{"numero_id": "bm-bmtnabi-1858-04-17-01", "volume": "bmtnabi_1858-04-17_01", "ocr_sha256": "bdfb7f9935332d45f7e9e3952b6802eadf9571eceafadf995b62930029d77048", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1858/04/17_01/bmtnabi_1858-04-17_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1858-04-17-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-04-17_01#c001", "volume": "bmtnabi_1858-04-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "121", "page_fin": "121", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "121", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 335, "texte": "Inhalt.\nAns einem Briefwechsel (Reinthaler's Jephta). Von DIXI. August Gathy (Nekrolog). Von L. Bischoff.\nJohanna Wagner. Von L. B. 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Dabei rechnest Du mir zu\nGunsten, dass ich persönlich unbetheiligt sei und gewohnt,\ngeradeaus zu reden, mahnst mich aber zur Milde im Ur-\ntheil ; denn wo tüchtiges Streben nicht zu verkennen, wo\ngediegene Arbeit vorhanden sei, da müsse man den jungen\nKünstler aufmuntern und ein Erstlingswerk zu schätzen\nwissen mit anderem Maasse, als der einsame, in vorgefass-\nten Meinungen verrannte Kritiker zu thun pflege; kurzum,\nman müsse einmal aus sich herausgehen und das Zeitge-\nmässe erkennen.\nIch komme Dir auf halbem Wege entgegen. Zeitge-\nmäss ist das Werk, nicht über der Zeit, nicht unter ihr;\ndas arbeitsame Streben muss man anerkennen. Der junge\nKünstler hat Lob und Ehre erworben, die wir ihm nicht\nschmälern, indem wir seine Begabung für eine mittlere\nerkennen, zwischen den Extremen Mendelssohn's und Schü-\nmanns sich bewegend. Er ist ein Schüler von Marx und\nzeigt die Frucht der Schule in Freiheit der Technik und\nFormen-Gewandtheit; der Liszt-Wagner'schen Richtung\ngehört er nicht an.\nSo weit gehen wir friedlich mit einander; nun aber\nmüssen wir unseren alten Streit zu Ende fechten, Keinem\nzu Liebe und Keinem zu Leide, und endlich über die\nWorte „Streben\" und „Aufmunterung\" ins Reine kommen.\nStreben ist eine moralische Eigenschaft, die für die\nSchönheit nichts austrägt. Strebe doch Einer, ein Dichter\nzu sein! Strebe doch, schön zu sein! Strebt auch ein Lie-\nbender, Liebe zu haben? Ich meine, bei allem, was schön\nheisst im Himmel und auf Erden, ist die Frage nicht nach\ndem Wollen, sondern nach dem Sein. Beim Kunstwerke\nfragen wir nach der Leistung, nicht nach der Mühe des\nLeistens. Und so wird denn alles gesunde Kunst-Urtheil\nzuerst das fertige Werk betrachten, das Werk, worüber\nman den Meister vergisst; denn\nausgestossen hat es jeden Zeugen\nmenschlicher Bedürftigkeit.\nNur die Schwächlinge unter den Dichtern keuchen und\nwimmern allzeit: O, wenn ihr wiisstet, was mir das Dings\nda für Geburtsschmerzen gemacht hat! oder bringen\nden Mutterschmerz in Verse, lassen sich ein Fass zimmern\nwie das heidelberger Fass\nWisst ihr, warum das Fass wohl\nso gross und tief mag sein'?\nIch legt' auch meine Liebe\nund meinen Schmerz hinein.\nDu bist ja wohl keiner von denen, die sich zu dem Dichter\nin selbiges Fass setzen und sehen, wie dunkel es drinnen\nist? —Uebrigens war der H. Heine allerdings sehr streif\nsam von Jugend auf (falls er wirklich eine Jugend gehabt\nhat); er strebte nach Ruhm, und legte den Ruhm auf\nZinsen.\nErst wenn der Genius erkannt ist, dann ists der\nMühe werth, sein sittliches Streben zu kennen. Glaube\nnur nicht, ich wolle dem Genius die Sitte ersparen; viel-\nmehr ist der wahre Genius eben nur der, welcher mit\nWahrheit nach dem Guten ringt. Aber soll ich ein unbe-\nkanntes Werk sine ira et studid. h. unparteiisch beur-\ntheilen, so frage ich erst nach Schönheit, dann nach\nSitte, Tugend, Arbeit. Auch anderswo gilt diese Regel:\nerst das Werk, dann dessen Quelle erkennen; besinne Dich,\nob das nicht weit höher hinaus, jenseit aller Kunst und\nSchönheit ebenfalls gilt.\nDu sagst ferner von Aufmunterung. Einem aul-\nstrebenden Künstler müsse die Kritik nicht mit voller Rü-\nstung entgegentreten, vielmehr säuberlich fahren, da eben\ndem Anfänger der Beifall unentbehrlich sei, an dem das\nHerz zu fortschreitender That erwarme. Das mag angehen\nin höflichem Freundeskreise; so wie der Künstler in die\nOeffentlichkeit tritt, muss er gerüstet sein, der Erde Wehe*"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5397, "texte": "der Erde Lust zu tragen. Wann würde er sonst mündig ?\nDenn auf der Höhe des Ruhmes darf ihn die zahme Kritik\nnun vollends gar nicht anfassen, bei Strafe der Aechtung.\nDas Aufmunterungs-Princip in der Oeffentlichkeit ist\nein Uebel, dem wir unter Anderem die ganze Gleim'sche\nSchule zu danken haben, eine ziemliche Anzahl talentloser\nDichterlinge, insgesammt des Reifalles strebsam; und siehe\nda, sie fanden ihre Strebsamkeit durch die Aufmunterung\ndes Papa Gleim belohnt. Ein muthiger Mann Genie\noder nicht geht seinen Weg, um Lob und Tadel unbe-\nkümmert. Ich achte das an Richard W'agner, dem\nmehr Strebenden als Habenden, dass er gleichwie Meyer-\nbeer trotz aller wohlgemeinten Kritik, trotz unzähliger\nStiche, Hiebe und Keulenschläge der Gelehrten, derAesthe-\ntiker, der Pharisäer, der Frommen -- immer noch oben\nschwimmt, so lange die Höfe und die Residenzen durch\nihn scheinen oder meinen inflammirt zu sein. Ist Reintha-\nler nun ein Charakter oder ein Genius, so schadet ihm\neines Pharisäers Lanze nichts.\nVon äusseren Merkmalen des Genius zu reden, unter-\nlasse ich, da wir uns oft genug darum gezankt haben; hal-\nten wir fest, worin wir einst übereinkamen, dass des Ge-\nnius Wirkung eine überwältigende, geheimnissvolle ist,\nund dass der bleibende Genuss, die fortwirkende Regeiste-\nrung, welche ihre Stimmung nicht fordert, sondern her-\nvorruft, das einzig Messbare auf diesem Felde ist, wie\nwir denn beide erfahren haben, sobald wir Mozart, Reet-\nlioven, Händel oder Liszt, Wagner, Meyerbeer vernahmen,\nmochten wir nun ihre Namen zuvor auf dem Programm\ngelesen haben oder nicht. Ob mich ein Kunstwerk über-\nwältigt und demüthigt und doch zugleich beseelt, erhebt,\nbefreit, das kann ich wissen, und die ehrliche Kritik hat\nes immer gewusst.\nDu siehst also, ich lege an Reinthaler den höchsten\nMaassstab; das wird ihn mehr ehren, als wenn wir ihn\nwie einen Hülfsbedürftigen aufmuntern wollten. Mir ist\naus der Partitur eine löbliche Instrumenten-Kenntniss ent-\ngegengetreten, die sogar manche früherer Meister über-\ntrifft; die Behandlung der menschlichen Stimme ist ange-\nmessen, meist bequem, selten in ungewöhnliche Forderun-\ngen verstiegen. Die logische Folge der Einzelsätze und der\ngrösseren Gruppen und Theile ist lichtvoll; gern hätte ich\ndabei die scharfsinnige Disposition in den Theil-Ueber-\nschriften vermieden, nicht als ob die Logik dem wahren\nKunstwerke fehlen dürfte, sondern wegen des Anklanges\nan die Schul-Programmatistik, die der Genius verschmäht,\nder die Logik im Rlute sitzen hat und, in heiterer Lebens-\nkraft wallend, die Schulgedanken dahinten lässt, gleich\ndem Liebenden, der die Liebe hat, aber nicht disponirt.\nUebrigens ist der Text gut geordnet; das Ribelwort liegt\nzum Grunde, wo es jedoch verlassen, da ist ein nachge-\nahmter Ton nicht immer mit Glück versucht.\nDa nun Reinthaler kein Zukunftsmusiker ist, so ge-\nziemt es, das Tonwesen, die musicalischen Kerngestalten\ngenauer anzusehen. Die Melodieen haben mir gar oft den\nEindruck gemacht, aus Mendelssohn's Schule zu sein, nicht\nals Nachahmung von Plagiaten-Jagden sind wir wohl\nbeide frei —, aber den Grundton der Zeit spiegeln sie\nwieder, der sogar in Richard Wagner anklingt. Denn von\nden Recitativen schweige ich lieber. Dieses Zwitterbild\nzwischen Poesie und Prosa ist überhaupt ein wesenloses\nDing, wo nicht in Meisters Hand das schwierigste aller\nRäthsel gelös't wird durch die linde Vermittlung melodi-\nscher und harmonischer Künste, die das harte, nur ra-\ntionelle Wort in Lichthöhe erheben. Ausser den Recitati-\nven von Händel, Räch und Mozart kann unser eins nur\nnoch hier und da zu denen von Weber, Löwe und Schu-\nbart ein rechtes Herz lassen; die Neueren verlieren sich\nzu oft in kalte Sylbenpressung nach dem Muster der kränk-\nlichen Euryanthe, wo Weber von seiner alten Schönheit\ngewichen ist. Unter den Reinthaler'schen Recitativen sind\ndie mildklingenden, wo Jephta Sehnsucht, Liebe oder Dank\nausspricht, die besseren, die leidenschaftlichen oft durch\nabstracte Modulationen carikirt.\nDie Chöre und Arien aufmerksam betrachtend, fin-\nden wir manche schöne Züge. Grosser Chöre sind vierzehn,\ndarunter zwei Doppelchöre, ausserdem noch\nje zwei für Männer und Weiber allein. Von diesen letzte-\nren ist wenig zu sagen; den Chor Nr. 6 ausgenommen,\nder mit den typischen Anklängen an alte Pilgertöne wohl\nseine Charakterwirkung ausüben mag, sind die übrigen\nHau; das gesammte genus ad ist ein gefährliches,\nda es allaugenblicklich zu harmonischen Stützpunkten der\nInstrumente greifen muss, wo die gegebenen Gränzen nicht\nreichen zu voller Entfaltung der melodischen Harmonik.\n—Unter den grossen vierstimmigen Chören sind vorzüg-\nlich beachtenswert!) Nr. 5, dem der Anklang an die Ein-\nleitung in Händers Israel nicht schadet (z. R. CI.-A. S. 23\nu, a.) es ist ein warmer Ton darin und schöne breite\nEntfaltung; dann Nr. 10, wo die erstürmenden Feinde\nmit beweglichen, scharf rhythmisirten Figuren daherfah-\nren. Auch Nr. 15 ist nicht ohne Feuer und Eigentüm-\nlichkeit; dieser Chor ist besonders zu beachten, weil er\neinen Höhepunkt der Handlung bildet, daher breit ange-\nlegt (30 Zeilen mit 183 Tacten; und einer theilweisen\nWiederholung im Schlusschor würdig gehalten ist. Der\nGrundton in diesem: ,Auf, Heer des Herrn\", ist mehr\npathetisch als geistlich, mehr bühnenhaft als kirchlich. Der\nbedeutsamste, best ausgeführte aller Chöre ist Nr. 18:\n„Singet dem Herrn mit Saitenspiel und Harfen\" ein"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4911, "texte": "wohltönendes Thema in klarer Gliederung und anmuthi-\n> ger Steigerung. In Nr. 25: „Gott, Du bist mein Gott;\nDeine Güte ist besser denn Leben\", welcher der zu ster-\nben entschlossenen Mirjam scheidend nachgesungen wird,\nist ein schwermüthiger Ernst in lastenden Rhythmen und\nTönen recht bildvoll dargestellt. Der Doppelchor Nr. 28,\nwo Ephraim's Krieger das Opfer Jephta's vernichti gen\nwollen, während das Volk den Herrn anruft, hat wohl den\nAusdruck der Leidenschaft, aber ohne charakteristische\nUnterscheidung in melodischen Gegensätzen. Gelungener\nist der folgende Nr. 30, der manche Wendungen des Ge-\nwitterchors aus Haydn's Jahreszeiten glücklich verwendet,\num die Naturscene zu malen, aus welcher Gottes entschei-\ndende Stimme hervorbricht. Und so ist auch der Schluss-\nchor, neben einzelnen Anklängen an ältere Oratorien, an-\nmuthend, erregsam, im Schlüsse aufgeschwungen. Vorzüg-\nlich schön ist der klangvolle, warme Chor des Dankes\nNr. 32.