{"numero_id": "bm-bmtnabi-1858-07-03-01", "volume": "bmtnabi_1858-07-03_01", "ocr_sha256": "1236e7c18554d69b6f41672158c81d12758dbbf9088ede0e77f0de84206e0011", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1858/07/03_01/bmtnabi_1858-07-03_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580703-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1858-07-03-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-07-03_01#c001", "volume": "bmtnabi_1858-07-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "209", "page_fin": "209", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580703-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "209", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580703-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 457, "texte": "Inhalt.\nUeber den gegenwärtigen Zustand der Tonkunst und die Lage junger Componisten. Von Fetis d. Aelt. I. Berliner\nBriefe (Der Bach-Verein des Herrn Vierling Oper! Cherubini's Lodoiska; Herr Tichatschek, Herr Meyer, Fräul. Frassini König\nOedipus mit Musik von H. Bellermann Offenbach's Bouffes Parisiens). Von G. E. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln,\nF. Hiller, Theater, Frl Sauset, Dr. H. 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Damals hatte ein zeitweiliger Aufenthalt in diesem\nVaterlande der Musik einen Zweck; er konnte dazu die-\nnen, den Staub der Schule abzuschütteln, den Werth der\nMelodie, ohne welche die Musik nichts ist, kennen zu ler-\nnen und sich mit der Kunst des Gesanges vertraut zu ma-\nchen. Mit dem Gesang-Unterricht begann nämlich damals\nnoch die Ausbildung der jungen Componisten in allen Mu-\nsikschulen von Italien. Es waren ferner in Rom, Neapel,\nBologna u. s. w. noch Lehrer vorhanden, die den Namen\nMeister in Wahrheit trugen und die alten Traditionen des\nreinen Satzes und der fliessenden melodischen Schreibart\nbewahrten und fortpflanzten. Endlich stand die päpstliche\nCapelle zu Rom noch in vollem Glänze da und führte die\nMeisterwerke der alten Kirchen-Componisten mit einer\nVollkommenheit auf, die man nirgend anderswo finden\nkonnte.\nUm dieselbe Zeit bot dann auch Deutschland den jun-\ngen Stipendiaten unermesslich reiche Quellen dar, zu ler-\nnen, ihren Ideenkreis zu erweitern, alle Formen der Kunst\nzu studiren. Ilaydn hatte so eben die „Schöpfung \" ge-\nschrieben und arbeitete an den „Jahreszeiten\"; Beethoven\nging mit Riesenschritten auf seiner Laufbahn vorwärts;\nMozart's Geist schwebte noch über Deutschland, und seine\nunsterblichen Werke regten die empfänglichen Seelen auf;\nOrganisten aus der grossen Schule J. S. Bach's Hessen in\nden Kirchen die kolossalen Schöpfungen dieses Geistes\nhören. Wer aus Italien kam, trat hier in eine neue Welt,\neine Welt, welche die Franzosen zu wenig oder geradezu\ngar nicht kannten.\nNach diesen ersten Zeiten verschwanden in Italien\nnach und nach die Reste der alten Schule; die Meister-\nLehrer wurden seltener, eine gewisse Classe der päpstlichen\nSänger wurde alt und konnte nicht ersetzt werden, die\nWirkung der Compositionen von Palestrina und Genossen\nwar nicht mehr dieselbe, die schönen Ueberlieferungen der\nKunst des Gesanges, welche ein Jahrhundert lang die ita-\nliänischen Sänger auf der Höhe gehalten hatten, gingen\nallmählich verloren. Es blieben indess immer noch einige\nVirtuosen übrig, die den Ruhm ihres Landes aufrecht hiel-\nten, und zum Ersatz für so viele schmerzliche Verluste gab\ndas Geschick Italien eines von jenen Genies, welche den\nRuhm eines Landes auf ein Jahrhundert sichern. Rossini\nerrang die unumschränkte Herrschaft auf der italiänischen\nOpernbühne. Mit ihm kam das Neue, was Italien seit Ci-\nmarosa's Tode suchte, die Kunst, treffende und ausdrucks-\nvolle Melodieen zu finden, sie durch neue Harmonie, Mo-\ndulation, Instrumentirung und Rhythmus zu beleben. Rös-\nsings Werke zu hören, war allerdings eine Reise nach\nItalien werth; denn vor 1820 kannte man sie in Frank-\nreich und in Deutschland kaum dem Namen nach.\nIn Deutschland hatte Beethoven um. diese Zeit den\nGipfel seines Ruhmes erreicht, Carl Maria von Weber\nstand in vollem Glänze, umstrahlt von dem ungeheuren\nErfolge seines Freischütz, Franz Schubert hatte sein gros-\nses Talent, wenn auch nicht in Werken von so grossem\nRahmen, offenbart, Meyerbeer suchte sich selbst und be-\nreitete sich zu einem ruhmvollen Durchbruche vor; etwas\nspäter trat Mendelssohn auf, ein schönes und feines Talent\nund ein Musiker, wie es die alten Meister waren. Von Ita-\nliänern kann man noch Bellini und Donizetti erwähnen,\nderen melodisches und scenisches Talent nicht bezweifelt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "210", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580703-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5443, "texte": "werden kann. So boten also zwischen 1815 und 1840\nDeutschland und auch Italien, obwohl letzteres in gerin-\ngerem Maasse, genug dar, was für die Musiker anderer\nNationen von grossem Interesse war.\nIst dies auch jetzt noch der Fall? Hat sich die Kunst\nauf der erreichten Höhe erhalten? Ist es noch nothwendig\noder wenigstens nützlich für den jungen Musiker, in die\nFremde zu reisen, um irgendwo etwas Besonderes zu stu-\ndiren, die Summe seiner Kenntnisse zu vermehren, sein\nTalent zu stärken?\nEs gibt eine Wahrheit, die in die x\\ugen springt, die\nsich nicht läugnen lässt, so traurig es auch ist, sie gestehen\nzu müssen: die Musik, oder vielmehr die Kunst überhaupt,\nist in eine Periode des Verfalls getreten. Hoffentlich wird\ndiese vorübergehend sein; sie ist aber da. Wohin ist die\nLyrik und der Boman gekommen? das Drama? die Ma-\nlerei? Ueberall Negation der Form, der Wahrheit, der\nErhabenheit des Gedankens und des Gefühls! Wo ist das\nIdeal des Schönen in der Musik zu finden unter dem Ge-\nmachten aller Art, das an die Stelle des Gedankens und\nder schöpferischen Kraft getreten ist ? Die grossen Meister\nsind abgeschieden oder stehen am Ende ihrer Laufbahn,\nder Bespect für ihre Werke mindert sich von Tag zu Tag,\ndas ernste, lange, beharrliche Studiren, das ihre glück-\nlichen Natur-Anlagen entwickelte, wird'von dem jüngeren\nGeschlechte verschmäht, das sich für viel zu hoch organi-\nsirt hält,\" um sich an irgend etwas zu halten, was man\nlernen muss.\nWas soll jetzt ein junger Künstler in Italien? Es ist\nbekannt, was von der dramatischen Musik dort noch übrig\nist; ich habe meine Meinung über Verdi oft ausgespro-\nchen und brauche sie nicht zu wiederholen. Die päpstliche\nGapelle ist in gewisser Hinsicht gar nicht mehr vorhan-\nden, die Kirchenmusik in Mailand, Venedig, Bom und\nüberall ist unter der Kritik. Die Kunst des Gesanges exi-\nstirt nicht mehr; Schreien und Kreischen ist an dessen\nStelle getreten.\nUnd in Deutschland? Seit länger als dreissig Jahren\nsind Beethoven und Weber begraben; Meyerbeer schreibt\nnur für Paris, Schubert und Mendelssohn sind dahin, selbst\nSchumann, in dem trotz seiner Mängel und der falschen\nBahn, die er betreten, doch ein Stück von einem Künstler\nwar, ist nicht mehr. Wohl gibt es noch einige verdienst-\nvolle Männer, die das Schöne aufrichtig lieben, Marschner\nin Hannover, Hiller in Köln, Beissiger in Dresden, Lach-\nner in München, auch Einige in Leipzig: aber was vermö-\ngen sie gegen die kunstzerstörende Coterie, die sich der\nmeisten Organe der öffentlichen Meinung bemächtigt hat\nund von der revolutionären Partei im Publicum unterstützt\nwird? Die Zeit wird ihr allerdings den Hals brechen; aber\nbis zu dem Augenblicke, wo man zu einer Kunst, die die-\nsen Namen verdient, zur Vernunft und zum Gefühl für\ndas wahre Schöne zurückkehrt, ist Deutschland für den\njungen Künstler, der noch keine Festigkeit des Urtheils\nund keine Erfahrung im Unterscheiden des Wahren und\nFalschen besitzt, ein gefährlicher Boden. Was soll aus\nseiner Hochachtung für die Werke der grossen Meister\nwerden, wenn er sie täglich geringschätzen hört? Die be-\nkannte Partei weiss sehr wohl, dass Aufführungen der\nschönen Compositionen einer früheren Zeit ihr die grösste\nGefahr bringen; desshalb sucht sie diese durch ihren Ein-\nlluss, wo sie nur kann, zu hintertreiben.\nEs gibt Dinge in dieser Hinsicht, die unglaublich schei-\nnen. Neulich besuchte mich in Brüssel ein sehr begabter\njunger Künstler aus Deutschland, der mir angelegentlich\nempfohlen war. Ich lud ihn zu einem Concerte des Con-\nservatoires ein, in welchem ich eine herrliche Sinfonie von\nHaydn so sorgfältig, als es in meinen Kräften stand, auf-\nführte. Der junge Mann war entzückt und rief aus: „O,\nwie wundervoll! davon habe ich noch keine Idee gehabt!\"\nWie? kennen Sie denn Haydn's Sinfonieen nicht?\n„Nein, bei mir zu Hause spielt man keine Note von seiner\nMusik; kaum habe ich seinen Namen einige Mal nennen\nhören*).\" Nun, es wird nicht lange dauern, so ergeht\nes Beethoven eben so; denn im vorigen Sommer sagte schon\nein Eingeweihter zu mir: „Man hat endlich genug von\nBeethoven gesprochen; er hat seine Zeit gehabt; jetzt muss\nman ihn ruhen lassen.\"\nAber abgesehen von den gegenwärtigen Zuständen,\nsind von je her nur wenige gekrönte und vom Staate mit\nBeise-Sticendien unterstützte französische Musiker bedeu-\ntende Componisten geworden, theils freilich durch eigene\nSchuld, theils aber auch durch die traurigen Verhältnisse,\nin die sie nach ihrer Bückkehr gerathen. Man verspricht\nihnen zwar vom Institut aus einen Operntext, allein in\nWirklichkeit ist nie die Bede davon. Die Unterstützung\nhört gerade da auf, wo sie am nöthigsten wird; der junge\nComponist will leben, und so bleibt ihm nichts übrig als\nStundengeben, das Grab des Talentes und der Phantasie.\nIst Einer so glücklich, einen Operntext aufzutreiben,\narbeitet er mit Lust und Eifer, nimmt er alles, was er von\nIdeen und Erinnerungen in sich hat, zusammen, ist er end-\nlich mit der Partitur fertig: dann geht dieNoth erst recht\nan. Er bewirbt sich bei allen Theater-Directionen, bei al-\n\n*) Wem das zu unglaublich klingen sollte, dem können wir ver-\nsichern, dass wir junge Künstler kennen und schätzen, welche\nsieben bis acht Jahre Musik in Leipzig studirt hatten und bei\nder Aufführung der „Schöpfung\" auf dem Musikfeste zu Düs-\nseldorf vor zwei Jahren über die Herrlichkeit dieser Musik\nentzückt waren, die sie bis dahin nicht gekannt, geschweige\ndenn gehört hatten. Die Redaction."