{"numero_id": "bm-bmtnabi-1858-06-26-01", "volume": "bmtnabi_1858-06-26_01", "ocr_sha256": "53530cec41d7afad2fe0e48a1b002ca944afd4326bb80ce672a2b8f194178816", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1858/06/26_01/bmtnabi_1858-06-26_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1858-06-26-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-06-26_01#c001", "volume": "bmtnabi_1858-06-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "201", "page_fin": "201", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "201", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 408, "texte": "Inhalt.\nDas 36. niederrheinische Musikfest. in. Von L. Bischoff. Frithiof, dramatisches Gedicht nach Jesaias Tegner be-\narbeitet und für Chor, Soli und Orchester componirt von C. A.Mangold. Alfred Jaell (Biographische Notizen). 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Nr. 23. 11. Nr. 24.)\nAuf Bach's Credo folgten Scenen aus der Oper A r-\nmide von Gluck. Die Auswahl und Zusammenstellung\nderselben gab den wesentlichen Inhalt der Oper zu erken-\nnen und enthielt wohl auch die schönsten Nummern des\nWerkes: Act IL Nr. 2, Duett zwischen Armide und Hi-\ndraot (Bass). Nr. 3, Tenor-Arie (Rinaldo). Act 111. Nr. 1,\nArie der Armide. Dann Schluss des Recitativs Nr. 2 und\nalles Folgende des 111. Actes bis zum Finale einschliesslich.\nDie Ausführung war im Ganzen gut und rief bei dem\nPublicum wiederholten und lebhaften Beifall hervor. Un-\nserem Urtheil nach war sie jedoch die schwächste von al-\nlen am Feste; denn wenn einmal Opernmusik an Musik-\nfesten aufgeführt werden soll, so gehören dazu wirklich\ngrosse und vollkommen gebildete Stimmen. Nur solche\nkönnen die Action, Scenerie und alles Theatralische im\nConcertsaale vergessen machen, zumal die Chöre meist\nNebensache sind, und wenn wesentlich, doch keineswegs\neiner massenhaften Besetzung bedürfen. Ja, die Erfahrung\ndürfte sogar lehren, dass ein guter Theater-Chor, wie\nz. B. in Berlin, Hannover, München u. s. w., Opernchöre\nweit richtiger und eindrucksvoller vorträgt, als ein drei-\nbis viermal zahlreicherer Dilettanten-Chor. Leider sind die\nGluck'schen Opern so gut wie verschwunden von unseren\nBühnen und für das gegenwärtige Geschlecht schon ge-\nwisser Maassen zu Cantaten geworden, was denn freilich\ndie Wahl derselben für grosse Concert-Aufführungen\nauch durch einen äusseren Grund rechtfertigt. Dass wir\nlieber Scenen aus der Iphigenie in Tauris gewünscht hät-\nten, haben wir schon an einem anderen Orte (Kölnische\nZeitung Nr. 155) gesagt; den dort erwähnten musicali-\nschen Gründen fügen wir hier noch den praktischen hin-\nzu, dass das grosse Publicum mit dem Inhalt der Iphigenie\ndurch Göthe's Drama weit bekannter ist, als mit der Epi-\nsode aus Tasso's befreitem Jerusalem, und folglich eher\nim Stande, die Wahrheit der Gluck'schen Musik und ihre\ninnige Verbindung mit der Poesie zu würdigen. Uebrigens\nsangen die Damen Krall und Meyer Einzelnes recht schön,\nnur fehlte die innige Wrärme und die leidenschaftliche\nCharakteristik; die Arie des Rinaldo in D-dur war eine\nder besten Leistungen des Herrn Schneider an dem gan-\nzen Feste.\nDas Orchester war vortrefflich in jeder Beziehung\nund ärntete den ehrenvollsten Lohn durch den Beifall, den\ndie heroische Sinfonie von Beethoven bei jedem Satze er-\nhielt. Die Ausführung derselben war in der That der Art,\ndass man sie im Allegro und Finale sehr gut, im Adagio\nund im Scherzo vollendet nennen konnte. Die Leser dieser\nBlätter, welche unsere Anforderungen an den Vortrag\nBeethoven'scher Sinfonieen aus den verschiedenen Auf-\nsätzen über diesen Gegenstand kennen, werden darüber\neinverstanden sein, dass wir mit diesem Prädicate sicher-\nlich nicht verschwenderisch umgehen werden ; auf der an-\nderen Seite dürfte es aber auch den ausführenden Künst-\nlern und dem Dirigenten angenehm sein, wenn ihr Ver-\ndienst von jemandem, der sich zum Loben legitimirt hat,\nanerkannt wird. Alles in Allem genommen, würde man\nnicht mit Unrecht die Anhörung der heroischen Sinfonie\nfür den reinsten und vollkommensten Genuss an dem dies-\njährigen Musikfeste erklären dürfen. Ein sehr erfreuliches\nZeichen für den Kunstsinn des Publicums und dessen rege\nEmpfänglichkeit für das wirklich Schöne und Erhabene\nin der Musik war der beim Schlüsse eines jeden Satzes\nausbrechende und anhaltende Applaus. Wer bei einer sol-\nchen Aufregung der Zuhörerschaft noch ,Wärme\" ver-\nmisst, dem treibt entweder der Neid die frostigen Schauer\nüber die Haut, oder die Galle hat ihm Aug' und Ohr um-\ndüstert. Doch nein! es gibt noch etwas, das einen Theil"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "202", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4258, "texte": "der heutigen Kritiker zum unverschämtesten Lügen bringt:\ndas ist die Losung der Coterie, auf Deutsch Bande.\nDen zweiten Theil füllte Mendelssohn's „Walpur-\ngisnacht\". Es lässt sich nicht läugnen, dass die Compo-\nsition, die gewiss wegen ihrer Frische und ihres romanti-\nschen Schwungs zu den besten Erzeugnissen in dieser Gat-\ntung von Gesangwerken gehört, gegen die Werke der drei\nHeroen schwach erschien. Allein die Klangfülle des Chors\nund die Virtuosität des Orchesters hob sie empor und ver-\nsetzte die Zuhörer sehr bald wieder in die festliche Stim-\nmung. Zur Steuer der Wahrheit müssen wir auch erwäh-\nnen, dass Herr Stepan in der Schlussscene durch- sein\nmächtiges Organ und erhöhten Ausdruck im Vortrage\nverdienten Beifall errang.\nDas dritte Concert hatte ein sehr buntes Programm.\nDass dies nicht anders sein kann, liegt in der Natur der\nSache; denn dieses dritte Concert, das ursprünglich gar\nnicht in dem Plane der Musikfeste lag, ist in den letzten\nzehn Jahren in denselben aufgenommen worden, um der-\njenigen Seite der Tonkunst, welche bei den grossen Ge-\nsammt-Ausführungen mehr in den Hintergrund tritt, auch\nGelegenheit zu geben, zur Geltung zu kommen. Dass die\nVirtuosität (nicht die Virtuoserei) eine Berechtigung dazu\nhabe, bei Musikfesten ebenfalls vertreten zu werden, lässt\nsich nicht läugnen; ohne vollendete technische Tüchtigkeit\nist an keine gute musicalische Aufführung zu denken; dess-\nhalb ist es ganz in der Ordnung, dem Publicum, das ein\nMusikfest besucht, auch Gelegenheit zu geben, das Vor-\nzügliche in dieser Art zu hören. In England besteht die\nEinrichtung der Miscellaneous concerts bekanntlich bei al-\nlen Musikfesten seit deren Ursprung im Jahre 1784.\nGesammt-Leistungen an diesem Abend waren die\nWiederholungen je eines Chors aus Bach's und aus\nHiller's Saul, die Ouvertüren zur Leonore von Beetho-\nven und zum Freischütz von Weber diese letztere\nmachte in schwung- und glanzvoller Ausführung den\nSchluss des Ganzen —, und vier Lieder, die der kölner\nMännergesang-Verein unter Franz Weber's Lei-\ntung mit bekannter Meisterschaft vortrug. Fräul. Meyer\nsang eine Arie aus der Semele von Händel, welche wir im\nWinter schon einmal von ihr gehört hatten, und die trans-\nponirte Arie des Sextus: „Parto\"; Fräul. Krall die Arie:\n„Auf stolzem Fittich\" von Haydn und „Ach, ich liebte\"\naus der Entführung von Mozart (recht brav); Herr Schnei-\nder die grosse Arie des „Joseph\" von Mehul u. s. w.\nDas angekündigte Concert von J. S. Bach für drei Cla-\nviere fiel aus, weil Capellmeister Hiller durch die Ver-\nschlimmerung eines Uebels am Fusse, das ihn nöthigte,\nalle Aufführungen sitzend zu dirigiren, verhindert war,\nauch noch als Solospieler mitzuwirken.\nDie Krone der Einzel-Leistungen waren die Vorträge\nSivori's. Er spielte im ersten Theile das Violin-Concert\nvon Mendelssohn, im zweiten eine Phantasie über Mo-\ntive aus der Lucia und als Zugabe Paganini's Variationen\nüber Nel cor piü non mi sento. Der Vortrag des Concerts\nwar allerdings nicht derselbe, den wir bei deutschen Vio-\nlinspielern gewohnt sind, namentlich bei Joachim und Laub.\nAllein wer frei von Vorurtheil diese Composition von dem\nBelgier Leonard und von dem Italiäner Sivori hört, der\nwird die grösste Anerkennung diesen fremden Virtuosen\ngerade desshalb zollen müssen, weil sie den Geist der deut-\nschen Composition keineswegs verwischen und dabei den-\nnoch, was besonders bei Sivori zu preisen ist, die hohe\nVollendung ihrer Schule und die wundervolle Beinheit,\nsammtne Glätte und weiche Klangfülle des Tones, der ohne\ndas geringste fremdartige und störende Geräusch erzeugt\nwird, geltend zu machen verstehen. Hört man italiänische\nund französische Compositionen für die Violine von deut-\nschen Virtuosen vortragen, so wird man nur sehr selten\nAehnliches von ihnen sagen können. Dass Sivori's geniales\nSpiel in der Manier Paganini's durch die Variationen-Vor-\nträge einen furchtbaren Applaus u. s. w. erregte, braucht\nman nicht zu sagen. Aber auch die Künstler auf dem Or-\nchester stimmten in den Beifall ein; denn sie wussten bes-\nser, als so manche Kritiker, die über der Auffassung die\nAusführung vergessen, was für eine künstlerische Natur-\nAnlage und für ein ausharrender Ernst dazu gehört, um\neines Instrumentes in solch einem Grade Herr zu werden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-06-26-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-06-26_01#c003", "volume": "bmtnabi_1858-06-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "202", "page_fin": "205", "image_debut": 2, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.2.3", "titre_corps": "Frithiof,", "titre_sommaire": "Frithiof,", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "202", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.1.2", "debut_caractere": 4260, "fin_caractere_exclue": 5286, "texte": "Frithiof,\ndramatisches Gedicht nach Jesaias Tegner bearbeitet und für Chor,\nSoli und Orchester componirt von C. A. Mangold. Aufgeführt in\nFrankfurt am Main durch den Rührschen Gesang-Verein\nam 20. März 1858.\nUnseren Bericht über die Aufführung eines der aller-\nneuesten Zeit angehörenden Werkes glauben wir mit ei-\nner flüchtigen Hinweisung auf längst entschwundene Herr-\nlichkeiten beginnen zu müssein. Wir möchten den geneig-\nten Leser bitten, sich auf einen Augenblick jene Zeit zu\nvergegenwärtigen, in welcher man noch von einer be-\nstehenden allerdings etwas sehr relativen Einheit\nDeutschlands sprechen konnte, wo die Person des Kaisers\nfür den sichtbaren Repräsentanten der Einigkeit jenes\ngrossen Reiches galt, dessen einzelne Glieder gewöhnlich\nhöchst uneinig zusammen waren. Damals waren es die\nfreien Reichsstädte, welchen vorzugsweise durch die Gunst\ndes Kaisers, die man jedoch nicht selten mit schwerem\nGelde bezahlte, beneidenswerthe Gerechtsamen verliehen\nwurden, in welchen sich die alten freien Reichsbürger,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "203", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5467, "texte": "trotz ihrer Perrücken, kurzen Hosen und Schnallenschuhe\nmit einer Hartnäckigkeit zu behaupten wussten, die dem\nmuthvoll aussehenden dreieckigen Hute auf dem Kopfe .