{"numero_id": "bm-bmtnabi-1858-05-08-01", "volume": "bmtnabi_1858-05-08_01", "ocr_sha256": "80d2ddd8d94c473ee566e939316476e130cb9d076d27649a0816b87b7a167f4c", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1858/05/08_01/bmtnabi_1858-05-08_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1858-05-08-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-05-08_01#c001", "volume": "bmtnabi_1858-05-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "145", "page_fin": "145", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "145", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 382, "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe (Die Musik-Zustände im Allgemeinen - Orchester-Conoerte - Opernmusik). Ein Ciavier-Auszug\nvon Mozart's D.n Juan.\" Aus Dresden (Rdelbliek auf die muainnliaeben Produett.n.n des verflogen L»ul^\nNitz sehe, geb. Kindseber. - Tagt«- und Unterb.ltung.bl.lt (Neumed, Concert für Kammermusik, Herr E. Koch\nBerlin, Concert zu woblthätigen Zwecken, Fräul. Sara Magnus)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-05-08-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-05-08_01#c002", "volume": "bmtnabi_1858-05-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "145", "page_fin": "147", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.2.2", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "145", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.1.1", "debut_caractere": 384, "fin_caractere_exclue": 4203, "texte": "Pariser Briefe.\n[Die Musik-Zustände im Allgemeinen Orchester-\nConcerte Opernmusik.]\nWenn das Kunstleben in Paris durch den raschen\nUmlauf der Ideen, die Menge und den Wechsel der Pro-\nductionen einzelner Künstler und durch den blendenden\nPomp der theatralischen Vorstellungen einen grossen Reiz\nfür Dilettanten hat, so ist auf der anderen Seite doch der\nKünstler vom Fach, der seine Aufgabe tiefer erfasst und\nmit ehrlichem Eifer und wahrer Begeisterung sich der\nMusik widmet, nur zu beklagen, wenn ihn das Schicksal\nin diesen Strom geworfen hat, der kaum noch an den rei-\nnen Quell erinnert, dem er entsprungen. In dem Treiben\nund Drängen desselben wird auch das edle Gestein zum\ngewöhnlichen Kiesel abgerollt und abgeschliffen, ein Be-\nwahren der künstlerischen Individualität wird fast unmög-\nlich, und auch der Tüchtigste verliert am Ende den Muth,\nja, den Glauben an sich selbst. Und in derselben Lage ist\nder wirkliche Kunstfreund, dem es nicht um Ohrenkitzel\nund Schaulust zu thun ist, sondern um Erhebung seiner\nselbst durch die Werke trefflicher Meister der ernsten und\ngrossen Gattung. Für diese ist kein Platz in Paris, weder\nfür die monumentalen, noch für die modernen.\nBesitzt Paris Institute für Kirchenmusik? Keine\neinzige Kirche hat einen Sängerchor, geschweige denn ein\nOrchester. Während in Deutschland Messen, Motetten,\nCantaten, Oratorien u. s. w. innerhalb und ausserhalb der\nKirche unzählige im Laufe eines Jahres und in mehr als\nhunderf*Städten aufgeführt werden, gilt es in Frankreich\nfür ein Ereigniss, wenn einmal eine musicalische Messe,\nein Requiem oder gar ein Oratorium zu Stande gebracht\nwird. Ich sage: zu Stande gebracht wird; denn es gehört\neine Sisyphus-Arbeit dazu. Will ein Künstler eine Kirchen-\nComposition, gleichviel, ob eine eigene oder Iremde, hier\naufführen, so muss er vorausgesetzt, dass er von der\nGeistlichkeit die Erlaubniss zur Benutzung einer Kirche\nerhalten hat die nöthigen Orchester- und Chorkräfte\naus den Theatern holen und sie gehörig bezahlen. Das\nAusschreiben der Stimmen aus der Partitur ist seine Sache,\nkein Verein, kein Kirchen-Vorstand bekümmert sich darum.\nUnter tausend Francs kann er es nicht haben. Soll die\nAusführung nur einiger Maassen Eindruck machen, so\nmuss er wenigstens sechszig Sänger und sechszig Instiu-\nmentalisten aufstellen, die sich sämmtlich aus reiner Kunst-\nliebe und aufopfernder Gefälligkeit mit zehn Francs ein\njeder begnügen macht wieder 1200 Fr. Rechnen wir\ndie übrigen Kosten nur auf 100 Fr., so muss ein Com-\nponist wenigstens 2300 Fr. ausgeben, bevor er die erste\nProbe halten kann! Eine zweite stösst schon auf Hinder-\nnisse. Endlich bringt er es nach sechs- bis achtmonat-\nlicher Arbeit an der Partitur, ungenügenden Proben, reich-\nlichen Ausgaben und Mühen zu einer mittelmässigen Aus-\nführung seines Werkes vor einem Publicum, unter wel-\nchem ausser seinen Freunden einige hier und da zerstreute\nKünstler und Kunstfreunde mit der Lupe zu entdecken\nsind. Das mehr als gemischte Publicum, das noch dazu\nein- und ausströmt, bezahlt den Eintritt mit seiner Auf-\nmerksamkeit, ein oder zwei Journale machen ein Artikel-\nchen über das Werk, das nach ein paar Tagen vergessen\nist und binnen zehn Jahren vielleicht noch ein oder zwei\nMal oder auch gar nicht wieder aufgeführt wird. Es sind\nsehr seltene Ausnahmefälle, dass die Geistlichkeit die Ver-\nmiet'nung der Plätze zur Deckung der Kosten gestattet;\nhat ein Componist also nicht seine zwanzig- bis dreissig-\ntausend Francs Rente, so kann er seine geistliche Musik\nnicht zur Aufführung bringen. Möchten doch die deutschen\nComponisten, denen Paris noch oft als das Eldorado er-\nscheint, durch diese wahrheitsgetreue Schilderung ihre\nglückliche Lage daheim schätzen lernen!\nFür grosse Orchestermusik sind die Verhältnisse\netwas besser, aber auch nichts weniger als befriedigend."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "146", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5315, "texte": "Paris hat jetzt zwei Concert-Gesellschaften, eine alte und\neine junge, von denen jede während drei und eines hal-\nben Monats sechs bis acht Concerte gibt das ist alles;\ndenn die Concerts de Paris stehen ausserhalb der ernsten\nMusik und erheben sich nicht im Entferntesten zu der\nkünstlerischen Bedeutung ähnlicher Unternehmungen in\nBerlin.\nDie alte C o ncert-Gesellschaft im Conserva-\ntoire sie besteht jetzt im einunddreissigsten Jahre\nist die einzige, welche auch äusserlich durch die Verhält-\nnisse begünstigt ist. Sie hat einen trefflich akustischen\nSaal in Form eines Theaters mit Logen zu ihrer Verfü-\ngung für Proben und Aufführung; das Personal der Aus-\nübenden besteht im Allgemeinen aus den tüchtigsten Künst-\nlern ; die Werke werden fast stets mit grosser Sorgfalt stu-\ndirt. Der Dirigent Girard ist freilich kein Habenek, und\nwo ihm die Tradition nicht zu Hülfe kommt, lässt ihn die\neigene geistige Aulfassung manchmal im Stich. Allein im\nGanzen erfüllt das Institut seine Aufgabe auf eine würdige\nund in vieler Hinsicht musterhafte Weise, und nur diese\nAufgabe selbst wird als nicht mehr zeitgemäss von den\njüngeren Musikern, namentlich den Componisten, angegrif-\nfen, denen die conservative Richtung des Instituts für einen\nabgöttischen Cultus der Todten gilt. Es kehrt sich aber\nnicht daran und würde seinen Charakter einbüssen, wenn\nes sich irre machen liesse. Möchte es nur die einzelnen,\noft keineswegs in classischer Musik sich ergehenden Solo-\nVorträge, als Flöten- und Harfenspiel u. dgl. und die Auf-\nführung von Bruchstücken grösserer Werke, von seinen\nProgrammen verbannen!\nIn den acht Concerten (vom 10. Januar bis 11. April\nd. J.) kamen vor: Sinfonieen von J. Haydn in G, Ada-\ngio aus Nr. 16, von Mozart in JEs, von Beethoven in\nEs (eroica), in D-moll Nr. IX. mit Chören, in Nr.\n1., in C-mollNr. V., in B-dur Nr. IV. Ouvertüren von\nWreber Freischütz, Beethoven Egmont nebst Zwischen-\nmusik mit Gedicht von Trianon, und Coriolan, Mendels-\nsohn Sommernachtstraum nebst den übrigen Musik-\nstücken. Chorgesänge aus Idomeneo von Mozart, die\nJahreszeiten von J. Haydn mit französischem Text von\nRoger vollständig (worüber ich schon berichtet habe),\nachtstimmiges Motetto von Bach, Elfenchor aus Oberon\nvon Weber, Finale aus dem dritten Act von Moses von\nRossini, Jägerchor aus Weber's Euryanthe, Alla Tri-\nnitä, Chor und Alt-Arie aus Samson von Händel, acht-\nstimmiger Psalm von Mendelssohn, Psalm von Mar-\ncello. ln den zwei Oster-Concerten kam zu den\nobigen Stücken noch die Pastoral-Sinfonie und ein Adagio\nund Allegretto aus dem Ballet Prometheus von Beetho-\nven hinzu; die übrigen Nummern waren Wiederholungen,\nz. B. der Eroica,des Motetts von Bach, des Psalmes von\nMendelssohn.\nMan sieht, die Gesellschaft strengt ihre musicalischen\nKräfte nicht übermässig zu neuen Studien an. Der Chor-\ngesang war dieses Jahr weit mehr und besser vertreten,\nals sonst; die Aufführung eines ganzen Oratoriums vollends\nwar etwas Unerhörtes, mithin ein bedeutender Fortschritt.\nDas zweite Concert-Institut, die Gesellschaft der\njungen Künstler des Conservatoires, hat mit weit\nschwierigeren Verhältnissen zu kämpfen. Sie hat kein eige-\nnes Local und muss den Ilerz'schen Saal in der Rue de\nla Victoire bezahlen, auf dessen kleiner Bühne Orchester\nund Chor sehr eng stehen. Dort finden nur die Concerte\nStatt; für die Proben ist wieder ein anderes Local gemie-\nthet. Die Musiker dieses Vereins ziehen nur einen sehr ge-\nringen Vortheil aus den sechs bis sieben Winter-Concer-\nten, und so kann man es ihnen kaum verargen, wenn sie\nin den Proben fehlen, so oft eine gewinnreichere Beschäf-\ntigung ihnen winkt oder eine bei Tanzmusik durchwachte\nNacht sie für den folgenden Morgen lahm macht. So ist\ndenn das Orchester in den Proben fast nie vollständig!\nWelch ein Verdruss für den Dirigenten, Herrn Pasde-\nloup, der übrigens ausser der Ehre ebenfalls keinen oder\nnur geringen Gewinn hat! Wenn man hier auf diese\nWreise hinter den Vorhang sieht, so verschwindet der1 pa-\nriser Nimbus gar sehr und unsere deutschen Musik-\nDirectoren würden sich nichts weniger als wohl hier füh-\nlen, da an feste Besoldungen gar nicht zu denken ist und\ndie Entschädigungen für Dirigenten-Dienste gar nicht in\nVergleich mit den Gehältern der Capellmeister und Direc-\ntoren selbst an den kleinsten Capellen, ja, nur an städti-\nschen Musik-Vereinen zu bringen sind.