{"numero_id": "bm-bmtnabi-1858-07-17-01", "volume": "bmtnabi_1858-07-17_01", "ocr_sha256": "65559ac93f96b29613a2e3c5b25aa77605f4973b681f9166469e0d6b0b189522", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1858/07/17_01/bmtnabi_1858-07-17_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1858-07-17-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-07-17_01#c001", "volume": "bmtnabi_1858-07-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "225", "page_fin": "225", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 387, "texte": "Inhalt.\nUeber den gegenwärtigen Zustand der Tonkunst und die Lage junger Componisten. 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Händel's in London 1784. - Eine Ansicht Lamartine's über Musik. - De-\nmoiselle Desfoix. - Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Herr Böhm Hamburg, Theater-Zustände Wien, Director\nPitsch f Paris, Theater-Agenten)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-07-17-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-07-17_01#c002", "volume": "bmtnabi_1858-07-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "225", "page_fin": "229", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.2.2", "titre_corps": "Ueber den gegenwärtigen Zustand der Tonkunst und die Lage junger Componisten.", "titre_sommaire": "Ueber den gegenwärtigen Zustand der Tonkunst und die Lage junger Componisten.", "signature_source": "Fétis d. Aelt ; L. 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Es ist also nicht zu verwundern,\nwenn jüngere Musiker die schönsten Jahre ihres Lebens\nauf oft unfruchtbare Anstrengungen verwenden, sich Bahn\nuurch die Menge von hemmenden Schranken zu brechen,\nmit welchen die Theater sich umschanzen. Die Täuschun-\ngen schwinden gewöhnlich erst nach Unfällen aller Art,\nvom Auftreiben eines Textes an bis zum Durchfall des\nWerkes.\nDoch das ist ein falscher Ausdruck; eine Oper fällt in\nParis nicht mehr durch, sie stirbt, ohne dass man gewahr\nwird, dass sie gelebt hat. Heutzutage ist Alles gemacht,\nauf der Bühne wie im Leben; der Schein ist überall an\ndie Stelle der Wirklichkeit getreten, und dennoch täuscht\nseltsam genug dieser Schein Niemanden, obwohl\nman ihn als eine Nothwendigkeit betrachtet. Im Parterre\nsitzt eine Phalanx mit dem Auftrage, zu klatschen; was\nsie beklatscht, darauf kommt nichts an, aber diese leben-\ndige Maschine ist selbst ein ergötzliches Schauspiel, an wel-\nchem das wahre Publicum oft mehr Spass hat, als an dem\nStücke. Auf den Gesichtern ihrer menschlichen Bestand-\nteile wechseln je nach Bedürfniss und Losung Anflüge\nvon Heiterkeit und tolles Gelächter mit Thränen der Rüh-\nrung und enthusiastischem Entzücken. Die Zuschauer, die\nihr Geld bezahlt haben, um den Abend wo möglich ange-\nnehm zu verbringen, haben ihr Vergnügen an der Komö-\ndie in der Komödie, durchschauen ohne Mühe diese plum-\npen Kunstgriffe und lachen darüber. Das gutmüthige Pu-\nblicum pfeift ja nicht mehr; das Recht dazu, das man nach\nBoileau's Ausspruch an der Casse bezahlte, hat man auf-\ngegeben; es zu benutzen, würde Mangel an Bildung ver-\nrathen; denn die Welt ist entsetzlich höflich geworden.\nMithin pfeift das Publicum nicht mehr, sondern bleibt weg,\nwenn es sich langweilt. So geschieht es denn, dass eine\nOper nicht mehr durchfällt, sondern dahin stirbt, ohne\ndass sich ein Mensch um ihr Schicksal bekümmert. Zum\nLohne für dieses artige Benehmen des wohlwollenden Pu-\nblicums setzt der Director es auf sammtne Polster und\nbelegt die Treppen und Gänge des Theaters mit dickwol-\nligen Teppichen.\nDas Spasshafteste bei allem dem ist, dass die Dichter,\nComponisten, Schauspieler und Sänger, der Director, die\nJournalisten, kurz, alle, die in der Schmiede der Schein-\nErfolge arbeiten, am Ende selbst nicht mehr wissen, woran\nsie sind, und im Glauben an das Gute uud Schöne irre\nwerden. Durch die Masse von Fremden, welche die Eisen-\nbahnen täglich nach Paris bringen, sind die Theater bis\nzu einer gewissen Zahl von Vorstellungen eines neuen\nWerkes immer voll, wenn es auch nicht lebensfähig auf\ndie Welt gekommen ist. Desshalb hört man oft noch bei\nder dreissigsten Vorstellung auf der Bühne hinter der\nScene die Aeusserung: „Gefällt die Oper wirklich?\"\nGesetzt, dies sei der Fall, so ist damit noch nichts ge-\nsagt; denn nun entsteht die Frage: Wodurch gefällt\nsie? Was zieht das Publicum an?—Das Gedicht? die Mu-\nsik? ein Sänger oder richtiger eine Sängerin? die Sceni-\nrung, oder ein Kunststück des Maschinisten, oder irgend\neine lächerliche Ungeheuerlichkeit, die man sehen muss?\nVon allem dem kommt die Musik am wenigsten in Be-\ntracht, die freilich auch nur selten noch ein Kunstwerk"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "226", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5508, "texte": "ist. Und wenn sie dieses wäre, wenn sie grosse Vorzüge\nhätte, wo sind dann die Leute, die das wahrhaft Musica-\nlisch-Schöne aufrichtig lieben und es zu würdigen wissen?\nWahrlich, ihre Zahl ist zu klein, um einen entscheidenden\nEintluss auf das Schicksal einer Composition auszuüben.\nMusik ist also eine äussere Zugabe zu der Hauptsache, die\nden Erfolg bedingt und jene zur Nebensache macht.\nDies ist so wahr, dass die meisten Theater-Directnren bei\nder Oper auf die Musik wenig geben, von der sie freilich\nauch in der Regel nichts verstehen. Haben sie eine be-\nrühmte Sängerin, die, wenn sie auch keine Stimme mehr\nhat, bei dem Publicum in Gunst steht, nun, so wird sie\ndas Glück der Oper machen. Wo nicht, so muss man\nsehen, ob der Stoff es erlaubt, in Decorationen, Maschi-\nnerie und Scenirung etwas Aussergewöhnliches, Niedage-\nwesenes, recht Ausschweifendes und Uebertriebenes anzu-\nbringen, das um mit dem technischen Ausdrucke zu\nreden „ganz Paris auf die Beine bringt\"!\nKraft dieser Richtung der Zeit ist die Kunst zu schrei-\nben, für die Componisten die zur Oper zugelassen wer-\nden, sehr leicht geworden; denn es ist nicht der Mühe\nwerth, sich um etwas den Kopf zu zerbrechen, auf das\nNiemand etwas hält. Die Opern machen ja doch stets\ngrosses Glück bis zu ihrem seligen Ende, das man nicht\neinmal der Familie ansagen lässt. Das sind die Ursachen\nder Entartung der dramatischen Musik und der entsetz-\nlichen Schwäche der Opernwerke seit einer Reihe von\nJahren. Die Künstler selbst fangen an, eine Kunst gering\nzu schätzen und oberflächlich zu behandeln, seitdem sie\ngewahren, wie sie zu einem blossen Zeitvertreib, nein, zur\nZugabe zu einem Zeitvertreib, erniedrigt worden ist. Nichts\nbleibt von ihren Werken übriff, nicht einmal als Concert-\n. O 7\nstück. Ihr Dasein mag lang oder kurz, ihr Erfolg vergäng-\nlich oder dauernd sein, der Tag des Vergessenseins bleibt\nnicht aus, sobald immer ein Werk auf das andere folgt,\nund dieses Vergessensein ist das Versinken in das Nichts auf\nalle Zeiten. An eine Wiederaufnahme dieser Tages-Pro-\nducte ist nicht zu denken: selbst ihre Namen verschwinden\naus der Erinnerung der Menschen.\nMan muss auch im Unglücke nicht an dem Vaterlande\nverzweifeln, sagt der gute Bürger, und so wollen denn\nauch wir Künstler in Frankreich nicht an der Kunst ver-\nzweifeln. Aber täuschen wir uns nicht länger! In Paris ist\ndas Mittel zur Abhülfe nicht zu suchen; dort hat das Uebel\nso um sich gegriffen, dass keine menschliche Macht im\nStande ist, mit einer Reform durchzudringen. Sie müsste\nbei den Theater-Directionen anfangen. Aber diese privile-\ngirten so genannten Kunst-Institute haben einen so hand-\nfesten Glauben an ihre Traditionen und Hausmittel, dass\nsie nie davon ablassen werden. Ihre ganze Geschicklichkeit\nin Bezug auf die Musik besteht darin, dass sie nur den\nKünstlern von grösstem Rufe ihr Zutrauen schenken. Steht\naber ein Componist auf dem Gipfel der Berühmtheit, so\nist er in der Kegel auch nicht weit mehr von dem Ziele\nseiner Laufbahn. Die Verwaltungen der grossen Theater\nmüssten aber an die Zukunft denken und sich nach unbe-\nkannten jungen Talenten umsehen, sie hervorziehen, unter-\nstützen u. s. w. Aber das ist ein Traum; eine Direction in\nParis wird niemals einen solchen Weg einschlagen.\nDie Centralisation in Paris [die von so manchen Künst-\nlern thörichter Weise auch in Deutschland ersehnt wird!]\nhat der Entwicklung der Talente für dramatische Musik\nin Frankreich weit mehr geschadet als genützt. In Italien\nbildete die Menge von Opernbühnen zu allen Zeiten eine\ntreffliche praktische Schule für Opern-Componisten. Sie\nbrachte im achtzehnten Jahrhundert eine ununterbrochene\nReihe von Componisten ersten Ranges hervor, wie z. B,\num nur die neuesten zu nennen einen Jomelli, Pic-\ncini, Sacchini, Cimarosa, Paesiello, Guglielmi, Cherubini,\nPaer, und im neunzehnten Jahrhundert noch einen Rossini,\nMercadante, Bellini, Donizetti. Neapel, Rom, Venedig, Mai-\nland, Turin, Genua, Bologna, Florenz, Parma, Modena,\nMantua, Palermo, Messina und viele andere noch weniger\nvolkreiche Städte brachten die ersten Werke vieler gros-\nsen Meister zur Aufführung. Freilich kann man einwenden,\ndass jene Theater alle noch jetzt bestehen und der Verfall\nder Kunst dennoch in Italien so augenfällig ist, wie über-\nall; allein es gibt dort andere Umstände, die ich im ersten\nArtikel und sonst [in einem früheren Aufsatze über \\ erdi\nvgl. Rheinische Musik-Zeitung von L. BischofF, Jahrg.\n1., Nr. 14] schon angeführt habe, welche den italiänischen\nSchulen und musicalischen Instituten den Todesstoss gege-\nben haben, und dann ist auch Italien seit langer Zeit von\nIdeen bewegt, die auf weit ernstere Dinge gerichtet sind\nund auf die Kunst verderblich eingewirkt haben.\nEben so sind in Deutschland ähnliche Theater-Ver-\nhältnisse günstig für die Opern-Composition gewesen.\nErfolge in Wrien, Prag, Dresden, Berlin, Leipzig, Mün-\nchen, Stuttgart, Kassel, Hamburg, Frankfurt u. s. w. ha-\nben immer gleiche Wichtigkeit gehabt. Die ersten Auf-\nführungen von Mozart's Opern vertheilten sich aul Mün-\nchen, Salzburg, Prag und Wien; Naumann's auf Dresden\nund Berlin; Winter's auf München, Wien und Prag;\nSpohr's auf Frankfurt, Kassel, Wien und Berlin; C. M.\nvon Webers auf Prag, Dresden, Wien und Berlin die\nunzähligen Opern nicht zu rechnen, die auf Provincial-\nTheatern fast in jeder bedeutenden Stadt zur ersten, oft\nfreilich auch letzten Aufführung gelangen.\n[Fetis schlägt hierauf vor, um in Frankreich etwas\nAehnliches zu schaffen, in fünf grossen Städten, z. B. Lyon,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "227", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5462, "texte": "Marseille, Bordeaux, Rouen, Strassburg, den Theater-Di-\nrectionen eine Staats-Unterstützung von 50—60,000\nFrancs zu geben, mit der Verpflichtung, jährlich einige\nneue Opern und Operetten von jungen, namentlich den\nvon der Akademie gekrönten, Componisten aufzuführen,\nund bringt damit Preis-Vertheilungen u. s. w. in Verbin-\ndung.