\nalle Ehre machte. Die Folge ergab, dass es theilweise\nwiederum die freien Beichsslädte waren, welche in allen\nStürmen, die im Laufe der Jahrhunderte über Deutsch-\nland hinbraus'ten, am wenigsten den Hallpunkt verloren,\nund ihre Lebens- und Entwicklungskraft sich zu bewah-\nren wussten. Das eben Gesagte findet aber vorzugsweise\nseine Anwendung auf Frankfurt. Es liegt in der Natur\nder Sache, dass eine Stadt, die sich Jahrhunderte lang be-\ndeutender Prärogative zu erfreuen hatte, die durch Fleiss\nund Beharrlichkeit, durch richtige Benutzung der wohl-\nverstandenen Erwerbs-Gelegenheiten zu grossem Reich-\nthum gelangt war, deren Credit, auf Solidität gegründet,\nsich über alle Länder erstreckte, Ursache genug hatte,\nfremde Elemente von ihrem Wirkungskreise möglichst aus-\nzuschliessen, und nicht geneigt war, die errungenen Vor-\ntheile mit Anderen zu theilen. Daher kam das Misstrauen\ngegen alles Fremde, das Miene machte, sich hier einzu-\nbürgern, daher das starre Festhalten an althergebrachten\nGewohnheiten. Das deutsche Reich hat aufgehört, der\ndeutsche Kaiser ist in dem Kyffhäuser eingeschlafen\nsein Bart ist durch den steinernen Tisch gewachsen\ndie freien Reichsstädte haben ihren beneideten Titel ab-\ngelegt, die früheren Zustände sind grossentheils zusam-\nmengebrochen, neue Anforderungen der Zeit machten sich\ngeltend, Dampfschiffe und Eisenbahnen kamen, Gewerbe\nund Handel erhielten andere Fundamente, ein neuer Iri-\nscher Lebenshauch durchzog die deutschen Lande.\nFrankfurt war nicht die letzte der Städte, welche den Geist\nder neuen Zeit begriffen, sie hat im Gegentheil ihre Welt-\nstellung eben sowohl jetzt erkannt, wie sie sich zu allen\nZeiten der Lage ihrer Verhältnisse vollkommen bewusst\nwar. Die Stadt Frankfurt hat ihre äussere Physiognomie\nin den letzten Decennien mehr verändert, als kaum eine\nandere Stadt Deutschlands, der frankfurter Bürger ist\nnicht mehr der Philister von ehedem. Aber es liiesse Un-\nmögliches verlangen, wollte man erwarten, dass von den\nsämmtlichen den Einwohnern zur Natur gewordenen Ge-\nwohnheiten und Eigentümlichkeiten von früher auch\nnicht mehr die leisesten Spuren hier anzutreffen seien.\nMan würde sich irren, wollte man denken, ein gewisser\nArgwohn gegen Neues, noch nicht Dagewesenes sei hier\naus allen Gemüthern verschwunden. Nein, dieser Verdacht\nbesteht noch immer fort, und diese Bedenkhchkeiten han-\ngen auch immer zusammen mit der vorsichtigen Art, wo-\nmit man hier die Handelsgeschäfte zu betreiben gewohnt\nist. Wir haben hier nicht den Raum, an vielen Fällen,\nwie sie nahe zur Hand liegen, das Gesagte zu beweisen;\nwir wollen uns vielmehr dem Zwecke unseres Artikels\nmehr nähern und auf das Kunstgebiet übergehen.\nEs ist kaum vierzig Jahre her, dass man hier gemischte\nGesang-Vereine kennt. Schelble war es, der zuerst grös-\nsere Aufführungen mit dem von ihm gegründeten \\eieiu\nins Leben rief. Das war etwas Neues und nicht leicht\ndurchzusetzen. Schelble war aber nicht der Mann, dei\nsich durch Schwierigkeiten schrecken liess, und neben sei-\nnem Talent und seinen Kenntnissen begabt mit einer\nVertrauen erweckenden Persönlichkeit, wusste er für\nseine Aufführungen das Interesse rege zu machen. So oft\ner aber von einem hier noch nicht bekannten Componi-\nsten etwas brachte, so oft hatte er Kämpfe zu bestehen.\nEs ist bekannt, welcher Beharrlichkeit dieses eifrigen\nKünstlers es bedurfte, nur um dem äusserst verdächtig\naussehenden Joh. Seb. Bach den Eintritt in die Stadt zu\nverschaffen. Man überzeugte sich später, dass dei selige\nleipziger Cantor durchaus nichts Policeiwidriges in seinem\nBenehmen habe, und liess ihn hier unangefochten sein\nWesen treiben. Manche freilich nennen ihn noch heuti-\ngen Tages den „ Schreckenbach\". So schlimm, wie wei-\nland dem Sebastian, ging es freilich später keinem ande-\nren Componisten mehr, wenn er nur etwas Süchtiges aul-\nzuweisen hatte; einer sogar, Mendelssohn, ward mit mehr\nEhren überhäuft, als dem alten Sebastian gerade lieb war.\nImmerhin gehört aber selbst jetzt noch ein gewisser Math,\neine Art Unternehmungsgeist dazu, noch nicht dagewe-\nsene Werke durch einen Verein zur Aufführung zu brin-\ngen. Da sind Manche, die nach der Aufführung diese\nzwar sehr gut, das Werk aber tadelnswerth finden; man\nkann annehmen, dass ihr Urtheilsspruch schon feststeht,\nehe sie den ersten Ton gehört haben. Zu dieser Katego-\nrie gehört auch ein Theil unserer Künstler. Man hat in\ndieser Beziehung recht interessante Bemerkungen gemacht\nbei Gelegenheit der Aufführungen der Johannes-Passion\nvon Bach, des Belsazer und des Frohsinn und Schwer-\nin uth von Händel, der Missa von Beethoven, des\nFalls Babylons von Spohr, Werke, auswärts längst aner-\nkannt und hochgeschätzt, bei uns durch den Rühl'schen\nGesang-Verein zuerst eingeführt. Ein grösserer Theil\nunseres Publicums aber geht mit der Absicht in die Con-\ncerte, um sich an dem Dargebotenen zu erfreuen, bringt\ndem eingeführten Werk eine wohlwollende Gesinnung\nentgegen, sucht sich mit redlichem Bemühen in dasselbe\nhineinzuleben, ja, scheut auch öfters nicht die Mühe, zu-\nvor mehreren Proben beizuwohnen, um sich ein richtiges\nUrtheil bilden zu können. Dieser Theil unserer Zuhörer\nist es, der den Kern unseres Concert-Publicums bildet.\nWir wollten diese Zustände nicht unberührt lassen, weil\nsie darthun, wie hier in der angedeuteten Beziehung sich"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5454, "texte": "einzelne Parteien direct gegenüber stehen, und weil hierin\nmanche sich widersprechende Kritiken, die in die Oeffent-\nlichkeit gelangt sind, ihre Erklärung finden. Die Auf-\ngabe der Kritik besteht aber darin, ohne Parteistellung\nein der Wahrheit gemässes und auf Sachkenntniss ge-\ngründetes Urtheil abzugeben.\nDer Componist des Frithiof, C. A. Mangold in Darm-\nstadt, ist seit lange den Musik-Freunden bekannt. Nicht\nallein in kleineren Sachen, als Männer-Chören, Liedern\n&c., hat er sich bemerklich gemacht, sondern auch man-\nches grössere Werk nennt ihn seinen Verfasser. Schon\nim Jahre 1838 wurde eine grössere Composition für\nChor und Orchester von ihm in Paris aufgeführt. Unter\netwa 20 seitdem erschienenen grösseren Werken seiner\nMuse bezeichnen wir nur Tannhäuser, Elysium, Gu-\ndrun, Wittekind und H ermannsschl acht. Mangold\nhatte also den Entwicklungsprocess längst durchgemacht,\nehe er Frithiof schrieb, der demnach nicht ein Erst-\nlingswerk ist, wie sich der Berichterstatter im Konver-\nsationsblatt ausdrückt. Das Sujet, der bekannten Frithiofs-\nsage entnommen, ist dramatischen Inhalts; die Composi-\ntion ist, da in dem Text nur historische Personen vorkom-\nmen, da nur von heidnischen Gottheiten darin die Rede\nist, kein Oratorium nach dem neueren Begriffe, wonach\ndieser Name nur den Werken gegeben wird, welche Be-\nziehungen zu dem alleinigen Gott geltend machen. Frit-\nhiof soll aber auch durchaus kein Oratorium sein und\nhat mit diesem nur die Eintheilung in Chöre und Soli ge-\nmeinschaftlich. Wir würden für Werke der Art den Na-\nmen „Concert-Drama\" vorschlagen. Frithiof zerfällt\nin drei Theile, hat ein Vorspiel und ein Nachspiel, und\neine Ouvertüre, welche zwischen dem Vorspiel und der\nersten Abtheilung steht.\nDamen-Chor (Lichtelfenj in Kürze auf Frithiof und Inge-\nborg, die Hauptpersonen der Handlung, hingewiesen. Es\nist dies eine nicht sehr ausgedehnte Nummer, freundlich\nund leicht verständlich, mit Harfen-Begleitung und in hö-\nheren Tonlagen vom Orchester unterstützt. Die Ouver-\ntüre, sehr lang, minutiös gearbeitet, charakterisirt Frithiof\nals Helden. Als Mittelsatz ist die Melodie des Wikinger\nBalks, von dem nachher die Rede sein wird, benutzt. Wir\nkönnen nicht anders sagen, als dass die Ouvertüre mit\nkundiger Hand gemacht, meisterlich ausgesponnen und\neffectvoll instrumentirt ist; dass sie aber offenbar zu lang\nfür den vorliegenden Zweck ist, unterliegt keinem Zwei-\nfel, wenn sie auch formlich tadellos sein sollte. Zudem\nscheint es uns, als ob das Hauptmotiv selbst zu kurz sei\nund daher in der contrapunktischen Verarbeitung conse-\n(juenter Weise zu oft wiederkehre, —ein Verfahren, das\nsich mehr zum Satze eines Streichquartetts eignen dürfte.\nDer erste Theil beginnt mit einem Klage-Chor bei Gele-\ngenheit der Bestattung von König Bele und Thoesten, den\nVätern von Ingeborg und Frithiof. Dieser Chor hat viel\nEigenthümliches, ist sehr ansprechend und ist präcis in\ndem ganzen Zuschnitt. Es bedarf aber eines Orchesters\nmit gut besetzten Blas-Instrumenten, um ihn, wie er ge-\ndacht ist, fein und rem vorzutragen. Wir begegnen hier\ngleich zwei Basset-Hörnern und einer Bass-Clarinette,\nwelche Instrumente, wie wir hier flüchtig erwähnen wol-\nlen, abwechselnd mit Clarinetten durch die ganze Compo-\nsition sich bewegen. Ein Recitativ mit Arioso des Frithiof\nschliesst sich an den Trauer-Chor und macht einen freund-\nlichen Eindruck, der durch die Benutzung der Bratsche\nin hohen Tonlagen noch vermehrt wird. Hierauf Chor-\nRecitativ für Bass und Tenor. Es sind Heerboten, welche\nin kräftigen Weisen die Kriegserklärung König Ring's\nüberbringen. Diese Nummer macht Wirkung, weniger\ndie darauf folgende für gemischten Chor: „Vaterland\",\nwelche an edler Weise den übrigen Chorpiecen sehr nach-\nsteht. Recitativ des Frithiof, worin er sein Verhältniss zu\nIngeborg darstellt und sie sich zur Frau erbittet, bevor er\nan dem Kampf gegen die Norweger sich betheiligt; der\nChor bittet mit ihm den Bruder Ingeborg's; König Holge\nverweigert sie aber, vorschützend, Frithiof habe seine\nSchwester heimlich im Tempel gesprochen. Das offene\nBekenntniss Frithiofs, dass dem so gewesen, dass er aber\ndessen ungeachtet Baldur's Frieden nicht gebrochen habe,\nist eine reizende Erfindung des Componisten. Hierauf gros-\nser Chor von Priestern und Volk, welche sich von dem\nvermeintlichen Tempelschänder abwenden und ihm ihre\nVerwünschungen nachrufen, nachdem ihn König Holge\nauf so lange verbannt, bis er den erdichteten Jahrestribut\nbei Agantyr, Beherrscher der orkadischen Inseln, einge-\ntrieben habe. Diese ganze Scene ist von grosser Wir-\nkung. Recitativ zwischen Frithiof und Ingeborg mit da-\nzwischen liegendem Arioso des und darauf folgen-\ndem Duett. Gut charakterisirt, das Arioso sehr melodisch,\nkann aber nur von Orchestern Prima-Qualität discret ge-\nnug accompagnirt werden, dass die Polyphonie nicht stö-\nrend wirkt. Das Duett, Abschied zwischen Frithiof und\nIngeborg, ist hinsichtlich der Erfindung und der klaren\nForm vortrefflich zu nennen, und hört sich, ungeachtet\nseiner Länge, gefällig an bis zum Schluss. Die tiefe Ton-\nlage, in der Ingeborg grösstenteils darin singt, macht eine\nschöne Wirkung, erfordert aber darum ebenfalls eine sehr\ndelicate Begleitung. Frithiof's Abfahrt, ein Instrumental-\nstück von eigentümlich schönem Inhalt, ist hier zweck-\nmässig angebracht, und lässt das darauf folgende Lied\n„Ingeborg's Klage\" mit Harfen-Begleitung, Flöte, Fagott\nund Violoncell mit neuem Interesse anhören. Das Lied"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5525, "texte": "selbst gehört zu dem Schönsten, was uns in diesem Genre\nbekannt ist. Die den ersten Theil schliessende Scene mit\nChor Sturm vermag sich kühn dem besten, was\nder Art geschrieben ist, an die Seite zu setzen. Grosse\nAnlage, grosse Gedanken, Einheit des Charakters, meister-\nhafte Durchführung, alle diese Eigenschaften sind es,\nwelche diese Nummer zieren.