\nDie Grundsätze dieser jüngeren Gesellschaft sind nicht\nausschliesslich conservativ; bei allem Respect vor den todten\nMeistern unterstützt sie doch auch die lebenden Compo-\nnisten gern und führt neben den älteren classischen Wer-\nken auch Orchestermusik von Berlioz, Gouvy, Gounod\nu. A. auf. Neuerdings hat auch Herr Litolff dort eines\nseiner Sinfonie-Concerte gespielt und damit Aufsehen er-\nregt. In demselben Concerte spielte das Orchester eine\nSinfonie von Haydn in G-durganz vortrefflich, im vor-\nhergehenden eine neue Sinfonie in von Gouvy, im\nfolgenden eine ebenfalls neue von Rosenhain.\nJacob Rosenhain hat seine Sinfonie durch zwei\nVerse von Lamartine über das neue Leben der Natur im\nMai als eine Frühlings-Sinfonie bezeichnet. Sie ist durch-\nweg ruhig, melodisch und klar gehalten; die Kämpfe des\nAprils mit dem hartnäckig Stand haltenden Winter sind\nvorüber, der Frühling wird nicht, sondern er ist schon\nda. Die Composition erhebt sich nirgends zu hohen}"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4943, "texte": "Schwung, spricht aber desto mehr durch Lieblichkeit,\nVerständlichkeit und Fluss der Gedanken an. Man könnte\nsie eine glückliche Zeichnung in Haydn's Manier nennen.\nIn ihrem letzten Concerte führte die junge Gesellschaft\nMendelsso hn's Sinfonie-Cantate „Lobgesang\" und Beet-\nhoven's J-cfer-Sinfonie auf. Stock hausen sang eine\nArie aus der Passion von Bach.\nDas diesjährige Concert für den deutschen Wohlthä-\ntigkeits-Verein brachte 4500 Fr. Beinertrag. J. Bosen-\nhain hatte die Anordnung und Leitung übernommen;\nseine Sinfonie, hier unter dem deutschen Titel „Frühlings-\nklänge\" eingeführt, wurde mit Beifall aufgenommen.\nDie Rammermusik ist fortwährend Mode. Paris hat\nin diesem Winter mehr als ein Dutzend von Trio- und\nQuartett-Cirkeln für Pianoforte- und Violinmusik gehabt;\ndieser Zweig der Tonkunst wird mit Vorliebe gepflegt\nund treibt herrliche Blüthen. Zu den bekannten Vereinen\ntraten zwei neue, die Matineen von Madame Szarvady-\nClauss und ein Quintett-Cirkel. Letzteren hat ein aus-\ngezeichneter Kunstfreund, der Baron von Ponnat, ge-\ngründet und sich dabei nur das Becht vorbehalten, seinen\nKünstlern einen pecuniären Erfolg zu garantiren eine\nvortreffliche Liebhaberei, welche an die schönen Zeiten\nder wiener Aristokratie und der italiänischen Grossen er-\ninnert. Für den künstlerischen Erfolg haben die Herren\nWhyte und 0. Bernard (I. und 11. Violine), Adam\n(Bratsche), Louis Pilet (vortrefflicher Violoncellist) und\nA. Bernard zu sorgen; ihre erste Sitzung hat Beifall ge-\nfunden. Es wurde ein Quintett von Boccherini, eines von\nOnslow und das erste Quintett von Blanc gemacht, einem\nhiesigen, ganz verständigen Componisten, der nicht ohne\nTalent ist und dessen gediegene Bichtung alle Anerken-\nnung verdient. Ein tropischer Pianist, jedenfalls also weit\nher, Namens de la Nux, trug einige Stücke von Bach,\nChopin und Weber feurig, aber correct vor.\nVon dem übrigen Pianisten-Heere zu schweigen, wirst\nDu mir gern verstatten. Ueber Bubinstein's Bennbahn-\nExperimente habe ich neulich schon in frischer Wuth\neinige Zeilen gesandt [s. Nr. 18]. Lübeck fährt fort, eine\nbedeutende Bolle zu spielen. Henri Herz soll durch ein\nneues Concert von seiner Composition, in dessen Finale\nein Chor einfällt, wie in Beethoven's Phantasie, Eindruck\nsemacht -haben, wie man erzählt; ich selbst habe es nicht\ngehört.\nIch habe oben schon die erwähnt;\nsie halten freilich keinen Vergleich mit den beiden anderen\nGesellschaften aus, allein ihr geschickter Dirigent Arban\nsucht mitunter durch Neues zu überraschen. So brachte\ner z. B. im Februar Bichard Wagner's Ouvertüre zum\nTannhäuser. Hier ist die Analyse derselben durch H. Blan-\nchard: „Diese Ouvertüre beginnt mit einem Andante in\n3/4-Tact; das Thema desselben ist ziemlich unbestimmt, die\nEntwicklung etwas monoton. Darauf treten die Blech-ln-\nstrumente über einer geschraubten Violin-Figur ein und\nim Decrescendo mit den Hörnern. Dann folgen capriciöse\nund brillante Passagen, aber ohne eine rein und fest aus-\ngedrückte Idee. Zu einem Violin-Geschwirr in der höch-\nsten Höhe, einem ganz verbrauchten Effect, tritt eine ziem-\nlich malerische Clarinett-Melodie; dann kommt ein neues\nMotiv für die Violinen in absteigenden chromatischen Gän-\ngen während eines furchtbaren Paukenwirbels; den chro-\nmatischen Tonleitern folgt eine schöne und gewaltige Ex-\nplosion der Blech-Instrumente. Das Ganze schliesst mit\neiner Art von musicalischem Tumult, statt des Coda, und\nda hat der Componist Fine hingeschrieben. Eben so gut\nhätte er das auch anderswo thun können. Das Publicum\nhat dieses seltsame Werk mit heiligem Schweigen ange-\nhört; es hat sogar applaudirt, was sehr artig von ihm war.\"\n—lch habe in einer deutschen Zeitung gelesen, Wagner's\nTannhäuser werde hier in Scene gehen; er selbst sei dess-\nhalb hier gewesen. Das Letztere ist wahr, an das Erstere\nhat man nicht gedacht.\nUnd wie sollte das auch möglich sein bei dem jetzigen\nZustande der französischen Theater? Wagner wird sich\nhier am besten überzeugt haben, wohin das System der\nA 11kunst in seinem Extrem führt; in der pariser Oper\nist die Sonderkunst, nämlich die Musik, bereits Neben-\nsache. Unsere Theater sind Handlungshäuser, Geschäfts-\nAnstalten, in denen die Kunst reeller Zwecke wegen ge-\nduldet wird. Die ganze Geschicklichkeit der Directoren\ndieser Etablissements besteht darin, dem Publicum die\nMusik durch andere Dinge erträglich zu machen, durch\ndas Interesse des Drama's und seiner erschütternden oder\nphantastischen Situationen, durch die Gaukeleien der Me-\nchanik und Optik, durch die Malerei und den Aufbau der\nDecorationen, durch die Zahl der Comparsen und den\nBeichthum der Costume, durch die Tänzerinnen uud Tän-\nzer des Ballets. So -vereinigt' sich Alles, um den Ausspruch\neines berühmten hiesigen Directors der grossen Oper zu\nbewahrheiten: „Die beste Musik ist die, welche in einer\nOper nichts verdirbt.\"\nUnd so ist es denn auch wahrhaftig mit Mu-\nsik zu La Magicienne:sie verdirbt nichts.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-05-08-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-05-08_01#c003", "volume": "bmtnabi_1858-05-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "147", "page_fin": "150", "image_debut": 3, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.2.3", "titre_corps": "Ein Clavier-Auszug von Mozart’s Don Juan.", "titre_sommaire": "Ein Clavier-Auszug von Mozart’s Don Juan.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.1.3", "debut_caractere": 4945, "fin_caractere_exclue": 5143, "texte": "Ein Clavier-Auszug von Mozart’s Don Juan.\nDie Firma Job. Andre hat vor einigen Jahren einen Cla-\nvier-Auszug von Mozart's Don Juan herausgegeben, dem\nfolgendes Vorwort mit auf die Beise gegeben ist:"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "148", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3878, "texte": ", Gegenwärtiger Clavier-Auszug von Mozart's Meister-\nwerk, der Oper Don Juan, zeichnet sich unter den bisher\nerschienenen Ausgaben dieser -Oper vorzüglich dadurch\naus, dass er nach der von dem unsterblichen Tondichter\neigenhändig niedergeschriebenen Original-Partitur (deren\nalleiniger Besitzer ich bin, wovon man sich bei mir über-\nzeugen kann) von einem dieser Arbeit völlig gewachsenen\nund von dem Geiste der Oper durchdrungenen Manne ar-\nrangirt wurde. Es geniesst dieser Clavier-Auszug auch\nden wesentlichen Yortheil, dass dessen literarischer Theil\nvon einem mit der italiänischen und deutschen Dichtkunst\niienau vertrauten Manne verbessert wurde, was um so nö-\no\nthiger erschien, als durch die Länge der Zeit und die vie-\nlen Versionen, die von dieser Oper gemacht wurden, sich\nin verschiedenen Ausgaben mehrere Fehler und manches\nganz Fremdartige eingeschlichen hatten.\n„Alles dieses wohl berücksichtigend, hat mau die\ngrösste Sorgfalt darauf verwandt, diese Oper getreu nach\ndem Original in einem Clavier-Auszuge wiederzugeben,\nder, wie man holüt, dem musicalischcn Publicum in jeder\nHinsicht willkommen sein wird.\"\nHiermit ist also der Maassstab gegeben, nach welchem\nwir unsere Ansprüche an Herrn Andre's Clavier-Auszug\nzu machen haben. Es sind freilich dreiundzwanzig Jahre\nher, dass Herr Andre also sprach, und hätte er mittler-\nweile die Einsicht gewonnen, dass sein Clavier-Auszug von\nallen vorhandenen so ziemlich der ungenaueste ist, und\nhätte er ihn durch einen neuen ersetzt, so wäre es eben\nso thöricht als lächerlich, über diese verjährte Schwindelei\nnoch ein Wort zu verlieren.\nDem ist aber nicht so. Herr Andre hat vor wenigen\nJahren seinen Muster-Clavier-Auszug aufs Neue aufgelegt\nund herausgegeben, mit derselben prahlerischen Vorrede\nund mit all seinen alten Sünden und Druckfehlern!\nLesen Sie die Vorrede sechsundsechszig Mal, und nach-\ndem Sie dann die wenigen Stellen, die meine beschränkte\nZeit Ihnen namhaft zu machen erlaubt, verglichen haben,\nerwägen und urtheilen Sie selbst, wie Herr Andre seine\nVorrede Lügen straft.\nIch gebe gern zu, dass alle Schönheiten dieser Com-\nposition unmöglich für das Ciavier und für zwei Hände\nso wiedergegeben werden können, wie sie sich aus der\nPartitur unseren Augen und durch ein vollständiges Or-\nchester unseren Ohren eingeprägt haben; allein da Herr\nAndre uns durch seine Vorrede selbst den Maassstab in\ndie Hand gegeben, nach welchem sein Clavier-Auszug be-\nurtheilt sein will, so hätte man erwarten dürfen, dass die\nComposition jedenfalls die erste, die Bequemlichkeit des\nSpielers erst die zweite Rücksicht verdient hätte, und dann\nselbst bleibt doch noch immer ein namhafter Unterschied\nzwischen „Arrangement\" und „Verballhornisirung\". Letz-\ntere findet sich leider nur zu oft. Ich beschränke mich auf\ndie Ouvertüre und einige benachbarte Nummern.\nClavier-Auszug, Seite 2, Tact 13 und 14. Ist das\nOriginal-Partitur? Wäre es so schwer gewesen, diese cha-\nrakteristische Stelle etwa so zu geben?\nUnbequem wäre es für den Spieler allerdings in etwa, aber\nman wäre doch nicht so schnöde um die schöne Figur ge-\nprellt worden.\nIm ersten Tacte des Molto Allegro findet sich als Ab-\nschluss des Andante ein schreiender D-dur-Accord, an den\nMozart nicht im Schlafe gedacht hat. Das Dur tritt erst\nim zweiten Tacte ein, der erste hat weder eine grosse noch\nkleine, sondern gar keine Terz. Siehe die Original-Partitur!