{"numero_id": "bm-bmtnabi-1858-10-02-01", "volume": "bmtnabi_1858-10-02_01", "ocr_sha256": "8fcba6df6c484cc3a1b1136220d679eca2592f1b4b11d5e31728566ad64d9525", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1858/10/02_01/bmtnabi_1858-10-02_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1858-10-02-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-10-02_01#c001", "volume": "bmtnabi_1858-10-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "313", "page_fin": "313", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "313", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 455, "texte": "Inhalt.\nr ♦!. -i Nocll eine Stimme über „Lohengrin« in Wien. - Die Natur und die Musik. 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Gleichwie auf religiösem und po-\n. litischem, so wird auch auf künstlerischem Gebiete durch\nV erfolgung dem angeblichen wie dem wirklichen Irrthum\nA orschub geleistet, während die Freiheit regelmässiger\nVerbreitung und ungestörter Erörterung jedes Wirken in\nseinem wahren Lichte erscheinen lässt.\nDiesem Grundsatze folgend, haben wir unseren sämmt-\nhehen Musik-Instituten gegenüber die Vorführung neuer\nWerke im Allgemeinen, und zwar auch dann be-\nfüiwortet, wenn wir mit der künstlerischen Bichtung der\nbetreffenden Tonsetzer nicht einverstanden waren. Die\nHauptsache bleibt immer, dass man jedem lebensfähigen\nStreben gerecht werde, ohne Unterschied der speciellen\nForm, unter welcher sich dieses Streben kund gibt. Ist\ndiese erste Pflicht gegen die lonsetzer der Gegenwart er-\nfüllt, dann muss auch der Beurtheilung ihrer Bestre-\nbungen der weiteste Spielraum offen bleiben, dann müssen\ndie gesunden Principien streng gewahrt werden, auf\nwelchen jedes Kunstwerk unbedingt beruhen muss, wenn\nes diesen Namen verdienen soll.\nVon diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, erscheint\nuns die Aufführung des Wagner'sehen „Lohengrin\" am\nwiener Ilof-Operntheater ein vielbedeutendes, freudiges\nEreigniss, nicht etwa als ein Sieg der so genannten Zu-\nkunftsmusik, sondern als erste Bürgschaft einer wenigstens\ntheilw,eisen System-Aenderung in der Leitung unserer Hof-\noper, wo die bisher gezeigte Scheu vor allem Neuen und\nUngewohnten denn doch endlich einer vernünftigen künst-\nlerischen Anschauung Platz gemacht haben dürfte.\nDer durchgreifende, theilweise glänzende Erfolg des\n„Lohengrin\" bei seiner ersten Aufführung am 19. August\nist von der gesammten competenten und nicht competen-\nten wiener Kritik einstimmig constatirt worden.\nWelche willkommene Gelegenheit für die Organe der\nweimai -leipziger Partei, ihr Te Deum laudamus anzustim-\nmen! Das verketzerte Wien wird nun vermutlich im\nPreise, d. h. in der Achtung jener Partei steigen, und\ndurch den Beifall, den es Wagnern geschenkt, sich die\nAnerkennung erworben haben, dass es „eine Zukunft\"\nhabe! Gegenteilige Aeusserungen, abweichende Urtheile,\netwaige Ausstellungen werden von den Organen der Par-\ntei wohlweislich verschwiegen, der Beifall, der einzelnen\nStellen galt, wird dem ganzen Werke, der Erfolg des gan-\nzen Werkes wird der „Zukunfts-Oper\" vindicirt.\nWir aber, die wir die Angelegenheit vielleicht doch\netwas unbefangener betrachten, und jedenfalls den hiesi-\ngen Boden besser kennen, als unsere Collegen in Leipzig\nund Weimar, wir vermögen in allem dem, wo nicht eine\nabsichtliche Täuschung des Publicums, doch nur eine arge\nSelbsttäuschung zu erblicken. Dass „Lohengrin\" gege-\nben wurde, ist ein Beweis von der künstlerischen Gesin-\nnung der neuen Direction, einer Gesinnung, welche hof-\nfentlich nicht allein der Zukunftsmusik, sondern jedem\nbedeutenden Talente der Gegenwart zu Gute kom-\nmen wird. Dass das Publicum diesem löblichen Fort-\nschritte bereitwillig entgegen gekommen ist, darin sehen\nwir einen neuen Beweis für die Empfänglichkeit dieses\nPublicums und dessen Verlangen nach Neuem und Besse-\nrem. Was endlich den Erfolg des „Lohengrin\" betrifft,\nso halten wir ihn für eine verdiente Anerkennung von"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "314", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5350, "texte": "Wagner's Talent, eine Anerkennung, die er sich nicht\ndurch sein System, sondern trotz demselben errungen\nhat, welche also weder dem neuen Opern-Systeme, noch\nder so genannten Zukunfts-Partei zum Vortheile gereicht.\nWir werden uns hierüber alsogleich deutlich erklären.\nDas musicalische Wien hat sich mit den seit einer\nAnzahl von Jahren in Norddeutschland auf musicalischem\nGebiete bestehenden Parteiungen gar wenig abgegeben.\nDie betreffenden Streitfragen und die davon handelnde\nPolemik der Fachblätter sind dem hiesigen Publicum nicht\ngeläufig und kommen ihm am allerwenigsten in den Sinn,\nwenn es ins Theater strömt, um eine neue Oper zu hören.\nDer Wiener ist einestheils nach mancher Richtung hin zu\nwenig gebildet, anderenteils zu vernünftig, zu gesund in\nseinem Urtheil über Musik, als dass er im Theater etwas\nAnderes suchen sollte, als den unbefangenen, unge-\ntrübten Genuss des Kunstwerkes und der Dar-\nstellung desselben. Man sieht, wir wollen den Erfolg\ndurchaus nicht verkleinern, der uns vielmehr um so er-\nfreulicher und natürlicher scheint, gerade weil Wagner\nihn nur mit den Darstellern und dem Dirigenten seines\nWerkes zu theilen hat, während wir uns mit Bestimmtheit\ndagegen verwahren müssen und hierin die Meinung des\nhiesigen Publicums getreulich zu vertreten glauben —,\ndass die so genannte Zukunftsmusik, die Ideen, welche\nWagner in seinen Schriften mit so leidenschaftlichem Pa-\nthos ausspricht, die Richtung, welche Herr Brendel in\nseiner Zeitung so geistvoll vertritt, mit dem „Lohengrin4\"\njenen Sieg errungen hätten, von welchem die Parteimän-\nner schwärmen. Man wird uns darauf antworten: das Pu-\nblicum sei sich wohl dessen, was es gefühlt, nicht recht\nbewust gewesen; in dem Beifall aber, der dem „Lohen-\ngrin\" gegolten, sei die Anerkennung jener Grundsätze,\nwelche Wagner in der Oper zur Geltung bringen will,\nmit einbegriffen. Unserer Ueberzeugung nach findet aber\ngerade das Gegentheil Statt. Was an Wagner's Opern\nbefriedigend und erhebend wirkt, das ist gerade\nnicht die praktische Bethätigung seiner Reform-\nTheorieen, nicht das, worauf er selbst und seine An-\nhänger den Schwerpunkt ihrer Argumentation legen,\nsondern das, ivas in jeder Oper der Vergangenheit und\nGegenwart als gut und zweckmässig, als dramatisch wahr\nund musicalisch schön gelten würde.\nWagner's Talent scheint uns unbestreitbar, sein\nSystem keineswegs. Der schönsten Entfaltung seines Ta-\nlentes aber begegnen wir immer da, wo er seinem eigenen\nSvsteme untreu wird.\nWagner's polemische und reformatorische Schriften\nglänzen durch geist- und schwungvolle, wenn auch oft\nüberschwängliche und phrasenhafte Darlegung der Mängel\nund Auswüchse, die der modernen Oper anhaften. Wag-\nner verwechselt aber von Anfang an den Missbrauch\nmit der richtigen Anwendung erlaubter Mittel, und\nschildert jenen Missbrauch irrthümlich als ein unheilbares\nGrundübel, und alles, was die grössten Meister im Fache\nder Oper geleistet, als verfehlt eine schreiende Unge-\nrechtigkeit, welche mit der bekannten Verehrung, die\nWagner als Musiker für eben jene Meister hegt, in offe-\nnem Widerspruche steht. Immer dunkler jedoch, immer\nüberschwänglicher und unverständlicher wird seine rheto-\nrische Darstellungsweise da, wo es gilt, statt der angeb-\nlich im letzten Todeskampfe dahinsiechenden Vergangen-\nheit ein leuchtendes Zukunftsbild aufzustellen. Sein Ideal\nder einzig wahren, einzig möglichen Oper ist, so weit wir,\nwas er meint, verstehen können, entweder ein höchst un-\npraktischer Rückschritt in längst vergangene Zeiten,\noder eine beabsichtigte Vervollkommnung dessen, was\nin derselben Art von den Meistern der Vergangenheit und\nGegenwart geleistet worden ist—also in beiden Fällen\ndem Principe nach schon da gewesen und ohne die\nmindeste Aussicht auf factische Neugestaltung. Soll die\nOper wirklich nichts sein als eine Reihe von Recitati-\nven, ohne Ruhepunkt eine blosse musicalische Beto-\nnung der dramatischen Rede, ohne specifisch musicalischen\nZweck und Gehalt —, dann kann dieser unglückselige\nEifer, Gluck s strenge Theorie noch zu übertreiben und\nzur Kindheit der Oper zurückzukehren, nur ein höchst\nklägliches Ergebniss haben. Wagner ist dann kein Re-\nformator, sondern der ärgste Reactionär im Gebiete\nder Kunst, der die seit Rameau und Lully gemachten\nFortschritte missachtet und höchst unpraktischer Weise an\ndie Stelle der ausgebildeten dramatischen Musik,\nwie wir sie seit achtzig Jahren besitzen, das Recitati>\nwieder herstellen möchte, dessen Alleinherrschaft den In-\nbegriff ärgster Monotonie bilden würde. Sobald die drama-\ntische Handlung und Rede als Hauptsache, als „Zweck ,\ndie Musik nur als „Mittel\" betrachtet wird, dann läuft die\nletztere Gefahr, als ganz unnütze, ja, sogar als die Rede\nstörende, die Handlung aufhaltende unpraktische Beigabc\nmit Recht verbannt zu werden. Musik ist nur dann wirk-\nsam und angenehm, wenn sie den Sinn der Rede in sich\naufnimmt und demselben einen erhöhten Ausdruck\ngibt, der zugleich dramatisch wahr und musicalisch\ngehaltvoll ist. Ist aber dies Wagner's Absicht, war es\nihm nur darum zu thun, der Oper die dramatische\nWahrheit, welche ihr in Folge mannigfacher \\ erirrungen\nzeitweise abhanden kommt, wiederzugeben, dann hätte er\nes sagen, dann hätte er, statt als Reformator aufzutreten,\nals getreuer Zögling verehrter Grössen bekennen müssen,\ndass er auf seine Weise nichts Anderes anstrebe, als was"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "315", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5348, "texte": "Gluck und Mozart, Cimarosa und Paesiello, Me-\nhul und Boieldieu, Cherubini und Spontini, Beet-\nhoven und Weber, Spohr und Weigl, Meyerbeer\nund Lortzing ebenfalls anstrebten, und was ihnen zu er-\nreichen mehr oder minder gelungen ist. Die genannten\nMeister haben, jeder in seiner Art und nach Maassgabe\nseiner Kräfte, gerade in der musicalisch-dramati-\nschen Charakteristik ausserordentlich Schönes und\nGrosses geleistet, und zwar nicht dadurch, dass sie, um\ncharakteristisch wahr zu sein, zum absoluten Recitativ her-\nabstiegen und die Cantilene verbannten; nein, ihnen ward\nes gegönnt, Schönheit und Mannigfaltigkeit mit\nWahrheit zu verbinden, Melodie und dramatischen\nAusdruck in Eins zu verschmelzen, die Form der Arie,\ndes Duetts u. s. w. zu behalten und dabei doch so wahr\nzu sein, wie Wagner es auch nicht in höherem Grade\nzu sein vermag, obgleich er der Wahrheit Alles, selbst die\nSchönheit, opfert. Wo bleibt also unter solchen Umstän-\nden, unter der erdrückenden Last solcher Thatsachen und\nBeispiele das Wagner'sehe System von der „Zukunfts-\nOper\"?