\nDer zweite Theil führt Frithiof in die heimatli-\nchen Berge wieder zurück, er sieht sein GutFramnäs zer-\nstört, er erfährt, dass seine Braut von König Ring ent-\nführt wurde. Eine kurze Unterredung, die er mit Hilding\nhat, ist unbedeutend und dürfte füglich wegbleiben. Frit-\nhiof hört, dass gerade Baldur's Fest gefeiert wird; er ver-\nmuthet König Holge im Tempel, begibt sich mit seinen\nGefährten (den Wickingern) dorthin, setzt alle Anwesen-\nden in Schrecken und veranlasst durch sein Ungestüm den\nBrand des Tempels, wodurch er sich den Fluch der\nPriester und des ganzen Volkes zuzieht. Diese ganze Tem-\npelscene ist von grosser dramatischer Wirkung, sie um-\nfasst beinahe den ganzen zweiten Theil. Hier tritt wieder\ndie Kunstgewandtheit und Erfindungsgabe des Compo-\nnisten recht sichtbar zu Tage; wie in Einem Gusse sind\ndie Chöre geschaffen, und die am Ende angebrachte Dop-\npelfuge ist so charakteristisch, dass sie nicht wie ein frem-\ndes Element in den dramatischen Gang des Ganzen ein-\ngezwängt, sondern als eine glückliche Steigerung und Er-\ngänzung der vorher schon angebrachten Kunstmittel er-\nscheint. Dass Mangold am Ende des eben besprochenen\nSchluss-Chors die polyphone Bearbeitung verlässt und, nach-\ndem Vergrösserung, Engführung und Orgelpunkt vorüber\nsind, das Stretto in homophoner Weise eintreten lässt, er-\nscheint uns als ein glücklicher Griff. [Hat denn Fr. Schnei-\nder gar nicht gelebt und nichts geschrieben? Schliesst denn\nirgend ein fugirter Chor eines Componisten seit Schnei-\nder anders als mit diesem glücklichen Griff? D. Red.]\nDer dritte Theil beginnt jtait dem Wickinger Balk\n(Seemannsgesetz), einer alten für Männer-Chor mehrfach\nbearbeiteten Melodie. Wenn der Componist nicht durch\nbewegtere Figuren Mannigfaltigkeit in diesen Chor ge-\nbracht hätte, so würde uns diese sonst so schöne Melodie\nin den vielen Versen ermüdet haben; so aber bildet diese\nNummer eine der ansprechendsten in dem ganzen Werke.\nFrithiof, der sich inzwischen auf allen Meeren als gefürch-\nteter Seekönig herumgetrieben, befindet sich an der Küste\nGriechenlands. Er gedenkt seiner heimatlichen Berge,\nseiner ehemaligen Braut Ingeborg, ihn ergreift die Sehn-\nsucht nach derselben, er beschliesst, sie aufzusuchen. Dies\nalles wird in einem Recitativ verhandelt, das der schönen\nStellen gar manche hat, von denen wir besonders die her-\nvorheben: „Ist nicht Fried' in den Thälern, den sel'gen\ndort\" &c. Stände dieses Recitativ im ersten Theile, wir\nwürden nichts dagegen erinnern, für den letzten Theil\nscheint es uns aber zu lang. Instrumentale: „Sternen-\nnacht\", ist ein ruhig freundliches Tongemälde, dem man\ngern lauscht. Recitativ und Gebet der Ingeborg mit Harfe\nist schön und ansprechend die Erfindung bei dem Ge-\nbet aber nicht gerade neu. Priester-Marsch für Orchester\nschön. Scene mit Chor in dem Tempel: „0, holder\nFreyr\" so schön, wie man es nur wünschen mag. Die\nallmähliche Entfaltung der Mehrstimmigkeit im Gesang,\ndie Steigerung im Orchester macht diesen Chor mit seinen\nwürdig gehaltenen Melodieen bis zum Schluss interessant.\nRecitativ zwischen König Ring und Frithiof, Arioso des\nletzteren: „Land Jammer ist mir Heimat\", sind schön ge-\ndacht. Quintett mit Chor, ohne Begleitung, von grosser\nWirkung. Trinklied mit Chor, nordische Volksmelodie,\nwirkt erfrischend. Frühlings-Chor lieblich erfunden,\nansprechend und äusserst sangbar. Was nun noch folgt\nan Recitativen, so schön sie auch seien, muss gekürzt wer-\nden. Chöre der Schwarzelfen und Lichtelfen gut charak-\nterisirt. Ring's Tod würde mehr wirken, wenn man nicht\nschon müde wäre. Das Nachspiel ist eigentlich nur ein\ngrosser, breit angelegter Schluss-Chor, in dem vielleicht\nauch Manches gestrichen werden könnte, nicht weil es\nuninteressant wäre, bewahre! sondern weil es eben der\nSchluss-Chor ist, den man doch nur noch mit Einem Ohre\nanhört. [Wir wollen nicht hoffen, dass diese abscheuliche\nfranzösische Sitte in Frankfurt Eingang findet! D. Red.}\nFassen wir unsere Ansicht über Frithiof kurz zusam-\nmen, so müssen wir gestehen, dass dieses Werk zu den\nvorzüglichsten der Neuzeit gehört, dass der Componist\ndesselben eine grosse Erfindungsgabe besitzt, dass er die\nTechnik der Composition vollkommen beherrscht, dass ein\nedler würdiger Geist das ganze Werk durchweht, dass es\nin vieler Hinsicht neu ist und die Bedingungen eines län-\ngeren Lebens in sich trägt. Darum danken wir es dem\nRühl'schen Gesang-Vereine, dass er in einer sorg-\nfältig vorbereiteten Aufführung und in gelungener Weise\nuns die tüchtige Arbeit eines lebenden Componisten\nvorgeführt hat; hoffen wir aber auch auf eine baldige\nWiederholung des Werkes, damit das Urtheil über das-\nselbe geregelt werde *).\n*) Wir haben diesen Aufsatz, der von einem »ehr achtungswer-\nthen Musiker in Frankfurt herrührt, aufgenommen, weil wir\nden Grundsatz befolgen, über ein Werk, das wir nicht selbst\nkennen, auch verschiedenen Ansichten Raum zu geben. Wenn\ndas Urtheil des Verfassers milder ist, als das unseres lange\nbewährten Correspondenten A.S. (in Nr. 14 vom 3. April)* so\nkönnen wir gegen eine sogenannte wohlwollende Auffassung\nzwar nichts haben, finden aber keine der sachlichen Bemer-\ngen Von A. S. widerlegt. Die Redaction."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-06-26-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-06-26_01#c004", "volume": "bmtnabi_1858-06-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "206", "page_fin": "207", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.2.4", "titre_corps": "Alfred Jaell.", "titre_sommaire": "Alfred Jaell.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5371, "texte": "Alfred Jaell.\nJaell wurde am 5. März 1832 zu Triest geboren.\nSein Vater, Eduard Jaell, ehemals Musik-Director in Wien\nund als Violin-Virtuose rühmlichst bekannt, liess sich nach\nmehreren Kunstreisen in Triest nieder und gründete da-\nselbst 1839 eine Musikschule. Schon im zartesten Alter\nbekundete A. Jaell so ausserordentliches Talent, so un-\nwiderstehlichen Drang zur Musik, dass er nach zweijähri-\ngem Unterrichte seines Vaters auf der Violine (vom vier-\nten bis sechsten Jahre) schon schwierige Concerte von\nRode, de Beriot u. s. w. mit erstaunlicher Präcision vor-\ntrug. Im siebenten Jahre verfiel Alfred in eine gefährliche\nKrankheit, nach deren Ueberstehung die Aerzte entschie-\nden von weiterem Violinspiel abriethen. Da verlangte der\nkleine, musikbegeisterte Reconvalescent ans Ciavier, auf\ndem er, täglich viele Stunden übend, sich grösstentheils\nselbst heimisch machte, da ihm der besorgte Vater regel-\nmässigen Unterricht, als zu anstrengend, verweigerte. Auf\neiner Erholungsreise nach Klagenfurt, wo Jaell ein Concert\ngab, erbat sich der rastlose, jetzt im achten Jahre stehende\nAlfred die Erlaubniss zur Mitwirkung und spielte ein Con-\ncertstück von Assmayer mit so viel Fertigkeit und solchem\nAusdrucke, dass die Hörer zum rauschendsten Beifalle hin-\ngerissen wurden, Papa Jaell aber bewogen ward, den Cla-\nvier-Unterricht regelmässig zu ertheilen. Bei der nun fol-\ngenden unglaublich raschen Entwicklung seiner musicali-\nschen Anlagen durfte Alfred bald es wagen, seine erste\nKunstreise nach Italien (1843) anzutreten.\nIn Venedig weigerte sich der Director des San-Bene-\ndetto-Theaters, das ihm unbekannte und schwächliche Kind\nöffentlich spielen zu lassen, erlaubte aber endlich einige\nVorträge in den Zwischenacten einer Oper. Wie gross der\nErfolg des Knaben hier gewesen, lässt sich daraus entneh-\nmen, dass Alfred schon den folgenden Abend in demselben\nTheater ein eigenes Concert geben durfte, wobei das Haus\ngedrängt voll war, und Vater Jaell, um seinem epoche-\nmachenden Sohne auf der gefahrvollen Künstlerbahn ferner\nleitend und schützend nahe sein zu können, gab nun seine\nStellung in Triest auf. Die Familie ging nach Wien, wo\nAlfred im Winter 1844 nicht minderes Aufsehen erregte\nund sich namentlich den Beifall Karl Czerny's in so hohem\nGrade erwarb, dass dieser Nestor des Clavierspiels sich er-\nbot, die ferneren Studien des jungen Virtuosen zu leiten.\nSchon nach einigen Monaten hatte Alfred man weiss\nnicht, soll man hierbei mehr seine Finger oder sein Ge-\ndächtniss bewundern an 200 neue, grosse, meist nur\nvon Virtuosen ersten Ranges zu bewältigende Tonstücke\nso inne, dass er sie sämmtlich auswendig spielte. Ausge-\nrüstet mit diesem Repertoire, trat Alfred eine längere Reise\nan, zuerst nach München und Stuttgart, dann nach Köln,\nwo die Kunstkenner sogleich darüber einig waren, dass\nAlfred nicht bloss zu den nur durch mechanische Fertig-\nkeit brillirenden Wunderkindern zähle, sondern dass sich\nin ihm die künstlerische Natur auf die seltenste Weise of-\nfenbart habe, dass er, mit Einem Worte, den Funken des\nGenie's in sich trage.\nJetzt aber galt es, nach einer längeren Reise in Hol-\nland, sich in Paris einen Namen zu machen. Er spielte in\nden ersten Salons, in Concerten renommirter Künstler\nund gab bei Erard, welcher seinen bereits geschlossenen\nSalon nochmals aus besonderer Rücksicht auf die eminen-\nten Leistungen des Knaben öffnete, zwei überaus besuchte\nConcerte. Auch das productive Talent des jungen Virtuo-\nsen machte sich hier zuerst in glücklicher Weise durch\nsehr ansprechende Compositionen für sein Instrument be-\nmerkbar.\nEnde 1847 liess sich die Familie Jaell, welche von\nParis eigentlich eine Kunstreise nach America beabsichtigt\nhatte, durch die überaus vorzügliche Aufnahme in Brüssel\ndaselbst halten und richtete sich häuslich ein. Wir unter-\nlassen es, die lange Reihe der hier gegebenen Concerte\nund Soireen, in denen vorzugsweise classische Musik ge-\npflegt wurde, zu besprechen, und erwähnen nur der Con-\ncert-Ausflüge nach Antwerpen, Möns, Lüttich u. s. w.,\nund dass Alfred von der philanthropischen und der phil-\nharmonischen Gesellschaft zu Brüssel mit der grossen Eh-\nren-Medaille und einem Lorberkranze ausgezeichnet wurde.