\nDiese sechs Chöre sind die gelungensten Theile des\nWerkes, um so anerkennenswerther, als hier die heute\nüblichen leeren Chor-Effecte, die wohlfeil zu haben sind\nund eine kurze Stunde wirken, durchweg verschmäht sind.\nFreilich haben auch diese Chöre Theil an den Schwächen\nder technischen Factur, was man so Harmonie und Me-\nlodie nennt nach altem Brauch. Wenn nun eine philoso-\nphische Tonlehre solche altvaterische Kategorieen verwirft,\nso haben sie damit noch keineswegs ihre Geltung verlo-\nren ; denn wie innig auch beide verbunden, sie sind doch\ngliedhafte Existenzen, und das bezeugen im Guten und\nBösen sowohl die vergangenen als die zukünftigen Ton-\nmeister.\nVor Allem ist nun in den Arien der Hauptpersonen\nsehr ersichtlich, was wir oft beklagt haben: die Abnahme\nder melodischen Gestaltung, der Tonfrische, wofür ein\nmühsames Suchen neuer Wendungen keine Entschädigung\nbringt. Die fast durchgängige Vermeidung des Grund-\ntones zu Anfang ist moderne Krankheit, die schön\nscheinen möchte; am meisten üben sie die Tageslöwen,\ndie eben nichts Besseres wissen, um interessant zu werden,\nleider aber ist es auch hin und wieder Schumann's und\nMendelssohn's Weise. Solche Unbestimmtheit der Tonart,\nauch ohne Noth als Manier angewandt, ist nicht geeignet\nzur Sammlung, sondern zur Zerstreuung des Gemüthes.\nStatt zu sagen: Hier bin ich!—und mit vollem plastischem\nUmriss frisch auf die Höhe zu springen entwickeln uns\ndiese modernen Melodisten gar fein und lehrhaft die wer-\ndende Melodie, und während wir zusehen, wie sie ent-\nsteht, ist sie dahin. Solche Art finde ich gleich Anfangs in\ndem Ritornell des zarten Liedes der Jungfrau: ,Der Herr\nverstösst nicht ewiglich.\" Nicht minder misse ich die To-\nnica zu Anfang des sonst so gewissen, zuversichtlichen\nChors der Feinde, Nr. 10. Weniger störend ist derselbe\nMangel in Nr. 28, wo im Anschluss an die vorherge-\nhende Arie (die ihrerseits auch ohne Tonica beginnt) eine\nschöne mixolydische Wendung wirksam gebraucht ist. Bei\nden Recitativen ist solche Ungebundenheit oft sinngemäss;\ndoch entsagen die alten Meister auch hier ungern der Ge-\nwissheit des Einsatzes.\nAuffallend noch ist die Neigung, in den rhythmi-\nschen Tonfällen (Ruhepunkten) der Melodie etwas Ab-\nsonderliches, Unerwartetes zu bringen, oft Mendelssohn\nwie aus den Augen geschnitten; so unter anderen die ohne\nTonica anhebende Arie Nr. 16, deren Hauptsatz schon im\nvierten Tacte eine absonderliche Wendung bringt, die um\njeden Preis neu sein will, wo das gute Alte doch nicht zu\nverachten war:\nVerwandten Tones ist Ephraim's Lied, Nr. 20, zarte,\nschmächtige Seufzer, nicht aus dem Mark eines Helden-\nTenors.\nMirjam erhebt sich nirgend über ein gewöhnliches\nMädchen, ausser in dem edeln Eingang des Schlusschors,\nwo sie anhebt gleichwie ihre Namensschwester inlländel's\nIsrael. Jephta selbst ist auch nicht eben hervorragend ge-\nzeichnet; seine melodische Kraft ist gering neben den zu-\nweilen bedeutsamen Recitativen. Ephraim ist, wo ihn\nnicht Sentimentalität befällt, ganz wacker dargestellt, doch\nwiederum mehr recitativisch als melodisch. Von den übri-\ngen Personen ist die Jungfrau gelungener als der ziem-\nlich rhetorische Prophet; vorzüglich anmuthend ist das\nzarte Naturbild im Terzett der Jungfrauen, Nr. 2-3.\nSo möchte ich denn im Allgemeinen, Deine und meine\nAnsicht vermittelnd, urtheilen: Die Reinthaler'schen Melo-\ndieen sind meist modern zweifelnde, mit liebenswürdiger\nFrage fesselnde, selten rasch ergreifende und unauslösch-\nlich ins Gedächtniss hineinfahrende. In der Factur der Me-\nlodieen ist vorgebildet, was Stimmführung, Harmonie und\nRhythmik zuweilen Auffallendes bringen; ganz besonders\nbegegnet uns in der Stimmführung die seit Beethoven in-\nstrumental begonnene, durch Mendelssohn in die Vocalität\nübertragene Stupfigkeit oder Stossigkeit ich weiss kein\nanderes Wort dafür. Einen Stupf—weisst Du noch?\nso nannte unser alter Stadtpfeifer (der mehr Musik im klei-\nnen Finger hatte, als Berlioz im ganzen Leichnam!) die"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3948, "texte": "stossigen Stillstände, wo man einen gelinden Ruck empfin-\ndet, wie eine Ohrfeige z. B. in den neugebackenen Schluss-\nformeln :\nSolche Stupfen schiessen uns nun in der gesammten neu-\nsächsischen und berlinischen Schule entgegen wie Bolzen.\nIm Anfangschor (Cl.-A.) S. 12, 2, 5, wo mit dem Quart-\nsext-Accord des Grundtones ohne alle Vermittlung der\nSchluss eingeleitet wird; 60, 1, 2—3, wo die Mendels-\nsohn'sche Yerweilung auf dem Secund-Accord sonderbar\nhemmend eintritt; 46, 1, 3 4, eine ähnliche Wendung\nim Bass; 94, 2, 2=3, 3 der Stillstand der obersten Har-\nfennote; 137, 2, 2, der Stillstand des as in der oberen\nBegleitstimme (Clarinette). Dieses sind die zunächst auffal-\nlenden Stupfen; ihnen verwandt sind die ebenfalls durch\nden späteren Beethoven vorgesungenen, durch Mendels-\nsohn und Schumann reichlich ausgebeuteten, dem Alter-\nthume missverständlich nachgebildeten Prolepsen, d. h.\nVorausnahmen eines später zu erwartenden Schlusstones,\nz. B. S. 93 Ende; 84, 3, 3 (83, 2, 3); 53, 3, 2.\nEin anderes Zeichen derZeit ist, wie die freie Ein-\nführung der Quartsexte, welche Beethoven allerdings\ngern gebraucht, aber mit geistvoll künstlerischem Maasse\ndurchaus nur als Würze und Ueberraschung, nun schon\nzu einer stehenden Ausfüllungsformel geworden ist. Wer\ndem harmonischen Wesen geschichtlich nachgeht, ersieht\nbald, wie sowohl die Schlussformeln als die freien Einfüh-\nrungen abgeleiteter Accorde ihre typische Bedeutung\nhaben, daher einerseits einem Zeitbedürfnisse oder Zeit-\ngeiste entsprechen, andererseits sich auch wohl zu trocke-\nnen Mode-Phrasen verflachen. Drei Hauptgestalten der\nSchlüsse sind vorzüglich typisch und bedeutsam:\nAlso die erste in reinen Dreiklängen ohne Dissonanz, die\nzweite mit dissonirendem Vorhalt der Quarte, die dritte\nmit (oft) freiem Eintritt der Quartsexte. Nach Mozart\nkommt besonders bei Beethoven die Vermeidung der\nQuartsexte vor dem Schlüsse häufiger vor; ein typischer\nSchlussist in dieser letzten Periode nicht mehr vorhanden.\nWer alles Typische philiströs schilt, mag die neue Art für\neinen Fortschritt achten; wer aber weiss, dass in allen\nmenschlichen Schöpfungen (gleichwie in den göttlichen;\nTypisches und Wandelbares einander wechselweise be-\nt\ndingt und fördert, was auch die Sprache selber beweis't,\ndie aus typischen Phrasen und freien Fortgestaltungen\nsich zusammen webt und weben muss: nun, der wird mit\nBetrübniss sehen, wie bei dem Mangel fester Typen auch\ndie Festigkeit der Gesammtbilder abnimmt und die Klar-\nheit der logischen Entfaltung (nach Anfang, Mittel und\nEnde—oder Ruhe, Bewegung, Ruhe—oder Exposition, Ver-\nwicklung, Katastrophe) bedenklich einbüsst, wenn man\ndiejenigen Mittel fasslicher Gliederung verscheucht, deren\nsich weder Homer und Shakespeare, noch Palestrina,\nBach und Mozart schämten; selbst Beethoven zeigt wenig-\nstens eine Hinneigung zum Typischen, indem er zwar\ndie Mozart'sche Quartsexte als antepaenultima meidet, aber\ndurchgängig einen dieser zwei Schlüsse gebraucht:\nderen erster specifisch Beethcvenisch, der andere ein we-\nnig antik anklingend erscheint. Und jederzeit geht die kräf-\ntige Schlussformel ihren rhythmischen Gang mit beson-\nderer Strenge; Freiheit herrscht nur in den bewegten\nTheilen, Anfang und Ende haben feste Schranken. In dem\nwunderschönen Mendelssohn'schen Männerliede: „ Wer hat\ndich, du schöner Wald, aufgebaut\" u. s. w., ist es sogar\nmanchem Nichtgelehrten aufgefallen, dass der Schluss un-\nklar, die Stimmung nicht abschliessend sei; es ist offenbar,\ndass er unnöthig ausgedehnt und im Rhythmischen ver-\nschoben ist, aus keinem anderen Grunde, als um etwas\nUngewöhnliches zu sagen. Diese Furcht vor Trivialität ist\nkein Zeichen eines grossen Geistes; dem Dichter, der sie\nfürchtet, ruft ein alter Meister entgegen:\n(D.) „Ich bin ein Dichter.\" (M.) Freund, sind deine Augen helle?\nG'nügt dir die Eichel und die Quelle?\nDu wirst ungeduldig werden über all die Excurse.\nNun, es ist 'mal alte Gewohnheit zwischen uns, und so"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2871, "texte": "lang' wir allein sind, geht's so in Einem hin; und den ver-\ntrauten Briefwechsel wirst Du mir nicht ausplaudern\noder gar drucken lassen, wie Du einstmals verrätherisch\ngethan. Denn manche Anspielungen auf unsere Jungens-\njahre versteht ein „gedruckter Leser\" nicht, und ohnehin\nwird ja so Manches nach Partitur, Auszug und Anhörung\nvorausgesetzt, dass eine Zeitung es kaum brauchen könnte.\nAlso:\nWeiter im Text und zum Schlüsse! Neben den nicht\ntypischen, daher zuweilen auch nicht rhythmischen*)\nSchlüssen sind mir die oft unnützlich drein hauenden Quart-\nsexten bei Beinthaler störend gewesen, u. A. S. 89 Ende;\n77 Anfang; 91, 2, 3; 8, 3, 1; 12, 2, 53, 7 u. s. w.\nMerkwürdig ist der freilich zufällige Quartsext-Klang in\neiner Stelle des sonst recht ausdrucksvollen Chors Nr. 15,\nwo S. 73, 1, 4 der Bass eine unnütz harte Stimmfüh-\nrung hat:\ndie selbst der eiserne Seb. Bach milder geben würde, dem\ncontrapunktischen Thema nachgehend, wie bei b. Auch\ndie stupfende Quartsexte im drittletzten Tacte S. 102 ge-\nhört hieher:\nWenn Du mich nun wieder anschuldigst, der alten\nschulmeisterlichen Corrigirsucht zu sehr nachzuhangen, so\nsage ich erstlich: tu l'as voulu!ich habe mich lange genug\ngewehrt; und dann erkenne doch auch, dass ich aufmerk-\nsam eingegangen bin und vieles Schöne, Lobenswerthe\nanerkenne. Und wollte ich auch hier Einzelheiten aushe-\nben, z. B. die unnachahmlich liebliche Secunden-Sequenz\nS. 104, 2, 7 in den beiden Unterstimmen, oder die zarte\nBeziehung zwischen dem Fugen-Thema S. 110, 1 und\ndemArioso 107, 2, 1, wie Bild und Gegenbild ausspricht,\nwas der Text logisch sagt: „Was weinet ihr so sehr1,\n„Gott, Du bist mein Gott\" —ja, da würde der Brief eben-\nfalls kein Ende finden. Was hätte ich sonst noch alles\nauf dem Herzen! z. ß. die Frage nach der echten Voca-\nlität, nach dem Verhältniss der Sänger und Spieler unter\neinander, nach der Kunst der Stimmführung, der Verwen-\ndung der Tonarten (letztere bei R. gesund und rühmens-\nwerth darin, dass er die abenteuerliche Chromatik der\nmodernen Neuntödter meidet), endlich nach Plagiaten und\ndergleichen. Solches alles müssen wir nächstens mündlich\ndurchsprechen. Und wenn ich Deine Freude dämpfen\nmusste, der Du in Deinem Liebling einen neuen Händel\nerblicktest—ein Prädicat, das ihm nicht mehr, nicht min-\nder gebührt, als Mendelssohn—, nun, so treffen wir wie-\nder überein in der Anerkennung des Strebens, wenn wir\ndieses auch nach verschiedenem Maassemessen. Was übri-\ngens die heilige Tonkunst angeht, so hat sich ja kürzlich\nE. Hanslick in der Niederrheinischen Musik-Zeitung bei\nGelegenheit der graner Messe so ausgesprochen, dass ich\nmeine Ansichten nur bestätigt finde. Dein unverbesser-\nlicher alter\n\":) Dass Khythmus und Typus innerlich nahe verwandt sind, hast\nDu mir selber einmal bewiesen aber die neuesten Maöstri\nwerden's nicht glauben. Ach, Herr, wer glaubt unserem\nPredigen!