchen, um das,\nwas ihre schönste, eigenste Gabe war, Volksgesang und\nBibelwort, auch in heiliger Kunst durchzuführen. Das\nVolkslied ist von Alters her dem deutschen Volke so\nsonderlieh eigen, wie keinem anderen Volke; die Liedform\nnämlich und die volksthümliche, volkbeliebte Weise dazu\nsind so eigentümlich verbunden, dass noch heute die Fran-\nzosen und die Engländer es auf ihren Programmen beti-\nteln Le Lied, Tlie Lied, weil weder Chanson, noch Poesie,\nnoch irgend ein anderes Wrort entspricht. Das deutsche\nLied—leider müssen wir dieser stumm lesenden und schrei-\nbenden Zeit selbst bei Deutschen es schon als ein Erb-\nstück der Erinnerung erläutern—, das Lied ist so gestal-\ntet, dass es in einem Strophenbau, der tonisch und poetisch\nin einander gewebt ist, einen einfachen Grundgedanken\nanschaulich gliedert und abschliesst. Dieser Strophenbau\n:st typisch in seiner Gliederung, frei in seiner Ausgestal-\ntung, sparsam in Bewegung, reich an bildhafter Sinnlich-\nkeit. Jede Strophe (deutsch: Gesätz) ist ein Ganzes durch\ndie geschlossene Form von Aufgesang und Abgesang.\nJener, der Aufgesang, ist der aufwärts schwingende\nGrundsatz, logisch in Frage oder Behauptung, tonisch\nim Aufwärtssingen, z. B. von der Tonica zur Dominante\ndargestellt. Der Abgesang steht zum Aufgesang als Ge-\n\n*) Unbekannten zur Erläuterung diene: Contrapunkt heisst\nbald die Lehre vom canonischen Tonsatze, bald ein solcher Ton-\nsatz selbst oder dessen Haupt-Thema. Canon heisst ein streng\ndurchgeführtes Thema, welches in allen Stimmen nur das Thema\n\\\nlind weiter nichts hören lässt. Fuge (besser von Fügen als\nvon Fuga hergeleitet) heisst ein canonischer Satz, der ausser\ndem Thema ein Gegen-Tliema enthält, und ausserdem durch\nZwischenharmonie, Orgelpunkt und Schlussformel freiere Ge-\nstaltung anstrebt."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.1.3", "texte": "gensatz, logisch in Antwort, Erfüllung oder Beweis, to-\nnisch in der Wiederkehr zum Grundtone sich bezeugend.\nDiese typische Grundform ist tonisch vorhanden bei den\nMelodieen: „Es ist gewisslich an der Zeit\", „Ich ruf' zu\nDir, Herr Jesu Christ\", „Jerusalem, du hochgebaute Stadt\",\n„Mach's mit mir, Gott, nach Deiner Gut'\", „Nun singet\nund seid froh\"; aber es finden sich wohl eben so viel\nabweichende als jener Regel folgende Beispiele.\nSei aber jenes Theorem auch unhaltbar, die That-\nsache steht fest, dass eine solche Liederfreude wie damals\nunter den Deutschen, und solche eigenthümliche Gestalt\ndes Liedes ausser unserem Volke nirgends erlebt ist. Selbst\ndas sangreiche Italien hat zwar in Arie und Recitativ uns\nüberflügelt, aber das eigentliche Lied ist hier selten; das\nwird bezeugt durch den auch von Römern anerkannten\nMangel, durch die noch heute z. B. bei den venetianischen\nGondelierenherkömmlicherecitativische, nicht liedhafte\nGestalt ihrer melancholisch rhetorischen Wellenlieder (denn\nMendelssohn's so genanntes venetianisches Gondellied\nist eine deutsche Gelehrten-Phantasie), und durch die of-\nfenkundige Entlehnung deutscher Psalmweisen bei den\nprotestantischen Lombarden, die bis 1620 ihren Volks-\nKirchengesang hegten, bis römische Inquisitoren ihn mit\nStumpf und Stiel ausrotteten. Auch ist der Volks-Kirchen-\ngesang überhaupt so sehr deutsch-evangelisches Eigen-\nthum, dass schon Bellarminus klagt, wie die hübschen\nLieder mehr Seelen in die Ketzerei entführt hätten, als\nder Erzketzer selbst, desshalb „müsse man es ihnen\nnach thun\"!—Aber bis heute singen die Katholiken kei-\nnen Gemeindegesang, ausser wo sie zwischen Protestanten\nzerstreut wohnen; der um die Ehre dieses Gesanges\neifernde Jesuit Bollens (Der deutsche Choralgesang der\nkatholischen Kirche, Tübingen, 1851, vgl.N.M.Zeitschr.,\n1851, Bd. 35, Nr. 9, S. 88) wird schwerlich nachwei-\nsen, dass in den Ländern rein römischen Bekenntnisses,\nin Italien, Spanien, Portugal, irgend eine Gemeinde Kir-\nchengesang übt.\nIII.\nDie alten Lieder bis zum dreissigjährigen Kriege sind\ndurchweg kurz, reich und kernig; wenn auch zuweilen in\nharter, ungelenker Sprache, geben sie doch den Wort-\ninhalt derb und fasslich und behaltlich, nicht in meilenlan-\nger Rhetorik, wie manche spätere Lieder, die das Klare\nso lange erklären, bis es unklar geworden (Rist, Freiling-\nhausen, Knapp). Die Liedweisen jener ersten Zeit sind\nso gestaltet, dass sie den Wortinhalt verklären, nicht bloss\nrecitativisch abzeichnen; ihre besondere Schönheit ist, dass\nsie jede in sich ein rundes Ganzes bilden von Anfang, Mit-\ntel und Ende, und dass dieses Ganze auch eine gewisse\nLeibesgrösse hat [luytd-og ri tyovoa, wie Aristoteles\nfordert von einem guten Staate und einem guten Gedichte).