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "211", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580703-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5263, "texte": "len Comite's um Annahme seines Werkes; man verspricht,\nman bestimmt den Tag zur Vorlesung, aber die Ausfüh-\nrung findet stets Hindernisse. Die Zeit vergeht, man muss\nleben also wieder Stunden geben. Endlich kommt der\nersehnte Tag, und die Oper wird nicht ange-\nnommen !\nSeit Stiftung des Reise-Stipendiums in der Akademie\nzu Paris sind 57 junge Musiker gekrönt worden; von ihnen\nhaben vier ihren Weg als Opern-Componisten gemacht:\nHerold, Ilalevy, Ambroise Thomas und Masse. Von Adam\nkann nicht die Rede sein, denn er war so glücklich, kei-\nnen Preis zu erhalten, und blieb in Paris. Einige Andere,\nRoisselot, Maillart, Razin, haben dann und wann einen\nkleinen Erfolg errungen, aber in langen Zwischenräumen.\nAlle Uebrigen sind am Stundengeben gestorben oder ver-\ndorben.\nDie Ursachen dieser Uebelstände und sie sind fast\nüberall dieselben liegen in zwei Dingen, in den politi-\nschen und moralischen Zuständen der Gesellschaft und in\nden Einrichtungen und Anstalten für die Kunst.\nDie Kunst blüht entweder durch die Protection der\nFürsten, oder sie stützt sich auf das Volk. Wenn ich sage:\nder Fürsten, so begreife ich darin auch die hohe Aristo-\nkratie, zu deren Kunstförderung das Staats-Oberhaupt die\nLosung gibt Italien bietet uns merkwürdige Reispiele der\nArt im sechszehnten, siebenzehnten und achtzehnten Jahr-\nhundert dar. In Frankreich nahm die Musik unter der\nStaats-Verwaltung Mazarin's, der Sinn dafür hatte, einen\nAufschwung. Die Regierung Ludwig's XIV. und die Re-\ngentschaft des Herzogs von Orleans waren günstig für die\nTonkunst. Man hatte vier Gapellmeister, vier Hoforganisten,\nmehrere Leiter der Kammermusik, was wir jetzt Concert-\nmeister nennen, Kammer-Clavicinisten, Componisten, Mu-\nsiklehrer der Pagen, ein Personal von Sängern und Instru-\nmentalisten. Alle waren fest angestellt, manche wohnten in\nden königlichen Schlössern, und alle erhielten nach gewis-\nsen Dienstjahren ihre Pension. Kirchenmusik war alle Sonn-\nund Festtage in der königlichen Capelle; Oper, Concert\nund Kammermusik bei Hofe.\n. *' Nr\nDie Grossen ahmten das Beispiel des Hofes nach.\nDer Herzog von Maine, der Prinz von Conti u. s. w., selbst\ndie Generalpächter hatten ihre Sänger, ihre Orchester und\nihre Capellmeister. Aus solchen Kreisen gingen Rameau\nund Gossec hervor.\nRekannt ist, was die Musik in Frankreich dem Sinne\nder Königin Marie Antoinette für die Tonkunst verdankt.\nIhre Unterstützung veranlasste und förderte die grosse\nUmgestaltung der dramatischen Musik durch Gluck, Sac-\nchini, Gr&ry. Auch die Einführung der grossen itaiiäni-\nschen Oper war ihr Werk. Die Sänger derselben wurden\ndie Vorbilder von Garat, und Garat gründete mit Mengozzi\ndie französische Sängerschule, aus welcher Nourrit, Pon-\nchard, Levasseur, Mad. Rranchu, Mad. Damoreau und viele\nAndere hervorgingen.\nVollends aber in Deutschland! Hier hielten alle Für-\nsten Capellen und berühmte Tonkünstler an ihrer Spitze.\nDiese Capellmeister waren, wenn auch nicht in einer glän-\nzenden Lage, doch hinlänglich für sich und ihre Familie\ngesichert, konnten in Ruhe leben und hatten viel Zeit lür\nsich, die von Geschäften frei war. So entstanden durch sie\nWerke, welche die Kenner noch jetzt hochachten, zum\nTheil bewundern. Es waren aber nicht bloss die weltlichen\nund geistlichen Fürsten der deutschen Länder, welche auf\ndiese Weise die Kunst beschützten; auch der hohe Adel\nin Oesterreich, Ungarn, Rohmen, Schlesien, Sachsen hatte\neigene Capellen, ja, selbst Theater auf seinen Schlössern.\nDie unsterblichen Werke von Joseph Haydn entstanden\ndurch die Gunst des Fürsten Esterhazy. [„Mein Fürst\",\nsagte Haydn selbst, „war mit allen meinen Arbeiten zu-\nfrieden. Ich erhielt Reifall, ich konnte als Chef eines Or-\nchesters Versuche machen, beobachten, was den Eindruck\nhervorbringt und was ihn schwächt, also verbessern, zu-\nsetzen, wegschneiden, wagen. Ich war von der Welt ab-\ngesondert; Niemand in meiner Nähe konnte mich an mir\nselbst irre machen und quälen, und so musste ich original\nwerden.\" biographische Notizen über J. Haydn.\nLeipz. Musik-Zeit. XI. Nr. 41 ff.]\nEs würde zu weit führen, alle ausgezeichneten Künst-\nler und Componisten zu nennen, welche Schutz und För-\nderung durch die Familien Motzin, Thun, Lobkowitz,\nKinski, Fürstenberg u. s. w. fanden; wir brauchen nur\nMozart und Reethoven zu nennen.\nAlles das ist vorbei. Viele grosse Familien sind zurück-\ngegangen, Vieles haben die Revolutionen erschüttert und\nzerstört, der musicalische Sinn der gebildeten Aristokratie\nleitet nicht mehr den Geschmack des Publicums. Wien,\nsonst die berühmteste Musikstadt man denke an Gluck,\nSalieri, Haydn, Mozart, Reethoven, um nur die Grössten\nzu nennen—, ist auf eine sehr niedrige Stufe musicalischer\nIntelligenz gesunken.\nEs scheint, als habe für die Tonkunst eine verhäng-\nnissvolle Stunde geschlagen. Auf die Periode, in welcher\nKaiser (wie viele waren nicht sogar selbst tüchtige Musi-\nker!), Könige, Fürsten und Grosse nicht bloss Sinn, son-\ndern wahre Leidenschaft für die Musik hatten, ist die ge-\ngenwärtige gefolgt, in welcher mit sehr wenigen Ausnah-\nmen fast keine Neigung für sie bei denen Statt findet, die\nauf den höchsten Stufen der Gesellschaft stehen. Ich mag\nnicht einmal sagen, dass die Musik ihnen ein Zeitvertreib\nist; man würde auch diesen gern entbehren, wenn nicht"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580703-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5426, "texte": "der Anstand erforderte, scheinbar etwas für die Tonkunst\nzu thun, weil derjenige, der gar keinen Sinn dafür hat\noder zeigt, für einen mangelhaft organisirten Menschen\ngilt; aber man beschränkt diese Gunst auf das engste\nMaass. Wo ist heutzutage der Monarch, der, wenn es noch\neinen Mozart gäbe, ihm, wie Friedrich Wilhelm 11. von\nPreussen, vertraulich sagen würde: „Bleiben Sie bei mir,\nlieber Mozart! Sie wissen, dass mir Ihre Musik der liebste\nGenuss auf der Welt ist.\"\nFür die Kirchenmusik insbesondere ist die Einziehung\nder Kirchengüter ein grosses Unglück gewesen. Dadurch\ngingen die Chorschulen und Domcapellen ein, und die Re-\ngierungen dachten und denken nicht daran, sie wieder her-\nzustellen. Was die Gemeinden oder die Capitel seit den\nletzten Jahrzehenden thun, um solche Anstalten von Neuem\nzu gründen oder wieder zu beleben, scheitert (mit weni-\ngen Ausnahmen in Süddeutschland) an der Unzulänglich-\nkeit der Mittel. Ehemals lieferten diese Schulen und Ca-\npellen eben so viele Capellmeister-Stellen, die den Compo-\nnisten sorgenfreie Lage und Zeit zum Componiren von\nKirchenmusik verschafften.\nMan darf sich wahrlich die ungeheuren Uebelstände\nnicht verhehlen, die aus den erwähnten Gründen hervor-\ngegangen sind; denn der Untergang der zwei erhabensten\nund idealsten Gattungen der Tonkunst steht dadurch be-\nvor, der Kirchenmusik und der Instrumentalmusik. Vom\nComponiren von Messen und Vespern, von Sinfonieen,\nOuvertüren, Quartetten und Sonaten kann Niemand leben\nund hat niemals Jemand gelebt. Dass Havdn in London\nund Beethoven in Deutschland mit Sinfonieen und Quar-\ntetten viel Geld verdient, haben, ist eine Ausnahme; und\ndennoch hätten sie nicht leben können, wenn sie darauf\nallein angewiesen gewesen wären. Die meisten Werke der\nfrüheren Meister wurden für grosse Herren oder beson-\ndere Zwecke componirt und waren gar nicht für den Ver-\nkauf bestimmt. Sie wurden durch Abschriften vervielfältigt\nund am Ende freilich gedruckt, aber chne dass ihre Auto-\nren auch nur für einen Heller Nutzen davon hatten. Indess\nihre Sachen wurden wenigstens aufgeführt, und sie wurden\ndurch Instrumental-Compositionen berühmt.\nIn unseren Tagen rühmt man es, dass die öffentliche\nMoral dem geistigen Eigenthum zu Hülfe gekommen. Alle\nAchtung dafür! Nur schlimm, dass dieser Schutz den Er-\nfolg hat, dass die Componisten von Instrumental-, nament-\nlich Kammer- und Orchester-Musik dadurch so ziemlich\nsicher sind, völlig unbekannt zu bleiben. Man denke sich\neine rüstige Künstler-Natur, eine von denen, die von der\nNoth leben, wenn sie nur schreiben können. Solch ein Mu-\nsiker hat Sinfonieen, hat Quartette geschrieben. Die letz-\nteren bringt er seinen Bekannten im Orchester mit der\nBitte, sie zu probiren. Du lieber Himmel! die guten Freunde\nhaben so viel zu thun, sie wissen die Zeit zu solchem Ver-\nsuche nicht zu finden. Endlich, um den Dränger los zu\nwerden, macht man sein Quartett irgendwo, in einem\nWinkel. Aber siehe da, es ist schön; die Spieler rufen\nBravo, dem jungen Componisten hüpft vor Freude das\nHerz, der Tag der Belohnung für ein Dasein voll Entsa-\ngung ist endlich gekommen. Glückselige Täuschung, die\nder nächste Augenblick wieder zerstört! Wie ist das\nmöglich? Er bittet die entzückten Freunde, sein Werk\nin einer ihrer öffentlichen Sitzungen hören zu lassen, ihn\neinzuführen in diesen gewählten Kreis von Kennern und\nMusik-Enthusiasten. „Lieber, bester Freund!\" lautet\ndie Antwort, „wo denkst Du hin? Dein Quartett ist vor-\ntrefflich, aber wie kann sich unser Publicum für Namen,\ndie es nicht kennt, interessiren? Soll es sich über ein neues\nWerk aussprechen, so schwankt es, fürchtet, sich zu bla-\nmiren, und bleibt lieber kalt und stumm. Bei Haydn, Mo-\nzart, Beethoven, allenfalls auch bei Mendelssohn, riskirt es\nnichts. Du wirst also einsehen, dass wir bei dem besten\nWillen Dein schönes Quartett nicht öffentlich spielen\nkönnen.\nHat der Arme den Muth, mit seinem Quartett zu einem\n%\nMusik-Verleger zu gehen, so kommt er aus dem Regen in\ndie Traufe. „Ein Quartett? Ich bitte Sie, wer kauft das?\nDiese Gattung hat ihre Zeit gehabt! Soll ich Ihnen helfen,\nso schreiben Sie mir ein paar Polkas, ein paar Potpourris\nauf Rigoletto oder Martha.\" Aber es gibt doch so viele\nQuartett-Cirkel; in Deutschland z. B. fast in jeder kleinen\nStadt einen. „Lieber Freund! das kennen Sie nicht.\nWir haben dort zwei Parteien. Vor den Classischen dürfen\ndie Quartett-Cirkel nichts Neues spielen: vor den Zukünft-\nlern aber noch weniger, weil Wagner, Liszt und Genossen\nkein Quartett schreiben können.\" Ach so!\nGesetzt aber, es fände sich—wir wollen das Unmög-\nliche annehmen - ein Verleger, der so kühn wäre, die\nKosten daran zu wagen. Gut; es ist fertig, er versendet es\nan seine Commissionäre und an die Handlungen, mit denen\ner in Verbindung steht. Da diese es aber nicht nachdrucken\ndürfen, so fragen sie wenig danach, ob es gut oder schlecht\nist, es bleibt in den Mappen vergraben, und ausser dem\nComponisten, dem Verleger und einigen Freunden weiss\nNiemand in der musicalischen Welt, dass es existirt.