\nDarum ist auch durch den Erfolg des „Lohengrin\"\nfür dieses System noch nichts gewonnen, wenigstens nicht\nbei uns in Wrien, wo man in musicalischen Dingen doch\nnoch von Alters her so ziemlich gewohnt ist, die Dinge\nbeim rechten Namen zu nennen. Wir wissen nicht genau,\nwie sich die neuen Sprachgelehrten an der Pleisse auszu-\ndrücken belieben, bei uns aber wird eine Melodie noch\nimmer eine Melodie, eine Oper noch immer eine Oper ge-\nnannt; einfach ausdrucksvoller, zum Herzen dringender\nGesang gilt bei uns noch immer als das Höchste, was der\n\"ottbegeisterte Tonsetzer erreichen kann. So veraltet sind\nunsere Anschauungen. Mit Phrasen von dem Unterschiede\nzwischen der „Ton-Melodie'- und der „Wort-Melodie ,\nvon dem „harmonisch-poetischen Complex\", von der „ar-\nchitektonischen Behandlung des Stoffes\", von der „Verei-\nnigung aller Künste zu einem Gesammt-Kunstweike u.\ndgl. m. kommt man bei uns nicht weit. Wenn Wagner\nhier in Wien durchgreift, so geschieht dies trotz allem,\nwas er selbst und was man über ihn geschrieben, Dank\nallein seiner ungewöhnlichen Begabung, welche zwar nicht\nfrei von Irrthümern, aber doch mächtig genug ist, den\nGeist des unbefangenen Hörers zu fesseln, sein Herz zu er-\nheben, seine Aufmerksamkeit zu spannen und seinen mu-\nsicalischen Geschmack in vielen Momenten zu belriedigen.\nNur unbefangen muss man dem Tonsetzer entgegen-\nkommen, und je weniger das Publicum auf das Gerede\nder Parteiblätter hören, je weniger der gebildete Kunst-\nfreund sich darum kümmern wird, desto leichter wird es\nBeiden sein, ein gerechtes Urtheil zu fällen.\nIn der Wahl seiner dramatischen Stoffe zeigt Wag-\nner eine besondere Vorliebe für das Mittelalter, die Zeit\nder Mythen und Legenden. Auch hierin ist er ein warmer\nFreund dunkler Vergangenheit; seine Dramen wurzeln\nnicht in den Kämpfen und Bestrebungen der Gegenwart,\nnicht in der Sehnsucht nach einer schöneren Zukunft, es\nsei denn, dass uns in jener dunkelen, geheimnissvollen Hülle\nAllegorieen dargeboten wären, dass jener „lichte e,n*\npel, so kostbar, wie auf Erden nichts bekannt, drin ein\nGefäss von wunderthät'gem Segeneine tief verborgene\nBedeutung hätte, die wir näher zu bezeichnen uns nicht\nvermessen sollen, denn „so hehrer Art ist ja des Grales\nSegen, enthüllt—muss er des Laien Auge fliehen.\" Wie\ndem auch sei, die Wagner'sehen Opern-Texte werden\nmit vollem Rechte ob ihres reichen Inhalts und ihrer dra-\nmatischen Wirksamkeit allenthalben gepriesen. Em Zug\nechter Poesie durchweht auch „Lohengrin\". Es ist die zu\nhöherer Weihe, zu reinerem und kräftigerem Ausdruck\nerhobene „Euryanthe\", die uns in sonst ziemlich ähnlicher\nGestaltung entgegentritt. Die flüchtige, fast unvollständige\nArt, mit welcher Einzelnes in den wiederholten Versu-\nchen Telramund's und Ortrud's, die Liebenden zu ent-\nzweien, dann bezüglich der Verzauberung Gottfried's u. s.\nw. angedeutet wird, schadet der anziehenden und er-\ngreifenden Wirkung des Ganzen nicht wesentlich. Jene\nfreilich, welche an einen Operntext den Maassstabiegen,\nder allein dem Drama zukommt, können durch die hier\nvorliegenden blossen Umrisse von Charakterzeichnungcn\nschwerlich befriedigt werden. Uns aber, die wir fest au!\ndem so genannten „überwundenen Standpunkte\" stehen,\nuns muss der vorliegende Operntext, als solcher betrach-\ntet, genügen, weil wir von einem solchen eben nur Um-\nrisse verlangen, welche erst von der Musik ihr eigentliches\nLeben erhalten sollen.\nDieses eigentliche Leben ist in „Lohengrin\" ein seht\ngehaltvolles, innerlich reiches, wenngleich äusserlich nicht\ngenug mannigfaltiges. Wagner's Musik wird Niemand\nunbedeutend nennen. Auch sie durchwehen Züge von\nWahrheit, Grösse und echter Gemüthstiefe, welche nur\nleider, durch mancherlei Eigenheiten und Schwächen be-\neinträchtigt, nicht überall mit gleicher Macht zur Geltung\nkommen. Wagner's Orchestration glänzt durch Origina-\nlität, durch den blendenden Reiz unerwaiteter Klangfat-\nben, durch viele einzelne geniale Züge; dagegen mangelt\nihr an einzelnen Momenten Emlachhcit, Natuiliclikcit, nich-\ntiges Maass. Gleich die Introduction, ehe der Vorhang zum\nersten Male in die Höhe geht, ist sehr originel, aber viel\nzu lang, und wird durch das längere Verweilen der Violi-\nnen auf der höchsten Applicatur manchem Ohr widerwär-\ntig. So ist noch manches andere Vor- und Nachspiel des"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "316", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5629, "texte": "Orchesters viel zu gedehnt; ferner wird von dem Tremolo\nder Violinen, während meistens die Blech-Instrumente die\nMelodie spielen, ein zu häufiger Gebrauch gemacht. End-\nlich sind das Finale des ersten und das des zweiten Actes\nstellenweise zu lärmend, und erinnert hier und da ein zwar\neffectvolles, aber rohes Ueberbieten aller Kräfte an Ver-\ndi sehe Art. Ungefähr dieselben Eigenschaften lassen sich\nan den Gesang-Partieen im „Lohengrin\" nachweisen. Es\nversteht sich, dass wir hier fortfahren, die „Oper\" Lohen-\ngrin als Oper, d. h. nach althergebrachtem Maassstabe,\nzu beurtheilen, nach welchem uns der zugleich musicalisch\nschöne und dramatisch ausdrucksvolle Gesang als das\nHöchste gilt. Musicalische Erfindungsgabe ist demnach für\nden Opern-Componisten wie für den Schöpfer des klein-\nsten Liedes und des grössten Instrumentalw-erkes die erste,\nunerlässhche Eigenschalt. In wie lern Wagner in dieser\nBeziehung den älteren Meistern nachsteht, ist zu erörtern\nüberflüssig. Ob er zuweilen mit Absicht der Melodie aus\ndem Wege geht, oder ob er es nur thut, wenn die Quelle\nder Erfindung ins Stocken geräth, das ist schwer zu ent-\nscheiden. Dem musicalischen Hörer wird es immer schwer\nsein, an jenes absichtliche Verläugnen der schönsten Got-\ntesgabe zu glauben, und wo er keine Melodie hört, wird\nsein erster und letzter Gedanke immer sein: hier ist dem\nComponisten nichts mehr eingefallen. Dies lässt sich teil-\nweise auf Ortrud und Telramund beziehen, welche beide\nin musicalischer Beziehung stiefmütterlich bedacht sind.\nWeber's Hauptsünde in „Euryanthe\", der unschöne Aus-\ndruck, der seinem Lysiart und seiner Eglantine jede musi-\ncalische Wirkungskraft raubt, ist hier, wenn nicht noch\nüberboten, doch auf Wagner'sehe Art wiederholt. Wir\nverlangen nicht, dass der „patentirte Bösewicht\" in süssen\nCantilenen schmachte, eben so wenig aber sehen wir ein,\nwarum die Bosheit dadurch markirt werden sollte, dass\nder betreffende Verbrecher vom Componisten verurtheilt\nwird, den Regeln des Rhythmus und des schönen Gesan-\nges Hohn zu sprechen. Können Gefühle, wie sie Ortrud\nund Telramund am Anfange des zweiten Actes durchbeben,\nnur allein durch Dissonanzen geschildert werden, welche\nden Sänger zur Verzweiflung bringen und das Ohr des\nHörers beleidigen ? Eignen sich nicht Melodieen von düste- j\nrem Charakter zur Schilderung solcher Situationen besser,\nals düstere Melodielosigkeit? Der Unisono-Schlusssatz die-\nser Scene ist Beweis genug für diese Behauptung; denn\ndiese wenigen Tacte wirken, weil sie eine abgeschlossene\nMelodie bilden, weit mächtiger auf das Gemüth des Hö-\nrers, als alle vorhergegangenen, abgerissenen musicalischen\nRecitativsätze. Darum tritt auch Elsa s Rolle so glänzend\ngegen die anderen hervor. Hier finden wir die meisten ab-\ngeschlossenen melodischen Sätze, über diese Rolle ist jener\nschwärmerisch-ruhige, poetisch-verklärte Ausdruck gebrei-\ntet, den Wagner schon seiner Elisabeth, wenngleich die-\nser letzten in anderer, dem verschiedenen Wesen entspre-\nchender Weise, zu verleihen wusste, jener Ausdruck, wel-\ncher, im musicalischen Sinne wie im dramatischen eben so\nwahr als schön, die Seele des Hörers mit innigem Beha-\ngen erfüllt, und allein schon für Wagner's hohe Bega-\nbung Zeugniss ablegt. Lohengrin selbst erweckt an einzel-\nnen Stellen ähnliche Befriedigung, leidet aber, wie fast alle\nGestalten dieser Oper selbst Elsa nicht ausgenommen—,\nan jener systematischen Anwendung der Recitativ-Form,\naul welcher das W agner'sehe System, wenn wir es recht\nverstehen, beruhen soll. Es bedarf aber, wie uns dünkt,\nnur einer gehörigen Dosis gesunder Urteilskraft, um ein-\nzusehen, dass, wenn man das Recitativ tlieils in seiner ein-\nfachsten, theils in obligater Form als stehende Norm an-\nnimmt und dasselbe nur hin und wieder zu Ariosen, nir-\ngenos aber zu förmlichen Arien, Duetten u. s. w. erweitert,\nder Eindruck des Ganzen ein vorwiegend ermüdender sein\ninuss. Es gehört gewiss im gesprochenen wie im gesunge-\nnen Drama zu den wirksamsten Steigerungsmitteln, wenn\neine Scene durch Dazwischenkunft einer Person oder Hin-\nzufügung neuer Motive eine unerwartete Wendung nimmt.\nWird aber dieses Mittel zwei, drei, vier Mal hinter einan-\nder angewandt, so dass im Laufe eines Actes nach keiner\neinzigen Scene ein Abschluss der Situation, ein natürlicher\nRuhepunkt eintritt, dann wird das Steigerungsmittel zum\nJehler, weil die Darsteller nicht mehr im Stande sind,\nohne Uebertreibung die Steigerung auszudrücken, weil sie\nin ihren berechtigten Ansprüchen an den Beifall des Pu-\nblicums, den der formelle Abschluss einer Situation ihnen\nbringt, getäuscht werden, weil dieser Abschluss der ein-\nzelnen Theile eines grossen Ganzen eine der ersten Regeln\nbei der Composition eines Kunstwerkes ist, weil die schnelle\nWiederholung eines noch so wirksamen dramatischen He-\nbels eine Neigung zum Uebertreiben und Unkenntniss der\nScene verräth, weil endlich der Zuschauer und Hörer eben\nso sehr als das Stück zeitweiliger Ruhepunkte bedarf, und\nnur die formelle Abrundung einer natürlich in sich abge-\nschlossenen Situation ihm das Bewusstsein eines solchen\nRuhepunktes geben kann. Diese Forderung, welche für\ndas Ton-Drama mindestens eben so wichtig ist, wie für\ndas gesprochene, bleibt im „Lohengrin\" grösstenteils un-\nerfüllt, daher die mehr oder minder ermüdende Wirkung,\nwelche dieses Werk selbst aul jene hervorbringt, die ihre\nAufmerksamkeit von dem Eindruck des Ganzen gefesselt,\nihr Gefühl von den einzelnen Schönheiten entzückt fühlen.