\nSelbst diese Leibesgrösse zeichnet die deutsche Art vor al-\nlen aus; unsere liebsten Weisen sind durchgängig die min-\ndestens den Umfang einer Octave haltenden („Ein' feste\nBurg\", „Wie schön leucht' uns\", „ Befiehl du deine Wege\",\n„Vom Himmel hoch\"); auch Nonen-Umfang kommt vor\n(„Gelobet sei'st Du\", „Erschienen ist der herrlich Tag\",\n„Christ ist erstanden\", „Komm, heil'ger Geist\", „An\nWasserflüssen Babylon\") und Decimen-Umfang („Wa-\nchet auf, ruft uns die Stimme\", „Christus, der uns selig\nmacht\"); selten ist der bei den Romanen und Wälschen\nbeliebte enge Umfang z. B. der Sexte („Lobt Gott, ihr\nChristen\", „Nun lasst uns Gott dem Herrn), der Quinte\n(„Wenn wir in höchsten Nöthen sein\"), und die meisten\ndieser Art, welche bei uns im Schwange, sind ausländi-\nsche; sie tragen den natürlichen Mangel in sich, dass sie\ndie Beziehungen des Grundtones und der Dominante, so\nauch des Auf- und Abgesanges, minder deutlich anzeigen\nund daher der melodische Schwung geringer ist. Das ein-\nzige Beispiel einer original-deutschen Melodie von dem en-\ngen Umfange einer Quarte ist wohl das Selnecker'sche\nLied: „Nun lasst uns Gott dem Herrn\" u. s. w., welches\nsehr trübsinnig und engherzig klingt und im Gemeinde-\ngesange wenig beliebt ist. Die meisten beliebten sind eben\ndie aufgeschwungenen grossleibigen Melodieen, deren Art\nes ist, leicht ins Gedächtniss zu gehen, so dass sie stehende\nDenkmäler bleiben gleich plastischen Monumenten.\nMonumental! das ist das Stichwort, woran sich die\nZukunfts-Musicanten verrannt und verbissen haben: die\nTonkunst, sagen sie, habe es nicht mit starren Steinbil-\ndern zu thun, sie sei die fliehend verrauschende Anschau-\nung der Seele.—Sonst hat oft ein fühlend Herz bedauert,\ndass der Töne Lust und Leben so kurz—und nun wollen\nuns die allerneuesten Hirngespinstlinge darthun, das ge-\nschehe ihnen schon ganz recht, das sei ihre Art so—reisst\ndie Kreuze aus der Erde, mithin auch die Monumente!\nNein, ihr Armen, die ihr die Melodie hasset, weil ihr sie\nnicht schaffen könnt: es wird doch trotz aller Theoreme\nso bleiben, dass, was die Liebe zeugt, für die Ewigkeit\ngeboren wird, daher die Tonbilder und Weisen, welche\nin leibhaftiger Liebesschönheit wirken, festhaften müssen\nwie ein stetiger Strom lebendigen Wassers, ja, zuweilen\nwie ein verfolgendes Gewissen. Einfältiger als eure Tages-\nweisheit spricht die Grundweisheit unserer altdeutschen\nSprache, welche in dem einzigen W orte „Minne\" Beides\numfasste: Liebe und Erinnerung. (Vgl. uvrjfirj.\nfivrjOTijQ.\")\nDas deutsche Volkslied in der Kirche ist nun der Aus-\ngang einer neuen heiligen Kunst geworden, welche eigene"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.1.4", "texte": "Blüthen und Früchte getragen, als die Fruchtbarkeit der\nMutter zur Neige ging. Denn die alte Kirche hat die hei-\nlige Tonkunst begründet, aber nicht auf den Höhepunkt\ngeführt. Nach Palestrina und Gabrieli ist kein Höherer\nin ihr erstanden, und alle späteren katholischen Tonsetzer\nhaben einen weltlichen Zug, den aufmerksame und auf-\nrichtige Katholiken nicht mehr läugnen, seit in Rom selbst\ndie Bach'schen und Händel'schen Töne tiefere Wirkung\ngethan, als die Palestrina'schen.—Die nächste Geschichts-\nEntwicklung ging dahin, dass Italien den weltlichen Re-\ngungen des Madrigals, der Oper und der freien Instrumen-\ntalität sich hingab, während die deutschen Tonsetzer sich\nder Ausbildung des Kirchengesanges beflissen, in dessen\nGefolge sich das Motett, Oratorium und Orgelspiel weit\nfrühere und völligere Geltung gewannen, als die weltliche\nMusik.\nLucas Osiander (1570) that den wichtigen Schritt,\nin mehrstimmigem Gesänge die Haupt-Melodie der Ober-\nstimme (Soprano, Discantus) zu übertragen, während sie\nbisher meist einer Mittelstimme zufiel, einer scharf durch-\ndringenden männlichen, deren Cantus firmus die anderen\nStimmen figurirten, d. h. nachahmend umsangen. Mit der\nSopran-Melodie sollte dem volksthümlichen Verständnisse\ngeholfen, dem Volke selbst das Mittel gegeben werden,\nsich den geschulten Chorsängern anzuschliessen. Diese\nArt ist fortgebildet durch M. Prätorius (1600), Vul-\npius und ihre Zeitgenossen, und hat sich als Kunstregel\nseitdem behauptet. Doch war diese Herrschaft der me-\nlodischen Oberstimme noch keine so unbedingte, wie in\nden Zeiten der Verflachung, wo die Unterstimmen in knech-\ntische Dienstbarkeit fielen, um dem Glänze der Oberstimme\nals Folie, als harmonisches Piedestal zu dienen, vielmehr\ngebührte jeder Stimme ihr wohltönender Gang, und ihre\nGestaltung unterlag nach wie vor dem canonischen Contra-\npunkt; nur dass die Einheit deutlicher hervortrat und\nder centrale Kern, das Monumentale, in vollerem Lichte\nerstrahlte neben und über der mannigfaltigen Bewegung;\ndas war der Fortschritt der evangelischen Singweise.