\n\nDIXI."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-04-17-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-04-17_01#c009", "volume": "bmtnabi_1858-04-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "125", "page_fin": "126", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.2.3", "titre_corps": "August Gathy.", "titre_sommaire": "August Gathy.", "signature_source": "L. Bischoff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.1.5", "debut_caractere": 2873, "fin_caractere_exclue": 4420, "texte": "August Gathy.\n(Nekrolog.)\n\n• Die Kunde von dem Tode Gathy's, der am 8. April\nin Paris verschied, kann nicht verfehlen, in Deutschland\ngrosses Mitgefühl zu erregen, In Gathy ist ein Mensch\nvon edelm, aufopferndem Charakter und einer \"von den\nwenigen musicalischen Schriftstellern heimgegangen, die\nnoch mit gründlicher Sachkenntniss und unbestechlicher\nUeberzeugung über musicalische Kunst und Künstler, mit\nAusscheidung alles Gewäsches und banalen Kunstge-\nschwätzes, schreiben können und wollen. Damit verband\ner eine Humanität, die nicht aus persönlichen Rücksichten\nentsprang, sondern in dem Wesen seiner Natur, in seinem\nguten Herzen und seinem bescheidenen Sinne begründet\nwar. In der musicalischen Welt allgemein geachtet und\nvon allen, die ihn genauer kannten, geliebt, hatte er den\nAufenthalt in Paris lieb gewonnen. Allein er war kein\nMann der Salons, sondern lebte, wiewohl er mit allen Be-\nrühmtheiten in Verbindung stand, doch in bescheidener\nZurückgezogenheit; er suchte Niemanden, aber die Ver-\ntreter der Kunst und Literatur suchten ihn, und sein schar-\nfer Verstand, seine reine Seele, sein unzerstörbares Wohl-\nwollen, seine aufopfernde Willfährigkeit, seine stets bereite\nAushülfe fesselten Alle an ihn.\nIn diese Seite seines Charakters lässt ein Brief an\neinen Kunstfreund in Deutschland, Herrn C. B. in Minden,\neinen interessanten Blick thun. Gathy beschäftigte sich in\nden letzten Jahren hauptsächlich mit einer dritten Auflage\nseines musicalischen Conversations - Lexikons,\ndessen zweite im Jahre 1840 bei Niemeyer in Hamburg"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4953, "texte": "erschienen war. Bei dieser Beschäftigung war Herr 8.,\ndessen Freundlichkeit auch die Niederrheinische Musik-\nZeitung mehrere schätzbare Mittheilungen verdankt, durch\nseine Liebe zur Sache so teilnehmend, dass er ihm nach\nund nach Tausende von vorzugsweise historischen Notizen\nzusandte und Gathy ihn „seinen Mitarbeiter, und zwar\neinen der fleissigsten\", nannte. Im Laufe des Briefwechsels\nüber diese Angelegenheit schrieb Gathy am *2O. Januar\n1857 unter Anderem Folgendes:\n„ Nächstens wird der Druck des ersten Bandes\nvon Fetis' biographischem Lexikon (neue Aullage) hier\nbei Didot vor sich gehen. Damit dieses bedeutende Werk\nein wahres höchstes Denkmal der Musik sein wird, muss\nein jeder, dem die Kunst und ihre Literatur am Herzen\nliegt und es wirklich um ein redliches Streben zu thun ist,\nes als Pflicht betrachten, brauchbares Material dazu zu\nliefern, und so bot ich aus dem Meinigen dem gelehrten\nManne dasjenige an, was ihm etwa fehlen dürfte, Hiesiges\nund Auswärtiges. Er konnte fast Alles gebrauchen und\nist nun herübergekommen, theils, wie gesagt, um sich mit\nseinem Verleger zu verständigen, theils aber mit mir die\nArt der Vermittlung meines Manuscriptes zu besprechen,\ndas ich weder nach Brüssel schicken mag, noch überhaupt\naus den Händen geben darf, und doch auch nicht für ihn eben\nsofort verarbeiten kann, wie ich das auf seinen Wunsch,\naber mit grossem Zeitopfer in die Nacht hinein, mit den\nBuchstaben A, B, C bereits gethan habe. So unabhängig\nist aber meine Existenz nicht, dass ich mein eigenes In-\nteresse ganz vernachlässigen und einem fremden Werke\nzu Liebe das meine noch um so länger liegen lassen\ndürfte. -* \"\nMan sieht, wie der treffliche Mann fast mit sich selbst\nkämpft, ob er nicht die aufopfernde Thätigkeit für einen\nAnderen dem Arbeiten für sein eigenes Werk vorziehen\nsolle! Wie weit dieses der Vollendung entgegen gereift,\nkönnen wir nicht sagen. Möge nur die Ausführung des-\nselben nach Gathy's hinterlassenem Material, so wie über-\nhaupt sein handschriftlicher Nachlass in gute Hände kom-\nmen ! Gedruckt sind ausser den schon genannten zwei\nAuflagen des Lexikons von ihm noch: -Erinnerungen an\ndas erste norddeutsche Musikfest in Lübeck.\" Hamburg,\nbei Niemeyer, 1840. „Musicalische Wanderungen\ndurch Deutschland. In Briefen von 11. Berlioz. Aus dem\nFranzösischen von A. Gathy.\" Hamburg und Leipzig, bei\nSchuberth, 1844. - An vielen musicalischen Zeitungen\nu. s. w. war er Mitarbeiter; fast alle Artikel in namhaften\ndeutschen Blättern über Berlioz, Cherubini, Chopin, Du-\nprez, Habeneck, Halevy, Kalkbrenner, Onslow sind aus\nseiner Feder geflossen, die grosse Zahl von Aufsätzen all-\ngemeineren Inhalts und von Correspondenzen nicht zu\nrechnen. In letzterer Hinsicht steuerte er, wiewohl unge-\nnannt, auch Schätzbares zu den Correspondenzen aus Pa-\nris in dieser Zeitung bei.\nGathy war von Geburt ein Belgier; er war zu Lüt-\ntich um das Jahr 1804 geboren. Ob er in Deutschland\nerzogen worden, wissen wir nicht gewiss; Alles macht\ndieses aber wahrscheinlich, da sein ganzes Wesen, auch\nsein Stil, den Stempel deutscher Eigentümlichkeit trug.\nEr selbst sprach überhaupt wenig von sich und war na-\nmentlich über die persönlichen Verhältnissse seiner ersten\nJugend schweigsam. Wir erinnern uns eines Abends, an\nwelchem unter anderen anregenden, aber auch vertrau-\nlichen Gesprächen die Rede auf die kleinen Ereignisse un-\nseres Lebens kam. Während Schreiber dieser Zeilen seine\nLaufbahn kurz erzählte, Gathy aber nicht müde wurde,\n7 J 7\nauf ausführlichere Mittheilungen zu dringen, weil er ihn\nnur als musicalischen Schriftsteller kannte, widerstand er\ndennoch der Bitte um gleiche Mittheilungen versprach\nsie zwar schriftlich zu geben, hat sie aber weder mir noch\ndem oben erwähnten Kunstfreunde, dein er dasselbe ver-\nheissen, zugesandt. Was wir von seinem Leben in Deutsch-\nland wissen, ist, dass er in Hamburg Buchhändler-Gehülfe\nwar, darauf bei Friedrich Schneider in Dessau Musik stu-\ndirte zugleich mit Gustav Flügel und dann bis 1841\nwieder in Hamburg lebte. In diesem Jahre ging er nach\nParis, das er seitdem zum bleibenden Aufenthalte wählte.\nDort hat ihn der Tod von den Leiden einer schmerz-\nlichen Krankheit befreit und die Räthsel gelös't, welche\nsein Geist mit besonderer Vorliebe zu durchdringen strebte.\nDenn mit seiner logischen Denk- und Schreibweise und\ndem kritischen Talente, das ihm von Natur gegeben, war\nauf merkwürdige und seltene Weise eine leicht aufzure-\ngende, lebhafte Einbildungskraft und eine Gemüthstiefe\nverbunden, die ihn zu fast schwärmerischer Auffassung der\nBeziehungen der Seele des Menschen zu dem Geisterleben\ndrängten und ihn zum aufrichtigen Anhänger des Glau-\nbens an das Vorhandensein dieser Beziehungen und an\ndie sichtbaren und wirklichen Macht-Aeusserungen dersel-\nben machten.\nSeine sterbliche Hülle ruht auf dem Kirchhofe von\nMontmartre, wo Kalkbrenner, Zeuner und Nourrit begra-\nben liegen und Neukomm kurz vor ihm in die Erde ge-\nsenkt worden ist.\n\nL. Bischoff."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-04-17-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-04-17_01#c010", "volume": "bmtnabi_1858-04-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "126", "page_fin": "127", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.2.4", "titre_corps": "Johanna Wagner.", "titre_sommaire": "Johanna Wagner.", "signature_source": "L B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.1.6", "debut_caractere": 4955, "fin_caractere_exclue": 5227, "texte": "Johanna Wagner.\n\nFräulein Wagner hat ihr Gastspiel am 8. d. Mts. mit der Dar-\nstellung des Romeo in Bellini's Oper begonnen, das heisst, eine der\nFürstinnen der Kunst ist vor uns erschienen, um Auge, Öhr und\nHerz zu entzücken und die begeisterten Huldigungen des Publicum^"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3696, "texte": "entgegen zu nehmen. Johanna Wagner hat für die echt künstlerische\nDarstellung des musicalischen Drama's von der Natur die WTeihe\nempfangen, die reichen Gaben dieser liebenden Mutter aber so zu\nwürdigen und zu vervollkommnen gewusst, dass sie als dramatische\nSängerin keine Nebenbuhlerin zu scheuen hat und als Darstellerin\nden gefeiertsten Schauspielerinnen nicht nur gleich steht, sondern\nsie namentlich im Charakter des Heroischen übertrifft. Bekanntlich\nhat die Künstlerin den natürlichen Umfang ihrer Stimme nach der\nHöhe hin bedeutend ausgedehnt, ob zum Vortheil des Organs über-\nhaupt und namentlich des vollen Klanges der tieferen Töne, dürfte\nzu bezweifeln sein. Allein das ißt keine Frage, dass sie gegen die\nZeiten ihrer ersten Bühnenjahre im kunstgerechten Gesänge eine un-\nendlich höhere Stufe erreicht hat. Während der edle und grosse Stil\nihres Vortrages, die Breite und der Ausdruck des getragenen Gesan-\nges, der ergreifende Schmelz des Tones in dem natürlichen Bereich\nder Stimme dieselben geblieben, ja, die feineren Schattirungen der\nKlangfarbe nicht bloss noch eben so vorhanden sind, sondern in\nhohem Grade vervollkommnet erscheinen, gebietet sie mit Reinheit\nund Correctheit über eine Geläufigkeit in Tonleitern, Trillern und\nVerzierungen, welche bei so vollem Organ nur selten erreicht\nwird. Was Johanna Wagner aber vor den meisten grossen Sängerin-\nnen Frankreichs und Italiens auszeichnet, ist das deutsche Gemüth.