{"numero_id": "bm-bmtnabi-1858-08-07-01", "volume": "bmtnabi_1858-08-07_01", "ocr_sha256": "753f9df49461b8811cafd1b0be19cff9eddfdea60a3a8d3d20b5c1c2f2e0356f", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1858/08/07_01/bmtnabi_1858-08-07_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1858-08-07-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-08-07_01#c001", "volume": "bmtnabi_1858-08-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "249", "page_fin": "249", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "249", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 414, "texte": "Inhalt.\nUeber ältere Programm- oder Poesie-Musik. 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Man muss aber diese\nund ähnliche Compositionen mehr als Gelegenheitsstücke\nbetrachten, wie wir es auch in diesen Blättern früher schon\neinmal bei dem Abdruck eines Concert-Zettels aus dem\nJahre 1811 nachgewiesen haben, auf welchem die Geburt\ndes Königs von Rom, nachmaligen Herzogs von Reichstadt,\nden Haupttext aller Compositionen bildete. Selbst Joh. Seb.\nBach schrieb solche Gelegenheitsstücke, freilich nach sei-\nner Manier, wie das Capriccio in B über die Abreise\n„seines geliebtesten Bruders\" mit der Fuge all' imitazione\ndella corneita di Postiglione.\nAllein weniger bekannt ist es, dass man schon im vo-\nrigen Jahrhundert, unabhängig von gelegentlichen Veran-\nlassungen, poetische Motive zu Stoffen für Instrumental-\nMusik wählte, ja, dass der Gedanke Beethoven's, aus In-\nstrumentalsätzen zu Vocalmusik überzugehen\nund jene durch diese zu vervollständigen (Phantasie mit\nChor, neunte Sinfonie) was Wagner und Brendel für\nein Product innerster Notwendigkeit erklären, das erst\naus der Vollendung der absoluten Musik, die ihre Zuflucht\nzum Worte und zur Menschenstimme nehmen musste,\nentstehen konnte —, dass dieser Gedanke und dieses Pro-\nduet bereits im Jahre 1783 existirten.\nIn diesem Jahre erschien in Hamburg in Commission\nbei der Herold'schen Buchhandlung: Sechs Clavier-So-\nnaten nebst der Ode: „Kain am Ufer des Meeres\", als\nAnhang der sechsten Sonate. Von H. 0. C. Zink, Her-\nzoglich Mecklenburg-Schwerin'schen Hol'musicus.\nDie Vorrede zu diesen Sonaten (also auch an Vorre-\nden fehlte es damals eben so wenig, wie heute!) lautet\nalso:\n„Wahrscheinlich kann die Pantomime die erste Ver-\nanlassung gegeben haben, charakteristische Instrumental-\nstücke zu setzen; und es kann von den Franzosen auf uns\ngekommen seyn, den Haupt-Charakter solcher Stücke durch\neine kurze Ueberschrift anzudeuten. Genug, wir haben\ndergleichen, und zwar haben unsere Landsleute die vor-\nzüglichsten Meisterstücke dieser Art geliefert.\n„Ein jeder, der die Music von dieser Seite kennt, wird\nzugeben, dass man bey verschiedener Gemüthslage oder\nEmpfindung, darin man sich, indem man sein Instrument\nangreift, befindet, gemeiniglich solche melodische und har-\nmonische Gänge hervorbringt, die der jedesmaligen Lage\nangemessen sind, und dass man in solchen Situationen auf\nSätze stösst, die einen Anstrich vom Originellen haben,\nund fast möchte ich die Behauptung wagen, dass unsere\ngrossesten Meister auch in manchen unbetitelten Instrumen-\ntalsachen gewisse Empfindungen, die gleichsam in eine\nHandlung übergehen, zum Grunde ihrer Arbeiten gehabt\nhaben.\n„Freylich kann die Music ohne Worte keine Hand-\nlung schildern. Aber wenn uns mancher Meister einen\nCommentar über sein Stück gäbe, würde es nicht dadurch\nfür den Zuhörer verständlicher werden und seine Aufmerk-\nsamkeit um so mehr rege machen? Und wenn dieses, so\nhätte ein Commentar ja seinen grossen Nutzen; und warum\nsollte man denn nicht einen machen ?\n„Einigen Kennern, denen ich besonders die sechste\nSonate vorspielte, nachdem ich ihnen meine Idee dabey\ngeschildert hatte, schien solche um desto mehr zu interes-\nsiren; und dies veranlasset mich, solches hier auch öffent-\nlich zu thun, mit dem Wunsch, dass Kenner mir gütigst"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "250", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5369, "texte": "ihre Gedanken hierüber mittheilen und überhaupt die Un-\nvollkommenheit dieses Werkes mit etwas Rücksicht auf\nmeinen Wiilen beurtheilen mögen, welches ich um so eher\nhoffen darf, wenn ich den geneigten Leser mit der Art\nmeiner musicalischen Bildung und fernerem Fortschritte\nin aller Kürze bekannt mache, ehe ich noch etwas Mehre-\nres von diesen Sonaten sage.\n„Meinem guten Vater habe ich die praktische Anwei-\nsung auf verschiedenen musicalischen Instrumenten und\netwas Einsicht in die Harmonie zu verdanken; und so ging\nich nach Hamburg, wo ein Jeder nach seiner Art und also\nauch ein junger Musiker nicht nur Aufmunterung findet,\nsondern auch Gelegenheit hat, seine Wissbegierde in allen\n1 heilen dieser Kunst zu befriedigen. Mit Vergnügen denke\nich an das Gute, was ich daselbst während meinem zehn-\njährigen Aufenthalt gesehen, gehört und genossen habe;\nan alle die schönen Oratorien der ersten Meister, die ich\ndaselbst in den Liebhaber- und öffentlichen Concerten ge-\nhört oder mitgesungen und gespielt habe; an alle die deut-\nschen, französischen und italiänischen Operetten, an die\nPantomimen und Ballette, die ich in den Schauspielen auf-\nfuhren sah; an alle die vielen fremden Musiker, die sich\nöffentlich oder privatim hören Hessen; an die zum Theil\nvortrefflichen Kirchenmusiken; an alle die kleinen musica-\nlischen Cirkel, worinnen gewetteifert ward, und an alle\ndie theuren Gönner, Music- und Menschenfreunde, die mein\nGlück befördern halfen. Mit dankerfülltem Herzen nenne\nich hier unter den Vielen nur den mir vorzüglich werthen\nNamen des Menschenfreundes, der mich seiner besonderen\nZuneigung würdigte, des grossen Meisters unserer Kunst,\ndes Herrn Capellmeisters C. P. E. Bach. Doch war ich\nin Hinsicht der Setzkunst nicht sehr glücklich. Denn Einer\nsah durch die W ein-Bouteille nach meiner Arbeit, indem\ner sie beurtheiite; ein Anderer führte mich nach Griechen-\nland, Lydien, Phrygien und wie die Provinzen da alle heis-\nseil. Es war gleichsam, als müsste ein Küchenjunge, ehe\nund bevor er eine Schüssel Gemüse anrichten lernt, die\nAuswanderungs-Geschichte der Gewächse aus ihrem Vater-\nlande wissen. Ein Dritter riss heute das Lehrgebäude, wel-\nches er gestern bis zum zweyten Stockwerk aufgeführt\nhatte, wieder ein; und so blieb ich immer da stehen, wo\nich war, bis ich mich endlich bey meiner jetzt ruhigeren\nLebensart, wiewohl mit unsäglicher Mühe, bei den Stum-\nmen Raths erholte; und so mögen denn diese Sonaten als\nein Versuch angesehen werden, wie ich das bisher Gesam-\nmelte in Anwendung gebracht habe.\n„Die Entstehung derselben ist folgende: Eine zärtliche,\nhitzige, mürrische, lustige oder andere Laune gab allemal\nden ersten Urstoffher. Mit einer solchen Laune nun schlich\noder hüpfte oder polterte ich, nach Maassgabe der jedes-\nmaligen Empfindung, über das Griffbrett meines C!a\\iers\nher, und die dadurch entstehenden Töne gaben ungefähr\ndas lliema an, welches nach Zeit und Gelegenheit weiter\nausgeführt ward. So entstand das Andante der dritten So-\nnate, als ich Madame la Caprieieuse mit ihrem sanftmüthi-\ngen Ehemanne dialogiren hörte. Und mit der Empfängniss\nder letzten Sonate ging es so zu: Ich war (ich weiss nicht\nmehr, worüber) ärgerlich, recht sehr ärgerlich und ver-\ndriesslich, und kam so bis ans Ciavier, um darauf meine\nBosheit auszulassen, und polterte daher (Tact 33): hier\nhielt ich plötzlich inne, und die Aehnlichkeit zwischen dem\nAnfange dieses Satzes und dem Anfange der Music, welche\nich einige Monate zuvor auf des Herrn Grafen von Stol-\nberg „Kain am Ufer des Meeres\" gemacht hatte, stellte\nmir auf einmal die ganze grausende Geschichte des Bru-\ndermörders vor Augen. Ich sah ihn, wie er das aus der\nWunde des Erschlagenen hervorquellende Blut anstarrete,\nwie er dann floh—und stand—und bey Wiedererblickung\ndes röchelnden Bruders zurückbebte. Wie er dann die\nAugen halb noch zornig, aber auch halb reuig unter lau-\ntem Seufzen zum Himmel aufhob,—dann die Erde stampfte\nwieder Höh— und stand und stampfte und Hob\nsicht zur Erden bog, beten wollte, aber nicht konnte—nur\nAccente stammelte, welche die Angst des Heizens verrie-\nthen, die der innere Richter verursachte; wie er dann\nwieder nach einer fürchterlichen Pause wild, mit fliegen-\nden Haaren und rollenden Augen, ganz verzweiflungsvoll,\ngleich dem Sturmwinde die Wildniss durchflog; bei jedem\nbeflügelten Schritte erschienen ihm schrecklich quälende\nFurien, ihm die blasse Gestalt des Getödteten, oder dessen\nblutende Wunde, oder die verfluchte, mit Haaren und Blut\nbefleckte Keule vorhaltend, bis er endlich am jähen Ufer\ndes Oceans den schäumenden Wellen entgegenheulte:\nWehe, wehe mir! wohin treibt mich mein geschlagener\nSinn!\n„Ob und wie nun dergleichen Ideen in einem Ciavier-\nstücke ausgeführt werden können oder hier ausgeführt\nsind, und ob sich noch hier und da in diesen Sonaten cha-\nrakteristische Züge finden, wie ich sie darin angebracht zu\nhaben glaube das ist also die Frage; und eine glimpf-\nliche Beurtheilung dieses Werkes wird für mich dasMaass\nsein, wie weit ich meinen angetretenen Weg fortsetzen\nkann.\"\nHierüber sagt der Recensent der Sonaten, Karl Fried-\nrich Cramer in Hamburg: „Wie wenig Herr Zink bloss\nhandwerksmässiger, mechanischer Musicus ist, sondern\nüber seine Kunst denkt und grosse Ziele sich vorzustecken\nweiss, zeigen diese Sonaten. Wie sehr ich mit ihm in den\ntheoretischen Ideen von dem, was sich durch die Instru-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "251", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5288, "texte": "mental-Musik in Absicht des charakteristischen und\nlehendigenAusdrucks erreichen lässt, Eines Glaubens-\nbekenntnisses bin, brauche ich nach meinen verschiedenen\nbekannten Aeusserungcn nicht zu wiederholen. Ich wün-\nsche ihm Glück, dass er die Theorie in That und Wahr-\nheit realisirt hat. Ich war selbst dabei gegenwärtig, als\nvoriges Jahr Herr Zink einigen Dilettanten seine Sonaten\nvorspielte, Da er an den *27. Tact im Andante der dritten\nSonate kam, hielt er plötzlich inne und fragte: „„Was\nhabe ich damit sagen wollen?\"\"\ntete einer aus der Gesellschaft, „ „als wenn der hier Spre-\nchende ein recht gewaltiges Scheltwort, ein herzlich ge-\nmeintes: Schurke! mitten in den Dialog polternd hinein-\nwürfe.\"\" „„Getroffen!\"\" sagte der Verfasser: „„das\nhabe ich gemeint;\"\" und fuhr fort.