\nIn Johannes Eccard (-j* 1611) ist ein Höhepunkt\nerschienen, der alle Schönheit und Heiligkeit der neuen\nKirche als einer triumphirenden darstellt. Auf dem Grunde\naltkirchlichen Gesanges ruhend, die neue Osiander'sche\nWeise fortbildend, fand er wiederum neue Bahnen, in de-\nnen er einzig und beispiellos wandelte, gleichwie Seb. Bach\nin den seinen. Die Figuration des ist bei ihm\nin einer Art gehandhabt, welche die volksthümliche und\ndie künstlerische Weise verschmilzt, einfältig und tiefsinnig,\nverständig und mystisch, manchmal Vorklänge einer viel\nspäteren Zeit ahnend, oft die älteste Ueberlieferung zu ge-\ngenwärtiger Jugendschönheit umgestaltend, indem die Am-\nbrosische und Gregorische Sangweise, ihrer Einseitigkeit\nentrissen, zu höherem Gesammtbilde verklärt wird. Es\nfehlt an Worten, solche Schönheit zu beschreiben, wo nicht\ntönende Beispiele zur Seite stehen; als herrlichste Gabe\naber werden wir, je mehr wir seine Lieder vernehmen,\ndie innigste Verbindung von Heiligkeit und Technik, Glau-\nben und Kunst erkennen, welche hier ein Urbild wahrhaf-\ntig heiliger Kunst vor Augen stellt. Es ist das Verdienst\ndes seligen Winterfeld, diesen begabtesten der evange-\nlischen Tonsetzer aus der unbegreillichen Vergessenheit\nzweier Jahrhunderte ans Licht gebracht zu haben.\nBald nach Eccard's Tode begannen die düsteren, ver-\nzehrenden Kriege, die in Deutschland Volksthum und Kir-\nche erschütterten, während Frankreich hohen irdischen\nGlanz erwarb, Italien in allerlei Kunst vergnüglich lebte.\nDamals erblühte in Italien nächst dem kunstreichen Orgel-\nspiel Frescobaldi's (1630) die freie Instrumentaiität\nder Sinfonieen, Canzonen und Sonaten*). Von hier aus\nergehen nun in den nächsten Jahrzehenden bedeutende\nEinflüsse auf die deutschen Tonmeister, deren Hauptergeb-\nniss war, dass die Herrschaft der Kirchentöne zu\nwanken begann, dagegen die chromatische Satzweise\ngangbar ward und unsere modernen Tonarten,\nund Dur, nebst dem freien, d. h. unvorbereiteten, Eintritt\nund häufigen Gebrauche der Dissonanzen sich geltend\nmachten.—Nicht überall ist jener Einfluss leibhaftig nach-\nzuweisen; denn ausser den wirklichen Schülern der neu-\nitaliänischen Schule H. Schütz, M. Prätorius, Ham-\nmerschmidt u. A. gaben auch Stobäus und Crüger\n(1640), die von jenen Einflüssen äusserlich frei blieben,\nZeugniss von dem Fortschritte derZeit, wo das welt-\nliche Regiment anfing, neben dem geistlichen sich in\ngrösserer Selbstständigkeit geltend zu machen, und das\nKunstwesen überhaupt an Breite und Glanz zunahm, im-\nmer jedoch mit der Gesinnung, dass das Weltliche dem\nGeistlichen untergeordnet, nur als ein Glied sich gleich-\nsam zeitweilig von ihm ablöse, nicht aber eine eigene Welt\nfür sich bedeute. Dafür zeugt die auch im Staatsleben\nüberwiegende eifernde Spannung der Religions-Parteien,\nferner die ernste Färbung des häuslichen und geselligen\nLebens und in der Kunst das offenkundige Uebergewicht\nder entweder kirchlichen oder doch erhabenen geistlich\nanklingenden Weise der Kunstwerke.\n\n*) Sinfonia heisst im Sprachgebrauche jener Zeit ein freier\n(doch meist contrapunktirter) Tonsatz für mehrere Instrumente\nohne Gesang; Canzone ein sangähnlicher, liedförmiger\nSatz, gewöhnlich der Orgel oder dem Ciavier bestimmt;* So-\nnate die noch freiere, nicht liedförmige Phantasie ohne\nWorte, oft auch ohne Contrapunkt, gleichsam die reine Tö-\nnung, Tonfreude (sonare)."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.1.5", "texte": "Die heilige Tonkunst empfand diese Wirkungen, in-\ndem die römische und die deutsche Weise von nun an im-\nmer entschiedener aus einander traten, jene zur Verwelt-\nlichung, diese zur pietistischen Vertiefung hingewandt.