{"numero_id": "bm-bmtnabi-1858-07-10-01", "volume": "bmtnabi_1858-07-10_01", "ocr_sha256": "6beb993e024171b9b7541db34a904f4929d343c27d7beba28ed1ac205ba52528", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1858/07/10_01/bmtnabi_1858-07-10_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1858-07-10-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-07-10_01#c001", "volume": "bmtnabi_1858-07-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "217", "page_fin": "217", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "217", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 359, "texte": "Inhalt.\nUeber den gegenwärtigen Zustand der Tonkunst und die Lage junger Componisten. Von d. Aelt. 11. Franz\nLiszt. Lebensskizze von Jul. Schuberth. - Aus Basel (Musik-Zustände). Sonst und Jetzt. Weimar, den 24. 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Aber das ist\noffenbar, dass die jetzigen Verhältnisse die Entwicklung\nund das Durchdringen eines musicalischen Genie's nicht\nnur nicht begünstigen, sondern fast unmöglich machen.\nStaats-Einrichtungen werden natürlich kein Genie erzeu-\ngen, aber sie können die Zustände für ein Genie, wenn\nes da ist, bessern und Einrichtungen schaffen, die sein\nEmporkommen erleichtern.\nMit mehr Recht kann man einwerfen, dass, wenn et-\nwas nicht mehr in den Sitten und Empfindungen des Vol-\nkes wurzelt, kein Institut von oben es mit Gewalt wieder\neinführen könne. Darauf ist nur zu erwidern, dass das\nstille Wirken der Zeit und der Gewohnheit, wenn ihm die\ngehörige Bahn vorgezeichnet wird, Resultate herbeiführt,\nwelche gewaltsame Maassregeln von Haus aus unmöglich\nmachen. Wäre dem nicht so, so würde alle Sorge des\nStaates für die sittliche Entwicklung der menschlichen Ge-\nsellschaft überllüssig sein.\nFür unsere Frage ist der Hauptpunkt folgender: Le-\nbensbedingung für die Tonkunst ist der Anbau der ernste-\nsten und reinsten Gattungen derselben; folglich sind Ein-\nRichtungen nothwendig, die denjenigen Künstlern, welche\nfür diese Gattungen arbeiten können und wollen, ehren-\nvolle und materiel vollkommen gesicherte Stellungen ver-\nschaffen.\nDer Sinn für die ernste Tonkunst ist bei dem Volke\nim Abnehmen, wenn er nicht schon ganz verschwunden\nist; ihr Cultus ist eine Ausnahme. Es ist am Ende das\nNämliche auch bei der Poesie und Malerei der Fall. Das\nGefühl für das grossartig Schöne ist abgestumpft; das\nHübsche, das Kleine, das Niedliche wird geliebt. Ein sehr\nunterrichteter Staatsmann in Paris äusserte sich gegen mich\nzur Zeit der Ausstellung von 1855 folgender Maassen:\n„Die Kunst hat ihre Zeit gehabt; jetzt ist die Zeit der In-\ndustrie und der praktischen Wissenschaft für das allge-\nmeine Wohl.\" Wenn dem also wäre, so würde das\neine Entartung der Menschheit bekunden, erwiderte ich.\n„Vom Standpunkte der Gefühls-Anschauung aus mö-\ngen Sie vielleicht Recht haben; aber die menschliche Ge-\nsellschaft altert eben so, wie der einzelne Mensch; sie ver-\nzichtet auf die Poesie ihrer Jugend, um sich an das Reelle\nund Positive zu halten, und ersetzt die Lebenskraft ihrer\nerschöpften Leidenschaften durch die sociale Mechanik,\ngerade so, wie man mit Vortheil an die Stelle der unge-\nnügenden Kräfte des Menschen die Wirksamkeit der Ma-\nschinen setzt. Bei solchen Zuständen kann die Kunst nur\nnoch den Zweck haben, uns in müssigen Augenblicken zu\nzerstreuen.\"\nDas klingt grässlich; aber es liegt leider eine thatsäch-\nliche Logik darin, die sich nicht widerlegen lässt und ähn-\nliche Ansichten fast zum Ausdruck der Lebensanschauung\nder Masse der gegenwärtigen Menschheit macht. Aber\nEines ist dabei vergessen, was alle die Nützlichkeits-Theo-\nrieen dieser socialen Apostel zu nichte macht; das ist das\nGefühl, das aus der Natur des Menschen nicht wegzu-\nstreichen ist. Dieser wesentlichste Theil der menschlichen\nOrganisation wird die Kunst retten, und es kommt nur"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "218", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5339, "texte": "darauf an, die schlummernden Keime des Gefühls für das\nSchöne, die eben so gut in dem Menschen liegen als der\nTrieb zum Nützlichen, zu wecken und zu pflegen, um die\nWirkung der Kunst auf die sittliche Würde, auf die Rei-\nnigung des Herzens und die Erhebung zum Edlen und\nCrossen wiederum zur Geltung zu bringen.\nWie dies in Bezug auf die Tonkunst anzufangen sei,\ndarüber wollen wir einige praktische Vorschläge zu ma-\nchen suchen, da nur durch praktische Einrichtungen ge-\nholfen werden kann und jedes philosophische Raisonnement\nvon dem Umschwünge des Weltrades, das sich um die\nAchse des Yortheils dreht, unbarmherzig zermalmt wird.\nWir fassen zunächst die Kirchenmusik ins Auge*.\nHier ist durch die Regierungen allein ohne Mitwirkung\nder Geistlichkeit nichts zu machen. Hier und da bestehen\nnoch so genannte Dom-Capellen oder Dom-Chöre; sie sind\naber mit sehr wenigen Ausnahmen nur ein Schatten von\ndem, was sie einst waren, und was sie sein sollten.\nBei allen Hauptkirchen der Diözesen müssen Capellen\ngegründet werden, deren Bestehen durch reichliche Mittel\naus der Staatscasse oder dem Kirchengute gesichert wird.\nGesang ist dabei die Hauptsache und Achtung vor den al-\nten Traditionen, damit wir nicht die Oper in die Kirche\nbringen. Auch wollen wir ja gerade durch unsere Einrich-\ntungen den besonderen Charakter der Gattung bewahren\nund vor Entartung schützen. Wir wollen in der Kirche\nkeine dramatische Aufregung, folglich bedürfen wir auch\nder Mittel nicht, welche das dramatische Colorit erfordert.\nMenschenstimmen und die Orgel genügen für das religiöse\nGefühl. Man glaube ja nicht, dass die Musik ohne das Or-\nchester monoton werden würde; die Monotonie, einer der\nHauptfehler der modernen Musik, entsteht gerade daraus,\ndass man überall dieselben Effecte durch dieselben Miltel\nbewirkt hört. Es liegen für den, der den mehrstimmigen\nGesang zu behandeln weiss, hinlänglich reiche Quellen der\nMannigfaltigkeit in der Gruppirung und in der polyphonen\nFührung der Stimmen im Verein mit der Orgel, oder wie-\nderum getrennt von ihr, und in den zarten und gewaltigen\nKlangwirkungen dieses majestätischen Instrumentes.\nEine jede Dom- oder Hauptkirchen-Capelle müsste\nfolgende Zusammensetzung haben:\n1. Einen Capellmeister, Dirigenten der Kirchenmusik,\nComponisten und zugleich Lehrer der Harmonie- und Com-\npositionslehre für die vorgerückten Chorknaben. Gehalt\n0000 Francs.\n2. Einen Chorpräfecten oder Chormeister, welcher die\nErziehung, den musicalischen Elementar-Unterricht der\nChorknaben leitet und in dem Gebäude, wo sie beisammen\nwohnen, die Oberaufsicht führt. Gehalt 2000 Francs.\n3. Einen Gesanglehrer. Gehalt 1500 Francs.\n4. Einen Organisten, der ausser dem Kirchendienste\nverpflichtet ist, Unterricht im Orgelspiel an talentvolle Chor-\nknaben zu geben. Gehalt 2000 Francs.\n5. Zwölf Chorknaben, nämlich sechs Soprane und\nsechs Alte, welche in der Chorschule wohnen oder sie re-\ngelmässig besuchen. Stipendium für jeden 800 Francs.\n6. Sechs Tenoristen, jeder mit 1000 Francs Gehalt.\n7. Sechs Bassisten, eben so.\nMan braucht nicht erst zu sagen, wie viel bei gehöri-\nger Leitung und gehörigem Studium eine solche Capelle\nleisten und wie sehr sie auf den Geschmack dos Volkes\nfür schöne Musik einwirken würde. [Der Dom-Chor in\nBerlin liefert einen trefflichen Beweis dafür.]\nAusserdem würden diese Capellen für die Tonkunst\nnoch in zwei Punkten von entschiedenem Nutzen sein, für\nden Gesang und für das Orgelspiel. Alle diejenigen, welche\nnach der Mutation eine schöne Stimme behielten, würden\nals gebildete Sänger und tüchtige Musiker aus der Chor-\nschule hervorgehen und den immer fühlbareren beklagens-\nwerthen Mangel an wirklichen Sängern ersetzen.\n[Darauf spricht sich der Verfasser über den jammer-\nvollen Zustand des Orgelspiels in Frankreich — und in\nBelgien, hätte er hinzusetzen müssen — aus und hofft von\nder vorgeschlagenen Einrichtung und von der besseren Be-\nsoldung der Organisten Besserung dieses Zweiges der Ton-\nkunst. Deutschland ist allerdings immer noch die beste\nHeimat des Orgelspiels im Vergleich zu anderen Ländern;\nallein dass auch wir darin gegen das vorige Jahrhundert\ngar sehr zurückgegangen sind, ist offenbar. Wie es für die\nKunst und Wissenschaft überhaupt ein Unglück ist, dass\nunser Erziehungs- und Unterrichts-Wesen immer mehr\nnur auf universale Bildung hinarbeitet und die Entwick-\nlung von Specialitätcn keineswegs begünstigt, so zeigt sich\nder böse Einfluss dieser Bichtung auch in dem Studium\nder Tonkunst und in der Beschäftigung mit ihr. In dieser\nBeziehung sind das „Drama der Zukunft\" und „die All-\nkunst\" mehr als Hirngespinnste; sie sind Ausgeburten der\nangedeuteten Bichtung und die Gipfelung derselben in\nHinsicht auf die Kunst. Auch die Erscheinung, dass der\nComponist zugleich Dichter sein will für seine Vocalmusik,\ngehört dahin. Während auf diese Art die löbliche und dem\ngründlichen Studium günstige Achtung vor dem Iland-\nwerksmässigen in Kunst und Wissenschaft (Schuster, bleib'\nbei deinem Leisten! im höheren Sinne genommen) immer\nmehr verschwindet, wird der so genannte Fortschritt in\nder Bildung nichts Anderes als eine Ausdehnung in die\nBreite, oder richtiger ein Uebcrgang zur Oberflächlichkeit,\nd. h. in der Kunst zum Dilettantismus. Wenden wir dieses\nauf das Orgelspiel an, so finden wir auch da, dass jeder\nSchullehrer und Küster einer Organisten-Stelle gewachsen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "219", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3583, "texte": "sein solle und häufig genug sich einer solchen auch ge-\nwachsen dünkt. Wie viel Organisten-Stellen haben wir\nnoch, die so viel einbringen, dass ein Künstler allein\ndavon anständig leben könnte? Ich glaube, kaum Eine.\nJa, es sind mir Fälle bekannt, wo man in Städten alther\nfundirte Organisten-Stellen eingehen liess, um die Leh-\nrer-Gehalte zu verbessern! Man verlheilte das Einkommen\nunter vier bis sechs Lehrer und trug ihnen insgesammt\nden Orgeldienst auf, unbekümmert um ihre Tüchtigkeit\nals Musiker. Dass bei solchen Umständen der Organist als\nsolcher den „Dienst\" buchstäblich nimmt und ihn nur wie\neine Nolhdurft verrichtet, ist nicht wohl anders möglich.