\nAuch die beiden letzten Tacte des Andante sind bei\nMozart ganz anders; daselbst findet sich nichts von voll-\ngriffigen Accorden. Die erste Violine ganz allein zertheilt\nden Accord:\nSeite 3, Tact 10, ist in der Partitur ganz anders; er\nheisst so:\nSiehe dagegen Julius Andre.\nSeite 3, Tact 12. Steht das auch in der Original-Par-\ntitur, oder heisst die Stelle nicht etwa ganz einfach:\nSeite 4, Tact 9 und so fort. Die dreifache Imitation\nlässt sich schwer fürs Ciavier arrangiren, aber dem Dol-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "149", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3662, "texte": "metscher und „alleinigenßesitzer\" geziemte es, einen der\ndrei Einsätze durch kleine Noten zu marquiren; die nächste\nFolge von Herrn Andre's Arrangement ist die, dass bei\niPact 15 keine Terz vorhanden.\nSeite 6, Tact 5 wird bei Mozart die Achtel-Figur in\nden Bässen, resp. Celli und Bratschen, noch fortgeführt\n(siehe die Original-Partitur).\nSeite 6, Tact 12, derselbe Unsinn wie bei Seite 3,\n\"Tact 12.\nSeite 6, drittes System, 6. Tact. Die Original-Partitur\nist wieder nicht Herrn Andre's Meinung. Die Figur heisst:\n1\nMozart wusste zu gut, was er wollte.\nSeite 6, viertes System, 5. Tact. Die Harmonie des\ndritten und vierten Viertels hat bei Mozart keine Terz, da-\ngegen eine bei Andre fehlende Septime.\nSeite 6, System 5, Tact 9 u. s. f. wie bei Seite 4, Tact 9.\nSeite 7, drittes System, Tact 2 ist bei Mozart ein 5-\nAccord; Andre macht einen Dreiklang daraus.\nSeite 7, System 4, Tact 2. Warum wird die Achtel-\nFigur plötzlich durch ein paar lahme Viertel zerrissen?\nSeite 7. Die drei letzten Tacte bleiben uns den köst-\nlichen Einsatz der Oboen:\nganz schuldig!\nDas ist nur allein aus der Ouvertüre. Schärfere Augen\nals die meinigen und kritischere Gesinnungen mögen gern\neine grössere Ausbeute an Unkraut zuwege bringen; ich\nbescheide mich.\nWer mag aber die ganze Oper Tact für Tact durch-\ngehen? Begnügen wir uns mit dem Citate noch einiger\nStellen aus der grossen Scene und Arie der Donna Elvira.\nDon Juan war wahrhaftig nicht so untreu gegen Donna\nElvira, als Andre es gegen Mozart ist; gegen Mozart, zu\ndessen Fahne er geschworen, dessen Erbschaft er angetreten.\nIn dem grossen Recitativ ist Seite 33 vom vorletzten\nTacte bis Seite 34 eine der ganzen civilisirten Welt fremde\nStelle eingeschoben, die allerdings vielleicht aus Mozart's\nerster Handschrift herrühren mag, die aber selbst schon\nzu Mozart's Lebzeiten nie in Ausführung gekommen und\nfolglich für alle die, welche sich durch Andre's Ciavier-\nAuszug belehren und erquicken wollen, und glauben sollen,\ndass sie in dieser Gestalt von Mozart endgültig festgestellt\nwurde, eine complete Lüge ist. Die Stelle gehört offenbar\nganz anderen ursprünglichen Intentionen des Componisten\nan. Lesen Sie sie aufmerksam durch, sie ist zu lang, um\nsie hier in Noten wiederzugeben.\nSeite 35, der fünfte Tact vom Ende, bringt uns in\nder reinen Ges-dur-Scalä c statt ces.\nSeite 36, System 2, Tact 9, und so oft sich die Stelle\nrepetirt, statt des Septimen-Accords ein in der\nBegleitung. Grundbässe bei Mozart ohne allen Grund zu\nändern, ist ein Unternehmen, das nur die rührendste Ein-\nfalt zuwege bringt.\nDas Schönste aber, was uns Herr Andre in dieser\nArie noch bietet, ist Seite 36 in den vier letzten Tacten\nzu lesen; wer kennt nicht Mozart's einfache und doch so\ngeistvolle Begleitung im gebundenen Stil:\nSiehe dagegen Julius Andre! Das ist denn doch mehr als\nnaiv:\nWenn man ihm Alles verzeihen wollte, das ist für einen\n„von dem Geiste der Composition durchdrungenen Mann\"\n(wie die Vorrede sagt) doch gar zu stark.\nSeite 37 im vorletzten Tacte hat Mozart in den ersten\nbeiden Vierteln des Grundbasses nicht an einen Dreiklang\ngedacht, sondern lediglich an einen Sexten-Accord. Es\nüberkommt einen nur gar zu oft die Idee, der Verfasser\ndieses Clavier-Auszuges habe rein nach seiner oberflächli-\nchen Erinnerung niedergeschrieben, was ihm just einfiel.\nSo geht est weiter—Nummer für Nummer, Seite für\nSeite, eine Verballhornisirung verdrängt die andere; so,\num zum Schluss zu kommen, empfehle ich Ihnen noch\nSeite 54 den dritten Tact des Don Ottavio. Die beiden\nß\nAchtel des vierten Viertels müssen, wie Jeder gebildete\nMusiker es weiss, b und nicht a heissen. Mozart hat bei\ndieser Stelle den Quintsext-Accord:"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "150", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1388, "texte": "im Sinne gehabt, wie sich das aus dem Zusammenhange\nvon selbst versteht.\nZur Erquickung sehen Sie Sich noch das Arrangement\ndes Masken-Terzetts durch, wo ohne alle Ursache das Cia-\nvier die Singstimme mitspielt, wodurch der Effect der wirk-\nlichen Begleitung auf Null reducirt wird, abgesehen davon,\ndass die wirkliche Begleitung ohne alle Ursache und Not-\nwendigkeit eine Octave höher geschrieben ist, als bei Mo-\nzart, so z. B. das schöne Accompagnement der tiefen Cla-\nrinett-Töne:\n/\nIch schliesse meinen Bericht, weil meine Zeit mir nicht\nerlaubt, alle anderen Nummern mit der Genauigkeit zu\nuntersuchen. Ja, es wäre mir nie in den Sinn gekommen,\nso viel Worte über die ganze Geschichte zu verlieren, wenn\nnicht die herausfordernde Vorrede einen reizte, um Mo-\nzart's und der Jugend willen zu zeigen, dass es auch trübe\nQuellen für das Studium seines Meisterwerkes gebe. Hier-\nnach wird der Mozart-Cultus gedachter Firma (vergleiche\ndas Mozartbild von Tischbein und die Mozartflügel) etwas\nverdächtig.\nWie manche solcher Frevel der Andre'schen Officin,\ndie alle der Pietät gegen Mozart Hohn sprechen, könnten\nnoch beigesetzt werden! Ich erinnere nur an die Oper\n„Zaide\", die der Vater Andre aus wenigen Bruchtheilen\nMozart's zusammengestoppelt, ex ipsir ergänzt, mit einem\nvon C. Gollmick gemachten Texte und einer Ouvertüre\neigener Mache versehen, herauszugeben gewagt.\nSapienti sat!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-05-08-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-05-08_01#c014", "volume": "bmtnabi_1858-05-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "150", "page_fin": "152", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.2.4", "titre_corps": "Aus Dresden.", "titre_sommaire": "Aus Dresden.", "signature_source": "Louise Nitzsche", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "150", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.1.6", "debut_caractere": 1390, "fin_caractere_exclue": 4959, "texte": "Aus Dresden.\n\nEnde April 1858. -\nUnser musicalischer Winter war vielmehr ein blühen-\nder Frühling geworden, welcher Kunst-Productionen von\nangestammten und ausländischen Kräften zum schönsten\nFlor vereinigte. Im Aeusseren seiner musicalischen Ver-\nhältnisse mag Dresden vielleicht manches Stereotype auf-\nweisen ; zugleich aber macht sich doch im Wesentlichen\nderselben etwas unverwischbar Bedeutendes geltend, das\nförmlich fortzuerben scheint. Vor Allem liefert der Glanz-\npunkt unserer Musik, die königliche Capelle, dafür Beweis.\nHier wohnt ein Geist der Kunst-Erziehung, der sich alles\nneu Hinzutretenden bemächtigt, um es in harmonische Ge-\nmeinschaft zu bringen. Es ist derselbe Geist, welcher seit\nlängeren Jahren auch schon über die Bühne geht und\nvielen Kunst-Notabilitäten erst noch die echte Weihe ge-\n\"V\ngeben hat. Ein Orchester, welches, wie das genannte, Si-\ncherheit und theilweise Ueberlegenheit mit rastlosem Stre-\nben paart, an welchem ein classischer Geschmack haftet>\ndas immer einen gediegenen Kern bewahrt hat und ge-\ngenwärtig einen Lipinski, F. A. Kummer und Schubert :m\nHerzen trägt, muss fortwährend auf seiner Kunsthöhe ver-\nbleiben. Der Ton übereinstimmender Noblesse klingt denn\nauch hier aus dem Vortrage, wodurch Alles gestaltet und\nverklärt, Alles ideal und doch auch wieder fasslich und le-\nbendig wird. Die Capell-Concerte des verflossenen Winters\nbrachten unter Anderem die Musik zu dem Ballet „Die\nGeschöpfe des Prometheus\" von Beethoven. In diesem\n\\\nWerke, das ein fortlaufendes Crescendo von Bedeutenheit\nund Schönheit ist, treten beinahe alle Instrumente virtuo-\nsenmässig auf, und fand auch hier ein jedes seinen würdi-\ngen Bepräsentanten. Beethoven ist hierin bei allem Gedan-\nken-Beichthum so anmuthig geblieben, wie selten, und\nseine schönen Tongestalten, die sich herrlich beleben und\ngruppiren, versetzen auf den Parnass. Ferner erschien die\nB-dur-Sinfonie von Schumann, diese äusserst interessante,\nnach Beethoven bis auf jetzt vielleicht gelungenste Com-\nposition in diesem Genre, sehr vortheilhaft in ihrem roman-\ntischen Lichte. Die Weihnachts-Musik von Bach, einPZvan-\ngelium voll Glaubensfestigkeit und Glaubensfreude, von\nlyrischem Element durchzogen, erhob sich vom Fundament\nbis zur Spitze in der sichersten Ausführung. Die'neunte\nSinfonie von Beethoven, deren Verständniss und Vortrag\neine wahrhafte Triumph-Leistung unserer Capelle ist,\nmachte den Beschluss der Saison.\nEine Kunst-Verbrüderung im besten Sinne des Wortes\nhat unser Tonkünstler-Verein ins Leben gerufen. Eigent-\nlich stellt er zum grossen Theile eine Analyse der Capelle\ndar, und wir haben die schönste Gelegenheit, den Werth\ndes Ganzen von dort hier an den selbstständigen Vorträgen\nder Einzelnen wieder zu erkennen. Auch die übrigen Theil-\nnehmer des Vereins sind natürlich alle musicalisch gebildet\nund halten eine gesunde freie Gesinnung aufrecht, welche\nals Tendenz dem ganzen Unternehmen voransteht, und\ndiese heisst: Das Beste von Allem zur Förderung der\nKunst, ohne Kunst-Partei! Hier gilt einzig und allein, was\ndie Kunst immer gegenwärtig und unsterblich macht: „Be-\ndeutender Inhalt in schöner Form\", und die Schranken\nder und der Zukunfts-Musik werden sich\nnie aufstellen können. Der dresdener Tonkünstler-Verein\nbetreibt fast ausschliesslich die Cultur der Kammermusik,\nund zwar mit grösster Sorgfalt und ausserordentlichem\nErfolge. Die letzten sechs Productions-Abende ergaben fol-\ngendes Besume: 1) An Solo-Vorträgen für Ciavier: aus\nden englischen Suiten und Concert mit Begleitung\nvon Saiten-Instrumenten von Bach; Sonate von Beet-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "151", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5606, "texte": "hoven; Phantasie C-mollvon Mozart. 