\nNach Gabrieli (1600) ist auf römischer Seite keine Stei-\ngerung des geistlichen Elements wahrnehmbar, sondern\nein deutlicher Fortschritt zur sinnlichen Lieblichkeit und\nmalerischen Beweglichkeit. Monteverde begann (1620)\ndie dramatische Musik, die Oper; Viadana führte in seine\nKirchen-Concerte viel glänzenden Schimmer von mancher-\nlei Tonzeugen. Das Programm einer Oper aus jener Zeit\nweis't schon 23 verschiedene Instrumente auf, nämlich:\nGeigen-Quartett (vierfach besetzt), 2 Claviere, 2 Orgeln,\n3 harfenartige Guitarren, endlich 7 Posaunen, 4 Trompe-\nten, 1 Flageoletflöte zusammengenommen ein Heiden-\nlärm, als wäre der Componist bei einem Zukunfts-Musi-\ncanten des geistreichsten aller Jahrhunderte in die Schule\ngegangen. Die kirchliche Art der italiänischen Tonsetzer\nneigte zusehends mehr zum Rührendbewegten, dessen lieb-\nlicher Schein bald den Ernst der alten Psalmodie durch-\nbrach, während der plastische Kern der objectiven Psal-\nmodie verwitterte. Beispiele (ich nenne nur, die ich kenne)\ndieses mehr sentimentalen als kirchlichen Tones sind zahl-\nreich bei Durante, Astorga, Caldara, Marcello\n(1650 1720).\nWährend dieser Zeit ist die deutsche Kirchenmusik,\nobwohl ähnlichen Einflüssen unterworfen, dennoch ihre\neigenen Wege gegangen, zuerst unscheinbar, langsamer\nals ihre Lehrer, um später eine neue Blüthe zu tragen,\nderen Früchte wir heute noch gemessen. Unverwüstlich\nerwies sich das volkskirchliche Lied im Gemeindegesange.\nBis zum Ende des siebenzehnten Jahrhunderts ist es in der\nursprünglichen, d. h. rhythmischen, Weise gesungen wor-\nden. Ueber diesen Gegenstand ist letzthin viel geredet und\ngestritten; abwehrend verhielten sich sowohl gegen die\nThatsache als gegen ihre erneute Ausübung besonders die\nOrganisten und Kunstkenner (Töpfer, Ritter, Schnei-\nder, Klitzsch); die historische Forschung hat dargethan,\ndass wirklich rhythmischer Choralgesang allgemein\nbestanden hat bis zu Anfang des vorigen Jahrhunderts.\nFür die Wirklichkeit dieser Thatsache zeugt\n1) die alte Notenschrift, die eben so gewiss ein Ab-\nbild der damaligen Ausübung war, wie die heutige\nder heutigen;\n2) das ausdrückliche Zeugniss Lucas Osiander's in sei-\nnem Buche: „Fünffzig Geistliche Lieder und Psalmen. Mit\nvier Stimmen auff Contrapunctsweise (für die Schulen und\nKirchen im löblichen Fürstenthumb Würtenberg) also ge-\nsetzt, das eine gantze Christliche Gemein durchauss mit\nsingen kan\" (Nürmberg, MDLXXXVI.),—in dessen Vor-\nrede es am Schlüsse heisst: „dass die ganze Christliche\nGemein mit singe .... mit den Chorknaben anfahe zu\nsingen und es hernach durchauss mit jenen continuire. Es\nsollen auch die andern Stimmen, sonderlich der Alt und\nTenor, nicht allzu laut gesungen werden: damit vor allen\nandern Stimmen der Choral weit den Vorzug habe . . . .\nund wirdt ein notturfft sein, dass die Mensur im Takt nach\nder gantzen Gemein gerichtet werde, und also die Schu-\nlen sich nach der Gemein aller dings richten, und in kei-\nner Noten schneller oder langsammer singen, dann eine\nchristl. Gemein selbigen orts zusingen pfleget: damit der\nChoral und figurata- musi fein bei einander\nbleibe und alles einen lieblichen gebe*).\"\n\nAus Regensburg.\nDen 18. März 1858.\nDass in unserer alten Ratisbona die Musica sehr lieb\nund hoch gehalten wird, darf ich als bekannt voraussetzen.\nUnsere Musik-Vereine führen uns die grossartigen Sinfo-\nnieen u. s. w. der drei Kunst-Heroen Haydn, Mozart und\nBeethoven vor; die einzelnen Künstler, wie Friedr. Zinkl,\nDickl, Wisbeck (leider vor Kurzem gestorben), geben uns\nin ihren Concerten die Leistungen der Musiker der Neu-\nzeit zu hören; das Theater gibt neben den Opern und\nOperetten der Neueren die classischen Schöpfungen eines\nMozart (Zau.herflöte, Figaro), Weber (Freischütz), Auber\n(Stumme von Portici); der Liederkranz singt die Männer-\nchöre der alten und jüngeren Tondichter; Chorregent Joh.\nGeorg Mettenleiter bringt alljährlich ein oder zwei gross-\nartige Oratorien zur Aufführung, wie Messias, Judas, Schö-\npfung, Jahreszeiten, Davidde penitentWeltgericht, Pau-\nlus, Elias u. s. w. Doch der Glanzpunkt der musicalischen\nZustände all hier gipfelt in der Kirchenmusik, wie das\nwohl allerwärts, wohin die Kunde von den meisterhaften\nLeistungen des Stiftschors zur alten Capelle gedrungen ist,\nzugegeben wird. Zum Belege registrire ich die Werke,\nwelche während der Cunegundis-Feier (am 3. März) zur\nAufführung kamen; Psalmen, vier- und achtstimmige,\nvon Pictori, Zacharias, Crivelli, Yittoria, Cifera, Agazzari;\nMagnificat von Marencio undMorales; Motetten:\nsponsa von Palestrina, Andreas Gabrieli, Victoria; zwei Mes-\nsen von Cacciolini und a 6 voc. von Orlando di Lasso;\nAve Regina von Soriano und endlich Antiphonen, Hymnen\n\n*) Auch das isländische „Graduale, almeneleg Messusaungs\nBook\", im J. 1755 in 16. Auflage erschienen, zeigt unverändert\ndie alten rhythmischen Choralweisen. (Winterfeld in seiner letz-\nten Schrift: „Zur Geschichte heiliger Tonkunst\", J852, Bd. 2.,\nS. 9!, scheint ausser der ältesten Ausgabe von 1594 nur\nnoch die sechste zu kennen, von 1691.)"