\nSo erfreulich es ist, dass für den Orgelbau in unseren Ta-\ngen von den Gemeinden viel gethan wird, so traurig ist es\nauf der anderen Seite, häufig neue, schöne Orgeln anzu-\ntreffen und keinen, der sie spielen kann. Mit dem Unter-\nrichte im Orgelspiel, der auf den deutschen Musikschulen\nerlheilt wird, ist es nicht gethan; wir müssen die Schul-\nlehrer-Besoldungen aus anderen Quellen erhöhen und,\nwenigstens in den Städten, besondere Organisten-Stellen\nmit gutem Gehalt haben, wenn wir diese herrliche Kunst,\ndie Traditionen derselben und den Ruhm ihrer Meister in\nDeutschland bewahren wollen. Die neuerdings wieder be-\nliebte engere Verbindung von Kirche und Schule, im Geiste\nvortrefflich, läuft für das musicalische Element in der\nchristlichen Kirche und den Schullehrer, der es als Cantor\nund Organist vertritt, in der Regel nur auf dessen Unter-\nordnung unter den oft musicalisch ganz unwissenden Pfar-\nrer hinaus.]\nDie vorgeschlagenen Gehälter werden hoch angesetzt\nscheinen; allein der Erfolg der ganzen Einrichtung kann\nnur dann als gesichert betrachtet werden, wenn die ersten\nStellen durch Gehalt und Rang so beschaffen sind, dass\nsich die ausgezeichnetsten Künstler und Componisten darum\nbewerben. Eine grosse Anziehungskraft lür solche würde\nes dann auch sein, dass ihnen durch ihre Stellung die\nschönste Gelegenheit geboten würde, ihre eigenen Werke\nzu hören und aufführen zu lassen, und es könnten durch\nsolche Vortheile und solche äussere Anregung der Künst-\nler vielleicht jene Zeiten wieder kommen, welche den un-\ngeheuren Reichthum an Kirchen-Compcsitionen erzeugt\nhaben, als jeder Dom-Capellmeister oder Organist, katho-\nlische und protestantische, für seine Kirche und seinen\nChor schrieb, und seine höchste, oft einzige Befriedigung\nin der Aufführung seiner Messen, Vespern, Cantaten, Psal-\nmen, Choräle u. s. w. fand.\nDer Ausgabe-Bestand für eine so, wie oben angege-\nben, eingerichtete Kirchen-Capelle würde in runder Summe\n33,000 Francs betragen (in Frankreich mithin für fünf-\nzehn erzbischölliche Sprengel beinahe 500,000 Francs.)\nDas scheint viel zu sein; aber es handelt sich bei der Wie-\ndergeburt der Kirchenmusik nicht bloss um einen wichtig-\nsten Theil der Kunst, sondern auch um die moralische\nEinwirkung auf das Volk. Die Unterstützungen der gros-\nsen Theater in Paris und der Hoftheater in den Reziden-\nzen Deutschlands raffen zehnmal grössere Summen hinweg.\nWenn wir nun auch diese Unterstützungen an und für\nsich nicht tadeln, so lehrt doch der Augenschein, dass die\njetzt herrschende Art der Verwendung, die nur dem\näusseren Prunk zu Gute kommt, wahrlich nichts zur He-\nbung der dramatischen Musik, sondern eher zum Gegen-\ntheil beiträgt. Die Summen, die der Staat (und da, wo sie\nnoch Vermögen hat, die Kirche) auf die Erneuerung und\nVerbesserung von Kirchen-Capellen wenden würde, wären\nmithin in künstlerischer und moralischer Hinsicht wahrlich\nweit eher zu rechtfertigen.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-07-10-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-07-10_01#c003", "volume": "bmtnabi_1858-07-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "219", "page_fin": "221", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.2.3", "titre_corps": "Franz Liszt.", "titre_sommaire": "Franz Liszt.", "signature_source": "Julius Schuberth", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "219", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.1.3", "debut_caractere": 3585, "fin_caractere_exclue": 5256, "texte": "Franz Liszt.\n\nLebensskizze von Jul. Schuberth*).\nFranz Liszt wurde am 22. October 1811 zu Raiding\n(Gespannschaft Oedenburg) in Ungarn geboren. Sein Vater\nAdam Liszt war rechnungsführender Beamter des Fürsten\nEsterhazy und selbst ein guter Musiker; er spielte fertig\nVioline, Violoncell undPianoforte. Künstler verkehrten gern\nmit ihm und hatten gastfreien Zutritt in seinem Hause; so\nzählte er zu seinen besten Bekanntschaften Hummel, Che-\nrubini, J. Haydn u. s. w. Franz ist das einzige Kind seiner\nEltern. Sein Vater begann den Pianoforte-Unterricht mit\nihm, als er sechs Jahre alt war, nicht früher. Seine schnel-\nlen Fortschritte waren merkwürdig, so dass er schon nach\ndem dritten Jahre in einem öffentlichen Concerte in Oeden-\nburg das schwierige Es-dur-Concert von Ferd. Ries mit\ngrösster Vollendung vortrug, so wie er auch schon zu da-\nmaliger Zeit durch seine freien Phantasieen Staunen er-\nregte. Der gute Erfolg fernerer Concerte, zu welchem auch\ndas von den ungarischen Grafen Amadee und Zapary auf\nsechs Jahre ausgesetzte Jahrgehalt von 600 Gulden zur\nferneren Ausbildung seines Franz gehörte, bestimmten den\nVater, seine Beamten-Stelle beim Fürsten Esterhazy auf-\nzugeben und im Jahre 1821 nach Wien zu gehen. Franz\nübte daselbst das Pianoforte unter Czerny's Leitung mit\nvollem Eifer über achtzehn Monate, während er gleichzei-\ntig bei Salieri mit Erfolg Composition studirte. Diese acht-\nzehn Monate emsigen Fleisses hatten bei dem kleinen Vir-\ntuosen Wunder gethan; er fühlte sich alsbald stark genurs;\n\n*) Aus dem Manuscripte zur fünften Auflage des musicalischen\nHandbuches desselben Verfassers (im Selbstverlage von J. Schu-\nberth & Comp, in Hamburg)."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "220", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5621, "texte": "zu einem öffentlichen Concerte, und sein erstes Auftreten\nin Wien erregte das grösste Aufsehen. Ein Concert folgte\ndem anderen, deren Erfolge sowohl in artistischer als pe-\ncuniärer Beziehung glänzend ausfielen. Ermuthigt dadurch,\nbeschloss der Vater, mit seinem Franz im Jahre 1823 eine\nKunstreise nach Paris zu machen, und schlug den Weg\nüber München, Stuttgart u.s.w. ein, wo sich Franz über-\nall mit grossem Erfolg hören liess. In der französischen\nHauptstadt angelangt, trat der nun zwölfjährige Virtuose\nmit gleich entschiedenem Glück daselbst auf; nahe an dreis-\nsig Mal liess er sich hören. Ungeachtet dieser bedeutenden\nAnstrengungen war Franz nicht nur unablässig lleissig,\nsein Pianofortespiel zu erweitern, sondern studirte auch mit\nLeidenschaft während seines einjährigen Aufenthaltes in\nParis unter dem berühmten A. Reicha den Contrapunkt\nbis zu den letzten verwickelten Aufgaben. Liszt fühlte nun\neine förmliche Passion zur Composition, sowohl für das\nPianoforte als auch für die Oper, und versuchte sich in\neiner letzteren, betitelt Don Sancho oder Das Schloss der\nLiebe, wozu ihm ein Freund das Textbuch lieferte. Diese\nOper, voller Eigentümlichkeiten und reich an Melodie,\nwurde fünf Mal beifällig auf dem ersten Theater in Paris,\nAcademie royale,gegeben. Einige Zeit darauf (Herbst\n1820) verfiel der herangereifte Jüngling in religiöse Schwär-\nmerei; Musik war ihm zuwider. Jetzt sann der Vater auf\nAenderung seines Gemüthes; er beschloss einen Kunst-Aus-\nflug nach der Schweiz, den er sofort ausführte, und ging\ndann von dort nach England. Die Triumphe, welche Franz\nüberall feierte, namentlich im Drurvlane-Theater in Lon-\n«J\ndon, erweckten in ihm neue Liebe zur Kunst. Die heftigen\nAnstrengungen jedoch, welche die vielen Concerte beglei-\nteten, hatten Franz sehr angegriffen, und der Vater sah\nsich veranlasst, mit ihm ins Bad nach Boulogne zu gehen,\ndas ihn auch sehr bald kräftigte, wo aber am St.-Augustus-\nTage des Jahres 1827 sein Vater starb. Jetzt kehrte Liszt\nzu seiner Mutter nach Paris zurück. Er begann nun mit\nBeharrlichkeit, zu componiren, zu studiren, zu concertiren\nund zu instruiren, um so sein Leben zu fristen. Es verstri-\nchen so einige Jahre, bis seine Thätigkcit abermals durch\neine religiöse Schwärmerei (eine natürliche Folge seines\nexallirten Geistes) unterbrochen wurde, diesmal jedoch\nnicht \\on langer Dauer. Da rückte das Jahr 1834 heran,\nwelches für Liszt durch ein bedeutendes Privat-Ereieniss\nC\nein verhängnissvolles wurde (nämlich die Anknüpfung\nwenngleich unter widerstrebenden Umständen-—einer inni-\ngen !!erzens-\\ erbindung) und ihm Veranlassung gab,\nParis auf längere Zeit zu verlassen. Liszt ging nun zunächst\nnach der Schweiz, von dort nach Italien, durchreis'te dann\nconcertirend Deutschland, Ungarn, Russland, Schweden,\nDänemark, Spanien u. s. w., wo er überall mit unbe-\nschreiblichem Enthusiasmus aufgenommen wurde und bei-\nspiellose Triumphe feierte; namentlich zeichnete ihn Un-\ngarn aus, wo er das Ehren-Bürgerrecht zweier Städte\n(Ofen und Pesth) erhielt, und ihm auf dem National-Theater\nin Pesth ein Ehrensäbel überreicht wurde u. s. w. x\\lle\nAuszeichnungen und Ehren, die einem Künstler nur irgend-\nwie zu Theil werden können, hat Liszt in reichem Maasse\nüberall, wo er sich hören und blicken licss, namentlich\naber in Berlin, Köln, Königsberg, Hamburg u. s. w., er-\nhalten, und als specifische Facta dafür mögen gelten, dass\nihm die Universität Königsberg das Doctor-Diplom über-\nsandte, ferner, dass er zum Ritter hoher Orden von fast\nallen regierenden Häuptern ernannt worden.\nNun über Liszt's Standpunkt als Künstler, sowohl Vir-\ntuose als Componist. Als Ciavierspieler steht Liszt uner-\nreicht da und wird auch wohl schwerlich je übertroffen\nwerden; er ist unstreitig der grösste Pianist, der bis jetzt\nerschienen. Seine glänzenden Vorzüge vor allen Pianisten\nsind hervorstechend. Liszt bewältigt mit Leichtigkeit alle\nCompositionen aller Meister von Bach bis auf die jetzige\nZeit, spielt sogar die schwierigsten derselben, Solo's, Duo's,\nTrio's, Quartette, Concerte u. s. w., das 50 Seiten starke\nHummel'sche Septett, Opus 74, nicht ausgenommen, mit\nSicherheit auswendig. Welch ein enormes Gedächtniss ge-\nhört dazu! Liszt's Bravour ist Erstaunen erregend, un-\nglaublich sein Primavista-Lesen, namentlich das Partitur-\nspielen, aber unbegreiflich, mit welchem Ueberblick und\nmit welcher Schnelle und Sicherheit er die unleserlichsten\nManuscripte zu entziffern versteht und sogar sofort öffent-\nlich vorzutragen im Stande ist. Mit Einem Worte: Liszt's\nLeistungen als Virtuose in jeder Beziehung gränzen ans\nWunderbare. Es dürfte hier der Platz geeignet erscheinen,\nzugleich aufLiszt als talentvollen Schriftsteller und Kritiker\nhinzuweisen, da er überhaupt an intellectueller Bildung nur\nWenige seines Gleichen hat. Seine Sprachkenntnisse sind\nebenfalls merkwürdig; er spricht und schreibt geläufig Un-\ngarisch, Lateinisch, Deutsch, Englisch, Französisch und\nItaliänisch.