\ndas bei den innigen und gefühlvollen Stellen zu uns spricht, und\nder angeborene Adel ihres Gesanges, der sich nirgends verläugnet,\nund in der Regel auch da nicht, wo es sonst nur auf Glanz und\nVirtuosität abgesehen ist. Wir hegen dabei nur den Wunsch, dass\ndie Kunst nie in Künstlichkeit ausarten möge, indem selbst die mei-\nsterhafteste Ausführung an ungeeigneter Stelle den dramatischen\nEindruck schwächt. In dieser Hinsicht dürfte Fräulein Wagner auch\nim Romeo, wie sie ihn jetzt singt, hier und da zu weit gehen. Die\ngeniale Auffassung des Ganzen bleibt indess immer hoch über der\nAusführung der Details stehen, und es ist wahrhaft wunderbar, wie\nsehr wir bei solcher Darstellung den Bellini'schen Romeo last ganz\nvergessen und nur noch an den Kern dieses Trauerspiels der Liebe\ndenken.\nDie Aufführung der Oper Lucrezia Borgia war eine der ge-\nlur.gensten der ganzen diesjährigen Saison. Fräulein WTagner entfal-\ntete in der Rolle der Lucrezia die ganze Fülle ihres lyrisch-drama-\ntischen Talents und erregte bei dem vollbesetzten Hause einen sol-\nchen Enthusiasmus, dass man nach jedem Acte die Künstlerin zwei\nMal hervorrief, eine Beifallsbezeigung, welche hier sehr selten ist.\nDas Zusammenwirken so vieler herrlichen Mittel zu einer Knnst-\nleistung stellte auch in der That ein Seelen-Bild voll Leben, Gefühl\nund Leidenschaft in dem Rahmen einer schönen und imponirenden\nPersönlichkeit hin, welches sicher zu den seltensten und vollendet-\nsten gehört, die man auf der Scene sehen kann. Gesang und Spiel\nlassen sich in demselben durchaus nicht scheiden, sie durchdringen\nsich einander so innig, dass auch der Eindruck beider unzertrenn-\nlich ist. Nur so viel kann man im Einzelnen von Beiden sagen, dass\ndie Plastik des Spiels stets jenes classische Maass festhält, ohne wel-\nches es keine vollkommene Kunst-Darstellung gibt, und dass die\nKunst, mit welcher die Sängerin die Klangfarbe des Tones je nach\nder Empfindung und Leidenschaft, von der sie in jedem verschiede-\nnen Momente beseelt wird, zu modifieiren weiss, zu den schwierig-\nsten Aufgaben gehört, und von ihr zur Meisterschaft gebracht ist,\nwie dieses besonders die Scene, in welcher Lucre/.ia den Gatten um\nGennaro's Leben bittet, und die ganze Seliluss-Scene des Drama's\nbewiesen.\n\nL B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-04-17-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-04-17_01#c011", "volume": "bmtnabi_1858-04-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "127", "page_fin": "128", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.1.7", "debut_caractere": 3698, "fin_caractere_exclue": 7426, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHoiss. Dinstag den 6. April gab Herr Kammersänger und Ge-\nsanglehrer Ernst Koch seine diesjährige Soiree. Herr Koch führt\nin der Regel nur seine Schüler und Schülerinnen in diesen Soireen\nvor, so dass sie, mit Ausnahme seiner eigenen Gesang-Vorträge, für\nein Prüfungs-Concert seines Privat-Instituts für Gesang gelten können.\nEr selbst wirkte dieses Mal in zwei Duetten von Rossini (Mira la\nbianca luna und aus Tancredi) und einem von Meyerbeer (Raimbaud\nund Bertram) mit und trug ausserdem zwei Lieder von Herrn\nBrambach, Stipendiaten des Mozart-Vereins in Frankfurt, mit der\nsonoren Stimme und dem meisterhaften Ausdruck vor, die ihn als\neinen der besten Liedersänger Deutschlands schon längst eharakte-\nrisirt haben. Die genannten Lieder sind zwei sehr hübsche Blüthen\ndes schönen Talents des jungen Componisten, der im Stillen schafft\nund sich übrigens diesen Abend auch am Pianoforte als guten Be-\n%\ngleiter bewährte.\nFräulein Catli, Deutz sang eine Arie aus „Linda\" von Doni-\nzetti recht brav; auch trug sie die „Suleika\" von Mendelssohn und\n„Sie sagen, es wäre die Liebe\" von Kirchner sehr schön vor, be-\nsonders das erstere Lied; das zweite könnte vielleicht etwas einfa-\ncher aufgefasst werden; wie die Sängerin es nun aber einmal ge-\nnommen hatte, gelang ihr der beabsichtigte Ausdruck vortrefflich.\nVon Fräulein Deutz zu den übrigen Aufgetretenen ist nun freilich\nein grosser Abstand; allein die Leistungen der letzteren darf man\nauch nur vom pädagogischen Gesichtspunkte aus betrachten, und in\ndieser Hinsicht zeigten sich bei allen denen, welche bereits längere\nZeit in Herrn Koch's Schule gewesen waren, sehr gute und bei\nmanchen Schülern, z. B. dem Bassisten Herrn Ossenbach, ganz\nüberraschende Fortschritte. Von den übrigen Damen zeigten Fräulein\nAnna Kuhn aus Kreuznach und Fräulein Julie Rothenber-\nger von hier hübsche Sopranstimmen und gute Studien, welche die\nerstere besonders in der Oberstimme des Terzetts aus Azor und Ze-\nmire von Spohr, die letztere in dem Vortrage des Eckert'schen Echo-\nLiedes : „Er liebt nur mich allein\", bekundete, nur dass ein Sänger-\nKunststiick, wie dieses Lied doch nur ist, eigentlich eine Aufgabe\nfür eine vollkommen ausgebildete Sängerin ist. Dies erwogen, konnte\nman allerdings in den lebhaften Beifall der Zuhörer mit einstimmen.\nHerr Burrenkopf, ein tiefer Bass, muss vor Allem erst noch mehr\nSicherheit im Intoniren erwerben. Die Stimme von Fräulein Papier\naus Luxemburg machte sich in dem Spohr'schen Terzett, wo sie die\ntiefste Stimme sang, am besten. Ueber ihre Fortschritte können wir\nnicht urtheilen, da sie erst seit Kurzem bei Herrn Koch Unter-\nricht hat.\nDas Prüfungs-Concert der Rheinischen Musikschule\nunter der Direction des Herrn Capellmeisters F. Hill er fand in\nderselben Woche am 8. April Statt. In Bezug auf Gesang hörten\nwir die Sopran-Arie aus dem „Sommer\"' in Haydn's Jahreszeiten,\nwelche von Fräulein Christine Sauset von hier überall, wo das\nMezza voce anzuwenden war, gut gesungen wurde; im Allegro lehlte\nes jedoch an Schwung und Krafr. Fräulein Jenny Niethen aus\nKöln trug die Alt-Arie von Händel: „Heilig, heilig!\" mit schöner,\nreiner Altstiulme vor; doch that die Befangenheit des ersten Auttre-\ntens der jungen Sängerin offenbar Eintrag. Ein Duett von Rossini\nfür Sopran und Alt sangen Fräulein Küpper und Niethen recht\nweich und lieblich. Das Terzett für drei weibliche Stimmen ohne\nBegleitung aus Mendelssohn's Elias war im Ganzen gut, hätte je-\ndoch vielleicht im Einzelnen feiner einstudirt sein können. Von\nmännlichen Stimmen kam nichts vor. Sollte das deutsche Land keine\nTenöre mehr erzeugen ? Es sieht beinahe so aus; denn Tenorschüler\nsind jetzt fast eben so selten wie Violoncellschüler. Zwei Schüler"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4770, "texte": "der Anstalt hatten sich in Gesang-Compositionen versucht; es kamen\ndavon ein Gesang für vier Männerstimmen von Christian Schil-\nberg aus Zons und zwei Stücke für vollen Chor: „Grabgesang\"\nund „Auferstehen\", von Karl Krüger aus Soest vor. Das Männer-\nQuartett ist wohlklingend gesetzt; die beiden Chorgesänge verrathen\nunverkennbares Talent sie sind fliessend und ausdrucksvoll ge-\nschrieben und stehen in melodischer und harmonischer Hinsicht über\ndem Gewöhnlichen.\nDem Yernehmen nach wird an die Stelle des Herrn Musik-Direc-\ntors Reinthaler als Gesanglehrer Herr Böhm aus Dresden im\nHerbste eintreten.\nDie Ouvertüre zu Judas Maccabäus von Händel war in den Vio-\nlinen und Bratschen von Zöglingen der Schule besetzt, die recht\nwacker und rein drauf los strichen. In einem Rondo für Violine von\nVieuxtemps zeigte der junge Georg Krill von Köln eine schon\nsehr gewandte Bogenführung, Reinheit, Fertigkeit und Eleganz im\nVortrage. Er erinnerte an einen früheren Schüler der Anstalt, Herrn\nBach aus Bonn, der mit schönem Erfolg seine Studien unter Joa-\nchim fortsetzt. Der junge August Grüters aus Uerdingen ist\nein bedeutendes Talent; die Composition eines Violin-Quartetts (Al-\nlegro und Menuett) ist durch Klarheit und Fluss sehr lobenswerth,\nund der Vortrag des Capriccio für Violine von Vieuxtemps bewies,\ndass der Spieler bereits einen hohen Grad von technischer Fertigkeit\nerreicht hat und dass eine musicalische Seele in ihm wohnt.\nFräulein Anna Seil von hier spielte St. Heller's Phantasie über\n„Auf Flügeln des Gesangs\" für Portepiano mit hübschem Anschlag\nund mit einer gewissen Anmuth. Hubert Greis aus Neuwied trug\ndas Capriccio von Mendelssohn ganz vorzüglich vor, eben so Theo-\ndor Frantzen von hier das Finale aus Mendelssohn1 s D-moll-\nConcert; das letztere hatte stellenweise ruhiger sein können.\nDas Concert hat die erfreulichsten Fortschritte der Zöglinge der\nAnstalt sowohl im Technischen als besonders auch in allgemein\nmusicalischer Bildung bewährt.\nDrittes Winter-Abonnements-Concert des kölner\nMännergesang-Vereins, unter Leitung des Herrn Musik-Di-\nrectors F. Weber, am 7. April. Es wurden nur grosse Chöre mit\nOrchester-Begleitung gemacht. Zum Anfang wurde Beethoven's\nEgmont-Ouverture recht gut ausgeführt. Dann spielte Herr Concert-\nmeister Jul. Grunwald zwei Sätze aus dem Violin-Concert von\nB. Molique, Op. 21, mit edelm Tone, vorzüglicher Technik und\nschönem Vortrage. Er erhielt mit Recht lebhaften Applaus. Hierauf\nfolgte der „Bacchuschor\" aus Sophokles' Antigone, Musik von Men-\ndelssohn. Vielleicht wäre an der Stelle desselben heute, wo Men-\nComposition zum Oedipus in Kolonos die ganze zweite\nAbtheilung des Concertes füllte, ein anderes Gesangstück mit Or-\nchester passender gewesen, da es sich nicht läugnen lässt, dass der\nStil dieser Musik zu griechischen Chortexten, wie es in der Natur\nder Sache liegt, etwas Monotones hat. Indessen machte die Pause\nzwischen beiden Theilen eine gute Diversion, und die vortreffliche\nAufführung der Musik zum Oedipus wurde vom Publicum trotz der\nFremdartigkeit der Sache mit gespannter Tbeilnahme angehört und\nverfehlte ihren Eindruck nicht. Die verbindenden Worte von L. Bi-\nschoff hatten jedenfalls das Verdienst der Kürze und einer verständ-\nlichen Sprache, während wir ähnliche Verbindungs-Texte zu diesen\nbeiden Compositionen Mendelssohn's kennen, welche die Holperigkeit\nder von ihm benutzten Uebersetzungen noch überbieten, als wenn es\nausser dem griechischen Trimcter und der griechischen Wortbildung\nund Wortfügung kein Heil gäbe! Wie weit unsere gerühmten Ueber-\nsetzungen der Classiker noch von dem Ziele abirren, ersieht man\nerst recht deutlich, wenn ihr Zwitterdeutsch in Musik gesetzt wird.