\n1848, während der französischen Revolution, machte er\nseine zweite, an Gold und Ehren reiche Kunstreise durch\nHolland und concertirte dann wiederholt in Frankfurt und\ndessen Umgegend. Der fernere Aufenthalt in Brüssel wurde\ndurch theoretische Studien, Concerte und Unterricht an\nvorgerückte Schüler ausgefüllt. Leider starb hier im Sep-\ntember 1849 der Vater, worauf der Sohn den Winter\nabermals concerlirend in Paris zubrachte und namentlich\nbei Hofe glänzte.\nJetzt erst entschloss sich der Gefeierte, in Folge mehr-\nfacher Einladungen, dem americanischen Publicum seine\nKunstleistungen vorzuführen, und betrat im October 1851\ndie „neue Welt\". Schon sein erstesConcert in New-York\nam 15. November war von ausserordentlichem Erfolge.\nNachdem Jaell einen förmlichen Triumphzug nach Mont-\nreal, Kingston, Toronto, Boston, Providence, Worcester,\nWashington, Philadelphia, Baltimore, Cincinnati, Louis-\nville, St. Louis kurz, durch alle bedeutenden Städte des\nnordamericanischen Ostens und Westens gehalten, theils\nmit dem Violin-Virtuosen Ole Bull, theils mit dem berühm-\nten Orchester-Verein Germania Musical Society, begeg-\nnete er im September 1852 in New-York der unvergess-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4091, "texte": "liehen Henriette Sontag, welche so eben von Europa ein-\ngetroffen war und unseren Helden sogleich unter sehr vor-\nteilhaften Bedingungen einlud, mit ihrer Gesellschaft noch-\nmals die Reise durch die Vereinigten Staaten zu machen.\nDiese Künstlergesellschaft nun, wie sich wohl niemals eine\noriginellere zu einer ähnlichen Reise zusammengefunden,\nbestand aus lauter Berühmtheiten: Henriette Sontag (beglei-\ntet von ihrem Gemahl, Grafen Rossi), Alfred Jaell, Eckert\n(Capellmeister), Paul Jullien (der junge pariser Yiolin-Vir-\ntuose), Signor Pozzolini (Tenor), Signor Rocco (Bariton)\nund Signor Badiali (der hochgefeierte Bassist), und durch-\nzog, die unerhörtesten Triumphe feiernd und die fabelhaf-\ntesten Einnahmen erzielend, die Vereinigten Staaten vom\nNorden bis zum äussersten Süden. Im Januar und Februar\n1854 gab die Gesellschaft ihre letzten Concerte in New-\nOrleans, und hier, am 1. März, schied Jaell von der Son-\ntag, die er nie wiedersah.\nWir übergehen die im Sommer 1854 Statt gehabten\nerfolgreichen Concerte Jaell's am Rheine und in den Tau-\nnusbädern. Während eines längeren Aufenthaltes in Paris\nvom Januar 1855 an erregte Jaell daselbst wiederholt\nAufsehen, zumal er der erste Pianist war, welcher Rieh.\nWagner'sche Opern-Motive in brillanten eigenen Bearbei-\ntungen, so wie grössere Compositionen von R. Schumann\nund A. Rubinstein dort einführte. Nach einem ruhmrei-\nchen Concerte im Hoftheater zu Hannover im September\ndesselben Jahres wurde Jaell bei Hofe eingeladen und er-\nhielt von dem Könige einen prachtvollen Diamantring; er\ngab noch ein eigenes Concert und besuchte dann zum er-\nsten Male Berlin. Die dasige Kritik bestätigte vollkommen\nund mit grosser Wärme das, was die auswärtige verkün-\ndet hatte, und die philharmonische Gesellschaft Berlins\nernannte ihn zu ihrem Ehren-Mitgliede.\nWährend Jaell im folgenden Jahre nach mehrfachen\nKunstreisen in Frankfurt noch in eigenen und fremden\nConcerten entzückte Schumann's machte\nvorzugsweise Aufsehen —, rief ihn der Telegraph schon\nwieder nach Hannover zu einem Hofconcerte, bei welcher\nGelegenheit ihn der König unter glänzenden Bedingungen\nzum Hofpianisten ernannte.\nVom März bis Mai 1857 war Jaell in Norddeutsch-\nland, im Sommer 1857 in Ems, Hornburg und anderen\nrheinischen Bädern. VomOctober 1857 bis Januar 1858\nmachte er eine wahrhaft triumphreiche Concert-Reise durch\nItalien. Den Enthusiasmus der Italiäner bei den Jaell'schen\nConcerten zu beschreiben, wäre kaum möglich. In Triest\ngab er fünf Concerte, in mehreren davon wurden ihm Lor-\nberkränze überreicht; in Mailand gab er sechs Concerte\nbei grösstmöglichem Enthusiasmus. Seit Ende Januar\n1858 war er wieder in Norddeutschland, concertirte in\nLeipzig und Hamburg mit grösstem Beifalle, wurde in\nBraunschweig von Litolff mit Lorbern bekränzt und spielte\ndann in Hannover wieder bei mehreren Gelegenheiten.\nJaell ist ein Pianist von besonderem persönlichem und\nkünstlerischem Gepräge. Sein musterhafter, vorzugsweise\nan den Thalberg'schen erinnernder Anschlag, seine Ruhe,\nSicherheit und Ausdauer bei den kolossalsten Schwierig-\nkeiten, besonders aber die duftige Weichheit und Zartheit\nseines Spiels, sind wohl unübertroffen. Die grösste Sen-\nsation erregt überall sein Triller, wenn derselbe, wieder-\nholt vom feinsten Piano bis zum mark vollsten Forte an-\nund eben so abschwellend, mit Blitzesschnelle schwirrend\nsich entrollt. Jaell ist auch keiner von den Virtuosen, die\nm '\nnur ein einseitiges Repertoire haben. Von Bach bis Rubin-\nstein dürfte es wenig bedeutende Ciaviermusik geben, die\ner nicht kennt und schon irgendwo gespielt hätte. Uebri-\ngens eignet er sich vermöge seines ausserordentlichen\nPrimavista-Spiels das ihm noch Fremde, und sei es das\nSchwierigste, augenblicklich an.\nJaell arbeitet mit grosser Leichtigkeit und schrieb bis-\nher nur für sein Instrument. Bereits sind 83 Werke er-\nschienen. Diese meist für das Concert berechneten Sachen\nenthalten manches Neue in der Applicatur und vieles Ori-\nginelle und zeichnen sich durch echt claviermässige\nSchreibart, harmonischen Fluss, melodischen Reiz und\ngrosse Eleganz aus. (111. Ztg.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-06-26-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-06-26_01#c005", "volume": "bmtnabi_1858-06-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "207", "page_fin": "208", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.2.5", "titre_corps": "Ueber Tactmesser.", "titre_sommaire": "Ueber Tactmesser.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.1.7", "debut_caractere": 4093, "fin_caractere_exclue": 5214, "texte": "Ueber Tactmesser.\nDer Gedanke, das Tempo durch einen Mechanismus\nzu bestimmen, ist schon im vorigen Jahrhundert bespro-\nchen worden. Wir theilen darüber folgende Notizen mit:\nParis, den 2. April 1782.\nDie Musikliebhaber haben schon längst eine Pendel-\nuhr gewünscht, welche den Tact und andere Zeitmaasse\nin der Tonkunst angäbe. Da aber diese Kunst unendliche\nAbänderungen hat, so haben viele Tactkünstler die Er-\nfüllung eines solchen Wunsches für etwas Unmögliches\ngehalten. Allein Herr Pelletier, Mechanicus des verstorbe-\nnen Infanten Don Gabriel, schmeichelt sich doch, die Be-\nrechnung und den Mechanismus einer solchen Maschine\nausgefunden zu haben, und erbietet sich, Personen, die sie\nausführen zu lassen Lust haben, Erläuterung hierüber zu\ngeben. Eine solche Pendeluhr würde angehenden Ton-\nkünstlern ungemein dienstlich sein, wenn man sie nach\ndem Tacte, den der Meister oder Lehrer angibt, aufzöge.\nEin nach dem Tacte dieses Instruments gesetztes Stück\nwürde alsdann in London mit eben der Präcision wie in\nParis gespielt werden können, weil man aufs genaueste\ndie Anzahl der Tacte wissen könnte, die in einer"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2233, "texte": "Minute oder einer Secunde durchgespielt sein\nmüssen, anstatt dass sonst die nämliche Composition, die,\nvon Einem Orchester gespielt, gefällt, von einem anderen\nexecutirt, missfällt, weil man nicht das nämliche Zeitmaass\nbeobachtet. Musiker werden die Vortheile einer solchen\nPendeluhr einsehen und sich zu erklären wissen. Der Er-\nI I\nfinder begnügt sich mit der Anzeige des davon zu erwar-\ntenden Nutzens. Er wohnt bei Paris zu St. Germain en\nLaye, rue de Poissy, maison du Sr. Aisse, au soleil d'or.\n„Der Mann\", fügt unser Correspondent hinzu, „sollte für\nalle deutschen Liebhaber-Concerte eine solche Uhr machen,\nund alle Componisten, anstatt ihr unbestimmtes Andante,\nAllegro, Adagio, oder gar Tem Mit Affect, Wie\ndas Wallen des Zephirs, und dergleichen über ihre Musik-\nstücke zu setzen, sollten mit Zahlen nach der Uhr das\nTempo anzugeben gehalten sein. Das wäre ein wesentlicher\nGewinn für die Musik. Aber wer gäbe die Zahlen an für\ndie Meisterstücke verstorbener Componisten, die nur allzu\noft durch das Geschleppe oder das Wettrennen einer Sän-\ngerin oder der Instrumentspieler verhunzt werden?\"\nWeitläufiger hat unter andern die Vortheile einer sol-\nchen Uhr aus einander gesetzt Mr. Gabory in seinem\nrmel utile 6f curieux sur la mesure des tems. Forkel spricht\nin seiner musicalischen Bibliothek,Th. 1., S. 258, darüber:\n„Es wäre in der That zu wünschen, dass die Componisten\ndieser Art von Metrometer sich bedienen möchten, um\ndadurch mit hinlänglicher Genauigkeit die gehörige Be-\nwegung ihrer Compositionen bestimmen zu können. Alle\ndie aus dem Italiänischen entlehnten Ausdrücke, deren man\nsich zur Bezeichnung dieser Bewegung bedient:\nlargo, larghetto, allegro, andante, presto Sfc., sind noch\nschwankend und ungewiss; sie geben uns nur so ungefähr\neinen Begriff, und sind noch so unbestimmt, dass sich je-\nder Ausführer dieselben auf eine verschiedene Art erklä-\nren kann. Aber wenn der Componist vermittelst der Zah-\nlen, Zolle oder Linien über jedem musicalischen Stücke\ndie Länge, die man der Pendule oder dem Metrometer zu\ngeben hätte, um ein Stück in der besten und zuträglich-\nsten Bewegung auszuführen, gehörig andeuten wollte, #so\nwürde er die Bewegung phvsicalisch bestimmen und das\nWillkürliche wegnehmen.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-06-26-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-06-26_01#c006", "volume": "bmtnabi_1858-06-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "208", "page_fin": "208", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.1.8", "debut_caractere": 2235, "fin_caractere_exclue": 3883, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nSe. Majestät der König geruhten, zum Händel-Denk-\nmal in Halle 100 Frsd'or zu bewilligen.\nDie Benefiz-Vorstellung für das Weber-Denkmal, welche Herr\nGeneral-Intendant von Hülsen mit Vorbehalt der königlichen Geneh-\nmigung in Aussicht gestellt hat, soll um die Mitte des nächsten\nMonats erfolgen, wo möglich an dem nämlichen Tage, an welchem\nder seitdem dreihundert Mal wiederholte „Freischütz\" vor 37 Jah-\nren die erste Aufführung erlebte, mit der die berliner Hofbiihne be-\nkanntlich allen Theatern voranging.\nDeutsche Tonhall e-\nDie auf das fünfzehnte Preis-Ausschreiben des Vereins (vom 8.