2) Ein Duo: Sonate\nfür Ciavier und Clarinette von Weber. 3) Zwei Trio's von\nBeethoven. 4) Quartette von Beethoven, Haydn, Reissiger,\nRomberg. 5) Quintette von Beethoven, Mozart und Schu-\nbert. 6) Ein Sextett von Beethoven. 7) Septette von Beet-\nhoven und Hummel. 8) Ein Octett von Mozart. 9) Grosse\nSerenade für dreizehnstimmige Harmonie von Mozart. Von\nden wirklichen Mitgliedern des Vereins zeichneten sich\nvirtuosenmässig aus die Herren Ilüllweck und Seelmann\n(Violine). Der Erstgenannte war zugleich noch in selbst\nveranstalteten Quartett-Soireen thätig, die zu den genuss-\nreichsten Kunst-Ereignissen des Winters gehörten, und er-\ngötzte durch edlen Ton, welchem die Darstellung von Ener-\ngie und Weichheit in gleichem Maasse gelingt. Herr Hüll-\nweck besitzt den wahren Künstler-Tact, der allein es mög-\nlich macht, eben so geschmackvoll zu dominiren, wie sich\nunterzuordnen. Herr Seelmann, ein ebenfalls tüchtiger Gei-\nger, ist vorzüglich in der Tonmalerei und im charakteristisch\ngezeichneten Ausdruck. Ausser im Tonkünstler-Verein bot\nihm eine wiederholte Vorführung des Lipinski'schen G-moll-\nConcertes besonders Gelegenheit, die genannten Eigenschaf-\nten glänzend zu zeigen. Ferner sind rühmlichst zu erwäh-\nnen die Herren Blassmann, Reichel, Goldschmidt, Riccius\n(Pianisten), Göhring (Viola), A. E. Kummer (Cello), Lau-\nterbach (Clarinette), Hiebendahl (Oboe), Hübler und Eisner\n(Waldhorn), Zizold (Flöte) u. s. w. Als Componisten sind\nausser dem viel bekannten Herrn F. Spindler die Herren\nSiering und Reichel hervorzuheben. Ein Quintett von Sie-\nring für Violine, Bratsche, Cello, Oboe und Flöte bewies\neine für die Jetztzeit seltene Richtung: die Form des clas-\nsischen Stils als Musterform festzuhalten. Das fleissige Stu-\ndium Haydn's, Mozart's und Beethoven's hat des Compo-\nnisten Talent so geregelt und gestärkt, dass er nun Neues\nund Selbstständiges nach diesen Vorbildern schafft. Unbe-\ndingt ist es schon an und für sich eine merkwürdige und\nlobenswerthe Erscheinung, wenn sich heutzutage ein Com-\nponist weder in Romantik verliert, noch unter die Fahne\nder Zukunft begibt, und sein Streben dem klaren Tage der\nClassicität zuwendet. Es wird gegenwärtig so wenig Brauch-\nbares für Kammermusik geschrieben, dass man um so freu-\ndiger bei einer gehaltvollen Composition, wie dieses\nQuintett es ist, verweilt. Die Motive sind durchweg aus-\ndrucksvoll, bestimmt, klar; in Verarbeitung und Verthei-\nlung derselben zeigt sich eine wahrhafte Bravour, ein leichtes\nSpielen mit dem strengen Contrapunkte. Einheit und Ge-\nschmack stehen diesem, wie auch schon einem früheren\nWerke, Octett Es-dur, zur Seite. Herr Reichel hat sich\nbesonders durch Clavier-Compositionen bekannt gemacht,\nworin ebenfalls die ansprechendsten Gedanken durch nette,\nabgerundete Form und einfache Eleganz kund gethan sind.\nVon Lieder-Componisten haben sich namhaft gemacht:\nv. Ehrenstein, Siering, Merkel, Lecerf.\nDen Concerten von auswärtigen Virtuosen stellen wir\nan die Spitze zwei Soireen von Frau Clara Schumann\nund Herrn Joseph Joachim. Mit Andacht und Begeiste-\nrung hat das Publicum die Vorträge dieser bevorzugten\nKünstler hingenommen; wie Souveraine sind dieselben von\nihren hiesigen Kunstgenossen gefeiert worden. Es war aber\nauch ein so reiner Zusammenklang der beiderseitigen Auf-\nfassungen, ein so köstliches Einverständniss im Vortrage,\ndass man das Virtuosenthum vergass und einem Zwiege-\nspräche von Muse und Apoll zu lauschen glaubte. Unter\nJoachim's Spiel hört die Geige auf, materielles Instrument\nzu sein; sie ist klingender Geist geworden. Ueberlegenheit\nder Tonbildung zeigte sich in einem markigen, imposanten\nFcrte wie im ätherischen Pianissimo, das noch im letzten\nHauche festhielt und oft daran neue Steigerungen knüpfte.\nVor Allem culminirte Herr Joachim in der Repräsentation\nJ. S. Bach's. Hier stand er vor uns wie ein Apostel, dem\neine hohe musicalische Offenbarung wird und welcher sich\nderselben mit der grössten Pietät entledigt. Und daneben\ndie Meisterin Schumann mit ihrer Darstellungs-Gewalt und\nGrazie, unter deren Händen die Töne mächtig schwellen\nund duftig verschweben, unter deren Anschlag Alles Leben\nund Verständniss wird. Zugleich hatten wir den Genuss,\nFrau Clara Schumann mit Fräul. Marie Wiek in einer\nComposition von Schumann für zwei Claviere vereinigt zu\nhören, wobei die leiblichen Schwestern sich auch als gei-\nstige Geschwister zeigten. Das war ein Wiegen in Liebreiz\nund Anmuth, ein Wetteifern um Klarheit und Eleganz.\nAuch in ihrem eigenen Concerte bewies Fräul. Wiek eine\nMuster-Technik und jene vollendete Sauberkeit und Ge-\nschliffenheit, welche ein Stempel der Wiek'schen Schule\nist. Zwischen die Strahlen der Joachim-Schumann'schen\nLeistungen trat alsdann Franz Liszt mit seiner Musik zu\nHerder s Prometheus und Dante s Divinci Diese\nCompositionen sind wie die Richtung, welcher sie angehö-\nren, schon so vielfach durchgesprochen, dass wir gänzlich\ndavon absehen. Zu erwähnen hätten wir dabei bloss, dass\ndie alten Fixsterne am Kunsthimmel Dresdens ruhig ihre\nBahnen nach wie vor beschreiben, und dass die partielle\nSonnenfinsterniss von zwei Stunden Dauer ganz glücklich\nabgelaufen war. Ausserdem haben die hiesigen Tonkünstler\nihrem durch seine übrigen glänzenden künstlerischen Eigen-\nschaften hochverehrten Gaste sehr gehuldigt, demselben\naber zugleich nichts Anderes als landesübliche Musikkost\npräsentirt, welche in „überwundenem Standpunkte\" be-\nsteht. Zwei Eleven Liszt's, Herr v. Bronsart und Herr\nReubke, haben durch die ausserordentliche Bravour ihres\nPianofortespiels grossen Beifall geärntet. Vorzüglich war es"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "152", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3428, "texte": "Herr v. Bronsart, der blitzenden Geist mit gewaltiger Tech-\nnik vereinigte. Von Violin-Virtuosen erschienen uns gleich\nDoppel- und Dreigestirne in den Neruda's und Badzeck's.\nDie staunenswerthe Herrschaft über das Instrument in so\nzartem Alter lässt wirklich an Wunder glauben oder doch\njedenfalls in die grösste Bewunderung ausbrechen. Welch\neinen Zauber übt das Virtuosenthum aus, wenn es der\nKunst zur Seite bleibt und nicht abschweift zu Künstelei\nund Seiltanz! So hatte auch Bazzini das Publicum zu wie-\nderholten Malen magisch angezogen. In der That färben\nsich die Töne unter seinem Bogen ganz wundervoll von\nGluth und Leidenschaft bis zu sanfter Schwärmerei, und\nseine Violine singt einer Sirene gleich. Auch Bazzini's Com-\npositionen, welche die erdenklichsten Schwierigkeiten mit\nPhantasie und Geschmack verbinden, haben ihm grossen\nBuhm eingetragen. Während nun die Concerte so häu-\nfig waren, dass sie einen dichten, schimmernden Beigen\nschlössen, blieb die Oper zum grössten Theil des Winters\nim Alltagskleide und liess gleichgültig. Endlich machte die\nneue Oper von Capellmeister Krebs, „Agnes4 betitelt, all-\ngemeine Theilnahme rege. Sie hat mehrere Wiederholun-\ngen erlebt und ist, von unseren besten Opernkräften unter-\nstützt, glänzend in Scene gegangen. Das Melodische herrscht\nentschieden vor, und die Effecte sind von routinirter Hand\ngestellt. Die Aufnahme war gleich Anfangs günstig und\nschien auch noch bei der letzten Aufführung gleicher Tem-\nperatur geblieben zu sein. Zu Ende der Saison wurden wir\ndenn auch noch durch Werke von Gluck, Mozart, Weber\nu. s. w. mit unserer Oper gänzlich ausgesöhnt und zu dem\nHochgefühl ermächtigt, dass wir an Bepräsentanten der-\nselben ein beneidenswerthes Ensemble besitzen, wozu vor\nAllen die Damen Bürde-Ney, Krebs-Michalesi und Krall,\ndie Herren Tichatscheck, Mitterwurzer, Budolf u. s. w. ge-\nhören.—Bemerkenswerth sind noch von den übrigen mu-\nsicalischen Productionen sechs Sinfonie-Conccrte, von Herrn\nMusik-Director Hünerfürst im Saal des ar-\n*\nrangirt. Mehrfach schon haben wir Gelegenheit genommen,\nauf die Thätigkeit dieses Dirigenten hinzuweisen. Es ge-\nwährt dauerndes Interesse, zu beobachten, was ein kleines\nMusikcorps leisten kann, wenn es wie dieses unter Hüner-\nfürst stehende wohl organisirt ist. Die geistige Force der\nBeseelung, das markirte Ausprägen von Bhythmus und Be-\ntonung täuscht oft dergestalt über das Nichtvorhandensein\nder Massenkraft, dass man ein verstärktes Orchester zu hören\nglaubt. Diese kleine tapfere Schar, durchdrungen von dem\nGeiste ihres Dirigenten, gibt dessen wahrhaft künstlerische\nAuffassung aufs Haar wieder. Bisweilen tritt aus dem Vor-\ntrage Vieles so frisch und subjectiv hervor, dass eine ganz\nneue Beleuchtung über längst Bekanntes fällt. Besonders\nanimirt es das Corps, wenn Herr Hünerfürst sich demsel-\nben im Violinspiel einverleibt. Da scheint dann Alles noch\nsprechender und freier zu werden, das Steigern und Be-\nschwichtigen, Zeichnen und Nuanciren noch übereinstim-\nmender zu geschehen. Jedenfalls gebührt Herrn Hünerfürst\ndas Verdienst, viele Instrumental-Compositionen unserer\ngrössten Meister von Bach bis auf Mendelssohn, Schumann\nu. s. w. Aul künstlerische Weise für das grössere Publicum\npopulär gemacht zu haben, und durch ihn ist auch über\ndie Kluft, welche gewöhnlich Localmusik von den Vorträ-\ngen reinen Stils trennt, gleichsam eine Brücke geschlagen\nworden.\n\nLouise Nitzsche, geb. Kindscher."