\nDie Chöre wurden alle sehr p/äcis und mit Schwung ausgeführt;\nauszuzeichnen waren der Chor in F-dur: „Zur rosprangenden Flur*\nund das Solo-Quartett: „Ist es verstattet, dich, nächtliche Göttin,\nzu feiern\", welches unmittelbar auf die Abschiedsworte des zum\nTode gehenden Königs von ergreifender Wirkung war. Wir wollen\nnicht über den Vorrang der einen Composition vor der anderen (zur\nAntigone und zum Oedipus) streiten, auch nicht darüber, ob es nicht\neine zweckmässigere Compositionsweise für beide gegeben hätte, als\ndie modern und frei musicalische, die Mendelssohn gewählt; das\naber scheint uns gewiss, dass die Empfindungen, welche der Inhalt\ndes Oedipus anregt, unserer Gefühls weise und unserer Theilnahme\nweit näher liegen, als die tragischen Elemente in der Antigone.\nDie berühmte Sängerin Sennora Anglks de Fortuni, die als\ndie Krone der zierlichen Sopranistinnen gepriesen wird, ist gestern\nAbends in der Lucia hier aufgetreten. Da unser Blatt schon vor\nEnde der Vorstellung geschlossen war, so können wir erst in näch-\nster Nummer über diese ausgezeichnete Künstlerin berichten."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "121", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nAns einem Briefwechsel (Reinthaler's Jephta). Von DIXI. August Gathy (Nekrolog). Von L. Bischoff.\nJohanna Wagner. Von L. B. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Soiree von Ernst Koch, Prüfungs-Concert der Rhei-\nnischen Musikschule, Drittes Winter-Abonnements-Concert des kölner Männergesang-Vereins, Sennora Angles de Fortuni).\n\nAus einem Briefwechsel.\n\nDu verlangst wiederholt von mir ein bündig Urtheil\nüber Reinthaler's Jephta. Dabei rechnest Du mir zu\nGunsten, dass ich persönlich unbetheiligt sei und gewohnt,\ngeradeaus zu reden, mahnst mich aber zur Milde im Ur-\ntheil ; denn wo tüchtiges Streben nicht zu verkennen, wo\ngediegene Arbeit vorhanden sei, da müsse man den jungen\nKünstler aufmuntern und ein Erstlingswerk zu schätzen\nwissen mit anderem Maasse, als der einsame, in vorgefass-\nten Meinungen verrannte Kritiker zu thun pflege; kurzum,\nman müsse einmal aus sich herausgehen und das Zeitge-\nmässe erkennen.\nIch komme Dir auf halbem Wege entgegen. Zeitge-\nmäss ist das Werk, nicht über der Zeit, nicht unter ihr;\ndas arbeitsame Streben muss man anerkennen. Der junge\nKünstler hat Lob und Ehre erworben, die wir ihm nicht\nschmälern, indem wir seine Begabung für eine mittlere\nerkennen, zwischen den Extremen Mendelssohn's und Schü-\nmanns sich bewegend. Er ist ein Schüler von Marx und\nzeigt die Frucht der Schule in Freiheit der Technik und\nFormen-Gewandtheit; der Liszt-Wagner'schen Richtung\ngehört er nicht an.\nSo weit gehen wir friedlich mit einander; nun aber\nmüssen wir unseren alten Streit zu Ende fechten, Keinem\nzu Liebe und Keinem zu Leide, und endlich über die\nWorte „Streben\" und „Aufmunterung\" ins Reine kommen.\nStreben ist eine moralische Eigenschaft, die für die\nSchönheit nichts austrägt. Strebe doch Einer, ein Dichter\nzu sein! Strebe doch, schön zu sein! Strebt auch ein Lie-\nbender, Liebe zu haben? Ich meine, bei allem, was schön\nheisst im Himmel und auf Erden, ist die Frage nicht nach\ndem Wollen, sondern nach dem Sein. Beim Kunstwerke\nfragen wir nach der Leistung, nicht nach der Mühe des\nLeistens. Und so wird denn alles gesunde Kunst-Urtheil\nzuerst das fertige Werk betrachten, das Werk, worüber\nman den Meister vergisst; denn\nausgestossen hat es jeden Zeugen\nmenschlicher Bedürftigkeit.\nNur die Schwächlinge unter den Dichtern keuchen und\nwimmern allzeit: O, wenn ihr wiisstet, was mir das Dings\nda für Geburtsschmerzen gemacht hat! oder bringen\nden Mutterschmerz in Verse, lassen sich ein Fass zimmern\nwie das heidelberger Fass\nWisst ihr, warum das Fass wohl\nso gross und tief mag sein'?\nIch legt' auch meine Liebe\nund meinen Schmerz hinein.\nDu bist ja wohl keiner von denen, die sich zu dem Dichter\nin selbiges Fass setzen und sehen, wie dunkel es drinnen\nist? —Uebrigens war der H. Heine allerdings sehr streif\nsam von Jugend auf (falls er wirklich eine Jugend gehabt\nhat); er strebte nach Ruhm, und legte den Ruhm auf\nZinsen.\nErst wenn der Genius erkannt ist, dann ists der\nMühe werth, sein sittliches Streben zu kennen. Glaube\nnur nicht, ich wolle dem Genius die Sitte ersparen; viel-\nmehr ist der wahre Genius eben nur der, welcher mit\nWahrheit nach dem Guten ringt. Aber soll ich ein unbe-\nkanntes Werk sine ira et studid. h. unparteiisch beur-\ntheilen, so frage ich erst nach Schönheit, dann nach\nSitte, Tugend, Arbeit. Auch anderswo gilt diese Regel:\nerst das Werk, dann dessen Quelle erkennen; besinne Dich,\nob das nicht weit höher hinaus, jenseit aller Kunst und\nSchönheit ebenfalls gilt.\nDu sagst ferner von Aufmunterung. Einem aul-\nstrebenden Künstler müsse die Kritik nicht mit voller Rü-\nstung entgegentreten, vielmehr säuberlich fahren, da eben\ndem Anfänger der Beifall unentbehrlich sei, an dem das\nHerz zu fortschreitender That erwarme. Das mag angehen\nin höflichem Freundeskreise; so wie der Künstler in die\nOeffentlichkeit tritt, muss er gerüstet sein, der Erde Wehe*"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.1.2", "texte": "der Erde Lust zu tragen. Wann würde er sonst mündig ?\nDenn auf der Höhe des Ruhmes darf ihn die zahme Kritik\nnun vollends gar nicht anfassen, bei Strafe der Aechtung.\nDas Aufmunterungs-Princip in der Oeffentlichkeit ist\nein Uebel, dem wir unter Anderem die ganze Gleim'sche\nSchule zu danken haben, eine ziemliche Anzahl talentloser\nDichterlinge, insgesammt des Reifalles strebsam; und siehe\nda, sie fanden ihre Strebsamkeit durch die Aufmunterung\ndes Papa Gleim belohnt. Ein muthiger Mann Genie\noder nicht geht seinen Weg, um Lob und Tadel unbe-\nkümmert. Ich achte das an Richard W'agner, dem\nmehr Strebenden als Habenden, dass er gleichwie Meyer-\nbeer trotz aller wohlgemeinten Kritik, trotz unzähliger\nStiche, Hiebe und Keulenschläge der Gelehrten, derAesthe-\ntiker, der Pharisäer, der Frommen -- immer noch oben\nschwimmt, so lange die Höfe und die Residenzen durch\nihn scheinen oder meinen inflammirt zu sein. Ist Reintha-\nler nun ein Charakter oder ein Genius, so schadet ihm\neines Pharisäers Lanze nichts.\nVon äusseren Merkmalen des Genius zu reden, unter-\nlasse ich, da wir uns oft genug darum gezankt haben; hal-\nten wir fest, worin wir einst übereinkamen, dass des Ge-\nnius Wirkung eine überwältigende, geheimnissvolle ist,\nund dass der bleibende Genuss, die fortwirkende Regeiste-\nrung, welche ihre Stimmung nicht fordert, sondern her-\nvorruft, das einzig Messbare auf diesem Felde ist, wie\nwir denn beide erfahren haben, sobald wir Mozart, Reet-\nlioven, Händel oder Liszt, Wagner, Meyerbeer vernahmen,\nmochten wir nun ihre Namen zuvor auf dem Programm\ngelesen haben oder nicht. Ob mich ein Kunstwerk über-\nwältigt und demüthigt und doch zugleich beseelt, erhebt,\nbefreit, das kann ich wissen, und die ehrliche Kritik hat\nes immer gewusst.\nDu siehst also, ich lege an Reinthaler den höchsten\nMaassstab; das wird ihn mehr ehren, als wenn wir ihn\nwie einen Hülfsbedürftigen aufmuntern wollten. Mir ist\naus der Partitur eine löbliche Instrumenten-Kenntniss ent-\ngegengetreten, die sogar manche früherer Meister über-\ntrifft; die Behandlung der menschlichen Stimme ist ange-\nmessen, meist bequem, selten in ungewöhnliche Forderun-\ngen verstiegen. Die logische Folge der Einzelsätze und der\ngrösseren Gruppen und Theile ist lichtvoll; gern hätte ich\ndabei die scharfsinnige Disposition in den Theil-Ueber-\nschriften vermieden, nicht als ob die Logik dem wahren\nKunstwerke fehlen dürfte, sondern wegen des Anklanges\nan die Schul-Programmatistik, die der Genius verschmäht,\nder die Logik im Rlute sitzen hat und, in heiterer Lebens-\nkraft wallend, die Schulgedanken dahinten lässt, gleich\ndem Liebenden, der die Liebe hat, aber nicht disponirt.\nUebrigens ist der Text gut geordnet; das Ribelwort liegt\nzum Grunde, wo es jedoch verlassen, da ist ein nachge-\nahmter Ton nicht immer mit Glück versucht.\nDa nun Reinthaler kein Zukunftsmusiker ist, so ge-\nziemt es, das Tonwesen, die musicalischen Kerngestalten\ngenauer anzusehen. Die Melodieen haben mir gar oft den\nEindruck gemacht, aus Mendelssohn's Schule zu sein, nicht\nals Nachahmung von Plagiaten-Jagden sind wir wohl\nbeide frei —, aber den Grundton der Zeit spiegeln sie\nwieder, der sogar in Richard Wagner anklingt. Denn von\nden Recitativen schweige ich lieber. Dieses Zwitterbild\nzwischen Poesie und Prosa ist überhaupt ein wesenloses\nDing, wo nicht in Meisters Hand das schwierigste aller\nRäthsel gelös't wird durch die linde Vermittlung melodi-\nscher und harmonischer Künste, die das harte, nur ra-\ntionelle Wort in Lichthöhe erheben. Ausser den Recitati-\nven von Händel, Räch und Mozart kann unser eins nur\nnoch hier und da zu denen von Weber, Löwe und Schu-\nbart ein rechtes Herz lassen; die Neueren verlieren sich\nzu oft in kalte Sylbenpressung nach dem Muster der kränk-\nlichen Euryanthe, wo Weber von seiner alten Schönheit\ngewichen ist. Unter den Reinthaler'schen Recitativen sind\ndie mildklingenden, wo Jephta Sehnsucht, Liebe oder Dank\nausspricht, die besseren, die leidenschaftlichen oft durch\nabstracte Modulationen carikirt.\nDie Chöre und Arien aufmerksam betrachtend, fin-\nden wir manche schöne Züge. Grosser Chöre sind vierzehn,\ndarunter zwei Doppelchöre, ausserdem noch\nje zwei für Männer und Weiber allein. Von diesen letzte-\nren ist wenig zu sagen; den Chor Nr. 6 ausgenommen,\nder mit den typischen Anklängen an alte Pilgertöne wohl\nseine Charakterwirkung ausüben mag, sind die übrigen\nHau; das gesammte genus ad ist ein gefährliches,\nda es allaugenblicklich zu harmonischen Stützpunkten der\nInstrumente greifen muss, wo die gegebenen Gränzen nicht\nreichen zu voller Entfaltung der melodischen Harmonik.\n—Unter den grossen vierstimmigen Chören sind vorzüg-\nlich beachtenswert!) Nr. 5, dem der Anklang an die Ein-\nleitung in Händers Israel nicht schadet (z. R. CI.