—Neuerdings sind übrigens bereits Fälle vorgekom-\nmen, dass neue Operetten zuerst in einer Provincialstadt\ngegeben worden sind; allein der Beifall, den sie erwarben,\nhatte keine Folgen, die pariser Directionen ignorirten sie,\nund es fand sich kein Verleger für ein Werk, das nicht in\nParis über die Bühne gegangen. Den Hauptschaden be-\nzeichnet Fetis ganz richtig, wenn er fortfährt:]\nMan darf sich nicht verhehlen, dass es in Frankreich\nan musicalischer Bildung fehlt,die, ausser durch Unterricht,\nbesonders auch durch häufiges Hören von guter und gut\nausgeführter Musik erlangt wird. Und dazu mangelt es an\nGelegenheit. Der ewige Schlaf, in welchem die Bewohner\nder meisten Provincialstädte vegetiren, rührt davon her,\ndass sie gar keine Gelegenheit und Veranlassung haben,\nVerstand und Gefühl in Beziehung auf die Kunst zu prü-\nfen und zu üben. Wenn man den gänzlichen Mangel aller\nMittel, sich über Musik zu unterrichten und zu belehren\nund sich den Genuss derselben zu verschaffen, der in den\nfranzösischen Landstädten herrscht, mit der lebendigen\nThätigkeit und Regsamkeit vergleicht, welche sich überall\nin Deutschland offenbart, wo in jeder Dorfschule Gesang\ngelehrt wird und wo jede Stadt ihre Gesang- und Musik-\nVereine hat, so wird man einsehen, worin der Grund der\nUeberlegenheit der Deutschen in Bezug auf Kenntnisse,\nUrtheil und richtiges Gefühl in musicalischen Dingen liegt.\n[ln Beziehung auf die reine Instrumental-Musik schlägt\nFetis die Einrichtung von Quartett- und Sinfonie-Cirkeln\nan den Conservatorien vor, die während des Sommers für\nden jungen Componisten ungefähr das sein sollen, was die\nAusstellungen für den Maler sind, der freilich in Betracht\nder Bekanntmachung seiner Arbeiten in weit glücklicherer\nLage ist, als der Musiker. Wir lassen die mehr oder\nweniger praktischen Vorschläge auf sich beruhen und ge-\nben den trefflichen und wohl zu beherzigenden Schluss\ndes Aufsatzes.]\nEine Haupt-Ursache des Zurückgehens der Tonkunst\nist der Leichtsinn, mit welchem man heutzutage die Lauf-\nbahn des Tonkünstlers betritt, ohne durch den mächtigen\nTrieb, der das angeborene Talent offenbart, dazu gedrängt\nzu werden. Man entschliesst sich, Componist zu werden,\nwie man Anstreicher wird, um einen Beruf zu haben; man\nkann aber den Leuten nicht oft genug sagen, dass die\nMusik das schlechteste Handwerk ist, das Einer wählen\nkann, selbst wenn er natürliche Anlagen dazu hat.\nHast da schon in den zarten Kinderjahren eine unbe-\nwusste Aufregung, ein seliges Gefühl bei dem Vernehmen\ngewisser Tonverbindungen oder gewisser Klänge empfun-\nden? Hast du mit Leidenschaft jede Gelegenheit aufge-\nsucht, die dir diese Seligkeit verschaffte? Hast du bald\ndarauf das dringende Bedürfniss gefühlt, dir selbst diesen\nGenuss auf irgend einem Instrumente, das dir gerade in\ndie Hände fiel, zu bereiten, und hast du, ohne zu wissen,\nwie du es anzufangen habest, mit unermüdlicher Geduld\ndarauf beharrt? Sind dir irgend welche Melodieen in den\nSinn gekommen, die dir angenehm klangen, ehe du noch\nvon Musik hattest reden hören? Hast du hernach Musik,\nso zu sagen, ohne es gelernt zu haben, vom Biatt spielen\nkönnen, weil dir ein rascher Uebcrblick fast wie mit Einem\nI\nMale das Geheimniss der Notenschrift enthüllte? Hast du\ndie Harmonie im Gefühl gehabt, ehe du wusstest, was ein\nAccord sei? Hat dir endlich der innere Trieb keine Ruhe\ngelassen, zu schaffen und Gedanken auszudrücken, ihnen\nForm zu geben, sogar zu instrumentiren, in einem Alter,\ndas sich sonst nur mit Kinderspielen beschäftigt? Hast\ndu das alles empfunden und gethan, so weiss ich noch\nnicht, ob du Genie hast, aber alle Andeutungen desselben\nsind da du kannst arbeiten und studiren, dann wollen\nwir weiter sehen, was daraus wird. Hast du aber keine\nvon diesen Offenbarungen der Natur an dir erlebt, so\nkannst du durch Arbeit und Fleiss ein mittelmässiger, auch\nein tüchtiger Musiker werden; ein schaffender Künstler,\nein Componist wirst du nie!\nIch sagte so eben, dass ein Kind, dessen musicalische\nNatur sich zeige, an das Studiren mit der Hoffnung, ein\ngrosser Künstler zu werden, gehen könne. Und dennoch\nführen selbst diese Anzeichen nicht immer zu vollständigen\nResultaten. Es gibt Naturen, welche täuschen; sie erfin-\nden sich eine Kunst nach ihrer Weise oder finden sich\nhinein, aber sie zeigen sich störrig und unfähig, sobald\nvon dem wirklichen Studium der Compositum die Rede\nist. Durch eine verkehrte Richtung des Geistes, die häufi-\nger vorkommt, als man glaubt, empört es die Individuen\ndieser Kategorie, dass man sich anmaasst, ihnen Regeln\naufzubürden, da sie durch ihr Genie darüber erhaben sind,\nwie sie meinen. Unsere Zeit hat eine Menge von solchen\nhochmüthigen, aber unreifen Talenten aufzuweisen, welche\nTradition und Lehre verachten und sich einbilden, die\nKunst beginne erst mit ihnen. Nach ihren Reden besteht\ndie ganze Kunst nur in den Eingebungen des persönlichen\nGenie's; sie gewahren nicht, dass sie eine prineipn\nmachen und auf einen Grund bauen, der erst bewiesen\nwerden muss. Wo ist denn ihre Phantasie, ihr Genie?\nWodurch und worin haben sie sie gezeigt? Noch nie hat\nman so viel von schöpferischem Talente, Originalität und"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "228", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5403, "texte": "Genie gesprochen, als seitdem man von allem dem nichts\nmehr hat. Ich sage aus langer Erfahrung im Lehramte,\ndass die Fähigkeit, gute Studien zu machen, eine sehr\nseltene ist und sich nur in seltenen Ausnahmen mit der\nFähigkeit einer schöpferischen Phantasie verbunden zeigt.\nHäufiger findet man sie als Ergänzung einer schwachen\nund schwerfälligen Erfindungsgabe; daraus kann man\ndann tüchtige Musiker machen, aber weiter auch nichts.\n| Es ist dieses dasselbe, was wir in diesen Blättern wieder-\nholt das „Genie der Arbeit\", d. h. nicht der mechanischen,\nsondern der Ausarbeitung „nach den Regeln der Kunst\",\nwie Haydn sagt, genannt und bei den wirklich grossen\nMeistern als mit dem Genie des Schaffens vereint nachge-\nwiesen haben. Dass wir es mithin auch jetzt von jedem\nComponisten als wesentliche Bedingung zur Meisterschaft\nverlangen, hat uns freilich oft genug die Ehrentitel von\nAlt-Conservativen, Zopfgelehrten, Perrückenstock und ähn-\nliche zugezogen, mit denen die Jünger der freien Schule\nim Stadium der Flegeljahre sehr freigebig sind.]\n• Die menschliche Natur zeigt sich auf tausendfach ver-\nschiedene Weise; bei einigen Künstlern bricht das Genie\nin frühester Jugend durch, bei anderen offenbart es sich\nerst in dem reiferen Alter. Indess muss man sich im ersten\nFalle doch hüten, junge Talente, die ihre Laufbahn erst\nbeginnen oder noch nicht weit darauf vorgerückt sind, gar\nzu eilig für grosse Künstler zu erklären. Es zeigen sich\noft Blitze von Talent und Originalität, die nur vorüber-\ngehend leuchten, und es hat schon oft Musiker gegeben,\ndie nach einem ganzen Leben voll mühsamer Production\nihre Ansprüche auf Ruhm nur in einem oder einigen ihrer\nersten Werke suchen konnten.\nDie gediegene Arbeit hat zu wenig Theil an den jetzi-\ngen Erzeugnissen der Tonkunst. Die Componisten thun\nbei Weitem nicht alles, was sie thun könnten, an ihren\nWerken. Sie sind zu hastig, zu schnell fertig und zu nach-\nsichtig gegen sich selbst. Wie manche lernt man\nkennen, die Erfindungsgabe und Phantasie zeigen, und\ndenen nichts fehlt als ernste Arbeit und tiefere Anwen-\ndung des musicalischen Wissens, um vortreffliche Musik-\nstücke zu werden! Oft sehen die Verfasser selbst die Trag-\nweite und Entwicklungsfähigkeit ihrer Ideen nicht ein,\nweil sie nicht tief genug darüber nachdenken und sie\ngründlich zu verarbeiten versuchen.\nWir müssen also jeden Kunstjünger ermahnen, sich\nin die Tiefen seiner Kunst zu versenken, alle ihre Hülfs-\nquellen, Formen und Mittel zu ergründen und durch\nUebuug sich zu sicherem Gebrauche anzueignen, und vor\nAllem diejenigen mit Verachtung zurückzuweisen, deren\nFeldgeschrei ist: „Hütet euch vor den pedantischen Stu-\ndien, welche die Phantasie austrocknen!\" Die Phantasie,\nwelche dadurch vertrocknet, fioss nur aus einem sehr\ndürftigen Quell.\nWir wollen den Musikern ferner zurufen: Verirret\neuch nicht auf Wegen, die keinen Ausgang haben. Hütet\neuch davor, aus dem Gebiete der Musik herauszutreten,\nvon ihr Dinge zu verlangen, die sie nicht leisten kann. Die\nsinnliche Aussenwelt kann der Musik eben so wenig als\nabstracte Begriffe Stoff darbieten; sie ist nicht im Stande,\ndas Wirkliche darzustellen oder die Sprache des Verstan-\ndes zu reden; sie kennt nur die Sprache des Gefühls, und\nnur diese versteht unsere Seele, wenn wir Musik hören.\nWerfet euch nicht auf neue Formen und heterogene Zu-\nsammenkoppelungen; das verräth meistens die Unfrucht-\nbarkeit der Phantasie. Schreibt ihr eine Sinfonie, so sei es\neine reine Sinfonie, keine Sinfonie-Cantate, keine Sinfonie-\nOde, keine symphonische Dichtung. Blickt nur recht tief\nin die Formen der Sonate, des Quartetts, der Sinfonie\nhinein: ihr Rahmen hat Raum genug für die tiefsten\nGedanken und für deren reichste und mannigfaltigste\nEntwicklung.\nEndlich noch ein Wort an diejenigen, die zur Leitung\nmusicalischer Studien und zum Urtheil über künstlerische\nLeistungen berufen sind, namentlich an die Vorsteher und\nLehrer an Gonservatorien und Musikschulen. Wollen wir\nden Vorwurf, dass wir das musicalische Proletariat beför-\ndern, thatsächlich zurückweisen, so müssen wir als strengste\nRichter auftreten, damit wir nicht junge Leute in eine\nLaufbahn werfen, zu deren Durchführung sie nicht die\ngenügenden Kräfte haben. Wir sind verantwortlich für die\nJahre von Anstrengungen, Mühen und Arbeiten, welche\nunsere Schüler, auf unseren Ausspruch gestützt, verbrin-\ngen, um am Ende doch nur Stümper zu bleiben. Die Vor-\nliebe für unsere Schüler verleitet uns oft; es ist aber ein\nschlimmer Dienst, den wir ihnen leisten; wir sollen sie im\nGegentheil vor einer Selbsttäuschung bewahren, welche\nsie vielleicht um eine glückliche Existenz in irgend einem\nanderen Lebensberufe bringt.