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-05-08-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-05-08_01#c015", "volume": "bmtnabi_1858-05-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "152", "page_fin": "152", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "152", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.1.8", "debut_caractere": 3430, "fin_caractere_exclue": 4812, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nAm 24. April hatten wir den hier seltenen Genuss,\nKammermusik in guter Ausführung zu hören. Die kunstsinnige Prin-\nzessin Thekla zu Wied an der Spitze, hatte sich ein so zahlreiches\nAuditorium, wie der Saal „Zum alten Riesen\" fassen konnte, einge-\nfunden. Der Concertgeber, Herr Kammersänger E. Koch aus Köln,\nbewährte sich bei vortrefflicher Stimm-Disposition als einen Lieder-\nsänger par excellence, und seine gefeierte Schülerin, Fräul. Catha-\nrina Deutz, hat seit vorigem Jahre an Feinheit des Vortrags wie\nan Virtuosität noch gewonnen. Ausser Herrn Musik-Director Flü-\ngel wirkten noch ein talentvoller ehemaliger Schüler von ihm, Herr\nW. F., und ein sehr tüchtiger Violinist, Herr Gerichts-Assessor G.K.\naus D., mit. Mit Letzterem spielte Herr Flügel Beethoven's\nOp. 47 unter dem rauschenden Beifalle des Publicums. Herr W. F.\nspielte Mendelssohn's Capriccio brillant in H-moll mit grosser Sicher-\nheit und Fertigkeit auswendig.\n** In der zu wohlthätigen Zwecken am 25 April im königlichen\nSchauspielhause zu Berlin veranstalteten Matinee betheiligte sich\ndurch Mitwirkung auch Frau von Bock (Scbröder-Devrientj und\nwurde vom Publicum freudig begrüsst.\n£ Am 26. April liess sich in Berlin eine junge Pianistin, Fräul,\nSara Magnus aus Stockholm, hören. Die Concertgeberin, seit l£\nJahr Schülerin «des Dr. Kullak, ärntete Beifall und Anerkennung."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "145", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe (Die Musik-Zustände im Allgemeinen - Orchester-Conoerte - Opernmusik). Ein Ciavier-Auszug\nvon Mozart's D.n Juan.\" Aus Dresden (Rdelbliek auf die muainnliaeben Produett.n.n des verflogen L»ul^\nNitz sehe, geb. Kindseber. - Tagt«- und Unterb.ltung.bl.lt (Neumed, Concert für Kammermusik, Herr E. Koch\nBerlin, Concert zu woblthätigen Zwecken, Fräul. Sara Magnus).\n\nPariser Briefe.\n[Die Musik-Zustände im Allgemeinen Orchester-\nConcerte Opernmusik.]\nWenn das Kunstleben in Paris durch den raschen\nUmlauf der Ideen, die Menge und den Wechsel der Pro-\nductionen einzelner Künstler und durch den blendenden\nPomp der theatralischen Vorstellungen einen grossen Reiz\nfür Dilettanten hat, so ist auf der anderen Seite doch der\nKünstler vom Fach, der seine Aufgabe tiefer erfasst und\nmit ehrlichem Eifer und wahrer Begeisterung sich der\nMusik widmet, nur zu beklagen, wenn ihn das Schicksal\nin diesen Strom geworfen hat, der kaum noch an den rei-\nnen Quell erinnert, dem er entsprungen. In dem Treiben\nund Drängen desselben wird auch das edle Gestein zum\ngewöhnlichen Kiesel abgerollt und abgeschliffen, ein Be-\nwahren der künstlerischen Individualität wird fast unmög-\nlich, und auch der Tüchtigste verliert am Ende den Muth,\nja, den Glauben an sich selbst. Und in derselben Lage ist\nder wirkliche Kunstfreund, dem es nicht um Ohrenkitzel\nund Schaulust zu thun ist, sondern um Erhebung seiner\nselbst durch die Werke trefflicher Meister der ernsten und\ngrossen Gattung. Für diese ist kein Platz in Paris, weder\nfür die monumentalen, noch für die modernen.\nBesitzt Paris Institute für Kirchenmusik? Keine\neinzige Kirche hat einen Sängerchor, geschweige denn ein\nOrchester. Während in Deutschland Messen, Motetten,\nCantaten, Oratorien u. s. w. innerhalb und ausserhalb der\nKirche unzählige im Laufe eines Jahres und in mehr als\nhunderf*Städten aufgeführt werden, gilt es in Frankreich\nfür ein Ereigniss, wenn einmal eine musicalische Messe,\nein Requiem oder gar ein Oratorium zu Stande gebracht\nwird. Ich sage: zu Stande gebracht wird; denn es gehört\neine Sisyphus-Arbeit dazu. Will ein Künstler eine Kirchen-\nComposition, gleichviel, ob eine eigene oder Iremde, hier\naufführen, so muss er vorausgesetzt, dass er von der\nGeistlichkeit die Erlaubniss zur Benutzung einer Kirche\nerhalten hat die nöthigen Orchester- und Chorkräfte\naus den Theatern holen und sie gehörig bezahlen. Das\nAusschreiben der Stimmen aus der Partitur ist seine Sache,\nkein Verein, kein Kirchen-Vorstand bekümmert sich darum.\nUnter tausend Francs kann er es nicht haben. Soll die\nAusführung nur einiger Maassen Eindruck machen, so\nmuss er wenigstens sechszig Sänger und sechszig Instiu-\nmentalisten aufstellen, die sich sämmtlich aus reiner Kunst-\nliebe und aufopfernder Gefälligkeit mit zehn Francs ein\njeder begnügen macht wieder 1200 Fr. Rechnen wir\ndie übrigen Kosten nur auf 100 Fr., so muss ein Com-\nponist wenigstens 2300 Fr. ausgeben, bevor er die erste\nProbe halten kann! Eine zweite stösst schon auf Hinder-\nnisse. Endlich bringt er es nach sechs- bis achtmonat-\nlicher Arbeit an der Partitur, ungenügenden Proben, reich-\nlichen Ausgaben und Mühen zu einer mittelmässigen Aus-\nführung seines Werkes vor einem Publicum, unter wel-\nchem ausser seinen Freunden einige hier und da zerstreute\nKünstler und Kunstfreunde mit der Lupe zu entdecken\nsind. Das mehr als gemischte Publicum, das noch dazu\nein- und ausströmt, bezahlt den Eintritt mit seiner Auf-\nmerksamkeit, ein oder zwei Journale machen ein Artikel-\nchen über das Werk, das nach ein paar Tagen vergessen\nist und binnen zehn Jahren vielleicht noch ein oder zwei\nMal oder auch gar nicht wieder aufgeführt wird. Es sind\nsehr seltene Ausnahmefälle, dass die Geistlichkeit die Ver-\nmiet'nung der Plätze zur Deckung der Kosten gestattet;\nhat ein Componist also nicht seine zwanzig- bis dreissig-\ntausend Francs Rente, so kann er seine geistliche Musik\nnicht zur Aufführung bringen. Möchten doch die deutschen\nComponisten, denen Paris noch oft als das Eldorado er-\nscheint, durch diese wahrheitsgetreue Schilderung ihre\nglückliche Lage daheim schätzen lernen!\nFür grosse Orchestermusik sind die Verhältnisse\netwas besser, aber auch nichts weniger als befriedigend."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "146", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.1.2", "texte": "Paris hat jetzt zwei Concert-Gesellschaften, eine alte und\neine junge, von denen jede während drei und eines hal-\nben Monats sechs bis acht Concerte gibt das ist alles;\ndenn die Concerts de Paris stehen ausserhalb der ernsten\nMusik und erheben sich nicht im Entferntesten zu der\nkünstlerischen Bedeutung ähnlicher Unternehmungen in\nBerlin.\nDie alte C o ncert-Gesellschaft im Conserva-\ntoire sie besteht jetzt im einunddreissigsten Jahre\nist die einzige, welche auch äusserlich durch die Verhält-\nnisse begünstigt ist. Sie hat einen trefflich akustischen\nSaal in Form eines Theaters mit Logen zu ihrer Verfü-\ngung für Proben und Aufführung; das Personal der Aus-\nübenden besteht im Allgemeinen aus den tüchtigsten Künst-\nlern ; die Werke werden fast stets mit grosser Sorgfalt stu-\ndirt. Der Dirigent Girard ist freilich kein Habenek, und\nwo ihm die Tradition nicht zu Hülfe kommt, lässt ihn die\neigene geistige Aulfassung manchmal im Stich. Allein im\nGanzen erfüllt das Institut seine Aufgabe auf eine würdige\nund in vieler Hinsicht musterhafte Weise, und nur diese\nAufgabe selbst wird als nicht mehr zeitgemäss von den\njüngeren Musikern, namentlich den Componisten, angegrif-\nfen, denen die conservative Richtung des Instituts für einen\nabgöttischen Cultus der Todten gilt. Es kehrt sich aber\nnicht daran und würde seinen Charakter einbüssen, wenn\nes sich irre machen liesse. Möchte es nur die einzelnen,\noft keineswegs in classischer Musik sich ergehenden Solo-\nVorträge, als Flöten- und Harfenspiel u. dgl. und die Auf-\nführung von Bruchstücken grösserer Werke, von seinen\nProgrammen verbannen!\nIn den acht Concerten (vom 10. Januar bis 11. April\nd. J.) kamen vor: Sinfonieen von J. Haydn in G, Ada-\ngio aus Nr. 16, von Mozart in JEs, von Beethoven in\nEs (eroica), in D-moll Nr. IX. mit Chören, in Nr.\n1., in C-mollNr. V., in B-dur Nr. IV. Ouvertüren von\nWreber Freischütz, Beethoven Egmont nebst Zwischen-\nmusik mit Gedicht von Trianon, und Coriolan, Mendels-\nsohn Sommernachtstraum nebst den übrigen Musik-\nstücken. Chorgesänge aus Idomeneo von Mozart, die\nJahreszeiten von J. Haydn mit französischem Text von\nRoger vollständig (worüber ich schon berichtet habe),\nachtstimmiges Motetto von Bach, Elfenchor aus Oberon\nvon Weber, Finale aus dem dritten Act von Moses von\nRossini, Jägerchor aus Weber's Euryanthe, Alla Tri-\nnitä, Chor und Alt-Arie aus Samson von Händel, acht-\nstimmiger Psalm von Mendelssohn, Psalm von Mar-\ncello. ln den zwei Oster-Concerten kam zu den\nobigen Stücken noch die Pastoral-Sinfonie und ein Adagio\nund Allegretto aus dem Ballet Prometheus von Beetho-\nven hinzu; die übrigen Nummern waren Wiederholungen,\nz. B. der Eroica,des Motetts von Bach, des Psalmes von\nMendelssohn.\nMan sieht, die Gesellschaft strengt ihre musicalischen\nKräfte nicht übermässig zu neuen Studien an. Der Chor-\ngesang war dieses Jahr weit mehr und besser vertreten,\nals sonst; die Aufführung eines ganzen Oratoriums vollends\nwar etwas Unerhörtes, mithin ein bedeutender Fortschritt.\nDas zweite Concert-Institut, die Gesellschaft der\njungen Künstler des Conservatoires, hat mit weit\nschwierigeren Verhältnissen zu kämpfen. Sie hat kein eige-\nnes Local und muss den Ilerz'schen Saal in der Rue de\nla Victoire bezahlen, auf dessen kleiner Bühne Orchester\nund Chor sehr eng stehen. Dort finden nur die Concerte\nStatt; für die Proben ist wieder ein anderes Local gemie-\nthet. Die Musiker dieses Vereins ziehen nur einen sehr ge-\nringen Vortheil aus den sechs bis sieben Winter-Concer-\nten, und so kann man es ihnen kaum verargen, wenn sie\nin den Proben fehlen, so oft eine gewinnreichere Beschäf-\ntigung ihnen winkt oder eine bei Tanzmusik durchwachte\nNacht sie für den folgenden Morgen lahm macht. So ist\ndenn das Orchester in den Proben fast nie vollständig!\nWelch ein Verdruss für den Dirigenten, Herrn Pasde-\nloup, der übrigens ausser der Ehre ebenfalls keinen oder\nnur geringen Gewinn hat! Wenn man hier auf diese\nWreise hinter den Vorhang sieht, so verschwindet der1 pa-\nriser Nimbus gar sehr und unsere deutschen Musik-\nDirectoren würden sich nichts weniger als wohl hier füh-\nlen, da an feste Besoldungen gar nicht zu denken ist und\ndie Entschädigungen für Dirigenten-Dienste gar nicht in\nVergleich mit den Gehältern der Capellmeister und Direc-\ntoren selbst an den kleinsten Capellen, ja, nur an städti-\nschen Musik-Vereinen zu bringen sind.