\n7 >\nEndlich kommt noch hinzu, woran die Künstler gröss-\ntentheils selbst schuld sind, dass man das Violinspiel der\nViotti, Rode, Baillot, Spohr verschmäht, um an die Stelle\ndes ergötzenden Wohlgefallens das Erstaunen über hals-\nbrechende Schwierigkeiten zu setzen. Und in Bezug auf die\nCompositionen schätzen die hohen Herren im Geigenreiche\njeden Quartett-Cirkel gering, der seine Studien nicht mit"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580703-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1753, "texte": "Beethoven s Opus 59 beginnt, um mit Opus 127 bis 135\nin die Öffentlichkeit zu treten. So geht die sonst so ver-\nbreitete Liebhaberei am Violinspiel verloren, die Quartett-\nCirkel von Dilettanten und hohen Kunstgönnern sterben\naus: wer soll also noch Kammermusik für Geigen-Instru-\nmente kaufen?\nDass es mit der Sinfonie noch schlimmer steht, wird\nNiemand läugnen. Vier Musiker bringt man wohl noch zu-\nsammen, um seine Arbeit wenigstens einmal zu hören zu\nbekommen; aber ein Orchester? Die stehenden Concert-\nInstitute haben meist ihr stehendes Programm, wenn sie\nauch in Deutschland bei Weitem nicht so engherzig daran\nhangen, wie die Conservatoire-Gesellschaften in Paris und\nin Brüssel. Dass irgendwo eine neue Sinfonie aufgeführt\nwerde, ist eine Seltenheit; dass sie im Druck erscheine,\nein Wunder; dass sie dem Componisten etwas einbringe,\neine Unmöglichkeit.\nBei diesen Zuständen ist die Furcht vor dem allmäh-\nlichen Untergange der zwei gediegensten und vollkommen-\nsten Gattungen der Tonkunst keineswegs eitel; denn ihr\nAnbau gewährt weder Mittel zur Existenz, noch gibt er\ndem Componisten innere Befriedigung durch Anerkennung\nund äussere Anregung. Die hauptsächliche Ursache des\nUebels liegt in dem immer mehr schwindenden Sinne der\nhöheren und gebildeteren Stände für das wahre Musica-\nlisch-Schöne und in dem materiellen Treiben der grossen\nMasse.\nSo werfen sich denn die Componisten, weil anderswo\ngar nichts zu hoffen ist, meist auf die Composition für das\nTheater, ohne lange zu prüfen, ob sie auch wohl Talent\ndazu haben. Warum? Weil trotz aller Hindernisse das\nTheater doch am Ende noch der leichteste Weg ist, be-\nkannt zu werden, und weil die heutige Theatermusik am\nwenigsten ernste Studien und tiefes musicalisches Wissen\nerfordert."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-07-03-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-07-03_01#c003", "volume": "bmtnabi_1858-07-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "213", "page_fin": "215", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580703-01.2.3", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. 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Der noch\njunge Verein, von dessen Thätigkeit bisher öffentlich noch\nnichts bekannt geworden, und der sich vorzugsweise, wenn\nauch nicht ausschliesslich, das Studium Seb. Bach's zur\nAufgabe gestellt hat, konnte sich nicht besser introduciren,\nals durch diese Aufführung. Die beiden Werke, die den\nGegenstand derselben bildeten, und die, jedes in seiner Art,\nhochbedeutend sind, waren in der Concert-Literatur Ber-\nlins Nova und höchstens von einigen Musikern gekannt.\nSomit musste schon die Sache selbst allgemeine Theilnahme\nerregen. Die .A-dfwr-Messe von Bach, im Ganzen lieblich\nund klar, enthält, wie Vielen, die das Werk selbst nicht\nzu hören Gelegenheit hatten, aus der Compositionslehre\nvon Marx bekannt sein dürfte, einen Chor, das Christe\neleison, der als ein wahres Musterbeispiel gelten kann, wie\nman eine der scheinbar unfreiesten Formen, die des Cir-\nkel-Canons, nicht nur mit der grössten Innigkeit des Aus-\ndrucks zu verbinden, sondern diese durch die Strenge der\nForm sogar noch zu steigern vermag. Aber auch abge-\nsehen von diesem wunderbar vollendeten Satze, durch den\ndie J.-e?wr-Messe freilich ganz allein in der Geschichte und\nTheorie der Musik unvergessen bleiben wird, enthält sie\neinen Beichthum der kunstvollsten und-gemüthvollsten\nChöre und Arien. So namentlich der Chor „Gratias agi-\nmus\", der in seiner überschwänglichen Gefühls-Innigkeit,\nausser in den Werken Bach's selbst, höchstens noch in den\nspäteren Adagio's Beethoven's seines Gleichen findet; die\nSopran-Arie „Qui tollis peccata mundi\", die Alt-Arie und\nandere mehr. Von ganz anderem Geiste ist Händel's\nAcis und Galatee, eine Art Oper, reich an Arien, die aber\ntheilweise sehr frisch und empfindungsvoll oder, wie die\ndes Polyphem, von charakteristischem Gehalt sind, und in\nden Chören durch jene einfache Kraft und Gesundheit aus-\ngezeichnet, die überhaupt das eigenthümliche Kennzeichen\nHändel's bildet. Vorherrschend ist ein pastoraler Grund-\nton, namentlich in den Chören und in der Partie der Ga-\n-7 /\nlatee; das anmuthige Gemälde idyllischer Unschuld wird\ndurch zarte und feurige Liebesgesänge, durch die charak-\nteristische Komik des Cyklopen Polyphem, der als ein Vor-\nläufer Osmin's gelten kann, mannigfach belebt. Von be-\nsonders hervorragendem Werthe ist der Chor, der die An-\nkunft Polyphem's verkündet, und das den Gipfelpunkt der\nHandlung bildende Terzett zwischen Acis, Galatee und Po-\nlyphem, gewiss eines der frühesten Beispiele für die wahre\nMethode, ein dramatisches Ensemble zu schreiben. Die\nAufführung dieser beiden Werke konnte von Seiten der\nSoli zwar nur mässigen Ansprüchen genügen, da der Ver-\nein über bedeutende Solokräfte noch nicht disponirt und\nda überdies fast in der letzten Stunde in einer der Haupt-\nPartieen eine Aenderung eintreten musste. Die Chöre da-\ngegen, obschon nicht stark besetzt, sangen nicht nur mit\neiner dem Liebig'schen Orchester vollständig gewachsenen"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "214", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580703-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5595, "texte": ".Kraft, sondern so präcis und mit so eingehendem Ver-\nständnisse, dass der Eindruck des Ganzen ein sehr günsti-\nger war. Wir können uns freuen, dass neben die Sing-\nAkademie und den Stern'schen Verein noch ein dritter\nVerein getreten ist, der seine Aufmerksamkeit auf die rei-\nchen und noch immer nicht hinreichend gehobenen Schätze\nder Vergangenheit lenkt, und der einen so classisch gebil-\ndeten und praktisch erfahrenen Dirigenten besitzt, als den\nsich Herr Vierling in diesem Concerte bewies.\nAn der königlichen Oper, deren Ferien in vergange-\nner Woche begonnen haben, kam neu einstudirt die Lo-\ndoiska von Chernbini zur Aufführung. Es ist dankbar an-\nzuerkennen, dass die Intendanz die Einstudirung von Wer-\nken nicht scheut, von denen sie sehr wohl weiss, dass die\nCasse ein schlechtes Geschäft damit macht; und so hat sie\ndenn auch Anerkennung bei den älteren Theaterfreunden\nund bei den jüngeren Musikern genug geärntet. Wir glau-\nben freilich, dass manches andere Werk älterer Zeit, z. B.\ndie Medea von Cherubini, einen grösseren Anspruch darauf\nhätte, der lebendigen Kunstübung zurückgegeben zu wer-\nden ; indess wir wollen, obschon wir, aufrichtig gestanden,\nin der Lodoiska wenig finden, was unsterblich zu sein ver-\ndiente, gern zugestehen, dass das Werk in mehr als Einer\nBeziehung recht interessant ist. Vor allen Dingen ist aus-\nser der Keuschheit und Einfachheit, die überhaupt der\nclassischen Zeit eigentümlich ist, die geistreiche Instru-\nmentation, die Meisterschaft in der dramatischen Polypho-\nnie und die Wahrheit des Ausdrucks zu rühmen. Im Me-\nlodischen ist aber die Erfindung schwach, und überall fehlt\nder fortreissende Schwurig ursprünglicher Empfindung.\nBei aller Feinheit und Kunst in der technischen Ausfüh-\nrung wird man doch das Gefühl einer gewissen Dürre\noder wenigstens einer künstlichen Productivität nicht los;\nund in keinem der Werke, die wir bis jetzt von Cherubini\ngehört haben, ist er uns so sehr als ein Genius zweiten\nRanges erschienen, als in diesem. Dazu kommt, dass der\nInhalt der Handlung an eine der schlimmsten Perioden des\nTheatergeschmacks erinnert, an die Zeit, wo alle W'elt den\nExtremen der Rohheit und der Sentimentalität huldigte.\nDie Aufführung endlich war auch nicht der Art, um dem\nGanzen wenigstens den Schein der Frische zu geben.\nIm Uebrigen beschränkten sich die bemerkenswerthen\nEreignisse unseres Theaterlebens auf einige Gastspiele.\nUeber Tichatschek, der als Cortez, Tannhäuser und Ma-\nsaniello gaslirte, brauche ich nichts weiter zu berichten,\nals dass er, der einundfünfzigjährige Mann, durch die Fri-\nsche und Kraft seiner Stimme wahrhaft Sensation machte.\nMan nahm die Mängel seiner Methode, die übrigens noch\nbei Weitem nicht so schlimm sind, als bei den Tenören,\ndie das letzte Decennium hervorgebracht hat, geduldig hin\nund freute sich, wieder einmal eine Stimme zu hören, die\nsich nicht künstlich aufzuspreizen braucht, um den Ein-\ndruck eines Helden-Tenors hervorzubringen. Sein Erfolg\nwar diesmal günstiger, als bei seinem letzten Auftreten\nvor zehn Jahren, wo er in Berlin war, um die Aufführung\n• n\ndes Propheten möglich zu machen. Namentlich fand seine\nDarstellung des Tannhäuser vielen Beifall; man kann von\nihr sogar rühmen, dass sie einzelne Scenen der Oper in\nein günstigeres Licht zu stellen wusste, als in dem sie bis-\nher dem hiesigen Publicum erschienen waren. Nach ihm\ngastirte ein junger Tenorist aus Wien, Herr Meyer, der\nbedeutende physische Mittel und, wie es scheint, auch mu-\nsicalische und dramatische Empfindung besitzt, bis jetzt\naber an der vollen Verwirklichung se nes Talentes noch\ndurch mehrere störende Mängel der Tonbildung gehindert\nwird; sollte er, wozu Aussicht vorhanden, hier engagirt\nwerden, so kann er sich bei fernerem Studium zu einem\nrecht tüchtigen Mitgliede unserer Bühne emporschwingen.\nGetheilten Beifall fand Fräul. Frassini. Das Publicum\nwar im Grossen und Ganzen kalt gegen sie; den wärm-\nsten Beifall trug sie in einer Matinee mit einer langweili-\ngen Donizetti'schen Arie davon; bei den Musik- und Ge-\nsang-Verständigen hiess es: so viel Köpfe, so viel Sinne.\nUnserer Ansicht nach hat Fräul. Frassini eine sehr correcte\nTonbildung, eine nicht eminente, aber ausreichende Tech-\nnik und einen scharfen musicalischen Verstand. Aber die\naccentuirte Weise des modernen italiänischen Gesanges hat\nder Stimme, die von Natur eigentlich weich ist und diesen\ngrellen Betonungen im Vortrage noch immer Trotz bietet,\neinigen Schaden gethan. W ir hören im Einzelnen Töne\nvon einer Schönheit, von einem so rein ausgeprägten, edeln\nMetallklange, wie man sie selten hört; aber im Ganzen\nfehlt der sanfte, geschmeidige Fluss, die Stimme tremolirt\noft, weil sie zu sehr daran gewohnt ist, nur durch einen\nstarken Druck sich fest anzusetzen; der Auffassung fehlt\ndie ruhige, milde Innigkeit, das Ethos der Empfindungen.