\"\nUeber die letzte Sonate mit der Ode sagt derselbe\nRecensent: „Endlich die letzte Sonate, über die Herr\nZink in der Vorrede mitMehrerem geredet, ist in grossem\ncharakteristischem, wildem Stile. Alles stimmt dazu bei;\nauch sogar das gesucht Harmonische und Melodische des\nAdagio, das mir an und vor sich nicht so wie eines der\nvorigen gefallen würde, aber in Zusammenhang mit dem\nAllegro, so vorhergeht, und dem verzwei(lungsvollen Presto\ne furioso, so darauf folgt, seiner Unruhe erweckenden\nWirkung nicht verfehlt. Dieses Presto fällt am Ende in\ndas Gesangstück, die Composition der Stclberg'schen Ode:\nKain am Ufer des Meeres. Diese Idee, ein Instrumen-\ntalstück zuletzt in ein Vocalstück ausbrechen zu\nlassen, hat etwas Neues und Kühnes; aber ich zwei-\nfele, dass sie sich oft wird realisiren lassen, auch aus dem\nGrunde, weil die poetisch-musicalische Ader, die beyde\ndiese Gattungen gleich gut gedeyhen macht, selten Eines\nMannes Talent ist, und die Singmusic und sprechende In-\nstrumentalmusic in der That oft ganz verschiedene Wege\nwandeln müssen, welche die theorieenmachende Kritik\nwirklich noch nicht bestimmt genug in ihrem Wesen und\nBestandtheilen von einander gesondert hat. Herr Zink wird\nmir verzeihen, wenn ich ohne Heucheley bekenne, dass\nseine Composition des Stolberg'schen Liedes, die ich als\nblosses Instrumentalstück durchdacht uud vortrefflich finde,\nals Singstück nicht eben so beyfallswerth ansehe.\"\nEs war damals die Periode der Entwicklung der In-\nstrumental-Musik, die aus den gar zu engen Fesseln der\ncontrapunktischen fugirten Schreibart zu dem freieren Stil\ndurchbrach. Der Meister in jener, Joh. Seb. Bach, hatte\nmehr, als man gewöhnlich anerkennt, durch seine' Präl-\nudien selbst zu jener Entwicklung beigetragen, wiewohl\nsicher unbewusst und ohne die geringste Ahnung, dass\nman nach mehr als hundert Jahren aus einigen von diesen\nPräludien Melodieen herausziehen und ihnen sogar Gesang-\nTexte unterlegen würde!\nBewusster handelte in dieser Beziehung sein zweiter\nSohn, Karl Philipp Emanuel Bach (von 1714 -1788).\nEr schlug namentlich in seiner Ciaviermusik den Weg ein,\nauf welchem Joseph Haydn nachher fortwandelnd das Zici\nerreichte. Es ist zu bedauern, dass in unserer Zeit, die\ndem J. Seb. Bach so viel Theilnahme schenkt, die Werke\nEmanuel's noch keine neue Ausgabe erlebt haben, die sie\nwieder ins Leben brächte und den Musikern und Dilettan-\nten zugänglicher machte. Hoffen wir, dass die thätige Ver-\nlagshandlung von Holle und vielleicht F. Chrysander, de-\nnen wir die neue Sammlung von J. Seb. Bach's Ciavier-\nsachen verdanken, sich entschliessen, wenigstens eine Aus-\nwahl von K. Ph. Em. Bach's Sonaten, Rondo's und Phan-\ntasieen neu herauszugeben.\nEs war fast natürlich, dass mit dem freieren Stil zu-\ngleich auch die Lehre vom Inhalt der Musik, d. h. von\ndem nicht musicalischen Inhalt, aufkam, die in unserer\nZeit durch die Ausleger und poetischen Traumdeuter na-\nmentlich der Werke Beethoven's wieder so sehr gespukt\nhat, dass am Ende bekanntlich nicht bloss Empfindungen\noder Stimmungen, sondern bestimmte Situationen und Cha-\nraktere, ja, ganze Dramen in Instrumental-Musik gesetzt\nworden sind, und der alte ehrliche Name der Symphonie\nin symphonische Dichtung umgetauft werden musste.\nEs gab damals wie jetzt Enthusiasten, welche aus je-\ndem Musikstücke etwas heraus deuten wollten, in jedem\nein Bild oder den Ausdruck einer bestimmten Empfindung\nsuchten, und dass diese Manie auch schon damals bis zur\nLächerlichkeit ging, zeigt unter Anderem die oben ange-\nführte Anekdote mit dem „Schurken\". So kam denn auch\ndie Mode der „Ueberschriften\" und der Titel „Charakte-\nristische Stücke\" auf, deren Wiederkehr und übermässige,\nbis zu barem Unsinn gesteigerte Anwendung uns seit ein\npaar Jahrzehenden als etwas Nagelneues, den Fortschritt\nBekundendes bis zum Ekel aufgetischt worden ist.\nDagegen hielten Andere an dem Alten, d. h. an dem\nrein tonlichen Wesen der Musik fest und wollten von den\nGrillen der Inhaltsdeuter nichts wissen. Die Kritik wurde\nschwankend in ihren Principien ; einer ihrer kenntniss- und\ngeistreichsten Vertreter, Karl Friedrich Cramer (1752\n1807), der in Göttingen als Student Mitglied des Dichter-\nbundes und seit 1775 Professor der Philosophie in Kiel\nwar, von 1783 —1789 das „Magazin der Musik\" heraus-\ngab, lässt uns den Zustand des damaligen Für und Wider\nund die Ansichten der Kenner und Laien über das ge-\ndachte Thema in seinen Abhandlungen und Recensionen\ndeutlich ins Licht treten. Wir theilen einige Auszüge\ndaraus mit."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "252", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5237, "texte": "In einer Reccnsion der vierten Sammlung von Karl\nPhil. Em. B ach's „Ciavier-Sonaten und freven Phanta-\n«J\nsieen, nebst einigen Rondo's fürs Fortepiano, für Kenner\nund Liebhaber. Leipzig, 1783\" —sagt er unter Anderem:\n„In Rücksicht auf die Liebhaber besonders scheint\n«ich der Herr Capellmeister zu der Gattung des jetzt so\nbeliebten und bis zum Ekel in allen Clavier-Compositionen\nvorkommenden Gattung des Rondo herabgelassen zu ha-\nben, wiewohl vielleicht das Wort „ „herablassen\"\" hier\nnicht das rechte ist. Denn wofern überhaupt Mannigfaltig-\nkeit der Formen in jeder Art von Kunstwerken für eine\nVollkommenheit und erreichungswürdiges Ziel gehalten\nwerden muss, und es dabey nie sowohl auf das Was, als\nauf das Wie ankommt, so kann man in der That nicht sa-\ngen, dass sich ein Meister herablässt, wenigstens nicht un-\nter sich seilest erniedrigt, wenn er auch in den leichteren\nGattungen Muster darreicht und mehr durch die That als\ndurch theoretisch Geschwätz zeigt, wie man auch hier durch\nBehandlung und Bearbeitung vortrefflich sein und dem\nVerstände des Kenners eine Genüge leisten könne. Endlich\nkann man auch nicht läugnen, dass der herrschende Ge-\nschmack des Publicums, wenngleich keine despotische,\ndenn doch Rechte hat, und dass es lobenswürdige Nach-\ngiebigkeit ist, wenn seine Lieblinge, oder die es seyn soll-\nten, sich darnach in etwas fügen. Sie können hoffen, dass\nalsdenn auch ihre ernsteren Arbeiten desto willigeren Ein-\ngang finden und den sinkenden Theil der Geniesser vom\nLeichten und Tändelnden allmählich zu demjenigen wieder\nerheben werden, was ein noch eigentlicheres und höheres\nZiel der Kunst ist.\n„Das erste dieser Rondo's ist aus dem im Sechs-\nachtel-Tact. Ich empfinde bey dem Thema dieses Ron-\ndo's und seiner Ausführung, dass es einem allerliebsten\nMädchen gleicht, die ihr Köpfchen auf was gesetzt hat,\ndas sie durch Laune und artiges Pochen durchaus errei-\nchen will.\n„Hierauf folgt eine Sonate Grazioso aus G-dur und\nmit veränderten Reprisen. Heitere, sanfte Freude\neines unschuldigen Mädchens, sitzend an einem Bache im\nDufte eines Sommerabends. So sanft, so eben fliesst die\ndämmernd wonnigliche Empfindung hin. Aber bald lös't\nsie sich in widrigere Empfindungen auf, in dem darauf\nfolgenden Larghetto e sostenuto. Ernst erwacht in ihrer\nSeele. Nachdenkend verweilt sich die Oberstimme in sechs\nTacten auf derselben Note, indess der Bass die Harmonie\nauf eine neue Art fortschreiten lässt u. s. w.\n„In dem Tone der Männlichkeit schreitet in das\nfolgende Rondo im Dreiachtel-Tact einher. Ich finde viel\nFluss darin, viel Wendung der Melodie, und das Thema,\nauf welches sich die Ucberschrift: Massig und sanft, wohl\nvorzüglich bezieht, hat' etwas Leichtes und Wohlbeh g-\nliclies; allein die gewählte Tonart widerstrebt meinen Be-\ngriffen von Sanftheit ganz. Was haben Stellen, die den\nhartnäckigsten, fast unbesiegbaren Widerspruchsgeist dar-\nstellen, oder chromatische Melodieen mit Sanftheit und\nAllerliebstheit zu thun? Rauh sind sie, wiewohl das rauh\nkeineswegs ein Tadel für sie sein kann, wofern man nicht\nso eingeschränkt denken will, die musicalische Poesie oder\nvielmehr die poetische Music nur auf den Ausdruck der\nangenehmen Empfindungen einschränken zu wollen und\nsie durch solche Prätentionen eines grossen Theiles ihrer\nNuancen und der Anwendung aller ihrer Kräfte zu be-\nrauben.\n„Nun aber das dritte Rondo. Es ist unstreitig das\nschönste in dieser und, ich möchte beynahe sagen: eines\nder schönsten aller vorhergehenden Sammlungen mit. Der\njugendlichste, naivste Muthwille einer leichthin tanzenden\nGrazie! Man überschreibe es Thalia und verbinde mit\ndiesem Worte alles, was sich der Grieche dabey dachte,\nwenn er darunter bald die Gespielin der Venus, die Gra-\nzie, bald die eine der Musen, die über das Komische\nherrscht, begriff, so hat man die wahre Bezeichnung.\nWorte würden vergeblich sich bemühen, den Reiz und\ndie Leichtigkeit der süssen Tändeley zu entwickeln, die\nschon ganz im Thema liegt, dieses\n0 Vater Bach! im achtundsechszigsten Jahre solch ein\nmuthwilliges Stück, das der heitersten Stunde des Bräu-\ntigamsstandes werth wäre! Man sieht wohl, dass das\nGenie nicht altert,\n„Allegro ist darüber geschrieben; allein es diene dem\nVortrager zur Nachricht, dass er's dieses weniger, als\nalle andere—-ja nicht obenhin, mechanisch abspiele, son-\ndem mit der gewähltesten, präcisesten Delicatesse! Jeden\nTon müsse er fühlen und mit bedeutender Feinheit darü-\nber schlüpfen, wie Camilla über die Aehren that:\nlila vel intactae segetis per summa volar et\nGramina, nec teneras cursu laesi-sset aristas!\nUnd denn beschliesst er den Götterllug eben so aus-\ndrückend mit einer freyen Cadenz, die höchst original die-\nses Rondo endigt und eine der herrlichsten ist, die ich\nje gehört habe.\n„Den Beschluss machen endlich zwey freye, in keine\nbestimmten Tacte eingeschränkte Phantasieen; kostbare\nStudia des grossen Künstlers für Künstler. Denn was die\nLaven betrifft, so müssen sie hier mehr staunen, als dass\nsie geniessen könnten, welches ihren Fingern ohnehin wohl\nverboten bleibt, wofern sie nicht Monate Zeit an diese\neinzelnen Stücke verwenden können. Man erlaube mir,\ndoch noch einige Worte hinzuzufügen, um den Gesichts-\npunkt anzugeben, aus dem sie zu beurtheilen sind. Und"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "253", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5612, "texte": "dies ist, dünkt mich, der, dass man bei dieser ganzen Gat-\ntung überhaupt nicht sowohl Befriedigung der Empfin-\ndung, als des Verstandes, nicht sowohl sinnliches, als in-\ntellectuelles Vergnügen suchen muss. W er also nur nicht\nmit Rousseau abschliessend das Wesen und die ganze\nKraft der Music in Nachahmung und Leidenschaft setzt,\nwer nicht gegen die Instrumental-Music insbesondere, so-\nbald sie nicht malt, gefühllos ist, und auch solchen Folgen\nvon Tönen, denen keine genau bestimmbaren Empfindun-\ngen oder Ideen entsprechen, und die auch sogar bisweilen\nfür d as Ohr keinen entschiedenen Reiz haben, dem ohnge-\nachtet aus anderen Gründen Werth zugestehen kann, dem\nwird eine solche Sammlung von momentanen Einfällen,\nGedanken, Capriccio's, kurz: solche freve Ausbrüche der\nmusicalischen Dichterwuth, von denen man wie Polonius\nvon Hamlet sagen kann: Thoiujh this is madness, yet\nthere's method in it, sicher die unterhaltendste Geistesbe-\nschäftigung verleihen, und das um so viel mehr, je mehr\ner mit den geheimeren Regeln der Kunst vertraut gewor-\nden und je tiefer er in das Heiligthum derselben gedrun-\ngen ist. Denn für den Denker eröffnen sich hier bei jedem\nSchritte die mannigfaltigsten