\nWeinmonat v. J.) rechtzeitig eingekommenen 22 Compositionen de«\n„Preisgesang\" von Garve für den Männergesang haben den satzungs-\nmässig erwählten Herren Preisrichtern: Herrn Hof-Musik-Director\nHetsch, Herrn Hof-Capellmeister Reissiger und Herrn General-\nMusik-Director Spohr, vorgelegen, und es ist das Ergebniss ihrer\nBeurtheilung dieser Preisbewerbungen folgendes:\nDen Preis erhielt das Werk des Herrn V. E. Becker in Würz-\nburg, vorzügliche Belobung das des Herrn M. J# H. Beltjens in\nRoermond ; dessgleichen wurden besonders belobt zwei verschiedene\nBearbeitungen der Preis-Aufgabe von Herrn A. Wolter in Hammel-\nburg (Baiern), sodanu die Werke der Herren Rector Huberich, Pfar-\nrer in Pfauhausen (Würtemberg), J. N. Kühne, Musik-Director in\nCorbach, und A. Oechsner in Havre.\nWegen Rückgabe sämmtlicher Bewerbungen haben wir uns nach\nden (diesseits zu beziehenden) Vereinssatzungen zu achten, und eben\nso die Herren Preisbewerber, auch bei künftigen derartigen Erle-\ndigungen.\nMannheim, den 7. Juni 1858. Der Vorstand."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "201", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDas 36. niederrheinische Musikfest. in. Von L. Bischoff. Frithiof, dramatisches Gedicht nach Jesaias Tegner be-\narbeitet und für Chor, Soli und Orchester componirt von C. A.Mangold. Alfred Jaell (Biographische Notizen). Ueber Tactmesser.\nTages- und Unterhaltungsblatt (Berlin, Geschenk Sr. Majestät des Königs, Benefiz-Vorstellung zum Besten des Weber-Denk-\nmals Deutsche Tonhalle, Preis-Ertheilung).\n\nDas 36. niederrheinische Musikfest.\nIII.\n(I. s. Nr. 23. 11. Nr. 24.)\nAuf Bach's Credo folgten Scenen aus der Oper A r-\nmide von Gluck. Die Auswahl und Zusammenstellung\nderselben gab den wesentlichen Inhalt der Oper zu erken-\nnen und enthielt wohl auch die schönsten Nummern des\nWerkes: Act IL Nr. 2, Duett zwischen Armide und Hi-\ndraot (Bass). Nr. 3, Tenor-Arie (Rinaldo). Act 111. Nr. 1,\nArie der Armide. Dann Schluss des Recitativs Nr. 2 und\nalles Folgende des 111. Actes bis zum Finale einschliesslich.\nDie Ausführung war im Ganzen gut und rief bei dem\nPublicum wiederholten und lebhaften Beifall hervor. Un-\nserem Urtheil nach war sie jedoch die schwächste von al-\nlen am Feste; denn wenn einmal Opernmusik an Musik-\nfesten aufgeführt werden soll, so gehören dazu wirklich\ngrosse und vollkommen gebildete Stimmen. Nur solche\nkönnen die Action, Scenerie und alles Theatralische im\nConcertsaale vergessen machen, zumal die Chöre meist\nNebensache sind, und wenn wesentlich, doch keineswegs\neiner massenhaften Besetzung bedürfen. Ja, die Erfahrung\ndürfte sogar lehren, dass ein guter Theater-Chor, wie\nz. B. in Berlin, Hannover, München u. s. w., Opernchöre\nweit richtiger und eindrucksvoller vorträgt, als ein drei-\nbis viermal zahlreicherer Dilettanten-Chor. Leider sind die\nGluck'schen Opern so gut wie verschwunden von unseren\nBühnen und für das gegenwärtige Geschlecht schon ge-\nwisser Maassen zu Cantaten geworden, was denn freilich\ndie Wahl derselben für grosse Concert-Aufführungen\nauch durch einen äusseren Grund rechtfertigt. Dass wir\nlieber Scenen aus der Iphigenie in Tauris gewünscht hät-\nten, haben wir schon an einem anderen Orte (Kölnische\nZeitung Nr. 155) gesagt; den dort erwähnten musicali-\nschen Gründen fügen wir hier noch den praktischen hin-\nzu, dass das grosse Publicum mit dem Inhalt der Iphigenie\ndurch Göthe's Drama weit bekannter ist, als mit der Epi-\nsode aus Tasso's befreitem Jerusalem, und folglich eher\nim Stande, die Wahrheit der Gluck'schen Musik und ihre\ninnige Verbindung mit der Poesie zu würdigen. Uebrigens\nsangen die Damen Krall und Meyer Einzelnes recht schön,\nnur fehlte die innige Wrärme und die leidenschaftliche\nCharakteristik; die Arie des Rinaldo in D-dur war eine\nder besten Leistungen des Herrn Schneider an dem gan-\nzen Feste.\nDas Orchester war vortrefflich in jeder Beziehung\nund ärntete den ehrenvollsten Lohn durch den Beifall, den\ndie heroische Sinfonie von Beethoven bei jedem Satze er-\nhielt. Die Ausführung derselben war in der That der Art,\ndass man sie im Allegro und Finale sehr gut, im Adagio\nund im Scherzo vollendet nennen konnte. Die Leser dieser\nBlätter, welche unsere Anforderungen an den Vortrag\nBeethoven'scher Sinfonieen aus den verschiedenen Auf-\nsätzen über diesen Gegenstand kennen, werden darüber\neinverstanden sein, dass wir mit diesem Prädicate sicher-\nlich nicht verschwenderisch umgehen werden ; auf der an-\nderen Seite dürfte es aber auch den ausführenden Künst-\nlern und dem Dirigenten angenehm sein, wenn ihr Ver-\ndienst von jemandem, der sich zum Loben legitimirt hat,\nanerkannt wird. Alles in Allem genommen, würde man\nnicht mit Unrecht die Anhörung der heroischen Sinfonie\nfür den reinsten und vollkommensten Genuss an dem dies-\njährigen Musikfeste erklären dürfen. Ein sehr erfreuliches\nZeichen für den Kunstsinn des Publicums und dessen rege\nEmpfänglichkeit für das wirklich Schöne und Erhabene\nin der Musik war der beim Schlüsse eines jeden Satzes\nausbrechende und anhaltende Applaus. Wer bei einer sol-\nchen Aufregung der Zuhörerschaft noch ,Wärme\" ver-\nmisst, dem treibt entweder der Neid die frostigen Schauer\nüber die Haut, oder die Galle hat ihm Aug' und Ohr um-\ndüstert. Doch nein! es gibt noch etwas, das einen Theil"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "202", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.1.2", "texte": "der heutigen Kritiker zum unverschämtesten Lügen bringt:\ndas ist die Losung der Coterie, auf Deutsch Bande.\nDen zweiten Theil füllte Mendelssohn's „Walpur-\ngisnacht\". Es lässt sich nicht läugnen, dass die Compo-\nsition, die gewiss wegen ihrer Frische und ihres romanti-\nschen Schwungs zu den besten Erzeugnissen in dieser Gat-\ntung von Gesangwerken gehört, gegen die Werke der drei\nHeroen schwach erschien. Allein die Klangfülle des Chors\nund die Virtuosität des Orchesters hob sie empor und ver-\nsetzte die Zuhörer sehr bald wieder in die festliche Stim-\nmung. Zur Steuer der Wahrheit müssen wir auch erwäh-\nnen, dass Herr Stepan in der Schlussscene durch- sein\nmächtiges Organ und erhöhten Ausdruck im Vortrage\nverdienten Beifall errang.\nDas dritte Concert hatte ein sehr buntes Programm.\nDass dies nicht anders sein kann, liegt in der Natur der\nSache; denn dieses dritte Concert, das ursprünglich gar\nnicht in dem Plane der Musikfeste lag, ist in den letzten\nzehn Jahren in denselben aufgenommen worden, um der-\njenigen Seite der Tonkunst, welche bei den grossen Ge-\nsammt-Ausführungen mehr in den Hintergrund tritt, auch\nGelegenheit zu geben, zur Geltung zu kommen. Dass die\nVirtuosität (nicht die Virtuoserei) eine Berechtigung dazu\nhabe, bei Musikfesten ebenfalls vertreten zu werden, lässt\nsich nicht läugnen; ohne vollendete technische Tüchtigkeit\nist an keine gute musicalische Aufführung zu denken; dess-\nhalb ist es ganz in der Ordnung, dem Publicum, das ein\nMusikfest besucht, auch Gelegenheit zu geben, das Vor-\nzügliche in dieser Art zu hören. In England besteht die\nEinrichtung der Miscellaneous concerts bekanntlich bei al-\nlen Musikfesten seit deren Ursprung im Jahre 1784.\nGesammt-Leistungen an diesem Abend waren die\nWiederholungen je eines Chors aus Bach's und aus\nHiller's Saul, die Ouvertüren zur Leonore von Beetho-\nven und zum Freischütz von Weber diese letztere\nmachte in schwung- und glanzvoller Ausführung den\nSchluss des Ganzen —, und vier Lieder, die der kölner\nMännergesang-Verein unter Franz Weber's Lei-\ntung mit bekannter Meisterschaft vortrug. Fräul. Meyer\nsang eine Arie aus der Semele von Händel, welche wir im\nWinter schon einmal von ihr gehört hatten, und die trans-\nponirte Arie des Sextus: „Parto\"; Fräul. Krall die Arie:\n„Auf stolzem Fittich\" von Haydn und „Ach, ich liebte\"\naus der Entführung von Mozart (recht brav); Herr Schnei-\nder die grosse Arie des „Joseph\" von Mehul u. s. w.\nDas angekündigte Concert von J. S. Bach für drei Cla-\nviere fiel aus, weil Capellmeister Hiller durch die Ver-\nschlimmerung eines Uebels am Fusse, das ihn nöthigte,\nalle Aufführungen sitzend zu dirigiren, verhindert war,\nauch noch als Solospieler mitzuwirken.\nDie Krone der Einzel-Leistungen waren die Vorträge\nSivori's. Er spielte im ersten Theile das Violin-Concert\nvon Mendelssohn, im zweiten eine Phantasie über Mo-\ntive aus der Lucia und als Zugabe Paganini's Variationen\nüber Nel cor piü non mi sento. Der Vortrag des Concerts\nwar allerdings nicht derselbe, den wir bei deutschen Vio-\nlinspielern gewohnt sind, namentlich bei Joachim und Laub.\nAllein wer frei von Vorurtheil diese Composition von dem\nBelgier Leonard und von dem Italiäner Sivori hört, der\nwird die grösste Anerkennung diesen fremden Virtuosen\ngerade desshalb zollen müssen, weil sie den Geist der deut-\nschen Composition keineswegs verwischen und dabei den-\nnoch, was besonders bei Sivori zu preisen ist, die hohe\nVollendung ihrer Schule und die wundervolle Beinheit,\nsammtne Glätte und weiche Klangfülle des Tones, der ohne\ndas geringste fremdartige und störende Geräusch erzeugt\nwird, geltend zu machen verstehen. Hört man italiänische\nund französische Compositionen für die Violine von deut-\nschen Virtuosen vortragen, so wird man nur sehr selten\nAehnliches von ihnen sagen können. Dass Sivori's geniales\nSpiel in der Manier Paganini's durch die Variationen-Vor-\nträge einen furchtbaren Applaus u. s. w. erregte, braucht\nman nicht zu sagen. Aber auch die Künstler auf dem Or-\nchester stimmten in den Beifall ein; denn sie wussten bes-\nser, als so manche Kritiker, die über der Auffassung die\nAusführung vergessen, was für eine künstlerische Natur-\nAnlage und für ein ausharrender Ernst dazu gehört, um\neines Instrumentes in solch einem Grade Herr zu werden.\n\nFrithiof,\ndramatisches Gedicht nach Jesaias Tegner bearbeitet und für Chor,\nSoli und Orchester componirt von C. A. Mangold. Aufgeführt in\nFrankfurt am Main durch den Rührschen Gesang-Verein\nam 20. März 1858.\nUnseren Bericht über die Aufführung eines der aller-\nneuesten Zeit angehörenden Werkes glauben wir mit ei-\nner flüchtigen Hinweisung auf längst entschwundene Herr-\nlichkeiten beginnen zu müssein. Wir möchten den geneig-\nten Leser bitten, sich auf einen Augenblick jene Zeit zu\nvergegenwärtigen, in welcher man noch von einer be-\nstehenden allerdings etwas sehr relativen Einheit\nDeutschlands sprechen konnte, wo die Person des Kaisers\nfür den sichtbaren Repräsentanten der Einigkeit jenes\ngrossen Reiches galt, dessen einzelne Glieder gewöhnlich\nhöchst uneinig zusammen waren. Damals waren es die\nfreien Reichsstädte, welchen vorzugsweise durch die Gunst\ndes Kaisers, die man jedoch nicht selten mit schwerem\nGelde bezahlte, beneidenswerthe Gerechtsamen verliehen\nwurden, in welchen sich die alten freien Reichsbürger,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "203", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.1.3", "texte": "trotz ihrer Perrücken, kurzen Hosen und Schnallenschuhe\nmit einer Hartnäckigkeit zu behaupten wussten, die dem\nmuthvoll aussehenden dreieckigen Hute auf dem Kopfe .