\nDarum wird dem unbefangenen Hörer doch nicht recht\nwohl dabei, so sehr er im Einzelnen auch die Schönheit\nder Stimme, die sorgfältige künstlerische Bildung, den ern-\nsten Sinn zu bewundern Gelegenheit haben mag.\nVon Herrn Heinrich Bellermann, dem Sohne des\nGymnasial-Directors, der durch mehrere Schriften über\ngriechische Musik in der gelehrten Welt bekannt ist, hör-\nten wir in der Weise der Mendelssohn'schen zurAntigone\nund zum Oedipus auf Kolonos eine vollständige Musik zum\nKönig Oedipus, die sich durch Stil, durch Adel und cha-\nrakteristischen Ausdruck vortheilhaft auszeichnet. Die Schü-\nler des Gymnasiums zum grauen Kloster, dessen Director\nder Vater des Componisten ist, führten die ganze Tragödie\nin griechischer Sprache und in vorzüglich gelungener Wreise"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580703-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1373, "texte": "auf. Dieses Beispiel verdient auch auf anderen Gymnasien\nNachahmung, und es ist in dieser Beziehung erfreulich,\ndass Herr Bellermann durch seine Composition ein solches\nUnternehmen von musicalischer Seite möglich zu machen\nhilft. Wir besitzen nun unseres Wissens die beiden oben\nerwähnten Werke von Mendelssohn, die Medea von Tau-\nbert, den Hippolyt von Schulz, den Ajax und den König\nOedipus von Bellermann ein schon recht stattliches grie-\nchisches Repertoire.\nDie Bouffes Parmens geben seit etwa anderthalb\nWoche im KroH'schen Locale Gast-Vorstellungen. Beim\ngrossen Publicum machen sie kein Glück; es fehlt ihnen\nO #\nindess nicht an Verehrern, namentlich in der haute volie\nund in der Journalistik. Auch wir gestehen, dass uns die\nOffenbach'sche Musik in einigen Stücken, namentlich in\n.Le Mariage aux lanternes\",sehr zierlich und anspre-\nchend erschien, und dass uns das gewandte, launige Spiel\nder meisten Darsteller höchlichst ergötzt. Die Musik zum\nBruschino von Bossini ist nicht bedeutend, aber gefällig\nund liebenswürdig. Doch sind in dieser Oper die einzelnen\nSänger den Aufgaben, die ihnen als Sänger zufallen, nicht\nganz gewachsen, und auch im Spiel sind sie nicht so un-\nterhaltend und keck, als in den Kleinigkeiten, die sonst ihr\nRepertoire ausmachen, und die gewisser Maassen nur eine\neinzelne Scene, eine Situation aus dem Volksleben dar-\nstellen.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-07-03-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-07-03_01#c004", "volume": "bmtnabi_1858-07-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "215", "page_fin": "216", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580703-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580703-01.1.7", "debut_caractere": 1375, "fin_caractere_exclue": 6800, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nI&olll, 2 Juli. Ferdinand H iiier ist gestern nach Wiesba-\nden gereis't, um die dortigen Bäder zu gebrauchen.\nDie hiesige Theater-Unternehmung ist aus den Händen des Herrn\nKahle auf Herrn L'Arronge übergegangen; die Gründung eines\nActien-Theaters scheint also fürs Erste wieder aufgegeben zu sein.\nFräul. Christine Sauset von hier, Schülerin der Rheinischen\nMusikschule, hat in dem ersten Concerte des Herrn Bogortscheck\nim Seebade Scheveningen mit Beifall gesungen. Ihre Majestät die\nKönigin von Holland beehrte das Concert mit ihrer Gegenwart.\nDer Hof-Capellmeister Dr. 11. Marschner und Frau verweilen\nnoch hier in der Nähe auf dem Lande. Wir hatten vor Kurzem Ge-\nlegenheit, die Ouvertüre zu dessen neuester Oper „Hiarne\" im\nvierhändigen Clavier-Auszug (Manuscript) zu hören; sie ist nicht\nbloss eine Introduction, sondern, wie von Marschner nicht anders\nzu erwarten war, ein in vollendeter Form ausgeführtes Orchester-\nstück (Andante und Allegro) voll Milde und Feuer nnd durchweg\ngenialem Schwung.\nf Minden. Herr Karl Bansi hierselbst (den Gathy seinen\nfleissigsten Mitarbeiter bei seinem musicalischen Lexikon nannte) hat\nals Zeichen der Anerkennung für Bestrebungen im Bereiche des mu-\nsicalischen Wissens von Sr. Majestät dem Könige von Hannover die\ngoldene Medaille empfangen.\nBerlin. Die königliche Kammersängerin Fräul. Herrenburg-\nTuczeck hat ihren contractlichen Urlaub angetreten. Die Künst-\nlerin macht eine Badereise nach Ischl.\nBaden-Baden« Das jährliche musicalische Fest wird hier\nam 28. August Statt finden. Die Leitung hat H. Berlioz übernom-\nmen. Demoiselle Artot und Roger werden dabei mitwirken. Von\nViolinisten werden Sivori und Hermann erwartet. Panofka\naus Paris ist hier; er arbeitet an einem Werke über den Elementar-\nGesangunterricht nach einer neuen Methode.\n§tuftgaH? 20. Juni. Die sse S. Bach's kam gestern\ndurch den Verein für classische Kirchenmusik unter Faisst's Leitung\nzur Aufführung. Für die Soli hatten sich hervorragende Mitglieder\nder Hofcapellc mit dankenswerther Bereitwilligkeit angeschlossen\n(Frau Leisinger, Fräul. Marschalk, die Herren Kauscher und Schüttky);\ndas Orchester war ebenfalls von der Hofcapelle gestellt. Die Aus-\nführung, welche selbst nach Bach'schem Maassstabe ungewöhnliche\nSchwierigkeit bietet, war in jeder Hinsicht würdig und wohlgelun-\ngen, der Eindruck tiefgehend, stellenweise überwältigend.\n„Clarissa Harlowe\", lyrisches Drama von Sacch6ro,\nMusik von N. Perelli, wurde eigens für die italienische Saison des\nJahres 1858 in Wien componirt und ist die zweite neue Oper, mit\nwelcher diese Saison dem Publicum aufwartete. Der im Ganzen\nschwache Besuch zeigte, mit welchem Misstrauen man den Erstlin-\ngen der italiänischen Maestri entgegensieht, und es waren doch nebst\nder Medori die Herren Debassini, Bettini und Angelini in den Haupt-\nrollen beschäftigt. Das Misstrauen des Publicums ist leider auf die\nglänzendste Art gerechtfertigt worden, und wohl denen, die weislich\nweggeblieben sind. Der Kern des Textes ist einem einst berühmten\nund vielgelesenen Roman von Richardson in acht dicken Bänden\nentlehnt» Wer kennt nicht den Verführer Lovelace dem Namen nach?\nDer Librettist hat diesen Stoff in drei kurze Acte, deren jeder eigent-\nlich nur aus einer Scene besteht, zusammengedrängt. Dürftigeres in\nder Handlung kann wohl kaum geboten werden; von einer aus den\nallgemeinsten Umrissen heraustretenden Charakteristik, von irgend\neinem feineren Zuge in den ausgedrückten Seelen-Zuständen? von\nGeist und frischem Leben ist keine Spur in diesem Buche; dennoeb\naber enthält es Elemente genug, die an und für sich der musicali-\nschen Behandlung günstig sind und einem talentvollen Componisten\nGelegenheit gegeben hätten, hübsche Effecte zu erzielen. Herr Pe-\nrelli ist aber durchaus talentlos, er arbeitet knechtisch nach der\nVerdrehen Schablone, ohne Geist, ohne Geschmack, ohne Geschick.\nNirgends ist auch nur eine Spur von Selbstständigkeit anzutreffen,\nkeine Phrase, kein melodischer Ansatz tritt aus dem Geleise des\nAllergew öhnlichsten heraus; Gemeinplätze und Trivialitäten der ärg-\nsten Art, breit ausgesponnen, begegnen uns Schritt für Schritt, aber\nnicht als liebe, alte Bekannte, sondern als ermüdende, langweilige\nAlltagsschwätzer; mit Einem Worte: die Musik ist ganz reizlos, von\neiner melodischen Erfindung keine Spur darin, die Instrumentirung\nleer und nichtssagend; die häufig angewandten Nothbehelfe mit Har-\nfen-, Flöten- und Horn-Solos u. s. f. vermögen die Armuth nicht\nzu verdecken, sondern stellen sie vielmehr erst recht ins Licht. Die\nGlaque war sehr rührig, und der Componist wurde einige Male ge-\nrufen. Von den Darstellenden ist zuerst Herr Debassini zu nen-\nnen, der durch seinen ausdrucksvollen Gesang das Möglichste für\ndas Werk that Auch Herr Bettini wusste seine kraftvolle Stimme\nin seiner grellen Vortragsweise geltend zu machen. Herr Angelini\nbefriedigte in seiner nicht sehr bedeutenden Partie. Mad. Medori\nhatte in Ueberfülle Gelegenheit, zu schreien, und benutzte sie con\namore ; dessgleichen trat die Mangelhaftigkeit ihier Gesangesbildung\nin den figurirten Stellen zu Tage, und auch ihre Intonation war\nnicht tadellos. An Beifall fehlte es den Darstellern nicht. Das Or-\nchester unter der Leitung des Herrn Capellmeisters Proch lies*\nsich nichts zu Schulden kommen.\nDie „Wiener Blätter für Musik und Theater\", redigirt von\nZellner. haben mit dem letzten Juni zu erscheinen aufgehört. Ein"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "216", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580703-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2093, "texte": "neues Blatt unter dem Titel ~Neu Wien\" enthält auch eine Rubrik\nfür Theater, welche von Zcllner redigirt wird.\nUnsere Stadt hat einen tüchtigen Schriftsteller, Musiker\nund Kritiker verloren. Sonntag den 6. Juni starb in Yrschovic bei\nPrag im 48. Lebensjahre Ludwig Ritter von Rittersberg, am 19. No-\nvember 1809 in Prag geboren. Von seinen Tondichtungen ist die\nbedeutendste die Oper „Idamor\", zu welcher er sich selbst den Text\nnach einer französischen Dichtung verfasste, und die im Saale des\nConservatoriums zu Prag im Jahre 1838 aufgeführt wurde. Im Jahre\n1841 wurde Rittersberg als Gesang-Director nach Lemberg berufen,\nwo er seine Müsse hauptsächlich zu Studien auf dem Gebiete der\nslawischen Literatur benutzte. Abgesehen von zahlreichen Beiträgen\nin verschiedene böhmische, polnische und russische Zeitschriften,\nverfasste er eine Reihe beachtenswerther Schriften.\nIn Press bürg ist das Haus, in welchem Hummel am 14.\nNovember 17 78 geboren wurde, gegenwärtig durch den Verein für\nKirchenmusik mit einer Gedenktafel geschmückt worden.\nParis« Am 20. Juni führte der Männergesang-Verein von Emil\nCheve in der Kirche zu St. Germain TAuxerrois die dritte Messe\nfüc vier Männerstimmen ohne Begleitung von Frederic Vir et,\nCapellmeister dieser Kirche, auf.\nIn Dublin ist neulich Mozart's Don Juan in einer Privat-Ge-\nsellschaft durch Marionetten aufgeführt worden. Das Orchester\nwar sichtbar, die Sängerinnen und Sänger aber nicht; sie sangen\nhinter der Scene. Ob man durch diese curiose Aufführung die Pos-\nsenreissereien mancher Sänger auf dem wirklichen Theater, z. B. in\ndem Terzett mit Elvira am Fenster und andere Scenen, habe persi-\nfliren wollen, oder ob die irländische Etiquette den Dilettantinnen\nnicht erlaubt, Theatersachen sichtbar zu singen, und sie vorziehen,\nsich lieber durch Puppen repräsentiren zu lassen, lässt die betref-\nfende Correspondenz unentschieden.