-A. S. 23\nu, a.) es ist ein warmer Ton darin und schöne breite\nEntfaltung; dann Nr. 10, wo die erstürmenden Feinde\nmit beweglichen, scharf rhythmisirten Figuren daherfah-\nren. Auch Nr. 15 ist nicht ohne Feuer und Eigentüm-\nlichkeit; dieser Chor ist besonders zu beachten, weil er\neinen Höhepunkt der Handlung bildet, daher breit ange-\nlegt (30 Zeilen mit 183 Tacten; und einer theilweisen\nWiederholung im Schlusschor würdig gehalten ist. Der\nGrundton in diesem: ,Auf, Heer des Herrn\", ist mehr\npathetisch als geistlich, mehr bühnenhaft als kirchlich. Der\nbedeutsamste, best ausgeführte aller Chöre ist Nr. 18:\n„Singet dem Herrn mit Saitenspiel und Harfen\" ein"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.1.3", "texte": "wohltönendes Thema in klarer Gliederung und anmuthi-\n> ger Steigerung. In Nr. 25: „Gott, Du bist mein Gott;\nDeine Güte ist besser denn Leben\", welcher der zu ster-\nben entschlossenen Mirjam scheidend nachgesungen wird,\nist ein schwermüthiger Ernst in lastenden Rhythmen und\nTönen recht bildvoll dargestellt. Der Doppelchor Nr. 28,\nwo Ephraim's Krieger das Opfer Jephta's vernichti gen\nwollen, während das Volk den Herrn anruft, hat wohl den\nAusdruck der Leidenschaft, aber ohne charakteristische\nUnterscheidung in melodischen Gegensätzen. Gelungener\nist der folgende Nr. 30, der manche Wendungen des Ge-\nwitterchors aus Haydn's Jahreszeiten glücklich verwendet,\num die Naturscene zu malen, aus welcher Gottes entschei-\ndende Stimme hervorbricht. Und so ist auch der Schluss-\nchor, neben einzelnen Anklängen an ältere Oratorien, an-\nmuthend, erregsam, im Schlüsse aufgeschwungen. Vorzüg-\nlich schön ist der klangvolle, warme Chor des Dankes\nNr. 32.\nDiese sechs Chöre sind die gelungensten Theile des\nWerkes, um so anerkennenswerther, als hier die heute\nüblichen leeren Chor-Effecte, die wohlfeil zu haben sind\nund eine kurze Stunde wirken, durchweg verschmäht sind.\nFreilich haben auch diese Chöre Theil an den Schwächen\nder technischen Factur, was man so Harmonie und Me-\nlodie nennt nach altem Brauch. Wenn nun eine philoso-\nphische Tonlehre solche altvaterische Kategorieen verwirft,\nso haben sie damit noch keineswegs ihre Geltung verlo-\nren ; denn wie innig auch beide verbunden, sie sind doch\ngliedhafte Existenzen, und das bezeugen im Guten und\nBösen sowohl die vergangenen als die zukünftigen Ton-\nmeister.\nVor Allem ist nun in den Arien der Hauptpersonen\nsehr ersichtlich, was wir oft beklagt haben: die Abnahme\nder melodischen Gestaltung, der Tonfrische, wofür ein\nmühsames Suchen neuer Wendungen keine Entschädigung\nbringt. Die fast durchgängige Vermeidung des Grund-\ntones zu Anfang ist moderne Krankheit, die schön\nscheinen möchte; am meisten üben sie die Tageslöwen,\ndie eben nichts Besseres wissen, um interessant zu werden,\nleider aber ist es auch hin und wieder Schumann's und\nMendelssohn's Weise. Solche Unbestimmtheit der Tonart,\nauch ohne Noth als Manier angewandt, ist nicht geeignet\nzur Sammlung, sondern zur Zerstreuung des Gemüthes.\nStatt zu sagen: Hier bin ich!—und mit vollem plastischem\nUmriss frisch auf die Höhe zu springen entwickeln uns\ndiese modernen Melodisten gar fein und lehrhaft die wer-\ndende Melodie, und während wir zusehen, wie sie ent-\nsteht, ist sie dahin. Solche Art finde ich gleich Anfangs in\ndem Ritornell des zarten Liedes der Jungfrau: ,Der Herr\nverstösst nicht ewiglich.\" Nicht minder misse ich die To-\nnica zu Anfang des sonst so gewissen, zuversichtlichen\nChors der Feinde, Nr. 10. Weniger störend ist derselbe\nMangel in Nr. 28, wo im Anschluss an die vorherge-\nhende Arie (die ihrerseits auch ohne Tonica beginnt) eine\nschöne mixolydische Wendung wirksam gebraucht ist. Bei\nden Recitativen ist solche Ungebundenheit oft sinngemäss;\ndoch entsagen die alten Meister auch hier ungern der Ge-\nwissheit des Einsatzes.\nAuffallend noch ist die Neigung, in den rhythmi-\nschen Tonfällen (Ruhepunkten) der Melodie etwas Ab-\nsonderliches, Unerwartetes zu bringen, oft Mendelssohn\nwie aus den Augen geschnitten; so unter anderen die ohne\nTonica anhebende Arie Nr. 16, deren Hauptsatz schon im\nvierten Tacte eine absonderliche Wendung bringt, die um\njeden Preis neu sein will, wo das gute Alte doch nicht zu\nverachten war:\nVerwandten Tones ist Ephraim's Lied, Nr. 20, zarte,\nschmächtige Seufzer, nicht aus dem Mark eines Helden-\nTenors.\nMirjam erhebt sich nirgend über ein gewöhnliches\nMädchen, ausser in dem edeln Eingang des Schlusschors,\nwo sie anhebt gleichwie ihre Namensschwester inlländel's\nIsrael. Jephta selbst ist auch nicht eben hervorragend ge-\nzeichnet; seine melodische Kraft ist gering neben den zu-\nweilen bedeutsamen Recitativen. Ephraim ist, wo ihn\nnicht Sentimentalität befällt, ganz wacker dargestellt, doch\nwiederum mehr recitativisch als melodisch. Von den übri-\ngen Personen ist die Jungfrau gelungener als der ziem-\nlich rhetorische Prophet; vorzüglich anmuthend ist das\nzarte Naturbild im Terzett der Jungfrauen, Nr. 2-3.\nSo möchte ich denn im Allgemeinen, Deine und meine\nAnsicht vermittelnd, urtheilen: Die Reinthaler'schen Melo-\ndieen sind meist modern zweifelnde, mit liebenswürdiger\nFrage fesselnde, selten rasch ergreifende und unauslösch-\nlich ins Gedächtniss hineinfahrende. In der Factur der Me-\nlodieen ist vorgebildet, was Stimmführung, Harmonie und\nRhythmik zuweilen Auffallendes bringen; ganz besonders\nbegegnet uns in der Stimmführung die seit Beethoven in-\nstrumental begonnene, durch Mendelssohn in die Vocalität\nübertragene Stupfigkeit oder Stossigkeit ich weiss kein\nanderes Wort dafür. Einen Stupf—weisst Du noch?\nso nannte unser alter Stadtpfeifer (der mehr Musik im klei-\nnen Finger hatte, als Berlioz im ganzen Leichnam!) die"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.1.4", "texte": "stossigen Stillstände, wo man einen gelinden Ruck empfin-\ndet, wie eine Ohrfeige z. B. in den neugebackenen Schluss-\nformeln :\nSolche Stupfen schiessen uns nun in der gesammten neu-\nsächsischen und berlinischen Schule entgegen wie Bolzen.\nIm Anfangschor (Cl.-A.) S. 12, 2, 5, wo mit dem Quart-\nsext-Accord des Grundtones ohne alle Vermittlung der\nSchluss eingeleitet wird; 60, 1, 2—3, wo die Mendels-\nsohn'sche Yerweilung auf dem Secund-Accord sonderbar\nhemmend eintritt; 46, 1, 3 4, eine ähnliche Wendung\nim Bass; 94, 2, 2=3, 3 der Stillstand der obersten Har-\nfennote; 137, 2, 2, der Stillstand des as in der oberen\nBegleitstimme (Clarinette). Dieses sind die zunächst auffal-\nlenden Stupfen; ihnen verwandt sind die ebenfalls durch\nden späteren Beethoven vorgesungenen, durch Mendels-\nsohn und Schumann reichlich ausgebeuteten, dem Alter-\nthume missverständlich nachgebildeten Prolepsen, d. h.\nVorausnahmen eines später zu erwartenden Schlusstones,\nz. B. S. 93 Ende; 84, 3, 3 (83, 2, 3); 53, 3, 2.\nEin anderes Zeichen derZeit ist, wie die freie Ein-\nführung der Quartsexte, welche Beethoven allerdings\ngern gebraucht, aber mit geistvoll künstlerischem Maasse\ndurchaus nur als Würze und Ueberraschung, nun schon\nzu einer stehenden Ausfüllungsformel geworden ist. Wer\ndem harmonischen Wesen geschichtlich nachgeht, ersieht\nbald, wie sowohl die Schlussformeln als die freien Einfüh-\nrungen abgeleiteter Accorde ihre typische Bedeutung\nhaben, daher einerseits einem Zeitbedürfnisse oder Zeit-\ngeiste entsprechen, andererseits sich auch wohl zu trocke-\nnen Mode-Phrasen verflachen. Drei Hauptgestalten der\nSchlüsse sind vorzüglich typisch und bedeutsam:\nAlso die erste in reinen Dreiklängen ohne Dissonanz, die\nzweite mit dissonirendem Vorhalt der Quarte, die dritte\nmit (oft) freiem Eintritt der Quartsexte. Nach Mozart\nkommt besonders bei Beethoven die Vermeidung der\nQuartsexte vor dem Schlüsse häufiger vor; ein typischer\nSchlussist in dieser letzten Periode nicht mehr vorhanden.\nWer alles Typische philiströs schilt, mag die neue Art für\neinen Fortschritt achten; wer aber weiss, dass in allen\nmenschlichen Schöpfungen (gleichwie in den göttlichen;\nTypisches und Wandelbares einander wechselweise be-\nt\ndingt und fördert, was auch die Sprache selber beweis't,\ndie aus typischen Phrasen und freien Fortgestaltungen\nsich zusammen webt und weben muss: nun, der wird mit\nBetrübniss sehen, wie bei dem Mangel fester Typen auch\ndie Festigkeit der Gesammtbilder abnimmt und die Klar-\nheit der logischen Entfaltung (nach Anfang, Mittel und\nEnde—oder Ruhe, Bewegung, Ruhe—oder Exposition, Ver-\nwicklung, Katastrophe) bedenklich einbüsst, wenn man\ndiejenigen Mittel fasslicher Gliederung verscheucht, deren\nsich weder Homer und Shakespeare, noch Palestrina,\nBach und Mozart schämten; selbst Beethoven zeigt wenig-\nstens eine Hinneigung zum Typischen, indem er zwar\ndie Mozart'sche Quartsexte als antepaenultima meidet, aber\ndurchgängig einen dieser zwei Schlüsse gebraucht:\nderen erster specifisch Beethcvenisch, der andere ein we-\nnig antik anklingend erscheint. Und jederzeit geht die kräf-\ntige Schlussformel ihren rhythmischen Gang mit beson-\nderer Strenge; Freiheit herrscht nur in den bewegten\nTheilen, Anfang und Ende haben feste Schranken. In dem\nwunderschönen Mendelssohn'schen Männerliede: „ Wer hat\ndich, du schöner Wald, aufgebaut\" u. s. w., ist es sogar\nmanchem Nichtgelehrten aufgefallen, dass der Schluss un-\nklar, die Stimmung nicht abschliessend sei; es ist offenbar,\ndass er unnöthig ausgedehnt und im Rhythmischen ver-\nschoben ist, aus keinem anderen Grunde, als um etwas\nUngewöhnliches zu sagen. Diese Furcht vor Trivialität ist\nkein Zeichen eines grossen Geistes; dem Dichter, der sie\nfürchtet, ruft ein alter Meister entgegen:\n(D.) „Ich bin ein Dichter.\" (M.) Freund, sind deine Augen helle?\nG'nügt dir die Eichel und die Quelle?\nDu wirst ungeduldig werden über all die Excurse.\nNun, es ist 'mal alte Gewohnheit zwischen uns, und so"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.1.5", "texte": "lang' wir allein sind, geht's so in Einem hin; und den ver-\ntrauten Briefwechsel wirst Du mir nicht ausplaudern\noder gar drucken lassen, wie Du einstmals verrätherisch\ngethan. Denn manche Anspielungen auf unsere Jungens-\njahre versteht ein „gedruckter Leser\" nicht, und ohnehin\nwird ja so Manches nach Partitur, Auszug und Anhörung\nvorausgesetzt, dass eine Zeitung es kaum brauchen könnte.\nAlso:\nWeiter im Text und zum Schlüsse! Neben den nicht\ntypischen, daher zuweilen auch nicht rhythmischen*)\nSchlüssen sind mir die oft unnützlich drein hauenden Quart-\nsexten bei Beinthaler störend gewesen, u. A. S. 89 Ende;\n77 Anfang; 91, 2, 3; 8, 3, 1; 12, 2, 53, 7 u. s. w.