\nDiese Schönheiten bestehen aber gerade aus jenen\n(melodischen) Theilen, welche das Wagner'sehe System\nmit der Vergangenheits-Oper gemein hat, und jenes In-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "317", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 824, "texte": "teresse wendet sich dem poetischen Ganzen, dem Werke\neines individuellen Talentes zu, während alles, was an die-\nser .Gegenwarts-Oper\" dem „Zukunfts-System\" ange-\nhört, zu den Schwächen und Mängeln beider, der Oper\nund des Systems, zu zählen ist.\nIn künstlerischen Dingen ist es eben nur das echte,\nfrische, ursprüngliche Talent, welches den Ausschlag gibt,\nnicht die trockenen und leeren Theorieen anmaassender\nSvstem-Jäger. Was diese verderben, macht jenes wieder\ngut, und je eher ein solches Talent von systematischen Irr-\n\"äneen und nutzloser Neuerungssucht zu wahrhaft libera-\nlen, d. h. künstlerisch gesunden und vernünftigen An-\nschauungen zurückkehrt, desto eher bahnt es sich einen\nehrenvoll-sicheren Weg durch die Gegenwart in die Zu-\nkunft in eine Zukunft gerechter Anerkennung, unsterb-\nlichen Ruhmes. (W. M.-S.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-10-02-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-10-02_01#c003", "volume": "bmtnabi_1858-10-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "317", "page_fin": "318", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.2.3", "titre_corps": "Die Natur und die Musik.", "titre_sommaire": "Die Natur und die Musik.", "signature_source": "Fétis dem Aelteren", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "317", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.1.5", "debut_caractere": 826, "fin_caractere_exclue": 5125, "texte": "Die Natur und die Musik.\nVon Fétis dem Aelteren.\n(Schluss. S. Nr. 39.)\nIn allem, was ich hier gesagt habe, befinde ich mich\nin Opposition mit den Philosophen der sensualistischen\nSchule, deren Häupter Locke und Condillac sind, und die\nihre letzten Apostel in Cabannis und Destut de Tracy ge-\nfunden hat. Nach ihnen genügt das Organ des Gehörs für\nalle Verrichtungen, die nicht bloss die Auflassung der Töne,\nsondern auch deren Beurtheilung in ihrer Aufeinanderfolge\nund in ihrem Zusammenklange fordert. Nach ihrem System\nist das Ohr vollständig dazu organisirt, die Beziehungen\nder Töne auf einander genau zu empfinden; es unterschei-\ndet diese Beziehungen auf eben so feine als ausgedehnte\nWeise; es empfindet nicht nur vollkommen alle Stufen der\nTöne, sondern unterwirft sie auch der Berechnung ihrer\nVerhältnisse und bildet daraus ein Kunst-System; es be-\nsitzt Gedächtniss, und seine Erinnerungen können sich\nmehrfach erneuern; ja, es hat Wünsche und harmonische\nSvmpathieen und Antipathieen *).\nZu verschiedenen Zeiten sind die Physiker und Phy-\nsiologen diesen Lehren durch Beobachtungen zu Hülfe ge-\nkommen, welche aber, genauer angesehen, nur Hypothe-\nsen sind, die sich auf die Bildung des Gehör-Organs be-\nziehen. Schon das Alterthum hatte sich mit ähnlichen\nFragen beschäftigt und war auf allerlei Vermuthungen\nbekommen, und die Neueren sind zum Theil in die Fuss-\nstapfen der Alten getreten. Einige haben aufgestellt, dass\ndas Ohr wie ein musicalisches Instrument gebildet sei und\ndass gleichsam Saiten in ihm in Gleichklang mit den Tö-\nnen von aussen in Schwingung geriethen; Andere behaup-\nten, dass die Membrane des Trommelfells Schwingungen\nmache, welche den Schwingungen der Töne gleich seien,\nderen Eindruck sie empfangen; noch Andere sind der Mei-\nnung, dass der Gehörgang in verschiedene Klang-Zonen\ngetheilt sei. Ich habe in einem früheren Aufsatze: „Ueber\ndie wahren Verrichtungen des Ohrs bei der Musik\" (in\nder Revue et Gazette musicale de Paris, Jahrgang 1849,\nS. 97), alle diese Vermuthungen auf ihren Ungrund zu-\nrückgeführt und gezeigt, dass selbst wenn die Thatsachen\neiner oder der anderen von diesen Voraussetzungen ent-\nsprächen, man doch daraus keine genügende Erklärung\nder Verhältnisse und Beziehungen der Töne auf einander,\nderen wir uns bewusst werden, ziehen könnte. Wenn man\nden Verstand und das Gefühls-Vermögen hinwegnimmt,\nso wird die Musik unerklärlich, oder richtiger: sie hört\nganz auf.\nDiese Wahrheit ist aber stets verkannt worden. Die\nvorzüglichsten Forscher haben im Laufe der Zeiten häufig\ngenug über den Ursprung der Tonkunst nachgedacht, aber\nihn fast immer ausserhalb des geistigen Vermögens des\nMenschen gesucht. Bei den Schriftstellern des Alterthums\nsind es Gottheiten oder zufällige, aus der Natur geschöpfte\nDinge, die ihr das Dasein verleihen. Lucrez, der die son-\nderbare Anomalie eines materialistischen Dichters bildet,\nsagt: „Der Gesang der Vögel wurde von der Stimme des\nMenschen schon Weit früher nachgeahmt, als man eine\nliebliche Melodie zu leicht fliessenden Versen erfand, um\ndas Ohr zu erfreuen; der Hauch des Windes, welcher das\nSchilfrohr tönen liess, lehrte den Menschen die Rohrfiöte\nerfinden\" u. s. w. Er verkennt dadurch eben so sehr den\nedlen Ursprung der Tonkunst, wie er den Urgrund des\nDaseins der Welt verkennt. Durch die freiwillige Hervor-\nbringung gewisser Tonfolgen seiner Stimme hat der Mensch\nstets einem der mächtigsten Triebe seiner physischen und\nmoralischen Organisation gehorcht. Und durch die lort-\nschreitende Entwicklung seines Ideenkreises und seiner Ein-\nbildungskraft hat er die ersten Anfänge dieser Ausdrucks-\nweise zu der WTürde einer Kunst erhoben. Der Mensch\nträgt in sich selbst den Urgrund des Gesanges, den Trieb\nzur Bildung von Tönen durch seine Stimme und die innere\nAuffassung der Beziehungen dieser Töne in ihrer Höhe\nund Tiefe und in ihrer Dauer. Die ganze Tonkunst erzeugt\nsich aus diesen Ursachen; allein diese haben ihr bei allen\nVölkern das Dasein gegeben, und sie würden sie unzwei-\nfelhaft noch einmal erzeugen, wenn irgend eine undenk-\nbare Katastrophe sie vernichten sollte.\nNach allem diesem gelangt man zu Ueberzeugungen\nüber den Ursprung und die Natur der Musik, welche man\nin folgende Axiome formuliren kann:\n\n*) Vgl. Karl Ernst Baer, Vorlesungen über Anthropologie §. 174 ff."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "318", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1295, "texte": "1. Das Ohr ist das Organ, welches die Töne vernimmt\nund ihre verschiedenen Eindrücke empfängt.\n2. Die Töne, welche vom Ohr vernommen und zu-\ngleich durch den Verstand und das Gefühl nach ihrer Ver-\nschiedenheit aufgefasst werden können, sind durch gewisse\nbestimmte Gränzen von Höhe und Tiefe beschränkt, über\nwelche hinaus sie nur noch Schall oder Geräusch sind.\n3. Unter der Menge von Tönen, die zwischen diesen\nGränzen der Höhe und Tiefe möglich sind, gibt es nur\neine gewisse Anzahl, deren Verschiedenheiten auf fassbare\nund sichere Weise bestimmt werden können.\n4. Diese streng bestimmbaren Töne sind die Elemente\naller Musik.\n5. Diese Töne haben bei der Verschiedenheit ihres\nKlanges gewisse Beziehungen zu einander, welche zweier-\nlei Art sind, in so fern sie aus den absoluten Verhältnissen\nder Intervalle, unabhängig /von der Aufeinanderfolge die-\nser letzteren, entspringen, oder aus der Sympathie und\nAntipathie unseres Inneren mit oder gegen die Aufeinan-\nderfolge und den Zusammenklang der Töne.\n6. Die Beziehungen erster Art gehören der Physik\nund Mathematik an und begründen die Lehre von der\nAkustik; die Beziehungen der zweiten Art sind zugleich\nVerstandes- und Gefühls-Beziehungen, sie gehören dem\nGebiete der Metaphysik an und sind der Ursprung der\nTonkunst und ihrer Theorie."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-10-02-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-10-02_01#c004", "volume": "bmtnabi_1858-10-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "318", "page_fin": "320", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.2.4", "titre_corps": "Beurtheilungen.", "titre_sommaire": "Beurtheilungen.", "signature_source": "g", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "318", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.1.6", "debut_caractere": 1297, "fin_caractere_exclue": 4767, "texte": "Beurtheilungen.\n\nDrei Sonaten für das Pianoforte von Karl Ritter.\nOp. 1, 2 und 5. Leipzig, Breitkopf & Härtel,\na 25 Sgr.\nIn den letzten Jahren hat man angefangen, sich wieder\nmit Eifer den grösseren Formen der Instrumental-Musik\nzuzuwenden. Besonders die so unendlich oft benutzte und\ndurch unsere grossen Meister so sehr bereicherte und er-\nweiterte Sonatenform ist von Berufenen wie Unberufenen\nmit mehr oder weniger Geschick angewandt worden. Das\nBestreben, inmitten eines nachgerade Alles überflutenden\nMeeres von Salon-Oberfiächlichkeit Gediegenes an Form\nund Inhalt zu schaffen, ist gewiss lobenswerth, und man\nkann nur bedauern, dass die Leistungen in den selten-\nsten Fällen den Intentionen entsprechen, sei es nun\nwegen Mangels an schaffender Phantasie, oder wegen\nZügellosigkeit derselben.\nDie vorliegenden Sonaten von K. Ritter möchten wir\nkeinesfalls in die Kategorie der phantasielosen, trockenen\nCompositionen stellen. Sie bekunden durchweg Talent,\nwenn auch ein solches Talent, welches über seine Ziele\nnoch einiger Maassen im Unklaren mit sich selbst ist, und\nsich desshalb von Extravaganzen nach verschiedenen Rich-\ntungen hin nicht frei zu erhalten weiss. Wir begegnen häu-\nfig guten melodischen Ansätzen, charakteristischen Rhyth-\nmen, interessanten (zuweilen auch sehr unschönen) Harmo-\nniefolgen; auch scheinen alle drei Werke nach bedeuten-\ndem Plane angelegt zu sein. Wir vermissen jedoch mehr\noder weniger den belebenden Hauch natürlicher, frischer\nErfindung, den gebildeten künstlerischen Geschmack, der\ndie mannigfaltigsten Gruppen in einen inneren Zusam-\nmenhang bringt und über dem Streben nach wechseln-\ndem Reiz nie die Einheit des Ganzen ausser Acht lässt.\nDie erste Sonate (Op. 1, hat uns am mei-\nsten befriedigt, sowohl als Ganzes, wie in ihren Einzelheit\nten. Gleich die zarte Melodie, womit der erste Satz beginnt,\nist wahrhaft schön in Stimmung und Ausdruck. Warum\ngibt uns der geehrte Verfasser, der hier aul das klarste\nbeweis't, was er auch in dieser Beziehung vermag, in sei-\nnen beiden anderen Sonaten nur so selten Gelegenheit, der\nallvermögenden Göttin Melodie zu huldigen? Möchte er\ndoch niemals vergessen, dass es in der Musik mit frappan-\nten Rhythmen, überraschenden harmonischen Combinatio-\nnen, einzelnen neuen Klangwirkungen nicht gethan ist;\ndas ist alles ganz schön und gut, wird aber nur dann eine\nwahrhaft erhebende Wirkung hervorbringen, wenn die\nMelodie wie ein goldener Faden sich durch das Labyrinth\nhinschlingt und Alles zu höherer Weihe verklärt. Das An-\ndante der ersten Sonate sagt uns weniger zu, als der erste\nSatz. Der dritte Satz (Finale) ist feurig und fliessend, je-\ndoch erscheint uns nach dem langen Verweilen in\ndie Eile, womit der Componist den Schluss in her-\nbeiführt, unmotivirt. Eine schliessliche Feststellung der\nHaupt-Tonart ist hier nicht nur wünschenswert!!, sondern\nabsolut nothwendig.