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.1.6", "texte": "u. s. w. in cantu firmo, nach dem Encldridion chorale des\noben genannten Chorregenten mit Orgelbegleitung. Ueber-\nhaupt genüge es, um von der Höhe, auf der die Kirchen-\nmusik in der erwähnten Kirche steht, sich eine Vorstellung\nzu machen, zu wissen, dass in dem Kataloge, der über die\ndortigen Aufführungen seit fünfzehn Jahren geführt wird,\nnicht ein einziger Name von Bedeutung fehlt, von Dil Fay\nangefangen bis hinauf zu Scarlatti, Marcello, Pergolese\nu. s. w.\nSeitdem hat der hiesige Liederkranz eine sehr be-\nsuchte musicalische Soiree gegeben, in welcher unter an-\nderen ernsten und heiteren Stücken drei grössere Num-\nmern aus der Oper „Die Felsenmühle\" von Reissiger vor-\ngeführt wurden. Das Publicum wusste den Bemühungen\ndes Vorstandes und des Dirigenten, Grosshändler Lang\nund Herrn Rehbach, Dank, denn es bezeigte laut seinen\nBeifall. Auch der Musik-Verein veranstaltete eine Un-\nterhaltung; ich kann aber leider davon nichts melden, da\nich keine Kenntniss davon hatte. Ich bedaure dieses um\nso lebhafter, als die musicalischen Productionen dieses Ver-\neins in letzter Zeit die freundlichste Aufnahme fanden, wie\ndie Production für die Verunglückten in Mainz gezeigt\nhat. Den Gesang-Verein von Stadtamhof hatte ich im\nkatholischen Gesellen-Verein zu hören die Freude; ich\nsage: die Freude, nicht so sehr wegen des vollendeten Vor-\ntrags der gesungenen Stücke, sondern mehr, weil dieser\nBund sich aus Bürgern und Handwerkern gliedert; wahr-\nlich, diese geben sich selbst ein schönes Zeugniss! Im\nTheater hörten wir unter Anderem Fidelio, und man muss\nsagen, er wurde in einer Weise gegeben, die von den Lei-\nstungen der Mitglieder einer Provincialbühne den vor-\ntheilhaftesten Begriff zu geben geeignet ist. Zu wünschen\nwäre nur, dass der Director die Kräfte der Oper mehr\nschonen könnte.\nIn den beiden Kirchen, Dom und alte Capelle, können\ndie Fastenzeit hindurch die Freunde echt classischer Kir-\nchenmusik solche in schönster Auswahl und möglichster\nVollendung hören; wollten nur die Gegner der mittelalter-\nlichen Kirchenmusik und des die hier\nso reichlich gebotene Gelegenheit benutzen, gewiss, ihre\nVorurtheile würden sich mit jedem neuen Meisterwerke\nvermindern. Weil ich gerade auf diesen Gegenstand ge-\nkommen bin, so will ich nicht versäumen, die Nachricht\nzu geben, dass in den nächsten Tagen von der\nvina des Can. Dr. Proske ein neuer B-and (der Vesper-\nBand), und von der Orgelbegleitung zu dem\nchorale des Joh. Georg Mettenleiter ein neues Heft\n(bis über die Frohnleichnams-Octave reichend) ausgegeben\nwerden wird. Die Kenntniss dieser beiden Werke setze ich\nbei den Lesern voraus; hat ja die Niederrheinische Musik-\nZeitung erst in einer ihrer letzten Nummern das höchst\ngünstige Urtheil Dr. Proske's über den Chorregenten Joh.\nGeorg Mettenleiter abgedruckt; hat ja das Organ für\nchristliche Kunst, das in dem nämlichen Verlage erscheint,\nim Vorjahre ausführlich und namentlich das darüber be-\nrichtet, dass die zweite General-Versammlung der christ-\nlichen Kunst-Vereine beide Werke nach geschehener Prü-\nfung empfohlen habe. Desswegen unterlasse ich es auch,\ntiefer in deren Inhalt einzudringen und Weiteres über\nihren Werth und ihre Bedeutsamkeit zu sagen, zumal\nKöln, wie in gar vielen anderen Dingen, auch auf dem\nFelde der Musik leuchtet. Schliesslich habe ich eine starke\nVersuchung zu bekennen und zu bekämpfen. Ich will auf-\nrichtig die Anfechtung sagen; es wurde eine Broschüre ge-\ndruckt, in welcher der gregorianische Gesang und eine\ngawisse Bearbeitung desselben mit Satire und Spott be-\nhandelt wird. Die Verfasser dieses Pamphlets, das sie als\nharmlosen Scherz ausgeben wollten, zu nennen und gegen\nihre Handlungsweise das öffentliche Urtheil aufzurufen, das\nganze Getriebe der Intrigue aufzuhellen, das ist die Ver-\nsuchung. Doch ich will anders handeln als jene, und ihnen\nbeweisen, dass „Schweigen\" zu rechter Zeit eine grosse\nTugend ist.\n\nAus Paris.\nB. P.\nDen 18. März 1858.