\n[Der Verfasser urtheilt sehr milde, wenn er derglei-\nchen Fehlgriffe nur durch freundschaftliche Vorliebe er-\nklärt. Er scheint keine Vorstellung von der Gewissenlosig-\nkeit mancher Musiklehrer zu haben, die bloss um des\nBrodes willen ihren Schülern die unverschämtesten Schmei-\ncheleien an den Ilals werfen, in jedem Violin- oder Clavier-\nschüler einen Paganini oder Liszt entdecken, in jedem Ge-\nsangschüler eine Stimme, welche die Welt erobern könne,\nu. s. w. Wenn nun auch in den höheren Classen der Ge-\nsellschaft solche Albernheit bald eingesehen und belächelt\nwird, so verleitet sie doch gar manche, die in beschränk-\nteren Verhältnissen leben, zu thörichten Laufbahnen, und\nauf Ein Talent, welches vielleicht dadurch etwa für die"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "229", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 198, "texte": "Bühne gewonnen wird, sind sicherlich zehn bis zwanzig\nzu rechnen, die besser Seifensieder oder Drahtzieher, Nä-\nherinnen oder Wirtschafterinnen geblieben wären, als\nauf das Theater zu gehen!]\n\nL. 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Händel’s zu London 1784", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "229", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.1.5", "debut_caractere": 200, "fin_caractere_exclue": 4841, "texte": "Gleichzeitige Berichte über die erste Jubelfeier\nG. F. Händel’s zu London 1784\n*)•\nLondon, den 11. May 1784. Unsere einsichtsvollsten\nConcertmeister behaupten, die Aufführungen werden we-\ngen der Menge schwer zu regierender Mitspieler immer\netwas Fehlerhaftes und Unvollkommenes haben, obschon\nman eine Guinee für das Bidet zahlen muss. —Was in der\nWestminster-Abtey und im Pantheon zu diesem Feste ge-\nbaut ist, kostet über 1600 Pf. St. jeder Seite der\nOrgel steht ein Paar Pauken, das eine ganz neu von Herrn\nA. auf seine Kosten zu dieser Jubelfeier gemacht; das an-\ndere ist den Franzosen bei Malplaquet durch den Herzog\nvon Marlborough abgenommen und aus dem Tower nach\nder Kirche gebracht. Der Chor besteht aus den Chorschü-\nlern der beiden Kathedralen und der königlichen Schule.\nDie Liebhaber, welche mit spielen, erhalten silberne, die\nLeiter und Ordner goldene Medaillen.\nDen 29. May 1784. Man rechnet, dass vorgestern in\nder Westminster-Abtey wenigstens 4500 Personen gegen-\nwärtig waren. Zwei Drittel derselben waren Damen.\nDer König hatte ein hellblaues, mit Silber gesticktes Kleid\nan und eine blassgelbe Weste, die Königinn ein blassgel-\nbes seidenes Kleid. Für den dritten Tag (wieder in\nW estminster) wurden einzelne Billets mit 4 bis 5 Guineen\nbezahlt. Der König, die Königinn und die königliche Fa-\nmilie waren wiederum mit den Vornehmsten des Hofes\nund den Grossen des Reiches gegenwärtig, und HändePs\nMeisterstück: Der Messias, ward so vortrefflich, so unver-\ngleichlich aufgeführt, dass der Effect, welchen besonders\ndie Chöre machten, ganz unbeschreiblich ist. Die zahlrei-\nchen Spieler und Sänger waren fast alle Meister in der\nKunst, und nun denke man sich die Wirkung, welche das\nChor: Ilalleluja, der Herr wird König sein! hevorbrachte.\nAls selbiges angefangen ward, stand der König und die\nganze Versammlung auf. Die Worte: Herr der Herren,\nder Götter Gott! von beynahe 300 Sängern und Sängerin-\nnen gesungen, und fast eben so viel Instrumentalisten,\ndarunter 14 Trompeten, im Unisono begleitet, riss die\nganze Versammlung zu einem so sichtbaren Entzücken hin,\nDass Jeder fast das Bewusstsein seiner selbst zu verlieren\nschien. Und nun flössen häufige Thränen aus den Augen\nder äusserst gerührten Zuhörer, als Madam Mara die Aria:\nIch weiss, dass mein Erlöser lebt! auf eine himmlische\nArt, ganz mit der dazu gehörigen, unbeschreiblich schönen\nSimplicität sang. Ihre Majestäten und die Prinzen und Prin-\nzessinnen waren ausserordentlich gerührt. Der grosse Sän-\nger Tasca sang die Arie: Sie schallt, die Posaun! welche\nSerjeant, vielleicht der erste Trompeter in der Welt, mit\nder Trompete begleitete. Das Chor: Würdig ist das Lamm\nu. s. w., der Ausdruck der tiefsten Anbetung, endigte die-\nses Oratorium mit der bekannten grossen Fuge „Amen\",\nwelche letztere mit der grössten Genauigkeit executirt ward.\nInteressant ist die Zusammensetzung des damaligen\nOrchesters: 100 Violinen, 32 Bratschen, 26 Oboen, 7\n„Flöten-Virtuosen ausser den übrigen Flötisten'\", 30 Vio-\nloncells, 26 Bassons, 18 Contrabässe, 14 Trompeten,\n12 Hörner, 3 Posaunen, 4 Pauken.\nUcber die Einnahmen wird Folgendes berichtet: Das\nmusicalische Jubiläum zum Andenken Händers ist geen-\ndigt. Es hat nach der genauesten Rechnung eingebracht:\nam ersten Tage in der Westminster-Abtey 2825 Guineen.\nam andern S age im Pantheon 1619 „\nam dritten Tage in der Westminster-Abtey 3049 „\nam vierten Tage in der Abtey .., . . 1547 „\nam fünften Tage in der Abtey 2002 „\nwie 2mal Probemusic aufgeführt ward . 800 „\nSe. Majestät schenkten 500 „\nSumma. 12342 Guineer).\nHierzu kommt noch, was aus den verkauften IVlusik-\nbüchern gelöset worden, und ungefähr zu 400 Guineen\nangeschlagen werden kann. Nach Abzug der Unkosten\nund 1412 Pf. Sterl. für das Westminster-llospital ist der\nUeberrest in einen Fonds zur Unterhaltung verarmter und\nverdienter Musiker unter dem Patronate des Königs ver-\nwandt worden, und zur Ehre dieses musicalischen Festes\nist eine weisse Marmortafel mit folgender Inschrift über\nMonument in der Westminster-Abtey aufgehängt:\n„Innerhalb dieser Mauern ward Händel's Andenken\nunter dem Schutz Georg's 111. den 26. und 2Osten May\nund 3ten und sten Junii 1784 gefeiert. Die zu dieser\nFeierlichkeit aufgeführte Music war aus seinen eigenen\nWerken gewählt, unter Direction der Grafen Exeter,\nSandwich, Uxbridge, Sir Watkin Wynne, Sir Richard\nJebb, und unter musicalischer Leitung des Jones Bates,\nEsquire.\"\n*) Vergl. Niederrheinische Musik-Zeitung, IV. Jahrg., Nr. 35, wo\ndie gegebenen Musikstücke, die Besetzung des Gesang- und des\nOrchester-Personals u. s. w. nach Burney angegeben sind. Die\nobigen Stellen sind aus londoner Blättern von 1784."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-07-17-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-07-17_01#c004", "volume": "bmtnabi_1858-07-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "230", "page_fin": "231", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.2.4", "titre_corps": "Eine Ansicht Lamartine’s über Musik.", "titre_sommaire": "Eine Ansicht Lamartine’s über Musik.", "signature_source": "L. 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Was\nwürde man von der Bildhauerkunst denken, wenn sie von\nder Malerei die Farben borgte, um die göttlichen Formen\nund Gestalten eines Phidias den bemalten Figuren eines\nWachs-Cabinettes ähnlich zu machen, von deren Schön-\nheit die unwissende Menge in den Marktbuden entzückt\nist? Und was von der Malerei, wenn sie die Zeichnungen\nRaphael's oder Titian's modellirte, um den Gemälden da-\ndurch mehr in die Augen springende Wahrheit zu geben?\nBeide Künste würden dadurch ihre wesentlichen Bedin-\ngungen verläugnen und aus den Schranken treten, welche\ndie Natur ihnen angewiesen hat. Und doch würden sie\nvielleicht mehr Effect machen; aber welchen Effect? Einen\nrohen, grob sinnlichen Effect, der den Enthusiasmus des\nPöbels, niemals aber der Gebildeten erregen würde, die\nmit Wahrem Gefühl für die Kunst begabt sind, geschweige\ndenn den Beifall der Kenner. In Kunstsachen ist der sinn-\nliche Eindruck bei der Menge, das Urtheil aber bei dem\nKern der Gebildeten zu suchen.\nAm Ende thut aber der Musiker ganz dasselbe, wenn\ner seine Sprache, die keine Worte, sondern nur Töne\nkennt, mit einem Theater-Gedichte verbindet, um seine\nMusik in einer so genannten Oper Gespräche führen,\nschaudern, triumphiren, schluchzen, schreien, heulen und\nklagen zu lassen, Alles nach einem gegebenen Schema in\nWorten. Er vermehrt vielleicht den materiellen Effect sei-\nner Kunst, aber er vermehrt ihn, indem er ihr Wesen ver-\nändert, ihre Unabhängigkeit aufgibt, eine Kunst auf eine\nandere, ja, auf mehrere andere pfropft; den sinnlichen\nEindruck kann er dadurch steigern, ihren wahren Zauber\nüber das Herz nur verringern.\nIch begreife ganz wohl, dass der Musiker, Dichter,\nMaler, Sänger, Tanzmeister, dramatische Declamator, Ar-\nchitekt und Bildhauer auf den Gedanken kommen können\nund gekommen sind, ihre Künste auf der Bühne zu ver-\neinigen, um auf die grosse Menge einen Universal-Eindruck\nmit Hülfe des Eindrucks aller ihrer einzelnen Herrlichkei-\nten zu machen. Wir können uns selbst der sinnlichen Ge-\nwalt eines Schauspiels nicht entziehen, worin der Poet\ndichtet, der Maler die Decorationen liefert, die Tänzerin\ndurch Schönheit, Bewegung und Stellung das Auge be-\nrauscht, der Held declamatorisch singt, singend mordet\noder selbst stirbt, das Orchester endlich alle diese Eindrücke\ndurch Seufzen oder Donner der Instrumentirung so beglei-\ntet und steigert, dass jeder Nerv in uns gereizt oder gepackt\nwird. Allein auch die grösste Gewalt dieses Eindrucks kann\nunser Urtheil nicht unterdrücken, und wenn wir uns auf\nden wahrhaft geistigen Standpunkt stellen, auf den wirk-\nlichen Standpunkt des Kunstschönen, so können wir es nur\nbedauern, dass jede von diesen einzelnen schönen Künsten\neine Verbindung oder vielmehr eine Vermischung einge-\ngangen ist, die ihre eigentümliche Natur verändert; wir\nkönnen nie den Glauben aufgeben, dass die Malerei schö-\nner ist auf einem Baphael in der Galerie des Vaticans,\nals auf einer Opern-Decoration; dass die Poesie in einem\nHomer, Virgil, Dante u. s. w. göttlicher ist, als in den\nColoraturen einer Sängerin; dass der Schauspieler mäch-\ntiger durch Declamation wirkt, als wenn er seine Rollen\nmitten unter den Blendwerken der Oper absingt; endlich,\ndass der Musiker beredter und pathetischer in der erhabe-\nnen Blosse seiner Töne ist, als in der naturwidrigen Ver-\nbindung derselben mit Drama, Declamation, Tanz, Deco-\nration und Flittergold. Diese Vereinigung der Künste ist\neine Art von Buhlerei, welche ihre wahre Natur von sich\nweis't, wenn sie sich nicht herabwürdigen will. Bei den\nGriechen war jede Kunst um so vollendeter, je mehr sie\nfür sich allein und sich selbst treu blieb.\nComponisten wie Mozart und Rossini und ihres Glei-\nchen wollen wir keineswegs einen Vorwurf daraus machen,\ndass sie sich zu solch einer gezwungenen Verbindung\nherabliessen; aber wir beklagen die Umstände, die sie dazu\ngenöthigt haben. Denn genaugenommen, kann die Decla-\nmation nicht singen und die Musik nicht declamiren; jede\nhat ihre eigene Sphäre für sich.\nFreilich täuscht sich die grosse Menge darüber; ihren\ntauben Ohren sagt die Musik nichts, wenn nicht ein unge-\nheures Orchester Lärm macht, wenn Worte ihnen die Töne\nnicht erklären, wenn nicht ein Schauspieler ihnen Worte\nund Töne noch obendrein durch Gesten, Bewegungen,\n3limik und schreiende Betonung recht handgreiflich ins\nSinnliche übersetzt. Bedürfen aber Menschen, die mit mu-\nsicalischem Genie begabt sind, wie jene grossen Compo-\nnisten und diejenigen, welche im Stande sind, sie zu ver-\nstehen, bedürfen die dergleichen grobe Verdolmetschung?