\nAls Componist hat Liszt von Anfang an seinen eigenen\nWeg eingeschlagen. Seine Compositionen der ersten und\nzweiten Periode begreifen den Superlativ der Virtuosität\nin sich, dabei sind sie originel concipirt und voller Roman-\ntik. Seine Transscriptionen über Beethoven's, Schubert's,\nMendelssohn's, Weber's und Wagner's Lieder (der zwei-\nten Periode angehörend sind unvergleichlich, ja, unüber-\ntrefflich schön, namentlich unter seinen Meisterhänden mit\nseiner Beseligung. Liszt steht mit Chopin und R. Schu-\nmann an der Spitze der so genannten romantischen Schule\n(welche bekanntlich von Chopin ihren Ursprung erhalten),\nund sie müssen als Begründer derselben, seiheet Fort-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "221", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3232, "texte": "schritts-Pcriode betrachtet werden. In letzterer Zeit, na-\nmentlich seitdem Liszt im Jahre 1846 zum grossherzog-\nlich weimarischen Hof-Capellmeister ernannt worden, hat\ner mit dem reisenden Virtuosen abgeschlossen und sich\nrein auf das Gebiet der Tonsetzkunst grösserer, ernsterer\nGattung begeben. In diese dritte Periode fallen nun seine\nsymphonischen Dichtungen für grosses Orchester, seine\ngraner Messe und die bedeutenderen Vocal-Compositionen,\nseine Fugen, Concerte, Orgelsachen u. s. w. Aus dieser\ndritten Periode sind es nun die symphonischen Dichtungen,\ndurch welche er eine gewisse Sensation in der musica-\nlischen Welt hervorgerufen. Seit dieser Zeit nimmt Liszt\neine hervorragende Stellung unter den bedeutenden Com-\nponisten der neuesten Zeit ein und steht jetzt in der vor-\ndersten Reihe mit Berlioz, R. Schumann, R. Wagner und\nAnderen, ja, er ist nicht nur das bindende Glied unter\ndenselben, sondern auch das belebende Princip, gleichsam\nder spirituelle Dictator der Fortschritts-Periode.\nEs darf hier aber nicht unerwähnt bleiben, dass Liszt\ndurch diese Richtung, welche er namentlich in den sym-\nphonischen Dichtungen für grosses Orchester bekundet,\nwenngleich solche unserer Ansicht nach den Stempel der\nOriginalität tragen und von Studium, Geist und Wis-\nsenschaft Zeugniss geben, dennoch viele Gegner, na-\nmentlich unter den Anhängern der alten Schule, gegen\nsich herauf beschworen hat. Es haben sich dadurch unter\nden Musikgelehrten und den gebildeteren Musikfreunden\nzwei Parteien gebildet, die sich schroff einander gegen-\nüber stehen, und es sind jetzt auf dem kritischen Kampf-\nplatze die Anhänger der alten Schule mit den Fortschritts-\nmännern (Zukünftlern) in harten Streit gerathen.\nLiszt ist inmitten des Schaffens; er strebt rastlos aul\n, )\ndem einmal angebahnten Pfade vorwärts, unbekümmert\num das, was sich gegen ihn und seine Richtung auflehnt.\nDie Zeit klärt Alles ab, und so wird sich auch hier bald\ndie Spreu von dem Weizen sondern. Ohne Zweifel werden\naber nur die geistreichen, originel und tief empfundenen\nTonschöpfungen den Platz behaupten und das Gemachte\nund das Modische wird verschwinden. Schliesslich\nmuss hier noch öffentlich anerkannt werden, mit welchem\nEifer sich Liszt zur rühmlichen Aufgabe gemacht, sowohl\nunbekannte und verkannte oder in Vergessenheit gerathene\nältere Werke, als auch die neuesten von gegnerischer Rich-\ntung verfolgten einer Würdigung zu unterwerfen.\nAus reinem Interesse zur Kunst ist Liszt unablässig\nbemüht, Geist und Originalität athmende Producte aus\ndem Dunkel vor die Oeffentlichkeit zu bringen. Er erfasst\nmit seltenem Scharfblick den Werth solcher Werke und\nist rastlos im Studium derselben, um solche würdig in die\nKunstwelt einzuführen. So verdanken wir Liszt die Be-\nkanntschaft mit Berlioz, die Einführung Franz Schuberts,\ndie R. Wagner'schen Werke und Vieles von R. Schumann\nund Anderen, welche sämmtlich zuerst durch ihn [??|\nzur öffentlichen Aufführung gebracht und zur Kenntniss\nund Würdigung des Publicums gekommen sind, wofür\ndie Kunstwelt ihm stets verpflichtet bleiben muss.\nSo viel bis jetzt über den in voller Kraft stehenden,\nstrebenden Genius. Was die Zukunft ihm vorbehält,\nwird die Kunstgeschichte niederschreiben.\n\nJulius Schuberth."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-07-10-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-07-10_01#c004", "volume": "bmtnabi_1858-07-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "221", "page_fin": "222", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.2.4", "titre_corps": "Aus Basel.", "titre_sommaire": "Aus Basel.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "221", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.1.5", "debut_caractere": 3234, "fin_caractere_exclue": 5172, "texte": "Aus Basel.\nDas schönste Andenken, das uns die letzte musicalische\nWinter-Saison hinterlassen hat, ist das an Frau Clara\nSchumann, und eine Errungenschaft ist es auch, dass\njetzt Schumann's Compositionen bei uns festen Fuss gefasst\nhaben. War nämlich das Publicum früher mit einer Sin-\nfonie jenes Coroponisten, der Genovefa-Ouverture, dem be-\nrühmten Quintett und etwa noch einigen Liedern reichlich\nzufrieden gewesen, so ist im letzten Winter durch die Be-\nstrebungen einheimischer Künstler eine so fruchtbare Schu-\nmann-Periode gefolgt, dass nicht nur Früheres wieder-\nholt, sondern auch die Pilgerfahrt der Rose, die Ballade\nvon dem Pagen und der Königstochter, die Sinfonie in C,\ndas Clavier-Concert in A-mott,das Quartett in Ä-dur und\nanderes Kleineres sämmtlich neu zur Aufführung gebracht\nworden ist. Wenn nun mitten in dieses hinein das mehr-\nmalige, Enthusiasmus erregende Auftreten der verehrten\nKünstlerin selbst fiel, so kann man leicht ermessen, wie viel\ntiefer die Wurzeln getrieben haben.\nDen Abschluss der Saison bildete das Oratorium un-\nseres verdienten Musik-Directors Herrn Ernst Reiter,\n„Das Paradies\", ein echt biblischer, aber fast überreicher\nText in drei Abtheilungen, der natürlich eine volle Aus-\nführung und Entwicklung der einzelnen Nummern nicht\nzugelassen, vielmehr eine mehr dramatische Behandlung\ngefordert hat. Was eine üppige Mannigfaltigkeit vom Solo\nbis zu Doppelchören, Melodieen-Reichthura, Effect und\nGlanz der Instrumentirung dem Werke zu verleihen ver-\nmögen, das hat es redlich erhalten, und die einzelnen\nSchönheiten fesseln daher den Zuhörer, namentlich auch\nden Laien, bis ans Ende. Ohne auf eine strengere Kritik\neinzugehen, müssen wir der Aufführung die Gerechtigkeit\nwiderfahren lassen, dass nicht nur das Orchester durch\nauswärtige Verstärkung bedeutend an Kraft gewonnen,\nsondern dass auch der Chor durch zahlreiche Proben seine\nAufgabe vollständig gelös't hatte. Es war, eine Aufführung"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "222", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3638, "texte": "von Cherubini's Requiem abgerechnet, die eigentliche Jah-\nres-Aufgabe des Gesang-Vereins.\nEine besondere Aufmerksamkeit müssen wir dem un-\nter Direction des Herrn Aug. Walter stehenden und\ndurch Frau Walter als Solosängerin wesentlich gehobenen\nOrpheus-Verein widmen, der, so klein er ist, so treffliche\nGesangeskräfte in sich vereinigt und so interessante Pro-\ngramme zur Aufführung bringt, z. R. zweimal eine Aus-\nwahl hier noch nie aufgeführter geistlicher Musikstücke\nvon Prätorius, Eccard, Palestrina, Lotti, Bach, Haydn,\nBeethoven, Mendelssohn; dann wieder mehrmals Mendels-\nsohn's Operette „Die Heimkehr aus der Fremde\" mit De-\ncoration, Costume und Zubehör, freilich nur im Privat-\nLocale eines kunstsinnigen Mäcen, aber unter höchst libe-\nraler Beiziehung aller warmen Kunstfreunde; endlich öf-\nfentlich die bereits genannte Pilgerfahrt der Rose von Schu-\nmann und den zweiten Act von Gluck's Orpheus. Eine be-\nreits vorbereitete Aufführung, worin Mozart's Cosi fan\ntutte, Gluck's Iphigenie und Wagner's Lohengrin an die\nReihe kommen sollten, musste leider noch verschoben\nwerden.\nAbgesehen von diesen Novitäten, haben auch die mu-\nsicalischen Einrichtungen im Innern hier und da eine Ver-\nänderung erfahren. Waren bisher die Abonnements-Con-\ncerte, der gemischte Gesang-Verein und die Liedertafel\ndurch den gemeinsamen Director verbunden, so ist eine\nweitere Fusion dadurch erfolgt, dass jetzt die Sänger der\nLiedertafel zugleich Mitglieder des Gesang-Vereins sein\nmüssen, und umgekehrt. Ob nun dadurch die Liedertafel\nan Selbstständigkeit verloren? Jedenfalls hat sie auch ein\nBedeutendes gewonnen, und wenn sie auch im letzten Win-\nter kein eigenes Concert gegeben hat, so sind wir doch\nüberzeugt, dass diese Winterruhe kein Winterquartier von\nCapua gewesen, als Lohn für den vorvorjährigen Sieg in\nSt. Gallen. Es ist begreiflich, dass, indem die Liedertafel\nwöchentlich zwei Stunden auf Oratoriengesang verwendet,\ndann noch die edlere Geselligkeit befördert und dadurch\nin höchst nöthiger Weise die gebildeten Stände vereinigt,\nnicht viel Zeit mehr für eigene Concerte übrig bleibt. Die\nnächsten Tage werden uns übrigens zeigen, wie sie am\nZüricher Sängerfestc mit ihrem Wettgesange, einer unge-\ndruckten Composition von Rietz, bestanden hat.\nDas Theater, ohne Subvention, weder des Staates\nnoch der höheren Stände, war höchst mittelmässig; es kann\nim nächsten Winter nur dadurch besser werden, dass der\nneue Director pecuniäre Opfer zu bringen bereit ist. [Das\nist nicht zu verlangen: die Stadt oder das Publicum müs-\nsen die Opfer bringen.]\nDagegen verdienen die zehn Abonnements- und\neinige Benefiz-Concerte die rühmlichste Erwähnung,\nund eben so das Orchester, in welchem sich nur noch wenige\nDilettanten zur Verstärkung der Saiten-Instrumente halten.\nDie Aenderungen bestehen hier in besserer Berücksichtigung\nvon Ensemblestücken, so wie der Kammermusik, dann in mehr\nständiger Besetzung des Sologesanges, da bei der Beru-\nfung fremder Sängerinnen, wie sie alle vierzehn Tage üblich\nwar, in das Repertoire keine Einheit und kein Zusammen-\nhang gebracht werden konnte. Die letzten Winter wieder\neingeführten Quartett-Soireen hoffen wir gleichwohl auch\nfür die Zukunft beibehalten zu können.\nNoch darf ich nicht vergessen, dass die neue Münster-\nOrgel, ein vortreffliches Werk des Herrn Haas mit fünf-\nzig Registern, im Winter eingeweiht und seither durch\npneumatische Hebel vervollkommnet worden ist. Gegen-\nwärtig beschäftigen sich die Musikfreunde bereits mit den\nVorbereitungen zu dem zweitägigen eidgenössischen Mu-\nsikfeste, resp. Händel-Feier, welches in Basel 18.10\nmit Benutzung der neuen Orgel Statt finden soll."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-07-10-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-07-10_01#c005", "volume": "bmtnabi_1858-07-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "222", "page_fin": "223", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.2.5", "titre_corps": "Sonst und Jetzt.", "titre_sommaire": "Sonst und Jetzt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "222", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.1.6", "debut_caractere": 3640, "fin_caractere_exclue": 5142, "texte": "Sonst und Jetzt.\nWeimar, den 24. September 1784.\nZu Anfang dieses Monats kam ein ehemals hiesiger\nGymnasiast und itziger Stadtorganist in Plauen im Vogt-\nlande, Herr Rösler, hieher, seine Freunde zu besuchen.