\nIn Form einer telegraphischen Depesche melde ich\nvorläufig, dass nach acht Monaten von Einstudiren, Pro-\nbiren, Decoriren, Maschiniren, Costumiren u. s. w. gestern\nam 17. März die neue Oper in fünf Acten: La Magi-\ncienne, Text von Herrn de St. Georges, Musik von\nHerrn F. Halevy, im kaiserlichen Operntheater zum er-\nsten Male aufgeführt worden ist. Der Erfolg war der ge-\nwöhnliche bei ersten Vorstellungen eines Werkes jeder be-\nrühmten musicalischen Autorität in Paris, auch durch die\ngewöhnlichen Mittel herbeigeführt. Anders steht es mit\ndem Urtheile der Unbefangenen und Unbetheiligten. Nach\ndiesem hat das Werk den erregten Erwartungen nicht ent-\nsprochen. Der Text hält keine Kritik aus; die Zauberin\nist keine andere, als die schöne Melusine jenes poeti-\nschen Märchens, die hier aber in eine Hexe verwandelt\nist, welche ihre Seele dem Teufel verschrieben hat, zwei\nLiebende trennt, die Unschuld zur Schuld treibt und am\nEnde als „fromme Christin\" stirbt und dadurch dem\nChevalier Stello deNici, alias Samiel, Bertram u. s. w., die\nRechnung verdirbt! Nächstens mehr!"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.1.7", "texte": "Aus Mainz.\nDen 8. März 1858.\nAm 5. d Mts. fand unter der Leitung des Herrn Capellmeisters\nFr. Lux das zweite der diesjährigen Kunstvereins-Concerte Statt,\nwelches eigentlich das dritte hätte sein sollen, wenn die traurige\nKatastrophe vom 18. November das Concert fiir den Monat Decem-\nber nicht unmöglich gemacht hätte. Zur Aufführung kam: Mozart's\nherrliche C-f/wr-Sinfonie mit der Fuge, die, mit Präcision executirt,\nauch dieses Mal wieder ihre grossartige Wirkung hervorbrachte; fer-\nner Recitativ und Arie: „Nur zu flüchtig\", aus Figaro's Hochzeit,\nvorgetragen von einer ausgezeichneten hiesigen Dilettantin, und\nzum Schlüsse der ersten Abtheilung ein Concert für die Flöte von\nHeinemeyer, vorgetragen von Herrn Schulz, welcher, als Mitglied der\nherzoglichen Hofcapelle zu Wiesbaden hier schon oft gehört, dennoch\ndurch seinen herrlichen Ton und seine bewundernswerthe Technik\ndas Publicum zu entzücken wusste.\nDie zweite Abtheilung brachte uns eine Novität, nämlich den\nganzen dritten Act der Oper „Rosamunde\" unseres durch seine frü-\nhere Oper „Käthchen von Heilbronn\" und durch seine Arbeiten auf\ndem Gebiete der Orgel-Composition u. s. w. als talentvoller Compo-\nnist und würdiger Schüler des Altmeisters Fr. Schneider bekannten\nFriedrich Lux.\nDer betreffende Act spielt im englischen Lager zwischen König\nHeinrich 11, Bariton, und Richard (Löwenherz), Tenor (gesungen\nvon Herrn Boschi und Herrn Zellmann vom hiesigen Stadttheater),\nund bietet in den kräftigen Recitativen, einem schwungvollen Duett\nund den vom mainzer Männergesang-Verein gesungenen Krieger-\nchören (Krieger-Gebet, in vierstimmigem Satze a capella mit zwi-\nschengeschobener Blech-Harmonie, Waffentanz und Schlachtgesang\nvon sehr gediegener Arbeit) des Interessanten so viel, dass durch\ndie von Sängern und Orchester mit Lust und Liebe vorbereitete\nAufführung, auch ohne die dazu gehörige Handlung, die Aufmerk-\nsamkeit des Zuhörers in hohem Grade gefesselt und das Ganze mit\nallgemeinem Beifall aufgenommen wurde.\n\nAchtes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Hauptsaale des Gürzenich.\nDinstag, den 23. März 1858.\nProgramm: 1. 1) Spontini, Ouvertüre zu Olympia; 2) B.\nKlein, Alt-Arie aus dem Oratorium „David\" (vorgetragen von einer\nDilettantin); 3) L. Spohr, VII. Concert für die Violine in E-moll,\ngespielt von Herrn Otto von Königslöw; 4) F. Hiller, „O,\nweint um sie\" von Byron, für Alt-Solo, Chor und Orchester. —II.\n5) L. van Beethoven, Pastoral-Sinfonie; 6) Notturno für die Vio-\nline von Ernst; Tarantella für die Violine von Vieuxtemps\n(Herr O. von Königslöw); 7) C. M. von Weber, Ouvertüre zum\nFreischütz.\nEine Sinfonie mag man im Programm ans Ende oder an den An-\nfang des 'Concertes stellen — für Beides gibt es Gründe: die Mitte\ndes Concertes ist aber der ungeeignetste Platz für sie, zumal wenn\nauf ein Werk des grössten Sinfonie-Componisten eine Tarantella mit\nNachahmung des Leierkastens oder des Dudelsacks folgt! Von\nden vorgeführten Orchesterwerken gingen die Ouvertüren am besten,\nnur dass der Einsatz der Hörner in der Introduction der Freischütz-\nOuverture im Nacheinander des Accords einen sehr komischen\nEffect machte. Von einer feinen Ausführung im Orchester konnte\nüberhaupt nicht die Rede sein, da z. B. in der Pastoral-Sinfonie von\nden Bläsern selbst die Elementarregeln des Vortrags synkopirter No-\nten auf die auffallendste Weise vernachlässigt wurden. Es ist sehr\nschlimm, wenn ein Orchester den Winter hindurch nur in acht Con-\ncerten wirklich spielt, in fünfzig bis sechszig Opern im Theater\naber Alles übers Knie bricht. Ueber den Vortrag der Pastoral-Sin-\nfonie wollen wir hier nicht ins Einzelne gehen; wir werden in einer\nder nächsten Nummern einen besonderen Artikel als Fortsetzung un-\nserer früheren Aufsätze über die Beethoven'schen Sinfonieen geben\n(vgl. Nr. 43 vom 24. October 1857).