{"numero_id": "bm-bmtnabi-1858-04-03-01", "volume": "bmtnabi_1858-04-03_01", "ocr_sha256": "f7ceaed56d392e242517e6bcf97a86fb6137f09a33377df4d6004aa53a077241", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1858/04/03_01/bmtnabi_1858-04-03_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1858-04-03-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-04-03_01#c001", "volume": "bmtnabi_1858-04-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "105", "page_fin": "105", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "105", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 489, "texte": "Inhalt.\nDie heilige Tonkunst. IV. Die ~Graner Messe\" von Liszt. Von Ed. H. Aus Frankfurt am Main (frithiof, Dramati-\nsches Gedicht nach Jesaias Tegner, bearbeitet und für Solo, Chor und Orchester componirt von Hof-Musik-Director C. A. Mangold). Von\nA. S. Tages- und Un ter h al tun g sbl att (Köln, Frau Viardot-Garcia Neuwied, Die letzte Vesper von G. Flügel Darmstadt,\nDie Hof-Capellmeister Aus Schwerin, Musikleben Frankfurt a. M., Quartett der Gebrüder Müller Neue Oper von R. Wagner)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-04-03-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-04-03_01#c002", "volume": "bmtnabi_1858-04-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "105", "page_fin": "107", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.2.2", "titre_corps": "Die heilige Tonkunst.", "titre_sommaire": "Die heilige Tonkunst.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "105", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.1.1", "debut_caractere": 491, "fin_caractere_exclue": 4246, "texte": "Die heilige Tonkunst.\nIV.\n(I. s. Nr. 11,11. u. 111. Nr. 13.)\nWie aus dem Verein der Figuration und Recitation\ndie hohe Kunstgestalt des Eccard'schen Festliedes erwuchs,\nso sind die späteren Kunstformen aus jenem gliedhaft ent-\nfaltet in Lied, Arie, Recitativ, Choral-Fuge, zusainmenge-\nl'asst im Motett, weiter ausgestaltet im Oratorium, umklei-\ndet mit kunstreichem Instrumentenspiel, dem als edelste\nZier das weitfaltige Gewand des Orgeltones sich gesellte.\nDas gänzlich freie Instrumentenspiel drang langsam vor,\nanfänglich nur im Vor- und Nachspiel der Orgel, dann\nam geselligen Clavicymbel ausgeübt. Die chromatisch\ngleichschwebende Temperatur, den überhand nehmenden\nTasten-Instrumenten nothwendig, half die Kirchen-Tonar-\nten zerstören, die Instrumentalität gewann neue eigenthüm-\nliche Kunstformen in dem langathmigen, phantastisch\nschweifenden Periodenbau, die einsame Schwelgerei des\nGemüthes fand ihren Ausdruck in der selbstständigen, prä-\nludirenden Phantasie. Diese Neuerungen berühren die\nkirchliche Kunst, wie sie von ihr berührt, ja, theilweise\nhervorgerufen sind. Denn nachdem das orthodoxe Kir-\nchenthum, die typischen Weisen conservativ festhaltend,\ndurch die pietistische, subjectiv verinnerlichte Schule\nbekämpft war, in welchem Kampfe beiderseits die zeitge-\nmässen rationalistischen Waffen schon zu blitzen be-\ngannen, da lös'te sich das liederfreudige Gemeindeleben,\nder evangelische Kirchengesang ward von den Führern\nder öffentlichen Meinung als ein veraltetes Erbstück ver-\nspottet. Hervorragt in der Polemik jener Zeit der Hambur-\nger Mattheson (von Riehl genannt „Fürst der Aesthe-\ntiker\"), der den Wahlspruch liebte: Universus mundus\nexercet histrionem und wenn Alles schauspielert, wie\nsollten wir's nicht thun? und brachte das Schauspiel in die\nKirche, allen weltlichen Schmuck der vocalen, instrumen-\ntalen und poetischen Zeitkünste hineintragend den Ge-\nsang der Gemeinde verachtend als die „schlichte Singw eise\nder Ungelehrten, mit faulen, kalten, schläfrigen Noten,\nchoral.ter, ohne Tact und ohne Zierath auf einfältige\nWeise hervorgebracht.\"\nDiese Worte zeigen, dass damals der rhythmische Ge-\nsang nicht mehr bräuchlich war und dass überhaupt der\nChoral als ein unförmliches, geringes Wesen für die ein-\nfältigen Ungeschickten nur noch zugelassen ward. Viel-\nmehr hatte die psalmodisch recitirende x\\rt, welche deut-\nliche Spuren des romanischen Calvinismus an sich trägt,\nsich vieler Orten schon festgesetzt, während wenige vom\nWeltgetriebe fernere Gemeinden die ursprüngliche Art\nlänger behielten. Jedenfalls entstand aus dieser Schwankung\ndas zerstreute, einheitlösende Wesen unseres modernen\nGesanges mit seinen hundertfältigen Varianten, jeder zu-\nfälligen Laune des Pastors, Cantors oder Schulmeisters\nnachgiebig. Nur die Lieder von geradem Rhythmus\n(Dupeltact) blieben meist unversehrt, weil sie dem durch\ndie französischen Tänze und Märsche gangbar gewordenen\ndurchsichtigen Rhythmus der verständigen Fassücjikeit am\nnächsten stehen. Daher sind die Weisen: „Nun danket\nalle Gott\", „Nun komm' der Heiden Heiland\", „Jesus,\nmeine Zuversicht\", „Liebster Jesu, wir sind hier\" -—noch\nheute meist unverändert die alten, dagegen die triplirten\noder wechselnden weit erheblicheren Aenderungen unter-\nlegen sind, z. B.: „Ein' feste Burg\", „Nun iob' mein Seel'\nden Herrn\", „Befiehl du deine Wege\", „Wie schön\nleucht't uns der Morgenstern\".\nUnd doch bleibt trotz feindlicher Zeitgewalt der Ge-\nmeindegesang bestehen, wenn auch krank, doch lebens-\nund genesungskräftig. Klopstock meinte durch die so\ngenannte Lieder-Besserung der Kirche die Lieder zu\nerhalten, die schon in Gefahr standen, der Zeitgesinnung\nzum Opfer hinausgeworfen zu werden. Klang auch in den\ngebesserten wie in* seinen eigenen Liedern das rednerische"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "106", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5423, "texte": "Pathos des mehr rationalistischen als mystischen Messias\nhindurch, doch blieb mit und durch sie der Gemeindege-\nsang ein unveräussertes Gut der deutschen Kirche, um so\nköstlicher, wenn man dagegen hält die Armuth Englands,\nFrankreichs und Hollands, denen das Kirchenlied niemals\nso tief gedrungen, so auch weit früher der ersten Schön-\nheit entfremdet ist.—Dass die Melodieen ebenfalls gerettet\nblieben, ist einerseits des Volkes eigener Zähigkeit, ande-\nrerseits der neuen Kunst zu danken, die in Sebastian\nBach ihren Gipfel erreicht.\nSein Verdienst ist um so mehr auch hier anzuerken-\nnen, weil eine angesehene, nicht ganz unbegründete Mei-\nnung ihn auch unter die Verstörer zählt. Gesteht man\nnämlich zu, dass S. Bach's Choräle, sowohl die für ge-\nwöhnlichen Kirchendienst bestimmten als in Cantaten und\nOratorien verwebten, manche Spuren seines Zeitalters tra-\ngen denn der moderne Rhythmus ist eingeführt, die\nFührung der Stimmen hat zuweilen etwas Instrumentales,\nOrgelhaftes, der rein kirchliche Ton kommt ins Gedränge\nmit dem zeitgemässen Kunstgesange —, so gewahrt der\naufmerksame Betrachter eben so unzweifelhaft Anklänge\no\nan das Ursprüngliche, einen Abglanz der Töne Luther's\nund Eccard's in der Handhabung der Kirchentöne und in\nder canonischen Figuration der Choralzeilen.\nDie Choral-Figuration, ein herrliches Stück deutscher\nArt und Kunst, ist in Meisters Hand ein leuchtendes Ge-\nschmeide, in der des ungeistlichen Nachbildners ein ge-\nfährliches Spielzeug. Bach pflegte auf der Orgel in Vor-\nund Nachspielen den Cantus firmus in seinen Haupttönen\ngewaltig klingen zu lassen, dazwischen die Melismen der\neinzelnen Zeilen gleichsam als Frage und Antwort oder er-\nweiterte Auslegung einzuweben. Bei den langgezogenen\nTönen des psalmodirenden Gesanges und den Ruhepunk-\nten (Fermaten) zwischen den Zeilen bildete sich das Be-\ndürfniss eines Zwischenspiels während der Verweilung,\ndoppelter oder gebrochener Accorde neben wiederholten\ngleichen Melodie-Tönen. Die Bach'sche Kunst in Vor-,\nZwischen- und Nachspiel war demnach in gutem Glauben\nbegonnen, um dem lleiligthume verklärend zu dienen; sie\nward in den Händen schwächerer Nachahmer ein Spiel\nder Eitelkeit, bald ein \\ irtuosen-Kunststück zur Zerstreu-\nung, bald eine triviale Ausfüllungs-Formel, deren Seele\nentflohen war. Desshalb ist in unserer Zeit, wo die Schön-\nheit der Liturgie neu zu gründen versucht wird, das regel-\nmässige Zwischenspiel mit Recht verworfen, wie es denn\nbei den ursprünglichen (rhythmischen) Tonweisen vollends\nunleidlich und unanwendbar bleibt. Dagegen eine Figu-\nration einleitend oder schließend zu bringen, ist nicht ta-\ndclnswerth, und die Bach'sehen Phantasieen voll edler\nSchönheit ganz aus unseren Kirchen zu verbannen, würde\nsehr ungerecht sein gegen den frommen Geist, der sie er-\nschallen. Die wahre Orgelkunst ist ein unschätzbares\nGut unserer Kirche, das wir uns Missbrauchs halber\nnicht rauben lassen.\nNeben dem Gemeindegesange erhob sich der Kunst-\ngesang zur dramatischen Darstellung heiliger Geschichte.\nDie Urgestalt des Oratoriums gehört der alten Kirche\nan, wo in einfacher Kürze die Passions-Historie durch den\nEvangelisten recitativisch vorgetragen, durch den Chor der\nTurba beantwortend umsungen ward. Am Ende des sie-\nbenzehnten Jahrhunderts hebt die neue Art an, bald dem\nBibelworte und Kirchenliede eng angeschlossen, bald mit\nfreien lyrischen Ergüssen durchzogen, gewöhnlich mit dem\neigentlichen Choral beginnend und schliessend. Die herr-\nlichen Denkmäler vollendeter heiliger Kunst: Händel's\nMessias und Bach's Matthäus, geben jedes in seiner Art\nKunde vom evangelischen Geiste. Händel's Tonbilder stel-\nlen überwiegend das Reich Gottes im Glänze der Erfüllung\ndar; die triumphirende Kirche ist der Kerngehalt seines\nKrön- und Lebenswerkes, das die ewige Jugend des fast\nscchszigjährigen Künstlers bezeugt; die Bilder der Pas-\nsion, des leidenvollen Erdenwandels treten zurück neben\nd3n Bildern der Herrlichkeit. Im Bach'sehen Matthäus\nist dagegen die Passion das Hauptbild, das tiefe, versöh-\nnende Leiden, der Kampf und Durchgang in dem „wun-\nderlichen Krieg, da Tod und Leben rungen\"; es treten\ndie dunklen Bilder, z. B.: „Lass ihn kreuzigen\", die tiefe\nBusse des „O Mensch, bewein' dein' Sünde gross\", die\ngöttlichen Zornesllammen am Tage der Kreuzigung, die\nTodtenklage am Grabe, am „meisten hervor, das Herz zu\nbewegen; doch blickt durch alle Dunkelheit das strahlende\nLicht des persönlich gegenwärtigen Heilandes (der in\nHändel's Messias nicht erscheint), tröstend, segnend, könig-\nlich spendend; mit besonders evangelischer Freude ist\nausgeführt das „Trinket Alle daraus\" und „Wahrlich,\ndieser ist Gottes Sohn gewesen\". Bedeutsam ist, dass die\nBach'sche Passion in Mollschliesst, Händel's Messias in\nDur. Wenn nun beide grosse Meister ihrer Kirche auf\neigenthümliche Weise gedient haben, so erscheint auf\nBach's Seite ein Uebergewicht in der wunderbaren All-\nsei t i g k ei t, womit er nicht nur alle Kunstformen beherrscht,\nsondern auch scheinbar entgegengesetzten Aufgaben ge-\nrecht wird; denn er hat nicht nur den evangelischen Cho-\nral in allen denkbaren Weisen einfach, figurirt, fugirt,\nthematisch, phantasirt bearbeitet, sondern auch mit\nWahrheit und Schönheit katholische Messen gesungen, die\nallen Glanz der alten Kirche in überweltlich triumphiren-\nder W eise verkünden, tiefsinniger als Palestrina, herzlicher\nals Gabrieli, weil das Evangelium der feste Grund seines\nHerzens war."