\nStockholm« Eine neue Sinfonie von Lindblad wurde hier\nkürzlich aufgeführt, und noch vor Ende der Saison erwartet man\ndie Vorführung einer anderen Compositum desselben Meisters, die\nden Titel „Die Träumer4' führt."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "209", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580703-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nUeber den gegenwärtigen Zustand der Tonkunst und die Lage junger Componisten. Von Fetis d. Aelt. I. Berliner\nBriefe (Der Bach-Verein des Herrn Vierling Oper! Cherubini's Lodoiska; Herr Tichatschek, Herr Meyer, Fräul. Frassini König\nOedipus mit Musik von H. Bellermann Offenbach's Bouffes Parisiens). Von G. E. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln,\nF. Hiller, Theater, Frl Sauset, Dr. H. Marschner Minden Berlin Baden-Baden Stuttgart Wien Prag Paris).\n\nUeber den gegenwärtigen Zustand der Tonkunst und\ndie Lage junger Componisten.\nVon Fétis d. Aelt.\nI.\nBei den musicalischen Preisbewerbungen, welche die\nAkademie der schönen Künste zu Paris vor neunundfünfzig\nJahren einführte, handelte es sich für den Gekrönten um\nein lleise-Stipendium auf mehrere Jahre. Die Reise der\njungen Musiker, die so glücklich waren, durch ihre Com-\npositionen den Preis zu erringen, ging zunächst nach Ita-\nlien. Damals hatte ein zeitweiliger Aufenthalt in diesem\nVaterlande der Musik einen Zweck; er konnte dazu die-\nnen, den Staub der Schule abzuschütteln, den Werth der\nMelodie, ohne welche die Musik nichts ist, kennen zu ler-\nnen und sich mit der Kunst des Gesanges vertraut zu ma-\nchen. Mit dem Gesang-Unterricht begann nämlich damals\nnoch die Ausbildung der jungen Componisten in allen Mu-\nsikschulen von Italien. Es waren ferner in Rom, Neapel,\nBologna u. s. w. noch Lehrer vorhanden, die den Namen\nMeister in Wahrheit trugen und die alten Traditionen des\nreinen Satzes und der fliessenden melodischen Schreibart\nbewahrten und fortpflanzten. Endlich stand die päpstliche\nCapelle zu Rom noch in vollem Glänze da und führte die\nMeisterwerke der alten Kirchen-Componisten mit einer\nVollkommenheit auf, die man nirgend anderswo finden\nkonnte.\nUm dieselbe Zeit bot dann auch Deutschland den jun-\ngen Stipendiaten unermesslich reiche Quellen dar, zu ler-\nnen, ihren Ideenkreis zu erweitern, alle Formen der Kunst\nzu studiren. Ilaydn hatte so eben die „Schöpfung \" ge-\nschrieben und arbeitete an den „Jahreszeiten\"; Beethoven\nging mit Riesenschritten auf seiner Laufbahn vorwärts;\nMozart's Geist schwebte noch über Deutschland, und seine\nunsterblichen Werke regten die empfänglichen Seelen auf;\nOrganisten aus der grossen Schule J. S. Bach's Hessen in\nden Kirchen die kolossalen Schöpfungen dieses Geistes\nhören. Wer aus Italien kam, trat hier in eine neue Welt,\neine Welt, welche die Franzosen zu wenig oder geradezu\ngar nicht kannten.\nNach diesen ersten Zeiten verschwanden in Italien\nnach und nach die Reste der alten Schule; die Meister-\nLehrer wurden seltener, eine gewisse Classe der päpstlichen\nSänger wurde alt und konnte nicht ersetzt werden, die\nWirkung der Compositionen von Palestrina und Genossen\nwar nicht mehr dieselbe, die schönen Ueberlieferungen der\nKunst des Gesanges, welche ein Jahrhundert lang die ita-\nliänischen Sänger auf der Höhe gehalten hatten, gingen\nallmählich verloren. Es blieben indess immer noch einige\nVirtuosen übrig, die den Ruhm ihres Landes aufrecht hiel-\nten, und zum Ersatz für so viele schmerzliche Verluste gab\ndas Geschick Italien eines von jenen Genies, welche den\nRuhm eines Landes auf ein Jahrhundert sichern. Rossini\nerrang die unumschränkte Herrschaft auf der italiänischen\nOpernbühne. Mit ihm kam das Neue, was Italien seit Ci-\nmarosa's Tode suchte, die Kunst, treffende und ausdrucks-\nvolle Melodieen zu finden, sie durch neue Harmonie, Mo-\ndulation, Instrumentirung und Rhythmus zu beleben. Rös-\nsings Werke zu hören, war allerdings eine Reise nach\nItalien werth; denn vor 1820 kannte man sie in Frank-\nreich und in Deutschland kaum dem Namen nach.\nIn Deutschland hatte Beethoven um. diese Zeit den\nGipfel seines Ruhmes erreicht, Carl Maria von Weber\nstand in vollem Glänze, umstrahlt von dem ungeheuren\nErfolge seines Freischütz, Franz Schubert hatte sein gros-\nses Talent, wenn auch nicht in Werken von so grossem\nRahmen, offenbart, Meyerbeer suchte sich selbst und be-\nreitete sich zu einem ruhmvollen Durchbruche vor; etwas\nspäter trat Mendelssohn auf, ein schönes und feines Talent\nund ein Musiker, wie es die alten Meister waren. Von Ita-\nliänern kann man noch Bellini und Donizetti erwähnen,\nderen melodisches und scenisches Talent nicht bezweifelt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "210", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580703-01.1.2", "texte": "werden kann. So boten also zwischen 1815 und 1840\nDeutschland und auch Italien, obwohl letzteres in gerin-\ngerem Maasse, genug dar, was für die Musiker anderer\nNationen von grossem Interesse war.\nIst dies auch jetzt noch der Fall? Hat sich die Kunst\nauf der erreichten Höhe erhalten? Ist es noch nothwendig\noder wenigstens nützlich für den jungen Musiker, in die\nFremde zu reisen, um irgendwo etwas Besonderes zu stu-\ndiren, die Summe seiner Kenntnisse zu vermehren, sein\nTalent zu stärken?\nEs gibt eine Wahrheit, die in die x\\ugen springt, die\nsich nicht läugnen lässt, so traurig es auch ist, sie gestehen\nzu müssen: die Musik, oder vielmehr die Kunst überhaupt,\nist in eine Periode des Verfalls getreten. Hoffentlich wird\ndiese vorübergehend sein; sie ist aber da. Wohin ist die\nLyrik und der Boman gekommen? das Drama? die Ma-\nlerei? Ueberall Negation der Form, der Wahrheit, der\nErhabenheit des Gedankens und des Gefühls! Wo ist das\nIdeal des Schönen in der Musik zu finden unter dem Ge-\nmachten aller Art, das an die Stelle des Gedankens und\nder schöpferischen Kraft getreten ist ? Die grossen Meister\nsind abgeschieden oder stehen am Ende ihrer Laufbahn,\nder Bespect für ihre Werke mindert sich von Tag zu Tag,\ndas ernste, lange, beharrliche Studiren, das ihre glück-\nlichen Natur-Anlagen entwickelte, wird'von dem jüngeren\nGeschlechte verschmäht, das sich für viel zu hoch organi-\nsirt hält,\" um sich an irgend etwas zu halten, was man\nlernen muss.\nWas soll jetzt ein junger Künstler in Italien? Es ist\nbekannt, was von der dramatischen Musik dort noch übrig\nist; ich habe meine Meinung über Verdi oft ausgespro-\nchen und brauche sie nicht zu wiederholen. Die päpstliche\nGapelle ist in gewisser Hinsicht gar nicht mehr vorhan-\nden, die Kirchenmusik in Mailand, Venedig, Bom und\nüberall ist unter der Kritik. Die Kunst des Gesanges exi-\nstirt nicht mehr; Schreien und Kreischen ist an dessen\nStelle getreten.\nUnd in Deutschland? Seit länger als dreissig Jahren\nsind Beethoven und Weber begraben; Meyerbeer schreibt\nnur für Paris, Schubert und Mendelssohn sind dahin, selbst\nSchumann, in dem trotz seiner Mängel und der falschen\nBahn, die er betreten, doch ein Stück von einem Künstler\nwar, ist nicht mehr. Wohl gibt es noch einige verdienst-\nvolle Männer, die das Schöne aufrichtig lieben, Marschner\nin Hannover, Hiller in Köln, Beissiger in Dresden, Lach-\nner in München, auch Einige in Leipzig: aber was vermö-\ngen sie gegen die kunstzerstörende Coterie, die sich der\nmeisten Organe der öffentlichen Meinung bemächtigt hat\nund von der revolutionären Partei im Publicum unterstützt\nwird? Die Zeit wird ihr allerdings den Hals brechen; aber\nbis zu dem Augenblicke, wo man zu einer Kunst, die die-\nsen Namen verdient, zur Vernunft und zum Gefühl für\ndas wahre Schöne zurückkehrt, ist Deutschland für den\njungen Künstler, der noch keine Festigkeit des Urtheils\nund keine Erfahrung im Unterscheiden des Wahren und\nFalschen besitzt, ein gefährlicher Boden. Was soll aus\nseiner Hochachtung für die Werke der grossen Meister\nwerden, wenn er sie täglich geringschätzen hört? Die be-\nkannte Partei weiss sehr wohl, dass Aufführungen der\nschönen Compositionen einer früheren Zeit ihr die grösste\nGefahr bringen; desshalb sucht sie diese durch ihren Ein-\nlluss, wo sie nur kann, zu hintertreiben.\nEs gibt Dinge in dieser Hinsicht, die unglaublich schei-\nnen. Neulich besuchte mich in Brüssel ein sehr begabter\njunger Künstler aus Deutschland, der mir angelegentlich\nempfohlen war. Ich lud ihn zu einem Concerte des Con-\nservatoires ein, in welchem ich eine herrliche Sinfonie von\nHaydn so sorgfältig, als es in meinen Kräften stand, auf-\nführte. Der junge Mann war entzückt und rief aus: „O,\nwie wundervoll! davon habe ich noch keine Idee gehabt!\"\nWie? kennen Sie denn Haydn's Sinfonieen nicht?\n„Nein, bei mir zu Hause spielt man keine Note von seiner\nMusik; kaum habe ich seinen Namen einige Mal nennen\nhören*).\" Nun, es wird nicht lange dauern, so ergeht\nes Beethoven eben so; denn im vorigen Sommer sagte schon\nein Eingeweihter zu mir: „Man hat endlich genug von\nBeethoven gesprochen; er hat seine Zeit gehabt; jetzt muss\nman ihn ruhen lassen.\"\nAber abgesehen von den gegenwärtigen Zuständen,\nsind von je her nur wenige gekrönte und vom Staate mit\nBeise-Sticendien unterstützte französische Musiker bedeu-\ntende Componisten geworden, theils freilich durch eigene\nSchuld, theils aber auch durch die traurigen Verhältnisse,\nin die sie nach ihrer Bückkehr gerathen. Man verspricht\nihnen zwar vom Institut aus einen Operntext, allein in\nWirklichkeit ist nie die Bede davon. Die Unterstützung\nhört gerade da auf, wo sie am nöthigsten wird; der junge\nComponist will leben, und so bleibt ihm nichts übrig als\nStundengeben, das Grab des Talentes und der Phantasie.\nIst Einer so glücklich, einen Operntext aufzutreiben,\narbeitet er mit Lust und Eifer, nimmt er alles, was er von\nIdeen und Erinnerungen in sich hat, zusammen, ist er end-\nlich mit der Partitur fertig: dann geht dieNoth erst recht\nan. Er bewirbt sich bei allen Theater-Directionen, bei al-\n\n*) Wem das zu unglaublich klingen sollte, dem können wir ver-\nsichern, dass wir junge Künstler kennen und schätzen, welche\nsieben bis acht Jahre Musik in Leipzig studirt hatten und bei\nder Aufführung der „Schöpfung\" auf dem Musikfeste zu Düs-\nseldorf vor zwei Jahren über die Herrlichkeit dieser Musik\nentzückt waren, die sie bis dahin nicht gekannt, geschweige\ndenn gehört hatten. Die Redaction."