\nalle Ehre machte. Die Folge ergab, dass es theilweise\nwiederum die freien Beichsslädte waren, welche in allen\nStürmen, die im Laufe der Jahrhunderte über Deutsch-\nland hinbraus'ten, am wenigsten den Hallpunkt verloren,\nund ihre Lebens- und Entwicklungskraft sich zu bewah-\nren wussten. Das eben Gesagte findet aber vorzugsweise\nseine Anwendung auf Frankfurt. Es liegt in der Natur\nder Sache, dass eine Stadt, die sich Jahrhunderte lang be-\ndeutender Prärogative zu erfreuen hatte, die durch Fleiss\nund Beharrlichkeit, durch richtige Benutzung der wohl-\nverstandenen Erwerbs-Gelegenheiten zu grossem Reich-\nthum gelangt war, deren Credit, auf Solidität gegründet,\nsich über alle Länder erstreckte, Ursache genug hatte,\nfremde Elemente von ihrem Wirkungskreise möglichst aus-\nzuschliessen, und nicht geneigt war, die errungenen Vor-\ntheile mit Anderen zu theilen. Daher kam das Misstrauen\ngegen alles Fremde, das Miene machte, sich hier einzu-\nbürgern, daher das starre Festhalten an althergebrachten\nGewohnheiten. Das deutsche Reich hat aufgehört, der\ndeutsche Kaiser ist in dem Kyffhäuser eingeschlafen\nsein Bart ist durch den steinernen Tisch gewachsen\ndie freien Reichsstädte haben ihren beneideten Titel ab-\ngelegt, die früheren Zustände sind grossentheils zusam-\nmengebrochen, neue Anforderungen der Zeit machten sich\ngeltend, Dampfschiffe und Eisenbahnen kamen, Gewerbe\nund Handel erhielten andere Fundamente, ein neuer Iri-\nscher Lebenshauch durchzog die deutschen Lande.\nFrankfurt war nicht die letzte der Städte, welche den Geist\nder neuen Zeit begriffen, sie hat im Gegentheil ihre Welt-\nstellung eben sowohl jetzt erkannt, wie sie sich zu allen\nZeiten der Lage ihrer Verhältnisse vollkommen bewusst\nwar. Die Stadt Frankfurt hat ihre äussere Physiognomie\nin den letzten Decennien mehr verändert, als kaum eine\nandere Stadt Deutschlands, der frankfurter Bürger ist\nnicht mehr der Philister von ehedem. Aber es liiesse Un-\nmögliches verlangen, wollte man erwarten, dass von den\nsämmtlichen den Einwohnern zur Natur gewordenen Ge-\nwohnheiten und Eigentümlichkeiten von früher auch\nnicht mehr die leisesten Spuren hier anzutreffen seien.\nMan würde sich irren, wollte man denken, ein gewisser\nArgwohn gegen Neues, noch nicht Dagewesenes sei hier\naus allen Gemüthern verschwunden. Nein, dieser Verdacht\nbesteht noch immer fort, und diese Bedenkhchkeiten han-\ngen auch immer zusammen mit der vorsichtigen Art, wo-\nmit man hier die Handelsgeschäfte zu betreiben gewohnt\nist. Wir haben hier nicht den Raum, an vielen Fällen,\nwie sie nahe zur Hand liegen, das Gesagte zu beweisen;\nwir wollen uns vielmehr dem Zwecke unseres Artikels\nmehr nähern und auf das Kunstgebiet übergehen.\nEs ist kaum vierzig Jahre her, dass man hier gemischte\nGesang-Vereine kennt. Schelble war es, der zuerst grös-\nsere Aufführungen mit dem von ihm gegründeten \\eieiu\nins Leben rief. Das war etwas Neues und nicht leicht\ndurchzusetzen. Schelble war aber nicht der Mann, dei\nsich durch Schwierigkeiten schrecken liess, und neben sei-\nnem Talent und seinen Kenntnissen begabt mit einer\nVertrauen erweckenden Persönlichkeit, wusste er für\nseine Aufführungen das Interesse rege zu machen. So oft\ner aber von einem hier noch nicht bekannten Componi-\nsten etwas brachte, so oft hatte er Kämpfe zu bestehen.\nEs ist bekannt, welcher Beharrlichkeit dieses eifrigen\nKünstlers es bedurfte, nur um dem äusserst verdächtig\naussehenden Joh. Seb. Bach den Eintritt in die Stadt zu\nverschaffen. Man überzeugte sich später, dass dei selige\nleipziger Cantor durchaus nichts Policeiwidriges in seinem\nBenehmen habe, und liess ihn hier unangefochten sein\nWesen treiben. Manche freilich nennen ihn noch heuti-\ngen Tages den „ Schreckenbach\". So schlimm, wie wei-\nland dem Sebastian, ging es freilich später keinem ande-\nren Componisten mehr, wenn er nur etwas Süchtiges aul-\nzuweisen hatte; einer sogar, Mendelssohn, ward mit mehr\nEhren überhäuft, als dem alten Sebastian gerade lieb war.\nImmerhin gehört aber selbst jetzt noch ein gewisser Math,\neine Art Unternehmungsgeist dazu, noch nicht dagewe-\nsene Werke durch einen Verein zur Aufführung zu brin-\ngen. Da sind Manche, die nach der Aufführung diese\nzwar sehr gut, das Werk aber tadelnswerth finden; man\nkann annehmen, dass ihr Urtheilsspruch schon feststeht,\nehe sie den ersten Ton gehört haben. Zu dieser Katego-\nrie gehört auch ein Theil unserer Künstler. Man hat in\ndieser Beziehung recht interessante Bemerkungen gemacht\nbei Gelegenheit der Aufführungen der Johannes-Passion\nvon Bach, des Belsazer und des Frohsinn und Schwer-\nin uth von Händel, der Missa von Beethoven, des\nFalls Babylons von Spohr, Werke, auswärts längst aner-\nkannt und hochgeschätzt, bei uns durch den Rühl'schen\nGesang-Verein zuerst eingeführt. Ein grösserer Theil\nunseres Publicums aber geht mit der Absicht in die Con-\ncerte, um sich an dem Dargebotenen zu erfreuen, bringt\ndem eingeführten Werk eine wohlwollende Gesinnung\nentgegen, sucht sich mit redlichem Bemühen in dasselbe\nhineinzuleben, ja, scheut auch öfters nicht die Mühe, zu-\nvor mehreren Proben beizuwohnen, um sich ein richtiges\nUrtheil bilden zu können. Dieser Theil unserer Zuhörer\nist es, der den Kern unseres Concert-Publicums bildet.\nWir wollten diese Zustände nicht unberührt lassen, weil\nsie darthun, wie hier in der angedeuteten Beziehung sich"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.1.4", "texte": "einzelne Parteien direct gegenüber stehen, und weil hierin\nmanche sich widersprechende Kritiken, die in die Oeffent-\nlichkeit gelangt sind, ihre Erklärung finden. Die Auf-\ngabe der Kritik besteht aber darin, ohne Parteistellung\nein der Wahrheit gemässes und auf Sachkenntniss ge-\ngründetes Urtheil abzugeben.\nDer Componist des Frithiof, C. A. Mangold in Darm-\nstadt, ist seit lange den Musik-Freunden bekannt. Nicht\nallein in kleineren Sachen, als Männer-Chören, Liedern\n&c., hat er sich bemerklich gemacht, sondern auch man-\nches grössere Werk nennt ihn seinen Verfasser. Schon\nim Jahre 1838 wurde eine grössere Composition für\nChor und Orchester von ihm in Paris aufgeführt. Unter\netwa 20 seitdem erschienenen grösseren Werken seiner\nMuse bezeichnen wir nur Tannhäuser, Elysium, Gu-\ndrun, Wittekind und H ermannsschl acht. Mangold\nhatte also den Entwicklungsprocess längst durchgemacht,\nehe er Frithiof schrieb, der demnach nicht ein Erst-\nlingswerk ist, wie sich der Berichterstatter im Konver-\nsationsblatt ausdrückt. Das Sujet, der bekannten Frithiofs-\nsage entnommen, ist dramatischen Inhalts; die Composi-\ntion ist, da in dem Text nur historische Personen vorkom-\nmen, da nur von heidnischen Gottheiten darin die Rede\nist, kein Oratorium nach dem neueren Begriffe, wonach\ndieser Name nur den Werken gegeben wird, welche Be-\nziehungen zu dem alleinigen Gott geltend machen. Frit-\nhiof soll aber auch durchaus kein Oratorium sein und\nhat mit diesem nur die Eintheilung in Chöre und Soli ge-\nmeinschaftlich. Wir würden für Werke der Art den Na-\nmen „Concert-Drama\" vorschlagen. Frithiof zerfällt\nin drei Theile, hat ein Vorspiel und ein Nachspiel, und\neine Ouvertüre, welche zwischen dem Vorspiel und der\nersten Abtheilung steht.\nDamen-Chor (Lichtelfenj in Kürze auf Frithiof und Inge-\nborg, die Hauptpersonen der Handlung, hingewiesen. Es\nist dies eine nicht sehr ausgedehnte Nummer, freundlich\nund leicht verständlich, mit Harfen-Begleitung und in hö-\nheren Tonlagen vom Orchester unterstützt. Die Ouver-\ntüre, sehr lang, minutiös gearbeitet, charakterisirt Frithiof\nals Helden. Als Mittelsatz ist die Melodie des Wikinger\nBalks, von dem nachher die Rede sein wird, benutzt. Wir\nkönnen nicht anders sagen, als dass die Ouvertüre mit\nkundiger Hand gemacht, meisterlich ausgesponnen und\neffectvoll instrumentirt ist; dass sie aber offenbar zu lang\nfür den vorliegenden Zweck ist, unterliegt keinem Zwei-\nfel, wenn sie auch formlich tadellos sein sollte. Zudem\nscheint es uns, als ob das Hauptmotiv selbst zu kurz sei\nund daher in der contrapunktischen Verarbeitung conse-\n(juenter Weise zu oft wiederkehre, —ein Verfahren, das\nsich mehr zum Satze eines Streichquartetts eignen dürfte.\nDer erste Theil beginnt mit einem Klage-Chor bei Gele-\ngenheit der Bestattung von König Bele und Thoesten, den\nVätern von Ingeborg und Frithiof. Dieser Chor hat viel\nEigenthümliches, ist sehr ansprechend und ist präcis in\ndem ganzen Zuschnitt. Es bedarf aber eines Orchesters\nmit gut besetzten Blas-Instrumenten, um ihn, wie er ge-\ndacht ist, fein und rem vorzutragen. Wir begegnen hier\ngleich zwei Basset-Hörnern und einer Bass-Clarinette,\nwelche Instrumente, wie wir hier flüchtig erwähnen wol-\nlen, abwechselnd mit Clarinetten durch die ganze Compo-\nsition sich bewegen. Ein Recitativ mit Arioso des Frithiof\nschliesst sich an den Trauer-Chor und macht einen freund-\nlichen Eindruck, der durch die Benutzung der Bratsche\nin hohen Tonlagen noch vermehrt wird. Hierauf Chor-\nRecitativ für Bass und Tenor. Es sind Heerboten, welche\nin kräftigen Weisen die Kriegserklärung König Ring's\nüberbringen. Diese Nummer macht Wirkung, weniger\ndie darauf folgende für gemischten Chor: „Vaterland\",\nwelche an edler Weise den übrigen Chorpiecen sehr nach-\nsteht. Recitativ des Frithiof, worin er sein Verhältniss zu\nIngeborg darstellt und sie sich zur Frau erbittet, bevor er\nan dem Kampf gegen die Norweger sich betheiligt; der\nChor bittet mit ihm den Bruder Ingeborg's; König Holge\nverweigert sie aber, vorschützend, Frithiof habe seine\nSchwester heimlich im Tempel gesprochen. Das offene\nBekenntniss Frithiofs, dass dem so gewesen, dass er aber\ndessen ungeachtet Baldur's Frieden nicht gebrochen habe,\nist eine reizende Erfindung des Componisten. Hierauf gros-\nser Chor von Priestern und Volk, welche sich von dem\nvermeintlichen Tempelschänder abwenden und ihm ihre\nVerwünschungen nachrufen, nachdem ihn König Holge\nauf so lange verbannt, bis er den erdichteten Jahrestribut\nbei Agantyr, Beherrscher der orkadischen Inseln, einge-\ntrieben habe. Diese ganze Scene ist von grosser Wir-\nkung. Recitativ zwischen Frithiof und Ingeborg mit da-\nzwischen liegendem Arioso des und darauf folgen-\ndem Duett. Gut charakterisirt, das Arioso sehr melodisch,\nkann aber nur von Orchestern Prima-Qualität discret ge-\nnug accompagnirt werden, dass die Polyphonie nicht stö-\nrend wirkt. Das Duett, Abschied zwischen Frithiof und\nIngeborg, ist hinsichtlich der Erfindung und der klaren\nForm vortrefflich zu nennen, und hört sich, ungeachtet\nseiner Länge, gefällig an bis zum Schluss. Die tiefe Ton-\nlage, in der Ingeborg grösstenteils darin singt, macht eine\nschöne Wirkung, erfordert aber darum ebenfalls eine sehr\ndelicate Begleitung. Frithiof's Abfahrt, ein Instrumental-\nstück von eigentümlich schönem Inhalt, ist hier zweck-\nmässig angebracht, und lässt das darauf folgende Lied\n„Ingeborg's Klage\" mit Harfen-Begleitung, Flöte, Fagott\nund Violoncell mit neuem Interesse anhören. Das Lied"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.1.5", "texte": "selbst gehört zu dem Schönsten, was uns in diesem Genre\nbekannt ist. Die den ersten Theil schliessende Scene mit\nChor Sturm vermag sich kühn dem besten, was\nder Art geschrieben ist, an die Seite zu setzen. Grosse\nAnlage, grosse Gedanken, Einheit des Charakters, meister-\nhafte Durchführung, alle diese Eigenschaften sind es,\nwelche diese Nummer zieren.