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "107", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1067, "texte": "Dieser Gewaltige leuchtet als Stern in jener Zeit, die\nnur dem oberflächlichen Blicke als eine lieb-, herz- und\ngeistlose erscheint. Seine Wirkungen blieben der nächsten\nNachwelt fast verborgen, da im Zeitalter der wachsenden\nVerflachung kaum die gelehrten Künstler ihn kannten und\nstudirten; und doch ist aus Bach'scher Art und Kunst ein\nwesentlich Neues unmerklich hervorgegangen, was die\nWelt mit Leidenschaft sich aneignete; dies ist die Fort-\nbildung der Instrumentalität zu freier weltlicher\nTondichtung in phantastisch kühnen Darstellungen des Un-\naussprechlichen. Was die Italiäner hundert Jahre zuvor\nversuchsweise als Einleitung oder Verbrämung wagten,\nwas später in Frankreich, Deutschland und England zur\nErgötzlichkeit und Unterhaltung in Suiten, Ouvertüren,\nSonaten und Phantasieen spielend unternommen war, das\nwar ein schwaches Vorspiel zu der nunmehr ernst gemein-\nten Selb stständigkeit instrumentaler Tonbilder, die, von\nBach bis Beethoven vorzüglich durch deutsche Künstler\nausgebildet, die folgenreichste Umgestaltung alles Tonwe-\nsens bewirkten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-04-03-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-04-03_01#c003", "volume": "bmtnabi_1858-04-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "107", "page_fin": "109", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.2.3", "titre_corps": "Die „Graner Messe“ von Liszt.", "titre_sommaire": "Die „Graner Messe“ von Liszt.", "signature_source": "Ed. H", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "107", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.1.3", "debut_caractere": 1069, "fin_caractere_exclue": 5076, "texte": "Die „Graner Messe“ von Liszt.\n\nWien bekam am 22. und 23. März die grosse Fest-\nmesse zu hören, welche Liszt vor zwei Jahren zur Ein-\nweihung der neuen Kirche in Gran componirt hat. So-\nwohl die Enthusiasten als die wenigen Besonnenen, welche\nes damals versuchten, sich in diesem Feuerlärm Gehör zu\nverschaffen, hatten für oder wider es hauptsächlich\nauf das Moment der Religiosität abgesehen.\nUeber die innere Frömmigkeit eines Künstlers zu ur-\ntheilen, ist ein sehr schweres, bedenkliches Unternehmen.\nDie ästhetische Kritik ist keine Inquisition. Sie hält sich\nstreng an das Werk und bleibt des Grundsatzes eingedenk,\ndass die Kirchlichkeit eines Kunstwerkes und der subjective\nGlaube des Künstlers zwei sehr verschiedene Dinge sind.\nWenn von den modernen Musikern einem der Ruhm\nwahrer und strenggläubiger Frömmigkeit gebührt, so ist\nes gewiss Joseph Haydn. Die fromme Kindlichkeit, mit\nder er sich täglich auf die Kniee warf, Gott um erleuch-\ntenden Beistand anzullehen, mahnt als letzter schöner Ab-\nglanz an jene gottbegeisterten Maler und Sänger des Mit-\ntelalters, deren Kunstübung eigentlich nur ein werkthäti-\nges Beten war. Und dennoch ist die Unkirchlichkeit seiner\nMessen eben so zweifellos, wie die Echtheit seines Glau-\nV\nbens. Haydn's Messen stehen in ihrer weichen Anmuth\nschon fern von der Grossheit und Würde, die der alt-ita-\nliänischen Kirchenmusik innewohnte und von dem höchsten\nBegriffe des Gottesdienstes unzertrennlich bleibt. Eine sub-\njectiv unanfechtbare Frömmigkeit konnte also dennoch\nmusicalische Formen wählen, welche für die objective Ho-\nheit der Kirche nicht die zuträglichsten sind.\nWir können also Liszt immerhin für einen zweiten\nHaydn an Strenggläubigkeit halten und dabei die Kirch-\nlichkeit seiner graner Messe stark in Zweifel ziehen. Dem\nBannspruche der Liszt'schen Adepten sind wir damit na-\ntürlich anheimgefallen, insbesondere dem Verfasser der\n„musicalischen Pdichten'', der jeden Zweifler mit folgen-\nden Beweisen vernichtet: „Ist etwa der Geist, der in Liszt's\nFaust, Dante, Berg-Sinfonie, seiner Hunnenschlacht weht\n(lauter reine Instrumental-Compositionen!) nicht ein rein\nund specifisch katholischer? Ist er nicht jetzt be-\nschäftigt mit einer Legende, „Die heilige Elisabeth\"?\nHaben die Zeitungen nicht davon gesprochen, dass er ein\nOratorium „Salomo\" und eines „Christus\" zu schaf-\nfen gedenkt?!\"\nWenden wir uns von diesen Oratorien in partibus zu\nder wirklichen graner Messe.\nDie Religiosität, ja, selbst die Kirchlichkeit einer Mu-\nsik in gewissen traditionellen Formen zu suchen, davon\nsind wir sehr weit entfernt, so beachtenswerth uns auch\ndie Tradition gerade bei Kunstwerken erscheint, welche\nder katholischen Kirche dienen. Indess bleibt es richtig,\ndass der vorzugsweise für die Kirche verwandten contra-\npunktischen und fugirten Schreibart nichts specifisch Reli-\ngiöses nachweisbar ist, noch weniger den süsslich-melodiö-\nsen Wendungen, welche durch die ununterbrochene Nach-\nahmung Mozart's und Haydn's gegenwärtig in den Kirchen\nherrschen. Auch wir sind mit den Verfechtern der graner\nMesse in dem Punkte vollkommen einverstanden, dass es\nauf den Geist der Religiosität ankomme, der ein solches\nWerk durchdringen soll, und nicht auf bestimmte Aus-\ndrucksformeln.\nAngenommen, Beethoven hätte das Adagio aus seiner\nneunten Sinfonie in eine grössere Kirchenmusik aufgenom-\nmen, so würde man sich wohl Anfangs überrascht, aber\ngewiss alsbald von dem seligen, verklärten Frieden erho-\nben fühlen, dessen Geist diese Musik zum wahren Gebete\nmacht.\nVom religiösen Geiste, von der Heilkraft des Gebetes,\nvon der Segnung der Kirche werden wir hingegen in einer\nMusik kaum etwas erkennen, die das ganze Wirrsal\nmenschlicher Leidenschaften absichtlich aufstört und mit\nvollendetem Raffinement die irdische Unruhe und Zerris-\nsenheit feiert. Sei Liszt noch so andächtig gewesen beim\nComponiren, welcher Mensch könnte es sein beim Anhö-\nren dieser Messe? Welches Gemüth vermöchte durch diese\nTöne sich zu Gott gehoben zu fühlen, gestärkt und\nversöhnt ?"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5273, "texte": "Man hat die „dramatische\" Behandlung des Mess-\ntextes durch Liszt als neu und bedeutend hervorgehoben.\nSie ist in der That dramatisch im Sinne Meverbeer's und\n%)\nWagner's.\nWenn in der Waffenweihe der „Hugenotten\", in den\nVenusberg-Scenen des „Tannhäuser\" u. dgl. die grellsten\nFarben, die schreiendsten Contraste gegen einander gespannt\nwerden, so rechtfertigt man sie eben mit dem „dramati-\nschen\" Zwecke. Situationen, die vor unseren Augen die\nGräuel der Geschichte und die Qualen der Leidenschaft\nausbreiten, erheischen auch die schärfsten Waffen, mit de-\nnen die Musik zu zerfleischen vermag. In der Kirche wol-\nlen wir uns nicht zerfleischt, sondern in unserm Gott ver-\nsöhnt fühlen.\nLiszt's Messe wirkt mit den grellen, falschen Contrasten\nMeyerbeer's und Wagner's. Das von Wagner (nach Ber-\nlioz' Vorgange) eingeführte Tremoliren getheilter Violinen\nin den höchsten Chorden repräsentirt meist das Wunder-\nbare; die rohe Gewalt des Blechs das Erhabene; das My-\nstische endlich feiert seine Räthsel in den peinlichsten Disso-\nnanzen und Accordfolgen, welche nur blasirtes Raffinement\nersinnen kann. Liszt's Messe hat Stellen, gegen welche die\nentsetzlichen Accordreihen in der Dom-Scene des „Pro-\n\\\npheten\" beschämt zurücktreten. Indess selbst über grelle\nEinzelheiten, über die zeitweilige Tortur der Gehörsner-\nven, ja, über die vollständige Meyerbeerisirung der Pas-\nsionsgeschichte vermöchte man vielleicht sich hinwegzuhel-\nfen, fühlte man durch das Ganze den warmen Athemzug\nreligiöser Empfindung wehen. Allein die grübelnde Re-\nflexion schaut mit stechend grauen Augen aus jedem Tact\nheraus. Sie ist der heilige Geist, der diese Messe schuf.\nUeber das religiöse Gefühl des Componisten, wir\nwiederholen es ausdrücklich, hegen wir nicht den minde-\nsten Zweifel; allein sein Werk spiegelte uns wie eine\nFata morgana das Bild eines lebhaften und geistreichen\nMannes vor, der sich in den Messtext vertieft, ungefähr\nwie Dawison in das Manuscript irgend einer bedeutenden,\naber vor ihm längst abgespielten Rolle. Das feine, unter-\nnehmende Lächeln scheint zu sagen: „Es wäre doch selt-\nsam, wenn es für diese Rolle nicht auch eine Auffassung\ngäbe, die von allen bisherigen völlig abweicht sehr selt-\nsam, wenn sich nicht eine Unzahl geistreicher Pointen her-\nausfinden liesse, an die bisher kein Mensch gedacht.\"\nWir haben wirklich von derlei Künstlern Rollen ge-\nsehen, die, voll geistreicher Blitze, doch das Bild kaum\nmehr erkennen Hessen, das der Dichter damit verband.\nLiszt's Messe ist eine solche Leistung. Warum sollte ihn\nseine Bildung nicht befähigen, Neuerungen zu bringen,\nauf welche das blosse musicalische Talent, und sei es das\nreichste, nicht verfällt? Warum sollte ein Mann, der mit\nliterarischen, philosophischen, ja, theologischen Kenntnissen\nan die Composition einer Messe geht, darin nickt Ideen\nniederlegen können, an welche der Verstand und die Bil-\ndung seiner Vorgänger niemals reichte?\nIn der That, leichtfertig ist Liszt nicht an dieses Werk\ngegangen. Er hat sich in die Bedeutung des Messtextes so\nernstlich vertieft, dass ihm fast jedes Wort eine eigentüm-\nliche Bedeutung, einen verborgenen Zusammenhang ent-\nhüllte.\nDas Wort wurde ihm im höchsten Grade wichtig,\nund in dem Eifer, es genau zu interpretiren, zeigt sich\nLiszt gewisser Maassen begeistert, am Glauben also, wenn\nauch nicht von demselben.\nMit dem grübelnden Eifer eines Theologen übersetzt\nLiszt die verborgene Bedeutung jedes einzelnen Wortes in\neine entsprechende musicalische „Intention\". Wir entsin-\nnen uns kaum eines Werkes, in dem diese moderne Muse,\ndie „Intention\", so unumschränkt regiert hätte. Auf jede\nSylbe legt sie ihre dürre Hand, und wo sich sonst duftige\nVeilchen wiegten, da entsteigt nun gespensterbleich der\ntödliche Baum der Erkenntniss*).\nLiszt hatte für die Grundzüge dieser Auffassung ein\nhochbedeutendes und gefährliches Vorbild in Beetho-\nven's zweiter Messe. In der That haben die beiden Werke\nmehr mit einander gemein, als die Tonart D-dur. Auch\nBeethoven's riss den Kirchenstyl aus seinen bis-\nherigen Formen in eine gewaltige, aber phantastische Re-\ngion, für welche die irdischen Bedingungen des Gottes-\ndienstes keinen Raum boten.\nBeethoven's musicalischer Genius konnte indessen\nvon den versengenden Strahlen der „Intention\" wohl zeit-\nweise gestreift, niemals aber zu Boden gezwungen werden.\nWelche musicalische Entschädigung aber bietet Liszt's\nMesse für die getäuschten Hoffnungen der Andacht? Soll\nder rein musicalische Genuss der überwiegende, und der\nHörer mehr Künstler sein, als Christ? Fast scheint dieses\nder Ansicht des Componisten selbst zu begegnen, da er es\nvorzog, die Messe nicht in der Kirche, wohin sie gehört,\nsondern ganz concertmässig im grossen Redoutensaale auf-\nzuführen.\nVieles von dem ungünstigen Eindrucke würden wir\nauf diese concertmässige Einkleidung schieben, wären wir\nnicht so begünstigt gewesen, die graner Messe auch in der\nüomkirche zu Prag zu hören. Während wir aber dort\n\n*) Dass wir nicht eine dem Componisten fremde Auffassung un-\nterlegen, beweisen wohl schon die äusseren Vorbereitungen,\ndem Hörer das „Verständniss\" zugleich mit dem Programm in\ndie Hand zu drücken. Die Vertheilung des Messtextes (mit\netwas Exegese) unter ein rein katholisches Publicum wird Man-\nchem wunderlich vorgekommen sein."