\nDie Grundsätze dieser jüngeren Gesellschaft sind nicht\nausschliesslich conservativ; bei allem Respect vor den todten\nMeistern unterstützt sie doch auch die lebenden Compo-\nnisten gern und führt neben den älteren classischen Wer-\nken auch Orchestermusik von Berlioz, Gouvy, Gounod\nu. A. auf. Neuerdings hat auch Herr Litolff dort eines\nseiner Sinfonie-Concerte gespielt und damit Aufsehen er-\nregt. In demselben Concerte spielte das Orchester eine\nSinfonie von Haydn in G-durganz vortrefflich, im vor-\nhergehenden eine neue Sinfonie in von Gouvy, im\nfolgenden eine ebenfalls neue von Rosenhain.\nJacob Rosenhain hat seine Sinfonie durch zwei\nVerse von Lamartine über das neue Leben der Natur im\nMai als eine Frühlings-Sinfonie bezeichnet. Sie ist durch-\nweg ruhig, melodisch und klar gehalten; die Kämpfe des\nAprils mit dem hartnäckig Stand haltenden Winter sind\nvorüber, der Frühling wird nicht, sondern er ist schon\nda. Die Composition erhebt sich nirgends zu hohen}"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.1.3", "texte": "Schwung, spricht aber desto mehr durch Lieblichkeit,\nVerständlichkeit und Fluss der Gedanken an. Man könnte\nsie eine glückliche Zeichnung in Haydn's Manier nennen.\nIn ihrem letzten Concerte führte die junge Gesellschaft\nMendelsso hn's Sinfonie-Cantate „Lobgesang\" und Beet-\nhoven's J-cfer-Sinfonie auf. Stock hausen sang eine\nArie aus der Passion von Bach.\nDas diesjährige Concert für den deutschen Wohlthä-\ntigkeits-Verein brachte 4500 Fr. Beinertrag. J. Bosen-\nhain hatte die Anordnung und Leitung übernommen;\nseine Sinfonie, hier unter dem deutschen Titel „Frühlings-\nklänge\" eingeführt, wurde mit Beifall aufgenommen.\nDie Rammermusik ist fortwährend Mode. Paris hat\nin diesem Winter mehr als ein Dutzend von Trio- und\nQuartett-Cirkeln für Pianoforte- und Violinmusik gehabt;\ndieser Zweig der Tonkunst wird mit Vorliebe gepflegt\nund treibt herrliche Blüthen. Zu den bekannten Vereinen\ntraten zwei neue, die Matineen von Madame Szarvady-\nClauss und ein Quintett-Cirkel. Letzteren hat ein aus-\ngezeichneter Kunstfreund, der Baron von Ponnat, ge-\ngründet und sich dabei nur das Becht vorbehalten, seinen\nKünstlern einen pecuniären Erfolg zu garantiren eine\nvortreffliche Liebhaberei, welche an die schönen Zeiten\nder wiener Aristokratie und der italiänischen Grossen er-\ninnert. Für den künstlerischen Erfolg haben die Herren\nWhyte und 0. Bernard (I. und 11. Violine), Adam\n(Bratsche), Louis Pilet (vortrefflicher Violoncellist) und\nA. Bernard zu sorgen; ihre erste Sitzung hat Beifall ge-\nfunden. Es wurde ein Quintett von Boccherini, eines von\nOnslow und das erste Quintett von Blanc gemacht, einem\nhiesigen, ganz verständigen Componisten, der nicht ohne\nTalent ist und dessen gediegene Bichtung alle Anerken-\nnung verdient. Ein tropischer Pianist, jedenfalls also weit\nher, Namens de la Nux, trug einige Stücke von Bach,\nChopin und Weber feurig, aber correct vor.\nVon dem übrigen Pianisten-Heere zu schweigen, wirst\nDu mir gern verstatten. Ueber Bubinstein's Bennbahn-\nExperimente habe ich neulich schon in frischer Wuth\neinige Zeilen gesandt [s. Nr. 18]. Lübeck fährt fort, eine\nbedeutende Bolle zu spielen. Henri Herz soll durch ein\nneues Concert von seiner Composition, in dessen Finale\nein Chor einfällt, wie in Beethoven's Phantasie, Eindruck\nsemacht -haben, wie man erzählt; ich selbst habe es nicht\ngehört.\nIch habe oben schon die erwähnt;\nsie halten freilich keinen Vergleich mit den beiden anderen\nGesellschaften aus, allein ihr geschickter Dirigent Arban\nsucht mitunter durch Neues zu überraschen. So brachte\ner z. B. im Februar Bichard Wagner's Ouvertüre zum\nTannhäuser. Hier ist die Analyse derselben durch H. Blan-\nchard: „Diese Ouvertüre beginnt mit einem Andante in\n3/4-Tact; das Thema desselben ist ziemlich unbestimmt, die\nEntwicklung etwas monoton. Darauf treten die Blech-ln-\nstrumente über einer geschraubten Violin-Figur ein und\nim Decrescendo mit den Hörnern. Dann folgen capriciöse\nund brillante Passagen, aber ohne eine rein und fest aus-\ngedrückte Idee. Zu einem Violin-Geschwirr in der höch-\nsten Höhe, einem ganz verbrauchten Effect, tritt eine ziem-\nlich malerische Clarinett-Melodie; dann kommt ein neues\nMotiv für die Violinen in absteigenden chromatischen Gän-\ngen während eines furchtbaren Paukenwirbels; den chro-\nmatischen Tonleitern folgt eine schöne und gewaltige Ex-\nplosion der Blech-Instrumente. Das Ganze schliesst mit\neiner Art von musicalischem Tumult, statt des Coda, und\nda hat der Componist Fine hingeschrieben. Eben so gut\nhätte er das auch anderswo thun können. Das Publicum\nhat dieses seltsame Werk mit heiligem Schweigen ange-\nhört; es hat sogar applaudirt, was sehr artig von ihm war.\"\n—lch habe in einer deutschen Zeitung gelesen, Wagner's\nTannhäuser werde hier in Scene gehen; er selbst sei dess-\nhalb hier gewesen. Das Letztere ist wahr, an das Erstere\nhat man nicht gedacht.\nUnd wie sollte das auch möglich sein bei dem jetzigen\nZustande der französischen Theater? Wagner wird sich\nhier am besten überzeugt haben, wohin das System der\nA 11kunst in seinem Extrem führt; in der pariser Oper\nist die Sonderkunst, nämlich die Musik, bereits Neben-\nsache. Unsere Theater sind Handlungshäuser, Geschäfts-\nAnstalten, in denen die Kunst reeller Zwecke wegen ge-\nduldet wird. Die ganze Geschicklichkeit der Directoren\ndieser Etablissements besteht darin, dem Publicum die\nMusik durch andere Dinge erträglich zu machen, durch\ndas Interesse des Drama's und seiner erschütternden oder\nphantastischen Situationen, durch die Gaukeleien der Me-\nchanik und Optik, durch die Malerei und den Aufbau der\nDecorationen, durch die Zahl der Comparsen und den\nBeichthum der Costume, durch die Tänzerinnen uud Tän-\nzer des Ballets. So -vereinigt' sich Alles, um den Ausspruch\neines berühmten hiesigen Directors der grossen Oper zu\nbewahrheiten: „Die beste Musik ist die, welche in einer\nOper nichts verdirbt.\"\nUnd so ist es denn auch wahrhaftig mit Mu-\nsik zu La Magicienne:sie verdirbt nichts.\n(Schluss folgt.)\n\nEin Clavier-Auszug von Mozart’s Don Juan.\nDie Firma Job. Andre hat vor einigen Jahren einen Cla-\nvier-Auszug von Mozart's Don Juan herausgegeben, dem\nfolgendes Vorwort mit auf die Beise gegeben ist:"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "148", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.1.4", "texte": ", Gegenwärtiger Clavier-Auszug von Mozart's Meister-\nwerk, der Oper Don Juan, zeichnet sich unter den bisher\nerschienenen Ausgaben dieser -Oper vorzüglich dadurch\naus, dass er nach der von dem unsterblichen Tondichter\neigenhändig niedergeschriebenen Original-Partitur (deren\nalleiniger Besitzer ich bin, wovon man sich bei mir über-\nzeugen kann) von einem dieser Arbeit völlig gewachsenen\nund von dem Geiste der Oper durchdrungenen Manne ar-\nrangirt wurde. Es geniesst dieser Clavier-Auszug auch\nden wesentlichen Yortheil, dass dessen literarischer Theil\nvon einem mit der italiänischen und deutschen Dichtkunst\niienau vertrauten Manne verbessert wurde, was um so nö-\no\nthiger erschien, als durch die Länge der Zeit und die vie-\nlen Versionen, die von dieser Oper gemacht wurden, sich\nin verschiedenen Ausgaben mehrere Fehler und manches\nganz Fremdartige eingeschlichen hatten.\n„Alles dieses wohl berücksichtigend, hat mau die\ngrösste Sorgfalt darauf verwandt, diese Oper getreu nach\ndem Original in einem Clavier-Auszuge wiederzugeben,\nder, wie man holüt, dem musicalischcn Publicum in jeder\nHinsicht willkommen sein wird.\"\nHiermit ist also der Maassstab gegeben, nach welchem\nwir unsere Ansprüche an Herrn Andre's Clavier-Auszug\nzu machen haben. Es sind freilich dreiundzwanzig Jahre\nher, dass Herr Andre also sprach, und hätte er mittler-\nweile die Einsicht gewonnen, dass sein Clavier-Auszug von\nallen vorhandenen so ziemlich der ungenaueste ist, und\nhätte er ihn durch einen neuen ersetzt, so wäre es eben\nso thöricht als lächerlich, über diese verjährte Schwindelei\nnoch ein Wort zu verlieren.\nDem ist aber nicht so. Herr Andre hat vor wenigen\nJahren seinen Muster-Clavier-Auszug aufs Neue aufgelegt\nund herausgegeben, mit derselben prahlerischen Vorrede\nund mit all seinen alten Sünden und Druckfehlern!\nLesen Sie die Vorrede sechsundsechszig Mal, und nach-\ndem Sie dann die wenigen Stellen, die meine beschränkte\nZeit Ihnen namhaft zu machen erlaubt, verglichen haben,\nerwägen und urtheilen Sie selbst, wie Herr Andre seine\nVorrede Lügen straft.\nIch gebe gern zu, dass alle Schönheiten dieser Com-\nposition unmöglich für das Ciavier und für zwei Hände\nso wiedergegeben werden können, wie sie sich aus der\nPartitur unseren Augen und durch ein vollständiges Or-\nchester unseren Ohren eingeprägt haben; allein da Herr\nAndre uns durch seine Vorrede selbst den Maassstab in\ndie Hand gegeben, nach welchem sein Clavier-Auszug be-\nurtheilt sein will, so hätte man erwarten dürfen, dass die\nComposition jedenfalls die erste, die Bequemlichkeit des\nSpielers erst die zweite Rücksicht verdient hätte, und dann\nselbst bleibt doch noch immer ein namhafter Unterschied\nzwischen „Arrangement\" und „Verballhornisirung\". Letz-\ntere findet sich leider nur zu oft. Ich beschränke mich auf\ndie Ouvertüre und einige benachbarte Nummern.\nClavier-Auszug, Seite 2, Tact 13 und 14. Ist das\nOriginal-Partitur? Wäre es so schwer gewesen, diese cha-\nrakteristische Stelle etwa so zu geben?\nUnbequem wäre es für den Spieler allerdings in etwa, aber\nman wäre doch nicht so schnöde um die schöne Figur ge-\nprellt worden.\nIm ersten Tacte des Molto Allegro findet sich als Ab-\nschluss des Andante ein schreiender D-dur-Accord, an den\nMozart nicht im Schlafe gedacht hat. Das Dur tritt erst\nim zweiten Tacte ein, der erste hat weder eine grosse noch\nkleine, sondern gar keine Terz. Siehe die Original-Partitur!\nAuch die beiden letzten Tacte des Andante sind bei\nMozart ganz anders; daselbst findet sich nichts von voll-\ngriffigen Accorden. Die erste Violine ganz allein zertheilt\nden Accord:\nSeite 3, Tact 10, ist in der Partitur ganz anders; er\nheisst so:\nSiehe dagegen Julius Andre.