\nDer erste Satz der zweiten Sonate (Op. 2,Fis-moll)\nbeginnt mit einer gut erfundenen, unruhig bewegten Phrase:\ndie jedoch durch zu häufige Wiederholung den Reiz der\nNeuheit nur zu bald einbüsst und daher in der Durch-\narbeitung nur noch wenig Interesse erregt. Ein verbinden-\nder Zwischensatz, aus abgestossenen Achtelnoten beste-\nhend, fällt in jeder Beziehung gegen den Hauptsatz ab\nund der darauf eintretende Miltelsatz in ist auch\nnicht geeignet, durch Wärme der Empfindung anzuziehen.\nWir müssen übrigens lobend anerkennen, dass der Com-\nponist sich nicht darin gefallen hat, seinen ersten Satz ins"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "319", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4446, "texte": "Endlose auszuspinnen. Der zweite Satz (Scherzo prestissi-\nmo, Cis-moll)hat Charakter und Fluss; er sagt uns unter\nden vier Sätzen dieser Sonate bei Weitem am meisten zu.\nliier kann man sich einmal einer ausgeprägten Stimmung\nmit Vergnügen überlassen, ohne befürchten zu müssen,\ndurch harmonische oder rhythmische Absonderlichkeiten\nherausgerissen zu werden. Wir bedauern, vom Adagio nicht\neben so günstig sprechen zu können. Dasselbe leidet an\nMonotonie und geschraubter Erfindung; auch wird uns\ndoch wohl Niemand zumuthen können, Stellen, wie diese:\ndie durch die spätere genaue Wiederholung den Glauben\nan einen Druckfehler ausschlicsst, schön zu finden! Wir\nhaben gewiss nichts einzuwenden gegen wohlklingende,\nnaturgemässe Erweiterungen des Harmonie-Systems; was\naber Herr Ritter mit so ohrenzerreissenden, unnützen Här-\nten sagen will, ist uns mindestens räthselhaft. Das Finale\n(.Fis-mott, %) macht nicht den belebenden, unwidersteh-\nlich mit fortreissenden Eindruck, den ein solches Stück\nmachen sollte. Die Haupt-Phrase (denn von breit ange-\nlegten Sätzen kann in diesen Sonaten nur selten die Rede\nsein :\nist weder neu noch schwungvoll, während das zweite Mo-\ntiv durch seine Unbeweghchkeit und Lauheit nicht wenig\ndazu beiträgt, jeden noch möglichen frischen Eindruck zu\nverscheuchen.\nDie dritte Sonate (Op. 5, C-nioll), vom Compo-\nnisten „dem Andenken seines verehrten Lehrers Robert\nSchumann gewidmet\", tritt namentlich im ersten Satze\nsehr energisch auf. Orchestrale Vorstellungen haben dem\nComponisten offenbar vorgeschwebt, das geht aus der gan-\nzen Anlage hervor. Bei Stellen, wie Seite 0:\n(heilt man unwillkürlich die einzelnen Schläge dem vollen\nOrchester, die mittlere Phrase dem Unisono der Bläser zu.\nEs soll dies indess kein Vorwurf für den Componisten sein,\ndenn es spricht jedenfalls eher für als gegen die Bedeut-\nsamkeit eines Gedankens, wenn derselbe den Wunsch nach\norchestraler Darstellung hervorruft. Das Scherzo\n3/4) ist glücklich erfunden, wie denn überhaupt derartige\nSätze den jüngern Componisten stets am besten gelingen,\ndie gefährliche Klippe, welche die meisten (und mit ihnen\nHerr Ritter) nicht zu umschiffen vermögen, ist und bleibt\ndas Andante der Sonate. In diesem Falle sind wir froh,\nwenn wir, aus einem Chaos von verschiedenen Tact- und\nTonarten endlich zum Bewusstsein kommend, das Tages-\nlicht eines stürmischen, obwohl nicht sonderlich packenden\nFinale erblicken.\nHiernach fassen wir unsere Ansicht über die Sonaten\nvon Karl Ritter dahin zusammen, dass wir es mit einem\nkeineswegs unbedeutenden, lebenskräftigen 1 alentc zu thuii\nhaben, welches jedoch nach grösserer Klarheit und Be-\nstimmtheit und vorzüglich nach ausgeprägteren malerischen\nGestaltungen zu ringen hat, ehe seine Werke für wahre\nKunstwerke gelten können. Die Fähigkeit, dieses schöne\nZiel zu erreichen, ist vorhanden, und wir werden in Zukunft\ndie Fortschritte des Componisten auf der schwierigen Bahn\nzum Parnass mit Vergnügen constatiren.\nZehn Etüden für das Pianoforte von A. Krause. Op.\n5. Zwei Hefte, ä 25 Ngr. Leipzig, Breitkopf &\nHärtel.\nSchon auf den ersten Blick geben sich diese Etüden\nals das Werk eines gebildeten, geschmackvollen, mit sei-\nnem Instrumente innig vertrauten Musikers zu erkennen.\nBei näherer Bekanntschaft erfreut man sich mehr und mehr\nan der schönen Vereinigung von praktischer Brauchbarkeit\nund fliessender, ungezwungener Erfindung. Besonders\nzeichnen wir als Stücke, worin die musicalische Umhüllung\ndes jedesmaligen Unterrichtszweckes vorzüglich gelungen,\ndie Etüden Nr. 11., VI., VIII. und IX. aus. Uebung der\nletzten Finger, Arpeggien, Vorbereitung für das Studium\ndes Trillers, gebundenes Spiel Alles findet seine ange-\nmessene Berücksichtigung. Der Fingersatz ist sehr sorgfäl-\ntig zusammengestellt. Als Einleitung zu den schwierigen\nStudien von Cramer, Clementi, Moscheies, St. Heller u. A.\nm. wird man diese Studien nicht ohne Nutzen und Vergnü-\ngen spielen. Wenn wir schliesslich bemerken, dass der Mit-\ntheilung auf dem Titelblatt zufolge das Werk am leipziger\nConservatorium eingeführt ist, so bedarf es von unserer\nSeite keiner weiteren Empfehlung. Um so lieber geben wir\ndieselbe einem anderen Werkchen desselben Componisten\nmit. Wir sprechen von der (in demselben Verlage erschie-\nnenen)\nSerenade für das Pianoforte zu vier Händen. Op. 0.\nIn vier kürzeren, höchst einfach gehaltenen Sätzen\n(Allegro moderato, Es-dur,2/4, Romanze\nmarcia, F-moll und dur, und Finale, Es-dur,6 3 ) begegnen"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 295, "texte": "wir manchem anmuthigen Gedanken. Ohne eine tiefere\nBedeutung beanspruchen zu wollen, macht doch das Ganze\neinen höchst wohlthuenden, harmonischen Eindruck. Die\nleichte Spielbarkeit sichert dem hübschen Werkchen beson-\nders von Seiten minder vorgerückter Spieler eine freund-\nliehe Beachtung.\n\ng."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-10-02-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-10-02_01#c009", "volume": "bmtnabi_1858-10-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "320", "page_fin": "320", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.2.5", "titre_corps": "An den Herausgeber der Niederrheinischen Musik-Zeitung.", "titre_sommaire": "An den Herausgeber der Niederrheinischen Musik-Zeitung.", "signature_source": "z", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.1.8", "debut_caractere": 297, "fin_caractere_exclue": 3610, "texte": "An den Herausgeber der Niederrheinischen\nMusik-Zeitung.\nz.\nSt. Goar, den 28. September 1858.\nSeit einigen Monaten in St. Goar und seinen herrlichen Umge-\nbungen heimisch, habe ich denn auch dem Lehrer-Gesangfeste am\n17. September beigewohnt. Ich schicke Ihnen hierbei das Statut\ndes neu gegründeten Vereins, das kurz und zweckmässig ist.\n§. 1. Die unterzeichneten evangelischen Lehrer der Regierungs-\nbezirke Coblenz, Köln, Trier und Aachen traten heute zu einem\nVereine zusammen, welcher den Namen Mittelrheinischer Leh-\nrer-Gesangverein führen soll.\n§. 2. Zweck dieses Vereins ist, dass der kirchliche und\nVolksgesang, so wie das Orgelspiel in der Kirche gepflegt\nund gehoben werde.\n§. 3. Alljährlich findet an einem auf der General-Versamm-\nlung festzusetzenden Tage ein eintägiges Lehrer-Gesangfest, dem\nTags zuvor eine Generalprobe vorangeht, Statt.\n§. 4. Zum ständigen Dirigenten des Lehrer-Gesangfestes wird\ndurch den Beschluss der General-Versammlung Herr Musik-Director\nund Seminarlehrer G. Flügel in Neuwied ernannt.\n5. Es wird von allen Mitgliedern, sie mögen den Jahresfesten\nbeiwohnen oder nicht, ein jährlicher Beitrag von 10 Sgr. erhoben.\n§. G. Auf Vorschlag der betreffenden Lehrer-Conferenzen können\nvom Vorstande auch passive Mitglieder aufgenommen werden,\nwelche mit den wirklichen Mitgliedern gleichen Beitrag zu zahlen,\naber in den Versammlungen kein Stimmrecht haben.\nAlso vereinbart.\nSt. Goar, den 16. September 185f*.\n(Folgen die Unterschriften.)\nZur Steuer der Wahrheit darf aber nicht verschwiegen werden,\ndass die Stifter dieses Vereins nur mit der grössten Ausdauer und\nLiebe zur Sache die Gründung desselben durchgesetzt haben, indem\ndie Gcsammtheit der evangelischen ELementarlehrer ihnen keineswegs\nentgegen gekommen ist, und die Theilnahme von circa 80 Lehrern\n(nicht IWJ) als rühmliche Ausnahme im Vergleich zu der Gleichgül-\ntigkeit der Masse betrachtet werden muss. So musste z B. Sim-\nmern als Festort aufgegeben werden, weil sämmtliche Lehrer dieses\nKreises die Theilnahme abgelehnt hatten. Sogar die Furcht vor den\nPocken, die in St. Goar grassiren sollten, wurde als Abschreckungs-\n■ mittel benutzt.\nWohin wir aber gehen, mögen Sie daraus ersehen, dass ein gros-\n«er Theil der Lehrer - ich will den Cötus nicht nennen das\nFest (zur Förderung des Kirchengesangs und Orgelspiels !J für ein\nsolches hielt, dessen Theilnehmer übel angesehen werden und der\ngehofften Gebalts-Zulage verlustig gehen dürften! Ja, ein Geistlicher\nvon bedeutender Stellung wünschte zwar dem Feste „guten Erfolg\",\nhatte jedoch ~wahrgenommen, dass fast alle Lehrer mehr da-\ngegen, als dafür sind; die ernstesten Gemüther fänden solche\nFeste sogar zu weltlich und bedenklich!\"\nNun, die Art und Weise, wie sich Männer, wie z. B. Herr Re-\ngierungsrath Landferman, über das Fest und denVerein bei dem\nFeste selbst ausgesprochen haben, wird hoffentlich solche Vorurtheile\n• zerstören und der guten Sache Fortschritt und Erfolg bringen. Mir\nscheint keineswegs das Fest, sondern die Gesinnung der Gegner\ndesselben bedenklich!\nSie haben noch kürzlich in der Kölnischen Zeitung gerade den\nL ehr er-Gesangfesten beider Confessionen das Wort geredet, dess-\nhalb wird es Sie und vielleicht auch Ihre Leser interessiren, in\nObigem einige Data zu erhalten, die als Zeichen der Zeit eine Ver-\nöffentlichung verdienen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-10-02-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-10-02_01#c010", "volume": "bmtnabi_1858-10-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "320", "page_fin": "320", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.1.8", "debut_caractere": 3612, "fin_caractere_exclue": 4340, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMan schreibt aus Passau vom 4. September: „Heute weilt Herr\nJoh. Georg Met tenleiter, Capellmeister an der Stiftskirche zur\nalten Capelle in Eegensburg, in unseren Mauern. Derselbe kommt\nvom Bade Eeichenhall, wo er sich fünf Wochen befunden hat. Der\num die echte Kirchenmusik hoch verdiente, durch sein\nchoralc berühmte Tonmeister ist schwer erkrankt; der Aufenthalt im\nBade hat leider nicht den so sehr gewünschten Erfolg gehabt.