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "109", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4289, "texte": "dachten, sie müsste im Conccrtsaale jedenfalls gewinnen,\nso sehnte sich im grossen Redoutensaale unser wankelmü-\nthigesOhr wieder nach der Kirche. Die gothischen Hallen,\ndie glasgemalten Fenster, der Weihrauchdult, kurz: die\nHeiligkeit des Ort es lieh doch auch der graner Messe\netwas von der Stimmung, die wir in der Musik allein\nhier nimmermehr entdecken konnten.\nNicht als ob sie durch Trivialitäten der Melodie oder\ndes Rhythmus gegen die kirchliche Würde verstiesse. Der\nTon höchsten Ernstes ist durchaus festgehalten. Allein nir-\ngends kommt eine Stimmung zur wahrhaften Ausprägung.\nW ir werden durch lauter Anfänge, Fragmente, Anregun-\ngen und Contraste rastlos weiter getrieben, ohne zur Samm-\nlung irgend Zeit zu gewinnen. Die geistreichsten Pointen\nkönnen uns für die Ruhelosigkeit des Ganzen nicht ent-\nschädigen. Hin und wieder tauchen freundlichere, klare\nStellen auf, wie im Agnus Dund welche\nuns überhaupt als die einheitlichsten und gesammeltsten\nMusikstücke des Ganzen erschienen; doch lange bleibt die\nFreude nicht ungetrübt. Der Hörer wird jeden Augenblick\ndurch einen gesuchten Contrast aus der Stimmung geris-\nsen. Geht er näher darauf ein, so findet er wahrscheinlich\neine sinnreiche Motivirung, eine jener thematischen Anspie-\nlungen, die Wagner in Schwang gebracht, oder ähnliche\nBeziehungen; allein der Total-Eindruck, den er mitnimmt,\nwird desshalb kein anderer. Von den zwei Begriffen, die\ndas Wort „Kirchenmusik\" bilden, gelangt .bei Liszt\nweder der eine noch der andere, am wenigsten beide, zu\nschöner Wirklichkeit. Fast möchten wir auf diese Messe\nein strenges Wort Schumanns über eine Oper Meyer-\nbeer's anwenden: „sie sei der Angstschrei eines von den\nForderungen der Zeit aufs äusserste gequälten Talentes.\"\nSo steht uns die graner ..Messe\" fremdartig entgegen: halb\nOper, halb theologische Abhandlung. Wir würden indess\num den Namen nicht streiten, unter welchem uns ein\nKunstwerk von reicher musicalischer Erfindung gebo-\ntenwürde. Damit ist es jedoch in der graner Messe bestellt,\nwie in Liszt's grösseren Compositionen überhaupt.\nDas Rühmenswerthe und Anziehende des Werkes ruht\nin den einzelnen durch Reflexion vermittelten Pointen, sei\nes der Text-Auffassung, sei es des musicalischen Effectes.\nHier liess sich von Liszt's Geist und Bildung eine Reihe\nfeiner Apercus erwarten, und er hat diese Erwartung auch\nin jedem Satze reichlich erfüllt. Einige Mittheilungen über\ndie hervorragendsten Einzelheiten der „Graner Messe\" be-\nhalten wir uns für einen zweiten Aufsatz vor.\nDiesmal nur noch eine Bemerkung. Fast alle länge-\nren, insbesondere apologetischen Besprechungen der gra-\nner Messe., die uns zu Gesicht kamen, beginnen mit einer\nausführlichen Geschichte der Kirchenmusik. Die grossar-\ntigsten und höchsten Entwicklungen der wer-\nden dabei natürlich zu Vorstufen für die Liszt'sche Messe\nherabgesetzt, welche an die Stelle des „ohnehin abgeleb-\nten\" Alten einen neuen Kirchenstil, und zwar den für die\nGegenwart allein zusagenden aufgerichtet habe. Dassman\nauch der Kirchenmusik gegenüber, deren Blüthezeit tief\nin der Vergangenheit liegt, diese sonst wohlbekannte\nSprache führt, scheint uns etwas stark. Wenn unserer Zeit,\nwie eingeräumt wird, die kindliche Frömmigkeit und Got-\ntesfurcht abhanden gekommen sind, in welcher die alten\nMeister schufen, so sind doch Gottlob ihre Werke nicht mit\nabhanden gekommen. In ihnen allein ist—noch für lange\nZeit das Heil der Kirchenmusik zu suchen.\nNur zwei geschichtliche Bildungen der heiligen Musik\nentsprechen vollkommen der hohen und ernsten Bedeutung\ndes Gottesdienstes: die Kirchenmusik der alten Italiäner\n(römische und venetianische Schule) und der älteren Deut-\nschen (Eckart, IL Schütz, S. Bach).\nSo lange nicht ein erneutes religiöses Leben auch die\nKunst wahrhaft befruchtet und mit ursprünglicher Kraft\n(nicht mit reflectirendem Witz selbst sich neue Formen\nschafft, wird der moderne Kirchen-Componist am besten\nthun, sich in jene Ausdrucksweisen zu versenken, aus wel-\nchen mit nie erreichter Innigkeit Gottesliebe und Gottes-\nfurcht spricht. Nicht jedes Zeitalter darf jede Mission über-\nnehmen wollen.\nSavigny hat bekanntlich unserer Zeit den Beruf zur\nGesetzgebung abgesprochen. Der Beruf, eine neue Kirchen-\nmusik zu schaffen, fehlt ihr noch weit mehr.\nWien, den 25. März 1858.\n\nEd. H."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-04-03-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-04-03_01#c004", "volume": "bmtnabi_1858-04-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "109", "page_fin": "111", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.2.4", "titre_corps": "Aus Frankfurt am Main.", "titre_sommaire": "Aus Frankfurt am Main.", "signature_source": "A. 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März unter Leitung des Herrn Rühl mit seinem Ge-\nsang-Vereine und dem Theater-Orchester Statt. Die Soli\nwurden gesungen von Fräul. Veith, den Herren Bau-\nmann, Hill, Leser und Zimmermann. Mit diesen Kräf-\nten ist alles Erforderliche und Mögliche zur Verlebendi-\ngung des Werkes geschehen."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5224, "texte": "Nach dem Beispiele anderer moderner Componisten\nhat auch Herr Mangold für gut gefunden, eine „Vorbe-\nmerkung zum Textbuche\" vorausgehen zu lassen, um seine\nZuhörer auf den Standpunkt zu erheben, sein Werk rich-\ntig aufzufassen. Aus dieser Vorbemerkung seien zunächst\ndie letzten Sätze hier angeführt, da sie die Quintessenz für\njene enthalten, denen das Glück nicht zu Theii werden\ndürfte, mit eigenen Ohren zu hören. Es heisst dort: „Dem\nComponisten schwebte Göthe's Iphigenia bei der Dar-\nstellung des Antiken im modernen Sinne, d. h. für unsere\nZeit verständlich, als Muster vor. [?!] Er begann das Werk\n1851, er beendete dasselbe (nach mehreren Umarbeitun-\ngen) im Sommer 1857, belebt von der Hoffnung, etwas\nzu schaffen, was durch poetisch-musicalischen Gehalt in\nseinen Theilen wie im Ganzen vielleicht im Stande wäre,\nden Gebildeten anzuziehen, zu fesseln und nicht unbefrie-\ndigt zu lassen.\"\nUm aber unsere Leser auf den Standpunkt zu stellen,\nsich von dieser Composition einen ungefähren Begriff zu\nmachen, da sie nun gehört, dass dem Componisten Göthe's\nIphigenia als Muster vorgeschwebt, wird erforderlich, durch\nein Beispiel aus dem Textbuche zu zeigen, wie Herr Man-\ngold scandirt, folglich auch declamirt:\nW W VJ\nAlle Schreckens-Mächte schreiten;\nW v_y\nBestrafe frechen Uebermuth;\nWWW\nWir begrüssen dich sonst; Odin's Auge\nO köstliche Zeit, schenkt Eurem u. s. f.\nNicht wahr, ganz in derselben Weise radebrecht\nauch Göthe in der Iphigenia die Sprache?\nUm nach diesem Specimen der Wissbegierde der Le-\nser entgegen zu kommen, wie es mit dem Bau fast sämmt-\nlicher Chöre (dem „Schwerpunkt\" des Werkes) und auch\nder Solostücke aussieht, bedarf es bloss der Erinnerung an\nMendelssohn s Chöre zu Athalia. Wir kennen den Aller-\nhöchsten Belehi, dem zufolge Mendelssohn zur musicali-\nschen Bearbeitung jener langgestreckten, ungefügigen\n\\erse veranlasst worden. Hören wir aber diese Chöre an\ndem Orte, für den sie bestimmt, so wird uns ihre Unform\nwenig oder gar nicht verletzen (so gleichfalls die Mehrzahl\nder Chöre zur Antigone); im Gegentheil werden wir das\nbloss recitirende Durchlaufen von Zeile zu Zeile ge-\nrechtfertigt finden, da wir den Chor in steter Betheiligung\nan der Handlung sich bewegen sehen. Der Scene aber\nentzogen und in den Concertsaal gebracht, wird jeder Mu-\nsikgebildete diese Chöre verwünschen, weil sie hier Cha-\nrakter und Bedeutung verloren haben und mehr als bloss\nlangweilen. In den Concertsaal bringt der Musikgebildete\nden Begriff mit, den er aus dem Studium oder bloss durch\nvieles Hören der Chöre von Bach, Händel, Mozart, Haydn\nu. A. erworben, jede formlose Mache wird er für Unsinn\nerklären. Darum hätten die Chöre zu Athalia nicht veröf-\nfentlicht werden sollen, um sowohl sie vor unrechtem Ge-\nbrauche zu wahren, als auch, um damit kein Beispiel zur\nNachahmung zu geben*). Dieses liegt in Mangold's Werke\nvor uns. Er selber leitet unsere Erinnerung an dieses\nsein Prototyp in der „Vorbemerkung\" mittels der Worte:\n„Unbekümmert um hergebrachte Formen und\nWendungen, sollte sich der musicalische Strom\nIrei und natürlich ergiessen.\" Ja wohl, er ergiesst\nsich wirklich frei und natürlich. Schon die Misshandlun«\nder Sprache gibt Zeugniss davon.\nIn derselben Weise, wie Mendelssohn seinen Text\ndurchläuft, ohne an ein Verweilen bei einigen Zeilen Be-\nhufs eines organisch-gegliederten Baues zu denken (weil\nnicht zweckentsprechend), so durchläuft Mangold, oft mit\nunerhörter Flüchtigkeit, seinen Text, dass sogar das Nach-\nlesen zuweilen schwer wird; und in derselben Weise, wie\nMendelssohn seine Chöre häufig unisono recitiren lässt und\nnur an einzelnen Stellen oder bei Einschnitten die Stim-\nmen harmonisch vertheilt, eben so Herr Mangold mit\ndem Unterschiede jedoch, dass dort bloss der Männerchor,\nhier aber ein gemischter recitirt. In solcher Weise fortge-\nfahren, gestaltet sich dieser „Frithiof\" zu einer Schablo-\nnen-Arbeit, dergleichen niemals noch da gewesen, d. h.\ndergleichen für den Concertsaal verfertigt worden.\nWelch ein Grad von Muth, Zuversicht oder Verblendung\ngehört wohl dazu, mit solcher Arbeit vor das frankfurter\nConcert-Publicum zu treten, dessen Sinn und Verstand an\nden edelsten und erhabensten Producten der Tonkunst\nseit vollen vierzig Jahren herangebildet worden?!\nEin weiterer Blick in das Innere dieser Schablonen-\nArbeit zeigt, dass der Chor die 28 Zeilen des so genann-\nten Vorspiels vierstimmig in flüchtigster Weise durchläuft,\ndass er ferner in der ersten Abtheilung bei den Worten:\n„Jagt die Wasser mit Gewalt\", einige imitatorischeScala-\nGänge nach der Höhe macht, dass er in der zweiten Ab-\ntheilung sich bis zu einem Fugato versteigt, und in der\ndritten einen Frühlingsgesang anstimmt; letzteren aber hat\nReferent nicht selber mehr gehört, denn schon hatte ihn\ndie tödlichste Langeweile aus den entweihten Hallen\nvertrieben.\nWie es der Componist mit der Factur der Chöre ge-\nhalten, so in gleicher W eise mit den Solostücken. Z. B.: In\nder ersten Abtheilung erscheint ein Arioso (Arien kommen\nnirgends vor) von 14 Textzeilen, ein Duett von 38, ein\nKlagegesang von 24 u. s. f. W ar es wohl mit so viel Text\n\nTrügen diese Chöre nicht einen hochberühmten Namen als Ver-\nfasser, keine Verlagshandlung würde sie umsonst in Druck ge-\ngeben haben."