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "211", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580703-01.1.3", "texte": "len Comite's um Annahme seines Werkes; man verspricht,\nman bestimmt den Tag zur Vorlesung, aber die Ausfüh-\nrung findet stets Hindernisse. Die Zeit vergeht, man muss\nleben also wieder Stunden geben. Endlich kommt der\nersehnte Tag, und die Oper wird nicht ange-\nnommen !\nSeit Stiftung des Reise-Stipendiums in der Akademie\nzu Paris sind 57 junge Musiker gekrönt worden; von ihnen\nhaben vier ihren Weg als Opern-Componisten gemacht:\nHerold, Ilalevy, Ambroise Thomas und Masse. Von Adam\nkann nicht die Rede sein, denn er war so glücklich, kei-\nnen Preis zu erhalten, und blieb in Paris. Einige Andere,\nRoisselot, Maillart, Razin, haben dann und wann einen\nkleinen Erfolg errungen, aber in langen Zwischenräumen.\nAlle Uebrigen sind am Stundengeben gestorben oder ver-\ndorben.\nDie Ursachen dieser Uebelstände und sie sind fast\nüberall dieselben liegen in zwei Dingen, in den politi-\nschen und moralischen Zuständen der Gesellschaft und in\nden Einrichtungen und Anstalten für die Kunst.\nDie Kunst blüht entweder durch die Protection der\nFürsten, oder sie stützt sich auf das Volk. Wenn ich sage:\nder Fürsten, so begreife ich darin auch die hohe Aristo-\nkratie, zu deren Kunstförderung das Staats-Oberhaupt die\nLosung gibt Italien bietet uns merkwürdige Reispiele der\nArt im sechszehnten, siebenzehnten und achtzehnten Jahr-\nhundert dar. In Frankreich nahm die Musik unter der\nStaats-Verwaltung Mazarin's, der Sinn dafür hatte, einen\nAufschwung. Die Regierung Ludwig's XIV. und die Re-\ngentschaft des Herzogs von Orleans waren günstig für die\nTonkunst. Man hatte vier Gapellmeister, vier Hoforganisten,\nmehrere Leiter der Kammermusik, was wir jetzt Concert-\nmeister nennen, Kammer-Clavicinisten, Componisten, Mu-\nsiklehrer der Pagen, ein Personal von Sängern und Instru-\nmentalisten. Alle waren fest angestellt, manche wohnten in\nden königlichen Schlössern, und alle erhielten nach gewis-\nsen Dienstjahren ihre Pension. Kirchenmusik war alle Sonn-\nund Festtage in der königlichen Capelle; Oper, Concert\nund Kammermusik bei Hofe.\n. *' Nr\nDie Grossen ahmten das Beispiel des Hofes nach.\nDer Herzog von Maine, der Prinz von Conti u. s. w., selbst\ndie Generalpächter hatten ihre Sänger, ihre Orchester und\nihre Capellmeister. Aus solchen Kreisen gingen Rameau\nund Gossec hervor.\nRekannt ist, was die Musik in Frankreich dem Sinne\nder Königin Marie Antoinette für die Tonkunst verdankt.\nIhre Unterstützung veranlasste und förderte die grosse\nUmgestaltung der dramatischen Musik durch Gluck, Sac-\nchini, Gr&ry. Auch die Einführung der grossen itaiiäni-\nschen Oper war ihr Werk. Die Sänger derselben wurden\ndie Vorbilder von Garat, und Garat gründete mit Mengozzi\ndie französische Sängerschule, aus welcher Nourrit, Pon-\nchard, Levasseur, Mad. Rranchu, Mad. Damoreau und viele\nAndere hervorgingen.\nVollends aber in Deutschland! Hier hielten alle Für-\nsten Capellen und berühmte Tonkünstler an ihrer Spitze.\nDiese Capellmeister waren, wenn auch nicht in einer glän-\nzenden Lage, doch hinlänglich für sich und ihre Familie\ngesichert, konnten in Ruhe leben und hatten viel Zeit lür\nsich, die von Geschäften frei war. So entstanden durch sie\nWerke, welche die Kenner noch jetzt hochachten, zum\nTheil bewundern. Es waren aber nicht bloss die weltlichen\nund geistlichen Fürsten der deutschen Länder, welche auf\ndiese Weise die Kunst beschützten; auch der hohe Adel\nin Oesterreich, Ungarn, Rohmen, Schlesien, Sachsen hatte\neigene Capellen, ja, selbst Theater auf seinen Schlössern.\nDie unsterblichen Werke von Joseph Haydn entstanden\ndurch die Gunst des Fürsten Esterhazy. [„Mein Fürst\",\nsagte Haydn selbst, „war mit allen meinen Arbeiten zu-\nfrieden. Ich erhielt Reifall, ich konnte als Chef eines Or-\nchesters Versuche machen, beobachten, was den Eindruck\nhervorbringt und was ihn schwächt, also verbessern, zu-\nsetzen, wegschneiden, wagen. Ich war von der Welt ab-\ngesondert; Niemand in meiner Nähe konnte mich an mir\nselbst irre machen und quälen, und so musste ich original\nwerden.\" biographische Notizen über J. Haydn.\nLeipz. Musik-Zeit. XI. Nr. 41 ff.]\nEs würde zu weit führen, alle ausgezeichneten Künst-\nler und Componisten zu nennen, welche Schutz und För-\nderung durch die Familien Motzin, Thun, Lobkowitz,\nKinski, Fürstenberg u. s. w. fanden; wir brauchen nur\nMozart und Reethoven zu nennen.\nAlles das ist vorbei. Viele grosse Familien sind zurück-\ngegangen, Vieles haben die Revolutionen erschüttert und\nzerstört, der musicalische Sinn der gebildeten Aristokratie\nleitet nicht mehr den Geschmack des Publicums. Wien,\nsonst die berühmteste Musikstadt man denke an Gluck,\nSalieri, Haydn, Mozart, Reethoven, um nur die Grössten\nzu nennen—, ist auf eine sehr niedrige Stufe musicalischer\nIntelligenz gesunken.\nEs scheint, als habe für die Tonkunst eine verhäng-\nnissvolle Stunde geschlagen. Auf die Periode, in welcher\nKaiser (wie viele waren nicht sogar selbst tüchtige Musi-\nker!), Könige, Fürsten und Grosse nicht bloss Sinn, son-\ndern wahre Leidenschaft für die Musik hatten, ist die ge-\ngenwärtige gefolgt, in welcher mit sehr wenigen Ausnah-\nmen fast keine Neigung für sie bei denen Statt findet, die\nauf den höchsten Stufen der Gesellschaft stehen. Ich mag\nnicht einmal sagen, dass die Musik ihnen ein Zeitvertreib\nist; man würde auch diesen gern entbehren, wenn nicht"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580703-01.1.4", "texte": "der Anstand erforderte, scheinbar etwas für die Tonkunst\nzu thun, weil derjenige, der gar keinen Sinn dafür hat\noder zeigt, für einen mangelhaft organisirten Menschen\ngilt; aber man beschränkt diese Gunst auf das engste\nMaass. Wo ist heutzutage der Monarch, der, wenn es noch\neinen Mozart gäbe, ihm, wie Friedrich Wilhelm 11. von\nPreussen, vertraulich sagen würde: „Bleiben Sie bei mir,\nlieber Mozart! Sie wissen, dass mir Ihre Musik der liebste\nGenuss auf der Welt ist.\"\nFür die Kirchenmusik insbesondere ist die Einziehung\nder Kirchengüter ein grosses Unglück gewesen. Dadurch\ngingen die Chorschulen und Domcapellen ein, und die Re-\ngierungen dachten und denken nicht daran, sie wieder her-\nzustellen. Was die Gemeinden oder die Capitel seit den\nletzten Jahrzehenden thun, um solche Anstalten von Neuem\nzu gründen oder wieder zu beleben, scheitert (mit weni-\ngen Ausnahmen in Süddeutschland) an der Unzulänglich-\nkeit der Mittel. Ehemals lieferten diese Schulen und Ca-\npellen eben so viele Capellmeister-Stellen, die den Compo-\nnisten sorgenfreie Lage und Zeit zum Componiren von\nKirchenmusik verschafften.\nMan darf sich wahrlich die ungeheuren Uebelstände\nnicht verhehlen, die aus den erwähnten Gründen hervor-\ngegangen sind; denn der Untergang der zwei erhabensten\nund idealsten Gattungen der Tonkunst steht dadurch be-\nvor, der Kirchenmusik und der Instrumentalmusik. Vom\nComponiren von Messen und Vespern, von Sinfonieen,\nOuvertüren, Quartetten und Sonaten kann Niemand leben\nund hat niemals Jemand gelebt. Dass Havdn in London\nund Beethoven in Deutschland mit Sinfonieen und Quar-\ntetten viel Geld verdient, haben, ist eine Ausnahme; und\ndennoch hätten sie nicht leben können, wenn sie darauf\nallein angewiesen gewesen wären. Die meisten Werke der\nfrüheren Meister wurden für grosse Herren oder beson-\ndere Zwecke componirt und waren gar nicht für den Ver-\nkauf bestimmt. Sie wurden durch Abschriften vervielfältigt\nund am Ende freilich gedruckt, aber chne dass ihre Auto-\nren auch nur für einen Heller Nutzen davon hatten. Indess\nihre Sachen wurden wenigstens aufgeführt, und sie wurden\ndurch Instrumental-Compositionen berühmt.\nIn unseren Tagen rühmt man es, dass die öffentliche\nMoral dem geistigen Eigenthum zu Hülfe gekommen. Alle\nAchtung dafür! Nur schlimm, dass dieser Schutz den Er-\nfolg hat, dass die Componisten von Instrumental-, nament-\nlich Kammer- und Orchester-Musik dadurch so ziemlich\nsicher sind, völlig unbekannt zu bleiben. Man denke sich\neine rüstige Künstler-Natur, eine von denen, die von der\nNoth leben, wenn sie nur schreiben können. Solch ein Mu-\nsiker hat Sinfonieen, hat Quartette geschrieben. Die letz-\nteren bringt er seinen Bekannten im Orchester mit der\nBitte, sie zu probiren. Du lieber Himmel! die guten Freunde\nhaben so viel zu thun, sie wissen die Zeit zu solchem Ver-\nsuche nicht zu finden. Endlich, um den Dränger los zu\nwerden, macht man sein Quartett irgendwo, in einem\nWinkel. Aber siehe da, es ist schön; die Spieler rufen\nBravo, dem jungen Componisten hüpft vor Freude das\nHerz, der Tag der Belohnung für ein Dasein voll Entsa-\ngung ist endlich gekommen. Glückselige Täuschung, die\nder nächste Augenblick wieder zerstört! Wie ist das\nmöglich? Er bittet die entzückten Freunde, sein Werk\nin einer ihrer öffentlichen Sitzungen hören zu lassen, ihn\neinzuführen in diesen gewählten Kreis von Kennern und\nMusik-Enthusiasten. „Lieber, bester Freund!\" lautet\ndie Antwort, „wo denkst Du hin? Dein Quartett ist vor-\ntrefflich, aber wie kann sich unser Publicum für Namen,\ndie es nicht kennt, interessiren? Soll es sich über ein neues\nWerk aussprechen, so schwankt es, fürchtet, sich zu bla-\nmiren, und bleibt lieber kalt und stumm. Bei Haydn, Mo-\nzart, Beethoven, allenfalls auch bei Mendelssohn, riskirt es\nnichts. Du wirst also einsehen, dass wir bei dem besten\nWillen Dein schönes Quartett nicht öffentlich spielen\nkönnen.\nHat der Arme den Muth, mit seinem Quartett zu einem\n%\nMusik-Verleger zu gehen, so kommt er aus dem Regen in\ndie Traufe. „Ein Quartett? Ich bitte Sie, wer kauft das?\nDiese Gattung hat ihre Zeit gehabt! Soll ich Ihnen helfen,\nso schreiben Sie mir ein paar Polkas, ein paar Potpourris\nauf Rigoletto oder Martha.\" Aber es gibt doch so viele\nQuartett-Cirkel; in Deutschland z. B. fast in jeder kleinen\nStadt einen. „Lieber Freund! das kennen Sie nicht.\nWir haben dort zwei Parteien. Vor den Classischen dürfen\ndie Quartett-Cirkel nichts Neues spielen: vor den Zukünft-\nlern aber noch weniger, weil Wagner, Liszt und Genossen\nkein Quartett schreiben können.\" Ach so!\nGesetzt aber, es fände sich—wir wollen das Unmög-\nliche annehmen - ein Verleger, der so kühn wäre, die\nKosten daran zu wagen. Gut; es ist fertig, er versendet es\nan seine Commissionäre und an die Handlungen, mit denen\ner in Verbindung steht. Da diese es aber nicht nachdrucken\ndürfen, so fragen sie wenig danach, ob es gut oder schlecht\nist, es bleibt in den Mappen vergraben, und ausser dem\nComponisten, dem Verleger und einigen Freunden weiss\nNiemand in der musicalischen Welt, dass es existirt.