Aussichten. Das Neue so vie-\nler oft ganz heterogenen, aber doch immer mit harmoni-\nscher Richtigkeit und Kunst zusammengewebten Gedan-\nken, ihr Unerwartetes, und weil gar kein Thema genom-\nmen wird, das das Gedächtniss des Hörers auf Zukünfti-\nges vorbereitet, immerdar Ueberraschendes; die Kühnheit\nder Modulationen, der Abschweifungen und Wiedereinlen-\nkung, die Unerschöpflichkeit an Gängen und Wendungen,\ndie Mannigfaltigkeit der einzelnen Figuren, aus denen das\nGanze zusammengesetzt ist, und denn das Brillante im\nSpiele der Hand, das auch für den Unerfahrensten wenig-\nstens das Vergnügen des Anstaunens überwundener\nSchwierigkeiten mit sich führt: alles dies sind grosse und\nwichtige Seiten, von denen man solche Werke der Kunst,\nsolche Studia ansehen und in Rücksicht auf welche ein\nMann wie Bach auf diese auch nur von Wenigen genos-\nsenen und von Wenigen geniessbaren Werke einen nicht\ngeringen Theil seines Ruhmes gründen kann. Und wer\nvermag überhaupt zu sagen, wie weit auch aus jenen Ge-\nsichtspunkten, die ich der Kürze halber die Rousseau'schen\nnennen will, betrachtet, sie noch ihren eigenthümlichen\ngrossen und frappanten Werth haben und, wie er sich\nausdrückt, im principe Limitation in sich enthalten kön-\nnen? Es kommt hierbey Alles nur auf die Receptivität der\nPhantasie an, die sich an die Vergleichung macht; und es\nwäre zu wünschen, dass der mit Commentarien zu spar-\nsame Künstler uns nur mit einer kleinen Deduction dar-\nüber, wie er's einst bey einer anderen Gelegenheit that,\nan die Hand ginge, um ihm vielleicht manches Bestimmte\ndabey nachempfinden zu können. Die zweite dieser Phan-\ntasieen z. E., weiss ich, hat er zu seinem Vergnügen an\neinem Tage verfertigt, wo ihn ein verdriesslicher Rheuma-\ntismus plagte, und er pflegt sie daher scherzend gegen\nseine Freunde die Phantasie in tormentis zu nennen, nach\nder Analogie der berühmten Gemälde des hochseligen Kö-\nnigs von Preussen*). Ich würde es Niemand verdenken,\nder, hierauf fussend, sich eine ganze Theorie der Gicht-\nschmerzen daraus abstrahiren wollte, in dem weit aus-\nschweifenden, beym zweyten Ansätze sogleich so original\nin die Secund-Quartsexte ausweichenden Laufe ihre herum-\nfliegende Pein, in den kleineren, stossenden Stellen ihre\nStiche, den Eindruck des Aergers auf die Seele &c. leib-\nhaftig gewahr würde. Doch das sind Grillen! sagt ein\nernsthafter Leser. Mag's denn drum seyn! Das aber darf\nich hierbey nicht vergessen anzuführen, dass einer unserer\nersten deutschen Dichter, der auch im Gebiete der Music\nmit überschauendem Geiste wandelt, einen Versuch ge-\nmacht hat, einer anderen, nicht minder vortrefflichen Phan-\ntasie von Bach, die in seinen Probe-Sonaten befindlich ist,\nsogar Worte zum Singen unterzulegen. Er hat hierzu den\nberühmten Monolog im Hamlet über den Selbstmord ge-\nwählt, und ich gestehe, dass ich nichts Vortrefflicheres als\ndiese Unterlegung kenne, an Kraft und origineller Wahr-\nheit. Möchte ich doch seine Erlaubniss erhalten, sie einst\nbekannt zu machen! Denn ich glaube gern, dass nach\nmeiner blossen Erzählung es den Ciavierspielern unbe-\ngreiflich sein muss, wie dies bei dem Umfange einer mit\nsolcher Schnelligkeit durch alle Gebiete der Octaven schwei-\nfenden Phantasie nur einmal möglich gewesen sey.\n„Welcher von den beyden in dieser Sammlung ent-\nhaltenen Phantasieen aber der Vorzug einzuräumen sey,\nstehe ich (ich rede nur von der Wirkung auf mich—Alles\nohnmaassgeblich!) sehr an, zu entscheiden. Fast bestimme\nich mich indess für die erstere, bey der die Ueberschrift\nAllegro di moltovergessen worden, so äusserst charakte-\nristisch auch die zweite ist. Gleich das anfängliche, fast\nnur von Bach'sehen Fingern zu überwindende Solfeggio\nin dem höchst edlen und kühnen Stil (es zeigt durch seine\nWiederkehr, dass es nicht bloss Phantasie ins Wilde ist),\n\n*) Man weiss nämlich, dass dieser, und gemeiniglich mit blauer\nFarbe, Gemälde verfertigte, wenn ihn das Podagra plagte, und\nauf sie denn schrieb: In doloribus pinxit Fridericus. Er machte\nzuweilen den Spass, damit die Schmeicheley seiner Hofleute\nzu deconeertiren, indem er sie fragte, was sie wohl werth wä-\nren? und wenn sie denn unter vielen Bücklingen einen sehr\nhohen Preis nannten, zur Antwort gab: „Er soll's dafür ha-\nben.\"— Bis er endlich einmal an einen Schlaueren gerieth, der\nihm in tiefer Devotion auf seine Frage: „Was hält Er das\nStück wohl werth?\" versetzte; Ihro Majestät, es ist un-\nschätzbar \\'c"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "254", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1295, "texte": "die durchaus sprechende Wendung der Melodie und denn\ndas kurze, ausdrucksvolle Adagio, das a tempo wird, und\ndie herrlich wachsende, schmelzende Wehmuth darin fes-\nseln ganz mein Ohr und Herz dafür. Bey dem blitzenden\nAllegrosatze, der so abrupt auf dieses Adagio folgt, möchte\nich wohl wissen, wie diejenigen Herren zurecht kommen,\ndie an der Festsetzung solcher Theoremen sich weiden,\nals da sind: dass in jedem Stücke nur Eine Empfindung\ndie herrschende sein müsse; dass, da der Musicus nicht,\nwie der Dichter, seine Uebergänge motiviren könne, plötz-\nliche Uebergänge überhaupt verwerflich seyen, u. dgl. m.\nSie finden hier und an unzähligen anderen Stellen durch\nBach's Observanz das förmlichste Dementi ihres usurpirten\nSatzes, und ich rathe ihnen, dass sie lieber, um fein con-\nsequent zu bleiben, alle solche Exempel auf den Kopf\nschlagen, sollte es auch wider die klärsten Gefühle des in-\nneren Wohlgefallens sein. Denn mit ihnen darüber einen\nStreit anzufangen und gegen ihre Theoreyen sich auf Er-\nfahrung, auf die Experimental-Aesthetik berufen zu wol-\nlen, die Rlopstock so in Ehren hält, und die\nso oft ihre allgemeinen, a priorietablirten Sätze umstösst\ndas halten sie, auf ihren philosophischen Thronen\nsitzend, doch nur für Kleinkreisigkeit und Eingeschränkt-\nheit des Geistes.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-08-07-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-08-07_01#c003", "volume": "bmtnabi_1858-08-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "254", "page_fin": "255", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.2.3", "titre_corps": "Rossini’s Operette: Bruschino.", "titre_sommaire": "Rossini’s Operette: Bruschino.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "254", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.1.6", "debut_caractere": 1297, "fin_caractere_exclue": 5325, "texte": "Rossini’s Operette: Bruschino.\nBerlin, den 30. Juli 1858.\nDie französische Gesellschaft der Bouffes parisiens\ndes Herrn J. Offenbach brachte hier die Oper „Bruschino\"\nzur Aufführung, eine Composition von Rossini, die ganz\nund gar verschollen war*). Der Componist hat sich ge-\näussert, er habe sie mit einem Zahnstocher geschrieben\nund sie in der originellen Absicht auf einem der kleinen\nTheater Venedigs im Jahre 1812 aufführen lassen, um\ndamit ausgepfiffen zu werden. Indess hatte die Oper den\nentgegengesetzten Erfolg: ein stürmischer Beifall war die\nFolge dieser allerliebsten Composition. Nichts desto weni-\nger verschwand „Bruschino\" vom Repertoire, und den\nBemühungen Offenbach's haben wir es zu verdanken, dass\ndieses Werk der Verschollenheit entrissen wurde. Gehen\nwir auf den musicalischen Inhalt des Werkes näher ein, so\nzeigen sich uns in fast allen Nummern unverkennbare Züge,\ndie den Componisten des unsterblichen „Barbier von Se-\nvilla\" ahnen lassen, ja, wir werden sogar in deutlich aus-\ngesprochenen Reminiscenzen an diese viel später geschrie-\nbene Oper gemahnt. Selbst in den einzelnen Figuren tritt\nuns der „Barbiere\" entgegen. Wer würde wohl nicht in\nDon Bruschino an den Dr. Bartolo, in dem Major Bom-\nbarda an den Basilio, und in Flavio an den Grafen Alma-\nviva unwillkürlich erinnert? Letztere Rolle hat nicht nur\nin der Behandlung, sondern auch in der Handlung frap-\npante Aehnlichkeit, da beide Liebhaber durch List und\nVerkleidung oder Personen-Verwechslung ihre Geliebts zu\nerringen suchen. Die Ouvertüre, die Rossini, um sein Pu-\nblicum zu foppen, mit ziemlich unmusicalischen Spässchen\nausstattete, hatte bei jetziger Aufführung nicht ganz die\nerwartete Wirkung, da an den Notenpulten die blechernen\nLampenplatten, an die mit den Violinbogen geklopft wer-\nden soll, fehlten, und der spröde Holzklang nur einen mat-\nten Effect hervorbrachte. Das Werk enthält im Ganzen\nsechs Nummern; die Scene beginnt mit einem Duett zwi-\nschen Corilla und Flavio von ziemlich unbedeutender Con-\nstruction; das darauf folgende Duett zwischen Flavio und\ndem Gastvvirthe Giuseppe wurde wegen vacanter Stimm-\nmittel des Vertreters der letzteren Rolle bei der hiesigen\nAufführung weggelassen. Die Sortita des Festungs-Com-\nmandanten Bombarda ist eine Buffo-Arie, wie sie Rossini\nin seiner besten Periode kaum übertroffen hat. Um zur\nvollständigen Wirkung zu gelangen, gehört allerdings mehr\nStimmfonds, als ihn Herr Gugot aufzuweisen hat; doch\nwurde sein gravitätisches, scurriles Spiel allen Anforderun-\ngen dieser Buffo-Partie gerecht. Hieran schliesst sich das\nFinale des ersten Actes, eine Glanznummer des Werkes,\nund llossini's glänzendsten und mustergültigsten Ensemble-\nstücken ebenbürtig an die Seite zu stellen; es ist ein Ter-\nzett zwischen Flavio, Bruschino und Bombarda, voll des\nsprühendsten Humors und der heitersten Laune.\nDer zweite Act führt uns zunächst eine Arie der Co-\nrilla mit alternirender Solo-Clarinette vor, die zwar von\nRossini's späteren Meister-Arbeiten dieser Gattung über-\ntroffen wird, dennoch aber in Eleganz und Schliff der Vor-\nläufer jener vielberühmten Gesangs-Raketen zu nennen ist,\ndie in leuchtendem Glänze die halbe Welt durchflogen\nhaben. Das nun folgende Quatuor zwischen den vier Haupt-\nfiguren ist ein würdiges Seitenstück zu dem erwähnten\nFinal-Trio; lebendig in der Handlung, so wie in Anlage\nund Stimmführung meisterlich gehalten, erinnert es leb-\nhaft an das bekannte JSs-dur-Quintett des Barbiers. Eine\nreizende Polacca der Corilla als folgende Nummer ver-\nspricht ein sich in weiter Verbreitung bahnbrechendes Sa-\nlon- und Concertstück zu werden, und das letzte Finale,\nan das sich zum Schluss nochmals die Cantilene der vor-\nhergegangenen Polacca anschliesst, ist der würdige Schluss-\nstein eines Tonbaues, dessen Renovirung wir als eine glück-\nliche Bereicherung unserer Bühnen-Literatur begrüssen.\nDie jetzige Aufführung betreffend, so müssen wir aller-\ndings gestehen, dass sich die talentvollen Mitglieder der\n\n*) Vgl. Berliner Brief von G. E, in Nr. 27, S. 215."