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2343, "texte": "möglich, einen organisch-gegliederten Bau aufzuführen? Kei-\nnesfalls; es lag dieses auch nicht in der Absicht, weil sich\nAlles „frei und natürlich ergiessen\" sollte. Fort mit den\n„hergebrachten Formen und Wendungen\", diesen Hemm-\nschuhen schöpferischer Geister! Fort mit dem contrapunk-\ntischen Bleigewicht, das sich an die Schwingen unserer\nPhantasie hängt!\nMit dieser Art und Weise, zu componiren, hat sich Herr\n.Mangold mit beiden Füssen auf den Boden der Zukunfts-\nmusik gestellt, als deren würdigen Genossen ihn in noch\nhöherem Grade die Ouvertüre und die ganze Orchestration\ndocumentiren, als dies selbst der sangliche Theil vermag.\nWilder Lärm ist ihre Charakteristik. Jede Ouvertüre des\nGrossmeisters dieses neuen Ordens ist im Vergleiche mit\ndem Ungethüm Mangold's, in welchem mehrere Motive\ngegen einander wüthen, ein zahmer Löwe.\nUeber den melodiösen Inhalt des Machwerkes wird\nes gerathen sein, eine andere Stimme sprechen zu lassen,\num nicht der Uebertreibung beschuldigt zu werden. Das\nConversations-Blatt vom 2-3. März äussert sich darüber in\nfolgenden Worten: „Wenn auch die Melodie, und zwar\ndie durchgeführte, zu den „ „hergebrachten Formen\"\" ge-\nhört, so ist es einem Zuhörer wohl zu verzeihen, wenn er\nin einem vier Stunden langen Oratorium, wo also ein anderer\nAfFect als der durch das Hören hervorgebrachte nicht ein-\ntreten kann, eine einfache, wohlklingende, durchgeführte\nMelodie, ja, selbst deren mehrere herbeiwünscht. Eine\nsolche sucht man aber in dem Frithiof vergebens. Es fin-\nden sich fast in jedem Theile mehrere über einander ge-\nordnete melodische Ansätze, die eine Weile hin und her\nschwanken und endlich verschwimmen; dabei wird dem\nZuhörer zu Muthe, als wenn ihm Jemand eine verwickelte\nBegebenheit erzählt und in dem Augenblicke, wo er die\nEntwicklung darlegen soll, ausruft;- „ „Ach, das habe ich\nnun rein vergessen!\"\"\nDem Componisten mag es zum Tröste gereichen, dass\nsein FYithiof von ungefähr 700 Leidtragenden in grösster\nStille zum Friedhofe geleitet worden. Requiescat in aeter-\nnum! Das schwere Convolut der Ueberreste von Papier\nwird wohl aber den anderen Ueberresten von demselben\nComponisten in der Hof-Bibliothek zu Darmstadt beige-\nsetzt werden und die Zeugnisse unablässiger Bemühungen\num das Conserviren der Tonkunst in nicht hergebrach-\nten Formen und Wendungen um eines vermehren.\n\nA. S."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-04-03-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-04-03_01#c005", "volume": "bmtnabi_1858-04-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "111", "page_fin": "112", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.1.7", "debut_caractere": 2345, "fin_caractere_exclue": 6054, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMö3ia« Frau Viardot-Garcia hat hier am 29. März im\nkleinen Saale des Gürzenich ein sehr besuchtes Concert gegeben und\nist auf dem Stadttheater am 30. als Rosine im Barbier von Se-\nvilla und am 31. als Donna Anna im Don Juan aufgetreten. Wir\nwerden auf die meisterhaften Leistungen der genialen Künstlerin\nzurückkommen.\nMeufiwie«!. In der letzten Vesper des Gesang-Vereins des\nMusik-Directors G. Flügel, der dem Vernehmen nach unserem\nLehrer-Seminar und der Stadt erhalten bleibt, griff Mozart's Mi-\nsericordias Domini, eine wahre Perle selbst unter den Mozart1 sehen\nCompositionen, gut in einander. Ausserdem wurden Stücke von Joli.\nMich. Hay dn, Bortni ans k y, Jo h. Eccard, W. Gäri cli und\n„Des Staubes eitle Sorgen\" von J. Haydn gesungen. Sämmtliche\nOrgel-Präludien waren von dem kürzlich verstorbenen F. Külimstedt.\n** Die Nachricht in Nr. 12 d. 81. von Ernen-\nnung des Herrn Louis Schlösser zum Hof-Capellmeister ist da-\nhin zu berichtigen, dass der Genannte bloss diesen Titel erhalten\nhat; denn functionirender Hof-Capellmeister ist allein Herr Sc hin*\ndelmeisser. Unsere kleine Residenz sieht nun nicht weniger\ndenn fünf Hof-Capellmeister in ihren Ringmauern. Die Geschichte\nihrer Creirung ist folgende. In den letzten Jahren der ober-capell-\nmeisterlichen Regierung Ludwig's I. (f 1830) ward dieser eines Ta-\nges von einer üblen Laune beschlichen, in Folge deren der functio-\nnirende Capellmeister Wilhelm Mangold seines Amtes enthoben\nund Herr Thomas ans Pult gesetzt wurde. Ludwig IL restituirte\nalsbald Herrn Mangold, und Herr Thomas trat mit gesicherten 2000\nGulden Jahrgehalt wieder in sein früheres Dunkel zurück, darin er\nnoch in gemüthlicher Ruhe lebt. Ueber zwanzig Jahre führte nun\nW. Mangold den Tactstock. Da beschleicht auch Ludwig 111. die\nüble Laune; er ruft Herrn Schindelmeisser ans Directionspult\nund empfiehlt Herrn Mangold (mit 2000 Gulden Jahrgehalt) Ruhe\nund ein beschauliches Leben. Vor 13 —l4 Jahren producirte sich\nHerr Dreyschock vor Ludwig 11. Hocherfreut von dessen Kunst,\nCiavier zu spielen, glaubte dieser Grossherzog ihn nicht besser als\nmit dem Titel eines grossherzoglieh hessischen Hof-Capellmeisters\nhonoriren zu können. Derselbe befindet sich gegenwärtig in unserer\nStadt.\nAQBS Se!fcwei*iaa. Das musicalische Leben unserer Resi-\ndenz hat seit der kräftigen und tüchtigen Leitung der Oper unseres\nHoftheaters durch den Herrn G. Aloys Schmitt einen wesentlichen\nund sehr vorteilhaften Umschwung erfahren. Denn abgesehen noch\nvon den Leistungen der Oper selbst, für welche die letzte Vorstel-\nlung des Tannhäuser am 26. März (Tannhäuser Herr Seyffart,\nWolfram Herr Andrd, Landgraf Herr Hinze, Elisabeth Fräulein\nBianclii und Venus Fräulein U brich) ein glänzendes Zeugniss\nablegte, ist es auch diesem energischen und jugendkräftigen Künst-\nler zuerst gelungen, ein tieferes und umfassenderes Interesse für\nConcertmusik hierorts zu erwecken. Vier grössere Abonnements-Con-\ncerte vereinigen in dieser Winter-Saison die gesammten Fähigkeiten\nder Mitglieder der grossherzoglichen Oper und des Orchesters, um\nin grösster Abwechslung nur Gediegenes und Tüchtiges vorzuführen,\nwobei vorzugsweise auf classische Musik Rücksicht genommen wird.\nMit diesen Abonnements-Concerten im Saafe des grossherzoglichen\nSchauspielhauses wechseln drei von Herrn A. Schmitt im Casino\nveranstaltete Soireen für Kammermusik, die im Verein mit den\nHerren Zahn und Fuhr (erste Violine und Cello) und den Herren\nSchmiedekampf und Petschwer, welche das Streich-Quartett\ncompletiren, mit den hervorragenden Tonschöpfungen dieses Genres\nbekannt machen. Das Programm der letzten (zweiten) Soiree war:\nQuartett (A-dur) von Beethoven, Capriccio fürs Piano von Mendel»-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "112", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5423, "texte": "söhn, Lied ohne Worte von Vollweiler und Saltarello von Steph.\nHeller (vorgetragen von Herrn A. Schmitt), Romanze (G-dur) von\nBeethoven für Violine, gespielt von Herrn Zahn, Quintett (Es-dur)\nvon R. Schumann, Bei einer so ausgebreiteten und erfolgreichen\nThatigkeit des Herrn Aloys Schmitt hat es allgemeine Theilnahme\ngefunden, dass demselben eine bei uns seltene Auszeichnung zu Tlieil\ngeworden. Der Grossherzog hat den Herrn Schmitt in Anerkennung\nseiner ausgezeichneten Leistungen zum „Hof-Capellmeister\" ernannt.\nErst Herrn A. Schmitt ist es gelungen, diese allgemein übliche Ti-\ntulatur bei uns einzuführen, indem der Opern-Dirigent bisher nur\nden bescheidenen Titel eines „Musik-Directors\" führte.\nfVavil&flirt a. M«, 27. März. (Quartett der Gebrüder\nMüller.) Die Herren Müller, Hof-Quartettisten des Herzogs von\nMeiningen und Söhne der altberühmten so genannten braunschweiger\nMüller, h iben am vergangenen Donnerstag eine Quartett-Production\nveranstaltet, der, wie wir hoffen, noch mehrere folgen werden. Sie\nstammen aus einer vortrefflichen Schule, der sie alle Ehre machen,\nspielen mit Präcision, Feuer und Gefühl, besonders in den zarteren\nStellen. Die Technik ist in schönstem Maasse gebildet, und die Stel-\nlen, welche virtuose Kräfte erheischen, werden von ihnen mit gros-\nser Leichtigkeit wiedergegeben. Damit jedoch der Wahrheit ihr Recht\nwerde, müssen wir Folgendes anführen: Es fehlt hier und da noch\ndie Ruhe, und ein gewisses Schwanken macht sich bemerkbar. Die-\nses rührt nicht etwa von technischer Unsicherheit her, sondern viel-\nleicht von einem künstlerischen Verlangen, nach allen Seiten hin\ngeistreich sein, in jede einzelne Stelle besonderen Ausdruck legen zu\nwollen. Einfache, durchweg klare Werke aber, wie das Mozart'sche\nQuartett, wo die oben erwähnte Richtung in dem ersten, dritten und\nvierten Satze hervortrat, vertragen das nicht, und es ergibt sich die\nGefahr, dass eben das ehrenwertheste Streben zum entgegengesetzten\nZiele führt. Auch müssen wir Manches gegen die Tempi einwenden.\nDer Menuett im Haydn'schen Quartett war offenbar zu schnell ge-\nnommen, eben so der letzte Satz, und wenn auch die meisterhafte\ntechnische Ausführung den stürmischen Beifall des Publicums her-\nvorrief, so kann dieses unser Urtheil nicht modificiren; denn es han-\ndelt sich bei der Quartettmusik nicht um momentane, sondern um\nnachhaltige Wirkung, und man darf dem Publicum von dem\nein grosser Tlieil noch zurückseufzt nach den schönen Tagen des\nCarnevals von Venedig keine Gelegenheit geben, in einem guten\nStücke das Virtuose über das Künstlerische zu stellen. Der Vortrag\nder Fuge im Beethoven'schen Quartette, dessen Andante alles Preises\nwerth wiedergegeben ward, litt ebenfalls und zwar sehr stark an\nUebereilung im Tempo. Die Passagen waren alle deutlich, aber der\nIdeengang musste bei einem derartigen Prestississimo unklar\nwerden. In dem zweiten Theile der Fuge und in jener Stelle, wo die\nharmonische Durchführung durch jene scharf mitten ins Thema tre-\ntenden Accorde entwickelt wird, kamen diese Accorde nie zur rech-\nten Zeit und klangen matt. \\\nWenn wir nun auf alle diese Einzelheiten eingegangen sind, so\ngeschah es nur, um den Herren Müller unsere Achtung und die Auf-\nmerksamkeit zu beweisen, mit der wir ihren Leistungen folgten.\nKünstler wie sie haben ein volles Recht auf Wahrheit; nur das Be-\ndeutende verträgt diese, das Unbedeutende wird in ihr erdrückt oder\nwas sehr oft geschieht schlüpft unter ihr weg.\nIch theile Ihnen obigen Auszug aus einem Referate im hiesigen\nConv.-Blatte mit, weil einerseits die Müller-Epigonen aufmun-\nternde Erwähnung verdienen, andererseits aber Ihre Zeitung fast\nnoch die einzige ist, die sich mit Energie und überzeugender, wenn\nauch leider nicht immer beherzigter Wahrheit der Misshandlung der\nclassischen Stücke durch Uebertreibung der Tempi entgegenstellt,\nund den vier Künstlern doch vielleicht die Warnung gut thut, wenn\nsie sie auch in der Niederrheinischen Musik-Zeitung lesen. Die Stu-\nfen vom Allegro bis zum Presto und Preslissimo scheinen diesem\nQuartette ganz unbekannt zu sein; man hört fast nur Adagio oder\nPrestissimo. Wie sehr das der Auffassung und Charakterzeichnung\nschadet, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. W.