\n7 >\nEndlich kommt noch hinzu, woran die Künstler gröss-\ntentheils selbst schuld sind, dass man das Violinspiel der\nViotti, Rode, Baillot, Spohr verschmäht, um an die Stelle\ndes ergötzenden Wohlgefallens das Erstaunen über hals-\nbrechende Schwierigkeiten zu setzen. Und in Bezug auf die\nCompositionen schätzen die hohen Herren im Geigenreiche\njeden Quartett-Cirkel gering, der seine Studien nicht mit"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580703-01.1.5", "texte": "Beethoven s Opus 59 beginnt, um mit Opus 127 bis 135\nin die Öffentlichkeit zu treten. So geht die sonst so ver-\nbreitete Liebhaberei am Violinspiel verloren, die Quartett-\nCirkel von Dilettanten und hohen Kunstgönnern sterben\naus: wer soll also noch Kammermusik für Geigen-Instru-\nmente kaufen?\nDass es mit der Sinfonie noch schlimmer steht, wird\nNiemand läugnen. Vier Musiker bringt man wohl noch zu-\nsammen, um seine Arbeit wenigstens einmal zu hören zu\nbekommen; aber ein Orchester? Die stehenden Concert-\nInstitute haben meist ihr stehendes Programm, wenn sie\nauch in Deutschland bei Weitem nicht so engherzig daran\nhangen, wie die Conservatoire-Gesellschaften in Paris und\nin Brüssel. Dass irgendwo eine neue Sinfonie aufgeführt\nwerde, ist eine Seltenheit; dass sie im Druck erscheine,\nein Wunder; dass sie dem Componisten etwas einbringe,\neine Unmöglichkeit.\nBei diesen Zuständen ist die Furcht vor dem allmäh-\nlichen Untergange der zwei gediegensten und vollkommen-\nsten Gattungen der Tonkunst keineswegs eitel; denn ihr\nAnbau gewährt weder Mittel zur Existenz, noch gibt er\ndem Componisten innere Befriedigung durch Anerkennung\nund äussere Anregung. Die hauptsächliche Ursache des\nUebels liegt in dem immer mehr schwindenden Sinne der\nhöheren und gebildeteren Stände für das wahre Musica-\nlisch-Schöne und in dem materiellen Treiben der grossen\nMasse.\nSo werfen sich denn die Componisten, weil anderswo\ngar nichts zu hoffen ist, meist auf die Composition für das\nTheater, ohne lange zu prüfen, ob sie auch wohl Talent\ndazu haben. Warum? Weil trotz aller Hindernisse das\nTheater doch am Ende noch der leichteste Weg ist, be-\nkannt zu werden, und weil die heutige Theatermusik am\nwenigsten ernste Studien und tiefes musicalisches Wissen\nerfordert.\n\nBerliner Briefe.\n\n[Der Bach-Verein des Herrn Yierling: Bach's yl-dwr-Messe und\nHände Ts Acis und Galatee Oper: Cherubini' s Lodoiska;\nHerr Tichatschek, Herr Meyer, Fräul. Frassini. König o,3dipus\nmit Musik von H. Bellermann. Offenbach's\nBouffes Parisiens.]\nDen 26. Juni 1858.\nAm Anfange des Frühlings fand noch eines der in-\nteressantesten Concerte dieses Jahres Statt, die Aufführung\nder Bach'schen und der Händel'schen Sere-\nnade „Acis und Galatee\" durch den unter Leitung des\nHerrn Vierling stehenden Bach-Verein. Der noch\njunge Verein, von dessen Thätigkeit bisher öffentlich noch\nnichts bekannt geworden, und der sich vorzugsweise, wenn\nauch nicht ausschliesslich, das Studium Seb. Bach's zur\nAufgabe gestellt hat, konnte sich nicht besser introduciren,\nals durch diese Aufführung. Die beiden Werke, die den\nGegenstand derselben bildeten, und die, jedes in seiner Art,\nhochbedeutend sind, waren in der Concert-Literatur Ber-\nlins Nova und höchstens von einigen Musikern gekannt.\nSomit musste schon die Sache selbst allgemeine Theilnahme\nerregen. Die .A-dfwr-Messe von Bach, im Ganzen lieblich\nund klar, enthält, wie Vielen, die das Werk selbst nicht\nzu hören Gelegenheit hatten, aus der Compositionslehre\nvon Marx bekannt sein dürfte, einen Chor, das Christe\neleison, der als ein wahres Musterbeispiel gelten kann, wie\nman eine der scheinbar unfreiesten Formen, die des Cir-\nkel-Canons, nicht nur mit der grössten Innigkeit des Aus-\ndrucks zu verbinden, sondern diese durch die Strenge der\nForm sogar noch zu steigern vermag. Aber auch abge-\nsehen von diesem wunderbar vollendeten Satze, durch den\ndie J.-e?wr-Messe freilich ganz allein in der Geschichte und\nTheorie der Musik unvergessen bleiben wird, enthält sie\neinen Beichthum der kunstvollsten und-gemüthvollsten\nChöre und Arien. So namentlich der Chor „Gratias agi-\nmus\", der in seiner überschwänglichen Gefühls-Innigkeit,\nausser in den Werken Bach's selbst, höchstens noch in den\nspäteren Adagio's Beethoven's seines Gleichen findet; die\nSopran-Arie „Qui tollis peccata mundi\", die Alt-Arie und\nandere mehr. Von ganz anderem Geiste ist Händel's\nAcis und Galatee, eine Art Oper, reich an Arien, die aber\ntheilweise sehr frisch und empfindungsvoll oder, wie die\ndes Polyphem, von charakteristischem Gehalt sind, und in\nden Chören durch jene einfache Kraft und Gesundheit aus-\ngezeichnet, die überhaupt das eigenthümliche Kennzeichen\nHändel's bildet. Vorherrschend ist ein pastoraler Grund-\nton, namentlich in den Chören und in der Partie der Ga-\n-7 /\nlatee; das anmuthige Gemälde idyllischer Unschuld wird\ndurch zarte und feurige Liebesgesänge, durch die charak-\nteristische Komik des Cyklopen Polyphem, der als ein Vor-\nläufer Osmin's gelten kann, mannigfach belebt. Von be-\nsonders hervorragendem Werthe ist der Chor, der die An-\nkunft Polyphem's verkündet, und das den Gipfelpunkt der\nHandlung bildende Terzett zwischen Acis, Galatee und Po-\nlyphem, gewiss eines der frühesten Beispiele für die wahre\nMethode, ein dramatisches Ensemble zu schreiben. Die\nAufführung dieser beiden Werke konnte von Seiten der\nSoli zwar nur mässigen Ansprüchen genügen, da der Ver-\nein über bedeutende Solokräfte noch nicht disponirt und\nda überdies fast in der letzten Stunde in einer der Haupt-\nPartieen eine Aenderung eintreten musste. Die Chöre da-\ngegen, obschon nicht stark besetzt, sangen nicht nur mit\neiner dem Liebig'schen Orchester vollständig gewachsenen"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "214", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580703-01.1.6", "texte": ".Kraft, sondern so präcis und mit so eingehendem Ver-\nständnisse, dass der Eindruck des Ganzen ein sehr günsti-\nger war. Wir können uns freuen, dass neben die Sing-\nAkademie und den Stern'schen Verein noch ein dritter\nVerein getreten ist, der seine Aufmerksamkeit auf die rei-\nchen und noch immer nicht hinreichend gehobenen Schätze\nder Vergangenheit lenkt, und der einen so classisch gebil-\ndeten und praktisch erfahrenen Dirigenten besitzt, als den\nsich Herr Vierling in diesem Concerte bewies.\nAn der königlichen Oper, deren Ferien in vergange-\nner Woche begonnen haben, kam neu einstudirt die Lo-\ndoiska von Chernbini zur Aufführung. Es ist dankbar an-\nzuerkennen, dass die Intendanz die Einstudirung von Wer-\nken nicht scheut, von denen sie sehr wohl weiss, dass die\nCasse ein schlechtes Geschäft damit macht; und so hat sie\ndenn auch Anerkennung bei den älteren Theaterfreunden\nund bei den jüngeren Musikern genug geärntet. Wir glau-\nben freilich, dass manches andere Werk älterer Zeit, z. B.\ndie Medea von Cherubini, einen grösseren Anspruch darauf\nhätte, der lebendigen Kunstübung zurückgegeben zu wer-\nden ; indess wir wollen, obschon wir, aufrichtig gestanden,\nin der Lodoiska wenig finden, was unsterblich zu sein ver-\ndiente, gern zugestehen, dass das Werk in mehr als Einer\nBeziehung recht interessant ist. Vor allen Dingen ist aus-\nser der Keuschheit und Einfachheit, die überhaupt der\nclassischen Zeit eigentümlich ist, die geistreiche Instru-\nmentation, die Meisterschaft in der dramatischen Polypho-\nnie und die Wahrheit des Ausdrucks zu rühmen. Im Me-\nlodischen ist aber die Erfindung schwach, und überall fehlt\nder fortreissende Schwurig ursprünglicher Empfindung.\nBei aller Feinheit und Kunst in der technischen Ausfüh-\nrung wird man doch das Gefühl einer gewissen Dürre\noder wenigstens einer künstlichen Productivität nicht los;\nund in keinem der Werke, die wir bis jetzt von Cherubini\ngehört haben, ist er uns so sehr als ein Genius zweiten\nRanges erschienen, als in diesem. Dazu kommt, dass der\nInhalt der Handlung an eine der schlimmsten Perioden des\nTheatergeschmacks erinnert, an die Zeit, wo alle W'elt den\nExtremen der Rohheit und der Sentimentalität huldigte.\nDie Aufführung endlich war auch nicht der Art, um dem\nGanzen wenigstens den Schein der Frische zu geben.\nIm Uebrigen beschränkten sich die bemerkenswerthen\nEreignisse unseres Theaterlebens auf einige Gastspiele.\nUeber Tichatschek, der als Cortez, Tannhäuser und Ma-\nsaniello gaslirte, brauche ich nichts weiter zu berichten,\nals dass er, der einundfünfzigjährige Mann, durch die Fri-\nsche und Kraft seiner Stimme wahrhaft Sensation machte.\nMan nahm die Mängel seiner Methode, die übrigens noch\nbei Weitem nicht so schlimm sind, als bei den Tenören,\ndie das letzte Decennium hervorgebracht hat, geduldig hin\nund freute sich, wieder einmal eine Stimme zu hören, die\nsich nicht künstlich aufzuspreizen braucht, um den Ein-\ndruck eines Helden-Tenors hervorzubringen. Sein Erfolg\nwar diesmal günstiger, als bei seinem letzten Auftreten\nvor zehn Jahren, wo er in Berlin war, um die Aufführung\n• n\ndes Propheten möglich zu machen. Namentlich fand seine\nDarstellung des Tannhäuser vielen Beifall; man kann von\nihr sogar rühmen, dass sie einzelne Scenen der Oper in\nein günstigeres Licht zu stellen wusste, als in dem sie bis-\nher dem hiesigen Publicum erschienen waren. Nach ihm\ngastirte ein junger Tenorist aus Wien, Herr Meyer, der\nbedeutende physische Mittel und, wie es scheint, auch mu-\nsicalische und dramatische Empfindung besitzt, bis jetzt\naber an der vollen Verwirklichung se nes Talentes noch\ndurch mehrere störende Mängel der Tonbildung gehindert\nwird; sollte er, wozu Aussicht vorhanden, hier engagirt\nwerden, so kann er sich bei fernerem Studium zu einem\nrecht tüchtigen Mitgliede unserer Bühne emporschwingen.\nGetheilten Beifall fand Fräul. Frassini. Das Publicum\nwar im Grossen und Ganzen kalt gegen sie; den wärm-\nsten Beifall trug sie in einer Matinee mit einer langweili-\ngen Donizetti'schen Arie davon; bei den Musik- und Ge-\nsang-Verständigen hiess es: so viel Köpfe, so viel Sinne.