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "255", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1028, "texte": "französischen Opern-Gesellschaft, die in ihren Buffonerieen\nund Farcen in Deutschland durch ihr in diesem Genre noch\nunerreichtes Ensemble eine kaum geahnte Wirkung her-\nvorbringen, in dieser Oper auf ein Feld gewagt haben,\nauf dem sie sich nicht ganz heimisch fühlen. Rossini's Mu-\nsik verlangt Gesangeskräfte ersten Ranges und wird im-\nmer eine x~e für geschulte und routinirte Opernsän-\nger sein, die allerdings in der das Darstel-\nlungs-Talent in keiner Weise entbehren dürfen. Bei den\nBoufFes stossen wir auf das umgekehrte Yerhältniss; wir\nhaben es hier mit vortrefflichen Schauspielern zu thun,\ndie nebenbei in einzelnen Theilen über ganz passable\nStimmen und namentlich unter den Damen über ganz er-\ntragliche Coloraturen zu gebieten haben; dies ist indess\nnicht hinreichend, um Rossini's virtuose Gesangs-Anforde-\nrungen künstlerisch vollständig zu überwinden. Trotz al-\nledem hat die Gesellschaft das Verdienst, uns mit diesem\ninteressanten WTerke bekannt gemacht zu haben, und sei\ndafür derselben unser Dank gebracht."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-08-07-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-08-07_01#c004", "volume": "bmtnabi_1858-08-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "255", "page_fin": "255", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.2.4", "titre_corps": "Aus Rouen.", "titre_sommaire": "Aus Rouen.", "signature_source": "W. 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Auf den Antrag des Erzbischofs\nhat der Minister auch die vollständige Erneuerung der\nPrincipalstimmen im Prospect genehmigt, so dass der be-\nrühmte Dom, der zu den schönsten und grössten Denkma-\nlen der gothischen Baukunst gehört, nun auch eine fast\nganz neue, seiner würdige Orgel erhalten wird. Je ver-\nwahrloster das Orgelspiel in Frankreich im Allgemeinen\nist, desto willkommener wird der Bau von Orgeln für je-\nden Verehrer der Kirchenmusik sein, wenn er unter so\nwahrhaft künstlerischen Gesichtspunkten und mit so vor-\ntrefflicher Arbeit ausgeführt wird, wie die bisherigen\nWerke Merklin's. Es ist unmöglich, dass so vollkommene\nInstrumente ohne Einfiuss auf das Orgelspiel selbst und\nseine Regeneration im Sinne der deutschen Schule bleiben\nsollten. In der Stadt St. Ouen in unserer Nähe wird in\ndiesen Tagen die Einweihung einer ebenfalls durch Merk-\nlin umgebauten Orgel Statt finden, und für die hiesige\nSt.-Vincenz-Kirche ist ihm eine ganz neue in Auftrag ge-\ngeben. Die Restauration des grossen Werkes in der Basi-\nlica von Toulouse ist ihm so vorzüglich gelungen, dass das\nkaiserliche Ministerium unserem Landsmanne, welcher die\nSeele des Etablissements in Brüssel ist, den Bau einer\nneuen Orgel für die Kathedrale von Viviers und einer an-\nderen für Brienne-Napoleon übertragen hat. Der Bau der\nletzteren wird in Folge einer Clausel des Testaments Na-\npoleon's I. ausgeführt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-08-07-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-08-07_01#c005", "volume": "bmtnabi_1858-08-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "255", "page_fin": "256", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "255", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.1.7", "debut_caractere": 2922, "fin_caractere_exclue": 5813, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nAm 8. und 9. August wird das fünfte nieder rheinische\nSängerfest zu Neuss unter Leitung der Herren Musik-Directo-\nren F. Hart mann von Neuss und C. Rein ecke von Barmen ge-\nfeiert werden. Ein Verein von 1000 Sängern, darunter die Liederta-\nfeln von Neuss (Veranstalterin des Festes), Aachen, Crefeld, Glad-\nbach u. s. w., wird die Gesammtstücke ausführen, die zum Theil\nOrchester-Begleitung erfordern, wozu ein Orchester von 70—80 Per-\nsonen zusammengebracht worden ist. Dasselbe wird auch in Ouver-\ntüren von Weber, liietz, Rossini, Cherubini und Beethoven selbst-\nständig auftreten; hiedurch und auch durch die Wahl von 5—6\nGesangstücken mit Orchester wird die Einförmigkeit und Monotonie\nvermieden, welche der Männergesang an zwei Abenden hinter einan-\nder sonst hat. Ich glaube, man könnte die Gränzen der Männerge-\nsang-Feste noch weiter ziehen, ohne den Chc\\rakter derselben d.\nh. den künstlerischen zu verwischen, indem man auch Mämier-\nchöre mit einem Sopran-Solo, wie sie z. B. Hiller in trefflicher\nWeise geschrieben hat und wie sie in manchen Opern vorkommen,\nin das Programm aufnähme.\nAm ersten Festtage kommen nur Gesammt-AufFührungen vor; am\nzweiten bezeichnet das Programm zwei Stellen für Einzel-Vorträge\nbesonderer Vereine. Das ist auch vollkommen genug; eben so ver-\nnünftig ist die Einrichtung, dass bei den niederrheinischen Gesang-\nfesten keine Wettstreite, keine Wartburgskriege Statt finden.\nDas k. Consistorium zu Münster hat ein Circular an die Geist-\nlichen seines Bezirks erlassen, in welchem es das Ritter'sehe\nChoral buch, Op. 32, empfiehlt.\n** Der Bund der norddeutschen Liedertafeln hat zu\nOsnabrück am 17., 18. und 19. Juli sein diesjähriges Liederfest\ngefeiert. Es gehören zum Bunde die Liedertafeln von Berlin, Biele-\nfeld, Braunschweig, Bremen, Bückeburg, Celle, Detmold, Göttingen,\nHameln, Hannover, Herford, Hildesheim, Lemgo, Lüneburg, Magde-\nburg, Minden, Nienburg, Oldenburg, Oldendorf, Osnabrück, Pader-\nborn, Pyrmont, Rinteln, Salzufeln, Springe, Stolzenau, Vlotho und\nWaibuig. Der Haupt-Gesichtspunkt, von welchem AUS man diese\nBundesfeste betrachten muss, kann nicht der künstlerische sein, son-\ndern vielmehr der vaterländische in Hinsicht auf Verbrüderung und\ngesellige Freude durch Gesang. In dieser Beziehung sind die Ein-\nrichtungen sehr zweckmässig und nachahmenswerth, namentlich auch\nin allem, was den Kostenpunkt betrifft. So bekommt z. B. jeder\nSänger freies Quartier in Privathäusern einschliesslich des Morgen-\nKaffee's. Ferner zahlte Jeder bei Empfang der Festkarte 3 Thlr. 15\nSgr., wofür er am 1/. sein Gedeck beim Abendessen, am 18. beim\nFrühstück am Ziele der Eisenbahn-Fahrt und beim Festessen in der\nStadt (um 4 Uhr), am 19. eben so für Frühstück und Festessen,\nendlich freie Garten- und Tafelmusik und freie Eisenbahn-Fahrten er-\nhält. Getränke werden natürlich besonders bezahlt. Auf diese Weise"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "256", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4934, "texte": "kann Jeder seinen Kostcn-Ueberschlag vorher machen, und, was die\nHauptsache ist, das gesellige Beisammensein mit allen sei-\nnen Annehmlichkeiten, Belehrungen, Bekanntschaften, Erheiterungen\nu. 8. W.ist gesichert, während man sonst bei so manchen Mu-\nsikfesten nach Probe und Concert aus einander läuft und vergebens\neinen Vereinigungspunkt sucht. [Leider ist dies bei unseren rheini-\nschen Musikfesten fast immer der Fall 1] Der Verlauf des Festes\nnach dem Programm war folgender: Sonnabend Abends erste Ver-\nsammlung auf dem Markte; Gesang von Maurer: „Erhebt in jubeln-\nden Accorden\". Probe. Abendessen auf dem Schützenhof. Sonntag\num 8 Uhr auf dem Marktplatze: 3 Lieder von C. Kreutzer, Becker\nund Abt („Nimm deine schönsten Melodieen, o Vaterland!*4). Eisen-\nbahnfahrt und Frühstück. Um 12 Uhr in der Marien-Kirche: Choral\nvon B. Klein; Der Tag des Herrn von Kreutzer; Der frohe Wan-\ndersmann von Mendelssohn; Motette von Hauptmann: „Ehre sei\nGott!u Ave verum; Die Ehre Gottes von Beethoven; Auferstehen\nvon B. Klein. Es wurden Becken ausgestellt, der Ertrag für milde\nZwecke. Um ol/2 Uhr Festessen im Schützenhofe. Montag Vf2\nUhr Probe. Um 9 Uhr Concert mit Instrumental-Begleitung auf dem\noffenen Schlossplatze : F. Lachner's Festchor zur Mozartfeier, Marsch-\nner's Liedesfreiheit, Lachner's Kriegergebetj 0 Isis und Osiris, Alt-\ndeutscher Schlachtgesang von J. Rietz. Eisenbahnfahrt nach Melle,\nFrühstück. Festessen 4 Uhr. Gesänge Gartenmusik.\nHieraus geht der Charakter des schönen und heiteren Festes, so\nwie wir ihn oben bezeichnet haben, hinlänglich hervor.\nPotsdam, Am 4. Juli fand das erste märkische Gesangfest\nStatt. Früh 6 Uhr trafen die Vereine aus Berlin auf dem Bahnhofe\nein, wurden von dem Trompeter-Corps der Garde du Corps begrüsst\nund nach dem Schützenhause geleitet, wo der potsdamer Sängerchor\nsein Willkommen, componirt von Battin, sang. Um 3l/2 Uhr begann\ndas Gesangfest, das mit „Borussia! Britannia!\" unter Begleitung der\nTrompeter der Garde du Corps schloss. Einzelne Vereine leisteten\nschon Tüchtiges. Tausende von Menschen durchwogten den Schützen-\ngarten und dessen Umgebung.\nRegeiiSffftirg, 28. Juli. Bei Gelegenheit des Heinrichs-Festes\nsind in der Stiftskirche zur alten Capelle aufgeführt worden: die\nsechsstimmige Messe von Soriano, zwei achtstinimige Motetten von\nPalestrina und doppelchörige Psalmen. Das Uebrige war dem\nEnchiridion chorale entnommen, als: Introitus, Graduelle, Offertorium,\nCommunio, Antiphonen und Hymnen, Alles streng gregorianisch.\ni \" ■ *\nIflimclieift, 12. Juli. In der letzten Nacht ist eine ehemalige\nHauptzierde unserer Hofbühne, der Hof- und Capellsänger Julius\nPellegrini gestorben. Pellegrini, in Mailand am 1. Januar 1806\ngeboren, war früher Mitglied der unter Max I, bestandenen italiäni-\nschen Oper, trat nach deren Auflösung zur deutschen Oper über und\nwirkte als Bassist bis vor wenigen Jahren. Er erreichte mithin nur\nein Alter von 52 Jahren.\nJoh. Herb eck, Chormeister des hiesigen Männerge-\nsang-Vereins, ist von der Gesellschaft der Musikfreunde zum Pro-\nfessor am Conservatorium ernannt worden.\nEin Pröbchen von heutiger italiänischer Kritik bietet die Gazetta\ndi Venewa in Folgendem dar:\n„Mit Mozart's Cosi fan tutte beginnend, muss ich sagen, dass\ndies eine alte Oper in der ganzen Ausdehnung des Wortes ist, und\ndass die Direction besser gethan hätte, *sie ruhig ihrem Schlafe zu\nüberlassen, zu dem sie, wie Achtzigjährige erzählen, seit ihrer Ge-\nburt verdammt war. Hiermit will ich nicht gesagt haben, dass darin\nnicht auch Schönes enthalten sei; aber quandoque bonus dormitat Ho-\nmerus. So hatte auch Mozart, der unsterbliche Verfasser des Don\nGiovanni, der Nozze di Figaro und anderer preiswürdiger Werke,\nseine Stunden der Erschlaffung (di noja) und musicirte in diesem\nCosi fan tutte darauf los, indem er in aller Eile die Motive aus al-\nlen seinen anderen zusammenraffte, und vielleicht nicht stets die\nbesten/4\nEossini, der Frankreich nicht mehr verlassen will, sucht einen\nBesitz in der Gemeinde von Passy, nächst La Muette, an sich zu\nbringen. Er hat der Stadt Paris 60,000 Fr. geboten, und man zwei-\nfelt nicht, dass ihm der Besitz werden wird.\n\\ '\nSöSaSlaälelAm 31. Mai fand hier das erste Concert\nMusard's Statt, am 8. Juni das zweite, im Vereine mit Thomas.\nDer erste und zweite Theil stand unter der Leitung von Thomas,\nder letzte unter jener Musard's. Form es sang „In diesen heiligen\nHallen\" mit unermesslichem Beifalle, dann Schübert's „Wanderer\"\nund ein englisches Lied: ~Die Bai von Biskaya\". Der Brautchor\naus Lohengrin und die Oberon-Ouverture wurden vortrefflich ausge-\nführt. Im zweiten dieser vereinten Concerte spielte das Orchester\nunter Thomas die Freischütz-Ouverture und jene zu König Stephan\nvon Beethoven. Herr Formes wiederholte die Gesänge des ersten\nConcertes und sang nach stürmischem Hervorrufe nach der ersten\nArie noch 0 Isis und Osiris. Die Tanzmusik-Productionen des Herrn\nMusard machten keine besondere Wirkung."