\nIst die Musik nicht eine vollständige Sprache, eine Sprache,\ndie Ideen, Leidenschaften, Gefühle, das Endliche und Un-\nendliche eben so gut ausdrücken kann, als die Wortspra-\nche? Ist diese Tonsprache gerade durch ihre Unbestimmt-\nheit und Schrankenlosigkeit nicht viel weniger beengt in\nihrem Ausdruck, als die wirkliche Sprache, in welcher der\nAusdruck auf die bestimmte Bedeutung des Wortes be-\nschränkt ist und in den Fesseln der Syntax liegt? Nehmen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2383, "texte": "wir an, dass Jemand seine Muttersprache vollkommen gut\nspricht und schreibt; macht er nicht dennoch alle Augen-\nblicke die Erfahrung, dass es Nuancen, Geistigkeiten, Un-\naussprechlichkeiten von Empfindungen, Gedanken und Ge-\nfühlen gibt, die einem auC den Lippen oder unter der Fe-\nder dahinsterben, weil kein Wort bestimmt oder vielmehr\nunbestimmt genug ist, sie auszudrücken? Hat die Liebe,\ndie Begeisterung, das Gebet nicht seelische Bewegungen,\nderen Darstellung in Worten ganz unmöglich ist?\nWas haben wir in solchen Momenten für Mittel des\nAusdruckes? Ein Seufzer, ein Ach, ein Hauch, ein Schrei\nist dann unser ganzer ärmlicher Behelf. Da erscheint die\nMusik, und sie spricht aus der Seele zur Seele. Es ist un-\nbegreiflich, dass man den Satz vergessen oder verläugnen\nkann: „Die Musik beginnt da, wo die Sprache aufhört.\"\nDie Wahrheit über das Wesen der Musik liegt in ihm.\nIst eine Sinfonie von Beethoven für einen, der musicali-\nschen Sinn hat, nicht tausend Mal dramatischer, als alle\njene so genannten Gedichte, welche den Spectakel-Opern\nzum Grunde liegen? Hat ein gefühlvoller Mensch jemals\nim Theater einen Eindruck durch die Musik empfunden,\nder dem Gefühl zu vergleichen wäre, das uns in der Kir-\nche ergreift, wenn die Orgel ihre majestätische Tonfülle\nentfaltet oder ihre zarten Stimmen erklingen lässt, oder\nwenn ein schöner Gesang ein ein Sfa-\nbelt mater,ein Requiem melodisch dahinhaucht? Die\nWorte, zumal die lateinischen, sind es wahrlich nicht, die\njenes Gefühl der Sehnsucht, der Vereinigung mit dem Un-\naussprechbaren, mit dem Unendlichen in uns hervorrufen.\nSelbst bei den Volksliedern, mögen sie auf dem Meerbusen\nvon Neapel oder in dem schottischen Hochlande, auf den\nrussischen Steppen oder in den Thälern der Alpen ertö-\nnen, ist die Melodie dasjenige, was ergreift und das Herz\nbewegt. Macht sie doch auch denselben Eindruck, sie mag\ngesungen oder auf der Flöte, dem Horn, der Clarinette,\nder Zither sogar gespielt werden. Warum? Weil die\nWorte das Bestimmte, das Endliche sind, die Musik das\nUnbestimmte, das Unendliche. Wir stehen gar nicht an,\nes auszusprechen: die Worte sind ein bleiernes Gewicht,\ndas der Musiker oft gezwungen ist, seinen Tönen anzu-\nhängen, um diese Töne der grossen Menge wegen am ir-\ndischen Boden zu halten. Wir aber, die Auserwählten,\nwollen das Blei von ihren Schwingen lösen, damit sie uns\nempor zum Himmel tragen.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-07-17-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-07-17_01#c005", "volume": "bmtnabi_1858-07-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "231", "page_fin": "232", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.2.5", "titre_corps": "Demoiselle Desfoix.", "titre_sommaire": "Demoiselle Desfoix.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.1.7", "debut_caractere": 2385, "fin_caractere_exclue": 5233, "texte": "Demoiselle Desfoix.\nDie Sängerin Desfoix, die um 1780 in Paris und\neinige Jahre später in Petersburg, wo sie von der Kaiserin\nKatharina mit 22,000 Livres Gehalt bei der Oper ange-\nstellt war, grosses Aufsehen machte, erhielt, als sie noch\nnicht so berühmt war, einst einen Antrag von der Theater-\nDirection in Lyon mit 2000 L.Gage. „Das ist zu wenig\",\nsagte ihre Mutter. „Das weiss ich wohl,\" antwortete\nsie; „aber lass mich nur machen.\" Sie nahm den Contract\nan, reis'te mit ihrer Mutter nach Lyon und trat in einem\närmlichen Gasthofe in der Vorstadt ab. Dann ging sie zur\nFrau Directorin.\nDie Desfoix war klein und ausser dem Theater nicht\nschön. Sie hatte sich in eine ganz gewöhnliche, ja, höchst\ndürftige Kleidung gesteckt, machte sich noch kleiner, als\nsie war, affectirte eine schiefe Hüfte, kurz: nahm ein sol-\nches Aeusseres an, dass das Kammermädchen sie gar nicht\nvorlassen wollte. Endlich nannte sie ihren Namen und\nwurde in das Zimmer geführt. Die Directorin erschrak\nbei ihrem Anblicke, fasste sich jedoch nach Einsicht des\nContractes, den die Künstlerin ihr zeigte, und lud sie zu\nTische. Die Desfoix blieb so, wie sie war, da und spielte\nihre Rolle so vortrefflich, dass die Gesellschaft, trotz aller\nRücksichten, kaum das Lachen unterdrücken konnte, als\nsie erklärte, sie wünschte in der Hauptrolle einer damals\nbeliebten Oper: „Die Zigeunerin\", aufzutreten. Man ver-\nsuchte auf alle Manier, sie davon abzubringen; vergebens.\nNach Tische verlangte sie die Directorin allein zu sprechen.\n„Ich sehe wohl,\" sagte die Künstlerin in sehr bescheide-\nnem „dass man Sie über meine Person und mein\nTalent getäuscht hat. Hier ist mein Contract; ich gebe ihn\nIhnen zurück, ich vernichte ihn. Lassen Sie mich nur die\nEine Rolle spielen, und ersetzen Sie mir das Reisegeld.\"\nDabei zerriss sie den Contract, und wer war froher\nals die Frau Directorin! Diese fuhr sogar bei der Noblesse\nvon Lyon herum und bat, das kleine unglückliche Geschöpf\ndoch huldvoll zu behandeln und nicht auszupfeifen.\nDie Probe kam. Mademoiselle Desfoix sang nicht,\nsondern markirte mit kaum hörbarer Stimme, und sagte\nnur bei einem Versehen des Capellmeisters: „Mein Herr,\nso steht das nicht in der Partitur; wenn dieses bei der\nAufführung wieder vorkommt, so werde ich es dem Pu-\nblicum bemerkbar machen müssen.\"\n„Wie ging es?\" fragte die Directorin den Musikmei-\nster. „Weiss ich's?\" sagte der; „sie hat Alles zwischen\nden Zähnen gemurmelt und nur einmal (laut genug!) mir\neine Nase gegeben, die ich wirklich verdient hatte.\"\nDer Tag der Vorstellung kam. Als die Zigeunerin in\nreizender Tracht, mit dem Tamburin in der Hand auf die\nScene trat, erregte ihre schöne, schlanke Figur, ihr feines\nGesicht, ihre ausserordentliche Grazie einen rauschenden\nApplaus. Die Directorin traute ihren Augen nicht;—auch\nsie glaubte, wie die Mitglieder des Orchesters , und alle die-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 932, "texte": "jenigen, welche die kleine, unscheinbare Desfoix vorher\ngesehen hatten, diese liebliche Erscheinung sei eine andere\nKünstlerin. Als aber der Regisseur vortrat und mit lauter\nStimme: „Debüt de Mademoiselle verkündete,\nda brach der Beifall noch lebhafter aus. Vollends der Ge-\nsang entzückte Alles, und am Schlüsse stürzten die noblen\nHerren und Dandy's von Lyon auf die Bühne, um der\nKünstlerin ihre Huldigungen und der Directorin ihre\nGlückwünsche zu bringen.\nAls Beide allein waren, umarmte die letztere die Des-\nfoix und zog den zerrissenen Contract aus der Tasche, den\nsie mit den schmeichelhaftesten Worten der Sängerin zu-\nrück reichte. „0 nein!\" rief diese; „wenn ich Ihnen\nsagte, dass es mir scheine, als wären sie falsch über mein\nTalent berichtet, so war das mein völliger Ernst, wie Sie\njetzt wohl einsehen werden. 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P", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.1.8", "debut_caractere": 934, "fin_caractere_exclue": 4619, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nB. P.\nKolli. Herr Böhm, welcher an der Stelle des Musik-Directors\nReinthaler den Gesang-Unterricht an der Eheinischen Musik-\nschule ertheilen wird, ist in diesen Tagen von Dresden hier an-\ngekommen.\nDer Organist Krebs (f 1782) in Altenburg, bekanntlieh einer\nder tüchtigsten Orgel-Componisten und Orgelspieler, war J. S. Bacli's\nSchüler. Man machte daher das Wortspiel: „In dem so grossen Bach\nsei nur ein einziger Krebs gefangen worden.\"\nNach öffentlichen Blättern ist die Theater-Unter-\nnehmung des Herrn Sachse mit 100,000 Mark Schulden in die\nBrüche gegangen. Herr Dr. Wollheim wird, wie man sagt, das\nSteuer des Theaterschiffes ergreifen.\n\"OT'IMI« Die heimische Kunst hat am 12. Juni einen grossen\nVerlust erlitten. Nach einem nur dreitägigen Krankenlager starb in\nPrag Herr Director Pitsch. Was er als Componist, Theoretiker\nund Pädagoge geleistet, wissen alle Verehrer und Freunde der Mu-\nsica sacra. Die Trauernachricht wird in allen betreffenden Kreisen\ntief empfanden werden und besonders die zahlreichen Schüler der\nunter der Leitung ihres einzigen Directors so grosse Früchte tragen-\nden prager Orgelschule schmerzlich berühren.\nAus Paris. Die T h ea t e r - A g enten. Wir haben hier jetzt\nnicht bloss eine Geld- und Handelsbörse, sondern auch eine Sänger-\nbörse. Ihr Local ist das Cafe Cardinal, die Hauptmakler sind Ita-\nliener. Die italiänische Oper florirt mehr wie je in der alten und\nneuen Welt; daher das ungeheure Bediirfniss an Sängern, aufweiche\nyon den Speculanten dermaassen und mit solcher Hast gefahndet\nwird, dass wir bald selbst aus jenem Lande, das bis jetzt noch hier\nund da gute Waare lieferte, nichts Ordentliches, d. h. keine kunst-\ngemäss gebildeten Sänger werden beziehen können\nTaucht irgendwo in Italien oder in welchem Lande es auch sei,\neine Sopran-, Tenor-, Bariton- oder Bassstimme auf, so geht die\nKunde davon auf allen Telegraphen-Linien in die Welt hinaus. Die\nTheater-Agenten sind fortan um ihren Schlaf gebracht; es gilt, wer\nder zahllosen Concurrenten den aufgehenden Stern wegfischt, um\nihn den verbündeten Journalen zu überliefern, die ihn zum wunder-\nbarsten Kometen, zu einem nie gesehenen Phänomen erheben müssen.\nDiese Theater-Agenten treiben ihr Geschäft im Grossen wie eine\nArt von Sclavenhandel und tragen einen grossen Tlieil der Schuld\nan der Entartung der Gesangkunst. Wittert Einer von ihnen eine\nschöne Stimme aus, so wartet er nicht etwa, bis sie ausgebildet ist,\nsondern stürzt wie ein Falk über seine Beute her. Er lässt dem\nNeuling eine Rolle, oft nur eine einzige Arie einpauken und über-\nnimmt sofort gegen gehörige Procente, sein Auftreten auf der Bühne\nmit Posaunenschall zu verkünden und ihn empor zu bringen. Und\ner bringt ihn in der That so schnell vorwärts, dass der arme Schütz-\nling auf der zweiten oder dritten Station aus dem Triumphwagen\naufs Pflaster fällt und noch Gott danken kann, wenn er noch taug-\nlich bleibt, um statt der geträumten ersten Stelle eine vierte oder\nfünfte einzunehmen.