\naei*. Die Opern Iphigenie von Gluck, mit Frau Dustmann-\nMeyer in der Titelrolle, Euryanthe und Jessonda, mit Fräul. Tiet-\njens in den llaupt-I artiecn, sollen in Kürze wieder in Sccnc gehen,\nwofür wahre Kunstfreunde der Direction zum Danke verpflichtet\nsein werden."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "313", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nr ♦!. -i Nocll eine Stimme über „Lohengrin« in Wien. - Die Natur und die Musik. Von Fetis dem Aelteren. Sehluss. -\nBeurteilungen: Drei Sonaten für das Pianoforte von Karl Ritter - Zehn Etüden für das Pianoforte von A. Krause - Serenade für\ndas Pianoforte zu vier Händen von A. Krause. - An den Herausgeber der Niederrheinischen Musik-Zeitung (Aus St. Goar, Lehrer-Ge-\nsangfest lages- und Unterhaltungshlatt (Passau, J. G. Mettenleiter Wien, Oper).\n\nNoch eine Stimme über „Lohengrin“ in Wien.\nNeuen Werken gegenüber, die nach der Absicht ihres\nVerfassers reformatorisch wirken, ein vollständiges System\nverkörpern sollen, und um derentwillen von einer rühri-\ngen Partei fortwährend agitirt wird, ist die baldigst-mög-\nliche Aufführung nicht allein, wie bei jeder anderen Kunst-\nschöpfung, von einigem Werthe, ein Act der Gerechtigkeit,\nda jedem ehrlichen Streben ein ehrliches Urtheil gebührt,\nsondern zugleich ein Act der Klugheit, weil vor der be-\nreitwilligen Vorführung eines solchen Werkes der trüge-\nrische Nimbus, der das systematisch Ferngehaltene umgibt,\nvon selbst verschwindet. Gleichwie auf religiösem und po-\n. litischem, so wird auch auf künstlerischem Gebiete durch\nV erfolgung dem angeblichen wie dem wirklichen Irrthum\nA orschub geleistet, während die Freiheit regelmässiger\nVerbreitung und ungestörter Erörterung jedes Wirken in\nseinem wahren Lichte erscheinen lässt.\nDiesem Grundsatze folgend, haben wir unseren sämmt-\nhehen Musik-Instituten gegenüber die Vorführung neuer\nWerke im Allgemeinen, und zwar auch dann be-\nfüiwortet, wenn wir mit der künstlerischen Bichtung der\nbetreffenden Tonsetzer nicht einverstanden waren. Die\nHauptsache bleibt immer, dass man jedem lebensfähigen\nStreben gerecht werde, ohne Unterschied der speciellen\nForm, unter welcher sich dieses Streben kund gibt. Ist\ndiese erste Pflicht gegen die lonsetzer der Gegenwart er-\nfüllt, dann muss auch der Beurtheilung ihrer Bestre-\nbungen der weiteste Spielraum offen bleiben, dann müssen\ndie gesunden Principien streng gewahrt werden, auf\nwelchen jedes Kunstwerk unbedingt beruhen muss, wenn\nes diesen Namen verdienen soll.\nVon diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, erscheint\nuns die Aufführung des Wagner'sehen „Lohengrin\" am\nwiener Ilof-Operntheater ein vielbedeutendes, freudiges\nEreigniss, nicht etwa als ein Sieg der so genannten Zu-\nkunftsmusik, sondern als erste Bürgschaft einer wenigstens\ntheilw,eisen System-Aenderung in der Leitung unserer Hof-\noper, wo die bisher gezeigte Scheu vor allem Neuen und\nUngewohnten denn doch endlich einer vernünftigen künst-\nlerischen Anschauung Platz gemacht haben dürfte.\nDer durchgreifende, theilweise glänzende Erfolg des\n„Lohengrin\" bei seiner ersten Aufführung am 19. August\nist von der gesammten competenten und nicht competen-\nten wiener Kritik einstimmig constatirt worden.\nWelche willkommene Gelegenheit für die Organe der\nweimai -leipziger Partei, ihr Te Deum laudamus anzustim-\nmen! Das verketzerte Wien wird nun vermutlich im\nPreise, d. h. in der Achtung jener Partei steigen, und\ndurch den Beifall, den es Wagnern geschenkt, sich die\nAnerkennung erworben haben, dass es „eine Zukunft\"\nhabe! Gegenteilige Aeusserungen, abweichende Urtheile,\netwaige Ausstellungen werden von den Organen der Par-\ntei wohlweislich verschwiegen, der Beifall, der einzelnen\nStellen galt, wird dem ganzen Werke, der Erfolg des gan-\nzen Werkes wird der „Zukunfts-Oper\" vindicirt.\nWir aber, die wir die Angelegenheit vielleicht doch\netwas unbefangener betrachten, und jedenfalls den hiesi-\ngen Boden besser kennen, als unsere Collegen in Leipzig\nund Weimar, wir vermögen in allem dem, wo nicht eine\nabsichtliche Täuschung des Publicums, doch nur eine arge\nSelbsttäuschung zu erblicken. Dass „Lohengrin\" gege-\nben wurde, ist ein Beweis von der künstlerischen Gesin-\nnung der neuen Direction, einer Gesinnung, welche hof-\nfentlich nicht allein der Zukunftsmusik, sondern jedem\nbedeutenden Talente der Gegenwart zu Gute kom-\nmen wird. Dass das Publicum diesem löblichen Fort-\nschritte bereitwillig entgegen gekommen ist, darin sehen\nwir einen neuen Beweis für die Empfänglichkeit dieses\nPublicums und dessen Verlangen nach Neuem und Besse-\nrem. Was endlich den Erfolg des „Lohengrin\" betrifft,\nso halten wir ihn für eine verdiente Anerkennung von"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "314", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.1.2", "texte": "Wagner's Talent, eine Anerkennung, die er sich nicht\ndurch sein System, sondern trotz demselben errungen\nhat, welche also weder dem neuen Opern-Systeme, noch\nder so genannten Zukunfts-Partei zum Vortheile gereicht.\nWir werden uns hierüber alsogleich deutlich erklären.\nDas musicalische Wien hat sich mit den seit einer\nAnzahl von Jahren in Norddeutschland auf musicalischem\nGebiete bestehenden Parteiungen gar wenig abgegeben.\nDie betreffenden Streitfragen und die davon handelnde\nPolemik der Fachblätter sind dem hiesigen Publicum nicht\ngeläufig und kommen ihm am allerwenigsten in den Sinn,\nwenn es ins Theater strömt, um eine neue Oper zu hören.\nDer Wiener ist einestheils nach mancher Richtung hin zu\nwenig gebildet, anderenteils zu vernünftig, zu gesund in\nseinem Urtheil über Musik, als dass er im Theater etwas\nAnderes suchen sollte, als den unbefangenen, unge-\ntrübten Genuss des Kunstwerkes und der Dar-\nstellung desselben. Man sieht, wir wollen den Erfolg\ndurchaus nicht verkleinern, der uns vielmehr um so er-\nfreulicher und natürlicher scheint, gerade weil Wagner\nihn nur mit den Darstellern und dem Dirigenten seines\nWerkes zu theilen hat, während wir uns mit Bestimmtheit\ndagegen verwahren müssen und hierin die Meinung des\nhiesigen Publicums getreulich zu vertreten glauben —,\ndass die so genannte Zukunftsmusik, die Ideen, welche\nWagner in seinen Schriften mit so leidenschaftlichem Pa-\nthos ausspricht, die Richtung, welche Herr Brendel in\nseiner Zeitung so geistvoll vertritt, mit dem „Lohengrin4\"\njenen Sieg errungen hätten, von welchem die Parteimän-\nner schwärmen. Man wird uns darauf antworten: das Pu-\nblicum sei sich wohl dessen, was es gefühlt, nicht recht\nbewust gewesen; in dem Beifall aber, der dem „Lohen-\ngrin\" gegolten, sei die Anerkennung jener Grundsätze,\nwelche Wagner in der Oper zur Geltung bringen will,\nmit einbegriffen. Unserer Ueberzeugung nach findet aber\ngerade das Gegentheil Statt. Was an Wagner's Opern\nbefriedigend und erhebend wirkt, das ist gerade\nnicht die praktische Bethätigung seiner Reform-\nTheorieen, nicht das, worauf er selbst und seine An-\nhänger den Schwerpunkt ihrer Argumentation legen,\nsondern das, ivas in jeder Oper der Vergangenheit und\nGegenwart als gut und zweckmässig, als dramatisch wahr\nund musicalisch schön gelten würde.\nWagner's Talent scheint uns unbestreitbar, sein\nSystem keineswegs. Der schönsten Entfaltung seines Ta-\nlentes aber begegnen wir immer da, wo er seinem eigenen\nSvsteme untreu wird.\nWagner's polemische und reformatorische Schriften\nglänzen durch geist- und schwungvolle, wenn auch oft\nüberschwängliche und phrasenhafte Darlegung der Mängel\nund Auswüchse, die der modernen Oper anhaften. Wag-\nner verwechselt aber von Anfang an den Missbrauch\nmit der richtigen Anwendung erlaubter Mittel, und\nschildert jenen Missbrauch irrthümlich als ein unheilbares\nGrundübel, und alles, was die grössten Meister im Fache\nder Oper geleistet, als verfehlt eine schreiende Unge-\nrechtigkeit, welche mit der bekannten Verehrung, die\nWagner als Musiker für eben jene Meister hegt, in offe-\nnem Widerspruche steht. Immer dunkler jedoch, immer\nüberschwänglicher und unverständlicher wird seine rheto-\nrische Darstellungsweise da, wo es gilt, statt der angeb-\nlich im letzten Todeskampfe dahinsiechenden Vergangen-\nheit ein leuchtendes Zukunftsbild aufzustellen. Sein Ideal\nder einzig wahren, einzig möglichen Oper ist, so weit wir,\nwas er meint, verstehen können, entweder ein höchst un-\npraktischer Rückschritt in längst vergangene Zeiten,\noder eine beabsichtigte Vervollkommnung dessen, was\nin derselben Art von den Meistern der Vergangenheit und\nGegenwart geleistet worden ist—also in beiden Fällen\ndem Principe nach schon da gewesen und ohne die\nmindeste Aussicht auf factische Neugestaltung. Soll die\nOper wirklich nichts sein als eine Reihe von Recitati-\nven, ohne Ruhepunkt eine blosse musicalische Beto-\nnung der dramatischen Rede, ohne specifisch musicalischen\nZweck und Gehalt —, dann kann dieser unglückselige\nEifer, Gluck s strenge Theorie noch zu übertreiben und\nzur Kindheit der Oper zurückzukehren, nur ein höchst\nklägliches Ergebniss haben. Wagner ist dann kein Re-\nformator, sondern der ärgste Reactionär im Gebiete\nder Kunst, der die seit Rameau und Lully gemachten\nFortschritte missachtet und höchst unpraktischer Weise an\ndie Stelle der ausgebildeten dramatischen Musik,\nwie wir sie seit achtzig Jahren besitzen, das Recitati>\nwieder herstellen möchte, dessen Alleinherrschaft den In-\nbegriff ärgster Monotonie bilden würde. Sobald die drama-\ntische Handlung und Rede als Hauptsache, als „Zweck ,\ndie Musik nur als „Mittel\" betrachtet wird, dann läuft die\nletztere Gefahr, als ganz unnütze, ja, sogar als die Rede\nstörende, die Handlung aufhaltende unpraktische Beigabc\nmit Recht verbannt zu werden. Musik ist nur dann wirk-\nsam und angenehm, wenn sie den Sinn der Rede in sich\naufnimmt und demselben einen erhöhten Ausdruck\ngibt, der zugleich dramatisch wahr