\nEine neue Oper Richard Wagner's. Die Nachricht, Ri-\nchard Wagner habe ausser den Nibelungen eine neue Oper vollendet\nund wolle sie zuerst in Prag aufführen, enthält, wie die Neue Zeit-\nschrift für Musik behauptet, einen doppelten Irrthum. Zunächst sind\nnämlich nicht die ganzen Nibelungen, sondern vor der Hand erst der\nVorabend und die zwei ersten Hauptabende (Rheingold, Walkyre\nund der junge Siegfried) fertig. Der letzte Abend (Siegfried's Tod)\nist noch zu componiren. Diese Arbeit hat Wagner allerdings dess-\nhalb verschoben, um vorher die Dichtung und Composition einer\nneuen Oper zu vollenden, deren Sujet vom Componisten geheim ge-\nhalten wird. Es ist aber ein zweiter Irrthum, dass jene neue Oper\nschon vollendet sei. Die Unmöglichkeit davon wird Jedem einleuch-\nten, wenn wir mittheilen, dass Wagner die Dichtung des Textes erst\nMitte August des vorigen Jahres begann. Von seiner enormen Pro-\nduetivität zeugt es aber, dass Wagner innerhalb vier Monate nicht\nnur die Dichtung des ganzen Textes, sondern auch die Composition\ndes ersten Actes bereits vollendete. Die weitere Arbeit wurde durch\nseine Reise nach Paris unterbrochen. Wo diese neue Oper zuerst\naufgeführt werden wird, ist noch gänzlich unbekannt"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "105", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie heilige Tonkunst. IV. Die ~Graner Messe\" von Liszt. Von Ed. H. Aus Frankfurt am Main (frithiof, Dramati-\nsches Gedicht nach Jesaias Tegner, bearbeitet und für Solo, Chor und Orchester componirt von Hof-Musik-Director C. A. Mangold). Von\nA. S. Tages- und Un ter h al tun g sbl att (Köln, Frau Viardot-Garcia Neuwied, Die letzte Vesper von G. Flügel Darmstadt,\nDie Hof-Capellmeister Aus Schwerin, Musikleben Frankfurt a. M., Quartett der Gebrüder Müller Neue Oper von R. Wagner).\n\nDie heilige Tonkunst.\nIV.\n(I. s. Nr. 11,11. u. 111. Nr. 13.)\nWie aus dem Verein der Figuration und Recitation\ndie hohe Kunstgestalt des Eccard'schen Festliedes erwuchs,\nso sind die späteren Kunstformen aus jenem gliedhaft ent-\nfaltet in Lied, Arie, Recitativ, Choral-Fuge, zusainmenge-\nl'asst im Motett, weiter ausgestaltet im Oratorium, umklei-\ndet mit kunstreichem Instrumentenspiel, dem als edelste\nZier das weitfaltige Gewand des Orgeltones sich gesellte.\nDas gänzlich freie Instrumentenspiel drang langsam vor,\nanfänglich nur im Vor- und Nachspiel der Orgel, dann\nam geselligen Clavicymbel ausgeübt. Die chromatisch\ngleichschwebende Temperatur, den überhand nehmenden\nTasten-Instrumenten nothwendig, half die Kirchen-Tonar-\nten zerstören, die Instrumentalität gewann neue eigenthüm-\nliche Kunstformen in dem langathmigen, phantastisch\nschweifenden Periodenbau, die einsame Schwelgerei des\nGemüthes fand ihren Ausdruck in der selbstständigen, prä-\nludirenden Phantasie. Diese Neuerungen berühren die\nkirchliche Kunst, wie sie von ihr berührt, ja, theilweise\nhervorgerufen sind. Denn nachdem das orthodoxe Kir-\nchenthum, die typischen Weisen conservativ festhaltend,\ndurch die pietistische, subjectiv verinnerlichte Schule\nbekämpft war, in welchem Kampfe beiderseits die zeitge-\nmässen rationalistischen Waffen schon zu blitzen be-\ngannen, da lös'te sich das liederfreudige Gemeindeleben,\nder evangelische Kirchengesang ward von den Führern\nder öffentlichen Meinung als ein veraltetes Erbstück ver-\nspottet. Hervorragt in der Polemik jener Zeit der Hambur-\nger Mattheson (von Riehl genannt „Fürst der Aesthe-\ntiker\"), der den Wahlspruch liebte: Universus mundus\nexercet histrionem und wenn Alles schauspielert, wie\nsollten wir's nicht thun? und brachte das Schauspiel in die\nKirche, allen weltlichen Schmuck der vocalen, instrumen-\ntalen und poetischen Zeitkünste hineintragend den Ge-\nsang der Gemeinde verachtend als die „schlichte Singw eise\nder Ungelehrten, mit faulen, kalten, schläfrigen Noten,\nchoral.ter, ohne Tact und ohne Zierath auf einfältige\nWeise hervorgebracht.\"\nDiese Worte zeigen, dass damals der rhythmische Ge-\nsang nicht mehr bräuchlich war und dass überhaupt der\nChoral als ein unförmliches, geringes Wesen für die ein-\nfältigen Ungeschickten nur noch zugelassen ward. Viel-\nmehr hatte die psalmodisch recitirende x\\rt, welche deut-\nliche Spuren des romanischen Calvinismus an sich trägt,\nsich vieler Orten schon festgesetzt, während wenige vom\nWeltgetriebe fernere Gemeinden die ursprüngliche Art\nlänger behielten. Jedenfalls entstand aus dieser Schwankung\ndas zerstreute, einheitlösende Wesen unseres modernen\nGesanges mit seinen hundertfältigen Varianten, jeder zu-\nfälligen Laune des Pastors, Cantors oder Schulmeisters\nnachgiebig. Nur die Lieder von geradem Rhythmus\n(Dupeltact) blieben meist unversehrt, weil sie dem durch\ndie französischen Tänze und Märsche gangbar gewordenen\ndurchsichtigen Rhythmus der verständigen Fassücjikeit am\nnächsten stehen. Daher sind die Weisen: „Nun danket\nalle Gott\", „Nun komm' der Heiden Heiland\", „Jesus,\nmeine Zuversicht\", „Liebster Jesu, wir sind hier\" -—noch\nheute meist unverändert die alten, dagegen die triplirten\noder wechselnden weit erheblicheren Aenderungen unter-\nlegen sind, z. B.: „Ein' feste Burg\", „Nun iob' mein Seel'\nden Herrn\", „Befiehl du deine Wege\", „Wie schön\nleucht't uns der Morgenstern\".\nUnd doch bleibt trotz feindlicher Zeitgewalt der Ge-\nmeindegesang bestehen, wenn auch krank, doch lebens-\nund genesungskräftig. Klopstock meinte durch die so\ngenannte Lieder-Besserung der Kirche die Lieder zu\nerhalten, die schon in Gefahr standen, der Zeitgesinnung\nzum Opfer hinausgeworfen zu werden. Klang auch in den\ngebesserten wie in* seinen eigenen Liedern das rednerische"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "106", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.1.2", "texte": "Pathos des mehr rationalistischen als mystischen Messias\nhindurch, doch blieb mit und durch sie der Gemeindege-\nsang ein unveräussertes Gut der deutschen Kirche, um so\nköstlicher, wenn man dagegen hält die Armuth Englands,\nFrankreichs und Hollands, denen das Kirchenlied niemals\nso tief gedrungen, so auch weit früher der ersten Schön-\nheit entfremdet ist.—Dass die Melodieen ebenfalls gerettet\nblieben, ist einerseits des Volkes eigener Zähigkeit, ande-\nrerseits der neuen Kunst zu danken, die in Sebastian\nBach ihren Gipfel erreicht.\nSein Verdienst ist um so mehr auch hier anzuerken-\nnen, weil eine angesehene, nicht ganz unbegründete Mei-\nnung ihn auch unter die Verstörer zählt. Gesteht man\nnämlich zu, dass S. Bach's Choräle, sowohl die für ge-\nwöhnlichen Kirchendienst bestimmten als in Cantaten und\nOratorien verwebten, manche Spuren seines Zeitalters tra-\ngen denn der moderne Rhythmus ist eingeführt, die\nFührung der Stimmen hat zuweilen etwas Instrumentales,\nOrgelhaftes, der rein kirchliche Ton kommt ins Gedränge\nmit dem zeitgemässen Kunstgesange —, so gewahrt der\naufmerksame Betrachter eben so unzweifelhaft Anklänge\no\nan das Ursprüngliche, einen Abglanz der Töne Luther's\nund Eccard's in der Handhabung der Kirchentöne und in\nder canonischen Figuration der Choralzeilen.\nDie Choral-Figuration, ein herrliches Stück deutscher\nArt und Kunst, ist in Meisters Hand ein leuchtendes Ge-\nschmeide, in der des ungeistlichen Nachbildners ein ge-\nfährliches Spielzeug. Bach pflegte auf der Orgel in Vor-\nund Nachspielen den Cantus firmus in seinen Haupttönen\ngewaltig klingen zu lassen, dazwischen die Melismen der\neinzelnen Zeilen gleichsam als Frage und Antwort oder er-\nweiterte Auslegung einzuweben. Bei den langgezogenen\nTönen des psalmodirenden Gesanges und den Ruhepunk-\nten (Fermaten) zwischen den Zeilen bildete sich das Be-\ndürfniss eines Zwischenspiels während der Verweilung,\ndoppelter oder gebrochener Accorde neben wiederholten\ngleichen Melodie-Tönen. Die Bach'sche Kunst in Vor-,\nZwischen- und Nachspiel war demnach in gutem Glauben\nbegonnen, um dem lleiligthume verklärend zu dienen; sie\nward in den Händen schwächerer Nachahmer ein Spiel\nder Eitelkeit, bald ein \\ irtuosen-Kunststück zur Zerstreu-\nung, bald eine triviale Ausfüllungs-Formel, deren Seele\nentflohen war. Desshalb ist in unserer Zeit, wo die Schön-\nheit der Liturgie neu zu gründen versucht wird, das regel-\nmässige Zwischenspiel mit Recht verworfen, wie es denn\nbei den ursprünglichen (rhythmischen) Tonweisen vollends\nunleidlich und unanwendbar bleibt. Dagegen eine Figu-\nration einleitend oder schließend zu bringen, ist nicht ta-\ndclnswerth, und die Bach'sehen Phantasieen voll edler\nSchönheit ganz aus unseren Kirchen zu verbannen, würde\nsehr ungerecht sein gegen den frommen Geist, der sie er-\nschallen. Die wahre Orgelkunst ist ein unschätzbares\nGut unserer Kirche, das wir uns Missbrauchs halber\nnicht rauben lassen.\nNeben dem Gemeindegesange erhob sich der Kunst-\ngesang zur dramatischen Darstellung heiliger Geschichte.\nDie Urgestalt des Oratoriums gehört der alten Kirche\nan, wo in einfacher Kürze die Passions-Historie durch den\nEvangelisten recitativisch vorgetragen, durch den Chor der\nTurba beantwortend umsungen ward. Am Ende des sie-\nbenzehnten Jahrhunderts hebt die neue Art an, bald dem\nBibelworte und Kirchenliede eng angeschlossen, bald mit\nfreien lyrischen Ergüssen durchzogen, gewöhnlich mit dem\neigentlichen Choral beginnend und schliessend. Die herr-\nlichen Denkmäler vollendeter heiliger Kunst: Händel's\nMessias und Bach's Matthäus, geben jedes in seiner Art\nKunde vom evangelischen Geiste. Händel's Tonbilder stel-\nlen überwiegend das Reich Gottes im Glänze der Erfüllung\ndar; die triumphirende Kirche ist der Kerngehalt seines\nKrön- und Lebenswerkes, das die ewige Jugend des fast\nscchszigjährigen Künstlers bezeugt; die Bilder der Pas-\nsion, des leidenvollen Erdenwandels treten zurück neben\nd3n Bildern der Herrlichkeit. Im Bach'sehen Matthäus\nist dagegen die Passion das Hauptbild, das tiefe, versöh-\nnende Leiden, der Kampf und Durchgang in dem „wun-\nderlichen Krieg, da Tod und Leben rungen\"; es treten\ndie dunklen Bilder, z. B.: „Lass ihn kreuzigen\", die tiefe\nBusse des „O Mensch, bewein' dein' Sünde gross\", die\ngöttlichen Zornesllammen am Tage der Kreuzigung, die\nTodtenklage am Grabe, am „meisten hervor, das Herz zu\nbewegen; doch blickt durch alle Dunkelheit das strahlende\nLicht des persönlich gegenwärtigen Heilandes (der in\nHändel's Messias nicht erscheint), tröstend, segnend, könig-\nlich spendend; mit besonders evangelischer Freude ist\nausgeführt das „Trinket Alle daraus\" und „Wahrlich,\ndieser ist Gottes Sohn gewesen\". Bedeutsam ist, dass die\nBach'sche Passion in Mollschliesst, Händel's Messias in\nDur. Wenn nun beide grosse Meister ihrer Kirche auf\neigenthümliche Weise gedient haben, so erscheint auf\nBach's Seite ein Uebergewicht in der wunderbaren All-\nsei t i g k ei t, womit er nicht nur alle Kunstformen beherrscht,\nsondern auch scheinbar entgegengesetzten Aufgaben ge-\nrecht wird; denn er hat nicht nur den evangelischen Cho-\nral in allen denkbaren Weisen einfach, figurirt, fugirt,\nthematisch, phantasirt bearbeitet, sondern auch mit\nWahrheit und Schönheit katholische Messen gesungen, die\nallen Glanz der alten Kirche in überweltlich triumphiren-\nder W eise verkünden, tiefsinniger als Palestrina, herzlicher\nals Gabrieli, weil das Evangelium der feste Grund seines\nHerzens war."