\nFrüher hatte man nur in Italien dergleichen Agenten, und auch\nda nur in Mailand und Florenz. Jetzt ist Paris ihr Mittelpunkt;\nhier ist die Weltbörse, auf welcher die Notirungen des Courses der\nStimmen gemacht und auf hausse und baisse derselben speculirt wird\nDas Cafe Cardinal ist der Ort, wo es von Maklern wimmelt, die für\nRechnung der Theater-Directoren kaufen und verkaufen. Hier kann\nman von Jedem, den man anredet, auf der Stelle erfahren, wie der\nCours von Mario, Giuglini, Formes, Mad, Bosio, Spezzia an bis zu\nden unbedeutendsten Anfängern steht. Die zügellose Concurrenz stellt\ndas Talent der Künstler auf dieselbe Linie mit einer Zuckerkiste\noder einem Ballen Baumwolle."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nUeber den gegenwärtigen Zustand der Tonkunst und die Lage junger Componisten. Von F<Jtis d. Aelt. 111 Von L B\n- Gleichzeitige Berichte über die erste Jubelfeier Gr. F. Händel's in London 1784. - Eine Ansicht Lamartine's über Musik. - De-\nmoiselle Desfoix. - Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Herr Böhm Hamburg, Theater-Zustände Wien, Director\nPitsch f Paris, Theater-Agenten).\n\nUeber den gegenwärtigen Zustand der Tonkunst und\ndie Lage junger Componisten.\nVon Fétis d. Aelt.\n\nIII.\n(I. s. Nr. 27. 11. Nr. 28.)\nDas Drama hat immer mehr Reiz für Dichter und\nKomponisten gehabt, als andere Kunstgattungen, nament-\nlich in Frankreich. Die Tonkünstler finden in der Kompo-\nsition einer Oper den Weg zu einer grösseren und leich-\nteren Popularität, als die Beschäftigung mit irgend einer\nanderen Musikgattung darbieten kann, und dann ist auch\ndie Bühne die einzige Anstalt, welche ein gelungenes Werk\nauch einträglich macht. Es ist also nicht zu verwundern,\nwenn jüngere Musiker die schönsten Jahre ihres Lebens\nauf oft unfruchtbare Anstrengungen verwenden, sich Bahn\nuurch die Menge von hemmenden Schranken zu brechen,\nmit welchen die Theater sich umschanzen. Die Täuschun-\ngen schwinden gewöhnlich erst nach Unfällen aller Art,\nvom Auftreiben eines Textes an bis zum Durchfall des\nWerkes.\nDoch das ist ein falscher Ausdruck; eine Oper fällt in\nParis nicht mehr durch, sie stirbt, ohne dass man gewahr\nwird, dass sie gelebt hat. Heutzutage ist Alles gemacht,\nauf der Bühne wie im Leben; der Schein ist überall an\ndie Stelle der Wirklichkeit getreten, und dennoch täuscht\nseltsam genug dieser Schein Niemanden, obwohl\nman ihn als eine Nothwendigkeit betrachtet. Im Parterre\nsitzt eine Phalanx mit dem Auftrage, zu klatschen; was\nsie beklatscht, darauf kommt nichts an, aber diese leben-\ndige Maschine ist selbst ein ergötzliches Schauspiel, an wel-\nchem das wahre Publicum oft mehr Spass hat, als an dem\nStücke. Auf den Gesichtern ihrer menschlichen Bestand-\nteile wechseln je nach Bedürfniss und Losung Anflüge\nvon Heiterkeit und tolles Gelächter mit Thränen der Rüh-\nrung und enthusiastischem Entzücken. Die Zuschauer, die\nihr Geld bezahlt haben, um den Abend wo möglich ange-\nnehm zu verbringen, haben ihr Vergnügen an der Komö-\ndie in der Komödie, durchschauen ohne Mühe diese plum-\npen Kunstgriffe und lachen darüber. Das gutmüthige Pu-\nblicum pfeift ja nicht mehr; das Recht dazu, das man nach\nBoileau's Ausspruch an der Casse bezahlte, hat man auf-\ngegeben; es zu benutzen, würde Mangel an Bildung ver-\nrathen; denn die Welt ist entsetzlich höflich geworden.\nMithin pfeift das Publicum nicht mehr, sondern bleibt weg,\nwenn es sich langweilt. So geschieht es denn, dass eine\nOper nicht mehr durchfällt, sondern dahin stirbt, ohne\ndass sich ein Mensch um ihr Schicksal bekümmert. Zum\nLohne für dieses artige Benehmen des wohlwollenden Pu-\nblicums setzt der Director es auf sammtne Polster und\nbelegt die Treppen und Gänge des Theaters mit dickwol-\nligen Teppichen.\nDas Spasshafteste bei allem dem ist, dass die Dichter,\nComponisten, Schauspieler und Sänger, der Director, die\nJournalisten, kurz, alle, die in der Schmiede der Schein-\nErfolge arbeiten, am Ende selbst nicht mehr wissen, woran\nsie sind, und im Glauben an das Gute uud Schöne irre\nwerden. Durch die Masse von Fremden, welche die Eisen-\nbahnen täglich nach Paris bringen, sind die Theater bis\nzu einer gewissen Zahl von Vorstellungen eines neuen\nWerkes immer voll, wenn es auch nicht lebensfähig auf\ndie Welt gekommen ist. Desshalb hört man oft noch bei\nder dreissigsten Vorstellung auf der Bühne hinter der\nScene die Aeusserung: „Gefällt die Oper wirklich?\"\nGesetzt, dies sei der Fall, so ist damit noch nichts ge-\nsagt; denn nun entsteht die Frage: Wodurch gefällt\nsie? Was zieht das Publicum an?—Das Gedicht? die Mu-\nsik? ein Sänger oder richtiger eine Sängerin? die Sceni-\nrung, oder ein Kunststück des Maschinisten, oder irgend\neine lächerliche Ungeheuerlichkeit, die man sehen muss?\nVon allem dem kommt die Musik am wenigsten in Be-\ntracht, die freilich auch nur selten noch ein Kunstwerk"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "226", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.1.2", "texte": "ist. Und wenn sie dieses wäre, wenn sie grosse Vorzüge\nhätte, wo sind dann die Leute, die das wahrhaft Musica-\nlisch-Schöne aufrichtig lieben und es zu würdigen wissen?\nWahrlich, ihre Zahl ist zu klein, um einen entscheidenden\nEintluss auf das Schicksal einer Composition auszuüben.\nMusik ist also eine äussere Zugabe zu der Hauptsache, die\nden Erfolg bedingt und jene zur Nebensache macht.\nDies ist so wahr, dass die meisten Theater-Directnren bei\nder Oper auf die Musik wenig geben, von der sie freilich\nauch in der Regel nichts verstehen. Haben sie eine be-\nrühmte Sängerin, die, wenn sie auch keine Stimme mehr\nhat, bei dem Publicum in Gunst steht, nun, so wird sie\ndas Glück der Oper machen. Wo nicht, so muss man\nsehen, ob der Stoff es erlaubt, in Decorationen, Maschi-\nnerie und Scenirung etwas Aussergewöhnliches, Niedage-\nwesenes, recht Ausschweifendes und Uebertriebenes anzu-\nbringen, das um mit dem technischen Ausdrucke zu\nreden „ganz Paris auf die Beine bringt\"!\nKraft dieser Richtung der Zeit ist die Kunst zu schrei-\nben, für die Componisten die zur Oper zugelassen wer-\nden, sehr leicht geworden; denn es ist nicht der Mühe\nwerth, sich um etwas den Kopf zu zerbrechen, auf das\nNiemand etwas hält. Die Opern machen ja doch stets\ngrosses Glück bis zu ihrem seligen Ende, das man nicht\neinmal der Familie ansagen lässt. Das sind die Ursachen\nder Entartung der dramatischen Musik und der entsetz-\nlichen Schwäche der Opernwerke seit einer Reihe von\nJahren. Die Künstler selbst fangen an, eine Kunst gering\nzu schätzen und oberflächlich zu behandeln, seitdem sie\ngewahren, wie sie zu einem blossen Zeitvertreib, nein, zur\nZugabe zu einem Zeitvertreib, erniedrigt worden ist. Nichts\nbleibt von ihren Werken übriff, nicht einmal als Concert-\n. O 7\nstück. Ihr Dasein mag lang oder kurz, ihr Erfolg vergäng-\nlich oder dauernd sein, der Tag des Vergessenseins bleibt\nnicht aus, sobald immer ein Werk auf das andere folgt,\nund dieses Vergessensein ist das Versinken in das Nichts auf\nalle Zeiten. An eine Wiederaufnahme dieser Tages-Pro-\nducte ist nicht zu denken: selbst ihre Namen verschwinden\naus der Erinnerung der Menschen.\nMan muss auch im Unglücke nicht an dem Vaterlande\nverzweifeln, sagt der gute Bürger, und so wollen denn\nauch wir Künstler in Frankreich nicht an der Kunst ver-\nzweifeln. Aber täuschen wir uns nicht länger! In Paris ist\ndas Mittel zur Abhülfe nicht zu suchen; dort hat das Uebel\nso um sich gegriffen, dass keine menschliche Macht im\nStande ist, mit einer Reform durchzudringen. Sie müsste\nbei den Theater-Directionen anfangen. Aber diese privile-\ngirten so genannten Kunst-Institute haben einen so hand-\nfesten Glauben an ihre Traditionen und Hausmittel, dass\nsie nie davon ablassen werden. Ihre ganze Geschicklichkeit\nin Bezug auf die Musik besteht darin, dass sie nur den\nKünstlern von grösstem Rufe ihr Zutrauen schenken. Steht\naber ein Componist auf dem Gipfel der Berühmtheit, so\nist er in der Kegel auch nicht weit mehr von dem Ziele\nseiner Laufbahn. Die Verwaltungen der grossen Theater\nmüssten aber an die Zukunft denken und sich nach unbe-\nkannten jungen Talenten umsehen, sie hervorziehen, unter-\nstützen u. s. w. Aber das ist ein Traum; eine Direction in\nParis wird niemals einen solchen Weg einschlagen.\nDie Centralisation in Paris [die von so manchen Künst-\nlern thörichter Weise auch in Deutschland ersehnt wird!]\nhat der Entwicklung der Talente für dramatische Musik\nin Frankreich weit mehr geschadet als genützt. In Italien\nbildete die Menge von Opernbühnen zu allen Zeiten eine\ntreffliche praktische Schule für Opern-Componisten. Sie\nbrachte im achtzehnten Jahrhundert eine ununterbrochene\nReihe von Componisten ersten Ranges hervor, wie z. B,\num nur die neuesten zu nennen einen Jomelli, Pic-\ncini, Sacchini, Cimarosa, Paesiello, Guglielmi, Cherubini,\nPaer, und im neunzehnten Jahrhundert noch einen Rossini,\nMercadante, Bellini, Donizetti. Neapel, Rom, Venedig, Mai-\nland, Turin, Genua, Bologna, Florenz, Parma, Modena,\nMantua, Palermo, Messina und viele andere noch weniger\nvolkreiche Städte brachten die ersten Werke vieler gros-\nsen Meister zur Aufführung. Freilich kann man einwenden,\ndass jene Theater alle noch jetzt bestehen und der Verfall\nder Kunst dennoch in Italien so augenfällig ist, wie über-\nall; allein es gibt dort andere Umstände, die ich im ersten\nArtikel und sonst [in einem früheren Aufsatze über \\ erdi\nvgl. Rheinische Musik-Zeitung von L. BischofF, Jahrg.\n1., Nr. 14] schon angeführt habe, welche den italiänischen\nSchulen und musicalischen Instituten den Todesstoss gege-\nben haben, und dann ist auch Italien seit langer Zeit von\nIdeen bewegt, die auf weit ernstere Dinge gerichtet sind\nund auf die Kunst verderblich eingewirkt haben.\nEben so sind in Deutschland ähnliche Theater-Ver-\nhältnisse günstig für die Opern-Composition gewesen.\nErfolge in Wrien, Prag, Dresden, Berlin, Leipzig, Mün-\nchen, Stuttgart, Kassel, Hamburg, Frankfurt u. s. w. ha-\nben immer gleiche Wichtigkeit gehabt. Die ersten Auf-\nführungen von Mozart's Opern vertheilten sich aul Mün-\nchen, Salzburg, Prag und Wien; Naumann's auf Dresden\nund Berlin; Winter's auf München, Wien und Prag;\nSpohr's auf Frankfurt, Kassel, Wien und Berlin; C. M.\nvon Webers auf Prag, Dresden, Wien und Berlin die\nunzähligen Opern nicht zu rechnen, die auf Provincial-\nTheatern fast in jeder bedeutenden Stadt zur ersten, oft\nfreilich auch letzten Aufführung gelangen.