und musicalisch\ngehaltvoll ist. Ist aber dies Wagner's Absicht, war es\nihm nur darum zu thun, der Oper die dramatische\nWahrheit, welche ihr in Folge mannigfacher \\ erirrungen\nzeitweise abhanden kommt, wiederzugeben, dann hätte er\nes sagen, dann hätte er, statt als Reformator aufzutreten,\nals getreuer Zögling verehrter Grössen bekennen müssen,\ndass er auf seine Weise nichts Anderes anstrebe, als was"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "315", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.1.3", "texte": "Gluck und Mozart, Cimarosa und Paesiello, Me-\nhul und Boieldieu, Cherubini und Spontini, Beet-\nhoven und Weber, Spohr und Weigl, Meyerbeer\nund Lortzing ebenfalls anstrebten, und was ihnen zu er-\nreichen mehr oder minder gelungen ist. Die genannten\nMeister haben, jeder in seiner Art und nach Maassgabe\nseiner Kräfte, gerade in der musicalisch-dramati-\nschen Charakteristik ausserordentlich Schönes und\nGrosses geleistet, und zwar nicht dadurch, dass sie, um\ncharakteristisch wahr zu sein, zum absoluten Recitativ her-\nabstiegen und die Cantilene verbannten; nein, ihnen ward\nes gegönnt, Schönheit und Mannigfaltigkeit mit\nWahrheit zu verbinden, Melodie und dramatischen\nAusdruck in Eins zu verschmelzen, die Form der Arie,\ndes Duetts u. s. w. zu behalten und dabei doch so wahr\nzu sein, wie Wagner es auch nicht in höherem Grade\nzu sein vermag, obgleich er der Wahrheit Alles, selbst die\nSchönheit, opfert. Wo bleibt also unter solchen Umstän-\nden, unter der erdrückenden Last solcher Thatsachen und\nBeispiele das Wagner'sehe System von der „Zukunfts-\nOper\"?\nDarum ist auch durch den Erfolg des „Lohengrin\"\nfür dieses System noch nichts gewonnen, wenigstens nicht\nbei uns in Wrien, wo man in musicalischen Dingen doch\nnoch von Alters her so ziemlich gewohnt ist, die Dinge\nbeim rechten Namen zu nennen. Wir wissen nicht genau,\nwie sich die neuen Sprachgelehrten an der Pleisse auszu-\ndrücken belieben, bei uns aber wird eine Melodie noch\nimmer eine Melodie, eine Oper noch immer eine Oper ge-\nnannt; einfach ausdrucksvoller, zum Herzen dringender\nGesang gilt bei uns noch immer als das Höchste, was der\n\"ottbegeisterte Tonsetzer erreichen kann. So veraltet sind\nunsere Anschauungen. Mit Phrasen von dem Unterschiede\nzwischen der „Ton-Melodie'- und der „Wort-Melodie ,\nvon dem „harmonisch-poetischen Complex\", von der „ar-\nchitektonischen Behandlung des Stoffes\", von der „Verei-\nnigung aller Künste zu einem Gesammt-Kunstweike u.\ndgl. m. kommt man bei uns nicht weit. Wenn Wagner\nhier in Wien durchgreift, so geschieht dies trotz allem,\nwas er selbst und was man über ihn geschrieben, Dank\nallein seiner ungewöhnlichen Begabung, welche zwar nicht\nfrei von Irrthümern, aber doch mächtig genug ist, den\nGeist des unbefangenen Hörers zu fesseln, sein Herz zu er-\nheben, seine Aufmerksamkeit zu spannen und seinen mu-\nsicalischen Geschmack in vielen Momenten zu belriedigen.\nNur unbefangen muss man dem Tonsetzer entgegen-\nkommen, und je weniger das Publicum auf das Gerede\nder Parteiblätter hören, je weniger der gebildete Kunst-\nfreund sich darum kümmern wird, desto leichter wird es\nBeiden sein, ein gerechtes Urtheil zu fällen.\nIn der Wahl seiner dramatischen Stoffe zeigt Wag-\nner eine besondere Vorliebe für das Mittelalter, die Zeit\nder Mythen und Legenden. Auch hierin ist er ein warmer\nFreund dunkler Vergangenheit; seine Dramen wurzeln\nnicht in den Kämpfen und Bestrebungen der Gegenwart,\nnicht in der Sehnsucht nach einer schöneren Zukunft, es\nsei denn, dass uns in jener dunkelen, geheimnissvollen Hülle\nAllegorieen dargeboten wären, dass jener „lichte e,n*\npel, so kostbar, wie auf Erden nichts bekannt, drin ein\nGefäss von wunderthät'gem Segeneine tief verborgene\nBedeutung hätte, die wir näher zu bezeichnen uns nicht\nvermessen sollen, denn „so hehrer Art ist ja des Grales\nSegen, enthüllt—muss er des Laien Auge fliehen.\" Wie\ndem auch sei, die Wagner'sehen Opern-Texte werden\nmit vollem Rechte ob ihres reichen Inhalts und ihrer dra-\nmatischen Wirksamkeit allenthalben gepriesen. Em Zug\nechter Poesie durchweht auch „Lohengrin\". Es ist die zu\nhöherer Weihe, zu reinerem und kräftigerem Ausdruck\nerhobene „Euryanthe\", die uns in sonst ziemlich ähnlicher\nGestaltung entgegentritt. Die flüchtige, fast unvollständige\nArt, mit welcher Einzelnes in den wiederholten Versu-\nchen Telramund's und Ortrud's, die Liebenden zu ent-\nzweien, dann bezüglich der Verzauberung Gottfried's u. s.\nw. angedeutet wird, schadet der anziehenden und er-\ngreifenden Wirkung des Ganzen nicht wesentlich. Jene\nfreilich, welche an einen Operntext den Maassstabiegen,\nder allein dem Drama zukommt, können durch die hier\nvorliegenden blossen Umrisse von Charakterzeichnungcn\nschwerlich befriedigt werden. Uns aber, die wir fest au!\ndem so genannten „überwundenen Standpunkte\" stehen,\nuns muss der vorliegende Operntext, als solcher betrach-\ntet, genügen, weil wir von einem solchen eben nur Um-\nrisse verlangen, welche erst von der Musik ihr eigentliches\nLeben erhalten sollen.\nDieses eigentliche Leben ist in „Lohengrin\" ein seht\ngehaltvolles, innerlich reiches, wenngleich äusserlich nicht\ngenug mannigfaltiges. Wagner's Musik wird Niemand\nunbedeutend nennen. Auch sie durchwehen Züge von\nWahrheit, Grösse und echter Gemüthstiefe, welche nur\nleider, durch mancherlei Eigenheiten und Schwächen be-\neinträchtigt, nicht überall mit gleicher Macht zur Geltung\nkommen. Wagner's Orchestration glänzt durch Origina-\nlität, durch den blendenden Reiz unerwaiteter Klangfat-\nben, durch viele einzelne geniale Züge; dagegen mangelt\nihr an einzelnen Momenten Emlachhcit, Natuiliclikcit, nich-\ntiges Maass. Gleich die Introduction, ehe der Vorhang zum\nersten Male in die Höhe geht, ist sehr originel, aber viel\nzu lang, und wird durch das längere Verweilen der Violi-\nnen auf der höchsten Applicatur manchem Ohr widerwär-\ntig. So ist noch manches andere Vor- und Nachspiel des"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "316", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.1.4", "texte": "Orchesters viel zu gedehnt; ferner wird von dem Tremolo\nder Violinen, während meistens die Blech-Instrumente die\nMelodie spielen, ein zu häufiger Gebrauch gemacht. End-\nlich sind das Finale des ersten und das des zweiten Actes\nstellenweise zu lärmend, und erinnert hier und da ein zwar\neffectvolles, aber rohes Ueberbieten aller Kräfte an Ver-\ndi sehe Art. Ungefähr dieselben Eigenschaften lassen sich\nan den Gesang-Partieen im „Lohengrin\" nachweisen. Es\nversteht sich, dass wir hier fortfahren, die „Oper\" Lohen-\ngrin als Oper, d. h. nach althergebrachtem Maassstabe,\nzu beurtheilen, nach welchem uns der zugleich musicalisch\nschöne und dramatisch ausdrucksvolle Gesang als das\nHöchste gilt. Musicalische Erfindungsgabe ist demnach für\nden Opern-Componisten wie für den Schöpfer des klein-\nsten Liedes und des grössten Instrumentalw-erkes die erste,\nunerlässhche Eigenschalt. In wie lern Wagner in dieser\nBeziehung den älteren Meistern nachsteht, ist zu erörtern\nüberflüssig. Ob er zuweilen mit Absicht der Melodie aus\ndem Wege geht, oder ob er es nur thut, wenn die Quelle\nder Erfindung ins Stocken geräth, das ist schwer zu ent-\nscheiden. Dem musicalischen Hörer wird es immer schwer\nsein, an jenes absichtliche Verläugnen der schönsten Got-\ntesgabe zu glauben, und wo er keine Melodie hört, wird\nsein erster und letzter Gedanke immer sein: hier ist dem\nComponisten nichts mehr eingefallen. Dies lässt sich teil-\nweise auf Ortrud und Telramund beziehen, welche beide\nin musicalischer Beziehung stiefmütterlich bedacht sind.\nWeber's Hauptsünde in „Euryanthe\", der unschöne Aus-\ndruck, der seinem Lysiart und seiner Eglantine jede musi-\ncalische Wirkungskraft raubt, ist hier, wenn nicht noch\nüberboten, doch auf Wagner'sehe Art wiederholt. Wir\nverlangen nicht, dass der „patentirte Bösewicht\" in süssen\nCantilenen schmachte, eben so wenig aber sehen wir ein,\nwarum die Bosheit dadurch markirt werden sollte, dass\nder betreffende Verbrecher vom Componisten verurtheilt\nwird, den Regeln des Rhythmus und des schönen Gesan-\nges Hohn zu sprechen. Können Gefühle, wie sie Ortrud\nund Telramund am Anfange des zweiten Actes durchbeben,\nnur allein durch Dissonanzen geschildert werden, welche\nden Sänger zur Verzweiflung bringen und das Ohr des\nHörers beleidigen ? Eignen sich nicht Melodieen von düste- j\nrem Charakter zur Schilderung solcher Situationen besser,\nals düstere Melodielosigkeit? Der Unisono-Schlusssatz die-\nser Scene ist Beweis genug für diese Behauptung; denn\ndiese wenigen Tacte wirken, weil sie eine abgeschlossene\nMelodie bilden, weit mächtiger auf das Gemüth des Hö-\nrers, als alle vorhergegangenen, abgerissenen musicalischen\nRecitativsätze. Darum tritt auch Elsa s Rolle so glänzend\ngegen die anderen hervor. Hier finden wir die meisten ab-\ngeschlossenen melodischen Sätze, über diese Rolle ist jener\nschwärmerisch-ruhige, poetisch-verklärte Ausdruck gebrei-\ntet, den Wagner schon seiner Elisabeth, wenngleich die-\nser letzten in anderer, dem verschiedenen Wesen entspre-\nchender Weise, zu verleihen wusste, jener Ausdruck, wel-\ncher, im musicalischen Sinne wie im dramatischen eben so\nwahr als schön, die Seele des Hörers mit innigem Beha-\ngen erfüllt, und allein schon für Wagner's hohe Bega-\nbung Zeugniss ablegt. Lohengrin selbst erweckt an einzel-\nnen Stellen ähnliche Befriedigung, leidet aber, wie fast alle\nGestalten dieser Oper selbst Elsa nicht ausgenommen—,\nan jener systematischen Anwendung der Recitativ-Form,\naul welcher das W agner'sehe System, wenn wir es recht\nverstehen, beruhen soll. Es bedarf aber, wie uns dünkt,\nnur einer gehörigen Dosis gesunder Urteilskraft, um ein-\nzusehen, dass, wenn man das Recitativ tlieils in seiner ein-\nfachsten, theils in obligater Form als stehende Norm an-\nnimmt und dasselbe nur hin und wieder zu Ariosen, nir-\ngenos aber zu förmlichen Arien, Duetten u. s. w. erweitert,\nder Eindruck des Ganzen ein vorwiegend ermüdender sein\ninuss. Es gehört gewiss im gesprochenen wie im gesunge-\nnen Drama zu den wirksamsten Steigerungsmitteln, wenn\neine Scene durch Dazwischenkunft einer Person oder Hin-\nzufügung neuer Motive eine unerwartete Wendung nimmt.