\nSein erstes Spiel war eine freie Phantasie, worinnen\ner grosse Stärke der Modulirkunst und besonders eine ganz\nausserordentliche Fertigkeit auf dem Pedale zeigte; er\nspielte auf demselben verschiedene Perioden solo, und\nmischte solche Passagen mit ein, die nicht allein einen sehr\nerhabenen Effect machten, sondern trug sie auch in äus-\nserster Geschwindigkeit so deutlich vor, als wenn sie der\ngeschickteste Spieler bloss mit Fingern auf dem Ciavier\nabspielte; mittels der Absätze.an seinen Schuhen und mit\nden Spitzen der Füsse vermochte er mit jedem Fusse zween\nund also zusammen vier Tone auf einmal anzuschlagen und\nanzuhalten; er war also im Stande, die Septimen-Accorde\neis e cj b, gl) des fes, fis a e es, b d f as, eis eis gis h\nnach einander einige Tacte auf dem Pedale auszuhalten,\nindem er mit beiden Iländen dieser Harmonie entsprechende\nPassagen dazu spielte; die Wirkung hiervon gebahr das\nGefühl von Grausamkeit, welches dem Zwecke einer freien\nPhantasie nicht entgegen ist; bei geschwinden Läufern und\nTiraden, die durch unerwartete Pausen unterbrochen wur-\nden, brachte er die Wiederholung davon auf einem zwei-\nten Manuale, wobei schwächere Register angezogen waren,\nals Echo an; und da er während der kurzen Pausen auf\ndem zweiten Manuale immer verschiedene Register ziehen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3929, "texte": "konnte, so bekam das Echo dadurch eine grosse Mannig-\nfaltigkeit in Rücksicht der Modification der Töne, die von\nangenehmer Wirkung war; manchmal wurde die Bewe-\ngung beider Hände und Füsse so stark, dass Jedermann\nO O 7\nin laute Verwunderung ausbrechen musste: man glaubte\nzehn Orgeln auf einmal zu hören; endlich trat nach einem\nchromatischen Orgelpunkte ein Fugensatz ein, den er nach\nden Gesetzen des Contrapunktes ausführte.\nNun folgte ein Trio von sanftem Charakter, wobey eine\nChoral-Melodie mit vorstechenden Pfeifen im Discant mit\neingewebt wurde; alsdann ein Vorspiel in vierstimmigem\nSatze, wie das Trio, mit obligatem Pedal, in welchem die\nMelodie eines Chorals durch die linke Hand im Tenor sehr\nschon durchgeführt wurde.\nMan bat ihn, den Choral: „Wachet auf! ruft uns die\nStimme\" &c. mit vollem Werke zu spielen. Da er aber\ndenken musste, dass dieses ohne Einstimmung des Gesan-\nges einer Gemeine keine grosse Wirkung thun könne, so\nfing er sogleich, ohne sich weiter zu besinnen, mit den\nHänden eine Art von Fugensatz an auszuarbeiten, der dem\nInhalt des Chorals unvergleichlich entsprach, und liess\nwährend der Zergliederung dieses Fugensatzes unerwartet,\ndoch wie gerufen, die Choral-Melodie im Pedale, in Hal-\nbentacts-Noten und mit Pausen zwischen den Sectionen,\nsehr majestätisch einher treten, wodurch ein Effect von\nKraft, Hoheit und Würde herfürgebracht wurde, der das\nHerz ergriff.\nTriller, Mordent, Doppelschlag und dergleichen machte\ner auf dem Pedale mit der nämlichen Deutlichkeit und\nPräcision, als auf dem Manuale; bey einigen Accorden\nschlug er mit Händen und Füssen zugleich Triller, doch\nso, dass weder verbotene Quinten noch verbotene Octaven\ndabey obwalten durften. (Dieses geschah in der Woche,\nausser dem Gottesdienste.) Den Tag darauf liess Ihro der\nverwitweten Frau Herzogin Hochfürstl. Durchlaucht Herrn\nR. den gnädigsten Befehl ertheilen, den folgenden Sonntag\nbeym Gottesdienst die Orgel zu spielen. Ihro Durchlaucht\nbegab sich früher als sonst in die Kirche, und geruhete so\nlange zu verweilen, bis der völlige Ausgang gespielt war.\nBev dem Choral zeigte Herr R., wie geschickt man Sim-\nplicität mit Mannigfaltigkeit sowohl in Rücksicht der Har-\nmonie als der Zwischenspiele verbinden kann. Bei der Mu-\nsik spielte er den Generalbass natürlich, meisterhaft, und\nwusste die Register bey der Arie, bey dem Recitative und\ndemTutti zweckmässig zu sondern; vor der Predigt führte\ner einen ungemein pathetischen Satz erstlich im Pedale\nsolo und dann auf dem Manual und Pedal zusammen mit\nvoller Orgel, vermöge kraftvoller Modulation, mit allen\nZergliederungen u. s. w. sehr meisterhaft aus. In dem Te\nDeum laudamus nach der Predigt hörte man starke Mei-\nsterzüge von Harmonie. Auf Verlangen der Durchlauchtig-\nsten verwitweten Frau Herzogin liess er zum Ausgange\nwiederum eine Phantasie mit erstaunlichen Solo-Passagen\nauf dem Pedale und mit frappanten Ausweichungen und\nAuflösungen der Harmonie auf vollem Werke hören, fiel\nalsdann in eine Fuge, die er p\ntationem des Hauptsatzes ausführte, machte bey der enge-\nren Zusammenziehung des Satzes einen Trugschluss und\nnach einer kurzen, aber sehr bewundernswerthen Colora-\ntur auf dem Pedale in starker Gravität die Cadenz durch\nden Orgelpunkt.\n[Was man damals in Weimar für Ansprüche an einen\nMusiker machte, zeigt folgender Schluss des Berichtes:]\nAlles, was ich noch zu hören gewünscht hätte, war ein zur\nAndacht erhebendes, sanftes Vorspiel in gebundenem Style\nmit gedämpften Pfeifen, wobey Bindungen in allen Stimmen\ndem Ohre sich deutlich eindrucken; und dann eine Fuge\nmit voller Orgel, ebenfalls in gebundenem Style, mit einem\ndoppelten Subjecte, nach den Gesetzen des doppelten Con-\ntrapunktes mit Modulation voller ästhetischer Kraft und\nhebenden Zwischensätzen ausgeführt. ln dieser letzten\nfür die Orgel angemessenen Kunst übertraf der Ilalle'sche\no o\nBach, der in Berlin gestorben ist, alles, was von Organisten\nOdem und Leben hat."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-07-10-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-07-10_01#c006", "volume": "bmtnabi_1858-07-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "223", "page_fin": "224", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.1.7", "debut_caractere": 3931, "fin_caractere_exclue": 5691, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBadisches Gesangfest. Das vierte badische Gesangfest war\nvon 45 Vereinen aus 36 Orten beschickt. Dasselbe nahm in Baden-\nBaden seinen Anfang und hätte bald durch einen unglücklichen Zwi-\nschenfall ein recht tragisches Ende genommen. Der Grossherzog war\nmit einem glänzenden Gefolge zu demselben herübergekommen, und\nbegab sich, nachdem die Wettgesänge beendet waren, aus der Fest-\nhalle in den für die Sänger als Eingang dienenden „Anbau\", um\nsich die Directoren der verschiedenen Vereine vorstellen zu lassen.\nDer Andrang der Volksmenge nach diesem kleinen Räume war in-\ndess so stark, dass der schmale Uebergang zu demselben zusammen-\nbrach, wodurch eine grosse Verwirrbng entstand. Glücklicher Weise\nsind, mit Ausnahme eines Armbruchs, schwere Verwundungen dabei\nnicht vorgekommen, man zählt etwa fünfzig leichter beschädigte\nPersonen. Die am anderen Tage erfolgte Preisverteilung sprach der\nmann heim er Liedertafel den Sieg zu ; den Preis bildete eine kunst-\nreiche Sängerfahne, geschenkt von den Jungfrauen Badens. Ein zwei-\nter und dritter Preis (je ein silberner Pocal) wurde der karlsruher\nLiederhalle und dem heidelberger Liederkranz zuerkannt.\nlti*eslau* Ein hiesiger Kunstfreund hat eine neue Ueber-\nSetzung des Textes zu Don Juan aus dem Italienischen vollendet\nund mit Bemerkungen über eine angemessene Bühnen-Darstellung\neingeleitet. Diese Uebersetzung soll sich durch den leicht singbaren\nFluss der Verse und den poetischen Schwung der Diction auszeichnen.\nTOreSileit. Am 20. Juni wurde R. Wagnsi's Tannhäuser nach\nlangem Ruhen (neu einstudirt), mit Fräul. J. Wagner als Gast, ge-\ngeben. C. Fanck berichtet darüber : Fräul. Wagner, für welche die\nPartie der Elisabeth ursprünglich geschrieben wurde, ist auch die"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2603, "texte": "vorzüglichste Repräsentantin derselben geblieben. Poetische Auffas-\nsung, Reinheit des Gemüthes und Hoheit der Seele zeichneten den\nAusdruck ihres Gesanges und ihres Spiels in ungemeiner Weise aus,\nund mit maassvoller Schönheit, fern von jedem forcirten Effect,\nbrachte sie die schwärmerisch-innige, tiefe Empfindung, den weiblich\nedlen Charakter der Elisabeth zu einer künstlerisch höchst vollen-\ndeten Erscheinung. Herrn Tichatschek's und Herrn Mitterwurzer's\nunübertroffene Leistungen als Tannhäuser und als Wolfram sind\nebenfalls von früherher wohlbekannt und bestehen ungeschwächt.\n7)ass der Erstere eine bedeutende Krankheit ohne jeden Tribut sei-\nner Stimmmittel überstanden hatte, wurde allgemein freudig bemerkt.\nWfeil. Dem Vernehmen nach werden die Proben zur Oper\nLohengrin von R. Wagner noch im Monat Juli beginnen; denn man\nbeabsichtigt, die deutsche Saison mit ihr zu eröffnen.\nDer Director des Hof-Operntheaters, Herr Karl Eckert, der an\neinem Halsübel ernstlich erkrankt war, hat eine Erholungsreise an-\ngetreten.\nDieser Tage verweilte der bekannte Violoncell-Virtuose Kietz er,\nvon seiner grossen Kunstreise aus America zurückgekehrt, einige\nTage in Wien; er ist bereits nach Ischl abgereist.\nWiewohl die Gerüchte, Liszt beabsichtige, in Wien ein grossar-\ntiges Musik-Conservatorium ins Leben zu rufen, vorläufig jeder Be-\ngründung entbehren, so ist es nichts desto weniger Thatsache, dass\nein Plan zur Errichtung eines solchen Instituts auf Actien unter dem\nPatronate einer hohen Persönlichkeit im Werke sei, der gleich nach\nerfolgter definitiver Feststellung des künftigen Stadtplanes in Angriff\ngenommen werden soll.\nVieuxtemps ist auf der Rückreise von den Vereinigten Staa-\nten begriffen und wird Anfangs Juli in Paris erwartet. Es heisst,\nVieuxtemps, Rubinstein und Piatti hätten sich ein Rendezvous gege-\nben, um diesen Winter eine gemeinschaftliche Continental-Tour für\nKammermusik zu unternehmen.\nDem Beurtheiler meiner Bearbeitung des Clavier-Auszugs von\nMozart's Don Giovanni diene zur vorläufigen Nachricht, dass sein\ndesfallsiger Aufsatz in Nr. 19 dieser Blätter gebührend beantwortet\nwerden soll, sobald die nöthigen Materialien in meinen Händen sein\nwerden, was aber möglicher Weise noch Monate lang dauern kann,\nda die Original-Partitur obiger Oper in fremden Besitz übergegangen\nist und sowohl ser Aufenthaltsort des gegenwärtigen Besitzers als\nauch die Erlaubniss zur Abschrift der betreffenden Stellen erst er-\nmittelt und eingeholt werden müssen.\nFrankfurt am Main, 9. Juni 1858*).\nJulius Andre.