\nSeite 3, Tact 12. Steht das auch in der Original-Par-\ntitur, oder heisst die Stelle nicht etwa ganz einfach:\nSeite 4, Tact 9 und so fort. Die dreifache Imitation\nlässt sich schwer fürs Ciavier arrangiren, aber dem Dol-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "149", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.1.5", "texte": "metscher und „alleinigenßesitzer\" geziemte es, einen der\ndrei Einsätze durch kleine Noten zu marquiren; die nächste\nFolge von Herrn Andre's Arrangement ist die, dass bei\niPact 15 keine Terz vorhanden.\nSeite 6, Tact 5 wird bei Mozart die Achtel-Figur in\nden Bässen, resp. Celli und Bratschen, noch fortgeführt\n(siehe die Original-Partitur).\nSeite 6, Tact 12, derselbe Unsinn wie bei Seite 3,\n\"Tact 12.\nSeite 6, drittes System, 6. Tact. Die Original-Partitur\nist wieder nicht Herrn Andre's Meinung. Die Figur heisst:\n1\nMozart wusste zu gut, was er wollte.\nSeite 6, viertes System, 5. Tact. Die Harmonie des\ndritten und vierten Viertels hat bei Mozart keine Terz, da-\ngegen eine bei Andre fehlende Septime.\nSeite 6, System 5, Tact 9 u. s. f. wie bei Seite 4, Tact 9.\nSeite 7, drittes System, Tact 2 ist bei Mozart ein 5-\nAccord; Andre macht einen Dreiklang daraus.\nSeite 7, System 4, Tact 2. Warum wird die Achtel-\nFigur plötzlich durch ein paar lahme Viertel zerrissen?\nSeite 7. Die drei letzten Tacte bleiben uns den köst-\nlichen Einsatz der Oboen:\nganz schuldig!\nDas ist nur allein aus der Ouvertüre. Schärfere Augen\nals die meinigen und kritischere Gesinnungen mögen gern\neine grössere Ausbeute an Unkraut zuwege bringen; ich\nbescheide mich.\nWer mag aber die ganze Oper Tact für Tact durch-\ngehen? Begnügen wir uns mit dem Citate noch einiger\nStellen aus der grossen Scene und Arie der Donna Elvira.\nDon Juan war wahrhaftig nicht so untreu gegen Donna\nElvira, als Andre es gegen Mozart ist; gegen Mozart, zu\ndessen Fahne er geschworen, dessen Erbschaft er angetreten.\nIn dem grossen Recitativ ist Seite 33 vom vorletzten\nTacte bis Seite 34 eine der ganzen civilisirten Welt fremde\nStelle eingeschoben, die allerdings vielleicht aus Mozart's\nerster Handschrift herrühren mag, die aber selbst schon\nzu Mozart's Lebzeiten nie in Ausführung gekommen und\nfolglich für alle die, welche sich durch Andre's Ciavier-\nAuszug belehren und erquicken wollen, und glauben sollen,\ndass sie in dieser Gestalt von Mozart endgültig festgestellt\nwurde, eine complete Lüge ist. Die Stelle gehört offenbar\nganz anderen ursprünglichen Intentionen des Componisten\nan. Lesen Sie sie aufmerksam durch, sie ist zu lang, um\nsie hier in Noten wiederzugeben.\nSeite 35, der fünfte Tact vom Ende, bringt uns in\nder reinen Ges-dur-Scalä c statt ces.\nSeite 36, System 2, Tact 9, und so oft sich die Stelle\nrepetirt, statt des Septimen-Accords ein in der\nBegleitung. Grundbässe bei Mozart ohne allen Grund zu\nändern, ist ein Unternehmen, das nur die rührendste Ein-\nfalt zuwege bringt.\nDas Schönste aber, was uns Herr Andre in dieser\nArie noch bietet, ist Seite 36 in den vier letzten Tacten\nzu lesen; wer kennt nicht Mozart's einfache und doch so\ngeistvolle Begleitung im gebundenen Stil:\nSiehe dagegen Julius Andre! Das ist denn doch mehr als\nnaiv:\nWenn man ihm Alles verzeihen wollte, das ist für einen\n„von dem Geiste der Composition durchdrungenen Mann\"\n(wie die Vorrede sagt) doch gar zu stark.\nSeite 37 im vorletzten Tacte hat Mozart in den ersten\nbeiden Vierteln des Grundbasses nicht an einen Dreiklang\ngedacht, sondern lediglich an einen Sexten-Accord. Es\nüberkommt einen nur gar zu oft die Idee, der Verfasser\ndieses Clavier-Auszuges habe rein nach seiner oberflächli-\nchen Erinnerung niedergeschrieben, was ihm just einfiel.\nSo geht est weiter—Nummer für Nummer, Seite für\nSeite, eine Verballhornisirung verdrängt die andere; so,\num zum Schluss zu kommen, empfehle ich Ihnen noch\nSeite 54 den dritten Tact des Don Ottavio. Die beiden\nß\nAchtel des vierten Viertels müssen, wie Jeder gebildete\nMusiker es weiss, b und nicht a heissen. Mozart hat bei\ndieser Stelle den Quintsext-Accord:"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "150", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.1.6", "texte": "im Sinne gehabt, wie sich das aus dem Zusammenhange\nvon selbst versteht.\nZur Erquickung sehen Sie Sich noch das Arrangement\ndes Masken-Terzetts durch, wo ohne alle Ursache das Cia-\nvier die Singstimme mitspielt, wodurch der Effect der wirk-\nlichen Begleitung auf Null reducirt wird, abgesehen davon,\ndass die wirkliche Begleitung ohne alle Ursache und Not-\nwendigkeit eine Octave höher geschrieben ist, als bei Mo-\nzart, so z. B. das schöne Accompagnement der tiefen Cla-\nrinett-Töne:\n/\nIch schliesse meinen Bericht, weil meine Zeit mir nicht\nerlaubt, alle anderen Nummern mit der Genauigkeit zu\nuntersuchen. Ja, es wäre mir nie in den Sinn gekommen,\nso viel Worte über die ganze Geschichte zu verlieren, wenn\nnicht die herausfordernde Vorrede einen reizte, um Mo-\nzart's und der Jugend willen zu zeigen, dass es auch trübe\nQuellen für das Studium seines Meisterwerkes gebe. Hier-\nnach wird der Mozart-Cultus gedachter Firma (vergleiche\ndas Mozartbild von Tischbein und die Mozartflügel) etwas\nverdächtig.\nWie manche solcher Frevel der Andre'schen Officin,\ndie alle der Pietät gegen Mozart Hohn sprechen, könnten\nnoch beigesetzt werden! Ich erinnere nur an die Oper\n„Zaide\", die der Vater Andre aus wenigen Bruchtheilen\nMozart's zusammengestoppelt, ex ipsir ergänzt, mit einem\nvon C. Gollmick gemachten Texte und einer Ouvertüre\neigener Mache versehen, herauszugeben gewagt.\nSapienti sat!\n\nAus Dresden.\n\nEnde April 1858. -\nUnser musicalischer Winter war vielmehr ein blühen-\nder Frühling geworden, welcher Kunst-Productionen von\nangestammten und ausländischen Kräften zum schönsten\nFlor vereinigte. Im Aeusseren seiner musicalischen Ver-\nhältnisse mag Dresden vielleicht manches Stereotype auf-\nweisen ; zugleich aber macht sich doch im Wesentlichen\nderselben etwas unverwischbar Bedeutendes geltend, das\nförmlich fortzuerben scheint. Vor Allem liefert der Glanz-\npunkt unserer Musik, die königliche Capelle, dafür Beweis.\nHier wohnt ein Geist der Kunst-Erziehung, der sich alles\nneu Hinzutretenden bemächtigt, um es in harmonische Ge-\nmeinschaft zu bringen. Es ist derselbe Geist, welcher seit\nlängeren Jahren auch schon über die Bühne geht und\nvielen Kunst-Notabilitäten erst noch die echte Weihe ge-\n\"V\ngeben hat. Ein Orchester, welches, wie das genannte, Si-\ncherheit und theilweise Ueberlegenheit mit rastlosem Stre-\nben paart, an welchem ein classischer Geschmack haftet>\ndas immer einen gediegenen Kern bewahrt hat und ge-\ngenwärtig einen Lipinski, F. A. Kummer und Schubert :m\nHerzen trägt, muss fortwährend auf seiner Kunsthöhe ver-\nbleiben. Der Ton übereinstimmender Noblesse klingt denn\nauch hier aus dem Vortrage, wodurch Alles gestaltet und\nverklärt, Alles ideal und doch auch wieder fasslich und le-\nbendig wird. Die Capell-Concerte des verflossenen Winters\nbrachten unter Anderem die Musik zu dem Ballet „Die\nGeschöpfe des Prometheus\" von Beethoven. In diesem\n\\\nWerke, das ein fortlaufendes Crescendo von Bedeutenheit\nund Schönheit ist, treten beinahe alle Instrumente virtuo-\nsenmässig auf, und fand auch hier ein jedes seinen würdi-\ngen Bepräsentanten. Beethoven ist hierin bei allem Gedan-\nken-Beichthum so anmuthig geblieben, wie selten, und\nseine schönen Tongestalten, die sich herrlich beleben und\ngruppiren, versetzen auf den Parnass. Ferner erschien die\nB-dur-Sinfonie von Schumann, diese äusserst interessante,\nnach Beethoven bis auf jetzt vielleicht gelungenste Com-\nposition in diesem Genre, sehr vortheilhaft in ihrem roman-\ntischen Lichte. Die Weihnachts-Musik von Bach, einPZvan-\ngelium voll Glaubensfestigkeit und Glaubensfreude, von\nlyrischem Element durchzogen, erhob sich vom Fundament\nbis zur Spitze in der sichersten Ausführung. Die'neunte\nSinfonie von Beethoven, deren Verständniss und Vortrag\neine wahrhafte Triumph-Leistung unserer Capelle ist,\nmachte den Beschluss der Saison.\nEine Kunst-Verbrüderung im besten Sinne des Wortes\nhat unser Tonkünstler-Verein ins Leben gerufen. Eigent-\nlich stellt er zum grossen Theile eine Analyse der Capelle\ndar, und wir haben die schönste Gelegenheit, den Werth\ndes Ganzen von dort hier an den selbstständigen Vorträgen\nder Einzelnen wieder zu erkennen. Auch die übrigen Theil-\nnehmer des Vereins sind natürlich alle musicalisch gebildet\nund halten eine gesunde freie Gesinnung aufrecht, welche\nals Tendenz dem ganzen Unternehmen voransteht, und\ndiese heisst: Das Beste von Allem zur Förderung der\nKunst, ohne Kunst-Partei! Hier gilt einzig und allein, was\ndie Kunst immer gegenwärtig und unsterblich macht: „Be-\ndeutender Inhalt in schöner Form\", und die Schranken\nder und der Zukunfts-Musik werden sich\nnie aufstellen können. Der dresdener Tonkünstler-Verein\nbetreibt fast ausschliesslich die Cultur der Kammermusik,\nund zwar mit grösster Sorgfalt und ausserordentlichem\nErfolge. Die letzten sechs Productions-Abende ergaben fol-\ngendes Besume: 1) An Solo-Vorträgen für Ciavier: aus\nden englischen Suiten und Concert mit Begleitung\nvon Saiten-Instrumenten von Bach; Sonate von Beet-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "151", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.1.7", "texte": "hoven; Phantasie C-mollvon Mozart. 2) Ein Duo: Sonate\nfür Ciavier und Clarinette von Weber. 3) Zwei Trio's von\nBeethoven. 4) Quartette von Beethoven, Haydn, Reissiger,\nRomberg. 5) Quintette von Beethoven, Mozart und Schu-\nbert. 6) Ein Sextett von Beethoven. 7) Septette von Beet-\nhoven und Hummel. 8) Ein Octett von Mozart. 