\nWird aber dieses Mittel zwei, drei, vier Mal hinter einan-\nder angewandt, so dass im Laufe eines Actes nach keiner\neinzigen Scene ein Abschluss der Situation, ein natürlicher\nRuhepunkt eintritt, dann wird das Steigerungsmittel zum\nJehler, weil die Darsteller nicht mehr im Stande sind,\nohne Uebertreibung die Steigerung auszudrücken, weil sie\nin ihren berechtigten Ansprüchen an den Beifall des Pu-\nblicums, den der formelle Abschluss einer Situation ihnen\nbringt, getäuscht werden, weil dieser Abschluss der ein-\nzelnen Theile eines grossen Ganzen eine der ersten Regeln\nbei der Composition eines Kunstwerkes ist, weil die schnelle\nWiederholung eines noch so wirksamen dramatischen He-\nbels eine Neigung zum Uebertreiben und Unkenntniss der\nScene verräth, weil endlich der Zuschauer und Hörer eben\nso sehr als das Stück zeitweiliger Ruhepunkte bedarf, und\nnur die formelle Abrundung einer natürlich in sich abge-\nschlossenen Situation ihm das Bewusstsein eines solchen\nRuhepunktes geben kann. Diese Forderung, welche für\ndas Ton-Drama mindestens eben so wichtig ist, wie für\ndas gesprochene, bleibt im „Lohengrin\" grösstenteils un-\nerfüllt, daher die mehr oder minder ermüdende Wirkung,\nwelche dieses Werk selbst aul jene hervorbringt, die ihre\nAufmerksamkeit von dem Eindruck des Ganzen gefesselt,\nihr Gefühl von den einzelnen Schönheiten entzückt fühlen.\nDiese Schönheiten bestehen aber gerade aus jenen\n(melodischen) Theilen, welche das Wagner'sehe System\nmit der Vergangenheits-Oper gemein hat, und jenes In-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "317", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.1.5", "texte": "teresse wendet sich dem poetischen Ganzen, dem Werke\neines individuellen Talentes zu, während alles, was an die-\nser .Gegenwarts-Oper\" dem „Zukunfts-System\" ange-\nhört, zu den Schwächen und Mängeln beider, der Oper\nund des Systems, zu zählen ist.\nIn künstlerischen Dingen ist es eben nur das echte,\nfrische, ursprüngliche Talent, welches den Ausschlag gibt,\nnicht die trockenen und leeren Theorieen anmaassender\nSvstem-Jäger. Was diese verderben, macht jenes wieder\ngut, und je eher ein solches Talent von systematischen Irr-\n\"äneen und nutzloser Neuerungssucht zu wahrhaft libera-\nlen, d. h. künstlerisch gesunden und vernünftigen An-\nschauungen zurückkehrt, desto eher bahnt es sich einen\nehrenvoll-sicheren Weg durch die Gegenwart in die Zu-\nkunft in eine Zukunft gerechter Anerkennung, unsterb-\nlichen Ruhmes. (W. M.-S.)\n\nDie Natur und die Musik.\nVon Fétis dem Aelteren.\n(Schluss. S. Nr. 39.)\nIn allem, was ich hier gesagt habe, befinde ich mich\nin Opposition mit den Philosophen der sensualistischen\nSchule, deren Häupter Locke und Condillac sind, und die\nihre letzten Apostel in Cabannis und Destut de Tracy ge-\nfunden hat. Nach ihnen genügt das Organ des Gehörs für\nalle Verrichtungen, die nicht bloss die Auflassung der Töne,\nsondern auch deren Beurtheilung in ihrer Aufeinanderfolge\nund in ihrem Zusammenklange fordert. Nach ihrem System\nist das Ohr vollständig dazu organisirt, die Beziehungen\nder Töne auf einander genau zu empfinden; es unterschei-\ndet diese Beziehungen auf eben so feine als ausgedehnte\nWeise; es empfindet nicht nur vollkommen alle Stufen der\nTöne, sondern unterwirft sie auch der Berechnung ihrer\nVerhältnisse und bildet daraus ein Kunst-System; es be-\nsitzt Gedächtniss, und seine Erinnerungen können sich\nmehrfach erneuern; ja, es hat Wünsche und harmonische\nSvmpathieen und Antipathieen *).\nZu verschiedenen Zeiten sind die Physiker und Phy-\nsiologen diesen Lehren durch Beobachtungen zu Hülfe ge-\nkommen, welche aber, genauer angesehen, nur Hypothe-\nsen sind, die sich auf die Bildung des Gehör-Organs be-\nziehen. Schon das Alterthum hatte sich mit ähnlichen\nFragen beschäftigt und war auf allerlei Vermuthungen\nbekommen, und die Neueren sind zum Theil in die Fuss-\nstapfen der Alten getreten. Einige haben aufgestellt, dass\ndas Ohr wie ein musicalisches Instrument gebildet sei und\ndass gleichsam Saiten in ihm in Gleichklang mit den Tö-\nnen von aussen in Schwingung geriethen; Andere behaup-\nten, dass die Membrane des Trommelfells Schwingungen\nmache, welche den Schwingungen der Töne gleich seien,\nderen Eindruck sie empfangen; noch Andere sind der Mei-\nnung, dass der Gehörgang in verschiedene Klang-Zonen\ngetheilt sei. Ich habe in einem früheren Aufsatze: „Ueber\ndie wahren Verrichtungen des Ohrs bei der Musik\" (in\nder Revue et Gazette musicale de Paris, Jahrgang 1849,\nS. 97), alle diese Vermuthungen auf ihren Ungrund zu-\nrückgeführt und gezeigt, dass selbst wenn die Thatsachen\neiner oder der anderen von diesen Voraussetzungen ent-\nsprächen, man doch daraus keine genügende Erklärung\nder Verhältnisse und Beziehungen der Töne auf einander,\nderen wir uns bewusst werden, ziehen könnte. Wenn man\nden Verstand und das Gefühls-Vermögen hinwegnimmt,\nso wird die Musik unerklärlich, oder richtiger: sie hört\nganz auf.\nDiese Wahrheit ist aber stets verkannt worden. Die\nvorzüglichsten Forscher haben im Laufe der Zeiten häufig\ngenug über den Ursprung der Tonkunst nachgedacht, aber\nihn fast immer ausserhalb des geistigen Vermögens des\nMenschen gesucht. Bei den Schriftstellern des Alterthums\nsind es Gottheiten oder zufällige, aus der Natur geschöpfte\nDinge, die ihr das Dasein verleihen. Lucrez, der die son-\nderbare Anomalie eines materialistischen Dichters bildet,\nsagt: „Der Gesang der Vögel wurde von der Stimme des\nMenschen schon Weit früher nachgeahmt, als man eine\nliebliche Melodie zu leicht fliessenden Versen erfand, um\ndas Ohr zu erfreuen; der Hauch des Windes, welcher das\nSchilfrohr tönen liess, lehrte den Menschen die Rohrfiöte\nerfinden\" u. s. w. Er verkennt dadurch eben so sehr den\nedlen Ursprung der Tonkunst, wie er den Urgrund des\nDaseins der Welt verkennt. Durch die freiwillige Hervor-\nbringung gewisser Tonfolgen seiner Stimme hat der Mensch\nstets einem der mächtigsten Triebe seiner physischen und\nmoralischen Organisation gehorcht. Und durch die lort-\nschreitende Entwicklung seines Ideenkreises und seiner Ein-\nbildungskraft hat er die ersten Anfänge dieser Ausdrucks-\nweise zu der WTürde einer Kunst erhoben. Der Mensch\nträgt in sich selbst den Urgrund des Gesanges, den Trieb\nzur Bildung von Tönen durch seine Stimme und die innere\nAuffassung der Beziehungen dieser Töne in ihrer Höhe\nund Tiefe und in ihrer Dauer. Die ganze Tonkunst erzeugt\nsich aus diesen Ursachen; allein diese haben ihr bei allen\nVölkern das Dasein gegeben, und sie würden sie unzwei-\nfelhaft noch einmal erzeugen, wenn irgend eine undenk-\nbare Katastrophe sie vernichten sollte.\nNach allem diesem gelangt man zu Ueberzeugungen\nüber den Ursprung und die Natur der Musik, welche man\nin folgende Axiome formuliren kann:\n\n*) Vgl. Karl Ernst Baer, Vorlesungen über Anthropologie §. 174 ff."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "318", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.1.6", "texte": "1. Das Ohr ist das Organ, welches die Töne vernimmt\nund ihre verschiedenen Eindrücke empfängt.\n2. Die Töne, welche vom Ohr vernommen und zu-\ngleich durch den Verstand und das Gefühl nach ihrer Ver-\nschiedenheit aufgefasst werden können, sind durch gewisse\nbestimmte Gränzen von Höhe und Tiefe beschränkt, über\nwelche hinaus sie nur noch Schall oder Geräusch sind.\n3. Unter der Menge von Tönen, die zwischen diesen\nGränzen der Höhe und Tiefe möglich sind, gibt es nur\neine gewisse Anzahl, deren Verschiedenheiten auf fassbare\nund sichere Weise bestimmt werden können.\n4. Diese streng bestimmbaren Töne sind die Elemente\naller Musik.\n5. Diese Töne haben bei der Verschiedenheit ihres\nKlanges gewisse Beziehungen zu einander, welche zweier-\nlei Art sind, in so fern sie aus den absoluten Verhältnissen\nder Intervalle, unabhängig /von der Aufeinanderfolge die-\nser letzteren, entspringen, oder aus der Sympathie und\nAntipathie unseres Inneren mit oder gegen die Aufeinan-\nderfolge und den Zusammenklang der Töne.\n6. Die Beziehungen erster Art gehören der Physik\nund Mathematik an und begründen die Lehre von der\nAkustik; die Beziehungen der zweiten Art sind zugleich\nVerstandes- und Gefühls-Beziehungen, sie gehören dem\nGebiete der Metaphysik an und sind der Ursprung der\nTonkunst und ihrer Theorie.\n\nBeurtheilungen.\n\nDrei Sonaten für das Pianoforte von Karl Ritter.\nOp. 1, 2 und 5. Leipzig, Breitkopf & Härtel,\na 25 Sgr.\nIn den letzten Jahren hat man angefangen, sich wieder\nmit Eifer den grösseren Formen der Instrumental-Musik\nzuzuwenden. Besonders die so unendlich oft benutzte und\ndurch unsere grossen Meister so sehr bereicherte und er-\nweiterte Sonatenform ist von Berufenen wie Unberufenen\nmit mehr oder weniger Geschick angewandt worden. Das\nBestreben, inmitten eines nachgerade Alles überflutenden\nMeeres von Salon-Oberfiächlichkeit Gediegenes an Form\nund Inhalt zu schaffen, ist gewiss lobenswerth, und man\nkann nur bedauern, dass die Leistungen in den selten-\nsten Fällen den Intentionen entsprechen, sei es nun\nwegen Mangels an schaffender Phantasie, oder wegen\nZügellosigkeit derselben.\nDie vorliegenden Sonaten von K. Ritter möchten wir\nkeinesfalls in die Kategorie der phantasielosen, trockenen\nCompositionen stellen. Sie bekunden durchweg Talent,\nwenn auch ein solches Talent, welches über seine Ziele\nnoch einiger Maassen im Unklaren mit sich selbst ist, und\nsich desshalb von Extravaganzen nach verschiedenen Rich-\ntungen hin nicht frei zu erhalten weiss. Wir begegnen häu-\nfig guten melodischen Ansätzen, charakteristischen Rhyth-\nmen, interessanten (zuweilen auch sehr unschönen) Harmo-\nniefolgen; auch scheinen alle drei Werke nach bedeuten-\ndem Plane angelegt zu sein. Wir vermissen jedoch mehr\noder weniger den belebenden Hauch natürlicher, frischer\nErfindung, den gebildeten künstlerischen Geschmack, der\ndie mannigfaltigsten Gruppen in einen inneren Zusam-\nmenhang bringt und über dem Streben nach wechseln-\ndem Reiz nie die Einheit des Ganzen ausser Acht lässt.