\n[Fetis schlägt hierauf vor, um in Frankreich etwas\nAehnliches zu schaffen, in fünf grossen Städten, z. B. Lyon,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "227", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.1.3", "texte": "Marseille, Bordeaux, Rouen, Strassburg, den Theater-Di-\nrectionen eine Staats-Unterstützung von 50—60,000\nFrancs zu geben, mit der Verpflichtung, jährlich einige\nneue Opern und Operetten von jungen, namentlich den\nvon der Akademie gekrönten, Componisten aufzuführen,\nund bringt damit Preis-Vertheilungen u. s. w. in Verbin-\ndung.—Neuerdings sind übrigens bereits Fälle vorgekom-\nmen, dass neue Operetten zuerst in einer Provincialstadt\ngegeben worden sind; allein der Beifall, den sie erwarben,\nhatte keine Folgen, die pariser Directionen ignorirten sie,\nund es fand sich kein Verleger für ein Werk, das nicht in\nParis über die Bühne gegangen. Den Hauptschaden be-\nzeichnet Fetis ganz richtig, wenn er fortfährt:]\nMan darf sich nicht verhehlen, dass es in Frankreich\nan musicalischer Bildung fehlt,die, ausser durch Unterricht,\nbesonders auch durch häufiges Hören von guter und gut\nausgeführter Musik erlangt wird. Und dazu mangelt es an\nGelegenheit. Der ewige Schlaf, in welchem die Bewohner\nder meisten Provincialstädte vegetiren, rührt davon her,\ndass sie gar keine Gelegenheit und Veranlassung haben,\nVerstand und Gefühl in Beziehung auf die Kunst zu prü-\nfen und zu üben. Wenn man den gänzlichen Mangel aller\nMittel, sich über Musik zu unterrichten und zu belehren\nund sich den Genuss derselben zu verschaffen, der in den\nfranzösischen Landstädten herrscht, mit der lebendigen\nThätigkeit und Regsamkeit vergleicht, welche sich überall\nin Deutschland offenbart, wo in jeder Dorfschule Gesang\ngelehrt wird und wo jede Stadt ihre Gesang- und Musik-\nVereine hat, so wird man einsehen, worin der Grund der\nUeberlegenheit der Deutschen in Bezug auf Kenntnisse,\nUrtheil und richtiges Gefühl in musicalischen Dingen liegt.\n[ln Beziehung auf die reine Instrumental-Musik schlägt\nFetis die Einrichtung von Quartett- und Sinfonie-Cirkeln\nan den Conservatorien vor, die während des Sommers für\nden jungen Componisten ungefähr das sein sollen, was die\nAusstellungen für den Maler sind, der freilich in Betracht\nder Bekanntmachung seiner Arbeiten in weit glücklicherer\nLage ist, als der Musiker. Wir lassen die mehr oder\nweniger praktischen Vorschläge auf sich beruhen und ge-\nben den trefflichen und wohl zu beherzigenden Schluss\ndes Aufsatzes.]\nEine Haupt-Ursache des Zurückgehens der Tonkunst\nist der Leichtsinn, mit welchem man heutzutage die Lauf-\nbahn des Tonkünstlers betritt, ohne durch den mächtigen\nTrieb, der das angeborene Talent offenbart, dazu gedrängt\nzu werden. Man entschliesst sich, Componist zu werden,\nwie man Anstreicher wird, um einen Beruf zu haben; man\nkann aber den Leuten nicht oft genug sagen, dass die\nMusik das schlechteste Handwerk ist, das Einer wählen\nkann, selbst wenn er natürliche Anlagen dazu hat.\nHast da schon in den zarten Kinderjahren eine unbe-\nwusste Aufregung, ein seliges Gefühl bei dem Vernehmen\ngewisser Tonverbindungen oder gewisser Klänge empfun-\nden? Hast du mit Leidenschaft jede Gelegenheit aufge-\nsucht, die dir diese Seligkeit verschaffte? Hast du bald\ndarauf das dringende Bedürfniss gefühlt, dir selbst diesen\nGenuss auf irgend einem Instrumente, das dir gerade in\ndie Hände fiel, zu bereiten, und hast du, ohne zu wissen,\nwie du es anzufangen habest, mit unermüdlicher Geduld\ndarauf beharrt? Sind dir irgend welche Melodieen in den\nSinn gekommen, die dir angenehm klangen, ehe du noch\nvon Musik hattest reden hören? Hast du hernach Musik,\nso zu sagen, ohne es gelernt zu haben, vom Biatt spielen\nkönnen, weil dir ein rascher Uebcrblick fast wie mit Einem\nI\nMale das Geheimniss der Notenschrift enthüllte? Hast du\ndie Harmonie im Gefühl gehabt, ehe du wusstest, was ein\nAccord sei? Hat dir endlich der innere Trieb keine Ruhe\ngelassen, zu schaffen und Gedanken auszudrücken, ihnen\nForm zu geben, sogar zu instrumentiren, in einem Alter,\ndas sich sonst nur mit Kinderspielen beschäftigt? Hast\ndu das alles empfunden und gethan, so weiss ich noch\nnicht, ob du Genie hast, aber alle Andeutungen desselben\nsind da du kannst arbeiten und studiren, dann wollen\nwir weiter sehen, was daraus wird. Hast du aber keine\nvon diesen Offenbarungen der Natur an dir erlebt, so\nkannst du durch Arbeit und Fleiss ein mittelmässiger, auch\nein tüchtiger Musiker werden; ein schaffender Künstler,\nein Componist wirst du nie!\nIch sagte so eben, dass ein Kind, dessen musicalische\nNatur sich zeige, an das Studiren mit der Hoffnung, ein\ngrosser Künstler zu werden, gehen könne. Und dennoch\nführen selbst diese Anzeichen nicht immer zu vollständigen\nResultaten. Es gibt Naturen, welche täuschen; sie erfin-\nden sich eine Kunst nach ihrer Weise oder finden sich\nhinein, aber sie zeigen sich störrig und unfähig, sobald\nvon dem wirklichen Studium der Compositum die Rede\nist. Durch eine verkehrte Richtung des Geistes, die häufi-\nger vorkommt, als man glaubt, empört es die Individuen\ndieser Kategorie, dass man sich anmaasst, ihnen Regeln\naufzubürden, da sie durch ihr Genie darüber erhaben sind,\nwie sie meinen. Unsere Zeit hat eine Menge von solchen\nhochmüthigen, aber unreifen Talenten aufzuweisen, welche\nTradition und Lehre verachten und sich einbilden, die\nKunst beginne erst mit ihnen. Nach ihren Reden besteht\ndie ganze Kunst nur in den Eingebungen des persönlichen\nGenie's; sie gewahren nicht, dass sie eine prineipn\nmachen und auf einen Grund bauen, der erst bewiesen\nwerden muss. Wo ist denn ihre Phantasie, ihr Genie?\nWodurch und worin haben sie sie gezeigt? Noch nie hat\nman so viel von schöpferischem Talente, Originalität und"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "228", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.1.4", "texte": "Genie gesprochen, als seitdem man von allem dem nichts\nmehr hat. Ich sage aus langer Erfahrung im Lehramte,\ndass die Fähigkeit, gute Studien zu machen, eine sehr\nseltene ist und sich nur in seltenen Ausnahmen mit der\nFähigkeit einer schöpferischen Phantasie verbunden zeigt.\nHäufiger findet man sie als Ergänzung einer schwachen\nund schwerfälligen Erfindungsgabe; daraus kann man\ndann tüchtige Musiker machen, aber weiter auch nichts.\n| Es ist dieses dasselbe, was wir in diesen Blättern wieder-\nholt das „Genie der Arbeit\", d. h. nicht der mechanischen,\nsondern der Ausarbeitung „nach den Regeln der Kunst\",\nwie Haydn sagt, genannt und bei den wirklich grossen\nMeistern als mit dem Genie des Schaffens vereint nachge-\nwiesen haben. Dass wir es mithin auch jetzt von jedem\nComponisten als wesentliche Bedingung zur Meisterschaft\nverlangen, hat uns freilich oft genug die Ehrentitel von\nAlt-Conservativen, Zopfgelehrten, Perrückenstock und ähn-\nliche zugezogen, mit denen die Jünger der freien Schule\nim Stadium der Flegeljahre sehr freigebig sind.]\n• Die menschliche Natur zeigt sich auf tausendfach ver-\nschiedene Weise; bei einigen Künstlern bricht das Genie\nin frühester Jugend durch, bei anderen offenbart es sich\nerst in dem reiferen Alter. Indess muss man sich im ersten\nFalle doch hüten, junge Talente, die ihre Laufbahn erst\nbeginnen oder noch nicht weit darauf vorgerückt sind, gar\nzu eilig für grosse Künstler zu erklären. Es zeigen sich\noft Blitze von Talent und Originalität, die nur vorüber-\ngehend leuchten, und es hat schon oft Musiker gegeben,\ndie nach einem ganzen Leben voll mühsamer Production\nihre Ansprüche auf Ruhm nur in einem oder einigen ihrer\nersten Werke suchen konnten.\nDie gediegene Arbeit hat zu wenig Theil an den jetzi-\ngen Erzeugnissen der Tonkunst. Die Componisten thun\nbei Weitem nicht alles, was sie thun könnten, an ihren\nWerken. Sie sind zu hastig, zu schnell fertig und zu nach-\nsichtig gegen sich selbst. Wie manche lernt man\nkennen, die Erfindungsgabe und Phantasie zeigen, und\ndenen nichts fehlt als ernste Arbeit und tiefere Anwen-\ndung des musicalischen Wissens, um vortreffliche Musik-\nstücke zu werden! Oft sehen die Verfasser selbst die Trag-\nweite und Entwicklungsfähigkeit ihrer Ideen nicht ein,\nweil sie nicht tief genug darüber nachdenken und sie\ngründlich zu verarbeiten versuchen.\nWir müssen also jeden Kunstjünger ermahnen, sich\nin die Tiefen seiner Kunst zu versenken, alle ihre Hülfs-\nquellen, Formen und Mittel zu ergründen und durch\nUebuug sich zu sicherem Gebrauche anzueignen, und vor\nAllem diejenigen mit Verachtung zurückzuweisen, deren\nFeldgeschrei ist: „Hütet euch vor den pedantischen Stu-\ndien, welche die Phantasie austrocknen!\" Die Phantasie,\nwelche dadurch vertrocknet, fioss nur aus einem sehr\ndürftigen Quell.\nWir wollen den Musikern ferner zurufen: Verirret\neuch nicht auf Wegen, die keinen Ausgang haben. Hütet\neuch davor, aus dem Gebiete der Musik herauszutreten,\nvon ihr Dinge zu verlangen, die sie nicht leisten kann. Die\nsinnliche Aussenwelt kann der Musik eben so wenig als\nabstracte Begriffe Stoff darbieten; sie ist nicht im Stande,\ndas Wirkliche darzustellen oder die Sprache des Verstan-\ndes zu reden; sie kennt nur die Sprache des Gefühls, und\nnur diese versteht unsere Seele, wenn wir Musik hören.\nWerfet euch nicht auf neue Formen und heterogene Zu-\nsammenkoppelungen; das verräth meistens die Unfrucht-\nbarkeit der Phantasie. Schreibt ihr eine Sinfonie, so sei es\neine reine Sinfonie, keine Sinfonie-Cantate, keine Sinfonie-\nOde, keine symphonische Dichtung. Blickt nur recht tief\nin die Formen der Sonate, des Quartetts, der Sinfonie\nhinein: ihr Rahmen hat Raum genug für die tiefsten\nGedanken und für deren reichste und mannigfaltigste\nEntwicklung.\nEndlich noch ein Wort an diejenigen, die zur Leitung\nmusicalischer Studien und zum Urtheil über künstlerische\nLeistungen berufen sind, namentlich an die Vorsteher und\nLehrer an Gonservatorien und Musikschulen. Wollen wir\nden Vorwurf, dass wir das musicalische Proletariat beför-\ndern, thatsächlich zurückweisen, so müssen wir als strengste\nRichter auftreten, damit wir nicht junge Leute in eine\nLaufbahn werfen, zu deren Durchführung sie nicht die\ngenügenden Kräfte haben. Wir sind verantwortlich für die\nJahre von Anstrengungen, Mühen und Arbeiten, welche\nunsere Schüler, auf unseren Ausspruch gestützt, verbrin-\ngen, um am Ende doch nur Stümper zu bleiben. Die Vor-\nliebe für unsere Schüler verleitet uns oft; es ist aber ein\nschlimmer Dienst, den wir ihnen leisten; wir sollen sie im\nGegentheil vor einer Selbsttäuschung bewahren, welche\nsie vielleicht um eine glückliche Existenz in irgend einem\nanderen Lebensberufe bringt.