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "249", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nUeber ältere Programm- oder Poesie-Musik. Rossini's Operette: Bruschino. Ans Rouen (Orgelwerke von Merklin-\nSchütze & Comp.). Von W. M. Tages- und Unterhaltungsblatt (Fünftes niederrheinisches Sängerfest in Neuss Münster\nOsnabrück, Liederfest der norddeutschen Liedertafeln Potsdam, Erstes märkisches Gesangfest Regensburg—München, Julius Pelle-\ngrini f Wien Neue italiänische Kritik Rossini Philadelphia).\n\nUeber ältere Programm- oder Poesie-Musik.\nDer Gedanke, bestimmte Empfindungen, ja, selbst eine\nsolche Folge derselben, die zu Vorstellungen führen, durch\ndie Instrumental-Musik auszudrücken, ist bekanntlich kei-\nneswegs neu; mehrere Instrumental-Compositionen aus\ndem Anfange unseres Jahrhunderts beweisen es, nament-\nlich eine ganze Reihe von Schlachtstücken, die zu jener\nZeit so beliebt waren, dass deutsche Componisten sogar\ndie Schlacht bei Jena zur Schande ihres eigenen Vaterlan-\ndes um die Wette in Musik setzten. Man muss aber diese\nund ähnliche Compositionen mehr als Gelegenheitsstücke\nbetrachten, wie wir es auch in diesen Blättern früher schon\neinmal bei dem Abdruck eines Concert-Zettels aus dem\nJahre 1811 nachgewiesen haben, auf welchem die Geburt\ndes Königs von Rom, nachmaligen Herzogs von Reichstadt,\nden Haupttext aller Compositionen bildete. Selbst Joh. Seb.\nBach schrieb solche Gelegenheitsstücke, freilich nach sei-\nner Manier, wie das Capriccio in B über die Abreise\n„seines geliebtesten Bruders\" mit der Fuge all' imitazione\ndella corneita di Postiglione.\nAllein weniger bekannt ist es, dass man schon im vo-\nrigen Jahrhundert, unabhängig von gelegentlichen Veran-\nlassungen, poetische Motive zu Stoffen für Instrumental-\nMusik wählte, ja, dass der Gedanke Beethoven's, aus In-\nstrumentalsätzen zu Vocalmusik überzugehen\nund jene durch diese zu vervollständigen (Phantasie mit\nChor, neunte Sinfonie) was Wagner und Brendel für\nein Product innerster Notwendigkeit erklären, das erst\naus der Vollendung der absoluten Musik, die ihre Zuflucht\nzum Worte und zur Menschenstimme nehmen musste,\nentstehen konnte —, dass dieser Gedanke und dieses Pro-\nduet bereits im Jahre 1783 existirten.\nIn diesem Jahre erschien in Hamburg in Commission\nbei der Herold'schen Buchhandlung: Sechs Clavier-So-\nnaten nebst der Ode: „Kain am Ufer des Meeres\", als\nAnhang der sechsten Sonate. Von H. 0. C. Zink, Her-\nzoglich Mecklenburg-Schwerin'schen Hol'musicus.\nDie Vorrede zu diesen Sonaten (also auch an Vorre-\nden fehlte es damals eben so wenig, wie heute!) lautet\nalso:\n„Wahrscheinlich kann die Pantomime die erste Ver-\nanlassung gegeben haben, charakteristische Instrumental-\nstücke zu setzen; und es kann von den Franzosen auf uns\ngekommen seyn, den Haupt-Charakter solcher Stücke durch\neine kurze Ueberschrift anzudeuten. Genug, wir haben\ndergleichen, und zwar haben unsere Landsleute die vor-\nzüglichsten Meisterstücke dieser Art geliefert.\n„Ein jeder, der die Music von dieser Seite kennt, wird\nzugeben, dass man bey verschiedener Gemüthslage oder\nEmpfindung, darin man sich, indem man sein Instrument\nangreift, befindet, gemeiniglich solche melodische und har-\nmonische Gänge hervorbringt, die der jedesmaligen Lage\nangemessen sind, und dass man in solchen Situationen auf\nSätze stösst, die einen Anstrich vom Originellen haben,\nund fast möchte ich die Behauptung wagen, dass unsere\ngrossesten Meister auch in manchen unbetitelten Instrumen-\ntalsachen gewisse Empfindungen, die gleichsam in eine\nHandlung übergehen, zum Grunde ihrer Arbeiten gehabt\nhaben.\n„Freylich kann die Music ohne Worte keine Hand-\nlung schildern. Aber wenn uns mancher Meister einen\nCommentar über sein Stück gäbe, würde es nicht dadurch\nfür den Zuhörer verständlicher werden und seine Aufmerk-\nsamkeit um so mehr rege machen? Und wenn dieses, so\nhätte ein Commentar ja seinen grossen Nutzen; und warum\nsollte man denn nicht einen machen ?\n„Einigen Kennern, denen ich besonders die sechste\nSonate vorspielte, nachdem ich ihnen meine Idee dabey\ngeschildert hatte, schien solche um desto mehr zu interes-\nsiren; und dies veranlasset mich, solches hier auch öffent-\nlich zu thun, mit dem Wunsch, dass Kenner mir gütigst"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "250", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.1.2", "texte": "ihre Gedanken hierüber mittheilen und überhaupt die Un-\nvollkommenheit dieses Werkes mit etwas Rücksicht auf\nmeinen Wiilen beurtheilen mögen, welches ich um so eher\nhoffen darf, wenn ich den geneigten Leser mit der Art\nmeiner musicalischen Bildung und fernerem Fortschritte\nin aller Kürze bekannt mache, ehe ich noch etwas Mehre-\nres von diesen Sonaten sage.\n„Meinem guten Vater habe ich die praktische Anwei-\nsung auf verschiedenen musicalischen Instrumenten und\netwas Einsicht in die Harmonie zu verdanken; und so ging\nich nach Hamburg, wo ein Jeder nach seiner Art und also\nauch ein junger Musiker nicht nur Aufmunterung findet,\nsondern auch Gelegenheit hat, seine Wissbegierde in allen\n1 heilen dieser Kunst zu befriedigen. Mit Vergnügen denke\nich an das Gute, was ich daselbst während meinem zehn-\njährigen Aufenthalt gesehen, gehört und genossen habe;\nan alle die schönen Oratorien der ersten Meister, die ich\ndaselbst in den Liebhaber- und öffentlichen Concerten ge-\nhört oder mitgesungen und gespielt habe; an alle die deut-\nschen, französischen und italiänischen Operetten, an die\nPantomimen und Ballette, die ich in den Schauspielen auf-\nfuhren sah; an alle die vielen fremden Musiker, die sich\nöffentlich oder privatim hören Hessen; an die zum Theil\nvortrefflichen Kirchenmusiken; an alle die kleinen musica-\nlischen Cirkel, worinnen gewetteifert ward, und an alle\ndie theuren Gönner, Music- und Menschenfreunde, die mein\nGlück befördern halfen. Mit dankerfülltem Herzen nenne\nich hier unter den Vielen nur den mir vorzüglich werthen\nNamen des Menschenfreundes, der mich seiner besonderen\nZuneigung würdigte, des grossen Meisters unserer Kunst,\ndes Herrn Capellmeisters C. P. E. Bach. Doch war ich\nin Hinsicht der Setzkunst nicht sehr glücklich. Denn Einer\nsah durch die W ein-Bouteille nach meiner Arbeit, indem\ner sie beurtheiite; ein Anderer führte mich nach Griechen-\nland, Lydien, Phrygien und wie die Provinzen da alle heis-\nseil. Es war gleichsam, als müsste ein Küchenjunge, ehe\nund bevor er eine Schüssel Gemüse anrichten lernt, die\nAuswanderungs-Geschichte der Gewächse aus ihrem Vater-\nlande wissen. Ein Dritter riss heute das Lehrgebäude, wel-\nches er gestern bis zum zweyten Stockwerk aufgeführt\nhatte, wieder ein; und so blieb ich immer da stehen, wo\nich war, bis ich mich endlich bey meiner jetzt ruhigeren\nLebensart, wiewohl mit unsäglicher Mühe, bei den Stum-\nmen Raths erholte; und so mögen denn diese Sonaten als\nein Versuch angesehen werden, wie ich das bisher Gesam-\nmelte in Anwendung gebracht habe.\n„Die Entstehung derselben ist folgende: Eine zärtliche,\nhitzige, mürrische, lustige oder andere Laune gab allemal\nden ersten Urstoffher. Mit einer solchen Laune nun schlich\noder hüpfte oder polterte ich, nach Maassgabe der jedes-\nmaligen Empfindung, über das Griffbrett meines C!a\\iers\nher, und die dadurch entstehenden Töne gaben ungefähr\ndas lliema an, welches nach Zeit und Gelegenheit weiter\nausgeführt ward. So entstand das Andante der dritten So-\nnate, als ich Madame la Caprieieuse mit ihrem sanftmüthi-\ngen Ehemanne dialogiren hörte. Und mit der Empfängniss\nder letzten Sonate ging es so zu: Ich war (ich weiss nicht\nmehr, worüber) ärgerlich, recht sehr ärgerlich und ver-\ndriesslich, und kam so bis ans Ciavier, um darauf meine\nBosheit auszulassen, und polterte daher (Tact 33): hier\nhielt ich plötzlich inne, und die Aehnlichkeit zwischen dem\nAnfange dieses Satzes und dem Anfange der Music, welche\nich einige Monate zuvor auf des Herrn Grafen von Stol-\nberg „Kain am Ufer des Meeres\" gemacht hatte, stellte\nmir auf einmal die ganze grausende Geschichte des Bru-\ndermörders vor Augen. Ich sah ihn, wie er das aus der\nWunde des Erschlagenen hervorquellende Blut anstarrete,\nwie er dann floh—und stand—und bey Wiedererblickung\ndes röchelnden Bruders zurückbebte. Wie er dann die\nAugen halb noch zornig, aber auch halb reuig unter lau-\ntem Seufzen zum Himmel aufhob,—dann die Erde stampfte\nwieder Höh— und stand und stampfte und Hob\nsicht zur Erden bog, beten wollte, aber nicht konnte—nur\nAccente stammelte, welche die Angst des Heizens verrie-\nthen, die der innere Richter verursachte; wie er dann\nwieder nach einer fürchterlichen Pause wild, mit fliegen-\nden Haaren und rollenden Augen, ganz verzweiflungsvoll,\ngleich dem Sturmwinde die Wildniss durchflog; bei jedem\nbeflügelten Schritte erschienen ihm schrecklich quälende\nFurien, ihm die blasse Gestalt des Getödteten, oder dessen\nblutende Wunde, oder die verfluchte, mit Haaren und Blut\nbefleckte Keule vorhaltend, bis er endlich am jähen Ufer\ndes Oceans den schäumenden Wellen entgegenheulte:\nWehe, wehe mir! wohin treibt mich mein geschlagener\nSinn!\n„Ob und wie nun dergleichen Ideen in einem Ciavier-\nstücke ausgeführt werden können oder hier ausgeführt\nsind, und ob sich noch hier und da in diesen Sonaten cha-\nrakteristische Züge finden, wie ich sie darin angebracht zu\nhaben glaube das ist also die Frage; und eine glimpf-\nliche Beurtheilung dieses Werkes wird für mich dasMaass\nsein, wie weit ich meinen angetretenen Weg fortsetzen\nkann.\"\nHierüber sagt der Recensent der Sonaten, Karl Fried-\nrich Cramer in Hamburg: „Wie wenig Herr Zink bloss\nhandwerksmässiger, mechanischer Musicus ist, sondern\nüber seine Kunst denkt und grosse Ziele sich vorzustecken\nweiss, zeigen diese Sonaten. Wie sehr ich mit ihm in den\ntheoretischen Ideen von dem, was sich durch die Instru-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "251", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.1.3", "texte": "mental-Musik in Absicht des charakteristischen und\nlehendigenAusdrucks erreichen lässt, Eines Glaubens-\nbekenntnisses bin, brauche ich nach meinen verschiedenen\nbekannten Aeusserungcn nicht zu wiederholen. Ich wün-\nsche ihm Glück, dass er die Theorie in That und Wahr-\nheit realisirt hat. Ich war selbst dabei gegenwärtig, als\nvoriges Jahr Herr Zink einigen Dilettanten seine Sonaten\nvorspielte, Da er an den *27. Tact im Andante der dritten\nSonate kam, hielt er plötzlich inne und fragte: „„Was\nhabe ich damit sagen wollen?\"\"\ntete einer aus der Gesellschaft, „ „als wenn der hier Spre-\nchende ein recht gewaltiges Scheltwort, ein herzlich ge-\nmeintes: Schurke! mitten in den Dialog polternd hinein-\nwürfe.