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "107", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.1.3", "texte": "Dieser Gewaltige leuchtet als Stern in jener Zeit, die\nnur dem oberflächlichen Blicke als eine lieb-, herz- und\ngeistlose erscheint. Seine Wirkungen blieben der nächsten\nNachwelt fast verborgen, da im Zeitalter der wachsenden\nVerflachung kaum die gelehrten Künstler ihn kannten und\nstudirten; und doch ist aus Bach'scher Art und Kunst ein\nwesentlich Neues unmerklich hervorgegangen, was die\nWelt mit Leidenschaft sich aneignete; dies ist die Fort-\nbildung der Instrumentalität zu freier weltlicher\nTondichtung in phantastisch kühnen Darstellungen des Un-\naussprechlichen. Was die Italiäner hundert Jahre zuvor\nversuchsweise als Einleitung oder Verbrämung wagten,\nwas später in Frankreich, Deutschland und England zur\nErgötzlichkeit und Unterhaltung in Suiten, Ouvertüren,\nSonaten und Phantasieen spielend unternommen war, das\nwar ein schwaches Vorspiel zu der nunmehr ernst gemein-\nten Selb stständigkeit instrumentaler Tonbilder, die, von\nBach bis Beethoven vorzüglich durch deutsche Künstler\nausgebildet, die folgenreichste Umgestaltung alles Tonwe-\nsens bewirkten.\n\nDie „Graner Messe“ von Liszt.\n\nWien bekam am 22. und 23. März die grosse Fest-\nmesse zu hören, welche Liszt vor zwei Jahren zur Ein-\nweihung der neuen Kirche in Gran componirt hat. So-\nwohl die Enthusiasten als die wenigen Besonnenen, welche\nes damals versuchten, sich in diesem Feuerlärm Gehör zu\nverschaffen, hatten für oder wider es hauptsächlich\nauf das Moment der Religiosität abgesehen.\nUeber die innere Frömmigkeit eines Künstlers zu ur-\ntheilen, ist ein sehr schweres, bedenkliches Unternehmen.\nDie ästhetische Kritik ist keine Inquisition. Sie hält sich\nstreng an das Werk und bleibt des Grundsatzes eingedenk,\ndass die Kirchlichkeit eines Kunstwerkes und der subjective\nGlaube des Künstlers zwei sehr verschiedene Dinge sind.\nWenn von den modernen Musikern einem der Ruhm\nwahrer und strenggläubiger Frömmigkeit gebührt, so ist\nes gewiss Joseph Haydn. Die fromme Kindlichkeit, mit\nder er sich täglich auf die Kniee warf, Gott um erleuch-\ntenden Beistand anzullehen, mahnt als letzter schöner Ab-\nglanz an jene gottbegeisterten Maler und Sänger des Mit-\ntelalters, deren Kunstübung eigentlich nur ein werkthäti-\nges Beten war. Und dennoch ist die Unkirchlichkeit seiner\nMessen eben so zweifellos, wie die Echtheit seines Glau-\nV\nbens. Haydn's Messen stehen in ihrer weichen Anmuth\nschon fern von der Grossheit und Würde, die der alt-ita-\nliänischen Kirchenmusik innewohnte und von dem höchsten\nBegriffe des Gottesdienstes unzertrennlich bleibt. Eine sub-\njectiv unanfechtbare Frömmigkeit konnte also dennoch\nmusicalische Formen wählen, welche für die objective Ho-\nheit der Kirche nicht die zuträglichsten sind.\nWir können also Liszt immerhin für einen zweiten\nHaydn an Strenggläubigkeit halten und dabei die Kirch-\nlichkeit seiner graner Messe stark in Zweifel ziehen. Dem\nBannspruche der Liszt'schen Adepten sind wir damit na-\ntürlich anheimgefallen, insbesondere dem Verfasser der\n„musicalischen Pdichten'', der jeden Zweifler mit folgen-\nden Beweisen vernichtet: „Ist etwa der Geist, der in Liszt's\nFaust, Dante, Berg-Sinfonie, seiner Hunnenschlacht weht\n(lauter reine Instrumental-Compositionen!) nicht ein rein\nund specifisch katholischer? Ist er nicht jetzt be-\nschäftigt mit einer Legende, „Die heilige Elisabeth\"?\nHaben die Zeitungen nicht davon gesprochen, dass er ein\nOratorium „Salomo\" und eines „Christus\" zu schaf-\nfen gedenkt?!\"\nWenden wir uns von diesen Oratorien in partibus zu\nder wirklichen graner Messe.\nDie Religiosität, ja, selbst die Kirchlichkeit einer Mu-\nsik in gewissen traditionellen Formen zu suchen, davon\nsind wir sehr weit entfernt, so beachtenswerth uns auch\ndie Tradition gerade bei Kunstwerken erscheint, welche\nder katholischen Kirche dienen. Indess bleibt es richtig,\ndass der vorzugsweise für die Kirche verwandten contra-\npunktischen und fugirten Schreibart nichts specifisch Reli-\ngiöses nachweisbar ist, noch weniger den süsslich-melodiö-\nsen Wendungen, welche durch die ununterbrochene Nach-\nahmung Mozart's und Haydn's gegenwärtig in den Kirchen\nherrschen. Auch wir sind mit den Verfechtern der graner\nMesse in dem Punkte vollkommen einverstanden, dass es\nauf den Geist der Religiosität ankomme, der ein solches\nWerk durchdringen soll, und nicht auf bestimmte Aus-\ndrucksformeln.\nAngenommen, Beethoven hätte das Adagio aus seiner\nneunten Sinfonie in eine grössere Kirchenmusik aufgenom-\nmen, so würde man sich wohl Anfangs überrascht, aber\ngewiss alsbald von dem seligen, verklärten Frieden erho-\nben fühlen, dessen Geist diese Musik zum wahren Gebete\nmacht.\nVom religiösen Geiste, von der Heilkraft des Gebetes,\nvon der Segnung der Kirche werden wir hingegen in einer\nMusik kaum etwas erkennen, die das ganze Wirrsal\nmenschlicher Leidenschaften absichtlich aufstört und mit\nvollendetem Raffinement die irdische Unruhe und Zerris-\nsenheit feiert. Sei Liszt noch so andächtig gewesen beim\nComponiren, welcher Mensch könnte es sein beim Anhö-\nren dieser Messe? Welches Gemüth vermöchte durch diese\nTöne sich zu Gott gehoben zu fühlen, gestärkt und\nversöhnt ?"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.1.4", "texte": "Man hat die „dramatische\" Behandlung des Mess-\ntextes durch Liszt als neu und bedeutend hervorgehoben.\nSie ist in der That dramatisch im Sinne Meverbeer's und\n%)\nWagner's.\nWenn in der Waffenweihe der „Hugenotten\", in den\nVenusberg-Scenen des „Tannhäuser\" u. dgl. die grellsten\nFarben, die schreiendsten Contraste gegen einander gespannt\nwerden, so rechtfertigt man sie eben mit dem „dramati-\nschen\" Zwecke. Situationen, die vor unseren Augen die\nGräuel der Geschichte und die Qualen der Leidenschaft\nausbreiten, erheischen auch die schärfsten Waffen, mit de-\nnen die Musik zu zerfleischen vermag. In der Kirche wol-\nlen wir uns nicht zerfleischt, sondern in unserm Gott ver-\nsöhnt fühlen.\nLiszt's Messe wirkt mit den grellen, falschen Contrasten\nMeyerbeer's und Wagner's. Das von Wagner (nach Ber-\nlioz' Vorgange) eingeführte Tremoliren getheilter Violinen\nin den höchsten Chorden repräsentirt meist das Wunder-\nbare; die rohe Gewalt des Blechs das Erhabene; das My-\nstische endlich feiert seine Räthsel in den peinlichsten Disso-\nnanzen und Accordfolgen, welche nur blasirtes Raffinement\nersinnen kann. Liszt's Messe hat Stellen, gegen welche die\nentsetzlichen Accordreihen in der Dom-Scene des „Pro-\n\\\npheten\" beschämt zurücktreten. Indess selbst über grelle\nEinzelheiten, über die zeitweilige Tortur der Gehörsner-\nven, ja, über die vollständige Meyerbeerisirung der Pas-\nsionsgeschichte vermöchte man vielleicht sich hinwegzuhel-\nfen, fühlte man durch das Ganze den warmen Athemzug\nreligiöser Empfindung wehen. Allein die grübelnde Re-\nflexion schaut mit stechend grauen Augen aus jedem Tact\nheraus. Sie ist der heilige Geist, der diese Messe schuf.\nUeber das religiöse Gefühl des Componisten, wir\nwiederholen es ausdrücklich, hegen wir nicht den minde-\nsten Zweifel; allein sein Werk spiegelte uns wie eine\nFata morgana das Bild eines lebhaften und geistreichen\nMannes vor, der sich in den Messtext vertieft, ungefähr\nwie Dawison in das Manuscript irgend einer bedeutenden,\naber vor ihm längst abgespielten Rolle. Das feine, unter-\nnehmende Lächeln scheint zu sagen: „Es wäre doch selt-\nsam, wenn es für diese Rolle nicht auch eine Auffassung\ngäbe, die von allen bisherigen völlig abweicht sehr selt-\nsam, wenn sich nicht eine Unzahl geistreicher Pointen her-\nausfinden liesse, an die bisher kein Mensch gedacht.\"\nWir haben wirklich von derlei Künstlern Rollen ge-\nsehen, die, voll geistreicher Blitze, doch das Bild kaum\nmehr erkennen Hessen, das der Dichter damit verband.\nLiszt's Messe ist eine solche Leistung. Warum sollte ihn\nseine Bildung nicht befähigen, Neuerungen zu bringen,\nauf welche das blosse musicalische Talent, und sei es das\nreichste, nicht verfällt? Warum sollte ein Mann, der mit\nliterarischen, philosophischen, ja, theologischen Kenntnissen\nan die Composition einer Messe geht, darin nickt Ideen\nniederlegen können, an welche der Verstand und die Bil-\ndung seiner Vorgänger niemals reichte?\nIn der That, leichtfertig ist Liszt nicht an dieses Werk\ngegangen. Er hat sich in die Bedeutung des Messtextes so\nernstlich vertieft, dass ihm fast jedes Wort eine eigentüm-\nliche Bedeutung, einen verborgenen Zusammenhang ent-\nhüllte.\nDas Wort wurde ihm im höchsten Grade wichtig,\nund in dem Eifer, es genau zu interpretiren, zeigt sich\nLiszt gewisser Maassen begeistert, am Glauben also, wenn\nauch nicht von demselben.\nMit dem grübelnden Eifer eines Theologen übersetzt\nLiszt die verborgene Bedeutung jedes einzelnen Wortes in\neine entsprechende musicalische „Intention\". Wir entsin-\nnen uns kaum eines Werkes, in dem diese moderne Muse,\ndie „Intention\", so unumschränkt regiert hätte. Auf jede\nSylbe legt sie ihre dürre Hand, und wo sich sonst duftige\nVeilchen wiegten, da entsteigt nun gespensterbleich der\ntödliche Baum der Erkenntniss*).\nLiszt hatte für die Grundzüge dieser Auffassung ein\nhochbedeutendes und gefährliches Vorbild in Beetho-\nven's zweiter Messe. In der That haben die beiden Werke\nmehr mit einander gemein, als die Tonart D-dur. Auch\nBeethoven's riss den Kirchenstyl aus seinen bis-\nherigen Formen in eine gewaltige, aber phantastische Re-\ngion, für welche die irdischen Bedingungen des Gottes-\ndienstes keinen Raum boten.\nBeethoven's musicalischer Genius konnte indessen\nvon den versengenden Strahlen der „Intention\" wohl zeit-\nweise gestreift, niemals aber zu Boden gezwungen werden.\nWelche musicalische Entschädigung aber bietet Liszt's\nMesse für die getäuschten Hoffnungen der Andacht? Soll\nder rein musicalische Genuss der überwiegende, und der\nHörer mehr Künstler sein, als Christ? Fast scheint dieses\nder Ansicht des Componisten selbst zu begegnen, da er es\nvorzog, die Messe nicht in der Kirche, wohin sie gehört,\nsondern ganz concertmässig im grossen Redoutensaale auf-\nzuführen.\nVieles von dem ungünstigen Eindrucke würden wir\nauf diese concertmässige Einkleidung schieben, wären wir\nnicht so begünstigt gewesen, die graner Messe auch in der\nüomkirche zu Prag zu hören. Während wir aber dort\n\n*) Dass wir nicht eine dem Componisten fremde Auffassung un-\nterlegen, beweisen wohl schon die äusseren Vorbereitungen,\ndem Hörer das „Verständniss\" zugleich mit dem Programm in\ndie Hand zu drücken. Die Vertheilung des Messtextes (mit\netwas Exegese) unter ein rein katholisches Publicum wird Man-\nchem wunderlich vorgekommen sein."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "109", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.1.5", "texte": "dachten, sie müsste im Conccrtsaale jedenfalls gewinnen,\nso sehnte sich im grossen Redoutensaale unser wankelmü-\nthigesOhr wieder nach der Kirche. Die gothischen Hallen,\ndie glasgemalten Fenster, der Weihrauchdult, kurz: die\nHeiligkeit des Ort es lieh doch auch der graner Messe\netwas von der Stimmung, die wir in der Musik allein\nhier nimmermehr entdecken konnten.