\n[Der Verfasser urtheilt sehr milde, wenn er derglei-\nchen Fehlgriffe nur durch freundschaftliche Vorliebe er-\nklärt. Er scheint keine Vorstellung von der Gewissenlosig-\nkeit mancher Musiklehrer zu haben, die bloss um des\nBrodes willen ihren Schülern die unverschämtesten Schmei-\ncheleien an den Ilals werfen, in jedem Violin- oder Clavier-\nschüler einen Paganini oder Liszt entdecken, in jedem Ge-\nsangschüler eine Stimme, welche die Welt erobern könne,\nu. s. w. Wenn nun auch in den höheren Classen der Ge-\nsellschaft solche Albernheit bald eingesehen und belächelt\nwird, so verleitet sie doch gar manche, die in beschränk-\nteren Verhältnissen leben, zu thörichten Laufbahnen, und\nauf Ein Talent, welches vielleicht dadurch etwa für die"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "229", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.1.5", "texte": "Bühne gewonnen wird, sind sicherlich zehn bis zwanzig\nzu rechnen, die besser Seifensieder oder Drahtzieher, Nä-\nherinnen oder Wirtschafterinnen geblieben wären, als\nauf das Theater zu gehen!]\n\nL. B.\n\nGleichzeitige Berichte über die erste Jubelfeier\nG. F. Händel’s zu London 1784\n*)•\nLondon, den 11. May 1784. Unsere einsichtsvollsten\nConcertmeister behaupten, die Aufführungen werden we-\ngen der Menge schwer zu regierender Mitspieler immer\netwas Fehlerhaftes und Unvollkommenes haben, obschon\nman eine Guinee für das Bidet zahlen muss. —Was in der\nWestminster-Abtey und im Pantheon zu diesem Feste ge-\nbaut ist, kostet über 1600 Pf. St. jeder Seite der\nOrgel steht ein Paar Pauken, das eine ganz neu von Herrn\nA. auf seine Kosten zu dieser Jubelfeier gemacht; das an-\ndere ist den Franzosen bei Malplaquet durch den Herzog\nvon Marlborough abgenommen und aus dem Tower nach\nder Kirche gebracht. Der Chor besteht aus den Chorschü-\nlern der beiden Kathedralen und der königlichen Schule.\nDie Liebhaber, welche mit spielen, erhalten silberne, die\nLeiter und Ordner goldene Medaillen.\nDen 29. May 1784. Man rechnet, dass vorgestern in\nder Westminster-Abtey wenigstens 4500 Personen gegen-\nwärtig waren. Zwei Drittel derselben waren Damen.\nDer König hatte ein hellblaues, mit Silber gesticktes Kleid\nan und eine blassgelbe Weste, die Königinn ein blassgel-\nbes seidenes Kleid. Für den dritten Tag (wieder in\nW estminster) wurden einzelne Billets mit 4 bis 5 Guineen\nbezahlt. Der König, die Königinn und die königliche Fa-\nmilie waren wiederum mit den Vornehmsten des Hofes\nund den Grossen des Reiches gegenwärtig, und HändePs\nMeisterstück: Der Messias, ward so vortrefflich, so unver-\ngleichlich aufgeführt, dass der Effect, welchen besonders\ndie Chöre machten, ganz unbeschreiblich ist. Die zahlrei-\nchen Spieler und Sänger waren fast alle Meister in der\nKunst, und nun denke man sich die Wirkung, welche das\nChor: Ilalleluja, der Herr wird König sein! hevorbrachte.\nAls selbiges angefangen ward, stand der König und die\nganze Versammlung auf. Die Worte: Herr der Herren,\nder Götter Gott! von beynahe 300 Sängern und Sängerin-\nnen gesungen, und fast eben so viel Instrumentalisten,\ndarunter 14 Trompeten, im Unisono begleitet, riss die\nganze Versammlung zu einem so sichtbaren Entzücken hin,\nDass Jeder fast das Bewusstsein seiner selbst zu verlieren\nschien. Und nun flössen häufige Thränen aus den Augen\nder äusserst gerührten Zuhörer, als Madam Mara die Aria:\nIch weiss, dass mein Erlöser lebt! auf eine himmlische\nArt, ganz mit der dazu gehörigen, unbeschreiblich schönen\nSimplicität sang. Ihre Majestäten und die Prinzen und Prin-\nzessinnen waren ausserordentlich gerührt. Der grosse Sän-\nger Tasca sang die Arie: Sie schallt, die Posaun! welche\nSerjeant, vielleicht der erste Trompeter in der Welt, mit\nder Trompete begleitete. Das Chor: Würdig ist das Lamm\nu. s. w., der Ausdruck der tiefsten Anbetung, endigte die-\nses Oratorium mit der bekannten grossen Fuge „Amen\",\nwelche letztere mit der grössten Genauigkeit executirt ward.\nInteressant ist die Zusammensetzung des damaligen\nOrchesters: 100 Violinen, 32 Bratschen, 26 Oboen, 7\n„Flöten-Virtuosen ausser den übrigen Flötisten'\", 30 Vio-\nloncells, 26 Bassons, 18 Contrabässe, 14 Trompeten,\n12 Hörner, 3 Posaunen, 4 Pauken.\nUcber die Einnahmen wird Folgendes berichtet: Das\nmusicalische Jubiläum zum Andenken Händers ist geen-\ndigt. Es hat nach der genauesten Rechnung eingebracht:\nam ersten Tage in der Westminster-Abtey 2825 Guineen.\nam andern S age im Pantheon 1619 „\nam dritten Tage in der Westminster-Abtey 3049 „\nam vierten Tage in der Abtey .., . . 1547 „\nam fünften Tage in der Abtey 2002 „\nwie 2mal Probemusic aufgeführt ward . 800 „\nSe. Majestät schenkten 500 „\nSumma. 12342 Guineer).\nHierzu kommt noch, was aus den verkauften IVlusik-\nbüchern gelöset worden, und ungefähr zu 400 Guineen\nangeschlagen werden kann. Nach Abzug der Unkosten\nund 1412 Pf. Sterl. für das Westminster-llospital ist der\nUeberrest in einen Fonds zur Unterhaltung verarmter und\nverdienter Musiker unter dem Patronate des Königs ver-\nwandt worden, und zur Ehre dieses musicalischen Festes\nist eine weisse Marmortafel mit folgender Inschrift über\nMonument in der Westminster-Abtey aufgehängt:\n„Innerhalb dieser Mauern ward Händel's Andenken\nunter dem Schutz Georg's 111. den 26. und 2Osten May\nund 3ten und sten Junii 1784 gefeiert. Die zu dieser\nFeierlichkeit aufgeführte Music war aus seinen eigenen\nWerken gewählt, unter Direction der Grafen Exeter,\nSandwich, Uxbridge, Sir Watkin Wynne, Sir Richard\nJebb, und unter musicalischer Leitung des Jones Bates,\nEsquire.\"\n*) Vergl. Niederrheinische Musik-Zeitung, IV. Jahrg., Nr. 35, wo\ndie gegebenen Musikstücke, die Besetzung des Gesang- und des\nOrchester-Personals u. s. w. nach Burney angegeben sind. Die\nobigen Stellen sind aus londoner Blättern von 1784."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "230", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.1.6", "texte": "Eine Ansicht Lamartine’s über Musik.\n\nWenn man mich fragt, welche Musik ich vorziehe, die\nMusik ohne Worte, oder diejenige, welche Worte und\nGesten auf der Bühne begleiten, so stehe ich gar nicht\nan, der nicht dramatischen den Vorzug vor der theatrali-\nschen Musik zu geben. Wenn eine Kunst mit der anderen\neine Missheirath eingeht, so kann sie sich höchstens da-\ndurch bei dem grossen Haufen beliebt machen. Was\nwürde man von der Bildhauerkunst denken, wenn sie von\nder Malerei die Farben borgte, um die göttlichen Formen\nund Gestalten eines Phidias den bemalten Figuren eines\nWachs-Cabinettes ähnlich zu machen, von deren Schön-\nheit die unwissende Menge in den Marktbuden entzückt\nist? Und was von der Malerei, wenn sie die Zeichnungen\nRaphael's oder Titian's modellirte, um den Gemälden da-\ndurch mehr in die Augen springende Wahrheit zu geben?\nBeide Künste würden dadurch ihre wesentlichen Bedin-\ngungen verläugnen und aus den Schranken treten, welche\ndie Natur ihnen angewiesen hat. Und doch würden sie\nvielleicht mehr Effect machen; aber welchen Effect? Einen\nrohen, grob sinnlichen Effect, der den Enthusiasmus des\nPöbels, niemals aber der Gebildeten erregen würde, die\nmit Wahrem Gefühl für die Kunst begabt sind, geschweige\ndenn den Beifall der Kenner. In Kunstsachen ist der sinn-\nliche Eindruck bei der Menge, das Urtheil aber bei dem\nKern der Gebildeten zu suchen.\nAm Ende thut aber der Musiker ganz dasselbe, wenn\ner seine Sprache, die keine Worte, sondern nur Töne\nkennt, mit einem Theater-Gedichte verbindet, um seine\nMusik in einer so genannten Oper Gespräche führen,\nschaudern, triumphiren, schluchzen, schreien, heulen und\nklagen zu lassen, Alles nach einem gegebenen Schema in\nWorten. Er vermehrt vielleicht den materiellen Effect sei-\nner Kunst, aber er vermehrt ihn, indem er ihr Wesen ver-\nändert, ihre Unabhängigkeit aufgibt, eine Kunst auf eine\nandere, ja, auf mehrere andere pfropft; den sinnlichen\nEindruck kann er dadurch steigern, ihren wahren Zauber\nüber das Herz nur verringern.\nIch begreife ganz wohl, dass der Musiker, Dichter,\nMaler, Sänger, Tanzmeister, dramatische Declamator, Ar-\nchitekt und Bildhauer auf den Gedanken kommen können\nund gekommen sind, ihre Künste auf der Bühne zu ver-\neinigen, um auf die grosse Menge einen Universal-Eindruck\nmit Hülfe des Eindrucks aller ihrer einzelnen Herrlichkei-\nten zu machen. Wir können uns selbst der sinnlichen Ge-\nwalt eines Schauspiels nicht entziehen, worin der Poet\ndichtet, der Maler die Decorationen liefert, die Tänzerin\ndurch Schönheit, Bewegung und Stellung das Auge be-\nrauscht, der Held declamatorisch singt, singend mordet\noder selbst stirbt, das Orchester endlich alle diese Eindrücke\ndurch Seufzen oder Donner der Instrumentirung so beglei-\ntet und steigert, dass jeder Nerv in uns gereizt oder gepackt\nwird. Allein auch die grösste Gewalt dieses Eindrucks kann\nunser Urtheil nicht unterdrücken, und wenn wir uns auf\nden wahrhaft geistigen Standpunkt stellen, auf den wirk-\nlichen Standpunkt des Kunstschönen, so können wir es nur\nbedauern, dass jede von diesen einzelnen schönen Künsten\neine Verbindung oder vielmehr eine Vermischung einge-\ngangen ist, die ihre eigentümliche Natur verändert; wir\nkönnen nie den Glauben aufgeben, dass die Malerei schö-\nner ist auf einem Baphael in der Galerie des Vaticans,\nals auf einer Opern-Decoration; dass die Poesie in einem\nHomer, Virgil, Dante u. s. w. göttlicher ist, als in den\nColoraturen einer Sängerin; dass der Schauspieler mäch-\ntiger durch Declamation wirkt, als wenn er seine Rollen\nmitten unter den Blendwerken der Oper absingt; endlich,\ndass der Musiker beredter und pathetischer in der erhabe-\nnen Blosse seiner Töne ist, als in der naturwidrigen Ver-\nbindung derselben mit Drama, Declamation, Tanz, Deco-\nration und Flittergold. Diese Vereinigung der Künste ist\neine Art von Buhlerei, welche ihre wahre Natur von sich\nweis't, wenn sie sich nicht herabwürdigen will. Bei den\nGriechen war jede Kunst um so vollendeter, je mehr sie\nfür sich allein und sich selbst treu blieb.\nComponisten wie Mozart und Rossini und ihres Glei-\nchen wollen wir keineswegs einen Vorwurf daraus machen,\ndass sie sich zu solch einer gezwungenen Verbindung\nherabliessen; aber wir beklagen die Umstände, die sie dazu\ngenöthigt haben. Denn genaugenommen, kann die Decla-\nmation nicht singen und die Musik nicht declamiren; jede\nhat ihre eigene Sphäre für sich.\nFreilich täuscht sich die grosse Menge darüber; ihren\ntauben Ohren sagt die Musik nichts, wenn nicht ein unge-\nheures Orchester Lärm macht, wenn Worte ihnen die Töne\nnicht erklären, wenn nicht ein Schauspieler ihnen Worte\nund Töne noch obendrein durch Gesten, Bewegungen,\n3limik und schreiende Betonung recht handgreiflich ins\nSinnliche übersetzt. Bedürfen aber Menschen, die mit mu-\nsicalischem Genie begabt sind, wie jene grossen Compo-\nnisten und diejenigen, welche im Stande sind, sie zu ver-\nstehen, bedürfen die dergleichen grobe Verdolmetschung?