\nDer zweite Theil führt Frithiof in die heimatli-\nchen Berge wieder zurück, er sieht sein GutFramnäs zer-\nstört, er erfährt, dass seine Braut von König Ring ent-\nführt wurde. Eine kurze Unterredung, die er mit Hilding\nhat, ist unbedeutend und dürfte füglich wegbleiben. Frit-\nhiof hört, dass gerade Baldur's Fest gefeiert wird; er ver-\nmuthet König Holge im Tempel, begibt sich mit seinen\nGefährten (den Wickingern) dorthin, setzt alle Anwesen-\nden in Schrecken und veranlasst durch sein Ungestüm den\nBrand des Tempels, wodurch er sich den Fluch der\nPriester und des ganzen Volkes zuzieht. Diese ganze Tem-\npelscene ist von grosser dramatischer Wirkung, sie um-\nfasst beinahe den ganzen zweiten Theil. Hier tritt wieder\ndie Kunstgewandtheit und Erfindungsgabe des Compo-\nnisten recht sichtbar zu Tage; wie in Einem Gusse sind\ndie Chöre geschaffen, und die am Ende angebrachte Dop-\npelfuge ist so charakteristisch, dass sie nicht wie ein frem-\ndes Element in den dramatischen Gang des Ganzen ein-\ngezwängt, sondern als eine glückliche Steigerung und Er-\ngänzung der vorher schon angebrachten Kunstmittel er-\nscheint. Dass Mangold am Ende des eben besprochenen\nSchluss-Chors die polyphone Bearbeitung verlässt und, nach-\ndem Vergrösserung, Engführung und Orgelpunkt vorüber\nsind, das Stretto in homophoner Weise eintreten lässt, er-\nscheint uns als ein glücklicher Griff. [Hat denn Fr. Schnei-\nder gar nicht gelebt und nichts geschrieben? Schliesst denn\nirgend ein fugirter Chor eines Componisten seit Schnei-\nder anders als mit diesem glücklichen Griff? D. Red.]\nDer dritte Theil beginnt jtait dem Wickinger Balk\n(Seemannsgesetz), einer alten für Männer-Chor mehrfach\nbearbeiteten Melodie. Wenn der Componist nicht durch\nbewegtere Figuren Mannigfaltigkeit in diesen Chor ge-\nbracht hätte, so würde uns diese sonst so schöne Melodie\nin den vielen Versen ermüdet haben; so aber bildet diese\nNummer eine der ansprechendsten in dem ganzen Werke.\nFrithiof, der sich inzwischen auf allen Meeren als gefürch-\nteter Seekönig herumgetrieben, befindet sich an der Küste\nGriechenlands. Er gedenkt seiner heimatlichen Berge,\nseiner ehemaligen Braut Ingeborg, ihn ergreift die Sehn-\nsucht nach derselben, er beschliesst, sie aufzusuchen. Dies\nalles wird in einem Recitativ verhandelt, das der schönen\nStellen gar manche hat, von denen wir besonders die her-\nvorheben: „Ist nicht Fried' in den Thälern, den sel'gen\ndort\" &c. Stände dieses Recitativ im ersten Theile, wir\nwürden nichts dagegen erinnern, für den letzten Theil\nscheint es uns aber zu lang. Instrumentale: „Sternen-\nnacht\", ist ein ruhig freundliches Tongemälde, dem man\ngern lauscht. Recitativ und Gebet der Ingeborg mit Harfe\nist schön und ansprechend die Erfindung bei dem Ge-\nbet aber nicht gerade neu. Priester-Marsch für Orchester\nschön. Scene mit Chor in dem Tempel: „0, holder\nFreyr\" so schön, wie man es nur wünschen mag. Die\nallmähliche Entfaltung der Mehrstimmigkeit im Gesang,\ndie Steigerung im Orchester macht diesen Chor mit seinen\nwürdig gehaltenen Melodieen bis zum Schluss interessant.\nRecitativ zwischen König Ring und Frithiof, Arioso des\nletzteren: „Land Jammer ist mir Heimat\", sind schön ge-\ndacht. Quintett mit Chor, ohne Begleitung, von grosser\nWirkung. Trinklied mit Chor, nordische Volksmelodie,\nwirkt erfrischend. Frühlings-Chor lieblich erfunden,\nansprechend und äusserst sangbar. Was nun noch folgt\nan Recitativen, so schön sie auch seien, muss gekürzt wer-\nden. Chöre der Schwarzelfen und Lichtelfen gut charak-\nterisirt. Ring's Tod würde mehr wirken, wenn man nicht\nschon müde wäre. Das Nachspiel ist eigentlich nur ein\ngrosser, breit angelegter Schluss-Chor, in dem vielleicht\nauch Manches gestrichen werden könnte, nicht weil es\nuninteressant wäre, bewahre! sondern weil es eben der\nSchluss-Chor ist, den man doch nur noch mit Einem Ohre\nanhört. [Wir wollen nicht hoffen, dass diese abscheuliche\nfranzösische Sitte in Frankfurt Eingang findet! D. Red.}\nFassen wir unsere Ansicht über Frithiof kurz zusam-\nmen, so müssen wir gestehen, dass dieses Werk zu den\nvorzüglichsten der Neuzeit gehört, dass der Componist\ndesselben eine grosse Erfindungsgabe besitzt, dass er die\nTechnik der Composition vollkommen beherrscht, dass ein\nedler würdiger Geist das ganze Werk durchweht, dass es\nin vieler Hinsicht neu ist und die Bedingungen eines län-\ngeren Lebens in sich trägt. Darum danken wir es dem\nRühl'schen Gesang-Vereine, dass er in einer sorg-\nfältig vorbereiteten Aufführung und in gelungener Weise\nuns die tüchtige Arbeit eines lebenden Componisten\nvorgeführt hat; hoffen wir aber auch auf eine baldige\nWiederholung des Werkes, damit das Urtheil über das-\nselbe geregelt werde *).\n*) Wir haben diesen Aufsatz, der von einem »ehr achtungswer-\nthen Musiker in Frankfurt herrührt, aufgenommen, weil wir\nden Grundsatz befolgen, über ein Werk, das wir nicht selbst\nkennen, auch verschiedenen Ansichten Raum zu geben. Wenn\ndas Urtheil des Verfassers milder ist, als das unseres lange\nbewährten Correspondenten A.S. (in Nr. 14 vom 3. April)* so\nkönnen wir gegen eine sogenannte wohlwollende Auffassung\nzwar nichts haben, finden aber keine der sachlichen Bemer-\ngen Von A. S. widerlegt. Die Redaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.1.6", "texte": "Alfred Jaell.\nJaell wurde am 5. März 1832 zu Triest geboren.\nSein Vater, Eduard Jaell, ehemals Musik-Director in Wien\nund als Violin-Virtuose rühmlichst bekannt, liess sich nach\nmehreren Kunstreisen in Triest nieder und gründete da-\nselbst 1839 eine Musikschule. Schon im zartesten Alter\nbekundete A. Jaell so ausserordentliches Talent, so un-\nwiderstehlichen Drang zur Musik, dass er nach zweijähri-\ngem Unterrichte seines Vaters auf der Violine (vom vier-\nten bis sechsten Jahre) schon schwierige Concerte von\nRode, de Beriot u. s. w. mit erstaunlicher Präcision vor-\ntrug. Im siebenten Jahre verfiel Alfred in eine gefährliche\nKrankheit, nach deren Ueberstehung die Aerzte entschie-\nden von weiterem Violinspiel abriethen. Da verlangte der\nkleine, musikbegeisterte Reconvalescent ans Ciavier, auf\ndem er, täglich viele Stunden übend, sich grösstentheils\nselbst heimisch machte, da ihm der besorgte Vater regel-\nmässigen Unterricht, als zu anstrengend, verweigerte. Auf\neiner Erholungsreise nach Klagenfurt, wo Jaell ein Concert\ngab, erbat sich der rastlose, jetzt im achten Jahre stehende\nAlfred die Erlaubniss zur Mitwirkung und spielte ein Con-\ncertstück von Assmayer mit so viel Fertigkeit und solchem\nAusdrucke, dass die Hörer zum rauschendsten Beifalle hin-\ngerissen wurden, Papa Jaell aber bewogen ward, den Cla-\nvier-Unterricht regelmässig zu ertheilen. Bei der nun fol-\ngenden unglaublich raschen Entwicklung seiner musicali-\nschen Anlagen durfte Alfred bald es wagen, seine erste\nKunstreise nach Italien (1843) anzutreten.\nIn Venedig weigerte sich der Director des San-Bene-\ndetto-Theaters, das ihm unbekannte und schwächliche Kind\nöffentlich spielen zu lassen, erlaubte aber endlich einige\nVorträge in den Zwischenacten einer Oper. Wie gross der\nErfolg des Knaben hier gewesen, lässt sich daraus entneh-\nmen, dass Alfred schon den folgenden Abend in demselben\nTheater ein eigenes Concert geben durfte, wobei das Haus\ngedrängt voll war, und Vater Jaell, um seinem epoche-\nmachenden Sohne auf der gefahrvollen Künstlerbahn ferner\nleitend und schützend nahe sein zu können, gab nun seine\nStellung in Triest auf. Die Familie ging nach Wien, wo\nAlfred im Winter 1844 nicht minderes Aufsehen erregte\nund sich namentlich den Beifall Karl Czerny's in so hohem\nGrade erwarb, dass dieser Nestor des Clavierspiels sich er-\nbot, die ferneren Studien des jungen Virtuosen zu leiten.\nSchon nach einigen Monaten hatte Alfred man weiss\nnicht, soll man hierbei mehr seine Finger oder sein Ge-\ndächtniss bewundern an 200 neue, grosse, meist nur\nvon Virtuosen ersten Ranges zu bewältigende Tonstücke\nso inne, dass er sie sämmtlich auswendig spielte. Ausge-\nrüstet mit diesem Repertoire, trat Alfred eine längere Reise\nan, zuerst nach München und Stuttgart, dann nach Köln,\nwo die Kunstkenner sogleich darüber einig waren, dass\nAlfred nicht bloss zu den nur durch mechanische Fertig-\nkeit brillirenden Wunderkindern zähle, sondern dass sich\nin ihm die künstlerische Natur auf die seltenste Weise of-\nfenbart habe, dass er, mit Einem Worte, den Funken des\nGenie's in sich trage.\nJetzt aber galt es, nach einer längeren Reise in Hol-\nland, sich in Paris einen Namen zu machen. Er spielte in\nden ersten Salons, in Concerten renommirter Künstler\nund gab bei Erard, welcher seinen bereits geschlossenen\nSalon nochmals aus besonderer Rücksicht auf die eminen-\nten Leistungen des Knaben öffnete, zwei überaus besuchte\nConcerte. Auch das productive Talent des jungen Virtuo-\nsen machte sich hier zuerst in glücklicher Weise durch\nsehr ansprechende Compositionen für sein Instrument be-\nmerkbar.\nEnde 1847 liess sich die Familie Jaell, welche von\nParis eigentlich eine Kunstreise nach America beabsichtigt\nhatte, durch die überaus vorzügliche Aufnahme in Brüssel\ndaselbst halten und richtete sich häuslich ein. Wir unter-\nlassen es, die lange Reihe der hier gegebenen Concerte\nund Soireen, in denen vorzugsweise classische Musik ge-\npflegt wurde, zu besprechen, und erwähnen nur der Con-\ncert-Ausflüge nach Antwerpen, Möns, Lüttich u. s. w.,\nund dass Alfred von der philanthropischen und der phil-\nharmonischen Gesellschaft zu Brüssel mit der grossen Eh-\nren-Medaille und einem Lorberkranze ausgezeichnet wurde.