9) Grosse\nSerenade für dreizehnstimmige Harmonie von Mozart. Von\nden wirklichen Mitgliedern des Vereins zeichneten sich\nvirtuosenmässig aus die Herren Ilüllweck und Seelmann\n(Violine). Der Erstgenannte war zugleich noch in selbst\nveranstalteten Quartett-Soireen thätig, die zu den genuss-\nreichsten Kunst-Ereignissen des Winters gehörten, und er-\ngötzte durch edlen Ton, welchem die Darstellung von Ener-\ngie und Weichheit in gleichem Maasse gelingt. Herr Hüll-\nweck besitzt den wahren Künstler-Tact, der allein es mög-\nlich macht, eben so geschmackvoll zu dominiren, wie sich\nunterzuordnen. Herr Seelmann, ein ebenfalls tüchtiger Gei-\nger, ist vorzüglich in der Tonmalerei und im charakteristisch\ngezeichneten Ausdruck. Ausser im Tonkünstler-Verein bot\nihm eine wiederholte Vorführung des Lipinski'schen G-moll-\nConcertes besonders Gelegenheit, die genannten Eigenschaf-\nten glänzend zu zeigen. Ferner sind rühmlichst zu erwäh-\nnen die Herren Blassmann, Reichel, Goldschmidt, Riccius\n(Pianisten), Göhring (Viola), A. E. Kummer (Cello), Lau-\nterbach (Clarinette), Hiebendahl (Oboe), Hübler und Eisner\n(Waldhorn), Zizold (Flöte) u. s. w. Als Componisten sind\nausser dem viel bekannten Herrn F. Spindler die Herren\nSiering und Reichel hervorzuheben. Ein Quintett von Sie-\nring für Violine, Bratsche, Cello, Oboe und Flöte bewies\neine für die Jetztzeit seltene Richtung: die Form des clas-\nsischen Stils als Musterform festzuhalten. Das fleissige Stu-\ndium Haydn's, Mozart's und Beethoven's hat des Compo-\nnisten Talent so geregelt und gestärkt, dass er nun Neues\nund Selbstständiges nach diesen Vorbildern schafft. Unbe-\ndingt ist es schon an und für sich eine merkwürdige und\nlobenswerthe Erscheinung, wenn sich heutzutage ein Com-\nponist weder in Romantik verliert, noch unter die Fahne\nder Zukunft begibt, und sein Streben dem klaren Tage der\nClassicität zuwendet. Es wird gegenwärtig so wenig Brauch-\nbares für Kammermusik geschrieben, dass man um so freu-\ndiger bei einer gehaltvollen Composition, wie dieses\nQuintett es ist, verweilt. Die Motive sind durchweg aus-\ndrucksvoll, bestimmt, klar; in Verarbeitung und Verthei-\nlung derselben zeigt sich eine wahrhafte Bravour, ein leichtes\nSpielen mit dem strengen Contrapunkte. Einheit und Ge-\nschmack stehen diesem, wie auch schon einem früheren\nWerke, Octett Es-dur, zur Seite. Herr Reichel hat sich\nbesonders durch Clavier-Compositionen bekannt gemacht,\nworin ebenfalls die ansprechendsten Gedanken durch nette,\nabgerundete Form und einfache Eleganz kund gethan sind.\nVon Lieder-Componisten haben sich namhaft gemacht:\nv. Ehrenstein, Siering, Merkel, Lecerf.\nDen Concerten von auswärtigen Virtuosen stellen wir\nan die Spitze zwei Soireen von Frau Clara Schumann\nund Herrn Joseph Joachim. Mit Andacht und Begeiste-\nrung hat das Publicum die Vorträge dieser bevorzugten\nKünstler hingenommen; wie Souveraine sind dieselben von\nihren hiesigen Kunstgenossen gefeiert worden. Es war aber\nauch ein so reiner Zusammenklang der beiderseitigen Auf-\nfassungen, ein so köstliches Einverständniss im Vortrage,\ndass man das Virtuosenthum vergass und einem Zwiege-\nspräche von Muse und Apoll zu lauschen glaubte. Unter\nJoachim's Spiel hört die Geige auf, materielles Instrument\nzu sein; sie ist klingender Geist geworden. Ueberlegenheit\nder Tonbildung zeigte sich in einem markigen, imposanten\nFcrte wie im ätherischen Pianissimo, das noch im letzten\nHauche festhielt und oft daran neue Steigerungen knüpfte.\nVor Allem culminirte Herr Joachim in der Repräsentation\nJ. S. Bach's. Hier stand er vor uns wie ein Apostel, dem\neine hohe musicalische Offenbarung wird und welcher sich\nderselben mit der grössten Pietät entledigt. Und daneben\ndie Meisterin Schumann mit ihrer Darstellungs-Gewalt und\nGrazie, unter deren Händen die Töne mächtig schwellen\nund duftig verschweben, unter deren Anschlag Alles Leben\nund Verständniss wird. Zugleich hatten wir den Genuss,\nFrau Clara Schumann mit Fräul. Marie Wiek in einer\nComposition von Schumann für zwei Claviere vereinigt zu\nhören, wobei die leiblichen Schwestern sich auch als gei-\nstige Geschwister zeigten. Das war ein Wiegen in Liebreiz\nund Anmuth, ein Wetteifern um Klarheit und Eleganz.\nAuch in ihrem eigenen Concerte bewies Fräul. Wiek eine\nMuster-Technik und jene vollendete Sauberkeit und Ge-\nschliffenheit, welche ein Stempel der Wiek'schen Schule\nist. Zwischen die Strahlen der Joachim-Schumann'schen\nLeistungen trat alsdann Franz Liszt mit seiner Musik zu\nHerder s Prometheus und Dante s Divinci Diese\nCompositionen sind wie die Richtung, welcher sie angehö-\nren, schon so vielfach durchgesprochen, dass wir gänzlich\ndavon absehen. Zu erwähnen hätten wir dabei bloss, dass\ndie alten Fixsterne am Kunsthimmel Dresdens ruhig ihre\nBahnen nach wie vor beschreiben, und dass die partielle\nSonnenfinsterniss von zwei Stunden Dauer ganz glücklich\nabgelaufen war. Ausserdem haben die hiesigen Tonkünstler\nihrem durch seine übrigen glänzenden künstlerischen Eigen-\nschaften hochverehrten Gaste sehr gehuldigt, demselben\naber zugleich nichts Anderes als landesübliche Musikkost\npräsentirt, welche in „überwundenem Standpunkte\" be-\nsteht. Zwei Eleven Liszt's, Herr v. Bronsart und Herr\nReubke, haben durch die ausserordentliche Bravour ihres\nPianofortespiels grossen Beifall geärntet. Vorzüglich war es"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "152", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580508-01.1.8", "texte": "Herr v. Bronsart, der blitzenden Geist mit gewaltiger Tech-\nnik vereinigte. Von Violin-Virtuosen erschienen uns gleich\nDoppel- und Dreigestirne in den Neruda's und Badzeck's.\nDie staunenswerthe Herrschaft über das Instrument in so\nzartem Alter lässt wirklich an Wunder glauben oder doch\njedenfalls in die grösste Bewunderung ausbrechen. Welch\neinen Zauber übt das Virtuosenthum aus, wenn es der\nKunst zur Seite bleibt und nicht abschweift zu Künstelei\nund Seiltanz! So hatte auch Bazzini das Publicum zu wie-\nderholten Malen magisch angezogen. In der That färben\nsich die Töne unter seinem Bogen ganz wundervoll von\nGluth und Leidenschaft bis zu sanfter Schwärmerei, und\nseine Violine singt einer Sirene gleich. Auch Bazzini's Com-\npositionen, welche die erdenklichsten Schwierigkeiten mit\nPhantasie und Geschmack verbinden, haben ihm grossen\nBuhm eingetragen. Während nun die Concerte so häu-\nfig waren, dass sie einen dichten, schimmernden Beigen\nschlössen, blieb die Oper zum grössten Theil des Winters\nim Alltagskleide und liess gleichgültig. Endlich machte die\nneue Oper von Capellmeister Krebs, „Agnes4 betitelt, all-\ngemeine Theilnahme rege. Sie hat mehrere Wiederholun-\ngen erlebt und ist, von unseren besten Opernkräften unter-\nstützt, glänzend in Scene gegangen. Das Melodische herrscht\nentschieden vor, und die Effecte sind von routinirter Hand\ngestellt. Die Aufnahme war gleich Anfangs günstig und\nschien auch noch bei der letzten Aufführung gleicher Tem-\nperatur geblieben zu sein. Zu Ende der Saison wurden wir\ndenn auch noch durch Werke von Gluck, Mozart, Weber\nu. s. w. mit unserer Oper gänzlich ausgesöhnt und zu dem\nHochgefühl ermächtigt, dass wir an Bepräsentanten der-\nselben ein beneidenswerthes Ensemble besitzen, wozu vor\nAllen die Damen Bürde-Ney, Krebs-Michalesi und Krall,\ndie Herren Tichatscheck, Mitterwurzer, Budolf u. s. w. ge-\nhören.—Bemerkenswerth sind noch von den übrigen mu-\nsicalischen Productionen sechs Sinfonie-Conccrte, von Herrn\nMusik-Director Hünerfürst im Saal des ar-\n*\nrangirt. Mehrfach schon haben wir Gelegenheit genommen,\nauf die Thätigkeit dieses Dirigenten hinzuweisen. Es ge-\nwährt dauerndes Interesse, zu beobachten, was ein kleines\nMusikcorps leisten kann, wenn es wie dieses unter Hüner-\nfürst stehende wohl organisirt ist. Die geistige Force der\nBeseelung, das markirte Ausprägen von Bhythmus und Be-\ntonung täuscht oft dergestalt über das Nichtvorhandensein\nder Massenkraft, dass man ein verstärktes Orchester zu hören\nglaubt. Diese kleine tapfere Schar, durchdrungen von dem\nGeiste ihres Dirigenten, gibt dessen wahrhaft künstlerische\nAuffassung aufs Haar wieder. Bisweilen tritt aus dem Vor-\ntrage Vieles so frisch und subjectiv hervor, dass eine ganz\nneue Beleuchtung über längst Bekanntes fällt. Besonders\nanimirt es das Corps, wenn Herr Hünerfürst sich demsel-\nben im Violinspiel einverleibt. Da scheint dann Alles noch\nsprechender und freier zu werden, das Steigern und Be-\nschwichtigen, Zeichnen und Nuanciren noch übereinstim-\nmender zu geschehen. Jedenfalls gebührt Herrn Hünerfürst\ndas Verdienst, viele Instrumental-Compositionen unserer\ngrössten Meister von Bach bis auf Mendelssohn, Schumann\nu. s. w. Aul künstlerische Weise für das grössere Publicum\npopulär gemacht zu haben, und durch ihn ist auch über\ndie Kluft, welche gewöhnlich Localmusik von den Vorträ-\ngen reinen Stils trennt, gleichsam eine Brücke geschlagen\nworden.\n\nLouise Nitzsche, geb. Kindscher.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nAm 24. April hatten wir den hier seltenen Genuss,\nKammermusik in guter Ausführung zu hören. Die kunstsinnige Prin-\nzessin Thekla zu Wied an der Spitze, hatte sich ein so zahlreiches\nAuditorium, wie der Saal „Zum alten Riesen\" fassen konnte, einge-\nfunden. Der Concertgeber, Herr Kammersänger E. Koch aus Köln,\nbewährte sich bei vortrefflicher Stimm-Disposition als einen Lieder-\nsänger par excellence, und seine gefeierte Schülerin, Fräul. Catha-\nrina Deutz, hat seit vorigem Jahre an Feinheit des Vortrags wie\nan Virtuosität noch gewonnen. Ausser Herrn Musik-Director Flü-\ngel wirkten noch ein talentvoller ehemaliger Schüler von ihm, Herr\nW. F., und ein sehr tüchtiger Violinist, Herr Gerichts-Assessor G.K.\naus D., mit. Mit Letzterem spielte Herr Flügel Beethoven's\nOp. 47 unter dem rauschenden Beifalle des Publicums. Herr W. F.\nspielte Mendelssohn's Capriccio brillant in H-moll mit grosser Sicher-\nheit und Fertigkeit auswendig.\n** In der zu wohlthätigen Zwecken am 25 April im königlichen\nSchauspielhause zu Berlin veranstalteten Matinee betheiligte sich\ndurch Mitwirkung auch Frau von Bock (Scbröder-Devrientj und\nwurde vom Publicum freudig begrüsst.\n£ Am 26. April liess sich in Berlin eine junge Pianistin, Fräul,\nSara Magnus aus Stockholm, hören. Die Concertgeberin, seit l£\nJahr Schülerin «des Dr. Kullak, ärntete Beifall und Anerkennung."}]}