\n*) Der Verlagshandlung und der Redaction erst am 6. Juli zü-\ngegangen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-07-10-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-07-10_01#c007", "volume": "bmtnabi_1858-07-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "224", "page_fin": "224", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.2.7", "titre_corps": "D i e deutsche Tonhalle", "titre_sommaire": "D i e deutsche Tonhalle", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.1.8", "debut_caractere": 2605, "fin_caractere_exclue": 3474, "texte": "D i e deutsche Tonhalle\nsetzt hiermit den Preis von 15 Ducaten aus für ein Quartett für\nzwei Violinen, Viola und Violoncello (in den üblichen vier Sätzen).\nIndem wir deutsche Tondichter zur Bewerbung um diesen Preis\neinladen, haben wir wegen Einsendung der Werke „an die deutsche\nTonhalle\" hieher zu bedingen: dass sie in Partitur, geheftet und frei\nim Christmonat d. J. Einkommen, jedes mit einem deutschen Spruche\nversehen sei und begleitet von einem versiegelten Briefe, worin der\nName des Verfassers steht, und worauf derselbe, nebst jenem Spruche,\neinen Künstler benennt, welchen er als Preisrichter wählt.\nIm Uebrigen, insbesondere bezüglich der seinerzeitigen Rückgabe\nder zur Bewerbung eingesandten Werke, welche sämmtlich Eigen-\nthum ihrer Verfasser bleiben, sind die bei uns zu beziehenden Ver-\neinssatzungen maassgebend.\nMannheim, im Juli 1858. Der Vorstand."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "217", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nUeber den gegenwärtigen Zustand der Tonkunst und die Lage junger Componisten. Von d. Aelt. 11. Franz\nLiszt. Lebensskizze von Jul. Schuberth. - Aus Basel (Musik-Zustände). Sonst und Jetzt. Weimar, den 24. September 1784.\nTages- und UnterhaltungsbJatt (Badisches Gesangfest Breslau Dresden Wien Kletzer Vieuxtemps Deutsche\nTonhalle, Preis-Ausschreiben).\n\nUeber den gegenwärtigen Zustand der Tonkunst und\ndie Lage junger Componisten.\nVon Fétis d. Aelt.\n\nII.\n(I. s. Nr. 27.)\nWenn es also mit der Musik so bestellt ist, dass von\nden verschiedenen Classen der Gesellschaft nichts zu er-\nwarten ist, was dem Verfall der Kunst entgegen treten\nkönnte, so entsteht die Frage, ob die Staats-Regierungen\ndurch Einrichtungen und Institute den verderblichen Ein-\nflüssen der Zeit nicht Schranken setzen sollten.\nMan wird sagen: „Was können alle Einrichtungen\nhelfen, wenn es keine Genie's mehr gibt?\" Ich kann\nmir nicht denken, dass Gott unser Geschlecht ganz und gar\nund vollends auf ewige Zeiten enterbt habe! Aber das ist\noffenbar, dass die jetzigen Verhältnisse die Entwicklung\nund das Durchdringen eines musicalischen Genie's nicht\nnur nicht begünstigen, sondern fast unmöglich machen.\nStaats-Einrichtungen werden natürlich kein Genie erzeu-\ngen, aber sie können die Zustände für ein Genie, wenn\nes da ist, bessern und Einrichtungen schaffen, die sein\nEmporkommen erleichtern.\nMit mehr Recht kann man einwerfen, dass, wenn et-\nwas nicht mehr in den Sitten und Empfindungen des Vol-\nkes wurzelt, kein Institut von oben es mit Gewalt wieder\neinführen könne. Darauf ist nur zu erwidern, dass das\nstille Wirken der Zeit und der Gewohnheit, wenn ihm die\ngehörige Bahn vorgezeichnet wird, Resultate herbeiführt,\nwelche gewaltsame Maassregeln von Haus aus unmöglich\nmachen. Wäre dem nicht so, so würde alle Sorge des\nStaates für die sittliche Entwicklung der menschlichen Ge-\nsellschaft überllüssig sein.\nFür unsere Frage ist der Hauptpunkt folgender: Le-\nbensbedingung für die Tonkunst ist der Anbau der ernste-\nsten und reinsten Gattungen derselben; folglich sind Ein-\nRichtungen nothwendig, die denjenigen Künstlern, welche\nfür diese Gattungen arbeiten können und wollen, ehren-\nvolle und materiel vollkommen gesicherte Stellungen ver-\nschaffen.\nDer Sinn für die ernste Tonkunst ist bei dem Volke\nim Abnehmen, wenn er nicht schon ganz verschwunden\nist; ihr Cultus ist eine Ausnahme. Es ist am Ende das\nNämliche auch bei der Poesie und Malerei der Fall. Das\nGefühl für das grossartig Schöne ist abgestumpft; das\nHübsche, das Kleine, das Niedliche wird geliebt. Ein sehr\nunterrichteter Staatsmann in Paris äusserte sich gegen mich\nzur Zeit der Ausstellung von 1855 folgender Maassen:\n„Die Kunst hat ihre Zeit gehabt; jetzt ist die Zeit der In-\ndustrie und der praktischen Wissenschaft für das allge-\nmeine Wohl.\" Wenn dem also wäre, so würde das\neine Entartung der Menschheit bekunden, erwiderte ich.\n„Vom Standpunkte der Gefühls-Anschauung aus mö-\ngen Sie vielleicht Recht haben; aber die menschliche Ge-\nsellschaft altert eben so, wie der einzelne Mensch; sie ver-\nzichtet auf die Poesie ihrer Jugend, um sich an das Reelle\nund Positive zu halten, und ersetzt die Lebenskraft ihrer\nerschöpften Leidenschaften durch die sociale Mechanik,\ngerade so, wie man mit Vortheil an die Stelle der unge-\nnügenden Kräfte des Menschen die Wirksamkeit der Ma-\nschinen setzt. Bei solchen Zuständen kann die Kunst nur\nnoch den Zweck haben, uns in müssigen Augenblicken zu\nzerstreuen.\"\nDas klingt grässlich; aber es liegt leider eine thatsäch-\nliche Logik darin, die sich nicht widerlegen lässt und ähn-\nliche Ansichten fast zum Ausdruck der Lebensanschauung\nder Masse der gegenwärtigen Menschheit macht. Aber\nEines ist dabei vergessen, was alle die Nützlichkeits-Theo-\nrieen dieser socialen Apostel zu nichte macht; das ist das\nGefühl, das aus der Natur des Menschen nicht wegzu-\nstreichen ist. Dieser wesentlichste Theil der menschlichen\nOrganisation wird die Kunst retten, und es kommt nur"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "218", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.1.2", "texte": "darauf an, die schlummernden Keime des Gefühls für das\nSchöne, die eben so gut in dem Menschen liegen als der\nTrieb zum Nützlichen, zu wecken und zu pflegen, um die\nWirkung der Kunst auf die sittliche Würde, auf die Rei-\nnigung des Herzens und die Erhebung zum Edlen und\nCrossen wiederum zur Geltung zu bringen.\nWie dies in Bezug auf die Tonkunst anzufangen sei,\ndarüber wollen wir einige praktische Vorschläge zu ma-\nchen suchen, da nur durch praktische Einrichtungen ge-\nholfen werden kann und jedes philosophische Raisonnement\nvon dem Umschwünge des Weltrades, das sich um die\nAchse des Yortheils dreht, unbarmherzig zermalmt wird.\nWir fassen zunächst die Kirchenmusik ins Auge*.\nHier ist durch die Regierungen allein ohne Mitwirkung\nder Geistlichkeit nichts zu machen. Hier und da bestehen\nnoch so genannte Dom-Capellen oder Dom-Chöre; sie sind\naber mit sehr wenigen Ausnahmen nur ein Schatten von\ndem, was sie einst waren, und was sie sein sollten.\nBei allen Hauptkirchen der Diözesen müssen Capellen\ngegründet werden, deren Bestehen durch reichliche Mittel\naus der Staatscasse oder dem Kirchengute gesichert wird.\nGesang ist dabei die Hauptsache und Achtung vor den al-\nten Traditionen, damit wir nicht die Oper in die Kirche\nbringen. Auch wollen wir ja gerade durch unsere Einrich-\ntungen den besonderen Charakter der Gattung bewahren\nund vor Entartung schützen. Wir wollen in der Kirche\nkeine dramatische Aufregung, folglich bedürfen wir auch\nder Mittel nicht, welche das dramatische Colorit erfordert.\nMenschenstimmen und die Orgel genügen für das religiöse\nGefühl. Man glaube ja nicht, dass die Musik ohne das Or-\nchester monoton werden würde; die Monotonie, einer der\nHauptfehler der modernen Musik, entsteht gerade daraus,\ndass man überall dieselben Effecte durch dieselben Miltel\nbewirkt hört. Es liegen für den, der den mehrstimmigen\nGesang zu behandeln weiss, hinlänglich reiche Quellen der\nMannigfaltigkeit in der Gruppirung und in der polyphonen\nFührung der Stimmen im Verein mit der Orgel, oder wie-\nderum getrennt von ihr, und in den zarten und gewaltigen\nKlangwirkungen dieses majestätischen Instrumentes.\nEine jede Dom- oder Hauptkirchen-Capelle müsste\nfolgende Zusammensetzung haben:\n1. Einen Capellmeister, Dirigenten der Kirchenmusik,\nComponisten und zugleich Lehrer der Harmonie- und Com-\npositionslehre für die vorgerückten Chorknaben. Gehalt\n0000 Francs.\n2. Einen Chorpräfecten oder Chormeister, welcher die\nErziehung, den musicalischen Elementar-Unterricht der\nChorknaben leitet und in dem Gebäude, wo sie beisammen\nwohnen, die Oberaufsicht führt. Gehalt 2000 Francs.\n3. Einen Gesanglehrer. Gehalt 1500 Francs.\n4. Einen Organisten, der ausser dem Kirchendienste\nverpflichtet ist, Unterricht im Orgelspiel an talentvolle Chor-\nknaben zu geben. Gehalt 2000 Francs.\n5. Zwölf Chorknaben, nämlich sechs Soprane und\nsechs Alte, welche in der Chorschule wohnen oder sie re-\ngelmässig besuchen. Stipendium für jeden 800 Francs.\n6. Sechs Tenoristen, jeder mit 1000 Francs Gehalt.\n7. Sechs Bassisten, eben so.\nMan braucht nicht erst zu sagen, wie viel bei gehöri-\nger Leitung und gehörigem Studium eine solche Capelle\nleisten und wie sehr sie auf den Geschmack dos Volkes\nfür schöne Musik einwirken würde. [Der Dom-Chor in\nBerlin liefert einen trefflichen Beweis dafür.]\nAusserdem würden diese Capellen für die Tonkunst\nnoch in zwei Punkten von entschiedenem Nutzen sein, für\nden Gesang und für das Orgelspiel. Alle diejenigen, welche\nnach der Mutation eine schöne Stimme behielten, würden\nals gebildete Sänger und tüchtige Musiker aus der Chor-\nschule hervorgehen und den immer fühlbareren beklagens-\nwerthen Mangel an wirklichen Sängern ersetzen.\n[Darauf spricht sich der Verfasser über den jammer-\nvollen Zustand des Orgelspiels in Frankreich — und in\nBelgien, hätte er hinzusetzen müssen — aus und hofft von\nder vorgeschlagenen Einrichtung und von der besseren Be-\nsoldung der Organisten Besserung dieses Zweiges der Ton-\nkunst. Deutschland ist allerdings immer noch die beste\nHeimat des Orgelspiels im Vergleich zu anderen Ländern;\nallein dass auch wir darin gegen das vorige Jahrhundert\ngar sehr zurückgegangen sind, ist offenbar. Wie es für die\nKunst und Wissenschaft überhaupt ein Unglück ist, dass\nunser Erziehungs- und Unterrichts-Wesen immer mehr\nnur auf universale Bildung hinarbeitet und die Entwick-\nlung von Specialitätcn keineswegs begünstigt, so zeigt sich\nder böse Einfluss dieser Bichtung auch in dem Studium\nder Tonkunst und in der Beschäftigung mit ihr. In dieser\nBeziehung sind das „Drama der Zukunft\" und „die All-\nkunst\" mehr als Hirngespinnste; sie sind Ausgeburten der\nangedeuteten Bichtung und die Gipfelung derselben in\nHinsicht auf die Kunst. Auch die Erscheinung, dass der\nComponist zugleich Dichter sein will für seine Vocalmusik,\ngehört dahin. Während auf diese Art die löbliche und dem\ngründlichen Studium günstige Achtung vor dem Iland-\nwerksmässigen in Kunst und Wissenschaft (Schuster, bleib'\nbei deinem Leisten! im höheren Sinne genommen) immer\nmehr verschwindet, wird der so genannte Fortschritt in\nder Bildung nichts Anderes als eine Ausdehnung in die\nBreite, oder richtiger ein Uebcrgang zur Oberflächlichkeit,\nd. h. in der Kunst zum Dilettantismus. Wenden wir dieses\nauf das Orgelspiel an, so finden wir auch da, dass jeder\nSchullehrer und Küster einer Organisten-Stelle gewachsen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "219", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.1.3", "texte": "sein solle und häufig genug sich einer solchen auch ge-\nwachsen dünkt. Wie viel Organisten-Stellen haben wir\nnoch, die so viel einbringen, dass ein Künstler allein\ndavon anständig leben könnte? Ich glaube, kaum Eine.