\"\" „„Getroffen!\"\" sagte der Verfasser: „„das\nhabe ich gemeint;\"\" und fuhr fort.\"\nUeber die letzte Sonate mit der Ode sagt derselbe\nRecensent: „Endlich die letzte Sonate, über die Herr\nZink in der Vorrede mitMehrerem geredet, ist in grossem\ncharakteristischem, wildem Stile. Alles stimmt dazu bei;\nauch sogar das gesucht Harmonische und Melodische des\nAdagio, das mir an und vor sich nicht so wie eines der\nvorigen gefallen würde, aber in Zusammenhang mit dem\nAllegro, so vorhergeht, und dem verzwei(lungsvollen Presto\ne furioso, so darauf folgt, seiner Unruhe erweckenden\nWirkung nicht verfehlt. Dieses Presto fällt am Ende in\ndas Gesangstück, die Composition der Stclberg'schen Ode:\nKain am Ufer des Meeres. Diese Idee, ein Instrumen-\ntalstück zuletzt in ein Vocalstück ausbrechen zu\nlassen, hat etwas Neues und Kühnes; aber ich zwei-\nfele, dass sie sich oft wird realisiren lassen, auch aus dem\nGrunde, weil die poetisch-musicalische Ader, die beyde\ndiese Gattungen gleich gut gedeyhen macht, selten Eines\nMannes Talent ist, und die Singmusic und sprechende In-\nstrumentalmusic in der That oft ganz verschiedene Wege\nwandeln müssen, welche die theorieenmachende Kritik\nwirklich noch nicht bestimmt genug in ihrem Wesen und\nBestandtheilen von einander gesondert hat. Herr Zink wird\nmir verzeihen, wenn ich ohne Heucheley bekenne, dass\nseine Composition des Stolberg'schen Liedes, die ich als\nblosses Instrumentalstück durchdacht uud vortrefflich finde,\nals Singstück nicht eben so beyfallswerth ansehe.\"\nEs war damals die Periode der Entwicklung der In-\nstrumental-Musik, die aus den gar zu engen Fesseln der\ncontrapunktischen fugirten Schreibart zu dem freieren Stil\ndurchbrach. Der Meister in jener, Joh. Seb. Bach, hatte\nmehr, als man gewöhnlich anerkennt, durch seine' Präl-\nudien selbst zu jener Entwicklung beigetragen, wiewohl\nsicher unbewusst und ohne die geringste Ahnung, dass\nman nach mehr als hundert Jahren aus einigen von diesen\nPräludien Melodieen herausziehen und ihnen sogar Gesang-\nTexte unterlegen würde!\nBewusster handelte in dieser Beziehung sein zweiter\nSohn, Karl Philipp Emanuel Bach (von 1714 -1788).\nEr schlug namentlich in seiner Ciaviermusik den Weg ein,\nauf welchem Joseph Haydn nachher fortwandelnd das Zici\nerreichte. Es ist zu bedauern, dass in unserer Zeit, die\ndem J. Seb. Bach so viel Theilnahme schenkt, die Werke\nEmanuel's noch keine neue Ausgabe erlebt haben, die sie\nwieder ins Leben brächte und den Musikern und Dilettan-\nten zugänglicher machte. Hoffen wir, dass die thätige Ver-\nlagshandlung von Holle und vielleicht F. Chrysander, de-\nnen wir die neue Sammlung von J. Seb. Bach's Ciavier-\nsachen verdanken, sich entschliessen, wenigstens eine Aus-\nwahl von K. Ph. Em. Bach's Sonaten, Rondo's und Phan-\ntasieen neu herauszugeben.\nEs war fast natürlich, dass mit dem freieren Stil zu-\ngleich auch die Lehre vom Inhalt der Musik, d. h. von\ndem nicht musicalischen Inhalt, aufkam, die in unserer\nZeit durch die Ausleger und poetischen Traumdeuter na-\nmentlich der Werke Beethoven's wieder so sehr gespukt\nhat, dass am Ende bekanntlich nicht bloss Empfindungen\noder Stimmungen, sondern bestimmte Situationen und Cha-\nraktere, ja, ganze Dramen in Instrumental-Musik gesetzt\nworden sind, und der alte ehrliche Name der Symphonie\nin symphonische Dichtung umgetauft werden musste.\nEs gab damals wie jetzt Enthusiasten, welche aus je-\ndem Musikstücke etwas heraus deuten wollten, in jedem\nein Bild oder den Ausdruck einer bestimmten Empfindung\nsuchten, und dass diese Manie auch schon damals bis zur\nLächerlichkeit ging, zeigt unter Anderem die oben ange-\nführte Anekdote mit dem „Schurken\". So kam denn auch\ndie Mode der „Ueberschriften\" und der Titel „Charakte-\nristische Stücke\" auf, deren Wiederkehr und übermässige,\nbis zu barem Unsinn gesteigerte Anwendung uns seit ein\npaar Jahrzehenden als etwas Nagelneues, den Fortschritt\nBekundendes bis zum Ekel aufgetischt worden ist.\nDagegen hielten Andere an dem Alten, d. h. an dem\nrein tonlichen Wesen der Musik fest und wollten von den\nGrillen der Inhaltsdeuter nichts wissen. Die Kritik wurde\nschwankend in ihren Principien ; einer ihrer kenntniss- und\ngeistreichsten Vertreter, Karl Friedrich Cramer (1752\n1807), der in Göttingen als Student Mitglied des Dichter-\nbundes und seit 1775 Professor der Philosophie in Kiel\nwar, von 1783 —1789 das „Magazin der Musik\" heraus-\ngab, lässt uns den Zustand des damaligen Für und Wider\nund die Ansichten der Kenner und Laien über das ge-\ndachte Thema in seinen Abhandlungen und Recensionen\ndeutlich ins Licht treten. Wir theilen einige Auszüge\ndaraus mit."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "252", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.1.4", "texte": "In einer Reccnsion der vierten Sammlung von Karl\nPhil. Em. B ach's „Ciavier-Sonaten und freven Phanta-\n«J\nsieen, nebst einigen Rondo's fürs Fortepiano, für Kenner\nund Liebhaber. Leipzig, 1783\" —sagt er unter Anderem:\n„In Rücksicht auf die Liebhaber besonders scheint\n«ich der Herr Capellmeister zu der Gattung des jetzt so\nbeliebten und bis zum Ekel in allen Clavier-Compositionen\nvorkommenden Gattung des Rondo herabgelassen zu ha-\nben, wiewohl vielleicht das Wort „ „herablassen\"\" hier\nnicht das rechte ist. Denn wofern überhaupt Mannigfaltig-\nkeit der Formen in jeder Art von Kunstwerken für eine\nVollkommenheit und erreichungswürdiges Ziel gehalten\nwerden muss, und es dabey nie sowohl auf das Was, als\nauf das Wie ankommt, so kann man in der That nicht sa-\ngen, dass sich ein Meister herablässt, wenigstens nicht un-\nter sich seilest erniedrigt, wenn er auch in den leichteren\nGattungen Muster darreicht und mehr durch die That als\ndurch theoretisch Geschwätz zeigt, wie man auch hier durch\nBehandlung und Bearbeitung vortrefflich sein und dem\nVerstände des Kenners eine Genüge leisten könne. Endlich\nkann man auch nicht läugnen, dass der herrschende Ge-\nschmack des Publicums, wenngleich keine despotische,\ndenn doch Rechte hat, und dass es lobenswürdige Nach-\ngiebigkeit ist, wenn seine Lieblinge, oder die es seyn soll-\nten, sich darnach in etwas fügen. Sie können hoffen, dass\nalsdenn auch ihre ernsteren Arbeiten desto willigeren Ein-\ngang finden und den sinkenden Theil der Geniesser vom\nLeichten und Tändelnden allmählich zu demjenigen wieder\nerheben werden, was ein noch eigentlicheres und höheres\nZiel der Kunst ist.\n„Das erste dieser Rondo's ist aus dem im Sechs-\nachtel-Tact. Ich empfinde bey dem Thema dieses Ron-\ndo's und seiner Ausführung, dass es einem allerliebsten\nMädchen gleicht, die ihr Köpfchen auf was gesetzt hat,\ndas sie durch Laune und artiges Pochen durchaus errei-\nchen will.\n„Hierauf folgt eine Sonate Grazioso aus G-dur und\nmit veränderten Reprisen. Heitere, sanfte Freude\neines unschuldigen Mädchens, sitzend an einem Bache im\nDufte eines Sommerabends. So sanft, so eben fliesst die\ndämmernd wonnigliche Empfindung hin. Aber bald lös't\nsie sich in widrigere Empfindungen auf, in dem darauf\nfolgenden Larghetto e sostenuto. Ernst erwacht in ihrer\nSeele. Nachdenkend verweilt sich die Oberstimme in sechs\nTacten auf derselben Note, indess der Bass die Harmonie\nauf eine neue Art fortschreiten lässt u. s. w.\n„In dem Tone der Männlichkeit schreitet in das\nfolgende Rondo im Dreiachtel-Tact einher. Ich finde viel\nFluss darin, viel Wendung der Melodie, und das Thema,\nauf welches sich die Ucberschrift: Massig und sanft, wohl\nvorzüglich bezieht, hat' etwas Leichtes und Wohlbeh g-\nliclies; allein die gewählte Tonart widerstrebt meinen Be-\ngriffen von Sanftheit ganz. Was haben Stellen, die den\nhartnäckigsten, fast unbesiegbaren Widerspruchsgeist dar-\nstellen, oder chromatische Melodieen mit Sanftheit und\nAllerliebstheit zu thun? Rauh sind sie, wiewohl das rauh\nkeineswegs ein Tadel für sie sein kann, wofern man nicht\nso eingeschränkt denken will, die musicalische Poesie oder\nvielmehr die poetische Music nur auf den Ausdruck der\nangenehmen Empfindungen einschränken zu wollen und\nsie durch solche Prätentionen eines grossen Theiles ihrer\nNuancen und der Anwendung aller ihrer Kräfte zu be-\nrauben.\n„Nun aber das dritte Rondo. Es ist unstreitig das\nschönste in dieser und, ich möchte beynahe sagen: eines\nder schönsten aller vorhergehenden Sammlungen mit. Der\njugendlichste, naivste Muthwille einer leichthin tanzenden\nGrazie! Man überschreibe es Thalia und verbinde mit\ndiesem Worte alles, was sich der Grieche dabey dachte,\nwenn er darunter bald die Gespielin der Venus, die Gra-\nzie, bald die eine der Musen, die über das Komische\nherrscht, begriff, so hat man die wahre Bezeichnung.\nWorte würden vergeblich sich bemühen, den Reiz und\ndie Leichtigkeit der süssen Tändeley zu entwickeln, die\nschon ganz im Thema liegt, dieses\n0 Vater Bach! im achtundsechszigsten Jahre solch ein\nmuthwilliges Stück, das der heitersten Stunde des Bräu-\ntigamsstandes werth wäre! Man sieht wohl, dass das\nGenie nicht altert,\n„Allegro ist darüber geschrieben; allein es diene dem\nVortrager zur Nachricht, dass er's dieses weniger, als\nalle andere—-ja nicht obenhin, mechanisch abspiele, son-\ndem mit der gewähltesten, präcisesten Delicatesse! Jeden\nTon müsse er fühlen und mit bedeutender Feinheit darü-\nber schlüpfen, wie Camilla über die Aehren that:\nlila vel intactae segetis per summa volar et\nGramina, nec teneras cursu laesi-sset aristas!\nUnd denn beschliesst er den Götterllug eben so aus-\ndrückend mit einer freyen Cadenz, die höchst original die-\nses Rondo endigt und eine der herrlichsten ist, die ich\nje gehört habe.