\nUnserer Ansicht nach hat Fräul. Frassini eine sehr correcte\nTonbildung, eine nicht eminente, aber ausreichende Tech-\nnik und einen scharfen musicalischen Verstand. Aber die\naccentuirte Weise des modernen italiänischen Gesanges hat\nder Stimme, die von Natur eigentlich weich ist und diesen\ngrellen Betonungen im Vortrage noch immer Trotz bietet,\neinigen Schaden gethan. W ir hören im Einzelnen Töne\nvon einer Schönheit, von einem so rein ausgeprägten, edeln\nMetallklange, wie man sie selten hört; aber im Ganzen\nfehlt der sanfte, geschmeidige Fluss, die Stimme tremolirt\noft, weil sie zu sehr daran gewohnt ist, nur durch einen\nstarken Druck sich fest anzusetzen; der Auffassung fehlt\ndie ruhige, milde Innigkeit, das Ethos der Empfindungen.\nDarum wird dem unbefangenen Hörer doch nicht recht\nwohl dabei, so sehr er im Einzelnen auch die Schönheit\nder Stimme, die sorgfältige künstlerische Bildung, den ern-\nsten Sinn zu bewundern Gelegenheit haben mag.\nVon Herrn Heinrich Bellermann, dem Sohne des\nGymnasial-Directors, der durch mehrere Schriften über\ngriechische Musik in der gelehrten Welt bekannt ist, hör-\nten wir in der Weise der Mendelssohn'schen zurAntigone\nund zum Oedipus auf Kolonos eine vollständige Musik zum\nKönig Oedipus, die sich durch Stil, durch Adel und cha-\nrakteristischen Ausdruck vortheilhaft auszeichnet. Die Schü-\nler des Gymnasiums zum grauen Kloster, dessen Director\nder Vater des Componisten ist, führten die ganze Tragödie\nin griechischer Sprache und in vorzüglich gelungener Wreise"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580703-01.1.7", "texte": "auf. Dieses Beispiel verdient auch auf anderen Gymnasien\nNachahmung, und es ist in dieser Beziehung erfreulich,\ndass Herr Bellermann durch seine Composition ein solches\nUnternehmen von musicalischer Seite möglich zu machen\nhilft. Wir besitzen nun unseres Wissens die beiden oben\nerwähnten Werke von Mendelssohn, die Medea von Tau-\nbert, den Hippolyt von Schulz, den Ajax und den König\nOedipus von Bellermann ein schon recht stattliches grie-\nchisches Repertoire.\nDie Bouffes Parmens geben seit etwa anderthalb\nWoche im KroH'schen Locale Gast-Vorstellungen. Beim\ngrossen Publicum machen sie kein Glück; es fehlt ihnen\nO #\nindess nicht an Verehrern, namentlich in der haute volie\nund in der Journalistik. Auch wir gestehen, dass uns die\nOffenbach'sche Musik in einigen Stücken, namentlich in\n.Le Mariage aux lanternes\",sehr zierlich und anspre-\nchend erschien, und dass uns das gewandte, launige Spiel\nder meisten Darsteller höchlichst ergötzt. Die Musik zum\nBruschino von Bossini ist nicht bedeutend, aber gefällig\nund liebenswürdig. Doch sind in dieser Oper die einzelnen\nSänger den Aufgaben, die ihnen als Sänger zufallen, nicht\nganz gewachsen, und auch im Spiel sind sie nicht so un-\nterhaltend und keck, als in den Kleinigkeiten, die sonst ihr\nRepertoire ausmachen, und die gewisser Maassen nur eine\neinzelne Scene, eine Situation aus dem Volksleben dar-\nstellen.\n\nG. E.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nI&olll, 2 Juli. Ferdinand H iiier ist gestern nach Wiesba-\nden gereis't, um die dortigen Bäder zu gebrauchen.\nDie hiesige Theater-Unternehmung ist aus den Händen des Herrn\nKahle auf Herrn L'Arronge übergegangen; die Gründung eines\nActien-Theaters scheint also fürs Erste wieder aufgegeben zu sein.\nFräul. Christine Sauset von hier, Schülerin der Rheinischen\nMusikschule, hat in dem ersten Concerte des Herrn Bogortscheck\nim Seebade Scheveningen mit Beifall gesungen. Ihre Majestät die\nKönigin von Holland beehrte das Concert mit ihrer Gegenwart.\nDer Hof-Capellmeister Dr. 11. Marschner und Frau verweilen\nnoch hier in der Nähe auf dem Lande. Wir hatten vor Kurzem Ge-\nlegenheit, die Ouvertüre zu dessen neuester Oper „Hiarne\" im\nvierhändigen Clavier-Auszug (Manuscript) zu hören; sie ist nicht\nbloss eine Introduction, sondern, wie von Marschner nicht anders\nzu erwarten war, ein in vollendeter Form ausgeführtes Orchester-\nstück (Andante und Allegro) voll Milde und Feuer nnd durchweg\ngenialem Schwung.\nf Minden. Herr Karl Bansi hierselbst (den Gathy seinen\nfleissigsten Mitarbeiter bei seinem musicalischen Lexikon nannte) hat\nals Zeichen der Anerkennung für Bestrebungen im Bereiche des mu-\nsicalischen Wissens von Sr. Majestät dem Könige von Hannover die\ngoldene Medaille empfangen.\nBerlin. Die königliche Kammersängerin Fräul. Herrenburg-\nTuczeck hat ihren contractlichen Urlaub angetreten. Die Künst-\nlerin macht eine Badereise nach Ischl.\nBaden-Baden« Das jährliche musicalische Fest wird hier\nam 28. August Statt finden. Die Leitung hat H. Berlioz übernom-\nmen. Demoiselle Artot und Roger werden dabei mitwirken. Von\nViolinisten werden Sivori und Hermann erwartet. Panofka\naus Paris ist hier; er arbeitet an einem Werke über den Elementar-\nGesangunterricht nach einer neuen Methode.\n§tuftgaH? 20. Juni. Die sse S. Bach's kam gestern\ndurch den Verein für classische Kirchenmusik unter Faisst's Leitung\nzur Aufführung. Für die Soli hatten sich hervorragende Mitglieder\nder Hofcapellc mit dankenswerther Bereitwilligkeit angeschlossen\n(Frau Leisinger, Fräul. Marschalk, die Herren Kauscher und Schüttky);\ndas Orchester war ebenfalls von der Hofcapelle gestellt. Die Aus-\nführung, welche selbst nach Bach'schem Maassstabe ungewöhnliche\nSchwierigkeit bietet, war in jeder Hinsicht würdig und wohlgelun-\ngen, der Eindruck tiefgehend, stellenweise überwältigend.\n„Clarissa Harlowe\", lyrisches Drama von Sacch6ro,\nMusik von N. Perelli, wurde eigens für die italienische Saison des\nJahres 1858 in Wien componirt und ist die zweite neue Oper, mit\nwelcher diese Saison dem Publicum aufwartete. Der im Ganzen\nschwache Besuch zeigte, mit welchem Misstrauen man den Erstlin-\ngen der italiänischen Maestri entgegensieht, und es waren doch nebst\nder Medori die Herren Debassini, Bettini und Angelini in den Haupt-\nrollen beschäftigt. Das Misstrauen des Publicums ist leider auf die\nglänzendste Art gerechtfertigt worden, und wohl denen, die weislich\nweggeblieben sind. Der Kern des Textes ist einem einst berühmten\nund vielgelesenen Roman von Richardson in acht dicken Bänden\nentlehnt» Wer kennt nicht den Verführer Lovelace dem Namen nach?\nDer Librettist hat diesen Stoff in drei kurze Acte, deren jeder eigent-\nlich nur aus einer Scene besteht, zusammengedrängt. Dürftigeres in\nder Handlung kann wohl kaum geboten werden; von einer aus den\nallgemeinsten Umrissen heraustretenden Charakteristik, von irgend\neinem feineren Zuge in den ausgedrückten Seelen-Zuständen? von\nGeist und frischem Leben ist keine Spur in diesem Buche; dennoeb\naber enthält es Elemente genug, die an und für sich der musicali-\nschen Behandlung günstig sind und einem talentvollen Componisten\nGelegenheit gegeben hätten, hübsche Effecte zu erzielen. Herr Pe-\nrelli ist aber durchaus talentlos, er arbeitet knechtisch nach der\nVerdrehen Schablone, ohne Geist, ohne Geschmack, ohne Geschick.\nNirgends ist auch nur eine Spur von Selbstständigkeit anzutreffen,\nkeine Phrase, kein melodischer Ansatz tritt aus dem Geleise des\nAllergew öhnlichsten heraus; Gemeinplätze und Trivialitäten der ärg-\nsten Art, breit ausgesponnen, begegnen uns Schritt für Schritt, aber\nnicht als liebe, alte Bekannte, sondern als ermüdende, langweilige\nAlltagsschwätzer; mit Einem Worte: die Musik ist ganz reizlos, von\neiner melodischen Erfindung keine Spur darin, die Instrumentirung\nleer und nichtssagend; die häufig angewandten Nothbehelfe mit Har-\nfen-, Flöten- und Horn-Solos u. s. f. vermögen die Armuth nicht\nzu verdecken, sondern stellen sie vielmehr erst recht ins Licht. Die\nGlaque war sehr rührig, und der Componist wurde einige Male ge-\nrufen. Von den Darstellenden ist zuerst Herr Debassini zu nen-\nnen, der durch seinen ausdrucksvollen Gesang das Möglichste für\ndas Werk that Auch Herr Bettini wusste seine kraftvolle Stimme\nin seiner grellen Vortragsweise geltend zu machen. Herr Angelini\nbefriedigte in seiner nicht sehr bedeutenden Partie. Mad. Medori\nhatte in Ueberfülle Gelegenheit, zu schreien, und benutzte sie con\namore ; dessgleichen trat die Mangelhaftigkeit ihier Gesangesbildung\nin den figurirten Stellen zu Tage, und auch ihre Intonation war\nnicht tadellos. An Beifall fehlte es den Darstellern nicht. Das Or-\nchester unter der Leitung des Herrn Capellmeisters Proch lies*\nsich nichts zu Schulden kommen.\nDie „Wiener Blätter für Musik und Theater\", redigirt von\nZellner. haben mit dem letzten Juni zu erscheinen aufgehört. Ein"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "216", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580703-01.1.8", "texte": "neues Blatt unter dem Titel ~Neu Wien\" enthält auch eine Rubrik\nfür Theater, welche von Zcllner redigirt wird.\nUnsere Stadt hat einen tüchtigen Schriftsteller, Musiker\nund Kritiker verloren. Sonntag den 6. Juni starb in Yrschovic bei\nPrag im 48. Lebensjahre Ludwig Ritter von Rittersberg, am 19. No-\nvember 1809 in Prag geboren. Von seinen Tondichtungen ist die\nbedeutendste die Oper „Idamor\", zu welcher er sich selbst den Text\nnach einer französischen Dichtung verfasste, und die im Saale des\nConservatoriums zu Prag im Jahre 1838 aufgeführt wurde. Im Jahre\n1841 wurde Rittersberg als Gesang-Director nach Lemberg berufen,\nwo er seine Müsse hauptsächlich zu Studien auf dem Gebiete der\nslawischen Literatur benutzte. Abgesehen von zahlreichen Beiträgen\nin verschiedene böhmische, polnische und russische Zeitschriften,\nverfasste er eine Reihe beachtenswerther Schriften.\nIn Press bürg ist das Haus, in welchem Hummel am 14.\nNovember 17 78 geboren wurde, gegenwärtig durch den Verein für\nKirchenmusik mit einer Gedenktafel geschmückt worden.\nParis« Am 20. Juni führte der Männergesang-Verein von Emil\nCheve in der Kirche zu St. Germain TAuxerrois die dritte Messe\nfüc vier Männerstimmen ohne Begleitung von Frederic Vir et,\nCapellmeister dieser Kirche, auf.\nIn Dublin ist neulich Mozart's Don Juan in einer Privat-Ge-\nsellschaft durch Marionetten aufgeführt worden. Das Orchester\nwar sichtbar, die Sängerinnen und Sänger aber nicht; sie sangen\nhinter der Scene. Ob man durch diese curiose Aufführung die Pos-\nsenreissereien mancher Sänger auf dem wirklichen Theater, z. B. in\ndem Terzett mit Elvira am Fenster und andere Scenen, habe persi-\nfliren wollen, oder ob die irländische Etiquette den Dilettantinnen\nnicht erlaubt, Theatersachen sichtbar zu singen, und sie vorziehen,\nsich lieber durch Puppen repräsentiren zu lassen, lässt die betref-\nfende Correspondenz unentschieden.\nStockholm« Eine neue Sinfonie von Lindblad wurde hier\nkürzlich aufgeführt, und noch vor Ende der Saison erwartet man\ndie Vorführung einer anderen Compositum desselben Meisters, die\nden Titel „Die Träumer4' führt."}]}