\nIst die Musik nicht eine vollständige Sprache, eine Sprache,\ndie Ideen, Leidenschaften, Gefühle, das Endliche und Un-\nendliche eben so gut ausdrücken kann, als die Wortspra-\nche? Ist diese Tonsprache gerade durch ihre Unbestimmt-\nheit und Schrankenlosigkeit nicht viel weniger beengt in\nihrem Ausdruck, als die wirkliche Sprache, in welcher der\nAusdruck auf die bestimmte Bedeutung des Wortes be-\nschränkt ist und in den Fesseln der Syntax liegt? Nehmen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.1.7", "texte": "wir an, dass Jemand seine Muttersprache vollkommen gut\nspricht und schreibt; macht er nicht dennoch alle Augen-\nblicke die Erfahrung, dass es Nuancen, Geistigkeiten, Un-\naussprechlichkeiten von Empfindungen, Gedanken und Ge-\nfühlen gibt, die einem auC den Lippen oder unter der Fe-\nder dahinsterben, weil kein Wort bestimmt oder vielmehr\nunbestimmt genug ist, sie auszudrücken? Hat die Liebe,\ndie Begeisterung, das Gebet nicht seelische Bewegungen,\nderen Darstellung in Worten ganz unmöglich ist?\nWas haben wir in solchen Momenten für Mittel des\nAusdruckes? Ein Seufzer, ein Ach, ein Hauch, ein Schrei\nist dann unser ganzer ärmlicher Behelf. Da erscheint die\nMusik, und sie spricht aus der Seele zur Seele. Es ist un-\nbegreiflich, dass man den Satz vergessen oder verläugnen\nkann: „Die Musik beginnt da, wo die Sprache aufhört.\"\nDie Wahrheit über das Wesen der Musik liegt in ihm.\nIst eine Sinfonie von Beethoven für einen, der musicali-\nschen Sinn hat, nicht tausend Mal dramatischer, als alle\njene so genannten Gedichte, welche den Spectakel-Opern\nzum Grunde liegen? Hat ein gefühlvoller Mensch jemals\nim Theater einen Eindruck durch die Musik empfunden,\nder dem Gefühl zu vergleichen wäre, das uns in der Kir-\nche ergreift, wenn die Orgel ihre majestätische Tonfülle\nentfaltet oder ihre zarten Stimmen erklingen lässt, oder\nwenn ein schöner Gesang ein ein Sfa-\nbelt mater,ein Requiem melodisch dahinhaucht? Die\nWorte, zumal die lateinischen, sind es wahrlich nicht, die\njenes Gefühl der Sehnsucht, der Vereinigung mit dem Un-\naussprechbaren, mit dem Unendlichen in uns hervorrufen.\nSelbst bei den Volksliedern, mögen sie auf dem Meerbusen\nvon Neapel oder in dem schottischen Hochlande, auf den\nrussischen Steppen oder in den Thälern der Alpen ertö-\nnen, ist die Melodie dasjenige, was ergreift und das Herz\nbewegt. Macht sie doch auch denselben Eindruck, sie mag\ngesungen oder auf der Flöte, dem Horn, der Clarinette,\nder Zither sogar gespielt werden. Warum? Weil die\nWorte das Bestimmte, das Endliche sind, die Musik das\nUnbestimmte, das Unendliche. Wir stehen gar nicht an,\nes auszusprechen: die Worte sind ein bleiernes Gewicht,\ndas der Musiker oft gezwungen ist, seinen Tönen anzu-\nhängen, um diese Töne der grossen Menge wegen am ir-\ndischen Boden zu halten. Wir aber, die Auserwählten,\nwollen das Blei von ihren Schwingen lösen, damit sie uns\nempor zum Himmel tragen.\n\nL. B.\n\nDemoiselle Desfoix.\nDie Sängerin Desfoix, die um 1780 in Paris und\neinige Jahre später in Petersburg, wo sie von der Kaiserin\nKatharina mit 22,000 Livres Gehalt bei der Oper ange-\nstellt war, grosses Aufsehen machte, erhielt, als sie noch\nnicht so berühmt war, einst einen Antrag von der Theater-\nDirection in Lyon mit 2000 L.Gage. „Das ist zu wenig\",\nsagte ihre Mutter. „Das weiss ich wohl,\" antwortete\nsie; „aber lass mich nur machen.\" Sie nahm den Contract\nan, reis'te mit ihrer Mutter nach Lyon und trat in einem\närmlichen Gasthofe in der Vorstadt ab. Dann ging sie zur\nFrau Directorin.\nDie Desfoix war klein und ausser dem Theater nicht\nschön. Sie hatte sich in eine ganz gewöhnliche, ja, höchst\ndürftige Kleidung gesteckt, machte sich noch kleiner, als\nsie war, affectirte eine schiefe Hüfte, kurz: nahm ein sol-\nches Aeusseres an, dass das Kammermädchen sie gar nicht\nvorlassen wollte. Endlich nannte sie ihren Namen und\nwurde in das Zimmer geführt. Die Directorin erschrak\nbei ihrem Anblicke, fasste sich jedoch nach Einsicht des\nContractes, den die Künstlerin ihr zeigte, und lud sie zu\nTische. Die Desfoix blieb so, wie sie war, da und spielte\nihre Rolle so vortrefflich, dass die Gesellschaft, trotz aller\nRücksichten, kaum das Lachen unterdrücken konnte, als\nsie erklärte, sie wünschte in der Hauptrolle einer damals\nbeliebten Oper: „Die Zigeunerin\", aufzutreten. Man ver-\nsuchte auf alle Manier, sie davon abzubringen; vergebens.\nNach Tische verlangte sie die Directorin allein zu sprechen.\n„Ich sehe wohl,\" sagte die Künstlerin in sehr bescheide-\nnem „dass man Sie über meine Person und mein\nTalent getäuscht hat. Hier ist mein Contract; ich gebe ihn\nIhnen zurück, ich vernichte ihn. Lassen Sie mich nur die\nEine Rolle spielen, und ersetzen Sie mir das Reisegeld.\"\nDabei zerriss sie den Contract, und wer war froher\nals die Frau Directorin! Diese fuhr sogar bei der Noblesse\nvon Lyon herum und bat, das kleine unglückliche Geschöpf\ndoch huldvoll zu behandeln und nicht auszupfeifen.\nDie Probe kam. Mademoiselle Desfoix sang nicht,\nsondern markirte mit kaum hörbarer Stimme, und sagte\nnur bei einem Versehen des Capellmeisters: „Mein Herr,\nso steht das nicht in der Partitur; wenn dieses bei der\nAufführung wieder vorkommt, so werde ich es dem Pu-\nblicum bemerkbar machen müssen.\"\n„Wie ging es?\" fragte die Directorin den Musikmei-\nster. „Weiss ich's?\" sagte der; „sie hat Alles zwischen\nden Zähnen gemurmelt und nur einmal (laut genug!) mir\neine Nase gegeben, die ich wirklich verdient hatte.\"\nDer Tag der Vorstellung kam. Als die Zigeunerin in\nreizender Tracht, mit dem Tamburin in der Hand auf die\nScene trat, erregte ihre schöne, schlanke Figur, ihr feines\nGesicht, ihre ausserordentliche Grazie einen rauschenden\nApplaus. Die Directorin traute ihren Augen nicht;—auch\nsie glaubte, wie die Mitglieder des Orchesters , und alle die-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580717-01.1.8", "texte": "jenigen, welche die kleine, unscheinbare Desfoix vorher\ngesehen hatten, diese liebliche Erscheinung sei eine andere\nKünstlerin. Als aber der Regisseur vortrat und mit lauter\nStimme: „Debüt de Mademoiselle verkündete,\nda brach der Beifall noch lebhafter aus. Vollends der Ge-\nsang entzückte Alles, und am Schlüsse stürzten die noblen\nHerren und Dandy's von Lyon auf die Bühne, um der\nKünstlerin ihre Huldigungen und der Directorin ihre\nGlückwünsche zu bringen.\nAls Beide allein waren, umarmte die letztere die Des-\nfoix und zog den zerrissenen Contract aus der Tasche, den\nsie mit den schmeichelhaftesten Worten der Sängerin zu-\nrück reichte. „0 nein!\" rief diese; „wenn ich Ihnen\nsagte, dass es mir scheine, als wären sie falsch über mein\nTalent berichtet, so war das mein völliger Ernst, wie Sie\njetzt wohl einsehen werden. Indess bin ich bereit, für\n10,000 Livres einen neuen Contract einzugehen.\" Und\nso geschah es auch wirklich.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nB. P.\nKolli. Herr Böhm, welcher an der Stelle des Musik-Directors\nReinthaler den Gesang-Unterricht an der Eheinischen Musik-\nschule ertheilen wird, ist in diesen Tagen von Dresden hier an-\ngekommen.\nDer Organist Krebs (f 1782) in Altenburg, bekanntlieh einer\nder tüchtigsten Orgel-Componisten und Orgelspieler, war J. S. Bacli's\nSchüler. Man machte daher das Wortspiel: „In dem so grossen Bach\nsei nur ein einziger Krebs gefangen worden.\"\nNach öffentlichen Blättern ist die Theater-Unter-\nnehmung des Herrn Sachse mit 100,000 Mark Schulden in die\nBrüche gegangen. Herr Dr. Wollheim wird, wie man sagt, das\nSteuer des Theaterschiffes ergreifen.\n\"OT'IMI« Die heimische Kunst hat am 12. Juni einen grossen\nVerlust erlitten. Nach einem nur dreitägigen Krankenlager starb in\nPrag Herr Director Pitsch. Was er als Componist, Theoretiker\nund Pädagoge geleistet, wissen alle Verehrer und Freunde der Mu-\nsica sacra. Die Trauernachricht wird in allen betreffenden Kreisen\ntief empfanden werden und besonders die zahlreichen Schüler der\nunter der Leitung ihres einzigen Directors so grosse Früchte tragen-\nden prager Orgelschule schmerzlich berühren.\nAus Paris. Die T h ea t e r - A g enten. Wir haben hier jetzt\nnicht bloss eine Geld- und Handelsbörse, sondern auch eine Sänger-\nbörse. Ihr Local ist das Cafe Cardinal, die Hauptmakler sind Ita-\nliener. Die italiänische Oper florirt mehr wie je in der alten und\nneuen Welt; daher das ungeheure Bediirfniss an Sängern, aufweiche\nyon den Speculanten dermaassen und mit solcher Hast gefahndet\nwird, dass wir bald selbst aus jenem Lande, das bis jetzt noch hier\nund da gute Waare lieferte, nichts Ordentliches, d. h. keine kunst-\ngemäss gebildeten Sänger werden beziehen können\nTaucht irgendwo in Italien oder in welchem Lande es auch sei,\neine Sopran-, Tenor-, Bariton- oder Bassstimme auf, so geht die\nKunde davon auf allen Telegraphen-Linien in die Welt hinaus. Die\nTheater-Agenten sind fortan um ihren Schlaf gebracht; es gilt, wer\nder zahllosen Concurrenten den aufgehenden Stern wegfischt, um\nihn den verbündeten Journalen zu überliefern, die ihn zum wunder-\nbarsten Kometen, zu einem nie gesehenen Phänomen erheben müssen.\nDiese Theater-Agenten treiben ihr Geschäft im Grossen wie eine\nArt von Sclavenhandel und tragen einen grossen Tlieil der Schuld\nan der Entartung der Gesangkunst. Wittert Einer von ihnen eine\nschöne Stimme aus, so wartet er nicht etwa, bis sie ausgebildet ist,\nsondern stürzt wie ein Falk über seine Beute her. Er lässt dem\nNeuling eine Rolle, oft nur eine einzige Arie einpauken und über-\nnimmt sofort gegen gehörige Procente, sein Auftreten auf der Bühne\nmit Posaunenschall zu verkünden und ihn empor zu bringen. Und\ner bringt ihn in der That so schnell vorwärts, dass der arme Schütz-\nling auf der zweiten oder dritten Station aus dem Triumphwagen\naufs Pflaster fällt und noch Gott danken kann, wenn er noch taug-\nlich bleibt, um statt der geträumten ersten Stelle eine vierte oder\nfünfte einzunehmen.\nFrüher hatte man nur in Italien dergleichen Agenten, und auch\nda nur in Mailand und Florenz. Jetzt ist Paris ihr Mittelpunkt;\nhier ist die Weltbörse, auf welcher die Notirungen des Courses der\nStimmen gemacht und auf hausse und baisse derselben speculirt wird\nDas Cafe Cardinal ist der Ort, wo es von Maklern wimmelt, die für\nRechnung der Theater-Directoren kaufen und verkaufen. Hier kann\nman von Jedem, den man anredet, auf der Stelle erfahren, wie der\nCours von Mario, Giuglini, Formes, Mad, Bosio, Spezzia an bis zu\nden unbedeutendsten Anfängern steht. Die zügellose Concurrenz stellt\ndas Talent der Künstler auf dieselbe Linie mit einer Zuckerkiste\noder einem Ballen Baumwolle."}]}