\n„Den Beschluss machen endlich zwey freye, in keine\nbestimmten Tacte eingeschränkte Phantasieen; kostbare\nStudia des grossen Künstlers für Künstler. Denn was die\nLaven betrifft, so müssen sie hier mehr staunen, als dass\nsie geniessen könnten, welches ihren Fingern ohnehin wohl\nverboten bleibt, wofern sie nicht Monate Zeit an diese\neinzelnen Stücke verwenden können. Man erlaube mir,\ndoch noch einige Worte hinzuzufügen, um den Gesichts-\npunkt anzugeben, aus dem sie zu beurtheilen sind. Und"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "253", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.1.5", "texte": "dies ist, dünkt mich, der, dass man bei dieser ganzen Gat-\ntung überhaupt nicht sowohl Befriedigung der Empfin-\ndung, als des Verstandes, nicht sowohl sinnliches, als in-\ntellectuelles Vergnügen suchen muss. W er also nur nicht\nmit Rousseau abschliessend das Wesen und die ganze\nKraft der Music in Nachahmung und Leidenschaft setzt,\nwer nicht gegen die Instrumental-Music insbesondere, so-\nbald sie nicht malt, gefühllos ist, und auch solchen Folgen\nvon Tönen, denen keine genau bestimmbaren Empfindun-\ngen oder Ideen entsprechen, und die auch sogar bisweilen\nfür d as Ohr keinen entschiedenen Reiz haben, dem ohnge-\nachtet aus anderen Gründen Werth zugestehen kann, dem\nwird eine solche Sammlung von momentanen Einfällen,\nGedanken, Capriccio's, kurz: solche freve Ausbrüche der\nmusicalischen Dichterwuth, von denen man wie Polonius\nvon Hamlet sagen kann: Thoiujh this is madness, yet\nthere's method in it, sicher die unterhaltendste Geistesbe-\nschäftigung verleihen, und das um so viel mehr, je mehr\ner mit den geheimeren Regeln der Kunst vertraut gewor-\nden und je tiefer er in das Heiligthum derselben gedrun-\ngen ist. Denn für den Denker eröffnen sich hier bei jedem\nSchritte die mannigfaltigsten Aussichten. Das Neue so vie-\nler oft ganz heterogenen, aber doch immer mit harmoni-\nscher Richtigkeit und Kunst zusammengewebten Gedan-\nken, ihr Unerwartetes, und weil gar kein Thema genom-\nmen wird, das das Gedächtniss des Hörers auf Zukünfti-\nges vorbereitet, immerdar Ueberraschendes; die Kühnheit\nder Modulationen, der Abschweifungen und Wiedereinlen-\nkung, die Unerschöpflichkeit an Gängen und Wendungen,\ndie Mannigfaltigkeit der einzelnen Figuren, aus denen das\nGanze zusammengesetzt ist, und denn das Brillante im\nSpiele der Hand, das auch für den Unerfahrensten wenig-\nstens das Vergnügen des Anstaunens überwundener\nSchwierigkeiten mit sich führt: alles dies sind grosse und\nwichtige Seiten, von denen man solche Werke der Kunst,\nsolche Studia ansehen und in Rücksicht auf welche ein\nMann wie Bach auf diese auch nur von Wenigen genos-\nsenen und von Wenigen geniessbaren Werke einen nicht\ngeringen Theil seines Ruhmes gründen kann. Und wer\nvermag überhaupt zu sagen, wie weit auch aus jenen Ge-\nsichtspunkten, die ich der Kürze halber die Rousseau'schen\nnennen will, betrachtet, sie noch ihren eigenthümlichen\ngrossen und frappanten Werth haben und, wie er sich\nausdrückt, im principe Limitation in sich enthalten kön-\nnen? Es kommt hierbey Alles nur auf die Receptivität der\nPhantasie an, die sich an die Vergleichung macht; und es\nwäre zu wünschen, dass der mit Commentarien zu spar-\nsame Künstler uns nur mit einer kleinen Deduction dar-\nüber, wie er's einst bey einer anderen Gelegenheit that,\nan die Hand ginge, um ihm vielleicht manches Bestimmte\ndabey nachempfinden zu können. Die zweite dieser Phan-\ntasieen z. E., weiss ich, hat er zu seinem Vergnügen an\neinem Tage verfertigt, wo ihn ein verdriesslicher Rheuma-\ntismus plagte, und er pflegt sie daher scherzend gegen\nseine Freunde die Phantasie in tormentis zu nennen, nach\nder Analogie der berühmten Gemälde des hochseligen Kö-\nnigs von Preussen*). Ich würde es Niemand verdenken,\nder, hierauf fussend, sich eine ganze Theorie der Gicht-\nschmerzen daraus abstrahiren wollte, in dem weit aus-\nschweifenden, beym zweyten Ansätze sogleich so original\nin die Secund-Quartsexte ausweichenden Laufe ihre herum-\nfliegende Pein, in den kleineren, stossenden Stellen ihre\nStiche, den Eindruck des Aergers auf die Seele &c. leib-\nhaftig gewahr würde. Doch das sind Grillen! sagt ein\nernsthafter Leser. Mag's denn drum seyn! Das aber darf\nich hierbey nicht vergessen anzuführen, dass einer unserer\nersten deutschen Dichter, der auch im Gebiete der Music\nmit überschauendem Geiste wandelt, einen Versuch ge-\nmacht hat, einer anderen, nicht minder vortrefflichen Phan-\ntasie von Bach, die in seinen Probe-Sonaten befindlich ist,\nsogar Worte zum Singen unterzulegen. Er hat hierzu den\nberühmten Monolog im Hamlet über den Selbstmord ge-\nwählt, und ich gestehe, dass ich nichts Vortrefflicheres als\ndiese Unterlegung kenne, an Kraft und origineller Wahr-\nheit. Möchte ich doch seine Erlaubniss erhalten, sie einst\nbekannt zu machen! Denn ich glaube gern, dass nach\nmeiner blossen Erzählung es den Ciavierspielern unbe-\ngreiflich sein muss, wie dies bei dem Umfange einer mit\nsolcher Schnelligkeit durch alle Gebiete der Octaven schwei-\nfenden Phantasie nur einmal möglich gewesen sey.\n„Welcher von den beyden in dieser Sammlung ent-\nhaltenen Phantasieen aber der Vorzug einzuräumen sey,\nstehe ich (ich rede nur von der Wirkung auf mich—Alles\nohnmaassgeblich!) sehr an, zu entscheiden. Fast bestimme\nich mich indess für die erstere, bey der die Ueberschrift\nAllegro di moltovergessen worden, so äusserst charakte-\nristisch auch die zweite ist. Gleich das anfängliche, fast\nnur von Bach'sehen Fingern zu überwindende Solfeggio\nin dem höchst edlen und kühnen Stil (es zeigt durch seine\nWiederkehr, dass es nicht bloss Phantasie ins Wilde ist),\n\n*) Man weiss nämlich, dass dieser, und gemeiniglich mit blauer\nFarbe, Gemälde verfertigte, wenn ihn das Podagra plagte, und\nauf sie denn schrieb: In doloribus pinxit Fridericus. Er machte\nzuweilen den Spass, damit die Schmeicheley seiner Hofleute\nzu deconeertiren, indem er sie fragte, was sie wohl werth wä-\nren? und wenn sie denn unter vielen Bücklingen einen sehr\nhohen Preis nannten, zur Antwort gab: „Er soll's dafür ha-\nben.\"— Bis er endlich einmal an einen Schlaueren gerieth, der\nihm in tiefer Devotion auf seine Frage: „Was hält Er das\nStück wohl werth?\" versetzte; Ihro Majestät, es ist un-\nschätzbar \\'c"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "254", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.1.6", "texte": "die durchaus sprechende Wendung der Melodie und denn\ndas kurze, ausdrucksvolle Adagio, das a tempo wird, und\ndie herrlich wachsende, schmelzende Wehmuth darin fes-\nseln ganz mein Ohr und Herz dafür. Bey dem blitzenden\nAllegrosatze, der so abrupt auf dieses Adagio folgt, möchte\nich wohl wissen, wie diejenigen Herren zurecht kommen,\ndie an der Festsetzung solcher Theoremen sich weiden,\nals da sind: dass in jedem Stücke nur Eine Empfindung\ndie herrschende sein müsse; dass, da der Musicus nicht,\nwie der Dichter, seine Uebergänge motiviren könne, plötz-\nliche Uebergänge überhaupt verwerflich seyen, u. dgl. m.\nSie finden hier und an unzähligen anderen Stellen durch\nBach's Observanz das förmlichste Dementi ihres usurpirten\nSatzes, und ich rathe ihnen, dass sie lieber, um fein con-\nsequent zu bleiben, alle solche Exempel auf den Kopf\nschlagen, sollte es auch wider die klärsten Gefühle des in-\nneren Wohlgefallens sein. Denn mit ihnen darüber einen\nStreit anzufangen und gegen ihre Theoreyen sich auf Er-\nfahrung, auf die Experimental-Aesthetik berufen zu wol-\nlen, die Rlopstock so in Ehren hält, und die\nso oft ihre allgemeinen, a priorietablirten Sätze umstösst\ndas halten sie, auf ihren philosophischen Thronen\nsitzend, doch nur für Kleinkreisigkeit und Eingeschränkt-\nheit des Geistes.\"\n\nRossini’s Operette: Bruschino.\nBerlin, den 30. Juli 1858.\nDie französische Gesellschaft der Bouffes parisiens\ndes Herrn J. Offenbach brachte hier die Oper „Bruschino\"\nzur Aufführung, eine Composition von Rossini, die ganz\nund gar verschollen war*). Der Componist hat sich ge-\näussert, er habe sie mit einem Zahnstocher geschrieben\nund sie in der originellen Absicht auf einem der kleinen\nTheater Venedigs im Jahre 1812 aufführen lassen, um\ndamit ausgepfiffen zu werden. Indess hatte die Oper den\nentgegengesetzten Erfolg: ein stürmischer Beifall war die\nFolge dieser allerliebsten Composition. Nichts desto weni-\nger verschwand „Bruschino\" vom Repertoire, und den\nBemühungen Offenbach's haben wir es zu verdanken, dass\ndieses Werk der Verschollenheit entrissen wurde. Gehen\nwir auf den musicalischen Inhalt des Werkes näher ein, so\nzeigen sich uns in fast allen Nummern unverkennbare Züge,\ndie den Componisten des unsterblichen „Barbier von Se-\nvilla\" ahnen lassen, ja, wir werden sogar in deutlich aus-\ngesprochenen Reminiscenzen an diese viel später geschrie-\nbene Oper gemahnt. Selbst in den einzelnen Figuren tritt\nuns der „Barbiere\" entgegen. Wer würde wohl nicht in\nDon Bruschino an den Dr. Bartolo, in dem Major Bom-\nbarda an den Basilio, und in Flavio an den Grafen Alma-\nviva unwillkürlich erinnert? Letztere Rolle hat nicht nur\nin der Behandlung, sondern auch in der Handlung frap-\npante Aehnlichkeit, da beide Liebhaber durch List und\nVerkleidung oder Personen-Verwechslung ihre Geliebts zu\nerringen suchen. Die Ouvertüre, die Rossini, um sein Pu-\nblicum zu foppen, mit ziemlich unmusicalischen Spässchen\nausstattete, hatte bei jetziger Aufführung nicht ganz die\nerwartete Wirkung, da an den Notenpulten die blechernen\nLampenplatten, an die mit den Violinbogen geklopft wer-\nden soll, fehlten, und der spröde Holzklang nur einen mat-\nten Effect hervorbrachte. Das Werk enthält im Ganzen\nsechs Nummern; die Scene beginnt mit einem Duett zwi-\nschen Corilla und Flavio von ziemlich unbedeutender Con-\nstruction; das darauf folgende Duett zwischen Flavio und\ndem Gastvvirthe Giuseppe wurde wegen vacanter Stimm-\nmittel des Vertreters der letzteren Rolle bei der hiesigen\nAufführung weggelassen. Die Sortita des Festungs-Com-\nmandanten Bombarda ist eine Buffo-Arie, wie sie Rossini\nin seiner besten Periode kaum übertroffen hat. Um zur\nvollständigen Wirkung zu gelangen, gehört allerdings mehr\nStimmfonds, als ihn Herr Gugot aufzuweisen hat; doch\nwurde sein gravitätisches, scurriles Spiel allen Anforderun-\ngen dieser Buffo-Partie gerecht. Hieran schliesst sich das\nFinale des ersten Actes, eine Glanznummer des Werkes,\nund llossini's glänzendsten und mustergültigsten Ensemble-\nstücken ebenbürtig an die Seite zu stellen; es ist ein Ter-\nzett zwischen Flavio, Bruschino und Bombarda, voll des\nsprühendsten Humors und der heitersten Laune.\nDer zweite Act führt uns zunächst eine Arie der Co-\nrilla mit alternirender Solo-Clarinette vor, die zwar von\nRossini's späteren Meister-Arbeiten dieser Gattung über-\ntroffen wird, dennoch aber in Eleganz und Schliff der Vor-\nläufer jener vielberühmten Gesangs-Raketen zu nennen ist,\ndie in leuchtendem Glänze die halbe Welt durchflogen\nhaben. Das nun folgende Quatuor zwischen den vier Haupt-\nfiguren ist ein würdiges Seitenstück zu dem erwähnten\nFinal-Trio; lebendig in der Handlung, so wie in Anlage\nund Stimmführung meisterlich gehalten, erinnert es leb-\nhaft an das bekannte JSs-dur-Quintett des Barbiers. Eine\nreizende Polacca der Corilla als folgende Nummer ver-\nspricht ein sich in weiter Verbreitung bahnbrechendes Sa-\nlon- und Concertstück zu werden, und das letzte Finale,\nan das sich zum Schluss nochmals die Cantilene der vor-\nhergegangenen Polacca anschliesst, ist der würdige Schluss-\nstein eines Tonbaues, dessen Renovirung wir als eine glück-\nliche Bereicherung unserer Bühnen-Literatur begrüssen.\nDie jetzige Aufführung betreffend, so müssen wir aller-\ndings gestehen, dass sich die talentvollen Mitglieder der\n\n*) Vgl. Berliner Brief von G. E, in Nr. 27, S. 215."