\nNicht als ob sie durch Trivialitäten der Melodie oder\ndes Rhythmus gegen die kirchliche Würde verstiesse. Der\nTon höchsten Ernstes ist durchaus festgehalten. Allein nir-\ngends kommt eine Stimmung zur wahrhaften Ausprägung.\nW ir werden durch lauter Anfänge, Fragmente, Anregun-\ngen und Contraste rastlos weiter getrieben, ohne zur Samm-\nlung irgend Zeit zu gewinnen. Die geistreichsten Pointen\nkönnen uns für die Ruhelosigkeit des Ganzen nicht ent-\nschädigen. Hin und wieder tauchen freundlichere, klare\nStellen auf, wie im Agnus Dund welche\nuns überhaupt als die einheitlichsten und gesammeltsten\nMusikstücke des Ganzen erschienen; doch lange bleibt die\nFreude nicht ungetrübt. Der Hörer wird jeden Augenblick\ndurch einen gesuchten Contrast aus der Stimmung geris-\nsen. Geht er näher darauf ein, so findet er wahrscheinlich\neine sinnreiche Motivirung, eine jener thematischen Anspie-\nlungen, die Wagner in Schwang gebracht, oder ähnliche\nBeziehungen; allein der Total-Eindruck, den er mitnimmt,\nwird desshalb kein anderer. Von den zwei Begriffen, die\ndas Wort „Kirchenmusik\" bilden, gelangt .bei Liszt\nweder der eine noch der andere, am wenigsten beide, zu\nschöner Wirklichkeit. Fast möchten wir auf diese Messe\nein strenges Wort Schumanns über eine Oper Meyer-\nbeer's anwenden: „sie sei der Angstschrei eines von den\nForderungen der Zeit aufs äusserste gequälten Talentes.\"\nSo steht uns die graner ..Messe\" fremdartig entgegen: halb\nOper, halb theologische Abhandlung. Wir würden indess\num den Namen nicht streiten, unter welchem uns ein\nKunstwerk von reicher musicalischer Erfindung gebo-\ntenwürde. Damit ist es jedoch in der graner Messe bestellt,\nwie in Liszt's grösseren Compositionen überhaupt.\nDas Rühmenswerthe und Anziehende des Werkes ruht\nin den einzelnen durch Reflexion vermittelten Pointen, sei\nes der Text-Auffassung, sei es des musicalischen Effectes.\nHier liess sich von Liszt's Geist und Bildung eine Reihe\nfeiner Apercus erwarten, und er hat diese Erwartung auch\nin jedem Satze reichlich erfüllt. Einige Mittheilungen über\ndie hervorragendsten Einzelheiten der „Graner Messe\" be-\nhalten wir uns für einen zweiten Aufsatz vor.\nDiesmal nur noch eine Bemerkung. Fast alle länge-\nren, insbesondere apologetischen Besprechungen der gra-\nner Messe., die uns zu Gesicht kamen, beginnen mit einer\nausführlichen Geschichte der Kirchenmusik. Die grossar-\ntigsten und höchsten Entwicklungen der wer-\nden dabei natürlich zu Vorstufen für die Liszt'sche Messe\nherabgesetzt, welche an die Stelle des „ohnehin abgeleb-\nten\" Alten einen neuen Kirchenstil, und zwar den für die\nGegenwart allein zusagenden aufgerichtet habe. Dassman\nauch der Kirchenmusik gegenüber, deren Blüthezeit tief\nin der Vergangenheit liegt, diese sonst wohlbekannte\nSprache führt, scheint uns etwas stark. Wenn unserer Zeit,\nwie eingeräumt wird, die kindliche Frömmigkeit und Got-\ntesfurcht abhanden gekommen sind, in welcher die alten\nMeister schufen, so sind doch Gottlob ihre Werke nicht mit\nabhanden gekommen. In ihnen allein ist—noch für lange\nZeit das Heil der Kirchenmusik zu suchen.\nNur zwei geschichtliche Bildungen der heiligen Musik\nentsprechen vollkommen der hohen und ernsten Bedeutung\ndes Gottesdienstes: die Kirchenmusik der alten Italiäner\n(römische und venetianische Schule) und der älteren Deut-\nschen (Eckart, IL Schütz, S. Bach).\nSo lange nicht ein erneutes religiöses Leben auch die\nKunst wahrhaft befruchtet und mit ursprünglicher Kraft\n(nicht mit reflectirendem Witz selbst sich neue Formen\nschafft, wird der moderne Kirchen-Componist am besten\nthun, sich in jene Ausdrucksweisen zu versenken, aus wel-\nchen mit nie erreichter Innigkeit Gottesliebe und Gottes-\nfurcht spricht. Nicht jedes Zeitalter darf jede Mission über-\nnehmen wollen.\nSavigny hat bekanntlich unserer Zeit den Beruf zur\nGesetzgebung abgesprochen. Der Beruf, eine neue Kirchen-\nmusik zu schaffen, fehlt ihr noch weit mehr.\nWien, den 25. März 1858.\n\nEd. H.\n\nAus Frankfurt am Main.\n\n[Frithiof, Dramatisches Gedicht nach Jesaias Tegner, mit Be-\nnutzung der Uebersetzungen von Mohnike und Ä. von Helvig, bear-\nbeitet und für Solo, Chor nnd Orchester componirt von C. A.\nMangold, grossherzoglich hessischem Hof-Musik-Director ]\nIst es auch eine höchst unerquickliche Arbeit\nvielleicht auch eine höchst nutzlose—, über dieses ausge-\ndehnte Werk der Kunst, das aus drei Abtheilungen nebst\neinem Vor- und einem Nachspiel besteht, etwas für diese\nBlätter niederzuschreiben, so mahnt doch eine höhere\nPflicht, sich ihrer zu unterziehen. Die Aufführung fand am\n20. März unter Leitung des Herrn Rühl mit seinem Ge-\nsang-Vereine und dem Theater-Orchester Statt. Die Soli\nwurden gesungen von Fräul. Veith, den Herren Bau-\nmann, Hill, Leser und Zimmermann. Mit diesen Kräf-\nten ist alles Erforderliche und Mögliche zur Verlebendi-\ngung des Werkes geschehen."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.1.6", "texte": "Nach dem Beispiele anderer moderner Componisten\nhat auch Herr Mangold für gut gefunden, eine „Vorbe-\nmerkung zum Textbuche\" vorausgehen zu lassen, um seine\nZuhörer auf den Standpunkt zu erheben, sein Werk rich-\ntig aufzufassen. Aus dieser Vorbemerkung seien zunächst\ndie letzten Sätze hier angeführt, da sie die Quintessenz für\njene enthalten, denen das Glück nicht zu Theii werden\ndürfte, mit eigenen Ohren zu hören. Es heisst dort: „Dem\nComponisten schwebte Göthe's Iphigenia bei der Dar-\nstellung des Antiken im modernen Sinne, d. h. für unsere\nZeit verständlich, als Muster vor. [?!] Er begann das Werk\n1851, er beendete dasselbe (nach mehreren Umarbeitun-\ngen) im Sommer 1857, belebt von der Hoffnung, etwas\nzu schaffen, was durch poetisch-musicalischen Gehalt in\nseinen Theilen wie im Ganzen vielleicht im Stande wäre,\nden Gebildeten anzuziehen, zu fesseln und nicht unbefrie-\ndigt zu lassen.\"\nUm aber unsere Leser auf den Standpunkt zu stellen,\nsich von dieser Composition einen ungefähren Begriff zu\nmachen, da sie nun gehört, dass dem Componisten Göthe's\nIphigenia als Muster vorgeschwebt, wird erforderlich, durch\nein Beispiel aus dem Textbuche zu zeigen, wie Herr Man-\ngold scandirt, folglich auch declamirt:\nW W VJ\nAlle Schreckens-Mächte schreiten;\nW v_y\nBestrafe frechen Uebermuth;\nWWW\nWir begrüssen dich sonst; Odin's Auge\nO köstliche Zeit, schenkt Eurem u. s. f.\nNicht wahr, ganz in derselben Weise radebrecht\nauch Göthe in der Iphigenia die Sprache?\nUm nach diesem Specimen der Wissbegierde der Le-\nser entgegen zu kommen, wie es mit dem Bau fast sämmt-\nlicher Chöre (dem „Schwerpunkt\" des Werkes) und auch\nder Solostücke aussieht, bedarf es bloss der Erinnerung an\nMendelssohn s Chöre zu Athalia. Wir kennen den Aller-\nhöchsten Belehi, dem zufolge Mendelssohn zur musicali-\nschen Bearbeitung jener langgestreckten, ungefügigen\n\\erse veranlasst worden. Hören wir aber diese Chöre an\ndem Orte, für den sie bestimmt, so wird uns ihre Unform\nwenig oder gar nicht verletzen (so gleichfalls die Mehrzahl\nder Chöre zur Antigone); im Gegentheil werden wir das\nbloss recitirende Durchlaufen von Zeile zu Zeile ge-\nrechtfertigt finden, da wir den Chor in steter Betheiligung\nan der Handlung sich bewegen sehen. Der Scene aber\nentzogen und in den Concertsaal gebracht, wird jeder Mu-\nsikgebildete diese Chöre verwünschen, weil sie hier Cha-\nrakter und Bedeutung verloren haben und mehr als bloss\nlangweilen. In den Concertsaal bringt der Musikgebildete\nden Begriff mit, den er aus dem Studium oder bloss durch\nvieles Hören der Chöre von Bach, Händel, Mozart, Haydn\nu. A. erworben, jede formlose Mache wird er für Unsinn\nerklären. Darum hätten die Chöre zu Athalia nicht veröf-\nfentlicht werden sollen, um sowohl sie vor unrechtem Ge-\nbrauche zu wahren, als auch, um damit kein Beispiel zur\nNachahmung zu geben*). Dieses liegt in Mangold's Werke\nvor uns. Er selber leitet unsere Erinnerung an dieses\nsein Prototyp in der „Vorbemerkung\" mittels der Worte:\n„Unbekümmert um hergebrachte Formen und\nWendungen, sollte sich der musicalische Strom\nIrei und natürlich ergiessen.\" Ja wohl, er ergiesst\nsich wirklich frei und natürlich. Schon die Misshandlun«\nder Sprache gibt Zeugniss davon.\nIn derselben Weise, wie Mendelssohn seinen Text\ndurchläuft, ohne an ein Verweilen bei einigen Zeilen Be-\nhufs eines organisch-gegliederten Baues zu denken (weil\nnicht zweckentsprechend), so durchläuft Mangold, oft mit\nunerhörter Flüchtigkeit, seinen Text, dass sogar das Nach-\nlesen zuweilen schwer wird; und in derselben Weise, wie\nMendelssohn seine Chöre häufig unisono recitiren lässt und\nnur an einzelnen Stellen oder bei Einschnitten die Stim-\nmen harmonisch vertheilt, eben so Herr Mangold mit\ndem Unterschiede jedoch, dass dort bloss der Männerchor,\nhier aber ein gemischter recitirt. In solcher Weise fortge-\nfahren, gestaltet sich dieser „Frithiof\" zu einer Schablo-\nnen-Arbeit, dergleichen niemals noch da gewesen, d. h.\ndergleichen für den Concertsaal verfertigt worden.\nWelch ein Grad von Muth, Zuversicht oder Verblendung\ngehört wohl dazu, mit solcher Arbeit vor das frankfurter\nConcert-Publicum zu treten, dessen Sinn und Verstand an\nden edelsten und erhabensten Producten der Tonkunst\nseit vollen vierzig Jahren herangebildet worden?!\nEin weiterer Blick in das Innere dieser Schablonen-\nArbeit zeigt, dass der Chor die 28 Zeilen des so genann-\nten Vorspiels vierstimmig in flüchtigster Weise durchläuft,\ndass er ferner in der ersten Abtheilung bei den Worten:\n„Jagt die Wasser mit Gewalt\", einige imitatorischeScala-\nGänge nach der Höhe macht, dass er in der zweiten Ab-\ntheilung sich bis zu einem Fugato versteigt, und in der\ndritten einen Frühlingsgesang anstimmt; letzteren aber hat\nReferent nicht selber mehr gehört, denn schon hatte ihn\ndie tödlichste Langeweile aus den entweihten Hallen\nvertrieben.\nWie es der Componist mit der Factur der Chöre ge-\nhalten, so in gleicher W eise mit den Solostücken. Z. B.: In\nder ersten Abtheilung erscheint ein Arioso (Arien kommen\nnirgends vor) von 14 Textzeilen, ein Duett von 38, ein\nKlagegesang von 24 u. s. f. W ar es wohl mit so viel Text\n\nTrügen diese Chöre nicht einen hochberühmten Namen als Ver-\nfasser, keine Verlagshandlung würde sie umsonst in Druck ge-\ngeben haben."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.1.7", "texte": "möglich, einen organisch-gegliederten Bau aufzuführen? Kei-\nnesfalls; es lag dieses auch nicht in der Absicht, weil sich\nAlles „frei und natürlich ergiessen\" sollte. Fort mit den\n„hergebrachten Formen und Wendungen\", diesen Hemm-\nschuhen schöpferischer Geister! Fort mit dem contrapunk-\ntischen Bleigewicht, das sich an die Schwingen unserer\nPhantasie hängt!\nMit dieser Art und Weise, zu componiren, hat sich Herr\n.Mangold mit beiden Füssen auf den Boden der Zukunfts-\nmusik gestellt, als deren würdigen Genossen ihn in noch\nhöherem Grade die Ouvertüre und die ganze Orchestration\ndocumentiren, als dies selbst der sangliche Theil vermag.