\n1848, während der französischen Revolution, machte er\nseine zweite, an Gold und Ehren reiche Kunstreise durch\nHolland und concertirte dann wiederholt in Frankfurt und\ndessen Umgegend. Der fernere Aufenthalt in Brüssel wurde\ndurch theoretische Studien, Concerte und Unterricht an\nvorgerückte Schüler ausgefüllt. Leider starb hier im Sep-\ntember 1849 der Vater, worauf der Sohn den Winter\nabermals concerlirend in Paris zubrachte und namentlich\nbei Hofe glänzte.\nJetzt erst entschloss sich der Gefeierte, in Folge mehr-\nfacher Einladungen, dem americanischen Publicum seine\nKunstleistungen vorzuführen, und betrat im October 1851\ndie „neue Welt\". Schon sein erstesConcert in New-York\nam 15. November war von ausserordentlichem Erfolge.\nNachdem Jaell einen förmlichen Triumphzug nach Mont-\nreal, Kingston, Toronto, Boston, Providence, Worcester,\nWashington, Philadelphia, Baltimore, Cincinnati, Louis-\nville, St. Louis kurz, durch alle bedeutenden Städte des\nnordamericanischen Ostens und Westens gehalten, theils\nmit dem Violin-Virtuosen Ole Bull, theils mit dem berühm-\nten Orchester-Verein Germania Musical Society, begeg-\nnete er im September 1852 in New-York der unvergess-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.1.7", "texte": "liehen Henriette Sontag, welche so eben von Europa ein-\ngetroffen war und unseren Helden sogleich unter sehr vor-\nteilhaften Bedingungen einlud, mit ihrer Gesellschaft noch-\nmals die Reise durch die Vereinigten Staaten zu machen.\nDiese Künstlergesellschaft nun, wie sich wohl niemals eine\noriginellere zu einer ähnlichen Reise zusammengefunden,\nbestand aus lauter Berühmtheiten: Henriette Sontag (beglei-\ntet von ihrem Gemahl, Grafen Rossi), Alfred Jaell, Eckert\n(Capellmeister), Paul Jullien (der junge pariser Yiolin-Vir-\ntuose), Signor Pozzolini (Tenor), Signor Rocco (Bariton)\nund Signor Badiali (der hochgefeierte Bassist), und durch-\nzog, die unerhörtesten Triumphe feiernd und die fabelhaf-\ntesten Einnahmen erzielend, die Vereinigten Staaten vom\nNorden bis zum äussersten Süden. Im Januar und Februar\n1854 gab die Gesellschaft ihre letzten Concerte in New-\nOrleans, und hier, am 1. März, schied Jaell von der Son-\ntag, die er nie wiedersah.\nWir übergehen die im Sommer 1854 Statt gehabten\nerfolgreichen Concerte Jaell's am Rheine und in den Tau-\nnusbädern. Während eines längeren Aufenthaltes in Paris\nvom Januar 1855 an erregte Jaell daselbst wiederholt\nAufsehen, zumal er der erste Pianist war, welcher Rieh.\nWagner'sche Opern-Motive in brillanten eigenen Bearbei-\ntungen, so wie grössere Compositionen von R. Schumann\nund A. Rubinstein dort einführte. Nach einem ruhmrei-\nchen Concerte im Hoftheater zu Hannover im September\ndesselben Jahres wurde Jaell bei Hofe eingeladen und er-\nhielt von dem Könige einen prachtvollen Diamantring; er\ngab noch ein eigenes Concert und besuchte dann zum er-\nsten Male Berlin. Die dasige Kritik bestätigte vollkommen\nund mit grosser Wärme das, was die auswärtige verkün-\ndet hatte, und die philharmonische Gesellschaft Berlins\nernannte ihn zu ihrem Ehren-Mitgliede.\nWährend Jaell im folgenden Jahre nach mehrfachen\nKunstreisen in Frankfurt noch in eigenen und fremden\nConcerten entzückte Schumann's machte\nvorzugsweise Aufsehen —, rief ihn der Telegraph schon\nwieder nach Hannover zu einem Hofconcerte, bei welcher\nGelegenheit ihn der König unter glänzenden Bedingungen\nzum Hofpianisten ernannte.\nVom März bis Mai 1857 war Jaell in Norddeutsch-\nland, im Sommer 1857 in Ems, Hornburg und anderen\nrheinischen Bädern. VomOctober 1857 bis Januar 1858\nmachte er eine wahrhaft triumphreiche Concert-Reise durch\nItalien. Den Enthusiasmus der Italiäner bei den Jaell'schen\nConcerten zu beschreiben, wäre kaum möglich. In Triest\ngab er fünf Concerte, in mehreren davon wurden ihm Lor-\nberkränze überreicht; in Mailand gab er sechs Concerte\nbei grösstmöglichem Enthusiasmus. Seit Ende Januar\n1858 war er wieder in Norddeutschland, concertirte in\nLeipzig und Hamburg mit grösstem Beifalle, wurde in\nBraunschweig von Litolff mit Lorbern bekränzt und spielte\ndann in Hannover wieder bei mehreren Gelegenheiten.\nJaell ist ein Pianist von besonderem persönlichem und\nkünstlerischem Gepräge. Sein musterhafter, vorzugsweise\nan den Thalberg'schen erinnernder Anschlag, seine Ruhe,\nSicherheit und Ausdauer bei den kolossalsten Schwierig-\nkeiten, besonders aber die duftige Weichheit und Zartheit\nseines Spiels, sind wohl unübertroffen. Die grösste Sen-\nsation erregt überall sein Triller, wenn derselbe, wieder-\nholt vom feinsten Piano bis zum mark vollsten Forte an-\nund eben so abschwellend, mit Blitzesschnelle schwirrend\nsich entrollt. Jaell ist auch keiner von den Virtuosen, die\nm '\nnur ein einseitiges Repertoire haben. Von Bach bis Rubin-\nstein dürfte es wenig bedeutende Ciaviermusik geben, die\ner nicht kennt und schon irgendwo gespielt hätte. Uebri-\ngens eignet er sich vermöge seines ausserordentlichen\nPrimavista-Spiels das ihm noch Fremde, und sei es das\nSchwierigste, augenblicklich an.\nJaell arbeitet mit grosser Leichtigkeit und schrieb bis-\nher nur für sein Instrument. Bereits sind 83 Werke er-\nschienen. Diese meist für das Concert berechneten Sachen\nenthalten manches Neue in der Applicatur und vieles Ori-\nginelle und zeichnen sich durch echt claviermässige\nSchreibart, harmonischen Fluss, melodischen Reiz und\ngrosse Eleganz aus. (111. Ztg.)\n\nUeber Tactmesser.\nDer Gedanke, das Tempo durch einen Mechanismus\nzu bestimmen, ist schon im vorigen Jahrhundert bespro-\nchen worden. Wir theilen darüber folgende Notizen mit:\nParis, den 2. April 1782.\nDie Musikliebhaber haben schon längst eine Pendel-\nuhr gewünscht, welche den Tact und andere Zeitmaasse\nin der Tonkunst angäbe. Da aber diese Kunst unendliche\nAbänderungen hat, so haben viele Tactkünstler die Er-\nfüllung eines solchen Wunsches für etwas Unmögliches\ngehalten. Allein Herr Pelletier, Mechanicus des verstorbe-\nnen Infanten Don Gabriel, schmeichelt sich doch, die Be-\nrechnung und den Mechanismus einer solchen Maschine\nausgefunden zu haben, und erbietet sich, Personen, die sie\nausführen zu lassen Lust haben, Erläuterung hierüber zu\ngeben. Eine solche Pendeluhr würde angehenden Ton-\nkünstlern ungemein dienstlich sein, wenn man sie nach\ndem Tacte, den der Meister oder Lehrer angibt, aufzöge.\nEin nach dem Tacte dieses Instruments gesetztes Stück\nwürde alsdann in London mit eben der Präcision wie in\nParis gespielt werden können, weil man aufs genaueste\ndie Anzahl der Tacte wissen könnte, die in einer"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580626-01.1.8", "texte": "Minute oder einer Secunde durchgespielt sein\nmüssen, anstatt dass sonst die nämliche Composition, die,\nvon Einem Orchester gespielt, gefällt, von einem anderen\nexecutirt, missfällt, weil man nicht das nämliche Zeitmaass\nbeobachtet. Musiker werden die Vortheile einer solchen\nPendeluhr einsehen und sich zu erklären wissen. Der Er-\nI I\nfinder begnügt sich mit der Anzeige des davon zu erwar-\ntenden Nutzens. Er wohnt bei Paris zu St. Germain en\nLaye, rue de Poissy, maison du Sr. Aisse, au soleil d'or.\n„Der Mann\", fügt unser Correspondent hinzu, „sollte für\nalle deutschen Liebhaber-Concerte eine solche Uhr machen,\nund alle Componisten, anstatt ihr unbestimmtes Andante,\nAllegro, Adagio, oder gar Tem Mit Affect, Wie\ndas Wallen des Zephirs, und dergleichen über ihre Musik-\nstücke zu setzen, sollten mit Zahlen nach der Uhr das\nTempo anzugeben gehalten sein. Das wäre ein wesentlicher\nGewinn für die Musik. Aber wer gäbe die Zahlen an für\ndie Meisterstücke verstorbener Componisten, die nur allzu\noft durch das Geschleppe oder das Wettrennen einer Sän-\ngerin oder der Instrumentspieler verhunzt werden?\"\nWeitläufiger hat unter andern die Vortheile einer sol-\nchen Uhr aus einander gesetzt Mr. Gabory in seinem\nrmel utile 6f curieux sur la mesure des tems. Forkel spricht\nin seiner musicalischen Bibliothek,Th. 1., S. 258, darüber:\n„Es wäre in der That zu wünschen, dass die Componisten\ndieser Art von Metrometer sich bedienen möchten, um\ndadurch mit hinlänglicher Genauigkeit die gehörige Be-\nwegung ihrer Compositionen bestimmen zu können. Alle\ndie aus dem Italiänischen entlehnten Ausdrücke, deren man\nsich zur Bezeichnung dieser Bewegung bedient:\nlargo, larghetto, allegro, andante, presto Sfc., sind noch\nschwankend und ungewiss; sie geben uns nur so ungefähr\neinen Begriff, und sind noch so unbestimmt, dass sich je-\nder Ausführer dieselben auf eine verschiedene Art erklä-\nren kann. Aber wenn der Componist vermittelst der Zah-\nlen, Zolle oder Linien über jedem musicalischen Stücke\ndie Länge, die man der Pendule oder dem Metrometer zu\ngeben hätte, um ein Stück in der besten und zuträglich-\nsten Bewegung auszuführen, gehörig andeuten wollte, #so\nwürde er die Bewegung phvsicalisch bestimmen und das\nWillkürliche wegnehmen.\"\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nSe. Majestät der König geruhten, zum Händel-Denk-\nmal in Halle 100 Frsd'or zu bewilligen.\nDie Benefiz-Vorstellung für das Weber-Denkmal, welche Herr\nGeneral-Intendant von Hülsen mit Vorbehalt der königlichen Geneh-\nmigung in Aussicht gestellt hat, soll um die Mitte des nächsten\nMonats erfolgen, wo möglich an dem nämlichen Tage, an welchem\nder seitdem dreihundert Mal wiederholte „Freischütz\" vor 37 Jah-\nren die erste Aufführung erlebte, mit der die berliner Hofbiihne be-\nkanntlich allen Theatern voranging.\nDeutsche Tonhall e-\nDie auf das fünfzehnte Preis-Ausschreiben des Vereins (vom 8.\nWeinmonat v. J.) rechtzeitig eingekommenen 22 Compositionen de«\n„Preisgesang\" von Garve für den Männergesang haben den satzungs-\nmässig erwählten Herren Preisrichtern: Herrn Hof-Musik-Director\nHetsch, Herrn Hof-Capellmeister Reissiger und Herrn General-\nMusik-Director Spohr, vorgelegen, und es ist das Ergebniss ihrer\nBeurtheilung dieser Preisbewerbungen folgendes:\nDen Preis erhielt das Werk des Herrn V. E. Becker in Würz-\nburg, vorzügliche Belobung das des Herrn M. J# H. Beltjens in\nRoermond ; dessgleichen wurden besonders belobt zwei verschiedene\nBearbeitungen der Preis-Aufgabe von Herrn A. Wolter in Hammel-\nburg (Baiern), sodanu die Werke der Herren Rector Huberich, Pfar-\nrer in Pfauhausen (Würtemberg), J. N. Kühne, Musik-Director in\nCorbach, und A. Oechsner in Havre.\nWegen Rückgabe sämmtlicher Bewerbungen haben wir uns nach\nden (diesseits zu beziehenden) Vereinssatzungen zu achten, und eben\nso die Herren Preisbewerber, auch bei künftigen derartigen Erle-\ndigungen.\nMannheim, den 7. Juni 1858. Der Vorstand."}]}