\nJa, es sind mir Fälle bekannt, wo man in Städten alther\nfundirte Organisten-Stellen eingehen liess, um die Leh-\nrer-Gehalte zu verbessern! Man verlheilte das Einkommen\nunter vier bis sechs Lehrer und trug ihnen insgesammt\nden Orgeldienst auf, unbekümmert um ihre Tüchtigkeit\nals Musiker. Dass bei solchen Umständen der Organist als\nsolcher den „Dienst\" buchstäblich nimmt und ihn nur wie\neine Nolhdurft verrichtet, ist nicht wohl anders möglich.\nSo erfreulich es ist, dass für den Orgelbau in unseren Ta-\ngen von den Gemeinden viel gethan wird, so traurig ist es\nauf der anderen Seite, häufig neue, schöne Orgeln anzu-\ntreffen und keinen, der sie spielen kann. Mit dem Unter-\nrichte im Orgelspiel, der auf den deutschen Musikschulen\nerlheilt wird, ist es nicht gethan; wir müssen die Schul-\nlehrer-Besoldungen aus anderen Quellen erhöhen und,\nwenigstens in den Städten, besondere Organisten-Stellen\nmit gutem Gehalt haben, wenn wir diese herrliche Kunst,\ndie Traditionen derselben und den Ruhm ihrer Meister in\nDeutschland bewahren wollen. Die neuerdings wieder be-\nliebte engere Verbindung von Kirche und Schule, im Geiste\nvortrefflich, läuft für das musicalische Element in der\nchristlichen Kirche und den Schullehrer, der es als Cantor\nund Organist vertritt, in der Regel nur auf dessen Unter-\nordnung unter den oft musicalisch ganz unwissenden Pfar-\nrer hinaus.]\nDie vorgeschlagenen Gehälter werden hoch angesetzt\nscheinen; allein der Erfolg der ganzen Einrichtung kann\nnur dann als gesichert betrachtet werden, wenn die ersten\nStellen durch Gehalt und Rang so beschaffen sind, dass\nsich die ausgezeichnetsten Künstler und Componisten darum\nbewerben. Eine grosse Anziehungskraft lür solche würde\nes dann auch sein, dass ihnen durch ihre Stellung die\nschönste Gelegenheit geboten würde, ihre eigenen Werke\nzu hören und aufführen zu lassen, und es könnten durch\nsolche Vortheile und solche äussere Anregung der Künst-\nler vielleicht jene Zeiten wieder kommen, welche den un-\ngeheuren Reichthum an Kirchen-Compcsitionen erzeugt\nhaben, als jeder Dom-Capellmeister oder Organist, katho-\nlische und protestantische, für seine Kirche und seinen\nChor schrieb, und seine höchste, oft einzige Befriedigung\nin der Aufführung seiner Messen, Vespern, Cantaten, Psal-\nmen, Choräle u. s. w. fand.\nDer Ausgabe-Bestand für eine so, wie oben angege-\nben, eingerichtete Kirchen-Capelle würde in runder Summe\n33,000 Francs betragen (in Frankreich mithin für fünf-\nzehn erzbischölliche Sprengel beinahe 500,000 Francs.)\nDas scheint viel zu sein; aber es handelt sich bei der Wie-\ndergeburt der Kirchenmusik nicht bloss um einen wichtig-\nsten Theil der Kunst, sondern auch um die moralische\nEinwirkung auf das Volk. Die Unterstützungen der gros-\nsen Theater in Paris und der Hoftheater in den Reziden-\nzen Deutschlands raffen zehnmal grössere Summen hinweg.\nWenn wir nun auch diese Unterstützungen an und für\nsich nicht tadeln, so lehrt doch der Augenschein, dass die\njetzt herrschende Art der Verwendung, die nur dem\näusseren Prunk zu Gute kommt, wahrlich nichts zur He-\nbung der dramatischen Musik, sondern eher zum Gegen-\ntheil beiträgt. Die Summen, die der Staat (und da, wo sie\nnoch Vermögen hat, die Kirche) auf die Erneuerung und\nVerbesserung von Kirchen-Capellen wenden würde, wären\nmithin in künstlerischer und moralischer Hinsicht wahrlich\nweit eher zu rechtfertigen.\n\nL. B.\n\nFranz Liszt.\n\nLebensskizze von Jul. Schuberth*).\nFranz Liszt wurde am 22. October 1811 zu Raiding\n(Gespannschaft Oedenburg) in Ungarn geboren. Sein Vater\nAdam Liszt war rechnungsführender Beamter des Fürsten\nEsterhazy und selbst ein guter Musiker; er spielte fertig\nVioline, Violoncell undPianoforte. Künstler verkehrten gern\nmit ihm und hatten gastfreien Zutritt in seinem Hause; so\nzählte er zu seinen besten Bekanntschaften Hummel, Che-\nrubini, J. Haydn u. s. w. Franz ist das einzige Kind seiner\nEltern. Sein Vater begann den Pianoforte-Unterricht mit\nihm, als er sechs Jahre alt war, nicht früher. Seine schnel-\nlen Fortschritte waren merkwürdig, so dass er schon nach\ndem dritten Jahre in einem öffentlichen Concerte in Oeden-\nburg das schwierige Es-dur-Concert von Ferd. Ries mit\ngrösster Vollendung vortrug, so wie er auch schon zu da-\nmaliger Zeit durch seine freien Phantasieen Staunen er-\nregte. Der gute Erfolg fernerer Concerte, zu welchem auch\ndas von den ungarischen Grafen Amadee und Zapary auf\nsechs Jahre ausgesetzte Jahrgehalt von 600 Gulden zur\nferneren Ausbildung seines Franz gehörte, bestimmten den\nVater, seine Beamten-Stelle beim Fürsten Esterhazy auf-\nzugeben und im Jahre 1821 nach Wien zu gehen. Franz\nübte daselbst das Pianoforte unter Czerny's Leitung mit\nvollem Eifer über achtzehn Monate, während er gleichzei-\ntig bei Salieri mit Erfolg Composition studirte. Diese acht-\nzehn Monate emsigen Fleisses hatten bei dem kleinen Vir-\ntuosen Wunder gethan; er fühlte sich alsbald stark genurs;\n\n*) Aus dem Manuscripte zur fünften Auflage des musicalischen\nHandbuches desselben Verfassers (im Selbstverlage von J. Schu-\nberth & Comp, in Hamburg)."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "220", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.1.4", "texte": "zu einem öffentlichen Concerte, und sein erstes Auftreten\nin Wien erregte das grösste Aufsehen. Ein Concert folgte\ndem anderen, deren Erfolge sowohl in artistischer als pe-\ncuniärer Beziehung glänzend ausfielen. Ermuthigt dadurch,\nbeschloss der Vater, mit seinem Franz im Jahre 1823 eine\nKunstreise nach Paris zu machen, und schlug den Weg\nüber München, Stuttgart u.s.w. ein, wo sich Franz über-\nall mit grossem Erfolg hören liess. In der französischen\nHauptstadt angelangt, trat der nun zwölfjährige Virtuose\nmit gleich entschiedenem Glück daselbst auf; nahe an dreis-\nsig Mal liess er sich hören. Ungeachtet dieser bedeutenden\nAnstrengungen war Franz nicht nur unablässig lleissig,\nsein Pianofortespiel zu erweitern, sondern studirte auch mit\nLeidenschaft während seines einjährigen Aufenthaltes in\nParis unter dem berühmten A. Reicha den Contrapunkt\nbis zu den letzten verwickelten Aufgaben. Liszt fühlte nun\neine förmliche Passion zur Composition, sowohl für das\nPianoforte als auch für die Oper, und versuchte sich in\neiner letzteren, betitelt Don Sancho oder Das Schloss der\nLiebe, wozu ihm ein Freund das Textbuch lieferte. Diese\nOper, voller Eigentümlichkeiten und reich an Melodie,\nwurde fünf Mal beifällig auf dem ersten Theater in Paris,\nAcademie royale,gegeben. Einige Zeit darauf (Herbst\n1820) verfiel der herangereifte Jüngling in religiöse Schwär-\nmerei; Musik war ihm zuwider. Jetzt sann der Vater auf\nAenderung seines Gemüthes; er beschloss einen Kunst-Aus-\nflug nach der Schweiz, den er sofort ausführte, und ging\ndann von dort nach England. Die Triumphe, welche Franz\nüberall feierte, namentlich im Drurvlane-Theater in Lon-\n«J\ndon, erweckten in ihm neue Liebe zur Kunst. Die heftigen\nAnstrengungen jedoch, welche die vielen Concerte beglei-\nteten, hatten Franz sehr angegriffen, und der Vater sah\nsich veranlasst, mit ihm ins Bad nach Boulogne zu gehen,\ndas ihn auch sehr bald kräftigte, wo aber am St.-Augustus-\nTage des Jahres 1827 sein Vater starb. Jetzt kehrte Liszt\nzu seiner Mutter nach Paris zurück. Er begann nun mit\nBeharrlichkeit, zu componiren, zu studiren, zu concertiren\nund zu instruiren, um so sein Leben zu fristen. Es verstri-\nchen so einige Jahre, bis seine Thätigkcit abermals durch\neine religiöse Schwärmerei (eine natürliche Folge seines\nexallirten Geistes) unterbrochen wurde, diesmal jedoch\nnicht \\on langer Dauer. Da rückte das Jahr 1834 heran,\nwelches für Liszt durch ein bedeutendes Privat-Ereieniss\nC\nein verhängnissvolles wurde (nämlich die Anknüpfung\nwenngleich unter widerstrebenden Umständen-—einer inni-\ngen !!erzens-\\ erbindung) und ihm Veranlassung gab,\nParis auf längere Zeit zu verlassen. Liszt ging nun zunächst\nnach der Schweiz, von dort nach Italien, durchreis'te dann\nconcertirend Deutschland, Ungarn, Russland, Schweden,\nDänemark, Spanien u. s. w., wo er überall mit unbe-\nschreiblichem Enthusiasmus aufgenommen wurde und bei-\nspiellose Triumphe feierte; namentlich zeichnete ihn Un-\ngarn aus, wo er das Ehren-Bürgerrecht zweier Städte\n(Ofen und Pesth) erhielt, und ihm auf dem National-Theater\nin Pesth ein Ehrensäbel überreicht wurde u. s. w. x\\lle\nAuszeichnungen und Ehren, die einem Künstler nur irgend-\nwie zu Theil werden können, hat Liszt in reichem Maasse\nüberall, wo er sich hören und blicken licss, namentlich\naber in Berlin, Köln, Königsberg, Hamburg u. s. w., er-\nhalten, und als specifische Facta dafür mögen gelten, dass\nihm die Universität Königsberg das Doctor-Diplom über-\nsandte, ferner, dass er zum Ritter hoher Orden von fast\nallen regierenden Häuptern ernannt worden.\nNun über Liszt's Standpunkt als Künstler, sowohl Vir-\ntuose als Componist. Als Ciavierspieler steht Liszt uner-\nreicht da und wird auch wohl schwerlich je übertroffen\nwerden; er ist unstreitig der grösste Pianist, der bis jetzt\nerschienen. Seine glänzenden Vorzüge vor allen Pianisten\nsind hervorstechend. Liszt bewältigt mit Leichtigkeit alle\nCompositionen aller Meister von Bach bis auf die jetzige\nZeit, spielt sogar die schwierigsten derselben, Solo's, Duo's,\nTrio's, Quartette, Concerte u. s. w., das 50 Seiten starke\nHummel'sche Septett, Opus 74, nicht ausgenommen, mit\nSicherheit auswendig. Welch ein enormes Gedächtniss ge-\nhört dazu! Liszt's Bravour ist Erstaunen erregend, un-\nglaublich sein Primavista-Lesen, namentlich das Partitur-\nspielen, aber unbegreiflich, mit welchem Ueberblick und\nmit welcher Schnelle und Sicherheit er die unleserlichsten\nManuscripte zu entziffern versteht und sogar sofort öffent-\nlich vorzutragen im Stande ist. Mit Einem Worte: Liszt's\nLeistungen als Virtuose in jeder Beziehung gränzen ans\nWunderbare. Es dürfte hier der Platz geeignet erscheinen,\nzugleich aufLiszt als talentvollen Schriftsteller und Kritiker\nhinzuweisen, da er überhaupt an intellectueller Bildung nur\nWenige seines Gleichen hat. Seine Sprachkenntnisse sind\nebenfalls merkwürdig; er spricht und schreibt geläufig Un-\ngarisch, Lateinisch, Deutsch, Englisch, Französisch und\nItaliänisch.