\nDie erste Sonate (Op. 1, hat uns am mei-\nsten befriedigt, sowohl als Ganzes, wie in ihren Einzelheit\nten. Gleich die zarte Melodie, womit der erste Satz beginnt,\nist wahrhaft schön in Stimmung und Ausdruck. Warum\ngibt uns der geehrte Verfasser, der hier aul das klarste\nbeweis't, was er auch in dieser Beziehung vermag, in sei-\nnen beiden anderen Sonaten nur so selten Gelegenheit, der\nallvermögenden Göttin Melodie zu huldigen? Möchte er\ndoch niemals vergessen, dass es in der Musik mit frappan-\nten Rhythmen, überraschenden harmonischen Combinatio-\nnen, einzelnen neuen Klangwirkungen nicht gethan ist;\ndas ist alles ganz schön und gut, wird aber nur dann eine\nwahrhaft erhebende Wirkung hervorbringen, wenn die\nMelodie wie ein goldener Faden sich durch das Labyrinth\nhinschlingt und Alles zu höherer Weihe verklärt. Das An-\ndante der ersten Sonate sagt uns weniger zu, als der erste\nSatz. Der dritte Satz (Finale) ist feurig und fliessend, je-\ndoch erscheint uns nach dem langen Verweilen in\ndie Eile, womit der Componist den Schluss in her-\nbeiführt, unmotivirt. Eine schliessliche Feststellung der\nHaupt-Tonart ist hier nicht nur wünschenswert!!, sondern\nabsolut nothwendig.\nDer erste Satz der zweiten Sonate (Op. 2,Fis-moll)\nbeginnt mit einer gut erfundenen, unruhig bewegten Phrase:\ndie jedoch durch zu häufige Wiederholung den Reiz der\nNeuheit nur zu bald einbüsst und daher in der Durch-\narbeitung nur noch wenig Interesse erregt. Ein verbinden-\nder Zwischensatz, aus abgestossenen Achtelnoten beste-\nhend, fällt in jeder Beziehung gegen den Hauptsatz ab\nund der darauf eintretende Miltelsatz in ist auch\nnicht geeignet, durch Wärme der Empfindung anzuziehen.\nWir müssen übrigens lobend anerkennen, dass der Com-\nponist sich nicht darin gefallen hat, seinen ersten Satz ins"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "319", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.1.7", "texte": "Endlose auszuspinnen. Der zweite Satz (Scherzo prestissi-\nmo, Cis-moll)hat Charakter und Fluss; er sagt uns unter\nden vier Sätzen dieser Sonate bei Weitem am meisten zu.\nliier kann man sich einmal einer ausgeprägten Stimmung\nmit Vergnügen überlassen, ohne befürchten zu müssen,\ndurch harmonische oder rhythmische Absonderlichkeiten\nherausgerissen zu werden. Wir bedauern, vom Adagio nicht\neben so günstig sprechen zu können. Dasselbe leidet an\nMonotonie und geschraubter Erfindung; auch wird uns\ndoch wohl Niemand zumuthen können, Stellen, wie diese:\ndie durch die spätere genaue Wiederholung den Glauben\nan einen Druckfehler ausschlicsst, schön zu finden! Wir\nhaben gewiss nichts einzuwenden gegen wohlklingende,\nnaturgemässe Erweiterungen des Harmonie-Systems; was\naber Herr Ritter mit so ohrenzerreissenden, unnützen Här-\nten sagen will, ist uns mindestens räthselhaft. Das Finale\n(.Fis-mott, %) macht nicht den belebenden, unwidersteh-\nlich mit fortreissenden Eindruck, den ein solches Stück\nmachen sollte. Die Haupt-Phrase (denn von breit ange-\nlegten Sätzen kann in diesen Sonaten nur selten die Rede\nsein :\nist weder neu noch schwungvoll, während das zweite Mo-\ntiv durch seine Unbeweghchkeit und Lauheit nicht wenig\ndazu beiträgt, jeden noch möglichen frischen Eindruck zu\nverscheuchen.\nDie dritte Sonate (Op. 5, C-nioll), vom Compo-\nnisten „dem Andenken seines verehrten Lehrers Robert\nSchumann gewidmet\", tritt namentlich im ersten Satze\nsehr energisch auf. Orchestrale Vorstellungen haben dem\nComponisten offenbar vorgeschwebt, das geht aus der gan-\nzen Anlage hervor. Bei Stellen, wie Seite 0:\n(heilt man unwillkürlich die einzelnen Schläge dem vollen\nOrchester, die mittlere Phrase dem Unisono der Bläser zu.\nEs soll dies indess kein Vorwurf für den Componisten sein,\ndenn es spricht jedenfalls eher für als gegen die Bedeut-\nsamkeit eines Gedankens, wenn derselbe den Wunsch nach\norchestraler Darstellung hervorruft. Das Scherzo\n3/4) ist glücklich erfunden, wie denn überhaupt derartige\nSätze den jüngern Componisten stets am besten gelingen,\ndie gefährliche Klippe, welche die meisten (und mit ihnen\nHerr Ritter) nicht zu umschiffen vermögen, ist und bleibt\ndas Andante der Sonate. In diesem Falle sind wir froh,\nwenn wir, aus einem Chaos von verschiedenen Tact- und\nTonarten endlich zum Bewusstsein kommend, das Tages-\nlicht eines stürmischen, obwohl nicht sonderlich packenden\nFinale erblicken.\nHiernach fassen wir unsere Ansicht über die Sonaten\nvon Karl Ritter dahin zusammen, dass wir es mit einem\nkeineswegs unbedeutenden, lebenskräftigen 1 alentc zu thuii\nhaben, welches jedoch nach grösserer Klarheit und Be-\nstimmtheit und vorzüglich nach ausgeprägteren malerischen\nGestaltungen zu ringen hat, ehe seine Werke für wahre\nKunstwerke gelten können. Die Fähigkeit, dieses schöne\nZiel zu erreichen, ist vorhanden, und wir werden in Zukunft\ndie Fortschritte des Componisten auf der schwierigen Bahn\nzum Parnass mit Vergnügen constatiren.\nZehn Etüden für das Pianoforte von A. Krause. Op.\n5. Zwei Hefte, ä 25 Ngr. Leipzig, Breitkopf &\nHärtel.\nSchon auf den ersten Blick geben sich diese Etüden\nals das Werk eines gebildeten, geschmackvollen, mit sei-\nnem Instrumente innig vertrauten Musikers zu erkennen.\nBei näherer Bekanntschaft erfreut man sich mehr und mehr\nan der schönen Vereinigung von praktischer Brauchbarkeit\nund fliessender, ungezwungener Erfindung. Besonders\nzeichnen wir als Stücke, worin die musicalische Umhüllung\ndes jedesmaligen Unterrichtszweckes vorzüglich gelungen,\ndie Etüden Nr. 11., VI., VIII. und IX. aus. Uebung der\nletzten Finger, Arpeggien, Vorbereitung für das Studium\ndes Trillers, gebundenes Spiel Alles findet seine ange-\nmessene Berücksichtigung. Der Fingersatz ist sehr sorgfäl-\ntig zusammengestellt. Als Einleitung zu den schwierigen\nStudien von Cramer, Clementi, Moscheies, St. Heller u. A.\nm. wird man diese Studien nicht ohne Nutzen und Vergnü-\ngen spielen. Wenn wir schliesslich bemerken, dass der Mit-\ntheilung auf dem Titelblatt zufolge das Werk am leipziger\nConservatorium eingeführt ist, so bedarf es von unserer\nSeite keiner weiteren Empfehlung. Um so lieber geben wir\ndieselbe einem anderen Werkchen desselben Componisten\nmit. Wir sprechen von der (in demselben Verlage erschie-\nnenen)\nSerenade für das Pianoforte zu vier Händen. Op. 0.\nIn vier kürzeren, höchst einfach gehaltenen Sätzen\n(Allegro moderato, Es-dur,2/4, Romanze\nmarcia, F-moll und dur, und Finale, Es-dur,6 3 ) begegnen"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581002-01.1.8", "texte": "wir manchem anmuthigen Gedanken. Ohne eine tiefere\nBedeutung beanspruchen zu wollen, macht doch das Ganze\neinen höchst wohlthuenden, harmonischen Eindruck. Die\nleichte Spielbarkeit sichert dem hübschen Werkchen beson-\nders von Seiten minder vorgerückter Spieler eine freund-\nliehe Beachtung.\n\ng.\n\nAn den Herausgeber der Niederrheinischen\nMusik-Zeitung.\nz.\nSt. Goar, den 28. September 1858.\nSeit einigen Monaten in St. Goar und seinen herrlichen Umge-\nbungen heimisch, habe ich denn auch dem Lehrer-Gesangfeste am\n17. September beigewohnt. Ich schicke Ihnen hierbei das Statut\ndes neu gegründeten Vereins, das kurz und zweckmässig ist.\n§. 1. Die unterzeichneten evangelischen Lehrer der Regierungs-\nbezirke Coblenz, Köln, Trier und Aachen traten heute zu einem\nVereine zusammen, welcher den Namen Mittelrheinischer Leh-\nrer-Gesangverein führen soll.\n§. 2. Zweck dieses Vereins ist, dass der kirchliche und\nVolksgesang, so wie das Orgelspiel in der Kirche gepflegt\nund gehoben werde.\n§. 3. Alljährlich findet an einem auf der General-Versamm-\nlung festzusetzenden Tage ein eintägiges Lehrer-Gesangfest, dem\nTags zuvor eine Generalprobe vorangeht, Statt.\n§. 4. Zum ständigen Dirigenten des Lehrer-Gesangfestes wird\ndurch den Beschluss der General-Versammlung Herr Musik-Director\nund Seminarlehrer G. Flügel in Neuwied ernannt.\n5. Es wird von allen Mitgliedern, sie mögen den Jahresfesten\nbeiwohnen oder nicht, ein jährlicher Beitrag von 10 Sgr. erhoben.\n§. G. Auf Vorschlag der betreffenden Lehrer-Conferenzen können\nvom Vorstande auch passive Mitglieder aufgenommen werden,\nwelche mit den wirklichen Mitgliedern gleichen Beitrag zu zahlen,\naber in den Versammlungen kein Stimmrecht haben.\nAlso vereinbart.\nSt. Goar, den 16. September 185f*.\n(Folgen die Unterschriften.)\nZur Steuer der Wahrheit darf aber nicht verschwiegen werden,\ndass die Stifter dieses Vereins nur mit der grössten Ausdauer und\nLiebe zur Sache die Gründung desselben durchgesetzt haben, indem\ndie Gcsammtheit der evangelischen ELementarlehrer ihnen keineswegs\nentgegen gekommen ist, und die Theilnahme von circa 80 Lehrern\n(nicht IWJ) als rühmliche Ausnahme im Vergleich zu der Gleichgül-\ntigkeit der Masse betrachtet werden muss. So musste z B. Sim-\nmern als Festort aufgegeben werden, weil sämmtliche Lehrer dieses\nKreises die Theilnahme abgelehnt hatten. Sogar die Furcht vor den\nPocken, die in St. Goar grassiren sollten, wurde als Abschreckungs-\n■ mittel benutzt.\nWohin wir aber gehen, mögen Sie daraus ersehen, dass ein gros-\n«er Theil der Lehrer - ich will den Cötus nicht nennen das\nFest (zur Förderung des Kirchengesangs und Orgelspiels !J für ein\nsolches hielt, dessen Theilnehmer übel angesehen werden und der\ngehofften Gebalts-Zulage verlustig gehen dürften! Ja, ein Geistlicher\nvon bedeutender Stellung wünschte zwar dem Feste „guten Erfolg\",\nhatte jedoch ~wahrgenommen, dass fast alle Lehrer mehr da-\ngegen, als dafür sind; die ernstesten Gemüther fänden solche\nFeste sogar zu weltlich und bedenklich!\"\nNun, die Art und Weise, wie sich Männer, wie z. B. Herr Re-\ngierungsrath Landferman, über das Fest und denVerein bei dem\nFeste selbst ausgesprochen haben, wird hoffentlich solche Vorurtheile\n• zerstören und der guten Sache Fortschritt und Erfolg bringen. Mir\nscheint keineswegs das Fest, sondern die Gesinnung der Gegner\ndesselben bedenklich!\nSie haben noch kürzlich in der Kölnischen Zeitung gerade den\nL ehr er-Gesangfesten beider Confessionen das Wort geredet, dess-\nhalb wird es Sie und vielleicht auch Ihre Leser interessiren, in\nObigem einige Data zu erhalten, die als Zeichen der Zeit eine Ver-\nöffentlichung verdienen.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMan schreibt aus Passau vom 4. September: „Heute weilt Herr\nJoh. Georg Met tenleiter, Capellmeister an der Stiftskirche zur\nalten Capelle in Eegensburg, in unseren Mauern. Derselbe kommt\nvom Bade Eeichenhall, wo er sich fünf Wochen befunden hat. Der\num die echte Kirchenmusik hoch verdiente, durch sein\nchoralc berühmte Tonmeister ist schwer erkrankt; der Aufenthalt im\nBade hat leider nicht den so sehr gewünschten Erfolg gehabt.\naei*. Die Opern Iphigenie von Gluck, mit Frau Dustmann-\nMeyer in der Titelrolle, Euryanthe und Jessonda, mit Fräul. Tiet-\njens in den llaupt-I artiecn, sollen in Kürze wieder in Sccnc gehen,\nwofür wahre Kunstfreunde der Direction zum Danke verpflichtet\nsein werden."}]}