\nMerkwürdig ist der freilich zufällige Quartsext-Klang in\neiner Stelle des sonst recht ausdrucksvollen Chors Nr. 15,\nwo S. 73, 1, 4 der Bass eine unnütz harte Stimmfüh-\nrung hat:\ndie selbst der eiserne Seb. Bach milder geben würde, dem\ncontrapunktischen Thema nachgehend, wie bei b. Auch\ndie stupfende Quartsexte im drittletzten Tacte S. 102 ge-\nhört hieher:\nWenn Du mich nun wieder anschuldigst, der alten\nschulmeisterlichen Corrigirsucht zu sehr nachzuhangen, so\nsage ich erstlich: tu l'as voulu!ich habe mich lange genug\ngewehrt; und dann erkenne doch auch, dass ich aufmerk-\nsam eingegangen bin und vieles Schöne, Lobenswerthe\nanerkenne. Und wollte ich auch hier Einzelheiten aushe-\nben, z. B. die unnachahmlich liebliche Secunden-Sequenz\nS. 104, 2, 7 in den beiden Unterstimmen, oder die zarte\nBeziehung zwischen dem Fugen-Thema S. 110, 1 und\ndemArioso 107, 2, 1, wie Bild und Gegenbild ausspricht,\nwas der Text logisch sagt: „Was weinet ihr so sehr1,\n„Gott, Du bist mein Gott\" —ja, da würde der Brief eben-\nfalls kein Ende finden. Was hätte ich sonst noch alles\nauf dem Herzen! z. ß. die Frage nach der echten Voca-\nlität, nach dem Verhältniss der Sänger und Spieler unter\neinander, nach der Kunst der Stimmführung, der Verwen-\ndung der Tonarten (letztere bei R. gesund und rühmens-\nwerth darin, dass er die abenteuerliche Chromatik der\nmodernen Neuntödter meidet), endlich nach Plagiaten und\ndergleichen. Solches alles müssen wir nächstens mündlich\ndurchsprechen. Und wenn ich Deine Freude dämpfen\nmusste, der Du in Deinem Liebling einen neuen Händel\nerblicktest—ein Prädicat, das ihm nicht mehr, nicht min-\nder gebührt, als Mendelssohn—, nun, so treffen wir wie-\nder überein in der Anerkennung des Strebens, wenn wir\ndieses auch nach verschiedenem Maassemessen. Was übri-\ngens die heilige Tonkunst angeht, so hat sich ja kürzlich\nE. Hanslick in der Niederrheinischen Musik-Zeitung bei\nGelegenheit der graner Messe so ausgesprochen, dass ich\nmeine Ansichten nur bestätigt finde. Dein unverbesser-\nlicher alter\n\":) Dass Khythmus und Typus innerlich nahe verwandt sind, hast\nDu mir selber einmal bewiesen aber die neuesten Maöstri\nwerden's nicht glauben. Ach, Herr, wer glaubt unserem\nPredigen!\n\nDIXI.\n\nAugust Gathy.\n(Nekrolog.)\n\n• Die Kunde von dem Tode Gathy's, der am 8. April\nin Paris verschied, kann nicht verfehlen, in Deutschland\ngrosses Mitgefühl zu erregen, In Gathy ist ein Mensch\nvon edelm, aufopferndem Charakter und einer \"von den\nwenigen musicalischen Schriftstellern heimgegangen, die\nnoch mit gründlicher Sachkenntniss und unbestechlicher\nUeberzeugung über musicalische Kunst und Künstler, mit\nAusscheidung alles Gewäsches und banalen Kunstge-\nschwätzes, schreiben können und wollen. Damit verband\ner eine Humanität, die nicht aus persönlichen Rücksichten\nentsprang, sondern in dem Wesen seiner Natur, in seinem\nguten Herzen und seinem bescheidenen Sinne begründet\nwar. In der musicalischen Welt allgemein geachtet und\nvon allen, die ihn genauer kannten, geliebt, hatte er den\nAufenthalt in Paris lieb gewonnen. Allein er war kein\nMann der Salons, sondern lebte, wiewohl er mit allen Be-\nrühmtheiten in Verbindung stand, doch in bescheidener\nZurückgezogenheit; er suchte Niemanden, aber die Ver-\ntreter der Kunst und Literatur suchten ihn, und sein schar-\nfer Verstand, seine reine Seele, sein unzerstörbares Wohl-\nwollen, seine aufopfernde Willfährigkeit, seine stets bereite\nAushülfe fesselten Alle an ihn.\nIn diese Seite seines Charakters lässt ein Brief an\neinen Kunstfreund in Deutschland, Herrn C. B. in Minden,\neinen interessanten Blick thun. Gathy beschäftigte sich in\nden letzten Jahren hauptsächlich mit einer dritten Auflage\nseines musicalischen Conversations - Lexikons,\ndessen zweite im Jahre 1840 bei Niemeyer in Hamburg"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.1.6", "texte": "erschienen war. Bei dieser Beschäftigung war Herr 8.,\ndessen Freundlichkeit auch die Niederrheinische Musik-\nZeitung mehrere schätzbare Mittheilungen verdankt, durch\nseine Liebe zur Sache so teilnehmend, dass er ihm nach\nund nach Tausende von vorzugsweise historischen Notizen\nzusandte und Gathy ihn „seinen Mitarbeiter, und zwar\neinen der fleissigsten\", nannte. Im Laufe des Briefwechsels\nüber diese Angelegenheit schrieb Gathy am *2O. Januar\n1857 unter Anderem Folgendes:\n„ Nächstens wird der Druck des ersten Bandes\nvon Fetis' biographischem Lexikon (neue Aullage) hier\nbei Didot vor sich gehen. Damit dieses bedeutende Werk\nein wahres höchstes Denkmal der Musik sein wird, muss\nein jeder, dem die Kunst und ihre Literatur am Herzen\nliegt und es wirklich um ein redliches Streben zu thun ist,\nes als Pflicht betrachten, brauchbares Material dazu zu\nliefern, und so bot ich aus dem Meinigen dem gelehrten\nManne dasjenige an, was ihm etwa fehlen dürfte, Hiesiges\nund Auswärtiges. Er konnte fast Alles gebrauchen und\nist nun herübergekommen, theils, wie gesagt, um sich mit\nseinem Verleger zu verständigen, theils aber mit mir die\nArt der Vermittlung meines Manuscriptes zu besprechen,\ndas ich weder nach Brüssel schicken mag, noch überhaupt\naus den Händen geben darf, und doch auch nicht für ihn eben\nsofort verarbeiten kann, wie ich das auf seinen Wunsch,\naber mit grossem Zeitopfer in die Nacht hinein, mit den\nBuchstaben A, B, C bereits gethan habe. So unabhängig\nist aber meine Existenz nicht, dass ich mein eigenes In-\nteresse ganz vernachlässigen und einem fremden Werke\nzu Liebe das meine noch um so länger liegen lassen\ndürfte. -* \"\nMan sieht, wie der treffliche Mann fast mit sich selbst\nkämpft, ob er nicht die aufopfernde Thätigkeit für einen\nAnderen dem Arbeiten für sein eigenes Werk vorziehen\nsolle! Wie weit dieses der Vollendung entgegen gereift,\nkönnen wir nicht sagen. Möge nur die Ausführung des-\nselben nach Gathy's hinterlassenem Material, so wie über-\nhaupt sein handschriftlicher Nachlass in gute Hände kom-\nmen ! Gedruckt sind ausser den schon genannten zwei\nAuflagen des Lexikons von ihm noch: -Erinnerungen an\ndas erste norddeutsche Musikfest in Lübeck.\" Hamburg,\nbei Niemeyer, 1840. „Musicalische Wanderungen\ndurch Deutschland. In Briefen von 11. Berlioz. Aus dem\nFranzösischen von A. Gathy.\" Hamburg und Leipzig, bei\nSchuberth, 1844. - An vielen musicalischen Zeitungen\nu. s. w. war er Mitarbeiter; fast alle Artikel in namhaften\ndeutschen Blättern über Berlioz, Cherubini, Chopin, Du-\nprez, Habeneck, Halevy, Kalkbrenner, Onslow sind aus\nseiner Feder geflossen, die grosse Zahl von Aufsätzen all-\ngemeineren Inhalts und von Correspondenzen nicht zu\nrechnen. In letzterer Hinsicht steuerte er, wiewohl unge-\nnannt, auch Schätzbares zu den Correspondenzen aus Pa-\nris in dieser Zeitung bei.\nGathy war von Geburt ein Belgier; er war zu Lüt-\ntich um das Jahr 1804 geboren. Ob er in Deutschland\nerzogen worden, wissen wir nicht gewiss; Alles macht\ndieses aber wahrscheinlich, da sein ganzes Wesen, auch\nsein Stil, den Stempel deutscher Eigentümlichkeit trug.\nEr selbst sprach überhaupt wenig von sich und war na-\nmentlich über die persönlichen Verhältnissse seiner ersten\nJugend schweigsam. Wir erinnern uns eines Abends, an\nwelchem unter anderen anregenden, aber auch vertrau-\nlichen Gesprächen die Rede auf die kleinen Ereignisse un-\nseres Lebens kam. Während Schreiber dieser Zeilen seine\nLaufbahn kurz erzählte, Gathy aber nicht müde wurde,\n7 J 7\nauf ausführlichere Mittheilungen zu dringen, weil er ihn\nnur als musicalischen Schriftsteller kannte, widerstand er\ndennoch der Bitte um gleiche Mittheilungen versprach\nsie zwar schriftlich zu geben, hat sie aber weder mir noch\ndem oben erwähnten Kunstfreunde, dein er dasselbe ver-\nheissen, zugesandt. Was wir von seinem Leben in Deutsch-\nland wissen, ist, dass er in Hamburg Buchhändler-Gehülfe\nwar, darauf bei Friedrich Schneider in Dessau Musik stu-\ndirte zugleich mit Gustav Flügel und dann bis 1841\nwieder in Hamburg lebte. In diesem Jahre ging er nach\nParis, das er seitdem zum bleibenden Aufenthalte wählte.\nDort hat ihn der Tod von den Leiden einer schmerz-\nlichen Krankheit befreit und die Räthsel gelös't, welche\nsein Geist mit besonderer Vorliebe zu durchdringen strebte.\nDenn mit seiner logischen Denk- und Schreibweise und\ndem kritischen Talente, das ihm von Natur gegeben, war\nauf merkwürdige und seltene Weise eine leicht aufzure-\ngende, lebhafte Einbildungskraft und eine Gemüthstiefe\nverbunden, die ihn zu fast schwärmerischer Auffassung der\nBeziehungen der Seele des Menschen zu dem Geisterleben\ndrängten und ihn zum aufrichtigen Anhänger des Glau-\nbens an das Vorhandensein dieser Beziehungen und an\ndie sichtbaren und wirklichen Macht-Aeusserungen dersel-\nben machten.\nSeine sterbliche Hülle ruht auf dem Kirchhofe von\nMontmartre, wo Kalkbrenner, Zeuner und Nourrit begra-\nben liegen und Neukomm kurz vor ihm in die Erde ge-\nsenkt worden ist.\n\nL. Bischoff.\n\nJohanna Wagner.\n\nFräulein Wagner hat ihr Gastspiel am 8. d. Mts. mit der Dar-\nstellung des Romeo in Bellini's Oper begonnen, das heisst, eine der\nFürstinnen der Kunst ist vor uns erschienen, um Auge, Öhr und\nHerz zu entzücken und die begeisterten Huldigungen des Publicum^"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.1.7", "texte": "entgegen zu nehmen. Johanna Wagner hat für die echt künstlerische\nDarstellung des musicalischen Drama's von der Natur die WTeihe\nempfangen, die reichen Gaben dieser liebenden Mutter aber so zu\nwürdigen und zu vervollkommnen gewusst, dass sie als dramatische\nSängerin keine Nebenbuhlerin zu scheuen hat und als Darstellerin\nden gefeiertsten Schauspielerinnen nicht nur gleich steht, sondern\nsie namentlich im Charakter des Heroischen übertrifft. Bekanntlich\nhat die Künstlerin den natürlichen Umfang ihrer Stimme nach der\nHöhe hin bedeutend ausgedehnt, ob zum Vortheil des Organs über-\nhaupt und namentlich des vollen Klanges der tieferen Töne, dürfte\nzu bezweifeln sein. Allein das ißt keine Frage, dass sie gegen die\nZeiten ihrer ersten Bühnenjahre im kunstgerechten Gesänge eine un-\nendlich höhere Stufe erreicht hat. Während der edle und grosse Stil\nihres Vortrages, die Breite und der Ausdruck des getragenen Gesan-\nges, der ergreifende Schmelz des Tones in dem natürlichen Bereich\nder Stimme dieselben geblieben, ja, die feineren Schattirungen der\nKlangfarbe nicht bloss noch eben so vorhanden sind, sondern in\nhohem Grade vervollkommnet erscheinen, gebietet sie mit Reinheit\nund Correctheit über eine Geläufigkeit in Tonleitern, Trillern und\nVerzierungen, welche bei so vollem Organ nur selten erreicht\nwird. Was Johanna Wagner aber vor den meisten grossen Sängerin-\nnen Frankreichs und Italiens auszeichnet, ist das deutsche Gemüth.\ndas bei den innigen und gefühlvollen Stellen zu uns spricht, und\nder angeborene Adel ihres Gesanges, der sich nirgends verläugnet,\nund in der Regel auch da nicht, wo es sonst nur auf Glanz und\nVirtuosität abgesehen ist. Wir hegen dabei nur den Wunsch, dass\ndie Kunst nie in Künstlichkeit ausarten möge, indem selbst die mei-\nsterhafteste Ausführung an ungeeigneter Stelle den dramatischen\nEindruck schwächt. In dieser Hinsicht dürfte Fräulein Wagner auch\nim Romeo, wie sie ihn jetzt singt, hier und da zu weit gehen. Die\ngeniale Auffassung des Ganzen bleibt indess immer hoch über der\nAusführung der Details stehen, und es ist wahrhaft wunderbar, wie\nsehr wir bei solcher Darstellung den Bellini'schen Romeo last ganz\nvergessen und nur noch an den Kern dieses Trauerspiels der Liebe\ndenken.