\nAls Componist hat Liszt von Anfang an seinen eigenen\nWeg eingeschlagen. Seine Compositionen der ersten und\nzweiten Periode begreifen den Superlativ der Virtuosität\nin sich, dabei sind sie originel concipirt und voller Roman-\ntik. Seine Transscriptionen über Beethoven's, Schubert's,\nMendelssohn's, Weber's und Wagner's Lieder (der zwei-\nten Periode angehörend sind unvergleichlich, ja, unüber-\ntrefflich schön, namentlich unter seinen Meisterhänden mit\nseiner Beseligung. Liszt steht mit Chopin und R. Schu-\nmann an der Spitze der so genannten romantischen Schule\n(welche bekanntlich von Chopin ihren Ursprung erhalten),\nund sie müssen als Begründer derselben, seiheet Fort-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "221", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.1.5", "texte": "schritts-Pcriode betrachtet werden. In letzterer Zeit, na-\nmentlich seitdem Liszt im Jahre 1846 zum grossherzog-\nlich weimarischen Hof-Capellmeister ernannt worden, hat\ner mit dem reisenden Virtuosen abgeschlossen und sich\nrein auf das Gebiet der Tonsetzkunst grösserer, ernsterer\nGattung begeben. In diese dritte Periode fallen nun seine\nsymphonischen Dichtungen für grosses Orchester, seine\ngraner Messe und die bedeutenderen Vocal-Compositionen,\nseine Fugen, Concerte, Orgelsachen u. s. w. Aus dieser\ndritten Periode sind es nun die symphonischen Dichtungen,\ndurch welche er eine gewisse Sensation in der musica-\nlischen Welt hervorgerufen. Seit dieser Zeit nimmt Liszt\neine hervorragende Stellung unter den bedeutenden Com-\nponisten der neuesten Zeit ein und steht jetzt in der vor-\ndersten Reihe mit Berlioz, R. Schumann, R. Wagner und\nAnderen, ja, er ist nicht nur das bindende Glied unter\ndenselben, sondern auch das belebende Princip, gleichsam\nder spirituelle Dictator der Fortschritts-Periode.\nEs darf hier aber nicht unerwähnt bleiben, dass Liszt\ndurch diese Richtung, welche er namentlich in den sym-\nphonischen Dichtungen für grosses Orchester bekundet,\nwenngleich solche unserer Ansicht nach den Stempel der\nOriginalität tragen und von Studium, Geist und Wis-\nsenschaft Zeugniss geben, dennoch viele Gegner, na-\nmentlich unter den Anhängern der alten Schule, gegen\nsich herauf beschworen hat. Es haben sich dadurch unter\nden Musikgelehrten und den gebildeteren Musikfreunden\nzwei Parteien gebildet, die sich schroff einander gegen-\nüber stehen, und es sind jetzt auf dem kritischen Kampf-\nplatze die Anhänger der alten Schule mit den Fortschritts-\nmännern (Zukünftlern) in harten Streit gerathen.\nLiszt ist inmitten des Schaffens; er strebt rastlos aul\n, )\ndem einmal angebahnten Pfade vorwärts, unbekümmert\num das, was sich gegen ihn und seine Richtung auflehnt.\nDie Zeit klärt Alles ab, und so wird sich auch hier bald\ndie Spreu von dem Weizen sondern. Ohne Zweifel werden\naber nur die geistreichen, originel und tief empfundenen\nTonschöpfungen den Platz behaupten und das Gemachte\nund das Modische wird verschwinden. Schliesslich\nmuss hier noch öffentlich anerkannt werden, mit welchem\nEifer sich Liszt zur rühmlichen Aufgabe gemacht, sowohl\nunbekannte und verkannte oder in Vergessenheit gerathene\nältere Werke, als auch die neuesten von gegnerischer Rich-\ntung verfolgten einer Würdigung zu unterwerfen.\nAus reinem Interesse zur Kunst ist Liszt unablässig\nbemüht, Geist und Originalität athmende Producte aus\ndem Dunkel vor die Oeffentlichkeit zu bringen. Er erfasst\nmit seltenem Scharfblick den Werth solcher Werke und\nist rastlos im Studium derselben, um solche würdig in die\nKunstwelt einzuführen. So verdanken wir Liszt die Be-\nkanntschaft mit Berlioz, die Einführung Franz Schuberts,\ndie R. Wagner'schen Werke und Vieles von R. Schumann\nund Anderen, welche sämmtlich zuerst durch ihn [??|\nzur öffentlichen Aufführung gebracht und zur Kenntniss\nund Würdigung des Publicums gekommen sind, wofür\ndie Kunstwelt ihm stets verpflichtet bleiben muss.\nSo viel bis jetzt über den in voller Kraft stehenden,\nstrebenden Genius. Was die Zukunft ihm vorbehält,\nwird die Kunstgeschichte niederschreiben.\n\nJulius Schuberth.\n\nAus Basel.\nDas schönste Andenken, das uns die letzte musicalische\nWinter-Saison hinterlassen hat, ist das an Frau Clara\nSchumann, und eine Errungenschaft ist es auch, dass\njetzt Schumann's Compositionen bei uns festen Fuss gefasst\nhaben. War nämlich das Publicum früher mit einer Sin-\nfonie jenes Coroponisten, der Genovefa-Ouverture, dem be-\nrühmten Quintett und etwa noch einigen Liedern reichlich\nzufrieden gewesen, so ist im letzten Winter durch die Be-\nstrebungen einheimischer Künstler eine so fruchtbare Schu-\nmann-Periode gefolgt, dass nicht nur Früheres wieder-\nholt, sondern auch die Pilgerfahrt der Rose, die Ballade\nvon dem Pagen und der Königstochter, die Sinfonie in C,\ndas Clavier-Concert in A-mott,das Quartett in Ä-dur und\nanderes Kleineres sämmtlich neu zur Aufführung gebracht\nworden ist. Wenn nun mitten in dieses hinein das mehr-\nmalige, Enthusiasmus erregende Auftreten der verehrten\nKünstlerin selbst fiel, so kann man leicht ermessen, wie viel\ntiefer die Wurzeln getrieben haben.\nDen Abschluss der Saison bildete das Oratorium un-\nseres verdienten Musik-Directors Herrn Ernst Reiter,\n„Das Paradies\", ein echt biblischer, aber fast überreicher\nText in drei Abtheilungen, der natürlich eine volle Aus-\nführung und Entwicklung der einzelnen Nummern nicht\nzugelassen, vielmehr eine mehr dramatische Behandlung\ngefordert hat. Was eine üppige Mannigfaltigkeit vom Solo\nbis zu Doppelchören, Melodieen-Reichthura, Effect und\nGlanz der Instrumentirung dem Werke zu verleihen ver-\nmögen, das hat es redlich erhalten, und die einzelnen\nSchönheiten fesseln daher den Zuhörer, namentlich auch\nden Laien, bis ans Ende. Ohne auf eine strengere Kritik\neinzugehen, müssen wir der Aufführung die Gerechtigkeit\nwiderfahren lassen, dass nicht nur das Orchester durch\nauswärtige Verstärkung bedeutend an Kraft gewonnen,\nsondern dass auch der Chor durch zahlreiche Proben seine\nAufgabe vollständig gelös't hatte. Es war, eine Aufführung"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "222", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.1.6", "texte": "von Cherubini's Requiem abgerechnet, die eigentliche Jah-\nres-Aufgabe des Gesang-Vereins.\nEine besondere Aufmerksamkeit müssen wir dem un-\nter Direction des Herrn Aug. Walter stehenden und\ndurch Frau Walter als Solosängerin wesentlich gehobenen\nOrpheus-Verein widmen, der, so klein er ist, so treffliche\nGesangeskräfte in sich vereinigt und so interessante Pro-\ngramme zur Aufführung bringt, z. R. zweimal eine Aus-\nwahl hier noch nie aufgeführter geistlicher Musikstücke\nvon Prätorius, Eccard, Palestrina, Lotti, Bach, Haydn,\nBeethoven, Mendelssohn; dann wieder mehrmals Mendels-\nsohn's Operette „Die Heimkehr aus der Fremde\" mit De-\ncoration, Costume und Zubehör, freilich nur im Privat-\nLocale eines kunstsinnigen Mäcen, aber unter höchst libe-\nraler Beiziehung aller warmen Kunstfreunde; endlich öf-\nfentlich die bereits genannte Pilgerfahrt der Rose von Schu-\nmann und den zweiten Act von Gluck's Orpheus. Eine be-\nreits vorbereitete Aufführung, worin Mozart's Cosi fan\ntutte, Gluck's Iphigenie und Wagner's Lohengrin an die\nReihe kommen sollten, musste leider noch verschoben\nwerden.\nAbgesehen von diesen Novitäten, haben auch die mu-\nsicalischen Einrichtungen im Innern hier und da eine Ver-\nänderung erfahren. Waren bisher die Abonnements-Con-\ncerte, der gemischte Gesang-Verein und die Liedertafel\ndurch den gemeinsamen Director verbunden, so ist eine\nweitere Fusion dadurch erfolgt, dass jetzt die Sänger der\nLiedertafel zugleich Mitglieder des Gesang-Vereins sein\nmüssen, und umgekehrt. Ob nun dadurch die Liedertafel\nan Selbstständigkeit verloren? Jedenfalls hat sie auch ein\nBedeutendes gewonnen, und wenn sie auch im letzten Win-\nter kein eigenes Concert gegeben hat, so sind wir doch\nüberzeugt, dass diese Winterruhe kein Winterquartier von\nCapua gewesen, als Lohn für den vorvorjährigen Sieg in\nSt. Gallen. Es ist begreiflich, dass, indem die Liedertafel\nwöchentlich zwei Stunden auf Oratoriengesang verwendet,\ndann noch die edlere Geselligkeit befördert und dadurch\nin höchst nöthiger Weise die gebildeten Stände vereinigt,\nnicht viel Zeit mehr für eigene Concerte übrig bleibt. Die\nnächsten Tage werden uns übrigens zeigen, wie sie am\nZüricher Sängerfestc mit ihrem Wettgesange, einer unge-\ndruckten Composition von Rietz, bestanden hat.\nDas Theater, ohne Subvention, weder des Staates\nnoch der höheren Stände, war höchst mittelmässig; es kann\nim nächsten Winter nur dadurch besser werden, dass der\nneue Director pecuniäre Opfer zu bringen bereit ist. [Das\nist nicht zu verlangen: die Stadt oder das Publicum müs-\nsen die Opfer bringen.]\nDagegen verdienen die zehn Abonnements- und\neinige Benefiz-Concerte die rühmlichste Erwähnung,\nund eben so das Orchester, in welchem sich nur noch wenige\nDilettanten zur Verstärkung der Saiten-Instrumente halten.\nDie Aenderungen bestehen hier in besserer Berücksichtigung\nvon Ensemblestücken, so wie der Kammermusik, dann in mehr\nständiger Besetzung des Sologesanges, da bei der Beru-\nfung fremder Sängerinnen, wie sie alle vierzehn Tage üblich\nwar, in das Repertoire keine Einheit und kein Zusammen-\nhang gebracht werden konnte. Die letzten Winter wieder\neingeführten Quartett-Soireen hoffen wir gleichwohl auch\nfür die Zukunft beibehalten zu können.\nNoch darf ich nicht vergessen, dass die neue Münster-\nOrgel, ein vortreffliches Werk des Herrn Haas mit fünf-\nzig Registern, im Winter eingeweiht und seither durch\npneumatische Hebel vervollkommnet worden ist. Gegen-\nwärtig beschäftigen sich die Musikfreunde bereits mit den\nVorbereitungen zu dem zweitägigen eidgenössischen Mu-\nsikfeste, resp. Händel-Feier, welches in Basel 18.10\nmit Benutzung der neuen Orgel Statt finden soll.\n\nSonst und Jetzt.\nWeimar, den 24. September 1784.\nZu Anfang dieses Monats kam ein ehemals hiesiger\nGymnasiast und itziger Stadtorganist in Plauen im Vogt-\nlande, Herr Rösler, hieher, seine Freunde zu besuchen.