\nHillens Gesangstück: „O, weint um sie\", das uns schon öfter\ndurch den schönen und einheitlichen Ausdruck der elegischen Stim-\nmung innig angesprochen hat, verfehlte auch dieses Mal bei recht\nguter Ausführung seine Wirkung nicht.\nHerr Otto von Königslöw erweckte durch die Wahl des\nConcertes in E-moll von L. Spohr schon ein sehr günstiges Vorur-\ntheil für sich in Bezug auf künstlerische Richtung und Geschmack.\nEr rechtfertigte dasselbe und den guten Klang, den sein Name schon\nseit mehreren Jahren unter den Violinisten hat, durch ein reines,\ntechnisch sehr fertiges und geschmackvolles Spiel, welches überhaupt\nund besonders nach dem Adagio und Finale auch durch lebhaften\nApplaus anerkannt wurde. Nach dem Vortrage von Ernst's Notturno,\nden wir unter seinen Leistungen an diesem Abende unbedingt oben-\nan stellen, spielte er noch des Publicums wegen die Tarantella von\nVieuxtemps, für uns persönlich ein widriges Stück, zumal in den\ndiesmaligen Umgebungen. Herr von Königslöw hatte sich aber nicht\ngeirrt: er wurde stürmisch applaudirt und gerufen\nWir können der Rheinischen Musikschule und dem Institut der\nGesellschafts-Concerte nur Glück wünschen, dass ein so bedeutender\nKünstler für Köln gewonnen ist.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n]?[.-C»fta<ll>aclQ, 19. März. Das dritte Winter-Concert brachte\nuns die Schöpfung von Haydn. Es ist ein erfreuliches Zeichen\ndes Fortschrittes des guten Geschmacks und der Verbreitung der\nguten Musik überhaupt, wenn die hervorragendsten Werke auch in\nkleineren Städten aufgeführt werden. Die „S höpfung\" flocht wieder\nein neues, frisches Blatt in den Ehrenkranz, den sich der Verein\n„Cacilia\", ein kleine Schar muthiger Musikfreunde, bereits erworben\nhat. Die Soli waren vertreten durch Fräul. Thelen aus Düsseldorf\nund zwei ehren'werthe Dilettanten. Fräul. Thelen glänzte besonders\ndurch ihre schöne Coloratur und trug namentlich die beiden grossen\nArien mit vielem Geschmack und grosser Feinheit vor.\n** Gera. Das 22. Concert (am 27. Januar) des hiesigen mu-\nsicalischen Vereins unter Leitung des Capellmeisters Wil-\nhelm Tschirch brachte an Orchestersachen Beethoven's Eg-\nmont-Ouverture und Spohr's Sinfonie „Die Weihe der Töne\"; an\nVocalmusik Cherubini's Salve Regina für Frauenstimmen, Solo\nund Chor. „Theodosius herrschet fromm und gewaltig\" aus „den\nsieben Schläfern\" von Löwe, zwei Männer-Quartette von W.\nTschirch und Rob. Schumann und einige Solo-Vorträge, Aus-\nserdem auch Concert-Variationen für die Flöte von Haake,"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580327-01.1.8", "texte": "In dem 23. Concert (am 24. Februar) hatten wir Gelegenheit,\nunter Anderen auch den Kammer-Virtuosen Cossmann aus Wei-\nmar zu hören und dessen Meisterschaft im Cellospiel zu bewundern.\nDerselbe brachte vier verschiedene Piecen zum Vortrag und hatte\ndie Wahl derselben so getroffen, dass die Kunst seines Spiels nach\nallen Seiten hin zur Geltung gelangte. Die erste Abtheilung des\nConcert-Programms wurde durch die Jubel-Ouverture von C. M. v.\nWeber eröffnet und schloss mit den von unserem Capellmeister\nWilhelm Tschirch zu Ehren der Erbherrschaften eigens com-\nponirten „Festklängen\". Zum ersten Male wui\\ie uns diese Piece bei\ndem jüngst Statt gehabten Hof-Concerte, das seines vortrefflichen\nArrangements und seiner Durchführung wegen einen Glanzpunkt der\nganzen Festlichkeiten bildete, zu Gehör gebracht. Die zweite Ab-\ntheilung dieses Concertes füllte C. Löwe's liebliche Schöpfung „Die\nHochzeit der Thetis\". Die Musikfreunde Gera's fühlen sich dem mu-\nsicalischen Vereine sicherlich aufrichtig zu Dank verpflichtet, da in\nden letzten Jahren alle musicalischen Genüsse fast ausschliesslich\nnur von dieser Stelle ausgeboten wurden.\nVon Wilhelm Tschirch ist so eben eine neue grössere Com-\nposition, „Das Turnier\", eine dramatische Scene für Männerchor,\nSopran-Solo und Orchester im Clavier-Aussug erschienen, worauf\nich mir erlaube, aufmerksam zu machen.