\nDie Aufführung der Oper Lucrezia Borgia war eine der ge-\nlur.gensten der ganzen diesjährigen Saison. Fräulein WTagner entfal-\ntete in der Rolle der Lucrezia die ganze Fülle ihres lyrisch-drama-\ntischen Talents und erregte bei dem vollbesetzten Hause einen sol-\nchen Enthusiasmus, dass man nach jedem Acte die Künstlerin zwei\nMal hervorrief, eine Beifallsbezeigung, welche hier sehr selten ist.\nDas Zusammenwirken so vieler herrlichen Mittel zu einer Knnst-\nleistung stellte auch in der That ein Seelen-Bild voll Leben, Gefühl\nund Leidenschaft in dem Rahmen einer schönen und imponirenden\nPersönlichkeit hin, welches sicher zu den seltensten und vollendet-\nsten gehört, die man auf der Scene sehen kann. Gesang und Spiel\nlassen sich in demselben durchaus nicht scheiden, sie durchdringen\nsich einander so innig, dass auch der Eindruck beider unzertrenn-\nlich ist. Nur so viel kann man im Einzelnen von Beiden sagen, dass\ndie Plastik des Spiels stets jenes classische Maass festhält, ohne wel-\nches es keine vollkommene Kunst-Darstellung gibt, und dass die\nKunst, mit welcher die Sängerin die Klangfarbe des Tones je nach\nder Empfindung und Leidenschaft, von der sie in jedem verschiede-\nnen Momente beseelt wird, zu modifieiren weiss, zu den schwierig-\nsten Aufgaben gehört, und von ihr zur Meisterschaft gebracht ist,\nwie dieses besonders die Scene, in welcher Lucre/.ia den Gatten um\nGennaro's Leben bittet, und die ganze Seliluss-Scene des Drama's\nbewiesen.\n\nL B.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHoiss. Dinstag den 6. April gab Herr Kammersänger und Ge-\nsanglehrer Ernst Koch seine diesjährige Soiree. Herr Koch führt\nin der Regel nur seine Schüler und Schülerinnen in diesen Soireen\nvor, so dass sie, mit Ausnahme seiner eigenen Gesang-Vorträge, für\nein Prüfungs-Concert seines Privat-Instituts für Gesang gelten können.\nEr selbst wirkte dieses Mal in zwei Duetten von Rossini (Mira la\nbianca luna und aus Tancredi) und einem von Meyerbeer (Raimbaud\nund Bertram) mit und trug ausserdem zwei Lieder von Herrn\nBrambach, Stipendiaten des Mozart-Vereins in Frankfurt, mit der\nsonoren Stimme und dem meisterhaften Ausdruck vor, die ihn als\neinen der besten Liedersänger Deutschlands schon längst eharakte-\nrisirt haben. Die genannten Lieder sind zwei sehr hübsche Blüthen\ndes schönen Talents des jungen Componisten, der im Stillen schafft\nund sich übrigens diesen Abend auch am Pianoforte als guten Be-\n%\ngleiter bewährte.\nFräulein Catli, Deutz sang eine Arie aus „Linda\" von Doni-\nzetti recht brav; auch trug sie die „Suleika\" von Mendelssohn und\n„Sie sagen, es wäre die Liebe\" von Kirchner sehr schön vor, be-\nsonders das erstere Lied; das zweite könnte vielleicht etwas einfa-\ncher aufgefasst werden; wie die Sängerin es nun aber einmal ge-\nnommen hatte, gelang ihr der beabsichtigte Ausdruck vortrefflich.\nVon Fräulein Deutz zu den übrigen Aufgetretenen ist nun freilich\nein grosser Abstand; allein die Leistungen der letzteren darf man\nauch nur vom pädagogischen Gesichtspunkte aus betrachten, und in\ndieser Hinsicht zeigten sich bei allen denen, welche bereits längere\nZeit in Herrn Koch's Schule gewesen waren, sehr gute und bei\nmanchen Schülern, z. B. dem Bassisten Herrn Ossenbach, ganz\nüberraschende Fortschritte. Von den übrigen Damen zeigten Fräulein\nAnna Kuhn aus Kreuznach und Fräulein Julie Rothenber-\nger von hier hübsche Sopranstimmen und gute Studien, welche die\nerstere besonders in der Oberstimme des Terzetts aus Azor und Ze-\nmire von Spohr, die letztere in dem Vortrage des Eckert'schen Echo-\nLiedes : „Er liebt nur mich allein\", bekundete, nur dass ein Sänger-\nKunststiick, wie dieses Lied doch nur ist, eigentlich eine Aufgabe\nfür eine vollkommen ausgebildete Sängerin ist. Dies erwogen, konnte\nman allerdings in den lebhaften Beifall der Zuhörer mit einstimmen.\nHerr Burrenkopf, ein tiefer Bass, muss vor Allem erst noch mehr\nSicherheit im Intoniren erwerben. Die Stimme von Fräulein Papier\naus Luxemburg machte sich in dem Spohr'schen Terzett, wo sie die\ntiefste Stimme sang, am besten. Ueber ihre Fortschritte können wir\nnicht urtheilen, da sie erst seit Kurzem bei Herrn Koch Unter-\nricht hat.\nDas Prüfungs-Concert der Rheinischen Musikschule\nunter der Direction des Herrn Capellmeisters F. Hill er fand in\nderselben Woche am 8. April Statt. In Bezug auf Gesang hörten\nwir die Sopran-Arie aus dem „Sommer\"' in Haydn's Jahreszeiten,\nwelche von Fräulein Christine Sauset von hier überall, wo das\nMezza voce anzuwenden war, gut gesungen wurde; im Allegro lehlte\nes jedoch an Schwung und Krafr. Fräulein Jenny Niethen aus\nKöln trug die Alt-Arie von Händel: „Heilig, heilig!\" mit schöner,\nreiner Altstiulme vor; doch that die Befangenheit des ersten Auttre-\ntens der jungen Sängerin offenbar Eintrag. Ein Duett von Rossini\nfür Sopran und Alt sangen Fräulein Küpper und Niethen recht\nweich und lieblich. Das Terzett für drei weibliche Stimmen ohne\nBegleitung aus Mendelssohn's Elias war im Ganzen gut, hätte je-\ndoch vielleicht im Einzelnen feiner einstudirt sein können. Von\nmännlichen Stimmen kam nichts vor. Sollte das deutsche Land keine\nTenöre mehr erzeugen ? Es sieht beinahe so aus; denn Tenorschüler\nsind jetzt fast eben so selten wie Violoncellschüler. Zwei Schüler"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580417-01.1.8", "texte": "der Anstalt hatten sich in Gesang-Compositionen versucht; es kamen\ndavon ein Gesang für vier Männerstimmen von Christian Schil-\nberg aus Zons und zwei Stücke für vollen Chor: „Grabgesang\"\nund „Auferstehen\", von Karl Krüger aus Soest vor. Das Männer-\nQuartett ist wohlklingend gesetzt; die beiden Chorgesänge verrathen\nunverkennbares Talent sie sind fliessend und ausdrucksvoll ge-\nschrieben und stehen in melodischer und harmonischer Hinsicht über\ndem Gewöhnlichen.\nDem Yernehmen nach wird an die Stelle des Herrn Musik-Direc-\ntors Reinthaler als Gesanglehrer Herr Böhm aus Dresden im\nHerbste eintreten.\nDie Ouvertüre zu Judas Maccabäus von Händel war in den Vio-\nlinen und Bratschen von Zöglingen der Schule besetzt, die recht\nwacker und rein drauf los strichen. In einem Rondo für Violine von\nVieuxtemps zeigte der junge Georg Krill von Köln eine schon\nsehr gewandte Bogenführung, Reinheit, Fertigkeit und Eleganz im\nVortrage. Er erinnerte an einen früheren Schüler der Anstalt, Herrn\nBach aus Bonn, der mit schönem Erfolg seine Studien unter Joa-\nchim fortsetzt. Der junge August Grüters aus Uerdingen ist\nein bedeutendes Talent; die Composition eines Violin-Quartetts (Al-\nlegro und Menuett) ist durch Klarheit und Fluss sehr lobenswerth,\nund der Vortrag des Capriccio für Violine von Vieuxtemps bewies,\ndass der Spieler bereits einen hohen Grad von technischer Fertigkeit\nerreicht hat und dass eine musicalische Seele in ihm wohnt.\nFräulein Anna Seil von hier spielte St. Heller's Phantasie über\n„Auf Flügeln des Gesangs\" für Portepiano mit hübschem Anschlag\nund mit einer gewissen Anmuth. Hubert Greis aus Neuwied trug\ndas Capriccio von Mendelssohn ganz vorzüglich vor, eben so Theo-\ndor Frantzen von hier das Finale aus Mendelssohn1 s D-moll-\nConcert; das letztere hatte stellenweise ruhiger sein können.\nDas Concert hat die erfreulichsten Fortschritte der Zöglinge der\nAnstalt sowohl im Technischen als besonders auch in allgemein\nmusicalischer Bildung bewährt.\nDrittes Winter-Abonnements-Concert des kölner\nMännergesang-Vereins, unter Leitung des Herrn Musik-Di-\nrectors F. Weber, am 7. April. Es wurden nur grosse Chöre mit\nOrchester-Begleitung gemacht. Zum Anfang wurde Beethoven's\nEgmont-Ouverture recht gut ausgeführt. Dann spielte Herr Concert-\nmeister Jul. Grunwald zwei Sätze aus dem Violin-Concert von\nB. Molique, Op. 21, mit edelm Tone, vorzüglicher Technik und\nschönem Vortrage. Er erhielt mit Recht lebhaften Applaus. Hierauf\nfolgte der „Bacchuschor\" aus Sophokles' Antigone, Musik von Men-\ndelssohn. Vielleicht wäre an der Stelle desselben heute, wo Men-\nComposition zum Oedipus in Kolonos die ganze zweite\nAbtheilung des Concertes füllte, ein anderes Gesangstück mit Or-\nchester passender gewesen, da es sich nicht läugnen lässt, dass der\nStil dieser Musik zu griechischen Chortexten, wie es in der Natur\nder Sache liegt, etwas Monotones hat. Indessen machte die Pause\nzwischen beiden Theilen eine gute Diversion, und die vortreffliche\nAufführung der Musik zum Oedipus wurde vom Publicum trotz der\nFremdartigkeit der Sache mit gespannter Tbeilnahme angehört und\nverfehlte ihren Eindruck nicht. Die verbindenden Worte von L. Bi-\nschoff hatten jedenfalls das Verdienst der Kürze und einer verständ-\nlichen Sprache, während wir ähnliche Verbindungs-Texte zu diesen\nbeiden Compositionen Mendelssohn's kennen, welche die Holperigkeit\nder von ihm benutzten Uebersetzungen noch überbieten, als wenn es\nausser dem griechischen Trimcter und der griechischen Wortbildung\nund Wortfügung kein Heil gäbe! Wie weit unsere gerühmten Ueber-\nsetzungen der Classiker noch von dem Ziele abirren, ersieht man\nerst recht deutlich, wenn ihr Zwitterdeutsch in Musik gesetzt wird.\nDie Chöre wurden alle sehr p/äcis und mit Schwung ausgeführt;\nauszuzeichnen waren der Chor in F-dur: „Zur rosprangenden Flur*\nund das Solo-Quartett: „Ist es verstattet, dich, nächtliche Göttin,\nzu feiern\", welches unmittelbar auf die Abschiedsworte des zum\nTode gehenden Königs von ergreifender Wirkung war. Wir wollen\nnicht über den Vorrang der einen Composition vor der anderen (zur\nAntigone und zum Oedipus) streiten, auch nicht darüber, ob es nicht\neine zweckmässigere Compositionsweise für beide gegeben hätte, als\ndie modern und frei musicalische, die Mendelssohn gewählt; das\naber scheint uns gewiss, dass die Empfindungen, welche der Inhalt\ndes Oedipus anregt, unserer Gefühls weise und unserer Theilnahme\nweit näher liegen, als die tragischen Elemente in der Antigone.\nDie berühmte Sängerin Sennora Anglks de Fortuni, die als\ndie Krone der zierlichen Sopranistinnen gepriesen wird, ist gestern\nAbends in der Lucia hier aufgetreten. Da unser Blatt schon vor\nEnde der Vorstellung geschlossen war, so können wir erst in näch-\nster Nummer über diese ausgezeichnete Künstlerin berichten."}]}