\nWilder Lärm ist ihre Charakteristik. Jede Ouvertüre des\nGrossmeisters dieses neuen Ordens ist im Vergleiche mit\ndem Ungethüm Mangold's, in welchem mehrere Motive\ngegen einander wüthen, ein zahmer Löwe.\nUeber den melodiösen Inhalt des Machwerkes wird\nes gerathen sein, eine andere Stimme sprechen zu lassen,\num nicht der Uebertreibung beschuldigt zu werden. Das\nConversations-Blatt vom 2-3. März äussert sich darüber in\nfolgenden Worten: „Wenn auch die Melodie, und zwar\ndie durchgeführte, zu den „ „hergebrachten Formen\"\" ge-\nhört, so ist es einem Zuhörer wohl zu verzeihen, wenn er\nin einem vier Stunden langen Oratorium, wo also ein anderer\nAfFect als der durch das Hören hervorgebrachte nicht ein-\ntreten kann, eine einfache, wohlklingende, durchgeführte\nMelodie, ja, selbst deren mehrere herbeiwünscht. Eine\nsolche sucht man aber in dem Frithiof vergebens. Es fin-\nden sich fast in jedem Theile mehrere über einander ge-\nordnete melodische Ansätze, die eine Weile hin und her\nschwanken und endlich verschwimmen; dabei wird dem\nZuhörer zu Muthe, als wenn ihm Jemand eine verwickelte\nBegebenheit erzählt und in dem Augenblicke, wo er die\nEntwicklung darlegen soll, ausruft;- „ „Ach, das habe ich\nnun rein vergessen!\"\"\nDem Componisten mag es zum Tröste gereichen, dass\nsein FYithiof von ungefähr 700 Leidtragenden in grösster\nStille zum Friedhofe geleitet worden. Requiescat in aeter-\nnum! Das schwere Convolut der Ueberreste von Papier\nwird wohl aber den anderen Ueberresten von demselben\nComponisten in der Hof-Bibliothek zu Darmstadt beige-\nsetzt werden und die Zeugnisse unablässiger Bemühungen\num das Conserviren der Tonkunst in nicht hergebrach-\nten Formen und Wendungen um eines vermehren.\n\nA. S.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMö3ia« Frau Viardot-Garcia hat hier am 29. März im\nkleinen Saale des Gürzenich ein sehr besuchtes Concert gegeben und\nist auf dem Stadttheater am 30. als Rosine im Barbier von Se-\nvilla und am 31. als Donna Anna im Don Juan aufgetreten. Wir\nwerden auf die meisterhaften Leistungen der genialen Künstlerin\nzurückkommen.\nMeufiwie«!. In der letzten Vesper des Gesang-Vereins des\nMusik-Directors G. Flügel, der dem Vernehmen nach unserem\nLehrer-Seminar und der Stadt erhalten bleibt, griff Mozart's Mi-\nsericordias Domini, eine wahre Perle selbst unter den Mozart1 sehen\nCompositionen, gut in einander. Ausserdem wurden Stücke von Joli.\nMich. Hay dn, Bortni ans k y, Jo h. Eccard, W. Gäri cli und\n„Des Staubes eitle Sorgen\" von J. Haydn gesungen. Sämmtliche\nOrgel-Präludien waren von dem kürzlich verstorbenen F. Külimstedt.\n** Die Nachricht in Nr. 12 d. 81. von Ernen-\nnung des Herrn Louis Schlösser zum Hof-Capellmeister ist da-\nhin zu berichtigen, dass der Genannte bloss diesen Titel erhalten\nhat; denn functionirender Hof-Capellmeister ist allein Herr Sc hin*\ndelmeisser. Unsere kleine Residenz sieht nun nicht weniger\ndenn fünf Hof-Capellmeister in ihren Ringmauern. Die Geschichte\nihrer Creirung ist folgende. In den letzten Jahren der ober-capell-\nmeisterlichen Regierung Ludwig's I. (f 1830) ward dieser eines Ta-\nges von einer üblen Laune beschlichen, in Folge deren der functio-\nnirende Capellmeister Wilhelm Mangold seines Amtes enthoben\nund Herr Thomas ans Pult gesetzt wurde. Ludwig IL restituirte\nalsbald Herrn Mangold, und Herr Thomas trat mit gesicherten 2000\nGulden Jahrgehalt wieder in sein früheres Dunkel zurück, darin er\nnoch in gemüthlicher Ruhe lebt. Ueber zwanzig Jahre führte nun\nW. Mangold den Tactstock. Da beschleicht auch Ludwig 111. die\nüble Laune; er ruft Herrn Schindelmeisser ans Directionspult\nund empfiehlt Herrn Mangold (mit 2000 Gulden Jahrgehalt) Ruhe\nund ein beschauliches Leben. Vor 13 —l4 Jahren producirte sich\nHerr Dreyschock vor Ludwig 11. Hocherfreut von dessen Kunst,\nCiavier zu spielen, glaubte dieser Grossherzog ihn nicht besser als\nmit dem Titel eines grossherzoglieh hessischen Hof-Capellmeisters\nhonoriren zu können. Derselbe befindet sich gegenwärtig in unserer\nStadt.\nAQBS Se!fcwei*iaa. Das musicalische Leben unserer Resi-\ndenz hat seit der kräftigen und tüchtigen Leitung der Oper unseres\nHoftheaters durch den Herrn G. Aloys Schmitt einen wesentlichen\nund sehr vorteilhaften Umschwung erfahren. Denn abgesehen noch\nvon den Leistungen der Oper selbst, für welche die letzte Vorstel-\nlung des Tannhäuser am 26. März (Tannhäuser Herr Seyffart,\nWolfram Herr Andrd, Landgraf Herr Hinze, Elisabeth Fräulein\nBianclii und Venus Fräulein U brich) ein glänzendes Zeugniss\nablegte, ist es auch diesem energischen und jugendkräftigen Künst-\nler zuerst gelungen, ein tieferes und umfassenderes Interesse für\nConcertmusik hierorts zu erwecken. Vier grössere Abonnements-Con-\ncerte vereinigen in dieser Winter-Saison die gesammten Fähigkeiten\nder Mitglieder der grossherzoglichen Oper und des Orchesters, um\nin grösster Abwechslung nur Gediegenes und Tüchtiges vorzuführen,\nwobei vorzugsweise auf classische Musik Rücksicht genommen wird.\nMit diesen Abonnements-Concerten im Saafe des grossherzoglichen\nSchauspielhauses wechseln drei von Herrn A. Schmitt im Casino\nveranstaltete Soireen für Kammermusik, die im Verein mit den\nHerren Zahn und Fuhr (erste Violine und Cello) und den Herren\nSchmiedekampf und Petschwer, welche das Streich-Quartett\ncompletiren, mit den hervorragenden Tonschöpfungen dieses Genres\nbekannt machen. Das Programm der letzten (zweiten) Soiree war:\nQuartett (A-dur) von Beethoven, Capriccio fürs Piano von Mendel»-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "112", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580403-01.1.8", "texte": "söhn, Lied ohne Worte von Vollweiler und Saltarello von Steph.\nHeller (vorgetragen von Herrn A. Schmitt), Romanze (G-dur) von\nBeethoven für Violine, gespielt von Herrn Zahn, Quintett (Es-dur)\nvon R. Schumann, Bei einer so ausgebreiteten und erfolgreichen\nThatigkeit des Herrn Aloys Schmitt hat es allgemeine Theilnahme\ngefunden, dass demselben eine bei uns seltene Auszeichnung zu Tlieil\ngeworden. Der Grossherzog hat den Herrn Schmitt in Anerkennung\nseiner ausgezeichneten Leistungen zum „Hof-Capellmeister\" ernannt.\nErst Herrn A. Schmitt ist es gelungen, diese allgemein übliche Ti-\ntulatur bei uns einzuführen, indem der Opern-Dirigent bisher nur\nden bescheidenen Titel eines „Musik-Directors\" führte.\nfVavil&flirt a. M«, 27. März. (Quartett der Gebrüder\nMüller.) Die Herren Müller, Hof-Quartettisten des Herzogs von\nMeiningen und Söhne der altberühmten so genannten braunschweiger\nMüller, h iben am vergangenen Donnerstag eine Quartett-Production\nveranstaltet, der, wie wir hoffen, noch mehrere folgen werden. Sie\nstammen aus einer vortrefflichen Schule, der sie alle Ehre machen,\nspielen mit Präcision, Feuer und Gefühl, besonders in den zarteren\nStellen. Die Technik ist in schönstem Maasse gebildet, und die Stel-\nlen, welche virtuose Kräfte erheischen, werden von ihnen mit gros-\nser Leichtigkeit wiedergegeben. Damit jedoch der Wahrheit ihr Recht\nwerde, müssen wir Folgendes anführen: Es fehlt hier und da noch\ndie Ruhe, und ein gewisses Schwanken macht sich bemerkbar. Die-\nses rührt nicht etwa von technischer Unsicherheit her, sondern viel-\nleicht von einem künstlerischen Verlangen, nach allen Seiten hin\ngeistreich sein, in jede einzelne Stelle besonderen Ausdruck legen zu\nwollen. Einfache, durchweg klare Werke aber, wie das Mozart'sche\nQuartett, wo die oben erwähnte Richtung in dem ersten, dritten und\nvierten Satze hervortrat, vertragen das nicht, und es ergibt sich die\nGefahr, dass eben das ehrenwertheste Streben zum entgegengesetzten\nZiele führt. Auch müssen wir Manches gegen die Tempi einwenden.\nDer Menuett im Haydn'schen Quartett war offenbar zu schnell ge-\nnommen, eben so der letzte Satz, und wenn auch die meisterhafte\ntechnische Ausführung den stürmischen Beifall des Publicums her-\nvorrief, so kann dieses unser Urtheil nicht modificiren; denn es han-\ndelt sich bei der Quartettmusik nicht um momentane, sondern um\nnachhaltige Wirkung, und man darf dem Publicum von dem\nein grosser Tlieil noch zurückseufzt nach den schönen Tagen des\nCarnevals von Venedig keine Gelegenheit geben, in einem guten\nStücke das Virtuose über das Künstlerische zu stellen. Der Vortrag\nder Fuge im Beethoven'schen Quartette, dessen Andante alles Preises\nwerth wiedergegeben ward, litt ebenfalls und zwar sehr stark an\nUebereilung im Tempo. Die Passagen waren alle deutlich, aber der\nIdeengang musste bei einem derartigen Prestississimo unklar\nwerden. In dem zweiten Theile der Fuge und in jener Stelle, wo die\nharmonische Durchführung durch jene scharf mitten ins Thema tre-\ntenden Accorde entwickelt wird, kamen diese Accorde nie zur rech-\nten Zeit und klangen matt. \\\nWenn wir nun auf alle diese Einzelheiten eingegangen sind, so\ngeschah es nur, um den Herren Müller unsere Achtung und die Auf-\nmerksamkeit zu beweisen, mit der wir ihren Leistungen folgten.\nKünstler wie sie haben ein volles Recht auf Wahrheit; nur das Be-\ndeutende verträgt diese, das Unbedeutende wird in ihr erdrückt oder\nwas sehr oft geschieht schlüpft unter ihr weg.\nIch theile Ihnen obigen Auszug aus einem Referate im hiesigen\nConv.-Blatte mit, weil einerseits die Müller-Epigonen aufmun-\nternde Erwähnung verdienen, andererseits aber Ihre Zeitung fast\nnoch die einzige ist, die sich mit Energie und überzeugender, wenn\nauch leider nicht immer beherzigter Wahrheit der Misshandlung der\nclassischen Stücke durch Uebertreibung der Tempi entgegenstellt,\nund den vier Künstlern doch vielleicht die Warnung gut thut, wenn\nsie sie auch in der Niederrheinischen Musik-Zeitung lesen. Die Stu-\nfen vom Allegro bis zum Presto und Preslissimo scheinen diesem\nQuartette ganz unbekannt zu sein; man hört fast nur Adagio oder\nPrestissimo. Wie sehr das der Auffassung und Charakterzeichnung\nschadet, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. W.\nEine neue Oper Richard Wagner's. Die Nachricht, Ri-\nchard Wagner habe ausser den Nibelungen eine neue Oper vollendet\nund wolle sie zuerst in Prag aufführen, enthält, wie die Neue Zeit-\nschrift für Musik behauptet, einen doppelten Irrthum. Zunächst sind\nnämlich nicht die ganzen Nibelungen, sondern vor der Hand erst der\nVorabend und die zwei ersten Hauptabende (Rheingold, Walkyre\nund der junge Siegfried) fertig. Der letzte Abend (Siegfried's Tod)\nist noch zu componiren. Diese Arbeit hat Wagner allerdings dess-\nhalb verschoben, um vorher die Dichtung und Composition einer\nneuen Oper zu vollenden, deren Sujet vom Componisten geheim ge-\nhalten wird. Es ist aber ein zweiter Irrthum, dass jene neue Oper\nschon vollendet sei. Die Unmöglichkeit davon wird Jedem einleuch-\nten, wenn wir mittheilen, dass Wagner die Dichtung des Textes erst\nMitte August des vorigen Jahres begann. Von seiner enormen Pro-\nduetivität zeugt es aber, dass Wagner innerhalb vier Monate nicht\nnur die Dichtung des ganzen Textes, sondern auch die Composition\ndes ersten Actes bereits vollendete. Die weitere Arbeit wurde durch\nseine Reise nach Paris unterbrochen. Wo diese neue Oper zuerst\naufgeführt werden wird, ist noch gänzlich unbekannt"}]}