\nSein erstes Spiel war eine freie Phantasie, worinnen\ner grosse Stärke der Modulirkunst und besonders eine ganz\nausserordentliche Fertigkeit auf dem Pedale zeigte; er\nspielte auf demselben verschiedene Perioden solo, und\nmischte solche Passagen mit ein, die nicht allein einen sehr\nerhabenen Effect machten, sondern trug sie auch in äus-\nserster Geschwindigkeit so deutlich vor, als wenn sie der\ngeschickteste Spieler bloss mit Fingern auf dem Ciavier\nabspielte; mittels der Absätze.an seinen Schuhen und mit\nden Spitzen der Füsse vermochte er mit jedem Fusse zween\nund also zusammen vier Tone auf einmal anzuschlagen und\nanzuhalten; er war also im Stande, die Septimen-Accorde\neis e cj b, gl) des fes, fis a e es, b d f as, eis eis gis h\nnach einander einige Tacte auf dem Pedale auszuhalten,\nindem er mit beiden Iländen dieser Harmonie entsprechende\nPassagen dazu spielte; die Wirkung hiervon gebahr das\nGefühl von Grausamkeit, welches dem Zwecke einer freien\nPhantasie nicht entgegen ist; bei geschwinden Läufern und\nTiraden, die durch unerwartete Pausen unterbrochen wur-\nden, brachte er die Wiederholung davon auf einem zwei-\nten Manuale, wobei schwächere Register angezogen waren,\nals Echo an; und da er während der kurzen Pausen auf\ndem zweiten Manuale immer verschiedene Register ziehen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.1.7", "texte": "konnte, so bekam das Echo dadurch eine grosse Mannig-\nfaltigkeit in Rücksicht der Modification der Töne, die von\nangenehmer Wirkung war; manchmal wurde die Bewe-\ngung beider Hände und Füsse so stark, dass Jedermann\nO O 7\nin laute Verwunderung ausbrechen musste: man glaubte\nzehn Orgeln auf einmal zu hören; endlich trat nach einem\nchromatischen Orgelpunkte ein Fugensatz ein, den er nach\nden Gesetzen des Contrapunktes ausführte.\nNun folgte ein Trio von sanftem Charakter, wobey eine\nChoral-Melodie mit vorstechenden Pfeifen im Discant mit\neingewebt wurde; alsdann ein Vorspiel in vierstimmigem\nSatze, wie das Trio, mit obligatem Pedal, in welchem die\nMelodie eines Chorals durch die linke Hand im Tenor sehr\nschon durchgeführt wurde.\nMan bat ihn, den Choral: „Wachet auf! ruft uns die\nStimme\" &c. mit vollem Werke zu spielen. Da er aber\ndenken musste, dass dieses ohne Einstimmung des Gesan-\nges einer Gemeine keine grosse Wirkung thun könne, so\nfing er sogleich, ohne sich weiter zu besinnen, mit den\nHänden eine Art von Fugensatz an auszuarbeiten, der dem\nInhalt des Chorals unvergleichlich entsprach, und liess\nwährend der Zergliederung dieses Fugensatzes unerwartet,\ndoch wie gerufen, die Choral-Melodie im Pedale, in Hal-\nbentacts-Noten und mit Pausen zwischen den Sectionen,\nsehr majestätisch einher treten, wodurch ein Effect von\nKraft, Hoheit und Würde herfürgebracht wurde, der das\nHerz ergriff.\nTriller, Mordent, Doppelschlag und dergleichen machte\ner auf dem Pedale mit der nämlichen Deutlichkeit und\nPräcision, als auf dem Manuale; bey einigen Accorden\nschlug er mit Händen und Füssen zugleich Triller, doch\nso, dass weder verbotene Quinten noch verbotene Octaven\ndabey obwalten durften. (Dieses geschah in der Woche,\nausser dem Gottesdienste.) Den Tag darauf liess Ihro der\nverwitweten Frau Herzogin Hochfürstl. Durchlaucht Herrn\nR. den gnädigsten Befehl ertheilen, den folgenden Sonntag\nbeym Gottesdienst die Orgel zu spielen. Ihro Durchlaucht\nbegab sich früher als sonst in die Kirche, und geruhete so\nlange zu verweilen, bis der völlige Ausgang gespielt war.\nBev dem Choral zeigte Herr R., wie geschickt man Sim-\nplicität mit Mannigfaltigkeit sowohl in Rücksicht der Har-\nmonie als der Zwischenspiele verbinden kann. Bei der Mu-\nsik spielte er den Generalbass natürlich, meisterhaft, und\nwusste die Register bey der Arie, bey dem Recitative und\ndemTutti zweckmässig zu sondern; vor der Predigt führte\ner einen ungemein pathetischen Satz erstlich im Pedale\nsolo und dann auf dem Manual und Pedal zusammen mit\nvoller Orgel, vermöge kraftvoller Modulation, mit allen\nZergliederungen u. s. w. sehr meisterhaft aus. In dem Te\nDeum laudamus nach der Predigt hörte man starke Mei-\nsterzüge von Harmonie. Auf Verlangen der Durchlauchtig-\nsten verwitweten Frau Herzogin liess er zum Ausgange\nwiederum eine Phantasie mit erstaunlichen Solo-Passagen\nauf dem Pedale und mit frappanten Ausweichungen und\nAuflösungen der Harmonie auf vollem Werke hören, fiel\nalsdann in eine Fuge, die er p\ntationem des Hauptsatzes ausführte, machte bey der enge-\nren Zusammenziehung des Satzes einen Trugschluss und\nnach einer kurzen, aber sehr bewundernswerthen Colora-\ntur auf dem Pedale in starker Gravität die Cadenz durch\nden Orgelpunkt.\n[Was man damals in Weimar für Ansprüche an einen\nMusiker machte, zeigt folgender Schluss des Berichtes:]\nAlles, was ich noch zu hören gewünscht hätte, war ein zur\nAndacht erhebendes, sanftes Vorspiel in gebundenem Style\nmit gedämpften Pfeifen, wobey Bindungen in allen Stimmen\ndem Ohre sich deutlich eindrucken; und dann eine Fuge\nmit voller Orgel, ebenfalls in gebundenem Style, mit einem\ndoppelten Subjecte, nach den Gesetzen des doppelten Con-\ntrapunktes mit Modulation voller ästhetischer Kraft und\nhebenden Zwischensätzen ausgeführt. ln dieser letzten\nfür die Orgel angemessenen Kunst übertraf der Ilalle'sche\no o\nBach, der in Berlin gestorben ist, alles, was von Organisten\nOdem und Leben hat.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBadisches Gesangfest. Das vierte badische Gesangfest war\nvon 45 Vereinen aus 36 Orten beschickt. Dasselbe nahm in Baden-\nBaden seinen Anfang und hätte bald durch einen unglücklichen Zwi-\nschenfall ein recht tragisches Ende genommen. Der Grossherzog war\nmit einem glänzenden Gefolge zu demselben herübergekommen, und\nbegab sich, nachdem die Wettgesänge beendet waren, aus der Fest-\nhalle in den für die Sänger als Eingang dienenden „Anbau\", um\nsich die Directoren der verschiedenen Vereine vorstellen zu lassen.\nDer Andrang der Volksmenge nach diesem kleinen Räume war in-\ndess so stark, dass der schmale Uebergang zu demselben zusammen-\nbrach, wodurch eine grosse Verwirrbng entstand. Glücklicher Weise\nsind, mit Ausnahme eines Armbruchs, schwere Verwundungen dabei\nnicht vorgekommen, man zählt etwa fünfzig leichter beschädigte\nPersonen. Die am anderen Tage erfolgte Preisverteilung sprach der\nmann heim er Liedertafel den Sieg zu ; den Preis bildete eine kunst-\nreiche Sängerfahne, geschenkt von den Jungfrauen Badens. Ein zwei-\nter und dritter Preis (je ein silberner Pocal) wurde der karlsruher\nLiederhalle und dem heidelberger Liederkranz zuerkannt.\nlti*eslau* Ein hiesiger Kunstfreund hat eine neue Ueber-\nSetzung des Textes zu Don Juan aus dem Italienischen vollendet\nund mit Bemerkungen über eine angemessene Bühnen-Darstellung\neingeleitet. Diese Uebersetzung soll sich durch den leicht singbaren\nFluss der Verse und den poetischen Schwung der Diction auszeichnen.\nTOreSileit. Am 20. Juni wurde R. Wagnsi's Tannhäuser nach\nlangem Ruhen (neu einstudirt), mit Fräul. J. Wagner als Gast, ge-\ngeben. C. Fanck berichtet darüber : Fräul. Wagner, für welche die\nPartie der Elisabeth ursprünglich geschrieben wurde, ist auch die"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580710-01.1.8", "texte": "vorzüglichste Repräsentantin derselben geblieben. Poetische Auffas-\nsung, Reinheit des Gemüthes und Hoheit der Seele zeichneten den\nAusdruck ihres Gesanges und ihres Spiels in ungemeiner Weise aus,\nund mit maassvoller Schönheit, fern von jedem forcirten Effect,\nbrachte sie die schwärmerisch-innige, tiefe Empfindung, den weiblich\nedlen Charakter der Elisabeth zu einer künstlerisch höchst vollen-\ndeten Erscheinung. Herrn Tichatschek's und Herrn Mitterwurzer's\nunübertroffene Leistungen als Tannhäuser und als Wolfram sind\nebenfalls von früherher wohlbekannt und bestehen ungeschwächt.\n7)ass der Erstere eine bedeutende Krankheit ohne jeden Tribut sei-\nner Stimmmittel überstanden hatte, wurde allgemein freudig bemerkt.\nWfeil. Dem Vernehmen nach werden die Proben zur Oper\nLohengrin von R. Wagner noch im Monat Juli beginnen; denn man\nbeabsichtigt, die deutsche Saison mit ihr zu eröffnen.\nDer Director des Hof-Operntheaters, Herr Karl Eckert, der an\neinem Halsübel ernstlich erkrankt war, hat eine Erholungsreise an-\ngetreten.\nDieser Tage verweilte der bekannte Violoncell-Virtuose Kietz er,\nvon seiner grossen Kunstreise aus America zurückgekehrt, einige\nTage in Wien; er ist bereits nach Ischl abgereist.\nWiewohl die Gerüchte, Liszt beabsichtige, in Wien ein grossar-\ntiges Musik-Conservatorium ins Leben zu rufen, vorläufig jeder Be-\ngründung entbehren, so ist es nichts desto weniger Thatsache, dass\nein Plan zur Errichtung eines solchen Instituts auf Actien unter dem\nPatronate einer hohen Persönlichkeit im Werke sei, der gleich nach\nerfolgter definitiver Feststellung des künftigen Stadtplanes in Angriff\ngenommen werden soll.\nVieuxtemps ist auf der Rückreise von den Vereinigten Staa-\nten begriffen und wird Anfangs Juli in Paris erwartet. Es heisst,\nVieuxtemps, Rubinstein und Piatti hätten sich ein Rendezvous gege-\nben, um diesen Winter eine gemeinschaftliche Continental-Tour für\nKammermusik zu unternehmen.\nDem Beurtheiler meiner Bearbeitung des Clavier-Auszugs von\nMozart's Don Giovanni diene zur vorläufigen Nachricht, dass sein\ndesfallsiger Aufsatz in Nr. 19 dieser Blätter gebührend beantwortet\nwerden soll, sobald die nöthigen Materialien in meinen Händen sein\nwerden, was aber möglicher Weise noch Monate lang dauern kann,\nda die Original-Partitur obiger Oper in fremden Besitz übergegangen\nist und sowohl ser Aufenthaltsort des gegenwärtigen Besitzers als\nauch die Erlaubniss zur Abschrift der betreffenden Stellen erst er-\nmittelt und eingeholt werden müssen.\nFrankfurt am Main, 9. Juni 1858*).\nJulius Andre.\n*) Der Verlagshandlung und der Redaction erst am 6. Juli zü-\ngegangen.\n\nD i e deutsche Tonhalle\nsetzt hiermit den Preis von 15 Ducaten aus für ein Quartett für\nzwei Violinen, Viola und Violoncello (in den üblichen vier Sätzen).\nIndem wir deutsche Tondichter zur Bewerbung um diesen Preis\neinladen, haben wir wegen Einsendung der Werke „an die deutsche\nTonhalle\" hieher zu bedingen: dass sie in Partitur, geheftet und frei\nim Christmonat d. J. Einkommen, jedes mit einem deutschen Spruche\nversehen sei und begleitet von einem versiegelten Briefe, worin der\nName des Verfassers steht, und worauf derselbe, nebst jenem Spruche,\neinen Künstler benennt, welchen er als Preisrichter wählt.\nIm Uebrigen, insbesondere bezüglich der seinerzeitigen Rückgabe\nder zur Bewerbung eingesandten Werke, welche sämmtlich Eigen-\nthum ihrer Verfasser bleiben, sind die bei uns zu beziehenden Ver-\neinssatzungen maassgebend.\nMannheim, im Juli 1858. Der Vorstand."}]}