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "255", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.1.7", "texte": "französischen Opern-Gesellschaft, die in ihren Buffonerieen\nund Farcen in Deutschland durch ihr in diesem Genre noch\nunerreichtes Ensemble eine kaum geahnte Wirkung her-\nvorbringen, in dieser Oper auf ein Feld gewagt haben,\nauf dem sie sich nicht ganz heimisch fühlen. Rossini's Mu-\nsik verlangt Gesangeskräfte ersten Ranges und wird im-\nmer eine x~e für geschulte und routinirte Opernsän-\nger sein, die allerdings in der das Darstel-\nlungs-Talent in keiner Weise entbehren dürfen. Bei den\nBoufFes stossen wir auf das umgekehrte Yerhältniss; wir\nhaben es hier mit vortrefflichen Schauspielern zu thun,\ndie nebenbei in einzelnen Theilen über ganz passable\nStimmen und namentlich unter den Damen über ganz er-\ntragliche Coloraturen zu gebieten haben; dies ist indess\nnicht hinreichend, um Rossini's virtuose Gesangs-Anforde-\nrungen künstlerisch vollständig zu überwinden. Trotz al-\nledem hat die Gesellschaft das Verdienst, uns mit diesem\ninteressanten WTerke bekannt gemacht zu haben, und sei\ndafür derselben unser Dank gebracht.\n\nAus Rouen.\nW. M.\nDen 27. Juli 1858.\nDa ich weiss, wie grossen Antheil Sie an allem, was\ndeutsche Künstler im Auslande leisten, nehmen, so berichte\nich Ihnen, dass der Umbau der grossen Orgel in der hie-\nsigen Kathedrale dem Orgelbauer Merk Ii n aus dem\nGrossherzogthnm Baden übergeben worden ist, der, wie\nSie wissen, in Brüssel eine der bedeutendsten Orgelbau-\nWerkstätten durch eine Gesellschaft gegründet hat, welche\ndie Firma Merklin-Schütze & Comp, führt. Die Arbeit ist\nbereits in vollem Gange. Auf den Antrag des Erzbischofs\nhat der Minister auch die vollständige Erneuerung der\nPrincipalstimmen im Prospect genehmigt, so dass der be-\nrühmte Dom, der zu den schönsten und grössten Denkma-\nlen der gothischen Baukunst gehört, nun auch eine fast\nganz neue, seiner würdige Orgel erhalten wird. Je ver-\nwahrloster das Orgelspiel in Frankreich im Allgemeinen\nist, desto willkommener wird der Bau von Orgeln für je-\nden Verehrer der Kirchenmusik sein, wenn er unter so\nwahrhaft künstlerischen Gesichtspunkten und mit so vor-\ntrefflicher Arbeit ausgeführt wird, wie die bisherigen\nWerke Merklin's. Es ist unmöglich, dass so vollkommene\nInstrumente ohne Einfiuss auf das Orgelspiel selbst und\nseine Regeneration im Sinne der deutschen Schule bleiben\nsollten. In der Stadt St. Ouen in unserer Nähe wird in\ndiesen Tagen die Einweihung einer ebenfalls durch Merk-\nlin umgebauten Orgel Statt finden, und für die hiesige\nSt.-Vincenz-Kirche ist ihm eine ganz neue in Auftrag ge-\ngeben. Die Restauration des grossen Werkes in der Basi-\nlica von Toulouse ist ihm so vorzüglich gelungen, dass das\nkaiserliche Ministerium unserem Landsmanne, welcher die\nSeele des Etablissements in Brüssel ist, den Bau einer\nneuen Orgel für die Kathedrale von Viviers und einer an-\nderen für Brienne-Napoleon übertragen hat. Der Bau der\nletzteren wird in Folge einer Clausel des Testaments Na-\npoleon's I. ausgeführt.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nAm 8. und 9. August wird das fünfte nieder rheinische\nSängerfest zu Neuss unter Leitung der Herren Musik-Directo-\nren F. Hart mann von Neuss und C. Rein ecke von Barmen ge-\nfeiert werden. Ein Verein von 1000 Sängern, darunter die Liederta-\nfeln von Neuss (Veranstalterin des Festes), Aachen, Crefeld, Glad-\nbach u. s. w., wird die Gesammtstücke ausführen, die zum Theil\nOrchester-Begleitung erfordern, wozu ein Orchester von 70—80 Per-\nsonen zusammengebracht worden ist. Dasselbe wird auch in Ouver-\ntüren von Weber, liietz, Rossini, Cherubini und Beethoven selbst-\nständig auftreten; hiedurch und auch durch die Wahl von 5—6\nGesangstücken mit Orchester wird die Einförmigkeit und Monotonie\nvermieden, welche der Männergesang an zwei Abenden hinter einan-\nder sonst hat. Ich glaube, man könnte die Gränzen der Männerge-\nsang-Feste noch weiter ziehen, ohne den Chc\\rakter derselben d.\nh. den künstlerischen zu verwischen, indem man auch Mämier-\nchöre mit einem Sopran-Solo, wie sie z. B. Hiller in trefflicher\nWeise geschrieben hat und wie sie in manchen Opern vorkommen,\nin das Programm aufnähme.\nAm ersten Festtage kommen nur Gesammt-AufFührungen vor; am\nzweiten bezeichnet das Programm zwei Stellen für Einzel-Vorträge\nbesonderer Vereine. Das ist auch vollkommen genug; eben so ver-\nnünftig ist die Einrichtung, dass bei den niederrheinischen Gesang-\nfesten keine Wettstreite, keine Wartburgskriege Statt finden.\nDas k. Consistorium zu Münster hat ein Circular an die Geist-\nlichen seines Bezirks erlassen, in welchem es das Ritter'sehe\nChoral buch, Op. 32, empfiehlt.\n** Der Bund der norddeutschen Liedertafeln hat zu\nOsnabrück am 17., 18. und 19. Juli sein diesjähriges Liederfest\ngefeiert. Es gehören zum Bunde die Liedertafeln von Berlin, Biele-\nfeld, Braunschweig, Bremen, Bückeburg, Celle, Detmold, Göttingen,\nHameln, Hannover, Herford, Hildesheim, Lemgo, Lüneburg, Magde-\nburg, Minden, Nienburg, Oldenburg, Oldendorf, Osnabrück, Pader-\nborn, Pyrmont, Rinteln, Salzufeln, Springe, Stolzenau, Vlotho und\nWaibuig. Der Haupt-Gesichtspunkt, von welchem AUS man diese\nBundesfeste betrachten muss, kann nicht der künstlerische sein, son-\ndern vielmehr der vaterländische in Hinsicht auf Verbrüderung und\ngesellige Freude durch Gesang. In dieser Beziehung sind die Ein-\nrichtungen sehr zweckmässig und nachahmenswerth, namentlich auch\nin allem, was den Kostenpunkt betrifft. So bekommt z. B. jeder\nSänger freies Quartier in Privathäusern einschliesslich des Morgen-\nKaffee's. Ferner zahlte Jeder bei Empfang der Festkarte 3 Thlr. 15\nSgr., wofür er am 1/. sein Gedeck beim Abendessen, am 18. beim\nFrühstück am Ziele der Eisenbahn-Fahrt und beim Festessen in der\nStadt (um 4 Uhr), am 19. eben so für Frühstück und Festessen,\nendlich freie Garten- und Tafelmusik und freie Eisenbahn-Fahrten er-\nhält. Getränke werden natürlich besonders bezahlt. Auf diese Weise"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "256", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18580807-01.1.8", "texte": "kann Jeder seinen Kostcn-Ueberschlag vorher machen, und, was die\nHauptsache ist, das gesellige Beisammensein mit allen sei-\nnen Annehmlichkeiten, Belehrungen, Bekanntschaften, Erheiterungen\nu. 8. W.ist gesichert, während man sonst bei so manchen Mu-\nsikfesten nach Probe und Concert aus einander läuft und vergebens\neinen Vereinigungspunkt sucht. [Leider ist dies bei unseren rheini-\nschen Musikfesten fast immer der Fall 1] Der Verlauf des Festes\nnach dem Programm war folgender: Sonnabend Abends erste Ver-\nsammlung auf dem Markte; Gesang von Maurer: „Erhebt in jubeln-\nden Accorden\". Probe. Abendessen auf dem Schützenhof. Sonntag\num 8 Uhr auf dem Marktplatze: 3 Lieder von C. Kreutzer, Becker\nund Abt („Nimm deine schönsten Melodieen, o Vaterland!*4). Eisen-\nbahnfahrt und Frühstück. Um 12 Uhr in der Marien-Kirche: Choral\nvon B. Klein; Der Tag des Herrn von Kreutzer; Der frohe Wan-\ndersmann von Mendelssohn; Motette von Hauptmann: „Ehre sei\nGott!u Ave verum; Die Ehre Gottes von Beethoven; Auferstehen\nvon B. Klein. Es wurden Becken ausgestellt, der Ertrag für milde\nZwecke. Um ol/2 Uhr Festessen im Schützenhofe. Montag Vf2\nUhr Probe. Um 9 Uhr Concert mit Instrumental-Begleitung auf dem\noffenen Schlossplatze : F. Lachner's Festchor zur Mozartfeier, Marsch-\nner's Liedesfreiheit, Lachner's Kriegergebetj 0 Isis und Osiris, Alt-\ndeutscher Schlachtgesang von J. Rietz. Eisenbahnfahrt nach Melle,\nFrühstück. Festessen 4 Uhr. Gesänge Gartenmusik.\nHieraus geht der Charakter des schönen und heiteren Festes, so\nwie wir ihn oben bezeichnet haben, hinlänglich hervor.\nPotsdam, Am 4. Juli fand das erste märkische Gesangfest\nStatt. Früh 6 Uhr trafen die Vereine aus Berlin auf dem Bahnhofe\nein, wurden von dem Trompeter-Corps der Garde du Corps begrüsst\nund nach dem Schützenhause geleitet, wo der potsdamer Sängerchor\nsein Willkommen, componirt von Battin, sang. Um 3l/2 Uhr begann\ndas Gesangfest, das mit „Borussia! Britannia!\" unter Begleitung der\nTrompeter der Garde du Corps schloss. Einzelne Vereine leisteten\nschon Tüchtiges. Tausende von Menschen durchwogten den Schützen-\ngarten und dessen Umgebung.\nRegeiiSffftirg, 28. Juli. Bei Gelegenheit des Heinrichs-Festes\nsind in der Stiftskirche zur alten Capelle aufgeführt worden: die\nsechsstimmige Messe von Soriano, zwei achtstinimige Motetten von\nPalestrina und doppelchörige Psalmen. Das Uebrige war dem\nEnchiridion chorale entnommen, als: Introitus, Graduelle, Offertorium,\nCommunio, Antiphonen und Hymnen, Alles streng gregorianisch.\ni \" ■ *\nIflimclieift, 12. Juli. In der letzten Nacht ist eine ehemalige\nHauptzierde unserer Hofbühne, der Hof- und Capellsänger Julius\nPellegrini gestorben. Pellegrini, in Mailand am 1. Januar 1806\ngeboren, war früher Mitglied der unter Max I, bestandenen italiäni-\nschen Oper, trat nach deren Auflösung zur deutschen Oper über und\nwirkte als Bassist bis vor wenigen Jahren. Er erreichte mithin nur\nein Alter von 52 Jahren.\nJoh. Herb eck, Chormeister des hiesigen Männerge-\nsang-Vereins, ist von der Gesellschaft der Musikfreunde zum Pro-\nfessor am Conservatorium ernannt worden.\nEin Pröbchen von heutiger italiänischer Kritik bietet die Gazetta\ndi Venewa in Folgendem dar:\n„Mit Mozart's Cosi fan tutte beginnend, muss ich sagen, dass\ndies eine alte Oper in der ganzen Ausdehnung des Wortes ist, und\ndass die Direction besser gethan hätte, *sie ruhig ihrem Schlafe zu\nüberlassen, zu dem sie, wie Achtzigjährige erzählen, seit ihrer Ge-\nburt verdammt war. Hiermit will ich nicht gesagt haben, dass darin\nnicht auch Schönes enthalten sei; aber quandoque bonus dormitat Ho-\nmerus. So hatte auch Mozart, der unsterbliche Verfasser des Don\nGiovanni, der Nozze di Figaro und anderer preiswürdiger Werke,\nseine Stunden der Erschlaffung (di noja) und musicirte in diesem\nCosi fan tutte darauf los, indem er in aller Eile die Motive aus al-\nlen seinen anderen zusammenraffte, und vielleicht nicht stets die\nbesten/4\nEossini, der Frankreich nicht mehr verlassen will, sucht einen\nBesitz in der Gemeinde von Passy, nächst La Muette, an sich zu\nbringen. Er hat der Stadt Paris 60,000 Fr. geboten, und man zwei-\nfelt nicht, dass ihm der Besitz werden wird.\n\\ '\nSöSaSlaälelAm 31. Mai fand hier das erste Concert\nMusard's Statt, am 8. Juni das zweite, im Vereine mit Thomas.\nDer erste und zweite Theil stand unter der Leitung von Thomas,\nder letzte unter jener Musard's. Form es sang „In diesen heiligen\nHallen\" mit unermesslichem Beifalle, dann Schübert's „Wanderer\"\nund ein englisches Lied: ~Die Bai von Biskaya\". Der Brautchor\naus Lohengrin und die Oberon-Ouverture wurden vortrefflich ausge-\nführt. Im zweiten dieser vereinten Concerte spielte das Orchester\nunter Thomas die Freischütz-Ouverture und jene zu König Stephan\nvon Beethoven. Herr Formes wiederholte die Gesänge des ersten\nConcertes und sang nach stürmischem Hervorrufe nach der ersten\nArie noch 0 Isis und Osiris. Die Tanzmusik-Productionen des Herrn\nMusard machten keine besondere Wirkung."}]}