\n* Güttingen. Unser musicalisches Leben hat diesen Winter\nhier und da recht erfreuliche Blüthen getrieben. Herr Grimm gibt\nsich viele Mühe, dem Publicum wirkliche Kunstgenüsse zu verschaf-\nfen; es ist nur zu bedauern, dass dergleichen Bestrebungen hier im-\nmer mit Opfern verknüpft sind. Das Concert, das Herr Grimm vor\neiniger Zeit veranstaltete, war wohl eines der schönsten, die jemals\nhier gegeben worden sind. Joachim wirkte mit; von grösseren\nWerken hörten wir die C-dur-Messe von Beethoven, und dessen\nzweite Sinfonie noch besser. Herrn Grimm's Schüler sangen den Ca-\nnon aus Fidelio u. s. w. Die Kosten waren aber so beträchtlich,\ndass zur Deckung des entstandenen Deficits eine Soiree veranstal-\ntet wurde. Wir hörten ein Streich-Quartett und ein Trio, in welchen\nHerr Bach aus Bonn, Schüler Joachim's, mit grossem Beifall die\nerste Violine spielte. Fräul. Siebold trug die Kirchen-Arie von\nStradella recht verdienstlich vor, und zum Schluss wurde Men-\ndelssohn's Athalia, worin die Chöre vortrefflich waren, gesun-\ngen. Herr Musik-Director Hille hat drei akademische' Concerte\nfür Kammermusik veranstaltet, wovon das zweite, in welchem\nA, Dreyschock aus Gefälligkeit mitwirkte, am meisten ansprach.\nNichts Neues unter der Sonne. „Nichts ist für den musi-\ncalischen Geschmack, für musicalisches Urtheil so gefährlich, als\njahrelanges Hören von m i 11 e 1 m ä s s i g e n, ja, schlechten Auffüh-\nrungen und Mitwirken in denselben. Wer nicht durch eine vor-\nzugsweise feine musicalische Organisation geschützt wird, oder von\nZeit zu Zeit an Vollendetem den gesunden Sinn wieder zu beleben\nund zu erfrischen Gelegenheit findet, verliert zuletzt jeden\nMaassstab für bessere Leistungen.\"\nWie wahr ist das! Um einem Tonstücke gerecht zu werden,\nmüssen doch vor allen Dingen die vom Componisten vorgeschriebe-\nnen Instrumente nicht nur vorhanden sein, sondern auch in den\nHänden der Instrumentalisten ihre Schuldigkeit thun. Nicht aber in\nder Art, dass man, wie in einem bekannten Rheinstädtchen, z. B.\ndie Ouvertüre zum Freischütz statt mit vier Hörnern, mit zwei in-\nvaliden oder wohl gar ohne Hörner vom Orchester aufspielen lässt\nund dann doch noch vor Entzücken ausser sich ist über die\n„herrlichen\" Musik-Aufführungen des Musik-Vereins unter sei-\nnem „geniale n\" Dirigenten. Oder wenn zwei ohnmächtigen\nHörnern und zwei tonlosen Fagotten durch drei Ventil-Trompeten\n(an den Circus erinnernd) dermaassen der Garaus gemacht wird,\ndass man vor lauter Trompeten-Geträtsch sich gar nicht zu retten\nWeiss und ausser Stande ist, Musik zu hören. So rmusste kürz-\nlich irgendwo Beethoven's jß-dwr-Sinfonie (Nr. 4) herhalten. Die\nStimmung der Streich- und Blase-Instrumeöte war eine merk-\nlich verschiedene. Die Violinen waren gerade bei Stellen, wo\nes darauf ankam, unter sich nicht einig, die Hörner sogar bei dem\nnatürlichen Dreiklang unsicher; der Fagott blieb bei der bekannten\nSolostelle im Finale vollständig stecken, indem er nur die vier ersten\nSechszehntel herausbrachte. Fagotte und Hörner waren überhaupt\noft gar nicht zu hören, die drei Ventil-Trompeten dagegen wirklich\nnaseweis vorlaut. Das Scherzo war wegen gänzlich verfehlten, viel\nzu langsamen Tempi gar nicht wiederzuerkennen. Die graziöse Vio-\nlinfigur zwischen den Motiven der Blas-Instruinente klang entsetzlich\nschwerfällig u. s. w. Und doch gibt es Leute, die für derartige un-\nkünstlerische Leistungen in hohem Grade zu „schwärmen\" ver-\nmögen ! Warum? Weil sie jeden Maassstab für bessere\nLeistungen verloren haben. -j-J-j-\nD e u t i e Ii e T o n 1t a fi t e.\nDie auf unser Preis-Ausschreiben vom Februar v. J. bis zum\nAugust darauf eingekommenen fünfzig Clavier-Sonaten sind durch\ndie erwählten Herren Preisrichter, nämlich die Herren Hof-Capell-\nmeister V. Lachner hier und H. Proch in Wien, auch Herrn\nGeneral-Musik-Director Spo h r in Kassel beurtheilt, der Preis aber\nnicht zuerkannt worden.\nZwei dieser Werke erhielten je eine Stimme für den Preis: das\neine, dessen Verfasser nicht genannt sein will, das andere von Gust.\nRohr (pseudonym) in Wiesbaden; Belobung erhielten die Werke\nder Herren Ludw. Ganzin, Organist in Danzig, und V. E. Becker in\nWürzburg.\nDie Rückgabe der Preisbewerbungen wolle in den nächsten sechs\nMonaten an den Schriftführer der Tonhalle durch die Herren Ver-\nfasser verlangt wrerden, da sie auf mittelbar und späteres Begehren\nnicht abgefolgt werden (Vereins-Satzungen 14 i).\nMannheim, den 13. März 1858. Der Vorstand."}]}